Library / Philosophy / Deutsches Leben der Gegenwart
DEUTSCHES LEBEN DER GEGENWART
Herausgegeben Von Prof. D. Philipp Witkop
Mit 8 Abbildungen
PROF. DR. PHILIPP WITKOP
Deutsche Dichtung der Gegenwart
PAUL BEKKER
Deutsche Musik der Gegenwart
PROF. DR. MAX SCHELER
Deutsche Philosophie der Gegenwart
PROF. DR. A. SOMMERFELD
Relativit�tstheorie
PROF. DR. GOETZ BRIEFS
Deutsche Wirtschaftsprobleme der Gegenwart
Berlin 1922
Volksverband Der B�cherfreunde
Wegweiser Verlag G. M. B. H.
Dieses Buch wurde als dritter
Band der dritten Jahresreihe
f�r die Mitglieder des "Volksverbandes
der B�cherfreunde" hergestellt und wird nur an
diese abgegeben / Den Einband
zeichnete A d o l f P r o p p
VORWORT
Deutsches Leben der Gegenwart -- dem feindlichen Blick, der nur seine
Oberfl�che streift, m�chte scheinen, da� die Gegenwart wenig vom
deutschen Leben, mehr vom deutschen Sterben zu melden h�tte. Aber der
nachdenkliche Betrachter wei�, da� die gr��ten geistigen Epochen
Deutschlands �ber seinen politischen Niederlagen wuchsen, da� gerade
die Zeiten nach dem Drei�igj�hrigen Krieg, nach dem Zusammenbruch von
Jena zu den sch�pferischen des deutschen Lebens geh�ren. Und so wird
seinem gesch�rften Auge nicht entgehen, wie auch heute hinter der
zerst�rten und zersetzten deutschen Au�enwelt seelische und geistige
Kr�fte keimen -- in heiligem Trotz dem Elend und Leid der Gegenwart
entkeimen -- die eine Verj�ngung und Vertiefung, eine Erneuerung
Deutschlands verhei�en.
Von solchen Kr�ften will dies Buch uns Kunde geben, auf da� wir der
inneren deutschen Welt gewi� und froh werden, wenn auch die �u�ere noch
darniederliegt.
Und es ist bedeutsam, zu sehen, da� diese M�chte durch den Krieg zwar
erst ganz befreit und gef�rdert, aber nicht erst durch den Krieg
geweckt sind. Schon seit der Jahrhundertwende regen sich Kr�fte in
Deutschland, die es aus der europ�ischen Epoche des Materialismus und
Rationalismus, des Technizismus und Kapitalismus hinausf�hren wollen zu
geistigem und seelischem Urgrund.
In der Dichtung, Musik, Philosophie, der Naturwissenschaft und
Wirtschaft dr�ngen junge, schicksalstiefere Kr�fte vor. Und so wenig
die Autoren dieses Buches einem bestimmten anderen Punkte sieht und
schafft, so leben und schaffen doch alle nicht im Gef�hl eines Ausgangs
und Untergangs, sondern eines Anfangs und �bergangs, einer Zeitenwende,
in der dem deutschen Volke vielleicht gerade um seiner gr��eren Leiden
willen die gr��ere, schwerere Aufgabe zugewiesen ist.
F r e i b u r g i. B., Neujahr 1922.
Prof. Dr. Philipp Witkop.
DIE DEUTSCHE DICHTUNG DER GEGENWART
(IN IHREN GRUNDLINIEN)
VON PHILIPP WITKOP
DER ROMAN
Alle epische Dichtung, das Versepos wie der Roman, setzt sich als
h�chstes Ziel, ihr ganzes Volk in ihrer Zeit darzustellen, in seinen
religi�sen, sittlichen, geistigen und wirtschaftlichen Grundformen.
Aber die Urzeit der V�lker, da diese Formen in ungeschiedener Einheit
das ganze Volk umfassen, hat selten ein Volk zum Bewu�tsein und zur
epischen Gestaltung seiner selbst gelangen lassen. Erst nachdem sich
aus der Einheit und Einfachheit des ganzen Volkes einzelne St�nde
herausgehoben und gesondert ihre Anlagen und Lebensformen entwickelt
haben, sind die gro�en Epen entstanden. Die Ilias wie die Nibelungen
stellen die Lebensformen einer ritterlichen Gesellschaft dar. Und wenn
de st�ndischen Volksgruppen sich kulturell und dichterisch entwickelt
haben, meist nacheinander, so bleiben sie in der epischen Dichtung
ihres Landes nebeneinander bestehen: fast alle gro�en neueren Romane
gestalten die Lebensformen eines bedeutenden Standes; so zerf�llt der
Volksroman in den Ritter- oder Adelsroman, den B�rgerroman, den
Bauernroman, den Arbeiterroman. Die jeweilige sch�pferische Bedeutung
dieser St�nde entscheidet zumeist auch �ber die Bedeutung ihrer Romane.
Sind ihre Lebensformen, ihre religi�sen, sittlichen, geistigen,
wirtschaftlichen Grundkr�fte gesund, klar, einig und sch�pferisch, so
dr�ngen sie auch nach ihrem sch�pferischen Ausdruck, so geben sie einem
wesensverbundenen Epiker die innere Form zu einem epischen
Gesellschafts- und Volksbild, das sich in breitem Nach- und
Nebeneinander, in plastischer Gestaltenf�lle, in farbiger Sinnlichkeit
und Sichtbarkeit, in liebevoller Bejahung des Lebens entfaltet.
In Deutschland ist dies Wesen und Werden der epischen Dichtung von
fremden Kr�ften durchkreuzt. Seine ritterliche Kultur hat zwar in
Gottfried von Stra�burgs "Tristan" und in Wolfram von Eschenbachs
"Parzival" vollen epischen Ausdruck gefunden. Aber schon im "Parzival",
dem eigentlich deutschen der beiden Gedichte, bricht jene deutsche
Eigenheit durch, die dem epischen Lebensgef�hl widerspricht: die
deutsche Art schl�gt das Auge eher nach innen denn nach au�en auf, ist
mehr metaphysisch als physisch, mehr musikalisch als plastisch, sie
wei� mehr von der inneren Einsamkeit der Pers�nlichkeit als von der
Gemeinsamkeit des Standes, Volkes und Staates, mehr von Kampf und
Tragik als von Frieden und Daseinsfreude. Schon die Nibelungen sind im
Grunde eine Trag�die, der grauenvolle Untergang eines ganzen Volkes.
Ein unendliches Wehklagen ist ihr Schlu� und die d�stere Erkenntnis,
"da� alle Freude immer zuletzt in Leid sich kehrt". Und der erste der
gro�en deutschen Prosaromane, Grimmelshausens "Simplizissimus",
schildert die irrende deutsche Seele, die aus Mord und Get�mmel des
Drei�igj�hrigen Krieges auf eine einsame Insel, an das Herz ihres
Gottes fl�chtet. Die Entwicklung und Vollendung der Seele wird zum
Inhalt des deutschen Romans, nicht die Darstellung des �u�eren Lebens,
der Gesellschaft, des Volkes, der Kriege und Siege. Die gro�en
deutschen Epen und Romane sind Entwicklungsromane: "Parzival",
"Simplizissimus", "Wilhelm Meister", "Der gr�ne Heinrich".
Diese deutsche Wesensart ist durch die Geschichte Deutschlands
bedeutsam verst�rkt worden -- wobei vielleicht auch hier "Schicksal und
Gem�t Namen e i n e s Begriffes sind" (Novalis). W�hrend die romanische
und angels�chsische Welt mit der Renaissance sich der Bewunderung,
Erforschung und Eroberung der Natur zuwandte, verlor sich Deutschland
in die metaphysischen Tiefen und Konflikte der Reformation, bis da� es
in einem drei�igj�hrigen Religionskriege fast zugrunde ging. Aber
w�hrend es politisch und wirtschaftlich so auf lange daniederlag, hob
es sich philosophisch und k�nstlerisch zu seiner gr��ten Bedeutung. Zum
epischen Ausdruck dieser inneren Welt und Wesenheit wird der Roman der
deutschen Romantik (H�lderlin, Novalis, Jean Paul. Eichendorf, E. T. A.
Hoffmann), der durchaus musikalisch-metaphysisch bestimmt ist, aus der
Welt der Gestalten in die "unendliche Melodie" hin�berdr�ngt.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts tritt Deutschland aus dem Reich der
Dichtung, Philosophie und Religion in das Reich der Industrie, Technik
und Politik hinaus. Aber die k�nstlerisch bedeutenden realistischen
Romane, die um diese Zeit entstehen (Immermanns "M�nchhausen", 1838,
Ludwigs "Heiteretei", 1853, Freytags "Soll und Haben", 1855, Reuters
"Ut mine Stromtid", 1862-64, Raabes "Der Hungerpastor", 1864),
begleiten diese Entwicklung kaum. Ihre Welt ist die des alten
Deutschlands, des Bauerntums, der Gutsbesitzer, des Kleinb�rgertums
geblieben. Die deutsche Kultur vermag die neuen, industriellen und
politischen Kr�fte nicht sch�pferisch zu durchdringen und zu formen.
Es war das Verh�ngnis der deutschen Kultur, da� die neue Entwicklung
die klassische Zeit des deutschen Idealismus nicht auf ihrer H�he,
sondern im Niedergang antraf, da� das philosophisch-dichterische und
das naturwissenschaftlich-technische Zeitalter sich nicht durchdrangen,
sondern einseitig abl�sten. Als die idealistische deutsche
Weltanschauung schon in sich zersetzt, Hegels Philosophie bei Feuerbach
in ihr Gegenteil umgeschlagen war, da drangen Naturwissenschaften,
Technik und Industrie ein. Eine abgestorbene innere Welt stand einer
jungen �u�eren gegen�ber, die sich in unerh�rter J�he und St�rke
entwickelte. Und die politischen Geschehnisse -- die wieder nicht aus
innerem Wachstum reiften, sondern von au�en, durch Bismarcks Genius
heraufgef�hrt wurden -- steigerten diese Entwicklung ins Hemmungslose.
So vermochten die alten b�rgerlichen Lebensformen sich nicht mehr
organisch fortzubilden; sie wurden gesprengt. Mit dem Aufstieg des
deutschen B�rgertums zur �u�eren Macht beginnt seine innere Zersetzung.
Der Biedermeierstil ist der letzte Ausdruck einer b�rgerlichen
Lebensform in Deutschland.
Am Ende dieser b�rgerlichen Kultur steht Thomas Mann (geb. 1875). Seine
Vaterstadt L�beck, die alte Hansastadt, vermochte ihre Lebensformen am
l�ngsten zu behaupten. Die "Buddenbrooks" (1901) sind der gr��te und
letzte b�rgerliche Roman in Deutschland.
Thomas Mann war -- wie sein Bruder Heinrich Mann -- der Sohn eines
L�becker Senators. �ber ein Jahrhundert hinweg sah er sein Geschlecht
in der sicheren Tradition, den festen b�rgerlichen Lebensformen der
Freien Hansastadt wurzeln und wirken. Und am Ende dieser Reihe standen
er und sein Bruder, unwillig, unf�hig, diese Tradition fortzuleiten.
Der Dreiundzwanzigj�hrige suchte nach einer Erkl�rung, einer
Rechtfertigung seines Andersseins. Und als Sohn eines naturalistischen
Zeitalters, das eben Darwin aufgenommen hatte, das Entwicklung und
Verfall der Arten, die geheimnisvolle Un�bersehbarkeit der Erbgesetze
zu durchschauen meinte, sah er -- nicht ohne Einflu� Zolas und seiner
Rougon-Macquart-Reihe -- sich als den Ausgang eines alten, immer mehr
verfeinerten Geschlechtes, das schlie�lich, durch Beimischung des
m�tterlichen, romanischen Blutes dem t�tigen Leben entfremdet, im
blo�en Zuschauer, Kritiker und Gestalter des Lebens, im K�nstler,
endete. Ein Entartungs-, ein Dekadenzproblem! Auf mehr denn tausend
Seiten schrieb der J�ngling die Chronik des Niederganges:
"Buddenbrooks. Verfall einer Familie." Aber er war viel zu seelenhaft,
zu metaphysisch, zu musikalisch, als da� er im naturalistischen Roman
steckengeblieben w�re. St�rker als Zola bestimmte ihn Richard Wagner,
dessen �berwiegend epische Elemente ihm deutlich und nah waren, st�rker
als die Rougon-Macquart-Reihe der "Ring der Nibelungen". So wurde ihm
die Entartung zur Verinnerlichung: Vier Generationen schreiten den Weg
aus klarer, derber Lebenst�chtigkeit in die allaufl�sende,
geheimnisdunkle, "unendliche Melodie". Durch die naturalistische
Darstellung bricht das Lebensgef�hl der deutschen Romantik: "Sympathie
mit dem Tode".
Die vier Generationen schreiten den Weg nicht nur kraft einer
naturgesetzlich berechenbaren Zersetzung ihres Blutes und ihrer Nerven,
nicht nur Kern einer metaphysisch unbedingten Wesensgegebenheit, sie
schreiten ihn auch, weil die alten b�rgerlichen Lebensformen ihrer
Umwelt sie nicht mehr zu halten und binden verm�gen. Auch hier sind, im
weiten epischen Sinne, "Schicksal und Gem�t Namen Eines Begriffes"
(Novalis). Im "Verfall einer Familie" schildert der Epiker den Verfall
einer Welt, der Welt des alten deutschen B�rgertums. Subjektiv
"fl�chtig und ohne da� ich an diesem Gegentyp sonderlich teilgenommen
h�tte", objektiv aber notwendig und bedeutsam geht dem Abstieg der
Buddenbrooks der Aufstieg der Hagenstr�ms parallel, um in der �bernahme
des Buddenbrookschen Hauses durch Hagenstr�ms zu gipfeln: Der B�rger
wird abgel�st durch den Bourgeois, patriarchalische, sittliche,
geheiligte Lebensformen, die �ber den Personen und Generationen
standen, weichen der egoistischen, skrupellosen Willk�r des
Individuums, das "frei von der hemmenden Fessel der Tradition und der
Piet�t auf seinen eigenen F��en stand" dem "alles Altmodische fremd"
war.
In vier Generationen umfa�t der Roman die Zeit von 1768, dem
Gr�ndungsjahr der Firma (unmittelbar von 1835, dem Jahr des
Wohnungswechsels) bis nach 1880: die eigentliche Zeit des neuen
deutschen B�rgertums, in Aufstieg, Glanz und Niedergang. Schon diese
�u�ere Spannweite greift �ber jeden deutschen Roman hinaus, nicht
minder die innere: der Beginn: rationalistische Behaglichkeit,
sinnlich-geruhige Lebensfreude und Lebensbejahung, das runde, rosig
�berhauchte, wohlmeinende Gesicht, das schneewei� gepuderte Haar, das
leise angedeutete Z�pflein des alten Monsieur Johann Buddenbrook, ein
Diner von traditioneller Feinheit und F�lle und epischer Dauer,
Schinken von sagenhaftem Umfang, Puddings von mythischer Schichtung und
Mischung, Weine von staubumsponnenem Alter, anakreontisch t�ndelnde
Verse: "Venus Anadyom�ne -- Und Vulcani flei�'ge Hand", heiter-grazi�se
Fl�tent�ne und ein wenig schl�pfrige Verslein im Billardsaal. Und das
Ende: der f�nfzehnj�hrige, lebensunwillige, leidverlorene Hanno
Buddenbrook mit den Augen des Wissenden, Einsamen, Heimatlosen, der so
m�de des Daseins ist, der schlafen m�chte und nichts mehr wissen: "man
sollte mich nur aufgeben; ich w�re so dankbar daf�r", der aus der
Sph�re epischer Bejahung und Gegenst�ndlichkeit in verzweifeltem
Aufbruch sich hin�berfl�chtet in das weltfl�chtige, weltverneinende,
jenseitige Reich einer an Wagner geschulten Musik: Hanno Buddenbrook
vor dem Fl�gel.
Zwischen diesen �u�ersten Spannungsweiten dehnt sich die Handlung. In
einer epischen Gegenst�ndlichkeit, die keine Reflexion, keinen blassen
Bericht zul��t, die ganz sichtbare, farbige Gegenwart ist, folgen sich
die Gestalten und Generationen als feste Glieder in der Kette des
Geschlechts, der Firma, der b�rgerlichen Tradition. Dieser Zusammenhang
umfa�t ihre Weltanschauung. Ihr Unsterblichkeitsglaube ist der epische
des Geschlechts: "da� er (Thomas Buddenbrook) in seinen Vorfahren
gelebt habe und in seinen Nachfahren leben werde. Dies hatte nicht
allein mit seinem Familiensinn, seinem Patrizierselbstbewu�tsein,
seiner geschichtlichem Piet�t �bereingestimmt; es hatte ihn auch in
seiner T�tigkeit, seinem Ehrgeiz, seiner ganzen Lebensf�hrung
unterst�tzt und bekr�ftigt." Die Bibel dieses Glaubens ist die
Familienchronik: die feierliche Darstellung des Werdens, Ringens und
Wachsens dieser Folge, der Menschen, der Generation und des Ideals, dem
sie unterstellt sind: der Firma.
Wie es die Lebensaufgabe der F�rsten- und K�nigsh�user ist, ihren
�berkommenen Machtbezirk taten- und ehrenvoll zu behaupten und zu
erweitern, so ist es die verantwortungsvolle Aufgabe des B�rgerhauses,
die ererbte Firma zu immer weiterer Wirkung, immer reicherer W�rde zu
f�hren. Eine �berpers�nliche, sittliche Aufgabe! Ihr opfert man seine
Ruhe, seine Liebe, sein Gl�ck. "Wir sind nicht daf�r geboren, was wir
mit kurzsichtigen Augen f�r unser eigenes, kleines, pers�nliches Gl�ck
halten, denn wir sind nicht lose, unabh�ngige und f�r sich bestehende
Einzelwesen, sondern wie Glieder in einer Kette, und wir w�ren, so wie
wir sind, nicht denkbar ohne die Reihe derjenigen, die uns vorangingen
und uns die Wege wiesen, indem sie ihrerseits mit Strenge und, ohne
nach rechts oder links zu blicken, einer erprobten und ehrw�rdigen
�berlieferung folgten."
Die ersten beiden Generationen des Romans sind von diesem Lebensgef�hl
noch bluthaft durchdrungen; in den beiden letzten zersetzt es sich. Nur
Toni Buddenbrook bleibt sein gl�ubiger Tr�ger. Ihm opfert sie ihre
Jugendliebe, um seinetwillen heiratet sie den erst widerw�rtigen
Gr�nlich, um seinetwillen trennt sie sich von ihm, um seinetwillen geht
sie die neue We mit Permaneder ein. Und als alle m�nnlichen Glieder der
Familie gestorben, die Firma aufgel�st ist, da bleibt ihr Lebenstrost,
einmal in der Woche die weiblichen Verwandten zu sich zu laden: "Und
dann lesen wir in den Familienpapieren." Ihr Gegensatz ist ihr Bruder
Christian. Ihn verm�gen die alten Lebensformen nicht mehr zu halten,
sie lassen ihn gehen, er l��t sich gehen: "Wie satt ich das alles habe,
dies Taktgef�hl und Feingef�hl und Gleichgewicht, diese Haltung und
W�rde, wie sterbenssatt!" Die Firma, das �berpers�nliche Ideal der
Familie bedingt ihn nicht. Er zergeht in "�ngstlicher, eitler und
neugieriger Besch�ftigung mit sich selbst". Sein Interesse f�r Theater,
Variet� und Zirkus ist das Interesse des formlos gewordenen B�rgers f�r
"die Fahrenden" die dem mittelalterlichen B�rger als unehrlich galten.
Schlie�lich heiratet er seine Kurtisane; den alten, b�rgerlichen Formen
entglitten, unf�hig, sich neue zu bilden, f�llt er seelisch und
k�rperlich auseinander. Zwischen Toni und Christian steht Thomas
Buddenbrook. Die Gefahren Christians, der Hang zur Formlosigkeit und
Subjektivit�t, ist ihm nicht fremd. Er bek�mpft und �berwindet sie. Er
wird zum Helden des sinkenden b�rgerlichen Ideals. Aber die alten
Lebensformen halten weniger ihn, als da� er sie h�lt. Der Held wird zum
Schauspieler des Ideals; er repr�sentiert es, er verk�rpert es nicht.
"Der g�nzliche Mangel eines aufrichtig feurigen Interesses, das ihn in
Anspruch genommen h�tte, die Verarmung und Ver�dung seines Innern,
verbunden mit einer unerbittlichen inneren Verpflichtung und z�hen
Enschlossenheit, um jeden Preis w�rdig zu repr�sentieren, seine
Hinf�lligkeit mit allen Mitteln zu verstecken und die Dehors zu wahren,
hatte dies aus seinem Dasein gemacht, hatte es k�nstlich, bewu�t,
gezwungen gemacht und bewirkt, da� jedes Wort, jede Bewegung, jede
geringste Aktion unter Menschen zu einer anstrengenden und aufreibenden
Schauspielerei geworden war."
Diesem Schauspieler des Ideals wird als Sohn Hanno Buddenbrook, der
viel zu m�de ist, um zu schauspielern, viel zu vornehm, um gleich
seinem Onkel Christian zum "Fahrenden" zu werden. Wenn er zur Kunst
fl�chtet, so sucht er nicht das Formlose im Leben, sondern das Formlose
jenseits des Lebens: die Musik, die vor und �ber aller Erscheinung ist,
das Meer der unendlichen Melodie, das sein Tropfendasein erl�send
zur�cknimmt. Von den alten b�rgerlichen Lebensformen verlassen, nach
neuen nicht begierig, ein B�rger des Metaphysischen, das sich seinem
Vater nur in der Lesung Schopenhauers einmal blendend enth�llt hat,
gibt er leidvoll und heimwehm�de vor der Zeit das Leben preis.
Wie diese -- erst in Hanno ungehemmte -- "Sympathie mit dem Tode"
heimlich aus der b�rgerlichen Diesseitigkeit der Generationen
emporw�chst, ist in weitgespannter, ersch�tternder Symbolik
dargestellt. Die ersten, eigentlich epischen, lebensbejahenden
Generationen verstehen den Tod nicht: "Kurios! Kurios!" murmelt der
alte Monsieur Buddenbrook am Sterbebett seiner Frau mit leisem,
erstauntem Kopfsch�tteln; mit einem letzten "Kurios" kehrt er selber
sich sterbend zur Wand. "Mit Furcht und einem offenkundigen, naiven
Ha�" beobachtet die Konsulin Buddenbrook, "die ehemalige Weltdame, mit
ihrer stillen, nat�rlichen und dauerhaften Liebe zum Wohlleben und zum
Leben �berhaupt" die Fortschritte ihrer Krankheit; sie k�mpft mit dem
Tod in langer, verzweifelter Kraft. Thomas Buddenbrook aber, der Held
und Schauspieler des b�rgerlichen Ideals, ist l�ngst so vom Tode
unterh�hlt, da� ein Zahngeschw�r gen�gt, um seine krampfhafte
Lebensbehauptung niederzurei�en. Mitten auf der Stra�e wirft es ihn um;
der so lang und gewissenhaft W�rde, Haltung, Form verteidigt, liegt im
Kot und Schneewasser des Fahrdamms. "Seine H�nde, in den wei�en
Glac�handschuhen, lagen ausgestreckt in einer Pf�tze." Hanno aber
k�mpft nicht mehr gegen den Tod; hemmungslos ersehnt und ruft er ihn
als den Freund und Erl�ser.
Mit �hnlicher, weitgespannter Symbolik, mit gleicher F�lle und Dauer
der inneren Beziehungen baut sich alles auf in diesem Roman. Von den
alten Epen ist das Leitmotiv �bernommen und �ber Richard Wagner her
musikalisch verinnerlicht, symbolisch vertieft. Gegen�ber der lockeren
Form des "Wilhelm Meister" und des "Gr�nen Heinrich" ist hier an
Geschlossenheit des epischen Aufbaus in Deutschland ein H�chstes
erreicht.
Die "Buddenbrooks" schreibt Thomas Mann, dreiundzwanzig bis
sechsundzwanzig Jahre alt, in Italien und M�nchen, so wie Gottfried
Keller seinen "Gr�nen Heinrich" in Berlin niederschrieb. Nicht er
allein schuf diesen Roman; durch ihn schuf und gestaltete sich sein
Geschlecht, sein Heimatstaat L�beck, wie der Berner Stadt-Staat durch
Jeremias Gotthelf, Z�rich durch Gottfried Keller, das alte Berlin durch
Theodor Fontane sich Gestalt erdrang. Aber Gottfried Keller kehrte aus
Berlin nach Z�rich heim, wurde Staatsschreiber und F�hrer, nahm in
Anteil und Liebe neue Lebensbilder und -schicksale seines Volkes auf,
Grund und Gehalt zu neuen Sch�pfungen. Was blieb Thomas Mann, dem
Epiker, der seine eigene Welt zu Grabe getragen, der ihr das letzte
Zeichen seiner Liebe im Riesendenkmal seiner Dichtung geschaffen hatte?
Ein Lyriker hat die Natur, ein Dramatiker. die Idee, die seiner Kunst
Boden und Wachstum geben. Ein Epiker ist undenkbar ohne Volks- und
Heimatzusammenhang. Im Weh verfr�hter Hellsicht stand der Einsame,
Zur�ckgebliebene, ein K�nig ohne Land, ein Bildner ohne Stoff. Sollte
er zum blo�en Zuschauer, Beobachter, Kritiker, zum weiteren Zersetzer
des Lebens werden? Sollte er das Leben verachten, das ihm nicht gem��
war, und hochm�tig sich in das Reich einer rein formalen Kunst, einer
l'art pour l'art, zur�ckziehen? Das Europ�isch-Intellektuelle seine
Wesens, das Romanische seines Blutes dr�ngte zu diesem Entscheid. Der
Zwiespalt wurde zur Dichtung: In den "Buddenbrooks" hatte Thomas Mann
sich Rechenschaft �ber das Problem seines Lebens gegeben, im "Tonio
Kr�ger" gab er sich Rechenschaft �ber seine Kunst.
Und er blieb dem Leben treu, obwohl es ihn allein gelassen hatte. �ber
die Qual der Einsamkeit, den Hochmut der Form und Erkenntnis hinweg
bekannte, ja predigte er "die B�rgerliebe zum Menschlichen, Lebendigen
und Gew�hnlichen. Alle W�rme, alle G�te, aller Humor kommt aus ihr, und
fast will mir scheinen, als sei sie jene Liebe selbst, von der
geschrieben steht, da� einer mit Menschen- und Engelszungen reden k�nne
und ohne sie doch nur ein t�nendes Erz und eine klingende Schelle sei."
Er verspottete und gei�elte die Gefahren des Literaten- und
�sthetentums -- seine Gefahren! -- im Schriftsteller Spinell. In
Leidverwandtschaft kehrte er sich den Enterbten des Lebens zu, sprach
er sein Leid in ihrem Leid, im Weltleid aus. Wie in den "Lamentationen"
Heines, den das Leben verwiesen und in die Matratzengruft geworfen
hatte, so ziehen die Verfolgten und Verratenen des Lebens -- Tobias
Mindernickel, der kleine Herr Friedemann, der Bajazzo, Rechtsanwalt
Jacoby, Friedrich Schiller, Baronin Anna, Lobgott Piepsam, Van der
Qualen, Hieronymus -- mit friedlosen, sehenden Augen an uns vor�ber.
Langsam erst ringt sich aus dieser Heimatlosigkeit und Sehnsucht ein
Hoffen, ein Ahnen, ein Wissen von neuer Verbundenheit: in Frau und
Kindern beginnt ihm das Leben neu, ein erstes Menschenpaar, eine junge
Welt. Durch sie f�hlt er sich den Menschen wieder verbunden, nicht in
Sehnsucht mehr, in lebendigem Anteil. "K�nigliche Hoheit" zeichnet die
Erl�sung durch die Liebe von einem formalen, repr�sentativen Dasein zur
Tat und Gemeinschaft, zum "strengen Gl�ck". Ein Kunst- und M�rchenspiel
von romanischer Klarheit, Bewu�theit, �berlegenheit der Form, von
deutscher Innerlichkeit, Einsamkeit, Pflicht und Liebestiefe des
Gehalts. Der "Gesang vom Kindchen" gibt Geburt und Taufe eines
T�chterchens, Menschlich-Schlichtestes als Menschlich-Tiefstes, fast
ohne �sthetische Form, nur als Ausdruck der formgewordenes,
harmonischen Pers�nlichkeit. Und das Prosaidyll "Herr und Hund" zieht
in Bauschan, dem H�hnerhund, auch das Tier in die Gemeinschaft des
Lebens und der Liebe ein.
Aus dieser wurzeltiefen Lebensgemeinschaft, dieser sittlichen
Zugeh�rigkeit und Entschlossenheit, dieser W�rme, Liebe und G�te formt
er die letzte, klassische Auseinandersetzung, die Absage an die
zersetzenden Kr�fte in sich und der Umwelt: an die aufl�sende
Erkenntnis, die Relativierung der Werte und -- tiefer und tragischer im
Konflikt seines Helden -- an die leere Sch�nheit, die blo�e Form: "Der
tiefe Entschlu� des Meister gewordenen Manns, das Wissen zu leugnen, es
abzulehnen, erhobenes Hauptes dar�ber hinwegzugehen, sofern es den
Willen, die Tat, das Gef�hl und selbst die Leidenschaft im geringsten
zu l�hmen, zu entmutigen, zu entw�rdigen geeignet ist, liegt hinter dem
Dichter Aschenbach, dem Helden der Meisternovelle 'Der Tod in Venedig'."
Im Kampfe zwischen Geist und Kunst hat er leidenschaftlich f�r die
Kunst gefochten. Um der Kunst willen hat er dem Leben entsagt, an der
Einsamkeit seines Schreibtisches hat er gegen seinen schw�chlichen
K�rper in z�hem, unerm�dlichem Ringen die reine Form seiner Werke
erk�mpft, die ihm ebenso ethische wie �sthetische Aufgabe war. Aber
hinter dieser Form, die den Spannungen seines Willens und Bewu�tseins
abgerungen, die nicht organischen Lebens- und Liebestiefen entwachsen
ist, droht st�ndig die Gefahr der Abspannung und Entfesselung, der
Z�gellosigkeit und Vernichtung. Auf der H�he seines Ruhmes verf�hrt und
�berw�ltigt sie ihn. Sie lockt ihn nach den Gestaden Venedigs, wo das
das Leben Schein und die Kunst Wirklichkeit ist. Sie entz�ndet in ihm
die Liebe zu Tadzio, dem sch�nen Polenknaben, eine zuchtlose
Ausschweifung seiner k�nstlerischen und sinnlichen Phantasie, sie sich
nicht an der Wirklichkeit beruhigen, berichtigen, gestalten kann noch
will, eine weglose Liebe zur reinen Form, die zur Unfruchtbarkeit
verdammt ist, die nicht zeugen kann im Geliebten, die widernat�rlich
und t�dlich ist. In tragischer Steigerung, in unentwirrbarer Mischung
des Heiligen und Verworfenen, jagt sie "den Meister, den w�rdig
gewordenen K�nstler", durch alle Leiden und Leidenschaften, alle
Verz�ckung und Erniedrigung zur "Unzucht und Raserei des Untergangs".
Nie sind die eingeborenen Gefahren der Kunst w�rdiger und
ersch�tternder gestaltet, die Gefahren der Sch�nheit, die dem Geist wie
den Sinnen verkn�pft ist, die in jedem von ihnen zur Ausschweifung
neigt, sofern nicht beide in der h�heren Einheit der Seele sich
organisch finden und binden.
Dann kam der Krieg. Und �ber alle milit�rischen und politischen K�mpfe
erlebte ihn Thomas Mann als die unerbittliche Auseinandersetzung zweier
Weltanschauungen, jener Gegens�tze, die er in sich selber erlitten und
entschieden hatte: das Germanische und das Romanische, das
Deutsch-Dichterische und das Europ�isch-Intellektuelle, Kunst und
Erkenntnis, Gehalt und Form, Kultur und Zivilisation. In seinem eigenen
Bruder war der Teil seines Wesens, den er abgelehnt und ausgemerzt
hatte, Wille und Angriff geworden. Gegen seinen Bruder mu�te er diesen
Kampf noch einmal aufnehmen und f�r die deutsche Seele entscheiden.
Alle gro�en Epiker waren Gestalter ihres Volkes, nicht nur im
�sthetischen, auch im ethischen Sinne: Deuter, Mahner, Erzieher:
Wolfram von Eschenbach im "Parzival", Grimmelshausen im
"Simplizissimus", Goethe im "Wilhelm Meister" Gottfried Keller im
"Gr�nen Heinrich" und "Martin Salander"; Jeremias Gotthilf in jedem
seiner schollentreuen Romane. Es brauchte des franz�sischen Vorbildes,
Emil Zolas, nicht, das Heinrich Mann seinem Bruder entgegenstellte. Das
Bild, das sie formen wollten und mu�ten aus dem Rohstoff ihres Volker:
das entschied ihre Bedeutung. F�r Heinrich Mann war der Mensch ein
soziales Lebewesen; er predigte den sozialen, franz�sischen,
rationalistischen, optimistischen Menschen des 18. Jahrhunderts. Thomas
Mann sah im Menschen das metaphysische Lebewesen; er gestaltete und
verk�ndete den metaphysischen, deutschen und russischen, religi�sen, ja
mystischen, pessimistischen Menschen des 19. Jahrhunderts. Dem
Standbild Zolas hatte er sein Standbild Friedrichs des Gro�en
entgegengestellt, den geschw�tzigen, optimistischen, rationalistischen
"Vier Evangelien" des Romanciers die D�monie und herrische Pflichttreue
des gottgeschlagenen und gotterw�hlten K�nigs, der sich verzehrte in
Arbeit, Einsamkeit und endlosen Kriegen, da� von ihm nichts �brigblieb
wie ein abgemergelter, verschrumpfter Kinderleib, den ein Diener mit
einem seiner Hemden bekleiden mu�te, da "man kein heiles, sauberes Hemd
in seinen Schubladen fand".
Aus den metaphysischen Tiefen solcher Bereitschaft und Berufung ersehnt
und erweckt Thomas Mann seinem Volk jene Kr�fte, die imstande sind,
"die fortschreitende Zerst�rung aller psychischen Wirklichkeit und
seelischen Form, die scheinbar unaufhaltsame Anarchisierung und
Barbarisierung der Menschenwelt durch den revolution�ren Intellekt" zu
�berwinden, "dem Leben, der Ganzheit und Harmonie des Menschen, dem
Wiederaufbau seelischer Form zu dienen" und so dem heimatlosen Epiker,
seinem Leben wie seiner Kunst, eine neue Welt zu schaffen.
Heinrich Mann aber, Thomas Manns Gefahr und Gegensatz, ist nicht nur in
und durch Thomas Mann �berwunden, ist politisch an der Entwicklung der
Zeit, k�nstlerisch an seiner zersetzenden Subjektivit�t und
Lieblosigkeit zergangen. Thomas Mann hatte sein Geschlecht und Volk
noch im Verfall umfa�t, hatte am Ende der Reihe, ein Zugeh�riger und
doch Au�enstehender, in Liebe und Ironie zugleich ihm Gestalt gegeben.
In Sehnsucht hatte jedes seiner Werke vom Wiederaufbau, der neuen
Lebensform und Lebensgemeinschaft gehandelt. Im tiefsten Sinn war ihm,
dem wahren Epiker, Richard Dehmels Spruch Lebensgef�hl gewesen: "Alles
Leid ist Einsamkeit -- alles Gl�ck Gemeinsamkeit." Heinrich Mann hatte
sich stets wichtiger genommen als sein Geschlecht und sein Volk. Fr�h
und fremd hatte er Vaterstadt und Vaterland den R�cken gekehrt. Der
romanische Tropfen in seinem Blute trieb ihn nach Italien, das Thomas
erst sein tiefes Deutschtum deutlich machte. Eine Zeitlang glaubte
Heinrich Mann, dort "zu Hause zu sein. Aber ich war es auch dort nicht;
und seit ich dies sp�rte, begann ich etwas zu k�nnen. Das Alleinstehen
zwischen zwei Rassen st�rkt den Schwachen; es macht ihn r�cksichtslos,
schwer beeinflu�bar, versessen darauf, sich selbst eine kleine Welt und
auch die Heimat hinzubauen, die er sonst nicht f�nde. Da nirgends
Volksverwandte sind, entzieht man sich achselzuckend der �blichen
Kontrolle. Da man nirgends eine �ffentlichkeit wei� mit v�llig gleichen
Instinkten, gelangt man dahin, sein Wirkungsbed�rfnis einzuengen, es an
einem einzigen auszulassen, wodurch es gewinnt an Heftigkeit. Man geht
grelle Wege, legt das Viehische neben das Vertr�umte, Enthusiasmen
neben Satiren, koppelt Z�rtlichkeit an Menschenfeindschaft. Nicht der
Kitzel der andern ist das Ziel: wo w�ren denn andere! Sondern man
schafft Sensationen f�r einen einzigen. Man ist darauf aus, das eigene
Erleben reicher zu f�hlen, die eigene Einsamkeit gew�rzter zu
schmecken." Welch treffendes Selbstbildnis! Welch Zerrbild eines
Epikers! Ohne Wurzelboden, ohne Zusammenhang, ohne Liebe, im
Selbstgenu� hochm�tiger, �berreizter Sensationen, zersetzender
Erkenntnisse, ehrgeiziger Spannungen. Ihm wird die Kunst zur
"widernat�rlichen Ausschweifung". "Pippo Spano", das Gegenbild zum
"Tonio Kr�ger", bekennt in leidender zuchtloser L�ssigkeit: "Sie (die
Kunst) h�hlt ihr Opfer so aus, da� es unf�hig bleibt auf immer zu einem
echten Gef�hl, zu einer redlichen Hingabe. Bedenke, da� mir die Welt
nur Stoff ist, um S�tze daraus zu formen. Alles, was du siehst und
genie�t: mir w�re nicht an ihrem Genu� gelegen, nur an der Phrase, die
ihn spiegelt. Jeder goldene Abend, jeder weinende Freund, alle meine
Gef�hle und noch der Schmerz dar�ber, da� sie so verderbt sind -- es
ist Stoff zu Worten." Das ganze Leben und Schaffen Heinrich Manns ist
�sthetischer Selbstgenu� statt ethischer Selbstvollendung oder
-�berwindung.
Welche epischen Werke k�nnen aus solcher Willk�r wachsen? Das Hauptwerk
"Die G�ttinnen oder die drei Romane der Herzogin von Assy" (1902-03)
wei� der Wurzel- und Heimatlosigkeit seines Dichters keine andere
Heldin als die Balkanprinzessin der Operetten. Macht, Kunst und Liebe
werden -- in reinlichem Nacheinander! -- ihr Lebensinhalt. Der Balkan,
Venedig, Neapel sind die billigen Kulissen dieser Stationen. Da
Heinrich Mann nicht seine Literatur aus dem Leben, sondern sein Leben
aus der Literatur empf�ngt, sind alle Figuren und Leidenschaften aus
zweiter Hand, �sthetische, durchsichtige, monumentalisierte Schemen,
nicht unergr�ndliche, blut- und seelenvolle Gestalten, nur der
papiernen Phantasie von Literaten und Gro�st�dtern �berzeugend. Was
ihnen an organischem Leben fehlt, ersetzen sie durch die �berreiztheit
ihrer Gef�hle und Geb�rden, durch Rausch und Hysterie -- eine krampfige
Nachfolge d'Annunzios.
Neben solchen Orgien einer �berreizten Literatenphantasie stehen die
satirischen Romane: "Im Schlaraffenland", "Professor Unrat", "Der
Untertan" usw. Sie sind Emil Zola n�her, zumal ihr bester, "Im
Schlaraffenland" -- eine Schilderung des zersetzten Berlin W -- aber
ohne Zolas soziales Pathos. Auch die Satire bedarf der Liebe, um zeugen
und geb�ren zu k�nnen, der Liebe zur armen, irregehenden Menschheit
oder zum neuen, reineren Ideal. "Ich glaube nicht" -- sagt Thomas Mann
in den "Betrachtungen" -- "da� ohne Sympathie �berhaupt Gestalt werden
k�nne; die blo�e Negation gibt fl�chige Karikatur." Auch hier scheint
die Literatur, nicht das Leben -- die Witzbl�tter scheinen Heinrich
Mann die Gestalten und Vorg�nge zum "Professor Unrat" und "Untertan"
gegeben zu haben: so fl�chig und billig sind sie gezeichnet. Jede
lebendige Gestalt mu� Monate unter dem Herzen getragen, mu� mit Blut
gen�hrt sein.
Nur e i n Roman ist Heinrich Mann gelungen, dem Wurzelboden und
Atmosph�re eigen: "Die kleine Stadt". Es ist bedeutsam, da� er in
Italien spielt: "Eine Zeitlang glaubte ich (dort) zu Hause zu sein."
Einmal hat Heinrich Mann einen erlebten Gehalt und mit ihm eigene Form
gefunden: dem immer bewegten V�lkchen des S�dens, den flackernden
Leidenschaften entspricht ein bewegter, farbiger, flirrender
Impressionismus des Stils. Diese italienischen Kleinb�rger, die sich
hei�bl�tig und beweglich an ihren Worten und Geb�rden berauschen, alle
ein wenig K�nstler, ein wenig Schauspieler, ein wenig d'Annunzio, sind
in ihrer Menschlichkeit und Kindlichkeit so liebensw�rdig erlebt und
gestaltet, da� sie und ihr Schicksal zu menschlich-symbolischer
Bedeutung wachsen. Ihre Instinkte glimmen unter der Asche der t�glichen
Eint�nigkeit. Da zieht eine Schauspielertruppe in die Stadt und weht
sie nach allen Seiten zu Flammen auf. Sinnlichkeit und Liebe,
Eifersucht und Ehrgeiz, vergessene und noch schlummernde Leidenschaften
wirbeln knisternd hoch. Der Kampf zwischen Priester und Advokat,
Reaktion und Fortschritt teilt und erregt die Massen. Die Glocken der
Kirche und die Melodien der Oper streiten miteinander. Doch aus dem
Feuer der Leiden und Leidenschaften gl�ht die Blume der Vers�hnung,
der Verbr�derung, der Liebe zu Volk und Menschheit auf: "Was sind
wir!" -- fragt der Advokat beim Abzug der Schauspieler. -- "Eine kleine
Stadt. Was haben uns jene gebracht? Ein wenig Musik. Und dennoch -- wir
haben uns begeistert, wir haben gek�mpft, und wir sind ein St�ck
vorw�rtsgekommen in der Schule der Menschlichkeit." F�r kurze Stunden,
f�r eilende Seiten durchzuckt Heinrich Mann, den heimatlosen Literaten,
das Wesen und Gl�ck des epischen Dichters: "Was macht diese Dinge
gro�?" "Da� ein Volk sie mitf�hlt, ein Volk! das wir lieben!" "Ich habe
ein Volk gesehen! Ich wu�te es, wir seien nicht allein; ein Volk h�re
uns! Wir wecken seine Seele, wir... Und es gibt sie uns!"
Thomas Mann, dem Verfallsepiker des B�rgertums -- eines
patriarchalisch-aristokratischen B�rgertums -- in der Grundstimmung
verwandt ist der Verfallsepiker des Adels: Eduard Graf von Keyserling
(1855-1918.). Wie L�beck die b�rgerlichen Lebensformen, so hat Kurland,
Keyserlings Heimat, die Lebensformen des Adels am l�ngsten und reinsten
behauptet. Mehr als Keyserling vor dem grausigen Kriegsschicksal der
baltischen Provinzen ahnen konnte, steht auch er am Ende einer
Entwicklung, ein Zugeh�riger und Au�enseiter. In M�nchen erlebt der
Alternde, kr�nklich, gel�hmt, gekr�mmt, zuletzt erblindet, vom
Krankenstuhl und -bett aus die Welt seiner V�ter und seiner Jugend
wieder. Die tiefe Heimatliebe des Epikers und die melancholische,
g�tige Erkenntnis des Ausgehenden zeichnen die Menschen, die
Schicksale, die Umwelt dieses �stlichen Gutsadels in schmalen,
erw�hlten, sicheren Linien, Er gibt keine breiten epischen Fresken,
keine weiten Geschlechterfolgen wie die Buddenbrooks, er gibt in seinen
Romanen "Beate und Mareile" "Dumala", "Wellen", "Abendliche H�user",
"F�rstinnen" fast novellistische Einzelbilder; sie schlie�en sich zu
einem Gesamtbild von epischer Bedeutung. Die Darstellung ist von klarer
Sichtbarkeit und Farbigkeit, aber durchzittert von der m�den,
melancholischen Seelenmusik Hermann Bangs, dem sie Tiefstes verdankt.
Die Adelsgeschlechter Keyserlings haben l�ngst nicht mehr die
naiv-sicheren Lebensformen ihrer V�ter, der "starken Leute, die das
Leben und die Arbeit liebten, roh mit den Weibern und and�chtig mit den
Frauen umgingen und einen angeerbten Glauben und angeerbte Grunds�tze
hatten", die um ihre einmal gew�hlte Fahne die H�nde schlossen: "Nun
vorw�rts in Gottes oder des Teufels Namen!" Ihr Leben ist in Wissen und
Handeln zerfallen; sie haben die Relativit�t ihrer Lebensformen und
-gesetze durchschaut. Die alten Ideale sind zersetzt, neue noch nicht
geschaffen: "An meiner ganzen Generation ist etwas vers�umt worden ",
sagt von Egloff in den "Abendlichen H�usern", "unsere V�ter waren
kolossal gut, sie nahmen alles sehr ernst und and�chtig. Es war wohl
dein Vater, der gern von dem heiligen Beruf sprach, die G�ter seiner
V�ter zu verwalten und zu erhalten. Na, wir konnten mit dieser Andacht
nicht recht mit, nach einer neuen Andacht f�r uns sah man sich nicht
um. Und so kam es denn, da� wir nichts so recht ernst nahmen, ja selbst
die V�ter nicht." Aber die adelige Gebundenheit ihres Blutes schreckt
zur�ck vor dieser Willk�r, die ihnen zuchtlos scheint, vor dieser
Freiheit, die den M�den nicht zur sch�pferischen Erneuerung dienen
kann. Gegen ihre Hellsicht fl�chten sie in die Tradition ihrer V�ter
zur�ck: "...Unsere Gesetze hier --" "Glauben Sie an diese Gesetze?"
"Ich glaube nicht an sie, aber ich gehorche ihnen." Wie Thomas
Buddenbrook werden sie zu den Helden und Schauspielern der alten Ideale.
Je weniger sie ihnen innerlich eins sind, desto sorgsamer unterstellen
sie sich ihnen. Haltung! Tenue! In allem inneren und �u�eren Leben die
Tradition wahren! Wohlgeordnet, festgef�gt, bis in jede Tagesstunde
bestimmt! "Du und ich sind zu gut erzogen, um in ein Drama zu passen."
Aber an diese starre, unterh�hlte Konvention klopft das Leben. Die
Natur, die aus der fr�hlingswilden, sommerschw�len Landschaft, den
W�ldern und dem Meere, aus dem animalisch-vegetativen Leben der
Gutsd�rfer steigt, treibt in den jungen Komtessen, die, "kleine
berauschte Gespenster, vor Verlangen zittern, drau�en umzugehen, und
wenn sie hinauskommen, nicht atmen k�nnen," treibt in den jungen
Baronen, die das Erotische aus den sch�tzenden Konventionen in die
K�mpfe und Gefahren sinnlich-seelischer Abenteuer dr�ngt. Keiner dringt
durch zur Freiheit, sie fallen oder fl�chten zur�ck. Das Leben wird zum
Schatten und Traum: "Man lebt hier, als ob man gleich erwachen m��te,
um dann erst mit der Wirklichkeit zu beginnen." "Eine dunkle
Traurigkeit machte sie todm�de. All das still zu Ende gehende Leben um
sie her schw�chte auch ihr Blut, nahm ihr die Kraft, weiterzuleben; wir
sitzen still und warten, bis eins nach dem anderen abbr�ckelt."
Neben der adeligen und b�rgerlichen wird die Zersetzung der b�uerlichen
Formenwelt nur von der materiellen Seite episch bedeutsam gestaltet
durch Wilhelm von Polenz' "B�ttnerbauern" (1895) und Peter Roseggers
"Jakob der Letzte". Diese �u�ere Not der b�uerlichen Welt ist durch die
wirtschaftliche Entwicklung behoben, ihrer inneren Zersetzung, die da
und dort merkbar wird (vgl. Josef Ruederers Kom�die "Die Fahnenweihe",
1895), begegnet der lebendig nahe Zusammenhang mit der Natur, der
Landschaft, den Jahreszeiten. Aus ihnen quellen jene Formenkr�fte, die
das b�uerliche Leben immer wieder von Grund aus aufbauen und erneuern,
wie sie Knut Hamsun im gr��ten modernen Bauernroman, einem wahrhaft
altepischen Werke, dargestellt hat, im "Segen der Erde". Unseren
Bauerndichtern ist die Strenge und Gr��e dieses Zusammenhanges kaum
deutlich geworden. Ganghofer ist oberfl�chlich und sentimental, auch
Rosegger ist in aller Volkst�mlichkeit und Liebensw�rdigkeit zu
unproblematisch im tieferen Sinne -- nur die "Schriften des
Waldschulmeisters" und "Des Gottsucher" ragen hervor --, Gustav
Frenssens einst so ber�hmte Romane ("J�rn Uhl", 1901) sind zwar voll
landschaftlicher Stimmungskunst, aber in der Weltanschauung des
liberalen protestantischen Pfarrers zwiesp�ltig und verschwommen, in
der Charakterisierung der Hauptpersonen romanhaft, in der
Gesamtdarstellung lehr- und predigerhaft, ohne Kraft des Aufbaus, ohne
Einheit der inneren Form. Erdkr�ftiger wurzeln Ludwig Thomas
Bauernromane "Andreas V�st" und "Der Wittiber", sie bleiben aber
naturalistisch gebunden. Hermann Stehrs "Heiligenhof" fehlt zur
gr�belnden Mystik seiner Bauern die nat�rliche F�lle und plastische
Kraft; er ist -- wie alle Romane dieses Ringenden -- mehr reflektiert
als gewachsen.
�ber die zersetzten b�rgerlichen und adeligen Formenwelten ist die
Entwicklung der deutschen Kultur und Epik noch nicht zu neuen
Lebensformen vorgedrungen. Die Gro�st�dte sind ebenso formlos geblieben
wie die Gro�stadtromane. Max Kretzers Berliner, Michael Georg Conrads
M�nchener Romane sind nichts als Stoff und Tendenz. Arthur Schnitzlers
Versuch zu einem Wiener Roman gro�en Stiles, "Der Weg ins Freie", ist
in der episch bedeutungslosen Umwelt des Literaten- und Judentums
zergangen. Ein Arbeiterroman gleich der Bedeutung von Zolas "Germinal"
ist uns nicht geworden. Die Welt der Arbeiter wird sich �ber Angriff
und Verneinung, �ber die zerbr�ckelte, materialistische Weltanschauung
des Marxismus erst zur eigenen Form durchringen m�ssen.
Aus der modernen Frauenbewegung hat sich ein besonderer Frauenroman
entwickelt. Als Mutter und Gattin ist das Weib der Urgrund der epischen
Welt, aber die neue Zeit rei�t zahllose Frauen aus dem Frieden der
Familie und st��t sie in den Kampf des pers�nlichen Schicksals. Auch
hier sind zersetzte Lebensformen zu �berwinden und zu erneuern.
Gabriele Reuters (geb. 1859) Romane, "Aus guter Familie" (1895), "Ellen
von der Weiden", "Das Tr�nenhaus" zeugen davon, ohne die �berzeugung
stets in Darstellung, die Tendenz in reine Menschlichkeit wandeln zu
k�nnen. Auch Helene B�hlaus (geb. 1859) polemische Frauenromane, wie
"Das Recht der Mutter" und "Halbtier", verm�gen das nicht. Wo aber die
reine Weiblichkeit ihrer lebensvollen Natur durchbricht, da wachsen aus
der lichten Kindlichkeit ihrer Jugenderinnerungen die Weimarer
"Ratsm�delgeschichten", aus der leidgel�uterten, warmen M�tterlichkeit
ihrer Reife "Der Rangierbahnhof" (1895), der voll tiefster G�te, voll
tragischer Sch�nheit ist.
Klara Viebig (geb. 1860) steht den Problemen des eigentlichen
Frauenromans fern; sie ist Naturalistin, die Sch�lerin Zolas.
Elementare Triebe und Gestalten, Massenleidenschaften und Massenszenen
sind ihr Feld. Die Eiffellandschaft mit ihren wortkargen, d�steren
Menschen, die -- einmal geweckt in ihren Leidenschaften -- furchtbar
ausbrechen, gibt ihr die besten ihrer Romane: "Das Weiberdorf", "Vom
M�llerhannes", "Das Kreuz im Venn". Mit scharfer Beobachtung und
sicherer Technik packt sie ihre Gestalten und Probleme von au�en, mehr
eine geschickte Schriftstellerin als formende K�nstlerin.
Weit �ber die Welt der Frauenromane, �ber die Welt selber hinaus f�hren
die Romane Ricarda Huchs (geb. 1864). Ein durchaus romantisches
Lebensgef�hl, die Sehnsucht nach Unerreichbarem durchschimmert und
durchgl�ht sie. Aber das Unerreichbare ist hier nicht das Unendliche,
sondern das Leben, das in all seiner Sch�nheit, Kraft und
Vollkommenheit doch ein unaufhaltsames, stetiges Vergehen ist. Obwohl
alle wissen, wie traurig und fl�chtig das Dasein ist, wie "es keinen
Sinn hat, die Dinge so fest ans Herz zu schlie�en, die wir nach einem
bangen Augenblick wieder wegwerfen m�ssen und nie mehr sehen", bleibt
es doch aller "Bestimmung und Seligkeit, die himmelhohe Flamme des
Lebens mit dem Strahl ihres Wesens zu n�hren". "O Leben, o Sch�nheit!"
singt es durch alle Dichtungen Ricarda Huchs. Die "schauerliche
Wollust, in der tr�umerisch sp�lenden Lebensumflut mitzustr�men", ist
die Inbrunst all ihrer Gestalten. "Nimm uns Tote wieder, o Leben,"
singen die Toten. Der Tod selber singt dem Leben ein Liebeslied.
Eine romantische Natur -- so steht Ricarda Huch in Reflexion und
Bewu�theit au�erhalb der Wirklichkeit. Im Zeitalter der Romantik h�tte
sie sich sehnend dem Unendlichen zugewandt; im Zeitalter Nietzsches,
Bergsons, Simmels lodert ihr Wollen und Sehnen in metaphysischer Glut
zum Endlichen, zur Wirklichkeit, zum Leben zur�ck. Das Leben wird ihr
zum h�chsten, zum einzigen Wert. Ihre Gestalten sind Kinder der
Reflexion und der Sehnsucht wie sie, oder ihr Wunsch und Gegenbild:
Kinder des Lebens.
Metaphysisch klingt -- nach den noch knospenhaften "Erinnerungen von
Ludolf Ursleu dem J�ngeren" -- die Musik von der Sch�nheit und
Furchtbarkeit des Lebens in den Skizzen "Aus der Triumphgasse",
kosmisch klingt sie in "Von den K�nigen und der Krone". �ber diese
metaphysische und kosmische Gel�stheit dr�ngen die historischen Romane
zur Wirklichkeit, zum plastisch Greifbaren, Festbeharrenden. "Die
Geschichten von Garibaldi" gestalten den Befreier Italiens zur
herrlichsten Verk�rperung, zum mystisch-gewaltigen Symbol des Lebens,
das alle Lebenssehnsucht der Dichterin strahlend aufnimmt. Wie "ein
tragisches Vorspiel" zur siegreichen Erhebung der Garibaldi-Romane
klingt "Das Leben des Grafen Frederigo Confalonieri", des dem Tode
verfallenen im Kerker begrabenen Helden und M�rtyrers. In jenen hatte
noch episch-plastischer und lyrisch-musikalischer Stil gewechselt, hier
durchdringen sich beide, rein, ruhig, ausgeglichen.
Bald aber dr�ngt die Sehnsucht zur Wirklichkeit Ricarda Huch auch aus
dieser Gel�stheit zum einseitigen, seelisch-herbsten Bericht der drei
B�nde: "Der Gro�e Krieg in Deutschland", die sie nicht mehr Roman,
sondern "Darstellung" nennt. Harte Gegenst�ndlichkeit, strengste
Unpers�nlichkeit geben die unersch�pfliche F�lle des Drei�igj�hrigen
Krieges, der Geschehnisse, der V�lker, der Generationen. Historisches,
Kulturgeschichtliches, Religionsgeschichtliches, Diplomatisches,
Strategisches, Biographisches treibt in endloser Bilderfolge, in
gleichg�ltigem epischem Strom vor�ber. Gestalten und Schicksale tauchen
auf und sinken unter, ruhelos, �bergraut von einem lastenden Himmel,
der sich immer tiefer herabsenkt. Der Strom der Individuation selber
scheint an uns vor�berzuziehen und uns in erdr�ckender Traurigkeit die
l�hmende Frage Friedrich Spees zuzurauschen: "Das eine hatte er
erfahren: unerme�lich weit war die Erde von Gott; und wenn sie nun, so
fragte er sich zuweilen schaudernd, unerreichbar weit von ihm w�re?"
Aus der Wirklichkeit, die sie hier endlich gefunden, klagt der
Dichterin das alte Lied ihrer Seele dunkel und erstarrt entgegen. --
In der Geschichte den tieferen Sinn des Lebens zu suchen, den die
zersetzte Gegenwart ihnen vorenth�lt, ist die Ausflucht mehrerer Epiker
geworden, am bedeutsamsten f�r Wilhelm Sch�fer (geb. 1868) im
"Lebenstag eines Menschenfreundes". Wie in diesem Pestalozzi-Roman die
Wanderung des unerm�dlichen Volks- und Menschenfreundes durch Suchen,
Irren, Leiden, Verspottung und Verrat zur neuen Menschlichkeit aufw�rts
dringt, als Landwirt, "Armennarr" und Schriftsteller, als Waisenvater
und als Winkelschulmeister, bis endlich der Greis seinen Menschheitsweg
erkannt und erk�mpft und der europ�ischen Erziehung erschlossen hat,
das ist in ergreifender, reiner Menschlichkeit, in epischer
Schlichtheit und Klarheit dargestellt. Die Tapferkeit und Siegkraft
dieses einzelnen und Vergangenes wird Vorbild und Aufgabe allen
K�nftigen.
-- -- -- Gegen�ber dem industrialisierten, von Gro�st�dten zersetzten
Norden Deutschlands ist der S�den reicher an Unmittelbarkeit,
Menschlichkeit, Wurzelkraft geblieben. Emil Strau� und Hermann Hesse
wachsen aus diesem Zusammenhang. Emil Strau� (geb. 1866) hat sich
Heimat und Fremde, Baden und Brasilien, als Dichter, Bauer und Farmer
vertraut und eigen gemacht. Voll m�nnlicher Klarheit und Tatkraft hat
er mit dem Leben gerungen, ohne durch Entt�uschung, Leid und Krankheit
niedergeworfen oder ungerecht zu werden. In Freiheit, Liebe und G�te
blieb er der Sieger. Er sieht und zeichnet die Wirklichkeit in festen,
sicheren Linien und �bergl�nzt sie doch mit dem �berirdischen Schimmer
seines Humors. Im "Engelwirt" schildert er einen Schwaben, der das
Schicksal �berlisten will, der -- da ihm die eigene Frau keinen Erben
schenkt -- sich in schlauer Ausflucht an die Magd heranmacht. Statt des
Buben kommt aber ein M�del, und Spott und L�cherlichkeit umschwirren
ihn. Gekr�nkt in seiner Schwabenschlauheit und -eitelkeit, geht er mit
der Magd und dem Kind heimlich davon nach Brasilien, um dort noch �bler
genarrt, geprellt, geduckt zu werden. Als die Magd stirbt, kehrt er
kleinlaut und zerknirscht heim zur verlassenen Frau, die ihn ohne
Staunen, ohne Vorwurf, mit einem schlichten, l�chelnden Gru� empf�ngt,
ihm das Kind abnimmt und in selbstverst�ndlicher F�rsorge sich ihm
widmet: eine reife, r�stige, Gottfried Kellersche Frauengestalt, voll
Freiheit und W�rme. In "Kreuzungen" zeichnet Strau� die Entwicklung
dreier junger Charaktere, de aus dem Zufall erster Anlagen und
Verh�ltnisse sich in tapferen Zwisten l�sen, ihre Lebens- und
Wesensform selber schaffen und sich im Wirkungskreis der Menschheit
einen Platz erobern. Im "Nackten Mann" geht er in die Vergangenheit
seiner Heimat zur�ck, ohne die Bedenken gegen den historischen Roman zu
�berwinden. In "Freund Hein" und im "Spiegel" aber kommt hinter der
herben Gegenst�ndlichkeit seiner Welt die tiefe Musik seiner Seele zum
klingenden Ausdruck. In "Freund Hein" zerbricht ein Gymnasiast, der in
der Welt seiner musikalischen Berufung lebt, an den unnachsichtigen
Forderungen einer wesensfremden Wirklichkeit. Im "Spiegel" t�nen wie
eine zarte Kammermusik Erinnerungen aus dem Leben der Vorfahren auf,
eine Lebensmusik von ebensoviel Seelentiefe als Seelenklarheit.
Je n�her Hermann Hesse (geb. 1877) der Natur verbunden ist, desto
weniger findet er sich in der zersetzten Formenwelt der Zivilisation
zurecht Er f�hlt sich heimisch in der Naivit�t des italienischen
Landvolkes, der Sorgen- und Selbstlosigkeit des Landstreichers Knulp,
der wie die Blumen. auf dem Felde Gott unmittelbar nahe ist. Aus der
Heimatlosigkeit der Welt flieht "Peter Camenaind" zu Boppi, dem armen
Kr�ppel, der in seinem Fahrstuhl diesseits allen Lebenszwiespalts
geblieben, der in Krankheit, Einsamkeit Armut und Mi�handlung nichts
als Liebt und G�te gelernt und "sich ohne Scham schwach zu f�hlen und
in Gottes Hand zu geben". Und da Boppi stirbt, kehrt er von seinen
"paar Zickzackfl�gen im Reich des Geistes und der sogenannten Bildung"
in sein Heimatdorf, "den alten Winkel zwischen See und Bergen", zur�ck.
In seiner Lade liegen die Anf�nge einer Dichtung: "Ich hatte den
Wunsch, in einer gr��eren Dichtung den heutigen Menschen das gro�z�gige
stumme Lebe der Natur nahezubringen und lieb zu machen. Ich wollte sie
lehren, auf den Herzschlag der Erde zu h�ren, am Leben des Ganzen
teilzunehmen und im Drang ihrer kleinen Geschicke nicht zu vergessen,
da� wir nicht G�tter und von uns selbst geschaffen, sondern Kinder und
Teile der Erde und des kosmischen Ganzen sind."
So spielen die ersten B�cher Hesses weniger zwischen Mensch und Mensch
als zwischen Mensch und Natur. Stimmung, Sehnsucht, Traum und
Allgef�hl, Wehmut und Einsamkeit sind ihr Gehalt. Die weichen
Umri�linien der Gestalten verschwimmen. Aber �ber "Gertrud" und
"Ro�halde" w�chst Hesse zum "Demian", der "die Geschichte seiner
Jugend" zum Symbol des gegenw�rtigen, suchenden und ringenden
Menschenlebens gestaltet. "Die Wertlosigkeit der heutigen Ideale" die
Unwahrheit der heutigen Gemeinschaften, der Menschen, die alle "f�hlen,
da� ihre Lebensgesetze nicht mehr stimmen, da� sie nach alten Tafeln
leben", wird nicht in breitem, epischem Fresko, aber in der
sehns�chtigen Entwicklung eines Einzelnen dargestellt. "Diese Welt, wie
sie jetzt ist, will sterben, sie will zugrunde gehen und sie wird es."
Aber aus ihrem Untergang, aus dem Get�mmel und Grausen des Weltkrieges
keimt eine neue Gemeinsamkeit. "In der Tiefe war etwas im Werden. Etwas
wie eine neue Menschlichkeit. Denn viele konnte ich sehen, und mancher
von ihnen starb an meiner Seite -- denen war gef�hlhaft die Einsicht
geworden, da� Ha� und Wut, Totschlagen und Vernichten nicht an die
Objekte gekn�pft waren. Nein, die Objekte, ebenso wie die Ziele waren
ganz zuf�llig. Die Urgef�hle, auch die wildesten, galten nicht dem
Feinde, ihr blutiges Werk war nur Ausstrahlung des Innern, der in sich
zerspaltenen Seele, welche rasen und t�ten, vernichten und sterben
wollte, um neu geboren werden zu k�nnen."
DAS DRAMA
Das Wort Drama bedeutet Handlung, insonderheit Kulthandlung. Denn das
Drama entwickelte sich im alten Griechenland wie in den christlichen
Staaten Europas aus den Tiefen der religi�sen Weltanschauung und des
Gottesdienstes. Sein letzter Grund ist die leid- und geheimnisvolle
Zweiheit, in die alles Leben zerspalten ist, in der es fremd, k�mpfend
und doch sehns�chtig sich gegen�bersteht: der Gegensatz von Gott und
Welt, Geist und Natur, Idee und Sinnlichkeit, All und Ich. Nur ein
Gott, der vom Himmel herniedersteigt, der die Qual und Zerrissenheit
des Endlichen selber auf sich nimmt, Dionysos, Christus, vermag in
seinem Gottmenschentum diese Gegens�tze zu einen und zu l�sen. Sein
Leiden und sein Triumph wird zum Inhalt der ersten Dramen: aus den
dionysischen Dithyramben w�chst die griechische Trag�die, aus der
Liturgie der katholischen Kirche das Weihnachts-, Passions- und
Osterspiel des Mittelalters. Mit der Renaissance wird an Stelle der
kirchlichen die philosophische Weltanschauung Unter- und Hintergrund
des europ�ischen Dramas. Wie die geheimnisvolle Zweiheit und
Gegens�tzlichkeit des Lebens in den gro�en Systemen der Philosophen
sich darstellt und deutet, wie bald dieser, bald jener der beiden
Lebensgegens�tze entwertet, dem anderen untergeordnet, so die Einheit
erzwungen wird, dann aber wieder beide zur vollen Macht erstarken und
in unausweichlichem, unerbittlichem Kampf sich gegen�berstehen: das
begleitet in unbewu�ter und bewu�ter Verbundenheit die
ideelle Entwicklung des deutschen Dramas. Lessings Dramen wachsen aus
Lebensgef�hl und -deutung des Rationalismus, Schillers Dramen aus Kant,
Kleist teilt den Gegensatz der deutschen Gef�hlsphilosophie gegen Kant,
um Hebbel braut die Atmosph�re Hegels, Richard Wagner findet sich in
Schopenhauer. Dann folgt der Zusammenbruch der gro�en philosophischen
Systeme, der Vormarsch der naturwissenschaftlichen, materialistischen
Weltanschauung in Deutschland. �ber die Nachfahren Schillers, �ber die
Nachahmer des franz�sischen Gesellschaftsst�ckes hebt sich seit 1888
Gerhart Hauptmann (geb. 1862) mit einem Drama neuen, eignen Stils. Aus
welchen weltanschaulichen Zusammenh�ngen, welchem Lebensgef�hl war es
gewachsen?
Als 1885 die s��lich-leere Epigonenzeit unserer Dichtung durch die
literarische Revolution der Jungen abgel�st wurde, glaubten diese im
"Naturalismus" eine neue Lebens- und Kunstanschauung gefunden zu haben.
Wilhelm Scherer verk�ndete: "Die Weltanschauungen sind in Mi�kredit
gekommen. ...Wir fragen: wo sind die Tatsachen? ...Wir verlangen
Einzeluntersuchungen, in denen die sicher erkannte Erscheinung auf die
wirkenden Kr�fte zur�ckgef�hrt wird, die sie ins Dasein riefen. Diesen
Ma�stab haben wir von den Naturwissenschaften gelernt... Dieselbe
Macht, welche Eisenbahnen und Telegraphen zum Leben erweckte, dieselbe
Macht regiert auch unser geistiges Leben; sie r�umt mit den Dogmen auf;
sie gestaltet die Wissenschaften um; sie dr�ckt der Poesie ihren
Stempel auf. Die Naturwissenschaft zieht als Triumphator auf dem
Siegeswagen einher, an den wir alle gefesselt sind." Arno Holz und
Johannes Schlaf glaubten dieser Weltanschauung, im "konsequenten
Naturalismus" die entsprechende Kunstanschauung erobert zu haben: "Die
Kunst hat die Tendenz, wieder die Natur zu sein. Sie wird sie nach
Ma�gabe ihrer jeweiligen Reproduktionsbedingungen und deren
Handhabung." In den drei Skizzen des "Papa Hamlet", dem Drama "Die
Familie Selicke" schufen sie ihrer Lehre die Leistung. "Papa Hamlet"
erschien unter dem Decknamen "Bjarne P. Holmsen". Ihm hat Gerhart
Hauptmann sein erstes Drama "Vor Sonnenaufgang" (1889) zugeeignet, als
"dem konsequentesten Naturalisten, in freudiger Anerkennung der durch
sein Buch empfangenen, entscheidenden Anregung".
In Wirklichkeit war diese Anregung, war der ganze konsequente
Naturalismus weder f�r Gerhart Hauptmann, noch f�r irgendeinen Dichter
von "entscheidender" Bedeutung; seine Lebens- wie seine Kunstanschauung
war unhaltbar. Von einer rein beschreibenden Wissenschaft, wie der
Naturwissenschaft, kann man niemals zu einer Weltanschauung, zur Sinn-
und Wertsetzung, vom Sein niemals zum Sollen vordringen. Und
ebensowenig ist ein blo�es Abkonterfeien des Lebens durch eine
naturalistische Kunst m�glich; schon der Erkenntnisproze� ist -- hat
Kant dargetan -- kein passives Abbilden, sondern ein Formen der
Wirklichkeit; alle Kunst ist die Umsetzung der nat�rlichen in eine von
Geist und Gef�hl des K�nstlers stilisierte Welt.
Mehr als die Formenwelt des Naturalismus, als seine unhaltbare
Kunstanschauung haben Ans�tze zu einer Lebensanschauung aus der
Stoffwelt des Naturalismus Gerhart Hauptmann den Weg zu sich selber
frei gemacht. Dem Naturalismus der Form hatte sich fast �berall der
Sozialismus des Stoffs verbunden und in ihm die Keime eines neuen
Gehalts: des sozialen Mitgef�hls. Zu den �sthetischen waren ethische
Tendenzen getreten. Die Entwicklung der Industrie und der Gro�stadt,
die Einfl�sse Zolas, Ibsens, Tolstois hatte sie geweckt. Von der
erstarrten und zersetzten Ideen- und Formenwelt des dritten Standes,
des B�rgertums, hatten sich die jungen Dichter in sozialem Mitleid zu
der ringenden formbed�rftigen des vierten Standes, den Arbeitern,
gewandt. Und hier war der Weg, der Hauptmann in seine Tiefen f�hrte.
Schon seine erste ver�ffentlichte Dichtung, das Epos "Promethidenlos"
(1885), hatte sein soziales Verantwortungs- und Mitgef�hl bekundet.
Ergriffen rief sie den Armen und Elenden zu: "So la�t in eurem Schmutz
mich hocken -- La�t mich mit euch, mit euch im Elend sein." Und ein
Gedicht von 1888 sprach die heilige Leidverbundenheit des K�nstlers und
Menschen aus:
Ich bin ein S�nger jenes d�stren Tales,
Wo alles Edle beim Ergreifen schwindet. -- -- --
Ihr, die ihr weilt in H�hen und in Tiefen,
Ich bin ihr selbst, ihr d�rft mich nicht beneiden!
Auf mich zuerst trifft jeder eurer Pfeile.
Da� diese Leidverbundenheit nicht nur sozialen, da� sie gr��eren:
metaphysischen Tiefen entwuchs, wurde der Urgrund des Dramatikers.
Obersalzbrunn, Hauptmanns Geburtsort, lag unweit der pietistischen
Urgemeinden Gnadenfrei und Herrnhut. Ihre christliche Innerlichkeit war
ihm daheim und mehr noch im Hause seines Oheims zu Striegau, das den
Sechzehnj�hrigen aufgenommen, zum Lebensgef�hl geworden. In ihr f�hlte
er sich dem Rationalismus und Materialismus, der leeren Kultur des
technischen Zeitalters fremd. Aus der Schein- und Au�enwelt zog es ihn
zur wahren, inneren Welt: zur Welt der Seele. Die aber offenbarte sich
ihm nicht bei den Satten, Besitzenden, Hochm�tig-Kl�gelnden, sondern
bei den Armen im Geiste, den Ringenden und Leidenden. In ihnen gl�hte
der ewige Funke, und sie eroberten und behaupteten ihn im Sturm und
Streit ihres Schicksals, nicht mindere Helden in diesem metaphysischen
Kampf als die Heroen der gro�en Trag�die. Ihnen f�hlte sich der
Dramatiker Hauptmann verbunden, nicht sozial nur, wie der Epiker Zola
seinen Gestalten, sondern metaphysisch. In ihrem Leid stellte er das
Weltleid, in ihrem Kampf den Zwiespalt alles Lebens dar.
Die Dramen, in denen so das Stoffliche des Naturalismus und Sozialismus
�berwunden, in denen diese Weltanschauung Gestalt geworden ist, sind
"Die Weber" (1892), "Hanneles Himmelfahrt" (1893), "Fuhrmann Henschel"
(1898), "Rose Bernd" (1903).
Der Aufstand der Weber im Jahre 1844 war Hauptmann aus Erz�hlungen des
eigenen Gro�vaters, der noch Weber gewesen, vertraut. Ein Buch Alfred
Zimmermanns "Bl�te und Verfall des Leinengewerbes in Schlesien" (1885)
gab den pers�nlichen Einzelheiten geschichtlichen Zusammenhang. Den
Antrieb gab die soziale Erregung der Zeit. Aber der Kampf der Weber
wurde Hauptmann zum ersch�tternden Abbild alles Menschheitskampfes.
Wie hier die Fabrikanten und die Kreaturen der Fabrikanten bis zum
j�ngsten Lehrling den hungernden, verhungernden Webern entgegenstehen,
hartherzig, hohnlachend, w�hrend die abgemergelten Kinder ohnm�chtig zu
Boden schlagen, w�hrend die entkr�fteten Greise verwirrt werden und in
Zungen reden, das bedeutet nicht mehr einen sozialen Zwiespalt, der mit
Geld und Brot geschlichtet werden k�nnte, es bedeutet die metaphysische
Einsamkeit alles Endlichen, das br�ckenlose Nichtverstehen und
Mi�verstehen von Mensch zu Mensch. Und wenn nach not- und arbeitdumpfem
Leben, am Rande des Grabes die alten Weber in weinendem, verzweifeltem
Ingrimm ihre Knochenarme emporrecken: "Das mu� anderscher wer'n, mir
leiden's ni mehr!", so ist das nicht der Kampfruf sozialer Rebellion,
so ist das die Anklage Karl Moors: "Menschen haben Menschheit vor mir
verborgen, da ich an Menschheit appellierte," so ist das der tragische
Aufschrei der R�tliszene:
Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht:
Wenn der Gedr�ckte nirgend Recht kann finden,
Wenn unertr�glich wird die Last, greift er
Hinauf getrosten Mutes in den Himmel
Und holt herunter seine ewigen Rechte...
Der alte Urstand der Natur kehrt wieder,
Wo Mensch dem Menschen gegen�bersteht...
Wie stehn f�r unsre Weiber, unsre Kinder!
Den Unterdr�ckten Schillers wird wenigstens das Wort zur Befreiung, der
Gedanke zur Erl�sung. Hin ist die Kreatur in der ganzen Dumpfheit und
Gebundenheit des Endlichen. Und wenn sie anmarschieren gegen ihre
Peiniger: "Am liebsten w�r ich abgestiegen und h�tte glei jed'm a
Pulverle gegeben" -- erz�hlt Chirurgus Schmidt, der vor�berfuhr -- "Da
trottelt eener hinter'm andern her wie's graue Elend und verfiehren ein
Gesinge, da� een' fermlich a Magen umwend't"; und wenn der greise
Baumert als Rebell erscheint, von den paar Tropfen ungewohnten Alkohols
unsicher, einen geschlachteten Hahn als h�chste Siegestroph�e
mitf�hrend, und die Arme breitet: "Brie -- derle -- mir sein alle
Brieder!", so ist der trostlose Aufruhr der Menschheit gegen das
Schicksal, der tragische Sehnsuchts- und Liebesruf aller Einsamen und
Gehetzten niemals ersch�tternder symbolisiert.
Zur h�chsten dramatisch-metaphysischen Gipfelung aber steigt der letzte
Akt. Da wendet sich der alte, fromme Hilse an seinen Sohn, der den
Aufr�hrern zueilen will: nein, er wird sich nicht emp�ren, auch am
Rande des Grabes nicht, er wei�, da� keine Hilfe und Erf�llung m�glich
ist in der Welt des Irdischen: "Du hast hier deine Parte -- ich drieben
in jener Welt. Und ich lass' mich vierteelen -- ich hab' ne Gewi�heet.
Es ist uns verhei�en. Gericht wird gehalten, aber nich mir sein
Richter, sondern: mein ist die Rache, spricht der Herr unser Gott."
Gegen diesen Anwalt des Jenseits, der klaglos alle Leiden des Diesseits
auf sich nimmt, der -- wie je ein Schillerscher Held -- "durch eine
freie Aufhebung alles sinnlichen Interesses" die Tragik des Lebens
�berwinden will, kehrt sich seine Schwiegertochter, die
unentwurzelbare, schicksalhafte Vertreterin des Diesseits: die Mutter.
Nie hat ein Held Schillers oder Hebbels die tragische Wucht und
Notwendigkeit seines Lebensgef�hls gewaltiger dargetan: "Mit Euren
bigotten R�den... dadervon da is mir o noch nich amal a Kind satt
gewor'n. Derwegen ha'n se gelegen alle viere in Unflat und Lumpem. Da
wurde ooch noch nich amal a eenzichtes Winderle trocken. Ich will 'ne
Mutter sein; da� d's weea�! und deswegen, da� 'd's weea�, winsch ich a
Fabrikanten de Helle und de Pest in a Rachen 'nein. Ich bin ebens 'ne
Mutter. -- Erh�lt ma' woll so a Wirml?! Ich hab' mehr geflennt wie Oden
geholt von dem Augenblicke an, wo aso a Hiperle uf de Welt kam, bis d'r
Tod und erbarmte sich drieber. Ihr babt euch an Teiwel geschert. Ihr
habt gebet't und gesungen, und ich hab' mir de Fie�e bluttig gelaufen
nach ee'n eenzigten Neegl Puttermilch. Wie viel hundert N�chte hab ich
mir a Kopp zerklaubt, wie ich ok und ich keente so a Kindl ok a eenzicb
Mal um a Kirchhof 'rumpaschen. Was hat so a Kindl verbrochen, h�? und
mu� so a elendigliches Ende nehmen -- und drieben bei Dittrichen, da
wer'n se in Wein gebad't und mit Milch gewaschen. Nee, nee: wenn's hie
losgeht -- ni zehn Pferde soll'n mich zuricke halten. Und das sag ich:
stirmen se Dittrichcns Geb�ude -- ich bin de erschte -- und Gnade
jeden, der mich will abhalten."
Schiller hatte des �berlieferten Stoffes und der �berlieferten
dramatischen Form wegen im "Wilhelm Tell", seinem Drama der
Volkserhebung, drei Handlungen (Tell-, R�tli-, Rudenz-Handlung)
nebeneinander laufen lassen. Hauptmann wagt es, die Masse der Weber zum
dramatischen Helden zu machen und in einer gewaltigen Steigerung zum
Gipfel zu f�hre. Im �blichen Dramenbau w�re dies die H�he des dritten
Aktes. Die "Peripetie" fehlt. Aber in der Seele des Zuschauers dr�ngen
sich die zwei letzten, ungeschriebenen Akte: sie sieht und leidet
voraus, wie dieses H�uflein Menschheit umsonst gegen sein Schicksal
aufstand, wie es ein paar Stunden sich frei und erl�st f�hlen darf, um
dann nur um so grausamer i de dumpfe, leidvolle Gebundenheit alles
Endlichen zur�ckgeworfen zu werden.
Nur wenn Staub und Asche des Irdischen und K�rperlichen verwehen, wird
der g�ttliche Funke der Seele frei: im Tode oder im Traume. Das
vierzehnj�hrige "Hannele", das vor seinem verkommenen brutalen Vater in
den vereisten Dorfteich fl�chtet, das sich nur f�rchtet vor dem Leben,
das so gern in den Himmel kommen m�chte zur Mutter und zum lieben Herrn
Jesus, das im gespenstig-grotesken Elend des Armenhauses in
Fiebertr�umen sein Dasein erf�llt, ehe es zu Ende geht, wird zum
ersch�tternden und erl�senden Bild der Menschenseele. Wenig Dichtungen
sind so innerst musikalisch wie diese Traumdichtung, die zwischen der
Welt der Seele und der Wirklichkeit hin und her geht, unbehindert und
sch�pferisch. Aus den gegebenen Elementen der kindlichen, d�rflichen
Seele, der Bibel, dem M�rchen, dem Vater, der Mutter, dem Lehrer, baut
sie eine Welt und Handlung auf, die alle tieferen Beziehungen, die den
metaphysischen Sinn des Lebens in sich schlie�t.
In "Fuhrmann Henschel" geht das Gef�hl von der dunklen Macht der Umwelt
bis zur vollen Passivit�t. Aber es ist nicht die Abh�ngigkeit vom
Einzelnen, Zuf�lligen -- wie im Schicksalsdrama alten Stils --, die den
Fuhrmann erdr�ckt, es ist die unentrinnbare tragische Verstrickung und
Zwiesp�ltigkeit alles Endlichen, die er dumpf erf�hlt, gegen die jeder
Widerstand unn�tz ist. Ein schlichter, hilfloser Mensch starrt durch
die Fenster seiner Kellerwohnung in den n�chtlichen Himmel, gr�belt
nach einer Schuld, die ihn zu Boden gerissen, und findet keine, gr�belt
nach einem Sinn hinter den Geschehnissen, die ihn fortdr�ngen, und
findet keinen, und b�umt sich nicht auf und r�cht sich nicht und geht
still ins Dunkel: "Ane Schlinge ward mir gelegt, und in die Schlinge da
trat ich halt nein... Meinswegen kann icb auch schuld scin. Wer wee�
's?! Ich h�tt't ja besser kenn'n Obacht geben. Der Teifel ist eben
gewitzter wie ich. Ich bin halt blo� immer grad'aus gegangen."
Hauptmann hat den "Fuhrmann Henschel" in der ersten Sammlung seiner
Werke unter die "Sozialen Dramen" eingereiht, obwohl dieser Titel
eigentlich nur das erste, noch tendenzi�se seiner Dramen "Vor
Sonnenaufgang" trifft Henschel steht weder sozial sonderlich tief -- er
ist Fuhrwerksbesitzer und hat einen Knecht unter sich --, noch ist sein
Schicksal durch seine soziale Stellung bedingt. Auch "Rose Bernd" ist
kein soziales Drama, wenngleich es so eingestellt ist. Man m�chte es in
die Reihen der b�rgerlichen Trag�dien ordnen, zu Schillers "Kabale und
Liebe" und Hebbels "Maria Magdalene", zumal sich die Gestalt des Vaters
in allen verwandt geblieben. Und doch sprengt die tragische Gewalt des
Hauptmannschen Dramas auch die b�rgerliche Welt, ihre verh�ngnisvolle
In-sich-Gebundenheit, und bricht zu den letzten Tiefen des
Metaphysischen durch. Aus naturhafter Frische und Lebenslust wird ein
Bauernm�dchen aufgescheucht von den Begierden der M�nner, "verfolgt und
gehetzt wie a Hund", in Schuld und Meineid gejagt, bis es das Leben
verneint und verflucht, bis es am Stra�enrande sein Kind in der Geburt
mit eigenen H�nden erw�rgt, nicht aus Furcht vor Schande: "'s sullde ni
laba! Ich wullte 's ni!! 's sullde ni meinc Martern derleida! 's
sulldte duer bleib'n, wo's hiegehert." Die Natur, das Leben selber
verneint sich im tragisch-t�dlichen Mitleid dieser Mutter. In
metaphysischer Einsamkeit und Gr��e ragt die Gefolterte gegen den
tragischen Himmel des Seins: "Das iis ane Welt... da sein Sie
versunka... da konn' Sie mer nischt nimeh antun dahier! O Jees, ei ee
kleen' K�mmerla lebt Ihr mit'nanderl Ihr wi�t nischt, was au�ern der
Kammer geschieht! Ich wi�! ein Kr�mpfen hab ich's gelernt! Da is... ich
wee� ni.. all's von mir gewichen... als wie Mauer um Mauer immerzu --
und da stand ich drau�'n, im ganz'n Gewitter -- und nischt mehr war
unter und ieber mir."
Immer wieder bricht dieser tragische Aufschrei aus Hauptmanns Dramen.
"Warum bluten die Herzen und schlagen zugleich?" -- fragt Michael
Kramer am Sarge seines Sohnes. "Das kommt, weil sie lieben m�ssen. Das
dr�ngt sich zur Einheit �berall, und �ber uns liegt doch der Fluch der
Zerstreuung.
Wir wollen uns nichts entgleiten lassen, und alles entgleitet doch, wie
es kommt!" Aber aus dem tragischen Leid w�chst die tragische Liebe.
�ber Gr�bern und Leichen finden sich schmerzverkrampfte H�nde. Der Tod
nimmt die Binde von den Augen, von den Herzen, ein milder Erl�ser, "der
ewigen Liebe Meisterst�ck".
Im "Glash�ttenm�rchen", "Und Pippa tanzt" (1906) ist die Sehnsucht des
Endlichen Melodie geworden: ein Schimmer aus der Heimat Tizians, ein
Bl�tenkelch aus den Glas�fen Venedigs, eine wehende Flamme: Sch�nheit!
Sch�nheit, nach der alle verlangend haschen, um die alle tanzen und
werben, die dumpf gebundene Kreatur, der alte Huhn, wie der wissende,
k�hl- und hochentr�ckte, der greise Wann. Dem sie zu eigen wird, Michel
Hellriegel ist der reisende Handwerksbursche des deutschen M�rchens,
der treuherzige, unbefangene, der Tr�umer und Dichter, eigen erst als
Schatten und Traum, ganz eigen erst dem Erblindeten, der die Augen nach
innen aufschl�gt, unbeirrt vom Wirrsal der Welt.
Einmal nur, im "Armen Heinrich" (1902), scheint die Liebe nicht erst im
Tode zu siegen. In Wahrheit ist auch hier mit dem Leben gezahlt:
Ottegebe, sein klein Gemahl, hat es zum Opfer gegeben f�r den Herrn und
Geliebten, ist zu Salern unter dem Messer des Arztes gelegen. Graf
Heinrich hat sein Leben dagegen gegeben, als er ihr Opfer zur�ckwies,
als er dem Messer des Arztes Einhalt bot. Da ist der reine, gerade,
ungebrochene Strom der Gottheit durch ihn hindurchgegangen, erl�send
und aufl�send, hat im Wunder der Liebe den Aussatz des Lebens geheilt
und ihn aufgenommen "in das urewige Liebeselement".
Vor der metaphysischen Leidens- und Liebestiefe solcher Werke m�ssen
alle Versuche Hauptmanns, auch zur Gestaltung sinnlicher, heidnisch
bejahender Lebenskr�fte vorzudringen, unzul�nglich bleiben, vom
Rautendelein der "Versunkenen Glocke" zu Gerusind, "Kaiser Karls
Geisel", bis zum "Ketzer von Soana". Ein Christusroman "Emanuel Quint.
Der Narr in Christo" (1910) ist die nat�rliche Frucht dieses
Weltgef�hls. Ein Armer im Geiste, eines trunkenen Tischlers Stiefsohn,
in dem Christus m�chtig wird und wiederkehrt in die gegenw�rtige Welt,
um aufs neue verfolgt, verraten und gemartert zu werden. Alles
leidvolle Wissen, alle heilige Liebeskraft Hauptmanns ist in dessen
Christusroman eingegangen, aber in der Dumpfheit seiner Umwelt entringt
er sich nicht dem Sektierer- und Qu�kerhaften, zur H�he von
Dostojewskis "Idiot".
Wie aber Kleist von der tragischen Unbedingtheit seines Lebens und
Schaffens ausruht in der sinnlichen Lebens- und Listenf�lle des
Dorfrichters Adam, in der humorvollen Gestaltung eines parodistischen
Heldenkampfes, so ruht Hauptmann im freiem l�chelnden Anteil an der
amoralischen, ungebundenen, ungebrochenen Natur der Waschfrau Wolff. An
Kraft und Geschlossenheit des Aufbaus steht die Diebskom�die "Der
Biberpelz" (1893) hinter dem "Zerbrochenen Krug" erheblich zur�ck; an
Kraft und F�lle ihrer Hauptgestalt ist sie ihm nahe verwandt.
Mit "Pippa tanzt" (1906) beginnt die sch�pferische Kraft Hauptmanns zu
versiegen. Alle sp�teren Dramen muten -- wie auch die Erz�hlung "Der
Ketzer von Soana" -- nicht mehr urspr�nglich, sondern literarisch an.
Es ist bedeutsam, da� "Pippa tanzt" zugleich das letzte Werk ist, das
aus dem Boden der schlesischen Heimat w�chst. Nie war ein Dramatiker so
tief, so schicksaltief der seelischen und sinnlichen Atmosph�re seiner
Heimat verbunden. Da er ihr entw�chst in die Welt seiner literarischen
Erfolge und Interessen, der allgemeinen deutschen und europ�ischen
Geistigkeit, sterben seine tiefsten W�nsche ab. Schon auf der H�he
seiner Kraft war ein gro�geplanter Versuch mi�lungen, eine Trag�die
statt aus der Natur, der seelisch-sinnlichen Natur seiner Heimat, aus
der Geschichte aufzubauen: "Florian Geyer" (1896), die Trag�die des
Bauernkrieges war trotz gewaltiger Einzelszenen in der �berf�lle des
Stoffs und der Studien steckengeblieben. Jetzt sucht Hauptmann in
fr�nkischen, italienischen, griechischen, peruanischen Sph�ren seine
verlorene Lebens- und Schaffenskraft wieder -- vergebens: er empf�ngt
nur Leben aus zweiter Hand.
Hauptmanns gerader weltanschaulicher Gegensatz ist Frank Wedekind
(1864-1918). Ist Hauptmann der Anwalt der unterdr�ckten Seele, so ist
Wedekind der Anwalt des unterdr�ckten Leibes und Fleisches. Er wendet
sich gegen "die Geringsch�tzung und Entw�rdigung" des Fleisches, gegen
jene, denen "der Geist das h�here Element, der absolute Herrscher" ist,
"der jede selbstherrliche, revolution�re �u�erung des Fleisches aufs
unerbittlichste r�cht und straft" ("�ber Erotik"). In der
Kindertrag�die: "Fr�hlings Erwachen" (1891) -- neunzehn locker
gereihten, kurzen Szenen im Stile Lenz' und B�chners -- gestaltet er
die dunklen Wirren und Leiden der Pubert�t, der aufwachenden sinnlichen
Triebe, die von allen Seiten, von Eltern und Lehren, verleugnet,
verd�chtigt und mi�leitet werden, Gymnasiasten und vierzehnj�hrige
Schulm�del, die auf der gef�hrlichen Grenzscheide zwischen Kindheit und
Reife weglos allein gelassen, aller Unruhe und allem Dunkel der neuen
Lebensm�chte preisgegeben und in Verbitterung, Tod und Selbstmord
hinausgedr�ngt werden, K�mpfer, die an der Eingangspforte des Lebens
fallen. Im "Erdgeist" (1895) formt er dann die volle entfesselte Macht
der Triebe. In Lulu zeichnet er die "Urgestalt des Weibes" die schon in
der Bibel, im Leben der Kirchenv�ter und Heiligen immer wieder als das
d�monische, verf�hrerische sinnliche Element des Lebens zerst�rend
auftaucht, die Schlange, "das wahre Tier, das wilde, sch�ne Tier". "Sie
ward geschaffen, Unheil anzustiften, -- Zu locken, zu verf�hren, zu
vergiften, -- Zu morden, ohne da� es einer sp�rt". Lulu nennt sie der
eine, Nellie, Eva, Mignon der andere; sie hat keinen Namen, wie sie
keinen Vater hat: sie ist das Urelement der Sch�pfung. Jeder sieht sie
anders, legt seine Sehnsucht, seine Seele in sie hinein, beh�ngt sie
mit seinen Tr�umen und Phantasien. Sie aber bleibt "die seelenlose
Kreatur". Gleichg�ltig schreitet sie �ber das Leben der M�nner hinweg,
die ihr zu F��en st�rzen, immer neue Opfer fordernd, in rastloser Gier
-- bis sie demselben D�mon verf�llt, der sie getrieben, und (im 2. Teil
der "B�chse der Pandora") unter dem Messer Jack des Aufschlitzers endet.
Es war nicht leicht f�r Wedekind, diesem weiblichen Urbild sinnlicher
Sch�nheit und Wildheit ein m�nnliches zur Seite zu geben. Mit der
kulturellen Entwicklung ist die geistige Kraft zum eigentlichen Wesen
des Mannes geworden. Aber Wedekind ging in die Welt der Zirkusmenschen
und Hochstapler, der elastischen Abenteurer, die in z�her Lebensgier
durch Strom und Strudel jagen, untertauchen, nie untersinken, immer
wieder in die H�he kommen. "Der Marquis von Keith" (1900) ist Wedekinds
dramatisch st�rkste Gestaltung dieses Typus.
In all diesen Dramen kann der Trieb, das Fleisch, nie gegen den Geist
k�mpfen, da er ihn nicht begreifen, nicht �bersehen kann. Vertreter des
Geistes, die gegen das Fleisch auftreten -- wie Lehrer und Pfarrer in
"Fr�hlings Erwachen" --, sind blo�e Karikaturen. Immer k�mpfen Triebe
gegen Triebe. So kommt es nie zur Kl�rung und L�sung, sondern nur zur
Katastrophe. Der Aufstieg und Absturz des Ideendramas zerf�llt hier
nach der Zahl der Akte in ebenso viele parallele Krisen und
Katastrophen. Auch die Szenen, die Dialoge entwickeln sich eher in
linearem Nebeneinander als in einem steigenden In- und Miteinander.
Denn diese triebhaften, "unbeseelten Kreaturen" sind ganz in sich
gebunden, in die Einsamkeit alles Sinnlichen. Sie reden nicht
zueinander, sie sprechen aneinander vorbei. Und so dunkelt �ber dieser
lebensverlangenden, lebensbejahenden Triebwelt die heimliche
Melancholie der unerl�sten Kreatur, eine Tragik, die tiefer gr�ndet als
die �u�eren K�mpfe ihrer Instinkte.
Die Bejahung und Verherrlichung des Fleisches, die dem jungen Wedekind
quellende Natur ist, wird dem alternden zur Lehre, die er predig und
verteidigt. All seinen sp�ten Gestalten gibt er sie in den Mund. Das
widerspricht aber dem Wesen dieser triebhaften Gestalten, die nicht
�ber sich theoretisieren k�nnen. So zerf�llt die durchaus
unnaturalistische, gro�umrissene, sinnenbunte Bildwelt Wedekinds in
graue fanatische Deklamationen.
Zwischen den polar bestimmten Werten und Welten Hauptmanns und
Wedekinds schwankt die ungewisse Welt Arthur Schnitzlers (geb. 1862).
Die Wiener Kultur, schon in Grillparzer voll unsicherer
Selbstreflexion, ist ganz Ausgangskultur geworden: ihre Ideenwelt hat
den zwingenden Gehalt verloren, nur ihre Formen sind geblieben. Mit
ihnen drapiert und maskiert man sich, man spielt mit ihnen. Das Leben
selber wird zum Spiel. In l�chelnder Skepsis ist man sich dieses Spiels
bewu�t, sucht man es zu vervollkommnen und auszukosten. Aber die
Schwermut lauert �ber jenen Augenblicken, wo man des Spielens m�de ist,
wo man auf festem Ideen- und Lebensgrund ruhen m�chte und nur erkennt:
Es flie�en ineinander Traum und Wachen,
Wahrheit und L�ge. Sicherheit ist nirgends.
Wir wissen nichts von andern, nichts von uns.
Wie spielen immer; wer es wei�, ist klug.
In den sieben grazi�sen Dialogen des "Anatol" (1894) ist diese Skepsis
und M�digkeit, diese Selbstreflexion und weiche Selbstverh�tschelung
zum erstenmal Wort und Gestalt geworden. Anatol, der junge, verw�hnte
Dichter, der "leichtsinnige Melancholiker" der in t�ndelnden
Abenteuern, in "z�rtlicher Liebe ohne das Bed�rfnis der Treue" sein
Leben vertr�umt, der nur in Stimmungen lebt und so viel Mitleid mit
sich selbst hat -- keine moralische Forderung, kein Schicksal d�rfte an
diese Welt klopfen: sie w�rde in Staub verwehen. Aber da sie ganz in
sich verbleibt, nehmen wir l�chelnd Anteil an ihrem weichen, morbiden
Stimmungszauber, ihrer Liebensw�rdigkeit und Gebrechlichkeit.
Die Melancholie, die aus dieser Welt steigt, kann sich nie zur wahren
Tragik h�rten. Auch aus den fr�stelnden Schauern des "Einsamen Wegs":
"Und wenn uns ein Zug von Bacchanten begleitet -- den Weg hinab gehen
wir alle allein", weht weniger Lebenstragik als Lebemannstragik. Aber
wenn in diese Welt ein Vorstadtm�del ger�t mit der ganzen frischen
Innigkeit und Unbedingtheit seines Herzens, die Liebe gibt und sucht in
dieser Welt der "Liebelei", dann greift einfache Tragik ans Herz.
Christin', die blasse Violinspielerstochter, die ihre Seele hingibt an
den leichtsinnig-schwerm�tigen Menschen, der ihr auch in der tiefsten
Stunde wehrt: "Sprich nicht von Ewigkeit. Es gibt vielleicht
Augenblicke, die einen Duft von Ewigkeit um sich spr�hen... Das ist die
einzige, die wir verstehen k�nnen, die einzige, die uns geh�rt", wird
zu einem holden Urbild, zu einem unverge�lichen Klang, daraus die
Innigkeit und Traurigkeit eines Volksliedes weht.
Die gr��eren Kompositionen Schnitzlers lehnen sich an fremde Stile, an
Ibsen oder Shakespeare, l�sen sich in epische Episoden oder zergehen in
dialektische Konversationszenen, deren geistreich-schwermutvolle
Feinheit die Menschen mehr verschleiert und verwischt als gestaltet.
Nur im "Gr�nen Kakadu" wird Schnitzler die Ausgangswelt, ja der
Ausgangstag des ancien r�gime (der Tag des Bastillensturms) zum gro�en
historischen Spiegel des Wiener Ausgangs. Ein Irrspiel zwischen Sein
und Schein, das den Verfall aller Werte, die Zersetzung aller Seele in
grellen Blitzen gespenstig umleuchtet. In einer Pariser
Vorstadtspelunke improvisieren Schauspieler zur Aufpeitschung der
hochadligen G�ste Verbrecherszenen, die gruselig Spiel und Wahrheit
mischen. Wie verfolgt st�rzt einer herein und berichtet von seinem
frische Taschendiebstahl, von einer Brandstiftung ein zweiter, einem
Morde ein dritter, bis Henri, der Genialste Truppe, vorst�rmt und
aufschreit, er habe eben in der Garderobe den Herzog von Cadignan, den
Liebhaber seiner ihm gestern angetrauten Frau, niedergestochen. Die
Mitspieler halten es f�r Wahrheit, die Zuschauer f�r Kom�die, einen
Augenblick glauben beide an Wahrheit -- w�hrend es j�h darauf erst
Wahrheit werden soll: der Herzog tritt ein und Henri t�tet ihn
wirklich. Und indes der Wirt wie allabendlich eben noch in aufreizendem
Spiel seine hochadligen G�ste als Schurken und Schweine begr��t hat,
die das Volk hoffentlich n�chstens umbringen werde, dringen pl�tzlich
die Bastillenst�rmer ein und lassen an der Leiche des Herzogs die
Freiheit leben. Hier ist das Lebensgef�hl des Ausgangs: "Wir spielen
immer; wer es wei�, ist klug", schicksalhaft vertieft, das
Schauspielertum des Lebens und der B�hne gespenstig gemischt. Mit
h�chster k�nstlerischer Bewu�theit sind die Schauer und Wechsel dieses
Irrspiels in die straffe Handlung eines Einakters gebannt.
Wenn f�r Schnitzler die Bedeutungslosigkeit der �berkommenen Formen
noch Lebensschicksal ist, f�r Hugo von Hoffmannsthal (geb. 1874) ist
sie nur mehr literarisches Schicksal. Allein in den ersten Dramen "Der
Tor und der Tod", "Der Abenteurer und die S�ngerin" schwingt noch ihr
Erlebnis: Schwermut und Sehnsucht. Das erste eine Dichtung des
Neunzehnj�hrigen: ein junger Mensch, der das Leben zum erstenmal ahnt,
da er es lassen mu�:
Was wei� ich denn vom Menschenleben?
Bin freiliche scheinbar drin gestanden,
Aber ich habe es h�chstens verstanden,
Konnte mich nie darein verweben...
Stets schleppt ich den r�tselhaften Fluch,
Nie ganz bewu�t, nie v�llig unbewu�t,
Mit kleinem Leid und schaler Lust
Mein Leben zu erleben wie ein Buch.
Aber, da er dem Tode, der ihn zu rufen kommt, entgegenh�lt: "Ich habe
nicht gelebt!" zeigt der ihm, was an Leben und Liebe sein gewesen:
unter den Geigenkl�ngen des Todes schweben die Schatten der Mutter, des
jungen M�dchens, des Freundes vor�ber, die einst in Sorge und Liebe
sich um ihn m�hten, ohne da� er ihrer geachtet. Er war der
"Ewigspielende", "der keinem etwas war und keiner ihm". Erst der Tod
lehrt ihn das Leben sehen -- die s��e Schwermut eines Fr�hlingsabends
webt um diese jungen, goethisierenden Verse; aus weich-verhangener
Ferne tr�umt Musik. Im "Abenteurer und die S�ngerin" schimmern die
Farben und Wunder Venedigs auf. Auch hier eine ausgelebte Welt. Auch
hier ein Ewigspielender: Casanova. F�nfzehn Jahre nach einem seiner
vielen Liebesabenteuer kreuzt dieser fl�chtige Faltermensch die
Lagunenstadt und sieht die einst Geliebte, die er zum Leben erweckt,
die ihm gl�cklichste Stunden geschenkt, als Gattin eines anderen wieder
und neben ihr seinen Sohn. Wenige festliche Stunden, wenige in Traum,
S��e, Wehmut und Erinnerung aufschimmernde Worte. Und dar�ber die
Schatten des Alters und der Verg�nglichkeit.
Je mehr in den sp�teren Dramen Hoffmannsthals der Lebensgehalt
versickert, desto �ppiger wuchert ihre Form. Die leere Lebensform des
ausgehenden Wien wird zur leeren literarischen Form, einer �ppigen
barocken Form, die Leben aus zweiter Hand, aus Sophokles, Otway,
Moli�re �berrankt. Der sittliche Gehalt der Sophokleischen Elektra, das
tragische R�cheramt der Kinder an der eigenen Mutter, des Vaters
M�rderin, wird -- jenseits aller Weltanschauung -- zu einer
dekorativen, schwelgerischen, brandroten Orgie in Ha�, Blut und Rache.
Bedeutsam bleiben -- wie bei d'Annunzio, dem er nahekommt -- die
artistischen Werte Hofmannsthals: sein Anteil an der Entwicklung
deutscher Sprachkunst.
Klingt bei Hofmannsthal Wortmusik, bei Richard Beer-Hofmann (geb.
1866), dem dritten und tiefsten der Wiener, klingt Seelenmusik. In
hinrei�endem Adagio entquillt sie seinem ersten Drama, dem "Grafen von
Charolais" (1904), obgleich es einer alten englischen Vorlage
Massingers und Fields ungl�cklich verbunden ist, obgleich es daher in
zwei Teile zerbricht, obgleich die Requisiten des alten St�cks,
Leichen, Pf�ndung, Ehebruch, Mord, Selbstmord, sich peinlich h�ufen. Da
ist nicht mehr die Melancholie des �stheten, da ist eine wehe Weisheit,
eine milde G�te, eine dunkel-goldene Traurigkeit, aus Tiefen, die seit
Gerhart Hauptmann keiner mehr durchmessen hat. Nur das Vorspiel zu
einem Dramenzyklus, zur "Historie von K�nig David", ist seitdem
erschienen: "Ja�kobs Traum" (1918), eine symphonische Dichtung von
einer seelischen und religi�sen Gewalt, die sie hoch �ber die Zeit
emportr�gt. Die W�rde und Tragik der Berufung ist ihr Thema, Ja�kobs
Ringen mit Gott auf dem Berge Beth-El ihr biblischer Stoff. Wenn der
musikalischen und metaphysischen Gewalt dieses Vorspiels die Kraft der
Menschengestaltung in der Trilogie entspricht, so wird Beer-Hofmann in
sch�pferischer Erneuerung alttestamentlicher Symbole der deutschen
Dichtung das religi�se Drama erobern helfen.
Hauptmann und in minderem Grade auch Wedekind, Schnitzler, Beer-Hofmann
erleben die Welt unmittelbar in weltanschaulichen Gegens�tzen und in
Gestalten, die sie verk�rpern und ausfechten. Fast allen j�ngeren
Dramatikern ist dieses �berpers�nliche, weltgro�e Erlebnis fremd; sie
erleben einseitig, subjektiv, nur vom Gef�hl oder vom Intellekt aus,
und so kommt es nur zu lyrisch-balladesken oder dialektischen
Spannungen.
Herbert Eulenberg (geb. 1876) bleibt ganz in dumpfen Gef�hl befangen.
Seine Helden sind immer die gleichen Typen und leben nur im Schwellen
und Ausschwingen ihrer Gef�hlsdurchbr�che. Er erlebt nur in einer
Richtung und nur in einem Menschen; die anderen Menschen sind ohne
eigene Lebens- und Gegenkraft f�r Eulenberg wie f�r seine Helden.
Einsam steht der Eulenbergsche Mensch im All; fremde M�chte werden in
ihm wach und jagen ihn in die dunkle H�lle seines Blutes und seiner
Tr�ume; sie verfolgen und erf�llen ihn, wachsen, rasen und toben in
ihm, bis sie seine Form zersprengen oder in vernichtenden Taten den
Ausweg suchen. Von au�en her dringt nichts in diesen Vorgang ein. "Ich
h�re nichts au�er mir", sagt einer der Helden; "ich brenne in mir ab",
ein anderer. Die Gegenspieler sind keine urspr�nglichen Gestalten, sind
nur Blutbilder des eigenen Innern. So wird kein Drama, so kommt es nur
zu monologischen, lyrisch-balladesken Wirkungen, zu Farben und
Stimmungen.
Der Gegenpol Eulenbergs ist Karl Sternheim (geb. 1881). Er geht ganz
vom Intellekt aus. Er erlebt nicht, er erkennt nur. Sein literarischer
Ehrgeiz will stilisieren, zu Typen vordringen. Aber einen Typus gewinnt
er nicht durch F�lle und Verdichtung des Pers�nlichen, sondern durch
Konstruktion und Illustration eines Begriffs. Kurze Zeit wei� seine
Beobachtung, seine literarische Erinnerung die Stilisierung
durchzuf�hren, dann entgleiten und brechen die Linien, die Personen
werden zu Karikaturen. Eine Kom�die wie "Der Snob" ist in ihrer inneren
Unwahrheit, ihrer Literaten- und Theaterkunst, gar nicht so weit von
Blumenthal und Kadelburg; sie ist nur geistreicher und boshafter.
Seiner Menschen-wie seiner Weltanschauung fehlt der organische Anteil,
das Ethos, die Liebe. Es gen�gt nicht, die Welt l�cherlich zu machen.
Humor, nicht Witz ist das Zeichen des Sch�pfers. Jede Anschauung will
im Zusammenhang einer Weltanschauung, jede Eigenschaft im Zusammenhang
einer Seele, jede Verzerrung im Zusammenhang eines Ideals gedeutet und
gestaltet werden. Auch der Satiriker lacht und spottet nicht aus dem
Gef�hl billiger �berlegenheit, sondern aus dem Gef�hl der Verantwortung
und der Liebe.
�ber Wedekind und Sternheim f�hrt der Weg Georg Kaisers, (geb. 1878).
Auch er ist ein Intellektueller, ein ehrgeiziger Literat, ein
Formenk�nstler. Ohne ein urspr�ngliches Wesenszentrum �berl��t er sich
den wechselnden Str�mungen der Zeit. Von der Verherrlichung des
Fleisches � la Wedekind ("Rektor Kleist", 1905) gelangt er zum ideal
platonisierten Denkdrama "Die Rettung des Alkibiades" (1919). "K�nig
Hahnrei" und die "J�dische Witwe" stellen die tragischen Konflikte
Tristans oder Judiths in frecher Jongleurkunst auf den Kopf. "Die
B�rger von Calais" wissen klug errechnete tragische Situationen
rhetorisch auszukosten. "Die Koralle" und "Gas" diskutieren die
sozialen Probleme der Gegenwart. An artistischem K�nnen ist Kaiser
Sternheim bald voraus; er ist reicher, beweglicher, energischer. Aber
es ist die Hast der Nerven, die Psychologie des Intellekts, die Technik
des Films. In den sozialen Dramen -- der Sph�re der Massen und
Maschinen -- werden der Bau mathematisch, die Menschen mechanisch, die
Sprache zum Telegramm. Ein Druck auf die Feder -- und das Werk l�uft
ab: Rede und Gegenrede, Bewegung und Gegenbewegung. Mit virtuoser
Technik wird die ganze soziale Stoffmasse in diesem R�dertreiben
zermahlen. -- Und schlie�lich fallen in der "Rettung des Alkibiades"
auch die Schemen dieser Gestalten; in Anlehnung an den platonischen
Dialog wird das Menschenspiel zum Denkspiel, die Dramatik zur Dialektik.
�ber diese Artisten ragt Paul Ernst (geb. 1866) an Ethos der Kunst- und
Weltanschauung, aber ihre intellektuelle Gebundenheit wei� er nur ins
Geistige, nicht ins K�nstlerische zu l�sen. Er kommt vom naiven
Naturalismus seines Freundes Holz und will mit Wilhelm von Scholz (geb.
1874), der von der Neuromantik und Mystik herkommt, einen
"neuklassischen" Stil im Drama begr�nden. �ber Shakespeares
individuelle Gestalten und Probleme will er zur reinen Typik der
Griechen zur�ck. Aber er ist ein Kunstdenker, kein Kunstsch�pfer; er
gibt geistige Grundrisse statt organischer Gestalten. Tiefer im
Lebensgrunde wurzelt Scholz, zumal in der zweiten Fassung seiner
Trag�die "Der Jude von Konstanz" (1913), die der Hauch Hebbelscher
Tragik durchweht.
Ein gro�es Drama w�chst nur aus einer gro�en, urspr�nglichen
Weltanschauung. Wie die Lebensformen der Mutterboden der epischen, so
sind die Weltanschauungsformen der Wurzelgrund der dramatischen Kunst.
Mit dem Weltkrieg brachen die Lebens- und Anschauungsformen des
materialistischen und rationalistischen Zeitalters zusammen. Aus seinem
Chaos schrie die gemarterte Seele nach ihrem Recht. J�nglinge ballten
ihren Aufschrei zum "expressionistischen" Drama, Walter Hasenclever im
"Sohn", Richard Goering in der "Seeschlacht", am st�rksten Fritz von
Unruh in "Ein Geschlecht". Lyrische Entladungen, Konfessionen,
Predigten und Prophetien gaben sich dramatisch. Des sp�ten Strindbergs
unnachahmliches Traum- und Seelendrama ("Traumspiel", "Nach Damaskus")
wurde unbedenklich zum Vorbild genommen. �ber den zerfallenen Formen
recke sich der befreite, von Urgef�hlen trunkene Mensch empor, der
Mensch schlechthin, der sich eins wei� mit seinen Br�dern, nach Seele,
nach Gott, nach einer neuen wahren Gemeinschaft des Geistes. Aber
ekstatische Schreie, rauschvolle Aufrufe, die Aufl�sung aller
Lebensm�chte in e i n trunkenes Urgef�hl f�hren h�chstens zur lyrischen
Grundform. Dies neue Menschheitsgef�hl will erst in der Wirklichkeit
erh�rtet, vertieft und gekl�rt, in Zwieklang seiner Gegenm�chte
begrenzt und behauptet und in urspr�nglichen Gestalten objektiviert
sein, ehe es zu einem neuen Drama fruchtet.
DIE LYRIK
Die epische Dichtung hat bestimmte Lebensformen, die dramatische
bestimmte Weltanschauungsformen zum Unter- und Hintergrund. Der epische
Dichter kann die Lebensformen nicht selber schaffen -- sie sind die
Voraussetzung seiner Kunst --, der dramatische kann die
Weltanschauungsformen h�chstens mitschaffen, aus den gesamten ideellen
M�chten seiner Zeit heraus. Die Form der lyrischen Dichtung ist die
Form der Pers�nlichkeit. Der Lyriker ist unabh�ngig in seinem
Sch�pferwillen, alles wird ihm Stoff zu sich selber, Welt und Leben
kristallisieren in seinem Ich. So kann in einer zersetzten Zeit, im
Kampf der Lebens- und Weltanschauungen der Lyriker zuerst zur reinen
Form gelangen, als der Vorposten der neuen Menschheit. Und dieses
Ringen um den neuen Menschen, um das B�rgerrecht einer neuen Menschheit
stellt die deutsche Lyrik der letzten Jahrzehnte dar.
1885 erschienen die "Modernen Dichtercharaktere", eingef�hrt von den
Aufs�tzen Hermann Conradis (1862-1890) "Unser Credo" und Karl Henckells
(geb. 1864) "Die neue Lyrik". Die Gedichtsammlung war die Absage an die
Epigonenlyrik Geibels und Heyses, an die "losen, leichtsinnigen
Schelmenlieder und unwahren Spielmannsweisen" Rudolf Baumbachs und
Julius Wolffs. Diese jungen Lyriker wollten "H�ter und Heger, F�hrer
und Tr�ster, Pfadfinder und Wegeleiter, �rzte und Priester der
Menschen" werden. Hermann Conradi gibt 1887 in den "Liedern eines
S�nders" sein lyrisches Bild. Er war der Innerlichste unter den
J�ngeren, der G�rende, haltlos Ringende. Er f�hlte sich berufen, "die
Gegens�tze der Zeit in ihrer ganzen tragischen Wucht und F�lle, in
ihren herbsten �u�erungsmitteln zu empfinden" und "voll Inbrunst und
Hingebung die verschiedenen Stufen und Grade des Sichabfindens mit dem
ungeheueren Wirrwarr der Zeit sch�pferisch zum Ausdruck zu bringen".
�bergang und Untergang sah er ringsum, sich selbst empfand und
gestaltete er in seinen Romanen "Phrasen" und "Adam Mensch" als den
Typus des �bergangsmenschen, in den eigenen Kr�mpfen sp�rte er die
Kr�mpfe der Zeit, deren Krisis er 1889 in "Wilhelm II. und die junge
Generation" ahnend k�ndete: "Die Zukunft, vielleicht schon die n�chste
Zukunft: sie wird uns mit Kriegen und Revolutionen �bersch�tten. Und
dann? Wir wissen nur: die Intelligenz wird um die Kultur, und die
Armut, das Elend, sie werden um den Besitz ringen. Und dann? Wir wissen
es nicht. Vielleicht brechen dann die Tage herein, wo das alte,
eingeborene germanische Kulturideal sich zu erf�llen beginnt. Vorher
jedoch wird diese Generation der �bergangsmenschen, der Statistiker und
Objektssklaven, der N�chterlinge und Intelligenzplebejer, der Suchenden
und Ratlosen, der Verirrten und Verkommenen, der Unzufriedenen und
Ungl�cklichen -- vorher wird sie mit ihrem roten Blute die
Schlachtfelder der Zukunft ged�ngt haben -- und unser junger Kaiser hat
sie in den Tod gef�hrt. Eines ist gewi�: sie werden uns zu H�upten
ziehen in die geheimnisvollen Zonen dieser Zukunft hinein: die
Hohenzollern. Ob dann eine neue Zeit ihrer noch bed�rfen wird? Das
wissen wir abermals nicht." Conradis Leben und Lyrik ist nie zur
pers�nlichen Form gedrungen. So tief er darum rang, die g�renden,
brodelnden Elemente seines Wesens zur Einheit zu binden: "Und ob die
Sehnsucht mir die Brust zerbrennt: -- Auf irrer Spur -- L��t mich die
Stunde nur -- Am einzelnen verbluten."
Karl Henckell, der zweite Herausgeber der "Modernen Dichtercharaktere",
verlor sich vorl�ufig in die Stofflichkeiten des Naturalismus und
Sozialismus. Er sang "Das Lied des Steinklopfers", "Das Lied vom
Arbeiter", "Das Lied der Armen", besang "Das Blumenm�dchen", "Die
Engelmacherin", "Die N�herin im Erker", "Die Dirne", "Die kranke
Proletarierin". Er zeichnete billige satirische Gegenbilder im
"Korpsbursch" im "Einj�hrig-Freiwilligen Bopf", im "Leutnant Pump von
Pumpsack" im "Polizeikommissar F�rchtegott Heinerich Unerbittlich". Er
feierte "das ideale Proletariat": "Heil dir Retterheld der Erde --
Siegfried Proletariat -- leuchtend in der Kraft des Sch�nen." Er
empfand sich als die "Nachtigall am Zukunftsmeer". Durch die
jugendliche Rhetorik und stoffliche Befangenheit brach die --
sozialistisch gef�rbte -- �berzeugung einer Zeitenwende, eines nahen
Zusammenbruchs, einer neuen Zukunft.
�rger noch in diese Stofflichkeit, in die n�chsten Bilder und Phrasen
der Zeit verstrickt blieb Arno Holz (geb. 1863) in seinem "Buch der
Zeit", "Lieder eines Modernen" (1885). Er glaubte sich sch�pferisch,
wenn er die Gro�stadt, das Gro�stadtelend, den Gro�stadtmorgen, den
Gro�stadtfr�hling in w�sserig str�mende Reime und Strophen zwang. Der
"geheime Leierkasten", den er sp�ter aus jeder Strophe zu h�ren
glaubte, klingt �berlaut aus diesen jugendlichen Versifizierungen. Und
es ist pers�nlich begreiflich, da� er 1899 schlie�lich in seiner
"Revolution der Lyrik" Reim, Strophe und festen Rhythmus grunds�tzlich
verwarf und eine Lyrik proklamierte, "die auf jede Musik durch Worte
als Selbstzweck verzichtet, und die, rein formal, lediglich durch einen
Rhythmus getragen wird, der nur durch d a s lebt, was durch ihn zum
Ausbruch ringt". Im "Phantasmus" schuf er dementsprechende,
eindringliche, duft- und farbenreiche Stimmungsbilder und -bildchen.
In Julius Hart, Bruno Wille, John Henri Mackay, dem Sch�ler Stirners,
und Ludwig Scharf erg�nzte und steigerte sich die soziale Lyrik.
Richard Dehmel (1863-1920) vertiefte und beseelte sie. Er war der
Freund Detlev von Liliencrons (1844-1909), des "Blutlebendigen,
Lebensbegl�ckten", Erdurspr�nglichen, der zwar durch den "Naturalismus"
erst ganz zu sich selbst befreit wurde, aber stets reine, sinnenhafte
Natur war und blieb, dem Kampf der neuen Ideen fremd, ein voller
Ausklang der alten lyrischen Linie, der Droste, Kellers, Storms.
Liliencron kam der Entwicklung von Dehmels sinnlicher Anschauung zur
Hilfe, wie Uhland einst dem jungen Hebbel. Dehmel zerbrach die
Kunstanschauung des "Naturalismus": Nie ahmt der K�nstler die Natur
nach. "Weder die sogenannte �u�ere Natur, die Welt der Dinge, noch auch
die innere, die Welt der Gef�hle, will oder kann er zum zweitenmal, zum
immer wieder zweitenmal, in die bestehende Welt setzen, in diese Welt
der Wirklichkeiten. Er will �berhaupt nicht nachahmen; er will
schaffen, immer wieder zum erstenmal. Er will einen Zuwachs an
Vorstellungen schaffen, Verkn�pfungen von Gef�hlen und Dingen, die
vorher auseinander lagen, in der werdenden Welt unserer Einbildungen."
Aus "chaotischen Lebenseindr�cken" will er einen "planvollen Kosmos"
schaffen, "nicht Abbilder des nat�rlichen, sondern Vorbilder
menschlichen Daseins und Wirkens," "�berschauende Zeit-, Welt- und
Lebenssinnbilder". So wird in Richard Dehmel zuerst der moderne Lyriker
sich seiner Aufgabe bewu�t, der sinkenden, zersetzenden Zeit neue
Formen zu erobern, in der Form seiner Pers�nlichkeit und in heiliger
Wirkung und Wechselwirkung, in immer weiteren Ringen �ber sie hinaus:
"Alle Kunstwirkung l�uft schlie�lich auf das Wunder der Liebe hinaus,
das sich begrifflich nur umschreiben l��t als Ausgleichung des
Widerspruchs zwischen Ichgef�hl und Allgef�hl, Selbstbewu�tsein und
Selbstvergessenheit." Den Weg vom Ichgef�hl, einem neuen, starken
Ichgef�hl, zu neu bewu�ten und vertieften Allgef�hl sucht Dehmels Leben
und Lyrik. Vom sozialen Gef�hl der Zeit geht er aus. "Wie kann der
geistige Mensch zur Herrschaft kommen, wenn er umgeben bleibt von
Menschen, die nicht einmal der Pflege des K�rpers freie Zeit genug
widmen k�nnen! Kann denn das geistige Dasein sich steigern, wenn
jedermanns Sinne voll geistiger Unlust sind? Und kann der Geist des
einzelnen wachsen, wenn kein geneinsamer Boden sich bildet, der seine
Seele zum Wachstum anreizt?" Aus dieser leidenden Bruderliebe, aus
diesem Wissen um das Verbundensein alles Volkslebens wachsen seine
sozialen Gedichte "Zu eng", "Vierter Klasse", "Der M�rtyrer", "Jesus
der K�nstler", "Bergpsalm":
Dort pulst im Dunst der Weltstadt zitternd Herz!
Es grollt ein Schrei von Millionen Zungen
Nach Gl�ck und Frieden: Wurm, was will dein Schmerz!
Nicht sickert einsam mehr von Brust zu Br�sten
Wie einst die Sehnsucht, nur als stiller Quell;
Hier st�hnt ein Volk nach Klarheit, wild und grell,
Und du schwelgst noch in Wehmutsl�sten?
Die beiden klassischen sozialen Lieder formen sich: "Erntefeld" ("Es
steht ein goldnes Garbenfeld") und "Der Arbeitsmann" ("Wir haben ein
Bett, wir haben ein Kind"). �ber die Lebens- und Liebeseinheit des
eigenen Volkes, durch die es "dem hunderttausendfachen Bann" der
Lebensnot und -niedrigkeit entw�chst, dr�ngt Dehmels Traum und
Leidenschaft zur Menschheitsstunde: "Bis auch die V�lker sich befrei'n
-- Zum Volk! -- m e i n Volk, wann wirst du sein?" Und �ber die
Menschheit hinaus st�rmt sein Lebenswille ins Weltall: "Wir Welt!" Das
ist das letzte Ziel, die Durchdringung von Eins und All. Den Weg f�hrt
uns die Liebe: "Wer so ruht an einem Menschenherzen -- Ruht am Herzen
dieser ganzen Welt."
Dieses Mysterium k�ndet der "Roman in Romanzen: Zwei Menschen" dreimal
36 Gedichte und drei Vorspr�che zu je zw�lf Zeilen, die zusammen wieder
36 Zeilen ergeben. Alle Gedichte haben den gleichen Aufbau: eine
Naturschilderung als Einleitung, die Worte des Mannes, die Worte der
Frau, ein paar Schlu�zeiten, die in neuer Einheit die Seelenstimmung
zusammenfassen. Diese Strenge der Gliederung schafft architektonische
Sch�nheit, aber hemmt und verbaut auch. Es kommt weder zur reinen
epischen Erz�hlung noch zum reinen lyrischen Ausstr�men. �berhaupt
bleiben die epischen Elemente, die eigentliche Handlung, die F�lle der
Schaupl�tze, bedenklich stofflich. Hinrei�end ist der ekstatische
�berschwung der Grundstimmung, der zwei Menschen aus ihrer Einzelhaft,
durch die Liebe, zur Verbundenheit mit der Natur, der Menschheit, dem
Weltall, zum "Weltgl�ck" f�hrt, bis selbst der Tod sie nicht mehr
schreckt:
Wir sind so innig eins mit aller Welt,
Da� wir im Tod nur neues Leben finden.
So w�chst Dehmels Ich-Bewu�tsein in immer weiteren Kreisen zum
Weltbewu�tsein, nicht nur im Gef�hlsrausch des Lyrikers, sondern im
menschheitlichen Vorkampf. Die Harmonien zwischen Mann und Weib
offenbaren sich ihm nur darum so machtvoll, weil er abgr�ndige
Disharmonien durchlitten und durchschritten hat. Seelische Helle w�chst
aus sinnlichem Dunkel. "Die Verwandlungen der Venus" zeichnen --
stofflich �berlastet -- diesen Weg der L�uterung: "Aus dumpfer Sucht
zur lichten Glut."
Alle Menschheitsbeziehungen werden in ihrem Doppelspiel von Ha� und
Liebe, von Selbstbehauptung und Hingabe neu zur Frage gestellt. Wie
Mann und Weib sich gegen�berstehen, so Vater und Sohn. Im Kampf der
Generationen, der alten und jungen Weltanschauung ruft er als Vater --
als erster Vater! -- seinem Sohne zu:
Sei du! Sei du!
Und wenn dereinst von Sohnespflicht,
Mein Sohn, dein alter Vater spricht,
Gehorch' ihm nicht! Gehorch' ihm nicht!
Als der Weltkrieg ausbrach, da war es Dehmel, dessen tapferer
Lebensglaube stets gewesen, durch die Zeit hindurch zur neuen Zeit und
Form sich vorzuringen, Pflicht und Bed�rfnis, als
einundf�nfzigj�hriger, ungedienter, gemeiner Soldat in das Heer zu
treten und den Entscheidungskampf der neuen Menschheit mitzufechten:
"Die Begleitumst�nde sind allerdings scheu�lich, aber das Hauptziel des
Kampfes ist herrlich und heilig; denn wir wollen den Frieden auf Erden
schaffen, a l l e n Menschen zum Wohlgefallen... Etwas mehr
Himmelsluft wird sich doch nach diesem reinigenden Sturm ausbreiten,
bei uns selbst wie im ganzen V�lkerverkehr. Und was war der Hauptgrund,
warum ich alternder Mann zur Waffe griff, nicht blo� aus
Vaterlandsliebe und Abenteurerlust; da mein K�rper noch kr�ftig genug
dazu ist, mu� ich ihn einsetzen f�r die geistige Zukunft." Als Soldat
der neuen Menschheit ist er gestorben, an einer Venenentz�ndung, die er
sich im Kriege zugezogen.
Das K�mpferpathos Dehmels, das anfangs dem jungen Schiller nah ist,
bevorzugt die charakteristische vor der musikalischen Form. Jeder
Gl�tte in Bild, Rhythmus und Strophe setzt er herbe Eigenheiten
entgegen. Der vierzeiligen Strophe gibt er eine f�nfte Zeile mit, ohne
Reim, von besonderem Rhythmus. Bild und Versform wirken oft geschmiedet
und geh�mmert. Auch seine "impressionistischen" Naturbilder sind keine
nachgiebige Eindruckskunst, sind Umwandlung �blicher, erstarrter
Anschauungen in charakteristische, von innen bewegte Bilder.
In der Herbheit der inneren und �u�eren Form ist ihm Paul Zech (geb.
1881) verwandt. Soziales Ethos erf�llt und durchbebt sein
b�uerisch-westf�lisches Blut. Einige seiner V�ter sch�rften Kohle. Er
selber hat nach Vollendung seiner Studien in tiefster sozialer
Verbundenheit nicht nur als Dichter, sondern zwei Jahre auch als
Mensch, als Arbeiter, am Leben der Bergleute teilgenommen in Bottrop,
Radbod, Mons und Lens. In den Vers- und Novellenb�chern "Das schwarze
Revier", "Die eiserne Br�cke", "Der schwarze Baal" zieht sein Ethos die
Machthaber, die Harth�rigen und Verblendeten vor Gericht, G�te und
Menschlichkeit f�r alle zu fordern. Die Stoffwelt des jungen
Naturalismus kehrt wieder: Fabriken, Zechen, Sortierm�dchen, Fr�ser,
aber durchseelt von einem Ethos und Pathos, das aus religi�sen Tiefen,
aus Christi Herzen steigt und zur "Neuen Bergpredigt" berufen ist.
Dieser religi�sen Menschheitsverbundenheit mu�te der Weltkrieg, Weltha�
und -gemetzel, die Zech als ungedienter gemeiner Soldat in den
furchtbaren K�mpfen (Verdun und Somme) miterlebte, zum apokalyptischen
Grauen, zur S�nde wider den Heiligen Geist werden. Von den tausend
Kriegslyrikern hat Zech allein von Anfang an den Krieg in seiner
metaphysischen Bedeutung erlebt und gestaltet. Seine Gedichtb�cher
"Golgatha" und "Das Terzett der Sterne" rei�en den Krieg aus den
historisch-politischen Verkn�pfungen vor das Angesicht Gottes.
Ewig sind wir Kain. Unser Dasein hei�t: vernichten!
K�me tausendmal noch Christi Wiederkehr:
Immer st�nden Henker da, ihn hinzurichten.
Fluch der Welt ist, da� uns Abel kindlos starb.
"Zweitausend Jahre noch nach Golgatha -- G�ttliche Jugend blutig auf
der Bahre!" "Und immer neue M�tter stie�en ihre Knaben -- In immer
helleren Scharen in das Feld -- Als w�r vernarrt die ganze Welt -- Den
Mord hinfort als Hausaltar zu habe? -- ...Da� du, Gekreuzigter, nicht
von dem Holz -- Herabsprangst und mit Gei�eln auf die Menge hiebst --
Und klein zur�ck auf ihren Ursprung triebst." "Seit jenen Tagen braust
durch das verf�hrte -- Geschlecht ein schriller Ton -- Wie ihn schon
einmal ausstie� der verlorene Sohn." Aber den wilden L�rm der
Schlachten �berschwillt die Musik der Sterne, wenn im D�mmern der Nacht
Gott aus den Mauerflanken anderer Erden ein Orgelhaus erbaut; dann
l�sen sich die erdengrauen K�mpfer aus Blut und Schlamm der
Sch�tzengr�ben ins Licht und Lied der Sterne und singen mit dem
Br�derheer der Toten und den brausenden Stimmen der W�lder die gro�e
Sch�pferfuge:
Zuletzt ist Gott nur noch alleine
Zuckender Puls im All...
Weit �ber Wind und Wassern h�mmert seine
Urewigkeit wie Fl�gel von Metall.
Ist Zechs Menschenglaube und -liebe von alttestamentlichem,
prophetischem Eifer der Klage, des Zorns, der Forderung, so ist Franz
Werfels (geb. 1890), des Pragers, Liebe zur Welt und Menschheit
weicher, inniger, mystischer. Er stellt des Laotse Wort vor seine
Gedichte: "Das Allerweichste auf Erden �berwindet das Allerh�rteste auf
Erden" und Dostojewskis Wort: "Was ist die H�lle! Ich glaube, sie ist
der Schmerz dar�ber, da� man nicht mehr zu lieben vermag." Immer tiefer
und reicher sprechen seine Gedichtsammlungen "Der Weltfreund", "Wir
sind", "Einander" "Der Gerichtstag" die Lebens- und Liebesverbundenheit
aller Kreaturen aus. Nur als Erscheinung sind wir getrennt, im Wesen
sind wir eins, eins in Gott. Noch im �rmlichsten Menschen, im
verachtetsten Tier und Ding ist Gott verborgen, ringt Gott nach
Offenbarung. Und diesen g�ttlichen Funken, diese g�ttliche Einheit
hinter aller getrennten Erscheinung, hinter Armut, Eiter und
Niedrigkeit zu suchen und zu lieben, ist unsere religi�se Aufgabe, ist
der Sinn unseres Lebens: "Wer sich noch nicht zerbrach -- Sich �ffnend
jeder Schmach -- Ist Gottes noch nicht wach. -- Erst wenn der Mensch
zerging -- In jedem Tier und Ding -- Zu lieben er anfing."
So fleht der Dichter aus der Dumpfheit und Einsamkeit irdischer
Gebundenheit: "O Herr, zerrei�e mich!" so braust der Bittgesang der
neuen Menschheitsgemeinde:
Komm, Heiliger Geist, du sch�pferisch!
Den Marmor unserer Form zerbrich!
Da� nicht mehr Mauer krank und hart
Den Brunnen dieser Welt umstarrt,
Da� wir gemeinsam und nach oben
Wie Flammen ineinander toben!
-- -- -- -- Da� nicht mehr fern und unerreicht
Ein Wesen um das andere schleicht,
Da� jauchzend wir in Blick, Hand, Mund und Haaren
Und in uns selbst dein Attribut erfahren.
Im Dichter wird dieses Gebet zuerst und zutiefst erf�llt: "In dieser
Welt der Gesandte, der Mittler, der Verschm�hte zu sein, ist dein
Schicksal," k�ndet ihm der Erzengel -- "Da� dein Reich von dieser Welt
nicht von dieser Welt ist," diese Erkenntnis, "ist, o Dichter, dein
Geburtstag". Und so offenbart und erl�st der Dichter hinter der Welt
der Erscheinung die wahre Welt. Von der Welt der Armen, der
Dienstboten, der Str�flinge, der Droschkeng�ule, der Nattern, Kr�ten
und des Aases zieht er den t�uschenden Schleier der Erscheinung und
offenbart das Geheimnis Gottes. Er will nichts sein als "Flug und
Botengang" des Ewigen, "eine streichelnde Hand", die allen
einsam-�ngstenden Kreaturen von der g�ttlichen W�rme und Liebe
mitteilt. Nicht die "Eitelkeit des Worts" nur die Reinheit und G�te der
Seele gibt ihm die Macht zur Offenbarung und Erl�sung: "Der gute
Mensch" ist der Befreier der Welt:
Und wo er ist und sein H�nde breitet...
Zerbricht das Ungerechte aller Sch�pfung,
Und alle Dinge werden Gott und eins.
Nicht die Erscheinung zu fliehen und vor der Zeit abzustreifen, sondern
die Erscheinung zu durchseelen, zu verg�ttlichen, ist der Sinn der
Sch�pfung, nachdem sie einmal im S�ndenfall der Vereinzelung von Gott
abgefallen ist. In der Welt will Gott offenbart und erl�st werden.
Ergreifend spricht sich das im "Zwiegespr�ch an der Mauer des
Paradieses" aus, wo Adam, m�de des Erscheinungswandels, zur alten
paradiesischen Einheit in Gott zur�ckverlangt und ihn anfleht: "H�re
auf, mich zu beginnen!", Gott aber weist ihn zur�ck in die Welt:
Kind, wie ich dich mit meinem Blut erl�ste,
So wart' ich weinend, da� du mich erl�st.
Werfel ist urspr�nglich, innig, oft franziskanisch-kindlich in seiner
Religiosit�t; gerade, sicher und sehnend w�chst seine Dichtung zum
Himmel auf, wie ein gotischer Turm (erst im "Gerichtstag" gewinnt die
Reflexion zersetzend Macht). Rainer Maria Rilkes, des �lteren Pragers
(geb. 1875), religi�se Lyrik ist mehr die Zierart am Turm, die F�lle
und Unruhe der gotischen Skulpturen, der Heiligen, Tiere und Ornamente.
Sie hat keine urspr�ngliche, eigenm�chtige Strebe- und Baukraft. Rilke
ist der Ausgang eines alten K�rntner Adelsgeschlechtes, verfeinert,
m�de, heimatlos. In steten Reisen wechselte er zwischen Wien, M�nchen,
Berlin, Ru�land, Paris, Italien. Er lebt wie seine Gestalten "am Leben
hin" nicht ins Leben hinein, durchs Leben hindurch. Die tiefsten
Offenbarungen gibt ihm nicht das unmittelbare Leben, sondern das
mittelbare: die Kunst. Erst in den Worpsweder Malern und ihrer
Atmosph�re wird ihm die seelische Bedeutung der Landschaft, erst in der
Kunst und dem K�nstler Rodin die religi�se Bedeutung des Menschen
Erlebnis. Rodin, bekennt er, habe ihn "alles gelehrt, was ich vorher
noch nicht wu�te, ge�ffnet durch sein stilles, in unendlicher Tiefe vor
sich gehendes Dasein, durch seine sichere, durch nichts ersch�tterte
Einsamkeit, durch sein gro�es Versammeltsein um sich selbst". Sein Buch
�ber Rodin ist wohl sein tiefstes und reichstes Werk. Wie Rodin, der
Gotiker unter dem Bildnern, den menschlichen K�rper aufl�st in Seele,
so l�st Rilkes "Stundenbuch" mit den drei B�chern "Vom m�nchischen
Leben", "Von der Pilgerschaft" "Von der Armut und vom Tode" die K�rper
und Dinge in Gott. "Es gab eine Zeit, wo die Menschen Gott im Himmel
begruben... Aber ein neuer Glaube begann... Der Gott, der uns aus den
Himmeln entfloh, aus der Erde wird er uns wiederkommen." So offenbart
Rilke Gott in den Kindern, den M�dchen, dem Volk, den Armen, den
Bauern, der Landschaft, und mehr als in den Menschen in den Dingen:
"Weil sie, die Gott am Herzen hingen -- Nicht von ihm fortgegangen
sind." Aber diese Offenbarung w�chst nicht wie bei Werfel aus
unmittelbarem Lebensanteil und -zwiespalt und heiliger Gewi�heit, sie
w�chst aus der Sehnsucht des heimatlosen Zuschauers und K�nstlers und
aus dem Wissen um viele religi�se Vorstellungen und Symbole. Ein
russischer M�nch ist der Tr�ger und Schreiber des Stundenbuches, und
der ganze Stimmungsreichtum russischer Kl�ster, Kuppeln, Ikone,
Gossudars wird genutzt. Anderen religi�sen Gedichtzyklen, wie den
"Engelliedern" und den "Liedern der M�dchen an Maria" werden
pr�raffaelitische Erinnerungen zu Stimmungstr�gern. Und die "Neuen
Gedichte", die in der F�lle ihrer Bilder die Beziehungen der
individuellen Erscheinungen zu den letzten Prozessen und Formen des
Daseins gestalten wollen, tun dies nicht aus der dr�ngenden Einheit und
Tiefe eines urspr�nglichen Weltgef�hls, sondern im seelischen oder
gedanklichen Umkreisen eines Themas. Oft gestaltete, k�nstlerisch schon
reizvoll umspielte Themen locken Rilke besonders: Abisag, David vor
Saul, Pieta, Sankt Sebastian, Orpheus und Eurydike, Alkestis, Geburt
der Venus, Eranna an Sappho usw. In diesen Lebensbildern sucht und
schafft die Seele sich Heimat, der das Leben selber sich verschlie�t.
Und sie bringt ihnen all ihre menschliche und k�nstlerische
Feinf�hligkeit und Bewu�theit als Gastgeschenk. Fr�hzeitig hat Rilke
sich seinen Sprachstil geschaffen von solcher Eigenheit, da� er die
Grenze der Manier streift. Unscheinbare Worte wei� er neu zu beseelen,
verbrauchte Bilder auf ihren Ursinn zur�ckzuf�hren, Gleichnisse prezi�s
auszubauen. Durch Assonanz, Binnenreim und H�ufung des Endreims wei� er
der Sprache eine slawische Weichheit und Klangf�lle zu geben. Im
letzten Gedichtbuch, der "Neuen Gedichte zweiter Teil", gewinnt jedoch
das Artistische bedenklich Raum.
Die Neigung zur Mystik ist Gefahr und Flucht f�r eine Zeit, die die
Form der Pers�nlichkeit wiedergewinnen, nicht aufgeben soll. Nicht
ichfl�chtig, sondern im tiefsten ichs�chtig mu�te der Lyriker werden,
der zur Form der neuen Lyrik: zur Form des neuen Menschen vordringen
wollte. Und wenn niemand durch die Zeit hindurch zu ihr drang, wenn
selbst Richard Dehmel, dem st�rksten Bildner, deren zersetzte Elemente
br�ckelnd in den H�nden blieben, so konnte nur der die reine Form der
Pers�nlichkeit, des neuen Menschen bilden, der es von Anfang an au�er
der Zeit und gegen de Zeit unternahm. So ist die Pers�nlichkeit und
Dichtung Stefan Georges (geb. 1866) Form geworden.
Der Wille zur Form war das Wesengesetz Georges von fr�h auf. Er selbst
weist darauf hin, da� ihm die Formkr�fte des r�mischen Imperiums, des
Katholizismus, der rheinischen Landschaft im Blute mitgegeben seien.
Zuerst wurde dieser Formwille �sthetisch seiner bewu�t. Die "Bl�tter
f�r die Kunst" die er 1892 gegr�ndet, f�rderten -- beeinflu�t von den
Pr�raffaeliten und von franz�sischen Lyrikern, wie Baudelaire,
Verlaine, Mallarm�, Villiers -- eine "Kunst f�r die Kunst", sahen "in
jedem Ereignis, jedem Zeitalter nur ein Mittel k�nstlerischer
Erregung". Aber hinter diesem Willen zur �sthetischen Form rang und
schuf bei George -- nicht bei seinen Mitl�ufern -- der Wille zu Lebens-
und Wesensformen. Und weil er diese in der eigenen Zeit nicht fand,
weil aus deren zersetzten Elementen auch keine reinen Formen zu bilden
waren, floh seine Seele "vor�bergehend in andere Zeiten und
�rtlichkeiten", um dort die Urformen des Menschentums in ihrer Reinheit
wieder zu suchen und bildhaft zu erneuern. In Algabal, dem r�mischen
Priesterkaiser, fand er sein antikes Gegenbild: den J�ngling, den es
verlangte, unabh�ngig von einer zergehenden Um- und Au�enwelt ein Leben
und Reich reiner Sch�nheit, reiner Formen zu schaffen:
Sch�pfung, wo nur er geweckt und verwaltet,
Wo au�er dem seinen keine Wille schaltet,
Und so er dem Wind und dem Wetter gebeut.
Der Schatten Ludwigs II. weht durch diese Strophen. Aber an der
Vermessenheit des Einsam-�berheblichen zerbricht diese Welt. Aus dem
Abseits und der Vereinzelung sp�tr�mischen Herrschertums fliehen die
"Hirtengedichte" in die mythisch gel�uterten Urformen naturhaft sch�nen
und reinen Menschentums, wie sie die Griechen zuerst gewahrt und
gebildet haben. Hier beginnt die tiefe Wesensverwandtschaft Georges mit
der Antike deutlich zu wurden. Das Christentum hatte in seiner
Weltfl�chtigkeit, seiner metaphysischen Sehnsucht und Wertung
formsprengende Elemente in sich aufgenommen; nur im s�dlichen und
rheinischen Katholizismus waren Himmel und Erde in Lebensfreude und
Bildhaftigkeit eins geblieben. Georges reinem Formenwillen konnte nur
eine antikische Weltanschauung genugtun, in der Gott und Welt, Seele
und Leib sich restlos durchdrangen, und in der Sch�nheit der Gestalt
zur vollkommenen Form gelangen. "Den Leib vergotten und den Gott
verleiben", das war ihm der Sinn alles Weltgeschehens, darin Natur und
Kunst sich trafen. F�r diese religi�se Aufgabe bedurfte die Dichtung
einer vollen Erneuerung ihrer Formsubstanz: der Sprache. Und von Anfang
an hatte George sich darum gem�ht, die epigonenhaft verbrauchten
Elemente der deutschen Sprache neu zu schaffen. Er war in den Geist und
Klang von sieben fremden Sprachen eingedrungen. In unerm�dlichen
�bersetzungen hatte er die deutsche Sprache bereichert, durchgl�ht und
geh�mmert. Im "Algabal" war ihm die Sprache ganz zu eigen geworden; es
waren keine �bernommenen und verbrauchten Elemente mehr in ihr, sie war
wieder urspr�nglich, war imstande, seinen neuen reinen. Wesens- und
Lebensformen in reiner Sprachform Gehalt zu geben.
Nun war George stark genug, von seiner Flucht in die Welt der
Geschichte zur�ckzukehren, nicht mehr Urbilder vergangener Zeiten zu
erneuern, sondern Urkr�fte zu bannen. Im "Jahr der Seele" (1897)
offenbart er Urformen der Natur.
Die Natur ist ihm kein Gegensatz zum Geist oder zur Seele, ist ihm die
Lebenseinheit beider, urspr�nglich und ewig wie die Antike, die keine
entg�tterte und entseelte Natur kannte. So erschienen im "Jahr der
Seele" die Urformen der Natur, die Jahreszeiten, in Bildern von
r�umlicher Gegenst�ndlichkeit und Farbigkeit und zugleich tiefster
Seelenhaftigkeit. Die Seele sucht hier nicht -- wie bei Goethe -- die
Natur, um an ihr sich zu finden und auszusprechen; beide sprechen sich
in urspr�nglicher, kosmischer Einheit aus. Urformen der Natur
offenbaren sich als Urformen der Seele, Urformen der Seele als Urformen
der Landschaft. So sind es keine Stimmungs-, sondern Schicksalsbilder,
die diese Gedichte schaffen. Die F�lle des Herbsttags hebt an, die
reife Ernteruhe und -klarheit, der Friede der Erf�llung, den doch der
Vers Hebbels schon ahnend durchschauert: "So weit im Leben ist zu nah
am Tod." Wie sind Seele und Landschaft eins in solchem Gedicht:
Wir schreiten auf und ab im reichen Flitter
Des Buchenganges beinah bis zum Tore
Und sehen au�en in dem Feld von Gitter
Den Mandelbaum zum zweitenmal im Flore.
Wir suchen nach den schattenfreien B�nken,
Dort, wo uns niemals fremde Stimmen scheuchten,
In Tr�umen unsre Arme sich verschr�nken,
Wir laben uns am langen, milden Leuchten.
Wir f�hlen dankbar, wie zu leisem Brausen
Von Wipfeln Strahlenspuren aus uns tropfen,
Und blicken nur und horchen, wenn in Pausen
Die reifen Fr�chte an den Boden klopfen.
Erst nachdem George die Urformen der Geschichte und der Natur erlebt,
erneuert und gebannt, ist er gel�utert und gest�hlt zur Weihe der
Berufung. Jetzt erscheint ihm der Engel des "Vorspiels": "Das sch�ne
Leben sendet mich an Dich -- Als Boten." Der Geist des Lebens erscheint
ihm jetzt, des "sch�nen Lebens", dem alles Dasein reine Einheit ist und
klare Form. Der hebt ihn zu sich auf die heilige H�he der Sendung. Die
reinen Formen, die er bisher nur erfahren und erneuert -- jetzt darf er
sie am Urquell mit schauen und -schaffen; ein Leben der Weihe wartet
seiner, in dem jede Stunde sich sinnvoll einordnen, sch�pferisch
rechtfertigen will. Aber die Gnade der Berufung fordert das Opfer, die
Hingabe, den ausschlie�lichen Dienst des Berufenen. Aus irdischem Gl�ck
und menschlicher W�rme schreitet er zur Gipfelh�he, Gipfeleinsamkeit,
Gipfeleisigkeit.
"Georges Vorspiel ist nur Gedicht, gehorsam demselben strengsten
Gehei�, das den Zarathustra erzwang: dem Ich Gesetz und Heil des Lebens
zu schaffen in gottblinder und weltwirrer Zeit, doch nicht f�r alle und
keinen, sondern aus dem einen. Ist ein Dichter mehr als blo� ein Ich,
dann gilt es dadurch den anderen; und was ihn ruft, weckt auf die
Ohren, die ihn vernehmen. Soll er den Kreis f�llen, so mu� er die Mitte
und die Strahlen halten, nicht dem Umfang nachlaufen. S i c h
gestalten, sich erf�llen, sich vollenden war Georges erstes Gebot, und
das empfing er nicht vom Fernen, sondern vom N�chsten, seinem eigenen
Herzen. Doch eben dies Gebot war die Antwort auf die Frage des
Lebens... und indem er sich erf�llte, als Dichter, indem er seine Form
fand, seinen Streit ausfocht, sein Wort sagte, tat er, was an der Zeit
war. Dantes Gesetz hie�: Schaue i Gott... Goethes: Werde Welt...
Georges: Gestalte Leben. Die Gefahren, Leiden, Wonnen und Pflichten
dieses Gesetzes hat er im Vorspiel verk�ndet, von der Einweihung bis
zur Vollendung." (Gundolf.)
Erst der also Geweihte vermag aus dem Geist des Lebens den "Teppich des
Lebens" (1900) zu zeichnen: die geistigen Urbilder des Menschentums in
Natur und Geschichte, "das Kr�ftereich europ�isch-deutscher
Menschenbildung in einzelnen Sch�pfungsformen, von den erdgebundenen
Anf�ngen bis zum geistigen Tun und Wirken der Genius". (Gundolf.) Wie
"ein Epos des Erdgeistes" beginnt die Reihe mit dem m�tterlichen Grunde
alles Menschentums, der "Urlandschaft", in der Mensch, Tier und Erde
noch unbewu�t und einig sind: "Erzvater grub, Erzmutter molk, -- Das
Schicksal n�hrend f�r ein ganzes Volk."
Zum erstenmal in dieser epischen Bilderfolge taucht in Georges Werk das
Volk als Urform des Menschentums auf und als Urform seines Menschentums
das deutsche Volk. Im Vorspiel hatte der Geist des Lebens ihn aus den
magischen Landschaften des S�dens zu "den einfachen Gefilden", der
"strengen Linienkunst" der heimischen, rheinischen Landschaft gef�hrt:
Schon lockt nicht mehr das Wunder der Lagunen,
Das allumworbene, tr�mmergro�e Rom,
Wie herber Eichen Duft und Rebenbl�ten,
Wie sie, die deines Volkes Hort beh�ten --
Wie deine Wogen -- lebensgr�ner Strom!
Jetzt ist ihm das Volk als Urform deutlich geworden, die ihn selber
umfa�t, die Wesens- und Geschichtskr�fte des deutschen Volkes. Seine
Sendung ist zur deutschen Sendung geworden: Indem er die reinen Kr�fte
des deutschen Volkes in sich zur Gestalt bildet, wird er auch der
Bildner seines Volkes sein. -- --
"Den Leib vergotten und den Gott verleiben": die Einheit von Welt und
Gott, Natur und Geist, Leib und Seele war Georges Weltanschauung und
-aufgabe. Sie sollte und mu�te er erleben, erschauen, erschaffen. Das
h�chste Symbol dieser Einheit ist der Gott-Mensch. Und wenn je die
Menschheit dieses Symbols bedurfte zu ihrer Vollendung -- George konnte
sich nicht begn�gen, seine Weltanschauung in zerstreuten Bildern zu
schauen und zu schaffen; sie mu�te sich ihm in einer Gestalt
verdichten. Das war die h�chste M�glichkeit seiner Weltanschauung. Und
seinem Formsehnen und -willen war die h�chste M�glichkeit auch die
h�chste Notwendigkeit. So schaute und schuf er in Maximin, der
geliebten Gestalt eines sch�nen, fr�h gestorbenen J�nglings und
J�ngers, das Bild des Gott-Menschen, darin die Welt vollkommen ward.
"Wir gingen", hei�t es in Georges Maximin-Rede, "einer entstellten und
erkalteten Menschheit entgegen, die sich mit ihren vielsp�ltigen
Eingenschaften und ver�stelten Empfindungen br�stete, indessen die
gro�e Tat und die gro�e Liebe am Entschwinden war. Massen schufen Gebot
und Regel und erstickten mit dem Lug flacher Auslegung die Zungen der
Rufer, die ehemals der Mord gelinder beseitigte: unreine H�nde w�hlten
in eincm Haufen von Flitterst�cken, worein die wahren Edelsteine
wahllos geworten wurden. Zerlegender D�nkel verdeckte ratlose Ohnmacht,
und dreistes Lachen verk�ndete den Untergang des Heiligtums." Da
erschien in Maximin der g�ttlich einfsch sch�ne Mensch, "Einer, der von
den einfachen Geschehnissen ergriffen wurde und uns die Dinge zeigte,
wie die Augen der G�tter sie sehen." In ihm ward der erstarrten Zeit
der Erl�ser:
Die starre Erde pocht,
Neu durch ein heilig Herz.
Die Gedichte auf das Leben und den Tod Maximins, seine Feier,
Verkl�rung und Wirkung bilden die Gipfelh�he des "Siebenten Rings"
(1907). Von ihr aus sind die "Gestalten" geschaut, der zweite Zyklus
des Werkes, "der Aufruf der letzten gotteshaltigen oder
gottesm�rderischen Urwesen zur Wende der Gesamtmenschheit". (Gundolf.)
Im Vor- und Aufblick zu ihr ist in den "Zeitgedichten" die Gegenwart zu
Gericht gerufen, verworfen in ihrer F�ulnis und Finsternis, gesegnet in
den einsam ragenden Lichtgestalten, den Vorbildern: Nietzsche, B�cklin,
Leo XIII., denen Dante, Goethe, Karl August, die alten deutschen Kaiser
sich in ewiger Lebendigkeit zugesellen: Urformen h�heren Menschentums,
wie Held und Herrscher, Priester, Seher und Dichter usw. Hier wird
George Gewissen und Stimme der Zeit.
Im "Stern des Bundes" (1914) wird die Zeitschau, die in den
"Zeitgedichten" nur aus der Ahnung des G�ttlichen geschah, aus seinem
Schauen und Wissen gegeben. Hier w�chst George zum gewaltigen Richter
und Propheten der Zeit empor. Ein paar Monate vor Beginn des
Weltkrieges hat er hier aus heiligen H�hen den chaotischen Untergang
der zersetzten Zeit gesichtet und gerichtet:
Aus Purpurgluten sprach des Himmels Zorn:
Mein Blick ist abgewandt von diesem Volk.
Siech ist der Geist! Tot ist die Tat!
In einer ungeheuren Vision sieht und h�rt er in gewitternden L�ften
schreitende Scharen, klirrende Waffen, jubelnd drohende Rufe: den
"letzten Aufruf der G�tter �ber diesem Land". Er sieht den ma�- und
haltlosen Bau der Zeit wanken und zusammenst�rzen. Er f�hlt die
furchtbare Gewi�heit:
Zehntausend mu� der heilige Wahnsinn schlagen,
Zehntausend mu� die heilige Sache raffen,
Zehntausende der heilige Krieg.
Er h�rt sein Prophetenwort, seinen Schrei zur Umkehr verhallen, als
w�re nichts geschehen. Und im letzten, flammenden Gesicht sieht er den
Herrn des Gerichtes:
Weltabend lohte...wieder ging der Herr
Hinein zur reichen Stadt mit Tor und Tempel,
Er arm, verlacht, der all dies st�rzen wird,
Er wu�te: kein gef�gter Stein darf stehn,
Wenn nicht der Grund, das Ganze sinken soll.
Die sich bestritten, nach dem Gleichen trachtend:
Unzahl von H�nden r�hrte sich und Unzahl
Gewichtiger Worte fiel und eins war not.
Weltabend lohte...rings war Spiel und Sang,
Sie alle sahen rechts -- nur er sah links.
Und als die Vision Wahrheit geworden, das Weltverh�ngnis
niedergebrocben war, als immer noch "In beiden Lagern kein Gedanke --
Wittrung -- Um was es geht", als aller Augen immer noch nur das
strategische Hin und Her anstarrten, da k�ndete er in seinem Gedicht
"Der Krieg" (1917):
Der alte Gott der Schlachten ist nicht mehr.
Erkrankte Welten fiebern sich zu Ende
In dem Getob.
-- -- --
Zu jubeln ziemt nicht: kein Triumpf wird sein.
Nur viele Unterg�nge ohne W�rde.
-- -- --
Keiner, der heute ruft und meint zu f�hren,
Merkt, wie er tastet im Verh�ngnis, keiner
Ersp�ht ein blasses Gl�h'n vom Morgenrot.
Weit minder wundert es, da� so viel sterben,
Als da� so viel zu leben wagt.
-- -- --
Ein Volk ist tot, wenn seine G�tter tot sind.
Aber eben weil George von heiligen H�hen �ber die Zeit hinwegsah, sah
er auch weiter, �ber den Zerfall und Untergang hinaus, m�ndete sein
Kassandraruf in die heilig-liebende deutsche Verhei�ung:
Doch endet nicht mit Fluch der Sang. Manch Ohr
Verstand schon meinen Preis auf Stoff und Stamm,
Auf Kern und Keim...schon seh' ich manche H�nde
Entgegen mit gestreckt, sag' ich: O Land,
Zu sch�n, als da� ich dich fremder Tritt verheere:
Wo Fl�te aus dem Weidicht t�ne, aus Halmen
Windharfen rauschen, wo der Traum noch webt
Untilgbar durch die jeweils tr�nnigen Erben...
Wo die allb�hende Mutter der verwildert
Zerfallnen wei�en Art zuerst enth�llte
Ihr echtes Antlitz...Land, dem viel Verhei�ung
Noch innewohnt -- das drum nicht untergeht, -- -- --
Die ruft die G�tter auf.
Der "Geist der heiligen Jugend unseres Volkes", der -- in Maximin
g�ttliche Gestalt geworden -- schon im "Stern des Bundes" verk�ndet und
in Lehre und Liebe dort unterwiesen war, wird in Frommheit und W�rde,
Zucht und Opfer, Gr��e und Sch�ne die zerfallene Welt erneuern.
Als einziger einer zersetzten Zeit hat Stefan George seine Wesenheit in
Leben und Lyrik zur reinen Form gel�utert, urbildlich erh�ht und
vollkommen gestaltet. Mag das Gesetz seines Wesens wenigen gem�� sein
-- er ragt in die Zeit als Standbild des in sich Vollendeten, ein
Vorbild jedem, das Gesetz seines eigenen Wesens zu ergr�nden, zu leben,
zu formen und im eigenen g�ttlichen Keim die Kraft Gottes im
entg�tterten Europa zu befreien.
DEUTSCHE MUSIK DER GEGENWART
VON PAUL BEKKER
Was ist das: deutsche Musik? Fragt man einen Franzosen nach
franz�sischer, einen Italiener nach italienischer, selbst den Engl�nder
nach englischer, den Amerikaner nach amerikanischer Musik, so wird die
Antwort ohne jegliches Zaudern und Besinnen folgen. Der Russe wird
vielleicht einige Unterscheidungen machen zwischen rein nationaler und
aus westeurop�ischen Quellen befruchteter Kunst, aber auch er wird
nicht z�gern, etwa Tschaikowski trotz dessen Abh�ngigkeit von
au�ernationalen Anregungen als Vertreter russischer Musik anzusprechen.
Und nun stelle man vielleicht in einer deutschen Musikzeitschrift die
Frage: Was ist deutsche Musik, welches sind ihre Vertreter! Man wird
ebensoviel einander widersprechende Antworten erhalten, wie die Erde
Nationalit�ten z�hlt. Unter den Lebenden zum mindesten ist kaum einer,
dessen Musik von allen Seiten als einwandfrei "deutsch" anerkannt
w�rde. Strau�, der den deutschen Namen am st�rksten nach au�en getragen
hat, wird von den Bayreuther Siegelbewahrern in einem betr�chtlichen
Teil seines Schaffens als "undeutsch" abgelehnt, Pfitzners Musik wurde
w�hrend des Krieges von Berlin aus als "undeutsch, weil zukunftsarm"
gekennzeichnet, Reger gilt als verworren, Mahler und Sch�nberg sind
Juden, also nicht diskussionsf�hig, von Schreker in solchem
Zusammenhange auch nur zu sprechen, w�re L�sterung. Jeder dieser
Komponisten hat seine eigene Anh�ngergruppe, ihre Hauptaufgabe ist, die
Minderwertigkeit der anderen ihrem Idol gegen�ber festzustellen, und
die Worte "deutsch" und "undeutsch" spielen dabei die ausschlaggebende
Rolle.
Man k�nnte sagen, da� eine Nation, die nicht vermag, verschiedenartige
individuelle Eigenschaften ihrer eigenen Sch�pferpers�nlichkeiten in
ihren Kulturbezirk einzuordnen, sehr enggefa�te Begriffe von ihren
eigenen F�higkeiten haben mu�. Man sieht schlie�lich, da� auf diesem
Wege eine Erkenntnis �berhaupt nicht m�glich ist, da� es sich vielmehr
bei solchen Streitereien um einen schm�hlichen Mi�brauch des Wortes und
Begriffes "deutsch" handelt. Eine Zusammenfassung, eine Einigung aller
verschiedenartigen, aus einem Stamme erwachsenen Erscheinungen sollte
es sein, ein trennendes Kampfmittel subjektiv kritischer Wertung ist es
gegenw�rtig geworden. Gegen solche Mi�deutung eines kulturellen
Sammelbegriffes zu einseitig parteiischer Nutzanwendung ist von
vornherein Einspruch zu erheben, wenn ernsthaft und sachlich von
deutscher Musik gesprochen werden soll. Als deutsch gilt uns nicht
diese oder jene subjektive Eigenheit des K�nstlers, diese oder jene
stilkritische Beschaffenheit des Werkes, auch nicht Gesinnung oder gar
Tendenz des Schaffens. Als deutsch gilt uns alles, was dem Kreise der
deutschen Kultur entwachsen ist, in ihm seinen geistigen N�hrboden
gefunden, ihm eigene Fr�chte zugetragen hat und so seiner Erscheinung
in der Welt neue Geltung, neue Form gewinnt. Dieser Begriff des
Deutschtums ist nichts unver�nderlich Feststehendes, kein gegebenes
Ma�, dem alles unterworfen wird. Es ist ein stetig Wechselndes. Eben an
dieser F�higkeit des Wechselns der Erscheinung offenbart sich die
innere Produktionskraft der nationalen Kultur. Wie das Deutschtum
Luthers ein anderes war als das Goethes und dieses wieder ein anderes
als das Wagners oder Bismarcks, und jede dieser gro�en Kundgebungen
deutschen Geistes verzerrt w�rde, wollte man sie mit dem Ma� der
anderen messen, so gilt auch f�r unsere Zeit keine Norm, sondern
zun�chst nur der Wert der Erscheinungen. Erst aus aufmerksamer
Betrachtung ihrer Vielf�ltigkeit und vorurteilsfreier Zusammenfassung
aller Str�mungen verm�gen wir das Deutschtum der Gegenwart zu erkennen,
�ber sein Wollen und K�nnen Klarheit zu gewinnen.
Der Franzose, der Italiener, der Engl�nder wei� dies, der Deutsche mu�
es noch lernen. Da� wir gegenw�rtig gerade in der Musik im Kampfe
miteinander stehen um diese Grundkenntnis, ist ein bedeutsamer Zug
unseres kulturellen Lebens. Es mag hier uner�rtert bleiben, wie weit
politische Erbitterung zu solcher Trennung der Geister beigetragen hat,
obschon die Tatsache, da� politische Momente �berhaupt auf
k�nstlerische Fragen Einflu� gewinnen konnten, als Symptom bedeutsam
erscheint. In Wirklichkeit ist die politische Abirrung nur
Begleiterscheinung eines Kunstlebens, das nach irgendwelchen geistigen
Richtpunkten sucht, weil es sich von seinen nat�rlichen N�hrquellen
abgeschnitten f�hlt, weil es den tiefen ethischen Antrieb des
Kunstwillens verloren hat. Dieser Antrieb kommt aus dem Volk, aus dem
Verlangen nach Formung der sch�pferischen Kr�fte des Volkes im Symbol
des Kunstwerkes. Solche Formung geschah, als Bach die Matth�uspassion,
als Mozart die Zauberfl�te, als Beethoven seine Sinfonien schrieb. Aus
dem Wunsch nach solchem Einklang von Volk und K�nstler tr�umte sich der
Romantiker Wagner in den Mythos der Vorzeit zur�ck, baute er Bayreuth,
um dort sein "Volk" zu sammeln. Dieses Bayreuth an sich war schon ein
Zeichen, da� die Gesamtheit des Volkes nicht so auf den K�nstler h�rte,
wie er es w�nschte, da� es ihn in wesentlichem mi�verstand und er, um
sich nach seinem Willen vernehmbar zu machen, eine Auslese aufrufen
mu�te. Rastlose Sehnsucht und gewaltige Tatkraft erm�glichten das
Gelingen, das Kunstwerk wurde noch einmal zur Darstellung st�rksten
geistigen Gemeinschaftslebens, nicht mehr aus naiver Unbewu�theit, aber
doch in imposanter Willensspannung und ohne Inanspruchnahme
au�erk�nstlerischer Mittel. Seit dieser letzten zusammenfassenden Tat
aber ist der Ri� zwischen Volksgemeinschaft und K�nstler scheinbar
un�berbr�ckbar geworden. Die heutige Verwirrung der Geister, der Streit
um deutsche und undeutsche Musik, der Versuch, die Teilnahme an der
Kunst durch Entfachung politischer Leidenschaften zu steigern, ist
nichts als Bekenntnis der Ohnmacht, durch die Kunst selbst unmittelbar
an die Seele des Volkes zu gelangen. Statt des Volkes, statt der
Gemeinschaft bietet sich dem Musiker die �ffentlichkeit. Sie ist nicht
imstande, aus sich heraus Impulse zu geben, sie ist nichts als eine
Verbrauchsgenossenschaft. Sie verlangt interessiert zu werden, die
Wertung besorgt eine eigens daf�r bestellte Fachkritik in den
Sprechorganen der �ffentlichkeit: den Zeitungen. So ist die Musik aus
einer Gemeinschafts-eine Fachangelegenheit geworden, f�r die nur der
fachlich Interessierte verpflichtende Teilnahme hegt. So wird die
Basis, auf der das Werk des K�nstlers ruht, verh�ngnisvoll eingeengt
und gleichzeitig das von seinen Musikern verlassene Volk zur
Befriedigung seines Musikverlangens dem Gassenhauer zugedr�ngt.
Man mu�, um einen Blickpunkt f�r das Gesamtbild der heutigen deutschen
Musik zu gewinnen, sich dieser Lage bewu�t werden. Es kommt zun�chst
nicht darauf an, zu untersuchen, welche Ursachen dieses Ergebnis
herbeif�hrten. Es kommt darauf an, den Sachverhalt selbst deutlich zu
erkennen. Erst von dieser Erkenntnis aus ist es m�glich, die heut
t�tigen Kr�fte richtig zu sehen und zu werten, ohne dabei dem
pers�nlichen Geschmacksurteil die Entscheidung zu �berlassen. Dieses
ist hier Nebensache. Eine Bestandaufnahme der gegenw�rtigen
sch�pferischen Kr�fte, eine Aussage �ber "deutsche Musik der Gegenwart"
kann nicht die Aufz�hlung einer Reihe subjektiver Meinungs�u�erungen
�ber einzelne namhafte Komponisten erstreben. Sie mu� fragen: Wie steht
die heutige Musik zu unserem Volkstum, welchen Beitrag bietet sie zum
Kulturleben der Nation und damit der Menschheit? Wo und wie lebt in der
Musikerschaft der Drang, �ber die spezialisierte Fachkunst hinaus zur
prophetischen Erfassung und Deutung seelischer Grundkr�fte, �ber die
Wirkung auf die �ffentlichkeit hinweg wieder zum Organ des Volkes, zur
K�nderin von Gemeinschaftsideen emporzuwachsen?
Wie aber ist das Kriterium hierf�r zu finden? Wollte man s�mtliche
deutsche Komponisten und Musik�sthetiker der Gegenwart befragen, ob
ihnen nicht ein solches Ziel als erstrebenswert gilt und vorschwebt, so
w�rde die Antwort zweifellos von allen Seiten bedingungslos bejahend
lauten. Und dies trotz der tiefgreifenden Wesensverschiedenheiten von
Menschen, die einander hassen, verfolgen, ver�chtlich machen. So
verheerend wirkt im Deutschen das Subjektivistische der romantischen
Lebens- und Weltidee, da� kein Bewu�tsein der Zusammengeh�rigkeit,
keine Erkenntnis des Gemeinschaftszieles die Begrenztheit des
Individuellen zu �berwinden, die Notwendigkeit verschieden gerichteter
Willenskr�fte achten zu lehren vermag. In dieser Unf�higkeit, die
M�glichkeit mehrerer gleichzeitiger und doch gegens�tzlicher L�sungen
einzusehen, liegt eine verh�ngnisvolle Erschwerung der Ann�herung von
K�nstler und Volk. Sie treibt den Schaffenden naturgem�� zu immer
st�rkerer Betonung pers�nlicher Einseitigkeit, sie verengt seinen
Blick, sie l��t ihn den Begriff des Volkes nicht in der vollen
Erfassung aller Kr�fte, aller Lebensenergien, sondern in bewu�t
einseitiger Betonung individueller W�nsche, in gewollt ausschlie�licher
Hervorhebung besonderer Absichten suchen. Diese fanatische �bertreibung
des Subjektivistischen, diese Verkennung der nat�rlichen Bedingtheiten
des Pers�nlichen ist die Hauptursache nicht nur der gegenw�rtigen
Zersplitterung der Kr�fte, auch der Entfremdung der Kunst gegen�ber dem
Volke, ihrer allm�hlichen Entwurzelung. Die Masse hat im Grunde kein
Verst�ndnis, sie hat -- mit Recht -- auch keine Teilnahme f�r die
K�mpfe, die ausgefochten werden um Spezialfragen und �ber die nur die
Studierten mitreden k�nnen. Das Volk fragt ebensowenig nach den
Prinzipien der Kunstauffassungen, wie es nach dogmatischen Einzelheiten
der Religionen fragt. Es h�ngt der Religion an, die ihm Botschaft
bringt vom �bersinnlichen, es verlangt nach der Musik, die an seine
Seele greift und seinem Geiste Aufschwung gibt. Das Theologengez�nk
aber der "Richtungen" ist ihm gleichg�ltig, und wenn solches �bergreift
auf die Produktion, macht es ihm diese ver�chtlich. Was n�tzt
demgegen�ber der gute Wille, die wohlmeinende Absicht der K�nstler, die
bekehren und demonstrieren wollen, statt glauben zu machen! Ihr Eifer
ist nicht rein, denn es steht der Ehrgeiz der Propagandisten dahinter,
ihre Kunst ist nicht �berzeugend, denn ihr fehlt die Naivit�t des
Absichtslosen.
Diese Naivit�t, diese Absichtslosigkeit, diese vorbehaltlose
�berzeugungskraft des Naturnotwendigen ist das Kriterium f�r die
Bedeutung des Kunstwerkes, f�r die Echtheit des Sch�pferwillens. Erst
oberhalb solcher Voraussetzungen kann subjektive Wertung beginnen, die
dann Frage des Geschmackes ist, an die entscheidenden Grundbedingungen
aber nicht r�hrt. Wenn wir die Kr�fte der Gegenwart erforschen wollen
auf ihr Verh�ltnis zum Volkstum, auf ihre F�higkeit prophetischer
Deutung seelischer Grundkr�fte, auf ihre Berufung zur K�ndung von
Gemeinschaftsideen, so werden wir nicht nach ihrem �sthetischen
Programm fragen, nicht nach ihren erzieherischen Tendenzen, auch nicht
nach ihren stilkritischen Kennzeichen. Wir werden fragen, wo und wie
sich �ber diese pers�nlichen Merkmale hinaus ein sch�pferischer Urtrieb
bet�tigt, der, alles willensm��ig Bewu�te weit hinter sich lassend, aus
tiefstem Zwang des M�ssens in absichtsloser Wahrhaftigkeit schafft und
dadurch zum Wecker elementarer Gef�hlskr�fte wird. Was solcher
Fragestellung standzuhalten vermag aus dem gro�en Bereich deutschen
Kulturgebiete, das ist deutsch, und das vermag entscheidende Auskunft
zu geben dar�ber, wie sich deutscher Geist der Gegenwart in der Musik
darstellt.
Religi�se Grundlagen sind die einfachsten, f�r die Erfassung
weitreichender Wirkungen sichersten St�tzen des Kunstwerkes. Sie
umspannen Ideenkomplexe, die jeder ernsthaften Natur vertraut und
zug�nglich sind, mit denen zu besch�ftigen immer das Verlangen der
besten Menschen ist, und die zudem allen Graden pers�nlicher Bildung
zug�nglich sind. Zeiten, in denen die Kirche den religi�sen Drang zu
befriedigen und in lebendige Kultformen zu fassen wu�te, sind daher f�r
jede Kunst, insbesondere f�r die Musik, stets Zeiten der Hochbl�te
gewesen. Der Gregorianische Choral, das Werk der Niederl�nder, der
alten Italiener mit Palestrina, in Deutschland der protestantische
Choral, die Zeit der gro�en Kirchenkomponisten bis Bach sind Denkm�ler
dieses Zusammenwirkens von Kirche und Kunst. Die unabme�bare Kraft der
Musik Bachs beruht zum nicht geringen Teil darauf, da� in ihr kirchlich
religi�se Kultformen Grundri�, Aufbau und innere F�hrung der
k�nstlerischen Sch�pfung mitbestimmt haben. Gewi� ist es richtig, das
einzig das Genie Bachs eine solche Steigerung der gegebenen Kultformen
erm�glicht hat, denn zahllose andere Musiker, die sich vor, neben und
nach ihm �hnlich bet�tigten, sind heut vergessen. Gewi� ist es
ebenfalls richtig, da� wir heut auch Bachs kirchliche Musik nicht mehr
aus der Gef�hlseinstellung der konfessionell gl�ubigen Gemeinde
aufnehmen. Aber weder die Erkenntnis der Einzigartigkeit von Bachs
Genie, noch der Hinf�lligkeit der f�r ihn grundlegenden Kultformen
verringert die Bedeutung der Tatsache, da� hier Genie und Kultus in
gegenseitiger Durchdringung zu einem zeitlosen Ganzen emporgewachsen
sind. So unrichtig es w�re, Bach in seinen Passionen, Kantaten, Messen,
Chor�len, Motetten etwa nur als Interpreten kirchlicher Formideen
anzusehen, so falsch w�re es, die lebenspendende Kraft dieser Formen zu
untersch�tzen und die Dauer dieser Werke ausschlie�lich als subjektive
Leistung Bachs anzusehen. Hier hatte ein starkes Gemeinschaftsgef�hl
aus der Kultur einer Zeit Voraussetzungen geschaffen, die nun der gro�e
K�nstler erst recht erkannte und bis auf ihre h�chste Tragkraft zu
�berbauen wu�te.
Den Menschen der nachfolgenden Zeit fehlte diese feste Bindung. Wohl
blieb das religi�se Verlangen, aber die vereinheitlichende
Zusammenfassung durch die Kirche, die lebendige kultische Form ging
verloren. An Stelle der kirchlich gl�ubigen Erfassung religi�ser Werte
trat unter dem Doppeldruck der Aufkl�rung wie der idealistischen
Philosophie und Dichtung des ausgehenden 18. Jahrhunderts kritisch
gesinnte Ethik. Sie gab der Musik die neue F�higkeit der Leidenschart,
des Sturmes, des individuellen Erlebens, der Beichte. Sie stellte sie
unter den Zwang der Gef�hlskritik, gab ihr zur Aufgabe die
unerbittliche Auseinandersetzung mit menschlichstem Geschehen, setzte
als Ziel die Gewinnung und Erkennung des Menschen. Mozarts Opern zeigen
dieses Ziel in stofflicher Symbolisierung. Dar�ber hinaus aber ist die
seelische Voraussetzung aller Musik dieser Zeit mit ihrer
Hauptsch�pfung: dem Formbau der Sonate Gestaltung kritischer
Gef�hlsauseinandersetzung und -erkenntnis. In ihr liegt das religi�se
Grundmotiv des Idealismus. Beethovens Werke in ihrer Gesamtheit sind
musikalische Kulthandlungen. In den verinnerlichten Formen der
Kammermusik, in den �ber die Kirche hinausstrebenden Messen, selbst in
der Oper, am st�rksten zusammenfassend aber in den Sinfonien lebt als
treibende Urkraft der ethische Erkenntnis- und Bekenntnisdrang des
deutschen Idealismus, die Religiosit�t, die nicht mehr Kirche, nicht
mehr Dogma ist, sondern die Offenbarung des G�ttlichen nur aus der
Gef�hlskraft der menschlichen Seele empf�ngt. Diese ethische
Religiosit�t war ebenso Eigentum aller geistigen Menschen des
ausgehenden 18. Jahrhunderts, wie Bachs kirchliche Gl�ubigkeit das
seiner Zeitgenossen. Der Idealismus schuf seine musikalische Kultform
im Konzert mit allen Verschiedenheiten seiner Formgattungen, gab
gleichzeitig der bis dahin auf Luxus- oder niedrig volkst�mliche
Wirkungen begrenzten Oper den weiten Horizont allmenschlichen
Geschehens. Aus vorher unbekannten Bezirken des F�hlens und Erlebens
hatten sich neue Gemeinschaften der Menschen geformt, der religi�se
Trieb hatte eine �u�erlich dem Kirchlichen schroff abgewandte, der
geistigen Schwungkraft nach aber h�chster Glaubensf�higkeit ebenb�rtige
Gestaltung gefunden.
Dieser emporflammende Auftrieb der entdogmatisierten und doch
tiefgl�ubigen Seele brach zusammen in der Romantik. Es ist das
entscheidende Kennzeichen der den gr��ten Teil des 19. Jahrhunderts
beherrschenden romantischen Bewegung, da� sie sich nicht f�hig erwies,
dem religi�sen Problem eine neue, eigenkr�ftige Gestaltung zu geben.
Der religi�se Impuls der Romantik �u�erte sich zun�chst in einseitiger
Weiterf�hrung des kritischen Elementes, dem gegen�ber der seelische
Anschwung des Idealismus mehr und mehr erlahmte. Das Ergebnis war teils
eine sich in Einzelheiten materialistischer Art zerfasernde
wissenschaftliche Empirie der Beobachtung, teils eine dieser
N�chternheit abgewandte, auf religi�se Symbole der Vergangenheit
zur�ckgreifende Mystik. Naturalismus und Mystizismus sind
dementsprechend die geistigen und seelischen Grundlagen auch der
romantischen Musik. Zu organischer Einheit zusammengefa�t erscheinen
sie im Gesamtwerk Richard Wagners, in dieser Kunst der Synthese, die
einer religionssuchenden, doch innerlich glaubensunf�higen Zeit statt
des Gemeinschaftserlebnisses den Gemeinschaftsrausch gibt und sich
daf�r der Kultform des religi�sen Dramas in �sthetischer Verkleidung
bedient. Der Romantik mit ihrem Mangel eigener Kraft des Schauens und
Bauens geht die Naivit�t urspr�nglichen Sch�pfertums verloren. In die
Vergangenheit zur�cktaumelnd, greift sie deren absichtslos geformte
Symbole auf und verwendet sie in bewu�ter Reizsteigerung zu Mitteln
absichtsvoller, durch reflektive Kunst planm��ig gestalteter Wirkungen.
Was Nietzsche zuerst als das Dionysische, sp�ter als das
Schauspielerische an Wagners Kunst empfand, war in Wahrheit ihr
Rauschhaftes, das ihn anfangs hinri�, dann abstie�. Aus der
instinktiven Abwehr gegen diesen Rauschtrank entsprang alle Opposition
gegen Wagner. Und doch war dieser Rausch der Wagnerschen Kunst nichts
von der �lteren und gleichzeitigen Romantik grunds�tzlich
Verschiedenes, nur ihre �u�erste Steigerung. Alle romantische Kunst,
"Freisch�tz" nicht minder als "Tristan" ruht auf der Grundwirkung der
Hypnose, der Suggestion, auf der Idee des Traumes. Sie setzt die
Unwirklichkeit als Grundlage des Geschehens voraus, bedient sich aber
in der �u�eren Gestaltung mit nachdr�cklicher Betonung einer
naturalistischen Logik des Geschehens. In solcher Auffassung der
k�nstlerischen Welt als einer Welt bewu�ten Scheines, absichtlicher
Sinnest�uschung lag ein tiefer Widerspruch zur Kunst des Idealismus.
F�r diesen war die Kunst Steigerung, schwunghafte Erh�hung des realen
Seins, kein Gegensatz, sondern durch geistige Hochspannung gewonnene
Sph�re vervielfachter Lebensenergie. Die idealistische Kunstauffassung
war Ergebnis einer im tiefsten Grunde bejahenden, den M�chten des
Lebens innerlich �berlegenen Weltanschauung. Der Romantik fehlt diese
�berlegenheit. Sie ist pessimistisch, weil sie sich dem Leben nicht
gewachsen f�hlt, sie bedarf des Traumes, um der Wirklichkeit zu
entfliehen. Die Kunst ist ihr das Narkotikum, das den Traum
heraufzaubert, und weil diese Kunst als Surrogat des Lebens dient, so
mu� sie mit allen Mitteln der Sinnest�uschung illusionistischen Zwecken
dienstbar gemacht werden. Illusionistisch ist die B�hne der Romantik,
ist die Faktur ihrer Technik. Die Psychologie wird in den Dienst des
Kunstwerks gestellt, das Prinzip des Leitmotives ist das st�rkste
Kunstmittel einer illusionistisch gerichteten Phantasie. Der
bestimmende Einflu� poetisch programmatischer Vorstellungen auf das
sinfonische und instrumentale Schaffen beruht gleichfalls auf dem
Streben nach �bertragung real glaubhafter Vorg�nge in k�nstlerische
Wirkungen. Das Leben sinkt f�r den Romantiker immer mehr zur Unterlage
der Kunst herab, diese selbst wird ihm zum Inbegriff eigentlichen
Lebens und damit auch zur Religion. Unverm�gend, das reale Sein zu
zwingen, fl�chtet der romantische K�nstler in die Traumwelt des
k�nstlerischen Scheins, gestaltet sie mit allen Mitteln der Kunst zum
Abbild einer gew�nschten Wirklichkeit und gewinnt aus der Anbetung
dieses selbstgeschaffenen Idols Befriedigung seiner weltlichen und
�berweltlichen Sehnsucht.
Damit hatte die Musik, namentlich die dramatische Musik, scheinbar �ber
alles Fr�here hinaus eine noch nie erreichte Steigerung religi�ser
Bedeutsamkeit erreicht. Sie war nicht nur, wie bei Bach, k�nstlerische
Verkl�rung gegebener Kultformen, sie stellte nicht nur, wie in der Zeit
des Idealismus, die �bertragung ethischer Erkenntniskritik in
unkirchliche Formen beseelter Geistigkeit dar. Sie war jetzt selbst
Erkenntnis, selbst Religion geworden. Diese Steigerung war indessen nur
scheinbar. Was die Kunst an Selbstherrlichkeit gewann, b��te sie an
umfassender Kraft und seelischer Wahrhaftigkeit ein. Diese zur bewu�ten
k�nstlerischen Wirkung sterilisierte Religiosit�t trug in sich weder
die �berzeugende Urspr�nglichkeit des menschlichen Glaubenserlebnisses
noch den emporrei�enden seelischen Aufschwung des entkirchlichten und
doch gottesahnenden Idealismus. Die romantische Religiosit�t war zu
einer Angelegenheit der �sthetik geworden, ihre Abwendung vom Leben
entzog ihr die flie�enden Kr�fte dieses Lebens. Wagner glaubte, das
Volk zu suchen, er fand den Bayreuther Patronatsverein. Er fand das
gebildete Publikum, da� sich am Rausch seiner Ekstasen religi�s zu
erbauen meinte und nicht f�hig war, zu erkennen, da� hier Symbole einer
entseelten Religiosit�t zu dekorativer Schaustellung arrangiert waren.
Auf der deutschen Gegenwart lastet das Erbe der Romantik. Der
Rauschtrank der romantischen Kunst hat die Geister verwirrt und
seelisch niedergebrochen. Einige meinen, er m�sse immer wieder erneuert
werden, sie glauben in der Fortf�hrung der Hypnose, in der
Aufrechterhaltung der Kunst als des Narkotikums den einzigen Weg zu
sehen. Sie teilen mit der Vergangenheit die Scheu vor dem Leben, die
Realit�t erscheint ihnen sinnlos und schlecht. Es ist die Gruppe jener
K�nstler, die neuerdings in Hans Pfitzner ihren Wortf�hrer gefunden
hat. Man darf, will man die symptomatische Bedeutung solcher
Erscheinungen nicht verkennen und untersch�tzen, ihren Worten nicht
unmittelbare Widerrede, ihren Taten keine absolute Kritik
entgegensetzen. Sie sind Opfer einer Vergangenheit, deren Blendkraft
Generationen get�uscht und zerm�rbt hat. Ihre Hysterie ist ein Teil
unserer eigenen Schw�che, weit entfernt, uns zu unfruchtbarem
Widerspruch aufzureizen, zeigt sie uns die zersetzende Nachwirkung der
romantischen L�ge an dem ersch�tternden Beispiel entnervter Talente.
Ein hei�er Drang zum Glauben, ein bedingungsloser Fanatismus sucht
Erf�llung von der Kraft einer Theatersonne, unf�hig zu erkennen, da�
dieses k�nstliche Licht nur geschaffen ist, um zu t�uschen, eine Welt
des Scheines zu erhellen, eine Gemeinschaft der Lebensfl�chtlinge
anzulocken. Aber diese hingebungsvolle Bewunderung, diese
selbstvergessene Anbetung des gro�en Scheines, dieser Traum von der
Herrlichkeit des Vergangenen ist ein tiefer Wesenszug des deutschen
Charakters. Je �rmer und reizloser die Kunst dieser M�nner wird, je
mehr sie sich in schemenhafte Phantasterei und mystischen Dunst
verliert, um so mehr erkennen wir hier ein urspr�nglich werthaltiges
Gut deutscher Art: die Verehrung des erdhaft Heimischen, des
geschichtlichen Werdens. Es liegt ein religi�ser Zug verborgen in der
bedingunglosen Anbetung des Blutes, der Art, der Gesinnung, und so
wenig solche Verherrlichung des Gewesenen geeignet ist, Erkenntnis zu
schaffen, dem Blick die Kraft wahrhaften Durchdringens zu geben, so
wenig kann man sie aus dem Charakter des Deutschtums streichen. Als
Kunstbekenntnis ist sie der leichtesten Eing�nglichkeit sicher, sie
erspart selbst�ndiges Denken, bietet nichts Eigenes, verlangt nur
Anerkennung des historisch Gegebenen. Diese Religion der Haus- und
Nationalg�tter, deren Heiligkeit bedingt wird durch ihre Herkunft,
geh�rt zu den popul�rsten Bekenntnissen im heutigen Deutschland und
z�hlt eine gro�e Gemeinde. Es ist eine an sich durchaus unreligi�s
Religion, aber sie gibt den suchenden Menschen ein Etwas, an das sie
glauben k�nnen, sei dieses Etwas auch nur ein Fetisch.
Dieses Suchen, dieses Glaubenwollen, dieses starke Durchbrechen des
religi�sen Bed�rfnisses ist das auffallendste Kennzeichen der Gegenwart
im Vergleich mit der unmittelbaren Vergangenheit. Es zeigt sich nicht
nur an dem Versuch, dem k�nstlerischen Nationalismus religi�se
Bedeutung zu geben, es zeigt sich auch an der Entwicklung anderer
Geistesrichtungen innerhalb der gegenw�rtigen Musik. Aus der
illusionistischen Tendenz der romantischen Musikauffassung hatte sich
allm�hlich ein intellektuell hochstehender Naturalismus entwickelt,
sein talentm��ig st�rkster Repr�sentant ist Richard Strau�, die
lebendigste und bewegungskr�ftigste deutsche Musikbegabung seit Wagner.
Bei Strau� ist bis zu den Werken seiner besten Manneszeit,
"Heldenleben" "Domestika" und "Rosenkavalier", der Sinn nur auf
intellektuelle Gemeinschaft, auf die �berzeugungskraft der richtigen
Beobachtung, auf die Freude an der Selbstsicherheit der
naturalistischen Darstellung gerichtet. Aus der Kraft des Wurfes, mit
der hier die materialistische Wirkung der Kunst erfa�t wurde, ergab
sich die Unmittelbarkeit des Eindruckes. Der Rausch kam nicht mehr, wie
bei der �lteren Romantik Wagners, aus der Ekstase eines
Scheinerlebnisses. Er war lediglich Freude an der hinrei�enden
Beherrschung der illusionistischen Darstellungskunst, deren Objekt im
Hinblick auf seine Anregungskraft f�r das Talent des K�nstlers gew�hlt
wurde.
Dieser Naturalismus, der mehr und mehr zur deskriptiven Virtuosit�t
herabsank, hat neuerdings versucht, sich durch Anlehnung an die
Symbolik des Idealismus einen ethischen Anschwung zu geben. Vom
"Rosenkavalier" an �ber "Ariadne" und "Josefslegende" bis zur "Frau
ohne Schatten" tritt in Stoffwahl und k�nstlerischer Behandlung bei
Strau� eine unverkennbare Bezugnahme auf Mozart zutage, eine
Bezugnahme, die freilich nirgends �ber die Bedeutung der
archaisierenden Stilanlehnung hinausgelangt, weil die Strau�sche Kunst
ihrer An der Gef�hlserfassung nach unl�sbar verwurzelt ist in den Boden
der Romantik. Auch diese Lebens�u�erung deutschen Geistes in der
gegenw�rtigen Musik ist nicht zu untersch�tzen. Sie zeigt die
Beweglichkeit, den spekulativen Unternehmungssinn, die technische
Phantasie eines expansiv gerichteten, auf �u�ere Aktivit�t gestellten
Willens. Ihrer bekenntnism��igen Bedeutung nach erscheint sie freilich
vorwiegend Ausdruck eines Materialismus, der seine religi�s ethische
Schw�che unter dem Reichtum �u�erlich reizvoller Bilder zu verbergen
sucht und dabei doch mehr und mehr der Skepsis des �sthetentumes
verf�llt.
Der Traum als Mittel der Vergangenheitserinnerung war das Ziel auch
jener Kunst, die im Anschlu� an die �ltere Romantik durch Vertiefung
des gem�tvoll Innigen, durch strengen Ernst und beschauliche Sammlung
der Gef�hlskr�fte das Rauschharte der theatralischen Geb�rde Wagners zu
vermeiden suchte. Brahms ist die eigenkr�ftigste, durch Festigkeit und
herbe Geschlossenheit des Willens imposanteste Erscheinung dieser Art,
Reger ihr unruhvollst bewegter problematischer Ausklang. Es ergab sich
aus der inneren Willensrichtung dieser Kunst, da� sie sich
ausschlie�lich konzertm��igen Formen zuwenden und diese unter bewu�ter
Betonung ihres formalistischen Charakters einer gesteigerten Intimit�t
des Gef�hlslebens, damit zugleich einer Verengung ihres �u�eren
Wirkungskreises zuf�hren mu�te. Der Wesenscharakter dieser Kunst dr�ng
zur Hausmusik. Er enth�llt sich am freiesten in der Kammermusik und der
auf intern begrenzte Wirkungen berechneten Vokallyrik. Wo er dem
Monumentalen zustrebte, n�herte er sich dem akademischen Formalismus,
der schematisch konstruierten, nicht frei gewachsenen Form. Das
Positive lag in der inneren Bezugnahme auf die wertvollen Kr�fte eines
konservativ beschaulichen Gef�hlslebens, das sich nicht zu erweitern,
nur zu bewahren strebt. Die Schw�che war bedingt durch bewu�t
r�ckschauende Tendenz, durch stille, aber hartn�ckige Abwehr gegen�ber
allen Versuchen, neue Grundlagen, neue Ausgangspunkte seelischen
Gemeinschaftslebens zu finden.
Solche neuen Grundlagen und neuen Ausgangspunkte des Seelischen treten
dagegen mit �berraschender Bestimmtheit zutage in der Musik Anton
Bruckners. �hnlich wie Brahms steht auch Bruckner in naher innerer
Beziehung zum Volkstum. Nur ruht diese Beziehung nicht auf bewu�ter
Archaisierung, traumhafter Zur�ckf�hrung der Gef�hlsart auf eine
innerlich als altert�mlich empfundene Art der Ausdrucksgestaltung. Sie
ergibt sich aus nat�rlich freier, menschlich spontaner Unmittelbarkeit,
ist reines Erlebnis ohne irgendwelche stilistische Bewu�theit. Als
individuelle Erscheinung ist Bruckner in seiner Weltfremdheit, seiner
Mischung von Bauer und M�nch eine fast mittelalterliche Natur, als
K�nstler stellt er unter allen anderen Typen seiner Zeit die erste im
wahrhaften Sinne modern gerichtete Pers�nlichkeit dar. Er steht der
Wagner-Nachfolge sowohl in ihrem krampfhaften Verlangen nach
weltfeindlicher Hypnose wie in ihrer �sthetenhaften Symbolspielerei
ebenso fern wie der versonnen r�ckblickenden Vergangenheitstr�umerei
der formalistisch akademischen Romantik. Er ist ein gl�ubiger Mensch,
dessen unkomplizierte Religiosit�t sich an dem weihevollen Glanz und
der Autorit�t eines unkritisch empfangenen Katholizismus zur
Erhabenheit aufrichtet. Gl�ubigkeit ist f�r ihn kein Rausch, keine
Sehnsucht, kein Spiel, sie ist eine unersch�tterliche, jenseits aller
Zweifel stehende Tatsache. Sie gibt ihm Naivit�t und Kraft der gro�en
Form, gibt ihm die F�higkeit der Gemeinschaftsbildung, die hier wieder
aus der Wucht des wahrhaftigen Erlebnisses erw�chst. In Bruckners Musik
tritt zum erstenmal seit dem Verblassen des Idealismus der wirkliche
Mensch mit seinem Drang zur nicht k�nstlich vorget�uschten lebendigen
Wirklichkeit hervor. Der Traum als Ziel der Kunst wird �berwunden, ein
starkes Gef�hl ist wieder erwacht, das den Erscheinungen der Realit�t
gewachsen und f�hig ist, sie formend zu gestalten. Die Quellen dieses
Gef�hles weisen wieder zur�ck auf die Kirche: Orgelklang,
Hochamtsfeier, liturgisches Zeremoniell sind die Grundlagen f�r
Bruckners Phantasieleben. Man k�nnte an eine gewaltig hervorbrechende
Nachbl�te spezifisch katholischer Kunst denken. Aber hier tritt
gleichzeitig ein so kerniges, bei aller Gebundenheit pers�nlich
gerichtetes Menschentum zutage, da� die kirchliche Bezugnahme nur
Fundament und innere Richtlinie bleibt f�r eine k�hn und frei in die
Welt des Erdhaften hinausgebaute Kunst.
Was Bruckner von der Basis einer strenggl�ubigen, durch inbr�nstige
seelische Erfassung und urw�chsige Einfalt bezwingenden volkst�mlichen
Kirchlichkeit aus begann, das vollendete Mahler. Bruckner wie Mahler
entstammten dem Traumlande der Romantik, in ihnen vollzog sich das
Erwachen der Seele zu einer neuen Lebensgestaltung aus der Kraft eines
neuen Lebenswillens, eines positiv gerichteten Aktivit�tsdranges.
Empfing Bruckner noch die innere Anregung und Beschwingung seiner
Phantasie aus der frommen Erfassung katholischer Glaubenssymbole, so
drang Mahler aus der konfessionell umschriebenen Gedankenwelt vor in
die Sph�re der reinen Naturanbetung. Das Bl�hen und Werden, das Keimen
und Vergehen alles Seienden, das Wunder der zeugenden und schaffenden
Liebe, das Geheimnis des Lebens und Sterbens der Natur, alles, was
gleichnishaft in den Symbolen der kirchlichen Lehre dargestellt war,
erschien jetzt wieder in unmittelbarer Anschauung gespiegelt, nur in
das Symbol des Kunstwerkes �bersetzt. Eine Welt glaubenstiefer und doch
unkirchlicher Religiosit�t tat sich auf, �hnlich wie einst bei den
K�nstlern der idealistischen Zeit und doch ganz anders erschaut.
Nicht mehr Erkenntnis ist das Ziel, nicht mehr Kritik weist den Weg.
Der individualistische Hang, der Trieb zur Befreiung der Pers�nlichkeit
und ihrer Werte, der die individualistische Bewegung getragen und im
subjektivistischen Traumbild geendet hatte, ist erloschen. Jetzt
wechselt er in das Streben nach �berwindung der individuellen
Begrenztheit, nach Eingliederung des einzelnen in das Ganze. Die Natur
in der unbemessenen Vielheit ihrer Erscheinungen wird zum h�chsten
Sinnbild der Totalerfassung sch�pferischer Kr�fte. Der Mensch, nicht
mehr kritisches Geistwesen, sondern vegetabilisches Naturwesen, steht
inmitten dieses Ganzen, nur ein Teilchen davon, pflanzenhaft
erdgebunden und doch wieder Unsterbliches in sich tragend, h�chste
Inkarnation g�ttlicher Urkraft, soweit er sich kosmisch zu empfinden
und zu erkennen vermag. Die Gemeinschaft wird auch k�nstlerisch wieder
zur Quelle einer neuen Formidee: die Gemeinschaft nicht der Gl�ubigen,
nicht der Erkennenden, nicht der vom romantischen Zaubertraum
Berauschten, auch nicht der nationalistisch Gesinnten, �sthetenhaft
Interessierten oder der Vergangenheitstr�umer. Es ist eine h�here
Gemeinschaft, die alle: Gl�ubige, Idealisten und Romantiker umfa�t, von
allen ein Teil in sich tr�gt und es mit den �brigen zu neuer Gesamtheit
einigt. Es ist die Gemeinschaft der Menschen als Gesch�pfe einer
Gottheit der Liebe, aus deren ahnender Erfassung alles Problematische
sich l�st, alles Individuelle verschwindet, alles Schicksalhafte
�berwunden wird. In dieser Verk�ndung der Liebe als der h�chsten
schaffenden Macht, in dieser Anschauung des Menschen nur als Teiles
eines sozial bedingten Ganzen lag die neue religi�se Botschaft, lag die
neue aktive Gestaltung tief dr�ngenden Menschheitsverlangens, lag die
befreiende Tat, die aus der Traumsph�re der Romantik hinausf�hrte in
die Wirklichkeit lebendigen Lebens, sie bejahend und in der Kunst zu
formbewu�ter Gestaltung zwingend.
Es war ein deutscher Musiker, der diese Tat vollbrachte und damit der
deutschen Musik wieder ein hohes Ziel stellte, ihr einen neuen
Gef�hlsgehalt gab. Neu freilich nur im Hinblick auf die innerer
Begr�ndung. Dem Ergebnis nach deckte sich diese kosmische Religiosit�t
mit der christlichen Gemeinschaftsidee wie mit der Menschheitsliebe der
idealistischen Humanit�tszeit. Alle drei sind Auseinandersetzungen mit
dem Gemeinschaftsproblem, verschiedenartig in der Begr�ndung,
�bereinstimmend aber im Resultat der Bejahung des Lebens in der
Gemeinschaft, der �berwindung des Individuellen, der t�tigen
Zusammenfassung aller Kr�fte. Mit dem erneuten Durchbruch zu diesem
Ziel hatte die deutsche Musik wiederum ihre Berufung und F�higkeit zur
Weltmacht erwiesen, ihre Stellung als K�nderin h�chster
Menschheitsideen best�tigt.
* *
*
Zum zweitenmal wurde die sinfonische Form Gef�� der gestaltenden Idee,
jetzt nicht wie bei Beethoven vorwiegend auf die abstrakt instrumentale
Sprache beschr�nkt, sondern stark durchsetzt, zum Teil beherrscht vom
vokalen Ausdruck. Die Sph�re des Geschehens war dem sinnlich fa�baren
Erlebnis n�herger�ckt, die Vorstellungswelt dieser Kunst lag mehr im
Bereich des irdisch Erkennbaren, Gleichnishaften. Dagegen war sie
fernger�ckt dem Naturalismus und Illusionismus der Romantik, und darin
lag der tiefe Wesensunterschied sowohl gegen�ber der gleichzeitigen
Programmusik als auch der Oper. Die Oper war ihrem Ursprung nach dem
unbefangensten, kindlich buntesten Sinnenspiel zugewandt. Im Gegensatz
zu den auf and�chtig religi�se Vereinigung gerichteten musikeigenen
Formen war sie der Verherrlichung der Freude gewidmet, das Fest des
Dionysos und des Eros. K�nstliches Erzeugnis bewu�ten Luxustriebes, als
Formerscheinung abh�ngig von den Bedingtheiten verschiedenartigster,
organisch unverbundener Wirkungsmittel, unterworfen dem
gesellschaftlichen Einflu� der Verbraucher, war sie die unrealste,
durch willk�rliche Mischung der Gestaltungselemente zwitterhafteste
musikalische Kunstgattung. Sie hat in den verschiedenen L�ndern
verschiedenartige Auspr�gung erfahren, hat in Italien eine Entwicklung
nach der musikhaft sinnlichen, in Frankreich nach der schauspielhaft
b�hnenm��igen, in Deutschland nach der gedanklich dramatischen Seite
hin genommen. Aber sie ist stets Erzeugnis und Spiegelung des
Luxuswillens, der Laune, der phantastischen Willk�r geblieben. Das
bedeutet keineswegs Verkennung oder Untersch�tzung ihres Kunstwertes.
Man kann die Oper gewi� nicht streichen aus der Geistesgeschichte der
letzten Jahrhunderte, sie ist die bezeichnendste Auswirkung des
Spieltriebes. Aber nur als solche kann sie erfa�t werden, im Gegensatz
zum gesprochenen Drama, dessen �u�ere Form sie spielend nachahmt, wie
sie jede andere der an ihr beteiligten K�nste: Gesang,
Instrumentalmusik, szenische und fig�rliche Darstellung gewisserma�en
in eine absolut unlogische Sph�re �bertr�gt. Je reiner sie diesen
Charakter des phantastisch parodistischen Spieles wahrt, um so
vollkommener wird sie als Kunstwerk wirken. Der unverg�ngliche Zauber
der Oper Mozarts ruht in der tiefen �bereinstimmung, aus der hier
Sinnenfreude, Spieltrieb, jeglicher Realit�t abgewandte Phantastik zur
tiefsten Erfassung menschlicher Lebenstriebe und Willenskr�fte
gelangen. Die irrationale Form wird zur Spiegelung eines irrationalen
Seins au�erhalb aller Bedingtheiten der Wirklichkeit. Nicht nur die
stofflichen Erscheinungen der Oper Mozarts: Handlung, Charaktere,
�u�ere Aneinanderreihung der Begebenheiten sind dem illusionistisch
gerichteten Verstande unfa�bar. Die musikalische Formung vor allem: das
Ausstr�men des Gef�hles durch die monodramatische Gesangsarie, das
gleichzeitige Ineinanderweben der Stimmen im Ensemble, die
vielgliedrigen, lediglich aus Kontrast- und Steigerungswirkung des
musikalischen Ausdruckes entwickelten Finalebauten -- dies alles
zusammen ergab eine Kunst, der gegen�ber jede rationalistische
Forderung zum Spott werden mu�te. Hier war denkbar h�chste Freiheit des
gestaltenden Geistes, restlose �berwindung der stofflichen Materie,
reine Anschauung des Spieles freier Phantasiekr�fte, eine vollkommene
idealistische Welt als verkl�rtes Symbol der realen. So konnten hier
die gro�en bewegenden Ideen der damaligen Menschheit: die Probleme der
Befreiung der Pers�nlichkeit dargestellt werden an menschlichen
Elementartypen der Figaro-, Don-Juan-, Cosi fan tutte-Sph�re. So konnte
in der Zauberfl�te im Rahmen eines Kinderspieles das Ziel aller
humanit�ren Kultur: die Menschheitsvereinigung durch Freundschaft,
Liebe und Weisheit zu herrlichster Erf�llung in der Kunst gebracht
werden.
Die nachfolgende Zeit hat niemals die einzigartige Musikernatur Mozarts
verkannt. Niemand hat f�r den Genius Mozart tieferes Gef�hl und
Verehrung gehabt als Wagner. Aber die Form der Mozartschen Oper, diese
freieste Gestaltung des Unwirklichen, Unwahrscheinlichen, erschien ihm
unvollkommen, mu�te ihm unvollkommen erscheinen -- gerade der
Eigenschaften wegen, die �ber die W�rdigung von Mozarts blo�em
Musikertum hinaus die kulturelle Gr��e seiner K�nstlerschaft bestimmen.
Die Romantik glaubt sich �ber die Urbestimmung der Oper, �ber die
artbestimmenden Grundlagen der Gattung hinwegsetzen zu k�nnen. Sie
versuchte der Oper das zu nehmen, worin ihr Wesen wurzelte: den
Charakter des Spieles. Sie versuchte, dieser auf heiterster
Sinnenspannung, auf lebhaftestem Reiz der Bilder, auf schmeichelnder
Phantastik der Gef�hlserregung beruhenden Kunstform das zu geben, was
ihr niemals innerhalb ihres unmittelbaren Wirkungsbezirkes eigen
gewesen war: die religi�se Weihe des gro�en Dramas. Das Wesen der Oper
als dramatischer Erscheinung beruht auf bewu�ter Unwahrscheinlichkeit,
auf parodistischer Einstellung gegen�ber allen Realit�ten. Selbst die
Reformen Glucks, zu Unrecht als Vorarbeiten f�r Wagner angesehen,
lie�en den Grundcharakter der Oper als Gattung unber�hrt. Sie bezogen
sich lediglich auf die st�rkere Hervorhebung der lyrisch musikalischen
Wirkungen gegen�ber gesanglich virtuosen Effekten. Ob ernste oder
heitere, ob tragische oder komische Oper, dies war gleichg�ltig f�r die
Auffassung des Typs, aus dem die Oper Mozarts als ideale
Zusammenfassung aller Kr�fte hervorwuchs. Dieses lyrisch phantastische
Erosspiel war in allen Bedingtheiten seines Wesens Erzeugnis der
Renaissance, weitergebildet von Menschen, deren sinnlich empfindsame
und erfindungsreiche Natur hier ein neues Feld f�r ihren
sensualistischen Spieltrieb fand. Der Versuch, von dieser Spielgattung
aus den Weg zu bahnen zum kultischen Drama der Antike, bedeutete nicht
nur eine neue Mi�deutung der Antike, entstellender noch als der
klassisch gegl�ttete Antikenbegriff des Idealismus. Er bedeutete die
unwahrhaftige Theatralisierung kultischer Dinge, ihre Herabsetzung zu
Requisiten opernhafter Wirkungen und, damit verbunden, die falsche
�berh�hung einer in sich organisch geschlossenen Kunstgattung durch das
steigernde Pathos des dramatischen Affektes.
Die romantische Form des musikalischen Dramas, wie es sich in der
Theorie darstellt, ist im Hinblick auf das Wesen der Gattung, das
vollendet in der Oper Mozarts erscheint, eine Abirrung der Oper auf
Gebiete, die au�erhalb des Charakters der Gattung liegen, und auf denen
sie nie Wurzel fassen konnte. Soweit Werke solcher Art in die Breite
wirken wie bei Wagner, beruht die Wirkung in Wahrheit doch auf dem
Spielcharakter der Oper. Er ist auch im musikalischen Drama nur
scheinbar �berwunden und lebt da weiter, wo es die lebendige Wirkung
zeugt. Aber er lebt unter falschem Namen und falscher Einsch�tzung
seines Wesens. In dieser Vort�uschung unwahrer Werte liegt die Gefahr
des Erbes der romantischen Oper f�r die Gegenwart. Es gilt zun�chst,
die Unm�glichkeit der Oper als Form bewu�t kultischer Dramatik klar zu
erkennen. Es gilt gleichzeitig, die falsche Geringsch�tzung des
Spieltriebes als eines gleichsam im h�heren Sinne nicht vollwertigen
Schaffensimpulses abzutun, zu erkennen, da� dieser Spieltrieb, sofern
er vermeidet, sich aus falschem Ehrgeiz dramatisch zu maskieren, aus
sich selbst heraus zur Erreichung wahrhaftigerer Ziele bef�higt ist,
als das h�chstgeschraubte dramatische Pathos sie zug�nglich macht. Es
gilt, formelhaft gesprochen, in der Oper Mozarts nicht nur die geniale
Musiker-, sondern gerade die geniale K�nstlernatur zu erkennen. Nicht
nur in der Oper Mozarts, sondern in der Oper �berhaupt die Idealgattung
des Phantasiespieles, das, frei von allen dogmatisch ethisierenden
Nebenabsichten, aus lebendigstem Widerschein buntester Lebensfarben und
Sinnesreize den ins M�rchenhafte �berspiegelten Abglanz des Realen,
Bewu�ten, Gewollten gibt.
Es ist lehrreich, zu beobachten, wie sich andere V�lker mit diesem
Problem der Oper abgefunden haben. Der romantischen Rauschsuggestion,
der dramatisch zugespitzten Illusionsoper zun�chst ebenso unterworfen
wie die Deutschen, haben Italiener und Franzosen die Gefahr einer
bewu�ten �berbetonung der dramatischen Zweckhaftigkeit der Oper zu
vermeiden gewu�t. Bei beiden Nationen ist in der �u�eren Anlage,
namentlich des Textes, ein auffallend realistisch naturalistischer Zug
bemerkbar. Er beeinflu�t auch die Art der musikalischen
Gef�hlseinstellung und normalen Faktur. Bizets "Carmen" ist das Muster
der psychologischen Oper, Verdis derbe Sinnlichkeit saugt sich fest an
der Unmittelbarkeit elementar erfa�ter B�hnenvorg�nge und �bertr�gt
diese Emotionen mit naiver Drastik in seine Musik. Bei beiden gr��ten
Opernkomponisten ihrer Nationen aber bleibt die dramatische Einkleidung
stets Mittel zum Zwecke des Musizierens. Das Drama gewinnt weder in der
Theorie noch in der Praxis die Vorherrschaft. Der Musiktrieb als der
eigentliche und wahrhafte Spieltrieb dominiert, und selbst den
Nachfolgern Verdis ist die veristische Fassung des Dramas nur ein
Mittel, ihre kurzatmige Musikbegabung schnell und durchgreifend zur
Geltung zu bringen. Bei Gounod, Massenet, Saint Sa�ns ist der normale
Sinn von vornherein in viel zu hohem Ma�e konventionell beeinflu�t, um
die Wahl zwischen Oper und musikalischem Drama je ernsthaft zweifelhaft
zu machen, und auch der ins bewu�t �sthetenhafte abschweifenden
jungfranz�sischen Schule ist trotz der literarischen
Geschmacksverfeinerung die Oper stets die prim�r musikalische Kunstform.
Nur in Deutschland hat sich unter der gewaltigen Nachwirkung von
Wagners Theorien eine seltsame moral�sthetische Auffassung vom Wesen
des musikalischen Dramas herangebildet. Auf ihre tieferliegenden,
innerorganischen Ursachen betrachtet, ist sie das Zeichen nachlassenden
Produktionsverm�gens. Als Lehre aber hat sie schweren Schaden gestiftet
durch Verkennung und Herabsetzung kunsteigener Grundwerte der Oper
zugunsten eingebildeter religi�s ethischer Qualit�ten des musikalischen
Dramas. Das eigentlich Belastende und Sch�digende dieser Geistes- und
Urteilswendung lag nicht in der Tatsache, da� eine gro�e Anzahl
schwacher oder mittlerer Talente sich getrieben f�hlte, Musikdramen zu
schreiben. Es lag auch nicht nur in der �sthetischen
Begriffsverwirrung, die den Blick f�r wesentliche Vorz�ge der
Kunstgattung und damit f�r die Sch�pfungen ganzer Epochen tr�bte, daf�r
k�nstlerischen Belanglosigkeiten hohe sittliche Wertung angedeihen
lie�. Dies w�ren zun�chst Sch�digungen gewesen, die nur die Kunst als
solche betrafen. Der verh�ngnisvollste, in die allgemeine Volkskultur
�bergreifende Nachteil war, da� hier die auf T�uschung, Spiel, Schein,
im sittlichen Sinne auf bewu�ter Unwahrhaftigkeit beruhende Welt des
Theaters als wahr, echt, lebendig, als Tr�gerin und K�nderin der
h�chsten ethischen Norm ausgegeben wurde. Das Gef�hlsleben der Menschen
orientierte sich innerlich an diesen Erscheinungen einer
vorgespiegelten Lebenswahrheit. Es mu�te unecht, unwahrhaftig werden,
weil es sich zum Sklaven seines eigenen Phantasieerzeugnisses machte
und von diesem Gesetze empfing, statt, wie es der urspr�ngliche
Spielcharakter der Gattung forderte, sie ihm zu erteilen. Das
theatralisch Kom�diantische, das so vielfach in der deutschen
�ffentlichkeit der letzten f�nfzig Jahre sich bemerkbar macht, die
Neigung zu falschem Pathos und schlechter Rhetorik sind nicht zum
mindesten Nachwirkungen einer Lebensauffassung, die ihre Gesetze aus
der Oper empf�ngt.
Wir stehen heut der Romantik fern genug, um die Gr��e ihrer
k�nstlerischen Leistungen unbefangen w�rdigen zu k�nnen. Was uns von
ihr trennt und zur Kritik zwingt, ist nicht diese oder jene Einzelheit
im fachlich entwicklungsm��igen Sinne, ist auch nicht Widerspruch gegen
individuelle Begabungen. Es ist grunds�tzlich die durchaus
entgegengesetzte Auffassung vom ethischen Charakter des Kunstwerkes.
Die Romantik �bertrug ihn in den Stoff, in die Form, in das
k�nstlerische Sujet selbst. Mit allen Mitteln genialer Beharrlichkeit
und Tatkraft materialisierte sie ihn, unterwarf ihn dadurch allen
Hemmungen und T�uschungen der Materie, erhob ihn selbst zum bewu�ten
Tr�ger der k�nstlerischen Idee. In diesem Gegensatz von absichtsvoller
Ethik des Stofflichen und zwanglos unbewu�tem Ethos des idealistischen
Spieles wurzelt der Kontrast Wagner-Mozart, wurzelt der Widerspruch der
heutigen Generation gegen die tendenzi�se Kunstauffassung und -lehre
Wagners, wurzelt die Abwendung vom kultischen Musikdrama, die erneute
Neigung zum Erosspiel der Oper.
Es gibt gegenw�rtig drei deutsche Opernkomponisten, in deren Schaffen
der Widerstreit der Meinungen klar zutage tritt: Hans Pfitzner, Richard
Strau�, Franz Schreker. Pfitzner ist der bedingungslose Anh�nger von
Wagners Lehre, deren spekulative Z�ge er in seinen drei Musikdramen
"Der arme Heinrich", "Die Rose vom Liebesgarten" und "Palestrina" in
fanatischer Einseitigkeit zu den �u�ersten Konsequenzen gef�hrt hat.
Die Vorherrschaft der stofflichen Ethik, die bei dem gro�en
B�hnenpraktiker Wagner ungeachtet aller Theorien doch stets im Rahmen
des b�hnensinnlich Wirksamen bleibt, greift bei Pfitzner schlie�lich
auch das organische Leben des Dramas an, das aus vors�tzlicher Askese
immer theaterfremder wirkt. Es ist bezeichnend, da� in "Palestrina"
keine einzige Frauenfigur erscheint. Das M�nchtum dieser Kunst geht bis
zur Verbannung des Eros von der B�hne. Unbemerkt bleibt der grausame
Widerspruch, da� eine scheinbar alle profanen Bedingtheiten
�berwindende Kunst sich der Mittel einer Gattung bedient, deren Wesen
der wechselvollsten Sinnlichkeit der Form unl�sbar verhaftet ist.
Richard Strau� ist sich der Theaternatur der Oper wohl bewu�t. Sein
Schaffen ist auf stilk�nstlerischen Ausgleich von Drama und Oper
gerichtet unter allm�hlich immer st�rker betonter Ann�herung an den
�lteren Formtyp. Soweit ein Problem dieser Art die L�sung auf
experimentellem Wege zulie�, ist sie ihm in mehreren F�llen, nie
einheitlich, wohl aber f�r betr�chtliche Teile innerhalb eines Werkes,
gegl�ckt. Das lebhafte, temperamentbeschwingte Musiziertalent
Strau�ens, seine hinrei�ende, aus starkem Augenblicksimpuls sch�pfende
�berredungsgabe, die unmittelbare Gegenst�ndlichkeit seiner Tonsprache,
dies alles, verbunden mit au�ergew�hnlicher, treffsicherer
Formgewandtheit, macht seine gro�en Erfolge erkl�rlich und berechtigt.
In einer Zeit allgemeiner Geschmacksunsicherheit und Talentarmut war er
der einzige, der sich mit unbek�mmerter Frische und reflexionsloser
Begabungskraft dem musikalischen Naturalismus zuwandte und als echtes
Weltkind dem Geist der Zeit stets zu geben wu�te, was dieser bedurfte.
Solche in allem Technischen und Artistischen meisterliche
Anpassungsgabe konnte allerdings immer nur zu Augenblicksl�sungen, zu
Gegenwartserfolgen gelangen. Sie konnte in ihrer allerseits
verbindlichen Art niemals zu einer im Wesenhaften eigenen und neuen
Erfassung des Opernproblems gelangen. Die stilistischen
Verkleidungs- und Verwandlungsk�nste auch des st�rksten Formtalentes
waren g�nstigstenfalls nur geeignet, zu erreichen, da� die romantische
Auffassung der Oper als des kultischen Dramas keine Gefolgschaft mehr
fand, keine innere Werbekraft mehr �bte, ohne da� es gelungen w�re, ihr
einen selbst�ndigen neuen Operntyp entgegenzustellen.
Erst mit dem Auftreten Franz Schrekers hat sich hier eine Wandlung
vollzogen. Das Bemerkenswerte der Erscheinung Schrekers liegt nicht in
Einzelz�gen seiner Musikerbegabung, so sicher und stark sich diese aus
konventionellen Anf�ngen zur Erringung individueller Eigenwerte
durchzusetzen vermochte. Es liegt auch keineswegs in auffallenden
Besonderheiten stilistischer Art, an denen Bezugnahme auf die
jungromanische Kunst namentlich in Melodik und Harmonik auff�llt,
gesteigert durch �ppige koloristische Phantasie und gro�linige
architektonische Gestaltungsgabe. Aber mit all diesen Eigenschaften
w�re Schreker nur einer unter mehreren. Seine Ausnahmestellung ergibt
sich aus anderem. Zum erstenmal seit Jahrzehnten ist hier eine Reihe
von Werken geschaffen, die jenseits aller Tendenzmacherei und
spekulativen Theorie, jenseits auch jeglicher Stilk�nstelei und
jeglichen Formexperimentes steht. Erwachsen ist sie aus g�nzlich
vorbehaltloser, naiver Erfassung der Oper als eines Spielst�ckes f�r
eine ungebunden schweifende Phantasie, der als Richtlinie lediglich ein
k�hner, naturhaft elementarer Theaterinstinkt dient. Schreker sieht die
B�hne nicht als Kanzel, auch nicht als Ort geistreicher Unterhaltung.
Er sieht sie mit der Unbefangenheit des Kindes, dem sich hier eine Welt
zauberhaftester Unwahrscheinlichkeiten, unbegrenzter M�glichkeiten des
Unm�glichen �ffnet, die nur von K�nstlers Gnaden ihr Sein empfangen und
um so st�rker reizen, je lebensferner sie sind. Schreker sieht die
Opernb�hne wieder mit dem Auge des irrational empfindenden
Phantasiemenschen.
Aus dieser Grundeinstellung ergibt sich der Unterschied nicht nur
gegen�ber der doktrin�ren Ideenoper Pfitzners oder der intellektuell
bedingten Geschmackskunst Strau�ens. Auch andere zeitgen�ssische Kunst,
wie die Eugen d'Alberts oder neuerdings die Opernmusik des jungen Erich
Wolfgang Korngold steht im Gegensatz zur Theorie des Wagnerschen Dramas
und zielt auf den Theatereffekt. Aber hier ist dieser mit bewu�ter
Methodik als Wirkungsfaktor herangezogen. Es werden wieder
periodisierte Melodien und geschlossene Formen geschrieben, weil das
Prinzip des Leitmotives und des deklamatorischen Stiles verbraucht
erscheint. Schreker ist gegen�ber diesen auf das Praktische im Sinne
der Lebensklugheit und des Erfolges zielenden Begabungen eine
naturw�chsige Kraft. Seine Beziehung zur B�hne ruht nicht auf
irgendwelchen Erw�gungen der Zweckm��igkeit, sie ist elementaren
Ursprunges. Seine vier Opern "Der ferne Klang", "Das Spielwerk", "Die
Gezeichneten", "Der Schatzgr�ber" sind Erfolge nicht nur im Sinne des
Kassenberichtes einer Spielzeit, sondern der geistigen Bewegung. Sie
geben der Musik auf der B�hne wieder ihr urspr�ngliches, durch
keinerlei Dienstbarkeit gegen�ber dramatischen Absichten behindertes
Recht des freien Phantasiespieles. Sie gewinnen ihr damit das im Laufe
des 19. Jahrhunderts verlorene Heimatgebiet zur�ck und f�hren so die
Ausdrucksmittel der Oper wieder ihrer nat�rlichen Bestimmung zu. Es ist
denkbar und nicht unbegreiflich, da� manche Menschen einer vorwiegend
auf kritisch intellektuelle Bildung erzogenen Generation solche Kunst
als f�r ihre Begriffe von Kultur nicht ausreichend ablehnen. Damit w�re
sachlich nichts bewiesen, nur die Zuverl�ssigkeit dieses
Kulturbegriffes in Frage gestellt. Vom Standpunkt einer abstinenten
Geschmacksbildung aus wird die Oper wegen der unorganischen Vielheit
ihrer Mittel stets ein nicht ganz vollwertiges Kunstgebilde sein.
Einheitlichkeit gewinnen kann sie nur durch den Musiker, der diese
Buntheit der Mittel als nat�rliche Quellen seiner Phantasie empfindet
und fruchtbar macht, nicht aber das Ganze durch
Prinzipien und Theorien regelt oder stilisiert. Solcherart ist
Schrekers Musik. Als dramatische Gebilde bedeuten seine Opern das
Gegenteil dessen, was etwa dem gesprochenen Drama notwendig und
wesenseigent�mlich ist. Der Musik aber �ffnen sie den Bezirk, auf dem
sie sich als Element der B�hnenwirkung entwickeln kann, ohne von ihrem
ureigenen Wesen etwas aufzugeben, ohne sich selbst zugunsten eines
anderen Zweckes opfern oder begrenzen zu m�ssen.
Dieses ureigene Wesen der Musik ist das Beziehungslose, das
verstandesm��ig Unfa�bare, nicht zu Greifende. Will man das Verh�ltnis
der Gegenwart zur unmittelbaren Vergangenheit, zum 19. Jahrhundert kurz
kennzeichnen, so kann man es nennen den Kampf gegen den Rationalismus
der Romantik. Der Rationalismus war bedingt durch das
Illusionsbed�rfnis der Romantik und dieses wiederum durch ihre
Resignation gegen�ber dem Leben, aus der die Auffassung der Kunst als
des Gegensatzes zum Leben, als des gro�en T�uschungsmittels, als des
Lebenssurrogates erwuchs. Solche Auffassung mu�te notwendig in der
Theorie zur Kunstideologie, in der Praxis zur Wirklichkeits-Imitation
f�hren. Das Unbeziehbare des klanglichen Erlebnisses wurde in allerlei
Beziehungen gesetzt: die Oper mu�te predigen, philosophieren,
moralisieren, zum mindesten psychologischen Anschauungsunterricht
geben. Die Sinfonie wurde der freien Poesie gewidmet, sie stellte dar,
wobei es im Wollen und Ergebnis gleichg�ltig war, ob das Dargestellte
ein direkt bezeichneter dichterischer Vorwurf war oder eine bewu�t
erfa�te formalistische Idee. Wie es aber der Oper und der Sinfonie
erging, so auch den intimeren Gestaltungsformen der Vokal- und
Instrumentalmusik: dem Lied, dem Chorgesang, der Solo- und Kammermusik
verschiedenster Art. Das Lied, durch Schubert aus zopfiger Beengtheit
zur freiesten Spiegelung individuell erfa�ten seelischen
Gem�tsgeschehens erhoben, wurde durch Schumann, Jensen, Franz zur
Stimmungsschilderung abgeschw�cht. Bei Brahms erscheint es unter
Neigung zu volkst�mlich vereinfachender Formung, bei Hugo Wolf und
seinen neudeutschen Nachkommen wird es zur psychologischen Kleinstudie
-- ohne da� Komponisten und H�rern die damit verbundene Entseelung des
Lyrischen zum Bewu�tsein gekommen w�re. Das Vernunftgem��e, auch in
k�nstlerischer Fassung stets irgendwie dem rein logischen Begreifen
Zug�ngliche war unausgesprochene Voraussetzung f�r die Anerkennung des
Kunstwerkes. Dieses selbst blieb nur Dokument des Talentes, etwas durch
Musik auszudr�cken, was dem Inhalt nach ein Andersbegabter ebenso oder
�hnlich auf anderem Wege gesagt h�tte. So zerflo� hier, wie in der
Sinfonie und der Oper, das Musikeigene. Das Interesse wurde fachlich
begrenzt, vorwiegend auf das Wie der Darstellung hingelenkt. Die
Kammermusik der Romantik einschlie�lich ihres gehaltvollsten Teiles:
der Brahmsschen Kammermusik best�tigt dies. Formalistischer Bau, Faktur
des musikalischen Satzes, klanglich koloristische Fassung, Art und
Entwicklung der Gef�hlsdarstellung sind gegeben durch die klassischen
Vorbilder, das �u�erlich Strukturelle vorwiegend durch Beethoven, das
lyrisch Empfindungsm��ige mehr durch Schubert. Dieses Erbe wird nun in
kleine Individualit�tsgebiete aufgeteilt. Die gegebenen Grundma�e
�sthetischer, musikalischer Art bedeuten gewisserma�en ein festes,
geistiges Wirtschaftsgut, das nun aus dem Bereich des Ursch�pferischen,
wo jene gro�en Geister es gefunden, in die kleine, irdisch bewegte Welt
als fertige Tatsache �bernommen und verarbeitet wird.
Entwicklungsm��ig gesehen ist solcher Verlauf nat�rlich und richtig,
sein Wert und seine Bedeutung liegt in der allm�hlichen
Zug�nglichmachung und Durchdringung der Ideen prim�r schaffender
K�nstler. Wenn wir etwa die gesamte Kammermusik nach Beethoven bis zur
folgenden Jahrhundertwende auffassen als Mittel, durch variierende
Einzelausf�hrung die gewaltige Masse der Hinterlassenschaft Beethovens
zun�chst stofflich zu zerlegen und zu konsumieren, um dadurch den
Zugang zu ihrer h�heren Geistessph�re allm�hlich zu gewinnen, so w�re
mit solcher Auffassung etwa die geschichtliche Mission der romantischen
Kammermusik bezeichnet. Damit ist aber zugleich gesagt, da� ihr selbst
die urzeugende Kraft abgeht, ja eigentlich mit Bewu�tsein au�erhalb
ihres k�nstlerischen Wollens gehalten wird, und da� sie, unter
Vermeidung eigener Stellungnahme und Auseinandersetzung mit den
Grundproblemen musikalisch sch�pferischer Gestaltung, den gegebenen
Darstellungsapparat materialisierte, ihn als Schema im technischen
Sinne behandelte und ausbaute. Auf diese Art konnte bei ausreichendem
Einf�hlungs- und Anpassungstalent noch manches an sich recht
beachtliche Musikst�ck entstehen. Die Gebiete, die Beethoven und
Schubert in ihrem Ideenflug abgesteckt hatten, boten Raum genug f�r
Sondersiedlungen. Aber das eigentlich Wertschaffende: die Kraft und der
elementare Zwang, aus dem heraus die idealistisch klassische Kunst
�berhaupt erst die Regel ihrer Gestaltungsart gefunden hatte, mu�te bei
den Nachfolgenden notwendigerweise fehlen. Die Gesetzlichkeit einer
bestimmten Ausdruckstechnik, der der sch�pferische Gedanke noch vor
seiner Geburt untergeordnet war, die Einspannung des Gef�hlsablaufes in
feste Normen unterstellt auch auf diesem Gebiet Gef�hl und Phantasie
den Forderungen des Verstandes und des erkl�rungfordernden Bewu�tseins.
Bezeichnend daf�r ist Pfitzners Schaffenstheorie. Nach ihr zerf�llt die
Entstehung des Musikst�ckes in die Empf�ngnis des thematischen
Einfalles und in dessen handwerklich formale Verarbeitung. Solche
Theorie ist nur m�glich bei Auffassung der Form als eines gegebenen
Schemas, bei Verkennung des organischen Eigenlebens der Form aus dem
Zwang selbst�ndigen Gestaltungstriebes, bei freiwilliger Beschr�nkung
der Schaffenst�tigkeit auf individuelle Variierung als unver�nderlich
genommener Typen. Das Prim�re der musikalischen Konzeption wird auf den
melodisch thematischen Brocken des Einfalles beschr�nkt, der dann das
Objekt rationalistischer "Durchf�hrung" bildet -- eine Auffassung des
Schaffensvorganges, die nicht nur Erzeugnis spekulativer Phantasie ist,
sondern wahrhaftige Charakteristik einer bis in die Gegenwart hinein
�blichen und anerkannten Praxis.
Wie nun in der gro�en sinfonischen Form ein zeiteigenes religi�ses
Gemeinschaftsgef�hl als neue Grundlage gewonnen wurde, wie in der Oper
an Stelle bewu�ter ethisch dramatischer Tendenz der irrationale
Spieltrieb wieder hervordr�ngte, so hat dieser Zug zum
Au�ervernunftm��igen, zum urspr�nglich Musikhaften der Musik, zur
reinen Gef�hlskundgebung auch die Elemente der Tonsprache ergriffen,
aus denen sich Vokal- und Kammermusik formen. Er hat hier, auf dem
geistigsten, intimsten Ausdrucksgebiet die radikalste Umw�lzung
hervorgerufen, zeigt am sch�rfsten oppositionelle Haltung gegen�ber der
unmittelbaren Vergangenheit, ist in den Ergebnissen einstweilen
erheblich problematischer als in der Sinfonie und Oper. Er l��t aber
gleichzeitig die entscheidenden Grundfragen der k�nstlerischen
Wesensrichtung in klarster Eindeutigkeit hervortreten und gibt damit
eigentlich die letzte Auskunft �ber die Gegens�tzlichkeit der
Anschauungen, den Wechsel der Zielsetzung. Sinfonie und Oper sind in
st�rkerem Ma�e stoffgebunden. Wirken auch in ihnen die gleichen
Probleme, so sind sie doch von der begrifflichen Seite her leichter zu
fassen. In der Kammermusik fallen alle Bindungen nach au�en fort. Es
bleibt nur die Auseinandersetzung mit dem zu innerst Wesenhaften der
Musik, wie es hier in Klang, Stil und Form zutage tritt.
In diesen eigentlichen Elementen der Musik aber ist mehr und anderes
lebendig, als die Fach�sthetik gemeinhin gelten l��t. In ihnen wirkt
und aus ihnen spricht die geistige Grundkraft der Zeit �berhaupt, der
sie angeh�ren, und aus deren innerstem Gef�hlstrieb sie ihre Gesetze
empfangen.
* *
*
Wenn wir die in den beiden letztvergangenen Jahrhunderten
zur�ckgelegten Wege der musikalischen Gestaltungsart �berblicken, so
zeigen sich zwei gro�e, deutlich getrennte Entwicklungsgebiete: das des
polyphonen und das des homophonen Ausdruckes. Die Gegens�tze sind dem
Prinzip nach nicht neu, sie waren schon im Mittelalter vorhanden, wenn
auch im einzelnen anders geformt. Allgemein gesprochen, ohne damit
bestimmte historische Umgrenzungen festlegen zu wollen, kann man sagen,
da� Zeiten mit vorwiegend religi�s gerichtetem Geistesleben in der
Musik der Polyphonie, solche mit verweltlichter Interessenrichtung der
Homophonie zuneigen werden. Die letzte gro�e polyphone Kunst der
Neuzeit war die Musik Bachs. Die Polyphonie -- Vielstimmigkeit -- ist
eine Kunst der linear bewegten Fl�che. Das artistische Problem liegt in
der Vereinigung von organischer Selbst�ndigkeit der Einzelstimme mit
strenger Gebundenheit des Ganzen. An dieser zusammenfassenden Kraft, an
dieser F�higkeit, die reichste Mannigfaltigkeit linearer Sonderbewegung
in einen gro�en Totalkomplex zu vereinen, bew�hrt sich die polyphone
Kunst des Meisters. Was er schafft ist entstanden aus der Vorstellung
der Gesamtheitswirkung, ist bestimmt, ohne Verlust seiner Eigenheit
sich zu �berindividueller Erscheinung zusammenzuschlie�en. Der
Unterschied der stimmlichen Einzelwesen ist lediglich Unterschied der
Lage, des Klanges, der Bewegungsschnelligkeit, dem Charakter nach sind
alle gleich, geh�ren alle der gleichen Gef�hlsdimension an, sind sie
Linien, die sich nach dem Gesetz des Bewegungsimpulses
ineinanderschlingen, schneiden, zum Ornament formen, ohne je die reale
Sinnlichkeit der Linie, die Festigkeit des individuellen Seins zu
verlieren. Als Sprachmittel ist die Orgel mit der reichgegliederten und
doch im Charakter gleichartigen F�lle ihrer Klangschichtungen das
typische instrumentale, der vielstimmige Chor mit seinen artverwandten
Stimmindividuen das vokale Ausdruckselement der Polyphonie.
Die homophone Kunst, die schon zu Bachs Zeit und dann immer m�chtiger
empordr�ngt, hebt die Gebundenheit der Vielheit, hebt die Wirkung durch
Zusammenwachsen der Organismen zur �berindividuellen Erscheinung auf.
Alle Kraft, aller Wille, alles Leben konzentriert sich auf eine
Einzelstimme, die F�hrung nimmt, das Typenhafte abstreift und
subjektive Bestimmtheit erh�lt. Die Fl�chenhaftigkeit der
nebeneinandergelagerten Linien verschwindet, da nur noch eine
dominiert. Unter dieser aber bildet sich ein magischer Raum, eine neue
Dimension der Tiefe, gewonnen durch Schichtung geheimnisvoll
beziehungsreicher Tonstufen: die Harmonie. Die mit jedem Ton
gleichzeitig erklingenden Obert�ne werden als seine Erg�nzung empfunden
und festgehalten, diese vertikale Tonreihe gibt jetzt der gestaltenden
Phantasie entscheidende Anregung. Der Klang gliedert sich in Hauptton
und Nebent�ne, jener als Leitpunkt der Melodie, diese als begleitender
harmonischer Untergrund. An Stelle des geometrisch fl�chigen tritt das
akustisch r�umliche Tonsystem, an Stelle der Linienbewegung die durch
Wechsel der Tiefenbewegung wirkende Harmonie. Mit dieser Ver�nderung
der Tonvorstellung zugleich vollzieht sich eine entsprechende
Umgestaltung des Klangempfindens. Der Unterschied von melodischem
Hauptton und harmonischen Begleitt�nen bedingt auch ein anderes System
der Klanggruppierung. Der farbige Reiz des Klanges kommt zu
selbst�ndiger Geltung. Gegen�ber dem Streben nach Zusammenfassung
m�glichst gleichartiger Charaktere in der polyphonen Musik herrscht
jetzt der Drang nach Gleichzeitigkeit heterogener Klangelemente, deren
verschiedenartig abgestufte Lichtwirkungen die Vorstellung des
r�umlichen �bereinander steigern. In gleichem Ma�e und aus gleichem
Bed�rfnis erh�lt die bis dahin vorwiegend auf einfache, primitive
Kontraste gestellte Dynamik lebendig bewegte Durchbildung. Das
Orchester, diese Vielheit des Ungleichartigen, wird das wichtigste
Instrument der melodisch homophonen Kunst, soweit andere Sprachmittel
herangezogen werden, geschieht es stets unter Mischung
verschiedenartiger Klangcharaktere. Im Streichquartett, der reinsten
Klangeinheit der homophonen Kunst, ist zun�chst die dominierende
Stellung der Oberstimme, die begleitende, lediglich harmonisch f�llende
Funktion der �brigen selbstverst�ndlich und wird erst in den sp�teren
Quartetten Beethovens zu gesteigerter Subjektivierung und klanglicher
Gegens�tzlichkeit der Einzelstimmen umgewandelt.
Den Anfang dieser gro�en, mit den tiefsten Regungen der zeitlichen
Geistesgeschichte unmittelbar verbundenen Umw�lzung bildet das
Generalba�-Zeitalter, so genannt nach der Gewohnheit, nur die
melodische Linie und die Ba�stimme aufzuzeichnen, w�hrend die
erforderlichen harmonischen F�llstimmen durch Ziffern angedeutet und
bei der Auff�hrung improvisatorisch hinzugesetzt wurden. Man kann diese
Methode, deren naive Praxis deutlich die Unterscheidung zwischen
Wichtigem und minder Wichtigem spiegelt, gewisserma�en als Beginn der
musikalischen Aufkl�rung bezeichnen. Zeitlich ist sie schon vor Bach
vorhanden, wird auch von ihm selbst verwendet, erlangt aber
vorherrschende Bedeutung erst mit dem endg�ltigen Durchbruch des
homophonen Stiles, als Vorbereitung und �bergang zur Gewinnung der
harmonischen Vorstellungsart. Diese ist das eigentliche Ausdrucksgebiet
der Zeit des klassischen Idealismus. Hier hat die melodische Oberstimme
unumschr�nkte Freiheit, reichste Bewegungskraft, vollendeten
Pers�nlichkeitswert gewonnen. Keine Gebundenheit mehr, keine vorbewu�te
Bezugnahme auf ein �berindividuelles Ganzes ist vorhanden die
typenhafte Einzelformung hat sich zu sch�rfster Subjektivierung
gesteigert. Es herrscht die Melodie, als unmittelbare Spiegelung des
Pers�nlichkeitsbewu�tseins, periodisch umgrenzt, physiognomisch von
�u�erster Bestimmtheit des Schnittes. Diese Melodie ist empfangen aus
dem Vorgef�hl der Harmonie. Die innere Bewegung der Harmonie, ihr
gesetzm��iger Ablauf gibt die inneren Richtpunkte f�r die Melodie,
�hnlich und doch ganz anders wie in der Polyphonie die konstruktive
Idee der Gesamtform den Wuchs des thematischen Gedankens beeinflu�te.
Dieser thematische Gedanke der polyphonen Musik war bei allem Eigenwert
ein Partialgedanke, die Melodie dagegen, namentlich der fr�hklassischen
Zeit bis zu Mozart, ist in sich geschlossen, fertig, ein lebendiges,
organisch gegliedertes, selbst�ndiges Wesen. So offenkundig ihre
Gestaltung aus der Einbeziehung des Harmoniegef�hles mitbedingt ist, so
zweifellos ist doch der bestimmende Zug des rein melodischen Impulses,
die Unterordnung der Harmonie vorzugsweise zur St�tzung und
Bekr�ftigung der melodischen Erscheinung.
Melodie im Sinne der gro�en klassischen Kunst, wie sie am reinsten bei
Mozart, vorbereitend bei Haydn, abschlie�end bei Beethoven und Schubert
erklingt, ist das musikalische Symbol der freien Pers�nlichkeit, die
k�nstlerische Formung h�chsten Individualit�tsbewu�tseins. Man kann die
Gesetze. ihres Baues durchforschen, man kann sie stilistisch kopieren.
Aber keine noch so starke melodische Erfindungsgabe einer sp�teren Zeit
kann ihre Wirkung ann�hernd erreichen, weil ihr Geheimnis nicht in
spezifisch musikalischen Gesetzen liegt, sondern in der Gewalt des
Ethos, dem sie entsprungen ist. Dieses Ethos zwang die Harmonie zur
Dienstbarkeit gegen�ber der melodischen Individualit�t. Sie blieb
Tr�gerin der Kraft, sie durchdrang in der Hochbl�te der klassischen
Kunst den harmonischen Unterbau bis in die feinsten Ver�stelungen, so
da� in den sp�teren Quartetten Beethovens die harmonische F�gung der
Stimmen durch freieste melodische Auflockerung fast bis zur Polyphonie
gesteigert wird, ja teilweise zu deren Formenbau zur�ckkehrt: in
Mozarts Jupiter-Sinfonie und "Zauberfl�te"-Ouvert�re, in Beethovens
Ouvert�re "Weihe des Hauses" im Finale der Neunten Sinfonie, vor allem
in den drei gro�en B-Dur-Fugen: der Sonate op. 106, des Credo der
"Missa", des Streichquartetts op. 130. Doch ist diese �bereinstimmung
der melodisch homophonen mit der polyphonen Kunst nur �u�erlich
stilistischer Art. Aus einer ins Grandiose gesteigerten melodischen
Phantasiekraft heraus wird die Linienkunst der alten Polyphonie hier
dem harmonischen Bewu�tsein dienstbar gemacht, aus der Fl�chendimension
in die Tiefendimension �bertragen, auf solche Art diese mit
konstruktiver Klarheit f�llend: Kundgebung h�chstgesteigerter
Pers�nlichkeitskraft, deren melodischer Wille H�he und Tiefe der
Klangwelt durchdringt und mit t�tiger Schaffensenergie nach seinem
Bilde gestaltet.
Linear sich entfaltende Polyphonie mit dem Ziel fl�chenhafter
Ausbreitung und Zusammenfassung, melodische Homophonie, gest�tzt auf
den imagin�ren Unterbau der harmonisch r�umlichen Tiefe waren zwei in
sich grundverschiedene Arten der Klanggestaltung, sch�pferische
Kundgebungen zweier in sich selbst�ndiger, mit eigener Kraft des
Schauens und Formens begabter Zeitalter. Der Romantik fehlt diese
F�higheit eigensch�pferischen Bildens. Wie hinsichtlich der
Stoffbehandlung, wie hinsichtlich der geistigen Problemstellung, ist
sie auch in bezug auf spezifisch klangmusikalische Formung eine
Niederbruchserscheinung im Gefolge des Klassizismus. Die beherrschende
melodische Kunst, dieses Siegelzeichen der festen Pers�nlichkeit, geht
ihr verloren. Wohl bleibt ihr Musikempfinden melodisch orientiert, aber
die Melodie verliert die feste, in sich ruhende Geschlossenheit der
klassischen Melodik. Der Schwerpunkt sinkt unter die melodische
Oberfl�che in die Harmonik, diese tr�gt jetzt den Bewegungsantrieb in
sich. Bei den Klassikern erscheint das ganze musikalische Gebilde in
unmittelbarer plastischer Gegenst�ndlichkeit, Melodik als
formbestimmender Umri�, Harmonik als f�llende K�rperhaftigkeit. Nun
wird die Harmonik zur innerlich f�hrenden Kraft, und die Melodie zeigt
in ihrem Verlauf mehr und mehr nur den Wellenschlag der harmonischen
Innenbewegung, Wagners Begriff der "unendlichen Melodie", die "mit
einer einzigen harmonischen Wendung den Ausdruck auf das Ergreifendste
umstimmen kann," ist die nat�rliche und richtige Kennzeichnung einer
Musikempfindung, deren Zentrum in der Vorstellung und Betonung der
harmonischen Wirkung liegt, deren Melodik daher mehr und mehr zur
Verkn�pfung der Harmonien wird. Nicht nur bei Wagner und Liszt, auch
bei Schumann, Spohr, Marschner, Weber, selbst bei dem klassizistisch
eklektischen Mendelssohn ist diese Gestaltung der Melodie aus dem
Willen der Harmonie erkennbar. Sie steigert sich bei Brahms, den
Wagner- und Liszt-Epigonen bis zur v�lligen Abh�ngigkeit des mehr und
mehr zur Andeutung verfl�chtigten melodischen Gedankens voll der
dominierenden harmonischen Konzeption. Es bedarf kaum des Hinweises,
da�, gerade wie sich bei Bach in Einzelf�llen bereits h�ufig Beispiele
melodischer Homophonie finden, so auch bei den Klassikern, namentlich
bei Beethoven und dem innerlich bereits stark romantisierten Schubert,
die Harmonie gelegentlich f�hrend und ausdrucksbestimmend hervortritt.
Aber abgesehen davon, da� solche F�lle im Hinblick auf das Gesamtwerk
Ausnahmen bedeuten, zeigt sich auch bei genauer Betrachtung, da� selbst
hier der bestimmende Grundimpuls melodischer Natur ist. Die
Klangvorstellung, aus der die Musiker des klassischen Idealismus
sch�pfen, l��t sich bezeichnen als harmonisierte Melodik, die der
Romantiker als melodisierte Harmonik.
In solcher Gegen�berstellung liegt zun�chst keine Wertung. Sie ergibt
sich erst, wenn man Sinn und Folge dieser Wendung betrachtet. Der Sinn
war der gleiche wie in der romantischen Bewegung �berhaupt: Abkehr von
der Realit�t, von der Gegenst�ndlichkeit des F�hlens, wie sie sich in
der Formung der selbsteigenen, geschlossenen Melodie aussprach, Flucht
in die Unwirklichkeit, in die magische Phantastik des harmonischen
Raumes, dessen Unbestimmtheit durch die zu st�ndigem Wechsel,
pl�tzlicher Umstellung und �berraschung f�hrende Chromatik noch
gesteigert wurde. Die Harmonie, die sich nicht, wie in der polyphonen
Kunst, als sekund�re Folge ergibt, auch nicht, wie in der klassischen
Homophonie, dienender Unterbau der melodischen Gestalt, sondern Herrin
und F�hrerin ist, bedeutet als �sthetisches Ph�nomen die Verlegung des
Gef�hlszentrums in eine spekulative Sph�re. Belebt wurde sie durch eine
allm�hlich bis ins kleinste sich erstreckende motivische Gliederung,
aus deren sinnvollem Ineinandergreifen sich ein k�nstlich organisches
Gegenbild der Wirklichkeit ergab. Wagner macht sich Schopenhauers
romantische Musik�sthetik zu eigen: die Musik ist Spiegelung aller
Objektivierungen des Willens, von der niedersten bis zur h�chsten
Stufe. Alles ist innerlich aufeinander bezogen durch die Harmonie, und
oben schwebt als letzte Bindung der einigende melodische Faden.
Schopenhauer exemplifiziert zwar nicht auf Wagner, auch nicht auf die
Klassiker, sondern auf Rossini. Seine Betonung der prim�ren Bedeutung
der Melodie zeigt seine Herkunft vom Idealismus, in seiner Auffassung
vom Wesen der Harmonie aber ist er durchaus der an die Vorstellung des
imagin�ren musikalischen Raumes und seines innerorganischen Lebens
gebundene Romantiker.
Dies ist der Sinn der romantischen Wendung zur melodisierten Harmonik:
die Gewinnung der musikalischen Raumvorstellung zum Aufbau einer
illusionistisch bewegten Klangwelt als Widerspiel und Korrektiv der
Realit�t. Die Folge war eine st�ndig zunehmende �bersch�tzung des
Wesens und der Bedeutung der Harmonie, die f�r den Romantiker
schlie�lich der Inbegriff des Wesens der Musik �berhaupt wurde. In
seiner Schrift "Die neue �sthetik der musikalischen Impotenz" gibt Hans
Pfitzner eine entwicklungsphilosophische musikgeschichtliche Skizze, in
der er eine scharfe Grenzlinie zieht zwischen der Zeit, wo Musik nur
Wissenschaft gewesen, und der Zeit, wo sie Kunst geworden sei. Als
Kennzeichen des �bergangs von der Wissenschaft zur Kunst wird genannt
der Augenblick, in dem "der Geist der Musik endlich das so lange
vorenthaltene Kleinod" herausgab, "den Teil seines Wesens, in dessen
Besitz die Musik zum erstenmal in der Welt als selbstherrliche Kunst
auftreten konnte: die Welt der Harmonie". Es ist hinzuzusetzen, da�
Pfitzner den Beginn der harmonischen Musikauffassung wesentlich fr�her
ansetzt, als es hier geschieht, n�mlich schon im sp�ten Mittelalter,
da� er also Unterschiede zwischen polyphoner, melodisch homophoner und
harmonischer Musikempfindung nicht annimmt. Indessen handelt es sich
nicht darum, �ber Notwendigkeit und Berechtigung dieser Abgrenzungen zu
sprechen. Bezeichnend ist lediglich die Tatsache, da� der Epigone der
Romantik in der Harmonie schlechthin das Wesenhafte der Musik erblickt,
da� es ihm "�u�erst schwer, wenn nicht unm�glich ist, sich eine
wahrhafte homophone Tongestalt vorzustellen", da� bei ihm eben
jegliches Musikempfinden an die bewu�t oder unbewu�t mitschwingende
Harmonie gebunden ist. Das ist als subjektives Bekenntnis zweifellos
wahr und richtig und erkl�rt alle weiteren Folgerungen, die Pfitzner
aus seiner �sthetischen Grundanschauung zieht. Falsch daran ist nichts
als die These selbst von der Harmonie als dem Urwesen der Musik, falsch
in bezug auf die Bezeichnung der fr�hmittelalterlichen Musik als blo�er
Wissenschaft und das Nichtvorstellbare einer homophonen Tongestalt:
g�be es kein anderes Denkmal der musikalischen Fr�hzeit als den
Gregorianischen Choral, so w�re der unwiderlegliche Gegenbeweis
erbracht. Aber auch in der Neuzeit ist die harmonische Musikvorstellung
als richtunggebende Empfindungsart erst zuletzt mit allen Symptomen
einer Nachbl�te zur Geltung gekommen. Wer in ihr das Wesenhafte der
Musik �berhaupt erkennt, der freilich mu� unvermeidlich, selbst wenn es
heute keine andersgerichtete Musik g�be, wenn also eine Opposition gar
nicht in Frage k�me, zur �sthetischen Erkenntnis eines Unterganges
kommen. Denn wirklich: diese Welt der Harmonie, dieses kunstvolle,
praktisch und theoretisch zur vollkommensten Organik entwickelte
Phantom einer musikalischen Raumvorstellung, dieses Illusionsgebilde,
dessen imagin�re Realit�t Verstand und Spekulation zu denkbar h�chster
rationaler Gesetzm��igkeit ausgebaut haben -- es geht wahrhaft unter,
geradeso, wie die Romantik untergeht, deren merkw�rdigste und
eigent�mlichste Sch�pfung es ist.
Die Welt der Harmonie geht unter -- aber die Welt der Musik bleibt
bestehen. Beide sind nicht identisch, und die Zeit der harmonischen
Musikempfindung ist im Ablauf des geistigen Werdens nur eine Episode
der Musikgeschichte, nicht einmal eine selbst�ndige, sondern eine
Ableitung, eine Wucherung der melodisch homophonen Musik. Was sie der
Romantik innerlich zugeh�rend und konform erwies, war der starke
spekulative Anreiz, den ihr Ausbau dem Verstande bot, war der Grundzug
rationeller Vern�nftigkeit, der ihr nicht nur �u�erlich, sondern rein
gef�hlsm��ig aufgepr�gt war und ebendarum schematisch formalistische
Bildungen au�erordentlich beg�nstigte, ja ihnen noch den Charakter
besonderer Ehrw�rdigkeit und Tugend gab. An und in diesen Bildungen ist
nun die Welt der Harmonie erstarrt. Sie vermag sich nicht mehr aus
ihnen zu l�sen, weil sie in Wahrheit gar keine Welt ist oder war,
sondern nur eine Insel in der Welt, deren Umkreis nun erkannt ist und
deren Geheimnisse durchforscht sind. Auf dieser Insel stehen wir heut
und sp�hen in die Weite, um den Weg zu neuen K�sten und L�ndern zu
erforschen. Der Kompa�, der dahin f�hren soll, ist das Bewu�tsein der
irrationalen Natur der Musik. Aus diesem Bewu�tsein erw�chst die
Abwendung von der Harmonie als Grundlage der Klangempfindung. Diese
Harmonie hatte in ihrer Entwicklung die Verbindung mit dem
gef�hlsm��igen Quell musikalischen Lebens verloren, sie hatte sich zu
einer Massenh�ufung von "Systemen" verh�rtet -- keine Art der
Klanganschauung hat eine solche, fast un�bersehbare Menge von Systemen
hervorgebracht, hat die Denkart der Menschen derart auf dogmatische
Gebiete abgeleitet. Es gilt nun, diese lebendige Dogmatik der
Harmonielehren als Lehren nicht etwa nur des technischen Satzes,
sondern vor allem als Zwangsschienen des Empfindungsverm�gens
abzustreifen. Es gilt, dar�ber hinaus den Weg zu einer neuen, dem
Verlangen nach au�ervernunftm��iger Klanganschauung und -gestaltung
entsprechenden Kunst zu finden.
Hier stehen wir gegenw�rtig, und in der gekennzeichneten Aufgabe, der
Gewinnung einer im Wesen neuen Art der Musikanschauung �berhaupt liegt
alles beschlossen, was die Musik an Teilproblemen anderer Art bietet.
Gemeinschaftsgef�hl, religi�ses Bewu�tsein, Symbolik des Spieles, alles
dies sind ins Begriffliche gewendete Ausstrahlungen des zutiefst
musikeigenen Problems unserer Gef�hlsauffassung der Musik. Die Fragen
des Stiles, der Form, der klanglichen Fassung sind gleichfalls an sich
nicht prim�rer, entscheidender Art. Auch ihre L�sung ist bedingt durch
die Art, wie wir Musik als Ph�nomen an sich empfinden, aus welcher
Einstellung des Gef�hles wir sie erfassen.
Wir sind Suchende. In dieser Tatsache des Suchens mag mancher im [sic]
Zeichen zeitlicher Schw�che sehen. "Alles Neue und Originelle gebieret
sich von selbst, ohne da� man danach suchet", hat Beethoven gesagt. Es
war zweifellos richtig -- f�r Beethoven, und wir d�rfen, ohne uns zu
sch�men, zugestehen, da� unter uns gegenw�rtig kein Beethoven lebt.
Aber wir d�rfen auch hinzusetzen, da� Kolumbus Amerika nicht entdeckt
h�tte, ohne es zu suchen. Wir d�rfen sogar weiter sagen, da� er
eigentlich etwas Ganz anderes suchte als Amerika, da� er von diesem
Erdteil gar nichts wu�te, ja da� er ihn in Wirklichkeit auch nicht
entdeckt hat, sondern einer T�uschung verfiel -- und da� er doch die
k�hnste Entdeckernatur war, vor deren Namen und Tat die Geschichte
inneh�lt. Was ihn trieb, war der Zwang zur neuen Welt. In der Kraft,
mit der er dieses Mu� des Zwanges zur Tat wandelte, lag das
Entscheidende seiner Gr��e, nicht im unmittelbaren realen Ergebnis. Wir
sind in der Lage der Kolumbuszeit.
Die S�fte der alten Welt sind vertrocknet, sie stirbt, ihre gl�ubigen
Einwohner sagen es selbst, und wir m�ssen einsehen, da� sie recht
haben. Aber wir h�ngen nicht so an ihr, wir f�hlen uns ihr nicht so
verbunden, da� wir mit ihr sterben wollen. Im Gegenteil, wir sind der
Meinung, da� sie wohl tut, zu sterben, weil ihre Zeit um ist und wir
den Glauben haben an die neue Welt, obwohl wir sie noch nicht sehen. In
der Tatsache dieses Glaubens an das Unbekannte liegt etwas, das mehr
ist als lediglich negative Opposition gegen das Bestehende, etwas, das
der bisherigen Zeit fremd war, uns ihr �berlegen macht und uns die
�berzeugung gibt, da� die Fahrt sein mu�, weil eben der Glaube es
befiehlt. Ob wir nun Indien auf dem andern Wege um die Welt erreichen,
oder vielleicht ein ganz neues Land, das k�nnen wir nicht sagen. Wir
wissen nur, da� wir fahren m�ssen, nicht aus Abenteurerlust, sondern
unter dem Gebot der inneren Verhei�ung. In der Erf�llung dieses Gebotes
liegt unsere Sendung.
So verlassen wir die alte romantische Welt der Harmonie. Der Blick
wendet sich zur�ck auf das, was vor ihr war. Die sch�ne Idealwelt des
Klassizismus erkennen und verehren wir in all ihrer Hoheit, die
Sinfonien Haydns, die Opern Mozarts, die Quartette Beethovens sind
Bestandteile unsres Menschentums, die wir nicht hergeben k�nnten, ohne
uns selbst zu vernichten. Aber diese Welt ist fertig. Sie hat die freie
Pers�nlichkeit, die gro�e Melodie der Menschen gebracht. Was dar�ber
hinaus lebendig und triebkr�ftig an ihr war, hat auf eben den Weg
gef�hrt, den wir jetzt verlassen. Der Mensch als Einzelwesen hat als
Objekt der Kunst alles gegeben, wag er zu geben vermochte, von der
reinen Zusammenfassung st�rkster Schwungkr�fte des Geistes bis zur
leidvollen Selbstzersetzung. Psychische und akustische Vorg�nge
entsprechen einander: die Harmonie, diese merkw�rdige Auseinanderlegung
des Haupttones in die gleichzeitig klingenden Nebent�ne ist als
Klangph�nomen eine Zersetzungserscheinung, die die plastische Kraft der
Melodik von innen her zerst�rt. Dieser Zerst�rungskeim lag in der
klassischen Kunst der melodischen Homophonie eingeschlossen, �hnlich
wie die immer h�her gesteigerte Individualbelebung schlie�lich zur
Aufl�sung der Polyphonie gef�hrt hatte. Nun haben wir den Kreis des
Einzelwesens umschritten und ausgeforscht, das Individuum als solches
ist wieder einmal im Lauf der Menschheitsgeschichte erkannt. Es hat von
sich allein aus nicht mehr viel oder gar nichts mehr zu geben auf lange
Zeit hinaus, wir haben kein Interesse mehr an ihm, seinen Gesetzen,
seinen Intimit�ten. Die Gattung, der Typus, die Gesamtheit r�ckt wieder
vor, das menschlich Gemeinsame tritt an die Stelle des pers�nlich
Besonderen, die Wage des Gef�hles senkt sich wieder nach der anderen
Seite: vom melodisch harmonischen Individualismus zum polyphonen
Kollektivismus. Freilich zielt diese Umschaltung nicht auf
Wiederaufnahme der alten polyphonen Kunst. In diesem Fall w�re sie
nichts anderes als ebenfalls romantische Stilk�nstelei, die nur statt
auf Mozart auf Bach Bezug nimmt. Es handelt sich vielmehr um einen
neuen, elementar bedingten Durchbruch der polyphonen Musikauffassung,
die als solche der vorklassischen Zeit n�hersteht als der klassischen,
im �brigen ihrer stilgesetzlichen Besonderheit nach von der Polyphonie
Bachs mindestens ebenso weit entfernt ist wie diese etwa von der
polyphonen Kunst des Mittelalters. Die zwischen zwei derartigen
geistesartlich verwandten Epochen liegenden Erlebnisse und Ausblicke
sind Erfahrungen, die nicht vergessen werden k�nnen. So sicher der
subjektivistische Aufl�sungsproze� der harmonischen Empfindungsart
nicht mehr im Mittelpunkt des musikalischen F�hlens steht, so bedeutsam
wirken doch seine Ergebnisse auf die sich neu heranbildende Art der
Musikauffassung nach.
Das hier angeschlagene Problem ist keines einer einzelnen Nation,
sondern der Menschheit. Die gro�e Krise, in der wir stehen, die
Erkenntnis der Notwendigkeit einer �nderung unserer Gef�hlseinstellung
gegen�ber allen Erscheinungen des Seins, der �berwindung des
Individuums, der Erfassung von Leben und Welt aus einem Mittelpunkt
au�erhalb unsrer selbst ist eine Aufgabe, die schon ihrer Natur nach
nicht auf nur ein Volk beschr�nkt bleiben kann. Wir sehen auch �berall
gerade in der Musik der V�lker alter und neuer Kultur Ans�tze zu einer
Entwicklung im angedeuteten Sinn. Wir sehen sie aber in der deutschen
Musik besonders auffallend. Sicherlich nicht nur, weil wir ihr am
n�chsten stehen. Kein Volk hat das Erlebnis der Romantik mit so
starker, gl�ubiger Intensit�t in sich aufgenommen, keines ist so bis
auf die tiefsten Wurzeln seines Wesens davon ergriffen worden. Keines
hat dieser Entwicklung zum Individualismus und Subjektivismus so
mannigfaltige, reiche Fr�chte abgewonnen und -- bei keinem hat der
geistige Zersetzungsproze�, die Krankheitserscheinung der Romantik so
verheerende Folgen gehabt. Es ist begreiflich, da� daher auch gerade aus
der deutschen Musik der erste und st�rkste Vorsto� gegen die
romantische Kunst erfolgte, der ihn in gedanklichem Phantasiespiel
vorbereitete, ist der Deutsch-Italiener Busoni, der ihn f�hrte, ist
Arnold Sch�nberg. Gleich Mahler und Schreker ist auch Sch�nberg ein
Abk�mmling der Romantik, der in seinen Anfangswerken mit vollem
Bewu�tsein die vielleicht reichste, phantasievollste Harmoniewelt der
Epigonenzeit aufbaute. Aber eben diese Leichtigkeit der Weiterbildung
�berkommener Gesetzm��igkeiten hat in ihm fr�h den kritischen Trieb
geweckt, hat die Erkenntnis gesch�rft f�r das konventionell Gebundene
dieser Kunst. Was Mahler durch seine vorwiegend ethisch religi�se,
Schreker durch die elementare Triebhaftigkeit seiner sinnlichen
Phantasie fand, das erreichte Sch�nberg durch die unerbittliche Sch�rfe
und fanatische H�rte seiner kritischen Fragestellung. Der k�hnste,
r�cksichtsloseste Intellekt der Nachromantik erkannte die
intellektuelle Bedingtheit dieser Kunstart. Auf dem Gebiet
vernunftm��ig geregelten Musizierens floh er in das Bereich der
beziehungslosen, rein phantastisch bewegten Musik, die aus der
�bersteigerung des Subjektivismus diesen �berwindet, aus der
spekulativen Zerfaserung der Harmonie diese aufhebt, aus der
atomisierenden Aufl�sung des Einzelnen, Besonderen wieder zur Erfassung
des Allgemeing�ltigen, Typischen, Menschlichen gelangt. Es ist das, was
nach Abstreifung des Individuellen �brigbleibt, im Gegensatz zu der
�lteren Typenauffassung, vor der das Pers�nliche als eigenberechtigt
noch gar nicht bestand. Dementsprechend ist Sch�nbergs Musik im
Vergleich zu der visuell fl�chenhaft empfundenen, wuchtig klaren
Ornamentik der Bachschen Polyphonie auf Erfassung des seelisch
Essentiellen gerichtet, mehr Gef�hlsvibration als -darstellung. Das
Polyphone an ihr ist mehr Mittel als Zweck. Es ergibt sich nicht aus
dem Willen des Zusammenschlusses, sondern des irregul�ren
Nebeneinander, das die Harmonie nicht mehr kennt und die Stimmen aus
der r�umlichen Tiefe wieder in die lineare Parallele zu bringen sucht.
Das Ziel aber, die Idee der Einigung, ist nicht eigentlich
kollektivistischer Art, es ist nicht Vielstimmigkeit im Sinne der
alten, organisch gebauten Polyphonie. Es ist vielmehr eine
Einstimmigkeit im absoluten Sinne, entharmonisierte Melodik freiester
Art, Projizierung aller Bewegungskr�fte des Gef�hls in eine einzige
Linie, die polyphone Mannigfaltigkeit des Stimmklangs,
individualisierende melodische Geschlossenheit und harmonisches
Raumgef�hl in einem vereinigt.
Die verwirrende, scheinbar mi�t�nende Polyphonie des Sch�nbergischen
Satzes ist in Wahrheit nichts anderes als das Suchen nach dieser
Einstimmigkeit h�chster Art, als der Versuch, den Klang immer mehr auf
das Urwesenhafte zu beschr�nken, ihn aller einengenden Subjektivismen
zu entkleiden, ihn lediglich zum Symbol des auch formal im
Verstandessinne Unfa�baren, des psychologisch nicht Deutbaren, des
Irrationalen zu machen. Damit gelangt die Musik durch das Mittel der
Polyphonie wieder zu einer Homophonie zur�ck, von der der romantische
Musik�sthetiker meint, da� man sie sich in Wahrheit �berhaupt nicht
vorstellen k�nnte. Und doch liegt in der Aufgabe, diese
Vorstellungsgabe zu gewinnen, der Kern der musikalischen Probleme
unserer Zeit. Je mehr wir erkennen, da� die Kurve der musikalischen
Bewegung tats�chlich dauernd in absteigender Linie l�uft, da� alles,
was uns das 19. Jahrhundert gebracht hat, Produkt st�ndig zunehmender
Materialisierung, Steigerung der Mittel unter Vergessen oder
theatralischer Vort�uschung der seelischen Grundkr�fte bedeutet, um so
st�rker wird der Drang nach Abstreifung all dieser artifiziellen
Ausw�chse, nach Vereinfachung, nach R�ckgewinnung der urspr�nglichen
Naturkraft des musikalischen Klanges. Solche Vereinfachung ist nicht zu
finden durch Reduzierung der �blichen Mittel, nicht durch eigensinniges
Festhalten an einem gegebenen historischen Schema, auch nicht durch
stilistische Verkleidungsk�nste. Sie setzt voraus v�llige Umstellung
der seelischen Grundkr�fte, aus denen die Musik erw�chst, Wille und
F�higkeit, Musik �berhaupt au�erhalb aller Konvention als Formung
elementarer Gef�hlskraft, als Naturlaut zu erkennen. Um zu solcher
reinen Homophonie zu gelangen, m�ssen wir f�hig werden, die absolute
Linie nicht als Teilornament eines polyphonen Gewebes, nicht als
F�hrerin oder abgrenzende Umkleidung der harmonischen Bewegung, sondern
als selbst�ndige Ausdrucksgestaltung h�chst potenzierter Kraft zu
empfinden. Dies ist wohl die Richtung, in die Sch�nbergs Schaffen
deutet. Wenn wir �berhaupt an die M�glichkeit des Weiterlebens der
Musik oberhalb der bl�den Gewohnheit und des gedankenlosen Betriebes
glauben, so k�nnen wir es nur in der Richtung der prophetischen Kunst
Sch�nbergs f�r denkbar halten.
* *
*
Man pflegt in Deutschland den Deutschen im allgemeinen als musikalisch
hervorragend begabt und das deutsche Volk als auf musikalischem Gebiet
vor allen anderen ausgezeichnet anzusehen. Wie weit solche Ansicht der
Wirklichkeit entspricht, w�re genau wohl nur durch vergleichende
Statistik festzustellen. Zun�chst ist die Tatsache unzweifelhaft, da�
Franzosen und Italiener eine sehr hochstehende geschichtliche
Musikkultur, die Russen eine au�erordentlich eigent�mliche Kirchen- und
Volksmusik aufzuweisen haben, und da� der Durchschnittstyp des
Italieners, Tschechen, Russen an nat�rlicher Musikalit�t dem Deutschen
mindestens gleichkommt. Dem Talent und der produktiven Veranlagung nach
d�rfte es vielleicht schwerfallen, den Vorrang der Deutschen zu
beweisen. In einer Beziehung aber scheinen sie sich gegen�ber anderen,
�hnlich begabten V�lkern hervorzutun: in der Art n�mlich, wie ihre
Musik zum unmittelbaren Abbild ihrer Geistesgeschichte wird, wie sie
alle Wandlungen der Volksseele in sich aufnimmt, sie widerspiegelt, ja
aus ihnen eigentlich die Impulse ihres Seins empf�ngt. Die Musik
anderer V�lker ist wohl ebenfalls Wandlungen unterworfen, aber dies
sind Wandlungen des Geschmackes, und so mannigfache Verschiedenheiten
es etwa innerhalb der italienischen oder franz�sischen Oper der beiden
letzten Jahrhunderte gibt, so sind dies im Grunde genommen nur
Unterschiede des Zeitstiles, der Einkleidung. Gleich bleibt sich stets
die durch nationales Temperament bedingte Auffassung der Musik als
unmittelbarer Sprache der Sinne, des Blutes, des Formwillens. F�r den
Deutschen dagegen ist die Musik angewandte Metaphysik. Dies gilt nicht
nur f�r den betrachtenden Beobachter, es gilt f�r den Schaffenden wie
f�r den Aufnehmenden, es gilt f�r jeden Deutschen. Diese metaphysische
Einstellung zur Musik ist eine der grundlegenden, logisch nicht zu
erkl�renden Eigenschaften des Volkscharakters oder der Volksseele. Sie
wird ebenso offenbar am einfachsten Lied wie an der kompliziertesten
Kunstmusik, und sie ist es, nicht irgendwelche konventionelle Eigenheit
der Faktur, die der deutschen Musik ihr eigent�mliches Gepr�ge, ihre
Sonderstellung innerhalb der Kunst aller V�lker gibt. An sinnlicher
W�rme des Blutes wird uns stets der Italiener, an Klarheit und
logischer Beherrschtheit der Gestaltung stets der Franzose �berlegen
sein. Das �bersinnlich-Unaussprechbare, der Wille zum Transzendenten,
die Verwebung feinster Probleme des Geisteslebens mit den Gesetzen der
Klangformung, die Empfindung des Klanges �berhaupt als metaphysischen
Symboles ist die bezeichnende Eigenheit der deutschen Musik.
Schon daraus ergibt sich ihr Angewiesensein auf Zufl�sse von au�en. Es
ist nie zu bef�rchten, da� solche Zufl�sse sie sch�digen, ihrer
Originalit�t berauben k�nnten. Abgesehen davon, da� es eine schwache
Originalit�t w�re, die sich nur durch gewaltsame Absperrung zu halten
vermag, wird die deutsche Musik niemals ernstlich f�hig sein,
fremdl�ndische Muster wirklich zu kopieren. Sie kann gar nicht anders,
als die ihr zugetragenen Gef�hls- und Formanregungen aus der ihr
eigent�mlichen metaphysischen Grundeinstellung erfassen, sie also in
eine v�llig andersgeartete Vorstellungs- und Empfindungssph�re
�bertragen. Andererseits macht gerade diese Art der Grundeinstellung
steten Zuflu� blut- und formgebender Kr�fte von au�en her erforderlich.
Wir sind auch als musikalische Kulturtr�ger kein Volk der
Selbsterzeuger, wir sind ein Volk der Verarbeiter. Wo je im Lauf der
gesamten Geschichte die deutsche Musik einen H�hepunkt erreicht hat, da
hatte sie auf fremdv�lkischem Material aufgebaut. Wegen dieses
au�ernationalen Ursprunges und wegen der metaphysischen
Steigerungskraft der deutschen Musik sind solche H�hepunkte zugleich
H�hepunkte der musikalischen Kunst �berhaupt geworden. Wo aber die
deutsche Musik durch den Gang der Ereignisse nach au�en abgeschlossen
wurde, da ist sie bla� und schwach geworden, ihre Metaphysik hat der
Unterlage einer lebendigen Physis entbehrt.
So ist die deutsche Musik unmittelbar dem deutschen Geistesleben im
tiefsten Sinne verkn�pft und spiegelt dessen Wandlungen ihrer
metaphysischen Natur nach in unerbittlich genauer Sch�rfe. Zur F�hrung
berufen, der letzten Abkl�rung f�hig und zugewandt, vermag sie zu
diesen h�chsten Eigenschaften ihres Wesens nur im Durchgang durch
andere zu gelangen. National bedingt, ist sie nach Gesinnung und
Auswirkung eine europ�ische Kunst, in ihr leben und k�mpfen die
Probleme des europ�ischen oder schlechthin des Menschentums �berhaupt.
Der gro�e Niederbruch hat sie gepackt und mitgerissen wie kaum eine
andere Zeiterscheinung der Geistesgeschichte. Was im heutigen
musikalischen Leben Deutschlands vor sich geht, ist das getreue, im
einzelnen ins Groteske verzerrte Abbild unseres allgemeinen Lebens. Es
wird gek�mpft nicht nur um �berzeugungen und Urteile, es wird gek�mpft
um Gesinnung und Macht, es wird gek�mpft nicht mit Einsichten und
Gr�nden, sondern mit Terror und L�ge, es wird gek�mpft nicht um
sachliche Werte, sondern um pers�nliche Interessen, und das Was und Wie
all dieser K�mpfe ist eine grobe Karikatur der Dinge, deren reiner Name
mi�braucht wird.
Aber in dieser Musik lebt hinter allen Trugmasken, heut noch fern dem
Tage, Erkenntnis der tiefsten Notwendigkeit geistiger Erneuerung. Es
lebt der Glaube an das Kommende, das andere, das mit Namen nicht zu
nennen ist, und dessen Dasein doch innerlichst ersp�rt wird. Es lebt
die Idee, da� nicht nur Untergang, sondern auch Aufgang bevorsteht, es
lebt die Vorstellung des unbekannten Gottes. Gerade in der deutschen
Musik ist sie lebendig, zieht sie ihre starken Spuren, wirkt sie mit
wachsender prophetischer Kraft. Sie hat uns die F�higkeit des Glaubens,
de �berzeugung von der Notwendigkeit dieses Glaubens als seelischer
Voraussetzung aller Offenbarung gebracht. Das ist ihre st�rkste
Leistung. Der Erf�llung m�ssen wir noch harren, bis wir selbst ihrer
f�hig sind.
DIE DEUTSCHE PHILOSOPHIE DER GEGENWART
VON MAX SCHELER
Vom "Volksverband der B�cherfreunde" und dem Herausgeber aufgefordert,
auf engem Raum ein Bild zu geben von der gegenw�rtigen deutschen
Philosophie, ist der Verfasser sich bewu�t, da� der Gegenstand mehr wie
je als ein im Werden befindlicher betrachtet werden mu�. Die Tendenz
auf Zersprengung vorhandener, lange bew�hrter Formen, die in den
Sph�ren des sozialen Lebens, der Kunst (Expressionismus) und der
Wissenschaft (Relativit�tslehre) mit seltsamer Gleichzeitigkeit
auftritt, ist auch in der Philosophie der Gegenwart weit gr��er, als es
der erste Augenschein lehrt. Die besondere Absicht, die der sonst
solchen Zusammenfassungen wenig geneigte Verfasser mit diesen Zeilen
verbindet, ist, einem gr��eren Bildungskreise die M�glichkeit zu geben,
sich durch eigene Gedankenarbeit in diejenigen Leistungen der
gegenw�rtigen Philosophie tiefer einzuarbeiten, die er nach eigenem
philosophischen Urteil f�r die triebkr�ftigsten und zukunftsreichsten
h�lt. Die menschliche und nationale Selbstbesinnung nach dem
tiefgreifenden Zusammenbruch unseres Staates und unserer bisherigen
gesellschaftlichen Ordnungen vollzieht sich in der Philosophie in der
h�chsten und durchgeistigtsten Form. Richtungen und Wege zu ihr m�gen
daher indirekt auch auf diesen Bl�ttern mitbezeichnet werden. Es wird
dem Verst�ndnis dienlich sein, wenn der Verfasser schon hier am Anfange
in vager Weise die formale Gestalt der Art von Philosophie bezeichnet,
auf die hin das Beste der gegenw�rtigen Arbeit zielt. Insofern
behauptet er: Eine universale, durch die nationalen Mythen nicht
gebundene, mit traditionalistischen Schulstandpunkten und ihren
terminologischen Geheimsprachen prinzipiell brechende S a c h
philosophie, die auch die metaphysischen Weltanschauungsfragen in den
Grenzen, in denen es Philosophie im Unterschied zur Religion allein
vermag, in kritischer und vorsichtiger Weise wieder einer L�sung
zuzuf�hren sucht, beginnt sich unter der methodischen Leitung des
Satzes vom Primat des Seins vor dem Erkennen in der Gegenwart von den
verschiedensten Seiten her aufzuarbeiten. Der Subjektivismus,
erkenntnistheoretische Idealismus, Relativismus, Sensualismus,
Empirismus und Naturalismus wird im Aufbau dieser Philosophie langsam �
b e r w u n d e n, und es wird wie von selbst eine Wiederankn�pfung der
Philosophie stattfinden an die gro�en Traditionen jenes objektiven
Ideenidealismus, der etwa bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts das
europ�isch-christliche Denken immer noch notd�rftig zusammenhielt --
eine Wiederankn�pfung, die um so wertvoller sein d�rfte, als sie
ungewollt und aus der schlichten Untersuchung der Sachprobleme der
Philosophie selbst sich ergibt: gleichzeitig aber das neue positive
Wissen, das die Einzelwissenschaften erarbeitet haben, in sich
aufnimmt. Diese Philosophie wird nicht sein wollen die D e s p o t i n
der Einzelwissenschaften, wie in der sogenannten "klassischen" Epoche
der deutschen Spekulation (z. B. Hegel), noch blo�e D i e n e r i n
der Einzelwissenschaften (als Erkenntnistheorie und Methodologie),
sondern wird in dem daseinsfreien "W e s e n" aller Seinsgebiete der
Welt einen selbst�ndigen, n u r der Philosophie zug�nglichen G e g e n
s t a n d besitzen, den sie mit eigenen Methoden zu erkennen
unternimmt.
Will man die Philosophie der Gegenwart verstehen, so wird man sie auf
den gr��eren Hintergrund der Philosophie des 19. Jahrhunderts mit ihren
Phasen projizieren m�ssen. Die Merkmale der G e s a m t g e s t a l t
der Philosophie des 19. Jahrhunderts sind gegen�ber der Philosophie des
17. und 18. Jahrhunderts die folgenden:
Die Philosophie des 19. Jahrhunderts zeigt erstens eine weitgehende n a
t i o n a l e Verengung. Der Denkverkehr der europ�ischen Nationen,
wie er uns etwa in einer Figur wie Leibniz gegenw�rtig ist, wird durch
die steigende Ausbildung des nationalen Selbstbewu�tseins und des
nationalen Mythos erheblich geschw�cht. Besonders in Deutschland wird
mit Kant, obzwar dieser gro�e Geist sich selbst noch vollst�ndig als
B�rger der kosmopolitischen Gelehrtenrepublik f�hlt, eine Denkrichtung
angebahnt, die die deutsche Philosophie in starkem Ma�e aus der
christlich-europ�ischen Tradition herausl�st und ihr einen
national-partikularistischen Charakter auf viele Jahrzehnte hin erteilt.
Ein zweites Merkmal ist die wachsende V i e l h e i t der
philosophischen Standpunkte, Schulen, Sekten. Indem die Philosophie in
der ersten H�lfte des 19. Jahrhunderts einen vorwiegend geschlossenen
S y s t e m charakter annimmt und damit weit mehr als fr�her pers�nlich
gebundener wird ("Romane der Denker" nannte es Sophie Germaine), in der
zweiten H�lfte aber umgekehrt sich in Einzelwissenschaften aufzul�sen
oder als deren blo�e Dienerin zu konstituieren suchte, geht beidemal
der Gedanke "einer" s e l b s t � n d i g e n Philosophie, an der
Generationen und V�lker g e m e i n s a m zu bauen haben, verloren.
Ein drittes Merkmal, das f�r die d e u t s c h e Philosophie
besonders aufdringlich ist, ist die diskontinuierliche antithetische
Entwicklung. W�hrend sich die Philosophie der Neuzeit bis zum 19.
Jahrhundert im gro�en Ganzen, um wenige Grundfragen bem�ht,
kontinuierlich entfaltete, ist das 19. Jahrhundert von Diskontinuit�t,
Abbruch, pl�tzlicher Wiederankn�pfung an �ltere Gedankenrichtungen
durchzogen. Der Zusammenbruch der deutschen Spekulation nach Hegels
Tod, die zeitweise Herrschaft des Materialismus in den Jahren von 1840
bis 1860, die Wiederankn�pfung an Kant (Neukantianismus), an Thomas von
Aquin (Neuthomismus), sp�ter an Fichte und Hegel sind daf�r nur die
sichtbarsten Beispiele dieser Diskontinuit�t. Die Reaktions- und
Restaurationsphilosophie der Romantik versuchte mit ganz
subjektivistischen und unmittelalterlichen Methoden mittelalterliche
I n h a l t e und W e r t e wiederzugewinnen, um auf diese Weise
rein antithetisch und reaktiv die gewaltige zusammenh�ngende Vernunfts-
und Menschheitskultur des 18. Jahrhunderts zu �berwinden. Bis zu
Schopenhauer, Nietzsche, E. Rohde, J. Burckhardt, E. von Hartmann, ja
bis zu O. Spengler hat die romantische Bewegung einen tiefgehenden
Z w i e s p a l t in das philosophische Denken des 19. Jahrhunderts
hineingelegt, der bis heute un�berbr�ckt ist. Aller gegenw�rtige
"Irrationalismus" (Bergson, Theosophie usw.) kn�pft wieder an sie an.
Aus der Verbindung von Ausl�ufern der romantischen Bewegung mit der
durch die Kenntnis des Sanskrit (in Deutschland zuerst verbreitet durch
W. von Humboldt) erschlossenen Weisheit des Ostens (insbesondere
Indiens) ist auch das gegen�ber der Philosophie des 17. und 18.
Jahrhunderts g�nzlich n e u e Element des metaphysischen, ethischen und
geschichtsphilosophischen P e s s i m i s m u s (Schopenhauer, E. von
Hartmann, Mainl�nder, Spir, in anderer Richtung Nietzsche in seiner
ersten Phase) hervorgegangen. Auch der zuerst im Pessimismus erfolgende
Eintritt der Philosophie des O s t e n s in die Geschichte des
europ�ischen Denkens (in Deutschland besonders durch Paul Deu�ens
"Geschichte der indischen Philosophie" verbreitet), ist ein s p e z i
f i s c h e s Merkmal des 19. Jahrhunderts. Durch die im Krieg
erfolgte st�rkere Ber�hrung der deutschen Bev�lkerung mit dem Osten ist
diese Bewegung noch gewaltig gef�rdert worden (Neubuddhismus,
Theosophie, Anthroposophie); auch die �berwindung des "Europ�ismus" in
der Geschichtsauffassung (der Hegel und Comte noch gemeinsam ist), das
hei�t der Methode, an die ganze Entwicklung der Weltgeschichte
europ�ische Ma�st�be und geschichtliche Bewegungsformen anzulegen, ist
in dieser Bewegung stark in Frage gesetzt worden. Indem die Romantik
ferner das Studium der positiven Religionen in die Sph�re der
allgemeinen Bildung hineintrug, hat sie auch die konfessionellen
Bindungen des philosophischen Denkens gegen�ber dem 18. Jahrhundert
wieder bedeutend verst�rkt. Sie hat ferner auf viele Jahrzehnte hin die
philosophische Arbeit so einseitig auf das Studium der Geschichte der
Philosophie hingerichtet, da� ein Mann wie Kuno Fischer sagen konnte:
"Geschichte der Philosophie treiben hei�t selbst philosophieren."
W�hrend Kant noch meinte, das "w�re ein armseliger Kopf, dem die
Geschichte der Philosophie seine Philosophie ist", hat der historische
R e l a t i v i s m u s in der Philosophie bis in die achtziger Jahre
des vorigen Jahrhunderts hinein die philosophische Arbeit aufs st�rkste
niedergehalten. Erst die Philosophie der letzten beiden Jahrzehnte ging
daran, diesen Historismus zu �berwinden. Freilich nur in ma�voller
Weise: denn auch in den Forschern, bei denen sich die Philosophie,
abgesehen von Erkenntnistheorie, in blo�e Weltanschauungs l e h r e
aufl�st, d. h. in Typologie und Psychologie der Weltanschauung (W.
Dilthey, M. Weber, K. Jaspers, H. Gomperz, O. Spengler) ist der aus der
Romantik entsprungene Historismus noch stark gegenw�rtig. Und nur in
anderer, naturalistischerer Form erscheint er wieder bei den
Neupositivisten (E. Mach, Levy-Br�hl und anderen), die selbst die
Denkformen und Denkgesetze soziologisch aus Traditionen und Erblichkeit
herleiten wollen.
Ein letztes Merkmal der Philosophie des 19. Jahrhunderts ist es, da�
sie aus Biologie, Geisteswissenschaften und der seit Fechner in die
Philosophie eingegangenen Disziplin der experimentellen Psychologie
weit st�rkere Antriebe empfangen hat als die Philosophie des 17. und
18. Jahrhunderts, deren Probleme �beraus einseitig durch die
mathematischen Naturwissenschaften Galileis und Newtons gebunden und
bestimmt waren.
Auf diesem allgemeinen Hintergrund der Gestaltung der Philosophie des
19. Jahrhunderts �berhaupt gewinnt die gegenw�rtige Philosophie
Deutschlands ein um so gr��eres Interesse, als ihre bedeutsamsten
Erscheinungen, obzwar weitgehend gen�hrt durch das gesamte Gedankengut
der Philosophie des 19. Jahrhunderts, sich in vieler Hinsicht in
scharfem Gegensatz zu dieser Gestaltung befinden. Die Philosophie der
Gegenwart strebt danach, den mehr oder weniger a n a r c h i s c h e n
Zustand zu �berwinden, der -- diese Merkmale zusammengeschaut -- das
allgemeinste unterscheidende Moment der Philosophie des 19.
Jahrhunderts ausmacht. Dies wird die folgende Darstellung genauer
erhellen.
Wir behandeln im folgenden nur die deutsche Philosophie der Gegenwart.
Um so mehr m�ssen wir uns klarmachen, da� die deutsche Philosophie das
�bergewicht, das sie vor hundert Jahren in der Welt besa�, l�ngst
verloren hatte. Der gr��te internationale Einflu� ist, wie K.
�sterreich in Hinnebergs "Kultur der Gegenwart" I/6, 3. Auflage,
treffend bemerkt, von der franz�sischen Philosophie in den letzten
Jahrzehnten ausgegangen. Der Einflu� Bergsons und der Einflu� W. James'
l��t sich mit keinem Einflu� eines Deutschen vergleichen. Andererseits
wirkt die �ltere deutsche Spekulation, insbesondere Hegel, im Ausland
(besonders England, Amerika, Ru�land, Italien) auch heute noch st�rker
als irgendein nachhegelscher deutscher Denker -- mit Ausnahme
vielleicht Nietzsches. Trotzdem waren die internationalen Beziehungen
der deutschen Philosophie zum Auslande vor dem Krieg in starker Zunahme
begriffen, und es ist aus manchen Anzeichen zu erhoffen, da� sie sich
auch bald wiederherstellen werden.
Will man die gegenw�rtige deutsche Philosophie zur ersten �bersicht in
gewisse G r u p p e n ordnen und zugleich einige ihrer allgemeinen
Charakterz�ge hervorheben, so sind es vor allem d r e i Gegens�tze,
nach denen man diese Gruppierung vollziehen kann.
Der erste ist der h�chst unerfreuliche Gegensatz einer nur engste
Kreise ber�hrenden streng wissenschaftlichen Fach- und
Universit�tsphilosophie und einer unmethodischen, wenig strengen, mehr
oder weniger aphoristischen, aber weiteste Bildungskreise suggestiv in
Bann haltenden "philosophischen Literatur". Im Gegensatz zur
Philosophie des 18. Jahrhunderts, zum Zeitalter Kants und Hegels, aber
auch noch im Gegensatz zum Zeitalter Fechners und Lotzes, vermochte die
akademische Philosophie das geistige Interesse gr��erer Bildungskreise
bis vor kurzem n i c h t zu gewinnen. Um so mehr vermochte das aber
eine philosophierende Literatur, deren Hauptexponent und Vorbild
Nietzsche gewesen ist, eine Literatur, die ohne Verbindung mit der
strengen Wissenschaft unmethodisch und weit unter der Niveauh�he der
gro�en Philosophie der Vergangenheit, in subjektiv pers�nlicher Form
Meinungen und Werturteil ausspricht. Hierher geh�ren z. B.
Erscheinungen wie R. Steiner, Johannes M�ller, O. Spengler, W.
Rathenau, Graf Keyserling, H. Bl�her, die philosophierenden Mitglieder
des George-Kreises und andere mehr. Dieser Z e r f a l l in zwei so
g�nzlich verschiedenartige Gattungen von "Philosophie" steht in
scharfem Gegensatz zu allen philosophisch p r o d u k t i v e n
Zeiten, und er mu� vor allem aufgehoben werden, wenn die deutsche
Philosophie sich aus der Anarchie des 19. Jahrhunderts wieder erheben
soll. Das ist nur m�glich, wenn zwei Arten von akademischer Philosophie
langsam in den Hintergrund treten, die bisher an den deutschen
Universit�ten noch stark in Herrschaft sind.
1. Die traditionalistischen Standpunkts- und Schulphilosophien. Sie
machen sich alle dadurch kenntlich, da� sie ihre eigene Namengebung mit
dem Worte "Neu" beginnen (z. B. Neukantianer, Neuthomisten,
Neufichteaner, Neuhegelianer), als wollten sie nach dem Gesetz: Lucus a
non lucendo damit sagen, da� das, was sie lehren, etwas altes ist.
Eigen ist diesen philosophisch-akademischen Richtungen das, was das
Wesen jeder "Scholastik" ausmacht: da� man sowohl in der Arbeit an den
Sachproblemen in �bereinstimmung mit einer historischen A u t o r i t
� t (wenigstens im "wesentlichen") zu bleiben sucht, andererseits aber
die Meinung dieser Autorit�t immer so interpretiert, da� man noch sagen
kann, die eigenen Sachforschungen stimmten mit ihrer Meinung �berein.
Diese fortgesetzte Angleichung von Sachforschung und
historisch-philologisch interpretierter Meinung eines Philosophen h i n
d e r t aber ebensowohl echte und reine Sacherkenntnis wie echtes
historisches Verst�ndnis. Am weitesten in dieser "scholastischen"
Methode sind heute merkw�rdigerweise nicht die sogenannten
"Neuscholastiker" gegangen, sondern die Neukantianer, deren
Sachforschungen wie geschichtliche Leistungen (besonders H. Cohen, P.
Natorp, E. Cassirer) trotz ihrer mannigfachen Anregungskraft diesen
Charakterzug durchgehends verraten. Eng verbindet sich Schulerstarrung,
Anschauungs- und Wirklichkeitsfremdheit und eine geheime verzwickte
Terminologie (die alle gro�en Philosophen der Geschichte n i c h t
gekannt haben, und die schon von vornherein eine dicke Wand zwischen
Philosophie und Bildung setzt) mit dem bezeichneten "scholastischen"
Charakter. Erst mit Edm. Husserls "Logischen Untersuchungen" hat eine
standpunkt f r e i e, nicht traditionalistische S a c h philosophie
wieder in breiterem Ma�e eingesetzt, wenn auch M�nner wie Franz
Brentano, Rehmke, Driesch, B. Erdmann, Stumpf auch schon vor Husserls
Auftreten die Philosophie in diese Richtung geleitet haben.
Ein zweiter Grund f�r das Auseinanderfallen der deutschen Philosophie
in methodisch strenge Sachphilosophie und "philosophische Literatur"
ist in der Tatsache zu sehen, da� die gegenw�rtige deutsche Philosophie
jahrzehntelang, wie Lotze sich ausdr�ckte, nur "die Messer zu wetzen
pflegte, ohne zu schneiden", da� sie, herausgewachsen aus dem
sogenannten Neukantianismus (Otto Liebmann, Albert Lange, H. Cohen, P.
Natorp), der nach dem Zusammenbruch der deutschen Spekulation die
Philosophie zuerst wieder an deutschen Hochschulen m�glich machte, sich
aufs einseitigste, auf Erkenntnistheorie und Methodologie beschr�nkte
und sich dabei im Grunde nur als Dienerin der Einzelwissenschaften
f�hlte. So �bertrug sich der Fachcharakter auch auf die Philosophie,
deren Wesen es doch gerade ausschlie�t, ein "Fach" n e b e n anderen zu
sein. So gab sie nicht nur ihre zentralste und ihre wesentlichste
Disziplin, die Metaphysik, meist v�llig preis, sondern hatte au�erdem
zu dem �brigen geistigen Leben der Nation, zu den Problemen des
Staates, der Gesellschaft, zu Kunst und Dichtung, zur Religion und zum
Problem der Gestaltung und Bildung der geistigen Pers�nlichkeit kaum
irgendeinen Zugang mehr. Die �bernahme einer gro�en Anzahl von
Lehrst�hlen durch Vertreter der "jungen experimentellen Psychologie"
befestigten diesen Zustand noch mehr, zumal diese junge und
verhei�ungsvolle neue Wissenschaft sich erst in den letzten Jahren
ihrer Entwicklung auch den h�heren geistigen Funktionen zuwendete oder
doch durch gewisse, in ihr erwachsene Probleme, z. B. durch das
Gestaltproblem, wieder st�rkeren Anschlu� an die philosophischen Fragen
gewann. Auf seiten der "philosophischen Literatur" aber wurde der
echten Philosophie nicht minder Abbruch getan: einmal dadurch, da� man
in ganz unsachlicher und subjektivistischer Weise seinen Einf�llen die
Z�gel schie�en lie�, das Geistreiche und Blendende an die Stelle des
Wahren, die Suggestion an die Stelle der �berzeugung im sokratischen
Sinne setzte; ferner dadurch, da� man in mehr oder weniger gnostischer,
die Selbst�ndigkeit der Religion und der Mystik gegen�ber der
Philosophie total verkennender Weise die Philosophie von aller strengen
W i s s e n s c h a f t losl�ste und sie zu einer Sache von
S e k t e n machte, die, im Gegensatz zu den akademischen Schul- und
Standpunktsphilosophien, sich um das rein pers�nliche, echte oder
scheinbare Charisma einer starken Natur gruppierten. So entstanden
Sekten aller Art, die besonders zu nennen nicht notwendig ist. So ist
es auch verst�ndlich, da� das im 19. Jahrhundert fast verloren
gegangene W e s e n der Philosophie in der Gegenwart erst wieder
aufgesucht werden mu�te (siehe E. Husserl: "Philosophie als strenge
Wissenschaft", Logos Bd. I, Heft I; siehe auch M. Scheler: "Vom Ewigen
im Menschen", Bd. I, "Vom Wesen der Philosophie").
Ein zweiter Gegensatz durchquert die gegenw�rtige Philosophie in d e r
Richtung, ob sie in ihren Problemen mehr geistes- oder
naturwissenschaftlich orientiert ist. Das wird in der folgenden
Darstellung scharf hervortreten im Gegensatz sowohl der neukantischen
und der s�dwestdeutschen Schule als in den Gegens�tzen der einzelnen
selbst�ndigen Sachdenker. Auch dieser Gegensatz ist ein Zeichen daf�r,
da� wir eine u n i v e r s a l e Philosophie noch nicht besitzen:
denn eine solche mu� b e i d e n gro�en Daseinsgebieten, und zwar durch
Vermittelung des selbst�ndigen Sachgebietes der inneren und �u�eren
B i o l o g i e, ihr gleichm��iges Interesse zuwenden und darf sich
nicht als blo�e "ancilla scientiae" zum einseitigen Vorspann e i n e r
dieser Teile der Wissenschaften machen. �berhaupt ist nichts der
Philosophie abtr�glicher als die bis vor kurzem in unserem Lande immer
wieder erneuten Versuche, von den Gegebenheiten und Grundbegriffen
einer Einzelwissenschaft her, das g a n z e Weltproblem l�sen zu
wollen. Solches geschah z. B. im sogenannten Psychologismus durch eine
g�nzlich unberechtigte Ausdehnung der Begriffe, "psychisch" oder
"Bewu�tsein": in der Energetik Ostwalds durch eine Verabsolutierung des
Energiebegriffes, im Empfindungsmonismus Ernst Machs durch eine falsche
Verabsolutierung des Empfindungsbegriffes; in gewissen Richtungen der
"Lebensphilosophie" in einer falschen Ausdehnung und Verabsolutierung
des Begriffes Leben, in der neukantischen Marburger Schule in einer
falschen Verengung des Erkenntnisbegriffes auf mathematische
Naturwissenschaft. Die Philosophie hat, von einer Lehre �ber die
Grundarten der G e g e n s t � n d e ausgehend und von dem Satze, da�
sich alle Methoden nach der Natur, der Gegenst�nde zu richten haben
(und nicht die Gegenst�nde nach Methoden), einen wahren Ausgleich
zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Interessenrichtungen und
methodischen Denkrichtungen herbeizuf�hren, die Wissenschaften auf dem
Boden einer selbst�ndigen philosophischen und allseitigen
Erkenntnistheorie zu ordnen und in gegenseitige fruchtbare Beziehung zu
setzen. Sie hat nach wie vor zwar nicht eine die Einzelwissenschaften
erdr�ckende Despotin wie zur Zeit Hegels zu sein, noch weniger aber
ihre Dienerin, sondern "K�nigin" in jenem legitimen letzten Sinn, der
die wohlerworbenen Rechte der Fachwissenschaften von einem eigenen,
eben nur philosophischen Standpunkt aus s e l b s t � n d i g w�rdigt
und achtet und sie f�r das Ganze unseres Weltbegriffes und unserer
Weltanschauung fruchtbar macht. Die Philosophie des 17. und 18.
Jahrhunderts, die Philosophie des Descartes und Leibniz vermochte
gerade darum so h�ufig auch den Einzelwissenschaften R i c h t u n g zu
geben und ihnen fruchtbare Anregung zu erteilen, weil sie im engen
Konnex mit den Wissenschaften (und nicht losgel�st von ihnen, wie
unsere Literatenphilosophie) sich nicht einseitig damit zufrieden gab,
blo� zu formulieren, was die "Voraussetzungen der Einzelwissenschaften"
seien und welche Methoden sie selbst anwenden. Die gegenw�rtige
�berwindung der Galilei-Newtonschen Naturansicht durch die vier gro�en
naturwissenschaftlichen philosophischen Fermente unserer Zeit die
Elektronentheorie, die Einsteinsche Relativit�tstheorie, die Plancksche
Quantentheorie und die positiv-wissenschaftlichen und neuvitalistischen
Versuche, den Organismus mit �bermechanischen Agenzien zu erkl�ren,
sollten J e d e m zeigen, was aus einer Philosophie werden mu�, die
nur objektiv logische Voraussetzungen einer f�lschlich verabsolutierten
Wissenschaftsstufe zu suchen pflegt. Sie h�rt mit der �berwindung
dieser Wissenschaftsstufe eben auf, irgendeine Bedeutung zu haben. Nur
dann, wenn die Philosophie einen e i g e n e n G e g e n s t a n d
und eine e i g e n e Methode besitzt allen einzelnen Seinsgebieten
gegen�ber, die als solche auch die positiven Wissenschaften erforschen,
wird sie mehr sein k�nnen als die blo�e Eule der Minerva der positiven
Wissenschaft; und nur, wenn sie die S a c h e n selbst, nicht nur die
Wissenschaft �ber die Sachen als blo�e "Erkenntnislehre" sich zum
Gegenstand setzt (freilich mit Einschr�nkung auf ihr daseinsfreies
Wesen, ihre e s s e n t i a), kann sie der positiven Wissenschaft auch
geben, anstatt blo� von ihr zu nehmen.
In Hinsicht auf einen dritten Gegensatz, der auch die gegenw�rtige
Philosophie noch unabh�ngig von einzelnen Sachproblemen bestimmt,
n�mlich dem Gegensatz der religi�sen Traditionen (katholische und
protestantische Philosophie), ist das Erfreuliche zu vermelden, da�
dieser Gegensatz, der streng genommen in der Philosophie �berhaupt
keinerlei Rolle zu spielen h�tte, auch tats�chlich stark zur�ckgetreten
ist. Kant und seine von der Theologie ausgegangenen spekulativen
Nachfolger hatten der deutschen Philosophie einen, geschichtlich
gesehen, einseitigst protestantischen Charakter erteilt. Die
katholische Philosophie oder, besser gesagt, die Philosophie des
katholischen Kulturkreises ging, abgesehen von ganz wenigen
Erscheinungen der Romantik (z. B. Franz Baader, Deutinger,
Froschammer), ihre Wege v�llig f�r sich, und es bestand bis vor kurzem
keinerlei tiefere Ber�hrung zwischen den Forschergruppen beider
Konfessionen. Der von der Enzyklika "Aeterni patris" im Jahre 1897 von
Leo XIII. angeregte Neuthomismus, der durch die L�wener Schule des
belgischen. Kardinals Mercier auch eine f�r die modernen
wissenschaftlichen Probleme etwas ge�ffnetere Form erhielt, hat den
Gegensatz der philosophischen Richtungen beider Kulturkreise f�r viele
Jahre hin noch erheblich gesteigert. Und je mehr die deutsche
Philosophie sich durch Kant einseitig bestimmt erwies und die Weisungen
Leos XIII. (der wohl an erster Stelle an eine einheitliche
philosophische Unterweisung der P r i e st e r gedacht hat und, wie er
selbst auf die Frage der Franziskaner versicherte, keineswegs das
thomistische System zur allverbindlichen Norm f�r alle philosophischen
Studien erheben wollte) gegen die Absichten des gro�en Papstes wie eine
Art Dogmatisierung der thomistischen Philosophie interpretiert wurden,
desto sch�rfer und un�berbr�ckbarer wurde der Gegensatz. Von den
�lteren deutschen Philosophen vermochten nur H e r b a r t in seiner
Schule gl�ubige Anh�nger beider Konfessionen zu vereinigen (z. B. Otto
Willmann). Dieser Zustand hat sich in der Gegenwart weitgehend
ver�ndert. Besonders durch die direkten und indirekten Einfl�sse Franz
Brentanos und des von E. Husserl wiederentdeckten gro�en Logikers
Bolzano, die beide noch in starker geistiger Kontinuit�t mit den gro�en
Geistern der Scholastik philosophierten; ferner durch Husserl und die
von ihm angeregten Forscher; endlich auch durch den starken Abbau des
erkenntnistheoretischen Idealismus und durch das Wiedererwachen des
erkenntnistheoretischen Realismus ist ein erfreulicher Denkverkehr
zwischen den Philosophen der beiden Konfessionen in Gang gesetzt
worden. Auch der Einflu� der �sterreichischen Philosophie (besonders
Martys, Meinongs) auf die deutsche hat in den letzten Jahrzehnten stark
zugenommen. �ber die st�rkere und lebendigere Ber�hrung der Philosophen
beider Konfessionen auf metaphysischem und religionsphilosophischem
Gebiet wird im einzelnen sp�ter noch zu berichten sein. Dagegen hat der
Einflu� der naturalistischen und freidenkerischen Weltanschauungsformen
auf die Philosophie (die ja nicht minder wie Katholizismus und
Protestantismus im 19. Jahrhundert l�ngst "Tradition" geworden sind) in
der Philosophie der Gegenwart stark abgenommen. Haeckels und seiner
Gesinnungsgenossen Philosophie hat in Deutschland nur in den M a s s
e n, nie unter den eigentlichen Philosophen irgendwelche Bedeutung
erlangt. Aber auch weit h�her gerichtete und freiere Formen der
naturalistischen Philosophie haben heute an Bedeutung stark verloren.
Die Ostwaldsche Energetik, die in ihrem naturwissenschaftlichen Teile
durch die moderne Atomistik wieder vollst�ndig verdr�ngt ist, hatte f�r
die theoretische Philosophie bedeutende Folgen nicht entwickelt. Der
Positivismus, der aus Frankreich und England in gewissen Ausl�ufern
auch zu uns gekommen war (E. Mach, Avenarius, Ziehen), z�hlt noch
einige Anh�nger, auf die wir sp�ter zur�ckkommen; er mu�te aber der
erkenntnistheoretischen realistischen Lehre und der dem Sensualismus
und der Assoziationspsychologie ganz entgegengesetzten
Entwicklungsrichtung der modernen Psychologie mehr und mehr weichen.
Die gegenw�rtige Philosophie enth�lt zu einem gro�en Teile die
Entwicklungsstadien des 19. Jahrhunderts noch als gegenw�rtige
Schichten in sich. Das gilt an erster Stelle von den Nachwirkungen
�lterer philosophischer S y s t e m e. Wir wollen, von den �ltesten
Schichten beginnend, die gegenw�rtige Philosophie nunmehr betrachten,
um, von ihnen fortschreitend, bei den neuesten Versuchen zu endigen.
Eines geringen Anhangs und einer steigend geringen Achtung auch bei der
heute philosophierenden Jugend erfreut sich der naturalistische
Monismus, der geschichtlich an die Zeit von Ludwig B�chners "Kraft und
Stoff" (das von 1854 bis 1904 21 Auflagen erlebte) ankn�pft. Gleichwohl
mu� dieses System hier genannt werden, nicht um seiner inneren
Bedeutung willen, sondern weil es durch seine kaum abzusch�tzende
Verbreitung weniger in der deutschen Arbeiterschaft als im kleinen
Mittelstand eine gro�e Wirkung auf das deutsche Geistesleben gehabt
hat. E r n s t H a e c k e l s "Weltr�tsel" waren bereits in den
Jahren 1899 bis 1914 in mehr als 300 000 Exemplaren verbreitet und in
24 Sprachen �bersetzt. Der deutsche Geist war im Ausbau der
naturalistischen Philosophie zu allen Zeiten wenig produktiv; w�hrend
in Frankreich und England die naturalistische Philosophie mit
sch�rfstem Geist und der Form nach in strenger wissenschaftlicher
Methode von M�nnern vertreten wurde, die, meist auf der H�he der
sozialen Stufenleiter stehend, sie in weltm�nnischer Form und nicht
unbedeutendem Stil vertraten, ist der deutsche Materialismus und
Monismus meist �beraus grob, borniert und unwissenschaftlich gewesen.
Seine Vertreter waren meist (wie schon Karl Marx bemerkt hat)
"kleinb�rgerliche", in Stil und Lebensform untergeordnete,
philosophisch dilettierende �rzte und Naturforscher, die ohne Kenntnis
der Geschichte des europ�ischen Denkens und ohne �berschau �ber den
Kosmos der Wissenschaften, aus der Ecke ihrer zuf�lligen Interessen
herau� sogenannte "Konsequenzen der Naturwissenschaft" zogen. Diese
Charakteristik gilt auch f�r den wirksamsten Vertreter dieser Richtung,
Ernst Haeckel (geb. 1834). Seine "Weltr�tsel" (1899) und seine
"Lebenswunder", zuletzt sein Buch �ber Kristallseelen sind
philosophisch so gut wie wertlose Erzeugnisse. Mit Recht sagte Fr.
Paulsen in einer Rezension der "Weltr�tsel", die in den "Preu�.
Jahrb�chern" erschien: "Ich habe mit brennender Scham dieses Buch
gelesen, mit Scham �ber den Stand der allgemeinen Bildung und der
philosophischen Bildung unseres Volkes." Nicht minder scharf war das
Urteil, das E. Adikes mit den Worten f�llte: "Haeckel ist eben durch
und durch Dogmatiker; darin steht er mit B�chner auf einer Stufe; als
Naturforscher �berragt er ihn weit, als Philosophen sind beide v�llige
Nullen." Der russische Physiker Chwolson zeigte in einer besonderen
Schrift, wie v�llig unf�hig Haeckel war, auch nur den Sinn der
einfachsten Grunds�tze der theoretischen Physik, wie z. B. des Satzes
von der Erhaltung der Energie oder gar des zweiten W�rmesatzes (den er
einfach "verwirft") zu verstehen. Der bekannte Ameisenforscher Wasmann
hat in einer besonderen Schrift, "Haeckel als Kulturgefahr", auch seine
entwicklungstheoretischen Leistungen gen�gsam gekennzeichnet.
�ber den sachlichen Inhalt seiner Philosophie hier noch einmal zu
sprechen, fehlt jeder Anla�[1].
[1] Vgl. neben den genannten kritischen Werken O. K�lpe:
"Philosophie der Gegenwart", 6. Aufl., und A. Messner:
"Philosophie der Gegenwart" (1918).
In Form eines Versuches der Zur�ckf�hrung alles Wirklichen mit
Einschlu� des organischen Lebens, des Seelenlebens und der geistigen
T�tigkeiten auf letzte qualitative Grundarten der E n e r g i e und
ihre Umwandlungsformen vertrat Wilhelm Ostwald (geb. 1855), Professor
der physikalischen Chemie, den naturalistischen Monismus. Seine
Vorlesungen �ber "Naturphilosophie" waren, soweit es sich um die
Philosophie der anorganischen Natur handelt, �beraus anregend. Ostwald
versuchte, den Begriff der Materie v�llig auszuschalten. Die Masse der
Mechanik ist ihm nur ein Kapazit�tsfaktor der mechanischen Energie, der
gleichgeordnet eine W�rme, ein Licht, eine Gestalt, eine magnetische
und elektrische, eine chemische und psychische Energie zur Seite
stehen. Diese Energie a r t e n sind nicht, wie es die
atomistisch-mechanische Naturansicht wollte, aufeinander
zur�ckzuf�hren; sie sind �hnlich wie in der qualitativen Elementarlehre
des Aristoteles letzte Gegebenheiten, die nur in formal quantitativen
Austauschbeziehungen zueinander stehen. "Alles, was wir Materie nennen,
ist Energie; denn sie erweist sich als ein Komplex von Schwereenergie,
Form und Volumenenergien, sowie chemischen Energien, denen W�rme- und
elektrische Energien in ver�nderlicher Weise anhaften." Trotzdem
verfiel Ostwald in den Irrtum, die Energie, einen blo�en dynamisch
interpretierten Beziehungsbegriff, selbst zu einer Substanz zu
hypostasieren. Nicht minder war es vollst�ndig unbegr�ndet, auch das
Psychische in die Energiearten einzureihen, obgleich ihm die
Grundvoraussetzung, als nat�rliche Energieart zu gelten, die
Me�barkeit, fehlt und der ichartige monarchische Aufbau der
Bewu�tseinserscheinungen im Widerspruch zu dieser Auffassung steht.
V�llig ungel�st blieb auch das Problem des organischen Lebens, ebenso
ungel�st wie innerhalb der mechanischen Lebenslehre. Aber auch
innerhalb des Anorganischen bew�hrte sich die Energetik auf die Dauer
nicht. Die Kritik, die insbesondere Boltzmann und W. Wundt an den
"Vorlesungen" ge�bt haben, ist durch die Entwicklung der
Naturwissenschaften, insbesondere durch den gl�nzenden Sieg der
Atomistik und der mechanischen W�rmelehre durchaus best�tigt worden.
Ganz und gar unzureichend aber sind de Versuche Ostwalds gewesen (s.
bes. "Philosophie der Werte"), die Probleme der Ethik, der
Gesellschaft, der Zivilisation und Geschichte auf dem Boden der
"Energetik" zu verstehen. Da� an die Stelle des kategorischen
Imperativs der [sic] energetische Imperativ: "Vergeude keine Energie,
verwerte sie" treten soll, mutet fast wie ein schlechter Scherz an. Und
nicht minder mutet so an eine Erkl�rung, die Ostwald auf dem Hamburger
Monistenkongre� von 1911 gibt, in der es hei�t: "Denn alles, was die
Menschheit an W�nschen und Hoffnungen, an Zielen und Idealen in den
Begriff /Gott/ zusammengedr�ngt hatte, wird uns von der Wissenschaft
erf�llt." Ostwalds rein technologische Betrachtung der Weltgeschichte,
die, der deutschen Organisationssucht ein philosophisches M�ntelchen
umh�ngend, jede geschichtliche Aufgabe zu einer "Organisationsaufgabe"
macht, ist so kindlich, da� sie eine Kritik kaum verdient; nicht minder
seine Meinung, das �sthetische Gef�hl und die Kunst h�tten nur soweit
Bedeutung, als sie der wissenschaftlichen Arbeit Pionierdienste
leisten, und es werde darum bei reifender Wissenschaft die Kunst einmal
v�llig aus der Welt verschwinden. In der Soziologie hat Ostwald einen
ernsten Sch�ler gehabt, de noch stark in die Gegenwart hineinwirkt. Es
ist der Wiener Soziologe und Vorsitzende des �sterreichischen
Monistenbundes R u d o l f G o l d s c h e i d. Sein Werk �ber
"H�herentwicklung" und "Menschen�konomie" hat sowohl der
Bev�lkerungslehre wie der Sozialpolitik reiche und wertvolle Anregungen
vermittelt, wenn auch sein einseitig durchgef�hrter Versuch, den
Menschen selbst (�hnlich wie in der Sklavenwirtschaft) rechnungsm��ig
als blo�en Wirtschaftswert einzustellen und eine m�glichst sparsame
Verwendung dieses "Wertes" zu fordern, soziologisch unhaltbar ist. Eine
Aufl�sung der Ethik in �konomie hat Goldscheid nie versucht. Ein
bedeutender Vertreter des Monismus, der auch in der Gr�ndung und
Entwicklung des Monistenbundes eine gro�e Rolle gespielt hat, war der
k�rzlich verstorbene Wiener Psychologe und Ethiker Friedrich Jodl.
Sowohl sein "Lehrbuch der Psychologie" wie vor allem seine
gro�angelegte "Geschichte der Ethik" sind wertvolle und anregende
B�cher, wenn sie auch in einseitiger Weise allen freidenkerischen und
antikirchlichen Bestrebungen einen ihnen auch wissenschaftlich nicht
zukommenden �berragenden Wert beilegen. Wie sehr die ganze
philosophische Richtung des Monismus von p o l i t i s c h e n, d. h.
au�erphilosophischen Tendenzen beherrscht ist, beweist ihr am 1. Januar
1906 erfolgter Zusammenschlu� zu der Organisation des "Deutschen
Monistenbundes". Ostwald schlo� den ersten Hamburger Kongre� mit dem
Satze: "Ich er�ffne das monistische Jahrhundert"; sein
Ehrenvorsitzender war E. Haeckel, sein Vorsitzender der Bremer Pastor
Albert Kalthoff, der, stark von Nietzsche angeregt, an den
Junghegelianer Bruno Bauer ankn�pfend, die historische Existenz Christi
in seinen Schriften geleugnet hatte, und in loser Ber�hrung mit den
linksliberalen Pastoren Jatho und Traub den christlichen Kirchen eine
scharfe Kampfansage stellte. Wider den Monismus gr�ndete [sic] dann im
Jahre 1907 der Kieler Naturforscher J. Reinke und E. Dennert den
sogenannten "Keplerbund", der sich umgekehrt die Aufgabe setzte, die
Vereinbarkeit der modernen Naturwissenschaft mit der theistischen
Weltanschauung zu erweisen. Sehr mit Unrecht ist die Verbreitung der
monistischen Weltanschauung h�ufig der Sozialdemokratie und ihren
F�hrern zugeschrieben worden. Geistesgeschichtlich ist diese Auffassung
grundfalsch. Die F�hrer des Monismus standen politisch zumeist den
nationalliberalen Anschauungen sehr nahe (z. B. Haeckel selbst), und
bei vielen von ihnen findet sich sogar eine ausgepr�gte alldeutsche
Tonart. Wie tief Karl Marx und Engels auf den Materialismus des
deutschen Kleinb�rgertums herabblickten, ist aus ihren �u�erungen
genugsam bekannt.
W�hrend die monistische naturalistische Denkrichtung eigentlich nur
kulturhistorisches und f�r die deutsche Mentalit�t vor dem Kriege
bestimmendes Interesse bietet, sind die anderen heute noch lebendigen
philosophischen Systeme auch rein philosophisch von Bedeutung. Das gilt
gleich sehr von der Wirkung Fichtes, Hegels und Schellings wie von
jener Lotzes, Fechners, E. von Hartmanns, R. Euckens und W. Wundts.
Diese Systeme k�nnen hier nicht geschildert werden: nur was sie f�r die
g e g e n w � r t i g e Philosophie als mitbestimmende Momente noch
bedeuten, sei kurz erw�hnt. Die geringste Wirkung von all den Genannten
hatte merkw�rdigerweise in Deutschland der zeitlich n�chste letzte
gro�e Systematiker der deutschen Philosophie, Wilhelm Wundt. Als
Darstellungen seines Systems sind empfehlenswert O. K�lpe in der
"Philosophie der Gegenwart", E. K�nig: "W. Wundt", 1909 und R. Eisler:
"Wundts Philosophie und Psychologie", 1902. Ein Grund f�r die geringe
Wirkung des ausgezeichneten Forschers und Gelehrten in der Philosophie
mag darin gelegen sein, da� seine Erkenntnistheorie und seine
Metaphysik beiderseits an gro�er Vagheit und Unbestimmtheit leiden, das
Ganze seiner Philosophie aber trotz seiner �berladenheit mit
Gelehrsamkeit etwas �beraus Farbloses und Blutloses besitzt. Auch ein
h�ufiges Schwanken (z. B. zwischen Idealismus und Realismus in der
Erkenntnistheorie, zwischen psychophysischem Parallelismus als
metaphysischer Hypothese und methodologischer Maxime, zwischen
Relativismus und Absolutismus in der Ethik, Theismus und
Willenspantheismus in der Lehre vom Weltgrund) mag gleichfalls zu
dieser Unwirksamkeit beigetragen haben.
R u d o l f E u c k e n, der schon an der Grenze steht zwischen
wissenschaftlicher Philosophie und jener fr�her charakterisierten
philosophischen Erbauungsliteratur, hat eine weit st�rkere Wirkung als
Wundt entfaltet sowohl in Deutschland, wie im Auslande; ein deutliches
Zeichen davon ist in letzterer Hinsicht der Nobelpreis. Dieser Denker
ist von gleichbedeutenden Kritikern sehr verschieden beurteilt worden.
Die einen sehen in der Verbindung von Prediger, Metaphysiker und
Forscher, von homo religiosus und Denker, die Eucken darstellt, etwas
besonders Wertvolles und weisen hin auf den reichen intuitiven Gehalt
seines Werkes; die anderen beklagen den Mangel an Anatomie in seinen
Gedanken, die Unverbundenheit seiner Philosophie mit den
Wissenschaften, die unmethodische Art seines Denkens und die gro�e
Unbestimmtheit und Vagheit des eigenartigen pers�nlichen Stiles seiner
Darstellung. M�gen beide in gewissem Ma�e recht haben, so kommt Eucken
vor allem das entschiedene V e r d i e n s t zu, in einer Zeit, da
die Philosophie zu einer blo�en Anmerkung zu den positiven
Fachwissenschaften zu werden drohte, ihre Anspr�che festgehalten zu
haben, eine Metaphysik und gleichzeitig eine den Menschen formende
Lebensanschauung zu geben. Ausgegangen von F. A. Trendelenburg (gest.
1872), eine Zeitlang auch Sch�ler Lotzes, hat Eucken mit starker
Ankn�pfung an Fichtes Tatidealismus seinen "Idealismus des
Geisteslebens" zu begr�nden unternommem. Sein bedeutendstes Werk
(leider am wenigsten gelesen) ist das 1888 erschienene "Die Einheit des
Geisteslebens in Bewu�tsein und Tat der Menschheit" in dem er seine
personalistisch-theistische Philosophie nicht durch Sachuntersuchungen
der philosophischen Probleme, sondern aus einer Kritik des Panlogismus
Hegels und des Naturalismus hervorwachsen l��t. In den
"Lebensanschauungen der gro�en Denker" und der "Geistigen Str�mungen
der Gegenwart" (urspr�nglich "Grundbegriffe der Gegenwart"), die der
wissenschaftlichen Philosophie noch am n�chsten stehen, nimmt er aus
der Geschichte der Philosophie das wesentlich "Lebensanschauliche"
heraus und legt es im Sinne seiner Philosophie aus. Die B�cher "Der
Kampf um einen geistigen Lebensinhalt", "Der Wahrheitsgehalt der
Religion", "Erkenntnis und Leben" und "Grundlinien einer neuen
Lebensanschauung" wiederholen in immer neuen Wendungen dieselben
Grundgedanken. Das Wertvolle dieser Gedanken ist weniger in ihrer sehr
mangelhaften theoretischen Begr�ndung gelegen als in ihrer das
Bewu�tsein der Selbst�ndigkeit des Geistes trotz aller tiefempfundenen
und in der endlichen Erfahrung unl�sbaren Konflikte des menschlichen
Daseins energisch aufweckenden Kraft. Eucken war in einem �berwiegend
praktisch-materialistischen Zeitalter einer der st�rksten S e e l e n e
r w e c k e r, die Deutschland besessen hat. Reinsten germanischen
Blutes (Friese), besitzt er in seltener Weise Vorz�ge und Fehler des
germanischen Geistes: eine ahnungsvolle Intuition �bersinnlicher
Realit�ten, ein energisches Festhalten dieser Realit�ten inmitten
tiefst empfundener Widerst�nde der "Welt" gegen die Verwirklichung der
geistigen Forderungen; aber auch alle Vagheit und Nebelhaftigkeit,
Unbestimmtheit und Dunkelheit nordischen Geistes. Das "Geistesleben",
das bei ihm zwischen historischer Realit�t und metaphysischer Potenz
eigenartig in der Mitte schwebt, wird von dem nat�rlichen Seelenleben,
das der Mensch mit dem Tiere teilen soll, scharf unterschieden. Es soll
in "noologischer Methode" (eine eigent�mliche Erweiterung der Methode
Kants) nicht durch Introspektion, sondern an seinen W e r k e n und
Systemen des Lebens ("Syntagmen") studiert werden. Es soll nicht nur in
jeder Einzelseele, sondern auch in den gro�en kollektiven Gruppen der
Geschichte als selbst�ndig t�tig aufgefa�t werden. Trotzdem soll es in
scharfem Gegensatz zum Hegelschen Panlogismus nur durch t�tige
Ergreifung des Einzelmenschen diesen zur "Pers�nlichkeit" und zur
"Wesensbildung" erh�ben. So ist Eucken im letzten Grunde mehr
theistischer Personalist als Pantheist, obgleich eine starke
pantheistische Ader seine Philosophie durchzieht. Mit Methoden, die
denen Pascals in den "Pens�es" �hnlich sind, sucht Eucken mit starker
Heranziehung dessen, was er f�r den relativen Wahrheitsgehalt der
naturalistischen und pessimistischen Systeme h�lt, zu zeigen, da�
dieses "Geistesleben" in der Welt verloren und in letzter Linie
bedeutungslos ist, wenn es nicht aus einem geistigen W e l t g r u n
d e immer neu sch�pferisch herstr�mend und in die Menschenseelen
einquellend verstanden und geschaut wird. W�hrend die �ltere
Philosophie die Vernunft des Menschen zum Reiche der "Natur" rechnete
und ihr das Reich der "�bernatur", der "Gnade" entgegensetzte, wird die
zum Geistesleben erweiterte Vernunft des Menschen bei Eucken selbst
etwas "�bernat�rliches". Das macht den g n o s t i s c h e n
Charakter der Euckenschen Philosophie aus, die Religion und Metaphysik
in einem f�r sie beide unstatthaften Sinne vermischt.
Die Philosophie Fechners, der durch seine Begr�ndung der Psychophysik
neben Wundt als der eigentliche Begr�nder der Experimentalpsychologie
gelten mu�, hat auf die gegenw�rtige Philosophie eine nur geringe
Wirkung ausge�bt. Sein Versuch, die Empfindung als psychische Gr��e
nachzuweisen und sie durch die Einheit des eben merklichen
Empfindungsunterschiedes zu messen, ist sowohl nach seinen
methodologischen Voraussetzungen als nach seiner psychologischen
Voraussetzung hin (man k�nne die Empfindung unabh�ngig von den
Aufmerksamkeitsschwankungen �berhaupt im Bewu�tsein vorfinden) fast
allgemein zur�ckgewiesen worden. Stark wirkte zeitweise seine Lehre vom
psychophysischen Parallelismus, die, wie wir noch sehen werden,
freilich in der Gegenwart gleichfalls an Einflu� stark verloren hat.
Seine eigentliche Metaphysik der "Tagesansicht" und der Allbeseelung
hat leider lange nicht die Anregungskraft ausge�bt, die ihr meines
Erachtens innewohnt. Auch die n�chststehenden Forscher, wie Ebbinghaus
und Wundt, haben diese Seiten seiner Philosophie meist als blo�e
"Poesie" und Begriffsdichtung abgelehnt. Was allein bis heute einen
Einflu� aus�bt, ist der auch von E. von Hartmann aufgenommene Gedanke
einer "induktiven Metaphysik". Sie beruht bei Fechner auf den beiden
Grunds�tzen, da�, was in einem Teile der Welt als unaufl�sbare Grundart
des Seienden enthalten ist, auch im Ganzen enthalten sein m�sse
(Mikrokosmos- und Makrokosmoslehre), und da� wir vermittels der Analogie
in der Lage seien, unser Wissen �ber das unmittelbar und mittelbar in
der Erfahrung Gegebene kontinuierlich zu erweitern. Diesen Gedanken
haben auch viele moderne Metaphysiker, so K�lpe, Driesch, Stern,
Becher, Scheler und andere, aufgenommen. Eine starke Wirkung hatte
Fechners teleologische Ganzheitsbetrachtung der E r d e als des
besonderen Leibes und Ausdrucksfeldes einer Erdseele in der modernen
Geographie. In diesem Sinne sind Ratzels Arbeiten und noch mehr die
gegenw�rtigen Arbeiten des Wiener Kulturgeographen Hanslick stark von
Fechner beeinflu�t. Wie immer man �ber Fechners Resultate urteilen mag,
es mu� als eine recht unerfreuliche Tatsache bezeichnet werden, da� die
stets tiefsinnigen und sinnreichen Betrachtungen dieses seltenen
Geistes, die dazu in Stil und Ausdruck f�r weitere Kreise der
Gebildeten geschrieben sind, so sehr wenig gelesen werden. Da� ein
Haeckel so viel und ein Fechner so wenig in Deutschland gelesen wurde,
ist eine f�r die Mentalit�t des deutschen Volkes vor dem Kriege recht
charakteristische Tatsache.
Hermann Lotze (1817-1881) wirkt in die Gegenwart insbesondere nach zwei
Richtungen herein: einmal durch seine "Logik" (auch in der
"Philosophischen Bibliothek" erschienen 1912), deren Kapitel "�ber die
platonische Ideenlehre" auf die neukantischen Schulen und auch auf
Husserl stark gewirkt hat, und durch seine Lehre von der
psychophysischen Wechselwirkung. Au�er diesen beiden Bestandteilen
seiner Philosophie und abgesehen von seinen Wirkungen auf die
Psychologie (besonders seine Theorie der Lokalzeichen) hat nur noch der
metaphysische Gedanke Lotzes eine st�rkere Wirkung ge�u�ert, da� eine
Wechselwirkung zwischen einer Vielheit von Dingen nur m�glich sei, wenn
ein und dasselbe ganze, aber von ihnen unterschiedene Seiende, in allen
gemeinsam t�tig und von allen gemeinsam reizbar sei. Diesen Gedanken
hat z. B. auch Driesch in seine "Wirklichkeitslehre" aufgenommen.
Lotzes gro�es geschichtsphilosophisches Werk "Mikrokosmos" (5. Auflage
1909) hat wohl wegen seines allzu gewundenen ziselierten und koketten
Stiles nicht die Wirkung ge�bt, die ihm verm�ge seines Gedankengehaltes
zugekommen w�re. F�r den Fortschritt einer Philosophie der Biologie
waren Lotzes Artikel �ber "Lebenskraft" und �ber "Seele und
Seelenleben" in Wagners "Handw�rterbuch der Physiologie" in denen er
f�r Physiologie und Biologie eine strenge Durchf�hrung der
mechanistischen Methode fordert (um dann erst dem Ganzen des
Weltmechanismus hinterher eine ideale und teleologische Bedeutung zu
geben), nach meiner Ansicht starke Hindernisse. Sie gaben der in
unserem Lande besonders stark verbreiteten mechanistischen
Lebensauffassung, besonders bei den Naturforschern, ein gutes Gewissen
-- das eine aufrichtige und genaue Betrachtung der Tatsachen nicht im
entferntesten gerechtfertigt h�tte. Die stark kokette und s��liche
Christlichkeit Lotzes konnte in religi�ser und theologischer Hinsicht
tiefere Geister nicht gewinnen. Immerhin haben insbesondere seine Lehre
von Wert und Werturteil auf die Ritschlsche Theologie und Dogmatik
stark eingewirkt, wenn sie sich freilich hier auch meist mit
neukantischen und positivistischen Voraussetzungen verbanden. In der
�sthetik endlich wurde Lotze durch seine Lehre von der "Einf�hlung"
auch auf die letzten bedeutenden Einf�hlungs�sthetiker der Gegenwart,
auf Lipps und Volkelt, erheblich wirksam.
Die einzige Pers�nlichkeit, deren geistige Spannweite alle
philosophischen Antriebe des 19. Jahrhunderts umfa�te und dazu alle
Fortschritte der positiven Natur- und Geisteswissenschaften in ihr
System einzuordnen suchte, die einzige zugleich, die den tiefgehenden
inneren Bruch zwischen der deutschen Spekulation und der einseitigen
Herrschaft der Spezialwissenschaften nicht mitgemacht hat, war E d u a
r d v o n H a r t m a n n (1842-1906). Es ist eine der merkw�rdigsten
Tatsachen in der deutschen Geistesgeschichte, da� dieses reifste,
durchdachteste, alle Wissensgebiete und die Religion umfassendste
Gedankensystem, welches die zweite H�lfte des Jahrhunderts �berhaupt
hervorbrachte, nach anf�nglichem Tageserfolg der "Philosophie des
Unbewu�ten" (1869) auf die wissenschaftliche Philosophie zun�chst kaum
eine Wirkung ausge�bt hat. Der gro�e Denker versuchte vergebens, einen
Ruf an eine deutsche Universit�t zu erhalten. Gewi� besteht der Grund
nicht nur in der allgemeinen Metaphysikscheu der Zeit und der
einseitigen Herrschaft neukantischer und positivistischer Richtungen;
ein Teil der Gr�nde liegt auch in der Eigenart der Philosophie
Hartmanns und der Pers�nlichkeit ihres Urhebers selbst. Bei aller Kraft
logischer Organisation gro�er Stoffmassen, bei all seinem ungeheueren
Wissen und seiner Gelehrsamkeit gebrach dem Forscher ein unmittelbares
origin�res Verh�ltnis zur Welt. Seine Philosophie ist mehr eine �beraus
kunstvolle Verbindung von philosophischen Gegebenheiten (Schelling,
Hegel, Schopenhauer, Lotze, moderne Naturwissenschaft und Psychologie)
als ein neues Wort. Darin bildet er den gr��ten Gegensatz zu
Schopenhauer, der an logisch-synthetischer Kraft ihm weit unterlegen
ist, aber, wie er selbst an seinen Verleger schrieb, den unmittelbaren
"Eindruck", den die Welt auf ihn gemacht, in seiner Philosophie schon
als J�ngling wiedergab. Auf Hartmanns System kann hier nicht
eingegangen werden. Sein in Karlsruhe lehrender Sch�ler Arthur Drews
hat die beste Darstellung von ihm gegeben: die bekannten, von Hartmann
selbst verfa�ten "Grundrisse" f�hren am besten in es ein. Um so
merkw�rdiger ist es nun aber, da� die g e g e n w � r t i g e
Philosophie begonnen hat, die gro�en Werte auszusch�pfen, die in seinem
Werke zweifellos vorhanden sind. Abgesehen von den bedeutenden
Leistungen seines Sch�lers A. Drews und einigen Antrieben, die er dem
vielversprechenden Leopold Ziegler gegeben hat (vor kurzem hat sich
dieser freilich in einer kritischen Schrift, "Hartmanns Weltbild", ganz
von Hartmann abgewandt, indem er, ohne dem Denker gerecht zu werden,
seine Lehre sehr einseitig an den Ansichten Rickerts mi�t), hat sich W.
Windelband f�r die Bedeutung Hartmanns eingesetzt. Besonders ist es
seine "K a t e g o r i e n l e h r e", sein subtilstes und gewaltigstes
Werk, das sowohl auf Windelband als auf Rickerts Sch�ler, E. Lask,
stark gewirkt hat. Die Unterscheidung der "Reflexionskategorien" von
den "Spekulativen Kategorien" die Unterscheidung ferner der drei
Wirklichkeitssph�ren, der ph�nomenalen, objektiv realen und
metaphysischen Sph�re, die Auffassung, da� die Relationskategorie der
Ausgangspunkt der Ableitung a l l e r Kategorien sein m�sse, die
Ansicht, da� die Kategorien die Ergebnisse unterbewu�ter synthetischer
Kategorialfunktionen seien, die nur in ihrem Ergebnis in das Bewu�tsein
hereinfallen (ihr hat sich auch G. Simmel in seinem Kantbuch
angeschlossen), hat stark auf die Kategorienlehre der Gegenwart
eingewirkt. Ferner erscheint Hartmann als einer der ersten Vork�mpfer
des nunmehr siegreich vordringenden erkenntnistheoretischen R e a l i s
m u s gegen�ber allen Formen des Bewu�tseinsidealismus. Hier war es
besonders J. Volkelt, der in seinen Arbeiten "�ber Erfahrung und
Denken" und "Die Probleme menschlicher Gewi�heit" die Hartmannsche
Auffassung �bernommen hat, da� unsere �berall diskontinuierliche und
durchbrochene, rein passive Bewu�tseinswelt durch die Realsetzung einer
au�erbewu�ten Natur und die Setzung unter- und unbewu�ter psychischer
Seins- und Wirksph�ren gedanklich erg�nzt werden m�sse, um einen
rationellen Zusammenhang zu bilden. So wenig ich diese Richtung der
Begr�ndung des Realismus f�r aussichtsreich halte, scheint mir der
gegenw�rtige Gang zum Realismus doch von diesen Vork�mpfern stark
abh�ngig. Auf den heute ungemein wirksamen Denker Hans Driesch hat E.
von Hartmann in mehreren Richtungen eingewirkt: 1. mit durch Volkelts
Vermittlung in erkenntnistheoretischer Hinsicht; 2. in der Auffassung,
da� es keine b e w u � t e n "Akte und T�tigkeiten" gebe, diese
vielmehr zu dem rein passiven Bewu�tseinsinhalt erst hinzu erschlossen
seien (siehe Driesch: "Erkennen und Denken"); 3. in der L�sung des
Problems der m�glichen Koexistenz der mechanischen Zentralkr�fte und
Gesetze mit Gestalt und Richtung bestimmenden, mechanischen, unbewu�ten
Oberkr�ften, durch deren Annahme der gew�hnliche Naturbegriff zwecks
Erkl�rung der Lebenserscheinungen eine Erweiterung erf�hrt; 4. auch
Hartmanns Lehre, da� es einen Parallelismus zwischen bewu�ten
seelischen Erscheinungen, erschlossenen seelischen T�tigkeiten und den
die organischen Formen und die Bewegungsreaktion der Organismen
bestimmenden T�tigkeiten der vitalen Oberkr�fte gebe, ist von Driesch
und in einiger Modifikation auch von dem Referenten �bernommen worden.
Auch die gegenw�rtige starke Bewegung zu einer r e a l i s t i s c h e
n P s y c h o l o g i e im Unterschiede von blo�er
Bewu�tseinspsychologie (K�lpe, Scheler, M. Geiger, Driesch, in gewissem
Sinne auch S. Freud, W. Stern) ist zuerst in E. von Hartmanns Lehre in
die Erscheinung getreten. Wesentliches von Hartmann �bernommen hat
ferner auch W. Stern in seinen originellen und zukunftsreichen Arbeiten
"Person und Sache" und "Die menschliche Pers�nlichkeit". Besonders in
der Annahme psychophysisch indifferenter zielt�tiger Kausalfaktoren,
die sich gleichzeitig in den physiologischen Vorg�ngen und Reaktionen,
wie in den Bewu�tseinsprozessen auswirken, steht Stern Hartmann nahe.
Die methodische Auffassung der Metaphysik als induktiver und nur
wahrscheinlichen Erkenntnis, die nur gradweise �ber die Realsetzungen
der positiven Wissenschaften hinausgeht und das falsche Idol, gegen das
Kant k�mpft, das Idol einer absolut gewissen und apriorischen
Begriffsmetaphysik, verwirft, hat unter den gegenw�rtigen Metaphysikern
viele Anh�nger. Die naturphilosophischen Lehren Hartmanns, besonders
soweit sie sich auf die anorganische Welt beziehen, sind dem heutigen
Wissensstande der Physik nicht mehr angepa�t; was aber nicht
ausschlie�t, da� seine Kraftzentrenhypothese, nach der aller Stoff nur
eine bewu�tseinsideale Erscheinung ist, in modifizierter Form wieder zu
Ehren kommt. In der Religionsphilosophie hat Hartmann den sogenannten
"konkreten Monismus" vertreten, der dem substanzialen Weltgrund ein
logisches und alogisch-dynamisches Attribut zuschreibt, aus deren
Kooperation und Widerstreit der gesamte Weltproze� erkl�rt werden soll.
Durch A. Drews sind diese Gedanken auch in die allgemeine m o n i s t i
s c h e Bewegung eingeflossen. Den Wert dieser pessimistischen, Hegel,
Schopenhauer und den sp�ten Schelling verkn�pfenden Metaphysik k�nnen
wir ebensowenig als zukunftsreich erachten, als die willk�rlichen
geschichtsphilosophischen Konstruktionen Hartmanns, nach denen Paulus
der Stifter des Christentums gewesen sei, und nicht in der
Pers�nlichkeit Christi, sondern in den pantheistisch ausgedeuteten I d
e e n d e r Gottmenschheit und der Erl�sung das eigentliche Wesen des
Christentums getroffen sei. A. Drews ist in seiner "Christusmythe" von
diesen Anregungen Hartmanns her dazu gekommen, das Christentum als eine
Sch�pfung der allgemeinen Religionsgeschichte verstehen zu wollen und
die historische Existenz Jesu ganz zu leugnen.
Die zweit�lteste Schicht der gegenw�rtigen Philosophie besteht in den
an K a n t ankn�pfenden erkenntnistheoretischen Denkrichtungen. So sehr
sich nach meiner Ansicht diese Denkrichtungen in unaufhaltsamem
Niedergang befinden, nehmen sie, dem Gesetz der historischen Tr�gheit
folgend, doch noch einen sehr erheblichen Raum in der deutschen
akademischen Philosophie ein. Mit Ausnahme der j�ngsten, der durch
Nelson erfolgten Wiedererweckung der Philosophie des Jenenser Physikers
und Philosophen Jakob-Friedrich Fries, stammen sie alle aus der Zeit,
da die deutsche Philosophie in den sechziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts durch den R�ckgang auf Kant (zuerst O. Liebmann "Zur�ck zu
Kant") sich wieder ein akademisches Existenzrecht zu erwerben suchte.
Es sind v i e r Hauptgruppen kantianisierenden Denkens, die unter uns
noch lebendig sind. Der neukritizistische Realismus ist besonders von
Alois Riehl vertreten worden in seinem Werk "Der philosophische
Kritizismus" und in seiner sch�nen und klaren "Einleitung in die
Philosophie der Gegenwart". Das "Ding an sich", das die Marburger und
Badener Schule vollst�ndig ausscheiden, wird von Riehl als kausativer
Faktor, auf dem die Materie der Empfindung beruhen soll, festgehalten.
Unser Verstand erzeugt nicht das Sein der Gegenst�nde, sondern gibt nur
ihrem Gegenstandsein die apriorische Form. Die logisch-synthetische
Einheit des Bewu�tseins ist nach Riehl die oberste Voraussetzung f�r
die Gegenst�nde der Erfahrung. Ihm entspricht das synthetische
Identit�tsprinzip, von dem auch die Kausalit�t (�hnlich wie bei Herbart
und Lipps) nur eine bestimmte Anwendung auf zeitliche Geschehnisse sein
soll. Die Zeit- und Raumlehre Kants sucht Riehl mit den modernen
empiristischen Theorien der Entstehung des Zeit und Raumbewu�tseins zu
vers�hnen. Die O r d n u n g e n des zeitlichen und r�umlichen
Auseinander und Nacheinander werden nach ihm nicht durch die
Anschauungsformen von Raum und Zeit, sondern durch die Dinge an sich
selbst bestimmt.
Neben der theoretischen Philosophie, die hier ausschlie�lich auf
Erkenntnistheorie und Logik der exakten Wissenschaften beschr�nkt
erscheint, gibt es noch eine Philosophie als "Weisheits- und
Weltbegriff" die dem Menschen ein sittliches Ideal vor die Seele
stellt. Aus der praktischen Philosophie Kants hebt Riehl ausschlie�lich
die Autonomie der Pers�nlichkeit hervor, verwirft aber den
kategorischen Imperativ; nicht minder verwirft er die gesamt religi�se
Glaubens- und Postulatentheorie Kants. Metaphysisch nennt sich auch
Riehl "Monist" (kritischer Monismus), indem er annimmt, da� das
Psychische und Physische nur zwei Betrachtungsweisen ein und derselben
Wirklichkeit sind, die uns in ihrem Wesen unerkennbar ist und durch die
Religionen nur auf Grund verschiedener sittlicher Lebenserfahrungen
verschiedenartig ausgewertet wird. Riehl wirkt in der gegenw�rtigen
Philosophie nur wenig mehr. Angeregt von ihm sind H�nigswald und E.
Spranger.
Die weitaus w i r k s a m s t e, an bedeutenden Pers�nlichkeiten
reichste und vielseitigste neukantische Richtung ist auch gegenw�rtig
noch die von Hermann Cohen gegr�ndete Schule von Marburg. Hermann Cohen
(1842-1918) hat sich durch eine Reihe kanthistorischer und
kantphilologischer Schriften hindurch erst sehr langsam zu einem
eigenen, gro�angelegten System hindurchgearbeitet, mit dem er in seinen
drei Werken: "Logik der reinen Erkenntnis", "Ethik des reinen Willens"
und "�sthetik des reinen Gef�hls" wenige Jahre vor seinem Tode
hervorgetreten ist. Zweifellos ist Cohen der herrschende Geist der
Schule, freilich darum nicht auch derjenige, der am meisten in die
Breite gewirkt hat. Seltsame Vorz�ge und Fehler vereinigte er in sich.
Auf dem Hintergrund einer patriarchalischen, ehrfurchtgebietenden
Denkerw�rde, durch die allein schon er den Sch�ler leicht mit der
�berzeugung erf�llte, da� der Weltlogos in ihm selber und in jedem, der
ihm folge, t�tig sei, hebt sich sein philosophisches Werk ab.
Talmudischen Scharfsinn verbindet er mit einer seltsamen Dunkelheit, ja
h�ufigen Abstrusit�t der Darstellung, auch in diesem Punkte dem stark
auf seine Auffassung des Ding-an-sich-Begriffes wirksamen Moses Maimon
nicht un�hnlich. Aber diese beiden Eigenschaften sind nicht die
st�rksten und wesentlichsten seiner Natur. Was ihn vor allen anderen
Mitgliedern der Schule auszeichnete, das war eine freilich nur
stellenweise in Vortrag und Werken hervorbrechende, Kant wahrhaft
kongeniale Plastik des geistigen Schauens und der Darstellung; eben der
Zug an Kant, der Goethe bei Lekt�re der "Kritik der Urteilskraft"
veranla�t haben mag, zu sagen, "man trete in ein helles Zimmer", wenn
man Kant lese. Dazu ging ein m�chtiges, echtes und ernstes, sittliches
Pathos von ihm aus. Wenige erkannten so wie er die Niedergangszeichen
des Wilhelminischen Zeitalters, die Verg�tzung von Macht und Geld, von
Nation und Staat. Die ganze Reinheit und Klarheit der Denkweise des
Kantianismus der M�nner der Befreiungskriege schien in ihm, lebendig
geworden und in seiner Person vor der Zeit anklagend zu stehen. Diese
Denkweise verband sich aber merkw�rdigerweise bei ihm mit einem sehr
bewu�ten Judaismus. Freilich mit einem Judaismus, der, auf dem Ethos
der Propheten des Alten Bundes beruhend, nicht nur alle ritualistischen
und nomistischen Elemente des Judentums, nicht nur alle mystischen und
pantheisierenden kabbalistischen Elemente die sich ihm sp�ter
ansetzten, sondern auch den historisch gegebenen Theismus von ihm
abstreiften. Die Gottesidee war Cohen nur der Garant der "Einheit der
Menschheit" und gleichzeitig ein notwendiges sittliches Vernunftideal.
Von Karl Marx und den deutschen sozialistischen Theoretikern hatte er,
�hnlich wie schon A. Lange (s. s. "Arbeiterfrage"), eine Reihe
Grunds�tze in sein ethisches und soziales System aufgenommen; besonders
den von ihm aus dem Nationalen ins menschheitlich Abstrakte erhobenen
j�dischen Messianismus, nach dem alles geschichtlich Gegebene nur von
einem sittlichen Zukunftsideal her aufgefa�t und beurteilt werden kann;
das verband ihn mit Marx, der diesen Messianismus nur unter seiner
dogmatischen �konomischen Geschichtsauffassung verh�llt hatte. Nur so
ist es zu verstehen, da� auf dem Boden des Marburger Kantianismus auch
eine neue theoretische Fassung des Sozialismus erwuchs, die besonders
von Eduard Bernstein (Revisionismus), von Paul Natorp, von Vorl�nder
und in manchen Kreisen der "Sozialistischen Monatshefte" vertreten
wurde. An H. Cohen schlo� sich Paul Natorp an, der in seinen Schriften
die neukantische Lehre zwar weit klarer und f�r eine philosophische
Schulbildung eindeutiger und systematisierter vertrat als der Meister,
aber weder dessen Tiefe noch dessen Schwung nahekam. Als dritter
bedeutendster Vertreter der Schule ist Ernst Cassirer zu nennen, der in
seinen geschichtlichen und systematischen Werken der neukantischen
Lehre vielleicht den sch�rfsten, pr�zisesten und gegenw�rtig
wirksamsten Ausdruck gegeben hat.
Der Marburger Kantianismus weicht von dem historischen Kant in sehr
weitgehendem Ma�e ab. Vollst�ndig wird verworfen die Realsetzung eines
Dinges an sich. Cohen interpretiert Kant dahin, das Ding an sich sei
bei Kant nur eine didaktische Anpassung an den naiven Realismus des
Lesers; in Wirklichkeit bedeute diese Wortverbindung nur einen
"Grenzbegriff unserer Erkenntnis" n�mlich das Fernziel eines
unendlichen Erkenntnisprogresses. Diese Auffassung ist der von Maimon
sehr �hnlich. Da� sie historisch als Kantinterpretation falsch ist,
duldet heute keinen Zweifel. Indem so eine transzendente Wirklichkeit
nicht nur nach ihrer Erkennbarkeit, sondern auch nach ihrem Dasein
geleugnet wird, wird der Boden frei f�r einen neuen E r k e n n t n i s-
und W a h r h e i t s b e g r i f f, den nach der Marburger Lehre
Kant aufgestellt habe. Erkennen bedeute nicht Abbildung, aber auch
nicht zeichenartiges Bestimmen einer vorhandenen Gegenst�ndlichkeit und
Realit�t, sondern es bedeutet ideales "Erzeugen und Formen des
Gegenstandes" selbst. Der Gegenstand sei nicht gegeben, sondern seine
Erzeugung sei unserem Verstande nach den ihm einwohnenden Gesetzen
aufgegeben. Die Naturgegenst�ndlichkeit ist hiernach also ein
ausschlie�liches Werk, freilich ein endlich nie vollendbares Werk, des
denkenden Verstandes. Gegenst�ndlichsein und Realsein hei�e f�r einen
Inhalt nichts anderes, als gesetzlich gedacht sein und im System der
Gedanken und ihrer Relationen eine bestimmte Stelle haben. Aber von
welcher Gegebenheit ausgehend, erzeugt so der Verstand die
Naturgegenst�nde? Nach dem historischen Kant, auch nach Riehl und der
s�dwestdeutschen Schule, ist ein anschaulicher Gehalt, die "Materie der
Empfindung", gegeben. Anders nach H. Cohen. Er erkl�rt: "Wir fangen mit
dem Denken an"; nichts darf dem Verstande gegeben sein, wenn er alles
durch sich selbst erst bestimmen und erzeugen soll. "Empfindung" sei
ein Ausdruck, der selbst erst mit Hilfe der Kausalrelation und des
Reizgedankens zu definieren sei als dasjenige, was an unserem
Wahrnehmungsgehalt reizbedingt sei; also k�nnen Empfindungen nicht
gegeben sein; auch sie sind ein gesuchtes X, ein "Problem des
Verstandes". Soll damit gesagt sein, da� der Verstand, so etwa wie bei
Hegel, rein aus sich heraus die ganze Welt erzeuge? Das ist kaum die
Meinung H. Cohens. Einmal gibt auch er zu, da� in der nat�rlichen
Weltanschauung Dinge, Ereignisse, Raum, Zeit und Kausalit�t irgendwie
gegeben seien, und zwar als bewu�tseinsjenseitig; aber das macht das
Eigent�mliche der neukantischen Lehre aus, da� im Unterschiede zum
historischen Kant die Erfahrung der nat�rlichen Weltanschauung und die
wissenschaftliche Erfahrung s c h r o f f getrennt und
auseinandergerissen werden. Die Wissenschaft hat hiernach dem Gehalt
der nat�rlichen Weltanschauung gar nichts zu entnehmen, auch nicht die
Daseins f o r m e n und Strukturen dieser nat�rlichen Wirklichkeit,
geschweige ihren Gehalt. Umgekehrt mu� vielmehr die nat�rliche
Weltanschauung und ihr Inhalt ihrerseits durch die Wissenschaft als
physiologisches, psychologisches resp. biologisch zweckm��iges
Gesamtprodukt aus urspr�nglichen Denksetzungen erkl�rt werden, die ihr
-- konsequent -- also nicht entnommen sein k�nnen. Ferner kommt es zu
dem zweideutigen Satze H. Cohens: "Nichts ist dem Denken gegeben," und
das Denken erzeuge erst im Urteil des infinitesimalen Ursprungs die
Realit�t nur dadurch, da� Cohen Existieren eines Gegenstandes,
Gegenstandsein eines Seienden, Gegebensein und Bestimmtsein einander
gleichsetzt. Das Apriori Kants soll, das wahr der urspr�ngliche
Wurzelpunkt der Marburger Lehre, nur im "transzendentalen" Sinne
genommen werden, d. h. hier freilich nicht nur als objektiv logische
Voraussetzung f�r die M�glichkeit der mathematischen Naturwissenschaft
und ihrer Gegenst�nde, sondern wenigstens nach der Auslegung des
sp�teren Systems auch als eine Grund l e g u n g, die unser Denken
immer neu zu legen t�tig ist. Die "Grundlage" wird also hier zur
"Grundlegung". Auch die "Kategorien" sind nach der Marburger Lehre
nicht etwa feste, auf einer Tafel ein f�r allemal zu bestimmende
Schienen, in denen unser Denken laufen mu�, sondern sie selbst sind
eine prinzipiell unabgeschlossene Reihe reiner Denk e r z e u g u n g
e n zum Ziele, je nach der gegebenen Problemlage, den unendlichen Proze�
der Wissenschaft fortzufahren. Nicht nur Ding an sich und
Empfindungsgegebenheit fallen hier im Gegensatz zum historischen Kant
weg, sondern auch die "Anschauungsformen" sowie die kantische Scheidung
von formaler Logik, transzendentaler Logik und Theorie des
Wahrnehmungs- und Erfahrungsurteils. Die Anschauungsformen von Raum und
Zeit werden f�r Cohen und Natorp Denkkategorien; sie l�sen sich in
einer an Leibnizer Lehre gemahnenden Weise in ein System idealer
Relationen auf, und die gesamte Mathematik soll, von Funktionentheorie
und Algebra angefangen bis zur Geometrie, streng kontinuierlich ohne
Heranziehung von intuitiven Minima, ausschlie�lich als strenges
apriorisches Denkerzeugnis betrachtet werden. Ferner f�llt nach den
Lehren der Marburger Schule der Unterschied zwischen Realwissenschaften
und Idealwissenschaften vollst�ndig dahin. Auch die theoretische Physik
erscheint hier vollst�ndig formalisiert (nicht minder in anderer
Richtung Rechtsphilosophie und Kunstphilosophie). Der ganze
Erkenntnisproze� der "Wissenschaft" -- ein Begriff, der hier aufs
einseitigste und noch einseitiger bei Kant an der mathematischen
Naturwissenschaft orientiert ist, und zwar an der mathematischen
Naturwissenschaft des newtonschen Zeitalters -- wird hier in
anschauungsfreies Denken, und zwar in erzeugendes Denken aufgel�st.
Alle Gegenstands- und Seinsprobleme werden k�nstlich in M e t h o d e n
p r o b l e m e verwandelt. So auch der Unterschied des Psychischen
und Physischen. Ein nicht zu �bertreffender Scientivismus, der an die
Stelle der Weltbegreifung ausschlie�lich die Begreifung der einen
zusammenh�ngenden, den Kosmos aus dem Chaos erst e r z e u g e n d e n
Wissenschaft r�ckt, ist eines der Hauptmerkmale der Marburger
Philosophie. Die Rechtsphilosophie hat sich z. B. nicht direkt mit dem
Rechte, die Kunstphilosophie nicht direkt mit der Kunst zu
besch�ftigen, sondern mit der M�glichkeit der Rechts- und Kunst w i s s
e n s c h a f t. Die Wissenschaft selbst, die, wie Cohen sagt, in
"gedruckten B�chern" vorliegt, ist also allein das f�r den Philosophen
Urgegebene; sie erscheint hier wie vom Himmel gefallen. Auf die Art,
wie von diesem Standpunkt aus das System der Kategorien hergeleitet
wird, kann hier nicht ein gegangen werden. Die genannten Cohenschen
Grundideen haben N a t o r p und C a s s i r e r sowie die �brige gro�e
Sch�lerschaft weiterentwickelt. Ein zweifelhafter Vorzug der Schule ist
der Reichtum und die Vielseitigkeit ihrer Interessen. Sie �bertrifft
hierin weit die �brigen Kantschulen. Natorp hat die Idee Cohens,
zun�chst in erkenntnistheoretischer Hinsicht, besonders in drei
Richtungen weiterentwickelt: 1. in bezug auf die Theorie der
mathematischen Naturwissenschaft, besonders in seinem Buche "Die
Grundlagen der exakten Naturwissenschaft"; 2. in seiner, einer
erkenntnistheoretischen Fundierung der Psychologie dienenden
"Allgemeine Psychologie"; 3. in der Richtung der Ethik und
Sozialp�dagogik. Eine kurze geschickte Zusammenfassung seiner Ansichten
hat er gegeben in den "Wegen zur Philosophie" unter dem Titel
"Philosophie" 1918. Eine Art Geschichtsphilosophie des deutschen Volkes
entwickelte er w�hrend des Krieges in seinem Buche "Deutscher
Weltberuf". Ferner hat Natorp in seinem Werke �ber Platon versucht, die
platonische Lehre mit Abstreifung alles dessen, was er bei Platon f�r
"mythisch" h�lt, so zu deuten, da� an den "Ideen" Platons jeder
dingliche Charakter verschwindet und sie als blo�e "Gesetze", die unser
denkender Geist selbst zur Grundlegung des Wirklichen hervorbringt,
erscheinen. Schon mit diesem Werke, aber in vielleicht noch h�herem
Ma�e in den gro�en historischen Werken Ernst Cassirers �ber Leibniz und
�ber "Geschichte der neueren Erkenntnistheorie" (in 3 B�nden) hat die
Marburger Schule einen Weg beschritten, dessen fast einzigartig
konsequente Verfolgung zwar ihrem eigenen System einen m�chtigen
geschichtlichen Halt zu geben scheint, der sich aber f�r eine objektive
geschichtliche Auffassung der Philosophiegeschichte nach meiner Ansicht
als geradezu ruin�s erwiesen hat. Diese geschichtliche Auffassung der
Philosophiegeschichte ist geleitet von der an Hegel gemahnenden Idee,
da� die Geschichte der philosophischen Ideen eine strenge logische K o
n t i n u i t � t und einen streng logischen Sachfortschritt darstelle,
bei dem die philosophierenden Personen, ihr urspr�ngliches
charakterologisches Verh�ltnis zur Welt, ferner Religion, soziale
Formen und Klassen, Interessen und Leidenschaften �berhaupt keinerlei
Rolle spielen. Abgesehen von dieser rein fiktiven unerwiesenen
Voraussetzung werden in den geschichtlichen Werken der Marburger Schule
die behandelten Denker fast ausschlie�lich nach ihrer logischen und
erkenntnistheoretischen Seite hin gew�rdigt. Dies tritt in Natorps
Platonbuch wie in Cassirers Leibnizbuch mit ganz unsagbarer
Einseitigkeit hervor. Die Leibnizsche Metaphysik, die genau so der
Ausgangspunkt seiner Logik, wie die Metaphysik des Aristoteles der
Ausgangspunkt des "Organon" gewesen ist, wird von ihm so gut wie
hinweginterpretiert. Und genau so ergeht z. B. Descartes in der
"Geschichte des Erkenntnisproblems". Mit vollem Recht hat j�ngst Ernst
von Aster in seiner k�rzlich erschienenen "Geschichte der
Erkenntnistheorie" (1921), die ein wahres und objektives Bild der Dinge
an Stelle der Marburger Konstruktionen zu geben sucht, diesen Marburger
Vergewaltigungsversuchen der Geschichte zugunsten ihres Systemes
scharfen Widerstand entgegengesetzt. Das erkenntnistheoretische
Hauptwerk Cassirers hei�t "Substanzbegriff und Funktionsbegriff"
(1910). Es enth�lt eine Erkenntnistheorie der Mathematik, theoretischen
Physik und Chemie und soll zeigen, wie an Stelle der Herrschaft der
Substanzkategorie und der begrifflichen Umfangsverh�ltnisse in der
Entwicklung der neueren Wissenschaften mehr und mehr eine Denkweise
getreten sei, die alle Substanzen als blo�e hypothetische und nie
endg�ltig zu bestimmende Ansatzpunkte zuerst erfa�ter funktioneller
Abh�ngigkeiten ansieht und eine Logik der Relationen an Stelle der
Aristotelischen Subsumptionslogik setzt. Sch�ne, zum Teil auch wahre
und tiefe allgemeine Bildungsb�cher hat ferner Cassirer w�hrend des
Krieges uns geschenkt in seinen Arbeiten "Freiheit und Form" und "Idee
und Gestalt", in denen die Entwicklung der deutschen Dichtung in einige
ihrer Hauptgestalten (Goethe, Schiller, H�lderlin, Kleist) nach der
Einheit ihrer Struktur und Form mit der philosophischen Entwicklung des
deutschen Geistes betrachtet werden (siehe besonders den wertvollen
Aufsatz "Goethe und die mathematische Naturwissenschaft"). In der
Rechtsphilosophie hat R u d o l f S t a m m l e r in seinen B�chern
"Wirtschaft und Recht" und "Das richtige Recht" den neukantischen
Gedanken Ausdruck gegeben, ferner hat auch der �sterreicher Jurist
Kelsen diese Philosophie zur Grundlage seiner Arbeiten gemacht. Eine
bekannte Kritik Max Webers von Stammlers Wirtschaft und Recht (siehe
"Zeitschrift f�r Sozialpolitik") und ein eben erschienenes Buch des
Bonner Juristen Kaufmann haben die ungemeinen Schw�chen dieser
Rechtstheorie treffend aufgedeckt (siehe E. Kaufmann, "Kritik der
neukantischen Rechtsphilosophie", 1921). Die Biologie suchte N.
Hartmann in einer Sonderschrift den neukantischen Grunds�tzen zu
unterwerfen, ein sehr zukunftsreicher Forscher, der sich aber
neuerdings von der Marburger Schule weit abgewandt und einer mehr
ontologischen Denkrichtung zugewendet hat, die er nicht ohne Einflu�
der Ph�nomenologie genommen haben d�rfte.
J�nger unter den gegenw�rtigen Kantschulen ist die "Badische" oder auch
"S�dwestdeutsche Schule". Sie ist begr�ndet von W. Windelband, fand
ihren gr��ten und wirksamsten Systematiker in Heinrich Rickert, als
dessen wichtigster Sch�ler, aber auch in gewissem Sinne schon
�berwinder, der im Kriege zum Leide der deutschen Philosophie gefallene
zukunftsreiche Emil Lask gelten mu�. Nahe stehen dieser Schule verm�ge
ihres gemeinsamen Ausgangspunktes von J. G. Fichte auch Paul Hensel und
der auch von Hegel stark beeinflu�te Jonas Cohn; in etwas weiterer
Entfernung aber der erheblich selbst�ndige, an der Harvard-Universit�t
in Amerika lehrende, w�hrend des Krieges gestorbene Hugo M�nsterberg. Z
w e i Dinge unterscheiden diese Schule scharf von jener Marburgs.
W�hrend die Marburger Schule sich aufs einseitigste an der
mathematischen Naturwissenschaft zu orientieren suchte, sind es die
historischen und Kulturwissenschaften, die den Interessenkreis dieser
Schule vor allem beherrschen. Die Geschichte ist Rickert das "Organon
der Philosophie". Zweitens ist es ein bereits durch J. G. Fichte
hindurchgesehener Kant, dessen Lehren hier weiterentwickelt werden. Das
erste Moment hat seinen Hauptgrund darin, da� der Sch�pfer dieser
Schule, W. Windelband, an erster Stelle Philosophiehistoriker war. Auf
diesem Boden hatte Windelband bedeutende Leistungen aufzuweisen, die
freilich auch weitgehender Kritik offenstehen und ihr zum Teil auch
wirklich verfielen. In seinem Platonbuche z. B. gibt er nach meiner
Meinung dem Ideal des Guten bei Platon eine Deutung, die durchaus
fichteisch und kantisch und das gerade Gegenteil von platonisch ist.
Fast �berall, wo er �ber mittelalterliche Philosophie sprach, verf�llt
er, wie Baeumker und seine Sch�ler zeigten, tiefgreifenden Irrt�mern.
Systematisch ist Windelband zuerst hervorgetreten mit seiner
Doktordissertation "�ber den Zufall", ferner mit seiner Rektoratsrede
"�ber nomothetische und ideographische Wissenschaften", die den
Ausgangspunkt f�r Rickerts Geschichtstheorie in seinem Buche �ber
"Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung" gebildet hat,
ferner in seinen zwei B�nden "Pr�ludien" in seiner "Einleitung in die
Philosophie", in Arbeiten zur Kategorienlehre und in seinem Buche "�ber
Willensfreiheit". In seiner Schrift �ber den Zufall findet sich noch
der franz�sische Philosoph und Mathematiker Cournot zitiert, der meines
Erachtens zuerst die Behauptung aufgebracht hat, da� es objektives,
aber in gesetzm��ige Beziehungen unaufl�sbares Wirkliches gebe, das
zwar dem Kausalprinzip, sofern es konkrete Kausalit�t fordere, nicht
aber dem Gesetzesprinzip unterworfen sei; ferner, da� es die Geschichte
mit diesem, objektiv zuf�lligen Sein, im Unterschiede von allem
gesetzm��igen Sein und Geschehen zu tun habe. Derselbe Gedanke findet
sich �brigens v o r jener Rede Windelbands auch bereits bei Harms und
ferner in Hermann Pauls "Prinzipien der Sprachgeschichte". Streng
systematisch zu begr�nden versuchte ihn aber erst H. Rickert in dem
obengenannten Werke. Rickert ging dabei aus von einer bestimmten
Theorie der Begriffsbildung, die er in kritischer Auseinandersetzung
mit dem Logiker Sigwart gewann. Diese Begriffstheorie ist streng
nominalistisch und hat mit jener der Positivisten, z. B. E. Machs, eine
gro�e �hnlichkeit. Der Begriff soll sein eine "�berwindung der
extensiven und intensiven unendlich reichen Mannigfaltigkeit", die
jeder noch so einfache Teil des unmittelbar erlebten Wirklichen
enthalte. Den auf diese Weise gebildeten Begriffen und nicht minder den
analog gebildeten Gesetztsrelationen, in die sich in letzter Linie auch
die Begriffe sollen aufl�sen lassen, kommt "Geltung" zu, nicht aber
Wirklichkeit oder Realit�t. Neben dieser Betrachtungsart ein und
desselben, unter die Kategorie der "Gegebenheit" urspr�nglich gefa�ten
formfreien "Stoffes der unmittelbaren Erlebnisse" soll es aber noch
eine prinzipiell entgegengesetzte Richtung der Betrachtung und des
Denkens geben. Sie sucht nicht die Mannigfaltigkeit durch
Allgemeinbegriffe zu �berwinden, sondern diese Mannigfaltigkeit durch
Bildung von Individualbegriffen immer genauer als "Individuum" und als
Ganzes und Teil zu bestimmen. Individuum und Allgemeines sollen also
das Ergebnis von zwei entgegengesetzt gerichteten Formungen und
Betrachtungsweisen ein und derselben Materie der Erfahrung sein,
freilich so, da� die kategoriale Form des Individuums (Rickert f�hrt
sie als eine neue Kategorie in das Kategoriensystem Kants ein) "k o n s
t i t u t i v e" Bedeutung f�r dc Wirklichkeit besitze, w�hrend der
Gesetzeskategorie nur "regulative" Bedeutung zukomme. Die letzte Wurzel
des Unterschiedes von Naturwissenschaften und Geschichtswissenschaften
soll nun ausschlie�lich in diesen zwei Betrachtungsweisen gelegen sein.
Man mu� wohl beachten, da� die Betrachtungsweisen nicht k o o r d i n i
e r t sind. Da die Kategorie des Individuums konstitutiv ist (und mit
ihr auch die Kategorie der konkreten Kausalit�t), ist die
Weltwirklichkeit p r i m � r nicht "Natur", sondern "Geschichte". Und
was wir "Natur" nennen, ist in letzter Linie nur ein allgemein
abstrakter Auszug aus dieser konkreten einmaligen Wirklichkeit, der
nicht notwendig w�re, wenn unser Geist so umfassend w�re, a l l e s
individuell Wirkliche im g a n z e n Reichtum seiner Mannigfaltigkeit
erfassen zu k�nnen. Dadurch erh�lt die Geschichtswissenschaft einen
metaphysischen Vorzug vor der Naturwissenschaft. Diese philosophisch
ganz unbegr�ndete Behauptung ist nur eine ganz willk�rliche logische
Scheinrechtfertigung einer aus allen �u�erungen dieser Schule
hervorgehenden prim�ren geringen Wertung der Naturwissenschaft und
insbesondere aller Natur p h i l o s o p h i e. Diesem Begriff der
Naturwissenschaft wird von Rickert au�erdem die von ihm ganz unkritisch
rein mechanisch sensualistisch aufgefa�te Psychologie eingeordnet.
Ein zweites Merkmal des historischen Gegenstandes soll au�er der
individualisierenden Betrachtung des Wirklichen nach Rickert die
Beziehung dieses Wirklichen auf ein System allgemein g�ltiger Werte
sein. Erst diese Beziehung soll aus der unerme�lichen F�lle des
individuell Wirklichen dasjenige ausw�hlen, was -- sei es in positiver
oder in negativer Wertrichtung -- "kulturell bedeutsam" ist. Die
allgemeing�ltigen Werte werden durch die Philosophie festgestellt; ja,
die Philosophie wird bei Windelband und Rickert geradezu als die
"Wissenschaft von den allgemeing�ltigen Werten" definiert. Gegen diese
neue "Logik der Geschichte", an deren Erweiterung, Kritik und Ausbau
sich auch G. Simmel und H. Maier, ferner Troeltsch und Max Weber
beteiligt haben, sind die eingehendsten und meiner Meinung nach
treffendsten kritischen Einw�nde von Erich Becher in seinem Buche
"Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften" (1921) erhoben worden.
Auch F. Kr�ger hat in seinem wertvollen Buche "�ber
Entwicklungspsychologie" (1915) viel Treffendes gegen Rickerts Begriff
der Psychologie gesagt. Beide angegebenen Merkmale k�nnen den
geschichtlichen Gegenstand nicht umgrenzen. Auch die Naturwissenschaft
mu�, z. B. in der Geographie, in der Mondkunde, vor allem aber im
ganzen Gebiet der Naturkunde �berhaupt, individualisierend vorgehen,
und auch in den verschiedenen geschichtlichen und historischen
Geisteswissenschaften gibt es weitgehend Gesetzlichkeit und typische
Entwicklungsabfolge von Erscheinungsreihen. Nur wenn man ferner mit
Rickert die mechanische Naturansicht mit Einschlu� des Biologischen und
einer ausschlie�lichen sensualistischen Assoziationspsychologie als die
einzig wahre Naturwissenschaft bereits willk�rlich voraussetzt, auf
geistesgeschichtlichem Boden aber alle Versuche, neben der verstehenden
Geschichte auch eine erkl�rende und zugleich phasengesetzliche
Geschichtserkenntnis zu geben, v�llig verwirft, kann man auf Rickerts
Meinung kommen. Weder l��t sich der ontische Gegensatz des
geistig-psychischen Seins und der �u�eren Naturtatsachen, der �brigens
durch die e i g e n g e s e t z l i c h e n Erscheinungen des
organischen Lebens vermittelt wird, in einen blo�en Unterschied von
"Betrachtungsweisen" verwandeln; noch l��t sich mit Fug behaupten, die
Psychologie habe f�r die Geschichte keine Bedeutung (siehe hier�ber
Kr�ger). Auch die Wertbezogenheit ist nicht w e s e n t l i c h f�r
das geschichtlich "Bedeutsame"; es gen�gt dazu die Gr��e der
Wirkungsf�higkeit eines Tatbestandes. Die eigentlichen Probleme der
Geschichtserkenntnis, die Frage nach den mannigfaltigen Erkenntnisarten
und Realsetzungsgr�nden fremden Bewu�tseins und das von W. Dilthey so
tief aufgenommene, von E. Spranger und von dem Schreiber dieser Zeilen
weitergef�hrte Problem des geschichtlichen "Verstehens" sind durch
Rickert gar nicht ernstlich ber�hrt. Die Erkenntnistheorie der
S�dwestdeutschen Schule hat ihr Hauptwerk in Rickerts "Gegenstand der
Erkenntnis" (3. Auflage, T�bingen 1915). In ihrem Mittelpunkt steht ein
erkenntnistheoretischer Idealismus, der aber nicht extremer
Rationalismus und Logizismus wie jener der Marburger ist, sondern
zugleich die alogischen und arationalen Fundamente gegebener
Erlebniswirklichkeit anerkennt. Der erkenntnistheoretische Realismus
wird am Anfang mit den denkbar billigsten Mitteln in den drei Formen
des Kausalschlusses, des Interpolations- und des voluntativen Realismus
(Dilthey, Frischeisen-K�hler) zu widerlegen gesucht. Alles Seiende und
Gegenst�ndliche soll seinen anschaulichen Fundamenten nach "Inhalt
eines Bewu�tseins �berhaupt" sein, das Rickert durch ein negatives
Verfahren, durch das er den nat�rlichen Ichbegriff (pssychophysisches
Subjekt, psychologisches Subjekt, erkenntnistheoretisches Subjekt)
immer weiter zu beschr�nken sucht, gewinnt. Die Fehler dieses
Verfahrens k�nnen hier nicht aufgewiesen werden; auch der Widersinn
nicht, ein sogenanntes "�berindividuelles Ich", das weder eine
Au�enwelt, noch ein Du, noch einen Leib sich gegen�ber hat, anzunehmen.
Der eigentliche "Gegenstand der Erkenntnis" soll nun weder bestehen in
einem bewu�tseinsjenseitigen Seienden noch in einem
bewu�tseinsimmanenten Gehalt der anschauenden Akte; vielmehr soll das,
was wir "Gegenstand" nennen, auf ein "transzendentes Sollen", d. h. auf
die Forderungen zur�ckgef�hrt werden, �ber das Bewu�tseinsgegebene
bestimmte Arten von U r t e i l e n zu f�llen und es in diesen Akten
mit kategorialen Formen zu umkleiden. Dieser Gedanke ist von Fichte
�bernommen, der ja auch das "Sollen" dem Sein, das Gewissen dem Wissen,
die sittliche Forderung der theoretischen Erkenntnis vorhergehen l��t.
In seinem letzten Werk "System der Philosophie" (1. Band) hat Rickert
nichts wesentlich Neues seinen fr�heren Arbeiten hinzugef�gt.
�bersieht man das Ganze dieser Schule, so kommt ihr gegen�ber der
Marburger Philosophie nur e i n zweifelloser Vorzug zu. Sie erkennt g e
g e b e n e Best�nde �berhaupt an; sie macht nicht den Versuch, die
ganze Welt in reine Denkbestimmungen aufzul�sen; aber sie tut dies
leider auch unter weitgehender Preisgabe der Rechte des Denkens und
verf�llt so in einen "Nominalismus", der sich von dem Nominalismus etwa
E. Machs und der Positivisten nur der F�rbung der Darstellung nach
unterscheidet. In jeder anderen Hinsicht ist die Schule der Marburger
Lehre weit unterlegen. An Stelle des ungemeinen Reichtums und einer
bewunderungsw�rdigen Vielseitigkeit der Marburger Gedankenwelt treten
hier einf�rmige schematisierende Wiederholungen von ein paar �beraus
�rmlichen und d�rren Grundgedanken, die sich, verbunden mit der
aufgebl�hten, von J. G. Fichte ererbten, Icharroganz dem gesamten
Universum gegen�ber vergeblich bem�hen, eine ganze Philosophie zu
tragen. Der sogenannten "Kultur" (selbst die Religion wird hier auf ein
fadenscheiniges "Norm- und Kulturbewu�tsein" in letzter Linie
zur�ckgef�hrt) wird eine Rolle und eine Bedeutung im Ganzen des
Weltgetriebes zugesprochen, sie ihr nicht im entferntesten zukommt.
Eine Naturphilosophie ernst zu nehmender Art, eine tiefere Fundierung
der Psychologie oder irgendwelche Leistungen auf diesem Gebiet besitzt
die Schule �berhaupt nicht und kann sie gar nicht besitzen, da sie
ihren J�nger von vornherein mit tiefster Verachtung gegen die Wunder
der Natur erf�llt. Natur ist hier genau wie bei Fichte im Grunde nur
"Material" f�r ein leeres Kulturgetue, das seinen letzten Sinn haben
soll in frei in der Luft schwebenden rein formalen "Werten" und
"Geltungen". Die falsche Meinung, es lie�e sich der Wertbegriff auf ein
Sollen zur�ckf�hren und "Wahr" und "Falsch" seien nur Werte n e b e n
anderen, ist von Meinong, dem Verfasser (siehe "Formalismus in der
Ethik", 2. Auflage), und zum Teil auch von E. Lask, der eben starb, als
er die grobmaschigen Schematismen seiner Lehrer zu �berwinden anfing,
widerlegt worden. Es mu� geradezu als ein kulturpsychologisches Problem
gelten, wie diese l e e r s t e der deutschen Kantschulen in unserem
Lande so starke Verbreitung finden konnte. Ich sehe seine L�sung vor
allem darin, da� sie der herk�mmlichen historischen Richtung in der
deutschen Geschichtswissenschaft das philosophische R e c h t ihrer
Existenz immer neu best�tigte und jedes satte Gen�gen an den
herk�mmlichen Methoden "philosophisch" rechtfertigte; ferner darin, da�
die Aneignung jener paar Formeln �ber Wert und Sein und
generalisierende und individualisierende Betrachtung mit Ausscheidung
aller echt philosophischen Probleme der Metaphysik, der
Naturphilosophie, der Psychologie, der Ethik und �sthetik nur ein
Minimum von Denkarbeit kostete und doch gleichzeitig den Adepten mit
dem Bewu�tsein erf�llte, nun ein ganzer Philosoph zu sein. (Vgl. auch
hierzu W. Windelband: "Die Philosophie im deutschen Geistesleben des
19. Jahrhunderts", 1909.) Weit tiefer fa�te die Probleme der Weltlehre
und der Erkenntnistheorie, der Psychologie und der
Geisteswissenschaften der gleichfalls von Fichte ausgegangene Hugo
M�nsterberg in seinen "Grundz�gen der Psychologie" und in seiner
"Philosophie der Werte". Er versuchte aus rein erkenntnistheoretischen
und methodologischen Forderungen heraus (freilich �berkonstruktiv und
mit fichteischer Gewaltt�tigkeit) eine strenge Assoziationspsychologie
zu vers�hnen mit der Anerkennung einer prim�r nur gewerteten
"Lebenswirklichkeit" (der eigentlichen metaphysischen Sph�re), die nur
zu gewissen methodischen Zwecken technischer Daseinsbeherrschung in
einen �u�eren Naturmechanismus "umgedacht" werde. Von diesem
Mechanismus m�sse in der erkl�renden Philosophie auch das Psychische
als abh�ngig gedacht werden. Von ihr verschieden ist jedoch eine
subjektivierende Aktpsychologie, die Grundlage der
Geisteswissenschaften sei.
In einem loseren Verbande mit beiden Kantschulen stand auch Georg
Simmel, der sich von einer anf�nglich mehr positivistisch eingestellten
Denkrichtung �ber die Problematik Kants hinweg schlie�lich zu einer
"Lebensphilosophie" durchrang, deren Ergebnis er in dem nach seinem
Tode im Nachla� erschienenen Werke "Lebensanschauung, vier
metaphysische Kapitel" darstellte. Der Aufsatz "�ber den Tod" ist das
Tiefste und Reifste, was dieser eigenartige und weit �ber die deutschen
Grenzen hinaus anregende Denker geschrieben hat. Auch sein Aufsatz �ber
"Das individuelle Gesetz", in dem er �hnlich wie Schleiermacher und der
Verfasser in seiner "Ethik" neben "allgemeing�ltigen moralischen
Werten" auch "individualg�ltige", d. h. eine je individuell sittliche
Bestimmung des Menschen darzutun sucht, hat die Ethik bedeutend
gef�rdert. Seiner durch Bergson angeregten letzten "Lebensphilosophie"
die dunkel, unbestimmt und verworren bleibt, kann ein gleicher Beifall
nicht gezollt werden.
Die vierte von Leonhard Nelson begr�ndete Kantschule, die einen reichen
Kreis von Forschern aller Disziplinen unter sich vereinigt, hat ihre
Ansichten besonders in den zahlreichen Werken ihres Begr�nders und in
den "Abhandlungen zur friesischen Schule" dargelegt. In scharfem
Gegensatz zur "transzendentalen" Auffassung des kantischen Apriori, von
dem Cohen ausging, wird hier die Lehre vertreten, da� wir nur auf dem
Wege anthropologischer Selbstbesinnung mit Hilfe eines Verfahrens der
Reduktion der gegebenen Wissenschaften die obersten Grunds�tze der
Vernunft feststellen k�nnen. Von einem "Vertrauen in die Vernunft"
ausgehend, das ein rein subjektiver Akt bleibt, m�ssen die obersten
evidenten Einsichten, nach denen wir das Gegebene in mittelbarem,
Denken bearbeiten, nicht "erzeugt", sondern nur als urspr�nglicher
Besitz unseres Geistes enth�llt werden. Die Voraussetzung dieser Schule
ist die Existenz einer unmittelbar anschauenden Vernunft, deren
Grunds�tze teils anschaulich (mathematische Grunds�tze), teils
unanschaulich (z. B. Kausalprinzip) evident sind, und die durch das
reduktive Verfahren weder "deduziert" noch "konstruiert" sondern allein
f�r die Selbstbesinnung als evident enth�llt werden m�ssen. So mu� der
apriorische Besitz unseres Geistes nicht auf apriorische, sondern auf
aposteriorische Weise gefunden und entdeckt werden. Eine
"Erkenntnistheorie" im �blichen Sinne, sofern sie die "M�glichkeit der
Erkenntnis" erst aufweisen will, ist nach Nelson ein sinnloses
Unternehmen; denn nur auf Grund schon gewonnener evidenter Erkenntnis
k�nnen wir anderweitige Erkenntnis einer Pr�fung und Kritik
unterwerfen. Von dieser an Fries ankn�pfenden theoretischen Basis aus
hat die Schule eine �beraus rege und, wie auch derjenige, der ihr
fernesteht, sagen mu�, s e h r wertvolle, sowohl positiv sch�pferische
als kritische T�tigkeit entfaltet. Sie hat die Theologie stark
befruchtet (siehe Bousset und vor allem Rudolf Otto, dessen
ausgezeichnetes Werk �ber "Das Heilige" von der Schule stark bestimmt
ist). Sie hat auf dem Boden der Philosophie, der Mathematik und der
exakten Naturwissenschaft eine sehr rege T�tigkeit entfaltet; sie hat
in Kronfeld einen Vertreter gefunden, der nach ihren Grunds�tzen die
Erkenntnislehre der Psychiatrie eingehend bearbeitet und gef�rdert hat.
Vor allem aber hat ihr charaktervoller und geradsinniger Urheber L.
Nelson auf dem Boden der Rechts- und Sozialphilosophie achtungswerte
Werke hervorgebracht (siehe besonders "Die Rechtswissenschaft ohne
Recht"). In �beraus scharfsinniger, freilich allzusehr im Formalismus
Kants steckenbleibender Art und Weise wird hier mit Reinheit und Mut
die Majest�t des Rechtsgedankens auf Grund evidenter Vernunfteinsichten
gegen alle Verdunkelungen durch Rechtspositivismus und der in der
Jurisprudenz stark herk�mmlichen Machtlehre vertreten. Auch das gro�e
Werk Nelsons "Vorlesungen �ber die Grundlagen der Ethik" ist besonders
in seinen kritischen Teilen von gro�em Scharfsinn. Gegen�ber Kant wird
neben dem "Pflichtgem��en" ein "Verdienstliches" anerkannt, und die
Liebe und das Ideal der "sch�nen Seele" freilich mehr als �sthetischer
denn ethischer Wert in die Grundkategorien des menschlich Wertvollen
eingef�gt. In ihrer politischen Tendenz vertritt die Schule einen
radikalen Liberalismus der geistigen Individualit�t, den sie gerne auch
an die konfuzianische Weisheit des chinesischen Ostens anzulehnen sucht.
�berblickt man das Ganze dieser vier Kantschulen, wird man mit
Verwunderung vor der Tatsache stehen, die Kantianer immer noch �ber den
Sinn der Lehre ihre Meisters streiten, und noch mehr dar�ber, da� so
grundverschiedene Geistesarten auf demselben Boden des Kantianismus
�berhaupt m�glich sind. Da� aus der Starrheit dieser Schulkreise heraus
d i e Philosophie, wie wir sie oben als erstrebenswert bezeichnet
hatten, hervorwachsen werde, glauben wir bei allem Wertvollen, das
besonders die Marburger und die Friesschule geleistet haben, nicht. Die
ungeheuren Literaturmassen, die sich in den letzten Jahrzehnten mit
Interpretation, Fortf�hrung, Neugestaltung der kantischen Philosophie
besch�ftigt haben, stehen auf alle F�lle zu den F�rderungen, welche die
Philosophie durch sie erhielt, in gar keinem sinnvollen Verh�ltnis.
Wenn man dazu erw�gt, da� die Grundpositionen Kants (ich rechne dazu
seinen Ausgangspunkt von der newtonschen Naturlehre, seine Lehre, das
Gegebene sei nur ein "Chaos von Empfindungen" und alles, was Ordnung
und Beziehung, Einheitsform und Gestalt am Gegenstand der Erfahrung
sei, m�sse durch funktionsgesetzlich geregelte Verstandest�tigkeiten in
den Gegenstand erst hineingekommen sein, ferner seine Annahme der
prinzipiellen Erkl�rbarkeit der Natur auf Grund der Prinzipe der
Mechanik) heute der sch�rfsten und nach meiner Meinung der strengsten
Widerlegung verfallen sind, so wird man nur von einer neuen
untradionalistischen S a c h philosophie -- einer Philosophie, die
nicht von einer historischen Autorit�t ausgeht, sondern h�chstens
retrospektiv auf Grund ihrer gewonnenen Erkenntnisse sich auch einer
philosophiegeschichtlichen Tradition eingeordnet wei�, Wertvolles und
Dauerndes erwarten d�rfen.
Einen weit geringeren Einflu� als die kantische Philosophie �bt auf die
Philosophie der Gegenwart der Positivismus und sein neuester Ableger,
der von den Amerikanern Peirce und W. James und dem Engl�nder Schiller,
in gewissem Sinne auch von Fr. Nietzsche (siehe besonders "Der Wille
zur Macht") angeregte, f�r das engere Gebiet der
naturwissenschaftlichen Erkenntnistheorie auch von Henri Bergson
angenommene sogenannte "Pragmatismus" aus[1]. Der
[1] W. James: "Der Pragmatismus" (Philosophisch-Soziologische
B�cherei Bd. 1): F. C. S. Schillers "Humanismus" (derselben
Sammlung, Bd. 25); ferner W. James: "Das pluralistische
Universum", �bersetzt von J. Goldstein (Bd. 33).
europ�ische Positivismus hat seinen Ursprung und Hauptsitz in
Westeuropa; Bacon, D. Hume, D'Alembert, Condorcet, A. Comte, J. St.
Mill, H. Spencer, Taine und Buckle waren seine bedeutendsten geistigen
V�ter. In der gegenw�rtigen deutschen Philosophie hat er so wenig wie
in der deutschen Philosophie �berhaupt eine allseitige, alle Gebiete
der Philosophie umfassende Vertretung gefunden. Als strengere
Positivisten k�nnen unter den �lteren f�r die Erkenntnistheorie nur E.
Mach und Avenarius, in der unmittelbaren Gegenwart der aus der
Psychiatrie zur Philosophie gekommene selbst�ndige und originelle
Forscher Theodor Ziehen gelten. Eine gr��ere Anzahl von Forschern sind
st�rker von ihm beeinflu�t, so z. B. der k�rzlich verstorbene Benno
Erdmann (siehe besonders seine "Logik", 1. Band, 2. Auflage). In seinen
�lteren Arbeiten ist auch A. Riehl, ferner Hans Cornelius, der Humesche
und Machsche Gedankeng�nge mit Kants Erfahrungstheorie eigenartig
verquickt hat (siehe Cornelius: "Transzendentale Systematik", 1916),
vom Positivismus bestimmt. Als ein dem Pragmatismus, freilich mit mehr
Nietzschescher als angels�chsischer F�rbung, n�herstehendes Werk mu�
die "Philosophie des Als-ob" von H. Vaihinger angesehen werden. Unter
den j�ngsten Erkenntnistheoretikern steht Moritz Schlick ("Allgemeine
Erkenntnislehre", 1918) freilich mit realistischem Einschlag dem
Positivismus verm�ge seines extremen Nominalismus (Erkennen sei nur
"eindeutiges Bezeichnen und Ordnen der Gegenst�nde") nahe. In der Ethik
und Religionsphilosophie lehrte Jodl einen monistisch modifizierten
Positivismus. In der Soziologie und Geschichtsphilosophie steht ihm
M�ller-Lyer, L. von Wiese, W. Jerusalem (siehe "Die Phasen der Kultur",
"Einleitung in die Philosophie") und R. Goldscheid nahe. Wesentlichste
Basis des deutschen Positivismus ist eine sensualistische
Erkenntnistheorie und ein Versuch, die Denkkategorien psychologisch
oder soziologisch geschichtlich herzuleiten. Die Auffassung, da� die
kategorialen Formen nicht Seinsformen, die Denkgesetze nicht
Seinsgesetze seien, teilt der Positivismus mit den Kantianern. W�hrend
aber jene die apriorische Struktur unseres Denkens nur auffinden oder,
wie die Marburger, immer neu aus urspr�nglicher Denkfunktion rein
erzeugen wollen, bem�ht sich der Positivismus nach humeschem Muster,
sie auf dem Boden einer beschreibenden (oder bei manchen selbst
genetischen) Psychologie und Soziologie zu verstehen. Die
sensualistische Auffassung, da� der gesamte Inhalt der nat�rlichen und
wissenschaftlichen Erfahrung auf Sensationen und deren Residuen, resp.
auf die Verkn�pfung dieser Residuen nach den Assoziationsgesetzen
zur�ckf�hrbar sei, das Denken aber auf Zeichengebung und Abfolge
�hnlicher Vorstellungsbilder in letzter Linie beruhe, macht die
eigentliche erkenntnistheoretische These des Positivismus aus. Ihr
entspricht dann die F o r d e r u n g, aus der Wissenschaft alles das
auszuscheiden, was �ber aufweisbare Empfindungselemente und �ber die
Funktionalbeziehungen von deren Komplexen hinausgehe. Jeder asensuelle
und �bersensuelle u r s p r � n g l i c h e Bestand im Gegebenen der
Erfahrung, der nur durch ein urspr�ngliches, von Bildern nicht
ableitbares eigengesetzm��iges D e n k e n (oder andere geistige
Funktionen, wie Intuition, kognitives F�hlen usw.) zu erfassen w�re,
wird bestritten. Alle "Substanzen" und "Kr�fte" und alle sinnlich nicht
aufweisbaren Inhalte und Realsetzungen solcher m�ssen aus der
Wissenschaft in letzter Linie ausgeschieden werden: sofern man aber mit
Substanz- und Kraftbegriffen in ihr operiert, kommt diesen Operationen
genau so wie den in der Wissenschaft verwandten allgemeinen Begriffen
und Gesetzen nur die �konomische Bedeutung zu, mit Bildvorstellungen zu
sparen ("Prinzip der Denk�konomie"). Mit dieser Auffassung verbindet
sich eine streng nominalistische Lehre vom begrifflichen Denken, die in
Deutschland am sch�rfsten durch H. Cornelius ("Einleitung in die
Psychologie"), E. von Aster und neuerdings von Schlich durchgef�hrt
worden ist (zur Kritik dieser Lehre vergleiche E. Husserl: "Logische
Untersuchungen", Band 2). In der Realit�tsfrage hat sich der deutsche
Positivismus (mit Ausnahme von Schlick) im Unterschied von jenem
Spencers im wesentlichen ablehnend verhalten. Die Existenz der Welt ist
ihm nur der "geordnete Inbegriff ihrer Wahrnehmungsm�glichkeiten".
Avenarius hatte die Gegenst�nde, Bewu�tsein, Seele, Ich auf eine
urspr�ngliche T�uschung zur�ckgef�hrt, die durch Introjektion eines
Umgebungsbestandteils (z. B. wahrgenommener Baum) in den Mitmenschen
(als "immaterielles Abbild" des Baumes) und erst sekund�r auch in das
erkennende Ausgangssubjekt noch einmal "hineinverlegt" worden sei (s.
Avenarius: "Der nat�rliche Weltbegriff"). E. Mach, der mehr von
idealistischer Seite her kam, nahm letzte qualitative Seinselemente an
(blau, rot, hart, Ton usw.), die, wenn sie in ihrem gegenseitigen
Zusammenhang und in den Abh�ngigkeiten ihrer m�glichen
Komplexver�nderungen untereinander betrachtet werden, "Natur" hei�en;
"Empfindungen" aber, wenn sie und ihre Komplex�nderungen betrachtet
werden in Abh�ngigheit von den physiologischen Vorg�ngen des
Organismus. Auch das "Ich" ist ihm nur ein solcher relativ konstanter
Komplex von Seinselementen. Eine vorz�gliche Kritik dieser "Ich"-lehre
gibt K. �sterreich in seinem Buch "Ph�nomenologie des Ich". Der
Unterschied von Psychisch und Physisch soll hiernach kein Unterschied
der Materie und der Gegenst�nde sein, sondern nur ein Unterschied in
der Betrachtung der Abh�ngigkeitsverh�ltnisse zwischen den
Seinselementen. Mach hat diese Lehre in seinen gro�en Werken zur
Geschichte der Naturwissenschaft (Geschichte der Mechanik, des Satzes
von der Erhaltung der Arbeit, der W�rmelehre) und in seinem letzten,
sehr wertvollen und lehrreichen Werke "Erkenntnis und Irrtum" auch
geschichtlich zu unterbauen gesucht. Die moderne mechanische
Naturansicht hat nach seiner Meinung nur in dem historischen Z u
f a l l ihren Grund, da� man die Bewegungserscheinungen fester K�rper
zeitlich zuerst studierte (Galilei), um dann, nach dem Prinzip:
Erkl�ren hei�e nur "relativ Unbekanntes auf zuvor Bekanntes"
zur�ckzuf�hren, auch die �brigen Naturerscheinungen auf
Bewegungsgesetze fester Dinge zur�ckzuf�hren. Tats�chlich aber bestehe
kein Seinsunterschied zwischen "prim�ren" und "sekund�ren" Qualit�ten.
Besonders die Bedeutung denk�konomischer A n a l o g i e n und Bilder
f�r den wissenschaftlichen Fortschritt hob er nach dem Vorgang
englischer Physiker (Maxwell, Lord Kelorn, Clifford) in seinen
geschichtlichen Werken und in "Erkenntnis und Irrtum" stark hervor.
Aber alle diese "Bilder" m�ssen zugunsten strenger, rein mathematisch
formulierter Funktionsgesetze eines Tages wieder aus der Wissenschaft
ausgeschieden werden, wenn sie den neuen Beobachtungen nicht mehr
gen�gen. Auch der modernen Relativit�tstheorie Einsteins hat E. Mach
durch seine Kritik Newtons, besonders seiner Lehre von der absoluten
Bewegung vorgearbeitet (siehe Geschichte der Mechanik). Diese
Auffassung der Arbeit der Naturwissenschaft ist in neuester Zeit von
Planck ("Einheit des physikalischen Weltbildes"), Stumpf, K�lpe, ferner
von allen realistischen und kantischen Schulen mit Recht scharf
bek�mpft worden (siehe besonders C. Stumpfs Akademieabhandlung: "Zur
Einteilung der Wissenschaften", 1906). Vor allem aber war es Ed.
Husserl, der die nominalistischen Begriffstheorien des Positivismus in
den "Logischen Untersuchungen", Band 2, einer �beraus einschneidenden
Kritik unterzog. Die ernstesten Versuche, die Gegner des Nominalismus
und Sensualismus, die heute den Positivismus immer mehr zur�ckgedr�ngt
haben, zu widerlegen, haben von diesem Standort aus Ziehen in seiner
"Psychophysiologichen Erkenntnistheorie" und seinem k�rzlich
erschienenen sehr wertvollen "Lehrbuch der Logik" (1920) und E. von
Aster unternommen. Da� es ihnen aber gegl�ckt sei, die positivistischen
Positionen zu halten, glaubten wir nicht. Der sch�rfste Gegner ist dem
Positivismus neuerdings entstanden in der "Ph�nomenologie", obzwar
diese Denkrichtung mit ihm das Gemeinsame hat, den Aufweis aller
Begriffe in letztfundierenden Anschauungsgegebenheiten zu fordern. Aber
eben dabei erwies es sich, da� der Gehalt des origin�r Anschaubaren
unvergleichlich r e i c h e r ist als dasjenige, was durch sensuelle
Inhalte und ihr Derivate (und deren fernere psychische Verarbeitung) an
ihm denkbar sein mag. Zu welchen gewagten Annahmen und immer
verwickelter werdenden Hypothesen der Positivismus greifen mu�, um
seine Lehre durchzuf�hren, zeigt auch das letzte scharfsinnige Werk
Benno Erdmanns �ber "Grundz�ge der Reproduktionspsychologie" (1920).
Wenn der Positivismus im Erkennen nur ein zweckm��iges m��iges
Bezeichnen gegebener Sachen sieht, so geht der P r a g m a t i s m u s
von einer etwas anderen Auffassung aus. Er behauptet, da� alles
Erkennen nur die Bedeutung habe, ein Bild der Dinge zu geben, so
geartet, da� seine "Folgen" uns zu Handlungen f�hren, die bestimmte
praktische Bed�rfnisse befriedigen. Der "Sinn" eines Gedankens falle
zusammen mit dem Inbegriff aller m�glichen praktischen
Verhaltungsweisen, die er "leiten" und "f�hren" k�nne; und "wahr" sei
ein Gedankengebilde dann, wenn diese Reaktionen gattungsn�tzlich seien
und uns in der praktischen Beherrschung der Dinge weiterf�hren. Peirces
"Erkenntnis" wird hier �hnlich wie bei den Marburgern selbst zu einem
"Formen" und "Gestalten" einer zun�chst v�llig indifferenten
chaotischen Masse von Gegebenheiten (James, Schiller). Der letzte
Beweis z. B. f�r den Wahrheitswert der Naturwissenschaft ist die M a c
h t, die sie uns �ber die Natur gibt, also Technik und Industrie; die
Arbeit an den Dingen gehe �berall der Erkenntnis vorher und die
Erkenntnis zeige in letzter Linie nur die R e g e l n auf, nach denen
unsere Bearbeitung der Welt praktisch re�ssiere. In Deutschland ist
diese v�llig unhaltbare, allen Wahrheitsernst untergrabende
amerikanistische Theorie -- besonders widerlich, wenn sie zur
Rechtfertigung des Daseins Gottes und der Religion angewandt wird, wie
sie in W. James' "Mannigfaltigkeit der religi�sen Erfahrung" -- mit
einer eigenartigen Modifikation, die von Nietzsche herr�hrt (siehe
besonders "Wille zur Macht"), von Hans Vaihinger vertreten wurde. Die
"Modifikation" besteht in folgendem: W�hrend die angels�chsische
Theorie des "Pragmatismus" die Lautverbindung "wahr" geradezu als
"praktisch brauchbar" definiert, h�lt Vaihinger im Grunde den a l t e n
Wahrheitsbegriff fest, schr�nkt aber das unmittelbar "Wahre" ein auf
das, was an einer Wortintention nur in reinen Empfindungen gedeckt ist.
Alles, was dar�ber hinausragt -- seien es Kategorien, Grenzbegriffe (z.
B. ideales Gas, Adam Smiths "eigens�chtiges Wirtschaftssubjekt" usw.),
seien es unanschauliche theoretische Setzungen (z. B. �ther, aber auch
Gott, unsterbliche Seele), das hei�t das denkbar Verschiedenartigste
und logisch Verschiedenwertigste -- fa�t Vaihinger unter den Begriff
"Fiktion" zusammen; so ergibt sich in letzter Linie die Lehre, da� die
F i k t i o n sozusagen der tragende Grund und Sinn der Welt selber
sei, und da� zwischen Erkenntnis und Dichtung (Vaihinger war von A.
Lange ausgegangen und erweitert im Grunde nur dessen an Fr. Schillers
philosophischen Gedichten gewonnene "Begriffsdichtungs" gedanken von der
Metaphysik auch auf die exakte Wissenschaft) im letzten Grunde nur der
einzige Unterschied sei, da� die e i n e Fiktion praktisch brauchbar
sei, die andere nicht und nur der Betrachtung und dem �sthetischen
Genusse diene. Dazu trat, wie gesagt, der Einflu� Nietzsches. Dies ist
der einzige konstatierbare Einflu�, den Nietzsche, der ja auch den
"Wert der Wahrheit" in Frage gezogen hatte (siehe schon "Unzeitgem��e
Betrachtungen") und im Willen zur Wahrheit nur eine Abart des "Willens
zur Macht" sah, auf die rein theoretische Philosophie in Deutschland
ausge�bt hat. In einzelnen wissenschaftstheoretischen Ausf�hrungen ist
Vaihingers Werk sehr anregend. Die Art, wie es die bekannten kantischen
Als-ob-Wendungen und insbesondere die religionsphilosophische
Postulatenlehre Kants interpretiert, halten wir mit W. Windelband f�r
historisch grundirrig. Nach unserer Meinung haben diese Wendungen (z.
B. man solle auf den kategorischen Imperativ h�ren, "als ob" er ein
g�ttliches Gebot w�re) nur den Sinn, die sittlich praktische M o t i v
i e r u n g der Realsetzung Gottes von Motivierung durch theoretische
Begr�ndung scharf zu unterscheiden. Die Realsetzung selbst ist aber auf
diesem Wege bei Kant genau so ernst gemeint wie die Realsetzungen durch
theoretische Erkenntnis; ja noch ernster -- n�mlich im Sinne von
metaphysischer, nicht nur empirischer Realit�t; der Gedanke der
"Fiktion" oder gar bewu�ter Fiktion liegt unseres Erachtens Kant v�llig
fern. Als Ganzes stellt nach unserer Meinung das Werk Vaihingers den
gr��ten Mi�griff dar, den die deutsche Philosophie in den letzten
Jahrzehnten getan hat. Um so interessanter ist seine starke Verbreitung
-- ein wenig erfreulicher Ausdruck f�r die Mentalit�t weiter Kreise.
Den neukantischen und positivistischen Schulen hat sich in den letzten
Jahren eine im Wachsen befindliche r e a l i s t i s c h e
erkenntnistheoretische Richtung entgegengestellt, die zugleich den
�bergang bildet zu einer Reihe h�chst bedeutsamer Versuche der W i e d
e r e r w e c k u n g d e r M e t a p h y s i k (siehe dazu Peter
Wust: "die Auferstehung der Metaphysik"). Diese Erscheinung ist nicht
nur auf Deutschland beschr�nkt; auch in Frankreich, England und Amerika
sieht sich der erkenntnistheoretische Idealismus und der
positivistische Sensualismus immer mehr in den H i n t e r g r u n d
gedr�ngt. (Vgl. dazu K. Oesterreich [sic]: "Die philosophischen
Str�mungen der Gegenwart".) Die neurealistischen Richtungen (einen
�bergang zu ihnen bilden Riehl, Volkelt und E. v. Hartmann) gehen in
ihrer Art der Begr�ndung des Realismus freilich noch weit auseinander.
Im gro�en ganzen lassen sich unterscheiden die Formen des
altscholastischcn Realismus, des kritischen Realismus und des
intuitiven und voluntativen Realismus. Gerade die historisch �lteste
dieser realistischen Formen, der scholastische Realismus, gewinnt in
gewissem Sinne gegenw�rtig wieder neues Interesse. Wie ich schon sagte,
ist es ein eigent�mliches Zeichen der letzten Philosophie, da�
�berhaupt die scholastische Philosophie in lebendigen Denkverkehr mit
der modernen Philosophie getreten ist. Ein Grund daf�r ist, da� die
moderne Philosophie auf ganz verschiedenen Punkten rein aus sich selbst
heraus auf manche scholastische Positionen gekommen ist. So gleicht zL.
B. der Versuch Bergsons, in seinem Buche "Ged�chtnis und Materie" zu
zeigen, wie ein urspr�nglich unmittelbar gegebenes S e i n in die
Menschenerfahrung erst eingeht, um in ihr nach einer Reihe von
Richtungen deformiert zu werden; gleichen ferner die amerikanischen
neurealistischen Versuche (F. J. E. Woodbridge, E. B. Mc Gilvary u. a.)
methodisch dem altscholastischen Vorgehen, die Erkenntnis ihrem Wesen
nach auf ein Seinsverh�ltnis, d. h. die Teilnahme eines Seienden an
einem anderen, zur�ckzuf�hren. Bergsons und anderer Versuche (auch
Meinong und H. Schwarz in seinem Buche "Die Umw�lzung der
Wahrnehmungshypothesen" w�ren hier zu nennen), die Lehre von der O b j
e k t i v i t � t der Sinnesqualit�ten wieder neu zu begr�nden, haben
gleichfalls erkenntnistheoretisch in die N�he der scholastischen
Positionen gef�hrt. H. Driesch kam durch seine modifizierte
Wiedereinf�hrung des aristotelischen Entelechiebegriffs in der
Bearbeitung der Probleme des organischen Lebens gleichfalls der
Scholastik weit entgegen. Andererseits hat die scholastische
Philosophie in den letzten Jahren auch in unserem Lande Vertreter
gefunden, die es wohl verstanden, sich der modernen Probleme von ihrem
Standort aus scharfsinnig zu bem�chtigen. Abgesehen von den neuen
Erschlie�ungen und Interpretationen bisher unbekannter Teile der
mittelalterlichen Philosophie, die wir an erster Stelle Grabmann (siehe
besonders seine h�chst wertvolle "Geschichte der scholastiscben
Methode" und seine Neueditionen) und den Forschungen Baeumkers und
Baumgartens und dieser beider Sch�ler verdanken, sind auch
selbst�ndigere systematische Denker auf scholastischem Boden neuerdings
hervorgetreten, so z. B. der verdiente E. L. Fischer, ferner Lehmen und
besonders J. Geyser, der in seinen der Psychologie, der Logik, der
Erkenntnistheorie und der Metaphysik gewidmeten Arbeiten, ferner in
seinem Buche �ber Husserl und eine Verkn�pfung ("Neue und alte Wege der
Philosophie") der scholastischen Lehre mit der modernen Philosophie
anstrebt. Das gro�e psychologische Sammelwerk von Fr�bes und die
Arbeiten des aus der K�lpeschen Schule hervorgegangenen
Experimentalpsychologen Lindworsky (besonders "Das schlu�folgernde
Denken", 1916, "Experimentelle Psychologie", 1921) haben ferner die
scholastischen Positionen mit der ganzen Experimentalpsychologie eng
verkn�pft. In erkenntnistheoretischer Hinsicht sind freilich die
Neuscholastiker in Deutschland mehr dem sogenannten "kritischen
Realismus", der eine reale Welt erst mittels schlie�ender Denkakte
gewinnen will, zugeneigt, als dem altscholastischen Standpunkt, der
schon in der Sinneswahrnehmung eine unmittelbare Erfassung realer
Gegenst�nde erblickt und der �berdies auf das Problem der modernen
Philosophie: "Wie kommen wir zu einer realen Au�enwelt?" von seinem
Ausgangspunkte im Grunde gar nicht kommen kann, da er im Gegensatz zur
modernen Philosophie (seit Descartes) von der prim�ren Gegebenheit
eines Seienden ausgeht und von ihm auch erst durch die Scheidung das
ens reale vom ens intentionale die M�glichkeit von Bewu�tsein und
Erkenntnis verst�ndlich machen m�chte. Aber auch der altscholastische
Realismus hat gegenw�rtig eine alle wesentlichen Tatsachen der
Sinnesphysiologie und Sinnespsychologie und alle bisher f�r die
sogenannte sekund�re Natur aller oder einiger Sinnesqualit�ten
vorgebrachten Argumente ber�cksichtigende, sehr scharfsinnige und
beachtenswerte Darstellung gefunden in Josef Gredts beiden B�chern: "De
cognitione sensuum externorum", Rom 1913, und in deutscher Sprache in
dem k�rzlich erschienenen "Unsere Au�enwelt, eine Untersuchung �ber den
gegenst�ndlichen Wert unserer Sinneserkenntnis" (1921). Der vom
Verfasser vertretenen realistisch gerichteten Ph�nomenolgie ist trotz
verschiedenen Ausgangspunktes der Standpunkt Gredts, nach dem auch der
kritische Realismus, wenn er einmal die Gegenst�ndlichkeit und Realit�t
der unmittelbaren Sinneserkenntnis leugnet, notwendig in die
Konsequenzen des vollst�ndigen Idealismus getrieben werde, �hnlicher
als der sogenannte "kritische Realismus" vieler Neuscholastiker (z. B.
Mercier, Hertling und Geyser). Schon Otto Liebmann hatte einmal
bemerkt, da� alle Ergebnisse der Naturforschung im Begriffssystem der
aristotelischtn Metaphysik und Erkenntnislehre Platz h�tten. Und in der
Tat ist es ein gro�es Vorurteil, zu meinen, die Fortschritte einer
ihrer Grenzen eingedenken positiven Wissenschaft k�nnten o h n e
Zuhilfenahme rein philosophischer Wesenuntersuchungen �ber
metaphysische und erkenntnistheoretische Fragen �berhaupt etwas Letztes
entscheiden. Der ausgezeichnete franz�sische mathematische Physiker und
Historiker der theoretischen Physik, Pierre Duhem (sein Werk:
"Geschichte der physikalischen Theorien", ist mit einer Vorrede von E.
Mach auch in deutscher Sprache erschienen), hat Liebmanns Gedanken
gewisserma�en in gro�em Ma�stabe ausgef�hrt. Duhem suchte zu zeigen,
da� gerade bei einer strengen mathematischen Formalisierung der
theoretischen Physik die aristotelische Metaphysik mit der modernen
Physik wohl vereinbar sei. Er hat stark auf den auch philosophisch bei
uns wirksamen franz�sischen Mathematiker H. Poincar� gewirkt
("Wissenschaft und Hypothese", "Der Wert der Wissenschaft"), ist aber,
mit ihm verglichen, der weitaus tiefere erkenntnistheoretische Denker.
Den k r i t i s c h e n Realismus haben mit sehr verschiedenartiger
Begr�ndung in neuester Zeit eine gro�e Reihe von deutschen Forschern
neu zu begr�nden gesucht. Es seien hier genannt B. Erdmann, Meinong,
Stumpf, D�rr, Oesterreich [sic], Messer, St�rring, Freytag, Schlick,
Becher, Troeltsch und vor allem O. K�lpe in seinem zweib�ndigen (der
zweite Band ist 1920 aus dem Nachla� von Messer herausgegeben worden)
Werke "Die Realisierung, ein Beitrag zur Grundlegung der
Realwissenschaften"; ein dritter Band steht noch in Aussicht. Der
K�lpesche Versuch ist ohne Zweifel der ausgedehnteste, eingehendste und
strengste, der seitens der kritischen Realisten zur Begr�ndung ihrer
These unternommen worden ist. K�lpe gliedert die Hauptfrage in vier
Unterfragen, deren Beantwortung er je einen Band widmen wollte: 1. Ist
eine Setzung von Realem m�glich? 2. Wie ist eine Setzung von Realem
m�glich? 3. Ist eine Bestimmung von Realem m�glich? 4. Wie ist eine
Bestimmung von Realem m�glich? Nach einer ausgezeichneten und
tiefdringenden kritischen Durchmusterung und Widerlegung der
verschiedenen Formen des erkenntnistheoretischen Idealismus und
positivistischen "Wirklichkeitsstandpunktes" im ersten Band untersucht
K�lpe im zweiten Band die in der Wahrnehmung und die in rationalen
Grunds�tzen und ihrer denkenden Anwendung gelegenen Gr�nde und endlich
die "gemischten Gr�nde" f�r die Setzung einer Realit�t. De Pr�fung der
sechs rationalen Gr�nde ergibt deren Insuffizienz. Man kann weder von
der induktiven Regelm��igkeitsvoraussetzung (wie z. B. Becher), noch
durch Schlu� auf eine transzendente Ursache unserer Wahrnehmung, noch
vom Ich auf ein vermeintlich begrifflich notwendig dazugeh�riges
Nichtich, noch von der blo�en (gegen Berkeley und W. Schuppe
festgehaltenen) Widerspruchslosigkeit des Gedankens einer
bewu�tseinsunabh�ngigen Welt, noch vor dem Transzendenzbewu�tsein
unserer Denkakte (z. B. auch Erinnerungsakte) aus (wie es W. Freytag
versuchte), noch von der �konomischen Zweckm��igkeit der Annahme einer
realen Au�enwelt auf deren Existenz schlie�en. Auch die in der
Wahrnehmung im Unterschiede zu den "Vorstellungen" gelegenen immanenten
Merkmale lassen nicht ohne weiteres eine reale Welt annehmen (wie es
der altscholastische Realismus will); erst die "gemischten Gr�nde"
sollen zum Ziel f�hren. Die Au�enwelt m�sse gesetzt werden: erstens als
"Bedingung des von dem psychophysischen Subjekt in der Wahrnehmung
Unabh�ngigen und als das Substrat der vorgefundenen selbst�ndigen
Gesetzlichkeit der Wahrnehmungen". K�lpes Versuch bezieht sich nicht
nur auf die Realit�t der Natursetzung, sondern umfa�t auch das Problem
einer von der Beschreibung der Bewu�tseinserlebnisse verschiedenen
Realpsychologie, ferner auch das Problem der Realit�t des
Vergangenheits- und Fremdbewu�tseins und damit auch des
Realit�tsproblems in den Geisteswissenschaften. Wie immer man zu K�lpes
Werk im einzelnen stehen mag (der Verfasser kann sich nicht �berzeugen,
da�, wenn w e d e r in der Wahrnehmung f�r sich noch im Denken f�r sich
Gr�nde zur Annahme einer realen Welt gelegen sind, sie in einer blo�en
"Mischung" beider Momente gelegen sein k�nne), so verdient die
ausgezeichnete Arbeit des vortrefflichen, f�r die Wissenschaft viel zu
fr�h heimgegangenen Forschers doch die allerernsteste Beachtung und
W�rdigung.
Der Richtung des intuitiven Realismus ist zuzuz�hlen vor allem die auch
in Deutschland stark wirksame Philosophie H. Bergsons, ferner der in
dem Buche "Die Grundlegung des Intuitivismus" niedergelegte Standpunkt
des beachtenswerten russischen Philosophen Losskij. Obgleich der
Realismus in der Weise dieser beiden Forscher aus dem Grunde nicht
durchf�hrbar sein d�rfte, da uns Intuition, soweit es eine solche neben
mittelbarem Denken und Sinneswahrnehmung gibt, nur d a s e i n s f r e
i e s W e s e n (und Wesenszusammenh�nge) geben kann, verdienen doch
auch ihre Lehren ernstlichste Beachtung. F�r die Existenz des fremden
Bewu�tseins �berhaupt ohne Existenzsetzung eines bestimmten so oder
anders beschaffenen Ichs nahmen neuerdings auch Scheler (siehe
"Formalismus in der Ethik" und sein Buch "�ber Sympathiegef�hle",
Anhang) und in etwas anders gef�rbter Weise J. Volkel (siehe sein Buch
"�ber das �sthetische Bewu�tsein") intuitive Evidenz in Anspruch. F�r
die Begr�ndung einer R e a l p y s c h o l o g i e traten au�er K�lpe
auch ein Scheler (siehe "Idole der Selbsterkenntnis" in "Abhandlungen
und Aufs�tze"), M. Geiger und H. Driesch ("Fragment �ber den Begriff
des Unbewu�ten und die psychische Realit�t", 1921).
Die Richtung des v o l u n t a t i v e n R e a l i s m u s ist vor
allem -- ich sehe hier ab von ihren historischen Vorformen bei Maine de
Biran, Bouterweek und Schopenhauer -- in neuester Zeit in einer
Akademieabhandlung von Dilthey, Frischeisen-K�hler (siehe "Wissenschaft
und Wirklichkeit", 1912), Scheler und E. Jaensch ("�ber die Wahrnehmung
des Raumes", Anhang) vertreten worden. Nach dieser Auffassung f�hrt
erst das unmittelbare Widerstandserlebnis irgendwelcher Gegenst�nde als
wirklicher und m�glicher "Widerst�nde" zur Setzung einer Realit�t
�berhaupt. Erst die Zuweisung eines in seinem Sosein schon bestimmten
Gegenstandes in die zuvor schon gegebene S p h � r e d e s R e a
l e n ist von der Einreihbarkeit des Gegenstandes in gesetzliche
Beziehungszusammenh�nge (je nach dem Wesen der Gegenst�nde
verschiedener Artung) abh�ngig. Analog sind nach Scheler die f�nf
Sph�ren: "Au�enwelt", "Innenwelt", "Leib", "Fremdbewu�tsein",
"Gottheit", in de ein bestimmtes Reales hineingesetzt wird, als Sph�ren
jedem endlichen Bewu�tsein "vor" jeder bestimmten Erf�llung mit
Inhalten unmittelbar anschaulich gegeben.
Dem Denken kommt nur die Rolle zu, die Daseinsbestimmung einer
bestimmten Realit�t vorzunehmen, soweit solche �ber die unmittelbare
Erfahrung hinausgeht.
Viel zu wenig beachtet ist nach Meinung des Verfassers innerhalb der
engeren Philosophenkreise die ungemeine Befruchtung, die f�r alle
Gebiete der Philosophie von der g e g e n w � r t i g e n Psychologie
mit Einschlu� der Experimentalpsychologie auszugehen verm�chte, wenn
ein tieferes Verst�ndnis und eine gr��ere gegenseitige Beachtung ihrer
Arbeiten zwischen Philosophen und Psychologen stattf�nde. Dieselbe
Forderung stellten neuerdings E. Jaensch, Kr�ger, Marbe, ferner die
Schulen von C. Stumpf und K�lpe. Die moderne Psychologie begann ihr
Werk mit einseitiger Untersuchung der Empfindungstatsachen und mit
Problemen der Gr��enmessung. Da diese Art der �lteren
Experimentalpsychologie sich bald eine Reihe philosophischer Lehrst�hle
anzueignen wu�te, entstand in den engeren Philosophenkreisen ein
gewisser Arger und, damit verbunden, auch eine weitgehende
Nichtbeachtung ihrer Arbeiten. Man sagte: Diese neue Psychologie ist
eine Spezialdisziplin der Naturwissenschaft; sie sei der Medizin und
Sinnespsychologie zuzuweisen und habe mit Philosophie gar nichts zu tun
oder doch nicht mehr wie irgendeine andere Spezialwissenschaft; darum
geb�hrten ihr auch keine philosophischen Lehrst�hle. Am sch�rfsten und
im anma�endsten Tone haben die Vertreter der S�dwestdeutschen Schule
dieser Meinung h�ufig Ausdruck gegeben. (Vgl. hierzu die treffenden
Schilderungen dieser Dinge bei Fr. Kr�ger, "�ber
Entwicklungspsychologie", 1918.) Die zeitweise Herrschaft einer
sogenannten "Psychologie ohne Seele" und einer strengen
sensitivistischen und assoziationspsychologischen Auffassung der
seelischen Tatsachen (die z. B. noch wesentliche Grundlage ist den in
der Einzelbeobachtung ausgezeichneten Arbeiten �ber "Das Ged�chtnis"
von G. E. M�ller in seinem gro�en Werke �ber "Das Ged�chtnis") schien
eine Zeitlang dieser Haltung neue Gr�nde zuzuf�hren. Dazu blieben die
langwierigen, philosophischen Streitigkeiten �ber "psychophysischen
Parallelismus" und "Wechselwirkung", die nur von allgemeinsten
"Prinzipien", sei es der Erkenntnistheorie, sei es neugefundener
physikalischer Wahrheiten ausgingen, (z. B. Vereinbarkeit des seit den
Arbeiten von Rubner und Atwater auch f�r den organischen Austausch von
Nahrung und Arbeit nachgewiesenen Satzes von der Erhaltung mit einer
psychophysischen Wechselwirkung) nicht nur �beraus unfruchtbar,
sondern, was noch weit schlimmer war, ohne jeden f�hlbaren Anschlu� an
die T a t s a c h e n f o r s c h u n g der empirischen und
experimentellen Psychologie. Nun haben sich aber diese Verh�ltnisse mit
der Zeit so g r u n d s � t z l i c h und t i e f gewandelt, da� die
antipsychologische Haltung vieler Philosophen jeder sinnvollen
Grundlage entbehrt. Der sogenannte "Psychologismus", der f�r die
Philosophie eine Zeitlang eine Gefahr scheinen mochte, ist beute
grunds�tzlich abgetan. Die Entwicklung zeigte ferner, da�, wie auch B.
Erdmann in seiner "Reproduktionspsychologie" treffend betont hat, eine
wirklich vollst�ndige Abl�sung der Psychologie von der Philosophie gar
nicht m�glich ist. Selbst bei den elementarsten Untersuchungen �ber
Empfindungstatsachen (siehe z. B. den besonders von K�hler gef�rderten
Streit �ber die Existenz "unbemerkter Empfindungen"), ferner in allen
Fragen, welche nicht aufeinander zur�ckf�hrbaren G r u n d a r t e n
s e e l i s c h e r V e r k n � p f u n g e n es �berhaupt gebe,
l��t sich die Philosophie gar nicht ausschalten. Auch die Meinung, es
lie�e sich eine empirische Psychologie errichten ohne bestimmte,
erkenntnistheoretische oder metaphysische �berzeugungen �ber das "Ich",
und sein reales Substrat hat sich gerade durch die Arbeiten der
gegenw�rtigen Philosophie und Psychologie als ganz falsch erwiesen. Die
"Psychologie ohne Seele" geh�rt heute bereits der Geschichte an und
nicht minder die Herrschaft der Meinung, die Psychologie k�nne sich mit
der Schilderung blo�er Bewu�tseinserscheinungen begn�gen, und es k�nne
zwischen diesen selbst ein reales kausales Band aufgefunden werden. Da
ferner die moderne Psychologie sich l�ngst von der einseitigen
Empfindungsforschung abgewandt hat und mit unter Anregung der
Husserlschen logischen Arbeiten sich der experimentell unterst�tzten
systematischen Selbstbeobachtung (bei der nicht der Versuchsleiter,
sondern die psychologisch geschulte Versuchsperson die psychologische
Beobachtung und Erkenntnis vollzieht im Gegensatz etwa zu blo�en
sogenannten Reaktionsversuchen) auch der h�heren psychischen Funktionen
des Wollens (N. Ach, Lindvorsky) und des Denkens (K�lpe, B�hler,
St�rring, Lindworsky, Selz, Gr�nbaum) zugewandt hat, besteht nicht der
mindeste Grund mehr, die Experimentalpsychologie etwa der
Sinnespsychologie oder der Medizin oder �berhaupt der
"Naturwissenschaft" zuzuweisen. Die von Dilthey, ferner von der
Ph�nomenologie und von K. Jaspers (siehe seine "Psychopathologie" und
sein neuestes Werk �ber "Psychologie der Weltanschauungen") auch mit in
de Psychiatrie hineingetragene Frage, wie sich die "Sinnzusammenh�nge"
des Seelenlebens von den "psychophysischen Kausalzusammenh�ngen"
unterscheiden, und welche der beiden Arten von Psychologie (verstehende
oder erkl�rende Psychologie) Grundlage f�r die Geisteswissenschaften
sei, hat die Psychologie wieder in allerengste Verbindung mit der
Philosophie gef�hrt. Die von Chr. Ehrenfels und Cornelius auf dem Boden
einer philosophischen Psychologie angeregten Probleme einer autonomen G
e s t a l t g e s e t z l i c h k e i t der urspr�nglichsten
psychischen Gegebenheiten sind von K�lpe, B�hler, Wertheimer, Koffka,
Benussi, Gelb, K�hler und anderen in �beraus wertvollen und f�r de
Philosophie �beraus wichtigen experimentellen Arbeiten so intensiv
gef�rdert worden, da� die Philosophie sehr �bel daran t�te, wollte sie
sich um diese Dinge nicht ernsthaft k�mmern. Wie sehr die hier
neuaufgedeckten Tatsachen und Probleme auch f�r die philosophische
Kl�rung des Problems von K�rper und Seele wichtig sind, zeigt die auf
seinen Bewegungsarbeiten urspr�nglich fu�ende neue Theorie von
Wertheimer, da� als gehirnphysiologische Grundlage auch jeder
einfachsten Wahrnehmung (die stets durch einen Aufmerksamkeitsfaktor
mitbedingt und, nach ihrem Inhalt hin betrachtet, nie blo� "reine
Empfindung", sondern immer schon "Gestalt" ist), ein sogenannter
"Querproze�" zwischen den gereizten Nervenenden der Gehirnrinde
notwendig sei. Als eine neue sehr zu begr��ende Sammelstelle der neuen
gestaltpsychologischen Richtung erscheint jetzt die eben gegr�ndete
Zeitschrift "Psychologische Forschung" (Springer 1921), besonders von
Koffka, K�hler, Wertheimer, Goldstein, Gruhle, K�hler, der den Fragen
der Relations- und Gestalterfassung auch auf dem Boden der
Tierpsychologie in seinen auf der Station von Teneriffa gemachten
optischen Versuchen an Affen nachgegangen ist (Schriften der
Preu�ischen Akademie, Jahrgang 1915 und 1918 physik.-math. Klasse).
K�hler hat durch sein neuestes Buch �ber "Physische Gestalten" (1921)
das Wertheimersche Problem einem h�chst bedeutsamen und f�r die gesamte
Naturphilosophie wichtigen Zusammenhang eingereiht, indem er auch auf
rein physikalischem Boden (Elektrostatik) nach einer selbst�ndigen
Gestaltgesetzlichkeit (die sich in summenhafte Kausalit�t nicht
aufl�sen l��t) A n a l o g i e n f�r psychischen Gestalten aufsuchte.
Endlich ist seit Brentanos "Psychologie vom empirischen Standpunkt" das
insbesondere von E. Husserl und Karl Stumpf "Erscheinungen und
Funktionen" (1906) neu aufgegriffene Problem entstanden, ob und wie
weit A k t e u n d F u n k t i o n e n eine von "Erscheinungen"
unabh�ngige variable Natur und Gesetzm��igkeit besitzen und eine ganz
neue Richtung der "Psychologie", die sogenannte Aktpsychologie, hat
sich an diese Arbeiten angeschlossen. T. Konstantin Oesterreich hat
sich in seinem grundlegenden Werke zur "Ph�nomenologie des Ich" ihr
angeschlossen. Es gibt nach meiner Meinung kein wichtigeres und
dringlicheres Desiderat f�r die k�nftige Philosophie und Psychologie
als eine eingehende philosophische Durchleuchtung der durch die
Resultate der verschiedenen psychologischen Diszipline gewonnenen
Tatsachenerkenntnisse. Der Verfasser hat es sich mit zu einer
Hauptaufgabe gesetzt, in einer Arbeit, die er unter der Feder hat,
diese Dinge zu f�rdern. Endlich verdienen auch neue Z w e i g e, die in
den letzten Jahren aus der Psychologie hervorgewachsen sind, genaue
philosophische Beachtung. So die Pathopsychologie, die durch den Krieg
(Kopfsch�sse und Gehirnverletzungen) m�chtig gef�rdert wurde, die
neuere Tierpsychologie, die von W. Stern angebahnte differentielle
Psychologie, die zukunftsreiche "Entwicklungspsychologie" Kr�gers,
nicht minder auch die Religionspsychologie und die erst neuerdings
besonders von Oesterreich, Dessoir, Driesch endlich auch in Deutschland
aufgegriffenen Tatsachen und Probleme der Parapsychologie, d. h. der
Psychologie der sogenannten okkulten Ph�nomene (siehe dazu besonders
Oesterreich: "Probleme der Parapsychologie" und sein Buch �ber
"Besessenheit", ferner Max Dessoir: "Das Jenseits der Seele"). Die
Forscher, die sich gegenw�rtig in der Richtung auf eine philosophische
Durcharbeitung des neuen m�chtig angewachsenen psychologischen
Erkenntnismaterials bewegen, sind vor allem E. Husserl, W. Stern, E.
Jaensch, Wertheimer, K�hler, Gr�nbaum, Lindworsky, Scheler, Driesch,
Selz, Kronfeld, Koffka, Th. Haering. Wir sind �berzeugt, da� auf diesem
Wege sich eine weit tiefer gehende, freilich auch erheblich
kompliziertere abschlie�ende Theorie �ber den Z u s a m m e n h a n g
v o n L e i b u n d S e e l e ergeben wird, als es durch die leeren
Prinzipienstreitigkeiten der Vergangenheit �ber Wechselwirkung und
Parallelismus je der Fall sein konnte. Schon jetzt scheiden sich meines
Erachtens drei nicht weiter aufeinander zur�ckf�hrbare Gruppen von
Verkn�pfungsarten und Gesetzen geistig psychischer Geschehnisse (resp.
Akte): 1. die mechanisch assoziativen, 2. die biopsychischen, bei denen
es allein konkrete zielm��ige Ganzkausalit�t gibt, 3. die poetischen
Intentionalgesetzlichkeiten, denen �berall parallele Gegenstands-(resp.
Wert-) gesetzlichkeiten entsprechen.
Wenden wir uns nun den j�ngsten Schichten der gegenw�rtigen
Philosophie, die zum gr��ten Teil erst im 20. Jahrhundert ihren
Ursprung haben oder doch in ihm ihre st�rkere Auswirkung fanden, zu, so
sind es weniger geschlossene S c h u l e n als einzelne
Pers�nlichkeiten, welche der Philosophie die Richtung auf einen neuen
Sachkontakt und gleichzeitig auf den Wiederaufbau der Metaphysik
gegeben haben. Einen �bergang zu dieser neuen Artung von Philosophie
bildet Wilhelm Dilhey (1833-1912) und die Forschergruppe, die von ihm
ausgegangen ist. Dilthey selbst war zeit seines Wirkens von
geschichtlichen und philosophischen Interessen gleichzeitig bewegt.
Eine in manchen Z�gen dem romantischen Geistestypus verwandte, ungemein
reiche, zarte, genialische, aber auch problematische Natur (selten
schlo� er ein Werk ganz ab), sch�ttelte er in seiner Entwicklung nur
langsam und nie vollst�ndig die Ketten des historischen Relativismus
von sich ab. Aber was er in seinen stets tiefdringenden, gelehrten und
vor hellen intuitiver Erkenntnisgesichten erf�llten Abhandlungen gab,
das trug, gleichg�ltig, ob er sein Grundproblem, "die Kritik der
historischen Vernunft", ob er philosophiegeschichtliche oder
literatur- und kunstwissenschaftliche oder philosophiesystematische
Probleme behandelt, stets reiche Frucht. Auf sein bereits der
Geschichte angeh�riges Werk, das jetzt in seinen noch nicht ganz
herausgegebenen gesammelten Schriften vorliegt, kann hier nicht
eingegangen werden. Alle heutigen Versuche, eine "verstehende
Psychologie" aufzubauen (Jaspers, Spranger, Scheler, Nohl,
Schmied-Kowarcik und auch die hierhergeh�rigen Versuche der j�ngeren
Ph�nomenologen), w�ren ohne seine Wirksamkeit undenkbar gewesen. In
seinem Versuche, die Erkenntnistheorie von "der Totalit�t des
menschlichen Wesens" her, nicht nur von dem "verd�nnten Saft blo�er
Denkt�tigkeit" aus aufzubauen und (hierin den Positivisten �hnlich) die
Erkenntnistheorie eng zu verbinden mit einer historischen Phasen- und
einer Typenlehre der menschlichen Erkenntnis- und der
philosophisch-metaphysischen Weltanschauungsformen, hat er in
Frischeisen-K�hler seinen Hauptsch�ler gefunden. Sein Interesse an der
Typologie der geistigen G e s t a l t e n des Menschentums, das er in
zahlreichen Aufs�tzen bekundet hat, und seine Ideen auf diesem Gebiet
haben besonders Eduard Spranger stark angeregt. Sprangers jetzt in
zweiter erheblich erweiterter Auflage erschienenes Buch �ber
"Lebensformen" (1921) ist eine der reichsten und feinsinnigsten
Abhandlungen verstehender Psychologie und zugleich typologischer
angewandter Ethik, die wir auf diesem Gebiete besitzen. G. Wisch hat in
seiner "Geschichte der Selbstbiographie", die freilich noch unvollendet
ist, ein Problem ergriffen, das f�r die Frage der Abh�ngigkeit der
Selbstauffassung des Menschen von seiner geschichtlichen Umwelt und den
in ihr herrschenden Wertstrukturen von gro�er Bedeutung ist. H. Nohl
hat Diltheys Ideen �ber die Weltanschauungstypen in der Philosophie,
der dauernde Typenunterschiede des Menschentums entsprechen sollen und
die in der Geschichte sich gleichsam mit nur immer neuem
Erkenntnisstoff, der wachsenden Menschenerfahrung gem��, ausf�llen, mit
Gl�ck auf das Gebiet des Studiums der k�nstlerischen Darstellungsformen
�bertragen. Der Metaphysik gegen�ber verhielt sich Dilthey bis zu
seinem Lebensende skeptisch. Er hielt sie im Gegensatz zur positiven
Wissenschaft und zum religi�sen Bewu�tsein f�r eine nur historische
Kategorie, die einmal v�llig aus der Geschichte ausscheiden werde. Das
vor allem macht gleichzeitig seine Verwandtschaft und seinen Gegensatz
zum Positivismus aus, dessen geschichtsmethodische und philosophische
Anschauungen er mit den deutschen, aus der Romantik entsprungenen
Geschichtsauffassungen eigenartig zu verkn�pfen suchte (siehe besonders
"Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften",
1910). Allen seinen Sch�lern wu�te er mehr zu vermitteln als blo�e
Lehre -- auch etwas von seiner eigenen bedeutenden geistigen Form und
Gestalt. Obgleich ihm Genauigkeit und Strenge in der Erkenntnistheorie
fehlte, wie �berhaupt eine letzte klare Basis f�r seine rein
philosophischen Bestrebungen, hat er die Theorie der
Geisteswissenschaften doch ungleich mehr befruchtet als die
S�dwestdeutsche Schule. Schon durch seine andersgeartete
Problemstellung, die nicht "Logik der Geisteswissenschaften" (es gibt
nur e i n e Logik), sondern die materialspendenden Quellen des
historischen Denkens, d. h. die verschiedenen Stufen und Arten des V e
r s t e h e n s fremden Erlebens, in den Mittelpunkt der Untersuchung
ger�ckt hat, ist sein Unternehmen dem der Badischen Schule weit
�berlegen.
Die bedeutsamste und wirksamste philosophische Bewegung der Gegenwart
ist von der Jahrhundertwende ab in der sogenannten "P h � n o m e n o l
o g i e" aufgetreten. Das Wort darf vor allem nicht mit dem sogenannten
"Ph�nomenalismus" (d. h. der Lehre z. B. Kants, da� wir nur
"Erscheinungen", nicht die Dinge selbst erkennen) in Beziehung gebracht
werden. Nicht der Gegensatz von "Wesen" und "Erscheinung", sondern der
schon in der Scholastik als "grundlegend erkannte Gegensatz" von
"existentia" und "essentia". "Wesen" und "Dasein" beherrscht das Denken
dieser Forschergruppe; ferner deutet das Wort "Ph�nomenologie" an, da�
es sich bei der Aufsuchung der in der Welt realisierten Wesenheiten
(essentiae) vor allem um unmittelbar anschaulichen A u f w e i s
handeln soll. Den Ausgangspunkt f�r diese Bewegung, die sich freilich
in ihrem schwer durchschaubaren und auch aus Raummangel nicht zu
schildernden Ablauf von �beraus verschiedenen geschichtlichen
Einfl�ssen gen�hrt hat, bildete das Werk Edmund Husserls "Logische
Untersuchungen", 2 B�nde (2. Aufl. 1921). Der erste Band dieses �beraus
wirksamen Werkes galt einer Neubegr�ndung der Logik. Jede Art von
Empirismus, Psychologismus, Relativismus, Anthropologismus,
Subjektivismus, den die herk�mmliche Logik in sich aufgenommen hatte,
wurde bis in seine letzten Schlupfwinkel verfolgt und aus der Logik zu
entfernen versucht. Die logischen Wahrheiten sind nach Husserl streng
evidente Gegenstandswahrheiten, die von aller Konstitution und etwaiger
Ver�nderung der menschlichen Natur u n a b h � n g i g sind. So war es
vor allem der siegreiche Kampf gegen den bei J. St. Mill, Sigwart,
Erdmann, Wundt und auch bei der sogenannten "normativen Logik" noch
vorliegenden "Psychologismus", dem das Werk seine gro�e Wirksamkeit
verdankte. Obgleich dieser Band an erster Stelle reine Sachuntersuchung
ist, hat er doch historische Ankn�pfungspunkte; sie liegen, wie
Grabmann gezeigt hat, schon in der Scholastik, soweit sie die
platonisierende Richtung einh�lt (z. B. bei Bonaventura). Ferner haben
Leibniz und sein sp�ter bis zu Husserls Wiederentdeckung v�llig
unbekannter Sch�ler, der gro�e Logiker und fruchtbare Mathematiker
Bolzano, der den Urteilsakt und den Satz "Ansich" als ideale
Seinseinheit unterschied, ferner auch Lotze in seinem Logikkapitel �ber
die "Platonische Ideenlehre" und Herbart in seinen logischen
Bestrebungen analoge Ideen ausgesprochen. Die vollst�ndige
Vernachl�ssigung, ja der prinzipielle Ausschlu� der Aktseite der
Denkgebilde, und die im 1. Band herrschende Vorstellung, es k�nne unser
Denken ohne Schaden f�r die Logik sogar etwa rein
assoziationspsychologisch verstanden werden, l��t sich freilich n i c h t
durchf�hren. Husserl selbst hat schon in seinem zweiten Bande diese
Auffassung im Grunde stillschweigend zur�ckgenommen. Erst der zweite
Band des Werkes brachte Untersuchungen, die in die Richtung der
sp�teren Ph�nomenologie gef�hrt haben, die indes hier noch mit
deskriptiver Psychologie des Denkers identifiziert wird. Die zwei
wichtigsten Bestandteile dieses zweiten Bandes bestehen in der
ausgezeichneten und strengen Widerlegung aller seit Locke, Hume und
Berkeley von einem gro�en Teil der modernen Philosophie bis zur
Gegenwart fast wie selbstverst�ndlich aufgenommenen nominalistischen
Bedeutungs- und Begriffstheorie und in der sechsten Untersuchung,
betitelt "Elemente einer ph�nomenologischen Aufkl�rung der Erkenntnis",
die in ihrem zweiten Abschnitt den wichtigsten Begriffsgegensatz der
"sinnlichen und kategorialen Anschauung" einf�hrt, der nach meiner
Meinungen u n m i t t e l b a r s t e n Ausgangspunkt f�r die
Entstehung der Ph�nomenologie gebildet hat. Als der Verfasser im Jahre
1901 in einer Gesellschaft, die H. Vaihinger in Halle den Mitarbeitern
der "Kantstudien" gegeben hatte, Husserl zum erstenmal pers�nlich
kennenlernte, entspann sich ein philosophisches Gespr�ch, das den
Begriff der Anschauung und Wahrnehmung betraf. Der Verfasser,
unbefriedigt von der kantischen Philosophie, der er bis dahin nahestand
(er hatte eben schon ein halbgedrucktes Werk �ber Logik aus diesem
Grunde aus dem Druck zur�ckgezogen), war zur �berzeugung gekommen, da�
der Gehalt des unserer Anschauung Gegebenen urspr�nglich weit reicher
sei als das, was durch sinnliche Best�nde, ihre genetischen Derivate
und logische Einheitsformen an diesem Gehalt deckbar sei. Als er diese
Meinung Husserl gegen�ber �u�erte und bemerkte, er sehe in dieser
Einsicht ein neues fruchtbares Prinzip f�r den Aufbau der theoretischen
Philosophie, bemerkte Husserl sofort, da� auch er in seinem neuen,
demn�chst erscheinenden Werke �ber die Logik eine analoge Erweiterung
des Anschauungsbegriffes auf die sogenannte "kategoriale Anschauung"
vorgenommen habe. Von diesem Augenblick an r�hrte die geistige
Verbindung her, die in Zukunft zwischen Husserl und dem Verfasser
bestand und f�r den Verfasser so ungemein fruchtbar geworden ist. Einen
starken Zuwachs erfuhr die ph�nomenologische Bewegung in ihrer ersten
Werdezeit dadurch, da� der ausgezeichnete und scharfsinnige M�nchener
Psychologe Th. Lipps durch die Einwirkung der "Logischen
Untersuchungen" einen weitgehenden Umschwung seines ganzen Denkens
erfuhr, der sich in seinen letzten Arbeiten klar kundtat. Diesen
Umschwung machten seine hervorragendsten Sch�ler M. Geiger, A. Reinach,
Pf�nder und die ihnen nahestehenden j�ngeren Forscher nicht nur mit,
sondern sie schlossen sich, �ber Lipps �berhaupt hinausgehend, den
Husserlschen Positionen weitgehend an. So kam es schlie�lich zur
Errichtung einer Sammelstelle f�r die ph�nomenologische
Forschungsrichtung im "Jahrbuch f�r Philosophie und ph�nomenologische
Forschung", von dem bisher f�nf B�nde bei Niemeyer in Halle erschienen
sind.
Die Ph�nomenologie ist weniger eine abgegrenzte Wissenschaft als eine
neue philosophische E i n s t e l l u n g, mehr eine neue T e c h n e
d e s s c h a u e n d e n B e w u � t s e i n s als eine bestimmte
Methode des Denkens. Nur so wird es verst�ndlich, da� die
ph�nomenologische Bewegung nicht im selben Sinne die Einheit einer S c
h u l e hervorgebracht hat, wie etwa die fr�her behandelten Kantschulen
solche darstellen. Aus dem gleichen Grunde kann Ph�nomenologie nicht im
selben Sinne als objektiver Wissensgehalt g e l e h r t werden, wie die
Gedanken dieser Schulen. Nur durch fortgesetzte � b u n g dieser
Bewu�tseinshaltung ist es m�glich, in die Ergebnisse der Ph�nomenologie
tiefer einzudringen und selbst in ihr fortzuschreiten. Aus demselben
Grund gehen auch die einzelnen, von Husserl angeregten Forscher und
Forschergruppen in den R e s u l t a t e n viel weiter auseinander als
die Angeh�rigen jener genannten Schulen, ohne doch darum ihre f�hlbare
Einheit, die eben in jener gemeinsamen neuen B e w u � t s e i n s h a
l t u n g liegt, verlieren zu m�ssen. Husserl selbst spricht, diese
Bewu�tseinshaltung charakterisierend, von einer "ph�nomenologischen
Reduktion"; sie besteht darin, da� auf der Gegenstandsseite aller
m�glichen Gegenst�nde (physischer, psychischer, mathematischer,
vitaler, geisteswissenschaftlicher Gegenst�nde) von dem zuf�lligen h i
c e t n u n c D a s e i n d e r G e g e n s t � n d e
abgesehen und auf ihr pures W a s, das hei�t ihr "W e s e n"
hingeblickt wird; da� ferner analog der den Gegenstand erfassende
intentionale Akt, aus dem psychophysischen Lebenszusammenhang des
individuellen Menschen, der ihn vollzieht, gleichsam herausgel�st und
gleichfalls nur nach seiner essentiellen Wasbestimmtheit
charakterisiert wird. Diesen wesenserfassenden Akt, den unser geistiges
Bewu�tsein von Etwas vollzieht, nennt Husserl "Wesenschau" und
behauptet, da� alle m�glichen Theorien �ber das positive Wirkliche in
solchen Wesenseinsichten und in Einsichten in solche
Notwendigkeitsbeziehungen, die im G e h a l t e dieser "Wesen" selbst
fundiert sind, ihren letzten tragenden Grund bes��en. Alle
Wesenseinsichten, ob sie nun von psychischen oder von physischen oder
von mathematischen Gegenst�nden handeln, sind, obgleich sie weder auf
"eingeborenen Ideen" beruhen noch (wie nach Kant) blo�e
Funktionsgesetzlichkeiten der geistigen Akte, das hei�t
"Verstandsgesetze", ausdr�cken gegen�ber allem zuf�llig Wirklichen
objektiv a priori g�ltig. Denn was immer von dem Wesen irgendwelcher
Gegenstandsbereiche wahr ist und gilt, das mu� auch gelten f�r alle
m�glichen Gegenst�nde dieses Wesens, soweit sie der zuf�lligen
Daseinssph�re angeh�ren. So begr�ndet die Ph�nomenologie einen n e u a
r t i g e n A p r i o r i s m u s, der nicht nur die rein formalen
S�tze der Logik und der Axiologie in ihren verschiedenen
Unterdisziplinen (Ethik, �sthetik usw.) umfa�t, sondern auch materiale
Ontologien entwickelt. Die Sph�re des apriorischen Wissens ist also in
der Ph�nomenologie unvergleichlich reicher als im formalen Apriorismus
Kants. Auch darin unterscheidet sich die Ph�nomenologie von Kants
Lehre, da� sie das proton pseudos Kants verwirft, es m�sse alles, was
an Gegebenem n i c h t sensuell sei, erst durch eine hypothetisch
angenommene, synthetische konstruierende T�tigkeit des Verstandes oder
des Anschauens in den Erfahrungsgegenstand hineingekommen sein. Sie
sucht das "Gegebene" �berall m�glichst s c h l i c h t, v o r u r t e i
l s l o s und r e i n in m�glichst dichte Anschauungsn�he zu bringen,
um es dann durch ph�nomenologische Reduktion in sein W e s e n zu
erheben. Das Apriori hat hier also keinen f u n k t i o n e l l e n
S i n n mehr. (Freilich schwankt Husserl in seiner letzten Schrift
"Ideen zu einer ph�nomenologischen Philosophie" wieder �ber diesen
fundamentalen Punkt.) Das Apriori ist, wie auch eine seiner Unterarten
die kategorialen Formen, vielmehr Gegenstandsbestimmtheit, die von u n
s e r e n Begriffen vom Apriori nicht genau zu unterscheiden ist.
Ferner stellt das Apriori nicht mehr ein geschlossenes S y st e m von
Einsichten dar, die sich voneinander herleiten lie�en, sondern kann im
Laufe der Entwicklung des Wissens immer neu vermehrt werden. Auch der
Gegensatz von Erfahrung und Denken, um den die gro�en Richtungen der
neuzeitlichen Philosophie, "Rationalismus" und "Empirismus", kreisen,
ist hier von der Schwelle der Philosophie abgewiesen. Mit Recht hat
Husserl immer wieder hervorgehoben, da� die Ph�nomenologie nicht nur
die Einl�sung sei alles Wahren, was die kontinentale rationalistische
Richtung der Philosophie uns gegeben hat, sondern auch in gewissem
Sinne die Einl�sung aller Anspr�che des Positivismus. Auch das, was a
priori evident ist, verdankt einem e r f a h r e n d e n (die
Ph�nomenologie sagt hier "schauenden"), nicht einem schaffenden,
formenden, konstruierendem Verhalten des Subjektes seine Erkenntnis,
nur mit d e m Unterschied von aller Erkenntnis zuf�lliger (hic et nunc)
Wirklichkeiten, da� das Ergebnis schauender Erfahrung durch die Q u a n
t i t � t der "F�lle", an denen Erfahrung sich vollzieht, nicht
modifiziert werden kann. Nicht daher dem "Erfahren" �berhaupt, sondern
nur der Methode der B e o b a c h t u n g und der i n d u k t i v e n
V e r a l l g e m e i n e r u n g an beobachtenden F�llen steht das
ph�nomenologische Erfahren und "Schauen" gegen�ber. Auch die
Ph�nomenologie setzt so der Philosophie die Aufgabe, f�r alle ihre
Disziplinen die a p r i o r i s c h e n W e s e n s - u n d I d e e
n s t r u k t u r e n, die als objektiver Logos die gesamte
Weltwirklichkeit durchflechten und (im Sinne der G�ltigkeit)
beherrschen, aufzudecken und alle positiven Wissenschaften und ihre
materialen Seinsbereiche in dieser Struktur gemeinsam zu verwurzeln.
Sie kann, geschichtlich gesehen, auch als eine Erneuerung eines i n t u
i t i v e n P l a t o n i s m u s angesehen werden, freilich mit
vollst�ndiger Beseitigung der platonischen Ideenverdinglichung und
aller mythischen Beis�tze. Und es ist wohl verst�ndlich, da� von dieser
ihrer Eigenart her die Ph�nomenologie neuerdings auch mit der gesamten
p l a t o n i s c h - a u g u s t i n i s c h e n Philosophie der
patristischen und fr�hmittelalterlichen Philosophie, zum Teil aber auch
mit dem Aristotelismus, st�rkere F�hlung genommen hat. Freilich gehen
in der Beantwortung sehr wesentlicher philosophischer Fragen und nicht
weniger in der Auffassung und Methode der Ph�nomenologie selbst die ihr
nahestehenden Forscher oft weit auseinander. Abgesehen von den
Weltanschauungsgegens�tzen unter den Ph�nomenologen, der zum Teil in
verschiedenen religi�sen Auffassungen gegr�ndet ist, treffen wir z. B.
eine mehr systematisch gerichtete und eine mehr auf
Einzeluntersuchungen gerichtete Tendenz in der Ph�nomenologie. So
wertvoll viele dieser Einzeluntersuchungen sind (besonders diejenigen
Alexander Pf�nders), so mu� sich die Ph�nomenologie doch h�ten, zu dem
zu werden, was ich andernorts "Bilderbuchph�nomenologie" genannt habe;
ferner bestehen Gegens�tze in der Auffassung jener, die, wie einst
Husserl selbst, die Ph�nomenologie der beschreibenden Psychologie zu
nahe r�cken (z. B. Jaspers, Katz und Andere) oder hier doch nur ihre
Fruchtbarkeit sehen wollen und jenen, die sie vor allem als a p r i o r
i s c h e W e s e n s e r k e n n t n i s irgendwelcher -- auch nicht
bewu�tseinimmanenter -- Gegenst�nde auffassen. Am tiefsten aber ist der
Gegensatz unter den Ph�nomenologen in den erkenntnistheoretischen
Fragen. Er ist dadurch besonders gesteigert worden, da� E. Husserl in
seinem letzten Werk �ber "Ideen" usw. sich dem erkenntnistheoretischen
Idealismus Berkeleys und Kants, sowie der Ichlehre Natorps wieder
bedeutend gen�hert hat und die Ph�nomenologie nur als Wesenslehre von
den B e w u � t s e i n s s t r u k t u r e n (die durch zuf�llige
Erfahrungen unwandelbar sind) auffa�t; gleichzeitig aber, �hnlich wie
Kant, diese Bewu�tseinsstrukturen zu Voraussetzungen auch der
Gegenst�nde der Erfahrung selber macht. Auch ihm werden so die Gesetze
der Erfahrung der Gegenst�nde zugleich Gesetze der Gegenst�nde aller
m�glichen Erfahrung ("kopernikanische Wendung" Kants). Diese
eigenartige Wendung Husserls, nach der auch bei Aufhebung aller Dinge
ein "a b s o l u t e s B e w u � t s e i n" erhalten bliebe, ist fast
von allen den von ihm angeregten Forschern a b g e l e h n t worden
und sie ist zugleich ein Haupthindernis f�r den Aufbau einer Metaphysik
auf wesenstheoretischer Basis. Die Einwirkung der Ph�nomenologie auf
die Philosophie der Gegenwart erstreckt sich auf alle philosophischen
Disziplinen. Auf Ethik, Wertlehre, Religionsphilosophie und verstehende
Psychologie hat die ph�nomenologische Einstellung in seinen Forschungen
auch der Verfasser angewandt (siehe "Der Formalismus in der Ethik",
"Ph�nomenologie der Sympathiegef�hle", "Abhandlungen und Aufs�tze",
"Vom Ewigen im Menschen"); nach der Seite der Philosophie der
Mathematik und der Grundlegung der �sthetik Moritz Geiger (siehe
Jahrbucharbeiten); nach der psychologischen und logischen Seite
Alexander Pf�nder (siehe gleichfalls Jahrbuch); nach der
erkenntnistheoretischen und rechtsphilosophischen Adolf Reinach, ein
�beraus tiefgr�ndiger und zukunftsreicher Forscher, der zum Schaden f�r
die deutsche Wissenschaft im Kriege gefallen ist. (s. seine eben jetzt
bei Niemeyer in Halle erschienenen, in einem Band zusammengefa�ten
Abhandlungen). Aber weit �ber diesen �lteren und engeren Forscherkreis
hinaus hat die Ph�nomenologie nicht nur eine Anzahl h�chst
zukunftsreicher j�ngerer Forscher in ihren Reihen (hier seien nur D.
von Hildebrand, Heidegger, Frau Connad-Martius, A. Koyr�, W. Schapp,
Leyendecker, E. Stein genannt), sondern hat weit dar�ber hinaus auch
auf die gesamte Wissenschaft unserer Zeit stark eingewirkt. Aus der
S�dwestdeutschen Schule hatte sich ihr E. Lask, von Marburg her hat
sich ihr N. Hartmann gen�hert. Brunswigg hat, von ihr ausgehend, ein
wertvolles Buch �ber Psychologie der Relationen und eine f�r die
Kantkritik wertvolle Schrift geschrieben. P. F. Linke hat die
Ph�nomenologie f�r die Expenmcntalpsychologie fruchtbar zu machen
gewu�t (siehe "Grundfragen der Wahrnehmungslehre", 1918). Der
theoretische Physiker und Mathematiker Weyl hat sein ausgezeichnetes
Buch �ber die Relativit�tstheorie Einsteins gleichfalls auf
ph�nomenologischer Basis aufgebaut. Auch die Diltheyschule hat sich
ihr, wie �brigens Dilthey kurz vor seinem Tode selbst, in mannigfacher
Hinsicht gen�hert. Driesch ist in seiner "Ordnungslehre" weitgehend von
ihr beeinflu�t worden; auch auf de scholastische Philosophie blieb sie,
wie Geysers "Alte und neue Wege der Philosophie" zeigen, nicht ohne
Einflu�. Obgleich viele fundamentale Fragen der Philosophie in ihr noch
ungekl�rt sind, darf doch erhofft werden, da� von der Ph�nomenologie
aus sich allm�hlich ein E i n h e i t s b o d e n d e r B e t r a c
h t u n g f � r d i e g a n z e P h i l o s o p h i e
entwickelt, von dem aus eine neue universale Sachphilosophie, wie wir
sie anfangs forderten, sich entfalten kann.
In Oesterreich kommt die Brentanoschule (Marty, H�fler, Meinong) aus
eigenen Antrieben einigen der ph�nomenologischen Tendenzen weitgehend
entgegen. Marty, der Brentano am n�chsten steht, ist vor wenigen Jahren
gestorben; sein h�chst wertvoller Nachla�, besonders seine ausgedehnten
Untersuchungen zur Sprachphilosophie und eine die Probleme von Raum und
Zeit betreffende Arbeit ist vor kurzem bei Niemeyer (Halle) erschienen.
Meinong, dessen geistige Entwicklung und Leistung am besten durch sein
im Buch "die deutsche Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen"
gegebene, sehr sch�n geratene und jetzt nach seinem Tode besonders
wertvolle Selbstdarstellung kund wird, hat in seiner neubegr�ndeten
"Gegenstandstheorie" gleichfalls das Ideal einer daseinsfreien
aprioristischen Gegenstandserkenntnis entworfen, die seine Sch�ler,
besonders Mally, weiter ausgebaut haben. Der Unterschied der
Gegenstandstheorie von der Ph�nomenologie bleibt gleichwohl tiefgehend.
Der Gegenstandstheorie fehlt vor allem der i n t u i t i v e C h a r
a k t e r der Ph�nomenologie. In seinem letzterschienenen Buche �ber
"Emotionale Pr�sentation" hat sich Meinong in der in diesem Buche neu
behandelten Theorie der Werte und Wertungen dem Standpunkt erheblich
gen�hert, den der Verfasser in seiner Ethik vertreten hat.
Gro�e Verwandtschaft, besonders mit der erkenntnistheoretischen
realistisch gerichteten Ph�nomenologie weist ferner das Werk eines
Mannes auf, der, viel zu wenig beachtet, einer der gr�ndlichsten und
originellsten Denker unter den gegenw�rtigen Philosophen darstellt. Ich
meine Johannes Rehmke, der in seiner "Grundwissenschaft" in seiner
"Logik" und in seiner "Psychologie" gleichfalls von dem als "gegeben
Gehabten" ausgeht und eine Ontologie des Gegebenen und seiner
Grundformen zur Basis aller theoretischen Philosophie macht (siehe auch
seine Selbstdarstellung in dem obengenannten Werke). Freilich blieb
Rehmkes Einflu� bisher auf kleine Kreise beschr�nkt, so da� sie die
W�rdigung, die sie verdient, noch lange nicht gefunden hat.
Unter den selbst�ndigen Einzelpers�nlichkeiten, die in der
gegenw�rtigen Philosophie hervorragen, sind besonders als W i e d e r e
r w e c k e r d e r M e t a p h y s i k vier Namen zu nennen: W.
Stern, H. Driesch, H. Schwarz und E. Becher.
Alle Wiedererwecker der Metaphysik sind erkenntnistheoretische
Realisten; alle wollen sie keine Metaphysik "aus reinen Begriffen"
(Kant), sondern eine Metaphysik, die auf dem Boden der
Erfahrungswissenschaft ruht, aber gleichzeitig in einer apriorischen
Bedeutungslehre ein Sprungbrett besitzt, um mit Hilfe der Methode der
Analogie �ber das direkt und indirekt Erfahrbare der positiven
Wissenschaften noch hinauszugehen. Die Richtung der modernen
metaphysischen Versuche geht im allgemeinen auf eine Neubegr�ndung des
T h e i s m u s hinaus. Ohne bewu�te historische Ankn�pfung n�hert
sich die Metaphysik so der deutschen Theistenschule der 50er und 60er
Jahre (Wei�e, Ulrici, H. Fichte, Lotze). So geh�ren K�lpe, H. Schwarz,
Brentano, Ehrenfels, Scheler, Driesch, Oesterreich, Becher, Jellinek,
Stern unter den Vertretern der modernen Metaphysik der theistischen
Gedankenrichtung an, wie verschieden sie auch je ihren Theismus und
Personalismus begr�nden. Es ist also ein besonderes Merkmal der
gegenw�rtigen Metaphysik, da� sie im scharfen Gegensatz zur Metaphysik
der klassischen Epoche (noch mit Einschlu� E. von Hartmanns) auff�llig
u n p a n t h e i s t i s c h und stark p e r s o n a l i s t i s c h
ist. Ich habe a.a.O. (siehe "Vom Ewigen im Menschen", Band 1) gezeigt,
wie der moderne Pantheismus sich einmal durch die Entwicklung vom
akosmistischen zum naturalistischen Pantheismus (Hegel bis zum modernen
Modernismus), sodann durch Aufnahme immer neuer i r r a t i o n a l e r
Faktoren in den Weltgrund (Schelling, Schopenhauer, von Hartmann,
Bergson) in immer gr��erem Ma�e selbst zersetzt hat. Auch ist es wohl
begreiflich, da� in einer so chaotischen und leidenden Zeit wie der
unsrigen der Pantheismus (im Grunde eine Denkweise harmonisierend
gerichteter synthetischer und abschlie�ender Kulturzeitalter) keinerlei
s e e l i s c h e A t m o s p h � r e besitzt. Eine dritte Tendenz
der modernen Metaphysik ist die Aufnahme der biologischen Grundfragen
in das Zentrum der metaphysischen Probleme und eine gewisse, nach
meiner Meinung zu starke Neigung, die metaphysischen Fragen besonders
von dieser Seite her zu l�sen (Bergson, Driesch, Stern).
Neben dem Gottesproblem ist von der modernen Metaphysik auch die
Seelenfrage und das Problem der Willensfreiheit eingehender behandelt
worden. Auch in der Seelenfrage hat die theistische und
antipantheistische Auffassung der Seele als selbst�ndiger, t�tiger
Substanz wieder gr��eren Anhang erhalten (Stern, Driesch, Oesterreich,
K�lpe, Scheler, Becher). Vor allem aber ist die tiefgehende Wandlung
des modernen metaphysischen Denkens an der Stellungnahme f�hrender
Forscher zum Problem der Willensfreiheit kenntlich. W�hrend vor etwa
zehn Jahren die mannigfachen Formen des "Determinismus" in fast
ausschlie�licher Herrschaft standen, treten gegenw�rtig eine gro�e
Reihe bedeutender Forscher f�r die Lehre von der F r e i h e i t d e s
m e n s c h l i c h e n Willens ein. Es seien hier genannt James,
Bergson, K. Jo�l, dem wir ein besonders tiefgehendes Buch �ber die
Frage verdanken, Driesch, H. M�nsterberg, Scheler, N. Ach, der in
seinem Buche "Der Wille und das Temperament" mit am meisten getan hat,
um die Willenstatsachen experimentell-psychologisch zu erkl�ren, steht
gleichfalls der Lehre vom freien Willen nahe.
Unter den genannten Metaphysikern, die diese allgemeine Richtung
einhalten, d�rfte Stern, Becher und Driesch die gr��te Bedeutung
zukommen. William Stern, dessen Hauptwerk "Person und Sache" noch
unvollendet ist, versucht den Begriff der "Person" als ein
psychophysisch indifferentes, zielt�tiges Aktionszentrum zur Grundlage
der Metaphysik zu machen -- eine Auffassung, die manches mit der
Personlehre des Verfassers, wie er sie in seinem Buche �ber Ethik
entwickelt hat, gemeinsam hat, in anderer Richtung aber an Driesch und
von Hartmanns konkreten Monismus erinnert. Das wertvolle Buch Sterns
enth�lt auch eine sehr beachtenswerte Auseinandersetzung mit der
passivistischen und mechanistischen Biologie und der gleichsinnigen
Assoziationspsychologie, die einer scharfsinnigen und weittragenden
Kritik unterworfen werden. Sterns "teleomechanischer Parallelismus" der
alle formalmechanischen Beziehungen im Universum nur als M i t t e l
s y s t e m e f�r zweckt�tige unbewu�te Akte und Kr�fte fa�t, in denen
sich eine Hierarchie zweckt�tiger "Personen" verschiedener Seins- und
Wertstufen immanent auswirken, ist ein sehr beachtenswerter Gedanke.
Freilich erscheint uns Sterns Vorgehen bislang noch zu dogmatisch, auch
ist bei Stern �bersehen der Wesensunterschied von "Geist" und "Leben",
der hier in einen blo� graduellen Unterschied aufgel�st wird. Erich
Becher, der von der Naturphilosophie herkommt, ragt hervor durch seine
wertvollen naturwissenschaftlich-synthetischen Arbeiten (siehe seine
"Naturphilosophie" in Hinnebergs "Kultur der Gegenwart"), die
allerdings eines selbst�ndigen philosophischen Ausgangspunktes
ermangeln und noch zu sehr der Methode des Positivismus huldigen,
naturwissenschaftliche Resultate blo� nachtr�glich in eine Synthese zu
bringen. In seinem Werk �ber "Gehirn und Seele" und vor allem in seinem
Buche �ber "Die fremddienliche Zweckdienlichkeit in der Natur" (die er
an den Gallenbildungen erl�utert) hat er die Anf�nge einer Metaphysik
entwickelt. Sie gewinnt ihren Abschlu� in der Annahme eines
"�berindividuellen Psychischen", das die Erfahrungen und funktionellen
Anpassungen des Organismus w�hrend seines Lebens verwertet und alle
jene Erscheinungen verst�ndlich machen soll, die auf eine E i n h e i t
des organischen Lebens in allen Arten und Gattungen hinweisen (neben
der fremddienlichen Zweckdienlichkeit, �hnlichkeit von Organbildungen
bei stammesgeschichtlicher weitgehender Verschiedenheit, Tatsachen der
Sympathie, Erkl�rung all derjenigen Entwicklungserscheinungen, die
weder lamarckianistisch, n o c h darwinistisch erkl�rbar sind,
Erblichkeit funktionell erworbener Eigenschaften, die gleichwohl vom I
n d i v i d u u m als solchem nicht erworben sein k�nnen usw.). Zu
einem noch selbst�ndigeren, einheitlicheren und geschlosseneren Aufbau
einer Metaphysik, die gegenw�rtig gro�en Einflu� gewinnt, ist Hans
Driesch gelangt, Er hat j�ngst seine Gedanken im Aufsatz "Mein System
und sein Werdegang" (siehe "Philosophie der Gegenwart in
Selbstdarstellungen", Band 1) kurz zusammengefa�t. Driesch kam von der
Naturforschung aus (Entwicklungsmechanik) in die Philosophie; seine
Hauptleistung stellt auch heute noch dar seine "Philosophie des
Organischen" (die eben in zweiter Auflage erschienen ist, bedeutend
vermehrt und erweitert), ein Werk, das zweifellos die bedeutendste
naturphilosophische Leistung darstellt, welche die deutsche
gegenw�rtige Philosophie besitzt. Driesch versucht hier aus einer an
der Hand der modernen Entwicklungsmechanik, die er selbst stark
f�rderte, gewonnenen Analyse der Formbildung des Organismus und einer
Analyse der Handlung des Organismus s t r e n g e B e w e i s e f�r
seinen neuartigen "Vitalismus" zu erbringen. Bei aller Formbildung und
allen �berreflexm��igen "Handlungen" des Organismus m�sse ein Agens
t�tig sein, dem ganz bestimmte Merkmale und eine ganz bestimmte
gesetzm��ige Wirksamkeit zugeschrieben werden. Es hei�t als
hypothetischer Wirkfaktor der Handlungen "Psychoid", als dynamischer
Wirkfaktor der Formbildungen "Entelechie" (was indes keine strenge
Identit�t mit dem aristotelischen Entelechiebegriff bedeutet). In
seiner eigentlichen Metaphysik sucht nun aber Driesch zu zeigen, da�
nicht nur das "Psychoid" mit der "Entelechie" in der metaphysischen
Wirklichkeitssph�re identisch seien, sondern da� auch die unserem
kontinuierlichen "Selbst" zugrunde zu legende, aus den passiven
Bewu�tseinserscheinungen erschlossene reale Seele mit dem durch rein
objektive Naturbetrachtung gewonnenen entelechialen und psychoidealen
Faktor identisch sei. Diesen Gedanken hat Driesch besonders in seinem
Werk "Leib und Seele", in dem er den psychomechanischen Parallelismus
(besonders durch eine Mannigfaltigkeitsbetrachtung) widerlegt,
ausgef�hrt. Eine erkenntnistheoretische und logische Basis f�r diese
Metaphysik hat Driesch entwickelt in seiner "Ordnungslehre" und in
seinem Buch "Erkennen und Denken"; die Gesamtheit seiner metaphysischen
Gedanken hat er zusammengefa�t in seinem Buche �ber
"Wirklichkeitslehre". Ausgehend von einem "methodischen Solipsismus",
entwickelt er in einer besonderen "Selbstbesinnungslehre" zuerst ein
apriorisches System von Bedeutungen und d e n k m � g l i c h e n
Beziehungsformen. In der Art, wie dies geschieht, ist er durch Husserl
und Meinong stark beeinflu�t. Sein Gegenstandsbegriff ist von Meinong
�bernommen. Die Schw�che der Driesch'schen Metaphysik (von ihren
M�ngeln, dem fast vollst�ndigen �bergehen sowohl der sittlichen als der
geistig historisch-gesellschaftlichen Wirklichkeit als Daten auch f�r
die Metaphysik abgesehen) scheint mir weniger in seinen h�chst
wertvollen biologischen Positionen als in seiner Naturphilosophie des
Anorganischen zu liegen, in der er einem Mechanismus, der einem
veralteten Stande der theoretischen Physik entspricht, huldigt. Ferner
kommt auch bei ihm, �hnlich wie bei Stern, der Unterschied der
spezifisch g e i s t i g e n Akte und ihrer autonomen Gesetzlichkeit
gegen�ber dem biopsychischen Tatsachenbereich n i c h t zu seinem
Rechte. Dadurch entsteht die Gefahr eines pantheistisch gef�rbten
Allvitalismus, der durch seine neuesten Ausf�hrungen in der
"Philosophie des Organischen" �ber "Einheit und Pluralit�t" der
Entelechien, in denen er stark der Einheitslehre zuneigt, noch gr��er
geworden ist. Jedoch kann bei diesem entwicklungsreichen und
gro�z�gigen Denker �ber die endg�ltige Gestaltung seiner Philosophie in
diesen Punkten noch nichts Sicheres ausgesagt werden.
Die unmittelbarste Einwirkung vielleicht, welche die gro�en
Weltereignisse auf den Gang der deutschen Philosophie ausge�bt haben,
haben ohne Zweifel an erster Stelle die R e l i g i o n s p h i l o s o
p h i e und die P h i l o s o p h i e d e r G e s c h i c h t e u n
d G e s e l l s c h a f t erfa�t. Sowohl die gewaltige r e l i g i �
s e Bewegung unserer Tage wie der Hiatus der europ�ischen Geschichte
(und die Gesamtheit von Bestrebungen zu sozialer Neuformung) mu�ten
auch die Philosophie stark in ihren Bereich ziehen. Religi�se Bewegung
und religionsphilosophisches Denken stehen heute in st�rkster
Wechselwirkung. Auf die religi�sen oder gar kirchlichen Bewegungen
selbst k�nnen wir hier nicht eingehen (siehe hierzu meinen Aufsatz �ber
"Friede unter den Konfessionen" im "Hochland" und mein Buch "Vom Ewigen
im Menschen", Band 1). Will man der gegenw�rtigen religi�sen Bewegung
ein allgemeines Merkmal zuerteilen, so wird man vor allem von einer
Hypertrophie m y s t i s c h e r Tendenzen in allen Sonderarten der
religi�sen Bewegung und auf allen Gebieten (Philosophie, Kunst,
Dichtung) reden k�nnen. Diese Bewegung umfa�t sowohl den katholischen
und den protestantischen Kulturkreis als jene Kreise, die eine "neue
Religion" wollen. Die gesamte mystische Bewegung steht stark unter dem
Einflu� des Ostens, so der gro�en russischen religi�sen Denker
(Tolstoi, Dostojewski, Mereschkowski, Solowjew), aber auch der
indischen und chinesischen alten Weisheitslehren (siehe z. B. die
Wirksamkeit R. Tagores), Die immer st�rker anwachsende
anthroposophische Bewegung R. Steiners, deren Ideen auch die
philosophisch von Driesch stark beeinflu�ten, in vieler Hinsicht sehr
wertvollen Gedanken des physikalischen Chemikers K. Jellinek in seinem
lesenswerten Buche "Das Weltengeheimnis" eigent�mlich f�rben, steht
gleichfalls unter �stlichem Einflu� (z. B. Wiederverk�rperungslehre,
der auch H. Driesch nahesteht). Die expressionistische Kunst der
Gegenwart, die im "Wei�en Reiter" auch einen vorwiegend katholischen
Ausdruck gefunden hat, steht gleichfalls stark unter diesen �stlichen
Einfl�ssen. Am befremdlichsten wirkt hierbei die mystische Bewegung
innerhalb des protestantischen Kulturkreises, um so mehr, als die
vorwiegende protestantische Theologie, besonders die Schule A.
Ritschls, vor den Kriege aller Mystik �u�erst abhold war und in ihr
�berall "katholisierende Tendenzen" witterte. Der Ausspruch Harnacks:
"Ein Mystiker, der nicht katholisch w�rde, sei ein Dilettant" ist f�r
die �ltere Stellung der protestantischen Theologie in sch�rfstem
Gegensatz zur Gegenwart charakteristisch. Sehr h�ufig verbindet sich
die �stlich gef�rbte Mystik unserer Tage, die man mit Recht in eine
geschichtliche Parallele einerseits mit dem unseren Zeitalter so
�hnlichen Hellenismus der Sp�tantike, andererseits mit den
Nachwirkungen des Drei�igj�hrigen Krieges in Deutschland (Auftreten des
Pietismus) gesetzt hat, auch mit einer �stlichen Orientierung in der
Politik (siehe z. B. die Schriften des Heidelberger Philosophen H.
Ehrenberg und die Arbeiten E. Rosenstocks). Es ist noch fraglich, wie
weit die Gesamtheit dieser Erscheinungen als blo�e Flucht der Seele aus
den Wirren der Zeit und wie weit sie als p o s i t i v e
Ausgangspunkte einer neuen lebendigen Religiosit�t zu werten sind.
Bisher hat das Ganze noch einen stark chaotischen Charakter. Innerhalb
des katholischen Kulturkreises, in dem gegenw�rtig eine gro�e geistige
Regsamkeit wahrzunehmen ist, stellen sich die mystischen Tendenzen noch
am geformtesten dar und werden au�erdem durch eine ihnen in gewissem
Sinne entgegengesetzte Bewegung, die von den Benediktinern inaugurierte
"liturgische Bewegung" in Schranken gehalten. Hier bem�ht man sich vor
allem, "wahre und falsche Mystik" zu unterscheiden (siehe besonders die
Aufs�tze von A. Mager in der "Benediktinischen Monatschrift" und im
katholischen Sonderheft der "Tat"; f�r die liturgische Bewegung siehe
vor allem die vom Abt J. Herwegen herausgegebene Schriftenreihe
"Ecclesia orans", besonders R. Guardini: "Vom Geist der Liturgie").
Trotz des tiefen inneren Gegensatzes der mystischen, mehr an das
Mittelalter und die Gotik ankn�pfenden Bewegungen und der liturgischen
a l t k i r c h l i c h e n Bewegung gewinnen beide Tendenzen eine Art
Einigung wieder dadurch, da� manche katholischen Denker auch in der
Philosophie und Theologie st�rker an die mystischer gef�rbte
platonisch-augustinische Auffassung ankn�pfen, die mit den liturgischen
Bestrebungen ja auch den alt- und fr�hkirchlichen historischen
Grundcharakter teilen. In der Philosophie ist auf
religionsphilosophischem Boden dieser sich allenthalben wieder st�rker
regende A u g u s t i n i s m u s (freilich stark modifiziert) auch mit
der Ph�nomenologie (die, wie bemerkt, ja selber stark platonisch
orientiert ist) in Verbindung getreten durch das Werk des Verfassers
"Vom Ewigen im Menschen", Band 1, in dem versucht wurde, sowohl der
Metaphysik als der Religionsphilosophie (das letztere durch
Aufrechterhaltung eines selbst�ndig religi�sen und unmittelbaren
Faktors in der religi�sen Gotteserkenntnis) eine neue Selbst�ndigkeit
zu geben ("Konformit�tssystem von Glauben und Wissen"). Auf ganz
anderem philosophischen Boden (mit Ankn�pfung an die modernen
Kantschulen) hat J. Hessen den "augustinischen Gottesbeweis" wieder zu
Ehren zu bringen versucht, und auch Switalsky hat ihm in seinen
Arbeiten wieder ein gr��eres Recht einger�umt, als die vorwiegend
thomistische Richtung ihm bisher gew�hrte. Auch diese Tendenz ist wohl
verst�ndlich sowohl aus dem a l l g e m e i n e n Streben wieder
st�rker an fr�hkirchliche geistige Erscheinungen anzukn�pfen, als vor
allem auch daraus, da� es sich heute nicht darum handeln kann, so wie
zu Zeiten des Thomas von Aquin das relative R e c h t von Natur und
Vernunft gegen�ber einer stark im �bernat�rlichen versunkenen m�chtigen
und einheitlichen christlich erf�llten Welt sicherzustellen, sondern u
m g e k e h r t darum, eine ganz und gar in das Weltliche und
Materielle versunkene weltanschaulich tiefpartikularisierte
Gesellschaft Gott und die g�ttlichen Dinge wieder geistig
nahezubringen. An Stelle der blo�en "ars demonstrandi", die
erfahrungsgem�� nur dort �berzeugt, wo traditioneller Glaube den
Menschen bereits beherrscht, tritt hier eine "ars investigandi et
inveniendi" und gleichzeitig die alte anselmische Lehre, da� das
religi�se Bewu�tsein und das Haben seines Gegenstandes (Gottesidee) dem
philosophisch-wissenschaftlichen Bewu�tsein und der ihr entsprechenden
Weltgegebenheit gesetzlich (wenn auch geschichtlich mit ganz variablem
Inhalt) vorhergeht (im Sinne des anselmischen "Credo, ut intelligam").
Auch mit H. Newman, dessen "Grammatik der Zustimmung" eben von Th.
Haecker neu �bersetzt wurde, und dessen Schriften gegenw�rtig auch in
katholischen Bildungskreisen stark gelesen werden, steht diese Bewegung
in mannigfacher Verbindung (vgl. auch die Zeitschrift "Brenner", in der
sich religi�se Gedanken verschiedener Konfessionen begegnen). Auch die
bemerkenswerten Reden des T�binger Dogmatikers Adam �ber "Glauben und
Wissen", "Religion und Gegenwart" verraten die geschilderten
Gedankenmomente. Ihr praktisches Gewicht und ihre soziale Parallele
erh�lt diese neuere katholische Denkrichtung durch die sich in den
katholischen Bildungskreisen immer st�rker durchsetzende �berzeugung,
da� die Religion sich in einer Zeit, in der die gewaltigen St�tzen der
Kirche durch den Staat zusammengebrochen sind, und in der sich der
Glaube zu r e i n i g e n hat von allen st�ndischen und klassenm��igen
Amalgamierungen, in die ihn die verflossene Geschichte gebracht hatte,
vor allem innere Selbst�ndigkeit und Unabh�ngigkeit von den
Interessenstrukturen der Politik und Wirtschaft gewinnen m�sse, um
wieder eine praktisch lebendige Kraft auf das Leben zu gewinnen. Aus
demselben Grunde sucht man in bezug auf geschichtliche Vorbilder
innerhalb des katholischen Kulturkreises an solche Zeiten und
Pers�nlichkeiten anzukn�pfen, in denen die Religion aus ihrer eigenen
inneren Kraft heraus (ohne St�tze von irgendeiner anderen Macht) neue
soziale Bewegungen e i n g e l e i t e t oder doch mit ihrem Geiste
durchhaucht hat. Das von D. von Hildebrand herausgegebene Buch "Der
Geist des heiligen Franziskus" will in diesem Sinne die franziskanische
Bewegung nach allen in Betracht kommenden Richtungen charakterisieren.
Innerhalb des p r o t e s t a n t i s c h e n Kulturkreises deuten
mehrere Erscheinungen gleichfalls auf den neuen religi�sen Geist der
Zeit hin. Der weitgehenden soziologischen Umformung der Beh�lter und
Wirkungsweisen des protestantischen Geistes (die keineswegs, wie man so
oft irrig meint, ein Nachlassen auch seiner K r a f t und seiner
Wirksamkeit zu bedeuten braucht) -- man kann sie kurz als Tendenz zu
Sekten, Kreis-Ordensbi1dungen um irgendeine charismatisch erscheinende
Pers�nlichkeit herum charakterisieren -- entspricht eine Reihe
religionsphilosophischer und theologischer Neuerscheinungen, welche
starke Beachtung verdienen. Hier sind vor allem die tiefgreifenden und
wirksamen Arbeiten von R. Otto (siehe "Das Heilige", 2. Auflage),
ferner von H. Scholz "Religionsphilosophie" (1921), die Arbeiten des
Hallenser Dogmatikers Heim, die mannigfachen Schriften Fr. Heilers
(siehe "Das Gebet" und "Buddistische Versenkungsstufen", "Das Wesen des
Katholizismus"), die mystische Wert- und Religionsphilosophie von H.
Schwarz "Das Ungegebene", T�bingen 1921, zu nennen. Auch die Arbeiten
von K. Oesterreich �ber "Religionspsychologie" und die neue gro�e
Arbeit �ber denselben Gegenstand von J. K. Girgensohn, ferner als
�berkonfessionelle Sammelstelle religionspsychologischer Bestrebungen
die "Zeitschrift f�r Religionspsychologie" m�gen hier aufgef�hrt sein,
obzwar diese Erscheinungen weniger religi�s als rein wissenschaftlich
bedeutsamen Charakter besitzen. Den gr��ten Einflu� von diesen Arbeiten
hatten ohne Zweifel die Schriften von Otto und Heiler. Otto betrachtet
die Werte des Heiligen und G�ttlichen, die er in der ersten H�lfte
seines Buches rein ph�nomenologisch untersucht, auf ihre
Wesensbestandteile und scheidet sie in rationale (z. B. G�te, Wissen
usw.) und irrationale. Als irrationale Grundwerte, die sich nicht so,
wie die Kantschulen meinen, in "allgemeing�ltige Vernunftwerte" oder
deren Steigerung ins "Unendliche" oder "Vollkommene" aufl�sen lassen,
nennt Otto das "Numinose". Er zerlegt das ihm entsprechende Gef�hl in
das "Kreaturgef�hl" in das "mysterium tremendum" das dem Heiligen den
Charakter des Schauervollen, �berm�chtigen und Energischen verleiht, in
das Moment des geheimnisvollen "ganz anderen" und in das Moment des
magisch anziehenden "fascinosum". Er verfolgt alle diese dem G�ttlichen
konstitutiv eigenen "irrationalen" Elemente durch das Alte und Neue
Testament und durch Luthers Schriften hindurch und gibt am Schlusse
eine Art religi�ser Erkenntnistheorie, die an die von Fries
modifizierte Kategorienlehre Kants ankn�pft. Eine Kritik seiner
Aufstellungen habe ich auch in meinem Buche "Vom Ewigen im Menschen"
gegeben (siehe auch E. Troeltsch in den "Kantstudien"). Die
Bestrebungen nach einer freien religi�sen Mystik sind innerhalb des
Protestantismus durch dieses Buch stark gesteigert worden. Heiler gab
in seinem Buche �ber "Das Gebet" eine �beraus gro�z�gige, gelehrte und
auch ph�nomenologisch und psychologisch �beraus anregende Studie, die
nur den Fehler hat, da� sie mit Hilfe gewisser von der Ritschlschen
Theologie entlehnter Kategorien, besonders der Kategorie des
"prophetischen" und "mystischen Gebets" viele Erscheinungen des
religi�sen Lebens vergewaltigt. Das beste Buch Heilers ist das Buch
�ber "Buddhistische Versenkungsstufen", in dem er diese Stufen
feinsinnig ph�nomenologisch er�rtert und nur ihre T e c h n i k noch zu
wenig beschreibt. Sei prinzipienlos und historisch nach rein
individuellen und subjektiven Eindr�cken geschriebenes Buch �ber das
"Wesen des Katholizismus", das zugleich eine erstaunliche
Verherrlichung der im "Gebet" gerade als "unevangelisch" verurteilten
katholischen Mystik und gleichzeitig eine herbe Anklage gegen die
gegenw�rtige Kirche darstellt, sucht nach Harnacks Vorgang das Ganze
des Katholizismus als "Synkretismus" aus f�nf Bestandteilen zu
erweisen; sie sollen bestehen im Evangelium, dem r�mischen Reichs- und
Rechtsgedanken, dem j�dischen Legalismus und seiner Kasuistik, den
paganisch-magischen Faktoren (Messe) und der nach Heiler auf den Orient
zur�ckgehenden hellenischen Philosophie und Mystik. Die Methode der
Betrachtung ist hier im wesentlichen diejenige Harnacks. Das religi�se,
bei Heiler vorherrschende, aber von seinen Stimmungen stark abh�ngige
"Ideal" soll gegeben sein in dem, was er in seiner Anlehnung an den
schwedischen Bischof Soederbloem die "Evangelische Katholizit�t" nennt.
-- Die "Religionsphilosophie" von H. Scholz, die besonders in ihren
kritischen Partien ausgezeichnet geraten ist, will �hnlich wie R. Otto
und in mancher Hinsicht auch �hnlich wie der Verfasser in seinem Werke
"Vom Ewigen im Menschen" die Religion auf eine besondere F o r m d e r
r e l i g i � s e n E r f a h r u n g gr�nden, die aber nicht
allen Menschen zukommen soll. Auch dieses Werk nimmt seinen
Ausgangspunkt vor allem in dem Wesen der m y s t i s c h e n
Gotteserfahrung und sucht von hier aus die Religion mit dem Ganzen des
menschlichen Geisteslebens in innere Beziehung zu setzen. Auch K.
Oesterreich hat in seiner Schrift "�ber die religi�se Erfahrung"
dieselbe Methode und denselben Ausgangspunkt wie die genannten
ph�nomenologischen vorgehenden Forscher. �berblickt man diese und
andere hier aus Raummangel nicht genannten Erscheinungen der
protestantischen Religionsphilosophie und Theologie und vergleicht sie
mit den augustinisch gef�rbten Arbeiten innerhalb des katholischen
Kulturkreises, so er�ffnet sich eine A u s s i c h t, die nach meiner
Meinung von gr��ter Tragweite ist. Es ist die Aussicht auf eine m�hlich
fortschreitende Einigung der Forscher verschiedener Konfessionen �ber
die Grundfragen wenigstens der nat�rlichen Theologie und der
Religionsphilosophie. Solange auf der einen Seite einseitigster
Kantianismus, auf der anderen Seite ein ausschlie�licher Thomismus
traditionalistisch herrschten, war auch der blo�e V e r s u c h einer
solchen Einigung v�llig ausgeschlossen (siehe dazu auch R. Eucken:
"Kant und Thomas, der Kampf zweier Welten"). Den W e r t einer solchen
Einigung aber wird man nicht gering anschlagen d�rfen, denn es w�rde
dadurch der widersinnige Zustand, den ich a. a. O. als einen "Skandal
der Philosophie und Theologie zugleich" bezeichnet habe, aufgehoben,
da� in der nicht auf positiver Offenbarung und Tradition beruhenden
sogenannten "nat�rlichen Gotteserkenntnis" (die jedem Menschen spontan
zug�nglich sein soll) gerade am m e i s t e n der blo�e historische
Traditionalismus herrscht, und da� die konfessionell verschiedenartigen
religi�sen Bildungskreise in der nat�rlichen Theologie und
Religionsbeurteilung eher n o c h w e i t e r auseinandergehen als in
den Fragen der positiven Theologie und der Glaubensbekenntnisse.
Auch innerhalb der theoretischen und praktischen F�hrerschaft der
deutschen Sozialdemokratie sind gegenw�rtig Versuche bemerkenswert, das
religi�se Problem einer neuen Durchforschung zu unterziehen, die von
der marxistischen �berkommenen Lehre, der gem�� die g�ttlichen Dinge
nur ein phantastisches "Aroma" sein sollen, das als
"Begleiterscheinungen" �konomischer Herrschaftsverh�ltnisse aus der
"b�rgerlichen Gesellschaft" aufsteigt (Marx), prinzipiell abweichen.
Noch sehr fadenscheinig ist die Religion in Paul G�hres "Der unbekannte
Gott" gefa�t, dagegen haben Radbruch, Maurenbrecher, mehrere Freunde
der "Sozialistischen Monatshefte", die theoretischen Vertreter des
Bundes sogenannter "religi�ser Sozialisten" Ansichten ge�u�ert, die,
wie immer man sie beurteilen mag, eine neue Stellung auch der
sozialdemokratischen Arbeiterklasse zu den Problemen der Religion
ank�ndigen. Da nach unserer Meinung jeder religi�s nicht an das h�chste
Gut und Gott glaubende Mensch, und jede Klasse solcher Menschen ein
nachweisbares S u r r o g a t des h�chsten Gutes in Form eines zu einem
"G�tzen" gestempelten endlichen Wertes (hei�e er Geld, Nation,
Zukunftsstaat oder sonstwie) besitzen, wird der vermutlich bald
vollst�ndig einsetzende, schon heute (siehe das neue
sozialdemokratische Parteiprogramm) sehr weitgehende Verzicht auf die
Verwirklichung der Ideale des Kommunismus und des "Zukunftsstaates" (an
die ein gewaltiges Ma� eschatologischer Religiosit�t gleichsam
festgebunden war) einen l e e r e n Raum in der Seele der
Arbeiterklasse schaffen, der ihre Disposition f�r die Aufnahme echt
religi�ser G�ter bedeutend steigern d�rfte. In diesem Sinne hat sich
auch Otto Baumgarten in seinem Buche "Der Aufbau der Volkskirche", das
die M�glichkeit des Aufbaus einer protestantischen Volkskirche an
Stelle einer blo�en "Pastorenkirche" eingehend und feinsinnig erw�gt,
ausgesprochen.
Nicht minder tief greifen, wie gesagt, die Wirkungen der Weltereignisse
auf die geschichtsphilosophischen und soziologischen
Neuorientierungsversuche der Gegenwart ein. Alle gr��eren
geschichtsphilosophischen Versuche der europ�ischen Geschichte, die wir
kennen, die Versuche Augustins und Johanns von Freising, die Versuche
Vicos, Bossuets, Hegels und Comtes haben ihren Ursprung in Zeitaltern,
die nach gro�en, die Verh�ltnisse tief umformenden Geschichtswendungen,
gleichsam eine Besinnung der Menschheit �ber den bisherigen Verlauf
ihrer Geschichte anregen. Der Franz�sischen Revolution wohnte in diesem
Sinne die m�chtigste Anregungskraft f�r geschichtsphilosophische
Besinnung ein, und so ist es kein Wunder, da� gerade gegenw�rtig die
geschichtsphilosophisch m a t e r i a l e B e t r a c h t u n g der
Dinge eine neue Auferstehung gefeiert hat. Zum Teil kn�pfen diese
Versuche an Gedanken an, die schon vor dem Kriege wieder eine Rolle zu
spielen begannen. Kaum ein geschichtsphilosophischer Versuch der
Gegenwart zeigt sich z. B. nicht irgendwie durch Nietzsches starke
Anregungen bedingt. Ferner f�hlt man �berall die Ideen Burckhardts, wie
er sie in seinen "Weltgeschichtlichen Betrachtungen" entwickelt hat,
die Auffassungen von Dilthey, Troeltsch, Hegel und Hartmann noch
lebendig. Der grundlegende Gesichtspunkt, welcher der gegenw�rtigen
Geschichtsphilosophie ihr b e s o n d e r e s Gepr�ge verleiht, ist vor
allem der Gegensatz zwischen Dekadenz oder Erneuerungsm�glichkeit der
europ�ischen Menschheit und dazu die noch m�gliche Aufgabe und Rolle
"Europas" im zuk�nftigen Weltgetriebe. Schon diese Frage f�hrt wie von
selbst dazu, die E n g e und B e d i n g t h e i t der spezifisch
europ�ischen Ma�st�be und europ�ischen Denkformen in allen bisherigen
Geschichtsauffassungen und -beurteilungen immer tiefer zu erkennen.
Diesen Fragen gegen�ber sind heute die mehr formalen Probleme der
Geschichts e r k e n n t n i s weitgehend zur�ckgetreten. Oswald
Spengler hat dem auf alle F�lle starken Wurfe seines "Untergang des
Abendlandes" in seinem Aufsatz �ber "Pessimismus?" eine sehr
eigenartige Interpretation nachfolgenlassen (der zweite Band des
"Untergangs" wird demn�chst erwartet). Seine D e k a d e n z l e h r e
ist in seinem "Untergang" weniger tiefgehend als sensationell
vertreten. Die ungeheure Wirkung dieses Buches und der aufregende
Neuheitseindruck, mit dem es entgegengenommen wurde, ist psychologisch
nur aus der N i e d e r l a g e Deutschlands im Kriege zu verstehen.
Aber au�erdem ist er nur begreiflich daraus, da� das gro�e Publikum
offenbar keine Ahnung davon hatte, wie sehr diese Dekadenzlehre bereits
durch anderweitige Forscher vorbereitet war. Graf Gobineau, J.
Burckhardt, Fr. Nietzsche, F. T�nnies, E. Hammacher (siehe sein Buch:
"Grundprobleme der modernen Kultur"), M. Scheler (siehe "Ressentiment
im Aufbau der Moralen"), W. Sombart -- sie alle hatten ja, wenn auch
mit weitgehend verschiedener Begr�ndung und Fundierung, im Grunde der
These gehuldigt, da� sich das Abendland des 19. Jahrhunderts im
Niedergang befinde. Der Kreis Stefan Georges dachte in derselben
Richtung. E. von Hartmanns universaler Geschichtspessimismus zielte
gleichfalls auf eine geschichtsphilosophische Dekadenzlehre hin. Nur
das satte Behagen der deutschen Oberklassen w�hrend des Wilhelminischen
Zeitalters konnte diese warnenden Stimmen �ber h�ren lassen und den
Schein erzeugen, da� man �ber Fortschritt und Aufstieg Europas so einig
sei, wie es etwa Hegel und in anderer Form und Art die Positivisten
Comte und Spencer gelehrt hatten. Freilich ma�ten sich alle diese
genannten Denker n i c h t an, astronomisch voraussagen zu k�nnen, was
in Zukunft sein und geschehen werde, so wie es Spengler auf Grund
seiner vermeintlichen vagen Phasen- und Gleichzeitigkeitsgesetze getan
hat, nach denen z. B. Buddhismus, Stoizismus und Sozialismus innerhalb
der Phasenabfolge der indischen, r�mischen und modernen Zivilisation
"gleichzeitig" sein sollen. Es gen�gte ihnen so wie es allein m�glich
und sinnvoll ist, von Niedergangstendenzen zu reden, deren Realisierung
durch die urspr�ngliche Freiheit der menschlichen Pers�nlichkeit oder
doch durch arationale Geschichtsfaktoren auch prinzipiell umgebogen
werden k�nne. Eine solche "Freiheit" kennt Spengler nicht, er
betrachtet die gro�en Kulturen, die er an sich mit Recht als eine
urspr�ngliche Vielheit ansieht (siehe hierzu auch des Verfassers
Abschnitt "Die Einheit Europas" in seinem Buche "Genius des Krieges"),
wie Pflanzenvegetationen, die aus der "m�tterlichen Landschaft"
herauswachsen, dann einen Proze� des Aufbl�hens, Alterns und Sterbens
durchlaufen. Diese biologischen Analogien sind aber auf die Geschichte
unanwendbar. Wertvoll dagegen ist der Versuch Spenglers, a l l e
Sph�ren der geschichtlichen G�terwelt (Wissenschaft, K�nste,
Staatsformen usw.) auf die Einheit einer "Kulturseele"
zur�ckzubeziehen, und ihre Strukturidentit�t aufzuweisen. Die
Durchf�hrung des Gedankens, den auch Dilthey, Duhem (siehe "Geschichte
der physikalischen Theorien"), Scheler und andere l�ngst aufgenommen
hatten, ist indes oft �beraus spielerisch und willk�rlich (vergleiche
dazu das Heft des "Logos" indem sich eine Reihe von Forschern mit
Spengler besch�ftigen). Zur Kritik Spenglers ist schon eine kleine
Literatur erschienen, aus der ich Th. Haerings "Die Struktur der
Weltgeschichte" (1921), die Schrift von H. Scholz "Zum Untergang des
Abendlandes" (1920) und G�tz Briefs "Untergang des Abendlandes,
Christentum und Sozialismus" (1920), Kurt Breysigs "Der Prophet des
Untergangs" hervorhebe. Ganz wesenlos, verworren, unbestimmt und
�berdies aus den mannigfaltigsten verschwiegenen Anregungen
zusammengeflossen sind die philosophischen und erkenntnistheoretischen
V o r a u s s e t z u n g e n des Buches. Sie enthalten einen
Relativismus, der sich im tiefsten Gegens�tze befindet zu aller
ernsthaften gegenw�rtigen Philosophie, und sind nur ein letzter
Nachklang des romantischen Historismus der Vorkriegszeit und seiner
verantwortungslosen, sich in alles und jedes "einf�hlenden"
schauspielerischen Verwandlungskunst -- Haltungen, von der heutigen J u
g e n d mit Recht scharf zur�ckgewiesen werden. Wenn wir nicht glauben,
da� Spenglers Werk seinen Tageserfolg, stark mitbedingt durch die
psychischen Dispositionen eines geschlagenen Volkes, dessen
gegenw�rtiges Elend und Niedergangsgef�hl gleichsam wie von einem
gewissen "Troste" vergoldet scheint, wenn sich auch das Ganze des
Abendlandes, dessen Teil es ist, in einer absteigenden Richtung
befindet so da� man gewisserma�en sagen kann auch jetzt wieder:
"Deutschland in der Welt voran" -- wenn auch in absteigender Richtung
-- �berdauern wird, so erhoffen wir um so Wertvolleres von anderen
wichtigen Erscheinungen der gegenw�rtigen Soziologie und
Geschichtsphilosophie.
Das Grundbuch der deutschen Soziologie wird noch auf lange Zeit hinaus
Ferdinand T�nnies' "Gemeinschaft und Gesellschaft" bleiben, das erst
langsam seine volle Bedeutung auswirkt. Max Weber, dessen Werke jetzt
gesammelt erscheinen, hat uns noch kurz vor seinem Tode mit seinen
gro�angelegten religionssoziologischen Untersuchungen �ber die
Religionsformen Chinas, Indiens und der verschiedenen kirchlichen
Bildungen des Christentums beschenkt, die sich seiner ungemein
wirksamen Untersuchung �ber die Bedeutung der calvinistischen
Religiosit�t und systematischen Selbstkontrolle f�r die Ausbildung des
"kapitalistischen Geistes" w�rdig angereiht haben. Die Bedeutung der
Weltreligionen f�r die soziale Struktur der V�lker und f�r ihre
Wirtschaftsgesinnung ist in diesen Untersuchungen �beraus gro�artig
hervorgetreten. Nimmt man noch hinzu die bekannten "Soziallehren der
christlichen Kirchen von E. Troeltsch und die Untersuchungen von P.
Honigsheim �ber den Einflu� des Jansenismus auf die franz�sische
Sozial- und Wirtschaftsgeschichte" so ist in diesen Arbeiten ein
bedeutendes, zusammenh�ngendes Bild entstanden von der soziologischen
Bedeutung der Religion �berhaupt (vgl. auch des Verfassers
"Abhandlungen und Aufs�tze"). In anderer Richtung hat Werner Sombart in
seinen Kapitalismusb�chern und seinem "Bourgeois", vor allem aber in
der neuen Auflage seiner "Grundlagen des modernen Kapitalismus" nun
eine s y s t e m a t i s c h e A n o r d n u n g aller Kausalfaktoren
f�r die Entstehung der Phasen des modernen Kapitalismus gegeben, die
den �lteren Einw�nden gegen seine Aufstellungen weitgehend standh�lt.
Sein zu erwartendes Buch �ber die geistesgeschichtlichen Bedingungen
des modernen Sozialismus, zu dem er sein bekanntes "Sozialismus und
soziale Bewegung" umzuarbeiten im Begriffe ist, wird �ber die
Entstehung besonders der marxistischen Theorien neues Licht verbreiten.
Die neuen, in den Schriften der Kantgesellschaften herausgekommenen
Untersuchungen von E. Troeltsch �ber die bisherigen Formen der
Soziologie seit Comte und �ber die dialektische Methode Hegels haben
gleichfalls �ber die Entstehung des Gegensatzes unserer deutschen
Geschichtsauffassung von der bei den Westv�lkern vorliegenden
Auffassung uns wichtige Einsichten erschlossen. Erw�gt man dazu, da�
die gesamte marxistische Soziologie (siehe dazu die neueren Arbeiten
von J. Plenge, Lederer, Cunow, Lensch, Schumpeter, Renner, R. Michels,
Max Adler und anderer) sich in der tiefgehendsten Krisis befindet, in
der sie sich seit der Auseinandersetzung von Lassalle und Marx befunden
hat, so wird man die langsam beginnende geschichtsphilosophische und
soziologische Auseinandersetzung der sozialistischen und b�rgerlichen
Soziologie und Geschichtsauffassungen nicht gering anschlagen d�rfen.
Was uns gegenw�rtig vor allem notwendig ist, das w�re eine neue, auf
der Gesamtheit der durch diese Literatur erschlossenen empirischen
Einsichten fu�ende T h e o r i e d e r h i s t o r i s c h e n
K a u s a l f a k t o r e n, die insbesondere die O r d n u n g ihrer
Wirksamkeit genau bestimmt und feststellt, und die zugleich mit allen
bisherigen Einseitigkeiten, vorwiegend spiritueller und
naturalistischer Geschichtsauffassungen, endg�ltig bricht. Der
Verfasser ist damit besch�ftigt, in einem demn�chst erscheinenden Buche
�ber die Gesellschafts- und Geschichtslehre des "Solidarismus" eine
solche Theorie zu entwickeln. --
Wenn man die ungemeine, nur noch mit dem Zeitalter Kants und Hegels
vergleichbare, g e i s t i g e R e g s a m k e i t auf dem Boden der
Philosophie im gegenw�rtigen Deutschland (von der diese Zeilen ein
schwaches, durch den Raum engbegrenztes Bild geboten haben) mit dem
vergleicht, was gegenw�rtig in den L�ndern der Sieger auf diesem Boden
geschieht, so ist -- wie alle, die vom Ausland zu dem Verfasser nach
K�ln kommen, bezeugen -- der Abstand ein u n g e h e u e r g r o � e
r. Dieser Eindruck ist, wenn man noch hinzunimmt, was trotz des neuen
Elends des Bibliothekswesens und der geringen Aufwendungen, die seitens
des Staates f�r die Wissenschaft und ihre Institute heute allein
m�glich sind, auch auf dem Boden der Naturwissenschaften und der
Erfindungen geleistet wird, so stark, da� an ihm allein schon das
tiefgesunkene Selbstgef�hl und Selbstwertgef�hl der Nation s i c h
w i e d e r a u f z u r i c h t e n v e r m a g. Ein Volk, das im
gr��ten Elend seiner politischen und �konomischen Lage zu einer solchen
F�lle geistiger Anstrengungen und Leistungen f�hig ist, kann nicht
zugrunde gehen. Einem in gewissem Sinne tragischen Grundgesetze der
deutschen Geschichte gem�� (das man preisen oder beklagen mag) wird
auch diesmal die Nation; gerade aus ihren tiefsten Leiden und N�ten
heraus, mit neuen und frischen Energien, die ihr aus der dunklen Tiefe
ihrer durch kein Geschick zerbrechlichen Seele zuflie�en, mit neuem
Wagemut wieder zu den ewigen Sternen ihrer eigentlichen "Bestimmung"
greifen. Der Philosophie kommt dabei die nicht zu untersch�tzende Rolle
zu, die einseitige Verfachlichung und Spezialisierung, in die das
deutsche Volk vor dem Kriege so sehr versunken war, da� ihm die auch zu
einer gesunden und einheitlichen Politik und zur F�hrung des Krieges
notwendige spontane Einigungsbereitschaft und Einigungsbef�higung
weitgehend gebrach, allm�hlich aufzul�sen und damit beizutragen, eine
neue, einheitlichere geistige Bildungsgestalt dem deutschen Menschen
aufzupr�gen.
RELATIVIT�TSTHEORIE
VON A. SOMMERFELD
VORTRAG, GEHALTEN IN EINEM ZYKLUS GEMEINVERST�NDLICHER EINZELVORTR�GE,
VERANSTALTET VON DER UNIVERSIT�T M�NCHEN, SOMMER 1921
Konrad Ferdinand Meyer l��t im "Hutten" den alten Pfarrer von Ufenau
sagen:
Erfahrt, da� unter uns, die wir bem�ht
Um die Natur sind, ein Geheimnis gl�ht!
Mit hat's ein fahr'nder Sch�ler anvertraut.
Neigt euch zu mir! Man sagt's nicht gerne laut.
Ein Chorherr lebt in Thorn, der hat gewacht,
Bis er die R�tsel deutete der Nacht.
Herr K�pernick beweist mit b�nd'gem Schlu�,
Da� -- staunet -- unsre Erde wandern mu�!
Dasselbe Staunen, das vor 400 Jahren die Menschheit bei der Kunde von
der Umw�lzung des Kopernikus erfa�te, ist heute lebendig, wo es sich um
eine neue Umw�lzung im Weltbilde handelt, vergleichbar der
kopernikanischen, ja vielleicht mit ihren erkenntnistheoretischen
Wurzeln noch tiefer reichend. Dasselbe geheimnisvolle Dunkel wie damals
-- "man sagt's nicht gerne laut" -- umweht die neue Theorie von Raum,
Zeit und Schwere. Wird es mir gelingen, das Dunkel in etwas zu lichten?
Ich wei� nur zu gut, da� dies ohne die sichere Leitschnur des
mathematischen Gedankens letzten Endes unm�glich ist. F�r viele meiner
Behauptungen werde ich den Beweis schuldig bleiben m�ssen, da er sich
nur aus der vollen Kenntnis der physikalischen Tatsachen und zum guten
Teil nur mit den Hilfsmitteln der mathematischen Rechnung erbringen
lie�e. Ich mu� zufrieden sein, wenn ich Ihnen eine Vorstellung von den
Problemen und von den Gedankeng�ngen, die zu ihrer L�sung f�hren, geben
kann. Etwas genauer m�chte ich dann darauf eingehen, wie es mit der
erfahrungsm��igen Pr�fung der neuen Lehre steht. Insbesondere werde ich
von der Sonnenfinsternis des Jahres 1919 zu sprechen haben. W�hrend in
Fachkreisen das Interesse an der Relativit�tstheorie seit 15 Jahren
lebendig ist, datiert das allgemeine Aufsehen und die Popularit�t der
Theorie erst von ihrer Best�tigung durch diese Sonnenfinsternis.
"Ihr meint, wie sitzen ruhig hier? Erlaubt,
Wir schweben, wie von Adlerkraft geraubt" --
so f�hrt der Pfarrer von Ufenau zu reden fort. "Wir sitzen ruhig hier."
Und doch drehen wir uns, so belehrt uns Kopernikus, um die Erdachse mit
einer Geschwindigkeit von einigen hundert Metern in der Sekunde;
gleichzeitig bewegt sich die Erde und wir mit ihr um die Sonne mit
einer Geschwindigkeit von 30 km in der Sekunde, also hundertmal
schneller, als der Schall die Luft durcheilt. Und die Sonne selbst
bewegt sich gegen die Fixsterne und f�hrt die Erde und uns selbst "wie
mit Adlerkraft" fort. Von diesem ganzen zusammengesetzten
Bewegungsvorgang sp�ren wir nichts, es sei denn, da� wir mit genauen
Hilfsmitteln ausger�stet sind, um an den Sternen Beobachtungen zu
machen. Wir m�ssen daraus schlie�en: Bewegung an sich ist nicht
beobachtbar, sie ist an sich nichts. Nur relative Bewegung k�nnen wir
konstatieren. Und weiter: Der Raum ist an sich nichts, das
Fortschreiten im Raum betrifft keine wirkliche Tatsache. Es gibt keinen
absoluten Raum. Der Raum existiert nur durch die in ihm enthaltenen
K�rper und Energien. Ein Fortschreiten im Raum ist nur zu messen am
Rauminhalt und l��t sich �berhaupt nur denken relativ zu den
raumerf�llenden K�rpern und Energien.
Dies ist das Relativit�tsprinzip der klassischen Mechanik. Es bildet
seit 200 Jahren die Grundlage f�r das Studium der himmlischen und
irdischen Bewegungen. Der genaue Ausdruck dieses �ltesten
Relativit�tsprinzips lautet: Es ist unm�glich, festzustellen, ob sich
ein System von K�rpern als Ganzes in Ruhe oder in gleichf�rmig
geradliniger Bewegung befindet, sofern wir nur innerhalb dieses
K�rpersystems Erfahrungen anstellen und keine Merkmale au�erhalb
desselben beobachten k�nnen. Wir k�nnen also nichts von der
fortschreitenden Bewegung der Erde bemerken, wenn wir keinen Ausblick
nach dem Fixsternhimmel haben. Mit der drehenden Bewegung der Erde ist
es allerdings zun�chst anders, sie f�llt nicht unter das
Relativit�tsprinzip der klassischen Mechanik, da bei ihr die Richtung
der Geschwindigkeit fortgesetzt wechselt. In der Tat k�nnen wir sie
durch Pendelbeobachtungen auf der Erde messen oder an der Abplattung
der Erde nachweisen. Wir werden hierauf zur�ckkommen, wenn wir das
allgemeine, �ber die klassische Mechanik hinausgehende
Relativit�tsprinzip entwickelt haben werden.
Gehen wir von der Mechanik zur Optik �ber. Die Erscheinungen des
Lichtes beruhen, wie wir heutzutage wissen, auf der Ausbreitung
elektromagnetischer Felder. Die Optik und Elektrodynamik glaubte einen
L i c h t � t h e r n�tig zu haben, einen feinen materialisierten Raum,
in dem sich die Lichtwirkungen ausbreiten sollten. Hiernach w�re es
denkbar, absolute Bewegung im Raum als Bewegung gegen den Licht�ther
durch Lichtstrahlen nachzuweisen. Ein Lichtstrahl, der sich im Sinne
der Erdbewegung, diese �berholend, fortpflanzt, sollte sich relativ zur
Erde langsamer fortpflanzen als ein Lichtstrahl, der senkrecht zur
Erdbewegung fortschreitet. Das Relativit�tsprinzip w�re damit
durchbrochen und die absolute Bewegung der Erde im Raum nachweisbar.
Der Versuch ist mit au�erordentlicher Sch�rfe von M i c h e l s o n
angestellt worden und lieferte kein Anzeichen der Erdbewegung. Es h�tte
keinen Zweck, wenn ich Ihnen den Michelsonschen Versuch n�her schildern
wollte. Die �berzeugung von seiner bindenden Kraft k�nnte ich Ihnen
doch nicht beibringen, ohne mich in experimentelle Einzelheiten zu
verlieren. Der Versuch ist so schwierig und verlangt so
au�erordentliche Hilfsmittel, da� er nur zweimal durchgef�hrt worden
ist. Hier, wie in vielen anderen Punkten, mu� ich auf Ihren guten
Glauben an die Zuverl�ssigkeit der physikalischen und astronomischen
Messungen rechnen k�nnen. Der Michelsonsche Versuch und andere weniger
genaue Erfahrungen zeigen also, da� das Relativit�tsprinzip zu Recht
besteht, da� absolute Bewegung auch nicht optisch als Bewegung gegen
den Licht�ther nachgewiesen werden kann. Daraus folgt weiter, wie
Einstein hervorhob, da� der Licht�ther keine reale, beobachtbare
Existenz besitzt. Er ist nicht physikalisch, sondern metaphysisch, ein
verkappter absoluter Raum und als solcher irref�hrend.
Aber noch weiter: Die Lichtfortpflanzung findet statt in Raum und Zeit.
Sie hat, von der im Sonnensystem fortschreitenden Erde aus gemessen,
dieselbe Geschwindigkeit, wie sie von der Sonne aus gesehen werden
w�rde, die doch an der Erdbewegung nicht teilnimmt. Wir nennen
allgemein B e z u g s s y s t e m ein physikalisches Laboratorium,
welches mit Ma�st�ben und Uhren zu Raum- und Zeitmessung ausger�stet
ist. Dieser H�rsaal ist ein Bezugssystem, da ich in ihm die jeweilige
Lage eines bewegten K�rpers durch seine Abst�nde von dreien seiner
Begrenzungsebenen und durch die Angaben einer Uhr bestimmen kann. Drei
solche Abst�nde nennt man die R a u m k o r d i n a t e n des
betrachteten Punktes, die zugeh�rige Zeitangabe kann man seine
Zeitkoordinate nennen. Wir haben es hier mit einem irdischen
Bezugssystem zu tun. Wir k�nnen uns aber auch ein entsprechendes
Bezugssystem auf der Sonne oder auf einem gegen die Erde bewegten
Eisenbahnzuge denken. Die allgemeinen Tatsachen der Lichtfortpflanzung
zeigen nun, da� sich das Licht in jedem Bezugssystem in gleicher Weise
ausbreitet, n�mlich in Kugelwellen mit der gleichen
Lichtgeschwindigkeit, unabh�ngig von dem Bewegungszustande der
Lichtquelle gegen den Beobachter. Das scheint widerspruchsvoll zu sein.
Denn wenn wir eine Kugelwelle, die sich im irdischen Bezugssystem
ausbreitet, von der Sonne aus betrachten, so w�rde auf der Vorderseite
(das sei diejenige Seite, nach der die augenblickliche Geschwindigkeit
des Erdk�rpers gerichtet ist) zur Lichtgeschwindigkeit noch die
Erdgeschwindigkeit hinzukommen; auf der R�ckseite der Welle w�rde sich
die Erdgeschwindigkeit von der Lichtgeschwindigkeit abziehen. Die
Vorderseite der Welle w�rde also, von der Sonne aus gesehen, schneller
fortschreiten als die R�ckseite. Das widerspricht dem
Relativit�tsprinzip und den optischen Erfahrungen. Die Lichtwelle wei�
nichts davon, ob sie zum Bezugssystem der Erde oder der Sonne geh�rt.
Jedem Beobachter erscheint sie als Lichtwelle von der gleichen
Fortpflanzungsgeschwindigkeit.
Der Widerspruch l�st sich dadurch, da� wir auch die Zeit ihres
absoluten Charakters entkleiden. Jedes Bezugssystem hat seine eigene
Zeitskala. Es gibt keine absolute universale Zeit. Die Mechanik
leugnete den absoluten Raum, lie� aber die absolute Zeit bestehen; sie
konnte es tun, ohne in Schwierigkeiten zu geraten, weil sie nicht �ber
so exorbitante Geschwindigkeiten wie die Lichtgeschwindigkeit verf�gt.
Die Optik und Elektrodynamik verlangen auch die Relativierung der Zeit.
Auch die Zeit ist an sich nichts. Sie besteht nur verm�ge der sich in
ihr abspielenden Ereignisse. Diese Ereignisse, z. B. eine Lichtwelle,
sind real und objektiv; die Beurteilung des zeitlichen Ablaufs aber
h�ngt vom Standpunkt des Beobachters, vom Bezugssystem ab. Daraus folgt
weiter: Es gibt keine absolute Gleichzeitigkeit. Zwei Ereignisse, die
in meinem Bezugssystem gleichzeitig sind, sind vom Standpunkte eines
relativ gegen mich bewegten Bezugssystems aus nicht gleichzeitig. Wenn
ich mir einmal erlaube (in Fig. 1), Zeit und Raum durch zwei Richtungen
in der Zeichenebene darzustellen,
[=== Abbildung 1 -- siehe figure1.png ===]
so sind die beiden Ereignisse A und B gleichzeitig im Bezugssystem
(Raum -- Zeit); A ist aber fr�her als B im Bezugssystem (Raum --
Zeit), welches durch die punktierten Achsen dargestellt wird. Diese
bildliche Darstellung, die hier nur als Gleichnis aufgefa�t werden
m�ge, gibt sogar den wirklichen Sachverhalt zahlenm��ig wieder, wenn
wir auf der Zeitachse mit einem im Verh�ltnis der Lichtgeschwindigkeit
vergr��erten Ma�stab messen, wobei dann die in der Figur durch die
Strecke a b dargestellte Ungleichzeitigkeit nur als winzig kleine
Zeitdifferenz erscheint.
Ein anderes Beispiel: Von der Erde l�st sich in einem bestimmten
Augenblick ein ihr gleiches Abbild los und entfernt sich von ihr mit
einer gewissen Geschwindigkeit. Zwei Zwillinge, A und B, werden in
diesem Augenblick geboren, A bleibt auf der Erde, B wird auf ihr Abbild
ausgesetzt. Sie entwickeln sich auf den beiden identischen Sternen bei
identischen Lebensverh�ltnissen in genau identischer Weise, aber in
verschiedenem Zeitma�. Wenn A irgendwie Kunde von B erh�lt, findet er,
da� B langsamer lebt, da� er in seinem Lebensalter und in seinen
Lebensschicksale immer etwas hinter A zur�ckbleibt. Dasselbe
konstatiert B von A; A ist j�nger als B vom Standpunkte des B, B ist
j�nger als A vom Standpunkte des A.
Es wurde k�rzlich vorgeschlagen, das Wort Relativit�tstheorie zu
ersetzen durch Standpunktslehre. Das Wort ist gut; es verdeutscht und
verdeutlicht den wesentlichen Inhalt der neuen Auffassung. Wenn wir den
Standpunkt wechseln, indem wir ihn von der Erde auf ihr Abbild verlegen
oder auf einen �ber die Erde fahrenden Eisenbahnzug, sehen wir, was an
unserem Weltbilde vom Standpunkt abh�ngt, also gewisserma�en subjektive
Zutat ist, und was vom Standpunkte unabh�ngig ist, also in den Dingen
liegt. Raum und Zeit sind vom Standpunkte abh�ngig oder relativ; auch
die Auffassung zweier Ereignisse als gleichzeitig ist es. Aber die
Ereignisse selbst sind wirklich, ebenso wie die Tatsache einer sich
ausbreitenden Lichtwelle oder wie ein Menschenleben. Dabei ist jeder
Standpunkt zul�ssig und gleichberechtigt mit jedem anderen. Es gibt
keinen bevorzugten �therstandpunkt oder Erdstandpunkt oder
Sonnenstandpunkt: da� die Erscheinungen von jedem Standpunkte gesehen
miteinander harmonieren, trotz mancher Paradoxien, und niemals in
wirkliche Widerspr�che geraten k�nnen, zeigt die mathematische
Ausf�hrung der ganzen Lehre.
Man wolle den Sinn des Wortes Relativit�t ja nicht so deuten, als ob
alles Geschehen vom Standpunkte des Beobachters abhinge, als ob alles
subjektiv w�re. Gerade der Wechsel des Standpunktes l��t erst das
Naturgesetz in seinem unver�nderlichen Kern hervortreten. Die
Relativit�tstheorie hat nicht nur eine negative, wegr�umende, sie hat
vor allem eine positive, aufbauende Seite. Als positive Aufgabe der
Standpunktslehre wollen wir ausdr�cklich statuieren: Die
Gesetzm��igkeit in der Natur als einen "Felsen aus Erz" aufzurichten,
der hin�berragt �ber die wechselnden Erscheinungsformen von Raum und
Zeit, der von allen Standpunkten aus zu sichten ist f�r denjenigen,
dessen Auge mit dem Fernblick des mathematischen Organs ausger�stet
ist. Die Aufr�umung alles metaphysischen, unbeobachtbaren Absoluten war
ein gro�es Verdienst der neuen Theorie. Aber die Aufrichtung des f�r
alle Standpunkte und Bezugssysteme G�ltigen, Bleibenden und
Unabh�ngigen war ihr gr��eres Verdienst. Mathematisch erreicht die
Theorie dieses, indem sie die Unver�nderlichkeit (Invarianz) der die
Naturgeschehnisse beschreibenden Gleichungen gegen�ber beliebigen
Transformationen derjenigen Hilfsgr��en (Koordinaten von Raum und Zeit,
Feldst�rken, Energien) nachweist, durch die wir die Naturgeschehnisse
beschreiben.
Das ist gerade der Unterschied zwischen Mach und Einstein, dem
Vorarbeiter und dem Vollender des Relativit�tsgedankens. Bei Mach war
der Blick auf das Negative gerichtet. Er wollte das Gestr�pp entfernen,
das den Ausblick auf die Wirklichkeit versperrt, das Vorurteil eines
absoluten Raumes und einer absoluten Zeit. Aber ihm entschwand bei
dieser n�tzlichen Rodearbeit unter den H�nden der Glaube an die
Festigkeit der Naturgesetze. Er sagt einmal: "Die absolute Exaktheit,
die vollkommen genaue eindeutige Bestimmung der Folgen einer
Voraussetzung besteht nicht in der sinnlichen Wirklichkeit, sondern nur
in der Theorie." Die Naturgesetze werden ihm zu �konomischen Ma�nahmen,
zu Ordnungsschematen, in die sich die Mannigfaltigkeit der
Erscheinungen bequem unterbringen l��t. Aber das ist es nicht, was wir
brauchen. Naturgesetze von so unbestimmter und formalistischer Art
w�ren kaum der M�hsal und Aufregung des Forschens wert. Der tastende
Naturforscher, der auf dunklen Wegen nach einem geahnten Ziel strebt,
braucht einen helleren Leitstern als die Machsche Lehre. Positivismus
hei�t diese Lehre bei seinen Nachfolgern, trotzdem ihr Verdienst
wesentlich in der Negation des Unbeobachtbaren liegt. Einstein denkt
anders. Das Negieren des Metaphysischen ist ihm nur das Mittel, um den
Weg frei zu bekommen zur h�chsten Bejahung der Naturgesetze, zu ihrer
invarianten G�ltigkeit, unabh�ngig von jedem Standpunkte. Es ist
charakteristisch, da� die Positivisten den halben Einstein, den
abbauenden, begeistert loben, den anderen Einstein, den aufbauenden,
aber nicht anerkennen wollen. Ich hatte k�rzlich einen ausgiebigen
Briefwechsel mit einem geistvollen Vertreter des Positivismus, einen
Briefwechsel, der nat�rlich zu keiner Einigung f�hrte. Zum Schlu�
schrieb ich dem Kollegen: "Wenn Sie uns nicht die Exaktheit der
Naturgesetze lassen, kann es zwischen uns keinen wirklichen Frieden,
sondern nur eine achtungsvolle gegenseitige Duldung geben."
Wir sind mit unseren letzten �u�erungen schon hin�bergeglitten von dem
Gedankenkreis der urspr�nglichen, speziellen Relativit�tstheorie zu der
allgemeinen, voraussichtlich endg�ltigen Theorie; jene datierend von
1905, diese von 1915. Jene lie� nur die gleichf�rmig und geradlinig
bewegten Bezugssysteme als berechtigt zu, diese erkennt jeden
Standpunkt an und verwendet grunds�tzlich alle m�glichen Bezugssysteme
zur Beschreibung der physikalischen Erscheinungen, also beliebig
gedrehte und beschleunigte Bezugssysteme, ver�nderliche Ma�st�be und
beliebig laufende Uhren. Sie behauptet, da� die Naturgesetze ihre Form
beibehalten auch bei so allgemeiner Beschreibung, wenn wir nur von
Anfang an den richtigen, hinreichend verallgemeinerten mathematischen
Ausdruck der Naturgesetze w�hlen. Ein wichtiger Schritt auf dem Wege zu
dieser allgemeinsten Auswirkung des Relativit�tsgedankens war M i n k o w
s k i s vierdimensionale Zusammenfassung von Raum und Zeit.
Die Zeit hat eine Ausdehnung, der Raum drei; beide zusammen haben vier
Dimensionen, das hei�t: zur Fixierung eines Raumzeitpunktes, zur
Beschreibung eines Ereignisses in Raum und Zeit sind vier unabh�ngige
Zahlen erforderlich, von denen drei die r�umliche, eine die zeitliche
Lage angeben. Minkowski spricht von der v i e r d i m e n s i o n a l e n
W e l t als der Zusammenfassung von Raum und Zeit. Es lassen sich auf
diese vierdimensionale Welt die Gesetze der gew�hnlichen
dreidimensionalen Geometrie �bertragen, teils in zeichnerischer, teils
und besonders erfolgreich in rechnerischer Verallgemeinerung. Ich kann
von Ihnen nicht verlangen, da� Sie sich eine vierdimensionale Welt
vorstellen sollen. Denn ich kann es selbst nicht. Aber wir k�nnen uns
leicht eine zweidimensionale Welt vorstellen. Nehmen Sie einmal an, da�
Sie als denkendes Wesen mit all Ihren Erfahrungen und Sinnen in eine
Ebene gebannt w�ren. Dann g�be es f�r Sie kein Oben und Unten, sondern
nur ein Nebeneinander. In dieser ebenen Welt k�nnen sich
Lichterregungen als Kreise, wie die Wellen auf einer Wasseroberfl�che,
fortpflanzen. Sie k�nnen in der Ebene Erfahrungen sammeln und sich eine
Geometrie aufbauen, die E u k l i d i s c h e G e o m e t r i e der
Ebene, wie wir sie in der Schule gelernt haben. Aber Sie k�nnen niemals
zu der Vorstellung z. B. eines W�rfels gelangen. Sie k�nnen auf einer
Geraden Ihrer Ebene ein Lot innerhalb der Ebene errichten, aber Sie
k�nnen sich nicht anschauungsgem�� ein Lot auf der Ebene vorstellen,
weil es f�r Sie nichts au�erhalb Ihrer Ebene gibt. Wenn Sie aber als
Fl�chenwesen hinreichende mathematische Phantasie haben, so k�nnen Sie
doch begrifflich von Ihren zwei zu drei Dimensionen fortschreiten. Sie
brauchen nur statt Ihrer zwei Koordinaten in der Ebene drei Koordinaten
als Rechnungsgr��en einzuf�hren und k�nnen das Lot auf der Ebene durch
Gleichungen in diesen drei Koordinaten beschreiben, von denen Sie sich
allerdings nur zwei richtig vorstellen k�nnen. In demselben Verh�ltnis
wie diese Fl�chenwesen zur dreidimensionalen Euklidischen
Raumgeometrie, stehen wir zur vierdimensionalen Weltgeometrie. Wenn wir
sie uns auch nicht vorstellen k�nnen, so k�nnen wir doch in ihr denken
und rechnen. Insbesondere k�nnen wir uns ebene und r�umliche
Ausschnitte aus dieser Welt konstruieren, die dann wieder unserer
Anschauung zug�nglich sind.
Im dreidimensionalen Raum ist uns die Erscheinung der perspektivischen
Verk�rzung gel�ufig. Diese Tischplatte erscheint mir von der Seite
gesehen schm�ler, als von oben gesehen. (Der Positivist, dem die
Empfindungen selbst das letzte und einzige sind, w�rde sogar sagen: sie
ist von der Seite gesehen schm�ler als von oben gesehen.) Unter
dasselbe Bild der perspektivischen Verk�rzung, wenn wir es auf die
vierdimensionale Welt �bertragen, lassen sich alle die seltsamen
Folgerungen bringen, die die Relativit�tstheorie gezogen hat. Ein gegen
den Beobachter bewegter K�rper erscheint in der Bewegungsrichtung
verk�rzt (Lorentz-Kontraktion als einfachste Erkl�rung des
Michelson-Versuches). Der Zeitablauf in einem gegen den Beobachter
bewegten Bezugssystem erscheint diesem Beobachter verlangsamt
(Aufhebung der Gleichzeitigkeit, Verj�ngung eines unserer beiden
Zwillinge vom Standpunkte des anderen). Die Masse eines K�rpers, z. B.
eines Elektrons, das sich gegen den Beobachter bewegt, erscheint diesem
vergr��ert, n�mlich gr��er als einem Beobachter, der auf dem bewegten
K�rper selbst seine Beobachtungsger�te aufstellt und die Masse des f�r
ihn ruhenden K�rpers mi�t. Dieses Gesetz von der Massenver�nderlichkeit
des Elektrons wurde zum Pr�fstein der urspr�nglichen speziellen
Relativit�tstheorie. Zuerst bestritten, hat es sich im Laufe der Jahre
mit immer gr��erer Genauigkeit als wahr herausgestellt, am sch�rfsten
in den Feinsten �u�erungen bewegter Elektronen, in den Spektren der
einfachsten Atome. Seitdem darf der Vorstellungskreis der speziellen
Relativit�tstheorie als experimentell gesichert gelten; seitdem haben
wir uns in der vierdimensionalen Minkowskischen Welt wohnlich
eingerichtet und wissen uns in ihren zum Teil paradox verzerrten
Anblicken zurechtzufinden.
Aber ich mu� leider noch h�here Anforderungen an Ihre Abstraktion
stellen. Denn nun mu� ich Ihnen zeigen, wie Einstein die alte
R�tselkraft der Gravitation in sein System eingearbeitet hat. Die
Gravitation war seit Newton in der Formel des Newtonschen Gesetzes:
"proportional den wirkenden Ma�en, umgekehrt proportional dem Quadrat
ihrer Entfernungen" erstarrt. Dar�ber hinaus hatte sich aus unseren
t�glichen Erfahrungen �ber die Erdschwere oder aus den Beobachtungen
der Astronomen �ber die Gravitationswirkungen zwischen den Gestirnen
nichts �ber ihre Wirkungsweise ergeben. Unter allen Kr�ften hatte sich
die Gravitation allein als momentane Fernwirkung behauptet. Erst
Einstein konnte ihr neue beobachtbare Seiten abgewinnen. Ich will Ihnen
nicht den Weg schildern, wie Einstein nach manchen Kreuz- und
Querg�ngen zum Ziel gekommen ist, sondern nur das Ziel selbst
schildern, zu dem er gelangt ist.
Stellen wir uns wieder auf den Standpunkt unseres Fl�chenwesens, aber
versetzen wir uns diesmal nicht in eine Ebene, sondern in eine
gekr�mmte Fl�che, z. B. auf eine Kugel. Wir k�nnen uns nicht aus der
Kugeloberfl�che entfernen, wir k�nnen nichts au�erhalb der
Kugeloberfl�che wahrnehmen, weder dringt irgendeine Kunde vom �u�ern
noch vom Innern der Kugel zu uns. Es gibt auch jetzt f�r uns kein Oben
und Unten, sondern nur ein Nebeneinander. Unsere Welt ist wie vorher
nur zweifach ausgedehnt. Sie ist in diesem Falle �brigens nicht
unendlich gro�, sondern sie schlie�t sich im Endlichen. Es gibt keine
Geraden in unserer Welt, sondern nur gewisse geradeste Linien. Das sind
im Falle der Kugel die gr��ten Kreise, z. B. die Meridiane von
irgendeinem Pol aus, aber nicht die Parallelkreise. Sto�en wir einen
Massenpunkt in der Ebene an, so l�uft er in einer geraden Linie. Sto�en
wir ihn in gleicher Weise auf der Kugel an, so l�uft er, sich selbst
�berlassen und von keinen �u�eren Kr�ften beeinflu�t, in einer
geradesten Linie, in einem gr��ten Kreise um die Kugel herum. Die
nat�rlichen kr�ftefreien Bahnen sind in der gekr�mmten Fl�che die
geradesten Linien, wie sie in der nicht gekr�mmten Ebene die geraden
Linien sind. Konstruieren wir uns in der Kugelfl�che eine Geometrie, so
wird sie von der gew�hnlichen Euklidischen Geometrie verschieden. Auf
der Kugeloberfl�che haben wir den einfachsten Fall der sogenannten
Nicht-Euklidischen Geometrie. W�hrend es in der Euklidischen Geometrie
bekanntlich hei�t: Die Winkelsumme im Dreieck ist gleich zwei Rechten,
hei�t es in der Nicht-Euklidischen Kugelgeometrie: Die Winkelsumme im
Dreieck ist gr��er als zwei Rechte. Konstruieren wir z. B. ein Dreieck
aus lauter geradesten Linien auf folgende Weise: Wir gehen vom Nordpol
N auf einem Meridian bis zum �quator, diesen entlang um ein Viertel
seines Umfanges und abermals auf
[=== Abbildung 2 -- siehe figure2.png ===]
einem Meridian zum Pol zur�ck, das letzte St�ck im entgegengesetzten
Sinne zu den eingezeichneten Pfeilen, auf deren Bedeutung wir sp�ter
zur�ckkommen. Jeder Winkel dieses Dreiecks ist ein Rechter (in der
Figur mit R bezeichnet), die Winkelsumme gleicht drei Rechten, also
gr��er als zwei Rechte, wie es unser Satz von der Winkelsumme in der
Nicht-Euklidischen Geometrie verlangt.
Alle diese Behauptungen sind bequem durch die Anschauung zu
kontrollieren. Aber nun kommt ein Schritt, zu dem eine gewisse
intellektuelle Unerschrockenheit geh�rt. Unser Fl�chenwesen soll sich
im Anschlu� an seine Kugelfl�che begrifflich einen dreifach
ausgedehnten Raum konstruieren, der dieselben Eigenschaften hat wie
seine Kugelfl�che, in dem z. B. der Nicht-Euklidische Satz von der
Winkelsumme allgemein gilt, und in dem alle geradesten Linien in sich
zur�cklaufen, also keine geraden Linien sind. Einen solchen "gekr�mmten
Raum" k�nnen wir uns nicht vorstellen; und doch m�ssen wir uns
begrifflich und rechnerisch in ihm orientieren. Und mehr noch, wir
m�ssen zu einer gekr�mmten v i e r d i m e n s i o n a l e n W e l t
fortschreiten und nicht nur zu einer gleichm��ig, nach Art der Kugel
gekr�mmten Welt, sondern zu einer Welt von w e c h s e l n d e n K r
� m m u n g s v e r h � l t n i s s e n.
Was hat nun dieser seltsame geometrische Vorstellungskreis mit der
Gravitationstheorie zu tun? Gehen wir zun�chst nochmals der besseren
�bersicht wegen in unsere flache, nur zweifach ausgedehnte Welt zur�ck.
Die Fl�che sei zwar im allgemeinen und ungef�hren eben, also nicht
gekr�mmt; sie habe aber Buckel, gekr�mmte Ausw�lbungen an solchen
Stellen, wo sich Massen befinden. Jede Materie ist Sitz mannigfacher
Energieformen, chemischer und physikalischer Energien, welche in der
Bindung der Atome untereinander und in dem Aufbau der Atome stecken.
Statt Materie k�nnen wir daher auch allgemeine Energie im weitesten
Sinne des Wortes sagen. �berall, wo sich physikalische Ereignisse
abspielen und daher Energie lokalisiert ist, insbesondere in den
Stellen st�rkster Energiekonzentration, der greifbaren Materie, soll
unsere flache Welt ausgew�lbt sein, mehr oder minder, je nachdem wir es
mit gr��erer oder geringerer Energiekonzentration zu tun haben.
Betrachten wir insbesondere zwei solcher Buckel: einen von
�berwiegender W�lbung, den wir Sonne nennen, und einen kleinen Buckel,
den wir Planet nennen. Wir geben letzterem einen Ansto� und lassen ihn
durch unsere Welt laufen. W�re der Sonnenbuckel nicht da und alles
eben, so w�rde sich unser Planet auf gerader Bahn bewegen. Das
Vorhandensein des Sonnenbuckels hat zur Folge, da� er sich statt dessen
auf einer geradesten Bahn bewegt. Diese weicht von der Geraden um so
mehr ab, je n�her der Planet an die Sonne herankommt.
Sie sehen hiernach bereits, wie sich dieses zweidimensionale Gleichnis
zur Gravitationstheorie verh�lt. An den Stellen gro�er
Energiekonzentration ist die Raumzeitstrukur eine singul�re, gekr�mmte.
die geradesten Bahnen in der N�he solcher Stellen weichen weit ab von
den geraden Bahnen; sie verhalten sich ann�hernd so, wie wir es aus der
alten Gravitationstheorie her wissen, als Keplerellipsen. Dabei haben
wir nicht n�tig, eine besondere Gravitationskraft einzuf�hren. Bahnen,
die lediglich unter dem Einflu� der Gravitation durchlaufen werden,
sind kr�ftefreie, geradeste Bahnen; ihre Kr�mmung spiegelt nur die
durch die Energieanh�ufung bewirkte Weltkr�mmung wider. Der
Ausgangspunkt der Relativit�tstheorie bleibt dabei durchaus erhalten.
Raum und Zeit sind an sich nichts. Sie erhalten ihre Eigenschaften,
ihre Struktur erst durch die in ihnen enthaltenen physikalischen
Energien aufgepr�gt.
[=== Abbildung 3 -- siehe figure3.png ===]
Die Bahnen sind nach dieser Gravitationstheorie angen�hert
Keplerbahnen, aber nicht genau. Das Newtonsche Gesetz ergibt sich nur
in erster N�herung; bei genauerer Rechnung treten Abweichungen auf. Die
Ellipse ist keine geschlossene, sondern eine langsam sich drehende,
eine solche von fortschreitendem Perihel. (Perihel hei�t bekanntlich
der Punkt gr��ter Sonnenn�he auf der Planetenbahn.) Die Figur zeigt in
sehr �bertriebenem Ma�stabe diesen Perihelfortschritt. Er ist um so
st�rker zu erwarten, je n�her der Planet der Sonne kommt, also beim
Merkur, dem sonnenn�chsten der Planeten am st�rksten. Nach den
Beobachtungen und Rechnungen der Astronomen tritt nun in der Tat beim
Merkur eine Perihelbewegung auf, die sich nach der Newtonschen Theorie
nicht erkl�ren l��t. Sie betr�gt hier 43 Bogensekunden im Jahrhundert;
das will sagen, da� erst nach 30 000 Jahrhunderten die Merkurbahn in
ihre Anfangslage zur�ckgekehrt erscheint. Bei den sonnenferneren
Planeten, z. B. bei der Erde, ist das Fortschreiten des Perihels
dagegen unme�bar klein.
Gerade diesen Wert von 43 Sekunden im Jahrhundert ergab nun die
Einsteinsche Rechnung auf Grund seiner neuen Auffassung der
Gravitation. Man beachte wohl: der Einsteinsche Gedankengang nahm
seinen Ausgang von erkenntnistheoretischen Forderungen, hatte nirgends
eine Unbestimmtheit oder L�cke, wu�te von Hause aus nichts vom
Merkurperihel und f�hrte doch zwangl�ufig auf den astronomischen
Beobachtungswert.
Ich darf nicht verschweigen, da� eine kritische �berpr�fung der
astronomischen Angabe von 43 Sekunden, die Herr Kollege Gro�mann
k�rzlich durchgef�hrt hat, diesen Wert unsicherer erscheinen l��t, als
die Astronomen bisher annahmen. Der wahrscheinlichste Wert liegt nach
Herrn Gro�mann etwas tiefer als 43 Sekunden. Bis die Astronomen sich
hier�ber geeinigt haben werden, kann man also nur sagen, da� die neue
Gravitationstheorie jedenfalls die Gr��enordnung der
Merkur-Perihelbewegung richtig wiedergibt.
[=== Abbildung 4 -- siehe figure4.png ===]
Wir kehren zu unserem Bilde des Sonnenbuckels in der zweidimensionalen
flachen Welt zur�ck. Statt eines Planeten jagen wir jetzt einen
Lichtstrahl an der Sonne vorbei. Auch dieser l�uft auf einer geradesten
Bahn; bei fehlender Weltkr�mmung w�rde er eine gerade Bahn beschreiben.
Auch hier wirkt, wie bei dem Planeten, die Kr�mmung des Raums in der
Sonnenn�he so, als ob eine Anziehung von der Sonne auf den Lichtstrahl
ausge�bt w�rde, als ob der Lichtstrahl nach der Sonne hin fiele. Man
denke an die analogen, aber im Grunde doch wesensverschiedenen
Verh�ltnisse bei der atmosph�rischen Strahlenbrechung, wo sich der
Lichtstrahl in der Erdatmosph�re ebenfalls kr�mmt. Was wir hier zu
erwarten haben, zeigt die n�chste Figur. Der Stern A, der sein Licht
hart an der Sonne vorbeischickt, erscheint dem Erdbeobachter nicht in
A, sondern wegen der gekr�mmten Form des Lichtweges in der Verl�ngerung
des Strahlenendes, d. h. an der Stelle B des Himmelsgew�lbes.
Sonnennahe Sterne zeigen also eine scheinbare Ablenkung vom Sonnenrande
fort. Nat�rlich l��t sich diese Ablenkung nur bei einer t o t a l e n
S o n n e n f i n s t e r n i s beobachten, weil sonst das Sternlicht
vom Sonnenlicht �berstrahlt wird.
[=== Abbildung 5 -- siehe figure5.png ===]
Am 29. Mai 1919 fand eine Sonnenfinsternis statt, die in Brasilien
total war. Deutschland war von ihrer Beobachtung ausgesperrt, England
r�stete zwei Expeditionen aus. Die Ergebnisse sind mir zugeschickt
worden. Die Konstellation war besonders g�nstig, weil 7 verh�ltnism��ig
helle Sterne in Sonnenn�he standen. Unser Bild in Figur 5 stellt die
verdunkelte Sonne mit ihrem leuchtenden Strahlenkranze, der Korona,
dar. Die 7 Sterne sind durch kleine Kreise markiert.
Von den Sternen aus sind die Ablenkungen als gerade Strecken
aufgetragen, wie sie theoretisch nach Einstein sich errechnen; sie
verlaufen in radialer Richtung und sind f�r die sonnenn�heren Sterne
gr��er als f�r die sonnenferneren. Der Ma�stab ist dabei viele
tausendmal �bertrieben. Am Sonnenrande ist die theoretische Ablenkung
nur 1,7 Bogensekunden, d. h. so klein, da� wir sie in unserem Bilde gar
nicht einzeichnen k�nnen; im doppelten Abstande von der Sonnenmitte ist
die Ablenkung noch halbmal kleiner. In demselben �bertriebenen Ma�stab
sind nun auch die beobachteten Ablenkungen als Striche mit einer
Pfeilspitze eingetragen. Die wirklichen Ablenkungen auf der
photographischen Platte sind nur unter dem Mikroskop auszumessen und
�berhaupt nur indirekt festzustellen. Au�er der
Sonnenfinsternisaufnahme selbst wurde eine Aufnahme einige Wochen nach
der Sonnenfinsternis gemacht, zu einer Zeit, wo sich die Sonne aus der
fraglichen Gegend des Fixsternhimmels entfernt hatte. �berdies wurde
eine dritte Vergleichsplatte aufgenommen, die in das photographierende
Fernrohr verkehrt, d. h. mit der Glasseite nach au�en, mit der
Schichtseite nach innen eingelegt war. Diese Vergleichsplatte konnte
dann mit den beiden Bebachtungsplatten, der bei der Sonnenfinsternis
und der nach derselben aufgenommenen, Schicht auf Schicht zur Deckung
gebracht werden. Die Ablenkungen der Sterne sind durch dieses indirekte
Verfahren unter dem Mikroskop ausgemessen und nach dem
Ausgleichsverfahren rechnerisch ermittelt worden. Wie unsere Figur
zeigt, stimmen die so gewonnenen empirischen Ablenkungen aufs
�berraschendste mit den theoretischen �berein. Sie zeigen nicht nur,
wie diese ann�hernd die radiale Richtung vom Sonnenmittelpunkte nach
au�en hin (was zum Teil durch das angewandte Ausgleichsverfahren
bewirkt wird, also noch nicht ohne weiteres beweisend w�re), sondern
sie zeigen auch durchweg fast dieselbe Gr��e und die von der Theorie
geforderte Gr��enabnahme bei zunehmender Entfernung des Sterns von der
Sonne.
[=== Abbildung 6 -- siehe figure6.png ===]
Dies wird besonders �berzeugend im n�chsten Bilde dargetan, welches dem
englischen Originalbericht entnommen ist. Nach oben hin sind die
Sternablenkungen, nach rechts hin die reziproken Abst�nde vom
Sonnenmittelpunkte aufgetragen, mit denen die theoretischen Ablenkungen
proportional gehen. Die Abnahme der Ablenkung mit zunehmender
Entfernung von der Sonne wird theoretisch durch die stark ausgezogene
Gerade dargestellt. Die wirklichen Beobachtungspunkte (durch starke
Punkte wiedergegeben) liegen dieser Geraden �u�erst nahe, viel n�her
als der punktierten Geraden, welche nach einer �lteren, nicht
konsequenten Theorie Einsteins die Sternablenkung darstellen w�rde. Man
wende nicht ein, da� die Ablenkung des Sternortes durch die
Sonnenatmosph�re bewirkt sein k�nnte. In so gro�en Entfernungen, wie
sie hier in Frage kommen, ist die Sonnenatmosph�re einfach belanglos.
Die astronomischen Sachkundigen sind sich dar�ber einig, da� die
Beweiskraft der englischen Sonnenfinsternisaufnahmen b�ndig ist.
Das Ziel jeder Wissenschaft ist, nach einem sch�nen Worte des
Mathematikers Jacobi, die Ehre des menschlichen Geistes. Der 29. Mai
1919 wird f�r alle Zeiten ein Ehrentag des menschlichen Geistes bleiben.
Neben dem Merkurperihel und den Sonnenfinsternisbeobachtungen gibt es
noch ein drittes Kriterium f�r die Einsteinsche Gravitationstheorie:
die Rotverschiebung von Spektrallinien, die auf der Sonne entstehen,
gegen�ber den Spektrallinien des gleichen Stoffes, wenn sie unter
irdischen Verh�ltnissen hervorgerufen werden. Man kennt, seitdem es
eine Astrophysik gibt, die Erscheinung des sogenannten Dopplereffektes.
Sie besteht in der Verschiebung eines Spektrums nach der roten Seite
hin bei Sternen, die sich von der Erde entfernen, in einer Verschiebung
nach der violetten Seite bei Sternen, die auf die Erde zukommen. Die
Gr��e dieser Verschiebung entspricht der Geschwindigkeit, mit der sich
der betreffende Stern von uns fort oder auf uns zu bewegt. Man pflegt
daher auch die von Einstein vorhergesagte Rotverschiebung im
Sonnenspektrum durch eine Geschwindigkeit zu charakterisieren, die im
Dopplereffekt dieselbe Rotverschiebung bewirken w�rde, und zwar betr�gt
diese Geschwindigkeit 0,6 Kilometer in der Sekunde.
�ber den physikalischen Grund dieser Rotverschiebung sei hier nur
soviel gesagt, da� er nat�rlich nicht wie der gew�hnliche Dopplereffekt
in einer relativen Bewegung der Sonne gegen die Erde, sondern in dem
Gravitationsfelde der Sonne liegt. Dieses ist au�erordentlich viel
st�rker als das Schwerefeld der Erde. Die Rotverschiebung entspricht
direkt dem Unterschied der Schwere an der Sonnenoberfl�che und
Erdoberfl�che.
[=== Abbildung 7 -- siehe figure7.png ===]
Das geeignetste Versuchsobjekt zur Pr�fung dieses Effektes bilden
Linien der sogenannten Zyanbanden. Merkw�rdigerweise konnten die mit
den besten Hilfsmitteln ausgestatteten amerikanischen Sternwarten keine
systematische Verschiebung dieser Linien nach der roten Seite
nachweisen. Die Bonner Physiker Grebe und Bachem haben aber erst
gezeigt, mit welcher Vorsicht man beim Vergleich der Sonnenlinien und
der Linien aus irdischen Lichtquellen vorgehen mu�, um sichere
Resultate zu erhalten. Beide Spektren enthalten nicht nur die in Rede
stehenden Zyanlinien, sondern daneben ein Gewirr von Linien anderen
Ursprungs, die sich jenen �berlagern. Photometriert man ein solches
Spektrum, d. h. stellt man die Lichtintensit�t in ihrer Abh�ngigkeit
von der Wellenl�nge durch ein Schaubild dar, so entsteht eine
Zackenkurve nach Art eines Gebirgskammes. Nur solche Linien sind
einwandfrei, die im Schaubild durch eine isolierte Zacke dargestellt
werden; wenn eine Erhebung fremden Ursprungs in der N�he liegt, f�lscht
sie die Lage der Hauptzacke und macht sie zur Untersuchung der
Rotverschiebung ungeeignet. Bei diesem kritischen Vorgehen erwiesen
sich von 36 gemessenen Zyanlinien nur 9 als unverd�chtig und brauchbar.
Nach R. T. Birge ist die Auswahl sogar noch weiter zu beschr�nken auf
zwei von diesen Linien. Und siehe da: Wenn alle verd�chtigen Linien
ausgeschaltet und nur die 9 bzw. 2 tadellosen benutzt werden, so ergibt
sich der richtige Betrag der Rotverschiebung, wie er von Einstein
vorhergesagt wurde, n�mlich rund 0,6 Kilometer in der Sekunde.
[=== Abbildung 8 -- siehe figure8.png ===]
Ich m�chte noch ein letztes Beispiel zur Sprache bringen, welches zwar
nicht als Pr�fstein der Einsteinschen Gravitationstheorie, wohl aber
als Mittel zu ihrer Veranschaulichung wertvoll ist. Wir wissen, da� ein
Kreisel, der aufgezogen ist und keinen �u�eren Kr�ften unterliegt,
bestrebt ist, seine Richtung im Raume beizubehalten. Unsere Erde ist
ein solcher Kreisel von gewaltigen Ausmessungen. Freischwebend im Raum
w�rde er die Richtung seiner Drehachse nicht �ndern. In Wirklichkeit
beschreibt die Erdachse in langsamstem Tempo einen Kegel um die Normale
zur Erdbahnebene (Ekliptik). Figur 8 zeigt die Erde mit eingezeichneter
Erdachse in ihrem Umlauf um die Sonne und deutet in ihrer Stellung am
weitesten rechts den Kegel an, den die Erdachse im Verlauf vieler
Uml�ufe beschreibt. Der Kegel wird erst in 26 000 Jahren vollst�ndig
durchlaufen, in jedem Jahr betr�gt die Winkelverlagerung 50 Sekunden
(Pr�zession der �quinoktien). Nach der gew�hnlichen Auffassung r�hrt
diese Verlagerung der Erdachse von der Anziehung der Sonne auf den am
�quator wulstf�rmig aufgetriebenen Erdk�rper her, also daher, da� die
Erde kein kr�ftefreier, sondern ein von der Sonnengravitation
beeinflu�ter Kreisel ist. In der Einsteinschen Theorie aber ist die
Gravitation keine �u�ere Kraft; die Gravitationsbahnen der
fortschreitenden sowohl wie der drehenen Erdbewegung verlaufen
kr�ftefrei als geradeste Bahnen im gekr�mmten Raume; die Erdachse
sollte also im Schwerfelde sich selbst parallel bleiben. Was aber
hei�t: sich selbst parallel bleiben im Nicht-Euklidischen Sinne, bei
gekr�mmter Raumstruktur?
Wir ziehen nochmals unsere Figur 2 zu Rate. Wir gehen jetzt vom Nordpol
aus zun�chst auf unserem ersten Meridian �quatorw�rts und halten dabei
stets einen geraden Stab vor uns hin. Zweifellos bleibt er bei dieser
Wanderung sich selbst parallel, da er dabei ja dauernd in die Richtung
einer geradesten Bahn, in den Meridian, weist. Im �quator angelangt,
steht er senkrecht zu diesem. Soll er sich selbst parallel bleiben, so
mu� er dauernd senkrecht zum �quator gehalten werden, solange wir den
�quator abschreiten. Gehen wir auf dem zweiten Meridian zum Pole
zur�ck, so bleibt unser Stab wieder sich selbst parallel, wenn er
dauernd die Richtung dieses Meridians einh�lt. Kommen wir in den Pol
zur�ck, so hat sich, wie unsere Figur zeigt, unser Stab um einen
rechten Winkel gedreht, trotzdem er dauernd mit sich parallel war!
Nehmen wir statt des Stabes einen Kreisel zur Hand, so stellt sich
dessen Drehachse selbst so ein, wie wir soeben die Stabachse richteten;
es gilt also f�r den Kreisel das gleiche wie f�r unseren Stab: Trotzdem
er mit sich parallel bleibt, schlie�t er nach beendetem Umgang einen
Winkel gegen seine Anfangslage ein. Der Grund liegt in der Kr�mmung der
Kugelfl�che. Bei einem Umgang in der Ebene, das hei�t: wenn wir ein
ebenes Dreieck mit einem Kreisel in der Hand umschreiten, w�rde von
einer Winkelverlagerung des Kreisels keine Rede sein.
Die Anwendung auf das Problem der Erdachse ist unmittelbar
einleuchtend. Dem Umgang um das Kugeldreieck entspricht bei der Erde
ihr j�hrlicher Umgang um die Sonne, der Kugelkr�mmung die von der Sonne
bewirkte gekr�mmte Raum-Zeit-Struktur. Indem die Erdachse nach einem
Umgang um die Sonne in den Fr�hlings-Tagundnachtgleichenpunkt
zur�ckkehrt, schlie�t sie einen Winkel mit sich ein. Dieser betr�gt
zwar nicht, wie in unserem Beispiel, einen Rechten, sondern nur 50
Sekunden, hat aber dieselbe Bedeutung wie jener, er zeigt uns n�mlich
an, da� der umlaufene Fl�cheninhalt der Erdbahn nicht eben, sondern
gekr�mmt war. Man sieht, wie sch�n und einfach sich die �ltere
Auffassung, nach der die Gravitation als �u�ere Kraft wirkt, in die
neuere Auffassung umsetzt, nach der sie sich nur auf dem Wege �ber die
Verkr�mmung der Welt �u�ert. Beide Auffassungen sind im Ergebnis
gleich; nur insofern, als die neue Auffassung eine Korrektion am
Newtonschen Anziehungsgesetz mit sich bringt, eine Korrektion, die sich
z. B. in der Perihelbewegung des Merkur �u�erte, wird auch die nach
Einstein berechnete Winkelverlagerung der Erdachse bei ihrem j�hrlichen
Umgang um die Sonne ein wenig verschieden von der nach Newton
berechneten ausfallen. Doch betrifft diese Verschiedenheit nur die
h�heren Dezimalen der angegebenen Zahl von 50 Sekunden. Als Kriterium
f�r oder wider Einsteins Gravitationstheorie wird also diese
Erscheinung nicht dienen k�nnen, insbesondere deshalb nicht, weil zu
ihrer praktischen Verwertung eine anderweitige Kenntnis der Mondmasse
erforderlich w�re.
Hiernach kehren wir von Sonne, Mond und Sternen zu unserem Standpunkt
auf der rotierenden Erde zur�ck. Nach unserem Relativit�tsglauben ist
jeder Standpunkt berechtigt, auch derjenige auf einem rotierenden
Bewegungssystem. Die Naturgesetze gelten f�r diesen Standpunkt ebenso
wie f�r jeden anderen, wenn wir sie nur hinreichend allgemeing�ltig
gefa�t haben. Ja, es entsteht die Frage: Was hei�t �berhaupt rotieren?
Hat es einen Sinn, von der rotierenden Erde zu reden, wenn Sonne und
Fixsterne nicht da W�ren, an denen wir die Rotation der Erde doch erst
wahrnehmen k�nnen? W�rde es nicht wieder einen absoluten Raum oder
einen �ther voraussetzen, gegen den die Drehung gedacht wird, wenn wir
von der Erddrehung schlechtweg, ohne Beziehung zum Sternhimmel,
sprechen wollten? Wie aber steht es dann mit den Folgen der Erddrehung,
den Fliehkr�ften, die wir bei der Drehung des Foucaultschen Pendels
oder die wir in der Abplattung der Erde beobachten? Wenn die Erddrehung
nur relativ zu den Gestirnen gedacht werden kann, nur durch
Vorhandensein �u�erer Massen erm�glicht wird, so k�nnen auch die
Fliehkr�fte der Erddrehung ihre Existenz nur dem Vorhandensein der
Gestirne verdanken, sie m�ssen als Wechselwirkungen zwischen diesen und
den Massen der Erde aufgefa�t werden.
Bis zu diesem fundamentalen Schlu� war Mach gekommen. Durch ihn hat er
Einstein den Weg bereitet. Mach stellte eine Frage und Einstein
beantwortete sie. Er beantwortete sie zugleich mit seiner Antwort auf
die R�tselfrage der Gravitation. Die Gravitation erwies sich als eine
Scheinkraft, de ihren Grund in der Raumstruktur hat. Auch die
Fliehkr�fte sind Scheinkr�fte oder Tr�gheitskr�fte, die nach Newton
ihren Grund in dem absoluten Charakter der Rotation haben w�rden. D i e
s e n Grund k�nnen wir nicht gelten lassen. Aber stellen wir uns auf
den Standpunkt des gedrehten Bezugssystems. Wenn �u�ere Massen und
Geschehnisse vorhanden sind, die an der Drehung nicht teilnehmen, so
wandern diese gegen das Bezugssystem. Da sie ihrerseits eine Verzerrung
der Raumstruktur bedingen, de mit ihnen uml�uft, erscheint die
Raumkr�mmung vom gedrehten System aus anders als ohne Drehung. Diese
vom Standpunkt abh�ngige �nderung der Raumkr�mmung bedingt
Scheinkr�fte, die wir mit der Gravitation auf eine Stufe stellen
k�nnen. Diese Scheinkr�fte sind die Fliehkr�fte der Erdumdrehung. W�ren
aber Massen und Geschehnisse au�erhalb der Erde nicht vorhanden, so
k�nnten Fliehkr�fte nicht auftreten; die im Raum isolierte Erde k�nnte
sich, physikalisch gesprochen, nicht drehen, das hei�t: sie k�nnte
keine beobachtbaren Anzeichen ihrer Umdrehung verraten.
Die Wesensgleichheit von Schwerkr�ften und Tr�gheitskr�ften, auf die
wir so gef�hrt worden sind, findet ihre �berzeugende Best�tigung in der
Gleichheit von schwerer und tr�ger Masse. Vor hundert Jahren durch
Bessels Pendelbeobachtungen bewiesen, hat diese Identit�t zweier
scheinbar verschieden definierter Gr��en viel zu wenig Beachtung
gefunden. Erst jetzt sind uns die Augen ge�ffnet, sie richtig zu sehen
und sie in Zusammenhang zu bringen mit der Erneuerung unserer
Zeit-Raum-Auffassung und mit der Vertiefung aller Naturgesetze. --
Was w�rde nun unser Pfarrer von Ufenau zu dieser Wendung der Dinge
sagen, wenn sie ihm ein fahrender Sch�ler des zwanzigsten Jahrhunderts
anvertrauen w�rde? W�rde er glauben, da� Herr K�pernick umsonst gewacht
hat? Sicherlich nicht. Der Wechsel des Standpunktes, den Kopernikus
vornahm, war der erste Schritt zur Wahrheit. Der Erdstandpunkt des
Ptolem�ischen Systems mu�te zuerst einmal aufgegeben und durch den
Sonnenstandpunkt des Kopernikanischen ersetzt werden. Indem Kopernikus
Sonne und Fixsterne stillstehen und die Erde wandern hie�, erhielt er
ein vereinfachtes Weltbild. Die Raumkr�mmung wird von diesem Standpunkt
aus so gering wie m�glich, der Raum erscheint so euklidisch, als es
nach Lage der Sache sein kann. Deshalb wird der Kopernikanische
Standpunkt f�r alle Zeiten dem rechnenden Astronomen und dem
beobachtenden Erdbewohner die besten Dienste leisten. Aber dieser
Standpunkt ist nicht mehr der einzig m�gliche. Es ist zwar sehr
unpraktisch, aber nicht mehr falsch zu sagen: Die Erde ruht und die
Sonne wandert. -- Dar�ber hinaus sehen wir mit E i n st e i n den
wahren und endg�ltigen Standpunkt darin: alle Standpunkte souver�n zu
umfassen, je nach der besonderen Aufgabe den Standpunkt besonders zu
w�hlen und zu der �berzeugung vorzudtingen: Die Natur ist, unabh�ngig
von dem wechselnden menschlichen Standpunkte, immer gleich gro� und
gleich gesetzm��ig.
GEGENWARTSFRAGEN DES DEUTSCHEN WIRTSCHAFTSLEBENS
VON UNIVERSIT�TSPROFESSOR DR. GOETZ BRIEFS (W�RZBURG)
Anmerkung: Der Aufsatz wurde Ende August 1921 abgeschlossen. G.B.
Wer dieses Thema liest, m�chte leicht geneigt sein, es umzu�ndern in:
die Fraglichkeit des deutschen Wirtschaftslebens. Und wer sich mit dem
vollen Ernst dieser Fraglichkeit erf�llt hat und sieht, welche
Zusammenh�nge heute von der Wirtschaft in alle anderen deutschen Lebens
gebiete bis in die Kultur, in die politische Freiheit und das
Volksleben ausstrahlen, m�chte wohl von der Fraglichkeit des deutschen
Lebens im ganzen sprechen und die d�stersten Zukunftsbef�rchtungen
daran anschlie�en.
Zu j�h ist f�r uns alle dieser Titanensturz, den Volk und Reich seit
jenen tragischen Juli- und Augusttagen 1914 erlebt haben. Wir sind wie
bet�ubt vom Sturz. Wir wissen nur eines: Nicht am Boden liegen bleiben!
Sonst ist Ehre, Reich und Volk auf immer verloren. Wo standen wir? Wo
stehen wir? Das sind die festen Punkte, an denen wir Richtung nehmen,
um uns zun�chst einmal mit der vollen Schwere dessen zu erf�llen, was
geschehen ist, und um an ihnen zu ermessen, was nun geschehen soll.
Wo standen wir? Wir j�ngere Generation kennen aus eigenem Erlebnis der
Vorkriegszeit nur das starke, stolze Reich, das im Inneren Einigung und
Bl�te, nach au�en schimmernde Wehr und hohe Geltung besa�. Die
Reibungen unseres innerpolitischen und wirtschaftlich-sozialen Lebens
schienen uns Wachstumsschmerzen, die keinen verschonen, aber mit denen
man fertig wird. Unsere Weltgeltung stand auf der St�rke einer
gewaltigen Kriegsmacht und einer Wirtschaftsmaschine von unerh�rter
Leistungsf�higkeit, aber auch auf sozialen Kulturtaten und geistigen
Leistungen, die vorbildlich waren. Mit diesen Eindr�cken von Macht,
Gr��e und Reichtum erf�llte sich unsere Seele. Wer von uns drau�en war,
sah auf allen Meeren, in allen L�ndern die Zeichen eines aufstrebenden,
gewerbeflei�igen, "in allen K�nsten und Hantierungen geschickten"
Volkes, das im Herzen Europas sa� und von dort aus das Reich seines
wirtschaftlichen und technischen Unternehmungsgeistes aufbaute. Das war
das Deutschland der j�ngsten Vorkriegsgeneration. Ihre V�ter und
Gro�v�ter noch hatten das andere alte Deutschland gekannt, jenes
Deutschland, das weltpolitisch und weltwirtschaftlich nicht viel mehr
als ein geographischer Begriff, "Provinz" war; jenes Deutschland,
dessen Getreideausfuhr der Londoner Produktenb�rse den Namen "Baltic"
gab, jenes b�uerlich-handwerkerliche Deutschland, das oft genug
auslaufende fremde Schiffe mit Sand als Ballast befrachten mu�te, weil
ihm Waren zur Ausfuhr fehlten, jenes Deutschland, dessen Vorstellung
f�r Gladstone noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts verbunden war
mit �rmlichkeit, Spie�b�rgertum, viel Milit�r und einem B�ndel von
Kleinstaaten. Und greift man nun zur�ck auf die ersten Jahrzehnte des
19. Jahrhunderts, dann taucht man in die schwere Luft eines
kontinentalen b�uerlich-handwerkerlichen Volkstums ein, das politisch
nicht zu eigener Form kam, dessen Ohnmacht im Konzert der V�lker mit
seiner Zersplitterung wetteiferte, und das im ganzen mehr Objekt als
Subjekt der hohen Politik war. Wenn in jenen Zeiten der deutsche Name
in fremden Landen respektvoll genannt wurde, dann war es um der Werte
des G e i s t e s willen. Wer von den gro�en Geistern unserer
klassischen Zeit war Prophet und Seher genug, vorauszuschauen, was aus
diesem Volke im Laufe zweier oder dreier knapper Generationen werden
sollte! Wer von ihnen h o f f t e auch nur auf jene Wendungen in
unserem Geschick, die wir als Volk bald nahmen? Dem Briten die See, dem
Franzosen das Land, dem Deutschen das Reich des Geistes: das war jene
nicht etwa schmerzvoll den Tatsachen entnommene, sondern aus innerstem
Bewu�tsein gewertete Teilung der Erde, die Schiller in einem seiner
Gedichte vor Augen hat. Freilich: das konnte der Dichter wohl nicht
ahnen, da� das "Luftreich der Gedanken" der Boden sein werde, auf dem
der beispiellose deutsche Aufstieg in der zweiten H�lfte des 19.
Jahrhunderts reifen w�rde. Man m�ge in dem trefflichen Buche: "Die
deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert" selbst nachlesen, was
Sombart mit gro�er Meisterschaft der Darstellung zu erz�hlen wei� von
dem Leben der dritten Generation vor uns, von ihrem Schaffen und M�hen,
von der Kleinheit -- und so schien uns wenigstens in den reichen Tagen
der Vorkriegszeit -- �rmlichkeit dieses Lebens! "Eine an D�rftigkeit
grenzende Einfachheit" allerorten, in Wirtschaft und Staat, im privaten
Leben und in der Gesellschaft!
Beengt, klein, d�rftig blieb im ganzen genommen das Dasein unseres
Volkes bis in hohe Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Gewi�, es kamen
schon st�rkere Impulse; im Westen und S�den regte sich industrielles
Leben, das in Friedrich List den genialen Anwalt seiner Bedeutung f�r
das ganze Volkstum fand. Aber der eigentliche Aufmarsch der deutschen
Wirtschaft zu jener St�rke und Geltung, in deren Bewu�tsein wir
aufgewachsen sind, liegt sehr erheblich sp�ter. Noch in den sechziger
Jahren hatten wir eine st�rkere Getreideausfuhr als Einfuhr; erst 1873
verschwand der letzte Getreideausfuhr�berschu�, der Weizen�berschu�. Es
war damals noch nicht die Konkurrenzunf�higkeit der deutschen
Landwirtschaft die Ursache der Einfuhr�bersch�sse bei Getreide, sondern
die verst�rkte Hinwendung der Landwirtschaft zum Kartoffel-,
Futtermittel- und R�benbau. Aber diese Wendung leitete eine
wirtschaftliche Umw�lzung ein: an der Zuckerr�be wurde eine der ersten
und bl�hendsten deutschen Industrien wach, auf den Kartoffelb�den des
Ostens entstand eine landwirtschaftliche Nebenindustrie (Brennereien
und St�rkefabriken) von gro�er Bedeutung. Im Westen und S�den
entwickelte sich im Anschlu� an eine alte Tradition des Gewerbeflei�es
eine Industrie der Textilien, des Eisens und der Kohle; sie hatte
jahrzehntelang einen schweren Stand gegen�ber der hochentwickelten
englischen Industrie wie auch gegen�ber dem franz�sischen und
belgischen Wettbewerb, der teilweise mit Ausfuhrpr�mien arbeitete.
Aufschwungsimpulse von gr��ter Bedeutung waren die Reichseinigung, die
Kriegsentsch�digung von 1870 und das gehobene Nationalgef�hl, das nach
dem glorreichen Kriege durch das deutsche Volk ging. Die Bev�lkerung
wuchs von Jahrzehnt zu Jahrzehnt in starken Rhythmen, das industrielle
Leben entfaltete sich, wenn auch �ber Wellent�ler von Depressionen weg,
so doch im ganzen stark und nachhaltig; die Schutzzollgesetzgebung von
1879 kr�ftigte jenes Doppelfundament der deutschen Wirtschaft,
Industrie und Landwirtschaft gegen die vom Weltmarkt her drohenden
Ersch�tterungen. Wenn schon in den letzten Jahrzehnten des 19.
Jahrhunderts die deutsche Industrie- und Reichtumsentfaltung den
ausl�ndischen Beobachtern so �berraschend -- und gestehen wir auch das,
in mancher Hinsicht �berst�rzt und gewaltsam -- vorkam, so waren das
nur Auftakte zu jener ungeheuren, fast m�chte man sagen: elementaren
Expansion, die mit dem neuen Jahrhundert einsetzte.
Drei Z�ge kennzeichnen diesen neuen Abschnitt der deutschen
Wirtschaftsentfaltung: das Aufschie�en von Riesenbetrieben, zumal in
der Kohlen- und Eisenindustrie, in der chemischen und
Elektrizit�tsindustrie; weiterhin der Organisationsproze� der deutschen
Wirtschaft in Gestalt von Betriebskombinationen, Kartellen, Syndikaten,
Interessengemeinschaften usw.; und drittens das Vordringen der
wissenschaftlich fundierten Industriewirtschaft, mit anderen Worten:
der wirtschaftlichen Auswertung naturwissenschaftlicher Forschungen
einerseits, andererseits des Aufbaues von Betrieben und Unternehmungen
nach Methoden, die wissenschaftlich auf ihre h�chste Zweckm��igkeit
ausgekl�gelt sind. W�hrend Gro�betriebe, Kartelle und Truste Ergebnisse
von Tendenzen sind, die alle moderne Wirtschaft in fast allen L�ndern
kennzeichnen, ist der Weg zur Wirtschaft �ber die Wissenschaft ein
spezifisch deutscher Weg gewesen; seine geistigen und sittlichen
Voraussetzungen lagen nur hier in der St�rke und Reinheit vor, die
n�tig waren, ihn zu beschreiten und zu erobern. Jedenfalls ist das
Schrittma� der deutschen Wirtschaftsentwicklung unter dem Antrieb jener
neuen Organisationsformen und Produktionsmethoden so schnell, da� in
seinem Gefolge schwerwiegende Erscheinungen im Inneren des deutschen
Volksk�rpers auftauchten. Noch schwerer wiegende nach au�en!
Ein wachsendes Volk auf schmaler Rohstoffbasis! Was das wachsende Volk
an Nahrung und Kleidung brauchte, konnte der deutsche Boden allein
nicht hergeben; die Einfuhr mu�te �ber eine Million Tonnen Brotgetreide
und f�r eine Milliarde Mark (Goldmark!) Futtermittel zuschie�en; dazu
Milliardenbeitr�ge f�r Wolle, Baumwolle, Erze usw. Wir k�nnten diese
wenigen Angaben noch vermehren um den Hinweis auf den stark
anwachsenden Tonnengehalt unserer Handelsflotte, die Ausweise unserer
Banken, die deutsche Kapitalanlage im Auslande, unsere Steuerkraft und
vieles andere mehr. Doch genug der Zahlen! Sie sind heute schmerzvolle
Erinnerungen. Wer sich sinnf�llig den Unterschied des damaligen und des
heutigen Deutschlands vergegenw�rtigen will, �berlege nur einen
Augenblick den Wert der Mark von heute gegen�ber dem der alten
Goldmark. Der Unterschied redet eine Sprache, die auch der Einf�ltige
versteht.
Und doch m�ssen wir noch einmal vom alten Deutschland reden, ehe wir
uns dem armen Deutschland unserer Tage zuwenden, und zwar nach einer
doppelten Hinsicht. Ein Volk, das keine Hoffnung mehr sieht und auf
Generationen hinaus W�stenwanderung vor sich hat, gibt sich auf. Haben
wir dazu Anla�? Wir h�tten Anla� dazu, wenn alle Wurzeln unserer
Vorkriegsbl�te verdorrt w�ren. Stellen wir fest, welches diese Wurzeln
waren. 1. La n d als Grundlage von Ackerbau und Viehzucht, Land als
Fundst�tte von Rohstoffen und Kraftquellen, Land als r�umliche
Grundlage von Leben und Wohnen. Nach allen drei Richtungen haben wir
schmerzvollste Verluste erlitten, aber keine, die nicht mehr oder
minder zu mildern w�ren. 2. Die nat�rliche Lebenskraft der N a t i o n:
Arbeitskraft, Geschlechtsverteilung, Altersaufbau, Gesundheit. Auch
hier sind schwere Einbu�en zu verbuchen, aber wiederum keine, die nicht
auszugleichen oder zu ertragen w�ren. 3. K a p i t a l k r a f t,
Verm�gensmacht, Reichtum, "Wohlstand": hier liegt die gewaltigste
Einbu�e vor, diejenige auch, die am wenigsten von heute auf morgen
ausgeglichen werden kann. Hier ist Anla�, in der Tat von einer
hochgradigen Verarmung zu reden. Teils ist sie eine Folge der
Ersch�pfung unserer Reichtumsquellen durch den Krieg, teils der
Auspl�nderung und Ausraubung durch den Frieden. Wenn es heute ein
"Proletariervolk" im Sinne eines Volkes, das in D�rftigkeit von der
Hand in den Mund lebt, gibt, dann sind w i r e s. Wir sind das
Proletariervolk, auf das f�r Jahrzehnte hinaus ungeheuerliche
Verpflichtungen gelegt sind. Wir sind ein verarmtes, ausgeraubtes Volk,
das noch von seiner H�nde Arbeit und von seiner Armut Fabelsummen in
Gold ausgepre�t bekommt. Hier liegt der Punkt, wo die Wirtschaftslage
in das allgemeine Leben des ganzen Volkes auf Jahrzehnte hinaus
empfindlich einzuschneiden droht. Alle Kultur, alle Zivilisation, alle
Bildung des Geistes und des Herzens, alle soziale F�rsorge, alle gute
Verwaltung, alle Schaffung von Recht und Sicherheit h�ngt mit tausend
F�den an der Wirtschaftsbl�te; sie entscheidet �ber das Leben
ungeborener Geschlechter, und vor allem dar�ber, ob der junge Aufwuchs
der Nation an Leib und Seele verkr�ppelt und verwildert aufw�chst oder
nicht; sie entscheidet dar�ber, ob Mitteleuropa zur�cksinkt in die
stumpfe Dumpfheit und Stickigkeit einer geistig und physisch elenden
Volksmasse, und weiterhin dar�ber, ob sich damit die Nachtschatten �ber
ganz Europa senken. Denn man kann nicht das Mittelst�ck eines Kultur-
und Zivilisationszusammenhanges mit frevlen H�nden herausbrechen und
sich dabei einbilden, das k�nnte den Anschlu�st�cken in Ost und West
von Vorteil sein. Die wirtschaftliche Ersch�pfung bei gleichzeitiger
�berb�rdung mit Verpflichtungen ist der Boden der schlimmsten
Gegenwartsbef�rchtungen; an diesem Punkte kann a l l e s fraglich
werden. Ob die Bef�rchtungen sich verwirklichen, h�ngt ab von der
Freiheit, die man unserer Arbeitskraft, unserer Unternehmungslust und
unserem Erfindergeist im fremden Lande gew�hren wird, und h�ngt nicht
zuletzt ab von der t�tigen Hilfe in Gestalt von Krediten,
Rohstoffvorsch�ssen und vor allem Verpflichtungserleichterungen, die
uns das Ausland gew�hrt 4. S i t t l i c h e E i g e n s c h a f t e n:
Arbeitswilligkeit, Arbeitsfreude, Arbeitsdisziplin, Sparsamkeit,
Gen�gsamkeit, Wille zum Vorw�rtsstreben, Mut zum Leben. Wer will
behaupten, da� diese Eigenschaften, die gewi� zeitweise getr�bt und in
manchen Einzelgruppen heute noch geschw�cht sind, im ganzen
unertr�glich gelitten h�tten? Nur interessierte B�swilligkeit oder
Unverstand kann derartiges behaupten. Festzustellen ist wohl, da� das
Ma� der Leistungen nicht so st�rmisch und ungez�gelt ist wie fr�her.
Aber das hat seine besonderen Gr�nde in schlechter Lebenshaltung,
wirtschaftlichen Beengungen durch den Friedensvertrag und seine Folgen
und ist �brigens zu einem Teil eine verst�ndliche Reaktionserscheinung
auf de ungeheueren Anforderungen der letztem sieben Jahre. 5. D e r
d e u t s c h e S t a a t. Sicher war das alte Staatsgef�ge mit seiner
inneren Ordnung, seiner St�rke und Macht nach au�en ein gewichtiger
Hebel wirtschaftlichen Aufstiegs. Zweifellos hat die allgemeine
Heerespflicht Eigenschaften geweckt und gef�rdert, Sachverhalte
geschaffen, die der Wirtschaft zugute kamen. Was ein starker, politisch
unabh�ngiger Kultur- und Machtstaat der Wirtschaft zu bieten vermag,
wei� kein Volk besser als das deutsche. Wir m�ssen uns mit dem Gedanken
vertraut machen, da� unser Staat von heute so schwer nach au�en und
innen zu tragen hat, so �berb�rdet ist mit Aufgaben und toten Lasten,
da� ihm die Wirtschaft eher helfen mu�, als er der Wirtschaft helfen
kann. Das sind Folgen des Krieges und des Friedens, Folgen aber auch
der gerade in Deutschland so weit verbreiteten Neigung, in allen N�ten
des Lebens nach dem Staate zu rufen. Und doch ist es nicht so, wie
mancher wohl gelegentlich denken m�chte, als ob der Staat von heute nur
eine tote Last unserer Wirtschaft sei. Auch heute lebt die Wirtschaft
auf dem Boden des staatlich gesicherten Rechtes und der staatlich
gew�hrleisteten Ordnung. Und vor jedem vorschnellen Urteil sollte man
bedenken: Das Staatsgef�ge in Deutschland hat eine ungeheuere
Anspannung und Probe ausgehalten, ohne unterzugehen! Gewi�, es hat sich
neue Formen geschaffen; es ringt in manchen Hinsichten noch mit sich
selbst und den neuen Verh�ltnissen -- aber das Wesentliche ist
gesichert: im neuen Staate sind die Unterlagen des Wirtschaftslebens
und die Voraussetzungen eines wirtschaftlichen Aufbaues gegeben. Es ist
Aufgabe des Staates, auf seinem Gebiete der Wirtschaft aufzuhelfen; es
ist Aufgabe der Wirtschaft, mit ihren Mitteln den Staat zu st�tzen. Die
Vorstellung, es k�nne eines von beiden o h ne e das andere gedeihen,
ist eine gef�hrliche Illusion.
Das ist der e i n e Blick auf das alte Reich, ein Blick, der uns
vergegenw�rtigen sollte, wieviel noch von den Pfeilern der alten Macht
und Gr��e steht und Tragkraft besitzt f�r den Neubau. Und nun der
andere Blick auf das alte Reich: wieviel von den N�ten, Sorgen und
Schwierigkeiten unserer Gegenwart lagen in ihm schon mit zugrunde! Aus
der Tiefe seiner Armut k�nnte es einem kommenden Geschlecht einmal
scheinen, als ob in den glanzvollen Jahrzehnten des Kaiserreiches eitel
Friede und Wohlfahrt in Deutschland geherrscht habe. Und ein
Geschlecht, das in seinen Tagen die Fehden blutd�rstiger Matabelest�mme
auf europ�ischem, politisch zerkleinertem Boden zu erleben glauben
wird, k�nnte vielleicht einmal denken, der europ�ische Friede vor dem
Kriege sei eitel V�lkerfreundschaft gewesen. Solche Auffassungen haben
mit der Wahrheit sehr wenig gemein. Das von jeher an Gegens�tzen und
Spannungen so reiche deutsche Leben hat auch unter dem zweiten
Kaiserreiche den inneren Frieden nicht gefunden. Gewi� trat der alte
Bruch zwischen Nord und S�d f�r das Bewu�tsein der jungen Generationen
als eine praktisch erledigte Angelegenheit, deren gef�hlsm��ige
Restbest�nde allm�hlich ganz erl�schen werden, zur�ck; auch war nach
dem Einschwenken in der Kulturkampfpolitik der konfessionelle Gegensatz
kein auseinanderrei�endes Element mehr, soviel Kraft er im �brigen noch
verschlingen mochte. Aber daf�r ging der Ri� der w i r t s c h a f t
l i c h - s o z i a l e n G e g e n s � t z e in Gestalt des
Klassenkampfes durch unser Volk. Wie die moderne Wirtschaftsverfassung,
zumal in ihrer hochgesteigerten deutschen Gestalt, Besitz und Verf�gung
�ber die Produktionsmittel von der Arbeit an ihnen trennt, so
schichteten sich auch politisch und sozial die Gruppen. Hier Besitz und
wirtschaftliche Machtverf�gung, dort Nichtbesitz und ausf�hrende
Arbeit; hier st�rkste soziale Geltung mit erh�hten politischen Rechten
und Anspr�chen, dort tats�chliche soziale Mindergeltung und politische
Minderberechtigung; hier die relativ d�nnen Schichten, die mit Stolz
Besitz und Bildung berufen konnten, dort die ungeheueren Massenheere
der Arbeiterschaft, besitzlos, hungrig nach Bildung und Wissen. Das war
der Sachverhalt, der den Ausgangspunkt gef�hrlicher innerer Spannungen
abgab, der den Trennungsstrich zog durch das Volk, und der, so schien
es manchmal, zwei feindliche V�lker auf einem Boden und in einem
Staatsverbande zusammenhielt. Wenn schon festzustellen ist, da� der
sch�rfste Radikalismus von beiden Seiten sich allm�hlich abstumpfte,
und wenn schon zugegeben werden mu�, da� die staatliche Sozialpolitik
sehr viel zur Milderung der Konflikte tat, so traf doch noch der
pl�tzliche Kriegsausbruch in eine Spannung der Gegens�tze, die nicht
unbedingte Sicherheit gab, da� die Zusammenfassung aller Kr�fte nach
au�en restlos gew�hrleistet, der Burgfriede nach innen gewahrt sei. --
Und noch eine Frage der Vorkriegszeit ragt in unsere Gegenwart hinein,
doppelt und dreifach versch�rft. Es ist Tatsache, da� unser
Volkswachstum, getragen von dem gigantischen Aufschwung unserer
Wirtschaft, mit der Folge der �berfl�gelung aller �brigen europ�ischen
Wirtschaften politisch unsere Lage erschwerte. Gegnerschaften, die das
alte Deutschland von vor 1870 nie herausgefordert hatte, forderte das
hochindustriell entwickelte Deutschland heraus. Verst�ndliche
Besorgnis, Machtgier und Racheinstinkte schlugen vor dem Bilde des
wirtschaftlich so gewaltig sich reckenden Deutschland zur verzehrenden
Flamme empor und f�hrten Staaten zu feindlichem Bund zusammen, deren
Lebensinteressen an sich gegeneinanderstanden. Es wird sich zeigen, wie
die Wirtschaftslage auf die politische Konstellation heute unheilvoll
nachwirkt, teils infolge des Friedens und des Londoner Ultimatums,
teils als Folge unserer trotz Kriegsverlust �u�erlich scheinbar
intakten Wirtschaft.
Man hat gesagt, der Versailler Vertrag sei die Urkunde des neuen
Europas. Unser Volk wei� und f�hlt es Tag f�r Tag, da� er allerdings
die ha�- und infamieges�ttigte Urkunde s e i n e s Lebens ist. Seine
Einzelheiten wollen wir nicht betrachten; aber was er im gr�bsten f�r
uns bedeutet, bedarf der Skizzierung. Er raubt uns ganze L�nder und
Provinzen. 6,7 Millionen Hektar Fl�che schneidet er in Ost und West aus
dem deutschen Gebietsk�rper heraus. Er nimmt uns alle Kolonien. Fast 6
Millionen Menschen, von denen die Mehrzahl Deutsche sind und deutsch
f�hlen, spricht er mit oder ohne Abstimmung fremden V�lkern zu.
Au�erdem werden 32 000 Quadratkilometer unseres Staatsgebietes
langj�hriger Besetzung und feindlichen Eingriffen unterworfen, die
wiederum auf 6,5 Millionen Menschen ihr Zwangsjoch legen. Suchen wir
uns zu vergegenw�rtigen, was nur diese wenigen Bestimmungen des
Friedensvertrages wirtschaftlich besagen. Eine Regierungsdenkschrift
hat berechnet, da� ohne Ber�cksichtigung der Abstimmungsgebiete 14,9%
unserer Ackerfl�che durch die Abtretungen verloren gehen. Naturgem��
bedeutet das st�rkste Einbu�e an landwirtschaftlichen Ertr�gen, um so
mehr, als die verlorenen Ostgebiete geradezu die Korn- und
Kartoffelkammern des Reiches darstellten. Man hat berechnet, da� 19%
der Roggenernte, je 20% der Gersten- und Kartoffelernte und teilweise
noch h�here Prozentzahlen bei anderen Produkten mit der Abtretung jener
Gebiete unserer Volksern�hrung verloren gegangen sind. Also rund ein
F�nftel der deutschen Ern�hrungsgrundlage! Dazu der Verlust an unserem
stark verminderten Viehstapel. Diese Einbu�en verst�rken sich dadurch,
da� in jenen abgetretenen Gebieten nur 13,3% der deutschen Bev�lkerung
wohnten. 3,6 Millionen Menschen durchschnittlich k�nnten von den � b e r
s c h � s s e n der verlorenen Provinzen ern�hrt werden, wenn man
jene Mehl- und Kartoffelrationen zugrunde legt, die 1920 zugeteilt
wurden. Mit anderen Worten: Die Schwierigkeit der deutschen
Volkswirtschaft, ihre Menschen zu ern�hren, ist heute, zur Zeit ihrer
allgemeinen Verarmung und Belastung, weitaus gr��er als in jenen
reichen Tagen der Vorkriegszeit! Um so mehr, als durch den Raubbau
w�hrend des Krieges die Ertr�ge der B�den und das Schlachtgewicht
unserer Viehstapel erschreckend zur�ckgegangen sind. Problem: bei
verminderter Fl�che und ab gewirtschafteten B�den die Bedarfsversorgung
einer nicht im gleichen Umfange zur�ckgegangenen Bev�lkerung zu
gew�hrleisten. Und wir m�ssen noch hinzuf�gen: den Bedarf einer
Bev�lkerung, die teilweise entkr�ftet ist durch die mangelnde
Ern�hrung, die 1,7 Millionen ihrer kr�ftigsten M�nner verloren bat, die
1,5 Millionen ganz oder teilweise erwerbsunf�higer Kriegsbesch�digter
zu versorgen hat, und deren Kaufkraft f�r die Erzeugnisse des Auslandes
ins Bodenlose zusammengefallen ist. Das ist eine Bergeslast, die der
Friedensvertrag auf uns w�lzte; unsere landwirtschaftliche
Eigenversorgung ist v�llig unzureichend; an ihr und an unserem
verbliebenen Wohlstand gemessen, sind wir ein �berv�lkertes Land.
Mancher mag geneigt sein, das nicht so tragisch zu nehmen. Er erinnert
an die wachsenden Millionen der Vorkriegszeit, f�r die ja auch die
Eigenversorgung des deutschen Bodens nicht auslangte, und tr�stet sich
damit, unsere I n d u s t r i e m�sse den �berschu� an Menschen
ern�hren. Doch so einfach liegen die Dinge nicht mehr. Zun�chst ist die
Quote der heute auf die Industrie angewiesenen Menschen verh�ltnism��ig
gr��er als damals. Und weiterhin kann die Industrie die Menschen nur
dann ern�hren, wenn sie 1. Ausfuhrm�glichkeiten hat, die auf G e g e n
l e i s t u n g e n beruhen, und 2. wenn ihre eigene Kraft nicht
gel�hmt ist. Zum ersten Punkt sei in diesem Zusammenhange nur kurz
bemerken, da� die geschm�lerten Ausfuhrm�glichkeiten der deutschen
Industrie von heute im gr��ten Umfange o h n e Gegenleistung sind. Es
sind gro�enteils einseitige Leistungen, die direkt oder indirekt auf
Konto der Reparation laufen und in diesem Umfange tote Lasten unserer
Wirtschaft darstellen, f�r die in Deutschland zwar Millionen fronden,
von denen aber keiner leben kann. Davon abgesehen aber hat der
Friedensvertrag auch die Grundlagen unserer Industrie erheblich
geschm�lert. Sch�tzungsweise ein Viertel unserer deutschen
Kalif�rderung ging mit Elsa�-Lothringen verloren; wichtiger als der
F�rderverlust ist der Verlust der Monopolstellung, die Deutschland auf
dem Kalimarkte hatte. 79% unserer vor dem Kriege gef�rderten Eisenerze
-- das R�ckgrat unserer Industrie und jeden industriellen Lebens --
sind durch den Verlust Lothringens und den Zollausschlu� Luxemburgs
dahin; ungef�hr 9% unserer Kohlenf�rderung ist, wenigstens f�r 15
Jahre, durch die Abtrennung des Saargebietes uns entzogen; ungef�hr
zwei F�nftel unserer Kohlengesamtf�rderung w�re verloren, wenn
Oberschlesien an Polen f�llt[1].
[1] Das ist inzwischen geschehen, indem der V�lkerbund gerade
die industriereichen Teile Oberschlesiens Polen zusprach.
Das Ruhr-, Wurm- und mitteldeutsche Kohlengebiet ist alles, was uns
verbleibt. Aber auch deren F�rderung steht nicht zu unserer freien
Verf�gung. Der Friedensvertrag belastet uns auf in Jahre mit
Lieferungen an die Entente, die sich auf �ber 40 Millionen Tonnen
stellen. Das Spaaer Abkommen hat dann diese Phantasieforderung
erm��igt. Da uns auch die freie Verf�gung �ber die oberschlesische
Kohle seit der Besetzung des Landes genommen ist, ruht die schwere Last
der Versorgung auf dem Ruhrrevier. Diesem Anfordern war weder die alte
Belegschaft gewachsen, noch langten die F�rder- und
Verkehrseinrichtungen. Die Wirkung war eine doppelte: Es mu�ten die
Belegschaften vermehrt und die Verkehrsm�glichkeiten gesteigert werden
-- was nur mit ungeheueren Opfern seitens des Reiches zu machen war
(Wohnungsbauten, L�hne, Lebensmittelzusch�sse) --, und es mu�ten
deutsche Betriebe in ihrem Kohlenverbrauche sich beschr�nken, oft genug
gar die Arbeiter entlassen und stillliegen, weil die
Zwangslieferungskohle vorgeht. Das waren zeitweise geradezu
katastrophale Zust�nde, die an das Mark unseres industriellen Lebens
r�hrten. Heute ist in der Tat die Rohstoffdecke zu knapp geworden, an
Kohle, an Zinkerzen, an Blei usw. Heute hat der deutsche Osten noch
weniger als bisher die M�glichkeit, seine Menschen festzuhalten,
w�hrend das Ruhrrevier schlimmer als je bisher mit Anforderungen f�r
die deutsche Wirtschaft aller Provinzen belastet und f�r deren
Erf�llung mit Menschen unerw�nscht dicht belegt werden mu�. Das sind
Verschiebungen, die unsere industrielle Basis ersch�ttern, uns
au�erstande setzen, unsere Menschen selbst zu ern�hren, und die
nat�rlich uns vorher zum Aussetzen unserer Vertragsleistungen an die
Entente zwingen -- mit der Wirkung um�bersehbarer politischer Folgen!
Das sind nicht die einzigen Beschneidungen unseres Daseins durch den
Friedensvertrag. Der Vertrag raubt das deutsche Volk mit einer
Gr�ndlichkeit und Schamlosigkeit nach allen Richtungen hin aus, in der
sich Ha�, Brutalit�t und Pharis�ertum zu einer widerlichen Fratze
verbinden. Kein Guthaben im Auslande, kein Schiffspark, kein Kabel,
keine Anspr�che, Rechte und Privilegien, keine Patente und keine
Gebrauchsmuster werden �bersehen. Und um die ganze Schamlosigkeit
dieses Raubzuges wird der Pharis�ermantel der vergeltenden
Gerechtigkeit gelegt. Alle gerechte Entr�stung �ndert nichts daran, da�
die wertvollen Posten unserer Wirtschaft in Gestalt von
wirtschaftlichem, milit�rischem und maritimem R�stzeug allesamt
verloren sind, und da� die Sieger sich auf deutschem Boden und in der
deutschen Wirtschaft Rechte zwangsm��ig usurpiert haben, die die an
sich schon schmale Basis des deutschen Bodens und der deutschen
Hoheitsrechte unerh�rt verengen. In richtiger Erkenntnis der Sachlage
schrieb die englische Zeitschrift "Nation" vom 22. M�rz 1919: "Es gibt
Leute in und au�er Europa, die, wenn sie vom Frieden sprechen,
Diebstahl meinen. Sie m�chten Deutschland seine Bergwerke stehlen,
seine Kabel, Kan�le, Kohlen, Land, Schiffe, Kredit, Industrien,
Patente, Handelsgeheimnisse; sie m�chten seine Grenzsteine verschieben
und seine offene Brust allen Feinden an allen Ecken und Enden
preisgeben. Das w�re das Ende von Europas Zivilisation."
Gerade die letzterw�hnten Verluste m�ssen den Versuch, durch verst�rkte
industrielle T�tigkeit wiederum zu Atem und Leben zu kommen, aufs
st�rkste gef�hrden. F�nf Jahre war uns der Weltmarkt entfremdet. In
dieser Zeit reifte einerseits der amerikanische und japanische Weizen
im Welthandel, industrialisierten sich andererseits manche
Auslandsm�rkte, um f�r jetzt und in Zukunft unabh�ngig zu sein von
Versorgungsst�rungen auf Grund europ�ischer Verwicklungen. Typische
Beispiele: Holland und D�nemark legen sich Eisenh�tten zu, Schweden
baut seine H�tten- und Stahlwerke aus, Amerika entwickelt eine gro�e
Farbenindustrie, Argentinien und Brasilien bem�hen sich um industrielle
Selbstversorgung auf wichtigen Gebieten. W�hrend des Krieges wurde
gerade von England eine intensive Zerst�rung aller deutschen
�berseeinteressen vorgenommen, bis zur Vernichtung der Gesch�ftsb�cher,
der Aufstellung schwarzer Listen, des geistigen Diebstahls an deutschen
Patenten und Gesch�ftsmethoden und vor allem bis zur Verzerrung des
deutschen Antlitzes vor der Welt zur Fratze, mittels einer L�ge und
Verleumdung zu systematischen Kampfmitteln erhebenden beispiellosen
Hetzpropaganda. Wer will ermessen, welche Barren gerade der Raub des
deutschen guten Namens dem deutschen Handel und Gewerbeflei� in der
ganzen Welt bereiten mu�? Wer will auf Milliarden aufz�hlen, was uns
die raffinierte Bearbeitung der �ffentlichen Meinung in aller Herren
L�nder durch das feindliche Kabelmonopol gekostet hat und noch kostet?
Dieser Verlust des deutschen guten Namens vor aller Welt geh�rt sicher
mit zu den schlimmsten Kriegsverlusten. Es wird unserer z�hesten und
unerm�dlichsten Arbeit bed�rfen, allm�hlich durch diese Berge von
Verleumdung, Ha� und Vorurteil zu dringen, die sich schlimmer als eine
Blockade um uns legen und uns das moralische Recht und das
wirtschaftliche Leben unertr�glich schm�lern. Hier hilft uns die doch
zu offensichtige Brutalit�t und Ungerechtigkeit des Friedensvertrages,
hier hilft uns das allm�hliche Wachwerden des Anstands- und
Wahrheitsempfindens in allen edlen Geistern aller Nationen. "Von nun an
m�ssen wir uns der Aufgabe widmen, diesen Schandfleck des Versailler
Vertrages von dem guten Namen Englands auszul�schen." ("Daily Herald",
10. Mai 1919.)
Bis zum 1. Mai 1921 sollte nach Bestimmung des Friedensvertrages die
sogenannte Wiederherstellungssumme, die aber in der Art, wie sie
berechnet wird, tats�chlich eine Kriegsentsch�digung darstellt,
festgelegt werden. Es ist bekannt, da� diese Summe durch das Londoner
Ultimatum diktiert und die deutsche Unterschrift unter sie erpre�t
wurde. Gefordert wurde vom deutschen Volke ein Gesamtbetrag von 132
Milliarden Goldmark, abzahlbar in j�hrlichen Raten von 2 Milliarden,
zuz�glich 26% des Wertes unserer Ausfuhr in Gold, dazu Leistungen auf
Grund von Ausgleichsforderungen und Besatzungskosten, deren H�he nicht
festgelegt ist, aber in die Goldmilliarden geht. Die furchtbare Last
dieser j�hrlichen Zahlungen erstreckt sich nach den festgesetzten
Verzinsungs- und Tilgungsgrunds�tzen auf weit mehr als ein
Menschenalter. Diese wenigen Daten umschlie�en die Schuldknechtschaft
eines ganzen Volkes und sind von einer H�rte, wie sie in aller
Geschichte unerh�rt ist.
An der Wiege solcher Friedensbedingungen hat weder die politische noch
die wirtschaftliche Vernunft gestanden. Das haben die leider so wenigen
Einsichtigen in allen L�ndern deutlich ausgesprochen. Auf den inneren
Widersinn dieser Entsch�digungsforderungen wies vor allem die englische
Zeitschrift "The Nation" hin, die das Problem ganz richtig fa�te:
entweder zahlt Deutschland jene Unsummen, dann nur, indem es uns die
Ausfuhrm�rkte ruiniert und uns wirtschaftlich aufs �u�erste bedr�ngt;
oder wir unterbinden ihm unsere M�rkte, dann kann es nicht zahlen.
Durchaus zutreffend! Es wird ja niemand im Ernst glauben, aus dem
deutschen Boden selbst lie�en sich jene Summen herausstampfen, sie sind
eben nur beschaffbar, wenn die deutsche Arbeit f�r fremde V�lker sie
erst hereinholt und zur Verf�gung stellt. Aber auch das ist richtig:
Werden de Forderungen nicht erf�llt, dann drohen politische
Zwangsmittel in Gestalt von Neubesetzungen, Sanktionen, die unserer
politischen Selbst�ndigkeit den letzten Rest geben, die eine dauernde
Gef�hrdung des europ�ischen Friedens sind, und die mit dem Zerbruch des
Reiches enden k�nnten. Der Reichskanzler Wirth hat das zutreffend
formuliert: "Wir k�mpfen mit unserer Arbeit um unsere Freiheit als Volk
und Staat."
* *
*
Das ist der furchtbare �u�ere Rahmen unseres Daseins. Aus ihm heben
sich deutlich die Probleme heraus: Wie heilen wir im Lande selbst die
furchtbaren Wunden des Krieges? Wie bringen wir die Mittel auf zur
Erf�llung der ungeheueren Verpflichtungen nach au�en? Welche
wirtschaftlichen und sozialen Weiterwirkungen schlie�en sich an die
Erf�llung dieser Aufgaben bzw. an den Versuch ihrer Erf�llung an?
Die Not im Lande selbst ist sehr vielgestaltig. Sie �u�ert sich als
Gef�hrdung der physischen Volkskraft und Volksgesundheit und tritt im
einzelnen in Erscheinung als mangelnde Ern�hrung weiter Kreise, Mangel
an Kleidung und W�sche, fehlende Wohnungen, ungen�gende
Wohnungseinrichtungen. Ein Ausdruck dieser Not sind die
Sterblichkeitsstatistiken und die Ausweise der Krankenkassen. Die
Ursachen dieser Not sind die Ersch�pfung unseres Wohlstandes durch den
Krieg, die starke Herunterwirtschaftung unseres Sachkapitals, die
Aushungerung unserer B�den, die Aufzehrung der privaten Vorr�te und
Ausstattungen, die Leistungen an die Entente auf Grund von
Waffenstillstand und Friedensvertrag, der Aufkaufshunger f�r alle
m�glichen, teilweise sehr gut entbehrlichen Auslandsg�ter nach dem
Kriege. Diese Aufz�hlung w�re ungenau, wenn sie an jenen Sch�digungen
des Volksverm�gens vorbeiginge, die mit der Gebietsbesetzung, mit
Streiks und Aussperrungen, mit b�swilliger Wertvernichtung und Revolten
zusammenh�ngen. Unleugbar haben auch einige Bestimmungen des neuen
Arbeitsrechtes Sch�digungen mit sich gebracht. Im gro�en Ganzen hat die
Volkswirtschaft noch nicht jene Umschichtung der Berufe und
R�ckschichtung der Bev�lkerung weg von den St�dten erreicht, die der
neuen Wirtschaftslage entsprechen: das sind weitere Quellen
vielgestaltiger Not. Im weiteren darf nicht �bersehen werden, da� die
Aufl�sung des alten Heeres, von Teilen der alten B�rokratie, die
R�ckwanderung Deutscher aus verlorenen Gebieten und die Vernichtung
vieler Rentner-, Mittelstands- und Kleinexistenzen des b�rgerlichen
Lebens durch Krieg und Kriegsfolgen die Schleusen der Not in weiteren
Schichten ge�ffnet haben. Eine Denkschrift der Regierung, die f�r die
Londoner Verhandlungen fertiggestellt wurde, beziffert das deutsche
Volkseinkommen gegenw�rtig auf 234 Milliarden Papiermark == ungef�hr
22-23 Milliarden Goldmark. Vor dem Krieg berechnete man das
Volkseinkommen auf 43 Milliarden Goldmark! Daraus ergibt sich die
gewaltige Senkung des Realeinkommens des Volkes -- und von diesem so
geminderten Realeinkommen sollen die Leistungen an die Entente und die
Steuern f�r Reich, L�nder und Gemeinden aufgebracht werden! Hier steht
die elementare Bedingung unseres Daseins als Volk und Staat vor uns:
wir m�ssen a l l e Produktivkr�fte aufs � u � e r s t e anspannen, um
das physische Leben und die politische Freiheit zu erhalten. Unsere
Existenz steht auf der Schneide der �u�ersten Wirtschaftsergiebigkeit.
Daraus die Forderung, alle sachlichen und geistigen Voraussetzungen
gesteigerter Produktivit�t anzuspannen, allen �berfl�ssigen Verbrauch
zu meiden.
Was brauchen wir zur Steigerung der Produktion? Zun�chst nat�rlich
Rohstoffe. Als deren Quelle kommen in Betracht die nat�rlichen
Rohstofflagerst�tten und die Landwirtschaft. Erstere sind die Kohlen-
und Erzadern, die Gesteine und sonstige industriell verwertbaren G�ter,
die das Bodeninnere birgt. Ihnen gegen�ber -- als den durch Abbau
ersch�pfbaren G�tern -- stehen die landwirtschaftlich in regelm��iger
Wiederkehr erzeugten G�ter. Nach beiden Richtungen hin haben wir
betr�chtliche Einbu�en erlitten durch Gebietsverluste, Raubbau und
Belastung mit Abgaben.
Mit dem Rest mu� umso schonender umgegangen werden; denn die
Bodensch�tze sind entweder �berhaupt nicht k�nstlich vermehrbar, oder
nur durch Mehraufwand von Arbeit und Kapital. Abbau und Anbau stehen
au�erdem auf der Spitze der Rentabilit�t. Wenn wir schon vor dem Kriege
eine starke Einfuhr von Erzen, Kohle und �len hatten, von
Nahrungsmitteln, Futtermitteln, Textilien und Rohstoffen aller Art, so
k�nnen wir sie heute noch viel weniger entbehren. Wir brauchen die
Einfuhr, weil das Ausland vielfach ergiebigere Fundst�tten und B�den
hat und daher billiger liefert. Wir brauchen sie, weil sie Bestandteil
neuer Ausfuhr werden, nachdem sie durch deutsche Arbeit zu fertigen
Produkten veredelt sind. Im Grade der Einfuhr verschulden wir uns; aber
diese Verschuldung ist so lange unbedenklich, als ihr deutsche
Gegenleistungen in Gestalt rentabler Ausfuhr gegen�berstehen.
Unvermeidlich ist, da� gro�e Einfuhrposten f�r de Deckung des
notwendigen, seit dem Kriege so stark vernachl�ssigten Eigenbedarfs des
deutschen Volkes hereinkommen. Das bedeutet zun�chst eine Belastung der
Zahlungsbilanz oder eine Verschuldung durch Kredite; in jedem Falle
m�ssen auch diese Betr�ge durch Ausfuhr oder durch andere geldwerte
Gegenleistungen gedeckt werden, entweder aus laufenden
Wirtschaftsertr�gen oder aus der Substanz des Volksverm�gens. Wenn
einsichtige Wirtschaftspolitiker schon vor dem Kriege den starken
Materialverbrauch beklagten, die Zerst�rung lebendiger menschlicher
Arbeit durch ein unwirtschaftliches Vergeuden von Rohstoffen, so gilt
das heute nat�rlich zehnfach. Rohstoffe sind kristallisierte
Arbeitsstunden, Arbeit ist unser wertvollstes Kapital. Fahrl�ssigkeit,
B�swilligkeit und Unverstand zerst�ren nach einem Worte Friedrich
Naumanns mehr als Feuersbrunst und �berschwemmung. Dieses Gebot
wirtschaftlichster Rohstoffverwertung hat zwei Seiten: das Haushalten
mit dem Material der M e n g e und der G � t e nach. Wer verwaltet
unsere Rohstoffe? Drei gro�e Stoffverbraucher kennen wir: die Betriebe
in Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft, die Haushaltungen und die
�ffentlichen Verb�nde. Bez�glich der Haushaltungen ist ohne weiteres
klar: vom Geschick vorwiegend der deutschen Hausfrau h�ngt es ab, wie
mit den Verbrauchsg�tern gewirtschaftet wird. Das ist teilweise eine
Erziehungsfrage. Wie viele Hausfrauen haben sich je �ber zweckm��ige
Stoffverwendung Gedanken gemacht? Tausende von Frauen, nicht nur aus
Arbeiterkreisen, verwirtschaften ohne Ahnung von den Folgen ihres
Ungeschickes Milliardenwerte. Das ist teilweise auch eine Folge der
Frauenberufsarbeit. Wer die Verh�ltnisse in den Arbeiterfamilien der
Industriereviere kennt, wei�, da� die erwerbst�tige Frau die k�rzesten
Methoden der Haushaltsf�hrung vorzieht und vielfach gerade wegen ihrer
Berufst�tigkeit vorziehen mu�. Neben den Sch�den, die die
Frauenberufsarbeit f�r das Familienleben und die Erziehung mit sich
bringt, liegen in der unwirtschaftlichen Stoffverwendung bedenkliche
volkswirtschaftliche Seiten der Frauenberufsarbeit. Was die
Materialverwertung der �ffentlichen Verb�nde anlangt, so hat die
Kriegszeit dort in erschreckendem Ma�e gezeigt, wie wenig hier den
Anforderungen einer vern�nftigen Bewirtschaftung Rechnung getragen
wurde. Die bureaum��ige Verwaltung von �ffentlichen Betrieben und
Verbrauchseinrichtungen hat eben nicht jene Motive zum sparsamen
Haushalten und jene scharfen Kontrollm�glichkeiten, die die
Privatunternehmung hat. Dem rein verwaltungsm��ig gerichteten Sinn
fehlt vielfach die Einsicht in die wirtschaftliche Bedeutung
sparsamster Materialverwertung. Aber selbst in der privaten
Unternehmung sind nicht ohne weiteres die Garantien f�r sparsame und
zweckm��ige Rohstoffverwendung gegeben. Zwar dr�ngt das Interesse der
Unternehmung am m�glichst hohen Geldertrag auf �u�erste Zweckm��igkeit
und Ergiebigkeit in der Verwendung aller Produktionselemente; aber hier
ist es wiederum eine Frage der Erziehung und der Einsicht der
Arbeitskr�fte, ob sie mit den ihnen anvertrauten Wirtschaftsg�tern
m�glichst schonend umgehen. Keine Aufsicht kann das eigene
Mitbesorgtsein der Arbeiter ersetzen. Dieses Mitbesorgtsein zu wecken
und zu erhalten, ist gro�enteils eine Sache der Erziehung, des
Verantwortungs- und Gemeingef�hls und der Einsicht. Hier m�ndet die
Aufgabe des Rohstoffschutzes unmittelbar in ethische und soziale
Voraussetzungen. Die zweckm��ige Rohstoffverwendung in der privaten
Unternehmung ist gleichzeitig eine Frage der Betriebsgr��e, der
Betriebsorganisation und der Produktionsweise. Die objektiv st�rkste
M�glichkeit wirtschaftlicher Produktion hat der kombinierte
Gro�betrieb, der sich in der Produktion einstellt auf normalisierte und
typisierte Erzeugnisse. Wieviel nach dieser Richtung in Deutschland
noch fehlt, beweisen die Klagen f�hrender Industrieller und z�nftiger
Volkswirte.
Rohstoff�konomie ist also Haushalten mit den Unterlagen unseres
Daseins. Neben der Verf�gung unserer Sachg�ter ist die wichtigste
dieser Unterlagen die l e b e n d i g e A r b e i t s k r a f t. Das
volkswirtschaftliche Ziel hat Rathenau in Anbetracht unserer Lage
einmal dahin zusammengefa�t: "Es ist n�tig, ...den Wirkungsgrad
menschlicher Arbeit so zu steigern, da� eine verdoppelte Produktion die
Belastung zu tragen vermag und dennoch ihre Hilfskr�fte besser entlohnt
und versorgt werden." Das ist durchaus richtig. Wenn das Kapital, mit
dem wir neu anfangen, im wesentlichen unsere Arbeit ist, dann mu� mit
dieser Arbeit sparsam umgegangen werden. Sie darf nicht vergeudet
werden durch Produktion von entbehrlichen G�tern, sie darf nicht durch
Raubbau abgewirtschaftet werden. Es m�ssen alle technischen,
organisatorischen und sozialen Voraussetzungen geschaffen werden, um
die m�glichst gro�e Produktionssteigerung durch m�glichst sparsamen
Arbeitsaufwand zu erreichen. Auch hier wieder die Voraussetzung:
Bildung und Erziehung der heranwachsenden Geschlechter, Erf�llung mit
Einsicht in den Ernst der Verantwortung f�r das Ganze, Abwehr aller
Neigung zu einem resignierten Versinken in die stumpfe Fron f�r den
laufenden Tag.
Diese Aufrechterhaltung unserer Arbeitskultur und Wirtschaftsh�he ist
wiederum gebunden an stoffliche Unterlagen, n�mlich an den
ausreichenden S u b s i s t e n z f o n d s der Nation. Man spricht
gew�hnlich davon, es m�sse gen�gend "Kapital" vorhanden sein, um die
Arbeits- und Wirtschaftskultur wie �brigens die Gesamtkultur des ganzen
Volkes, die ja immer irgendwie an sachliche Unterlagen gebunden ist, zu
erhalten. Die Quelle dieses Kapitals aber ist die Differenz zwischen
Volkseinkommen und Verbrauch, mit anderen Worten: das nichtverbrauchte
"ersparte" Volkseinkommen. Von zwei Seiten her kann diese
Kapitalbildung gef�rdert werden: von der Erh�hung des Volkseinkommens
durch erh�hte Produktion und von der Minderung des Verbrauches her.
Unsere Lage zwingt uns, beide Wege zu beschreiten: die Produktion aufs
�u�erste zu steigern, den Verbrauch an allem Entbehrlichen m�glichst
zur�ckzudr�ngen. Das wird f�r Jahrzehnte unser Schicksal sein, ein
Schicksal, dessen H�rte nur dadurch ertr�glich ist, da� es uns die
Aussicht gibt, die Einheit des Reiches und des Volkes durch alle
F�hrlichkeiten des verlorenen Krieges und des Friedens hindurch zu
retten. Die besondere Schwierigkeit unserer Kapitalneubildung liegt
darin, da� sie mit ungew�hnlichen Belastungen zu rechnen hat. Die
Belastungen bestehen in den geschilderten Zahlungsverpflichtungen
gegen�ber der Entente, in der gewaltigen Steuerlast, in der ung�nstigen
Entwicklung des Au�enhandels (der im vergangenen Jahre mit zweieinhalb
Goldmilliarden p a s s i v war!), ferner in der Ungunst der
Einkommensverteilung.
Bei sotanen Dingen ist alles, was unsere Wirtschaftsertr�ge erh�ht,
eine Daseinserleichterung, eine neue Gew�hr unseres physischen und
kulturellen Lebens. Das gilt f�r alle Seiten unserer Wirtschaft, f�r
Landwirtschaft, Gewerbe, Industrie und Verkehr. In der Landwirtschaft
zumal spielt es eine besondere Rolle. Hier sind die Ertr�ge gegen�ber
der Vorkriegszeit sehr stark gesunken, hier ist au�erdem die Quelle
unseres dringendsten Bedarfes, der Ern�hrung. Das landwirtschaftliche
Betriebskapital ist w�hrend des Krieges scharf heruntergewirtschaftet
worden, es bedarf jetzt der Erneuerung. Kredite m�ssen der
Landwirtschaft zuflie�en, die sie im Kriege glaubte absto�en zu k�nnen
oder nicht mehr zu ben�tigen. Durch D�ngemittel aller Art, durch
Meliorationen, durch Maschinen m�ssen die B�den wieder in den alten
hochgepflegten Zustand gebracht werden. Der Viehstapel mu� erg�nzt
werden. Das landwirtschaftliche Bildungswesen darf um keinen Preis
vernachl�ssigt werden. Was uns diese Forderungen erheben l��t, ist die
einfache Tatsache, da� der stark abgewirtschaftete Zustand der
Landwirtschaft im Interesse der Allgemeinheit, des Staates, des Volkes
in Stadt und Land und nicht zuletzt auch des Fiskus saniert werden mu�,
ehe er wiederum ein tragender Pfeiler unserer Wirtschaftsbl�te werden
kann. Erst bei solcher Intensivierung der landwirtschaftlichen
Erzeugung besteht die Aussicht, da� der Strom von Menschen, welcher im
Gefolge des Krieges den St�dten zugeflutet ist und dort die Not
vermehrt, wiederum vom Lande aufgenommen werden kann. Wie bedeutsam
eine solche R�ckwanderung ist, ergibt sich ohne weiteres; sie entlastet
den Arbeitsmarkt, entlastet den Fiskus von der Erwerbslosenf�rsorge,
sie entlastet die st�dtische F�rsorge, sie mildert die Sch�rfe unserer
sozialen Not und sie beseitigt jenes �bel, das schon vor dem Kriege auf
dem Lande vielfach anzutreffen war, n�mlich die Leutenot.
Wenn die wesentliche Aufgabe der deutschen Landwirtschaft darin
besteht, in m�glichst weitem Umgange den Nahrungsbedarf unseres Volkes
zu erstellen, so hat die Industrie demgegen�ber eine verwickeltere
Aufgabe. Sie soll einesteils den starken Verbrauch an
Industrieerzeugnissen decken, den das Inland hat; sie soll aber
andererseits die Grundbedingung unseres Daseins gew�hrleisten, n�mlich
die aktive Zahlungsbilanz. Deren Hauptbestandteil war von jeher die
Handelsbilanz, das hei�t das Wertverh�ltnis der Wareneinfuhr zur
Warenausfuhr. Heute sind die anderen Bestandteile der deutschen
Zahlungsbilanz ungef�hr auf den Nullpunkt reduziert; wir haben keine
Gewinne mehr aus Frachten f�r das Ausland, unsere Ertr�gnisse aus der
Kapitalanlage im Auslande sind mitsamt den Kapitalien fast ganz
verloren, unsere Gewinne aus Vermittlung und Versicherung f�r fremde
V�lker sind dahin. Nach all diesen Richtungen haben wir nur noch
Passiva. Und trotzdem besteht unabweisbar das Ziel: Herstellung einer
aktiven Zahlungsbilanz! Die Handelsbilanz mu� die dazu erforderlichen
Wert�bersch�sse der Ausfuhr �ber die Einfuhr erbringen. Wir m�ssen, ob
wir wollen oder nicht, Exportwirtschaft treiben. Unsere
landwirtschaftlichen Erzeugnisse brauchen wir selbst, also kann der
�berschu� der Ausfuhr �ber die Einfuhr im gro�en ganzen nur industriell
erwirkt werden. Zwei Gesichtspunkte sind entscheidend: die
Ausfuhrf�higkeit unserer Industrie einerseits, die Aufnahmef�higkeit
und Aufnahmewilligkeit der fremden M�rkte andererseits. Was zun�chst
die Ausfuhrf�higkeit unserer Industrie anlangt, so ist sie teils eine
Frage des Preiskurants, das hei�t: des billigeren deutschen Angebots,
teils ein Produktionsproblem: Haben wir G�ter, die das Ausland
unbedingt erwerben will? Haben wir �bersch�sse, die f�r die
ausl�ndische Nachfrage zu Gebote stehen? Bez�glich der ersten Frage ist
festzustellen, da� manche Tatsachen uns g�nstige Aussichten im
Wettbewerb bieten. Der Wert des deutschen Geldes, gemessen am Gelde der
ausl�ndischen ma�gebenden Gl�ubigerstaaten, steht sehr tief. Niedrige
Wechselkurse aber bedeuten eine Pr�mie und einen Anreiz f�r die
Ausfuhr. Unsere Lebenshaltung ist relativ weniger reich und kostspielig
wie die der fremden Konkurrenzwirtschaften. Die Arbeitsf�higkeit und
Arbeitswilligkeit unserer Bev�lkerung hat sich vergleichsweise
schneller erholt als die der meisten anderen V�lker. Au�erdem waren
deutsche Waren im allgemeinen so wohl beleumundet in der ganzen Welt,
da� Nachfrage nach ihnen ohne weiteres wahrscheinlich ist. Aber
�bersehen wir nicht die Hemmungen unserer �berlegenheit im Preisgebot!
Wir mu�ten unsere Industrie viel eingreifender als die anderen
kriegf�hrenden Nationen auf einen neuen Friedensstand umstellen;
technisch und organisatorisch ist diese Aufgabe schnell und gl�nzend
gel�st worden, aber sie verschlang viele Arbeitskr�fte und viele
Kapitalien. Manche Industrien hatten im Laufe des Krieges Schulden in
fremder W�hrung aufgenommen; der rapide Fall des deutschen Geldwertes
steigerte den Belauf der Schulden ins Phantastische und bewirkte neue
Kosten der Abdeckung oder Umwandlung. Die rastlose Anstrengung der
Kriegsarbeit hat in vielen Industrien keine Kr�fte und keine Zeit frei
gelassen zu Reparaturen, Materialerg�nzungen, Erneuerung des
Sachkapitals; das mu�te alles nachgeholt werden. In den Zeiten der
Umw�lzung nach dem Kriege h�ufen sich die Streiks, die
Wertzerst�rungen, die Lohnforderungen; das Arbeitstempo lie� nach; all
das erscheint als Produktionskosten wiederum im Warenpreis. Und nicht
zuletzt legt die Steuergesetzgebung der Industrie ungeheuere Lasten
auf, die nat�rlich Preissteigerungen im Gefolge haben. Der gewaltige
Anreiz zu gro�en Gewinnen, der nach dem Kriege im Abverkauf von
Betriebseinrichtungen und in der Angleichung der Inlandspreise an den
Weltmarkt lag, wirkte sich auch in den gestiegenen Preisen aus. Nicht
zuletzt bot der Warenmangel des ersch�pften Inlandsverbrauchs die
M�glichkeit, unter dem Anreiz des Dividendenhungers den Preisstand
scharf zu erh�hen. Auch die Verteuerung der Produktion durch die
Einfuhr fremder Rohstoffe und durch das damit verbundene starke
Valutarisiko wirken in die Richtung steigender Preise. Nach einer
Periode grenzenloser Schleuderverk�ufe ins Ausland, die direkt nach dem
Kriege einsetzte, kam die Gegenwirkung: die Preish�he vieler deutscher
Industrieprodukte lag zeitweise �ber den entsprechenden
Auslandspreisen. Die Folge davon war stockende Ausfuhr, das hei�t
Gef�hrdung des Zieles der aktiven Handelsbilanz. Im ganzen hat der
Druck auf unsere Wechselkurse daf�r gesorgt, da� die Ausfuhrpr�mie
nicht verschwand. Aber wie prek�r die Sachlage ist, zeigt sich
regelm��ig bei selbst geringf�gigen Steigerungen unserer Wechselkurse:
es setzt in diesen F�llen eine Stockung der Ausfuhr und eine Steigerung
der Einfuhr ein, also ein ganz bedenklicher Sachverhalt. Der hin- und
hergehende Wertstand des deutschen Geldes gef�hrdet f�r den deutschen
Unternehmer alle Grundlagen der Kalkulation, bringt ein spekulatives
Moment in die ganze Wirtschaft hinein und wirft uns aus einer Periode
der Schleuderverk�ufe und der stockenden Rohstoffeinfuhr in die andere
stockender Ausfuhr und der �berschwemmung mit Auslandsware. Das
Verlangen, den Urheber dieser Zust�nde, n�mlich den wilden Wechselkurs,
zu binden, ist ebensooft erhoben wie als zun�chst aussichtslos
abgelehnt worden. Deutschland ist ohne Unterst�tzung der
kapitalsstarken Gl�ubigerstaaten v�llig au�erstande, eine solche
Festlegung des Wechselkurses vorzunehmen. Nur mit Hilfe ganz gewaltiger
Kredite und einer vorl�ufig noch sehr unwahrscheinlichen vern�nftigen
Gebahrung der Entente in der Reparationsfrage k�nnten stabile
Wechselkurse eingerichtet und durchgehalten werden.
So steht es um die Aussichten der deutschen Industrie im
internationalen Preiskampf! Eine andere Frage ist die, ob wir G�ter
haben, die das Ausland unbek�mmert um den Preis haben mu� oder haben
will. Das gilt gewi� bei einer Anzahl von hochwertigen Erzeugnissen,
zumal der chemischen, optischen und elektrotechnischen Industrie; es
gilt auch in einigem Umfang f�r Kali. Aber auf eine Anzahl solcher
Erzeugnisse hat der Friedensvertrag die Hand gelegt und sie uns in
gro�en Mengen auf "Reparation" abgefordert. Andererseits sind manche
Erzeugnisse, f�r die Deutschland vor dem Kriege einen unbestrittenen
Markt besa�, in der Zwischenzeit von fremden Industrien aufgegriffen
und hergestellt worden. Immerhin hat auch heute noch ein gewisses
Marktgebiet starken Druck und starke Neigung zum Verbrauch deutscher
Produkte. Und nun die weitere Frage, haben wir �bersch�sse frei f�r die
Ausfuhr? Wir rechnen nicht in diese �bersch�sse dasjenige hinein, was
auf Reparationsrechnung zwangsweise geliefert werden mu�. Diese Posten
tragen zur Aktivierung der Handelsbilanz nichts bei, so betr�chtlich
sie an Wert sein m�gen. Im Gegenteil, sie verschlechtern unsere Bilanz,
denn soweit ausl�ndische Rohstoffe und ausl�ndische Arbeit direkt oder
indirekt in ihnen kristallisiert sind, m�ssen sie erst mit teuren
Kosten angeworben werden. Sehen wir also von dieser Art Ausfuhr ab, so
f�llt zun�chst auf, da� bestimmte Industrien ihre Ausfuhr�bersch�sse
verloren oder stark gemindert haben. Das gilt f�r bedeutsame Industrien
landwirtschaftlicher Rohstoffverarbeitung, beispielsweise f�r die
Zuckerindustrie, deren Ausfuhr fr�her mehrere hundert Millionen
Goldmark einbrachte; es gilt ebenso f�r die Branntweinindustrie. Es
gilt aber auch f�r die Kohlenausfuhr. In die gleiche Richtung wirkt das
zollpolitische "Loch im Westen", das uns den Waren�berdruck der fremden
M�rkte vielfach auf Schleichwegen in unser Land pumpt, deutsche
Industrien, besonders im besetzten Gebiete, lahmlegt und uns mit einer
Sorte Einfuhrwaren begl�ckt, die nach dem Stande unserer Verarmung
besser drau�en blieben. Der Verlust von Industrien im abgetretenen
Gebiet, die Materiallieferungen an die Entente auf Grund des
Waffenstillstandes und des Friedens, die starke Besch�ftigung f�r den
Aufbau der Eigenwirtschaft und der R�ckgang der Leistungen an Menge und
G�te, die Stillegung mancher Betriebe bringen erhebliche Minderungen
der �bersch�sse mit sich. Die Ausfuhrabgaben, die Kontrolle der Ausfuhr
und die Un�bersichtlichkeit der fremden Absatzgebiete infolge des
Abbruches alter eingefahrener Wirtschaftsbeziehungen wirken in die
gleiche Richtung.
So weit die Ausfuhrf�higkeit der deutschen Industrie. Und nun die
andere Seite: die A u f n a h m e f � h i g k e i t und A u f n a h m e
w i l l i g k e i t des Auslandes! Hier sind Anreizmomente f�r den
Bezug deutscher Produkte vorhanden: ihre Billigkeit, ihre G�te, ihre
teilweise Monopolstellung. Aber lassen wir die Gegentendenzen nicht aus
dem Auge. Der Krieg w�re f�r England verloren, wenn er nicht mit einer
Zur�ckwerfung der deutschen Industrieausfuhr endigte. England hat im
Kriege Zeit gehabt, unsere Auslandsm�rkte zu verw�sten, viele Neutrale
haben sich auf den englischen und amerikanischen Lieferanten
umgestellt, haben sich auf einzelnen Marktgebieten unabh�ngig gemacht.
Die meisten L�nder haben ihre Z�lle erh�ht, manche L�nder haben zum
Schutz ihrer eigenen Produktion zu sehr drastischen Abwehrmitteln gegen
die fremde Einfuhr gegriffen. In den ehemals feindlichen L�ndern sorgt
der mit Leidenschaft gesch�rte Nationalismus daf�r, da� der deutschen
Ware die Wege weithin versperrt werden. Manche Rohstoffl�nder sind
w�hrend des Krieges zur Verarbeitung �bergegangen und sp�ren geringe
Neigung, ihre mit Opfern gro�gezogene Verarbeitungsindustrie durch
Ausfuhr von Rohstoffen der fremden Konkurrenz auszusetzen. Die ganze
Welt ist betr�chtlich �rmer geworden und hat ihren Verbrauch auf einen
tieferen Durchschnittsstand setzen m�ssen. Die Erwerbslosenheere sind
heute eine internationale Erscheinung und erschweren die R�ckhehr in
die Bahnen des offenen, freien Welthandels, selbst wenn die ma�gebenden
Kreise den Willen dazu h�tten. Die Neigung, nur solche Erzeugnisse
auszuf�hren, in denen hochwertige Arbeit verk�rpert ist, hat starke
Antriebe erhalten mit der Wirkung, da� unsere Waren, deren G�te und Art
geradezu auf der stark konzentrierten Arbeit aufgebaut war,
versch�rftem Wettbewerb begegnen. So ist es erkl�rlich, da� in der
Ausfuhr verh�ltnism��ig starke Rohstoff- und Halbfabrikatposten
anzutreffen sind. Die Gefahr lauert im Hintergrunde: ein Sinken unseres
gewerblichen K�nnens, unserer Wirtschaftskraft dem Auslande gegen�ber,
sinkende Lebenshaltung, sinkende Kultur, sinkende politische Bedeutung.
Das scheint weit ausgeholt, ist aber drohender Ernst. Der R�ckfall auf
vorwiegende Rohstoff- und Halbfabrikatausfuhr k�nnte uns auf ein enges
kontinentales Dasein zur�ckwerfen.
Man mu� die gro�en Linien ins Auge fassen, um diesem Pessimismus nicht
zu erliegen. Gewi�, wir vertrauen auf die unversiegliche Lebenskraft
unseres Volkes, auf seinen Unternehmungsmut, auf seine hohe
Geistigkeit. Aber ein Faktor von ebenso gro�er Bedeutung ist die
Herzlage Deutschlands inmitten des Kontinents. Wir sind die
Durchfahrtsstra�e von Ost nach West, von der Atlantis zum Baltischen
Meer; wir sind das Zwischenglied zwischen Westeuropa und dem Osten, das
wirtschaftliche Glacis Englands und Amerikas, dessen industrielles
Leben immer noch im Osten, zur Atlantis staut, und nicht im Westen! --
nach Mittel- und Osteuropa. Man hat im Ha� des Krieges und im Rausch
des Sieges geglaubt, uns durch neue Handelswege, deren Linien um uns
herum zu legen seien, aus dem gro�cn Zuge des internationalen Verkehrs
auskapseln zu k�nnen, ein Versuch, der keine geringere Bedeutung hat,
als uns wirtschaftspolitisch aus der Herzlage Europas an seinen Rand zu
dr�ngen. Aber beim Versuch ist es geblieben. Wenn der Osten wieder f�r
ruhige wirtschaftliche Entwicklung Sinn und Zeit hat -- und das wird
auch einmal wieder der Fall sein --, dann ist Deutschland das
Mittelst�ck Europas; und die vollen Vorteile dieser Lage werden ihm
zugute kommen u n t e r d e r V o r a u s s e t z u n g, da� es
sich nicht selbst ausschaltet und da� es politisch selbst�ndig bleibt.
Der industrielle Bedarf von Ost und S�dost st��t irgendwie immer
zun�chst auf uns, und den Valuten jener L�nder gegen�ber sind wir trotz
aller Hemmungen anderer Art leistungsf�higer als die valutastarken
Industriel�nder. Hier im Osten und S�dosten erschlie�en sich unserer
wirtschaftlichen Pioniert�tigkeit neue Kontinente, reiche
Rohstoffgebiete. Wenn sie mit Vernunft und in weitherziger
Ber�cksichtigung der Interessen jener L�nder und V�lker selbst
ausgebaut werden, so er�ffnet sich eine neue Zukunft f�r die deutsche
Wirtschaft. F�r die Richtigkeit dieser Erw�gungen spricht die Tatsache,
da� fremde Kapitalien in gro�em Umfange die deutsche Industrie
befruchten, zeigt das handelspolitische Interesse, das allenthalben in
der Welt f�r unsere Wirtschaft besteht. Sorgen wir daf�r, da� dieses
Interesse kein Interesse der "Pleitegeier" an der Ausschlachtung eines
alten soliden, ehemals bl�henden Handelshauses wird! Das ist nur dann
m�glich, wenn wir alle Kr�fte anspannen, die politische Freiheit und
die Einheit des Reiches zu bewahren. Wenn das Mittel dazu die
angestrengte Arbeit des ganzen Volkes ist, gut! so m�ssen wir sie auf
uns nehmen. Vor dem Kriege war es die freie, gesunde Kraft eines stark
wachsenden Volkes, wagender Kaufleute und Unternehmer, die uns den Weg
in die Weltwirtschaft gehen hie�; heute ist es der Kampf um Freiheit
und Einheit!
Dieser Weg hat gewi� seine Gefahren. Die Hoffnung der Entente auf bare
Zahlungen und Naturalleistungen hat uns wider alle wirtschaftliche
Vernunft in die Kette der Diktate geschlagen. Heute zeigen sich die
Folgen: Wenn wir zahlen wollen, m�ssen wir erst verdienen; wenn wir
aber verdienen wollen, m�ssen wir erst die fremden M�rkte aufsuchen.
Unsere Ausfuhr aber und die Devisenaufk�ufe zum Zwecke der Zahlung
beginnen heute schon, unseren Gegnern empfindliche Wirtschaftsst�rungen
zu bereiten. Da taucht die Sphinx der Zukunft auf: Die Entente hat in
Hinsicht auf das Friedensdiktat ein zweiseitiges Interesse: ein
Gl�ubigerinteresse und ein Produzenteninteresse. Diese beiden
Interessen stehen in Widerspruch. Beispielsweise: Wenn wir die im
Friedensvertrag auferlegten 200 000 Tonnen Schiffsraum f�r England
bauen, dann liegen die englischen Werften still, und die Arbeitskr�fte
m�ssen entlassen werden. Wenn wir die zwangsweise Kohlenlieferung
durchf�hren, dann feiert der englische Bergarbeiter, oder er streikt,
weil der R�ckgang der Kohlenpreise die englischen Bergherren zwingt,
die L�hne zu senken. Diese Gegens�tze sind heute klar herausgearbeitet.
Man fa�t sie nur nicht grunds�tzlich an, sondern versucht mit einer
Politik der kleinen Mittel sich an ihnen vorbeizudr�cken. Eines Tages
aber wird die H�rte der Gegens�tze ihre L�sung verlangen. Entweder man
saugt uns aus durch bare Zahlungen, dann m�ssen wir die M�rkte mit
allen Mitteln erobern und das feindliche Produzenteninteresse
sch�digen; oder man verwehrt uns die M�rkte, dann k�nnen wir nicht
zahlen, und das feindliche Gl�ubigerinteresse ist getroffen. Auf diesem
Punkte laufen sich die Diktate tot an den wirtschaftlich
unausweichbaren Zusammenh�ngen. Was soll dann geschehen? Das st�rkere
Gl�ubigerinteresse liegt bei Frankreich, das den geringeren
Industrialismus und den st�rksten Anteil an unseren Zwangszahlungen
(52%) hat; das st�rkere Produzenteninteresse liegt bei England, das den
gesteigerten Industrialismus und den geringeren Anteil (22%) an unseren
baren Leistungen hat. Welches Interesse wird durchdringen, das
franz�sische Gl�ubiger- (Rentner-) Interesse oder das englische
Produzenten- (Arbeiter-) Interesse? Hier er�ffnen sich Entscheidungen,
die f�r unser Schicksal unerh�rt wichtig sind. Zu einem Teil haben wir
es in der Hand, sie zu beeinflussen. Unser Interesse kann nicht mit
Frankreich gehen, solange Frankreich in uns ein Beutest�ck sieht, eine
politische Masse, deren Liquidation nicht brutal genug betrieben werden
kann. Wir stehen wieder an dem Kreuzungspunkt -- nur mit viel
schlechterem Einsatz --, an dem wir schon einmal standen, den wir
damals aber in seiner Tragweite nicht gen�gend begriffen: vor der
Steuerung des Kurses ins englisch-deutsche Einvernehmen, oder -- auf
noch weiteren Aspekt gestellt -- vor der Steuerung des Kurses in das
anglos�chsisch-deutsche Einvernehmen. Oder welcher andere Weg sollte
noch offen sein? Auf die russische Karte jetzt schon zu setzen,
erscheint verfr�ht; au�erdem kann bei unserer Kapitalschw�che und der
starken Interessierung der anglos�chsischen Wirtschaftsmacht an Ru�land
diese russische Karte nur im Rahmen einer deutsch-anglos�chsischen
Verst�ndigung geschlagen werden.
Verschiedentlich mu�ten wir darauf hinweisen, da� unsere politische
Freiheit in den schmalen Resten, in denen sie �berhaupt noch besteht,
auf der Schneide der Erf�llung von Diktaten steht. Diese Erf�llung aber
ist ein fiskalisches Problem, eine Frage des Steueraufkommens des
ganzen Volkes. Die Steuerleistung aber ist letzten Endes eine Frage der
Wirtschaftskraft. Das Elend der deutschen Wirtschaft aber spiegelt sich
im Elend der deutschen Finanzen. Das Elend der Finanzen ist nun nicht
erst eine Erscheinung von heute; seit 1876 hat das Reich so ziemlich
fortw�hrend in Finanzverlegenheiten gelebt. Ein Hauptgrund daf�r war
der Aufbau des Reichsfinanzwesens und hier besonders die Verteilung der
Steuerkompetenzen zwischen Reich und Bundesstaaten. Das Reich hat eine
Steuerdom�ne, die fast ausschlie�lich aus indirekten Abgaben und aus
Z�llen bestand. Die direkten Steuern, das R�ckgrat jeder gesunden
Finanzwirtschaft, lagen unter Verschlu� der Einzelstaaten und wurden
von ihnen eifers�chtig geh�tet. Die Eink�nfte des Reiches aus
Betriebsverwaltungen waren recht geringf�gig im Verh�ltnis zu dem, was
die gro�en Bundesstaaten aus ihrem Staatsbesitz zogen. Das war eine
verh�ngnisvolle Fehlkonstruktion der Reichsfinanzen. Im Frieden war sie
deswegen noch ertr�glich, weil das Reich doch bekam, was es brauchte,
nur sehr umst�ndlich, unter gro�er Erregung der �ffentlichen Meinung
und nicht immer sehr zweckm��ig.
Die v e r h e e r e n d e Wirkung dieser Fehlkonstruktion zeigte erst
der Krieg. Die Folge der Verteilung der Steuerkompetenzen nach der
alten Reichsverfassung war die, da� das R e i c h, der Tr�ger der
H a u p t l a s t des Krieges, die d � r f t i g s t e n und r � c k
l � u f i g s t e n E i n n a h m e q u e l l e n besa�, w�hrend die
Bundesstaaten, die die Last des Krieges ja gar nicht zu tragen hatten,
die ertragreichsten und stabilsten Steuerquellen unter Verschlu�
hatten. Die Abneigung, eine entschlossene starke Kriegssteuerpolitik
nach englischem Muster einzurichten, lie� nur den einen Ausweg: den
Krieg mit S c h u l d e n zu f�hren. Was an Kriegssteuern dann seit
1916 kam, kam zu sp�t und zu zaghaft. Man rechnete im Grunde immer nur
mit dem siegreichen Ausgang des Krieges, wollte auch die
Durchhaltestimmung im Volke nicht gef�hrden, f�rchtete sich vor dem
Wachwerden alter Parteigegens�tze; kurz und gut, man finanzierte den
Krieg mit Schulden. Das Resultat war: steigende Schulden des Reiches,
steigende Inflation, sinkende Wechselkurse, steigende L�hne und
Warenpreise, steigende Kosten der Kriegsf�hrung, steigende
Reichsverschuldung, neues Sinken der Wechselkurse, neues Steigen der
L�hne und Warenpreise und so fort. Eine Schraube ohne Ende, oder
vielmehr eine Schraube mit einem sehr dicken Ende: Reichs�berschuldung,
Wohlstandsvernichtung breitester Kreise, goldene Zeit f�r alle
Schieber, schwerste Not in breitesten Kreisen, Versch�rfung der
sozialen Gegens�tze, schleichende Enteignung gerade der Kreise, die vor
und im Kriege dem Staate Kredit gegeben hatten. Eine beispiellose
Umschichtung der Verm�gen ist vor sich gegangen, und die staatliche
Finanzpolitik hat ihr ebensowenig wie die Wuchergesetzgebung zu steuern
vermocht.
Zur Verdeutlichung des Bildes seien einige Zahlen angegeben. Die
Reichsschuld betrug vor dem Kriege 5,4 Milliarden Mark; sie bezifferte
sich September 1918 auf 133,4 Milliarden, September 1919 170,9
Milliarden, September 1920 283,7 Milliarden. Die schwebende Schuld des
Reiches betrug am 31. Juli 1914 300 Millionen Mark Schatzanweisungen;
sie stieg bis Dezember 1918 auf 55,1 Milliarden und endete am 30. Juni
1921 mit 214,2 Milliarden. Der Umlauf an Banknoten gravitierte vor dem
Kriege um 1,5 Milliarden, dazu kamen vergleichsweise geringe Betr�ge an
umlaufenden Reichskassenscheinen. Der Umlauf an Noten betrug nach dem
Ausweis vom 11. August 1921 77,6547 Milliarden; zu dieser ungeheueren
Papierzettelschuld kommt noch ein Umlauf an Darlehenskassenscheinen von
rund 8,22 Milliarden. Da� zur selben Zeit der Wert des deutschen Geldes
gegen�ber dem ausl�ndischen vollvaluten Geld ins Abgrundtiefe gest�rzt
ist, ist nicht verwunderlich. W�hrend vor dem Kriege 100 holl�ndische
Gulden rund 169 Mark kosteten, kosteten sie am 12. August 1921 rund
2560 Mark[1]. Diese Zahlen gen�gen zur Illustration. Sie erhalten erst
ihr volles Relief, wenn man die Zwangsleistungen an die Entente noch
hinzurechnet.
[1] Seit Abschlu� des Aufsatzes haben sich die Verh�ltnisse
wesentlich ung�nstiger entwickelt. Der Guldenkurs steht
im Dezember 1921 nahe an 7000, der Umlauf an Geldzeichen
hat die hundertste Milliarde l�ngst hinter sich
gelassen!
Das ist die Sachlage, der sich der Fiskus gegen�bersah. Sie erforderte
Finanzreformen allergr��ten Stiles. Wir befinden uns seit Kriegsende
zwar fortw�hrend in den Reformen, aber deutlich heben sich zwei
gewaltige Reformperioden heraus: die grundlegende, heute abgeschlossene
Reform von 1919 bis 1920, und die zweite Reformetappe, deren
Vorbereitung und Anf�nge eben sichtbar werden. Was bedeutet die Reform
von 1919/20? Sie schafft einen fiskalischen Unitarismus, der in seinen
politischen Folgen gemildert wird durch Artikel 8 der Reichsverfassung;
dieser verpflichtet das Reich, auf die Lebensf�higkeit der L�nder
R�cksicht zu nehmen. Sie schafft eine einheitliche
Reichssteuerverwaltung, sie gibt einheitliche Richtlinien der
Steuerveranlagung und -erhebung, deren Zweck es ist, die "Steuerinseln"
zu beseitigen und dadurch dem Grundsatz der steuerlichen Gerechtigkeit
zu dienen. Sie gibt dem Reiche das Gesamtsystem der ertragreichen und
anpassungsf�higen direkten Steuern. Sie l��t den L�ndern und Gemeinden
einige Ertragssteuern und beteiligt sie im �brigen mit bestimmten
Anteilen am Ertrag der Reichseinkommensteuer, der
Reichserbschaftssteuer, der Umsatzsteuer, der K�rperschaftssteuer und
der Grunderwerbssteuer. Entsprechend diesem Eingriff des Reiches in
alte Steuerrechte von L�ndern und Gemeinden entlastete es die L�nder
und Gemeinden durch �bernahme betr�chtlicher Schuldverpflichtungen auf
sich selbst. Es geh�rt zu den wesentlichen Verdiensten dieser
Reformperiode, da� das alte Bismarcksche Projekt der Reichseisenbahnen
nun verwirklicht wurde.
Man mag zu den Einzelheiten dieser Reform stehen wie man will: das
ganze Reformwerk ist eine ungeheuere Leistung, deren volle Segnung erst
erkennbar wird, wenn unsere Wirtschaftslage sich einigerma�en
erleichtert. Dr. Respondek stellt sie in seinem Buche "Die
Reichsfinanzen auf Grund der Reform von 1920" sogar in Parallele zu der
Stein-Hardenbergschen Reform. Ob diese Parallele treffend ist, mu� die
Zukunft zeigen.
Versenken wir uns einen Augenblick in die Haushaltsrechnung des Jahres
1920! Der "Ist-Etat" des Reiches zeigte beim Abschlu� des
Rechnungsjahres (31. M�rz 1921) folgendes Bild: Die Reichseinnahmen aus
Steuern, Abgaben, Geb�hren, Z�llen bezifferten sich auf 27,7
Milliarden. Die Ausgaben, betrugen netto 73,7 Milliarden. Dazu treten
an Schuldzinsen des Reiches 10,4 Milliarden, an Zusch�ssen des Reiches
in den Betriebsverwaltungen (Reichseisenbahn, Reichspost), 18,2
Milliarden. Mithin Totalausgabe 102,6 Milliarden. Die Differenz
zwischen Ausgaben und Einnahmen, 74,9 Milliarden, mu�te demnach auf
neue Schulden genommen werden. Die schwebende Schuld wuchs auf 184,127
Milliarden an. Der Voranschlag f�r 1921 zeigt folgende Ziffern:
Einnahmen 46,9 Milliarden, einmalige Ausgaben 1,368 Milliarden,
fortdauernde Ausgaben 45,579 Milliarden. Dazu kam ein Nachtragsetat von
1,5 Milliarden. Es balanciert also der ordentliche Etat mit 48,459
Milliarden auf der Einnahme- und Ausgabeseite. Daneben au�erordentliche
Ausgaben: 59,68 Milliarden; von diesen ungedeckt und auf schwebende
Schulden zu nehmen: 49,18 Milliarden. In dieser Summe von 59,68
Milliarden stecken nach Voranschlag rund 18,8 Milliarden Zusch�sse f�r
Betriebsverwaltungen (Eisenbahn, Post). In den erw�hnten Summen des
ordentlichen Etats sind noch keine Aufwendungen f�r Reparationen
eingeschlossen; ihre Gesamtsumme wurde bei der Beratung in der
Kommission des Reichstages mit 53 Papiermilliarden j�hrlich
veranschlagt. Ein schwankender Posten von hohem Belauf sind die
Besatzungskosten; sie sind mit 8,5 Milliarden angesetzt. Alles in allem
ist der heute errechenbare Fehlbetrag 110 Milliarden Mark. Der
erschreckende Zug ist das Anwachsen der schwebenden Schuld. Das Reich
kontrahiert sie in Gestalt von Schatzanweisungen, die an die Reichsbank
begeben werden; diese schie�t dem Reiche daf�r Noten vor. Mit Noten
bezahlt das Reich seine Verpflichtungen an Schuldzinsen, an Geh�ltern,
L�hnen usw.; diese Noten kommen also als zus�tzliche nominelle
Kaufkraft in den Verkehr, nicht weil der Verkehr sie verlangt, sondern
weil das Reich zahlen soll und ungen�gende Eink�nfte hat. So senken sie
den Geldwert, steigern die Preise und L�hne, dr�cken die Valuta und
f�hren alle die Risiken, Gefahren und Hemmungen des Wirtschaftslebens
mit herauf, die sich an solche W�hrungszust�nde anzuschlie�en pflegen.
Diese Sachverhalte lassen eines ganz deutlich werden: die Notwendigkeit
n e u e r R e f o r m e n. Das erste und urspr�ngliche Problem ist
dieses: Wie bringen wir laufende Einnahmen und laufende Ausgaben zur
Deckung? Die weitere Frage ist: Wie bringen wir die Reparationssummen
auf? Und die dritte Frage lautet: Wie st�rken und stabilisieren wir
unseren Geldwert? Wenn man diese Probleme an den oben entwickelten
Zahlen mi�t, sp�rt man Neigung, zu glauben, es bandele sich um die
Quadratur des Zirkels. Breite Str�mungen im Volke, und was viel mehr
besagen will, ernste sachverst�ndige Kreise glauben nicht an die
M�glichkeit, diesen furchtbaren Anforderungen gerecht zu werden.
Grunds�tzlich ist zu sagen, da� alles v e r s u c h t werden mu�,
unseren Verpflichtungen nach au�en und nach innen nachzukommen und die
Reichsfinanzwirtschaft zu sanieren. Die Gef�hrlichkeit der Aufgabe
versteht an folgendem Beispiel auch der Laie. Das Reich k�nnte hohe
Milliardenausgaben sparen, wenn es die Lebensmittelzusch�sse
beseitigte, wenn es die Zusch�sse zu den Betriebsverwaltungen aufhebt,
wenn es h�here Kohlenpreise durch Erh�hung der Kohlensteuer veranla�t.
Aber was ist die Wirkung? In all diesen F�llen gewinnt das Reich auf
der einen Seite als F i s k u s, was es als B e t r i e b s v e r w a l
t u n g und als Lohn- und Gehaltszahler wiederum wenigstens zum gro�en
Teile drauflegen mu�. Das ist der Punkt, an welchem sich zeigt, da� mit
den �blichen Mitteln der Steuererh�hung schlechterdings nicht mehr
durchzukommen ist.
Mit dieser Erkenntnis sind die Voraussetzungen der zweiten gro�en
Reformetappe gegeben. Ihre ma�gebenden Gesichtspunkte sind, soweit sich
das bisher beurteilen l��t, die folgenden: Zun�chst Entlastung des
Reiches von bestimmten Aufwendungen des au�erordentlichen Haushaltes;
dahin rechnen die Zusch�sse zur Verbilligung der Lebensmittel (8,6
Milliarden), zu den Betriebsverwaltungen (18,8 Milliarden), f�r den Bau
von Bergmannswohnungen (1,5 Milliarden), eventuell f�r
Erwerbslosenunterst�tzung (1,3 Milliarden). Weiterhin eine Reform der
Einkommensteuer und die Veredelung des Notopfers in eine drei zu drei
Jahren zu erhebende Verm�genszuwachssteuer; die Erh�hung einer Anzahl
indirekter Abgaben und Z�lle liegt auf der Linie alter steuerlicher
Methoden. Neu ist der Gedanke, die Unterschiede zwischen Auslands- und
Inlandspreisen durch ein Erh�hung der Kohlensteuer zu erfassen; neu --
wenigstens f�r die deutsche Finazgeschichte -- der Gedanke, das Reich
durch eine Art Genu�schein an den werbenden Sachwerten der Nation mit
zu beteiligen.
Dieser Vorschlag einer direkten Wirtschaftsbeteiligung des Reiches hat
vieles f�r sich. Die papierene Bl�te unserer Wirtschaft h�ngt eng mit
der Finanznot des Reiches zusammen. Die Erzeugung l�dt in weitem
Umfange auf die Preise ab, was sie an Lasten zu tragen hat. Das Reich
wird von diesen Preissteigerungen, deren wichtigste Ursache seine
Schuldenwirtschaft ist, in gr��tem Stile mit betroffen. Es half sich
bisher durch neue Schuldaufnahmen und neue Steuern, aber immer liefen
die Preise voraus, hinkte der Fiskus nach. Die Schw�che des Fiskus und
die relative St�rke der Wirtschaft stehen in gef�hrlicher
Wechselbeziehung. Ganz zutreffend kennzeichnet die "Frankfurter
Zeitung" (Nr. 604 vom 16. August 1921) die Lage: Mittelstand und
Festbesoldete k�nnen durch keine nach der Leistungsf�higkeit abgestufte
Steueraktion so schwer gesch�digt werden wie durch eine unzureichende
Reform. Das gilt in hohem Ma�e auch f�r Handel und Industrie. Unsere
Wirtschaftskreise sollten heute, so paradox es klingt, vor zu hoher
Steuerbelastung weniger besorgt sein als vor zu geringer. Denn auf die
Dauer wird die Notenpresse sie immer noch unbarmherziger ausquetschen
als die Steuerschraube. Das Reich ist eben heute kein au�erhalb der
Wirtschaft stehender "Zweckverband" mehr, an den geringe Summen
abgef�hrt werden, damit er seine begrenzten Funktionen erf�lle, sondern
das Reich ist heute mit der Wirtschaft zu einem dichten einheitlichen
K�rper verwachsen. Gibt man ihm nicht, was es braucht, so zerst�ren
seine Notauswege langsam aber sicher das Leben der Nation.
So ist es verst�ndlich, da� das Reichswirtschaftsministerium sich
grunds�tzlich zum Steuerprogramm und zu den Reparationslasten �u�erte.
Nach den Angaben in der oben zitierten Nummer der "Frankfurter Zeitung"
betont eine neue Denkschrift des Reichswirtschaftsministeriums vor
allem die Notwendigkeit eines Gesamtprogramms, das die
Reparationsleistungen und ihre Aufbringung durch Ausfuhr�bersch�sse und
Devisenk�ufe mit dem Ziel der Kr�ftigung der Wirtschaft durch h�chste
Rationalisierung, mit der inneren Finanzierung der Reparationslasten
und mit den notwendigen sozialpolitischen �bergangsma�nahmen in
organische Verbindung bringt. Das wirtschaftspolitische Ziel sei die
Aktivierung der Handelsbilanz, die Beschr�nkung der Einfuhr an allem
Entbehrlichen, die Hereinholung der vollen Gegenwerte der Ausfuhr durch
Einstellung der wirklichen volkswirtschaftlichen Selbstkosten, die
Beseitigung der Reichszusch�sse, der Abbau der Zwangswirtschaft, die
Tiefhaltung der Preise auf dem Kohlen- und Wohnungsmarkt. Damit w�rden
die m�helosen Zwischengewinne verschwinden, die deutsche Wirtschaft
w�rde auf dem Weltmarkt wettbewerbsf�hig; h�chste
Wirtschaftsleistungen, h�chste Erzeugung und h�chstwertige Ausfuhr
w�rden gesichert. Die Umsatzsteuer, die Erh�hung der Z�lle und eine
Aufwandssteuer w�rden den entbehrlichen Verbrauch beschr�nken; die
Zwischengewinne, die bei der Anpassung an den Weltmarktpreis abfallen,
k�nnten f�r die Zwecke der Reparation erfa�t werden. Die �bergangszeit
erfordere sozialpolitische Ma�nahmen: Planm��ige produktive Verwendung
der erwerbslosen und freiwerdenden Arbeitskr�fte f�r den Ausbau der
Verkehrsmittel, der Wasserkr�fte und f�r die Erfordernisse des
Baumarktes.
Die Denkschrift untersucht im weiteren die Frage, ob das Reich,
n�tigenfalls zum Zwecke der Verpf�ndung an das Ausland, die Substanz
der Sachwerte erfassen soll. Der Ausbau des Notopfers k�nnte den
Fehlbetrag im Etat nicht decken. Die Erfassung der Substanzwerte in der
Wirtschaft erscheine deswegen zweckm��ig, weil sie tragkr�ftig, weniger
fluchtf�hig und derart erfa�bar seien, da� das Betriebskapital nicht
gef�hrdet werde. Notwendig sei die dinghafte Sicherung des
Ertragsanteils und seine Kapitalisierung. Den Verfassern der
Denkschrift schwebt eine Beteiligung des Reiches mit 20% der
Substanzwerte der Wirtschaft vor, unter dinglicher Sicherung. Damit
werde die Deckung der Fehlbetr�ge im Etat f�r de ersten Jahre
erleichtert und eine Grundlage f�r Auslandskredite erzielt. So lange
sollten die deutschen Sachwerte bei organisierter Beleihung den
Fehlbetrag in der Goldbilanz des deutschen Au�enhandels decken, bis die
deutsche Wirtschaft sie planm��ig durch erh�hte Sachleistungen auf dem
Weltmarkte abdecken k�nne. Den Gesamtbetrag, den das Reich durch die
�bernommenen Sachwerte f�r seine Zwecke verf�gbar machen k�nne,
berechnet die Denkschrift auf 382 Papiermilliarden. Der Erfolg dieser
Aktion w�re eine Minderung der Inflation infolge der Abl�sung der
Grundschulden mit allen daran anschlie�enden g�nstigen Weiterwirkungen
auf die Wechselkurse, die Preise und die L�hne; auch w�rde die
Nachfrage des Reiches auf dem Devisenmarkte (f�r Reparationszahlungen)
gemindert werden durch die M�glichkeit, auf der Basis der dem Reiche
verpf�ndeten Verm�genssubstanz Auslandskredite zu erlangen.
Ohne uns auf eine Kritik dieser Vorschl�ge im einzelnen einzulassen,
sei nur so viel bemerkt: Wenn diese Ideen sich durchsetzen, dann ist
eine Bahn beschritten, an deren Ende m�glicherweise die
"Staatswirtschaft" steht. Oder um das vielgebrauchte, wenig eindeutige
Wort zu nennen: die Sozalisierung. "Beim ersten sind wir frei, beim
zweiten sind wir Knechte", das mu� all denen gesagt werden, die den
vorgeschlagenen Weg der Reichswirtschaftsbeteiligung bejahen, aber
nicht seine Folgen in den Kauf nehmen wollen. Die Dinge haben ihre
eigene Logik, und hat man sie einmal zum Ausspielen ihrer Logik
gebracht, dann haben sie Durchschlagskraft und Beharrung gen�gend
gewonnen, ihren Weg selbst weiter zu suchen. Die Anh�nger der liberalen
Wirtschaftsidee der wirtschaftlichen Freiheit der Privatinteressen, die
diese Entwicklung der Dinge mit h�chstem Mi�trauen betrachten,
�bersehen allzuleicht, da� auch in der f r e i e n Entwicklung der
Wirtschaft Tendenzen sich herausgebildet haben, die auf
"Wirtschaftsherrschaft" hinauslaufen und teilweise schon eine echte,
von privaten Wirtschaftsgewalten ausge�bte Wirtschaftsherrschaft
darstellen. Rathenau sprach ganz zutreffend von der Herausbildung
"wirtschaftlicher Herzogt�mer", deren Leiter die ma�gebenden K�pfe der
Industrie, der hohen Bankwelt und des Handels sind. Die B i n d u n g
der alten "elementaren" und liberalen Wirtschaftswelt ist aus sozialen
und weltwirtschaftspolitischen Gr�nden im Anzug. Der Proze� verst�rkt
sich mit seinem eigenen Wachstum. Es fragt sich blo�, ob der Staat sich
in tatenlosem Zusehen vor Tatsachen stellen lassen will, oder ob er
eine Politik einschl�gt, deren grunds�tzliches Motiv de Wahrung von
Allgemeininteressen ist. Bis jetzt steht die Sache so, da� die
Wirtschaft in der organisierten und ins riesenhafte zusammengeballten
Form den inneren G e i s t d e r f r e i e n K o n k u r r e n z
w i r t s c h a f t, n�mlich die Abstellung auf private Interessen,
beibehalten hat. Das Interesse des Staates und des Volkes in seiner
Allgemeinheit ist meines Wissens noch von keinem der gewaltigen
Wirtschaftskonzerne �ffentlich und grunds�tzlich als Richtschnur des
Handelns anerkannt worden. Wir haben den Glauben verloren, da� das
freie Schaltenlassen von Privatinteressen durch irgendeinen mystischen
Zusammenhang "von selbst" zum Besten der Allgemeinheit und des Staates
tendiere. Wir sehen die Gefahren f�r das politische und soziale
Gemeinwesen zu deutlich, als da� wir diese Dinge getrost sich selbst
�berlassen k�nnten. --
Aber was sollen wir tun, um die Dinge nicht sich selbst zu �berlassen,
um sie herauszubringen aus dem Getriebe reiner Privatinteressen? Da
erhebt sich die Stimme, die wir seit drei Jahren so ausgiebig geh�rt
haben: man sozialisiere, man tue es bald und gr�ndlich!
Wer genau zuh�rt, wird merken, da� dieser Ruf die innere Sicherheit und
�berzeugungsw�rme stark verloren hat, die ihn noch vor zwei-drei Jahren
auszeichnete. Das hat seine guten Gr�nde. Was St. Simon seinerzeit von
England sagte, dieses Land mache zum Nutzen aller V�lker einen
gewaltigen Versuch -- n�mlich den Versuch der freien industriellen
Verkehrswirtschaft --, das k�nnen wir heute von Ru�land sagen: Dieses
Land hat zur Lehre f�r alle V�lker ein gewaltiges Experiment
angestellt, hat versucht, der marxistisch-soziaistischen Idee so, wie
seine Wortf�hrer sie verstanden, den Leib der Wirklichkeit zu gehen.
Der Versuch hat eine alte Wirtschafts- und Gesellschaftsverfassung in
tausend Scherben geschlagen, hat eine neue aufgebaut, aber, wie sich
mehr und mehr herausstellt, keine Verfassung idealer Erf�llung, sondern
der Gewalt, des Schreckens, der Wirtschafts- und Kulturvernichtung, der
Not und des Hungers. Vieles am Mi�erfolg ist auf spezifisch r u s s i
s c h e Rechnung zu setzen: auf die mangelnde Industrialisierung des
Landes, auf die schlechte Organisation der Verwaltung, auf die
Unbildung des Volkes, auf die Weite der Landr�ume, auf die �bereilte
Gewaltsamkeit des Prozesses, auf die Mi�achtung geistiger und
sittlicher Vorbedingungen, auf die Direktion der Handlungen durch den
toten Buchstaben des orthodoxen Marxismus unter Vergewaltigung aller
Wirklichkeit. Vieles geht auf den verlorenen Krieg und auf die
Absperrung des weiten Reiches vom Auslande zur�ck. Wenn wir das alles
in geb�hrende Rechnung stellen, bleibt ein unbeglichener Rest: und er
argumentiert g e g e n die Idee der Sozialisierung -- das Wort im
strengen Sinne einer �berf�hrung aller Produktionsmittel in �ffentliche
Hand unter Zentralisierung der Wirtschaftsverf�gung und Zuteilung der
Wirtschaftsertr�ge verstanden. Sein Argument lautet: Die Aufgabe ist zu
gro�, um bureaukratisch und zentralistisch gel�st zu werden; das
Wirtschaftsleben ist zu vielgestaltig, um auf den Leisten von
Verordnungen gespannt zu werden; es gibt zu viel nat�rliche
Unberechenbarkeiten in den Grundbedingungen aller Wirtschaft, die sich
den Paragraphen und noch mehr der Gewalt entziehen; und nicht zuletzt:
der prim�re Wirtschaftsfaktor Mensch ist zu sehr -- Mensch, um jenes
�u�erste an Pflichtgef�hl, Verantwortung und Arbeit, das eine
ertragreiche Wirtschaft verlangt, aufzubringen, w e n n er nicht den
Erfolg f � r s i c h s e l b s t unmittelbar sieht. Das eigene
Interesse ist der st�rkste Hebel aller wirtschaftlichen Energien --
dieser Satz wurde vor 150 Jahren von Adam Smith ausgesprochen; er wird
so lange gelten, wie Menschen Menschen sind. Nur die besondere Fassung,
die Smith ihm gab, ist zu eng: dieses Eigeninteresse ist nicht
notwendig das unmittelbare Eigeninteresse jedes einzelnen. Es kann auch
weitergreifen, es kann St�nde, K�rperschaften,
Selbstverwaltungsorganisationen erfassen. Es reicht so weit, wie
gewertete und erlebte Gemeinschaft reicht. Es h�rt immer da auf, wo das
Fremde anf�ngt, dasjenige, was der einzelne nicht als unmittelbar --
sei es beruflich, sei es standesm��ig, sei es familienm��ig oder
freund-nachbarlich -- zu sich geh�rig empfindet. Aber schon in diesem
Bereich finden sich leicht Abschw�chungen der Verantwortungsfredigkeit
und des Pflichtgef�hls. Man wendet ein, der Z w a n g k�nne die
Gemeinschaftsgesinnung ersetzen und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen
erzielen. Das ist ein Irrtum. Zwang und Gewalt sind keine Bindungen von
innen, sondern Grenzen von au�en. Ihre Reichweite ist beschr�nkt; wir
sehen es am russischen Beispiel, wir erlebten es am eigenen Leibe in
der Kriegswirtschaft. Eine Grenze von au�en bedeutet immcr gleichzeitig
eine Pr�mie auf Grenz�berschreitung, und deren M�glichkeit ist immer
gegeben. Sie unterh�hlt das ganze Gef�ge, w�hrend die klappernde M�hle
von Verordnungen und Strafbestimmungen leeres Stroh drischt. Der
radikale Vcrsuch, mit G e w a l t die sozialistische Gesellscafts- und
Wirtshaftsidee durchzusetzen, f�hrt notwendig zur L�hmung der
Wirtschaft durch Abdrosselung der Wirtschaftsenergien und zur
Erstickung aller Initiative durch Bureaukratie. Pflichtgef�hl und
Verantwortung f�r das Ganze h�ngen nicht an der Koppel du
Polizeidieners.
Mit dieser Ablehnung der allgemeinen und zentralistischen
Sozialisierung ist das Sozialisierungsproblem jedoch nicht ersch�pft.
Wir sahen bis jetzt nur seine Grenzen. Nur auf dem Boden einer
Gemeinschaftsgesinnung ist Gemeinschaftswirtschaft m�glich. Diese
Gemeinschaftsgesinnung aber kommt nicht von oben, durch Verordnung,
sondern nur von unten, aus sittlichen Grundvorstellungen bei
Gemeinsamkeit des Lebens und Erlebens. Wir sahen das andere: Sachliche
Vorbedingungen sind unerl��lich; sie liegen aber von Gewerbe zu Gewerbe
verschieden und sind selbst innerhalb der einzelnen Gewerbe mannigfach
gelagert. Diese Verschiedenheit der sachlichen Vorbedingungen macht die
Forderung der allgemeinen Sozialisierung zu einer unm�glichen, das
hei�t nach aller vern�nftigen Erw�gung fehlschlagenden L�sung. Sie
n�tigt uns, �ber die Herrschaft der Phrase und der wohlmeinenden, aber
unverst�ndigen K�pfe hinauszukommen, den vern�nftigen Kern der
Sozialisierungsidee zu retten vor ihren eigenen schlecht beratenen
Freunden. Die ganze Sozialisierungsaktion l�st sich auf in eine F�lle
von schwierigen Einzelproblemen. Die erste und zweite
Sozialisierungskommission hat dieses Ergebnis gezeitigt und die
Schwierigkeit der ganzen Frage ins hellste Licht ger�ckt.
Sozialisierung ist aus einer marxistischen Verhei�ung und einem
sozialistischen Dogma eine Organisationsfrage der Wirtschaft geworden.
Heute ist man sich allenthalben dar�ber klar, da� unsere �u�eren und
inneren Daseinsbedingungen jene Formen und jene Verfassung der
Wirtschaft fordern, die technisch und wirtschaftlich die
leistungsf�higsten sind.
Damit taucht das Problem der wirtschaftlichen F o r m b i l d u n g
auf. Es ist unbegreiflich, da� man drei kostbare Jahre hat verstreichen
lassen, ohne durch organisatorische Versuche brauchbare Formen der
Betriebsverfassung herauszufinden. Es macht einen k�mmerlichen
Eindruck, zu sehen, wie festgerannt man auf diese oder jene Form der
Arbeits- und Betriebsverfassung ist. Man �bersieht dabei, da� reiche
Bauformen n�tig und zweckm��ig sind. Eine Wirtschaftsverfassung ist
kein Milit�rrock, der auf jeden passen mu�. Die Formen der
kapitalistischen Unternehmung sind sehr vielgestaltig, aber alle auf
ihre Art zweckm��ig. Warum will man nicht Grundtypen
gemeinwirtschaftlicher Unternehmungsform herauswachsen lassen? Wer
nicht die bornierte Auffassung hat, es k�nne nur diese oder jene
(nat�rlich gerade von ihm vertretene!) Form in Betracht kommen, wird
zugeben, da� eine Vielgestalt der Verfassungen denkbar ist, die den
gemeinwirtschaftlichen Anspr�chen gerecht wird ohne jene Energien zu
ersticken, die auf dem Boden der Selbstverantwortung gedeihen.
Das wird zumal derjenige zugeben, der in die inneren psychologischen
Antriebe des Sozialisierungsverlangens geschaut hat. Woher stammt
unsere Arbeiterbewegung, woher stammen ihre Wirtschaftsideale und
Gesellschaftsanschauungen? Unzweifelhaft aus der Abwehr gegen die
Arbeitsverfassung, die Arbeitsmethoden, die Ertragsverteilung und die
gesellschaftliche Stellung der Handarbeit in unserer modernen
Wirtschaft. Wer das nicht im Auge beh�lt, sieht das ganze Problem der
Sozialisierung und des Sozialismus falsch. Skizzieren wie die Punkte,
die die Arbeiterschaft veranlassen, die moderne Wirtschafts- und
Gesellschaftsverfassung mit so ungeheurem Nachdruck abzulehnen. Die
Arbeit ist im kapitalistischen Betrieb fremdbestimmte Arbeit an fremden
Arbeitsmitteln, f�r fremden Ertrag, unter fremdem Kommando, gegen einen
Lohn, der die Besitzlosigkeit des Arbeiters und damit seine erzwungene
Einordnung in das kapitalistische Arbeitsverh�ltnis dauernd und erblich
macht. Sie ist mechanisierte Teilarbeit, die keine Pers�nlichkeitswerte
braucht und vertr�gt. Sie ist weiterhin Arbeit von Massen, und zwar von
Betriebsmassen, wie auch Gro�stadtmassen. Die Arbeiterschaft als Ganzes
stand gesellschaftlich und staatsb�rgerlich nicht in der Geltung und
Achtung, die sie nach ihrer Bedeutung f�r Wirtschaft, Staat und
Gesellschaft beanspruchen zu k�nnen glaubte. Zu diesen objektiv
feststellbaren Quellen der Abneigung gegen die moderne
Wirtschaftsverfassung kommen als weitere die spezifisch proletarischen,
vom Marxismus formulierten und gen�hrten Klassen- und Wertgef�hle der
Arbeiterschaft. Aus diesem Gesamtkomplex der Empfindungen und
Anschauungen flo� die Sozialisierungsidee, der Zukunftsstaatgedanke,
die bewu�te und gewollte Gettohaftigkeit des Proletariats in
weltanschaulichen und sozialen Hinsichten. Der Grundgehalt des
Widerstandes gegen den Kapitalismus war die Revolte des lebendigen
Menschen dagegen, blo�es Mittel zu sein f�r privatwirtschaftliche
Zwecke und f�r ein h�chstes Produktionsideal.
Wer das bedenkt, sieht de notwendig zweiseitige L�sung des
Sozialisierungsproblems. Die eine L�sung ist die wirkliche und
wahrhaftige �berf�hrung dazu geeigneter Betriebe in de �ffentliche Hand
oder in gemischtwirtschaftliche Betriebsform oder in
Selbstverwaltungsk�rperschaften -- alle drei unter Anteilnahme und
Mitbestimmung der Arbeiter; beziehungsweise die Beteiligung der
Arbeiter an den Ertr�gen der Unternehmung in der einen oder anderen
Form -- Kleinaktie, Gewinnbeteiligung, auch arbeitergenossenschaftliche
F�hrung und �bernahme von Betrieben. Die andere L�sung des
Sozialisierungsproblems ist unvermeidlich die: es mu� die Stellung des
Arbeiters im Wirtschaftsproze� selbst ge�ndert werden. Er mu�
Mitbestimmungsrecht in gewissem Rahmen haben; er mu� mit dem Betriebe
enger verwachsen, als es bisher der Fall war; er mu� gegen die
Konjunkturgefahren, gegen Betriebsunf�lle, gegen Alter und Invalidit�t,
gegen Ausbeutung gesch�tzt werden. Die soziale und rechtliche Geltung
der Arbeiterschaft mu� auf ihr richtiges Ma� gebracht werden. All das,
damit er selbst lebendige Verantwortung f�r den Betrieb und
Pflichtgef�hl der Arbeit gegen�ber aufbringen k�nne! Das ist nicht nur
eine sozialpolitische Notwendigkeit, es ist vor allem ein
wirtschaftspolitisches Erfordernis. Nur so wecken wir Verantwortung und
Pflichtgef�hl, nur so durchdringen wir die Wirtschaft bis in de
kleinsten Zellen mit diesen Eigenschaften.
Ein gewichtiger Teil der Gesetzgebung hat sich seit der Revolution mit
Reformen in dieser Richtung befa�t. Zun�chst die Reichsverfassung
selbst. Sie stellt die Arbeitskraft unter den besonderen Schutz des
Reiches. Sie gew�hrleistet das freie Vereinigungsrecht f�r jedermann,
f�r alle Berufe. Sie verspricht ein einheitliches Arbeitsrecht und
einen entschlossenen Ausbau der Sozialpolitik. Sie n�hert sich dem
Gedanken des Rechtes auf Arbeit durch die Bestimmung, da� es jedem
Deutschen erm�glicht werden solle, durch wirtschaftliche Arbeit seinen
Unterhalt zu erwerben, und sichert f�r die Notf�lle der
Arbeitslosigkeit den Unterhalt zu. Sie bringt allerdings auch zum
Ausdruck, da� jeder Deutsche die sittliche Pflicht habe, seine
geistigen und k�rperlichen Kr�fte f�r das Wohl der Gesamtheit
einzusetzen. Konkreter werden die Bestimmungen der Verfassung
hinsichtlich der Anerkennung der Gleichberechtigung von Arbeitern und
Angestellten bei der Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen. Ein
Aufbau von Betriebsr�ten und Bezirksr�ten, sowie einige auf
Gemeinwirtschaft zielende Bestimmungen sind verfassungsrechtlich
festgelegt.
Diese verfassungsrechtlichen Ank�ndigungen haben teilweise bereits ihre
Verwirklichung erlebt. Wir erw�hnen in diesem Zusammenhange das neue
Recht der Tarifvertr�ge und der Schiedsgerichte, und vor allem das
Betriebsr�tegesetz.
Noch ehe die Reichsverfassung die Gedanken der Gemeinwirtschaft und die
Richtlinien der sozialen Befriedung festlegte, hatten die Verb�nde der
Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich zusammengefunden, um auf einer neuen
Grundlage die kommenden Schwierigkeiten der Nachkriegszeit durch
gemeinsame Vereinbarungen zu bew�ltigen. Schon im November 1918
erschien die sogenannte "Vereinbarung"; in ihr anerkennen die Vertreter
der Arbeitgeberverb�nde die Gewerkschaften als berufene Vertretung der
Arbeiterschaft, in ihr wird jede Beschr�nkung der Koalitionsfreiheit
untersagt, und der Arbeitsfriede in Gestalt allgemeiner
tarifvertraglicher Regelung, der Arbeitsaussch�sse, der
Schlichtungs- und Einigungs�mter grundgelegt. Auf diese Vereinbarung
erfolgte im Dezember 1918 die Errichtung der sogenannten
Arbeitsgemeinschaften. Man hat diese Vereinbarung nicht mit Unrecht die
Magna Charta der Arbeiterschaft im neuen Deutschland genannt. Sie
verwirklicht gewerkschaftliche Forderungen, um die jahrzehntelang
umsonst gek�mpft worden ist. Sie f�hrt Arbeitgeber- und
Arbeitnehmerverb�nde zusammen zu parit�tischer Entscheidung all der
Fragen, die das Arbeitsverh�ltnis betreffen. Wenn auch heute schon
feststellbar ist, das [sic] l�ngst nicht alle Bl�tentr�ume gereift
sind, die an die Vereinbarung, die Arbeitsgemeinschaften und das
Betriebsr�tegesetz anschlossen, so ist doch der eingeschlagene Weg
g r u n d s � t z l i c h r i c h t i g und wird sicher nicht mehr
aufgegeben werden f�r das zweifelhafte Linsenmus wilder
Kampfauseinandersetzungen --, deren Last und Folgen w�rden auf beide
Teile vernichtend zur�ckfallen. So k�nnen wir hoffen, nach Zeiten
st�rkster sozialer Konflikte und Spannungen allm�hlich alte Gegens�tze
abzubauen, den Weg zum sozialen Frieden zu finden. Was der Glanz der
deutschen Macht, der Stolz auf das nach au�en einige Vaterland und der
Schimmer blendenden Reichtums nicht vermochten, das wird, so hoffen
wir, als ein Werk der deutschen N o t zustande kommen: die Einigung
Deutschlands nicht nur nach Verfassungsparagraphen, sondern aus der
Einheitsgesinnung und aus dem Einheitswillen des ganzen Volkes heraus!
Wir brauchen brauchen diesen unbeirrbaren Einheitswillen, um als Volk
und als Staat durch die trostlose Nacht des nationalen Ungl�cks
hindurchzukommen. Wir sind nicht mehr Herren im Lande, weder
staatsrechtlich -- das einzige Souver�nit�tsrecht, das der
Friedensvertrag uns gelassen hat, ist nach den Worten van Calcers das
Recht, Krieg zu erkl�ren; ein platonisches Recht f�r ein Volk, das man
entwaffnet hat, und das nach allen Richtungen unter Kontrolle steht --
noch wirtschaftlich. Durch ungeheuere Verpflichtungen sind wir zum
Lohnarbeitervolk geworden; die Last der Reparationen, die
Ausgesch�pftheit unseres Wohlstandes n�tigen uns, die Betriebsmittel
unserer Lohnarbeit sogar noch vom valutastarken Ausland uns erstellen
zu lassen. Wir brauchen Aufbau- und Betriebskapitalien, unsere
Kapitalbildungskraft ist minimal, und so droht uns die Gefahr, da�
unsere Industriewerte vom ausl�ndischen Kapital "�berfremdet" werden.
Milliardenbetr�ge an Mark, aufgenommen vom Ausland, str�men zur�ck;
Milliardenbetr�ge an Schatzanweisungen, Obligationen und Industriewesen
m�ssen ins Ausland verzinst werden. Der Dollar, das Pfund Sterling, der
Gulden und der Frank bem�chtigen sich unserer Industriewerte, unserer
H�user, unseres Grundbesitzes, unserer Vorr�te. Das ist ebenso
schmerzlich wie unabwendbar; wir brauchen das fremde Kapital. Es kommt
darauf an, es nicht der Menge nach, sondern seinem Macht- und
Verwaltungsanspruch nach zu begrenzen oder, wie Professor Schumacher
das neuerdings ausdr�ckte, es zu "entgiften", den Strom dieser
Kapitalien zu regulieren. Gewi� w�re es w�nschenswert, wenn diese
ausl�ndischen Kapitalien die wenigst bedenkliche Anlage in Deutschland
w�hlen w�rden, wenn sie dem G r u n d b e s i t z zufl�ssen. Aber das
ist wenig wahrscheinlich. Die Anlage, die sie suchen, und in der die
meisten Gewinne locken sind eben die Industriewerte; und unsere
Regulierung dieser Kapitalzuwanderung ist damit beschr�nkt auf das
Aushilfsmittel der Vorzugsaktie. Im �brigen stehen wir dem Proze� so
lange mit gebundenen H�nden gegen�ber, als die Reparationslast und die
Steuern unsere Sparkraft l�hmen.
Aufkauf unserer Werte durch das valutastarke Ausland -- Absch�pfung
unserer Arbeitsertr�ge durch Steuern zu Zwecken der Reparation: das
hei�t wirklich das Licht an zwei Enden anz�nden! Die Unhaltbarkeit
dieser Sachlage anerkennen selbst f�hrende Wirtschaftspolitiker aus dem
Ententelager. Unter ihnen erw�hnen wir Van der Lip und Keynes. Der
Engl�nder Keynes, der in seinem bedeutungsvollen Buche �ber den
Versailler Vertrag ein gro�es Ma� an ruhiger Vernunft bewies, �u�ert
sich in neuerlichen Aufs�tzen in der "Industrie- und Handelszeitung"
�ber die F�higkeit Deutschlands, die ihm aufgelegten Lasten zu tragen.
Er kommt zu einem negativen Ergebnis. Er sieht im Londoner Diktat eine
provisorische Abmachung, die schon im n�chsten Jahre ihre
Unzul�nglichkeit zeigen werde. "An einem bestimmten Zeitpunkt, der
zwischen Februar und August 1922 liegt, mu� Deutschland der
unvermeidlichen Zahlungsunf�higkeit erliegen. Nur bis dahin reicht die
Schonzeit, die gew�hrt wird." Diese Ansicht st�tzt Keynes auf eine
Untersuchung der Handelsbilanz, des deutschen Staatshaushalts und des
deutschen Volkseinkommens.
Diese Darlegungen, deren sachliche Richtigkeit nicht bestritten werden
kann, die h�chstens die eine Frage offen lassen, ob der von Keynes
genannte Termin gerade der richtige ist, zeigen uns, in welch
gef�hrlichem Fahrwasser das lecke Schiff der deutschen Wirtschaft
schwimmt. Das Echo, das sie in England und Frankreich vielfach gefunden
haben, beweist, wie machtvoll heute die Idee der Gewaltpolitik unter
Abweisung aller Vernunftserw�gungen und aller sittlichen Begriffe in
den K�pfen der Sieger herrscht. Man sieht nur Goldmilliarden, die mit
dem Rechte Shylocks erpre�t werden m�ssen; aber man sieht nicht die
Abgr�nde, die vor ihnen liegen. Die geistige und sittliche Einheit
Europas ist vor dem nationalen Machtrausch und vor der Habgier der
heute, zumal in Frankreich, f�hrenden Schichten ein Schrei in die
W�ste. Gerechtigkeit in der Behandlung gro�er, wehrloser V�lker ein
leerer Paradespruch f�r Bankette, das Drapeau, mit dem Gewalttat und
Eroberungsgier zugedeckt werden. Der Geist Richelieus ist wieder
lebendig geworden, am Rhein und im Osten; nur ruft er heute keine
T�rken herbei, sondern Schwarze und Braune aus allen Himmelsstrichen
und mobilisiert die slawische Welt gegen uns. Wir sind heute das
ungedeckte Glacis des elementar gegen Europa vordringenden Slawentums.
D�rfen wir hoffen, da� die unwiderlegliche Logik der Geschichte selbst
die Einsichtslosigkeit beheben, den verbrecherischen �bermut d�mpfen
wird? M�ssen die Trostlosigkeiten dauernder politischer Unruhen und
chronischer wirtschaftlicher Verarmung erst die ganze Welt sch�tteln
und ersch�ttern, ehe der Satz begriffen wird, da� kein Volk auf die
Dauer davon leben kann, da� es das andere unter die F��e tritt und
ausraubt! Wahrlich, wir haben unser gutes Gewissen wiederbekommen an
all den Furchtbarkeiten und Greueln, die man uns seit dem
Waffenstillstand zugef�gt hat. Mit diesem guten Gewissen haben wir die
neue Pflicht f�r das gequ�lte und leidende Europa �bernommen, der
Gerechtigkeit und der Ansicht breite Tore in uns und allen zu �ffnen,
die in Europa und in der Welt noch guten Willens sind. Das sei im
Dunkel der gegenw�rtigen Stunde unser Trost, da� wir nie zu so gro�er
Mission gel�utert und berufen waren, wie wir heute sind!