DEUTSCHES LEBEN DER GEGENWART Herausgegeben Von Prof. D. Philipp Witkop Mit 8 Abbildungen PROF. DR. PHILIPP WITKOP Deutsche Dichtung der Gegenwart PAUL BEKKER Deutsche Musik der Gegenwart PROF. DR. MAX SCHELER Deutsche Philosophie der Gegenwart PROF. DR. A. SOMMERFELD Relativit�tstheorie PROF. DR. GOETZ BRIEFS Deutsche Wirtschaftsprobleme der Gegenwart Berlin 1922 Volksverband Der B�cherfreunde Wegweiser Verlag G. M. B. H. Dieses Buch wurde als dritter Band der dritten Jahresreihe f�r die Mitglieder des "Volksverbandes der B�cherfreunde" hergestellt und wird nur an diese abgegeben / Den Einband zeichnete A d o l f P r o p p VORWORT Deutsches Leben der Gegenwart -- dem feindlichen Blick, der nur seine Oberfl�che streift, m�chte scheinen, da� die Gegenwart wenig vom deutschen Leben, mehr vom deutschen Sterben zu melden h�tte. Aber der nachdenkliche Betrachter wei�, da� die gr��ten geistigen Epochen Deutschlands �ber seinen politischen Niederlagen wuchsen, da� gerade die Zeiten nach dem Drei�igj�hrigen Krieg, nach dem Zusammenbruch von Jena zu den sch�pferischen des deutschen Lebens geh�ren. Und so wird seinem gesch�rften Auge nicht entgehen, wie auch heute hinter der zerst�rten und zersetzten deutschen Au�enwelt seelische und geistige Kr�fte keimen -- in heiligem Trotz dem Elend und Leid der Gegenwart entkeimen -- die eine Verj�ngung und Vertiefung, eine Erneuerung Deutschlands verhei�en. Von solchen Kr�ften will dies Buch uns Kunde geben, auf da� wir der inneren deutschen Welt gewi� und froh werden, wenn auch die �u�ere noch darniederliegt. Und es ist bedeutsam, zu sehen, da� diese M�chte durch den Krieg zwar erst ganz befreit und gef�rdert, aber nicht erst durch den Krieg geweckt sind. Schon seit der Jahrhundertwende regen sich Kr�fte in Deutschland, die es aus der europ�ischen Epoche des Materialismus und Rationalismus, des Technizismus und Kapitalismus hinausf�hren wollen zu geistigem und seelischem Urgrund. In der Dichtung, Musik, Philosophie, der Naturwissenschaft und Wirtschaft dr�ngen junge, schicksalstiefere Kr�fte vor. Und so wenig die Autoren dieses Buches einem bestimmten anderen Punkte sieht und schafft, so leben und schaffen doch alle nicht im Gef�hl eines Ausgangs und Untergangs, sondern eines Anfangs und �bergangs, einer Zeitenwende, in der dem deutschen Volke vielleicht gerade um seiner gr��eren Leiden willen die gr��ere, schwerere Aufgabe zugewiesen ist. F r e i b u r g i. B., Neujahr 1922. Prof. Dr. Philipp Witkop. DIE DEUTSCHE DICHTUNG DER GEGENWART (IN IHREN GRUNDLINIEN) VON PHILIPP WITKOP DER ROMAN Alle epische Dichtung, das Versepos wie der Roman, setzt sich als h�chstes Ziel, ihr ganzes Volk in ihrer Zeit darzustellen, in seinen religi�sen, sittlichen, geistigen und wirtschaftlichen Grundformen. Aber die Urzeit der V�lker, da diese Formen in ungeschiedener Einheit das ganze Volk umfassen, hat selten ein Volk zum Bewu�tsein und zur epischen Gestaltung seiner selbst gelangen lassen. Erst nachdem sich aus der Einheit und Einfachheit des ganzen Volkes einzelne St�nde herausgehoben und gesondert ihre Anlagen und Lebensformen entwickelt haben, sind die gro�en Epen entstanden. Die Ilias wie die Nibelungen stellen die Lebensformen einer ritterlichen Gesellschaft dar. Und wenn de st�ndischen Volksgruppen sich kulturell und dichterisch entwickelt haben, meist nacheinander, so bleiben sie in der epischen Dichtung ihres Landes nebeneinander bestehen: fast alle gro�en neueren Romane gestalten die Lebensformen eines bedeutenden Standes; so zerf�llt der Volksroman in den Ritter- oder Adelsroman, den B�rgerroman, den Bauernroman, den Arbeiterroman. Die jeweilige sch�pferische Bedeutung dieser St�nde entscheidet zumeist auch �ber die Bedeutung ihrer Romane. Sind ihre Lebensformen, ihre religi�sen, sittlichen, geistigen, wirtschaftlichen Grundkr�fte gesund, klar, einig und sch�pferisch, so dr�ngen sie auch nach ihrem sch�pferischen Ausdruck, so geben sie einem wesensverbundenen Epiker die innere Form zu einem epischen Gesellschafts- und Volksbild, das sich in breitem Nach- und Nebeneinander, in plastischer Gestaltenf�lle, in farbiger Sinnlichkeit und Sichtbarkeit, in liebevoller Bejahung des Lebens entfaltet. In Deutschland ist dies Wesen und Werden der epischen Dichtung von fremden Kr�ften durchkreuzt. Seine ritterliche Kultur hat zwar in Gottfried von Stra�burgs "Tristan" und in Wolfram von Eschenbachs "Parzival" vollen epischen Ausdruck gefunden. Aber schon im "Parzival", dem eigentlich deutschen der beiden Gedichte, bricht jene deutsche Eigenheit durch, die dem epischen Lebensgef�hl widerspricht: die deutsche Art schl�gt das Auge eher nach innen denn nach au�en auf, ist mehr metaphysisch als physisch, mehr musikalisch als plastisch, sie wei� mehr von der inneren Einsamkeit der Pers�nlichkeit als von der Gemeinsamkeit des Standes, Volkes und Staates, mehr von Kampf und Tragik als von Frieden und Daseinsfreude. Schon die Nibelungen sind im Grunde eine Trag�die, der grauenvolle Untergang eines ganzen Volkes. Ein unendliches Wehklagen ist ihr Schlu� und die d�stere Erkenntnis, "da� alle Freude immer zuletzt in Leid sich kehrt". Und der erste der gro�en deutschen Prosaromane, Grimmelshausens "Simplizissimus", schildert die irrende deutsche Seele, die aus Mord und Get�mmel des Drei�igj�hrigen Krieges auf eine einsame Insel, an das Herz ihres Gottes fl�chtet. Die Entwicklung und Vollendung der Seele wird zum Inhalt des deutschen Romans, nicht die Darstellung des �u�eren Lebens, der Gesellschaft, des Volkes, der Kriege und Siege. Die gro�en deutschen Epen und Romane sind Entwicklungsromane: "Parzival", "Simplizissimus", "Wilhelm Meister", "Der gr�ne Heinrich". Diese deutsche Wesensart ist durch die Geschichte Deutschlands bedeutsam verst�rkt worden -- wobei vielleicht auch hier "Schicksal und Gem�t Namen e i n e s Begriffes sind" (Novalis). W�hrend die romanische und angels�chsische Welt mit der Renaissance sich der Bewunderung, Erforschung und Eroberung der Natur zuwandte, verlor sich Deutschland in die metaphysischen Tiefen und Konflikte der Reformation, bis da� es in einem drei�igj�hrigen Religionskriege fast zugrunde ging. Aber w�hrend es politisch und wirtschaftlich so auf lange daniederlag, hob es sich philosophisch und k�nstlerisch zu seiner gr��ten Bedeutung. Zum epischen Ausdruck dieser inneren Welt und Wesenheit wird der Roman der deutschen Romantik (H�lderlin, Novalis, Jean Paul. Eichendorf, E. T. A. Hoffmann), der durchaus musikalisch-metaphysisch bestimmt ist, aus der Welt der Gestalten in die "unendliche Melodie" hin�berdr�ngt. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts tritt Deutschland aus dem Reich der Dichtung, Philosophie und Religion in das Reich der Industrie, Technik und Politik hinaus. Aber die k�nstlerisch bedeutenden realistischen Romane, die um diese Zeit entstehen (Immermanns "M�nchhausen", 1838, Ludwigs "Heiteretei", 1853, Freytags "Soll und Haben", 1855, Reuters "Ut mine Stromtid", 1862-64, Raabes "Der Hungerpastor", 1864), begleiten diese Entwicklung kaum. Ihre Welt ist die des alten Deutschlands, des Bauerntums, der Gutsbesitzer, des Kleinb�rgertums geblieben. Die deutsche Kultur vermag die neuen, industriellen und politischen Kr�fte nicht sch�pferisch zu durchdringen und zu formen. Es war das Verh�ngnis der deutschen Kultur, da� die neue Entwicklung die klassische Zeit des deutschen Idealismus nicht auf ihrer H�he, sondern im Niedergang antraf, da� das philosophisch-dichterische und das naturwissenschaftlich-technische Zeitalter sich nicht durchdrangen, sondern einseitig abl�sten. Als die idealistische deutsche Weltanschauung schon in sich zersetzt, Hegels Philosophie bei Feuerbach in ihr Gegenteil umgeschlagen war, da drangen Naturwissenschaften, Technik und Industrie ein. Eine abgestorbene innere Welt stand einer jungen �u�eren gegen�ber, die sich in unerh�rter J�he und St�rke entwickelte. Und die politischen Geschehnisse -- die wieder nicht aus innerem Wachstum reiften, sondern von au�en, durch Bismarcks Genius heraufgef�hrt wurden -- steigerten diese Entwicklung ins Hemmungslose. So vermochten die alten b�rgerlichen Lebensformen sich nicht mehr organisch fortzubilden; sie wurden gesprengt. Mit dem Aufstieg des deutschen B�rgertums zur �u�eren Macht beginnt seine innere Zersetzung. Der Biedermeierstil ist der letzte Ausdruck einer b�rgerlichen Lebensform in Deutschland. Am Ende dieser b�rgerlichen Kultur steht Thomas Mann (geb. 1875). Seine Vaterstadt L�beck, die alte Hansastadt, vermochte ihre Lebensformen am l�ngsten zu behaupten. Die "Buddenbrooks" (1901) sind der gr��te und letzte b�rgerliche Roman in Deutschland. Thomas Mann war -- wie sein Bruder Heinrich Mann -- der Sohn eines L�becker Senators. �ber ein Jahrhundert hinweg sah er sein Geschlecht in der sicheren Tradition, den festen b�rgerlichen Lebensformen der Freien Hansastadt wurzeln und wirken. Und am Ende dieser Reihe standen er und sein Bruder, unwillig, unf�hig, diese Tradition fortzuleiten. Der Dreiundzwanzigj�hrige suchte nach einer Erkl�rung, einer Rechtfertigung seines Andersseins. Und als Sohn eines naturalistischen Zeitalters, das eben Darwin aufgenommen hatte, das Entwicklung und Verfall der Arten, die geheimnisvolle Un�bersehbarkeit der Erbgesetze zu durchschauen meinte, sah er -- nicht ohne Einflu� Zolas und seiner Rougon-Macquart-Reihe -- sich als den Ausgang eines alten, immer mehr verfeinerten Geschlechtes, das schlie�lich, durch Beimischung des m�tterlichen, romanischen Blutes dem t�tigen Leben entfremdet, im blo�en Zuschauer, Kritiker und Gestalter des Lebens, im K�nstler, endete. Ein Entartungs-, ein Dekadenzproblem! Auf mehr denn tausend Seiten schrieb der J�ngling die Chronik des Niederganges: "Buddenbrooks. Verfall einer Familie." Aber er war viel zu seelenhaft, zu metaphysisch, zu musikalisch, als da� er im naturalistischen Roman steckengeblieben w�re. St�rker als Zola bestimmte ihn Richard Wagner, dessen �berwiegend epische Elemente ihm deutlich und nah waren, st�rker als die Rougon-Macquart-Reihe der "Ring der Nibelungen". So wurde ihm die Entartung zur Verinnerlichung: Vier Generationen schreiten den Weg aus klarer, derber Lebenst�chtigkeit in die allaufl�sende, geheimnisdunkle, "unendliche Melodie". Durch die naturalistische Darstellung bricht das Lebensgef�hl der deutschen Romantik: "Sympathie mit dem Tode". Die vier Generationen schreiten den Weg nicht nur kraft einer naturgesetzlich berechenbaren Zersetzung ihres Blutes und ihrer Nerven, nicht nur Kern einer metaphysisch unbedingten Wesensgegebenheit, sie schreiten ihn auch, weil die alten b�rgerlichen Lebensformen ihrer Umwelt sie nicht mehr zu halten und binden verm�gen. Auch hier sind, im weiten epischen Sinne, "Schicksal und Gem�t Namen Eines Begriffes" (Novalis). Im "Verfall einer Familie" schildert der Epiker den Verfall einer Welt, der Welt des alten deutschen B�rgertums. Subjektiv "fl�chtig und ohne da� ich an diesem Gegentyp sonderlich teilgenommen h�tte", objektiv aber notwendig und bedeutsam geht dem Abstieg der Buddenbrooks der Aufstieg der Hagenstr�ms parallel, um in der �bernahme des Buddenbrookschen Hauses durch Hagenstr�ms zu gipfeln: Der B�rger wird abgel�st durch den Bourgeois, patriarchalische, sittliche, geheiligte Lebensformen, die �ber den Personen und Generationen standen, weichen der egoistischen, skrupellosen Willk�r des Individuums, das "frei von der hemmenden Fessel der Tradition und der Piet�t auf seinen eigenen F��en stand" dem "alles Altmodische fremd" war. In vier Generationen umfa�t der Roman die Zeit von 1768, dem Gr�ndungsjahr der Firma (unmittelbar von 1835, dem Jahr des Wohnungswechsels) bis nach 1880: die eigentliche Zeit des neuen deutschen B�rgertums, in Aufstieg, Glanz und Niedergang. Schon diese �u�ere Spannweite greift �ber jeden deutschen Roman hinaus, nicht minder die innere: der Beginn: rationalistische Behaglichkeit, sinnlich-geruhige Lebensfreude und Lebensbejahung, das runde, rosig �berhauchte, wohlmeinende Gesicht, das schneewei� gepuderte Haar, das leise angedeutete Z�pflein des alten Monsieur Johann Buddenbrook, ein Diner von traditioneller Feinheit und F�lle und epischer Dauer, Schinken von sagenhaftem Umfang, Puddings von mythischer Schichtung und Mischung, Weine von staubumsponnenem Alter, anakreontisch t�ndelnde Verse: "Venus Anadyom�ne -- Und Vulcani flei�'ge Hand", heiter-grazi�se Fl�tent�ne und ein wenig schl�pfrige Verslein im Billardsaal. Und das Ende: der f�nfzehnj�hrige, lebensunwillige, leidverlorene Hanno Buddenbrook mit den Augen des Wissenden, Einsamen, Heimatlosen, der so m�de des Daseins ist, der schlafen m�chte und nichts mehr wissen: "man sollte mich nur aufgeben; ich w�re so dankbar daf�r", der aus der Sph�re epischer Bejahung und Gegenst�ndlichkeit in verzweifeltem Aufbruch sich hin�berfl�chtet in das weltfl�chtige, weltverneinende, jenseitige Reich einer an Wagner geschulten Musik: Hanno Buddenbrook vor dem Fl�gel. Zwischen diesen �u�ersten Spannungsweiten dehnt sich die Handlung. In einer epischen Gegenst�ndlichkeit, die keine Reflexion, keinen blassen Bericht zul��t, die ganz sichtbare, farbige Gegenwart ist, folgen sich die Gestalten und Generationen als feste Glieder in der Kette des Geschlechts, der Firma, der b�rgerlichen Tradition. Dieser Zusammenhang umfa�t ihre Weltanschauung. Ihr Unsterblichkeitsglaube ist der epische des Geschlechts: "da� er (Thomas Buddenbrook) in seinen Vorfahren gelebt habe und in seinen Nachfahren leben werde. Dies hatte nicht allein mit seinem Familiensinn, seinem Patrizierselbstbewu�tsein, seiner geschichtlichem Piet�t �bereingestimmt; es hatte ihn auch in seiner T�tigkeit, seinem Ehrgeiz, seiner ganzen Lebensf�hrung unterst�tzt und bekr�ftigt." Die Bibel dieses Glaubens ist die Familienchronik: die feierliche Darstellung des Werdens, Ringens und Wachsens dieser Folge, der Menschen, der Generation und des Ideals, dem sie unterstellt sind: der Firma. Wie es die Lebensaufgabe der F�rsten- und K�nigsh�user ist, ihren �berkommenen Machtbezirk taten- und ehrenvoll zu behaupten und zu erweitern, so ist es die verantwortungsvolle Aufgabe des B�rgerhauses, die ererbte Firma zu immer weiterer Wirkung, immer reicherer W�rde zu f�hren. Eine �berpers�nliche, sittliche Aufgabe! Ihr opfert man seine Ruhe, seine Liebe, sein Gl�ck. "Wir sind nicht daf�r geboren, was wir mit kurzsichtigen Augen f�r unser eigenes, kleines, pers�nliches Gl�ck halten, denn wir sind nicht lose, unabh�ngige und f�r sich bestehende Einzelwesen, sondern wie Glieder in einer Kette, und wir w�ren, so wie wir sind, nicht denkbar ohne die Reihe derjenigen, die uns vorangingen und uns die Wege wiesen, indem sie ihrerseits mit Strenge und, ohne nach rechts oder links zu blicken, einer erprobten und ehrw�rdigen �berlieferung folgten." Die ersten beiden Generationen des Romans sind von diesem Lebensgef�hl noch bluthaft durchdrungen; in den beiden letzten zersetzt es sich. Nur Toni Buddenbrook bleibt sein gl�ubiger Tr�ger. Ihm opfert sie ihre Jugendliebe, um seinetwillen heiratet sie den erst widerw�rtigen Gr�nlich, um seinetwillen trennt sie sich von ihm, um seinetwillen geht sie die neue We mit Permaneder ein. Und als alle m�nnlichen Glieder der Familie gestorben, die Firma aufgel�st ist, da bleibt ihr Lebenstrost, einmal in der Woche die weiblichen Verwandten zu sich zu laden: "Und dann lesen wir in den Familienpapieren." Ihr Gegensatz ist ihr Bruder Christian. Ihn verm�gen die alten Lebensformen nicht mehr zu halten, sie lassen ihn gehen, er l��t sich gehen: "Wie satt ich das alles habe, dies Taktgef�hl und Feingef�hl und Gleichgewicht, diese Haltung und W�rde, wie sterbenssatt!" Die Firma, das �berpers�nliche Ideal der Familie bedingt ihn nicht. Er zergeht in "�ngstlicher, eitler und neugieriger Besch�ftigung mit sich selbst". Sein Interesse f�r Theater, Variet� und Zirkus ist das Interesse des formlos gewordenen B�rgers f�r "die Fahrenden" die dem mittelalterlichen B�rger als unehrlich galten. Schlie�lich heiratet er seine Kurtisane; den alten, b�rgerlichen Formen entglitten, unf�hig, sich neue zu bilden, f�llt er seelisch und k�rperlich auseinander. Zwischen Toni und Christian steht Thomas Buddenbrook. Die Gefahren Christians, der Hang zur Formlosigkeit und Subjektivit�t, ist ihm nicht fremd. Er bek�mpft und �berwindet sie. Er wird zum Helden des sinkenden b�rgerlichen Ideals. Aber die alten Lebensformen halten weniger ihn, als da� er sie h�lt. Der Held wird zum Schauspieler des Ideals; er repr�sentiert es, er verk�rpert es nicht. "Der g�nzliche Mangel eines aufrichtig feurigen Interesses, das ihn in Anspruch genommen h�tte, die Verarmung und Ver�dung seines Innern, verbunden mit einer unerbittlichen inneren Verpflichtung und z�hen Enschlossenheit, um jeden Preis w�rdig zu repr�sentieren, seine Hinf�lligkeit mit allen Mitteln zu verstecken und die Dehors zu wahren, hatte dies aus seinem Dasein gemacht, hatte es k�nstlich, bewu�t, gezwungen gemacht und bewirkt, da� jedes Wort, jede Bewegung, jede geringste Aktion unter Menschen zu einer anstrengenden und aufreibenden Schauspielerei geworden war." Diesem Schauspieler des Ideals wird als Sohn Hanno Buddenbrook, der viel zu m�de ist, um zu schauspielern, viel zu vornehm, um gleich seinem Onkel Christian zum "Fahrenden" zu werden. Wenn er zur Kunst fl�chtet, so sucht er nicht das Formlose im Leben, sondern das Formlose jenseits des Lebens: die Musik, die vor und �ber aller Erscheinung ist, das Meer der unendlichen Melodie, das sein Tropfendasein erl�send zur�cknimmt. Von den alten b�rgerlichen Lebensformen verlassen, nach neuen nicht begierig, ein B�rger des Metaphysischen, das sich seinem Vater nur in der Lesung Schopenhauers einmal blendend enth�llt hat, gibt er leidvoll und heimwehm�de vor der Zeit das Leben preis. Wie diese -- erst in Hanno ungehemmte -- "Sympathie mit dem Tode" heimlich aus der b�rgerlichen Diesseitigkeit der Generationen emporw�chst, ist in weitgespannter, ersch�tternder Symbolik dargestellt. Die ersten, eigentlich epischen, lebensbejahenden Generationen verstehen den Tod nicht: "Kurios! Kurios!" murmelt der alte Monsieur Buddenbrook am Sterbebett seiner Frau mit leisem, erstauntem Kopfsch�tteln; mit einem letzten "Kurios" kehrt er selber sich sterbend zur Wand. "Mit Furcht und einem offenkundigen, naiven Ha�" beobachtet die Konsulin Buddenbrook, "die ehemalige Weltdame, mit ihrer stillen, nat�rlichen und dauerhaften Liebe zum Wohlleben und zum Leben �berhaupt" die Fortschritte ihrer Krankheit; sie k�mpft mit dem Tod in langer, verzweifelter Kraft. Thomas Buddenbrook aber, der Held und Schauspieler des b�rgerlichen Ideals, ist l�ngst so vom Tode unterh�hlt, da� ein Zahngeschw�r gen�gt, um seine krampfhafte Lebensbehauptung niederzurei�en. Mitten auf der Stra�e wirft es ihn um; der so lang und gewissenhaft W�rde, Haltung, Form verteidigt, liegt im Kot und Schneewasser des Fahrdamms. "Seine H�nde, in den wei�en Glac�handschuhen, lagen ausgestreckt in einer Pf�tze." Hanno aber k�mpft nicht mehr gegen den Tod; hemmungslos ersehnt und ruft er ihn als den Freund und Erl�ser. Mit �hnlicher, weitgespannter Symbolik, mit gleicher F�lle und Dauer der inneren Beziehungen baut sich alles auf in diesem Roman. Von den alten Epen ist das Leitmotiv �bernommen und �ber Richard Wagner her musikalisch verinnerlicht, symbolisch vertieft. Gegen�ber der lockeren Form des "Wilhelm Meister" und des "Gr�nen Heinrich" ist hier an Geschlossenheit des epischen Aufbaus in Deutschland ein H�chstes erreicht. Die "Buddenbrooks" schreibt Thomas Mann, dreiundzwanzig bis sechsundzwanzig Jahre alt, in Italien und M�nchen, so wie Gottfried Keller seinen "Gr�nen Heinrich" in Berlin niederschrieb. Nicht er allein schuf diesen Roman; durch ihn schuf und gestaltete sich sein Geschlecht, sein Heimatstaat L�beck, wie der Berner Stadt-Staat durch Jeremias Gotthelf, Z�rich durch Gottfried Keller, das alte Berlin durch Theodor Fontane sich Gestalt erdrang. Aber Gottfried Keller kehrte aus Berlin nach Z�rich heim, wurde Staatsschreiber und F�hrer, nahm in Anteil und Liebe neue Lebensbilder und -schicksale seines Volkes auf, Grund und Gehalt zu neuen Sch�pfungen. Was blieb Thomas Mann, dem Epiker, der seine eigene Welt zu Grabe getragen, der ihr das letzte Zeichen seiner Liebe im Riesendenkmal seiner Dichtung geschaffen hatte? Ein Lyriker hat die Natur, ein Dramatiker. die Idee, die seiner Kunst Boden und Wachstum geben. Ein Epiker ist undenkbar ohne Volks- und Heimatzusammenhang. Im Weh verfr�hter Hellsicht stand der Einsame, Zur�ckgebliebene, ein K�nig ohne Land, ein Bildner ohne Stoff. Sollte er zum blo�en Zuschauer, Beobachter, Kritiker, zum weiteren Zersetzer des Lebens werden? Sollte er das Leben verachten, das ihm nicht gem�� war, und hochm�tig sich in das Reich einer rein formalen Kunst, einer l'art pour l'art, zur�ckziehen? Das Europ�isch-Intellektuelle seine Wesens, das Romanische seines Blutes dr�ngte zu diesem Entscheid. Der Zwiespalt wurde zur Dichtung: In den "Buddenbrooks" hatte Thomas Mann sich Rechenschaft �ber das Problem seines Lebens gegeben, im "Tonio Kr�ger" gab er sich Rechenschaft �ber seine Kunst. Und er blieb dem Leben treu, obwohl es ihn allein gelassen hatte. �ber die Qual der Einsamkeit, den Hochmut der Form und Erkenntnis hinweg bekannte, ja predigte er "die B�rgerliebe zum Menschlichen, Lebendigen und Gew�hnlichen. Alle W�rme, alle G�te, aller Humor kommt aus ihr, und fast will mir scheinen, als sei sie jene Liebe selbst, von der geschrieben steht, da� einer mit Menschen- und Engelszungen reden k�nne und ohne sie doch nur ein t�nendes Erz und eine klingende Schelle sei." Er verspottete und gei�elte die Gefahren des Literaten- und �sthetentums -- seine Gefahren! -- im Schriftsteller Spinell. In Leidverwandtschaft kehrte er sich den Enterbten des Lebens zu, sprach er sein Leid in ihrem Leid, im Weltleid aus. Wie in den "Lamentationen" Heines, den das Leben verwiesen und in die Matratzengruft geworfen hatte, so ziehen die Verfolgten und Verratenen des Lebens -- Tobias Mindernickel, der kleine Herr Friedemann, der Bajazzo, Rechtsanwalt Jacoby, Friedrich Schiller, Baronin Anna, Lobgott Piepsam, Van der Qualen, Hieronymus -- mit friedlosen, sehenden Augen an uns vor�ber. Langsam erst ringt sich aus dieser Heimatlosigkeit und Sehnsucht ein Hoffen, ein Ahnen, ein Wissen von neuer Verbundenheit: in Frau und Kindern beginnt ihm das Leben neu, ein erstes Menschenpaar, eine junge Welt. Durch sie f�hlt er sich den Menschen wieder verbunden, nicht in Sehnsucht mehr, in lebendigem Anteil. "K�nigliche Hoheit" zeichnet die Erl�sung durch die Liebe von einem formalen, repr�sentativen Dasein zur Tat und Gemeinschaft, zum "strengen Gl�ck". Ein Kunst- und M�rchenspiel von romanischer Klarheit, Bewu�theit, �berlegenheit der Form, von deutscher Innerlichkeit, Einsamkeit, Pflicht und Liebestiefe des Gehalts. Der "Gesang vom Kindchen" gibt Geburt und Taufe eines T�chterchens, Menschlich-Schlichtestes als Menschlich-Tiefstes, fast ohne �sthetische Form, nur als Ausdruck der formgewordenes, harmonischen Pers�nlichkeit. Und das Prosaidyll "Herr und Hund" zieht in Bauschan, dem H�hnerhund, auch das Tier in die Gemeinschaft des Lebens und der Liebe ein. Aus dieser wurzeltiefen Lebensgemeinschaft, dieser sittlichen Zugeh�rigkeit und Entschlossenheit, dieser W�rme, Liebe und G�te formt er die letzte, klassische Auseinandersetzung, die Absage an die zersetzenden Kr�fte in sich und der Umwelt: an die aufl�sende Erkenntnis, die Relativierung der Werte und -- tiefer und tragischer im Konflikt seines Helden -- an die leere Sch�nheit, die blo�e Form: "Der tiefe Entschlu� des Meister gewordenen Manns, das Wissen zu leugnen, es abzulehnen, erhobenes Hauptes dar�ber hinwegzugehen, sofern es den Willen, die Tat, das Gef�hl und selbst die Leidenschaft im geringsten zu l�hmen, zu entmutigen, zu entw�rdigen geeignet ist, liegt hinter dem Dichter Aschenbach, dem Helden der Meisternovelle 'Der Tod in Venedig'." Im Kampfe zwischen Geist und Kunst hat er leidenschaftlich f�r die Kunst gefochten. Um der Kunst willen hat er dem Leben entsagt, an der Einsamkeit seines Schreibtisches hat er gegen seinen schw�chlichen K�rper in z�hem, unerm�dlichem Ringen die reine Form seiner Werke erk�mpft, die ihm ebenso ethische wie �sthetische Aufgabe war. Aber hinter dieser Form, die den Spannungen seines Willens und Bewu�tseins abgerungen, die nicht organischen Lebens- und Liebestiefen entwachsen ist, droht st�ndig die Gefahr der Abspannung und Entfesselung, der Z�gellosigkeit und Vernichtung. Auf der H�he seines Ruhmes verf�hrt und �berw�ltigt sie ihn. Sie lockt ihn nach den Gestaden Venedigs, wo das das Leben Schein und die Kunst Wirklichkeit ist. Sie entz�ndet in ihm die Liebe zu Tadzio, dem sch�nen Polenknaben, eine zuchtlose Ausschweifung seiner k�nstlerischen und sinnlichen Phantasie, sie sich nicht an der Wirklichkeit beruhigen, berichtigen, gestalten kann noch will, eine weglose Liebe zur reinen Form, die zur Unfruchtbarkeit verdammt ist, die nicht zeugen kann im Geliebten, die widernat�rlich und t�dlich ist. In tragischer Steigerung, in unentwirrbarer Mischung des Heiligen und Verworfenen, jagt sie "den Meister, den w�rdig gewordenen K�nstler", durch alle Leiden und Leidenschaften, alle Verz�ckung und Erniedrigung zur "Unzucht und Raserei des Untergangs". Nie sind die eingeborenen Gefahren der Kunst w�rdiger und ersch�tternder gestaltet, die Gefahren der Sch�nheit, die dem Geist wie den Sinnen verkn�pft ist, die in jedem von ihnen zur Ausschweifung neigt, sofern nicht beide in der h�heren Einheit der Seele sich organisch finden und binden. Dann kam der Krieg. Und �ber alle milit�rischen und politischen K�mpfe erlebte ihn Thomas Mann als die unerbittliche Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen, jener Gegens�tze, die er in sich selber erlitten und entschieden hatte: das Germanische und das Romanische, das Deutsch-Dichterische und das Europ�isch-Intellektuelle, Kunst und Erkenntnis, Gehalt und Form, Kultur und Zivilisation. In seinem eigenen Bruder war der Teil seines Wesens, den er abgelehnt und ausgemerzt hatte, Wille und Angriff geworden. Gegen seinen Bruder mu�te er diesen Kampf noch einmal aufnehmen und f�r die deutsche Seele entscheiden. Alle gro�en Epiker waren Gestalter ihres Volkes, nicht nur im �sthetischen, auch im ethischen Sinne: Deuter, Mahner, Erzieher: Wolfram von Eschenbach im "Parzival", Grimmelshausen im "Simplizissimus", Goethe im "Wilhelm Meister" Gottfried Keller im "Gr�nen Heinrich" und "Martin Salander"; Jeremias Gotthilf in jedem seiner schollentreuen Romane. Es brauchte des franz�sischen Vorbildes, Emil Zolas, nicht, das Heinrich Mann seinem Bruder entgegenstellte. Das Bild, das sie formen wollten und mu�ten aus dem Rohstoff ihres Volker: das entschied ihre Bedeutung. F�r Heinrich Mann war der Mensch ein soziales Lebewesen; er predigte den sozialen, franz�sischen, rationalistischen, optimistischen Menschen des 18. Jahrhunderts. Thomas Mann sah im Menschen das metaphysische Lebewesen; er gestaltete und verk�ndete den metaphysischen, deutschen und russischen, religi�sen, ja mystischen, pessimistischen Menschen des 19. Jahrhunderts. Dem Standbild Zolas hatte er sein Standbild Friedrichs des Gro�en entgegengestellt, den geschw�tzigen, optimistischen, rationalistischen "Vier Evangelien" des Romanciers die D�monie und herrische Pflichttreue des gottgeschlagenen und gotterw�hlten K�nigs, der sich verzehrte in Arbeit, Einsamkeit und endlosen Kriegen, da� von ihm nichts �brigblieb wie ein abgemergelter, verschrumpfter Kinderleib, den ein Diener mit einem seiner Hemden bekleiden mu�te, da "man kein heiles, sauberes Hemd in seinen Schubladen fand". Aus den metaphysischen Tiefen solcher Bereitschaft und Berufung ersehnt und erweckt Thomas Mann seinem Volk jene Kr�fte, die imstande sind, "die fortschreitende Zerst�rung aller psychischen Wirklichkeit und seelischen Form, die scheinbar unaufhaltsame Anarchisierung und Barbarisierung der Menschenwelt durch den revolution�ren Intellekt" zu �berwinden, "dem Leben, der Ganzheit und Harmonie des Menschen, dem Wiederaufbau seelischer Form zu dienen" und so dem heimatlosen Epiker, seinem Leben wie seiner Kunst, eine neue Welt zu schaffen. Heinrich Mann aber, Thomas Manns Gefahr und Gegensatz, ist nicht nur in und durch Thomas Mann �berwunden, ist politisch an der Entwicklung der Zeit, k�nstlerisch an seiner zersetzenden Subjektivit�t und Lieblosigkeit zergangen. Thomas Mann hatte sein Geschlecht und Volk noch im Verfall umfa�t, hatte am Ende der Reihe, ein Zugeh�riger und doch Au�enstehender, in Liebe und Ironie zugleich ihm Gestalt gegeben. In Sehnsucht hatte jedes seiner Werke vom Wiederaufbau, der neuen Lebensform und Lebensgemeinschaft gehandelt. Im tiefsten Sinn war ihm, dem wahren Epiker, Richard Dehmels Spruch Lebensgef�hl gewesen: "Alles Leid ist Einsamkeit -- alles Gl�ck Gemeinsamkeit." Heinrich Mann hatte sich stets wichtiger genommen als sein Geschlecht und sein Volk. Fr�h und fremd hatte er Vaterstadt und Vaterland den R�cken gekehrt. Der romanische Tropfen in seinem Blute trieb ihn nach Italien, das Thomas erst sein tiefes Deutschtum deutlich machte. Eine Zeitlang glaubte Heinrich Mann, dort "zu Hause zu sein. Aber ich war es auch dort nicht; und seit ich dies sp�rte, begann ich etwas zu k�nnen. Das Alleinstehen zwischen zwei Rassen st�rkt den Schwachen; es macht ihn r�cksichtslos, schwer beeinflu�bar, versessen darauf, sich selbst eine kleine Welt und auch die Heimat hinzubauen, die er sonst nicht f�nde. Da nirgends Volksverwandte sind, entzieht man sich achselzuckend der �blichen Kontrolle. Da man nirgends eine �ffentlichkeit wei� mit v�llig gleichen Instinkten, gelangt man dahin, sein Wirkungsbed�rfnis einzuengen, es an einem einzigen auszulassen, wodurch es gewinnt an Heftigkeit. Man geht grelle Wege, legt das Viehische neben das Vertr�umte, Enthusiasmen neben Satiren, koppelt Z�rtlichkeit an Menschenfeindschaft. Nicht der Kitzel der andern ist das Ziel: wo w�ren denn andere! Sondern man schafft Sensationen f�r einen einzigen. Man ist darauf aus, das eigene Erleben reicher zu f�hlen, die eigene Einsamkeit gew�rzter zu schmecken." Welch treffendes Selbstbildnis! Welch Zerrbild eines Epikers! Ohne Wurzelboden, ohne Zusammenhang, ohne Liebe, im Selbstgenu� hochm�tiger, �berreizter Sensationen, zersetzender Erkenntnisse, ehrgeiziger Spannungen. Ihm wird die Kunst zur "widernat�rlichen Ausschweifung". "Pippo Spano", das Gegenbild zum "Tonio Kr�ger", bekennt in leidender zuchtloser L�ssigkeit: "Sie (die Kunst) h�hlt ihr Opfer so aus, da� es unf�hig bleibt auf immer zu einem echten Gef�hl, zu einer redlichen Hingabe. Bedenke, da� mir die Welt nur Stoff ist, um S�tze daraus zu formen. Alles, was du siehst und genie�t: mir w�re nicht an ihrem Genu� gelegen, nur an der Phrase, die ihn spiegelt. Jeder goldene Abend, jeder weinende Freund, alle meine Gef�hle und noch der Schmerz dar�ber, da� sie so verderbt sind -- es ist Stoff zu Worten." Das ganze Leben und Schaffen Heinrich Manns ist �sthetischer Selbstgenu� statt ethischer Selbstvollendung oder -�berwindung. Welche epischen Werke k�nnen aus solcher Willk�r wachsen? Das Hauptwerk "Die G�ttinnen oder die drei Romane der Herzogin von Assy" (1902-03) wei� der Wurzel- und Heimatlosigkeit seines Dichters keine andere Heldin als die Balkanprinzessin der Operetten. Macht, Kunst und Liebe werden -- in reinlichem Nacheinander! -- ihr Lebensinhalt. Der Balkan, Venedig, Neapel sind die billigen Kulissen dieser Stationen. Da Heinrich Mann nicht seine Literatur aus dem Leben, sondern sein Leben aus der Literatur empf�ngt, sind alle Figuren und Leidenschaften aus zweiter Hand, �sthetische, durchsichtige, monumentalisierte Schemen, nicht unergr�ndliche, blut- und seelenvolle Gestalten, nur der papiernen Phantasie von Literaten und Gro�st�dtern �berzeugend. Was ihnen an organischem Leben fehlt, ersetzen sie durch die �berreiztheit ihrer Gef�hle und Geb�rden, durch Rausch und Hysterie -- eine krampfige Nachfolge d'Annunzios. Neben solchen Orgien einer �berreizten Literatenphantasie stehen die satirischen Romane: "Im Schlaraffenland", "Professor Unrat", "Der Untertan" usw. Sie sind Emil Zola n�her, zumal ihr bester, "Im Schlaraffenland" -- eine Schilderung des zersetzten Berlin W -- aber ohne Zolas soziales Pathos. Auch die Satire bedarf der Liebe, um zeugen und geb�ren zu k�nnen, der Liebe zur armen, irregehenden Menschheit oder zum neuen, reineren Ideal. "Ich glaube nicht" -- sagt Thomas Mann in den "Betrachtungen" -- "da� ohne Sympathie �berhaupt Gestalt werden k�nne; die blo�e Negation gibt fl�chige Karikatur." Auch hier scheint die Literatur, nicht das Leben -- die Witzbl�tter scheinen Heinrich Mann die Gestalten und Vorg�nge zum "Professor Unrat" und "Untertan" gegeben zu haben: so fl�chig und billig sind sie gezeichnet. Jede lebendige Gestalt mu� Monate unter dem Herzen getragen, mu� mit Blut gen�hrt sein. Nur e i n Roman ist Heinrich Mann gelungen, dem Wurzelboden und Atmosph�re eigen: "Die kleine Stadt". Es ist bedeutsam, da� er in Italien spielt: "Eine Zeitlang glaubte ich (dort) zu Hause zu sein." Einmal hat Heinrich Mann einen erlebten Gehalt und mit ihm eigene Form gefunden: dem immer bewegten V�lkchen des S�dens, den flackernden Leidenschaften entspricht ein bewegter, farbiger, flirrender Impressionismus des Stils. Diese italienischen Kleinb�rger, die sich hei�bl�tig und beweglich an ihren Worten und Geb�rden berauschen, alle ein wenig K�nstler, ein wenig Schauspieler, ein wenig d'Annunzio, sind in ihrer Menschlichkeit und Kindlichkeit so liebensw�rdig erlebt und gestaltet, da� sie und ihr Schicksal zu menschlich-symbolischer Bedeutung wachsen. Ihre Instinkte glimmen unter der Asche der t�glichen Eint�nigkeit. Da zieht eine Schauspielertruppe in die Stadt und weht sie nach allen Seiten zu Flammen auf. Sinnlichkeit und Liebe, Eifersucht und Ehrgeiz, vergessene und noch schlummernde Leidenschaften wirbeln knisternd hoch. Der Kampf zwischen Priester und Advokat, Reaktion und Fortschritt teilt und erregt die Massen. Die Glocken der Kirche und die Melodien der Oper streiten miteinander. Doch aus dem Feuer der Leiden und Leidenschaften gl�ht die Blume der Vers�hnung, der Verbr�derung, der Liebe zu Volk und Menschheit auf: "Was sind wir!" -- fragt der Advokat beim Abzug der Schauspieler. -- "Eine kleine Stadt. Was haben uns jene gebracht? Ein wenig Musik. Und dennoch -- wir haben uns begeistert, wir haben gek�mpft, und wir sind ein St�ck vorw�rtsgekommen in der Schule der Menschlichkeit." F�r kurze Stunden, f�r eilende Seiten durchzuckt Heinrich Mann, den heimatlosen Literaten, das Wesen und Gl�ck des epischen Dichters: "Was macht diese Dinge gro�?" "Da� ein Volk sie mitf�hlt, ein Volk! das wir lieben!" "Ich habe ein Volk gesehen! Ich wu�te es, wir seien nicht allein; ein Volk h�re uns! Wir wecken seine Seele, wir... Und es gibt sie uns!" Thomas Mann, dem Verfallsepiker des B�rgertums -- eines patriarchalisch-aristokratischen B�rgertums -- in der Grundstimmung verwandt ist der Verfallsepiker des Adels: Eduard Graf von Keyserling (1855-1918.). Wie L�beck die b�rgerlichen Lebensformen, so hat Kurland, Keyserlings Heimat, die Lebensformen des Adels am l�ngsten und reinsten behauptet. Mehr als Keyserling vor dem grausigen Kriegsschicksal der baltischen Provinzen ahnen konnte, steht auch er am Ende einer Entwicklung, ein Zugeh�riger und Au�enseiter. In M�nchen erlebt der Alternde, kr�nklich, gel�hmt, gekr�mmt, zuletzt erblindet, vom Krankenstuhl und -bett aus die Welt seiner V�ter und seiner Jugend wieder. Die tiefe Heimatliebe des Epikers und die melancholische, g�tige Erkenntnis des Ausgehenden zeichnen die Menschen, die Schicksale, die Umwelt dieses �stlichen Gutsadels in schmalen, erw�hlten, sicheren Linien, Er gibt keine breiten epischen Fresken, keine weiten Geschlechterfolgen wie die Buddenbrooks, er gibt in seinen Romanen "Beate und Mareile" "Dumala", "Wellen", "Abendliche H�user", "F�rstinnen" fast novellistische Einzelbilder; sie schlie�en sich zu einem Gesamtbild von epischer Bedeutung. Die Darstellung ist von klarer Sichtbarkeit und Farbigkeit, aber durchzittert von der m�den, melancholischen Seelenmusik Hermann Bangs, dem sie Tiefstes verdankt. Die Adelsgeschlechter Keyserlings haben l�ngst nicht mehr die naiv-sicheren Lebensformen ihrer V�ter, der "starken Leute, die das Leben und die Arbeit liebten, roh mit den Weibern und and�chtig mit den Frauen umgingen und einen angeerbten Glauben und angeerbte Grunds�tze hatten", die um ihre einmal gew�hlte Fahne die H�nde schlossen: "Nun vorw�rts in Gottes oder des Teufels Namen!" Ihr Leben ist in Wissen und Handeln zerfallen; sie haben die Relativit�t ihrer Lebensformen und -gesetze durchschaut. Die alten Ideale sind zersetzt, neue noch nicht geschaffen: "An meiner ganzen Generation ist etwas vers�umt worden ", sagt von Egloff in den "Abendlichen H�usern", "unsere V�ter waren kolossal gut, sie nahmen alles sehr ernst und and�chtig. Es war wohl dein Vater, der gern von dem heiligen Beruf sprach, die G�ter seiner V�ter zu verwalten und zu erhalten. Na, wir konnten mit dieser Andacht nicht recht mit, nach einer neuen Andacht f�r uns sah man sich nicht um. Und so kam es denn, da� wir nichts so recht ernst nahmen, ja selbst die V�ter nicht." Aber die adelige Gebundenheit ihres Blutes schreckt zur�ck vor dieser Willk�r, die ihnen zuchtlos scheint, vor dieser Freiheit, die den M�den nicht zur sch�pferischen Erneuerung dienen kann. Gegen ihre Hellsicht fl�chten sie in die Tradition ihrer V�ter zur�ck: "...Unsere Gesetze hier --" "Glauben Sie an diese Gesetze?" "Ich glaube nicht an sie, aber ich gehorche ihnen." Wie Thomas Buddenbrook werden sie zu den Helden und Schauspielern der alten Ideale. Je weniger sie ihnen innerlich eins sind, desto sorgsamer unterstellen sie sich ihnen. Haltung! Tenue! In allem inneren und �u�eren Leben die Tradition wahren! Wohlgeordnet, festgef�gt, bis in jede Tagesstunde bestimmt! "Du und ich sind zu gut erzogen, um in ein Drama zu passen." Aber an diese starre, unterh�hlte Konvention klopft das Leben. Die Natur, die aus der fr�hlingswilden, sommerschw�len Landschaft, den W�ldern und dem Meere, aus dem animalisch-vegetativen Leben der Gutsd�rfer steigt, treibt in den jungen Komtessen, die, "kleine berauschte Gespenster, vor Verlangen zittern, drau�en umzugehen, und wenn sie hinauskommen, nicht atmen k�nnen," treibt in den jungen Baronen, die das Erotische aus den sch�tzenden Konventionen in die K�mpfe und Gefahren sinnlich-seelischer Abenteuer dr�ngt. Keiner dringt durch zur Freiheit, sie fallen oder fl�chten zur�ck. Das Leben wird zum Schatten und Traum: "Man lebt hier, als ob man gleich erwachen m��te, um dann erst mit der Wirklichkeit zu beginnen." "Eine dunkle Traurigkeit machte sie todm�de. All das still zu Ende gehende Leben um sie her schw�chte auch ihr Blut, nahm ihr die Kraft, weiterzuleben; wir sitzen still und warten, bis eins nach dem anderen abbr�ckelt." Neben der adeligen und b�rgerlichen wird die Zersetzung der b�uerlichen Formenwelt nur von der materiellen Seite episch bedeutsam gestaltet durch Wilhelm von Polenz' "B�ttnerbauern" (1895) und Peter Roseggers "Jakob der Letzte". Diese �u�ere Not der b�uerlichen Welt ist durch die wirtschaftliche Entwicklung behoben, ihrer inneren Zersetzung, die da und dort merkbar wird (vgl. Josef Ruederers Kom�die "Die Fahnenweihe", 1895), begegnet der lebendig nahe Zusammenhang mit der Natur, der Landschaft, den Jahreszeiten. Aus ihnen quellen jene Formenkr�fte, die das b�uerliche Leben immer wieder von Grund aus aufbauen und erneuern, wie sie Knut Hamsun im gr��ten modernen Bauernroman, einem wahrhaft altepischen Werke, dargestellt hat, im "Segen der Erde". Unseren Bauerndichtern ist die Strenge und Gr��e dieses Zusammenhanges kaum deutlich geworden. Ganghofer ist oberfl�chlich und sentimental, auch Rosegger ist in aller Volkst�mlichkeit und Liebensw�rdigkeit zu unproblematisch im tieferen Sinne -- nur die "Schriften des Waldschulmeisters" und "Des Gottsucher" ragen hervor --, Gustav Frenssens einst so ber�hmte Romane ("J�rn Uhl", 1901) sind zwar voll landschaftlicher Stimmungskunst, aber in der Weltanschauung des liberalen protestantischen Pfarrers zwiesp�ltig und verschwommen, in der Charakterisierung der Hauptpersonen romanhaft, in der Gesamtdarstellung lehr- und predigerhaft, ohne Kraft des Aufbaus, ohne Einheit der inneren Form. Erdkr�ftiger wurzeln Ludwig Thomas Bauernromane "Andreas V�st" und "Der Wittiber", sie bleiben aber naturalistisch gebunden. Hermann Stehrs "Heiligenhof" fehlt zur gr�belnden Mystik seiner Bauern die nat�rliche F�lle und plastische Kraft; er ist -- wie alle Romane dieses Ringenden -- mehr reflektiert als gewachsen. �ber die zersetzten b�rgerlichen und adeligen Formenwelten ist die Entwicklung der deutschen Kultur und Epik noch nicht zu neuen Lebensformen vorgedrungen. Die Gro�st�dte sind ebenso formlos geblieben wie die Gro�stadtromane. Max Kretzers Berliner, Michael Georg Conrads M�nchener Romane sind nichts als Stoff und Tendenz. Arthur Schnitzlers Versuch zu einem Wiener Roman gro�en Stiles, "Der Weg ins Freie", ist in der episch bedeutungslosen Umwelt des Literaten- und Judentums zergangen. Ein Arbeiterroman gleich der Bedeutung von Zolas "Germinal" ist uns nicht geworden. Die Welt der Arbeiter wird sich �ber Angriff und Verneinung, �ber die zerbr�ckelte, materialistische Weltanschauung des Marxismus erst zur eigenen Form durchringen m�ssen. Aus der modernen Frauenbewegung hat sich ein besonderer Frauenroman entwickelt. Als Mutter und Gattin ist das Weib der Urgrund der epischen Welt, aber die neue Zeit rei�t zahllose Frauen aus dem Frieden der Familie und st��t sie in den Kampf des pers�nlichen Schicksals. Auch hier sind zersetzte Lebensformen zu �berwinden und zu erneuern. Gabriele Reuters (geb. 1859) Romane, "Aus guter Familie" (1895), "Ellen von der Weiden", "Das Tr�nenhaus" zeugen davon, ohne die �berzeugung stets in Darstellung, die Tendenz in reine Menschlichkeit wandeln zu k�nnen. Auch Helene B�hlaus (geb. 1859) polemische Frauenromane, wie "Das Recht der Mutter" und "Halbtier", verm�gen das nicht. Wo aber die reine Weiblichkeit ihrer lebensvollen Natur durchbricht, da wachsen aus der lichten Kindlichkeit ihrer Jugenderinnerungen die Weimarer "Ratsm�delgeschichten", aus der leidgel�uterten, warmen M�tterlichkeit ihrer Reife "Der Rangierbahnhof" (1895), der voll tiefster G�te, voll tragischer Sch�nheit ist. Klara Viebig (geb. 1860) steht den Problemen des eigentlichen Frauenromans fern; sie ist Naturalistin, die Sch�lerin Zolas. Elementare Triebe und Gestalten, Massenleidenschaften und Massenszenen sind ihr Feld. Die Eiffellandschaft mit ihren wortkargen, d�steren Menschen, die -- einmal geweckt in ihren Leidenschaften -- furchtbar ausbrechen, gibt ihr die besten ihrer Romane: "Das Weiberdorf", "Vom M�llerhannes", "Das Kreuz im Venn". Mit scharfer Beobachtung und sicherer Technik packt sie ihre Gestalten und Probleme von au�en, mehr eine geschickte Schriftstellerin als formende K�nstlerin. Weit �ber die Welt der Frauenromane, �ber die Welt selber hinaus f�hren die Romane Ricarda Huchs (geb. 1864). Ein durchaus romantisches Lebensgef�hl, die Sehnsucht nach Unerreichbarem durchschimmert und durchgl�ht sie. Aber das Unerreichbare ist hier nicht das Unendliche, sondern das Leben, das in all seiner Sch�nheit, Kraft und Vollkommenheit doch ein unaufhaltsames, stetiges Vergehen ist. Obwohl alle wissen, wie traurig und fl�chtig das Dasein ist, wie "es keinen Sinn hat, die Dinge so fest ans Herz zu schlie�en, die wir nach einem bangen Augenblick wieder wegwerfen m�ssen und nie mehr sehen", bleibt es doch aller "Bestimmung und Seligkeit, die himmelhohe Flamme des Lebens mit dem Strahl ihres Wesens zu n�hren". "O Leben, o Sch�nheit!" singt es durch alle Dichtungen Ricarda Huchs. Die "schauerliche Wollust, in der tr�umerisch sp�lenden Lebensumflut mitzustr�men", ist die Inbrunst all ihrer Gestalten. "Nimm uns Tote wieder, o Leben," singen die Toten. Der Tod selber singt dem Leben ein Liebeslied. Eine romantische Natur -- so steht Ricarda Huch in Reflexion und Bewu�theit au�erhalb der Wirklichkeit. Im Zeitalter der Romantik h�tte sie sich sehnend dem Unendlichen zugewandt; im Zeitalter Nietzsches, Bergsons, Simmels lodert ihr Wollen und Sehnen in metaphysischer Glut zum Endlichen, zur Wirklichkeit, zum Leben zur�ck. Das Leben wird ihr zum h�chsten, zum einzigen Wert. Ihre Gestalten sind Kinder der Reflexion und der Sehnsucht wie sie, oder ihr Wunsch und Gegenbild: Kinder des Lebens. Metaphysisch klingt -- nach den noch knospenhaften "Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem J�ngeren" -- die Musik von der Sch�nheit und Furchtbarkeit des Lebens in den Skizzen "Aus der Triumphgasse", kosmisch klingt sie in "Von den K�nigen und der Krone". �ber diese metaphysische und kosmische Gel�stheit dr�ngen die historischen Romane zur Wirklichkeit, zum plastisch Greifbaren, Festbeharrenden. "Die Geschichten von Garibaldi" gestalten den Befreier Italiens zur herrlichsten Verk�rperung, zum mystisch-gewaltigen Symbol des Lebens, das alle Lebenssehnsucht der Dichterin strahlend aufnimmt. Wie "ein tragisches Vorspiel" zur siegreichen Erhebung der Garibaldi-Romane klingt "Das Leben des Grafen Frederigo Confalonieri", des dem Tode verfallenen im Kerker begrabenen Helden und M�rtyrers. In jenen hatte noch episch-plastischer und lyrisch-musikalischer Stil gewechselt, hier durchdringen sich beide, rein, ruhig, ausgeglichen. Bald aber dr�ngt die Sehnsucht zur Wirklichkeit Ricarda Huch auch aus dieser Gel�stheit zum einseitigen, seelisch-herbsten Bericht der drei B�nde: "Der Gro�e Krieg in Deutschland", die sie nicht mehr Roman, sondern "Darstellung" nennt. Harte Gegenst�ndlichkeit, strengste Unpers�nlichkeit geben die unersch�pfliche F�lle des Drei�igj�hrigen Krieges, der Geschehnisse, der V�lker, der Generationen. Historisches, Kulturgeschichtliches, Religionsgeschichtliches, Diplomatisches, Strategisches, Biographisches treibt in endloser Bilderfolge, in gleichg�ltigem epischem Strom vor�ber. Gestalten und Schicksale tauchen auf und sinken unter, ruhelos, �bergraut von einem lastenden Himmel, der sich immer tiefer herabsenkt. Der Strom der Individuation selber scheint an uns vor�berzuziehen und uns in erdr�ckender Traurigkeit die l�hmende Frage Friedrich Spees zuzurauschen: "Das eine hatte er erfahren: unerme�lich weit war die Erde von Gott; und wenn sie nun, so fragte er sich zuweilen schaudernd, unerreichbar weit von ihm w�re?" Aus der Wirklichkeit, die sie hier endlich gefunden, klagt der Dichterin das alte Lied ihrer Seele dunkel und erstarrt entgegen. -- In der Geschichte den tieferen Sinn des Lebens zu suchen, den die zersetzte Gegenwart ihnen vorenth�lt, ist die Ausflucht mehrerer Epiker geworden, am bedeutsamsten f�r Wilhelm Sch�fer (geb. 1868) im "Lebenstag eines Menschenfreundes". Wie in diesem Pestalozzi-Roman die Wanderung des unerm�dlichen Volks- und Menschenfreundes durch Suchen, Irren, Leiden, Verspottung und Verrat zur neuen Menschlichkeit aufw�rts dringt, als Landwirt, "Armennarr" und Schriftsteller, als Waisenvater und als Winkelschulmeister, bis endlich der Greis seinen Menschheitsweg erkannt und erk�mpft und der europ�ischen Erziehung erschlossen hat, das ist in ergreifender, reiner Menschlichkeit, in epischer Schlichtheit und Klarheit dargestellt. Die Tapferkeit und Siegkraft dieses einzelnen und Vergangenes wird Vorbild und Aufgabe allen K�nftigen. -- -- -- Gegen�ber dem industrialisierten, von Gro�st�dten zersetzten Norden Deutschlands ist der S�den reicher an Unmittelbarkeit, Menschlichkeit, Wurzelkraft geblieben. Emil Strau� und Hermann Hesse wachsen aus diesem Zusammenhang. Emil Strau� (geb. 1866) hat sich Heimat und Fremde, Baden und Brasilien, als Dichter, Bauer und Farmer vertraut und eigen gemacht. Voll m�nnlicher Klarheit und Tatkraft hat er mit dem Leben gerungen, ohne durch Entt�uschung, Leid und Krankheit niedergeworfen oder ungerecht zu werden. In Freiheit, Liebe und G�te blieb er der Sieger. Er sieht und zeichnet die Wirklichkeit in festen, sicheren Linien und �bergl�nzt sie doch mit dem �berirdischen Schimmer seines Humors. Im "Engelwirt" schildert er einen Schwaben, der das Schicksal �berlisten will, der -- da ihm die eigene Frau keinen Erben schenkt -- sich in schlauer Ausflucht an die Magd heranmacht. Statt des Buben kommt aber ein M�del, und Spott und L�cherlichkeit umschwirren ihn. Gekr�nkt in seiner Schwabenschlauheit und -eitelkeit, geht er mit der Magd und dem Kind heimlich davon nach Brasilien, um dort noch �bler genarrt, geprellt, geduckt zu werden. Als die Magd stirbt, kehrt er kleinlaut und zerknirscht heim zur verlassenen Frau, die ihn ohne Staunen, ohne Vorwurf, mit einem schlichten, l�chelnden Gru� empf�ngt, ihm das Kind abnimmt und in selbstverst�ndlicher F�rsorge sich ihm widmet: eine reife, r�stige, Gottfried Kellersche Frauengestalt, voll Freiheit und W�rme. In "Kreuzungen" zeichnet Strau� die Entwicklung dreier junger Charaktere, de aus dem Zufall erster Anlagen und Verh�ltnisse sich in tapferen Zwisten l�sen, ihre Lebens- und Wesensform selber schaffen und sich im Wirkungskreis der Menschheit einen Platz erobern. Im "Nackten Mann" geht er in die Vergangenheit seiner Heimat zur�ck, ohne die Bedenken gegen den historischen Roman zu �berwinden. In "Freund Hein" und im "Spiegel" aber kommt hinter der herben Gegenst�ndlichkeit seiner Welt die tiefe Musik seiner Seele zum klingenden Ausdruck. In "Freund Hein" zerbricht ein Gymnasiast, der in der Welt seiner musikalischen Berufung lebt, an den unnachsichtigen Forderungen einer wesensfremden Wirklichkeit. Im "Spiegel" t�nen wie eine zarte Kammermusik Erinnerungen aus dem Leben der Vorfahren auf, eine Lebensmusik von ebensoviel Seelentiefe als Seelenklarheit. Je n�her Hermann Hesse (geb. 1877) der Natur verbunden ist, desto weniger findet er sich in der zersetzten Formenwelt der Zivilisation zurecht Er f�hlt sich heimisch in der Naivit�t des italienischen Landvolkes, der Sorgen- und Selbstlosigkeit des Landstreichers Knulp, der wie die Blumen. auf dem Felde Gott unmittelbar nahe ist. Aus der Heimatlosigkeit der Welt flieht "Peter Camenaind" zu Boppi, dem armen Kr�ppel, der in seinem Fahrstuhl diesseits allen Lebenszwiespalts geblieben, der in Krankheit, Einsamkeit Armut und Mi�handlung nichts als Liebt und G�te gelernt und "sich ohne Scham schwach zu f�hlen und in Gottes Hand zu geben". Und da Boppi stirbt, kehrt er von seinen "paar Zickzackfl�gen im Reich des Geistes und der sogenannten Bildung" in sein Heimatdorf, "den alten Winkel zwischen See und Bergen", zur�ck. In seiner Lade liegen die Anf�nge einer Dichtung: "Ich hatte den Wunsch, in einer gr��eren Dichtung den heutigen Menschen das gro�z�gige stumme Lebe der Natur nahezubringen und lieb zu machen. Ich wollte sie lehren, auf den Herzschlag der Erde zu h�ren, am Leben des Ganzen teilzunehmen und im Drang ihrer kleinen Geschicke nicht zu vergessen, da� wir nicht G�tter und von uns selbst geschaffen, sondern Kinder und Teile der Erde und des kosmischen Ganzen sind." So spielen die ersten B�cher Hesses weniger zwischen Mensch und Mensch als zwischen Mensch und Natur. Stimmung, Sehnsucht, Traum und Allgef�hl, Wehmut und Einsamkeit sind ihr Gehalt. Die weichen Umri�linien der Gestalten verschwimmen. Aber �ber "Gertrud" und "Ro�halde" w�chst Hesse zum "Demian", der "die Geschichte seiner Jugend" zum Symbol des gegenw�rtigen, suchenden und ringenden Menschenlebens gestaltet. "Die Wertlosigkeit der heutigen Ideale" die Unwahrheit der heutigen Gemeinschaften, der Menschen, die alle "f�hlen, da� ihre Lebensgesetze nicht mehr stimmen, da� sie nach alten Tafeln leben", wird nicht in breitem, epischem Fresko, aber in der sehns�chtigen Entwicklung eines Einzelnen dargestellt. "Diese Welt, wie sie jetzt ist, will sterben, sie will zugrunde gehen und sie wird es." Aber aus ihrem Untergang, aus dem Get�mmel und Grausen des Weltkrieges keimt eine neue Gemeinsamkeit. "In der Tiefe war etwas im Werden. Etwas wie eine neue Menschlichkeit. Denn viele konnte ich sehen, und mancher von ihnen starb an meiner Seite -- denen war gef�hlhaft die Einsicht geworden, da� Ha� und Wut, Totschlagen und Vernichten nicht an die Objekte gekn�pft waren. Nein, die Objekte, ebenso wie die Ziele waren ganz zuf�llig. Die Urgef�hle, auch die wildesten, galten nicht dem Feinde, ihr blutiges Werk war nur Ausstrahlung des Innern, der in sich zerspaltenen Seele, welche rasen und t�ten, vernichten und sterben wollte, um neu geboren werden zu k�nnen." DAS DRAMA Das Wort Drama bedeutet Handlung, insonderheit Kulthandlung. Denn das Drama entwickelte sich im alten Griechenland wie in den christlichen Staaten Europas aus den Tiefen der religi�sen Weltanschauung und des Gottesdienstes. Sein letzter Grund ist die leid- und geheimnisvolle Zweiheit, in die alles Leben zerspalten ist, in der es fremd, k�mpfend und doch sehns�chtig sich gegen�bersteht: der Gegensatz von Gott und Welt, Geist und Natur, Idee und Sinnlichkeit, All und Ich. Nur ein Gott, der vom Himmel herniedersteigt, der die Qual und Zerrissenheit des Endlichen selber auf sich nimmt, Dionysos, Christus, vermag in seinem Gottmenschentum diese Gegens�tze zu einen und zu l�sen. Sein Leiden und sein Triumph wird zum Inhalt der ersten Dramen: aus den dionysischen Dithyramben w�chst die griechische Trag�die, aus der Liturgie der katholischen Kirche das Weihnachts-, Passions- und Osterspiel des Mittelalters. Mit der Renaissance wird an Stelle der kirchlichen die philosophische Weltanschauung Unter- und Hintergrund des europ�ischen Dramas. Wie die geheimnisvolle Zweiheit und Gegens�tzlichkeit des Lebens in den gro�en Systemen der Philosophen sich darstellt und deutet, wie bald dieser, bald jener der beiden Lebensgegens�tze entwertet, dem anderen untergeordnet, so die Einheit erzwungen wird, dann aber wieder beide zur vollen Macht erstarken und in unausweichlichem, unerbittlichem Kampf sich gegen�berstehen: das begleitet in unbewu�ter und bewu�ter Verbundenheit die ideelle Entwicklung des deutschen Dramas. Lessings Dramen wachsen aus Lebensgef�hl und -deutung des Rationalismus, Schillers Dramen aus Kant, Kleist teilt den Gegensatz der deutschen Gef�hlsphilosophie gegen Kant, um Hebbel braut die Atmosph�re Hegels, Richard Wagner findet sich in Schopenhauer. Dann folgt der Zusammenbruch der gro�en philosophischen Systeme, der Vormarsch der naturwissenschaftlichen, materialistischen Weltanschauung in Deutschland. �ber die Nachfahren Schillers, �ber die Nachahmer des franz�sischen Gesellschaftsst�ckes hebt sich seit 1888 Gerhart Hauptmann (geb. 1862) mit einem Drama neuen, eignen Stils. Aus welchen weltanschaulichen Zusammenh�ngen, welchem Lebensgef�hl war es gewachsen? Als 1885 die s��lich-leere Epigonenzeit unserer Dichtung durch die literarische Revolution der Jungen abgel�st wurde, glaubten diese im "Naturalismus" eine neue Lebens- und Kunstanschauung gefunden zu haben. Wilhelm Scherer verk�ndete: "Die Weltanschauungen sind in Mi�kredit gekommen. ...Wir fragen: wo sind die Tatsachen? ...Wir verlangen Einzeluntersuchungen, in denen die sicher erkannte Erscheinung auf die wirkenden Kr�fte zur�ckgef�hrt wird, die sie ins Dasein riefen. Diesen Ma�stab haben wir von den Naturwissenschaften gelernt... Dieselbe Macht, welche Eisenbahnen und Telegraphen zum Leben erweckte, dieselbe Macht regiert auch unser geistiges Leben; sie r�umt mit den Dogmen auf; sie gestaltet die Wissenschaften um; sie dr�ckt der Poesie ihren Stempel auf. Die Naturwissenschaft zieht als Triumphator auf dem Siegeswagen einher, an den wir alle gefesselt sind." Arno Holz und Johannes Schlaf glaubten dieser Weltanschauung, im "konsequenten Naturalismus" die entsprechende Kunstanschauung erobert zu haben: "Die Kunst hat die Tendenz, wieder die Natur zu sein. Sie wird sie nach Ma�gabe ihrer jeweiligen Reproduktionsbedingungen und deren Handhabung." In den drei Skizzen des "Papa Hamlet", dem Drama "Die Familie Selicke" schufen sie ihrer Lehre die Leistung. "Papa Hamlet" erschien unter dem Decknamen "Bjarne P. Holmsen". Ihm hat Gerhart Hauptmann sein erstes Drama "Vor Sonnenaufgang" (1889) zugeeignet, als "dem konsequentesten Naturalisten, in freudiger Anerkennung der durch sein Buch empfangenen, entscheidenden Anregung". In Wirklichkeit war diese Anregung, war der ganze konsequente Naturalismus weder f�r Gerhart Hauptmann, noch f�r irgendeinen Dichter von "entscheidender" Bedeutung; seine Lebens- wie seine Kunstanschauung war unhaltbar. Von einer rein beschreibenden Wissenschaft, wie der Naturwissenschaft, kann man niemals zu einer Weltanschauung, zur Sinn- und Wertsetzung, vom Sein niemals zum Sollen vordringen. Und ebensowenig ist ein blo�es Abkonterfeien des Lebens durch eine naturalistische Kunst m�glich; schon der Erkenntnisproze� ist -- hat Kant dargetan -- kein passives Abbilden, sondern ein Formen der Wirklichkeit; alle Kunst ist die Umsetzung der nat�rlichen in eine von Geist und Gef�hl des K�nstlers stilisierte Welt. Mehr als die Formenwelt des Naturalismus, als seine unhaltbare Kunstanschauung haben Ans�tze zu einer Lebensanschauung aus der Stoffwelt des Naturalismus Gerhart Hauptmann den Weg zu sich selber frei gemacht. Dem Naturalismus der Form hatte sich fast �berall der Sozialismus des Stoffs verbunden und in ihm die Keime eines neuen Gehalts: des sozialen Mitgef�hls. Zu den �sthetischen waren ethische Tendenzen getreten. Die Entwicklung der Industrie und der Gro�stadt, die Einfl�sse Zolas, Ibsens, Tolstois hatte sie geweckt. Von der erstarrten und zersetzten Ideen- und Formenwelt des dritten Standes, des B�rgertums, hatten sich die jungen Dichter in sozialem Mitleid zu der ringenden formbed�rftigen des vierten Standes, den Arbeitern, gewandt. Und hier war der Weg, der Hauptmann in seine Tiefen f�hrte. Schon seine erste ver�ffentlichte Dichtung, das Epos "Promethidenlos" (1885), hatte sein soziales Verantwortungs- und Mitgef�hl bekundet. Ergriffen rief sie den Armen und Elenden zu: "So la�t in eurem Schmutz mich hocken -- La�t mich mit euch, mit euch im Elend sein." Und ein Gedicht von 1888 sprach die heilige Leidverbundenheit des K�nstlers und Menschen aus: Ich bin ein S�nger jenes d�stren Tales, Wo alles Edle beim Ergreifen schwindet. -- -- -- Ihr, die ihr weilt in H�hen und in Tiefen, Ich bin ihr selbst, ihr d�rft mich nicht beneiden! Auf mich zuerst trifft jeder eurer Pfeile. Da� diese Leidverbundenheit nicht nur sozialen, da� sie gr��eren: metaphysischen Tiefen entwuchs, wurde der Urgrund des Dramatikers. Obersalzbrunn, Hauptmanns Geburtsort, lag unweit der pietistischen Urgemeinden Gnadenfrei und Herrnhut. Ihre christliche Innerlichkeit war ihm daheim und mehr noch im Hause seines Oheims zu Striegau, das den Sechzehnj�hrigen aufgenommen, zum Lebensgef�hl geworden. In ihr f�hlte er sich dem Rationalismus und Materialismus, der leeren Kultur des technischen Zeitalters fremd. Aus der Schein- und Au�enwelt zog es ihn zur wahren, inneren Welt: zur Welt der Seele. Die aber offenbarte sich ihm nicht bei den Satten, Besitzenden, Hochm�tig-Kl�gelnden, sondern bei den Armen im Geiste, den Ringenden und Leidenden. In ihnen gl�hte der ewige Funke, und sie eroberten und behaupteten ihn im Sturm und Streit ihres Schicksals, nicht mindere Helden in diesem metaphysischen Kampf als die Heroen der gro�en Trag�die. Ihnen f�hlte sich der Dramatiker Hauptmann verbunden, nicht sozial nur, wie der Epiker Zola seinen Gestalten, sondern metaphysisch. In ihrem Leid stellte er das Weltleid, in ihrem Kampf den Zwiespalt alles Lebens dar. Die Dramen, in denen so das Stoffliche des Naturalismus und Sozialismus �berwunden, in denen diese Weltanschauung Gestalt geworden ist, sind "Die Weber" (1892), "Hanneles Himmelfahrt" (1893), "Fuhrmann Henschel" (1898), "Rose Bernd" (1903). Der Aufstand der Weber im Jahre 1844 war Hauptmann aus Erz�hlungen des eigenen Gro�vaters, der noch Weber gewesen, vertraut. Ein Buch Alfred Zimmermanns "Bl�te und Verfall des Leinengewerbes in Schlesien" (1885) gab den pers�nlichen Einzelheiten geschichtlichen Zusammenhang. Den Antrieb gab die soziale Erregung der Zeit. Aber der Kampf der Weber wurde Hauptmann zum ersch�tternden Abbild alles Menschheitskampfes. Wie hier die Fabrikanten und die Kreaturen der Fabrikanten bis zum j�ngsten Lehrling den hungernden, verhungernden Webern entgegenstehen, hartherzig, hohnlachend, w�hrend die abgemergelten Kinder ohnm�chtig zu Boden schlagen, w�hrend die entkr�fteten Greise verwirrt werden und in Zungen reden, das bedeutet nicht mehr einen sozialen Zwiespalt, der mit Geld und Brot geschlichtet werden k�nnte, es bedeutet die metaphysische Einsamkeit alles Endlichen, das br�ckenlose Nichtverstehen und Mi�verstehen von Mensch zu Mensch. Und wenn nach not- und arbeitdumpfem Leben, am Rande des Grabes die alten Weber in weinendem, verzweifeltem Ingrimm ihre Knochenarme emporrecken: "Das mu� anderscher wer'n, mir leiden's ni mehr!", so ist das nicht der Kampfruf sozialer Rebellion, so ist das die Anklage Karl Moors: "Menschen haben Menschheit vor mir verborgen, da ich an Menschheit appellierte," so ist das der tragische Aufschrei der R�tliszene: Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht: Wenn der Gedr�ckte nirgend Recht kann finden, Wenn unertr�glich wird die Last, greift er Hinauf getrosten Mutes in den Himmel Und holt herunter seine ewigen Rechte... Der alte Urstand der Natur kehrt wieder, Wo Mensch dem Menschen gegen�bersteht... Wie stehn f�r unsre Weiber, unsre Kinder! Den Unterdr�ckten Schillers wird wenigstens das Wort zur Befreiung, der Gedanke zur Erl�sung. Hin ist die Kreatur in der ganzen Dumpfheit und Gebundenheit des Endlichen. Und wenn sie anmarschieren gegen ihre Peiniger: "Am liebsten w�r ich abgestiegen und h�tte glei jed'm a Pulverle gegeben" -- erz�hlt Chirurgus Schmidt, der vor�berfuhr -- "Da trottelt eener hinter'm andern her wie's graue Elend und verfiehren ein Gesinge, da� een' fermlich a Magen umwend't"; und wenn der greise Baumert als Rebell erscheint, von den paar Tropfen ungewohnten Alkohols unsicher, einen geschlachteten Hahn als h�chste Siegestroph�e mitf�hrend, und die Arme breitet: "Brie -- derle -- mir sein alle Brieder!", so ist der trostlose Aufruhr der Menschheit gegen das Schicksal, der tragische Sehnsuchts- und Liebesruf aller Einsamen und Gehetzten niemals ersch�tternder symbolisiert. Zur h�chsten dramatisch-metaphysischen Gipfelung aber steigt der letzte Akt. Da wendet sich der alte, fromme Hilse an seinen Sohn, der den Aufr�hrern zueilen will: nein, er wird sich nicht emp�ren, auch am Rande des Grabes nicht, er wei�, da� keine Hilfe und Erf�llung m�glich ist in der Welt des Irdischen: "Du hast hier deine Parte -- ich drieben in jener Welt. Und ich lass' mich vierteelen -- ich hab' ne Gewi�heet. Es ist uns verhei�en. Gericht wird gehalten, aber nich mir sein Richter, sondern: mein ist die Rache, spricht der Herr unser Gott." Gegen diesen Anwalt des Jenseits, der klaglos alle Leiden des Diesseits auf sich nimmt, der -- wie je ein Schillerscher Held -- "durch eine freie Aufhebung alles sinnlichen Interesses" die Tragik des Lebens �berwinden will, kehrt sich seine Schwiegertochter, die unentwurzelbare, schicksalhafte Vertreterin des Diesseits: die Mutter. Nie hat ein Held Schillers oder Hebbels die tragische Wucht und Notwendigkeit seines Lebensgef�hls gewaltiger dargetan: "Mit Euren bigotten R�den... dadervon da is mir o noch nich amal a Kind satt gewor'n. Derwegen ha'n se gelegen alle viere in Unflat und Lumpem. Da wurde ooch noch nich amal a eenzichtes Winderle trocken. Ich will 'ne Mutter sein; da� d's weea�! und deswegen, da� 'd's weea�, winsch ich a Fabrikanten de Helle und de Pest in a Rachen 'nein. Ich bin ebens 'ne Mutter. -- Erh�lt ma' woll so a Wirml?! Ich hab' mehr geflennt wie Oden geholt von dem Augenblicke an, wo aso a Hiperle uf de Welt kam, bis d'r Tod und erbarmte sich drieber. Ihr babt euch an Teiwel geschert. Ihr habt gebet't und gesungen, und ich hab' mir de Fie�e bluttig gelaufen nach ee'n eenzigten Neegl Puttermilch. Wie viel hundert N�chte hab ich mir a Kopp zerklaubt, wie ich ok und ich keente so a Kindl ok a eenzicb Mal um a Kirchhof 'rumpaschen. Was hat so a Kindl verbrochen, h�? und mu� so a elendigliches Ende nehmen -- und drieben bei Dittrichen, da wer'n se in Wein gebad't und mit Milch gewaschen. Nee, nee: wenn's hie losgeht -- ni zehn Pferde soll'n mich zuricke halten. Und das sag ich: stirmen se Dittrichcns Geb�ude -- ich bin de erschte -- und Gnade jeden, der mich will abhalten." Schiller hatte des �berlieferten Stoffes und der �berlieferten dramatischen Form wegen im "Wilhelm Tell", seinem Drama der Volkserhebung, drei Handlungen (Tell-, R�tli-, Rudenz-Handlung) nebeneinander laufen lassen. Hauptmann wagt es, die Masse der Weber zum dramatischen Helden zu machen und in einer gewaltigen Steigerung zum Gipfel zu f�hre. Im �blichen Dramenbau w�re dies die H�he des dritten Aktes. Die "Peripetie" fehlt. Aber in der Seele des Zuschauers dr�ngen sich die zwei letzten, ungeschriebenen Akte: sie sieht und leidet voraus, wie dieses H�uflein Menschheit umsonst gegen sein Schicksal aufstand, wie es ein paar Stunden sich frei und erl�st f�hlen darf, um dann nur um so grausamer i de dumpfe, leidvolle Gebundenheit alles Endlichen zur�ckgeworfen zu werden. Nur wenn Staub und Asche des Irdischen und K�rperlichen verwehen, wird der g�ttliche Funke der Seele frei: im Tode oder im Traume. Das vierzehnj�hrige "Hannele", das vor seinem verkommenen brutalen Vater in den vereisten Dorfteich fl�chtet, das sich nur f�rchtet vor dem Leben, das so gern in den Himmel kommen m�chte zur Mutter und zum lieben Herrn Jesus, das im gespenstig-grotesken Elend des Armenhauses in Fiebertr�umen sein Dasein erf�llt, ehe es zu Ende geht, wird zum ersch�tternden und erl�senden Bild der Menschenseele. Wenig Dichtungen sind so innerst musikalisch wie diese Traumdichtung, die zwischen der Welt der Seele und der Wirklichkeit hin und her geht, unbehindert und sch�pferisch. Aus den gegebenen Elementen der kindlichen, d�rflichen Seele, der Bibel, dem M�rchen, dem Vater, der Mutter, dem Lehrer, baut sie eine Welt und Handlung auf, die alle tieferen Beziehungen, die den metaphysischen Sinn des Lebens in sich schlie�t. In "Fuhrmann Henschel" geht das Gef�hl von der dunklen Macht der Umwelt bis zur vollen Passivit�t. Aber es ist nicht die Abh�ngigkeit vom Einzelnen, Zuf�lligen -- wie im Schicksalsdrama alten Stils --, die den Fuhrmann erdr�ckt, es ist die unentrinnbare tragische Verstrickung und Zwiesp�ltigkeit alles Endlichen, die er dumpf erf�hlt, gegen die jeder Widerstand unn�tz ist. Ein schlichter, hilfloser Mensch starrt durch die Fenster seiner Kellerwohnung in den n�chtlichen Himmel, gr�belt nach einer Schuld, die ihn zu Boden gerissen, und findet keine, gr�belt nach einem Sinn hinter den Geschehnissen, die ihn fortdr�ngen, und findet keinen, und b�umt sich nicht auf und r�cht sich nicht und geht still ins Dunkel: "Ane Schlinge ward mir gelegt, und in die Schlinge da trat ich halt nein... Meinswegen kann icb auch schuld scin. Wer wee� 's?! Ich h�tt't ja besser kenn'n Obacht geben. Der Teifel ist eben gewitzter wie ich. Ich bin halt blo� immer grad'aus gegangen." Hauptmann hat den "Fuhrmann Henschel" in der ersten Sammlung seiner Werke unter die "Sozialen Dramen" eingereiht, obwohl dieser Titel eigentlich nur das erste, noch tendenzi�se seiner Dramen "Vor Sonnenaufgang" trifft Henschel steht weder sozial sonderlich tief -- er ist Fuhrwerksbesitzer und hat einen Knecht unter sich --, noch ist sein Schicksal durch seine soziale Stellung bedingt. Auch "Rose Bernd" ist kein soziales Drama, wenngleich es so eingestellt ist. Man m�chte es in die Reihen der b�rgerlichen Trag�dien ordnen, zu Schillers "Kabale und Liebe" und Hebbels "Maria Magdalene", zumal sich die Gestalt des Vaters in allen verwandt geblieben. Und doch sprengt die tragische Gewalt des Hauptmannschen Dramas auch die b�rgerliche Welt, ihre verh�ngnisvolle In-sich-Gebundenheit, und bricht zu den letzten Tiefen des Metaphysischen durch. Aus naturhafter Frische und Lebenslust wird ein Bauernm�dchen aufgescheucht von den Begierden der M�nner, "verfolgt und gehetzt wie a Hund", in Schuld und Meineid gejagt, bis es das Leben verneint und verflucht, bis es am Stra�enrande sein Kind in der Geburt mit eigenen H�nden erw�rgt, nicht aus Furcht vor Schande: "'s sullde ni laba! Ich wullte 's ni!! 's sullde ni meinc Martern derleida! 's sulldte duer bleib'n, wo's hiegehert." Die Natur, das Leben selber verneint sich im tragisch-t�dlichen Mitleid dieser Mutter. In metaphysischer Einsamkeit und Gr��e ragt die Gefolterte gegen den tragischen Himmel des Seins: "Das iis ane Welt... da sein Sie versunka... da konn' Sie mer nischt nimeh antun dahier! O Jees, ei ee kleen' K�mmerla lebt Ihr mit'nanderl Ihr wi�t nischt, was au�ern der Kammer geschieht! Ich wi�! ein Kr�mpfen hab ich's gelernt! Da is... ich wee� ni.. all's von mir gewichen... als wie Mauer um Mauer immerzu -- und da stand ich drau�'n, im ganz'n Gewitter -- und nischt mehr war unter und ieber mir." Immer wieder bricht dieser tragische Aufschrei aus Hauptmanns Dramen. "Warum bluten die Herzen und schlagen zugleich?" -- fragt Michael Kramer am Sarge seines Sohnes. "Das kommt, weil sie lieben m�ssen. Das dr�ngt sich zur Einheit �berall, und �ber uns liegt doch der Fluch der Zerstreuung. Wir wollen uns nichts entgleiten lassen, und alles entgleitet doch, wie es kommt!" Aber aus dem tragischen Leid w�chst die tragische Liebe. �ber Gr�bern und Leichen finden sich schmerzverkrampfte H�nde. Der Tod nimmt die Binde von den Augen, von den Herzen, ein milder Erl�ser, "der ewigen Liebe Meisterst�ck". Im "Glash�ttenm�rchen", "Und Pippa tanzt" (1906) ist die Sehnsucht des Endlichen Melodie geworden: ein Schimmer aus der Heimat Tizians, ein Bl�tenkelch aus den Glas�fen Venedigs, eine wehende Flamme: Sch�nheit! Sch�nheit, nach der alle verlangend haschen, um die alle tanzen und werben, die dumpf gebundene Kreatur, der alte Huhn, wie der wissende, k�hl- und hochentr�ckte, der greise Wann. Dem sie zu eigen wird, Michel Hellriegel ist der reisende Handwerksbursche des deutschen M�rchens, der treuherzige, unbefangene, der Tr�umer und Dichter, eigen erst als Schatten und Traum, ganz eigen erst dem Erblindeten, der die Augen nach innen aufschl�gt, unbeirrt vom Wirrsal der Welt. Einmal nur, im "Armen Heinrich" (1902), scheint die Liebe nicht erst im Tode zu siegen. In Wahrheit ist auch hier mit dem Leben gezahlt: Ottegebe, sein klein Gemahl, hat es zum Opfer gegeben f�r den Herrn und Geliebten, ist zu Salern unter dem Messer des Arztes gelegen. Graf Heinrich hat sein Leben dagegen gegeben, als er ihr Opfer zur�ckwies, als er dem Messer des Arztes Einhalt bot. Da ist der reine, gerade, ungebrochene Strom der Gottheit durch ihn hindurchgegangen, erl�send und aufl�send, hat im Wunder der Liebe den Aussatz des Lebens geheilt und ihn aufgenommen "in das urewige Liebeselement". Vor der metaphysischen Leidens- und Liebestiefe solcher Werke m�ssen alle Versuche Hauptmanns, auch zur Gestaltung sinnlicher, heidnisch bejahender Lebenskr�fte vorzudringen, unzul�nglich bleiben, vom Rautendelein der "Versunkenen Glocke" zu Gerusind, "Kaiser Karls Geisel", bis zum "Ketzer von Soana". Ein Christusroman "Emanuel Quint. Der Narr in Christo" (1910) ist die nat�rliche Frucht dieses Weltgef�hls. Ein Armer im Geiste, eines trunkenen Tischlers Stiefsohn, in dem Christus m�chtig wird und wiederkehrt in die gegenw�rtige Welt, um aufs neue verfolgt, verraten und gemartert zu werden. Alles leidvolle Wissen, alle heilige Liebeskraft Hauptmanns ist in dessen Christusroman eingegangen, aber in der Dumpfheit seiner Umwelt entringt er sich nicht dem Sektierer- und Qu�kerhaften, zur H�he von Dostojewskis "Idiot". Wie aber Kleist von der tragischen Unbedingtheit seines Lebens und Schaffens ausruht in der sinnlichen Lebens- und Listenf�lle des Dorfrichters Adam, in der humorvollen Gestaltung eines parodistischen Heldenkampfes, so ruht Hauptmann im freiem l�chelnden Anteil an der amoralischen, ungebundenen, ungebrochenen Natur der Waschfrau Wolff. An Kraft und Geschlossenheit des Aufbaus steht die Diebskom�die "Der Biberpelz" (1893) hinter dem "Zerbrochenen Krug" erheblich zur�ck; an Kraft und F�lle ihrer Hauptgestalt ist sie ihm nahe verwandt. Mit "Pippa tanzt" (1906) beginnt die sch�pferische Kraft Hauptmanns zu versiegen. Alle sp�teren Dramen muten -- wie auch die Erz�hlung "Der Ketzer von Soana" -- nicht mehr urspr�nglich, sondern literarisch an. Es ist bedeutsam, da� "Pippa tanzt" zugleich das letzte Werk ist, das aus dem Boden der schlesischen Heimat w�chst. Nie war ein Dramatiker so tief, so schicksaltief der seelischen und sinnlichen Atmosph�re seiner Heimat verbunden. Da er ihr entw�chst in die Welt seiner literarischen Erfolge und Interessen, der allgemeinen deutschen und europ�ischen Geistigkeit, sterben seine tiefsten W�nsche ab. Schon auf der H�he seiner Kraft war ein gro�geplanter Versuch mi�lungen, eine Trag�die statt aus der Natur, der seelisch-sinnlichen Natur seiner Heimat, aus der Geschichte aufzubauen: "Florian Geyer" (1896), die Trag�die des Bauernkrieges war trotz gewaltiger Einzelszenen in der �berf�lle des Stoffs und der Studien steckengeblieben. Jetzt sucht Hauptmann in fr�nkischen, italienischen, griechischen, peruanischen Sph�ren seine verlorene Lebens- und Schaffenskraft wieder -- vergebens: er empf�ngt nur Leben aus zweiter Hand. Hauptmanns gerader weltanschaulicher Gegensatz ist Frank Wedekind (1864-1918). Ist Hauptmann der Anwalt der unterdr�ckten Seele, so ist Wedekind der Anwalt des unterdr�ckten Leibes und Fleisches. Er wendet sich gegen "die Geringsch�tzung und Entw�rdigung" des Fleisches, gegen jene, denen "der Geist das h�here Element, der absolute Herrscher" ist, "der jede selbstherrliche, revolution�re �u�erung des Fleisches aufs unerbittlichste r�cht und straft" ("�ber Erotik"). In der Kindertrag�die: "Fr�hlings Erwachen" (1891) -- neunzehn locker gereihten, kurzen Szenen im Stile Lenz' und B�chners -- gestaltet er die dunklen Wirren und Leiden der Pubert�t, der aufwachenden sinnlichen Triebe, die von allen Seiten, von Eltern und Lehren, verleugnet, verd�chtigt und mi�leitet werden, Gymnasiasten und vierzehnj�hrige Schulm�del, die auf der gef�hrlichen Grenzscheide zwischen Kindheit und Reife weglos allein gelassen, aller Unruhe und allem Dunkel der neuen Lebensm�chte preisgegeben und in Verbitterung, Tod und Selbstmord hinausgedr�ngt werden, K�mpfer, die an der Eingangspforte des Lebens fallen. Im "Erdgeist" (1895) formt er dann die volle entfesselte Macht der Triebe. In Lulu zeichnet er die "Urgestalt des Weibes" die schon in der Bibel, im Leben der Kirchenv�ter und Heiligen immer wieder als das d�monische, verf�hrerische sinnliche Element des Lebens zerst�rend auftaucht, die Schlange, "das wahre Tier, das wilde, sch�ne Tier". "Sie ward geschaffen, Unheil anzustiften, -- Zu locken, zu verf�hren, zu vergiften, -- Zu morden, ohne da� es einer sp�rt". Lulu nennt sie der eine, Nellie, Eva, Mignon der andere; sie hat keinen Namen, wie sie keinen Vater hat: sie ist das Urelement der Sch�pfung. Jeder sieht sie anders, legt seine Sehnsucht, seine Seele in sie hinein, beh�ngt sie mit seinen Tr�umen und Phantasien. Sie aber bleibt "die seelenlose Kreatur". Gleichg�ltig schreitet sie �ber das Leben der M�nner hinweg, die ihr zu F��en st�rzen, immer neue Opfer fordernd, in rastloser Gier -- bis sie demselben D�mon verf�llt, der sie getrieben, und (im 2. Teil der "B�chse der Pandora") unter dem Messer Jack des Aufschlitzers endet. Es war nicht leicht f�r Wedekind, diesem weiblichen Urbild sinnlicher Sch�nheit und Wildheit ein m�nnliches zur Seite zu geben. Mit der kulturellen Entwicklung ist die geistige Kraft zum eigentlichen Wesen des Mannes geworden. Aber Wedekind ging in die Welt der Zirkusmenschen und Hochstapler, der elastischen Abenteurer, die in z�her Lebensgier durch Strom und Strudel jagen, untertauchen, nie untersinken, immer wieder in die H�he kommen. "Der Marquis von Keith" (1900) ist Wedekinds dramatisch st�rkste Gestaltung dieses Typus. In all diesen Dramen kann der Trieb, das Fleisch, nie gegen den Geist k�mpfen, da er ihn nicht begreifen, nicht �bersehen kann. Vertreter des Geistes, die gegen das Fleisch auftreten -- wie Lehrer und Pfarrer in "Fr�hlings Erwachen" --, sind blo�e Karikaturen. Immer k�mpfen Triebe gegen Triebe. So kommt es nie zur Kl�rung und L�sung, sondern nur zur Katastrophe. Der Aufstieg und Absturz des Ideendramas zerf�llt hier nach der Zahl der Akte in ebenso viele parallele Krisen und Katastrophen. Auch die Szenen, die Dialoge entwickeln sich eher in linearem Nebeneinander als in einem steigenden In- und Miteinander. Denn diese triebhaften, "unbeseelten Kreaturen" sind ganz in sich gebunden, in die Einsamkeit alles Sinnlichen. Sie reden nicht zueinander, sie sprechen aneinander vorbei. Und so dunkelt �ber dieser lebensverlangenden, lebensbejahenden Triebwelt die heimliche Melancholie der unerl�sten Kreatur, eine Tragik, die tiefer gr�ndet als die �u�eren K�mpfe ihrer Instinkte. Die Bejahung und Verherrlichung des Fleisches, die dem jungen Wedekind quellende Natur ist, wird dem alternden zur Lehre, die er predig und verteidigt. All seinen sp�ten Gestalten gibt er sie in den Mund. Das widerspricht aber dem Wesen dieser triebhaften Gestalten, die nicht �ber sich theoretisieren k�nnen. So zerf�llt die durchaus unnaturalistische, gro�umrissene, sinnenbunte Bildwelt Wedekinds in graue fanatische Deklamationen. Zwischen den polar bestimmten Werten und Welten Hauptmanns und Wedekinds schwankt die ungewisse Welt Arthur Schnitzlers (geb. 1862). Die Wiener Kultur, schon in Grillparzer voll unsicherer Selbstreflexion, ist ganz Ausgangskultur geworden: ihre Ideenwelt hat den zwingenden Gehalt verloren, nur ihre Formen sind geblieben. Mit ihnen drapiert und maskiert man sich, man spielt mit ihnen. Das Leben selber wird zum Spiel. In l�chelnder Skepsis ist man sich dieses Spiels bewu�t, sucht man es zu vervollkommnen und auszukosten. Aber die Schwermut lauert �ber jenen Augenblicken, wo man des Spielens m�de ist, wo man auf festem Ideen- und Lebensgrund ruhen m�chte und nur erkennt: Es flie�en ineinander Traum und Wachen, Wahrheit und L�ge. Sicherheit ist nirgends. Wir wissen nichts von andern, nichts von uns. Wie spielen immer; wer es wei�, ist klug. In den sieben grazi�sen Dialogen des "Anatol" (1894) ist diese Skepsis und M�digkeit, diese Selbstreflexion und weiche Selbstverh�tschelung zum erstenmal Wort und Gestalt geworden. Anatol, der junge, verw�hnte Dichter, der "leichtsinnige Melancholiker" der in t�ndelnden Abenteuern, in "z�rtlicher Liebe ohne das Bed�rfnis der Treue" sein Leben vertr�umt, der nur in Stimmungen lebt und so viel Mitleid mit sich selbst hat -- keine moralische Forderung, kein Schicksal d�rfte an diese Welt klopfen: sie w�rde in Staub verwehen. Aber da sie ganz in sich verbleibt, nehmen wir l�chelnd Anteil an ihrem weichen, morbiden Stimmungszauber, ihrer Liebensw�rdigkeit und Gebrechlichkeit. Die Melancholie, die aus dieser Welt steigt, kann sich nie zur wahren Tragik h�rten. Auch aus den fr�stelnden Schauern des "Einsamen Wegs": "Und wenn uns ein Zug von Bacchanten begleitet -- den Weg hinab gehen wir alle allein", weht weniger Lebenstragik als Lebemannstragik. Aber wenn in diese Welt ein Vorstadtm�del ger�t mit der ganzen frischen Innigkeit und Unbedingtheit seines Herzens, die Liebe gibt und sucht in dieser Welt der "Liebelei", dann greift einfache Tragik ans Herz. Christin', die blasse Violinspielerstochter, die ihre Seele hingibt an den leichtsinnig-schwerm�tigen Menschen, der ihr auch in der tiefsten Stunde wehrt: "Sprich nicht von Ewigkeit. Es gibt vielleicht Augenblicke, die einen Duft von Ewigkeit um sich spr�hen... Das ist die einzige, die wir verstehen k�nnen, die einzige, die uns geh�rt", wird zu einem holden Urbild, zu einem unverge�lichen Klang, daraus die Innigkeit und Traurigkeit eines Volksliedes weht. Die gr��eren Kompositionen Schnitzlers lehnen sich an fremde Stile, an Ibsen oder Shakespeare, l�sen sich in epische Episoden oder zergehen in dialektische Konversationszenen, deren geistreich-schwermutvolle Feinheit die Menschen mehr verschleiert und verwischt als gestaltet. Nur im "Gr�nen Kakadu" wird Schnitzler die Ausgangswelt, ja der Ausgangstag des ancien r�gime (der Tag des Bastillensturms) zum gro�en historischen Spiegel des Wiener Ausgangs. Ein Irrspiel zwischen Sein und Schein, das den Verfall aller Werte, die Zersetzung aller Seele in grellen Blitzen gespenstig umleuchtet. In einer Pariser Vorstadtspelunke improvisieren Schauspieler zur Aufpeitschung der hochadligen G�ste Verbrecherszenen, die gruselig Spiel und Wahrheit mischen. Wie verfolgt st�rzt einer herein und berichtet von seinem frische Taschendiebstahl, von einer Brandstiftung ein zweiter, einem Morde ein dritter, bis Henri, der Genialste Truppe, vorst�rmt und aufschreit, er habe eben in der Garderobe den Herzog von Cadignan, den Liebhaber seiner ihm gestern angetrauten Frau, niedergestochen. Die Mitspieler halten es f�r Wahrheit, die Zuschauer f�r Kom�die, einen Augenblick glauben beide an Wahrheit -- w�hrend es j�h darauf erst Wahrheit werden soll: der Herzog tritt ein und Henri t�tet ihn wirklich. Und indes der Wirt wie allabendlich eben noch in aufreizendem Spiel seine hochadligen G�ste als Schurken und Schweine begr��t hat, die das Volk hoffentlich n�chstens umbringen werde, dringen pl�tzlich die Bastillenst�rmer ein und lassen an der Leiche des Herzogs die Freiheit leben. Hier ist das Lebensgef�hl des Ausgangs: "Wir spielen immer; wer es wei�, ist klug", schicksalhaft vertieft, das Schauspielertum des Lebens und der B�hne gespenstig gemischt. Mit h�chster k�nstlerischer Bewu�theit sind die Schauer und Wechsel dieses Irrspiels in die straffe Handlung eines Einakters gebannt. Wenn f�r Schnitzler die Bedeutungslosigkeit der �berkommenen Formen noch Lebensschicksal ist, f�r Hugo von Hoffmannsthal (geb. 1874) ist sie nur mehr literarisches Schicksal. Allein in den ersten Dramen "Der Tor und der Tod", "Der Abenteurer und die S�ngerin" schwingt noch ihr Erlebnis: Schwermut und Sehnsucht. Das erste eine Dichtung des Neunzehnj�hrigen: ein junger Mensch, der das Leben zum erstenmal ahnt, da er es lassen mu�: Was wei� ich denn vom Menschenleben? Bin freiliche scheinbar drin gestanden, Aber ich habe es h�chstens verstanden, Konnte mich nie darein verweben... Stets schleppt ich den r�tselhaften Fluch, Nie ganz bewu�t, nie v�llig unbewu�t, Mit kleinem Leid und schaler Lust Mein Leben zu erleben wie ein Buch. Aber, da er dem Tode, der ihn zu rufen kommt, entgegenh�lt: "Ich habe nicht gelebt!" zeigt der ihm, was an Leben und Liebe sein gewesen: unter den Geigenkl�ngen des Todes schweben die Schatten der Mutter, des jungen M�dchens, des Freundes vor�ber, die einst in Sorge und Liebe sich um ihn m�hten, ohne da� er ihrer geachtet. Er war der "Ewigspielende", "der keinem etwas war und keiner ihm". Erst der Tod lehrt ihn das Leben sehen -- die s��e Schwermut eines Fr�hlingsabends webt um diese jungen, goethisierenden Verse; aus weich-verhangener Ferne tr�umt Musik. Im "Abenteurer und die S�ngerin" schimmern die Farben und Wunder Venedigs auf. Auch hier eine ausgelebte Welt. Auch hier ein Ewigspielender: Casanova. F�nfzehn Jahre nach einem seiner vielen Liebesabenteuer kreuzt dieser fl�chtige Faltermensch die Lagunenstadt und sieht die einst Geliebte, die er zum Leben erweckt, die ihm gl�cklichste Stunden geschenkt, als Gattin eines anderen wieder und neben ihr seinen Sohn. Wenige festliche Stunden, wenige in Traum, S��e, Wehmut und Erinnerung aufschimmernde Worte. Und dar�ber die Schatten des Alters und der Verg�nglichkeit. Je mehr in den sp�teren Dramen Hoffmannsthals der Lebensgehalt versickert, desto �ppiger wuchert ihre Form. Die leere Lebensform des ausgehenden Wien wird zur leeren literarischen Form, einer �ppigen barocken Form, die Leben aus zweiter Hand, aus Sophokles, Otway, Moli�re �berrankt. Der sittliche Gehalt der Sophokleischen Elektra, das tragische R�cheramt der Kinder an der eigenen Mutter, des Vaters M�rderin, wird -- jenseits aller Weltanschauung -- zu einer dekorativen, schwelgerischen, brandroten Orgie in Ha�, Blut und Rache. Bedeutsam bleiben -- wie bei d'Annunzio, dem er nahekommt -- die artistischen Werte Hofmannsthals: sein Anteil an der Entwicklung deutscher Sprachkunst. Klingt bei Hofmannsthal Wortmusik, bei Richard Beer-Hofmann (geb. 1866), dem dritten und tiefsten der Wiener, klingt Seelenmusik. In hinrei�endem Adagio entquillt sie seinem ersten Drama, dem "Grafen von Charolais" (1904), obgleich es einer alten englischen Vorlage Massingers und Fields ungl�cklich verbunden ist, obgleich es daher in zwei Teile zerbricht, obgleich die Requisiten des alten St�cks, Leichen, Pf�ndung, Ehebruch, Mord, Selbstmord, sich peinlich h�ufen. Da ist nicht mehr die Melancholie des �stheten, da ist eine wehe Weisheit, eine milde G�te, eine dunkel-goldene Traurigkeit, aus Tiefen, die seit Gerhart Hauptmann keiner mehr durchmessen hat. Nur das Vorspiel zu einem Dramenzyklus, zur "Historie von K�nig David", ist seitdem erschienen: "Ja�kobs Traum" (1918), eine symphonische Dichtung von einer seelischen und religi�sen Gewalt, die sie hoch �ber die Zeit emportr�gt. Die W�rde und Tragik der Berufung ist ihr Thema, Ja�kobs Ringen mit Gott auf dem Berge Beth-El ihr biblischer Stoff. Wenn der musikalischen und metaphysischen Gewalt dieses Vorspiels die Kraft der Menschengestaltung in der Trilogie entspricht, so wird Beer-Hofmann in sch�pferischer Erneuerung alttestamentlicher Symbole der deutschen Dichtung das religi�se Drama erobern helfen. Hauptmann und in minderem Grade auch Wedekind, Schnitzler, Beer-Hofmann erleben die Welt unmittelbar in weltanschaulichen Gegens�tzen und in Gestalten, die sie verk�rpern und ausfechten. Fast allen j�ngeren Dramatikern ist dieses �berpers�nliche, weltgro�e Erlebnis fremd; sie erleben einseitig, subjektiv, nur vom Gef�hl oder vom Intellekt aus, und so kommt es nur zu lyrisch-balladesken oder dialektischen Spannungen. Herbert Eulenberg (geb. 1876) bleibt ganz in dumpfen Gef�hl befangen. Seine Helden sind immer die gleichen Typen und leben nur im Schwellen und Ausschwingen ihrer Gef�hlsdurchbr�che. Er erlebt nur in einer Richtung und nur in einem Menschen; die anderen Menschen sind ohne eigene Lebens- und Gegenkraft f�r Eulenberg wie f�r seine Helden. Einsam steht der Eulenbergsche Mensch im All; fremde M�chte werden in ihm wach und jagen ihn in die dunkle H�lle seines Blutes und seiner Tr�ume; sie verfolgen und erf�llen ihn, wachsen, rasen und toben in ihm, bis sie seine Form zersprengen oder in vernichtenden Taten den Ausweg suchen. Von au�en her dringt nichts in diesen Vorgang ein. "Ich h�re nichts au�er mir", sagt einer der Helden; "ich brenne in mir ab", ein anderer. Die Gegenspieler sind keine urspr�nglichen Gestalten, sind nur Blutbilder des eigenen Innern. So wird kein Drama, so kommt es nur zu monologischen, lyrisch-balladesken Wirkungen, zu Farben und Stimmungen. Der Gegenpol Eulenbergs ist Karl Sternheim (geb. 1881). Er geht ganz vom Intellekt aus. Er erlebt nicht, er erkennt nur. Sein literarischer Ehrgeiz will stilisieren, zu Typen vordringen. Aber einen Typus gewinnt er nicht durch F�lle und Verdichtung des Pers�nlichen, sondern durch Konstruktion und Illustration eines Begriffs. Kurze Zeit wei� seine Beobachtung, seine literarische Erinnerung die Stilisierung durchzuf�hren, dann entgleiten und brechen die Linien, die Personen werden zu Karikaturen. Eine Kom�die wie "Der Snob" ist in ihrer inneren Unwahrheit, ihrer Literaten- und Theaterkunst, gar nicht so weit von Blumenthal und Kadelburg; sie ist nur geistreicher und boshafter. Seiner Menschen-wie seiner Weltanschauung fehlt der organische Anteil, das Ethos, die Liebe. Es gen�gt nicht, die Welt l�cherlich zu machen. Humor, nicht Witz ist das Zeichen des Sch�pfers. Jede Anschauung will im Zusammenhang einer Weltanschauung, jede Eigenschaft im Zusammenhang einer Seele, jede Verzerrung im Zusammenhang eines Ideals gedeutet und gestaltet werden. Auch der Satiriker lacht und spottet nicht aus dem Gef�hl billiger �berlegenheit, sondern aus dem Gef�hl der Verantwortung und der Liebe. �ber Wedekind und Sternheim f�hrt der Weg Georg Kaisers, (geb. 1878). Auch er ist ein Intellektueller, ein ehrgeiziger Literat, ein Formenk�nstler. Ohne ein urspr�ngliches Wesenszentrum �berl��t er sich den wechselnden Str�mungen der Zeit. Von der Verherrlichung des Fleisches � la Wedekind ("Rektor Kleist", 1905) gelangt er zum ideal platonisierten Denkdrama "Die Rettung des Alkibiades" (1919). "K�nig Hahnrei" und die "J�dische Witwe" stellen die tragischen Konflikte Tristans oder Judiths in frecher Jongleurkunst auf den Kopf. "Die B�rger von Calais" wissen klug errechnete tragische Situationen rhetorisch auszukosten. "Die Koralle" und "Gas" diskutieren die sozialen Probleme der Gegenwart. An artistischem K�nnen ist Kaiser Sternheim bald voraus; er ist reicher, beweglicher, energischer. Aber es ist die Hast der Nerven, die Psychologie des Intellekts, die Technik des Films. In den sozialen Dramen -- der Sph�re der Massen und Maschinen -- werden der Bau mathematisch, die Menschen mechanisch, die Sprache zum Telegramm. Ein Druck auf die Feder -- und das Werk l�uft ab: Rede und Gegenrede, Bewegung und Gegenbewegung. Mit virtuoser Technik wird die ganze soziale Stoffmasse in diesem R�dertreiben zermahlen. -- Und schlie�lich fallen in der "Rettung des Alkibiades" auch die Schemen dieser Gestalten; in Anlehnung an den platonischen Dialog wird das Menschenspiel zum Denkspiel, die Dramatik zur Dialektik. �ber diese Artisten ragt Paul Ernst (geb. 1866) an Ethos der Kunst- und Weltanschauung, aber ihre intellektuelle Gebundenheit wei� er nur ins Geistige, nicht ins K�nstlerische zu l�sen. Er kommt vom naiven Naturalismus seines Freundes Holz und will mit Wilhelm von Scholz (geb. 1874), der von der Neuromantik und Mystik herkommt, einen "neuklassischen" Stil im Drama begr�nden. �ber Shakespeares individuelle Gestalten und Probleme will er zur reinen Typik der Griechen zur�ck. Aber er ist ein Kunstdenker, kein Kunstsch�pfer; er gibt geistige Grundrisse statt organischer Gestalten. Tiefer im Lebensgrunde wurzelt Scholz, zumal in der zweiten Fassung seiner Trag�die "Der Jude von Konstanz" (1913), die der Hauch Hebbelscher Tragik durchweht. Ein gro�es Drama w�chst nur aus einer gro�en, urspr�nglichen Weltanschauung. Wie die Lebensformen der Mutterboden der epischen, so sind die Weltanschauungsformen der Wurzelgrund der dramatischen Kunst. Mit dem Weltkrieg brachen die Lebens- und Anschauungsformen des materialistischen und rationalistischen Zeitalters zusammen. Aus seinem Chaos schrie die gemarterte Seele nach ihrem Recht. J�nglinge ballten ihren Aufschrei zum "expressionistischen" Drama, Walter Hasenclever im "Sohn", Richard Goering in der "Seeschlacht", am st�rksten Fritz von Unruh in "Ein Geschlecht". Lyrische Entladungen, Konfessionen, Predigten und Prophetien gaben sich dramatisch. Des sp�ten Strindbergs unnachahmliches Traum- und Seelendrama ("Traumspiel", "Nach Damaskus") wurde unbedenklich zum Vorbild genommen. �ber den zerfallenen Formen recke sich der befreite, von Urgef�hlen trunkene Mensch empor, der Mensch schlechthin, der sich eins wei� mit seinen Br�dern, nach Seele, nach Gott, nach einer neuen wahren Gemeinschaft des Geistes. Aber ekstatische Schreie, rauschvolle Aufrufe, die Aufl�sung aller Lebensm�chte in e i n trunkenes Urgef�hl f�hren h�chstens zur lyrischen Grundform. Dies neue Menschheitsgef�hl will erst in der Wirklichkeit erh�rtet, vertieft und gekl�rt, in Zwieklang seiner Gegenm�chte begrenzt und behauptet und in urspr�nglichen Gestalten objektiviert sein, ehe es zu einem neuen Drama fruchtet. DIE LYRIK Die epische Dichtung hat bestimmte Lebensformen, die dramatische bestimmte Weltanschauungsformen zum Unter- und Hintergrund. Der epische Dichter kann die Lebensformen nicht selber schaffen -- sie sind die Voraussetzung seiner Kunst --, der dramatische kann die Weltanschauungsformen h�chstens mitschaffen, aus den gesamten ideellen M�chten seiner Zeit heraus. Die Form der lyrischen Dichtung ist die Form der Pers�nlichkeit. Der Lyriker ist unabh�ngig in seinem Sch�pferwillen, alles wird ihm Stoff zu sich selber, Welt und Leben kristallisieren in seinem Ich. So kann in einer zersetzten Zeit, im Kampf der Lebens- und Weltanschauungen der Lyriker zuerst zur reinen Form gelangen, als der Vorposten der neuen Menschheit. Und dieses Ringen um den neuen Menschen, um das B�rgerrecht einer neuen Menschheit stellt die deutsche Lyrik der letzten Jahrzehnte dar. 1885 erschienen die "Modernen Dichtercharaktere", eingef�hrt von den Aufs�tzen Hermann Conradis (1862-1890) "Unser Credo" und Karl Henckells (geb. 1864) "Die neue Lyrik". Die Gedichtsammlung war die Absage an die Epigonenlyrik Geibels und Heyses, an die "losen, leichtsinnigen Schelmenlieder und unwahren Spielmannsweisen" Rudolf Baumbachs und Julius Wolffs. Diese jungen Lyriker wollten "H�ter und Heger, F�hrer und Tr�ster, Pfadfinder und Wegeleiter, �rzte und Priester der Menschen" werden. Hermann Conradi gibt 1887 in den "Liedern eines S�nders" sein lyrisches Bild. Er war der Innerlichste unter den J�ngeren, der G�rende, haltlos Ringende. Er f�hlte sich berufen, "die Gegens�tze der Zeit in ihrer ganzen tragischen Wucht und F�lle, in ihren herbsten �u�erungsmitteln zu empfinden" und "voll Inbrunst und Hingebung die verschiedenen Stufen und Grade des Sichabfindens mit dem ungeheueren Wirrwarr der Zeit sch�pferisch zum Ausdruck zu bringen". �bergang und Untergang sah er ringsum, sich selbst empfand und gestaltete er in seinen Romanen "Phrasen" und "Adam Mensch" als den Typus des �bergangsmenschen, in den eigenen Kr�mpfen sp�rte er die Kr�mpfe der Zeit, deren Krisis er 1889 in "Wilhelm II. und die junge Generation" ahnend k�ndete: "Die Zukunft, vielleicht schon die n�chste Zukunft: sie wird uns mit Kriegen und Revolutionen �bersch�tten. Und dann? Wir wissen nur: die Intelligenz wird um die Kultur, und die Armut, das Elend, sie werden um den Besitz ringen. Und dann? Wir wissen es nicht. Vielleicht brechen dann die Tage herein, wo das alte, eingeborene germanische Kulturideal sich zu erf�llen beginnt. Vorher jedoch wird diese Generation der �bergangsmenschen, der Statistiker und Objektssklaven, der N�chterlinge und Intelligenzplebejer, der Suchenden und Ratlosen, der Verirrten und Verkommenen, der Unzufriedenen und Ungl�cklichen -- vorher wird sie mit ihrem roten Blute die Schlachtfelder der Zukunft ged�ngt haben -- und unser junger Kaiser hat sie in den Tod gef�hrt. Eines ist gewi�: sie werden uns zu H�upten ziehen in die geheimnisvollen Zonen dieser Zukunft hinein: die Hohenzollern. Ob dann eine neue Zeit ihrer noch bed�rfen wird? Das wissen wir abermals nicht." Conradis Leben und Lyrik ist nie zur pers�nlichen Form gedrungen. So tief er darum rang, die g�renden, brodelnden Elemente seines Wesens zur Einheit zu binden: "Und ob die Sehnsucht mir die Brust zerbrennt: -- Auf irrer Spur -- L��t mich die Stunde nur -- Am einzelnen verbluten." Karl Henckell, der zweite Herausgeber der "Modernen Dichtercharaktere", verlor sich vorl�ufig in die Stofflichkeiten des Naturalismus und Sozialismus. Er sang "Das Lied des Steinklopfers", "Das Lied vom Arbeiter", "Das Lied der Armen", besang "Das Blumenm�dchen", "Die Engelmacherin", "Die N�herin im Erker", "Die Dirne", "Die kranke Proletarierin". Er zeichnete billige satirische Gegenbilder im "Korpsbursch" im "Einj�hrig-Freiwilligen Bopf", im "Leutnant Pump von Pumpsack" im "Polizeikommissar F�rchtegott Heinerich Unerbittlich". Er feierte "das ideale Proletariat": "Heil dir Retterheld der Erde -- Siegfried Proletariat -- leuchtend in der Kraft des Sch�nen." Er empfand sich als die "Nachtigall am Zukunftsmeer". Durch die jugendliche Rhetorik und stoffliche Befangenheit brach die -- sozialistisch gef�rbte -- �berzeugung einer Zeitenwende, eines nahen Zusammenbruchs, einer neuen Zukunft. �rger noch in diese Stofflichkeit, in die n�chsten Bilder und Phrasen der Zeit verstrickt blieb Arno Holz (geb. 1863) in seinem "Buch der Zeit", "Lieder eines Modernen" (1885). Er glaubte sich sch�pferisch, wenn er die Gro�stadt, das Gro�stadtelend, den Gro�stadtmorgen, den Gro�stadtfr�hling in w�sserig str�mende Reime und Strophen zwang. Der "geheime Leierkasten", den er sp�ter aus jeder Strophe zu h�ren glaubte, klingt �berlaut aus diesen jugendlichen Versifizierungen. Und es ist pers�nlich begreiflich, da� er 1899 schlie�lich in seiner "Revolution der Lyrik" Reim, Strophe und festen Rhythmus grunds�tzlich verwarf und eine Lyrik proklamierte, "die auf jede Musik durch Worte als Selbstzweck verzichtet, und die, rein formal, lediglich durch einen Rhythmus getragen wird, der nur durch d a s lebt, was durch ihn zum Ausbruch ringt". Im "Phantasmus" schuf er dementsprechende, eindringliche, duft- und farbenreiche Stimmungsbilder und -bildchen. In Julius Hart, Bruno Wille, John Henri Mackay, dem Sch�ler Stirners, und Ludwig Scharf erg�nzte und steigerte sich die soziale Lyrik. Richard Dehmel (1863-1920) vertiefte und beseelte sie. Er war der Freund Detlev von Liliencrons (1844-1909), des "Blutlebendigen, Lebensbegl�ckten", Erdurspr�nglichen, der zwar durch den "Naturalismus" erst ganz zu sich selbst befreit wurde, aber stets reine, sinnenhafte Natur war und blieb, dem Kampf der neuen Ideen fremd, ein voller Ausklang der alten lyrischen Linie, der Droste, Kellers, Storms. Liliencron kam der Entwicklung von Dehmels sinnlicher Anschauung zur Hilfe, wie Uhland einst dem jungen Hebbel. Dehmel zerbrach die Kunstanschauung des "Naturalismus": Nie ahmt der K�nstler die Natur nach. "Weder die sogenannte �u�ere Natur, die Welt der Dinge, noch auch die innere, die Welt der Gef�hle, will oder kann er zum zweitenmal, zum immer wieder zweitenmal, in die bestehende Welt setzen, in diese Welt der Wirklichkeiten. Er will �berhaupt nicht nachahmen; er will schaffen, immer wieder zum erstenmal. Er will einen Zuwachs an Vorstellungen schaffen, Verkn�pfungen von Gef�hlen und Dingen, die vorher auseinander lagen, in der werdenden Welt unserer Einbildungen." Aus "chaotischen Lebenseindr�cken" will er einen "planvollen Kosmos" schaffen, "nicht Abbilder des nat�rlichen, sondern Vorbilder menschlichen Daseins und Wirkens," "�berschauende Zeit-, Welt- und Lebenssinnbilder". So wird in Richard Dehmel zuerst der moderne Lyriker sich seiner Aufgabe bewu�t, der sinkenden, zersetzenden Zeit neue Formen zu erobern, in der Form seiner Pers�nlichkeit und in heiliger Wirkung und Wechselwirkung, in immer weiteren Ringen �ber sie hinaus: "Alle Kunstwirkung l�uft schlie�lich auf das Wunder der Liebe hinaus, das sich begrifflich nur umschreiben l��t als Ausgleichung des Widerspruchs zwischen Ichgef�hl und Allgef�hl, Selbstbewu�tsein und Selbstvergessenheit." Den Weg vom Ichgef�hl, einem neuen, starken Ichgef�hl, zu neu bewu�ten und vertieften Allgef�hl sucht Dehmels Leben und Lyrik. Vom sozialen Gef�hl der Zeit geht er aus. "Wie kann der geistige Mensch zur Herrschaft kommen, wenn er umgeben bleibt von Menschen, die nicht einmal der Pflege des K�rpers freie Zeit genug widmen k�nnen! Kann denn das geistige Dasein sich steigern, wenn jedermanns Sinne voll geistiger Unlust sind? Und kann der Geist des einzelnen wachsen, wenn kein geneinsamer Boden sich bildet, der seine Seele zum Wachstum anreizt?" Aus dieser leidenden Bruderliebe, aus diesem Wissen um das Verbundensein alles Volkslebens wachsen seine sozialen Gedichte "Zu eng", "Vierter Klasse", "Der M�rtyrer", "Jesus der K�nstler", "Bergpsalm": Dort pulst im Dunst der Weltstadt zitternd Herz! Es grollt ein Schrei von Millionen Zungen Nach Gl�ck und Frieden: Wurm, was will dein Schmerz! Nicht sickert einsam mehr von Brust zu Br�sten Wie einst die Sehnsucht, nur als stiller Quell; Hier st�hnt ein Volk nach Klarheit, wild und grell, Und du schwelgst noch in Wehmutsl�sten? Die beiden klassischen sozialen Lieder formen sich: "Erntefeld" ("Es steht ein goldnes Garbenfeld") und "Der Arbeitsmann" ("Wir haben ein Bett, wir haben ein Kind"). �ber die Lebens- und Liebeseinheit des eigenen Volkes, durch die es "dem hunderttausendfachen Bann" der Lebensnot und -niedrigkeit entw�chst, dr�ngt Dehmels Traum und Leidenschaft zur Menschheitsstunde: "Bis auch die V�lker sich befrei'n -- Zum Volk! -- m e i n Volk, wann wirst du sein?" Und �ber die Menschheit hinaus st�rmt sein Lebenswille ins Weltall: "Wir Welt!" Das ist das letzte Ziel, die Durchdringung von Eins und All. Den Weg f�hrt uns die Liebe: "Wer so ruht an einem Menschenherzen -- Ruht am Herzen dieser ganzen Welt." Dieses Mysterium k�ndet der "Roman in Romanzen: Zwei Menschen" dreimal 36 Gedichte und drei Vorspr�che zu je zw�lf Zeilen, die zusammen wieder 36 Zeilen ergeben. Alle Gedichte haben den gleichen Aufbau: eine Naturschilderung als Einleitung, die Worte des Mannes, die Worte der Frau, ein paar Schlu�zeiten, die in neuer Einheit die Seelenstimmung zusammenfassen. Diese Strenge der Gliederung schafft architektonische Sch�nheit, aber hemmt und verbaut auch. Es kommt weder zur reinen epischen Erz�hlung noch zum reinen lyrischen Ausstr�men. �berhaupt bleiben die epischen Elemente, die eigentliche Handlung, die F�lle der Schaupl�tze, bedenklich stofflich. Hinrei�end ist der ekstatische �berschwung der Grundstimmung, der zwei Menschen aus ihrer Einzelhaft, durch die Liebe, zur Verbundenheit mit der Natur, der Menschheit, dem Weltall, zum "Weltgl�ck" f�hrt, bis selbst der Tod sie nicht mehr schreckt: Wir sind so innig eins mit aller Welt, Da� wir im Tod nur neues Leben finden. So w�chst Dehmels Ich-Bewu�tsein in immer weiteren Kreisen zum Weltbewu�tsein, nicht nur im Gef�hlsrausch des Lyrikers, sondern im menschheitlichen Vorkampf. Die Harmonien zwischen Mann und Weib offenbaren sich ihm nur darum so machtvoll, weil er abgr�ndige Disharmonien durchlitten und durchschritten hat. Seelische Helle w�chst aus sinnlichem Dunkel. "Die Verwandlungen der Venus" zeichnen -- stofflich �berlastet -- diesen Weg der L�uterung: "Aus dumpfer Sucht zur lichten Glut." Alle Menschheitsbeziehungen werden in ihrem Doppelspiel von Ha� und Liebe, von Selbstbehauptung und Hingabe neu zur Frage gestellt. Wie Mann und Weib sich gegen�berstehen, so Vater und Sohn. Im Kampf der Generationen, der alten und jungen Weltanschauung ruft er als Vater -- als erster Vater! -- seinem Sohne zu: Sei du! Sei du! Und wenn dereinst von Sohnespflicht, Mein Sohn, dein alter Vater spricht, Gehorch' ihm nicht! Gehorch' ihm nicht! Als der Weltkrieg ausbrach, da war es Dehmel, dessen tapferer Lebensglaube stets gewesen, durch die Zeit hindurch zur neuen Zeit und Form sich vorzuringen, Pflicht und Bed�rfnis, als einundf�nfzigj�hriger, ungedienter, gemeiner Soldat in das Heer zu treten und den Entscheidungskampf der neuen Menschheit mitzufechten: "Die Begleitumst�nde sind allerdings scheu�lich, aber das Hauptziel des Kampfes ist herrlich und heilig; denn wir wollen den Frieden auf Erden schaffen, a l l e n Menschen zum Wohlgefallen... Etwas mehr Himmelsluft wird sich doch nach diesem reinigenden Sturm ausbreiten, bei uns selbst wie im ganzen V�lkerverkehr. Und was war der Hauptgrund, warum ich alternder Mann zur Waffe griff, nicht blo� aus Vaterlandsliebe und Abenteurerlust; da mein K�rper noch kr�ftig genug dazu ist, mu� ich ihn einsetzen f�r die geistige Zukunft." Als Soldat der neuen Menschheit ist er gestorben, an einer Venenentz�ndung, die er sich im Kriege zugezogen. Das K�mpferpathos Dehmels, das anfangs dem jungen Schiller nah ist, bevorzugt die charakteristische vor der musikalischen Form. Jeder Gl�tte in Bild, Rhythmus und Strophe setzt er herbe Eigenheiten entgegen. Der vierzeiligen Strophe gibt er eine f�nfte Zeile mit, ohne Reim, von besonderem Rhythmus. Bild und Versform wirken oft geschmiedet und geh�mmert. Auch seine "impressionistischen" Naturbilder sind keine nachgiebige Eindruckskunst, sind Umwandlung �blicher, erstarrter Anschauungen in charakteristische, von innen bewegte Bilder. In der Herbheit der inneren und �u�eren Form ist ihm Paul Zech (geb. 1881) verwandt. Soziales Ethos erf�llt und durchbebt sein b�uerisch-westf�lisches Blut. Einige seiner V�ter sch�rften Kohle. Er selber hat nach Vollendung seiner Studien in tiefster sozialer Verbundenheit nicht nur als Dichter, sondern zwei Jahre auch als Mensch, als Arbeiter, am Leben der Bergleute teilgenommen in Bottrop, Radbod, Mons und Lens. In den Vers- und Novellenb�chern "Das schwarze Revier", "Die eiserne Br�cke", "Der schwarze Baal" zieht sein Ethos die Machthaber, die Harth�rigen und Verblendeten vor Gericht, G�te und Menschlichkeit f�r alle zu fordern. Die Stoffwelt des jungen Naturalismus kehrt wieder: Fabriken, Zechen, Sortierm�dchen, Fr�ser, aber durchseelt von einem Ethos und Pathos, das aus religi�sen Tiefen, aus Christi Herzen steigt und zur "Neuen Bergpredigt" berufen ist. Dieser religi�sen Menschheitsverbundenheit mu�te der Weltkrieg, Weltha� und -gemetzel, die Zech als ungedienter gemeiner Soldat in den furchtbaren K�mpfen (Verdun und Somme) miterlebte, zum apokalyptischen Grauen, zur S�nde wider den Heiligen Geist werden. Von den tausend Kriegslyrikern hat Zech allein von Anfang an den Krieg in seiner metaphysischen Bedeutung erlebt und gestaltet. Seine Gedichtb�cher "Golgatha" und "Das Terzett der Sterne" rei�en den Krieg aus den historisch-politischen Verkn�pfungen vor das Angesicht Gottes. Ewig sind wir Kain. Unser Dasein hei�t: vernichten! K�me tausendmal noch Christi Wiederkehr: Immer st�nden Henker da, ihn hinzurichten. Fluch der Welt ist, da� uns Abel kindlos starb. "Zweitausend Jahre noch nach Golgatha -- G�ttliche Jugend blutig auf der Bahre!" "Und immer neue M�tter stie�en ihre Knaben -- In immer helleren Scharen in das Feld -- Als w�r vernarrt die ganze Welt -- Den Mord hinfort als Hausaltar zu habe? -- ...Da� du, Gekreuzigter, nicht von dem Holz -- Herabsprangst und mit Gei�eln auf die Menge hiebst -- Und klein zur�ck auf ihren Ursprung triebst." "Seit jenen Tagen braust durch das verf�hrte -- Geschlecht ein schriller Ton -- Wie ihn schon einmal ausstie� der verlorene Sohn." Aber den wilden L�rm der Schlachten �berschwillt die Musik der Sterne, wenn im D�mmern der Nacht Gott aus den Mauerflanken anderer Erden ein Orgelhaus erbaut; dann l�sen sich die erdengrauen K�mpfer aus Blut und Schlamm der Sch�tzengr�ben ins Licht und Lied der Sterne und singen mit dem Br�derheer der Toten und den brausenden Stimmen der W�lder die gro�e Sch�pferfuge: Zuletzt ist Gott nur noch alleine Zuckender Puls im All... Weit �ber Wind und Wassern h�mmert seine Urewigkeit wie Fl�gel von Metall. Ist Zechs Menschenglaube und -liebe von alttestamentlichem, prophetischem Eifer der Klage, des Zorns, der Forderung, so ist Franz Werfels (geb. 1890), des Pragers, Liebe zur Welt und Menschheit weicher, inniger, mystischer. Er stellt des Laotse Wort vor seine Gedichte: "Das Allerweichste auf Erden �berwindet das Allerh�rteste auf Erden" und Dostojewskis Wort: "Was ist die H�lle! Ich glaube, sie ist der Schmerz dar�ber, da� man nicht mehr zu lieben vermag." Immer tiefer und reicher sprechen seine Gedichtsammlungen "Der Weltfreund", "Wir sind", "Einander" "Der Gerichtstag" die Lebens- und Liebesverbundenheit aller Kreaturen aus. Nur als Erscheinung sind wir getrennt, im Wesen sind wir eins, eins in Gott. Noch im �rmlichsten Menschen, im verachtetsten Tier und Ding ist Gott verborgen, ringt Gott nach Offenbarung. Und diesen g�ttlichen Funken, diese g�ttliche Einheit hinter aller getrennten Erscheinung, hinter Armut, Eiter und Niedrigkeit zu suchen und zu lieben, ist unsere religi�se Aufgabe, ist der Sinn unseres Lebens: "Wer sich noch nicht zerbrach -- Sich �ffnend jeder Schmach -- Ist Gottes noch nicht wach. -- Erst wenn der Mensch zerging -- In jedem Tier und Ding -- Zu lieben er anfing." So fleht der Dichter aus der Dumpfheit und Einsamkeit irdischer Gebundenheit: "O Herr, zerrei�e mich!" so braust der Bittgesang der neuen Menschheitsgemeinde: Komm, Heiliger Geist, du sch�pferisch! Den Marmor unserer Form zerbrich! Da� nicht mehr Mauer krank und hart Den Brunnen dieser Welt umstarrt, Da� wir gemeinsam und nach oben Wie Flammen ineinander toben! -- -- -- -- Da� nicht mehr fern und unerreicht Ein Wesen um das andere schleicht, Da� jauchzend wir in Blick, Hand, Mund und Haaren Und in uns selbst dein Attribut erfahren. Im Dichter wird dieses Gebet zuerst und zutiefst erf�llt: "In dieser Welt der Gesandte, der Mittler, der Verschm�hte zu sein, ist dein Schicksal," k�ndet ihm der Erzengel -- "Da� dein Reich von dieser Welt nicht von dieser Welt ist," diese Erkenntnis, "ist, o Dichter, dein Geburtstag". Und so offenbart und erl�st der Dichter hinter der Welt der Erscheinung die wahre Welt. Von der Welt der Armen, der Dienstboten, der Str�flinge, der Droschkeng�ule, der Nattern, Kr�ten und des Aases zieht er den t�uschenden Schleier der Erscheinung und offenbart das Geheimnis Gottes. Er will nichts sein als "Flug und Botengang" des Ewigen, "eine streichelnde Hand", die allen einsam-�ngstenden Kreaturen von der g�ttlichen W�rme und Liebe mitteilt. Nicht die "Eitelkeit des Worts" nur die Reinheit und G�te der Seele gibt ihm die Macht zur Offenbarung und Erl�sung: "Der gute Mensch" ist der Befreier der Welt: Und wo er ist und sein H�nde breitet... Zerbricht das Ungerechte aller Sch�pfung, Und alle Dinge werden Gott und eins. Nicht die Erscheinung zu fliehen und vor der Zeit abzustreifen, sondern die Erscheinung zu durchseelen, zu verg�ttlichen, ist der Sinn der Sch�pfung, nachdem sie einmal im S�ndenfall der Vereinzelung von Gott abgefallen ist. In der Welt will Gott offenbart und erl�st werden. Ergreifend spricht sich das im "Zwiegespr�ch an der Mauer des Paradieses" aus, wo Adam, m�de des Erscheinungswandels, zur alten paradiesischen Einheit in Gott zur�ckverlangt und ihn anfleht: "H�re auf, mich zu beginnen!", Gott aber weist ihn zur�ck in die Welt: Kind, wie ich dich mit meinem Blut erl�ste, So wart' ich weinend, da� du mich erl�st. Werfel ist urspr�nglich, innig, oft franziskanisch-kindlich in seiner Religiosit�t; gerade, sicher und sehnend w�chst seine Dichtung zum Himmel auf, wie ein gotischer Turm (erst im "Gerichtstag" gewinnt die Reflexion zersetzend Macht). Rainer Maria Rilkes, des �lteren Pragers (geb. 1875), religi�se Lyrik ist mehr die Zierart am Turm, die F�lle und Unruhe der gotischen Skulpturen, der Heiligen, Tiere und Ornamente. Sie hat keine urspr�ngliche, eigenm�chtige Strebe- und Baukraft. Rilke ist der Ausgang eines alten K�rntner Adelsgeschlechtes, verfeinert, m�de, heimatlos. In steten Reisen wechselte er zwischen Wien, M�nchen, Berlin, Ru�land, Paris, Italien. Er lebt wie seine Gestalten "am Leben hin" nicht ins Leben hinein, durchs Leben hindurch. Die tiefsten Offenbarungen gibt ihm nicht das unmittelbare Leben, sondern das mittelbare: die Kunst. Erst in den Worpsweder Malern und ihrer Atmosph�re wird ihm die seelische Bedeutung der Landschaft, erst in der Kunst und dem K�nstler Rodin die religi�se Bedeutung des Menschen Erlebnis. Rodin, bekennt er, habe ihn "alles gelehrt, was ich vorher noch nicht wu�te, ge�ffnet durch sein stilles, in unendlicher Tiefe vor sich gehendes Dasein, durch seine sichere, durch nichts ersch�tterte Einsamkeit, durch sein gro�es Versammeltsein um sich selbst". Sein Buch �ber Rodin ist wohl sein tiefstes und reichstes Werk. Wie Rodin, der Gotiker unter dem Bildnern, den menschlichen K�rper aufl�st in Seele, so l�st Rilkes "Stundenbuch" mit den drei B�chern "Vom m�nchischen Leben", "Von der Pilgerschaft" "Von der Armut und vom Tode" die K�rper und Dinge in Gott. "Es gab eine Zeit, wo die Menschen Gott im Himmel begruben... Aber ein neuer Glaube begann... Der Gott, der uns aus den Himmeln entfloh, aus der Erde wird er uns wiederkommen." So offenbart Rilke Gott in den Kindern, den M�dchen, dem Volk, den Armen, den Bauern, der Landschaft, und mehr als in den Menschen in den Dingen: "Weil sie, die Gott am Herzen hingen -- Nicht von ihm fortgegangen sind." Aber diese Offenbarung w�chst nicht wie bei Werfel aus unmittelbarem Lebensanteil und -zwiespalt und heiliger Gewi�heit, sie w�chst aus der Sehnsucht des heimatlosen Zuschauers und K�nstlers und aus dem Wissen um viele religi�se Vorstellungen und Symbole. Ein russischer M�nch ist der Tr�ger und Schreiber des Stundenbuches, und der ganze Stimmungsreichtum russischer Kl�ster, Kuppeln, Ikone, Gossudars wird genutzt. Anderen religi�sen Gedichtzyklen, wie den "Engelliedern" und den "Liedern der M�dchen an Maria" werden pr�raffaelitische Erinnerungen zu Stimmungstr�gern. Und die "Neuen Gedichte", die in der F�lle ihrer Bilder die Beziehungen der individuellen Erscheinungen zu den letzten Prozessen und Formen des Daseins gestalten wollen, tun dies nicht aus der dr�ngenden Einheit und Tiefe eines urspr�nglichen Weltgef�hls, sondern im seelischen oder gedanklichen Umkreisen eines Themas. Oft gestaltete, k�nstlerisch schon reizvoll umspielte Themen locken Rilke besonders: Abisag, David vor Saul, Pieta, Sankt Sebastian, Orpheus und Eurydike, Alkestis, Geburt der Venus, Eranna an Sappho usw. In diesen Lebensbildern sucht und schafft die Seele sich Heimat, der das Leben selber sich verschlie�t. Und sie bringt ihnen all ihre menschliche und k�nstlerische Feinf�hligkeit und Bewu�theit als Gastgeschenk. Fr�hzeitig hat Rilke sich seinen Sprachstil geschaffen von solcher Eigenheit, da� er die Grenze der Manier streift. Unscheinbare Worte wei� er neu zu beseelen, verbrauchte Bilder auf ihren Ursinn zur�ckzuf�hren, Gleichnisse prezi�s auszubauen. Durch Assonanz, Binnenreim und H�ufung des Endreims wei� er der Sprache eine slawische Weichheit und Klangf�lle zu geben. Im letzten Gedichtbuch, der "Neuen Gedichte zweiter Teil", gewinnt jedoch das Artistische bedenklich Raum. Die Neigung zur Mystik ist Gefahr und Flucht f�r eine Zeit, die die Form der Pers�nlichkeit wiedergewinnen, nicht aufgeben soll. Nicht ichfl�chtig, sondern im tiefsten ichs�chtig mu�te der Lyriker werden, der zur Form der neuen Lyrik: zur Form des neuen Menschen vordringen wollte. Und wenn niemand durch die Zeit hindurch zu ihr drang, wenn selbst Richard Dehmel, dem st�rksten Bildner, deren zersetzte Elemente br�ckelnd in den H�nden blieben, so konnte nur der die reine Form der Pers�nlichkeit, des neuen Menschen bilden, der es von Anfang an au�er der Zeit und gegen de Zeit unternahm. So ist die Pers�nlichkeit und Dichtung Stefan Georges (geb. 1866) Form geworden. Der Wille zur Form war das Wesengesetz Georges von fr�h auf. Er selbst weist darauf hin, da� ihm die Formkr�fte des r�mischen Imperiums, des Katholizismus, der rheinischen Landschaft im Blute mitgegeben seien. Zuerst wurde dieser Formwille �sthetisch seiner bewu�t. Die "Bl�tter f�r die Kunst" die er 1892 gegr�ndet, f�rderten -- beeinflu�t von den Pr�raffaeliten und von franz�sischen Lyrikern, wie Baudelaire, Verlaine, Mallarm�, Villiers -- eine "Kunst f�r die Kunst", sahen "in jedem Ereignis, jedem Zeitalter nur ein Mittel k�nstlerischer Erregung". Aber hinter diesem Willen zur �sthetischen Form rang und schuf bei George -- nicht bei seinen Mitl�ufern -- der Wille zu Lebens- und Wesensformen. Und weil er diese in der eigenen Zeit nicht fand, weil aus deren zersetzten Elementen auch keine reinen Formen zu bilden waren, floh seine Seele "vor�bergehend in andere Zeiten und �rtlichkeiten", um dort die Urformen des Menschentums in ihrer Reinheit wieder zu suchen und bildhaft zu erneuern. In Algabal, dem r�mischen Priesterkaiser, fand er sein antikes Gegenbild: den J�ngling, den es verlangte, unabh�ngig von einer zergehenden Um- und Au�enwelt ein Leben und Reich reiner Sch�nheit, reiner Formen zu schaffen: Sch�pfung, wo nur er geweckt und verwaltet, Wo au�er dem seinen keine Wille schaltet, Und so er dem Wind und dem Wetter gebeut. Der Schatten Ludwigs II. weht durch diese Strophen. Aber an der Vermessenheit des Einsam-�berheblichen zerbricht diese Welt. Aus dem Abseits und der Vereinzelung sp�tr�mischen Herrschertums fliehen die "Hirtengedichte" in die mythisch gel�uterten Urformen naturhaft sch�nen und reinen Menschentums, wie sie die Griechen zuerst gewahrt und gebildet haben. Hier beginnt die tiefe Wesensverwandtschaft Georges mit der Antike deutlich zu wurden. Das Christentum hatte in seiner Weltfl�chtigkeit, seiner metaphysischen Sehnsucht und Wertung formsprengende Elemente in sich aufgenommen; nur im s�dlichen und rheinischen Katholizismus waren Himmel und Erde in Lebensfreude und Bildhaftigkeit eins geblieben. Georges reinem Formenwillen konnte nur eine antikische Weltanschauung genugtun, in der Gott und Welt, Seele und Leib sich restlos durchdrangen, und in der Sch�nheit der Gestalt zur vollkommenen Form gelangen. "Den Leib vergotten und den Gott verleiben", das war ihm der Sinn alles Weltgeschehens, darin Natur und Kunst sich trafen. F�r diese religi�se Aufgabe bedurfte die Dichtung einer vollen Erneuerung ihrer Formsubstanz: der Sprache. Und von Anfang an hatte George sich darum gem�ht, die epigonenhaft verbrauchten Elemente der deutschen Sprache neu zu schaffen. Er war in den Geist und Klang von sieben fremden Sprachen eingedrungen. In unerm�dlichen �bersetzungen hatte er die deutsche Sprache bereichert, durchgl�ht und geh�mmert. Im "Algabal" war ihm die Sprache ganz zu eigen geworden; es waren keine �bernommenen und verbrauchten Elemente mehr in ihr, sie war wieder urspr�nglich, war imstande, seinen neuen reinen. Wesens- und Lebensformen in reiner Sprachform Gehalt zu geben. Nun war George stark genug, von seiner Flucht in die Welt der Geschichte zur�ckzukehren, nicht mehr Urbilder vergangener Zeiten zu erneuern, sondern Urkr�fte zu bannen. Im "Jahr der Seele" (1897) offenbart er Urformen der Natur. Die Natur ist ihm kein Gegensatz zum Geist oder zur Seele, ist ihm die Lebenseinheit beider, urspr�nglich und ewig wie die Antike, die keine entg�tterte und entseelte Natur kannte. So erschienen im "Jahr der Seele" die Urformen der Natur, die Jahreszeiten, in Bildern von r�umlicher Gegenst�ndlichkeit und Farbigkeit und zugleich tiefster Seelenhaftigkeit. Die Seele sucht hier nicht -- wie bei Goethe -- die Natur, um an ihr sich zu finden und auszusprechen; beide sprechen sich in urspr�nglicher, kosmischer Einheit aus. Urformen der Natur offenbaren sich als Urformen der Seele, Urformen der Seele als Urformen der Landschaft. So sind es keine Stimmungs-, sondern Schicksalsbilder, die diese Gedichte schaffen. Die F�lle des Herbsttags hebt an, die reife Ernteruhe und -klarheit, der Friede der Erf�llung, den doch der Vers Hebbels schon ahnend durchschauert: "So weit im Leben ist zu nah am Tod." Wie sind Seele und Landschaft eins in solchem Gedicht: Wir schreiten auf und ab im reichen Flitter Des Buchenganges beinah bis zum Tore Und sehen au�en in dem Feld von Gitter Den Mandelbaum zum zweitenmal im Flore. Wir suchen nach den schattenfreien B�nken, Dort, wo uns niemals fremde Stimmen scheuchten, In Tr�umen unsre Arme sich verschr�nken, Wir laben uns am langen, milden Leuchten. Wir f�hlen dankbar, wie zu leisem Brausen Von Wipfeln Strahlenspuren aus uns tropfen, Und blicken nur und horchen, wenn in Pausen Die reifen Fr�chte an den Boden klopfen. Erst nachdem George die Urformen der Geschichte und der Natur erlebt, erneuert und gebannt, ist er gel�utert und gest�hlt zur Weihe der Berufung. Jetzt erscheint ihm der Engel des "Vorspiels": "Das sch�ne Leben sendet mich an Dich -- Als Boten." Der Geist des Lebens erscheint ihm jetzt, des "sch�nen Lebens", dem alles Dasein reine Einheit ist und klare Form. Der hebt ihn zu sich auf die heilige H�he der Sendung. Die reinen Formen, die er bisher nur erfahren und erneuert -- jetzt darf er sie am Urquell mit schauen und -schaffen; ein Leben der Weihe wartet seiner, in dem jede Stunde sich sinnvoll einordnen, sch�pferisch rechtfertigen will. Aber die Gnade der Berufung fordert das Opfer, die Hingabe, den ausschlie�lichen Dienst des Berufenen. Aus irdischem Gl�ck und menschlicher W�rme schreitet er zur Gipfelh�he, Gipfeleinsamkeit, Gipfeleisigkeit. "Georges Vorspiel ist nur Gedicht, gehorsam demselben strengsten Gehei�, das den Zarathustra erzwang: dem Ich Gesetz und Heil des Lebens zu schaffen in gottblinder und weltwirrer Zeit, doch nicht f�r alle und keinen, sondern aus dem einen. Ist ein Dichter mehr als blo� ein Ich, dann gilt es dadurch den anderen; und was ihn ruft, weckt auf die Ohren, die ihn vernehmen. Soll er den Kreis f�llen, so mu� er die Mitte und die Strahlen halten, nicht dem Umfang nachlaufen. S i c h gestalten, sich erf�llen, sich vollenden war Georges erstes Gebot, und das empfing er nicht vom Fernen, sondern vom N�chsten, seinem eigenen Herzen. Doch eben dies Gebot war die Antwort auf die Frage des Lebens... und indem er sich erf�llte, als Dichter, indem er seine Form fand, seinen Streit ausfocht, sein Wort sagte, tat er, was an der Zeit war. Dantes Gesetz hie�: Schaue i Gott... Goethes: Werde Welt... Georges: Gestalte Leben. Die Gefahren, Leiden, Wonnen und Pflichten dieses Gesetzes hat er im Vorspiel verk�ndet, von der Einweihung bis zur Vollendung." (Gundolf.) Erst der also Geweihte vermag aus dem Geist des Lebens den "Teppich des Lebens" (1900) zu zeichnen: die geistigen Urbilder des Menschentums in Natur und Geschichte, "das Kr�ftereich europ�isch-deutscher Menschenbildung in einzelnen Sch�pfungsformen, von den erdgebundenen Anf�ngen bis zum geistigen Tun und Wirken der Genius". (Gundolf.) Wie "ein Epos des Erdgeistes" beginnt die Reihe mit dem m�tterlichen Grunde alles Menschentums, der "Urlandschaft", in der Mensch, Tier und Erde noch unbewu�t und einig sind: "Erzvater grub, Erzmutter molk, -- Das Schicksal n�hrend f�r ein ganzes Volk." Zum erstenmal in dieser epischen Bilderfolge taucht in Georges Werk das Volk als Urform des Menschentums auf und als Urform seines Menschentums das deutsche Volk. Im Vorspiel hatte der Geist des Lebens ihn aus den magischen Landschaften des S�dens zu "den einfachen Gefilden", der "strengen Linienkunst" der heimischen, rheinischen Landschaft gef�hrt: Schon lockt nicht mehr das Wunder der Lagunen, Das allumworbene, tr�mmergro�e Rom, Wie herber Eichen Duft und Rebenbl�ten, Wie sie, die deines Volkes Hort beh�ten -- Wie deine Wogen -- lebensgr�ner Strom! Jetzt ist ihm das Volk als Urform deutlich geworden, die ihn selber umfa�t, die Wesens- und Geschichtskr�fte des deutschen Volkes. Seine Sendung ist zur deutschen Sendung geworden: Indem er die reinen Kr�fte des deutschen Volkes in sich zur Gestalt bildet, wird er auch der Bildner seines Volkes sein. -- -- "Den Leib vergotten und den Gott verleiben": die Einheit von Welt und Gott, Natur und Geist, Leib und Seele war Georges Weltanschauung und -aufgabe. Sie sollte und mu�te er erleben, erschauen, erschaffen. Das h�chste Symbol dieser Einheit ist der Gott-Mensch. Und wenn je die Menschheit dieses Symbols bedurfte zu ihrer Vollendung -- George konnte sich nicht begn�gen, seine Weltanschauung in zerstreuten Bildern zu schauen und zu schaffen; sie mu�te sich ihm in einer Gestalt verdichten. Das war die h�chste M�glichkeit seiner Weltanschauung. Und seinem Formsehnen und -willen war die h�chste M�glichkeit auch die h�chste Notwendigkeit. So schaute und schuf er in Maximin, der geliebten Gestalt eines sch�nen, fr�h gestorbenen J�nglings und J�ngers, das Bild des Gott-Menschen, darin die Welt vollkommen ward. "Wir gingen", hei�t es in Georges Maximin-Rede, "einer entstellten und erkalteten Menschheit entgegen, die sich mit ihren vielsp�ltigen Eingenschaften und ver�stelten Empfindungen br�stete, indessen die gro�e Tat und die gro�e Liebe am Entschwinden war. Massen schufen Gebot und Regel und erstickten mit dem Lug flacher Auslegung die Zungen der Rufer, die ehemals der Mord gelinder beseitigte: unreine H�nde w�hlten in eincm Haufen von Flitterst�cken, worein die wahren Edelsteine wahllos geworten wurden. Zerlegender D�nkel verdeckte ratlose Ohnmacht, und dreistes Lachen verk�ndete den Untergang des Heiligtums." Da erschien in Maximin der g�ttlich einfsch sch�ne Mensch, "Einer, der von den einfachen Geschehnissen ergriffen wurde und uns die Dinge zeigte, wie die Augen der G�tter sie sehen." In ihm ward der erstarrten Zeit der Erl�ser: Die starre Erde pocht, Neu durch ein heilig Herz. Die Gedichte auf das Leben und den Tod Maximins, seine Feier, Verkl�rung und Wirkung bilden die Gipfelh�he des "Siebenten Rings" (1907). Von ihr aus sind die "Gestalten" geschaut, der zweite Zyklus des Werkes, "der Aufruf der letzten gotteshaltigen oder gottesm�rderischen Urwesen zur Wende der Gesamtmenschheit". (Gundolf.) Im Vor- und Aufblick zu ihr ist in den "Zeitgedichten" die Gegenwart zu Gericht gerufen, verworfen in ihrer F�ulnis und Finsternis, gesegnet in den einsam ragenden Lichtgestalten, den Vorbildern: Nietzsche, B�cklin, Leo XIII., denen Dante, Goethe, Karl August, die alten deutschen Kaiser sich in ewiger Lebendigkeit zugesellen: Urformen h�heren Menschentums, wie Held und Herrscher, Priester, Seher und Dichter usw. Hier wird George Gewissen und Stimme der Zeit. Im "Stern des Bundes" (1914) wird die Zeitschau, die in den "Zeitgedichten" nur aus der Ahnung des G�ttlichen geschah, aus seinem Schauen und Wissen gegeben. Hier w�chst George zum gewaltigen Richter und Propheten der Zeit empor. Ein paar Monate vor Beginn des Weltkrieges hat er hier aus heiligen H�hen den chaotischen Untergang der zersetzten Zeit gesichtet und gerichtet: Aus Purpurgluten sprach des Himmels Zorn: Mein Blick ist abgewandt von diesem Volk. Siech ist der Geist! Tot ist die Tat! In einer ungeheuren Vision sieht und h�rt er in gewitternden L�ften schreitende Scharen, klirrende Waffen, jubelnd drohende Rufe: den "letzten Aufruf der G�tter �ber diesem Land". Er sieht den ma�- und haltlosen Bau der Zeit wanken und zusammenst�rzen. Er f�hlt die furchtbare Gewi�heit: Zehntausend mu� der heilige Wahnsinn schlagen, Zehntausend mu� die heilige Sache raffen, Zehntausende der heilige Krieg. Er h�rt sein Prophetenwort, seinen Schrei zur Umkehr verhallen, als w�re nichts geschehen. Und im letzten, flammenden Gesicht sieht er den Herrn des Gerichtes: Weltabend lohte...wieder ging der Herr Hinein zur reichen Stadt mit Tor und Tempel, Er arm, verlacht, der all dies st�rzen wird, Er wu�te: kein gef�gter Stein darf stehn, Wenn nicht der Grund, das Ganze sinken soll. Die sich bestritten, nach dem Gleichen trachtend: Unzahl von H�nden r�hrte sich und Unzahl Gewichtiger Worte fiel und eins war not. Weltabend lohte...rings war Spiel und Sang, Sie alle sahen rechts -- nur er sah links. Und als die Vision Wahrheit geworden, das Weltverh�ngnis niedergebrocben war, als immer noch "In beiden Lagern kein Gedanke -- Wittrung -- Um was es geht", als aller Augen immer noch nur das strategische Hin und Her anstarrten, da k�ndete er in seinem Gedicht "Der Krieg" (1917): Der alte Gott der Schlachten ist nicht mehr. Erkrankte Welten fiebern sich zu Ende In dem Getob. -- -- -- Zu jubeln ziemt nicht: kein Triumpf wird sein. Nur viele Unterg�nge ohne W�rde. -- -- -- Keiner, der heute ruft und meint zu f�hren, Merkt, wie er tastet im Verh�ngnis, keiner Ersp�ht ein blasses Gl�h'n vom Morgenrot. Weit minder wundert es, da� so viel sterben, Als da� so viel zu leben wagt. -- -- -- Ein Volk ist tot, wenn seine G�tter tot sind. Aber eben weil George von heiligen H�hen �ber die Zeit hinwegsah, sah er auch weiter, �ber den Zerfall und Untergang hinaus, m�ndete sein Kassandraruf in die heilig-liebende deutsche Verhei�ung: Doch endet nicht mit Fluch der Sang. Manch Ohr Verstand schon meinen Preis auf Stoff und Stamm, Auf Kern und Keim...schon seh' ich manche H�nde Entgegen mit gestreckt, sag' ich: O Land, Zu sch�n, als da� ich dich fremder Tritt verheere: Wo Fl�te aus dem Weidicht t�ne, aus Halmen Windharfen rauschen, wo der Traum noch webt Untilgbar durch die jeweils tr�nnigen Erben... Wo die allb�hende Mutter der verwildert Zerfallnen wei�en Art zuerst enth�llte Ihr echtes Antlitz...Land, dem viel Verhei�ung Noch innewohnt -- das drum nicht untergeht, -- -- -- Die ruft die G�tter auf. Der "Geist der heiligen Jugend unseres Volkes", der -- in Maximin g�ttliche Gestalt geworden -- schon im "Stern des Bundes" verk�ndet und in Lehre und Liebe dort unterwiesen war, wird in Frommheit und W�rde, Zucht und Opfer, Gr��e und Sch�ne die zerfallene Welt erneuern. Als einziger einer zersetzten Zeit hat Stefan George seine Wesenheit in Leben und Lyrik zur reinen Form gel�utert, urbildlich erh�ht und vollkommen gestaltet. Mag das Gesetz seines Wesens wenigen gem�� sein -- er ragt in die Zeit als Standbild des in sich Vollendeten, ein Vorbild jedem, das Gesetz seines eigenen Wesens zu ergr�nden, zu leben, zu formen und im eigenen g�ttlichen Keim die Kraft Gottes im entg�tterten Europa zu befreien. DEUTSCHE MUSIK DER GEGENWART VON PAUL BEKKER Was ist das: deutsche Musik? Fragt man einen Franzosen nach franz�sischer, einen Italiener nach italienischer, selbst den Engl�nder nach englischer, den Amerikaner nach amerikanischer Musik, so wird die Antwort ohne jegliches Zaudern und Besinnen folgen. Der Russe wird vielleicht einige Unterscheidungen machen zwischen rein nationaler und aus westeurop�ischen Quellen befruchteter Kunst, aber auch er wird nicht z�gern, etwa Tschaikowski trotz dessen Abh�ngigkeit von au�ernationalen Anregungen als Vertreter russischer Musik anzusprechen. Und nun stelle man vielleicht in einer deutschen Musikzeitschrift die Frage: Was ist deutsche Musik, welches sind ihre Vertreter! Man wird ebensoviel einander widersprechende Antworten erhalten, wie die Erde Nationalit�ten z�hlt. Unter den Lebenden zum mindesten ist kaum einer, dessen Musik von allen Seiten als einwandfrei "deutsch" anerkannt w�rde. Strau�, der den deutschen Namen am st�rksten nach au�en getragen hat, wird von den Bayreuther Siegelbewahrern in einem betr�chtlichen Teil seines Schaffens als "undeutsch" abgelehnt, Pfitzners Musik wurde w�hrend des Krieges von Berlin aus als "undeutsch, weil zukunftsarm" gekennzeichnet, Reger gilt als verworren, Mahler und Sch�nberg sind Juden, also nicht diskussionsf�hig, von Schreker in solchem Zusammenhange auch nur zu sprechen, w�re L�sterung. Jeder dieser Komponisten hat seine eigene Anh�ngergruppe, ihre Hauptaufgabe ist, die Minderwertigkeit der anderen ihrem Idol gegen�ber festzustellen, und die Worte "deutsch" und "undeutsch" spielen dabei die ausschlaggebende Rolle. Man k�nnte sagen, da� eine Nation, die nicht vermag, verschiedenartige individuelle Eigenschaften ihrer eigenen Sch�pferpers�nlichkeiten in ihren Kulturbezirk einzuordnen, sehr enggefa�te Begriffe von ihren eigenen F�higkeiten haben mu�. Man sieht schlie�lich, da� auf diesem Wege eine Erkenntnis �berhaupt nicht m�glich ist, da� es sich vielmehr bei solchen Streitereien um einen schm�hlichen Mi�brauch des Wortes und Begriffes "deutsch" handelt. Eine Zusammenfassung, eine Einigung aller verschiedenartigen, aus einem Stamme erwachsenen Erscheinungen sollte es sein, ein trennendes Kampfmittel subjektiv kritischer Wertung ist es gegenw�rtig geworden. Gegen solche Mi�deutung eines kulturellen Sammelbegriffes zu einseitig parteiischer Nutzanwendung ist von vornherein Einspruch zu erheben, wenn ernsthaft und sachlich von deutscher Musik gesprochen werden soll. Als deutsch gilt uns nicht diese oder jene subjektive Eigenheit des K�nstlers, diese oder jene stilkritische Beschaffenheit des Werkes, auch nicht Gesinnung oder gar Tendenz des Schaffens. Als deutsch gilt uns alles, was dem Kreise der deutschen Kultur entwachsen ist, in ihm seinen geistigen N�hrboden gefunden, ihm eigene Fr�chte zugetragen hat und so seiner Erscheinung in der Welt neue Geltung, neue Form gewinnt. Dieser Begriff des Deutschtums ist nichts unver�nderlich Feststehendes, kein gegebenes Ma�, dem alles unterworfen wird. Es ist ein stetig Wechselndes. Eben an dieser F�higkeit des Wechselns der Erscheinung offenbart sich die innere Produktionskraft der nationalen Kultur. Wie das Deutschtum Luthers ein anderes war als das Goethes und dieses wieder ein anderes als das Wagners oder Bismarcks, und jede dieser gro�en Kundgebungen deutschen Geistes verzerrt w�rde, wollte man sie mit dem Ma� der anderen messen, so gilt auch f�r unsere Zeit keine Norm, sondern zun�chst nur der Wert der Erscheinungen. Erst aus aufmerksamer Betrachtung ihrer Vielf�ltigkeit und vorurteilsfreier Zusammenfassung aller Str�mungen verm�gen wir das Deutschtum der Gegenwart zu erkennen, �ber sein Wollen und K�nnen Klarheit zu gewinnen. Der Franzose, der Italiener, der Engl�nder wei� dies, der Deutsche mu� es noch lernen. Da� wir gegenw�rtig gerade in der Musik im Kampfe miteinander stehen um diese Grundkenntnis, ist ein bedeutsamer Zug unseres kulturellen Lebens. Es mag hier uner�rtert bleiben, wie weit politische Erbitterung zu solcher Trennung der Geister beigetragen hat, obschon die Tatsache, da� politische Momente �berhaupt auf k�nstlerische Fragen Einflu� gewinnen konnten, als Symptom bedeutsam erscheint. In Wirklichkeit ist die politische Abirrung nur Begleiterscheinung eines Kunstlebens, das nach irgendwelchen geistigen Richtpunkten sucht, weil es sich von seinen nat�rlichen N�hrquellen abgeschnitten f�hlt, weil es den tiefen ethischen Antrieb des Kunstwillens verloren hat. Dieser Antrieb kommt aus dem Volk, aus dem Verlangen nach Formung der sch�pferischen Kr�fte des Volkes im Symbol des Kunstwerkes. Solche Formung geschah, als Bach die Matth�uspassion, als Mozart die Zauberfl�te, als Beethoven seine Sinfonien schrieb. Aus dem Wunsch nach solchem Einklang von Volk und K�nstler tr�umte sich der Romantiker Wagner in den Mythos der Vorzeit zur�ck, baute er Bayreuth, um dort sein "Volk" zu sammeln. Dieses Bayreuth an sich war schon ein Zeichen, da� die Gesamtheit des Volkes nicht so auf den K�nstler h�rte, wie er es w�nschte, da� es ihn in wesentlichem mi�verstand und er, um sich nach seinem Willen vernehmbar zu machen, eine Auslese aufrufen mu�te. Rastlose Sehnsucht und gewaltige Tatkraft erm�glichten das Gelingen, das Kunstwerk wurde noch einmal zur Darstellung st�rksten geistigen Gemeinschaftslebens, nicht mehr aus naiver Unbewu�theit, aber doch in imposanter Willensspannung und ohne Inanspruchnahme au�erk�nstlerischer Mittel. Seit dieser letzten zusammenfassenden Tat aber ist der Ri� zwischen Volksgemeinschaft und K�nstler scheinbar un�berbr�ckbar geworden. Die heutige Verwirrung der Geister, der Streit um deutsche und undeutsche Musik, der Versuch, die Teilnahme an der Kunst durch Entfachung politischer Leidenschaften zu steigern, ist nichts als Bekenntnis der Ohnmacht, durch die Kunst selbst unmittelbar an die Seele des Volkes zu gelangen. Statt des Volkes, statt der Gemeinschaft bietet sich dem Musiker die �ffentlichkeit. Sie ist nicht imstande, aus sich heraus Impulse zu geben, sie ist nichts als eine Verbrauchsgenossenschaft. Sie verlangt interessiert zu werden, die Wertung besorgt eine eigens daf�r bestellte Fachkritik in den Sprechorganen der �ffentlichkeit: den Zeitungen. So ist die Musik aus einer Gemeinschafts-eine Fachangelegenheit geworden, f�r die nur der fachlich Interessierte verpflichtende Teilnahme hegt. So wird die Basis, auf der das Werk des K�nstlers ruht, verh�ngnisvoll eingeengt und gleichzeitig das von seinen Musikern verlassene Volk zur Befriedigung seines Musikverlangens dem Gassenhauer zugedr�ngt. Man mu�, um einen Blickpunkt f�r das Gesamtbild der heutigen deutschen Musik zu gewinnen, sich dieser Lage bewu�t werden. Es kommt zun�chst nicht darauf an, zu untersuchen, welche Ursachen dieses Ergebnis herbeif�hrten. Es kommt darauf an, den Sachverhalt selbst deutlich zu erkennen. Erst von dieser Erkenntnis aus ist es m�glich, die heut t�tigen Kr�fte richtig zu sehen und zu werten, ohne dabei dem pers�nlichen Geschmacksurteil die Entscheidung zu �berlassen. Dieses ist hier Nebensache. Eine Bestandaufnahme der gegenw�rtigen sch�pferischen Kr�fte, eine Aussage �ber "deutsche Musik der Gegenwart" kann nicht die Aufz�hlung einer Reihe subjektiver Meinungs�u�erungen �ber einzelne namhafte Komponisten erstreben. Sie mu� fragen: Wie steht die heutige Musik zu unserem Volkstum, welchen Beitrag bietet sie zum Kulturleben der Nation und damit der Menschheit? Wo und wie lebt in der Musikerschaft der Drang, �ber die spezialisierte Fachkunst hinaus zur prophetischen Erfassung und Deutung seelischer Grundkr�fte, �ber die Wirkung auf die �ffentlichkeit hinweg wieder zum Organ des Volkes, zur K�nderin von Gemeinschaftsideen emporzuwachsen? Wie aber ist das Kriterium hierf�r zu finden? Wollte man s�mtliche deutsche Komponisten und Musik�sthetiker der Gegenwart befragen, ob ihnen nicht ein solches Ziel als erstrebenswert gilt und vorschwebt, so w�rde die Antwort zweifellos von allen Seiten bedingungslos bejahend lauten. Und dies trotz der tiefgreifenden Wesensverschiedenheiten von Menschen, die einander hassen, verfolgen, ver�chtlich machen. So verheerend wirkt im Deutschen das Subjektivistische der romantischen Lebens- und Weltidee, da� kein Bewu�tsein der Zusammengeh�rigkeit, keine Erkenntnis des Gemeinschaftszieles die Begrenztheit des Individuellen zu �berwinden, die Notwendigkeit verschieden gerichteter Willenskr�fte achten zu lehren vermag. In dieser Unf�higkeit, die M�glichkeit mehrerer gleichzeitiger und doch gegens�tzlicher L�sungen einzusehen, liegt eine verh�ngnisvolle Erschwerung der Ann�herung von K�nstler und Volk. Sie treibt den Schaffenden naturgem�� zu immer st�rkerer Betonung pers�nlicher Einseitigkeit, sie verengt seinen Blick, sie l��t ihn den Begriff des Volkes nicht in der vollen Erfassung aller Kr�fte, aller Lebensenergien, sondern in bewu�t einseitiger Betonung individueller W�nsche, in gewollt ausschlie�licher Hervorhebung besonderer Absichten suchen. Diese fanatische �bertreibung des Subjektivistischen, diese Verkennung der nat�rlichen Bedingtheiten des Pers�nlichen ist die Hauptursache nicht nur der gegenw�rtigen Zersplitterung der Kr�fte, auch der Entfremdung der Kunst gegen�ber dem Volke, ihrer allm�hlichen Entwurzelung. Die Masse hat im Grunde kein Verst�ndnis, sie hat -- mit Recht -- auch keine Teilnahme f�r die K�mpfe, die ausgefochten werden um Spezialfragen und �ber die nur die Studierten mitreden k�nnen. Das Volk fragt ebensowenig nach den Prinzipien der Kunstauffassungen, wie es nach dogmatischen Einzelheiten der Religionen fragt. Es h�ngt der Religion an, die ihm Botschaft bringt vom �bersinnlichen, es verlangt nach der Musik, die an seine Seele greift und seinem Geiste Aufschwung gibt. Das Theologengez�nk aber der "Richtungen" ist ihm gleichg�ltig, und wenn solches �bergreift auf die Produktion, macht es ihm diese ver�chtlich. Was n�tzt demgegen�ber der gute Wille, die wohlmeinende Absicht der K�nstler, die bekehren und demonstrieren wollen, statt glauben zu machen! Ihr Eifer ist nicht rein, denn es steht der Ehrgeiz der Propagandisten dahinter, ihre Kunst ist nicht �berzeugend, denn ihr fehlt die Naivit�t des Absichtslosen. Diese Naivit�t, diese Absichtslosigkeit, diese vorbehaltlose �berzeugungskraft des Naturnotwendigen ist das Kriterium f�r die Bedeutung des Kunstwerkes, f�r die Echtheit des Sch�pferwillens. Erst oberhalb solcher Voraussetzungen kann subjektive Wertung beginnen, die dann Frage des Geschmackes ist, an die entscheidenden Grundbedingungen aber nicht r�hrt. Wenn wir die Kr�fte der Gegenwart erforschen wollen auf ihr Verh�ltnis zum Volkstum, auf ihre F�higkeit prophetischer Deutung seelischer Grundkr�fte, auf ihre Berufung zur K�ndung von Gemeinschaftsideen, so werden wir nicht nach ihrem �sthetischen Programm fragen, nicht nach ihren erzieherischen Tendenzen, auch nicht nach ihren stilkritischen Kennzeichen. Wir werden fragen, wo und wie sich �ber diese pers�nlichen Merkmale hinaus ein sch�pferischer Urtrieb bet�tigt, der, alles willensm��ig Bewu�te weit hinter sich lassend, aus tiefstem Zwang des M�ssens in absichtsloser Wahrhaftigkeit schafft und dadurch zum Wecker elementarer Gef�hlskr�fte wird. Was solcher Fragestellung standzuhalten vermag aus dem gro�en Bereich deutschen Kulturgebiete, das ist deutsch, und das vermag entscheidende Auskunft zu geben dar�ber, wie sich deutscher Geist der Gegenwart in der Musik darstellt. Religi�se Grundlagen sind die einfachsten, f�r die Erfassung weitreichender Wirkungen sichersten St�tzen des Kunstwerkes. Sie umspannen Ideenkomplexe, die jeder ernsthaften Natur vertraut und zug�nglich sind, mit denen zu besch�ftigen immer das Verlangen der besten Menschen ist, und die zudem allen Graden pers�nlicher Bildung zug�nglich sind. Zeiten, in denen die Kirche den religi�sen Drang zu befriedigen und in lebendige Kultformen zu fassen wu�te, sind daher f�r jede Kunst, insbesondere f�r die Musik, stets Zeiten der Hochbl�te gewesen. Der Gregorianische Choral, das Werk der Niederl�nder, der alten Italiener mit Palestrina, in Deutschland der protestantische Choral, die Zeit der gro�en Kirchenkomponisten bis Bach sind Denkm�ler dieses Zusammenwirkens von Kirche und Kunst. Die unabme�bare Kraft der Musik Bachs beruht zum nicht geringen Teil darauf, da� in ihr kirchlich religi�se Kultformen Grundri�, Aufbau und innere F�hrung der k�nstlerischen Sch�pfung mitbestimmt haben. Gewi� ist es richtig, das einzig das Genie Bachs eine solche Steigerung der gegebenen Kultformen erm�glicht hat, denn zahllose andere Musiker, die sich vor, neben und nach ihm �hnlich bet�tigten, sind heut vergessen. Gewi� ist es ebenfalls richtig, da� wir heut auch Bachs kirchliche Musik nicht mehr aus der Gef�hlseinstellung der konfessionell gl�ubigen Gemeinde aufnehmen. Aber weder die Erkenntnis der Einzigartigkeit von Bachs Genie, noch der Hinf�lligkeit der f�r ihn grundlegenden Kultformen verringert die Bedeutung der Tatsache, da� hier Genie und Kultus in gegenseitiger Durchdringung zu einem zeitlosen Ganzen emporgewachsen sind. So unrichtig es w�re, Bach in seinen Passionen, Kantaten, Messen, Chor�len, Motetten etwa nur als Interpreten kirchlicher Formideen anzusehen, so falsch w�re es, die lebenspendende Kraft dieser Formen zu untersch�tzen und die Dauer dieser Werke ausschlie�lich als subjektive Leistung Bachs anzusehen. Hier hatte ein starkes Gemeinschaftsgef�hl aus der Kultur einer Zeit Voraussetzungen geschaffen, die nun der gro�e K�nstler erst recht erkannte und bis auf ihre h�chste Tragkraft zu �berbauen wu�te. Den Menschen der nachfolgenden Zeit fehlte diese feste Bindung. Wohl blieb das religi�se Verlangen, aber die vereinheitlichende Zusammenfassung durch die Kirche, die lebendige kultische Form ging verloren. An Stelle der kirchlich gl�ubigen Erfassung religi�ser Werte trat unter dem Doppeldruck der Aufkl�rung wie der idealistischen Philosophie und Dichtung des ausgehenden 18. Jahrhunderts kritisch gesinnte Ethik. Sie gab der Musik die neue F�higkeit der Leidenschart, des Sturmes, des individuellen Erlebens, der Beichte. Sie stellte sie unter den Zwang der Gef�hlskritik, gab ihr zur Aufgabe die unerbittliche Auseinandersetzung mit menschlichstem Geschehen, setzte als Ziel die Gewinnung und Erkennung des Menschen. Mozarts Opern zeigen dieses Ziel in stofflicher Symbolisierung. Dar�ber hinaus aber ist die seelische Voraussetzung aller Musik dieser Zeit mit ihrer Hauptsch�pfung: dem Formbau der Sonate Gestaltung kritischer Gef�hlsauseinandersetzung und -erkenntnis. In ihr liegt das religi�se Grundmotiv des Idealismus. Beethovens Werke in ihrer Gesamtheit sind musikalische Kulthandlungen. In den verinnerlichten Formen der Kammermusik, in den �ber die Kirche hinausstrebenden Messen, selbst in der Oper, am st�rksten zusammenfassend aber in den Sinfonien lebt als treibende Urkraft der ethische Erkenntnis- und Bekenntnisdrang des deutschen Idealismus, die Religiosit�t, die nicht mehr Kirche, nicht mehr Dogma ist, sondern die Offenbarung des G�ttlichen nur aus der Gef�hlskraft der menschlichen Seele empf�ngt. Diese ethische Religiosit�t war ebenso Eigentum aller geistigen Menschen des ausgehenden 18. Jahrhunderts, wie Bachs kirchliche Gl�ubigkeit das seiner Zeitgenossen. Der Idealismus schuf seine musikalische Kultform im Konzert mit allen Verschiedenheiten seiner Formgattungen, gab gleichzeitig der bis dahin auf Luxus- oder niedrig volkst�mliche Wirkungen begrenzten Oper den weiten Horizont allmenschlichen Geschehens. Aus vorher unbekannten Bezirken des F�hlens und Erlebens hatten sich neue Gemeinschaften der Menschen geformt, der religi�se Trieb hatte eine �u�erlich dem Kirchlichen schroff abgewandte, der geistigen Schwungkraft nach aber h�chster Glaubensf�higkeit ebenb�rtige Gestaltung gefunden. Dieser emporflammende Auftrieb der entdogmatisierten und doch tiefgl�ubigen Seele brach zusammen in der Romantik. Es ist das entscheidende Kennzeichen der den gr��ten Teil des 19. Jahrhunderts beherrschenden romantischen Bewegung, da� sie sich nicht f�hig erwies, dem religi�sen Problem eine neue, eigenkr�ftige Gestaltung zu geben. Der religi�se Impuls der Romantik �u�erte sich zun�chst in einseitiger Weiterf�hrung des kritischen Elementes, dem gegen�ber der seelische Anschwung des Idealismus mehr und mehr erlahmte. Das Ergebnis war teils eine sich in Einzelheiten materialistischer Art zerfasernde wissenschaftliche Empirie der Beobachtung, teils eine dieser N�chternheit abgewandte, auf religi�se Symbole der Vergangenheit zur�ckgreifende Mystik. Naturalismus und Mystizismus sind dementsprechend die geistigen und seelischen Grundlagen auch der romantischen Musik. Zu organischer Einheit zusammengefa�t erscheinen sie im Gesamtwerk Richard Wagners, in dieser Kunst der Synthese, die einer religionssuchenden, doch innerlich glaubensunf�higen Zeit statt des Gemeinschaftserlebnisses den Gemeinschaftsrausch gibt und sich daf�r der Kultform des religi�sen Dramas in �sthetischer Verkleidung bedient. Der Romantik mit ihrem Mangel eigener Kraft des Schauens und Bauens geht die Naivit�t urspr�nglichen Sch�pfertums verloren. In die Vergangenheit zur�cktaumelnd, greift sie deren absichtslos geformte Symbole auf und verwendet sie in bewu�ter Reizsteigerung zu Mitteln absichtsvoller, durch reflektive Kunst planm��ig gestalteter Wirkungen. Was Nietzsche zuerst als das Dionysische, sp�ter als das Schauspielerische an Wagners Kunst empfand, war in Wahrheit ihr Rauschhaftes, das ihn anfangs hinri�, dann abstie�. Aus der instinktiven Abwehr gegen diesen Rauschtrank entsprang alle Opposition gegen Wagner. Und doch war dieser Rausch der Wagnerschen Kunst nichts von der �lteren und gleichzeitigen Romantik grunds�tzlich Verschiedenes, nur ihre �u�erste Steigerung. Alle romantische Kunst, "Freisch�tz" nicht minder als "Tristan" ruht auf der Grundwirkung der Hypnose, der Suggestion, auf der Idee des Traumes. Sie setzt die Unwirklichkeit als Grundlage des Geschehens voraus, bedient sich aber in der �u�eren Gestaltung mit nachdr�cklicher Betonung einer naturalistischen Logik des Geschehens. In solcher Auffassung der k�nstlerischen Welt als einer Welt bewu�ten Scheines, absichtlicher Sinnest�uschung lag ein tiefer Widerspruch zur Kunst des Idealismus. F�r diesen war die Kunst Steigerung, schwunghafte Erh�hung des realen Seins, kein Gegensatz, sondern durch geistige Hochspannung gewonnene Sph�re vervielfachter Lebensenergie. Die idealistische Kunstauffassung war Ergebnis einer im tiefsten Grunde bejahenden, den M�chten des Lebens innerlich �berlegenen Weltanschauung. Der Romantik fehlt diese �berlegenheit. Sie ist pessimistisch, weil sie sich dem Leben nicht gewachsen f�hlt, sie bedarf des Traumes, um der Wirklichkeit zu entfliehen. Die Kunst ist ihr das Narkotikum, das den Traum heraufzaubert, und weil diese Kunst als Surrogat des Lebens dient, so mu� sie mit allen Mitteln der Sinnest�uschung illusionistischen Zwecken dienstbar gemacht werden. Illusionistisch ist die B�hne der Romantik, ist die Faktur ihrer Technik. Die Psychologie wird in den Dienst des Kunstwerks gestellt, das Prinzip des Leitmotives ist das st�rkste Kunstmittel einer illusionistisch gerichteten Phantasie. Der bestimmende Einflu� poetisch programmatischer Vorstellungen auf das sinfonische und instrumentale Schaffen beruht gleichfalls auf dem Streben nach �bertragung real glaubhafter Vorg�nge in k�nstlerische Wirkungen. Das Leben sinkt f�r den Romantiker immer mehr zur Unterlage der Kunst herab, diese selbst wird ihm zum Inbegriff eigentlichen Lebens und damit auch zur Religion. Unverm�gend, das reale Sein zu zwingen, fl�chtet der romantische K�nstler in die Traumwelt des k�nstlerischen Scheins, gestaltet sie mit allen Mitteln der Kunst zum Abbild einer gew�nschten Wirklichkeit und gewinnt aus der Anbetung dieses selbstgeschaffenen Idols Befriedigung seiner weltlichen und �berweltlichen Sehnsucht. Damit hatte die Musik, namentlich die dramatische Musik, scheinbar �ber alles Fr�here hinaus eine noch nie erreichte Steigerung religi�ser Bedeutsamkeit erreicht. Sie war nicht nur, wie bei Bach, k�nstlerische Verkl�rung gegebener Kultformen, sie stellte nicht nur, wie in der Zeit des Idealismus, die �bertragung ethischer Erkenntniskritik in unkirchliche Formen beseelter Geistigkeit dar. Sie war jetzt selbst Erkenntnis, selbst Religion geworden. Diese Steigerung war indessen nur scheinbar. Was die Kunst an Selbstherrlichkeit gewann, b��te sie an umfassender Kraft und seelischer Wahrhaftigkeit ein. Diese zur bewu�ten k�nstlerischen Wirkung sterilisierte Religiosit�t trug in sich weder die �berzeugende Urspr�nglichkeit des menschlichen Glaubenserlebnisses noch den emporrei�enden seelischen Aufschwung des entkirchlichten und doch gottesahnenden Idealismus. Die romantische Religiosit�t war zu einer Angelegenheit der �sthetik geworden, ihre Abwendung vom Leben entzog ihr die flie�enden Kr�fte dieses Lebens. Wagner glaubte, das Volk zu suchen, er fand den Bayreuther Patronatsverein. Er fand das gebildete Publikum, da� sich am Rausch seiner Ekstasen religi�s zu erbauen meinte und nicht f�hig war, zu erkennen, da� hier Symbole einer entseelten Religiosit�t zu dekorativer Schaustellung arrangiert waren. Auf der deutschen Gegenwart lastet das Erbe der Romantik. Der Rauschtrank der romantischen Kunst hat die Geister verwirrt und seelisch niedergebrochen. Einige meinen, er m�sse immer wieder erneuert werden, sie glauben in der Fortf�hrung der Hypnose, in der Aufrechterhaltung der Kunst als des Narkotikums den einzigen Weg zu sehen. Sie teilen mit der Vergangenheit die Scheu vor dem Leben, die Realit�t erscheint ihnen sinnlos und schlecht. Es ist die Gruppe jener K�nstler, die neuerdings in Hans Pfitzner ihren Wortf�hrer gefunden hat. Man darf, will man die symptomatische Bedeutung solcher Erscheinungen nicht verkennen und untersch�tzen, ihren Worten nicht unmittelbare Widerrede, ihren Taten keine absolute Kritik entgegensetzen. Sie sind Opfer einer Vergangenheit, deren Blendkraft Generationen get�uscht und zerm�rbt hat. Ihre Hysterie ist ein Teil unserer eigenen Schw�che, weit entfernt, uns zu unfruchtbarem Widerspruch aufzureizen, zeigt sie uns die zersetzende Nachwirkung der romantischen L�ge an dem ersch�tternden Beispiel entnervter Talente. Ein hei�er Drang zum Glauben, ein bedingungsloser Fanatismus sucht Erf�llung von der Kraft einer Theatersonne, unf�hig zu erkennen, da� dieses k�nstliche Licht nur geschaffen ist, um zu t�uschen, eine Welt des Scheines zu erhellen, eine Gemeinschaft der Lebensfl�chtlinge anzulocken. Aber diese hingebungsvolle Bewunderung, diese selbstvergessene Anbetung des gro�en Scheines, dieser Traum von der Herrlichkeit des Vergangenen ist ein tiefer Wesenszug des deutschen Charakters. Je �rmer und reizloser die Kunst dieser M�nner wird, je mehr sie sich in schemenhafte Phantasterei und mystischen Dunst verliert, um so mehr erkennen wir hier ein urspr�nglich werthaltiges Gut deutscher Art: die Verehrung des erdhaft Heimischen, des geschichtlichen Werdens. Es liegt ein religi�ser Zug verborgen in der bedingunglosen Anbetung des Blutes, der Art, der Gesinnung, und so wenig solche Verherrlichung des Gewesenen geeignet ist, Erkenntnis zu schaffen, dem Blick die Kraft wahrhaften Durchdringens zu geben, so wenig kann man sie aus dem Charakter des Deutschtums streichen. Als Kunstbekenntnis ist sie der leichtesten Eing�nglichkeit sicher, sie erspart selbst�ndiges Denken, bietet nichts Eigenes, verlangt nur Anerkennung des historisch Gegebenen. Diese Religion der Haus- und Nationalg�tter, deren Heiligkeit bedingt wird durch ihre Herkunft, geh�rt zu den popul�rsten Bekenntnissen im heutigen Deutschland und z�hlt eine gro�e Gemeinde. Es ist eine an sich durchaus unreligi�s Religion, aber sie gibt den suchenden Menschen ein Etwas, an das sie glauben k�nnen, sei dieses Etwas auch nur ein Fetisch. Dieses Suchen, dieses Glaubenwollen, dieses starke Durchbrechen des religi�sen Bed�rfnisses ist das auffallendste Kennzeichen der Gegenwart im Vergleich mit der unmittelbaren Vergangenheit. Es zeigt sich nicht nur an dem Versuch, dem k�nstlerischen Nationalismus religi�se Bedeutung zu geben, es zeigt sich auch an der Entwicklung anderer Geistesrichtungen innerhalb der gegenw�rtigen Musik. Aus der illusionistischen Tendenz der romantischen Musikauffassung hatte sich allm�hlich ein intellektuell hochstehender Naturalismus entwickelt, sein talentm��ig st�rkster Repr�sentant ist Richard Strau�, die lebendigste und bewegungskr�ftigste deutsche Musikbegabung seit Wagner. Bei Strau� ist bis zu den Werken seiner besten Manneszeit, "Heldenleben" "Domestika" und "Rosenkavalier", der Sinn nur auf intellektuelle Gemeinschaft, auf die �berzeugungskraft der richtigen Beobachtung, auf die Freude an der Selbstsicherheit der naturalistischen Darstellung gerichtet. Aus der Kraft des Wurfes, mit der hier die materialistische Wirkung der Kunst erfa�t wurde, ergab sich die Unmittelbarkeit des Eindruckes. Der Rausch kam nicht mehr, wie bei der �lteren Romantik Wagners, aus der Ekstase eines Scheinerlebnisses. Er war lediglich Freude an der hinrei�enden Beherrschung der illusionistischen Darstellungskunst, deren Objekt im Hinblick auf seine Anregungskraft f�r das Talent des K�nstlers gew�hlt wurde. Dieser Naturalismus, der mehr und mehr zur deskriptiven Virtuosit�t herabsank, hat neuerdings versucht, sich durch Anlehnung an die Symbolik des Idealismus einen ethischen Anschwung zu geben. Vom "Rosenkavalier" an �ber "Ariadne" und "Josefslegende" bis zur "Frau ohne Schatten" tritt in Stoffwahl und k�nstlerischer Behandlung bei Strau� eine unverkennbare Bezugnahme auf Mozart zutage, eine Bezugnahme, die freilich nirgends �ber die Bedeutung der archaisierenden Stilanlehnung hinausgelangt, weil die Strau�sche Kunst ihrer An der Gef�hlserfassung nach unl�sbar verwurzelt ist in den Boden der Romantik. Auch diese Lebens�u�erung deutschen Geistes in der gegenw�rtigen Musik ist nicht zu untersch�tzen. Sie zeigt die Beweglichkeit, den spekulativen Unternehmungssinn, die technische Phantasie eines expansiv gerichteten, auf �u�ere Aktivit�t gestellten Willens. Ihrer bekenntnism��igen Bedeutung nach erscheint sie freilich vorwiegend Ausdruck eines Materialismus, der seine religi�s ethische Schw�che unter dem Reichtum �u�erlich reizvoller Bilder zu verbergen sucht und dabei doch mehr und mehr der Skepsis des �sthetentumes verf�llt. Der Traum als Mittel der Vergangenheitserinnerung war das Ziel auch jener Kunst, die im Anschlu� an die �ltere Romantik durch Vertiefung des gem�tvoll Innigen, durch strengen Ernst und beschauliche Sammlung der Gef�hlskr�fte das Rauschharte der theatralischen Geb�rde Wagners zu vermeiden suchte. Brahms ist die eigenkr�ftigste, durch Festigkeit und herbe Geschlossenheit des Willens imposanteste Erscheinung dieser Art, Reger ihr unruhvollst bewegter problematischer Ausklang. Es ergab sich aus der inneren Willensrichtung dieser Kunst, da� sie sich ausschlie�lich konzertm��igen Formen zuwenden und diese unter bewu�ter Betonung ihres formalistischen Charakters einer gesteigerten Intimit�t des Gef�hlslebens, damit zugleich einer Verengung ihres �u�eren Wirkungskreises zuf�hren mu�te. Der Wesenscharakter dieser Kunst dr�ng zur Hausmusik. Er enth�llt sich am freiesten in der Kammermusik und der auf intern begrenzte Wirkungen berechneten Vokallyrik. Wo er dem Monumentalen zustrebte, n�herte er sich dem akademischen Formalismus, der schematisch konstruierten, nicht frei gewachsenen Form. Das Positive lag in der inneren Bezugnahme auf die wertvollen Kr�fte eines konservativ beschaulichen Gef�hlslebens, das sich nicht zu erweitern, nur zu bewahren strebt. Die Schw�che war bedingt durch bewu�t r�ckschauende Tendenz, durch stille, aber hartn�ckige Abwehr gegen�ber allen Versuchen, neue Grundlagen, neue Ausgangspunkte seelischen Gemeinschaftslebens zu finden. Solche neuen Grundlagen und neuen Ausgangspunkte des Seelischen treten dagegen mit �berraschender Bestimmtheit zutage in der Musik Anton Bruckners. �hnlich wie Brahms steht auch Bruckner in naher innerer Beziehung zum Volkstum. Nur ruht diese Beziehung nicht auf bewu�ter Archaisierung, traumhafter Zur�ckf�hrung der Gef�hlsart auf eine innerlich als altert�mlich empfundene Art der Ausdrucksgestaltung. Sie ergibt sich aus nat�rlich freier, menschlich spontaner Unmittelbarkeit, ist reines Erlebnis ohne irgendwelche stilistische Bewu�theit. Als individuelle Erscheinung ist Bruckner in seiner Weltfremdheit, seiner Mischung von Bauer und M�nch eine fast mittelalterliche Natur, als K�nstler stellt er unter allen anderen Typen seiner Zeit die erste im wahrhaften Sinne modern gerichtete Pers�nlichkeit dar. Er steht der Wagner-Nachfolge sowohl in ihrem krampfhaften Verlangen nach weltfeindlicher Hypnose wie in ihrer �sthetenhaften Symbolspielerei ebenso fern wie der versonnen r�ckblickenden Vergangenheitstr�umerei der formalistisch akademischen Romantik. Er ist ein gl�ubiger Mensch, dessen unkomplizierte Religiosit�t sich an dem weihevollen Glanz und der Autorit�t eines unkritisch empfangenen Katholizismus zur Erhabenheit aufrichtet. Gl�ubigkeit ist f�r ihn kein Rausch, keine Sehnsucht, kein Spiel, sie ist eine unersch�tterliche, jenseits aller Zweifel stehende Tatsache. Sie gibt ihm Naivit�t und Kraft der gro�en Form, gibt ihm die F�higkeit der Gemeinschaftsbildung, die hier wieder aus der Wucht des wahrhaftigen Erlebnisses erw�chst. In Bruckners Musik tritt zum erstenmal seit dem Verblassen des Idealismus der wirkliche Mensch mit seinem Drang zur nicht k�nstlich vorget�uschten lebendigen Wirklichkeit hervor. Der Traum als Ziel der Kunst wird �berwunden, ein starkes Gef�hl ist wieder erwacht, das den Erscheinungen der Realit�t gewachsen und f�hig ist, sie formend zu gestalten. Die Quellen dieses Gef�hles weisen wieder zur�ck auf die Kirche: Orgelklang, Hochamtsfeier, liturgisches Zeremoniell sind die Grundlagen f�r Bruckners Phantasieleben. Man k�nnte an eine gewaltig hervorbrechende Nachbl�te spezifisch katholischer Kunst denken. Aber hier tritt gleichzeitig ein so kerniges, bei aller Gebundenheit pers�nlich gerichtetes Menschentum zutage, da� die kirchliche Bezugnahme nur Fundament und innere Richtlinie bleibt f�r eine k�hn und frei in die Welt des Erdhaften hinausgebaute Kunst. Was Bruckner von der Basis einer strenggl�ubigen, durch inbr�nstige seelische Erfassung und urw�chsige Einfalt bezwingenden volkst�mlichen Kirchlichkeit aus begann, das vollendete Mahler. Bruckner wie Mahler entstammten dem Traumlande der Romantik, in ihnen vollzog sich das Erwachen der Seele zu einer neuen Lebensgestaltung aus der Kraft eines neuen Lebenswillens, eines positiv gerichteten Aktivit�tsdranges. Empfing Bruckner noch die innere Anregung und Beschwingung seiner Phantasie aus der frommen Erfassung katholischer Glaubenssymbole, so drang Mahler aus der konfessionell umschriebenen Gedankenwelt vor in die Sph�re der reinen Naturanbetung. Das Bl�hen und Werden, das Keimen und Vergehen alles Seienden, das Wunder der zeugenden und schaffenden Liebe, das Geheimnis des Lebens und Sterbens der Natur, alles, was gleichnishaft in den Symbolen der kirchlichen Lehre dargestellt war, erschien jetzt wieder in unmittelbarer Anschauung gespiegelt, nur in das Symbol des Kunstwerkes �bersetzt. Eine Welt glaubenstiefer und doch unkirchlicher Religiosit�t tat sich auf, �hnlich wie einst bei den K�nstlern der idealistischen Zeit und doch ganz anders erschaut. Nicht mehr Erkenntnis ist das Ziel, nicht mehr Kritik weist den Weg. Der individualistische Hang, der Trieb zur Befreiung der Pers�nlichkeit und ihrer Werte, der die individualistische Bewegung getragen und im subjektivistischen Traumbild geendet hatte, ist erloschen. Jetzt wechselt er in das Streben nach �berwindung der individuellen Begrenztheit, nach Eingliederung des einzelnen in das Ganze. Die Natur in der unbemessenen Vielheit ihrer Erscheinungen wird zum h�chsten Sinnbild der Totalerfassung sch�pferischer Kr�fte. Der Mensch, nicht mehr kritisches Geistwesen, sondern vegetabilisches Naturwesen, steht inmitten dieses Ganzen, nur ein Teilchen davon, pflanzenhaft erdgebunden und doch wieder Unsterbliches in sich tragend, h�chste Inkarnation g�ttlicher Urkraft, soweit er sich kosmisch zu empfinden und zu erkennen vermag. Die Gemeinschaft wird auch k�nstlerisch wieder zur Quelle einer neuen Formidee: die Gemeinschaft nicht der Gl�ubigen, nicht der Erkennenden, nicht der vom romantischen Zaubertraum Berauschten, auch nicht der nationalistisch Gesinnten, �sthetenhaft Interessierten oder der Vergangenheitstr�umer. Es ist eine h�here Gemeinschaft, die alle: Gl�ubige, Idealisten und Romantiker umfa�t, von allen ein Teil in sich tr�gt und es mit den �brigen zu neuer Gesamtheit einigt. Es ist die Gemeinschaft der Menschen als Gesch�pfe einer Gottheit der Liebe, aus deren ahnender Erfassung alles Problematische sich l�st, alles Individuelle verschwindet, alles Schicksalhafte �berwunden wird. In dieser Verk�ndung der Liebe als der h�chsten schaffenden Macht, in dieser Anschauung des Menschen nur als Teiles eines sozial bedingten Ganzen lag die neue religi�se Botschaft, lag die neue aktive Gestaltung tief dr�ngenden Menschheitsverlangens, lag die befreiende Tat, die aus der Traumsph�re der Romantik hinausf�hrte in die Wirklichkeit lebendigen Lebens, sie bejahend und in der Kunst zu formbewu�ter Gestaltung zwingend. Es war ein deutscher Musiker, der diese Tat vollbrachte und damit der deutschen Musik wieder ein hohes Ziel stellte, ihr einen neuen Gef�hlsgehalt gab. Neu freilich nur im Hinblick auf die innerer Begr�ndung. Dem Ergebnis nach deckte sich diese kosmische Religiosit�t mit der christlichen Gemeinschaftsidee wie mit der Menschheitsliebe der idealistischen Humanit�tszeit. Alle drei sind Auseinandersetzungen mit dem Gemeinschaftsproblem, verschiedenartig in der Begr�ndung, �bereinstimmend aber im Resultat der Bejahung des Lebens in der Gemeinschaft, der �berwindung des Individuellen, der t�tigen Zusammenfassung aller Kr�fte. Mit dem erneuten Durchbruch zu diesem Ziel hatte die deutsche Musik wiederum ihre Berufung und F�higkeit zur Weltmacht erwiesen, ihre Stellung als K�nderin h�chster Menschheitsideen best�tigt. * * * Zum zweitenmal wurde die sinfonische Form Gef�� der gestaltenden Idee, jetzt nicht wie bei Beethoven vorwiegend auf die abstrakt instrumentale Sprache beschr�nkt, sondern stark durchsetzt, zum Teil beherrscht vom vokalen Ausdruck. Die Sph�re des Geschehens war dem sinnlich fa�baren Erlebnis n�herger�ckt, die Vorstellungswelt dieser Kunst lag mehr im Bereich des irdisch Erkennbaren, Gleichnishaften. Dagegen war sie fernger�ckt dem Naturalismus und Illusionismus der Romantik, und darin lag der tiefe Wesensunterschied sowohl gegen�ber der gleichzeitigen Programmusik als auch der Oper. Die Oper war ihrem Ursprung nach dem unbefangensten, kindlich buntesten Sinnenspiel zugewandt. Im Gegensatz zu den auf and�chtig religi�se Vereinigung gerichteten musikeigenen Formen war sie der Verherrlichung der Freude gewidmet, das Fest des Dionysos und des Eros. K�nstliches Erzeugnis bewu�ten Luxustriebes, als Formerscheinung abh�ngig von den Bedingtheiten verschiedenartigster, organisch unverbundener Wirkungsmittel, unterworfen dem gesellschaftlichen Einflu� der Verbraucher, war sie die unrealste, durch willk�rliche Mischung der Gestaltungselemente zwitterhafteste musikalische Kunstgattung. Sie hat in den verschiedenen L�ndern verschiedenartige Auspr�gung erfahren, hat in Italien eine Entwicklung nach der musikhaft sinnlichen, in Frankreich nach der schauspielhaft b�hnenm��igen, in Deutschland nach der gedanklich dramatischen Seite hin genommen. Aber sie ist stets Erzeugnis und Spiegelung des Luxuswillens, der Laune, der phantastischen Willk�r geblieben. Das bedeutet keineswegs Verkennung oder Untersch�tzung ihres Kunstwertes. Man kann die Oper gewi� nicht streichen aus der Geistesgeschichte der letzten Jahrhunderte, sie ist die bezeichnendste Auswirkung des Spieltriebes. Aber nur als solche kann sie erfa�t werden, im Gegensatz zum gesprochenen Drama, dessen �u�ere Form sie spielend nachahmt, wie sie jede andere der an ihr beteiligten K�nste: Gesang, Instrumentalmusik, szenische und fig�rliche Darstellung gewisserma�en in eine absolut unlogische Sph�re �bertr�gt. Je reiner sie diesen Charakter des phantastisch parodistischen Spieles wahrt, um so vollkommener wird sie als Kunstwerk wirken. Der unverg�ngliche Zauber der Oper Mozarts ruht in der tiefen �bereinstimmung, aus der hier Sinnenfreude, Spieltrieb, jeglicher Realit�t abgewandte Phantastik zur tiefsten Erfassung menschlicher Lebenstriebe und Willenskr�fte gelangen. Die irrationale Form wird zur Spiegelung eines irrationalen Seins au�erhalb aller Bedingtheiten der Wirklichkeit. Nicht nur die stofflichen Erscheinungen der Oper Mozarts: Handlung, Charaktere, �u�ere Aneinanderreihung der Begebenheiten sind dem illusionistisch gerichteten Verstande unfa�bar. Die musikalische Formung vor allem: das Ausstr�men des Gef�hles durch die monodramatische Gesangsarie, das gleichzeitige Ineinanderweben der Stimmen im Ensemble, die vielgliedrigen, lediglich aus Kontrast- und Steigerungswirkung des musikalischen Ausdruckes entwickelten Finalebauten -- dies alles zusammen ergab eine Kunst, der gegen�ber jede rationalistische Forderung zum Spott werden mu�te. Hier war denkbar h�chste Freiheit des gestaltenden Geistes, restlose �berwindung der stofflichen Materie, reine Anschauung des Spieles freier Phantasiekr�fte, eine vollkommene idealistische Welt als verkl�rtes Symbol der realen. So konnten hier die gro�en bewegenden Ideen der damaligen Menschheit: die Probleme der Befreiung der Pers�nlichkeit dargestellt werden an menschlichen Elementartypen der Figaro-, Don-Juan-, Cosi fan tutte-Sph�re. So konnte in der Zauberfl�te im Rahmen eines Kinderspieles das Ziel aller humanit�ren Kultur: die Menschheitsvereinigung durch Freundschaft, Liebe und Weisheit zu herrlichster Erf�llung in der Kunst gebracht werden. Die nachfolgende Zeit hat niemals die einzigartige Musikernatur Mozarts verkannt. Niemand hat f�r den Genius Mozart tieferes Gef�hl und Verehrung gehabt als Wagner. Aber die Form der Mozartschen Oper, diese freieste Gestaltung des Unwirklichen, Unwahrscheinlichen, erschien ihm unvollkommen, mu�te ihm unvollkommen erscheinen -- gerade der Eigenschaften wegen, die �ber die W�rdigung von Mozarts blo�em Musikertum hinaus die kulturelle Gr��e seiner K�nstlerschaft bestimmen. Die Romantik glaubt sich �ber die Urbestimmung der Oper, �ber die artbestimmenden Grundlagen der Gattung hinwegsetzen zu k�nnen. Sie versuchte der Oper das zu nehmen, worin ihr Wesen wurzelte: den Charakter des Spieles. Sie versuchte, dieser auf heiterster Sinnenspannung, auf lebhaftestem Reiz der Bilder, auf schmeichelnder Phantastik der Gef�hlserregung beruhenden Kunstform das zu geben, was ihr niemals innerhalb ihres unmittelbaren Wirkungsbezirkes eigen gewesen war: die religi�se Weihe des gro�en Dramas. Das Wesen der Oper als dramatischer Erscheinung beruht auf bewu�ter Unwahrscheinlichkeit, auf parodistischer Einstellung gegen�ber allen Realit�ten. Selbst die Reformen Glucks, zu Unrecht als Vorarbeiten f�r Wagner angesehen, lie�en den Grundcharakter der Oper als Gattung unber�hrt. Sie bezogen sich lediglich auf die st�rkere Hervorhebung der lyrisch musikalischen Wirkungen gegen�ber gesanglich virtuosen Effekten. Ob ernste oder heitere, ob tragische oder komische Oper, dies war gleichg�ltig f�r die Auffassung des Typs, aus dem die Oper Mozarts als ideale Zusammenfassung aller Kr�fte hervorwuchs. Dieses lyrisch phantastische Erosspiel war in allen Bedingtheiten seines Wesens Erzeugnis der Renaissance, weitergebildet von Menschen, deren sinnlich empfindsame und erfindungsreiche Natur hier ein neues Feld f�r ihren sensualistischen Spieltrieb fand. Der Versuch, von dieser Spielgattung aus den Weg zu bahnen zum kultischen Drama der Antike, bedeutete nicht nur eine neue Mi�deutung der Antike, entstellender noch als der klassisch gegl�ttete Antikenbegriff des Idealismus. Er bedeutete die unwahrhaftige Theatralisierung kultischer Dinge, ihre Herabsetzung zu Requisiten opernhafter Wirkungen und, damit verbunden, die falsche �berh�hung einer in sich organisch geschlossenen Kunstgattung durch das steigernde Pathos des dramatischen Affektes. Die romantische Form des musikalischen Dramas, wie es sich in der Theorie darstellt, ist im Hinblick auf das Wesen der Gattung, das vollendet in der Oper Mozarts erscheint, eine Abirrung der Oper auf Gebiete, die au�erhalb des Charakters der Gattung liegen, und auf denen sie nie Wurzel fassen konnte. Soweit Werke solcher Art in die Breite wirken wie bei Wagner, beruht die Wirkung in Wahrheit doch auf dem Spielcharakter der Oper. Er ist auch im musikalischen Drama nur scheinbar �berwunden und lebt da weiter, wo es die lebendige Wirkung zeugt. Aber er lebt unter falschem Namen und falscher Einsch�tzung seines Wesens. In dieser Vort�uschung unwahrer Werte liegt die Gefahr des Erbes der romantischen Oper f�r die Gegenwart. Es gilt zun�chst, die Unm�glichkeit der Oper als Form bewu�t kultischer Dramatik klar zu erkennen. Es gilt gleichzeitig, die falsche Geringsch�tzung des Spieltriebes als eines gleichsam im h�heren Sinne nicht vollwertigen Schaffensimpulses abzutun, zu erkennen, da� dieser Spieltrieb, sofern er vermeidet, sich aus falschem Ehrgeiz dramatisch zu maskieren, aus sich selbst heraus zur Erreichung wahrhaftigerer Ziele bef�higt ist, als das h�chstgeschraubte dramatische Pathos sie zug�nglich macht. Es gilt, formelhaft gesprochen, in der Oper Mozarts nicht nur die geniale Musiker-, sondern gerade die geniale K�nstlernatur zu erkennen. Nicht nur in der Oper Mozarts, sondern in der Oper �berhaupt die Idealgattung des Phantasiespieles, das, frei von allen dogmatisch ethisierenden Nebenabsichten, aus lebendigstem Widerschein buntester Lebensfarben und Sinnesreize den ins M�rchenhafte �berspiegelten Abglanz des Realen, Bewu�ten, Gewollten gibt. Es ist lehrreich, zu beobachten, wie sich andere V�lker mit diesem Problem der Oper abgefunden haben. Der romantischen Rauschsuggestion, der dramatisch zugespitzten Illusionsoper zun�chst ebenso unterworfen wie die Deutschen, haben Italiener und Franzosen die Gefahr einer bewu�ten �berbetonung der dramatischen Zweckhaftigkeit der Oper zu vermeiden gewu�t. Bei beiden Nationen ist in der �u�eren Anlage, namentlich des Textes, ein auffallend realistisch naturalistischer Zug bemerkbar. Er beeinflu�t auch die Art der musikalischen Gef�hlseinstellung und normalen Faktur. Bizets "Carmen" ist das Muster der psychologischen Oper, Verdis derbe Sinnlichkeit saugt sich fest an der Unmittelbarkeit elementar erfa�ter B�hnenvorg�nge und �bertr�gt diese Emotionen mit naiver Drastik in seine Musik. Bei beiden gr��ten Opernkomponisten ihrer Nationen aber bleibt die dramatische Einkleidung stets Mittel zum Zwecke des Musizierens. Das Drama gewinnt weder in der Theorie noch in der Praxis die Vorherrschaft. Der Musiktrieb als der eigentliche und wahrhafte Spieltrieb dominiert, und selbst den Nachfolgern Verdis ist die veristische Fassung des Dramas nur ein Mittel, ihre kurzatmige Musikbegabung schnell und durchgreifend zur Geltung zu bringen. Bei Gounod, Massenet, Saint Sa�ns ist der normale Sinn von vornherein in viel zu hohem Ma�e konventionell beeinflu�t, um die Wahl zwischen Oper und musikalischem Drama je ernsthaft zweifelhaft zu machen, und auch der ins bewu�t �sthetenhafte abschweifenden jungfranz�sischen Schule ist trotz der literarischen Geschmacksverfeinerung die Oper stets die prim�r musikalische Kunstform. Nur in Deutschland hat sich unter der gewaltigen Nachwirkung von Wagners Theorien eine seltsame moral�sthetische Auffassung vom Wesen des musikalischen Dramas herangebildet. Auf ihre tieferliegenden, innerorganischen Ursachen betrachtet, ist sie das Zeichen nachlassenden Produktionsverm�gens. Als Lehre aber hat sie schweren Schaden gestiftet durch Verkennung und Herabsetzung kunsteigener Grundwerte der Oper zugunsten eingebildeter religi�s ethischer Qualit�ten des musikalischen Dramas. Das eigentlich Belastende und Sch�digende dieser Geistes- und Urteilswendung lag nicht in der Tatsache, da� eine gro�e Anzahl schwacher oder mittlerer Talente sich getrieben f�hlte, Musikdramen zu schreiben. Es lag auch nicht nur in der �sthetischen Begriffsverwirrung, die den Blick f�r wesentliche Vorz�ge der Kunstgattung und damit f�r die Sch�pfungen ganzer Epochen tr�bte, daf�r k�nstlerischen Belanglosigkeiten hohe sittliche Wertung angedeihen lie�. Dies w�ren zun�chst Sch�digungen gewesen, die nur die Kunst als solche betrafen. Der verh�ngnisvollste, in die allgemeine Volkskultur �bergreifende Nachteil war, da� hier die auf T�uschung, Spiel, Schein, im sittlichen Sinne auf bewu�ter Unwahrhaftigkeit beruhende Welt des Theaters als wahr, echt, lebendig, als Tr�gerin und K�nderin der h�chsten ethischen Norm ausgegeben wurde. Das Gef�hlsleben der Menschen orientierte sich innerlich an diesen Erscheinungen einer vorgespiegelten Lebenswahrheit. Es mu�te unecht, unwahrhaftig werden, weil es sich zum Sklaven seines eigenen Phantasieerzeugnisses machte und von diesem Gesetze empfing, statt, wie es der urspr�ngliche Spielcharakter der Gattung forderte, sie ihm zu erteilen. Das theatralisch Kom�diantische, das so vielfach in der deutschen �ffentlichkeit der letzten f�nfzig Jahre sich bemerkbar macht, die Neigung zu falschem Pathos und schlechter Rhetorik sind nicht zum mindesten Nachwirkungen einer Lebensauffassung, die ihre Gesetze aus der Oper empf�ngt. Wir stehen heut der Romantik fern genug, um die Gr��e ihrer k�nstlerischen Leistungen unbefangen w�rdigen zu k�nnen. Was uns von ihr trennt und zur Kritik zwingt, ist nicht diese oder jene Einzelheit im fachlich entwicklungsm��igen Sinne, ist auch nicht Widerspruch gegen individuelle Begabungen. Es ist grunds�tzlich die durchaus entgegengesetzte Auffassung vom ethischen Charakter des Kunstwerkes. Die Romantik �bertrug ihn in den Stoff, in die Form, in das k�nstlerische Sujet selbst. Mit allen Mitteln genialer Beharrlichkeit und Tatkraft materialisierte sie ihn, unterwarf ihn dadurch allen Hemmungen und T�uschungen der Materie, erhob ihn selbst zum bewu�ten Tr�ger der k�nstlerischen Idee. In diesem Gegensatz von absichtsvoller Ethik des Stofflichen und zwanglos unbewu�tem Ethos des idealistischen Spieles wurzelt der Kontrast Wagner-Mozart, wurzelt der Widerspruch der heutigen Generation gegen die tendenzi�se Kunstauffassung und -lehre Wagners, wurzelt die Abwendung vom kultischen Musikdrama, die erneute Neigung zum Erosspiel der Oper. Es gibt gegenw�rtig drei deutsche Opernkomponisten, in deren Schaffen der Widerstreit der Meinungen klar zutage tritt: Hans Pfitzner, Richard Strau�, Franz Schreker. Pfitzner ist der bedingungslose Anh�nger von Wagners Lehre, deren spekulative Z�ge er in seinen drei Musikdramen "Der arme Heinrich", "Die Rose vom Liebesgarten" und "Palestrina" in fanatischer Einseitigkeit zu den �u�ersten Konsequenzen gef�hrt hat. Die Vorherrschaft der stofflichen Ethik, die bei dem gro�en B�hnenpraktiker Wagner ungeachtet aller Theorien doch stets im Rahmen des b�hnensinnlich Wirksamen bleibt, greift bei Pfitzner schlie�lich auch das organische Leben des Dramas an, das aus vors�tzlicher Askese immer theaterfremder wirkt. Es ist bezeichnend, da� in "Palestrina" keine einzige Frauenfigur erscheint. Das M�nchtum dieser Kunst geht bis zur Verbannung des Eros von der B�hne. Unbemerkt bleibt der grausame Widerspruch, da� eine scheinbar alle profanen Bedingtheiten �berwindende Kunst sich der Mittel einer Gattung bedient, deren Wesen der wechselvollsten Sinnlichkeit der Form unl�sbar verhaftet ist. Richard Strau� ist sich der Theaternatur der Oper wohl bewu�t. Sein Schaffen ist auf stilk�nstlerischen Ausgleich von Drama und Oper gerichtet unter allm�hlich immer st�rker betonter Ann�herung an den �lteren Formtyp. Soweit ein Problem dieser Art die L�sung auf experimentellem Wege zulie�, ist sie ihm in mehreren F�llen, nie einheitlich, wohl aber f�r betr�chtliche Teile innerhalb eines Werkes, gegl�ckt. Das lebhafte, temperamentbeschwingte Musiziertalent Strau�ens, seine hinrei�ende, aus starkem Augenblicksimpuls sch�pfende �berredungsgabe, die unmittelbare Gegenst�ndlichkeit seiner Tonsprache, dies alles, verbunden mit au�ergew�hnlicher, treffsicherer Formgewandtheit, macht seine gro�en Erfolge erkl�rlich und berechtigt. In einer Zeit allgemeiner Geschmacksunsicherheit und Talentarmut war er der einzige, der sich mit unbek�mmerter Frische und reflexionsloser Begabungskraft dem musikalischen Naturalismus zuwandte und als echtes Weltkind dem Geist der Zeit stets zu geben wu�te, was dieser bedurfte. Solche in allem Technischen und Artistischen meisterliche Anpassungsgabe konnte allerdings immer nur zu Augenblicksl�sungen, zu Gegenwartserfolgen gelangen. Sie konnte in ihrer allerseits verbindlichen Art niemals zu einer im Wesenhaften eigenen und neuen Erfassung des Opernproblems gelangen. Die stilistischen Verkleidungs- und Verwandlungsk�nste auch des st�rksten Formtalentes waren g�nstigstenfalls nur geeignet, zu erreichen, da� die romantische Auffassung der Oper als des kultischen Dramas keine Gefolgschaft mehr fand, keine innere Werbekraft mehr �bte, ohne da� es gelungen w�re, ihr einen selbst�ndigen neuen Operntyp entgegenzustellen. Erst mit dem Auftreten Franz Schrekers hat sich hier eine Wandlung vollzogen. Das Bemerkenswerte der Erscheinung Schrekers liegt nicht in Einzelz�gen seiner Musikerbegabung, so sicher und stark sich diese aus konventionellen Anf�ngen zur Erringung individueller Eigenwerte durchzusetzen vermochte. Es liegt auch keineswegs in auffallenden Besonderheiten stilistischer Art, an denen Bezugnahme auf die jungromanische Kunst namentlich in Melodik und Harmonik auff�llt, gesteigert durch �ppige koloristische Phantasie und gro�linige architektonische Gestaltungsgabe. Aber mit all diesen Eigenschaften w�re Schreker nur einer unter mehreren. Seine Ausnahmestellung ergibt sich aus anderem. Zum erstenmal seit Jahrzehnten ist hier eine Reihe von Werken geschaffen, die jenseits aller Tendenzmacherei und spekulativen Theorie, jenseits auch jeglicher Stilk�nstelei und jeglichen Formexperimentes steht. Erwachsen ist sie aus g�nzlich vorbehaltloser, naiver Erfassung der Oper als eines Spielst�ckes f�r eine ungebunden schweifende Phantasie, der als Richtlinie lediglich ein k�hner, naturhaft elementarer Theaterinstinkt dient. Schreker sieht die B�hne nicht als Kanzel, auch nicht als Ort geistreicher Unterhaltung. Er sieht sie mit der Unbefangenheit des Kindes, dem sich hier eine Welt zauberhaftester Unwahrscheinlichkeiten, unbegrenzter M�glichkeiten des Unm�glichen �ffnet, die nur von K�nstlers Gnaden ihr Sein empfangen und um so st�rker reizen, je lebensferner sie sind. Schreker sieht die Opernb�hne wieder mit dem Auge des irrational empfindenden Phantasiemenschen. Aus dieser Grundeinstellung ergibt sich der Unterschied nicht nur gegen�ber der doktrin�ren Ideenoper Pfitzners oder der intellektuell bedingten Geschmackskunst Strau�ens. Auch andere zeitgen�ssische Kunst, wie die Eugen d'Alberts oder neuerdings die Opernmusik des jungen Erich Wolfgang Korngold steht im Gegensatz zur Theorie des Wagnerschen Dramas und zielt auf den Theatereffekt. Aber hier ist dieser mit bewu�ter Methodik als Wirkungsfaktor herangezogen. Es werden wieder periodisierte Melodien und geschlossene Formen geschrieben, weil das Prinzip des Leitmotives und des deklamatorischen Stiles verbraucht erscheint. Schreker ist gegen�ber diesen auf das Praktische im Sinne der Lebensklugheit und des Erfolges zielenden Begabungen eine naturw�chsige Kraft. Seine Beziehung zur B�hne ruht nicht auf irgendwelchen Erw�gungen der Zweckm��igkeit, sie ist elementaren Ursprunges. Seine vier Opern "Der ferne Klang", "Das Spielwerk", "Die Gezeichneten", "Der Schatzgr�ber" sind Erfolge nicht nur im Sinne des Kassenberichtes einer Spielzeit, sondern der geistigen Bewegung. Sie geben der Musik auf der B�hne wieder ihr urspr�ngliches, durch keinerlei Dienstbarkeit gegen�ber dramatischen Absichten behindertes Recht des freien Phantasiespieles. Sie gewinnen ihr damit das im Laufe des 19. Jahrhunderts verlorene Heimatgebiet zur�ck und f�hren so die Ausdrucksmittel der Oper wieder ihrer nat�rlichen Bestimmung zu. Es ist denkbar und nicht unbegreiflich, da� manche Menschen einer vorwiegend auf kritisch intellektuelle Bildung erzogenen Generation solche Kunst als f�r ihre Begriffe von Kultur nicht ausreichend ablehnen. Damit w�re sachlich nichts bewiesen, nur die Zuverl�ssigkeit dieses Kulturbegriffes in Frage gestellt. Vom Standpunkt einer abstinenten Geschmacksbildung aus wird die Oper wegen der unorganischen Vielheit ihrer Mittel stets ein nicht ganz vollwertiges Kunstgebilde sein. Einheitlichkeit gewinnen kann sie nur durch den Musiker, der diese Buntheit der Mittel als nat�rliche Quellen seiner Phantasie empfindet und fruchtbar macht, nicht aber das Ganze durch Prinzipien und Theorien regelt oder stilisiert. Solcherart ist Schrekers Musik. Als dramatische Gebilde bedeuten seine Opern das Gegenteil dessen, was etwa dem gesprochenen Drama notwendig und wesenseigent�mlich ist. Der Musik aber �ffnen sie den Bezirk, auf dem sie sich als Element der B�hnenwirkung entwickeln kann, ohne von ihrem ureigenen Wesen etwas aufzugeben, ohne sich selbst zugunsten eines anderen Zweckes opfern oder begrenzen zu m�ssen. Dieses ureigene Wesen der Musik ist das Beziehungslose, das verstandesm��ig Unfa�bare, nicht zu Greifende. Will man das Verh�ltnis der Gegenwart zur unmittelbaren Vergangenheit, zum 19. Jahrhundert kurz kennzeichnen, so kann man es nennen den Kampf gegen den Rationalismus der Romantik. Der Rationalismus war bedingt durch das Illusionsbed�rfnis der Romantik und dieses wiederum durch ihre Resignation gegen�ber dem Leben, aus der die Auffassung der Kunst als des Gegensatzes zum Leben, als des gro�en T�uschungsmittels, als des Lebenssurrogates erwuchs. Solche Auffassung mu�te notwendig in der Theorie zur Kunstideologie, in der Praxis zur Wirklichkeits-Imitation f�hren. Das Unbeziehbare des klanglichen Erlebnisses wurde in allerlei Beziehungen gesetzt: die Oper mu�te predigen, philosophieren, moralisieren, zum mindesten psychologischen Anschauungsunterricht geben. Die Sinfonie wurde der freien Poesie gewidmet, sie stellte dar, wobei es im Wollen und Ergebnis gleichg�ltig war, ob das Dargestellte ein direkt bezeichneter dichterischer Vorwurf war oder eine bewu�t erfa�te formalistische Idee. Wie es aber der Oper und der Sinfonie erging, so auch den intimeren Gestaltungsformen der Vokal- und Instrumentalmusik: dem Lied, dem Chorgesang, der Solo- und Kammermusik verschiedenster Art. Das Lied, durch Schubert aus zopfiger Beengtheit zur freiesten Spiegelung individuell erfa�ten seelischen Gem�tsgeschehens erhoben, wurde durch Schumann, Jensen, Franz zur Stimmungsschilderung abgeschw�cht. Bei Brahms erscheint es unter Neigung zu volkst�mlich vereinfachender Formung, bei Hugo Wolf und seinen neudeutschen Nachkommen wird es zur psychologischen Kleinstudie -- ohne da� Komponisten und H�rern die damit verbundene Entseelung des Lyrischen zum Bewu�tsein gekommen w�re. Das Vernunftgem��e, auch in k�nstlerischer Fassung stets irgendwie dem rein logischen Begreifen Zug�ngliche war unausgesprochene Voraussetzung f�r die Anerkennung des Kunstwerkes. Dieses selbst blieb nur Dokument des Talentes, etwas durch Musik auszudr�cken, was dem Inhalt nach ein Andersbegabter ebenso oder �hnlich auf anderem Wege gesagt h�tte. So zerflo� hier, wie in der Sinfonie und der Oper, das Musikeigene. Das Interesse wurde fachlich begrenzt, vorwiegend auf das Wie der Darstellung hingelenkt. Die Kammermusik der Romantik einschlie�lich ihres gehaltvollsten Teiles: der Brahmsschen Kammermusik best�tigt dies. Formalistischer Bau, Faktur des musikalischen Satzes, klanglich koloristische Fassung, Art und Entwicklung der Gef�hlsdarstellung sind gegeben durch die klassischen Vorbilder, das �u�erlich Strukturelle vorwiegend durch Beethoven, das lyrisch Empfindungsm��ige mehr durch Schubert. Dieses Erbe wird nun in kleine Individualit�tsgebiete aufgeteilt. Die gegebenen Grundma�e �sthetischer, musikalischer Art bedeuten gewisserma�en ein festes, geistiges Wirtschaftsgut, das nun aus dem Bereich des Ursch�pferischen, wo jene gro�en Geister es gefunden, in die kleine, irdisch bewegte Welt als fertige Tatsache �bernommen und verarbeitet wird. Entwicklungsm��ig gesehen ist solcher Verlauf nat�rlich und richtig, sein Wert und seine Bedeutung liegt in der allm�hlichen Zug�nglichmachung und Durchdringung der Ideen prim�r schaffender K�nstler. Wenn wir etwa die gesamte Kammermusik nach Beethoven bis zur folgenden Jahrhundertwende auffassen als Mittel, durch variierende Einzelausf�hrung die gewaltige Masse der Hinterlassenschaft Beethovens zun�chst stofflich zu zerlegen und zu konsumieren, um dadurch den Zugang zu ihrer h�heren Geistessph�re allm�hlich zu gewinnen, so w�re mit solcher Auffassung etwa die geschichtliche Mission der romantischen Kammermusik bezeichnet. Damit ist aber zugleich gesagt, da� ihr selbst die urzeugende Kraft abgeht, ja eigentlich mit Bewu�tsein au�erhalb ihres k�nstlerischen Wollens gehalten wird, und da� sie, unter Vermeidung eigener Stellungnahme und Auseinandersetzung mit den Grundproblemen musikalisch sch�pferischer Gestaltung, den gegebenen Darstellungsapparat materialisierte, ihn als Schema im technischen Sinne behandelte und ausbaute. Auf diese Art konnte bei ausreichendem Einf�hlungs- und Anpassungstalent noch manches an sich recht beachtliche Musikst�ck entstehen. Die Gebiete, die Beethoven und Schubert in ihrem Ideenflug abgesteckt hatten, boten Raum genug f�r Sondersiedlungen. Aber das eigentlich Wertschaffende: die Kraft und der elementare Zwang, aus dem heraus die idealistisch klassische Kunst �berhaupt erst die Regel ihrer Gestaltungsart gefunden hatte, mu�te bei den Nachfolgenden notwendigerweise fehlen. Die Gesetzlichkeit einer bestimmten Ausdruckstechnik, der der sch�pferische Gedanke noch vor seiner Geburt untergeordnet war, die Einspannung des Gef�hlsablaufes in feste Normen unterstellt auch auf diesem Gebiet Gef�hl und Phantasie den Forderungen des Verstandes und des erkl�rungfordernden Bewu�tseins. Bezeichnend daf�r ist Pfitzners Schaffenstheorie. Nach ihr zerf�llt die Entstehung des Musikst�ckes in die Empf�ngnis des thematischen Einfalles und in dessen handwerklich formale Verarbeitung. Solche Theorie ist nur m�glich bei Auffassung der Form als eines gegebenen Schemas, bei Verkennung des organischen Eigenlebens der Form aus dem Zwang selbst�ndigen Gestaltungstriebes, bei freiwilliger Beschr�nkung der Schaffenst�tigkeit auf individuelle Variierung als unver�nderlich genommener Typen. Das Prim�re der musikalischen Konzeption wird auf den melodisch thematischen Brocken des Einfalles beschr�nkt, der dann das Objekt rationalistischer "Durchf�hrung" bildet -- eine Auffassung des Schaffensvorganges, die nicht nur Erzeugnis spekulativer Phantasie ist, sondern wahrhaftige Charakteristik einer bis in die Gegenwart hinein �blichen und anerkannten Praxis. Wie nun in der gro�en sinfonischen Form ein zeiteigenes religi�ses Gemeinschaftsgef�hl als neue Grundlage gewonnen wurde, wie in der Oper an Stelle bewu�ter ethisch dramatischer Tendenz der irrationale Spieltrieb wieder hervordr�ngte, so hat dieser Zug zum Au�ervernunftm��igen, zum urspr�nglich Musikhaften der Musik, zur reinen Gef�hlskundgebung auch die Elemente der Tonsprache ergriffen, aus denen sich Vokal- und Kammermusik formen. Er hat hier, auf dem geistigsten, intimsten Ausdrucksgebiet die radikalste Umw�lzung hervorgerufen, zeigt am sch�rfsten oppositionelle Haltung gegen�ber der unmittelbaren Vergangenheit, ist in den Ergebnissen einstweilen erheblich problematischer als in der Sinfonie und Oper. Er l��t aber gleichzeitig die entscheidenden Grundfragen der k�nstlerischen Wesensrichtung in klarster Eindeutigkeit hervortreten und gibt damit eigentlich die letzte Auskunft �ber die Gegens�tzlichkeit der Anschauungen, den Wechsel der Zielsetzung. Sinfonie und Oper sind in st�rkerem Ma�e stoffgebunden. Wirken auch in ihnen die gleichen Probleme, so sind sie doch von der begrifflichen Seite her leichter zu fassen. In der Kammermusik fallen alle Bindungen nach au�en fort. Es bleibt nur die Auseinandersetzung mit dem zu innerst Wesenhaften der Musik, wie es hier in Klang, Stil und Form zutage tritt. In diesen eigentlichen Elementen der Musik aber ist mehr und anderes lebendig, als die Fach�sthetik gemeinhin gelten l��t. In ihnen wirkt und aus ihnen spricht die geistige Grundkraft der Zeit �berhaupt, der sie angeh�ren, und aus deren innerstem Gef�hlstrieb sie ihre Gesetze empfangen. * * * Wenn wir die in den beiden letztvergangenen Jahrhunderten zur�ckgelegten Wege der musikalischen Gestaltungsart �berblicken, so zeigen sich zwei gro�e, deutlich getrennte Entwicklungsgebiete: das des polyphonen und das des homophonen Ausdruckes. Die Gegens�tze sind dem Prinzip nach nicht neu, sie waren schon im Mittelalter vorhanden, wenn auch im einzelnen anders geformt. Allgemein gesprochen, ohne damit bestimmte historische Umgrenzungen festlegen zu wollen, kann man sagen, da� Zeiten mit vorwiegend religi�s gerichtetem Geistesleben in der Musik der Polyphonie, solche mit verweltlichter Interessenrichtung der Homophonie zuneigen werden. Die letzte gro�e polyphone Kunst der Neuzeit war die Musik Bachs. Die Polyphonie -- Vielstimmigkeit -- ist eine Kunst der linear bewegten Fl�che. Das artistische Problem liegt in der Vereinigung von organischer Selbst�ndigkeit der Einzelstimme mit strenger Gebundenheit des Ganzen. An dieser zusammenfassenden Kraft, an dieser F�higkeit, die reichste Mannigfaltigkeit linearer Sonderbewegung in einen gro�en Totalkomplex zu vereinen, bew�hrt sich die polyphone Kunst des Meisters. Was er schafft ist entstanden aus der Vorstellung der Gesamtheitswirkung, ist bestimmt, ohne Verlust seiner Eigenheit sich zu �berindividueller Erscheinung zusammenzuschlie�en. Der Unterschied der stimmlichen Einzelwesen ist lediglich Unterschied der Lage, des Klanges, der Bewegungsschnelligkeit, dem Charakter nach sind alle gleich, geh�ren alle der gleichen Gef�hlsdimension an, sind sie Linien, die sich nach dem Gesetz des Bewegungsimpulses ineinanderschlingen, schneiden, zum Ornament formen, ohne je die reale Sinnlichkeit der Linie, die Festigkeit des individuellen Seins zu verlieren. Als Sprachmittel ist die Orgel mit der reichgegliederten und doch im Charakter gleichartigen F�lle ihrer Klangschichtungen das typische instrumentale, der vielstimmige Chor mit seinen artverwandten Stimmindividuen das vokale Ausdruckselement der Polyphonie. Die homophone Kunst, die schon zu Bachs Zeit und dann immer m�chtiger empordr�ngt, hebt die Gebundenheit der Vielheit, hebt die Wirkung durch Zusammenwachsen der Organismen zur �berindividuellen Erscheinung auf. Alle Kraft, aller Wille, alles Leben konzentriert sich auf eine Einzelstimme, die F�hrung nimmt, das Typenhafte abstreift und subjektive Bestimmtheit erh�lt. Die Fl�chenhaftigkeit der nebeneinandergelagerten Linien verschwindet, da nur noch eine dominiert. Unter dieser aber bildet sich ein magischer Raum, eine neue Dimension der Tiefe, gewonnen durch Schichtung geheimnisvoll beziehungsreicher Tonstufen: die Harmonie. Die mit jedem Ton gleichzeitig erklingenden Obert�ne werden als seine Erg�nzung empfunden und festgehalten, diese vertikale Tonreihe gibt jetzt der gestaltenden Phantasie entscheidende Anregung. Der Klang gliedert sich in Hauptton und Nebent�ne, jener als Leitpunkt der Melodie, diese als begleitender harmonischer Untergrund. An Stelle des geometrisch fl�chigen tritt das akustisch r�umliche Tonsystem, an Stelle der Linienbewegung die durch Wechsel der Tiefenbewegung wirkende Harmonie. Mit dieser Ver�nderung der Tonvorstellung zugleich vollzieht sich eine entsprechende Umgestaltung des Klangempfindens. Der Unterschied von melodischem Hauptton und harmonischen Begleitt�nen bedingt auch ein anderes System der Klanggruppierung. Der farbige Reiz des Klanges kommt zu selbst�ndiger Geltung. Gegen�ber dem Streben nach Zusammenfassung m�glichst gleichartiger Charaktere in der polyphonen Musik herrscht jetzt der Drang nach Gleichzeitigkeit heterogener Klangelemente, deren verschiedenartig abgestufte Lichtwirkungen die Vorstellung des r�umlichen �bereinander steigern. In gleichem Ma�e und aus gleichem Bed�rfnis erh�lt die bis dahin vorwiegend auf einfache, primitive Kontraste gestellte Dynamik lebendig bewegte Durchbildung. Das Orchester, diese Vielheit des Ungleichartigen, wird das wichtigste Instrument der melodisch homophonen Kunst, soweit andere Sprachmittel herangezogen werden, geschieht es stets unter Mischung verschiedenartiger Klangcharaktere. Im Streichquartett, der reinsten Klangeinheit der homophonen Kunst, ist zun�chst die dominierende Stellung der Oberstimme, die begleitende, lediglich harmonisch f�llende Funktion der �brigen selbstverst�ndlich und wird erst in den sp�teren Quartetten Beethovens zu gesteigerter Subjektivierung und klanglicher Gegens�tzlichkeit der Einzelstimmen umgewandelt. Den Anfang dieser gro�en, mit den tiefsten Regungen der zeitlichen Geistesgeschichte unmittelbar verbundenen Umw�lzung bildet das Generalba�-Zeitalter, so genannt nach der Gewohnheit, nur die melodische Linie und die Ba�stimme aufzuzeichnen, w�hrend die erforderlichen harmonischen F�llstimmen durch Ziffern angedeutet und bei der Auff�hrung improvisatorisch hinzugesetzt wurden. Man kann diese Methode, deren naive Praxis deutlich die Unterscheidung zwischen Wichtigem und minder Wichtigem spiegelt, gewisserma�en als Beginn der musikalischen Aufkl�rung bezeichnen. Zeitlich ist sie schon vor Bach vorhanden, wird auch von ihm selbst verwendet, erlangt aber vorherrschende Bedeutung erst mit dem endg�ltigen Durchbruch des homophonen Stiles, als Vorbereitung und �bergang zur Gewinnung der harmonischen Vorstellungsart. Diese ist das eigentliche Ausdrucksgebiet der Zeit des klassischen Idealismus. Hier hat die melodische Oberstimme unumschr�nkte Freiheit, reichste Bewegungskraft, vollendeten Pers�nlichkeitswert gewonnen. Keine Gebundenheit mehr, keine vorbewu�te Bezugnahme auf ein �berindividuelles Ganzes ist vorhanden die typenhafte Einzelformung hat sich zu sch�rfster Subjektivierung gesteigert. Es herrscht die Melodie, als unmittelbare Spiegelung des Pers�nlichkeitsbewu�tseins, periodisch umgrenzt, physiognomisch von �u�erster Bestimmtheit des Schnittes. Diese Melodie ist empfangen aus dem Vorgef�hl der Harmonie. Die innere Bewegung der Harmonie, ihr gesetzm��iger Ablauf gibt die inneren Richtpunkte f�r die Melodie, �hnlich und doch ganz anders wie in der Polyphonie die konstruktive Idee der Gesamtform den Wuchs des thematischen Gedankens beeinflu�te. Dieser thematische Gedanke der polyphonen Musik war bei allem Eigenwert ein Partialgedanke, die Melodie dagegen, namentlich der fr�hklassischen Zeit bis zu Mozart, ist in sich geschlossen, fertig, ein lebendiges, organisch gegliedertes, selbst�ndiges Wesen. So offenkundig ihre Gestaltung aus der Einbeziehung des Harmoniegef�hles mitbedingt ist, so zweifellos ist doch der bestimmende Zug des rein melodischen Impulses, die Unterordnung der Harmonie vorzugsweise zur St�tzung und Bekr�ftigung der melodischen Erscheinung. Melodie im Sinne der gro�en klassischen Kunst, wie sie am reinsten bei Mozart, vorbereitend bei Haydn, abschlie�end bei Beethoven und Schubert erklingt, ist das musikalische Symbol der freien Pers�nlichkeit, die k�nstlerische Formung h�chsten Individualit�tsbewu�tseins. Man kann die Gesetze. ihres Baues durchforschen, man kann sie stilistisch kopieren. Aber keine noch so starke melodische Erfindungsgabe einer sp�teren Zeit kann ihre Wirkung ann�hernd erreichen, weil ihr Geheimnis nicht in spezifisch musikalischen Gesetzen liegt, sondern in der Gewalt des Ethos, dem sie entsprungen ist. Dieses Ethos zwang die Harmonie zur Dienstbarkeit gegen�ber der melodischen Individualit�t. Sie blieb Tr�gerin der Kraft, sie durchdrang in der Hochbl�te der klassischen Kunst den harmonischen Unterbau bis in die feinsten Ver�stelungen, so da� in den sp�teren Quartetten Beethovens die harmonische F�gung der Stimmen durch freieste melodische Auflockerung fast bis zur Polyphonie gesteigert wird, ja teilweise zu deren Formenbau zur�ckkehrt: in Mozarts Jupiter-Sinfonie und "Zauberfl�te"-Ouvert�re, in Beethovens Ouvert�re "Weihe des Hauses" im Finale der Neunten Sinfonie, vor allem in den drei gro�en B-Dur-Fugen: der Sonate op. 106, des Credo der "Missa", des Streichquartetts op. 130. Doch ist diese �bereinstimmung der melodisch homophonen mit der polyphonen Kunst nur �u�erlich stilistischer Art. Aus einer ins Grandiose gesteigerten melodischen Phantasiekraft heraus wird die Linienkunst der alten Polyphonie hier dem harmonischen Bewu�tsein dienstbar gemacht, aus der Fl�chendimension in die Tiefendimension �bertragen, auf solche Art diese mit konstruktiver Klarheit f�llend: Kundgebung h�chstgesteigerter Pers�nlichkeitskraft, deren melodischer Wille H�he und Tiefe der Klangwelt durchdringt und mit t�tiger Schaffensenergie nach seinem Bilde gestaltet. Linear sich entfaltende Polyphonie mit dem Ziel fl�chenhafter Ausbreitung und Zusammenfassung, melodische Homophonie, gest�tzt auf den imagin�ren Unterbau der harmonisch r�umlichen Tiefe waren zwei in sich grundverschiedene Arten der Klanggestaltung, sch�pferische Kundgebungen zweier in sich selbst�ndiger, mit eigener Kraft des Schauens und Formens begabter Zeitalter. Der Romantik fehlt diese F�higheit eigensch�pferischen Bildens. Wie hinsichtlich der Stoffbehandlung, wie hinsichtlich der geistigen Problemstellung, ist sie auch in bezug auf spezifisch klangmusikalische Formung eine Niederbruchserscheinung im Gefolge des Klassizismus. Die beherrschende melodische Kunst, dieses Siegelzeichen der festen Pers�nlichkeit, geht ihr verloren. Wohl bleibt ihr Musikempfinden melodisch orientiert, aber die Melodie verliert die feste, in sich ruhende Geschlossenheit der klassischen Melodik. Der Schwerpunkt sinkt unter die melodische Oberfl�che in die Harmonik, diese tr�gt jetzt den Bewegungsantrieb in sich. Bei den Klassikern erscheint das ganze musikalische Gebilde in unmittelbarer plastischer Gegenst�ndlichkeit, Melodik als formbestimmender Umri�, Harmonik als f�llende K�rperhaftigkeit. Nun wird die Harmonik zur innerlich f�hrenden Kraft, und die Melodie zeigt in ihrem Verlauf mehr und mehr nur den Wellenschlag der harmonischen Innenbewegung, Wagners Begriff der "unendlichen Melodie", die "mit einer einzigen harmonischen Wendung den Ausdruck auf das Ergreifendste umstimmen kann," ist die nat�rliche und richtige Kennzeichnung einer Musikempfindung, deren Zentrum in der Vorstellung und Betonung der harmonischen Wirkung liegt, deren Melodik daher mehr und mehr zur Verkn�pfung der Harmonien wird. Nicht nur bei Wagner und Liszt, auch bei Schumann, Spohr, Marschner, Weber, selbst bei dem klassizistisch eklektischen Mendelssohn ist diese Gestaltung der Melodie aus dem Willen der Harmonie erkennbar. Sie steigert sich bei Brahms, den Wagner- und Liszt-Epigonen bis zur v�lligen Abh�ngigkeit des mehr und mehr zur Andeutung verfl�chtigten melodischen Gedankens voll der dominierenden harmonischen Konzeption. Es bedarf kaum des Hinweises, da�, gerade wie sich bei Bach in Einzelf�llen bereits h�ufig Beispiele melodischer Homophonie finden, so auch bei den Klassikern, namentlich bei Beethoven und dem innerlich bereits stark romantisierten Schubert, die Harmonie gelegentlich f�hrend und ausdrucksbestimmend hervortritt. Aber abgesehen davon, da� solche F�lle im Hinblick auf das Gesamtwerk Ausnahmen bedeuten, zeigt sich auch bei genauer Betrachtung, da� selbst hier der bestimmende Grundimpuls melodischer Natur ist. Die Klangvorstellung, aus der die Musiker des klassischen Idealismus sch�pfen, l��t sich bezeichnen als harmonisierte Melodik, die der Romantiker als melodisierte Harmonik. In solcher Gegen�berstellung liegt zun�chst keine Wertung. Sie ergibt sich erst, wenn man Sinn und Folge dieser Wendung betrachtet. Der Sinn war der gleiche wie in der romantischen Bewegung �berhaupt: Abkehr von der Realit�t, von der Gegenst�ndlichkeit des F�hlens, wie sie sich in der Formung der selbsteigenen, geschlossenen Melodie aussprach, Flucht in die Unwirklichkeit, in die magische Phantastik des harmonischen Raumes, dessen Unbestimmtheit durch die zu st�ndigem Wechsel, pl�tzlicher Umstellung und �berraschung f�hrende Chromatik noch gesteigert wurde. Die Harmonie, die sich nicht, wie in der polyphonen Kunst, als sekund�re Folge ergibt, auch nicht, wie in der klassischen Homophonie, dienender Unterbau der melodischen Gestalt, sondern Herrin und F�hrerin ist, bedeutet als �sthetisches Ph�nomen die Verlegung des Gef�hlszentrums in eine spekulative Sph�re. Belebt wurde sie durch eine allm�hlich bis ins kleinste sich erstreckende motivische Gliederung, aus deren sinnvollem Ineinandergreifen sich ein k�nstlich organisches Gegenbild der Wirklichkeit ergab. Wagner macht sich Schopenhauers romantische Musik�sthetik zu eigen: die Musik ist Spiegelung aller Objektivierungen des Willens, von der niedersten bis zur h�chsten Stufe. Alles ist innerlich aufeinander bezogen durch die Harmonie, und oben schwebt als letzte Bindung der einigende melodische Faden. Schopenhauer exemplifiziert zwar nicht auf Wagner, auch nicht auf die Klassiker, sondern auf Rossini. Seine Betonung der prim�ren Bedeutung der Melodie zeigt seine Herkunft vom Idealismus, in seiner Auffassung vom Wesen der Harmonie aber ist er durchaus der an die Vorstellung des imagin�ren musikalischen Raumes und seines innerorganischen Lebens gebundene Romantiker. Dies ist der Sinn der romantischen Wendung zur melodisierten Harmonik: die Gewinnung der musikalischen Raumvorstellung zum Aufbau einer illusionistisch bewegten Klangwelt als Widerspiel und Korrektiv der Realit�t. Die Folge war eine st�ndig zunehmende �bersch�tzung des Wesens und der Bedeutung der Harmonie, die f�r den Romantiker schlie�lich der Inbegriff des Wesens der Musik �berhaupt wurde. In seiner Schrift "Die neue �sthetik der musikalischen Impotenz" gibt Hans Pfitzner eine entwicklungsphilosophische musikgeschichtliche Skizze, in der er eine scharfe Grenzlinie zieht zwischen der Zeit, wo Musik nur Wissenschaft gewesen, und der Zeit, wo sie Kunst geworden sei. Als Kennzeichen des �bergangs von der Wissenschaft zur Kunst wird genannt der Augenblick, in dem "der Geist der Musik endlich das so lange vorenthaltene Kleinod" herausgab, "den Teil seines Wesens, in dessen Besitz die Musik zum erstenmal in der Welt als selbstherrliche Kunst auftreten konnte: die Welt der Harmonie". Es ist hinzuzusetzen, da� Pfitzner den Beginn der harmonischen Musikauffassung wesentlich fr�her ansetzt, als es hier geschieht, n�mlich schon im sp�ten Mittelalter, da� er also Unterschiede zwischen polyphoner, melodisch homophoner und harmonischer Musikempfindung nicht annimmt. Indessen handelt es sich nicht darum, �ber Notwendigkeit und Berechtigung dieser Abgrenzungen zu sprechen. Bezeichnend ist lediglich die Tatsache, da� der Epigone der Romantik in der Harmonie schlechthin das Wesenhafte der Musik erblickt, da� es ihm "�u�erst schwer, wenn nicht unm�glich ist, sich eine wahrhafte homophone Tongestalt vorzustellen", da� bei ihm eben jegliches Musikempfinden an die bewu�t oder unbewu�t mitschwingende Harmonie gebunden ist. Das ist als subjektives Bekenntnis zweifellos wahr und richtig und erkl�rt alle weiteren Folgerungen, die Pfitzner aus seiner �sthetischen Grundanschauung zieht. Falsch daran ist nichts als die These selbst von der Harmonie als dem Urwesen der Musik, falsch in bezug auf die Bezeichnung der fr�hmittelalterlichen Musik als blo�er Wissenschaft und das Nichtvorstellbare einer homophonen Tongestalt: g�be es kein anderes Denkmal der musikalischen Fr�hzeit als den Gregorianischen Choral, so w�re der unwiderlegliche Gegenbeweis erbracht. Aber auch in der Neuzeit ist die harmonische Musikvorstellung als richtunggebende Empfindungsart erst zuletzt mit allen Symptomen einer Nachbl�te zur Geltung gekommen. Wer in ihr das Wesenhafte der Musik �berhaupt erkennt, der freilich mu� unvermeidlich, selbst wenn es heute keine andersgerichtete Musik g�be, wenn also eine Opposition gar nicht in Frage k�me, zur �sthetischen Erkenntnis eines Unterganges kommen. Denn wirklich: diese Welt der Harmonie, dieses kunstvolle, praktisch und theoretisch zur vollkommensten Organik entwickelte Phantom einer musikalischen Raumvorstellung, dieses Illusionsgebilde, dessen imagin�re Realit�t Verstand und Spekulation zu denkbar h�chster rationaler Gesetzm��igkeit ausgebaut haben -- es geht wahrhaft unter, geradeso, wie die Romantik untergeht, deren merkw�rdigste und eigent�mlichste Sch�pfung es ist. Die Welt der Harmonie geht unter -- aber die Welt der Musik bleibt bestehen. Beide sind nicht identisch, und die Zeit der harmonischen Musikempfindung ist im Ablauf des geistigen Werdens nur eine Episode der Musikgeschichte, nicht einmal eine selbst�ndige, sondern eine Ableitung, eine Wucherung der melodisch homophonen Musik. Was sie der Romantik innerlich zugeh�rend und konform erwies, war der starke spekulative Anreiz, den ihr Ausbau dem Verstande bot, war der Grundzug rationeller Vern�nftigkeit, der ihr nicht nur �u�erlich, sondern rein gef�hlsm��ig aufgepr�gt war und ebendarum schematisch formalistische Bildungen au�erordentlich beg�nstigte, ja ihnen noch den Charakter besonderer Ehrw�rdigkeit und Tugend gab. An und in diesen Bildungen ist nun die Welt der Harmonie erstarrt. Sie vermag sich nicht mehr aus ihnen zu l�sen, weil sie in Wahrheit gar keine Welt ist oder war, sondern nur eine Insel in der Welt, deren Umkreis nun erkannt ist und deren Geheimnisse durchforscht sind. Auf dieser Insel stehen wir heut und sp�hen in die Weite, um den Weg zu neuen K�sten und L�ndern zu erforschen. Der Kompa�, der dahin f�hren soll, ist das Bewu�tsein der irrationalen Natur der Musik. Aus diesem Bewu�tsein erw�chst die Abwendung von der Harmonie als Grundlage der Klangempfindung. Diese Harmonie hatte in ihrer Entwicklung die Verbindung mit dem gef�hlsm��igen Quell musikalischen Lebens verloren, sie hatte sich zu einer Massenh�ufung von "Systemen" verh�rtet -- keine Art der Klanganschauung hat eine solche, fast un�bersehbare Menge von Systemen hervorgebracht, hat die Denkart der Menschen derart auf dogmatische Gebiete abgeleitet. Es gilt nun, diese lebendige Dogmatik der Harmonielehren als Lehren nicht etwa nur des technischen Satzes, sondern vor allem als Zwangsschienen des Empfindungsverm�gens abzustreifen. Es gilt, dar�ber hinaus den Weg zu einer neuen, dem Verlangen nach au�ervernunftm��iger Klanganschauung und -gestaltung entsprechenden Kunst zu finden. Hier stehen wir gegenw�rtig, und in der gekennzeichneten Aufgabe, der Gewinnung einer im Wesen neuen Art der Musikanschauung �berhaupt liegt alles beschlossen, was die Musik an Teilproblemen anderer Art bietet. Gemeinschaftsgef�hl, religi�ses Bewu�tsein, Symbolik des Spieles, alles dies sind ins Begriffliche gewendete Ausstrahlungen des zutiefst musikeigenen Problems unserer Gef�hlsauffassung der Musik. Die Fragen des Stiles, der Form, der klanglichen Fassung sind gleichfalls an sich nicht prim�rer, entscheidender Art. Auch ihre L�sung ist bedingt durch die Art, wie wir Musik als Ph�nomen an sich empfinden, aus welcher Einstellung des Gef�hles wir sie erfassen. Wir sind Suchende. In dieser Tatsache des Suchens mag mancher im [sic] Zeichen zeitlicher Schw�che sehen. "Alles Neue und Originelle gebieret sich von selbst, ohne da� man danach suchet", hat Beethoven gesagt. Es war zweifellos richtig -- f�r Beethoven, und wir d�rfen, ohne uns zu sch�men, zugestehen, da� unter uns gegenw�rtig kein Beethoven lebt. Aber wir d�rfen auch hinzusetzen, da� Kolumbus Amerika nicht entdeckt h�tte, ohne es zu suchen. Wir d�rfen sogar weiter sagen, da� er eigentlich etwas Ganz anderes suchte als Amerika, da� er von diesem Erdteil gar nichts wu�te, ja da� er ihn in Wirklichkeit auch nicht entdeckt hat, sondern einer T�uschung verfiel -- und da� er doch die k�hnste Entdeckernatur war, vor deren Namen und Tat die Geschichte inneh�lt. Was ihn trieb, war der Zwang zur neuen Welt. In der Kraft, mit der er dieses Mu� des Zwanges zur Tat wandelte, lag das Entscheidende seiner Gr��e, nicht im unmittelbaren realen Ergebnis. Wir sind in der Lage der Kolumbuszeit. Die S�fte der alten Welt sind vertrocknet, sie stirbt, ihre gl�ubigen Einwohner sagen es selbst, und wir m�ssen einsehen, da� sie recht haben. Aber wir h�ngen nicht so an ihr, wir f�hlen uns ihr nicht so verbunden, da� wir mit ihr sterben wollen. Im Gegenteil, wir sind der Meinung, da� sie wohl tut, zu sterben, weil ihre Zeit um ist und wir den Glauben haben an die neue Welt, obwohl wir sie noch nicht sehen. In der Tatsache dieses Glaubens an das Unbekannte liegt etwas, das mehr ist als lediglich negative Opposition gegen das Bestehende, etwas, das der bisherigen Zeit fremd war, uns ihr �berlegen macht und uns die �berzeugung gibt, da� die Fahrt sein mu�, weil eben der Glaube es befiehlt. Ob wir nun Indien auf dem andern Wege um die Welt erreichen, oder vielleicht ein ganz neues Land, das k�nnen wir nicht sagen. Wir wissen nur, da� wir fahren m�ssen, nicht aus Abenteurerlust, sondern unter dem Gebot der inneren Verhei�ung. In der Erf�llung dieses Gebotes liegt unsere Sendung. So verlassen wir die alte romantische Welt der Harmonie. Der Blick wendet sich zur�ck auf das, was vor ihr war. Die sch�ne Idealwelt des Klassizismus erkennen und verehren wir in all ihrer Hoheit, die Sinfonien Haydns, die Opern Mozarts, die Quartette Beethovens sind Bestandteile unsres Menschentums, die wir nicht hergeben k�nnten, ohne uns selbst zu vernichten. Aber diese Welt ist fertig. Sie hat die freie Pers�nlichkeit, die gro�e Melodie der Menschen gebracht. Was dar�ber hinaus lebendig und triebkr�ftig an ihr war, hat auf eben den Weg gef�hrt, den wir jetzt verlassen. Der Mensch als Einzelwesen hat als Objekt der Kunst alles gegeben, wag er zu geben vermochte, von der reinen Zusammenfassung st�rkster Schwungkr�fte des Geistes bis zur leidvollen Selbstzersetzung. Psychische und akustische Vorg�nge entsprechen einander: die Harmonie, diese merkw�rdige Auseinanderlegung des Haupttones in die gleichzeitig klingenden Nebent�ne ist als Klangph�nomen eine Zersetzungserscheinung, die die plastische Kraft der Melodik von innen her zerst�rt. Dieser Zerst�rungskeim lag in der klassischen Kunst der melodischen Homophonie eingeschlossen, �hnlich wie die immer h�her gesteigerte Individualbelebung schlie�lich zur Aufl�sung der Polyphonie gef�hrt hatte. Nun haben wir den Kreis des Einzelwesens umschritten und ausgeforscht, das Individuum als solches ist wieder einmal im Lauf der Menschheitsgeschichte erkannt. Es hat von sich allein aus nicht mehr viel oder gar nichts mehr zu geben auf lange Zeit hinaus, wir haben kein Interesse mehr an ihm, seinen Gesetzen, seinen Intimit�ten. Die Gattung, der Typus, die Gesamtheit r�ckt wieder vor, das menschlich Gemeinsame tritt an die Stelle des pers�nlich Besonderen, die Wage des Gef�hles senkt sich wieder nach der anderen Seite: vom melodisch harmonischen Individualismus zum polyphonen Kollektivismus. Freilich zielt diese Umschaltung nicht auf Wiederaufnahme der alten polyphonen Kunst. In diesem Fall w�re sie nichts anderes als ebenfalls romantische Stilk�nstelei, die nur statt auf Mozart auf Bach Bezug nimmt. Es handelt sich vielmehr um einen neuen, elementar bedingten Durchbruch der polyphonen Musikauffassung, die als solche der vorklassischen Zeit n�hersteht als der klassischen, im �brigen ihrer stilgesetzlichen Besonderheit nach von der Polyphonie Bachs mindestens ebenso weit entfernt ist wie diese etwa von der polyphonen Kunst des Mittelalters. Die zwischen zwei derartigen geistesartlich verwandten Epochen liegenden Erlebnisse und Ausblicke sind Erfahrungen, die nicht vergessen werden k�nnen. So sicher der subjektivistische Aufl�sungsproze� der harmonischen Empfindungsart nicht mehr im Mittelpunkt des musikalischen F�hlens steht, so bedeutsam wirken doch seine Ergebnisse auf die sich neu heranbildende Art der Musikauffassung nach. Das hier angeschlagene Problem ist keines einer einzelnen Nation, sondern der Menschheit. Die gro�e Krise, in der wir stehen, die Erkenntnis der Notwendigkeit einer �nderung unserer Gef�hlseinstellung gegen�ber allen Erscheinungen des Seins, der �berwindung des Individuums, der Erfassung von Leben und Welt aus einem Mittelpunkt au�erhalb unsrer selbst ist eine Aufgabe, die schon ihrer Natur nach nicht auf nur ein Volk beschr�nkt bleiben kann. Wir sehen auch �berall gerade in der Musik der V�lker alter und neuer Kultur Ans�tze zu einer Entwicklung im angedeuteten Sinn. Wir sehen sie aber in der deutschen Musik besonders auffallend. Sicherlich nicht nur, weil wir ihr am n�chsten stehen. Kein Volk hat das Erlebnis der Romantik mit so starker, gl�ubiger Intensit�t in sich aufgenommen, keines ist so bis auf die tiefsten Wurzeln seines Wesens davon ergriffen worden. Keines hat dieser Entwicklung zum Individualismus und Subjektivismus so mannigfaltige, reiche Fr�chte abgewonnen und -- bei keinem hat der geistige Zersetzungsproze�, die Krankheitserscheinung der Romantik so verheerende Folgen gehabt. Es ist begreiflich, da� daher auch gerade aus der deutschen Musik der erste und st�rkste Vorsto� gegen die romantische Kunst erfolgte, der ihn in gedanklichem Phantasiespiel vorbereitete, ist der Deutsch-Italiener Busoni, der ihn f�hrte, ist Arnold Sch�nberg. Gleich Mahler und Schreker ist auch Sch�nberg ein Abk�mmling der Romantik, der in seinen Anfangswerken mit vollem Bewu�tsein die vielleicht reichste, phantasievollste Harmoniewelt der Epigonenzeit aufbaute. Aber eben diese Leichtigkeit der Weiterbildung �berkommener Gesetzm��igkeiten hat in ihm fr�h den kritischen Trieb geweckt, hat die Erkenntnis gesch�rft f�r das konventionell Gebundene dieser Kunst. Was Mahler durch seine vorwiegend ethisch religi�se, Schreker durch die elementare Triebhaftigkeit seiner sinnlichen Phantasie fand, das erreichte Sch�nberg durch die unerbittliche Sch�rfe und fanatische H�rte seiner kritischen Fragestellung. Der k�hnste, r�cksichtsloseste Intellekt der Nachromantik erkannte die intellektuelle Bedingtheit dieser Kunstart. Auf dem Gebiet vernunftm��ig geregelten Musizierens floh er in das Bereich der beziehungslosen, rein phantastisch bewegten Musik, die aus der �bersteigerung des Subjektivismus diesen �berwindet, aus der spekulativen Zerfaserung der Harmonie diese aufhebt, aus der atomisierenden Aufl�sung des Einzelnen, Besonderen wieder zur Erfassung des Allgemeing�ltigen, Typischen, Menschlichen gelangt. Es ist das, was nach Abstreifung des Individuellen �brigbleibt, im Gegensatz zu der �lteren Typenauffassung, vor der das Pers�nliche als eigenberechtigt noch gar nicht bestand. Dementsprechend ist Sch�nbergs Musik im Vergleich zu der visuell fl�chenhaft empfundenen, wuchtig klaren Ornamentik der Bachschen Polyphonie auf Erfassung des seelisch Essentiellen gerichtet, mehr Gef�hlsvibration als -darstellung. Das Polyphone an ihr ist mehr Mittel als Zweck. Es ergibt sich nicht aus dem Willen des Zusammenschlusses, sondern des irregul�ren Nebeneinander, das die Harmonie nicht mehr kennt und die Stimmen aus der r�umlichen Tiefe wieder in die lineare Parallele zu bringen sucht. Das Ziel aber, die Idee der Einigung, ist nicht eigentlich kollektivistischer Art, es ist nicht Vielstimmigkeit im Sinne der alten, organisch gebauten Polyphonie. Es ist vielmehr eine Einstimmigkeit im absoluten Sinne, entharmonisierte Melodik freiester Art, Projizierung aller Bewegungskr�fte des Gef�hls in eine einzige Linie, die polyphone Mannigfaltigkeit des Stimmklangs, individualisierende melodische Geschlossenheit und harmonisches Raumgef�hl in einem vereinigt. Die verwirrende, scheinbar mi�t�nende Polyphonie des Sch�nbergischen Satzes ist in Wahrheit nichts anderes als das Suchen nach dieser Einstimmigkeit h�chster Art, als der Versuch, den Klang immer mehr auf das Urwesenhafte zu beschr�nken, ihn aller einengenden Subjektivismen zu entkleiden, ihn lediglich zum Symbol des auch formal im Verstandessinne Unfa�baren, des psychologisch nicht Deutbaren, des Irrationalen zu machen. Damit gelangt die Musik durch das Mittel der Polyphonie wieder zu einer Homophonie zur�ck, von der der romantische Musik�sthetiker meint, da� man sie sich in Wahrheit �berhaupt nicht vorstellen k�nnte. Und doch liegt in der Aufgabe, diese Vorstellungsgabe zu gewinnen, der Kern der musikalischen Probleme unserer Zeit. Je mehr wir erkennen, da� die Kurve der musikalischen Bewegung tats�chlich dauernd in absteigender Linie l�uft, da� alles, was uns das 19. Jahrhundert gebracht hat, Produkt st�ndig zunehmender Materialisierung, Steigerung der Mittel unter Vergessen oder theatralischer Vort�uschung der seelischen Grundkr�fte bedeutet, um so st�rker wird der Drang nach Abstreifung all dieser artifiziellen Ausw�chse, nach Vereinfachung, nach R�ckgewinnung der urspr�nglichen Naturkraft des musikalischen Klanges. Solche Vereinfachung ist nicht zu finden durch Reduzierung der �blichen Mittel, nicht durch eigensinniges Festhalten an einem gegebenen historischen Schema, auch nicht durch stilistische Verkleidungsk�nste. Sie setzt voraus v�llige Umstellung der seelischen Grundkr�fte, aus denen die Musik erw�chst, Wille und F�higkeit, Musik �berhaupt au�erhalb aller Konvention als Formung elementarer Gef�hlskraft, als Naturlaut zu erkennen. Um zu solcher reinen Homophonie zu gelangen, m�ssen wir f�hig werden, die absolute Linie nicht als Teilornament eines polyphonen Gewebes, nicht als F�hrerin oder abgrenzende Umkleidung der harmonischen Bewegung, sondern als selbst�ndige Ausdrucksgestaltung h�chst potenzierter Kraft zu empfinden. Dies ist wohl die Richtung, in die Sch�nbergs Schaffen deutet. Wenn wir �berhaupt an die M�glichkeit des Weiterlebens der Musik oberhalb der bl�den Gewohnheit und des gedankenlosen Betriebes glauben, so k�nnen wir es nur in der Richtung der prophetischen Kunst Sch�nbergs f�r denkbar halten. * * * Man pflegt in Deutschland den Deutschen im allgemeinen als musikalisch hervorragend begabt und das deutsche Volk als auf musikalischem Gebiet vor allen anderen ausgezeichnet anzusehen. Wie weit solche Ansicht der Wirklichkeit entspricht, w�re genau wohl nur durch vergleichende Statistik festzustellen. Zun�chst ist die Tatsache unzweifelhaft, da� Franzosen und Italiener eine sehr hochstehende geschichtliche Musikkultur, die Russen eine au�erordentlich eigent�mliche Kirchen- und Volksmusik aufzuweisen haben, und da� der Durchschnittstyp des Italieners, Tschechen, Russen an nat�rlicher Musikalit�t dem Deutschen mindestens gleichkommt. Dem Talent und der produktiven Veranlagung nach d�rfte es vielleicht schwerfallen, den Vorrang der Deutschen zu beweisen. In einer Beziehung aber scheinen sie sich gegen�ber anderen, �hnlich begabten V�lkern hervorzutun: in der Art n�mlich, wie ihre Musik zum unmittelbaren Abbild ihrer Geistesgeschichte wird, wie sie alle Wandlungen der Volksseele in sich aufnimmt, sie widerspiegelt, ja aus ihnen eigentlich die Impulse ihres Seins empf�ngt. Die Musik anderer V�lker ist wohl ebenfalls Wandlungen unterworfen, aber dies sind Wandlungen des Geschmackes, und so mannigfache Verschiedenheiten es etwa innerhalb der italienischen oder franz�sischen Oper der beiden letzten Jahrhunderte gibt, so sind dies im Grunde genommen nur Unterschiede des Zeitstiles, der Einkleidung. Gleich bleibt sich stets die durch nationales Temperament bedingte Auffassung der Musik als unmittelbarer Sprache der Sinne, des Blutes, des Formwillens. F�r den Deutschen dagegen ist die Musik angewandte Metaphysik. Dies gilt nicht nur f�r den betrachtenden Beobachter, es gilt f�r den Schaffenden wie f�r den Aufnehmenden, es gilt f�r jeden Deutschen. Diese metaphysische Einstellung zur Musik ist eine der grundlegenden, logisch nicht zu erkl�renden Eigenschaften des Volkscharakters oder der Volksseele. Sie wird ebenso offenbar am einfachsten Lied wie an der kompliziertesten Kunstmusik, und sie ist es, nicht irgendwelche konventionelle Eigenheit der Faktur, die der deutschen Musik ihr eigent�mliches Gepr�ge, ihre Sonderstellung innerhalb der Kunst aller V�lker gibt. An sinnlicher W�rme des Blutes wird uns stets der Italiener, an Klarheit und logischer Beherrschtheit der Gestaltung stets der Franzose �berlegen sein. Das �bersinnlich-Unaussprechbare, der Wille zum Transzendenten, die Verwebung feinster Probleme des Geisteslebens mit den Gesetzen der Klangformung, die Empfindung des Klanges �berhaupt als metaphysischen Symboles ist die bezeichnende Eigenheit der deutschen Musik. Schon daraus ergibt sich ihr Angewiesensein auf Zufl�sse von au�en. Es ist nie zu bef�rchten, da� solche Zufl�sse sie sch�digen, ihrer Originalit�t berauben k�nnten. Abgesehen davon, da� es eine schwache Originalit�t w�re, die sich nur durch gewaltsame Absperrung zu halten vermag, wird die deutsche Musik niemals ernstlich f�hig sein, fremdl�ndische Muster wirklich zu kopieren. Sie kann gar nicht anders, als die ihr zugetragenen Gef�hls- und Formanregungen aus der ihr eigent�mlichen metaphysischen Grundeinstellung erfassen, sie also in eine v�llig andersgeartete Vorstellungs- und Empfindungssph�re �bertragen. Andererseits macht gerade diese Art der Grundeinstellung steten Zuflu� blut- und formgebender Kr�fte von au�en her erforderlich. Wir sind auch als musikalische Kulturtr�ger kein Volk der Selbsterzeuger, wir sind ein Volk der Verarbeiter. Wo je im Lauf der gesamten Geschichte die deutsche Musik einen H�hepunkt erreicht hat, da hatte sie auf fremdv�lkischem Material aufgebaut. Wegen dieses au�ernationalen Ursprunges und wegen der metaphysischen Steigerungskraft der deutschen Musik sind solche H�hepunkte zugleich H�hepunkte der musikalischen Kunst �berhaupt geworden. Wo aber die deutsche Musik durch den Gang der Ereignisse nach au�en abgeschlossen wurde, da ist sie bla� und schwach geworden, ihre Metaphysik hat der Unterlage einer lebendigen Physis entbehrt. So ist die deutsche Musik unmittelbar dem deutschen Geistesleben im tiefsten Sinne verkn�pft und spiegelt dessen Wandlungen ihrer metaphysischen Natur nach in unerbittlich genauer Sch�rfe. Zur F�hrung berufen, der letzten Abkl�rung f�hig und zugewandt, vermag sie zu diesen h�chsten Eigenschaften ihres Wesens nur im Durchgang durch andere zu gelangen. National bedingt, ist sie nach Gesinnung und Auswirkung eine europ�ische Kunst, in ihr leben und k�mpfen die Probleme des europ�ischen oder schlechthin des Menschentums �berhaupt. Der gro�e Niederbruch hat sie gepackt und mitgerissen wie kaum eine andere Zeiterscheinung der Geistesgeschichte. Was im heutigen musikalischen Leben Deutschlands vor sich geht, ist das getreue, im einzelnen ins Groteske verzerrte Abbild unseres allgemeinen Lebens. Es wird gek�mpft nicht nur um �berzeugungen und Urteile, es wird gek�mpft um Gesinnung und Macht, es wird gek�mpft nicht mit Einsichten und Gr�nden, sondern mit Terror und L�ge, es wird gek�mpft nicht um sachliche Werte, sondern um pers�nliche Interessen, und das Was und Wie all dieser K�mpfe ist eine grobe Karikatur der Dinge, deren reiner Name mi�braucht wird. Aber in dieser Musik lebt hinter allen Trugmasken, heut noch fern dem Tage, Erkenntnis der tiefsten Notwendigkeit geistiger Erneuerung. Es lebt der Glaube an das Kommende, das andere, das mit Namen nicht zu nennen ist, und dessen Dasein doch innerlichst ersp�rt wird. Es lebt die Idee, da� nicht nur Untergang, sondern auch Aufgang bevorsteht, es lebt die Vorstellung des unbekannten Gottes. Gerade in der deutschen Musik ist sie lebendig, zieht sie ihre starken Spuren, wirkt sie mit wachsender prophetischer Kraft. Sie hat uns die F�higkeit des Glaubens, de �berzeugung von der Notwendigkeit dieses Glaubens als seelischer Voraussetzung aller Offenbarung gebracht. Das ist ihre st�rkste Leistung. Der Erf�llung m�ssen wir noch harren, bis wir selbst ihrer f�hig sind. DIE DEUTSCHE PHILOSOPHIE DER GEGENWART VON MAX SCHELER Vom "Volksverband der B�cherfreunde" und dem Herausgeber aufgefordert, auf engem Raum ein Bild zu geben von der gegenw�rtigen deutschen Philosophie, ist der Verfasser sich bewu�t, da� der Gegenstand mehr wie je als ein im Werden befindlicher betrachtet werden mu�. Die Tendenz auf Zersprengung vorhandener, lange bew�hrter Formen, die in den Sph�ren des sozialen Lebens, der Kunst (Expressionismus) und der Wissenschaft (Relativit�tslehre) mit seltsamer Gleichzeitigkeit auftritt, ist auch in der Philosophie der Gegenwart weit gr��er, als es der erste Augenschein lehrt. Die besondere Absicht, die der sonst solchen Zusammenfassungen wenig geneigte Verfasser mit diesen Zeilen verbindet, ist, einem gr��eren Bildungskreise die M�glichkeit zu geben, sich durch eigene Gedankenarbeit in diejenigen Leistungen der gegenw�rtigen Philosophie tiefer einzuarbeiten, die er nach eigenem philosophischen Urteil f�r die triebkr�ftigsten und zukunftsreichsten h�lt. Die menschliche und nationale Selbstbesinnung nach dem tiefgreifenden Zusammenbruch unseres Staates und unserer bisherigen gesellschaftlichen Ordnungen vollzieht sich in der Philosophie in der h�chsten und durchgeistigtsten Form. Richtungen und Wege zu ihr m�gen daher indirekt auch auf diesen Bl�ttern mitbezeichnet werden. Es wird dem Verst�ndnis dienlich sein, wenn der Verfasser schon hier am Anfange in vager Weise die formale Gestalt der Art von Philosophie bezeichnet, auf die hin das Beste der gegenw�rtigen Arbeit zielt. Insofern behauptet er: Eine universale, durch die nationalen Mythen nicht gebundene, mit traditionalistischen Schulstandpunkten und ihren terminologischen Geheimsprachen prinzipiell brechende S a c h philosophie, die auch die metaphysischen Weltanschauungsfragen in den Grenzen, in denen es Philosophie im Unterschied zur Religion allein vermag, in kritischer und vorsichtiger Weise wieder einer L�sung zuzuf�hren sucht, beginnt sich unter der methodischen Leitung des Satzes vom Primat des Seins vor dem Erkennen in der Gegenwart von den verschiedensten Seiten her aufzuarbeiten. Der Subjektivismus, erkenntnistheoretische Idealismus, Relativismus, Sensualismus, Empirismus und Naturalismus wird im Aufbau dieser Philosophie langsam � b e r w u n d e n, und es wird wie von selbst eine Wiederankn�pfung der Philosophie stattfinden an die gro�en Traditionen jenes objektiven Ideenidealismus, der etwa bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts das europ�isch-christliche Denken immer noch notd�rftig zusammenhielt -- eine Wiederankn�pfung, die um so wertvoller sein d�rfte, als sie ungewollt und aus der schlichten Untersuchung der Sachprobleme der Philosophie selbst sich ergibt: gleichzeitig aber das neue positive Wissen, das die Einzelwissenschaften erarbeitet haben, in sich aufnimmt. Diese Philosophie wird nicht sein wollen die D e s p o t i n der Einzelwissenschaften, wie in der sogenannten "klassischen" Epoche der deutschen Spekulation (z. B. Hegel), noch blo�e D i e n e r i n der Einzelwissenschaften (als Erkenntnistheorie und Methodologie), sondern wird in dem daseinsfreien "W e s e n" aller Seinsgebiete der Welt einen selbst�ndigen, n u r der Philosophie zug�nglichen G e g e n s t a n d besitzen, den sie mit eigenen Methoden zu erkennen unternimmt. Will man die Philosophie der Gegenwart verstehen, so wird man sie auf den gr��eren Hintergrund der Philosophie des 19. Jahrhunderts mit ihren Phasen projizieren m�ssen. Die Merkmale der G e s a m t g e s t a l t der Philosophie des 19. Jahrhunderts sind gegen�ber der Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts die folgenden: Die Philosophie des 19. Jahrhunderts zeigt erstens eine weitgehende n a t i o n a l e Verengung. Der Denkverkehr der europ�ischen Nationen, wie er uns etwa in einer Figur wie Leibniz gegenw�rtig ist, wird durch die steigende Ausbildung des nationalen Selbstbewu�tseins und des nationalen Mythos erheblich geschw�cht. Besonders in Deutschland wird mit Kant, obzwar dieser gro�e Geist sich selbst noch vollst�ndig als B�rger der kosmopolitischen Gelehrtenrepublik f�hlt, eine Denkrichtung angebahnt, die die deutsche Philosophie in starkem Ma�e aus der christlich-europ�ischen Tradition herausl�st und ihr einen national-partikularistischen Charakter auf viele Jahrzehnte hin erteilt. Ein zweites Merkmal ist die wachsende V i e l h e i t der philosophischen Standpunkte, Schulen, Sekten. Indem die Philosophie in der ersten H�lfte des 19. Jahrhunderts einen vorwiegend geschlossenen S y s t e m charakter annimmt und damit weit mehr als fr�her pers�nlich gebundener wird ("Romane der Denker" nannte es Sophie Germaine), in der zweiten H�lfte aber umgekehrt sich in Einzelwissenschaften aufzul�sen oder als deren blo�e Dienerin zu konstituieren suchte, geht beidemal der Gedanke "einer" s e l b s t � n d i g e n Philosophie, an der Generationen und V�lker g e m e i n s a m zu bauen haben, verloren. Ein drittes Merkmal, das f�r die d e u t s c h e Philosophie besonders aufdringlich ist, ist die diskontinuierliche antithetische Entwicklung. W�hrend sich die Philosophie der Neuzeit bis zum 19. Jahrhundert im gro�en Ganzen, um wenige Grundfragen bem�ht, kontinuierlich entfaltete, ist das 19. Jahrhundert von Diskontinuit�t, Abbruch, pl�tzlicher Wiederankn�pfung an �ltere Gedankenrichtungen durchzogen. Der Zusammenbruch der deutschen Spekulation nach Hegels Tod, die zeitweise Herrschaft des Materialismus in den Jahren von 1840 bis 1860, die Wiederankn�pfung an Kant (Neukantianismus), an Thomas von Aquin (Neuthomismus), sp�ter an Fichte und Hegel sind daf�r nur die sichtbarsten Beispiele dieser Diskontinuit�t. Die Reaktions- und Restaurationsphilosophie der Romantik versuchte mit ganz subjektivistischen und unmittelalterlichen Methoden mittelalterliche I n h a l t e und W e r t e wiederzugewinnen, um auf diese Weise rein antithetisch und reaktiv die gewaltige zusammenh�ngende Vernunfts- und Menschheitskultur des 18. Jahrhunderts zu �berwinden. Bis zu Schopenhauer, Nietzsche, E. Rohde, J. Burckhardt, E. von Hartmann, ja bis zu O. Spengler hat die romantische Bewegung einen tiefgehenden Z w i e s p a l t in das philosophische Denken des 19. Jahrhunderts hineingelegt, der bis heute un�berbr�ckt ist. Aller gegenw�rtige "Irrationalismus" (Bergson, Theosophie usw.) kn�pft wieder an sie an. Aus der Verbindung von Ausl�ufern der romantischen Bewegung mit der durch die Kenntnis des Sanskrit (in Deutschland zuerst verbreitet durch W. von Humboldt) erschlossenen Weisheit des Ostens (insbesondere Indiens) ist auch das gegen�ber der Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts g�nzlich n e u e Element des metaphysischen, ethischen und geschichtsphilosophischen P e s s i m i s m u s (Schopenhauer, E. von Hartmann, Mainl�nder, Spir, in anderer Richtung Nietzsche in seiner ersten Phase) hervorgegangen. Auch der zuerst im Pessimismus erfolgende Eintritt der Philosophie des O s t e n s in die Geschichte des europ�ischen Denkens (in Deutschland besonders durch Paul Deu�ens "Geschichte der indischen Philosophie" verbreitet), ist ein s p e z i f i s c h e s Merkmal des 19. Jahrhunderts. Durch die im Krieg erfolgte st�rkere Ber�hrung der deutschen Bev�lkerung mit dem Osten ist diese Bewegung noch gewaltig gef�rdert worden (Neubuddhismus, Theosophie, Anthroposophie); auch die �berwindung des "Europ�ismus" in der Geschichtsauffassung (der Hegel und Comte noch gemeinsam ist), das hei�t der Methode, an die ganze Entwicklung der Weltgeschichte europ�ische Ma�st�be und geschichtliche Bewegungsformen anzulegen, ist in dieser Bewegung stark in Frage gesetzt worden. Indem die Romantik ferner das Studium der positiven Religionen in die Sph�re der allgemeinen Bildung hineintrug, hat sie auch die konfessionellen Bindungen des philosophischen Denkens gegen�ber dem 18. Jahrhundert wieder bedeutend verst�rkt. Sie hat ferner auf viele Jahrzehnte hin die philosophische Arbeit so einseitig auf das Studium der Geschichte der Philosophie hingerichtet, da� ein Mann wie Kuno Fischer sagen konnte: "Geschichte der Philosophie treiben hei�t selbst philosophieren." W�hrend Kant noch meinte, das "w�re ein armseliger Kopf, dem die Geschichte der Philosophie seine Philosophie ist", hat der historische R e l a t i v i s m u s in der Philosophie bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein die philosophische Arbeit aufs st�rkste niedergehalten. Erst die Philosophie der letzten beiden Jahrzehnte ging daran, diesen Historismus zu �berwinden. Freilich nur in ma�voller Weise: denn auch in den Forschern, bei denen sich die Philosophie, abgesehen von Erkenntnistheorie, in blo�e Weltanschauungs l e h r e aufl�st, d. h. in Typologie und Psychologie der Weltanschauung (W. Dilthey, M. Weber, K. Jaspers, H. Gomperz, O. Spengler) ist der aus der Romantik entsprungene Historismus noch stark gegenw�rtig. Und nur in anderer, naturalistischerer Form erscheint er wieder bei den Neupositivisten (E. Mach, Levy-Br�hl und anderen), die selbst die Denkformen und Denkgesetze soziologisch aus Traditionen und Erblichkeit herleiten wollen. Ein letztes Merkmal der Philosophie des 19. Jahrhunderts ist es, da� sie aus Biologie, Geisteswissenschaften und der seit Fechner in die Philosophie eingegangenen Disziplin der experimentellen Psychologie weit st�rkere Antriebe empfangen hat als die Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts, deren Probleme �beraus einseitig durch die mathematischen Naturwissenschaften Galileis und Newtons gebunden und bestimmt waren. Auf diesem allgemeinen Hintergrund der Gestaltung der Philosophie des 19. Jahrhunderts �berhaupt gewinnt die gegenw�rtige Philosophie Deutschlands ein um so gr��eres Interesse, als ihre bedeutsamsten Erscheinungen, obzwar weitgehend gen�hrt durch das gesamte Gedankengut der Philosophie des 19. Jahrhunderts, sich in vieler Hinsicht in scharfem Gegensatz zu dieser Gestaltung befinden. Die Philosophie der Gegenwart strebt danach, den mehr oder weniger a n a r c h i s c h e n Zustand zu �berwinden, der -- diese Merkmale zusammengeschaut -- das allgemeinste unterscheidende Moment der Philosophie des 19. Jahrhunderts ausmacht. Dies wird die folgende Darstellung genauer erhellen. Wir behandeln im folgenden nur die deutsche Philosophie der Gegenwart. Um so mehr m�ssen wir uns klarmachen, da� die deutsche Philosophie das �bergewicht, das sie vor hundert Jahren in der Welt besa�, l�ngst verloren hatte. Der gr��te internationale Einflu� ist, wie K. �sterreich in Hinnebergs "Kultur der Gegenwart" I/6, 3. Auflage, treffend bemerkt, von der franz�sischen Philosophie in den letzten Jahrzehnten ausgegangen. Der Einflu� Bergsons und der Einflu� W. James' l��t sich mit keinem Einflu� eines Deutschen vergleichen. Andererseits wirkt die �ltere deutsche Spekulation, insbesondere Hegel, im Ausland (besonders England, Amerika, Ru�land, Italien) auch heute noch st�rker als irgendein nachhegelscher deutscher Denker -- mit Ausnahme vielleicht Nietzsches. Trotzdem waren die internationalen Beziehungen der deutschen Philosophie zum Auslande vor dem Krieg in starker Zunahme begriffen, und es ist aus manchen Anzeichen zu erhoffen, da� sie sich auch bald wiederherstellen werden. Will man die gegenw�rtige deutsche Philosophie zur ersten �bersicht in gewisse G r u p p e n ordnen und zugleich einige ihrer allgemeinen Charakterz�ge hervorheben, so sind es vor allem d r e i Gegens�tze, nach denen man diese Gruppierung vollziehen kann. Der erste ist der h�chst unerfreuliche Gegensatz einer nur engste Kreise ber�hrenden streng wissenschaftlichen Fach- und Universit�tsphilosophie und einer unmethodischen, wenig strengen, mehr oder weniger aphoristischen, aber weiteste Bildungskreise suggestiv in Bann haltenden "philosophischen Literatur". Im Gegensatz zur Philosophie des 18. Jahrhunderts, zum Zeitalter Kants und Hegels, aber auch noch im Gegensatz zum Zeitalter Fechners und Lotzes, vermochte die akademische Philosophie das geistige Interesse gr��erer Bildungskreise bis vor kurzem n i c h t zu gewinnen. Um so mehr vermochte das aber eine philosophierende Literatur, deren Hauptexponent und Vorbild Nietzsche gewesen ist, eine Literatur, die ohne Verbindung mit der strengen Wissenschaft unmethodisch und weit unter der Niveauh�he der gro�en Philosophie der Vergangenheit, in subjektiv pers�nlicher Form Meinungen und Werturteil ausspricht. Hierher geh�ren z. B. Erscheinungen wie R. Steiner, Johannes M�ller, O. Spengler, W. Rathenau, Graf Keyserling, H. Bl�her, die philosophierenden Mitglieder des George-Kreises und andere mehr. Dieser Z e r f a l l in zwei so g�nzlich verschiedenartige Gattungen von "Philosophie" steht in scharfem Gegensatz zu allen philosophisch p r o d u k t i v e n Zeiten, und er mu� vor allem aufgehoben werden, wenn die deutsche Philosophie sich aus der Anarchie des 19. Jahrhunderts wieder erheben soll. Das ist nur m�glich, wenn zwei Arten von akademischer Philosophie langsam in den Hintergrund treten, die bisher an den deutschen Universit�ten noch stark in Herrschaft sind. 1. Die traditionalistischen Standpunkts- und Schulphilosophien. Sie machen sich alle dadurch kenntlich, da� sie ihre eigene Namengebung mit dem Worte "Neu" beginnen (z. B. Neukantianer, Neuthomisten, Neufichteaner, Neuhegelianer), als wollten sie nach dem Gesetz: Lucus a non lucendo damit sagen, da� das, was sie lehren, etwas altes ist. Eigen ist diesen philosophisch-akademischen Richtungen das, was das Wesen jeder "Scholastik" ausmacht: da� man sowohl in der Arbeit an den Sachproblemen in �bereinstimmung mit einer historischen A u t o r i t � t (wenigstens im "wesentlichen") zu bleiben sucht, andererseits aber die Meinung dieser Autorit�t immer so interpretiert, da� man noch sagen kann, die eigenen Sachforschungen stimmten mit ihrer Meinung �berein. Diese fortgesetzte Angleichung von Sachforschung und historisch-philologisch interpretierter Meinung eines Philosophen h i n d e r t aber ebensowohl echte und reine Sacherkenntnis wie echtes historisches Verst�ndnis. Am weitesten in dieser "scholastischen" Methode sind heute merkw�rdigerweise nicht die sogenannten "Neuscholastiker" gegangen, sondern die Neukantianer, deren Sachforschungen wie geschichtliche Leistungen (besonders H. Cohen, P. Natorp, E. Cassirer) trotz ihrer mannigfachen Anregungskraft diesen Charakterzug durchgehends verraten. Eng verbindet sich Schulerstarrung, Anschauungs- und Wirklichkeitsfremdheit und eine geheime verzwickte Terminologie (die alle gro�en Philosophen der Geschichte n i c h t gekannt haben, und die schon von vornherein eine dicke Wand zwischen Philosophie und Bildung setzt) mit dem bezeichneten "scholastischen" Charakter. Erst mit Edm. Husserls "Logischen Untersuchungen" hat eine standpunkt f r e i e, nicht traditionalistische S a c h philosophie wieder in breiterem Ma�e eingesetzt, wenn auch M�nner wie Franz Brentano, Rehmke, Driesch, B. Erdmann, Stumpf auch schon vor Husserls Auftreten die Philosophie in diese Richtung geleitet haben. Ein zweiter Grund f�r das Auseinanderfallen der deutschen Philosophie in methodisch strenge Sachphilosophie und "philosophische Literatur" ist in der Tatsache zu sehen, da� die gegenw�rtige deutsche Philosophie jahrzehntelang, wie Lotze sich ausdr�ckte, nur "die Messer zu wetzen pflegte, ohne zu schneiden", da� sie, herausgewachsen aus dem sogenannten Neukantianismus (Otto Liebmann, Albert Lange, H. Cohen, P. Natorp), der nach dem Zusammenbruch der deutschen Spekulation die Philosophie zuerst wieder an deutschen Hochschulen m�glich machte, sich aufs einseitigste, auf Erkenntnistheorie und Methodologie beschr�nkte und sich dabei im Grunde nur als Dienerin der Einzelwissenschaften f�hlte. So �bertrug sich der Fachcharakter auch auf die Philosophie, deren Wesen es doch gerade ausschlie�t, ein "Fach" n e b e n anderen zu sein. So gab sie nicht nur ihre zentralste und ihre wesentlichste Disziplin, die Metaphysik, meist v�llig preis, sondern hatte au�erdem zu dem �brigen geistigen Leben der Nation, zu den Problemen des Staates, der Gesellschaft, zu Kunst und Dichtung, zur Religion und zum Problem der Gestaltung und Bildung der geistigen Pers�nlichkeit kaum irgendeinen Zugang mehr. Die �bernahme einer gro�en Anzahl von Lehrst�hlen durch Vertreter der "jungen experimentellen Psychologie" befestigten diesen Zustand noch mehr, zumal diese junge und verhei�ungsvolle neue Wissenschaft sich erst in den letzten Jahren ihrer Entwicklung auch den h�heren geistigen Funktionen zuwendete oder doch durch gewisse, in ihr erwachsene Probleme, z. B. durch das Gestaltproblem, wieder st�rkeren Anschlu� an die philosophischen Fragen gewann. Auf seiten der "philosophischen Literatur" aber wurde der echten Philosophie nicht minder Abbruch getan: einmal dadurch, da� man in ganz unsachlicher und subjektivistischer Weise seinen Einf�llen die Z�gel schie�en lie�, das Geistreiche und Blendende an die Stelle des Wahren, die Suggestion an die Stelle der �berzeugung im sokratischen Sinne setzte; ferner dadurch, da� man in mehr oder weniger gnostischer, die Selbst�ndigkeit der Religion und der Mystik gegen�ber der Philosophie total verkennender Weise die Philosophie von aller strengen W i s s e n s c h a f t losl�ste und sie zu einer Sache von S e k t e n machte, die, im Gegensatz zu den akademischen Schul- und Standpunktsphilosophien, sich um das rein pers�nliche, echte oder scheinbare Charisma einer starken Natur gruppierten. So entstanden Sekten aller Art, die besonders zu nennen nicht notwendig ist. So ist es auch verst�ndlich, da� das im 19. Jahrhundert fast verloren gegangene W e s e n der Philosophie in der Gegenwart erst wieder aufgesucht werden mu�te (siehe E. Husserl: "Philosophie als strenge Wissenschaft", Logos Bd. I, Heft I; siehe auch M. Scheler: "Vom Ewigen im Menschen", Bd. I, "Vom Wesen der Philosophie"). Ein zweiter Gegensatz durchquert die gegenw�rtige Philosophie in d e r Richtung, ob sie in ihren Problemen mehr geistes- oder naturwissenschaftlich orientiert ist. Das wird in der folgenden Darstellung scharf hervortreten im Gegensatz sowohl der neukantischen und der s�dwestdeutschen Schule als in den Gegens�tzen der einzelnen selbst�ndigen Sachdenker. Auch dieser Gegensatz ist ein Zeichen daf�r, da� wir eine u n i v e r s a l e Philosophie noch nicht besitzen: denn eine solche mu� b e i d e n gro�en Daseinsgebieten, und zwar durch Vermittelung des selbst�ndigen Sachgebietes der inneren und �u�eren B i o l o g i e, ihr gleichm��iges Interesse zuwenden und darf sich nicht als blo�e "ancilla scientiae" zum einseitigen Vorspann e i n e r dieser Teile der Wissenschaften machen. �berhaupt ist nichts der Philosophie abtr�glicher als die bis vor kurzem in unserem Lande immer wieder erneuten Versuche, von den Gegebenheiten und Grundbegriffen einer Einzelwissenschaft her, das g a n z e Weltproblem l�sen zu wollen. Solches geschah z. B. im sogenannten Psychologismus durch eine g�nzlich unberechtigte Ausdehnung der Begriffe, "psychisch" oder "Bewu�tsein": in der Energetik Ostwalds durch eine Verabsolutierung des Energiebegriffes, im Empfindungsmonismus Ernst Machs durch eine falsche Verabsolutierung des Empfindungsbegriffes; in gewissen Richtungen der "Lebensphilosophie" in einer falschen Ausdehnung und Verabsolutierung des Begriffes Leben, in der neukantischen Marburger Schule in einer falschen Verengung des Erkenntnisbegriffes auf mathematische Naturwissenschaft. Die Philosophie hat, von einer Lehre �ber die Grundarten der G e g e n s t � n d e ausgehend und von dem Satze, da� sich alle Methoden nach der Natur, der Gegenst�nde zu richten haben (und nicht die Gegenst�nde nach Methoden), einen wahren Ausgleich zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Interessenrichtungen und methodischen Denkrichtungen herbeizuf�hren, die Wissenschaften auf dem Boden einer selbst�ndigen philosophischen und allseitigen Erkenntnistheorie zu ordnen und in gegenseitige fruchtbare Beziehung zu setzen. Sie hat nach wie vor zwar nicht eine die Einzelwissenschaften erdr�ckende Despotin wie zur Zeit Hegels zu sein, noch weniger aber ihre Dienerin, sondern "K�nigin" in jenem legitimen letzten Sinn, der die wohlerworbenen Rechte der Fachwissenschaften von einem eigenen, eben nur philosophischen Standpunkt aus s e l b s t � n d i g w�rdigt und achtet und sie f�r das Ganze unseres Weltbegriffes und unserer Weltanschauung fruchtbar macht. Die Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts, die Philosophie des Descartes und Leibniz vermochte gerade darum so h�ufig auch den Einzelwissenschaften R i c h t u n g zu geben und ihnen fruchtbare Anregung zu erteilen, weil sie im engen Konnex mit den Wissenschaften (und nicht losgel�st von ihnen, wie unsere Literatenphilosophie) sich nicht einseitig damit zufrieden gab, blo� zu formulieren, was die "Voraussetzungen der Einzelwissenschaften" seien und welche Methoden sie selbst anwenden. Die gegenw�rtige �berwindung der Galilei-Newtonschen Naturansicht durch die vier gro�en naturwissenschaftlichen philosophischen Fermente unserer Zeit die Elektronentheorie, die Einsteinsche Relativit�tstheorie, die Plancksche Quantentheorie und die positiv-wissenschaftlichen und neuvitalistischen Versuche, den Organismus mit �bermechanischen Agenzien zu erkl�ren, sollten J e d e m zeigen, was aus einer Philosophie werden mu�, die nur objektiv logische Voraussetzungen einer f�lschlich verabsolutierten Wissenschaftsstufe zu suchen pflegt. Sie h�rt mit der �berwindung dieser Wissenschaftsstufe eben auf, irgendeine Bedeutung zu haben. Nur dann, wenn die Philosophie einen e i g e n e n G e g e n s t a n d und eine e i g e n e Methode besitzt allen einzelnen Seinsgebieten gegen�ber, die als solche auch die positiven Wissenschaften erforschen, wird sie mehr sein k�nnen als die blo�e Eule der Minerva der positiven Wissenschaft; und nur, wenn sie die S a c h e n selbst, nicht nur die Wissenschaft �ber die Sachen als blo�e "Erkenntnislehre" sich zum Gegenstand setzt (freilich mit Einschr�nkung auf ihr daseinsfreies Wesen, ihre e s s e n t i a), kann sie der positiven Wissenschaft auch geben, anstatt blo� von ihr zu nehmen. In Hinsicht auf einen dritten Gegensatz, der auch die gegenw�rtige Philosophie noch unabh�ngig von einzelnen Sachproblemen bestimmt, n�mlich dem Gegensatz der religi�sen Traditionen (katholische und protestantische Philosophie), ist das Erfreuliche zu vermelden, da� dieser Gegensatz, der streng genommen in der Philosophie �berhaupt keinerlei Rolle zu spielen h�tte, auch tats�chlich stark zur�ckgetreten ist. Kant und seine von der Theologie ausgegangenen spekulativen Nachfolger hatten der deutschen Philosophie einen, geschichtlich gesehen, einseitigst protestantischen Charakter erteilt. Die katholische Philosophie oder, besser gesagt, die Philosophie des katholischen Kulturkreises ging, abgesehen von ganz wenigen Erscheinungen der Romantik (z. B. Franz Baader, Deutinger, Froschammer), ihre Wege v�llig f�r sich, und es bestand bis vor kurzem keinerlei tiefere Ber�hrung zwischen den Forschergruppen beider Konfessionen. Der von der Enzyklika "Aeterni patris" im Jahre 1897 von Leo XIII. angeregte Neuthomismus, der durch die L�wener Schule des belgischen. Kardinals Mercier auch eine f�r die modernen wissenschaftlichen Probleme etwas ge�ffnetere Form erhielt, hat den Gegensatz der philosophischen Richtungen beider Kulturkreise f�r viele Jahre hin noch erheblich gesteigert. Und je mehr die deutsche Philosophie sich durch Kant einseitig bestimmt erwies und die Weisungen Leos XIII. (der wohl an erster Stelle an eine einheitliche philosophische Unterweisung der P r i e st e r gedacht hat und, wie er selbst auf die Frage der Franziskaner versicherte, keineswegs das thomistische System zur allverbindlichen Norm f�r alle philosophischen Studien erheben wollte) gegen die Absichten des gro�en Papstes wie eine Art Dogmatisierung der thomistischen Philosophie interpretiert wurden, desto sch�rfer und un�berbr�ckbarer wurde der Gegensatz. Von den �lteren deutschen Philosophen vermochten nur H e r b a r t in seiner Schule gl�ubige Anh�nger beider Konfessionen zu vereinigen (z. B. Otto Willmann). Dieser Zustand hat sich in der Gegenwart weitgehend ver�ndert. Besonders durch die direkten und indirekten Einfl�sse Franz Brentanos und des von E. Husserl wiederentdeckten gro�en Logikers Bolzano, die beide noch in starker geistiger Kontinuit�t mit den gro�en Geistern der Scholastik philosophierten; ferner durch Husserl und die von ihm angeregten Forscher; endlich auch durch den starken Abbau des erkenntnistheoretischen Idealismus und durch das Wiedererwachen des erkenntnistheoretischen Realismus ist ein erfreulicher Denkverkehr zwischen den Philosophen der beiden Konfessionen in Gang gesetzt worden. Auch der Einflu� der �sterreichischen Philosophie (besonders Martys, Meinongs) auf die deutsche hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. �ber die st�rkere und lebendigere Ber�hrung der Philosophen beider Konfessionen auf metaphysischem und religionsphilosophischem Gebiet wird im einzelnen sp�ter noch zu berichten sein. Dagegen hat der Einflu� der naturalistischen und freidenkerischen Weltanschauungsformen auf die Philosophie (die ja nicht minder wie Katholizismus und Protestantismus im 19. Jahrhundert l�ngst "Tradition" geworden sind) in der Philosophie der Gegenwart stark abgenommen. Haeckels und seiner Gesinnungsgenossen Philosophie hat in Deutschland nur in den M a s s e n, nie unter den eigentlichen Philosophen irgendwelche Bedeutung erlangt. Aber auch weit h�her gerichtete und freiere Formen der naturalistischen Philosophie haben heute an Bedeutung stark verloren. Die Ostwaldsche Energetik, die in ihrem naturwissenschaftlichen Teile durch die moderne Atomistik wieder vollst�ndig verdr�ngt ist, hatte f�r die theoretische Philosophie bedeutende Folgen nicht entwickelt. Der Positivismus, der aus Frankreich und England in gewissen Ausl�ufern auch zu uns gekommen war (E. Mach, Avenarius, Ziehen), z�hlt noch einige Anh�nger, auf die wir sp�ter zur�ckkommen; er mu�te aber der erkenntnistheoretischen realistischen Lehre und der dem Sensualismus und der Assoziationspsychologie ganz entgegengesetzten Entwicklungsrichtung der modernen Psychologie mehr und mehr weichen. Die gegenw�rtige Philosophie enth�lt zu einem gro�en Teile die Entwicklungsstadien des 19. Jahrhunderts noch als gegenw�rtige Schichten in sich. Das gilt an erster Stelle von den Nachwirkungen �lterer philosophischer S y s t e m e. Wir wollen, von den �ltesten Schichten beginnend, die gegenw�rtige Philosophie nunmehr betrachten, um, von ihnen fortschreitend, bei den neuesten Versuchen zu endigen. Eines geringen Anhangs und einer steigend geringen Achtung auch bei der heute philosophierenden Jugend erfreut sich der naturalistische Monismus, der geschichtlich an die Zeit von Ludwig B�chners "Kraft und Stoff" (das von 1854 bis 1904 21 Auflagen erlebte) ankn�pft. Gleichwohl mu� dieses System hier genannt werden, nicht um seiner inneren Bedeutung willen, sondern weil es durch seine kaum abzusch�tzende Verbreitung weniger in der deutschen Arbeiterschaft als im kleinen Mittelstand eine gro�e Wirkung auf das deutsche Geistesleben gehabt hat. E r n s t H a e c k e l s "Weltr�tsel" waren bereits in den Jahren 1899 bis 1914 in mehr als 300 000 Exemplaren verbreitet und in 24 Sprachen �bersetzt. Der deutsche Geist war im Ausbau der naturalistischen Philosophie zu allen Zeiten wenig produktiv; w�hrend in Frankreich und England die naturalistische Philosophie mit sch�rfstem Geist und der Form nach in strenger wissenschaftlicher Methode von M�nnern vertreten wurde, die, meist auf der H�he der sozialen Stufenleiter stehend, sie in weltm�nnischer Form und nicht unbedeutendem Stil vertraten, ist der deutsche Materialismus und Monismus meist �beraus grob, borniert und unwissenschaftlich gewesen. Seine Vertreter waren meist (wie schon Karl Marx bemerkt hat) "kleinb�rgerliche", in Stil und Lebensform untergeordnete, philosophisch dilettierende �rzte und Naturforscher, die ohne Kenntnis der Geschichte des europ�ischen Denkens und ohne �berschau �ber den Kosmos der Wissenschaften, aus der Ecke ihrer zuf�lligen Interessen herau� sogenannte "Konsequenzen der Naturwissenschaft" zogen. Diese Charakteristik gilt auch f�r den wirksamsten Vertreter dieser Richtung, Ernst Haeckel (geb. 1834). Seine "Weltr�tsel" (1899) und seine "Lebenswunder", zuletzt sein Buch �ber Kristallseelen sind philosophisch so gut wie wertlose Erzeugnisse. Mit Recht sagte Fr. Paulsen in einer Rezension der "Weltr�tsel", die in den "Preu�. Jahrb�chern" erschien: "Ich habe mit brennender Scham dieses Buch gelesen, mit Scham �ber den Stand der allgemeinen Bildung und der philosophischen Bildung unseres Volkes." Nicht minder scharf war das Urteil, das E. Adikes mit den Worten f�llte: "Haeckel ist eben durch und durch Dogmatiker; darin steht er mit B�chner auf einer Stufe; als Naturforscher �berragt er ihn weit, als Philosophen sind beide v�llige Nullen." Der russische Physiker Chwolson zeigte in einer besonderen Schrift, wie v�llig unf�hig Haeckel war, auch nur den Sinn der einfachsten Grunds�tze der theoretischen Physik, wie z. B. des Satzes von der Erhaltung der Energie oder gar des zweiten W�rmesatzes (den er einfach "verwirft") zu verstehen. Der bekannte Ameisenforscher Wasmann hat in einer besonderen Schrift, "Haeckel als Kulturgefahr", auch seine entwicklungstheoretischen Leistungen gen�gsam gekennzeichnet. �ber den sachlichen Inhalt seiner Philosophie hier noch einmal zu sprechen, fehlt jeder Anla�[1]. [1] Vgl. neben den genannten kritischen Werken O. K�lpe: "Philosophie der Gegenwart", 6. Aufl., und A. Messner: "Philosophie der Gegenwart" (1918). In Form eines Versuches der Zur�ckf�hrung alles Wirklichen mit Einschlu� des organischen Lebens, des Seelenlebens und der geistigen T�tigkeiten auf letzte qualitative Grundarten der E n e r g i e und ihre Umwandlungsformen vertrat Wilhelm Ostwald (geb. 1855), Professor der physikalischen Chemie, den naturalistischen Monismus. Seine Vorlesungen �ber "Naturphilosophie" waren, soweit es sich um die Philosophie der anorganischen Natur handelt, �beraus anregend. Ostwald versuchte, den Begriff der Materie v�llig auszuschalten. Die Masse der Mechanik ist ihm nur ein Kapazit�tsfaktor der mechanischen Energie, der gleichgeordnet eine W�rme, ein Licht, eine Gestalt, eine magnetische und elektrische, eine chemische und psychische Energie zur Seite stehen. Diese Energie a r t e n sind nicht, wie es die atomistisch-mechanische Naturansicht wollte, aufeinander zur�ckzuf�hren; sie sind �hnlich wie in der qualitativen Elementarlehre des Aristoteles letzte Gegebenheiten, die nur in formal quantitativen Austauschbeziehungen zueinander stehen. "Alles, was wir Materie nennen, ist Energie; denn sie erweist sich als ein Komplex von Schwereenergie, Form und Volumenenergien, sowie chemischen Energien, denen W�rme- und elektrische Energien in ver�nderlicher Weise anhaften." Trotzdem verfiel Ostwald in den Irrtum, die Energie, einen blo�en dynamisch interpretierten Beziehungsbegriff, selbst zu einer Substanz zu hypostasieren. Nicht minder war es vollst�ndig unbegr�ndet, auch das Psychische in die Energiearten einzureihen, obgleich ihm die Grundvoraussetzung, als nat�rliche Energieart zu gelten, die Me�barkeit, fehlt und der ichartige monarchische Aufbau der Bewu�tseinserscheinungen im Widerspruch zu dieser Auffassung steht. V�llig ungel�st blieb auch das Problem des organischen Lebens, ebenso ungel�st wie innerhalb der mechanischen Lebenslehre. Aber auch innerhalb des Anorganischen bew�hrte sich die Energetik auf die Dauer nicht. Die Kritik, die insbesondere Boltzmann und W. Wundt an den "Vorlesungen" ge�bt haben, ist durch die Entwicklung der Naturwissenschaften, insbesondere durch den gl�nzenden Sieg der Atomistik und der mechanischen W�rmelehre durchaus best�tigt worden. Ganz und gar unzureichend aber sind de Versuche Ostwalds gewesen (s. bes. "Philosophie der Werte"), die Probleme der Ethik, der Gesellschaft, der Zivilisation und Geschichte auf dem Boden der "Energetik" zu verstehen. Da� an die Stelle des kategorischen Imperativs der [sic] energetische Imperativ: "Vergeude keine Energie, verwerte sie" treten soll, mutet fast wie ein schlechter Scherz an. Und nicht minder mutet so an eine Erkl�rung, die Ostwald auf dem Hamburger Monistenkongre� von 1911 gibt, in der es hei�t: "Denn alles, was die Menschheit an W�nschen und Hoffnungen, an Zielen und Idealen in den Begriff /Gott/ zusammengedr�ngt hatte, wird uns von der Wissenschaft erf�llt." Ostwalds rein technologische Betrachtung der Weltgeschichte, die, der deutschen Organisationssucht ein philosophisches M�ntelchen umh�ngend, jede geschichtliche Aufgabe zu einer "Organisationsaufgabe" macht, ist so kindlich, da� sie eine Kritik kaum verdient; nicht minder seine Meinung, das �sthetische Gef�hl und die Kunst h�tten nur soweit Bedeutung, als sie der wissenschaftlichen Arbeit Pionierdienste leisten, und es werde darum bei reifender Wissenschaft die Kunst einmal v�llig aus der Welt verschwinden. In der Soziologie hat Ostwald einen ernsten Sch�ler gehabt, de noch stark in die Gegenwart hineinwirkt. Es ist der Wiener Soziologe und Vorsitzende des �sterreichischen Monistenbundes R u d o l f G o l d s c h e i d. Sein Werk �ber "H�herentwicklung" und "Menschen�konomie" hat sowohl der Bev�lkerungslehre wie der Sozialpolitik reiche und wertvolle Anregungen vermittelt, wenn auch sein einseitig durchgef�hrter Versuch, den Menschen selbst (�hnlich wie in der Sklavenwirtschaft) rechnungsm��ig als blo�en Wirtschaftswert einzustellen und eine m�glichst sparsame Verwendung dieses "Wertes" zu fordern, soziologisch unhaltbar ist. Eine Aufl�sung der Ethik in �konomie hat Goldscheid nie versucht. Ein bedeutender Vertreter des Monismus, der auch in der Gr�ndung und Entwicklung des Monistenbundes eine gro�e Rolle gespielt hat, war der k�rzlich verstorbene Wiener Psychologe und Ethiker Friedrich Jodl. Sowohl sein "Lehrbuch der Psychologie" wie vor allem seine gro�angelegte "Geschichte der Ethik" sind wertvolle und anregende B�cher, wenn sie auch in einseitiger Weise allen freidenkerischen und antikirchlichen Bestrebungen einen ihnen auch wissenschaftlich nicht zukommenden �berragenden Wert beilegen. Wie sehr die ganze philosophische Richtung des Monismus von p o l i t i s c h e n, d. h. au�erphilosophischen Tendenzen beherrscht ist, beweist ihr am 1. Januar 1906 erfolgter Zusammenschlu� zu der Organisation des "Deutschen Monistenbundes". Ostwald schlo� den ersten Hamburger Kongre� mit dem Satze: "Ich er�ffne das monistische Jahrhundert"; sein Ehrenvorsitzender war E. Haeckel, sein Vorsitzender der Bremer Pastor Albert Kalthoff, der, stark von Nietzsche angeregt, an den Junghegelianer Bruno Bauer ankn�pfend, die historische Existenz Christi in seinen Schriften geleugnet hatte, und in loser Ber�hrung mit den linksliberalen Pastoren Jatho und Traub den christlichen Kirchen eine scharfe Kampfansage stellte. Wider den Monismus gr�ndete [sic] dann im Jahre 1907 der Kieler Naturforscher J. Reinke und E. Dennert den sogenannten "Keplerbund", der sich umgekehrt die Aufgabe setzte, die Vereinbarkeit der modernen Naturwissenschaft mit der theistischen Weltanschauung zu erweisen. Sehr mit Unrecht ist die Verbreitung der monistischen Weltanschauung h�ufig der Sozialdemokratie und ihren F�hrern zugeschrieben worden. Geistesgeschichtlich ist diese Auffassung grundfalsch. Die F�hrer des Monismus standen politisch zumeist den nationalliberalen Anschauungen sehr nahe (z. B. Haeckel selbst), und bei vielen von ihnen findet sich sogar eine ausgepr�gte alldeutsche Tonart. Wie tief Karl Marx und Engels auf den Materialismus des deutschen Kleinb�rgertums herabblickten, ist aus ihren �u�erungen genugsam bekannt. W�hrend die monistische naturalistische Denkrichtung eigentlich nur kulturhistorisches und f�r die deutsche Mentalit�t vor dem Kriege bestimmendes Interesse bietet, sind die anderen heute noch lebendigen philosophischen Systeme auch rein philosophisch von Bedeutung. Das gilt gleich sehr von der Wirkung Fichtes, Hegels und Schellings wie von jener Lotzes, Fechners, E. von Hartmanns, R. Euckens und W. Wundts. Diese Systeme k�nnen hier nicht geschildert werden: nur was sie f�r die g e g e n w � r t i g e Philosophie als mitbestimmende Momente noch bedeuten, sei kurz erw�hnt. Die geringste Wirkung von all den Genannten hatte merkw�rdigerweise in Deutschland der zeitlich n�chste letzte gro�e Systematiker der deutschen Philosophie, Wilhelm Wundt. Als Darstellungen seines Systems sind empfehlenswert O. K�lpe in der "Philosophie der Gegenwart", E. K�nig: "W. Wundt", 1909 und R. Eisler: "Wundts Philosophie und Psychologie", 1902. Ein Grund f�r die geringe Wirkung des ausgezeichneten Forschers und Gelehrten in der Philosophie mag darin gelegen sein, da� seine Erkenntnistheorie und seine Metaphysik beiderseits an gro�er Vagheit und Unbestimmtheit leiden, das Ganze seiner Philosophie aber trotz seiner �berladenheit mit Gelehrsamkeit etwas �beraus Farbloses und Blutloses besitzt. Auch ein h�ufiges Schwanken (z. B. zwischen Idealismus und Realismus in der Erkenntnistheorie, zwischen psychophysischem Parallelismus als metaphysischer Hypothese und methodologischer Maxime, zwischen Relativismus und Absolutismus in der Ethik, Theismus und Willenspantheismus in der Lehre vom Weltgrund) mag gleichfalls zu dieser Unwirksamkeit beigetragen haben. R u d o l f E u c k e n, der schon an der Grenze steht zwischen wissenschaftlicher Philosophie und jener fr�her charakterisierten philosophischen Erbauungsliteratur, hat eine weit st�rkere Wirkung als Wundt entfaltet sowohl in Deutschland, wie im Auslande; ein deutliches Zeichen davon ist in letzterer Hinsicht der Nobelpreis. Dieser Denker ist von gleichbedeutenden Kritikern sehr verschieden beurteilt worden. Die einen sehen in der Verbindung von Prediger, Metaphysiker und Forscher, von homo religiosus und Denker, die Eucken darstellt, etwas besonders Wertvolles und weisen hin auf den reichen intuitiven Gehalt seines Werkes; die anderen beklagen den Mangel an Anatomie in seinen Gedanken, die Unverbundenheit seiner Philosophie mit den Wissenschaften, die unmethodische Art seines Denkens und die gro�e Unbestimmtheit und Vagheit des eigenartigen pers�nlichen Stiles seiner Darstellung. M�gen beide in gewissem Ma�e recht haben, so kommt Eucken vor allem das entschiedene V e r d i e n s t zu, in einer Zeit, da die Philosophie zu einer blo�en Anmerkung zu den positiven Fachwissenschaften zu werden drohte, ihre Anspr�che festgehalten zu haben, eine Metaphysik und gleichzeitig eine den Menschen formende Lebensanschauung zu geben. Ausgegangen von F. A. Trendelenburg (gest. 1872), eine Zeitlang auch Sch�ler Lotzes, hat Eucken mit starker Ankn�pfung an Fichtes Tatidealismus seinen "Idealismus des Geisteslebens" zu begr�nden unternommem. Sein bedeutendstes Werk (leider am wenigsten gelesen) ist das 1888 erschienene "Die Einheit des Geisteslebens in Bewu�tsein und Tat der Menschheit" in dem er seine personalistisch-theistische Philosophie nicht durch Sachuntersuchungen der philosophischen Probleme, sondern aus einer Kritik des Panlogismus Hegels und des Naturalismus hervorwachsen l��t. In den "Lebensanschauungen der gro�en Denker" und der "Geistigen Str�mungen der Gegenwart" (urspr�nglich "Grundbegriffe der Gegenwart"), die der wissenschaftlichen Philosophie noch am n�chsten stehen, nimmt er aus der Geschichte der Philosophie das wesentlich "Lebensanschauliche" heraus und legt es im Sinne seiner Philosophie aus. Die B�cher "Der Kampf um einen geistigen Lebensinhalt", "Der Wahrheitsgehalt der Religion", "Erkenntnis und Leben" und "Grundlinien einer neuen Lebensanschauung" wiederholen in immer neuen Wendungen dieselben Grundgedanken. Das Wertvolle dieser Gedanken ist weniger in ihrer sehr mangelhaften theoretischen Begr�ndung gelegen als in ihrer das Bewu�tsein der Selbst�ndigkeit des Geistes trotz aller tiefempfundenen und in der endlichen Erfahrung unl�sbaren Konflikte des menschlichen Daseins energisch aufweckenden Kraft. Eucken war in einem �berwiegend praktisch-materialistischen Zeitalter einer der st�rksten S e e l e n e r w e c k e r, die Deutschland besessen hat. Reinsten germanischen Blutes (Friese), besitzt er in seltener Weise Vorz�ge und Fehler des germanischen Geistes: eine ahnungsvolle Intuition �bersinnlicher Realit�ten, ein energisches Festhalten dieser Realit�ten inmitten tiefst empfundener Widerst�nde der "Welt" gegen die Verwirklichung der geistigen Forderungen; aber auch alle Vagheit und Nebelhaftigkeit, Unbestimmtheit und Dunkelheit nordischen Geistes. Das "Geistesleben", das bei ihm zwischen historischer Realit�t und metaphysischer Potenz eigenartig in der Mitte schwebt, wird von dem nat�rlichen Seelenleben, das der Mensch mit dem Tiere teilen soll, scharf unterschieden. Es soll in "noologischer Methode" (eine eigent�mliche Erweiterung der Methode Kants) nicht durch Introspektion, sondern an seinen W e r k e n und Systemen des Lebens ("Syntagmen") studiert werden. Es soll nicht nur in jeder Einzelseele, sondern auch in den gro�en kollektiven Gruppen der Geschichte als selbst�ndig t�tig aufgefa�t werden. Trotzdem soll es in scharfem Gegensatz zum Hegelschen Panlogismus nur durch t�tige Ergreifung des Einzelmenschen diesen zur "Pers�nlichkeit" und zur "Wesensbildung" erh�ben. So ist Eucken im letzten Grunde mehr theistischer Personalist als Pantheist, obgleich eine starke pantheistische Ader seine Philosophie durchzieht. Mit Methoden, die denen Pascals in den "Pens�es" �hnlich sind, sucht Eucken mit starker Heranziehung dessen, was er f�r den relativen Wahrheitsgehalt der naturalistischen und pessimistischen Systeme h�lt, zu zeigen, da� dieses "Geistesleben" in der Welt verloren und in letzter Linie bedeutungslos ist, wenn es nicht aus einem geistigen W e l t g r u n d e immer neu sch�pferisch herstr�mend und in die Menschenseelen einquellend verstanden und geschaut wird. W�hrend die �ltere Philosophie die Vernunft des Menschen zum Reiche der "Natur" rechnete und ihr das Reich der "�bernatur", der "Gnade" entgegensetzte, wird die zum Geistesleben erweiterte Vernunft des Menschen bei Eucken selbst etwas "�bernat�rliches". Das macht den g n o s t i s c h e n Charakter der Euckenschen Philosophie aus, die Religion und Metaphysik in einem f�r sie beide unstatthaften Sinne vermischt. Die Philosophie Fechners, der durch seine Begr�ndung der Psychophysik neben Wundt als der eigentliche Begr�nder der Experimentalpsychologie gelten mu�, hat auf die gegenw�rtige Philosophie eine nur geringe Wirkung ausge�bt. Sein Versuch, die Empfindung als psychische Gr��e nachzuweisen und sie durch die Einheit des eben merklichen Empfindungsunterschiedes zu messen, ist sowohl nach seinen methodologischen Voraussetzungen als nach seiner psychologischen Voraussetzung hin (man k�nne die Empfindung unabh�ngig von den Aufmerksamkeitsschwankungen �berhaupt im Bewu�tsein vorfinden) fast allgemein zur�ckgewiesen worden. Stark wirkte zeitweise seine Lehre vom psychophysischen Parallelismus, die, wie wir noch sehen werden, freilich in der Gegenwart gleichfalls an Einflu� stark verloren hat. Seine eigentliche Metaphysik der "Tagesansicht" und der Allbeseelung hat leider lange nicht die Anregungskraft ausge�bt, die ihr meines Erachtens innewohnt. Auch die n�chststehenden Forscher, wie Ebbinghaus und Wundt, haben diese Seiten seiner Philosophie meist als blo�e "Poesie" und Begriffsdichtung abgelehnt. Was allein bis heute einen Einflu� aus�bt, ist der auch von E. von Hartmann aufgenommene Gedanke einer "induktiven Metaphysik". Sie beruht bei Fechner auf den beiden Grunds�tzen, da�, was in einem Teile der Welt als unaufl�sbare Grundart des Seienden enthalten ist, auch im Ganzen enthalten sein m�sse (Mikrokosmos- und Makrokosmoslehre), und da� wir vermittels der Analogie in der Lage seien, unser Wissen �ber das unmittelbar und mittelbar in der Erfahrung Gegebene kontinuierlich zu erweitern. Diesen Gedanken haben auch viele moderne Metaphysiker, so K�lpe, Driesch, Stern, Becher, Scheler und andere, aufgenommen. Eine starke Wirkung hatte Fechners teleologische Ganzheitsbetrachtung der E r d e als des besonderen Leibes und Ausdrucksfeldes einer Erdseele in der modernen Geographie. In diesem Sinne sind Ratzels Arbeiten und noch mehr die gegenw�rtigen Arbeiten des Wiener Kulturgeographen Hanslick stark von Fechner beeinflu�t. Wie immer man �ber Fechners Resultate urteilen mag, es mu� als eine recht unerfreuliche Tatsache bezeichnet werden, da� die stets tiefsinnigen und sinnreichen Betrachtungen dieses seltenen Geistes, die dazu in Stil und Ausdruck f�r weitere Kreise der Gebildeten geschrieben sind, so sehr wenig gelesen werden. Da� ein Haeckel so viel und ein Fechner so wenig in Deutschland gelesen wurde, ist eine f�r die Mentalit�t des deutschen Volkes vor dem Kriege recht charakteristische Tatsache. Hermann Lotze (1817-1881) wirkt in die Gegenwart insbesondere nach zwei Richtungen herein: einmal durch seine "Logik" (auch in der "Philosophischen Bibliothek" erschienen 1912), deren Kapitel "�ber die platonische Ideenlehre" auf die neukantischen Schulen und auch auf Husserl stark gewirkt hat, und durch seine Lehre von der psychophysischen Wechselwirkung. Au�er diesen beiden Bestandteilen seiner Philosophie und abgesehen von seinen Wirkungen auf die Psychologie (besonders seine Theorie der Lokalzeichen) hat nur noch der metaphysische Gedanke Lotzes eine st�rkere Wirkung ge�u�ert, da� eine Wechselwirkung zwischen einer Vielheit von Dingen nur m�glich sei, wenn ein und dasselbe ganze, aber von ihnen unterschiedene Seiende, in allen gemeinsam t�tig und von allen gemeinsam reizbar sei. Diesen Gedanken hat z. B. auch Driesch in seine "Wirklichkeitslehre" aufgenommen. Lotzes gro�es geschichtsphilosophisches Werk "Mikrokosmos" (5. Auflage 1909) hat wohl wegen seines allzu gewundenen ziselierten und koketten Stiles nicht die Wirkung ge�bt, die ihm verm�ge seines Gedankengehaltes zugekommen w�re. F�r den Fortschritt einer Philosophie der Biologie waren Lotzes Artikel �ber "Lebenskraft" und �ber "Seele und Seelenleben" in Wagners "Handw�rterbuch der Physiologie" in denen er f�r Physiologie und Biologie eine strenge Durchf�hrung der mechanistischen Methode fordert (um dann erst dem Ganzen des Weltmechanismus hinterher eine ideale und teleologische Bedeutung zu geben), nach meiner Ansicht starke Hindernisse. Sie gaben der in unserem Lande besonders stark verbreiteten mechanistischen Lebensauffassung, besonders bei den Naturforschern, ein gutes Gewissen -- das eine aufrichtige und genaue Betrachtung der Tatsachen nicht im entferntesten gerechtfertigt h�tte. Die stark kokette und s��liche Christlichkeit Lotzes konnte in religi�ser und theologischer Hinsicht tiefere Geister nicht gewinnen. Immerhin haben insbesondere seine Lehre von Wert und Werturteil auf die Ritschlsche Theologie und Dogmatik stark eingewirkt, wenn sie sich freilich hier auch meist mit neukantischen und positivistischen Voraussetzungen verbanden. In der �sthetik endlich wurde Lotze durch seine Lehre von der "Einf�hlung" auch auf die letzten bedeutenden Einf�hlungs�sthetiker der Gegenwart, auf Lipps und Volkelt, erheblich wirksam. Die einzige Pers�nlichkeit, deren geistige Spannweite alle philosophischen Antriebe des 19. Jahrhunderts umfa�te und dazu alle Fortschritte der positiven Natur- und Geisteswissenschaften in ihr System einzuordnen suchte, die einzige zugleich, die den tiefgehenden inneren Bruch zwischen der deutschen Spekulation und der einseitigen Herrschaft der Spezialwissenschaften nicht mitgemacht hat, war E d u a r d v o n H a r t m a n n (1842-1906). Es ist eine der merkw�rdigsten Tatsachen in der deutschen Geistesgeschichte, da� dieses reifste, durchdachteste, alle Wissensgebiete und die Religion umfassendste Gedankensystem, welches die zweite H�lfte des Jahrhunderts �berhaupt hervorbrachte, nach anf�nglichem Tageserfolg der "Philosophie des Unbewu�ten" (1869) auf die wissenschaftliche Philosophie zun�chst kaum eine Wirkung ausge�bt hat. Der gro�e Denker versuchte vergebens, einen Ruf an eine deutsche Universit�t zu erhalten. Gewi� besteht der Grund nicht nur in der allgemeinen Metaphysikscheu der Zeit und der einseitigen Herrschaft neukantischer und positivistischer Richtungen; ein Teil der Gr�nde liegt auch in der Eigenart der Philosophie Hartmanns und der Pers�nlichkeit ihres Urhebers selbst. Bei aller Kraft logischer Organisation gro�er Stoffmassen, bei all seinem ungeheueren Wissen und seiner Gelehrsamkeit gebrach dem Forscher ein unmittelbares origin�res Verh�ltnis zur Welt. Seine Philosophie ist mehr eine �beraus kunstvolle Verbindung von philosophischen Gegebenheiten (Schelling, Hegel, Schopenhauer, Lotze, moderne Naturwissenschaft und Psychologie) als ein neues Wort. Darin bildet er den gr��ten Gegensatz zu Schopenhauer, der an logisch-synthetischer Kraft ihm weit unterlegen ist, aber, wie er selbst an seinen Verleger schrieb, den unmittelbaren "Eindruck", den die Welt auf ihn gemacht, in seiner Philosophie schon als J�ngling wiedergab. Auf Hartmanns System kann hier nicht eingegangen werden. Sein in Karlsruhe lehrender Sch�ler Arthur Drews hat die beste Darstellung von ihm gegeben: die bekannten, von Hartmann selbst verfa�ten "Grundrisse" f�hren am besten in es ein. Um so merkw�rdiger ist es nun aber, da� die g e g e n w � r t i g e Philosophie begonnen hat, die gro�en Werte auszusch�pfen, die in seinem Werke zweifellos vorhanden sind. Abgesehen von den bedeutenden Leistungen seines Sch�lers A. Drews und einigen Antrieben, die er dem vielversprechenden Leopold Ziegler gegeben hat (vor kurzem hat sich dieser freilich in einer kritischen Schrift, "Hartmanns Weltbild", ganz von Hartmann abgewandt, indem er, ohne dem Denker gerecht zu werden, seine Lehre sehr einseitig an den Ansichten Rickerts mi�t), hat sich W. Windelband f�r die Bedeutung Hartmanns eingesetzt. Besonders ist es seine "K a t e g o r i e n l e h r e", sein subtilstes und gewaltigstes Werk, das sowohl auf Windelband als auf Rickerts Sch�ler, E. Lask, stark gewirkt hat. Die Unterscheidung der "Reflexionskategorien" von den "Spekulativen Kategorien" die Unterscheidung ferner der drei Wirklichkeitssph�ren, der ph�nomenalen, objektiv realen und metaphysischen Sph�re, die Auffassung, da� die Relationskategorie der Ausgangspunkt der Ableitung a l l e r Kategorien sein m�sse, die Ansicht, da� die Kategorien die Ergebnisse unterbewu�ter synthetischer Kategorialfunktionen seien, die nur in ihrem Ergebnis in das Bewu�tsein hereinfallen (ihr hat sich auch G. Simmel in seinem Kantbuch angeschlossen), hat stark auf die Kategorienlehre der Gegenwart eingewirkt. Ferner erscheint Hartmann als einer der ersten Vork�mpfer des nunmehr siegreich vordringenden erkenntnistheoretischen R e a l i s m u s gegen�ber allen Formen des Bewu�tseinsidealismus. Hier war es besonders J. Volkelt, der in seinen Arbeiten "�ber Erfahrung und Denken" und "Die Probleme menschlicher Gewi�heit" die Hartmannsche Auffassung �bernommen hat, da� unsere �berall diskontinuierliche und durchbrochene, rein passive Bewu�tseinswelt durch die Realsetzung einer au�erbewu�ten Natur und die Setzung unter- und unbewu�ter psychischer Seins- und Wirksph�ren gedanklich erg�nzt werden m�sse, um einen rationellen Zusammenhang zu bilden. So wenig ich diese Richtung der Begr�ndung des Realismus f�r aussichtsreich halte, scheint mir der gegenw�rtige Gang zum Realismus doch von diesen Vork�mpfern stark abh�ngig. Auf den heute ungemein wirksamen Denker Hans Driesch hat E. von Hartmann in mehreren Richtungen eingewirkt: 1. mit durch Volkelts Vermittlung in erkenntnistheoretischer Hinsicht; 2. in der Auffassung, da� es keine b e w u � t e n "Akte und T�tigkeiten" gebe, diese vielmehr zu dem rein passiven Bewu�tseinsinhalt erst hinzu erschlossen seien (siehe Driesch: "Erkennen und Denken"); 3. in der L�sung des Problems der m�glichen Koexistenz der mechanischen Zentralkr�fte und Gesetze mit Gestalt und Richtung bestimmenden, mechanischen, unbewu�ten Oberkr�ften, durch deren Annahme der gew�hnliche Naturbegriff zwecks Erkl�rung der Lebenserscheinungen eine Erweiterung erf�hrt; 4. auch Hartmanns Lehre, da� es einen Parallelismus zwischen bewu�ten seelischen Erscheinungen, erschlossenen seelischen T�tigkeiten und den die organischen Formen und die Bewegungsreaktion der Organismen bestimmenden T�tigkeiten der vitalen Oberkr�fte gebe, ist von Driesch und in einiger Modifikation auch von dem Referenten �bernommen worden. Auch die gegenw�rtige starke Bewegung zu einer r e a l i s t i s c h e n P s y c h o l o g i e im Unterschiede von blo�er Bewu�tseinspsychologie (K�lpe, Scheler, M. Geiger, Driesch, in gewissem Sinne auch S. Freud, W. Stern) ist zuerst in E. von Hartmanns Lehre in die Erscheinung getreten. Wesentliches von Hartmann �bernommen hat ferner auch W. Stern in seinen originellen und zukunftsreichen Arbeiten "Person und Sache" und "Die menschliche Pers�nlichkeit". Besonders in der Annahme psychophysisch indifferenter zielt�tiger Kausalfaktoren, die sich gleichzeitig in den physiologischen Vorg�ngen und Reaktionen, wie in den Bewu�tseinsprozessen auswirken, steht Stern Hartmann nahe. Die methodische Auffassung der Metaphysik als induktiver und nur wahrscheinlichen Erkenntnis, die nur gradweise �ber die Realsetzungen der positiven Wissenschaften hinausgeht und das falsche Idol, gegen das Kant k�mpft, das Idol einer absolut gewissen und apriorischen Begriffsmetaphysik, verwirft, hat unter den gegenw�rtigen Metaphysikern viele Anh�nger. Die naturphilosophischen Lehren Hartmanns, besonders soweit sie sich auf die anorganische Welt beziehen, sind dem heutigen Wissensstande der Physik nicht mehr angepa�t; was aber nicht ausschlie�t, da� seine Kraftzentrenhypothese, nach der aller Stoff nur eine bewu�tseinsideale Erscheinung ist, in modifizierter Form wieder zu Ehren kommt. In der Religionsphilosophie hat Hartmann den sogenannten "konkreten Monismus" vertreten, der dem substanzialen Weltgrund ein logisches und alogisch-dynamisches Attribut zuschreibt, aus deren Kooperation und Widerstreit der gesamte Weltproze� erkl�rt werden soll. Durch A. Drews sind diese Gedanken auch in die allgemeine m o n i s t i s c h e Bewegung eingeflossen. Den Wert dieser pessimistischen, Hegel, Schopenhauer und den sp�ten Schelling verkn�pfenden Metaphysik k�nnen wir ebensowenig als zukunftsreich erachten, als die willk�rlichen geschichtsphilosophischen Konstruktionen Hartmanns, nach denen Paulus der Stifter des Christentums gewesen sei, und nicht in der Pers�nlichkeit Christi, sondern in den pantheistisch ausgedeuteten I d e e n d e r Gottmenschheit und der Erl�sung das eigentliche Wesen des Christentums getroffen sei. A. Drews ist in seiner "Christusmythe" von diesen Anregungen Hartmanns her dazu gekommen, das Christentum als eine Sch�pfung der allgemeinen Religionsgeschichte verstehen zu wollen und die historische Existenz Jesu ganz zu leugnen. Die zweit�lteste Schicht der gegenw�rtigen Philosophie besteht in den an K a n t ankn�pfenden erkenntnistheoretischen Denkrichtungen. So sehr sich nach meiner Ansicht diese Denkrichtungen in unaufhaltsamem Niedergang befinden, nehmen sie, dem Gesetz der historischen Tr�gheit folgend, doch noch einen sehr erheblichen Raum in der deutschen akademischen Philosophie ein. Mit Ausnahme der j�ngsten, der durch Nelson erfolgten Wiedererweckung der Philosophie des Jenenser Physikers und Philosophen Jakob-Friedrich Fries, stammen sie alle aus der Zeit, da die deutsche Philosophie in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts durch den R�ckgang auf Kant (zuerst O. Liebmann "Zur�ck zu Kant") sich wieder ein akademisches Existenzrecht zu erwerben suchte. Es sind v i e r Hauptgruppen kantianisierenden Denkens, die unter uns noch lebendig sind. Der neukritizistische Realismus ist besonders von Alois Riehl vertreten worden in seinem Werk "Der philosophische Kritizismus" und in seiner sch�nen und klaren "Einleitung in die Philosophie der Gegenwart". Das "Ding an sich", das die Marburger und Badener Schule vollst�ndig ausscheiden, wird von Riehl als kausativer Faktor, auf dem die Materie der Empfindung beruhen soll, festgehalten. Unser Verstand erzeugt nicht das Sein der Gegenst�nde, sondern gibt nur ihrem Gegenstandsein die apriorische Form. Die logisch-synthetische Einheit des Bewu�tseins ist nach Riehl die oberste Voraussetzung f�r die Gegenst�nde der Erfahrung. Ihm entspricht das synthetische Identit�tsprinzip, von dem auch die Kausalit�t (�hnlich wie bei Herbart und Lipps) nur eine bestimmte Anwendung auf zeitliche Geschehnisse sein soll. Die Zeit- und Raumlehre Kants sucht Riehl mit den modernen empiristischen Theorien der Entstehung des Zeit und Raumbewu�tseins zu vers�hnen. Die O r d n u n g e n des zeitlichen und r�umlichen Auseinander und Nacheinander werden nach ihm nicht durch die Anschauungsformen von Raum und Zeit, sondern durch die Dinge an sich selbst bestimmt. Neben der theoretischen Philosophie, die hier ausschlie�lich auf Erkenntnistheorie und Logik der exakten Wissenschaften beschr�nkt erscheint, gibt es noch eine Philosophie als "Weisheits- und Weltbegriff" die dem Menschen ein sittliches Ideal vor die Seele stellt. Aus der praktischen Philosophie Kants hebt Riehl ausschlie�lich die Autonomie der Pers�nlichkeit hervor, verwirft aber den kategorischen Imperativ; nicht minder verwirft er die gesamt religi�se Glaubens- und Postulatentheorie Kants. Metaphysisch nennt sich auch Riehl "Monist" (kritischer Monismus), indem er annimmt, da� das Psychische und Physische nur zwei Betrachtungsweisen ein und derselben Wirklichkeit sind, die uns in ihrem Wesen unerkennbar ist und durch die Religionen nur auf Grund verschiedener sittlicher Lebenserfahrungen verschiedenartig ausgewertet wird. Riehl wirkt in der gegenw�rtigen Philosophie nur wenig mehr. Angeregt von ihm sind H�nigswald und E. Spranger. Die weitaus w i r k s a m s t e, an bedeutenden Pers�nlichkeiten reichste und vielseitigste neukantische Richtung ist auch gegenw�rtig noch die von Hermann Cohen gegr�ndete Schule von Marburg. Hermann Cohen (1842-1918) hat sich durch eine Reihe kanthistorischer und kantphilologischer Schriften hindurch erst sehr langsam zu einem eigenen, gro�angelegten System hindurchgearbeitet, mit dem er in seinen drei Werken: "Logik der reinen Erkenntnis", "Ethik des reinen Willens" und "�sthetik des reinen Gef�hls" wenige Jahre vor seinem Tode hervorgetreten ist. Zweifellos ist Cohen der herrschende Geist der Schule, freilich darum nicht auch derjenige, der am meisten in die Breite gewirkt hat. Seltsame Vorz�ge und Fehler vereinigte er in sich. Auf dem Hintergrund einer patriarchalischen, ehrfurchtgebietenden Denkerw�rde, durch die allein schon er den Sch�ler leicht mit der �berzeugung erf�llte, da� der Weltlogos in ihm selber und in jedem, der ihm folge, t�tig sei, hebt sich sein philosophisches Werk ab. Talmudischen Scharfsinn verbindet er mit einer seltsamen Dunkelheit, ja h�ufigen Abstrusit�t der Darstellung, auch in diesem Punkte dem stark auf seine Auffassung des Ding-an-sich-Begriffes wirksamen Moses Maimon nicht un�hnlich. Aber diese beiden Eigenschaften sind nicht die st�rksten und wesentlichsten seiner Natur. Was ihn vor allen anderen Mitgliedern der Schule auszeichnete, das war eine freilich nur stellenweise in Vortrag und Werken hervorbrechende, Kant wahrhaft kongeniale Plastik des geistigen Schauens und der Darstellung; eben der Zug an Kant, der Goethe bei Lekt�re der "Kritik der Urteilskraft" veranla�t haben mag, zu sagen, "man trete in ein helles Zimmer", wenn man Kant lese. Dazu ging ein m�chtiges, echtes und ernstes, sittliches Pathos von ihm aus. Wenige erkannten so wie er die Niedergangszeichen des Wilhelminischen Zeitalters, die Verg�tzung von Macht und Geld, von Nation und Staat. Die ganze Reinheit und Klarheit der Denkweise des Kantianismus der M�nner der Befreiungskriege schien in ihm, lebendig geworden und in seiner Person vor der Zeit anklagend zu stehen. Diese Denkweise verband sich aber merkw�rdigerweise bei ihm mit einem sehr bewu�ten Judaismus. Freilich mit einem Judaismus, der, auf dem Ethos der Propheten des Alten Bundes beruhend, nicht nur alle ritualistischen und nomistischen Elemente des Judentums, nicht nur alle mystischen und pantheisierenden kabbalistischen Elemente die sich ihm sp�ter ansetzten, sondern auch den historisch gegebenen Theismus von ihm abstreiften. Die Gottesidee war Cohen nur der Garant der "Einheit der Menschheit" und gleichzeitig ein notwendiges sittliches Vernunftideal. Von Karl Marx und den deutschen sozialistischen Theoretikern hatte er, �hnlich wie schon A. Lange (s. s. "Arbeiterfrage"), eine Reihe Grunds�tze in sein ethisches und soziales System aufgenommen; besonders den von ihm aus dem Nationalen ins menschheitlich Abstrakte erhobenen j�dischen Messianismus, nach dem alles geschichtlich Gegebene nur von einem sittlichen Zukunftsideal her aufgefa�t und beurteilt werden kann; das verband ihn mit Marx, der diesen Messianismus nur unter seiner dogmatischen �konomischen Geschichtsauffassung verh�llt hatte. Nur so ist es zu verstehen, da� auf dem Boden des Marburger Kantianismus auch eine neue theoretische Fassung des Sozialismus erwuchs, die besonders von Eduard Bernstein (Revisionismus), von Paul Natorp, von Vorl�nder und in manchen Kreisen der "Sozialistischen Monatshefte" vertreten wurde. An H. Cohen schlo� sich Paul Natorp an, der in seinen Schriften die neukantische Lehre zwar weit klarer und f�r eine philosophische Schulbildung eindeutiger und systematisierter vertrat als der Meister, aber weder dessen Tiefe noch dessen Schwung nahekam. Als dritter bedeutendster Vertreter der Schule ist Ernst Cassirer zu nennen, der in seinen geschichtlichen und systematischen Werken der neukantischen Lehre vielleicht den sch�rfsten, pr�zisesten und gegenw�rtig wirksamsten Ausdruck gegeben hat. Der Marburger Kantianismus weicht von dem historischen Kant in sehr weitgehendem Ma�e ab. Vollst�ndig wird verworfen die Realsetzung eines Dinges an sich. Cohen interpretiert Kant dahin, das Ding an sich sei bei Kant nur eine didaktische Anpassung an den naiven Realismus des Lesers; in Wirklichkeit bedeute diese Wortverbindung nur einen "Grenzbegriff unserer Erkenntnis" n�mlich das Fernziel eines unendlichen Erkenntnisprogresses. Diese Auffassung ist der von Maimon sehr �hnlich. Da� sie historisch als Kantinterpretation falsch ist, duldet heute keinen Zweifel. Indem so eine transzendente Wirklichkeit nicht nur nach ihrer Erkennbarkeit, sondern auch nach ihrem Dasein geleugnet wird, wird der Boden frei f�r einen neuen E r k e n n t n i s- und W a h r h e i t s b e g r i f f, den nach der Marburger Lehre Kant aufgestellt habe. Erkennen bedeute nicht Abbildung, aber auch nicht zeichenartiges Bestimmen einer vorhandenen Gegenst�ndlichkeit und Realit�t, sondern es bedeutet ideales "Erzeugen und Formen des Gegenstandes" selbst. Der Gegenstand sei nicht gegeben, sondern seine Erzeugung sei unserem Verstande nach den ihm einwohnenden Gesetzen aufgegeben. Die Naturgegenst�ndlichkeit ist hiernach also ein ausschlie�liches Werk, freilich ein endlich nie vollendbares Werk, des denkenden Verstandes. Gegenst�ndlichsein und Realsein hei�e f�r einen Inhalt nichts anderes, als gesetzlich gedacht sein und im System der Gedanken und ihrer Relationen eine bestimmte Stelle haben. Aber von welcher Gegebenheit ausgehend, erzeugt so der Verstand die Naturgegenst�nde? Nach dem historischen Kant, auch nach Riehl und der s�dwestdeutschen Schule, ist ein anschaulicher Gehalt, die "Materie der Empfindung", gegeben. Anders nach H. Cohen. Er erkl�rt: "Wir fangen mit dem Denken an"; nichts darf dem Verstande gegeben sein, wenn er alles durch sich selbst erst bestimmen und erzeugen soll. "Empfindung" sei ein Ausdruck, der selbst erst mit Hilfe der Kausalrelation und des Reizgedankens zu definieren sei als dasjenige, was an unserem Wahrnehmungsgehalt reizbedingt sei; also k�nnen Empfindungen nicht gegeben sein; auch sie sind ein gesuchtes X, ein "Problem des Verstandes". Soll damit gesagt sein, da� der Verstand, so etwa wie bei Hegel, rein aus sich heraus die ganze Welt erzeuge? Das ist kaum die Meinung H. Cohens. Einmal gibt auch er zu, da� in der nat�rlichen Weltanschauung Dinge, Ereignisse, Raum, Zeit und Kausalit�t irgendwie gegeben seien, und zwar als bewu�tseinsjenseitig; aber das macht das Eigent�mliche der neukantischen Lehre aus, da� im Unterschiede zum historischen Kant die Erfahrung der nat�rlichen Weltanschauung und die wissenschaftliche Erfahrung s c h r o f f getrennt und auseinandergerissen werden. Die Wissenschaft hat hiernach dem Gehalt der nat�rlichen Weltanschauung gar nichts zu entnehmen, auch nicht die Daseins f o r m e n und Strukturen dieser nat�rlichen Wirklichkeit, geschweige ihren Gehalt. Umgekehrt mu� vielmehr die nat�rliche Weltanschauung und ihr Inhalt ihrerseits durch die Wissenschaft als physiologisches, psychologisches resp. biologisch zweckm��iges Gesamtprodukt aus urspr�nglichen Denksetzungen erkl�rt werden, die ihr -- konsequent -- also nicht entnommen sein k�nnen. Ferner kommt es zu dem zweideutigen Satze H. Cohens: "Nichts ist dem Denken gegeben," und das Denken erzeuge erst im Urteil des infinitesimalen Ursprungs die Realit�t nur dadurch, da� Cohen Existieren eines Gegenstandes, Gegenstandsein eines Seienden, Gegebensein und Bestimmtsein einander gleichsetzt. Das Apriori Kants soll, das wahr der urspr�ngliche Wurzelpunkt der Marburger Lehre, nur im "transzendentalen" Sinne genommen werden, d. h. hier freilich nicht nur als objektiv logische Voraussetzung f�r die M�glichkeit der mathematischen Naturwissenschaft und ihrer Gegenst�nde, sondern wenigstens nach der Auslegung des sp�teren Systems auch als eine Grund l e g u n g, die unser Denken immer neu zu legen t�tig ist. Die "Grundlage" wird also hier zur "Grundlegung". Auch die "Kategorien" sind nach der Marburger Lehre nicht etwa feste, auf einer Tafel ein f�r allemal zu bestimmende Schienen, in denen unser Denken laufen mu�, sondern sie selbst sind eine prinzipiell unabgeschlossene Reihe reiner Denk e r z e u g u n g e n zum Ziele, je nach der gegebenen Problemlage, den unendlichen Proze� der Wissenschaft fortzufahren. Nicht nur Ding an sich und Empfindungsgegebenheit fallen hier im Gegensatz zum historischen Kant weg, sondern auch die "Anschauungsformen" sowie die kantische Scheidung von formaler Logik, transzendentaler Logik und Theorie des Wahrnehmungs- und Erfahrungsurteils. Die Anschauungsformen von Raum und Zeit werden f�r Cohen und Natorp Denkkategorien; sie l�sen sich in einer an Leibnizer Lehre gemahnenden Weise in ein System idealer Relationen auf, und die gesamte Mathematik soll, von Funktionentheorie und Algebra angefangen bis zur Geometrie, streng kontinuierlich ohne Heranziehung von intuitiven Minima, ausschlie�lich als strenges apriorisches Denkerzeugnis betrachtet werden. Ferner f�llt nach den Lehren der Marburger Schule der Unterschied zwischen Realwissenschaften und Idealwissenschaften vollst�ndig dahin. Auch die theoretische Physik erscheint hier vollst�ndig formalisiert (nicht minder in anderer Richtung Rechtsphilosophie und Kunstphilosophie). Der ganze Erkenntnisproze� der "Wissenschaft" -- ein Begriff, der hier aufs einseitigste und noch einseitiger bei Kant an der mathematischen Naturwissenschaft orientiert ist, und zwar an der mathematischen Naturwissenschaft des newtonschen Zeitalters -- wird hier in anschauungsfreies Denken, und zwar in erzeugendes Denken aufgel�st. Alle Gegenstands- und Seinsprobleme werden k�nstlich in M e t h o d e n p r o b l e m e verwandelt. So auch der Unterschied des Psychischen und Physischen. Ein nicht zu �bertreffender Scientivismus, der an die Stelle der Weltbegreifung ausschlie�lich die Begreifung der einen zusammenh�ngenden, den Kosmos aus dem Chaos erst e r z e u g e n d e n Wissenschaft r�ckt, ist eines der Hauptmerkmale der Marburger Philosophie. Die Rechtsphilosophie hat sich z. B. nicht direkt mit dem Rechte, die Kunstphilosophie nicht direkt mit der Kunst zu besch�ftigen, sondern mit der M�glichkeit der Rechts- und Kunst w i s s e n s c h a f t. Die Wissenschaft selbst, die, wie Cohen sagt, in "gedruckten B�chern" vorliegt, ist also allein das f�r den Philosophen Urgegebene; sie erscheint hier wie vom Himmel gefallen. Auf die Art, wie von diesem Standpunkt aus das System der Kategorien hergeleitet wird, kann hier nicht ein gegangen werden. Die genannten Cohenschen Grundideen haben N a t o r p und C a s s i r e r sowie die �brige gro�e Sch�lerschaft weiterentwickelt. Ein zweifelhafter Vorzug der Schule ist der Reichtum und die Vielseitigkeit ihrer Interessen. Sie �bertrifft hierin weit die �brigen Kantschulen. Natorp hat die Idee Cohens, zun�chst in erkenntnistheoretischer Hinsicht, besonders in drei Richtungen weiterentwickelt: 1. in bezug auf die Theorie der mathematischen Naturwissenschaft, besonders in seinem Buche "Die Grundlagen der exakten Naturwissenschaft"; 2. in seiner, einer erkenntnistheoretischen Fundierung der Psychologie dienenden "Allgemeine Psychologie"; 3. in der Richtung der Ethik und Sozialp�dagogik. Eine kurze geschickte Zusammenfassung seiner Ansichten hat er gegeben in den "Wegen zur Philosophie" unter dem Titel "Philosophie" 1918. Eine Art Geschichtsphilosophie des deutschen Volkes entwickelte er w�hrend des Krieges in seinem Buche "Deutscher Weltberuf". Ferner hat Natorp in seinem Werke �ber Platon versucht, die platonische Lehre mit Abstreifung alles dessen, was er bei Platon f�r "mythisch" h�lt, so zu deuten, da� an den "Ideen" Platons jeder dingliche Charakter verschwindet und sie als blo�e "Gesetze", die unser denkender Geist selbst zur Grundlegung des Wirklichen hervorbringt, erscheinen. Schon mit diesem Werke, aber in vielleicht noch h�herem Ma�e in den gro�en historischen Werken Ernst Cassirers �ber Leibniz und �ber "Geschichte der neueren Erkenntnistheorie" (in 3 B�nden) hat die Marburger Schule einen Weg beschritten, dessen fast einzigartig konsequente Verfolgung zwar ihrem eigenen System einen m�chtigen geschichtlichen Halt zu geben scheint, der sich aber f�r eine objektive geschichtliche Auffassung der Philosophiegeschichte nach meiner Ansicht als geradezu ruin�s erwiesen hat. Diese geschichtliche Auffassung der Philosophiegeschichte ist geleitet von der an Hegel gemahnenden Idee, da� die Geschichte der philosophischen Ideen eine strenge logische K o n t i n u i t � t und einen streng logischen Sachfortschritt darstelle, bei dem die philosophierenden Personen, ihr urspr�ngliches charakterologisches Verh�ltnis zur Welt, ferner Religion, soziale Formen und Klassen, Interessen und Leidenschaften �berhaupt keinerlei Rolle spielen. Abgesehen von dieser rein fiktiven unerwiesenen Voraussetzung werden in den geschichtlichen Werken der Marburger Schule die behandelten Denker fast ausschlie�lich nach ihrer logischen und erkenntnistheoretischen Seite hin gew�rdigt. Dies tritt in Natorps Platonbuch wie in Cassirers Leibnizbuch mit ganz unsagbarer Einseitigkeit hervor. Die Leibnizsche Metaphysik, die genau so der Ausgangspunkt seiner Logik, wie die Metaphysik des Aristoteles der Ausgangspunkt des "Organon" gewesen ist, wird von ihm so gut wie hinweginterpretiert. Und genau so ergeht z. B. Descartes in der "Geschichte des Erkenntnisproblems". Mit vollem Recht hat j�ngst Ernst von Aster in seiner k�rzlich erschienenen "Geschichte der Erkenntnistheorie" (1921), die ein wahres und objektives Bild der Dinge an Stelle der Marburger Konstruktionen zu geben sucht, diesen Marburger Vergewaltigungsversuchen der Geschichte zugunsten ihres Systemes scharfen Widerstand entgegengesetzt. Das erkenntnistheoretische Hauptwerk Cassirers hei�t "Substanzbegriff und Funktionsbegriff" (1910). Es enth�lt eine Erkenntnistheorie der Mathematik, theoretischen Physik und Chemie und soll zeigen, wie an Stelle der Herrschaft der Substanzkategorie und der begrifflichen Umfangsverh�ltnisse in der Entwicklung der neueren Wissenschaften mehr und mehr eine Denkweise getreten sei, die alle Substanzen als blo�e hypothetische und nie endg�ltig zu bestimmende Ansatzpunkte zuerst erfa�ter funktioneller Abh�ngigkeiten ansieht und eine Logik der Relationen an Stelle der Aristotelischen Subsumptionslogik setzt. Sch�ne, zum Teil auch wahre und tiefe allgemeine Bildungsb�cher hat ferner Cassirer w�hrend des Krieges uns geschenkt in seinen Arbeiten "Freiheit und Form" und "Idee und Gestalt", in denen die Entwicklung der deutschen Dichtung in einige ihrer Hauptgestalten (Goethe, Schiller, H�lderlin, Kleist) nach der Einheit ihrer Struktur und Form mit der philosophischen Entwicklung des deutschen Geistes betrachtet werden (siehe besonders den wertvollen Aufsatz "Goethe und die mathematische Naturwissenschaft"). In der Rechtsphilosophie hat R u d o l f S t a m m l e r in seinen B�chern "Wirtschaft und Recht" und "Das richtige Recht" den neukantischen Gedanken Ausdruck gegeben, ferner hat auch der �sterreicher Jurist Kelsen diese Philosophie zur Grundlage seiner Arbeiten gemacht. Eine bekannte Kritik Max Webers von Stammlers Wirtschaft und Recht (siehe "Zeitschrift f�r Sozialpolitik") und ein eben erschienenes Buch des Bonner Juristen Kaufmann haben die ungemeinen Schw�chen dieser Rechtstheorie treffend aufgedeckt (siehe E. Kaufmann, "Kritik der neukantischen Rechtsphilosophie", 1921). Die Biologie suchte N. Hartmann in einer Sonderschrift den neukantischen Grunds�tzen zu unterwerfen, ein sehr zukunftsreicher Forscher, der sich aber neuerdings von der Marburger Schule weit abgewandt und einer mehr ontologischen Denkrichtung zugewendet hat, die er nicht ohne Einflu� der Ph�nomenologie genommen haben d�rfte. J�nger unter den gegenw�rtigen Kantschulen ist die "Badische" oder auch "S�dwestdeutsche Schule". Sie ist begr�ndet von W. Windelband, fand ihren gr��ten und wirksamsten Systematiker in Heinrich Rickert, als dessen wichtigster Sch�ler, aber auch in gewissem Sinne schon �berwinder, der im Kriege zum Leide der deutschen Philosophie gefallene zukunftsreiche Emil Lask gelten mu�. Nahe stehen dieser Schule verm�ge ihres gemeinsamen Ausgangspunktes von J. G. Fichte auch Paul Hensel und der auch von Hegel stark beeinflu�te Jonas Cohn; in etwas weiterer Entfernung aber der erheblich selbst�ndige, an der Harvard-Universit�t in Amerika lehrende, w�hrend des Krieges gestorbene Hugo M�nsterberg. Z w e i Dinge unterscheiden diese Schule scharf von jener Marburgs. W�hrend die Marburger Schule sich aufs einseitigste an der mathematischen Naturwissenschaft zu orientieren suchte, sind es die historischen und Kulturwissenschaften, die den Interessenkreis dieser Schule vor allem beherrschen. Die Geschichte ist Rickert das "Organon der Philosophie". Zweitens ist es ein bereits durch J. G. Fichte hindurchgesehener Kant, dessen Lehren hier weiterentwickelt werden. Das erste Moment hat seinen Hauptgrund darin, da� der Sch�pfer dieser Schule, W. Windelband, an erster Stelle Philosophiehistoriker war. Auf diesem Boden hatte Windelband bedeutende Leistungen aufzuweisen, die freilich auch weitgehender Kritik offenstehen und ihr zum Teil auch wirklich verfielen. In seinem Platonbuche z. B. gibt er nach meiner Meinung dem Ideal des Guten bei Platon eine Deutung, die durchaus fichteisch und kantisch und das gerade Gegenteil von platonisch ist. Fast �berall, wo er �ber mittelalterliche Philosophie sprach, verf�llt er, wie Baeumker und seine Sch�ler zeigten, tiefgreifenden Irrt�mern. Systematisch ist Windelband zuerst hervorgetreten mit seiner Doktordissertation "�ber den Zufall", ferner mit seiner Rektoratsrede "�ber nomothetische und ideographische Wissenschaften", die den Ausgangspunkt f�r Rickerts Geschichtstheorie in seinem Buche �ber "Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung" gebildet hat, ferner in seinen zwei B�nden "Pr�ludien" in seiner "Einleitung in die Philosophie", in Arbeiten zur Kategorienlehre und in seinem Buche "�ber Willensfreiheit". In seiner Schrift �ber den Zufall findet sich noch der franz�sische Philosoph und Mathematiker Cournot zitiert, der meines Erachtens zuerst die Behauptung aufgebracht hat, da� es objektives, aber in gesetzm��ige Beziehungen unaufl�sbares Wirkliches gebe, das zwar dem Kausalprinzip, sofern es konkrete Kausalit�t fordere, nicht aber dem Gesetzesprinzip unterworfen sei; ferner, da� es die Geschichte mit diesem, objektiv zuf�lligen Sein, im Unterschiede von allem gesetzm��igen Sein und Geschehen zu tun habe. Derselbe Gedanke findet sich �brigens v o r jener Rede Windelbands auch bereits bei Harms und ferner in Hermann Pauls "Prinzipien der Sprachgeschichte". Streng systematisch zu begr�nden versuchte ihn aber erst H. Rickert in dem obengenannten Werke. Rickert ging dabei aus von einer bestimmten Theorie der Begriffsbildung, die er in kritischer Auseinandersetzung mit dem Logiker Sigwart gewann. Diese Begriffstheorie ist streng nominalistisch und hat mit jener der Positivisten, z. B. E. Machs, eine gro�e �hnlichkeit. Der Begriff soll sein eine "�berwindung der extensiven und intensiven unendlich reichen Mannigfaltigkeit", die jeder noch so einfache Teil des unmittelbar erlebten Wirklichen enthalte. Den auf diese Weise gebildeten Begriffen und nicht minder den analog gebildeten Gesetztsrelationen, in die sich in letzter Linie auch die Begriffe sollen aufl�sen lassen, kommt "Geltung" zu, nicht aber Wirklichkeit oder Realit�t. Neben dieser Betrachtungsart ein und desselben, unter die Kategorie der "Gegebenheit" urspr�nglich gefa�ten formfreien "Stoffes der unmittelbaren Erlebnisse" soll es aber noch eine prinzipiell entgegengesetzte Richtung der Betrachtung und des Denkens geben. Sie sucht nicht die Mannigfaltigkeit durch Allgemeinbegriffe zu �berwinden, sondern diese Mannigfaltigkeit durch Bildung von Individualbegriffen immer genauer als "Individuum" und als Ganzes und Teil zu bestimmen. Individuum und Allgemeines sollen also das Ergebnis von zwei entgegengesetzt gerichteten Formungen und Betrachtungsweisen ein und derselben Materie der Erfahrung sein, freilich so, da� die kategoriale Form des Individuums (Rickert f�hrt sie als eine neue Kategorie in das Kategoriensystem Kants ein) "k o n s t i t u t i v e" Bedeutung f�r dc Wirklichkeit besitze, w�hrend der Gesetzeskategorie nur "regulative" Bedeutung zukomme. Die letzte Wurzel des Unterschiedes von Naturwissenschaften und Geschichtswissenschaften soll nun ausschlie�lich in diesen zwei Betrachtungsweisen gelegen sein. Man mu� wohl beachten, da� die Betrachtungsweisen nicht k o o r d i n i e r t sind. Da die Kategorie des Individuums konstitutiv ist (und mit ihr auch die Kategorie der konkreten Kausalit�t), ist die Weltwirklichkeit p r i m � r nicht "Natur", sondern "Geschichte". Und was wir "Natur" nennen, ist in letzter Linie nur ein allgemein abstrakter Auszug aus dieser konkreten einmaligen Wirklichkeit, der nicht notwendig w�re, wenn unser Geist so umfassend w�re, a l l e s individuell Wirkliche im g a n z e n Reichtum seiner Mannigfaltigkeit erfassen zu k�nnen. Dadurch erh�lt die Geschichtswissenschaft einen metaphysischen Vorzug vor der Naturwissenschaft. Diese philosophisch ganz unbegr�ndete Behauptung ist nur eine ganz willk�rliche logische Scheinrechtfertigung einer aus allen �u�erungen dieser Schule hervorgehenden prim�ren geringen Wertung der Naturwissenschaft und insbesondere aller Natur p h i l o s o p h i e. Diesem Begriff der Naturwissenschaft wird von Rickert au�erdem die von ihm ganz unkritisch rein mechanisch sensualistisch aufgefa�te Psychologie eingeordnet. Ein zweites Merkmal des historischen Gegenstandes soll au�er der individualisierenden Betrachtung des Wirklichen nach Rickert die Beziehung dieses Wirklichen auf ein System allgemein g�ltiger Werte sein. Erst diese Beziehung soll aus der unerme�lichen F�lle des individuell Wirklichen dasjenige ausw�hlen, was -- sei es in positiver oder in negativer Wertrichtung -- "kulturell bedeutsam" ist. Die allgemeing�ltigen Werte werden durch die Philosophie festgestellt; ja, die Philosophie wird bei Windelband und Rickert geradezu als die "Wissenschaft von den allgemeing�ltigen Werten" definiert. Gegen diese neue "Logik der Geschichte", an deren Erweiterung, Kritik und Ausbau sich auch G. Simmel und H. Maier, ferner Troeltsch und Max Weber beteiligt haben, sind die eingehendsten und meiner Meinung nach treffendsten kritischen Einw�nde von Erich Becher in seinem Buche "Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften" (1921) erhoben worden. Auch F. Kr�ger hat in seinem wertvollen Buche "�ber Entwicklungspsychologie" (1915) viel Treffendes gegen Rickerts Begriff der Psychologie gesagt. Beide angegebenen Merkmale k�nnen den geschichtlichen Gegenstand nicht umgrenzen. Auch die Naturwissenschaft mu�, z. B. in der Geographie, in der Mondkunde, vor allem aber im ganzen Gebiet der Naturkunde �berhaupt, individualisierend vorgehen, und auch in den verschiedenen geschichtlichen und historischen Geisteswissenschaften gibt es weitgehend Gesetzlichkeit und typische Entwicklungsabfolge von Erscheinungsreihen. Nur wenn man ferner mit Rickert die mechanische Naturansicht mit Einschlu� des Biologischen und einer ausschlie�lichen sensualistischen Assoziationspsychologie als die einzig wahre Naturwissenschaft bereits willk�rlich voraussetzt, auf geistesgeschichtlichem Boden aber alle Versuche, neben der verstehenden Geschichte auch eine erkl�rende und zugleich phasengesetzliche Geschichtserkenntnis zu geben, v�llig verwirft, kann man auf Rickerts Meinung kommen. Weder l��t sich der ontische Gegensatz des geistig-psychischen Seins und der �u�eren Naturtatsachen, der �brigens durch die e i g e n g e s e t z l i c h e n Erscheinungen des organischen Lebens vermittelt wird, in einen blo�en Unterschied von "Betrachtungsweisen" verwandeln; noch l��t sich mit Fug behaupten, die Psychologie habe f�r die Geschichte keine Bedeutung (siehe hier�ber Kr�ger). Auch die Wertbezogenheit ist nicht w e s e n t l i c h f�r das geschichtlich "Bedeutsame"; es gen�gt dazu die Gr��e der Wirkungsf�higkeit eines Tatbestandes. Die eigentlichen Probleme der Geschichtserkenntnis, die Frage nach den mannigfaltigen Erkenntnisarten und Realsetzungsgr�nden fremden Bewu�tseins und das von W. Dilthey so tief aufgenommene, von E. Spranger und von dem Schreiber dieser Zeilen weitergef�hrte Problem des geschichtlichen "Verstehens" sind durch Rickert gar nicht ernstlich ber�hrt. Die Erkenntnistheorie der S�dwestdeutschen Schule hat ihr Hauptwerk in Rickerts "Gegenstand der Erkenntnis" (3. Auflage, T�bingen 1915). In ihrem Mittelpunkt steht ein erkenntnistheoretischer Idealismus, der aber nicht extremer Rationalismus und Logizismus wie jener der Marburger ist, sondern zugleich die alogischen und arationalen Fundamente gegebener Erlebniswirklichkeit anerkennt. Der erkenntnistheoretische Realismus wird am Anfang mit den denkbar billigsten Mitteln in den drei Formen des Kausalschlusses, des Interpolations- und des voluntativen Realismus (Dilthey, Frischeisen-K�hler) zu widerlegen gesucht. Alles Seiende und Gegenst�ndliche soll seinen anschaulichen Fundamenten nach "Inhalt eines Bewu�tseins �berhaupt" sein, das Rickert durch ein negatives Verfahren, durch das er den nat�rlichen Ichbegriff (pssychophysisches Subjekt, psychologisches Subjekt, erkenntnistheoretisches Subjekt) immer weiter zu beschr�nken sucht, gewinnt. Die Fehler dieses Verfahrens k�nnen hier nicht aufgewiesen werden; auch der Widersinn nicht, ein sogenanntes "�berindividuelles Ich", das weder eine Au�enwelt, noch ein Du, noch einen Leib sich gegen�ber hat, anzunehmen. Der eigentliche "Gegenstand der Erkenntnis" soll nun weder bestehen in einem bewu�tseinsjenseitigen Seienden noch in einem bewu�tseinsimmanenten Gehalt der anschauenden Akte; vielmehr soll das, was wir "Gegenstand" nennen, auf ein "transzendentes Sollen", d. h. auf die Forderungen zur�ckgef�hrt werden, �ber das Bewu�tseinsgegebene bestimmte Arten von U r t e i l e n zu f�llen und es in diesen Akten mit kategorialen Formen zu umkleiden. Dieser Gedanke ist von Fichte �bernommen, der ja auch das "Sollen" dem Sein, das Gewissen dem Wissen, die sittliche Forderung der theoretischen Erkenntnis vorhergehen l��t. In seinem letzten Werk "System der Philosophie" (1. Band) hat Rickert nichts wesentlich Neues seinen fr�heren Arbeiten hinzugef�gt. �bersieht man das Ganze dieser Schule, so kommt ihr gegen�ber der Marburger Philosophie nur e i n zweifelloser Vorzug zu. Sie erkennt g e g e b e n e Best�nde �berhaupt an; sie macht nicht den Versuch, die ganze Welt in reine Denkbestimmungen aufzul�sen; aber sie tut dies leider auch unter weitgehender Preisgabe der Rechte des Denkens und verf�llt so in einen "Nominalismus", der sich von dem Nominalismus etwa E. Machs und der Positivisten nur der F�rbung der Darstellung nach unterscheidet. In jeder anderen Hinsicht ist die Schule der Marburger Lehre weit unterlegen. An Stelle des ungemeinen Reichtums und einer bewunderungsw�rdigen Vielseitigkeit der Marburger Gedankenwelt treten hier einf�rmige schematisierende Wiederholungen von ein paar �beraus �rmlichen und d�rren Grundgedanken, die sich, verbunden mit der aufgebl�hten, von J. G. Fichte ererbten, Icharroganz dem gesamten Universum gegen�ber vergeblich bem�hen, eine ganze Philosophie zu tragen. Der sogenannten "Kultur" (selbst die Religion wird hier auf ein fadenscheiniges "Norm- und Kulturbewu�tsein" in letzter Linie zur�ckgef�hrt) wird eine Rolle und eine Bedeutung im Ganzen des Weltgetriebes zugesprochen, sie ihr nicht im entferntesten zukommt. Eine Naturphilosophie ernst zu nehmender Art, eine tiefere Fundierung der Psychologie oder irgendwelche Leistungen auf diesem Gebiet besitzt die Schule �berhaupt nicht und kann sie gar nicht besitzen, da sie ihren J�nger von vornherein mit tiefster Verachtung gegen die Wunder der Natur erf�llt. Natur ist hier genau wie bei Fichte im Grunde nur "Material" f�r ein leeres Kulturgetue, das seinen letzten Sinn haben soll in frei in der Luft schwebenden rein formalen "Werten" und "Geltungen". Die falsche Meinung, es lie�e sich der Wertbegriff auf ein Sollen zur�ckf�hren und "Wahr" und "Falsch" seien nur Werte n e b e n anderen, ist von Meinong, dem Verfasser (siehe "Formalismus in der Ethik", 2. Auflage), und zum Teil auch von E. Lask, der eben starb, als er die grobmaschigen Schematismen seiner Lehrer zu �berwinden anfing, widerlegt worden. Es mu� geradezu als ein kulturpsychologisches Problem gelten, wie diese l e e r s t e der deutschen Kantschulen in unserem Lande so starke Verbreitung finden konnte. Ich sehe seine L�sung vor allem darin, da� sie der herk�mmlichen historischen Richtung in der deutschen Geschichtswissenschaft das philosophische R e c h t ihrer Existenz immer neu best�tigte und jedes satte Gen�gen an den herk�mmlichen Methoden "philosophisch" rechtfertigte; ferner darin, da� die Aneignung jener paar Formeln �ber Wert und Sein und generalisierende und individualisierende Betrachtung mit Ausscheidung aller echt philosophischen Probleme der Metaphysik, der Naturphilosophie, der Psychologie, der Ethik und �sthetik nur ein Minimum von Denkarbeit kostete und doch gleichzeitig den Adepten mit dem Bewu�tsein erf�llte, nun ein ganzer Philosoph zu sein. (Vgl. auch hierzu W. Windelband: "Die Philosophie im deutschen Geistesleben des 19. Jahrhunderts", 1909.) Weit tiefer fa�te die Probleme der Weltlehre und der Erkenntnistheorie, der Psychologie und der Geisteswissenschaften der gleichfalls von Fichte ausgegangene Hugo M�nsterberg in seinen "Grundz�gen der Psychologie" und in seiner "Philosophie der Werte". Er versuchte aus rein erkenntnistheoretischen und methodologischen Forderungen heraus (freilich �berkonstruktiv und mit fichteischer Gewaltt�tigkeit) eine strenge Assoziationspsychologie zu vers�hnen mit der Anerkennung einer prim�r nur gewerteten "Lebenswirklichkeit" (der eigentlichen metaphysischen Sph�re), die nur zu gewissen methodischen Zwecken technischer Daseinsbeherrschung in einen �u�eren Naturmechanismus "umgedacht" werde. Von diesem Mechanismus m�sse in der erkl�renden Philosophie auch das Psychische als abh�ngig gedacht werden. Von ihr verschieden ist jedoch eine subjektivierende Aktpsychologie, die Grundlage der Geisteswissenschaften sei. In einem loseren Verbande mit beiden Kantschulen stand auch Georg Simmel, der sich von einer anf�nglich mehr positivistisch eingestellten Denkrichtung �ber die Problematik Kants hinweg schlie�lich zu einer "Lebensphilosophie" durchrang, deren Ergebnis er in dem nach seinem Tode im Nachla� erschienenen Werke "Lebensanschauung, vier metaphysische Kapitel" darstellte. Der Aufsatz "�ber den Tod" ist das Tiefste und Reifste, was dieser eigenartige und weit �ber die deutschen Grenzen hinaus anregende Denker geschrieben hat. Auch sein Aufsatz �ber "Das individuelle Gesetz", in dem er �hnlich wie Schleiermacher und der Verfasser in seiner "Ethik" neben "allgemeing�ltigen moralischen Werten" auch "individualg�ltige", d. h. eine je individuell sittliche Bestimmung des Menschen darzutun sucht, hat die Ethik bedeutend gef�rdert. Seiner durch Bergson angeregten letzten "Lebensphilosophie" die dunkel, unbestimmt und verworren bleibt, kann ein gleicher Beifall nicht gezollt werden. Die vierte von Leonhard Nelson begr�ndete Kantschule, die einen reichen Kreis von Forschern aller Disziplinen unter sich vereinigt, hat ihre Ansichten besonders in den zahlreichen Werken ihres Begr�nders und in den "Abhandlungen zur friesischen Schule" dargelegt. In scharfem Gegensatz zur "transzendentalen" Auffassung des kantischen Apriori, von dem Cohen ausging, wird hier die Lehre vertreten, da� wir nur auf dem Wege anthropologischer Selbstbesinnung mit Hilfe eines Verfahrens der Reduktion der gegebenen Wissenschaften die obersten Grunds�tze der Vernunft feststellen k�nnen. Von einem "Vertrauen in die Vernunft" ausgehend, das ein rein subjektiver Akt bleibt, m�ssen die obersten evidenten Einsichten, nach denen wir das Gegebene in mittelbarem, Denken bearbeiten, nicht "erzeugt", sondern nur als urspr�nglicher Besitz unseres Geistes enth�llt werden. Die Voraussetzung dieser Schule ist die Existenz einer unmittelbar anschauenden Vernunft, deren Grunds�tze teils anschaulich (mathematische Grunds�tze), teils unanschaulich (z. B. Kausalprinzip) evident sind, und die durch das reduktive Verfahren weder "deduziert" noch "konstruiert" sondern allein f�r die Selbstbesinnung als evident enth�llt werden m�ssen. So mu� der apriorische Besitz unseres Geistes nicht auf apriorische, sondern auf aposteriorische Weise gefunden und entdeckt werden. Eine "Erkenntnistheorie" im �blichen Sinne, sofern sie die "M�glichkeit der Erkenntnis" erst aufweisen will, ist nach Nelson ein sinnloses Unternehmen; denn nur auf Grund schon gewonnener evidenter Erkenntnis k�nnen wir anderweitige Erkenntnis einer Pr�fung und Kritik unterwerfen. Von dieser an Fries ankn�pfenden theoretischen Basis aus hat die Schule eine �beraus rege und, wie auch derjenige, der ihr fernesteht, sagen mu�, s e h r wertvolle, sowohl positiv sch�pferische als kritische T�tigkeit entfaltet. Sie hat die Theologie stark befruchtet (siehe Bousset und vor allem Rudolf Otto, dessen ausgezeichnetes Werk �ber "Das Heilige" von der Schule stark bestimmt ist). Sie hat auf dem Boden der Philosophie, der Mathematik und der exakten Naturwissenschaft eine sehr rege T�tigkeit entfaltet; sie hat in Kronfeld einen Vertreter gefunden, der nach ihren Grunds�tzen die Erkenntnislehre der Psychiatrie eingehend bearbeitet und gef�rdert hat. Vor allem aber hat ihr charaktervoller und geradsinniger Urheber L. Nelson auf dem Boden der Rechts- und Sozialphilosophie achtungswerte Werke hervorgebracht (siehe besonders "Die Rechtswissenschaft ohne Recht"). In �beraus scharfsinniger, freilich allzusehr im Formalismus Kants steckenbleibender Art und Weise wird hier mit Reinheit und Mut die Majest�t des Rechtsgedankens auf Grund evidenter Vernunfteinsichten gegen alle Verdunkelungen durch Rechtspositivismus und der in der Jurisprudenz stark herk�mmlichen Machtlehre vertreten. Auch das gro�e Werk Nelsons "Vorlesungen �ber die Grundlagen der Ethik" ist besonders in seinen kritischen Teilen von gro�em Scharfsinn. Gegen�ber Kant wird neben dem "Pflichtgem��en" ein "Verdienstliches" anerkannt, und die Liebe und das Ideal der "sch�nen Seele" freilich mehr als �sthetischer denn ethischer Wert in die Grundkategorien des menschlich Wertvollen eingef�gt. In ihrer politischen Tendenz vertritt die Schule einen radikalen Liberalismus der geistigen Individualit�t, den sie gerne auch an die konfuzianische Weisheit des chinesischen Ostens anzulehnen sucht. �berblickt man das Ganze dieser vier Kantschulen, wird man mit Verwunderung vor der Tatsache stehen, die Kantianer immer noch �ber den Sinn der Lehre ihre Meisters streiten, und noch mehr dar�ber, da� so grundverschiedene Geistesarten auf demselben Boden des Kantianismus �berhaupt m�glich sind. Da� aus der Starrheit dieser Schulkreise heraus d i e Philosophie, wie wir sie oben als erstrebenswert bezeichnet hatten, hervorwachsen werde, glauben wir bei allem Wertvollen, das besonders die Marburger und die Friesschule geleistet haben, nicht. Die ungeheuren Literaturmassen, die sich in den letzten Jahrzehnten mit Interpretation, Fortf�hrung, Neugestaltung der kantischen Philosophie besch�ftigt haben, stehen auf alle F�lle zu den F�rderungen, welche die Philosophie durch sie erhielt, in gar keinem sinnvollen Verh�ltnis. Wenn man dazu erw�gt, da� die Grundpositionen Kants (ich rechne dazu seinen Ausgangspunkt von der newtonschen Naturlehre, seine Lehre, das Gegebene sei nur ein "Chaos von Empfindungen" und alles, was Ordnung und Beziehung, Einheitsform und Gestalt am Gegenstand der Erfahrung sei, m�sse durch funktionsgesetzlich geregelte Verstandest�tigkeiten in den Gegenstand erst hineingekommen sein, ferner seine Annahme der prinzipiellen Erkl�rbarkeit der Natur auf Grund der Prinzipe der Mechanik) heute der sch�rfsten und nach meiner Meinung der strengsten Widerlegung verfallen sind, so wird man nur von einer neuen untradionalistischen S a c h philosophie -- einer Philosophie, die nicht von einer historischen Autorit�t ausgeht, sondern h�chstens retrospektiv auf Grund ihrer gewonnenen Erkenntnisse sich auch einer philosophiegeschichtlichen Tradition eingeordnet wei�, Wertvolles und Dauerndes erwarten d�rfen. Einen weit geringeren Einflu� als die kantische Philosophie �bt auf die Philosophie der Gegenwart der Positivismus und sein neuester Ableger, der von den Amerikanern Peirce und W. James und dem Engl�nder Schiller, in gewissem Sinne auch von Fr. Nietzsche (siehe besonders "Der Wille zur Macht") angeregte, f�r das engere Gebiet der naturwissenschaftlichen Erkenntnistheorie auch von Henri Bergson angenommene sogenannte "Pragmatismus" aus[1]. Der [1] W. James: "Der Pragmatismus" (Philosophisch-Soziologische B�cherei Bd. 1): F. C. S. Schillers "Humanismus" (derselben Sammlung, Bd. 25); ferner W. James: "Das pluralistische Universum", �bersetzt von J. Goldstein (Bd. 33). europ�ische Positivismus hat seinen Ursprung und Hauptsitz in Westeuropa; Bacon, D. Hume, D'Alembert, Condorcet, A. Comte, J. St. Mill, H. Spencer, Taine und Buckle waren seine bedeutendsten geistigen V�ter. In der gegenw�rtigen deutschen Philosophie hat er so wenig wie in der deutschen Philosophie �berhaupt eine allseitige, alle Gebiete der Philosophie umfassende Vertretung gefunden. Als strengere Positivisten k�nnen unter den �lteren f�r die Erkenntnistheorie nur E. Mach und Avenarius, in der unmittelbaren Gegenwart der aus der Psychiatrie zur Philosophie gekommene selbst�ndige und originelle Forscher Theodor Ziehen gelten. Eine gr��ere Anzahl von Forschern sind st�rker von ihm beeinflu�t, so z. B. der k�rzlich verstorbene Benno Erdmann (siehe besonders seine "Logik", 1. Band, 2. Auflage). In seinen �lteren Arbeiten ist auch A. Riehl, ferner Hans Cornelius, der Humesche und Machsche Gedankeng�nge mit Kants Erfahrungstheorie eigenartig verquickt hat (siehe Cornelius: "Transzendentale Systematik", 1916), vom Positivismus bestimmt. Als ein dem Pragmatismus, freilich mit mehr Nietzschescher als angels�chsischer F�rbung, n�herstehendes Werk mu� die "Philosophie des Als-ob" von H. Vaihinger angesehen werden. Unter den j�ngsten Erkenntnistheoretikern steht Moritz Schlick ("Allgemeine Erkenntnislehre", 1918) freilich mit realistischem Einschlag dem Positivismus verm�ge seines extremen Nominalismus (Erkennen sei nur "eindeutiges Bezeichnen und Ordnen der Gegenst�nde") nahe. In der Ethik und Religionsphilosophie lehrte Jodl einen monistisch modifizierten Positivismus. In der Soziologie und Geschichtsphilosophie steht ihm M�ller-Lyer, L. von Wiese, W. Jerusalem (siehe "Die Phasen der Kultur", "Einleitung in die Philosophie") und R. Goldscheid nahe. Wesentlichste Basis des deutschen Positivismus ist eine sensualistische Erkenntnistheorie und ein Versuch, die Denkkategorien psychologisch oder soziologisch geschichtlich herzuleiten. Die Auffassung, da� die kategorialen Formen nicht Seinsformen, die Denkgesetze nicht Seinsgesetze seien, teilt der Positivismus mit den Kantianern. W�hrend aber jene die apriorische Struktur unseres Denkens nur auffinden oder, wie die Marburger, immer neu aus urspr�nglicher Denkfunktion rein erzeugen wollen, bem�ht sich der Positivismus nach humeschem Muster, sie auf dem Boden einer beschreibenden (oder bei manchen selbst genetischen) Psychologie und Soziologie zu verstehen. Die sensualistische Auffassung, da� der gesamte Inhalt der nat�rlichen und wissenschaftlichen Erfahrung auf Sensationen und deren Residuen, resp. auf die Verkn�pfung dieser Residuen nach den Assoziationsgesetzen zur�ckf�hrbar sei, das Denken aber auf Zeichengebung und Abfolge �hnlicher Vorstellungsbilder in letzter Linie beruhe, macht die eigentliche erkenntnistheoretische These des Positivismus aus. Ihr entspricht dann die F o r d e r u n g, aus der Wissenschaft alles das auszuscheiden, was �ber aufweisbare Empfindungselemente und �ber die Funktionalbeziehungen von deren Komplexen hinausgehe. Jeder asensuelle und �bersensuelle u r s p r � n g l i c h e Bestand im Gegebenen der Erfahrung, der nur durch ein urspr�ngliches, von Bildern nicht ableitbares eigengesetzm��iges D e n k e n (oder andere geistige Funktionen, wie Intuition, kognitives F�hlen usw.) zu erfassen w�re, wird bestritten. Alle "Substanzen" und "Kr�fte" und alle sinnlich nicht aufweisbaren Inhalte und Realsetzungen solcher m�ssen aus der Wissenschaft in letzter Linie ausgeschieden werden: sofern man aber mit Substanz- und Kraftbegriffen in ihr operiert, kommt diesen Operationen genau so wie den in der Wissenschaft verwandten allgemeinen Begriffen und Gesetzen nur die �konomische Bedeutung zu, mit Bildvorstellungen zu sparen ("Prinzip der Denk�konomie"). Mit dieser Auffassung verbindet sich eine streng nominalistische Lehre vom begrifflichen Denken, die in Deutschland am sch�rfsten durch H. Cornelius ("Einleitung in die Psychologie"), E. von Aster und neuerdings von Schlich durchgef�hrt worden ist (zur Kritik dieser Lehre vergleiche E. Husserl: "Logische Untersuchungen", Band 2). In der Realit�tsfrage hat sich der deutsche Positivismus (mit Ausnahme von Schlick) im Unterschied von jenem Spencers im wesentlichen ablehnend verhalten. Die Existenz der Welt ist ihm nur der "geordnete Inbegriff ihrer Wahrnehmungsm�glichkeiten". Avenarius hatte die Gegenst�nde, Bewu�tsein, Seele, Ich auf eine urspr�ngliche T�uschung zur�ckgef�hrt, die durch Introjektion eines Umgebungsbestandteils (z. B. wahrgenommener Baum) in den Mitmenschen (als "immaterielles Abbild" des Baumes) und erst sekund�r auch in das erkennende Ausgangssubjekt noch einmal "hineinverlegt" worden sei (s. Avenarius: "Der nat�rliche Weltbegriff"). E. Mach, der mehr von idealistischer Seite her kam, nahm letzte qualitative Seinselemente an (blau, rot, hart, Ton usw.), die, wenn sie in ihrem gegenseitigen Zusammenhang und in den Abh�ngigkeiten ihrer m�glichen Komplexver�nderungen untereinander betrachtet werden, "Natur" hei�en; "Empfindungen" aber, wenn sie und ihre Komplex�nderungen betrachtet werden in Abh�ngigheit von den physiologischen Vorg�ngen des Organismus. Auch das "Ich" ist ihm nur ein solcher relativ konstanter Komplex von Seinselementen. Eine vorz�gliche Kritik dieser "Ich"-lehre gibt K. �sterreich in seinem Buch "Ph�nomenologie des Ich". Der Unterschied von Psychisch und Physisch soll hiernach kein Unterschied der Materie und der Gegenst�nde sein, sondern nur ein Unterschied in der Betrachtung der Abh�ngigkeitsverh�ltnisse zwischen den Seinselementen. Mach hat diese Lehre in seinen gro�en Werken zur Geschichte der Naturwissenschaft (Geschichte der Mechanik, des Satzes von der Erhaltung der Arbeit, der W�rmelehre) und in seinem letzten, sehr wertvollen und lehrreichen Werke "Erkenntnis und Irrtum" auch geschichtlich zu unterbauen gesucht. Die moderne mechanische Naturansicht hat nach seiner Meinung nur in dem historischen Z u f a l l ihren Grund, da� man die Bewegungserscheinungen fester K�rper zeitlich zuerst studierte (Galilei), um dann, nach dem Prinzip: Erkl�ren hei�e nur "relativ Unbekanntes auf zuvor Bekanntes" zur�ckzuf�hren, auch die �brigen Naturerscheinungen auf Bewegungsgesetze fester Dinge zur�ckzuf�hren. Tats�chlich aber bestehe kein Seinsunterschied zwischen "prim�ren" und "sekund�ren" Qualit�ten. Besonders die Bedeutung denk�konomischer A n a l o g i e n und Bilder f�r den wissenschaftlichen Fortschritt hob er nach dem Vorgang englischer Physiker (Maxwell, Lord Kelorn, Clifford) in seinen geschichtlichen Werken und in "Erkenntnis und Irrtum" stark hervor. Aber alle diese "Bilder" m�ssen zugunsten strenger, rein mathematisch formulierter Funktionsgesetze eines Tages wieder aus der Wissenschaft ausgeschieden werden, wenn sie den neuen Beobachtungen nicht mehr gen�gen. Auch der modernen Relativit�tstheorie Einsteins hat E. Mach durch seine Kritik Newtons, besonders seiner Lehre von der absoluten Bewegung vorgearbeitet (siehe Geschichte der Mechanik). Diese Auffassung der Arbeit der Naturwissenschaft ist in neuester Zeit von Planck ("Einheit des physikalischen Weltbildes"), Stumpf, K�lpe, ferner von allen realistischen und kantischen Schulen mit Recht scharf bek�mpft worden (siehe besonders C. Stumpfs Akademieabhandlung: "Zur Einteilung der Wissenschaften", 1906). Vor allem aber war es Ed. Husserl, der die nominalistischen Begriffstheorien des Positivismus in den "Logischen Untersuchungen", Band 2, einer �beraus einschneidenden Kritik unterzog. Die ernstesten Versuche, die Gegner des Nominalismus und Sensualismus, die heute den Positivismus immer mehr zur�ckgedr�ngt haben, zu widerlegen, haben von diesem Standort aus Ziehen in seiner "Psychophysiologichen Erkenntnistheorie" und seinem k�rzlich erschienenen sehr wertvollen "Lehrbuch der Logik" (1920) und E. von Aster unternommen. Da� es ihnen aber gegl�ckt sei, die positivistischen Positionen zu halten, glaubten wir nicht. Der sch�rfste Gegner ist dem Positivismus neuerdings entstanden in der "Ph�nomenologie", obzwar diese Denkrichtung mit ihm das Gemeinsame hat, den Aufweis aller Begriffe in letztfundierenden Anschauungsgegebenheiten zu fordern. Aber eben dabei erwies es sich, da� der Gehalt des origin�r Anschaubaren unvergleichlich r e i c h e r ist als dasjenige, was durch sensuelle Inhalte und ihr Derivate (und deren fernere psychische Verarbeitung) an ihm denkbar sein mag. Zu welchen gewagten Annahmen und immer verwickelter werdenden Hypothesen der Positivismus greifen mu�, um seine Lehre durchzuf�hren, zeigt auch das letzte scharfsinnige Werk Benno Erdmanns �ber "Grundz�ge der Reproduktionspsychologie" (1920). Wenn der Positivismus im Erkennen nur ein zweckm��iges m��iges Bezeichnen gegebener Sachen sieht, so geht der P r a g m a t i s m u s von einer etwas anderen Auffassung aus. Er behauptet, da� alles Erkennen nur die Bedeutung habe, ein Bild der Dinge zu geben, so geartet, da� seine "Folgen" uns zu Handlungen f�hren, die bestimmte praktische Bed�rfnisse befriedigen. Der "Sinn" eines Gedankens falle zusammen mit dem Inbegriff aller m�glichen praktischen Verhaltungsweisen, die er "leiten" und "f�hren" k�nne; und "wahr" sei ein Gedankengebilde dann, wenn diese Reaktionen gattungsn�tzlich seien und uns in der praktischen Beherrschung der Dinge weiterf�hren. Peirces "Erkenntnis" wird hier �hnlich wie bei den Marburgern selbst zu einem "Formen" und "Gestalten" einer zun�chst v�llig indifferenten chaotischen Masse von Gegebenheiten (James, Schiller). Der letzte Beweis z. B. f�r den Wahrheitswert der Naturwissenschaft ist die M a c h t, die sie uns �ber die Natur gibt, also Technik und Industrie; die Arbeit an den Dingen gehe �berall der Erkenntnis vorher und die Erkenntnis zeige in letzter Linie nur die R e g e l n auf, nach denen unsere Bearbeitung der Welt praktisch re�ssiere. In Deutschland ist diese v�llig unhaltbare, allen Wahrheitsernst untergrabende amerikanistische Theorie -- besonders widerlich, wenn sie zur Rechtfertigung des Daseins Gottes und der Religion angewandt wird, wie sie in W. James' "Mannigfaltigkeit der religi�sen Erfahrung" -- mit einer eigenartigen Modifikation, die von Nietzsche herr�hrt (siehe besonders "Wille zur Macht"), von Hans Vaihinger vertreten wurde. Die "Modifikation" besteht in folgendem: W�hrend die angels�chsische Theorie des "Pragmatismus" die Lautverbindung "wahr" geradezu als "praktisch brauchbar" definiert, h�lt Vaihinger im Grunde den a l t e n Wahrheitsbegriff fest, schr�nkt aber das unmittelbar "Wahre" ein auf das, was an einer Wortintention nur in reinen Empfindungen gedeckt ist. Alles, was dar�ber hinausragt -- seien es Kategorien, Grenzbegriffe (z. B. ideales Gas, Adam Smiths "eigens�chtiges Wirtschaftssubjekt" usw.), seien es unanschauliche theoretische Setzungen (z. B. �ther, aber auch Gott, unsterbliche Seele), das hei�t das denkbar Verschiedenartigste und logisch Verschiedenwertigste -- fa�t Vaihinger unter den Begriff "Fiktion" zusammen; so ergibt sich in letzter Linie die Lehre, da� die F i k t i o n sozusagen der tragende Grund und Sinn der Welt selber sei, und da� zwischen Erkenntnis und Dichtung (Vaihinger war von A. Lange ausgegangen und erweitert im Grunde nur dessen an Fr. Schillers philosophischen Gedichten gewonnene "Begriffsdichtungs" gedanken von der Metaphysik auch auf die exakte Wissenschaft) im letzten Grunde nur der einzige Unterschied sei, da� die e i n e Fiktion praktisch brauchbar sei, die andere nicht und nur der Betrachtung und dem �sthetischen Genusse diene. Dazu trat, wie gesagt, der Einflu� Nietzsches. Dies ist der einzige konstatierbare Einflu�, den Nietzsche, der ja auch den "Wert der Wahrheit" in Frage gezogen hatte (siehe schon "Unzeitgem��e Betrachtungen") und im Willen zur Wahrheit nur eine Abart des "Willens zur Macht" sah, auf die rein theoretische Philosophie in Deutschland ausge�bt hat. In einzelnen wissenschaftstheoretischen Ausf�hrungen ist Vaihingers Werk sehr anregend. Die Art, wie es die bekannten kantischen Als-ob-Wendungen und insbesondere die religionsphilosophische Postulatenlehre Kants interpretiert, halten wir mit W. Windelband f�r historisch grundirrig. Nach unserer Meinung haben diese Wendungen (z. B. man solle auf den kategorischen Imperativ h�ren, "als ob" er ein g�ttliches Gebot w�re) nur den Sinn, die sittlich praktische M o t i v i e r u n g der Realsetzung Gottes von Motivierung durch theoretische Begr�ndung scharf zu unterscheiden. Die Realsetzung selbst ist aber auf diesem Wege bei Kant genau so ernst gemeint wie die Realsetzungen durch theoretische Erkenntnis; ja noch ernster -- n�mlich im Sinne von metaphysischer, nicht nur empirischer Realit�t; der Gedanke der "Fiktion" oder gar bewu�ter Fiktion liegt unseres Erachtens Kant v�llig fern. Als Ganzes stellt nach unserer Meinung das Werk Vaihingers den gr��ten Mi�griff dar, den die deutsche Philosophie in den letzten Jahrzehnten getan hat. Um so interessanter ist seine starke Verbreitung -- ein wenig erfreulicher Ausdruck f�r die Mentalit�t weiter Kreise. Den neukantischen und positivistischen Schulen hat sich in den letzten Jahren eine im Wachsen befindliche r e a l i s t i s c h e erkenntnistheoretische Richtung entgegengestellt, die zugleich den �bergang bildet zu einer Reihe h�chst bedeutsamer Versuche der W i e d e r e r w e c k u n g d e r M e t a p h y s i k (siehe dazu Peter Wust: "die Auferstehung der Metaphysik"). Diese Erscheinung ist nicht nur auf Deutschland beschr�nkt; auch in Frankreich, England und Amerika sieht sich der erkenntnistheoretische Idealismus und der positivistische Sensualismus immer mehr in den H i n t e r g r u n d gedr�ngt. (Vgl. dazu K. Oesterreich [sic]: "Die philosophischen Str�mungen der Gegenwart".) Die neurealistischen Richtungen (einen �bergang zu ihnen bilden Riehl, Volkelt und E. v. Hartmann) gehen in ihrer Art der Begr�ndung des Realismus freilich noch weit auseinander. Im gro�en ganzen lassen sich unterscheiden die Formen des altscholastischcn Realismus, des kritischen Realismus und des intuitiven und voluntativen Realismus. Gerade die historisch �lteste dieser realistischen Formen, der scholastische Realismus, gewinnt in gewissem Sinne gegenw�rtig wieder neues Interesse. Wie ich schon sagte, ist es ein eigent�mliches Zeichen der letzten Philosophie, da� �berhaupt die scholastische Philosophie in lebendigen Denkverkehr mit der modernen Philosophie getreten ist. Ein Grund daf�r ist, da� die moderne Philosophie auf ganz verschiedenen Punkten rein aus sich selbst heraus auf manche scholastische Positionen gekommen ist. So gleicht zL. B. der Versuch Bergsons, in seinem Buche "Ged�chtnis und Materie" zu zeigen, wie ein urspr�nglich unmittelbar gegebenes S e i n in die Menschenerfahrung erst eingeht, um in ihr nach einer Reihe von Richtungen deformiert zu werden; gleichen ferner die amerikanischen neurealistischen Versuche (F. J. E. Woodbridge, E. B. Mc Gilvary u. a.) methodisch dem altscholastischen Vorgehen, die Erkenntnis ihrem Wesen nach auf ein Seinsverh�ltnis, d. h. die Teilnahme eines Seienden an einem anderen, zur�ckzuf�hren. Bergsons und anderer Versuche (auch Meinong und H. Schwarz in seinem Buche "Die Umw�lzung der Wahrnehmungshypothesen" w�ren hier zu nennen), die Lehre von der O b j e k t i v i t � t der Sinnesqualit�ten wieder neu zu begr�nden, haben gleichfalls erkenntnistheoretisch in die N�he der scholastischen Positionen gef�hrt. H. Driesch kam durch seine modifizierte Wiedereinf�hrung des aristotelischen Entelechiebegriffs in der Bearbeitung der Probleme des organischen Lebens gleichfalls der Scholastik weit entgegen. Andererseits hat die scholastische Philosophie in den letzten Jahren auch in unserem Lande Vertreter gefunden, die es wohl verstanden, sich der modernen Probleme von ihrem Standort aus scharfsinnig zu bem�chtigen. Abgesehen von den neuen Erschlie�ungen und Interpretationen bisher unbekannter Teile der mittelalterlichen Philosophie, die wir an erster Stelle Grabmann (siehe besonders seine h�chst wertvolle "Geschichte der scholastiscben Methode" und seine Neueditionen) und den Forschungen Baeumkers und Baumgartens und dieser beider Sch�ler verdanken, sind auch selbst�ndigere systematische Denker auf scholastischem Boden neuerdings hervorgetreten, so z. B. der verdiente E. L. Fischer, ferner Lehmen und besonders J. Geyser, der in seinen der Psychologie, der Logik, der Erkenntnistheorie und der Metaphysik gewidmeten Arbeiten, ferner in seinem Buche �ber Husserl und eine Verkn�pfung ("Neue und alte Wege der Philosophie") der scholastischen Lehre mit der modernen Philosophie anstrebt. Das gro�e psychologische Sammelwerk von Fr�bes und die Arbeiten des aus der K�lpeschen Schule hervorgegangenen Experimentalpsychologen Lindworsky (besonders "Das schlu�folgernde Denken", 1916, "Experimentelle Psychologie", 1921) haben ferner die scholastischen Positionen mit der ganzen Experimentalpsychologie eng verkn�pft. In erkenntnistheoretischer Hinsicht sind freilich die Neuscholastiker in Deutschland mehr dem sogenannten "kritischen Realismus", der eine reale Welt erst mittels schlie�ender Denkakte gewinnen will, zugeneigt, als dem altscholastischen Standpunkt, der schon in der Sinneswahrnehmung eine unmittelbare Erfassung realer Gegenst�nde erblickt und der �berdies auf das Problem der modernen Philosophie: "Wie kommen wir zu einer realen Au�enwelt?" von seinem Ausgangspunkte im Grunde gar nicht kommen kann, da er im Gegensatz zur modernen Philosophie (seit Descartes) von der prim�ren Gegebenheit eines Seienden ausgeht und von ihm auch erst durch die Scheidung das ens reale vom ens intentionale die M�glichkeit von Bewu�tsein und Erkenntnis verst�ndlich machen m�chte. Aber auch der altscholastische Realismus hat gegenw�rtig eine alle wesentlichen Tatsachen der Sinnesphysiologie und Sinnespsychologie und alle bisher f�r die sogenannte sekund�re Natur aller oder einiger Sinnesqualit�ten vorgebrachten Argumente ber�cksichtigende, sehr scharfsinnige und beachtenswerte Darstellung gefunden in Josef Gredts beiden B�chern: "De cognitione sensuum externorum", Rom 1913, und in deutscher Sprache in dem k�rzlich erschienenen "Unsere Au�enwelt, eine Untersuchung �ber den gegenst�ndlichen Wert unserer Sinneserkenntnis" (1921). Der vom Verfasser vertretenen realistisch gerichteten Ph�nomenolgie ist trotz verschiedenen Ausgangspunktes der Standpunkt Gredts, nach dem auch der kritische Realismus, wenn er einmal die Gegenst�ndlichkeit und Realit�t der unmittelbaren Sinneserkenntnis leugnet, notwendig in die Konsequenzen des vollst�ndigen Idealismus getrieben werde, �hnlicher als der sogenannte "kritische Realismus" vieler Neuscholastiker (z. B. Mercier, Hertling und Geyser). Schon Otto Liebmann hatte einmal bemerkt, da� alle Ergebnisse der Naturforschung im Begriffssystem der aristotelischtn Metaphysik und Erkenntnislehre Platz h�tten. Und in der Tat ist es ein gro�es Vorurteil, zu meinen, die Fortschritte einer ihrer Grenzen eingedenken positiven Wissenschaft k�nnten o h n e Zuhilfenahme rein philosophischer Wesenuntersuchungen �ber metaphysische und erkenntnistheoretische Fragen �berhaupt etwas Letztes entscheiden. Der ausgezeichnete franz�sische mathematische Physiker und Historiker der theoretischen Physik, Pierre Duhem (sein Werk: "Geschichte der physikalischen Theorien", ist mit einer Vorrede von E. Mach auch in deutscher Sprache erschienen), hat Liebmanns Gedanken gewisserma�en in gro�em Ma�stabe ausgef�hrt. Duhem suchte zu zeigen, da� gerade bei einer strengen mathematischen Formalisierung der theoretischen Physik die aristotelische Metaphysik mit der modernen Physik wohl vereinbar sei. Er hat stark auf den auch philosophisch bei uns wirksamen franz�sischen Mathematiker H. Poincar� gewirkt ("Wissenschaft und Hypothese", "Der Wert der Wissenschaft"), ist aber, mit ihm verglichen, der weitaus tiefere erkenntnistheoretische Denker. Den k r i t i s c h e n Realismus haben mit sehr verschiedenartiger Begr�ndung in neuester Zeit eine gro�e Reihe von deutschen Forschern neu zu begr�nden gesucht. Es seien hier genannt B. Erdmann, Meinong, Stumpf, D�rr, Oesterreich [sic], Messer, St�rring, Freytag, Schlick, Becher, Troeltsch und vor allem O. K�lpe in seinem zweib�ndigen (der zweite Band ist 1920 aus dem Nachla� von Messer herausgegeben worden) Werke "Die Realisierung, ein Beitrag zur Grundlegung der Realwissenschaften"; ein dritter Band steht noch in Aussicht. Der K�lpesche Versuch ist ohne Zweifel der ausgedehnteste, eingehendste und strengste, der seitens der kritischen Realisten zur Begr�ndung ihrer These unternommen worden ist. K�lpe gliedert die Hauptfrage in vier Unterfragen, deren Beantwortung er je einen Band widmen wollte: 1. Ist eine Setzung von Realem m�glich? 2. Wie ist eine Setzung von Realem m�glich? 3. Ist eine Bestimmung von Realem m�glich? 4. Wie ist eine Bestimmung von Realem m�glich? Nach einer ausgezeichneten und tiefdringenden kritischen Durchmusterung und Widerlegung der verschiedenen Formen des erkenntnistheoretischen Idealismus und positivistischen "Wirklichkeitsstandpunktes" im ersten Band untersucht K�lpe im zweiten Band die in der Wahrnehmung und die in rationalen Grunds�tzen und ihrer denkenden Anwendung gelegenen Gr�nde und endlich die "gemischten Gr�nde" f�r die Setzung einer Realit�t. De Pr�fung der sechs rationalen Gr�nde ergibt deren Insuffizienz. Man kann weder von der induktiven Regelm��igkeitsvoraussetzung (wie z. B. Becher), noch durch Schlu� auf eine transzendente Ursache unserer Wahrnehmung, noch vom Ich auf ein vermeintlich begrifflich notwendig dazugeh�riges Nichtich, noch von der blo�en (gegen Berkeley und W. Schuppe festgehaltenen) Widerspruchslosigkeit des Gedankens einer bewu�tseinsunabh�ngigen Welt, noch vor dem Transzendenzbewu�tsein unserer Denkakte (z. B. auch Erinnerungsakte) aus (wie es W. Freytag versuchte), noch von der �konomischen Zweckm��igkeit der Annahme einer realen Au�enwelt auf deren Existenz schlie�en. Auch die in der Wahrnehmung im Unterschiede zu den "Vorstellungen" gelegenen immanenten Merkmale lassen nicht ohne weiteres eine reale Welt annehmen (wie es der altscholastische Realismus will); erst die "gemischten Gr�nde" sollen zum Ziel f�hren. Die Au�enwelt m�sse gesetzt werden: erstens als "Bedingung des von dem psychophysischen Subjekt in der Wahrnehmung Unabh�ngigen und als das Substrat der vorgefundenen selbst�ndigen Gesetzlichkeit der Wahrnehmungen". K�lpes Versuch bezieht sich nicht nur auf die Realit�t der Natursetzung, sondern umfa�t auch das Problem einer von der Beschreibung der Bewu�tseinserlebnisse verschiedenen Realpsychologie, ferner auch das Problem der Realit�t des Vergangenheits- und Fremdbewu�tseins und damit auch des Realit�tsproblems in den Geisteswissenschaften. Wie immer man zu K�lpes Werk im einzelnen stehen mag (der Verfasser kann sich nicht �berzeugen, da�, wenn w e d e r in der Wahrnehmung f�r sich noch im Denken f�r sich Gr�nde zur Annahme einer realen Welt gelegen sind, sie in einer blo�en "Mischung" beider Momente gelegen sein k�nne), so verdient die ausgezeichnete Arbeit des vortrefflichen, f�r die Wissenschaft viel zu fr�h heimgegangenen Forschers doch die allerernsteste Beachtung und W�rdigung. Der Richtung des intuitiven Realismus ist zuzuz�hlen vor allem die auch in Deutschland stark wirksame Philosophie H. Bergsons, ferner der in dem Buche "Die Grundlegung des Intuitivismus" niedergelegte Standpunkt des beachtenswerten russischen Philosophen Losskij. Obgleich der Realismus in der Weise dieser beiden Forscher aus dem Grunde nicht durchf�hrbar sein d�rfte, da uns Intuition, soweit es eine solche neben mittelbarem Denken und Sinneswahrnehmung gibt, nur d a s e i n s f r e i e s W e s e n (und Wesenszusammenh�nge) geben kann, verdienen doch auch ihre Lehren ernstlichste Beachtung. F�r die Existenz des fremden Bewu�tseins �berhaupt ohne Existenzsetzung eines bestimmten so oder anders beschaffenen Ichs nahmen neuerdings auch Scheler (siehe "Formalismus in der Ethik" und sein Buch "�ber Sympathiegef�hle", Anhang) und in etwas anders gef�rbter Weise J. Volkel (siehe sein Buch "�ber das �sthetische Bewu�tsein") intuitive Evidenz in Anspruch. F�r die Begr�ndung einer R e a l p y s c h o l o g i e traten au�er K�lpe auch ein Scheler (siehe "Idole der Selbsterkenntnis" in "Abhandlungen und Aufs�tze"), M. Geiger und H. Driesch ("Fragment �ber den Begriff des Unbewu�ten und die psychische Realit�t", 1921). Die Richtung des v o l u n t a t i v e n R e a l i s m u s ist vor allem -- ich sehe hier ab von ihren historischen Vorformen bei Maine de Biran, Bouterweek und Schopenhauer -- in neuester Zeit in einer Akademieabhandlung von Dilthey, Frischeisen-K�hler (siehe "Wissenschaft und Wirklichkeit", 1912), Scheler und E. Jaensch ("�ber die Wahrnehmung des Raumes", Anhang) vertreten worden. Nach dieser Auffassung f�hrt erst das unmittelbare Widerstandserlebnis irgendwelcher Gegenst�nde als wirklicher und m�glicher "Widerst�nde" zur Setzung einer Realit�t �berhaupt. Erst die Zuweisung eines in seinem Sosein schon bestimmten Gegenstandes in die zuvor schon gegebene S p h � r e d e s R e a l e n ist von der Einreihbarkeit des Gegenstandes in gesetzliche Beziehungszusammenh�nge (je nach dem Wesen der Gegenst�nde verschiedener Artung) abh�ngig. Analog sind nach Scheler die f�nf Sph�ren: "Au�enwelt", "Innenwelt", "Leib", "Fremdbewu�tsein", "Gottheit", in de ein bestimmtes Reales hineingesetzt wird, als Sph�ren jedem endlichen Bewu�tsein "vor" jeder bestimmten Erf�llung mit Inhalten unmittelbar anschaulich gegeben. Dem Denken kommt nur die Rolle zu, die Daseinsbestimmung einer bestimmten Realit�t vorzunehmen, soweit solche �ber die unmittelbare Erfahrung hinausgeht. Viel zu wenig beachtet ist nach Meinung des Verfassers innerhalb der engeren Philosophenkreise die ungemeine Befruchtung, die f�r alle Gebiete der Philosophie von der g e g e n w � r t i g e n Psychologie mit Einschlu� der Experimentalpsychologie auszugehen verm�chte, wenn ein tieferes Verst�ndnis und eine gr��ere gegenseitige Beachtung ihrer Arbeiten zwischen Philosophen und Psychologen stattf�nde. Dieselbe Forderung stellten neuerdings E. Jaensch, Kr�ger, Marbe, ferner die Schulen von C. Stumpf und K�lpe. Die moderne Psychologie begann ihr Werk mit einseitiger Untersuchung der Empfindungstatsachen und mit Problemen der Gr��enmessung. Da diese Art der �lteren Experimentalpsychologie sich bald eine Reihe philosophischer Lehrst�hle anzueignen wu�te, entstand in den engeren Philosophenkreisen ein gewisser Arger und, damit verbunden, auch eine weitgehende Nichtbeachtung ihrer Arbeiten. Man sagte: Diese neue Psychologie ist eine Spezialdisziplin der Naturwissenschaft; sie sei der Medizin und Sinnespsychologie zuzuweisen und habe mit Philosophie gar nichts zu tun oder doch nicht mehr wie irgendeine andere Spezialwissenschaft; darum geb�hrten ihr auch keine philosophischen Lehrst�hle. Am sch�rfsten und im anma�endsten Tone haben die Vertreter der S�dwestdeutschen Schule dieser Meinung h�ufig Ausdruck gegeben. (Vgl. hierzu die treffenden Schilderungen dieser Dinge bei Fr. Kr�ger, "�ber Entwicklungspsychologie", 1918.) Die zeitweise Herrschaft einer sogenannten "Psychologie ohne Seele" und einer strengen sensitivistischen und assoziationspsychologischen Auffassung der seelischen Tatsachen (die z. B. noch wesentliche Grundlage ist den in der Einzelbeobachtung ausgezeichneten Arbeiten �ber "Das Ged�chtnis" von G. E. M�ller in seinem gro�en Werke �ber "Das Ged�chtnis") schien eine Zeitlang dieser Haltung neue Gr�nde zuzuf�hren. Dazu blieben die langwierigen, philosophischen Streitigkeiten �ber "psychophysischen Parallelismus" und "Wechselwirkung", die nur von allgemeinsten "Prinzipien", sei es der Erkenntnistheorie, sei es neugefundener physikalischer Wahrheiten ausgingen, (z. B. Vereinbarkeit des seit den Arbeiten von Rubner und Atwater auch f�r den organischen Austausch von Nahrung und Arbeit nachgewiesenen Satzes von der Erhaltung mit einer psychophysischen Wechselwirkung) nicht nur �beraus unfruchtbar, sondern, was noch weit schlimmer war, ohne jeden f�hlbaren Anschlu� an die T a t s a c h e n f o r s c h u n g der empirischen und experimentellen Psychologie. Nun haben sich aber diese Verh�ltnisse mit der Zeit so g r u n d s � t z l i c h und t i e f gewandelt, da� die antipsychologische Haltung vieler Philosophen jeder sinnvollen Grundlage entbehrt. Der sogenannte "Psychologismus", der f�r die Philosophie eine Zeitlang eine Gefahr scheinen mochte, ist beute grunds�tzlich abgetan. Die Entwicklung zeigte ferner, da�, wie auch B. Erdmann in seiner "Reproduktionspsychologie" treffend betont hat, eine wirklich vollst�ndige Abl�sung der Psychologie von der Philosophie gar nicht m�glich ist. Selbst bei den elementarsten Untersuchungen �ber Empfindungstatsachen (siehe z. B. den besonders von K�hler gef�rderten Streit �ber die Existenz "unbemerkter Empfindungen"), ferner in allen Fragen, welche nicht aufeinander zur�ckf�hrbaren G r u n d a r t e n s e e l i s c h e r V e r k n � p f u n g e n es �berhaupt gebe, l��t sich die Philosophie gar nicht ausschalten. Auch die Meinung, es lie�e sich eine empirische Psychologie errichten ohne bestimmte, erkenntnistheoretische oder metaphysische �berzeugungen �ber das "Ich", und sein reales Substrat hat sich gerade durch die Arbeiten der gegenw�rtigen Philosophie und Psychologie als ganz falsch erwiesen. Die "Psychologie ohne Seele" geh�rt heute bereits der Geschichte an und nicht minder die Herrschaft der Meinung, die Psychologie k�nne sich mit der Schilderung blo�er Bewu�tseinserscheinungen begn�gen, und es k�nne zwischen diesen selbst ein reales kausales Band aufgefunden werden. Da ferner die moderne Psychologie sich l�ngst von der einseitigen Empfindungsforschung abgewandt hat und mit unter Anregung der Husserlschen logischen Arbeiten sich der experimentell unterst�tzten systematischen Selbstbeobachtung (bei der nicht der Versuchsleiter, sondern die psychologisch geschulte Versuchsperson die psychologische Beobachtung und Erkenntnis vollzieht im Gegensatz etwa zu blo�en sogenannten Reaktionsversuchen) auch der h�heren psychischen Funktionen des Wollens (N. Ach, Lindvorsky) und des Denkens (K�lpe, B�hler, St�rring, Lindworsky, Selz, Gr�nbaum) zugewandt hat, besteht nicht der mindeste Grund mehr, die Experimentalpsychologie etwa der Sinnespsychologie oder der Medizin oder �berhaupt der "Naturwissenschaft" zuzuweisen. Die von Dilthey, ferner von der Ph�nomenologie und von K. Jaspers (siehe seine "Psychopathologie" und sein neuestes Werk �ber "Psychologie der Weltanschauungen") auch mit in de Psychiatrie hineingetragene Frage, wie sich die "Sinnzusammenh�nge" des Seelenlebens von den "psychophysischen Kausalzusammenh�ngen" unterscheiden, und welche der beiden Arten von Psychologie (verstehende oder erkl�rende Psychologie) Grundlage f�r die Geisteswissenschaften sei, hat die Psychologie wieder in allerengste Verbindung mit der Philosophie gef�hrt. Die von Chr. Ehrenfels und Cornelius auf dem Boden einer philosophischen Psychologie angeregten Probleme einer autonomen G e s t a l t g e s e t z l i c h k e i t der urspr�nglichsten psychischen Gegebenheiten sind von K�lpe, B�hler, Wertheimer, Koffka, Benussi, Gelb, K�hler und anderen in �beraus wertvollen und f�r de Philosophie �beraus wichtigen experimentellen Arbeiten so intensiv gef�rdert worden, da� die Philosophie sehr �bel daran t�te, wollte sie sich um diese Dinge nicht ernsthaft k�mmern. Wie sehr die hier neuaufgedeckten Tatsachen und Probleme auch f�r die philosophische Kl�rung des Problems von K�rper und Seele wichtig sind, zeigt die auf seinen Bewegungsarbeiten urspr�nglich fu�ende neue Theorie von Wertheimer, da� als gehirnphysiologische Grundlage auch jeder einfachsten Wahrnehmung (die stets durch einen Aufmerksamkeitsfaktor mitbedingt und, nach ihrem Inhalt hin betrachtet, nie blo� "reine Empfindung", sondern immer schon "Gestalt" ist), ein sogenannter "Querproze�" zwischen den gereizten Nervenenden der Gehirnrinde notwendig sei. Als eine neue sehr zu begr��ende Sammelstelle der neuen gestaltpsychologischen Richtung erscheint jetzt die eben gegr�ndete Zeitschrift "Psychologische Forschung" (Springer 1921), besonders von Koffka, K�hler, Wertheimer, Goldstein, Gruhle, K�hler, der den Fragen der Relations- und Gestalterfassung auch auf dem Boden der Tierpsychologie in seinen auf der Station von Teneriffa gemachten optischen Versuchen an Affen nachgegangen ist (Schriften der Preu�ischen Akademie, Jahrgang 1915 und 1918 physik.-math. Klasse). K�hler hat durch sein neuestes Buch �ber "Physische Gestalten" (1921) das Wertheimersche Problem einem h�chst bedeutsamen und f�r die gesamte Naturphilosophie wichtigen Zusammenhang eingereiht, indem er auch auf rein physikalischem Boden (Elektrostatik) nach einer selbst�ndigen Gestaltgesetzlichkeit (die sich in summenhafte Kausalit�t nicht aufl�sen l��t) A n a l o g i e n f�r psychischen Gestalten aufsuchte. Endlich ist seit Brentanos "Psychologie vom empirischen Standpunkt" das insbesondere von E. Husserl und Karl Stumpf "Erscheinungen und Funktionen" (1906) neu aufgegriffene Problem entstanden, ob und wie weit A k t e u n d F u n k t i o n e n eine von "Erscheinungen" unabh�ngige variable Natur und Gesetzm��igkeit besitzen und eine ganz neue Richtung der "Psychologie", die sogenannte Aktpsychologie, hat sich an diese Arbeiten angeschlossen. T. Konstantin Oesterreich hat sich in seinem grundlegenden Werke zur "Ph�nomenologie des Ich" ihr angeschlossen. Es gibt nach meiner Meinung kein wichtigeres und dringlicheres Desiderat f�r die k�nftige Philosophie und Psychologie als eine eingehende philosophische Durchleuchtung der durch die Resultate der verschiedenen psychologischen Diszipline gewonnenen Tatsachenerkenntnisse. Der Verfasser hat es sich mit zu einer Hauptaufgabe gesetzt, in einer Arbeit, die er unter der Feder hat, diese Dinge zu f�rdern. Endlich verdienen auch neue Z w e i g e, die in den letzten Jahren aus der Psychologie hervorgewachsen sind, genaue philosophische Beachtung. So die Pathopsychologie, die durch den Krieg (Kopfsch�sse und Gehirnverletzungen) m�chtig gef�rdert wurde, die neuere Tierpsychologie, die von W. Stern angebahnte differentielle Psychologie, die zukunftsreiche "Entwicklungspsychologie" Kr�gers, nicht minder auch die Religionspsychologie und die erst neuerdings besonders von Oesterreich, Dessoir, Driesch endlich auch in Deutschland aufgegriffenen Tatsachen und Probleme der Parapsychologie, d. h. der Psychologie der sogenannten okkulten Ph�nomene (siehe dazu besonders Oesterreich: "Probleme der Parapsychologie" und sein Buch �ber "Besessenheit", ferner Max Dessoir: "Das Jenseits der Seele"). Die Forscher, die sich gegenw�rtig in der Richtung auf eine philosophische Durcharbeitung des neuen m�chtig angewachsenen psychologischen Erkenntnismaterials bewegen, sind vor allem E. Husserl, W. Stern, E. Jaensch, Wertheimer, K�hler, Gr�nbaum, Lindworsky, Scheler, Driesch, Selz, Kronfeld, Koffka, Th. Haering. Wir sind �berzeugt, da� auf diesem Wege sich eine weit tiefer gehende, freilich auch erheblich kompliziertere abschlie�ende Theorie �ber den Z u s a m m e n h a n g v o n L e i b u n d S e e l e ergeben wird, als es durch die leeren Prinzipienstreitigkeiten der Vergangenheit �ber Wechselwirkung und Parallelismus je der Fall sein konnte. Schon jetzt scheiden sich meines Erachtens drei nicht weiter aufeinander zur�ckf�hrbare Gruppen von Verkn�pfungsarten und Gesetzen geistig psychischer Geschehnisse (resp. Akte): 1. die mechanisch assoziativen, 2. die biopsychischen, bei denen es allein konkrete zielm��ige Ganzkausalit�t gibt, 3. die poetischen Intentionalgesetzlichkeiten, denen �berall parallele Gegenstands-(resp. Wert-) gesetzlichkeiten entsprechen. Wenden wir uns nun den j�ngsten Schichten der gegenw�rtigen Philosophie, die zum gr��ten Teil erst im 20. Jahrhundert ihren Ursprung haben oder doch in ihm ihre st�rkere Auswirkung fanden, zu, so sind es weniger geschlossene S c h u l e n als einzelne Pers�nlichkeiten, welche der Philosophie die Richtung auf einen neuen Sachkontakt und gleichzeitig auf den Wiederaufbau der Metaphysik gegeben haben. Einen �bergang zu dieser neuen Artung von Philosophie bildet Wilhelm Dilhey (1833-1912) und die Forschergruppe, die von ihm ausgegangen ist. Dilthey selbst war zeit seines Wirkens von geschichtlichen und philosophischen Interessen gleichzeitig bewegt. Eine in manchen Z�gen dem romantischen Geistestypus verwandte, ungemein reiche, zarte, genialische, aber auch problematische Natur (selten schlo� er ein Werk ganz ab), sch�ttelte er in seiner Entwicklung nur langsam und nie vollst�ndig die Ketten des historischen Relativismus von sich ab. Aber was er in seinen stets tiefdringenden, gelehrten und vor hellen intuitiver Erkenntnisgesichten erf�llten Abhandlungen gab, das trug, gleichg�ltig, ob er sein Grundproblem, "die Kritik der historischen Vernunft", ob er philosophiegeschichtliche oder literatur- und kunstwissenschaftliche oder philosophiesystematische Probleme behandelt, stets reiche Frucht. Auf sein bereits der Geschichte angeh�riges Werk, das jetzt in seinen noch nicht ganz herausgegebenen gesammelten Schriften vorliegt, kann hier nicht eingegangen werden. Alle heutigen Versuche, eine "verstehende Psychologie" aufzubauen (Jaspers, Spranger, Scheler, Nohl, Schmied-Kowarcik und auch die hierhergeh�rigen Versuche der j�ngeren Ph�nomenologen), w�ren ohne seine Wirksamkeit undenkbar gewesen. In seinem Versuche, die Erkenntnistheorie von "der Totalit�t des menschlichen Wesens" her, nicht nur von dem "verd�nnten Saft blo�er Denkt�tigkeit" aus aufzubauen und (hierin den Positivisten �hnlich) die Erkenntnistheorie eng zu verbinden mit einer historischen Phasen- und einer Typenlehre der menschlichen Erkenntnis- und der philosophisch-metaphysischen Weltanschauungsformen, hat er in Frischeisen-K�hler seinen Hauptsch�ler gefunden. Sein Interesse an der Typologie der geistigen G e s t a l t e n des Menschentums, das er in zahlreichen Aufs�tzen bekundet hat, und seine Ideen auf diesem Gebiet haben besonders Eduard Spranger stark angeregt. Sprangers jetzt in zweiter erheblich erweiterter Auflage erschienenes Buch �ber "Lebensformen" (1921) ist eine der reichsten und feinsinnigsten Abhandlungen verstehender Psychologie und zugleich typologischer angewandter Ethik, die wir auf diesem Gebiete besitzen. G. Wisch hat in seiner "Geschichte der Selbstbiographie", die freilich noch unvollendet ist, ein Problem ergriffen, das f�r die Frage der Abh�ngigkeit der Selbstauffassung des Menschen von seiner geschichtlichen Umwelt und den in ihr herrschenden Wertstrukturen von gro�er Bedeutung ist. H. Nohl hat Diltheys Ideen �ber die Weltanschauungstypen in der Philosophie, der dauernde Typenunterschiede des Menschentums entsprechen sollen und die in der Geschichte sich gleichsam mit nur immer neuem Erkenntnisstoff, der wachsenden Menschenerfahrung gem��, ausf�llen, mit Gl�ck auf das Gebiet des Studiums der k�nstlerischen Darstellungsformen �bertragen. Der Metaphysik gegen�ber verhielt sich Dilthey bis zu seinem Lebensende skeptisch. Er hielt sie im Gegensatz zur positiven Wissenschaft und zum religi�sen Bewu�tsein f�r eine nur historische Kategorie, die einmal v�llig aus der Geschichte ausscheiden werde. Das vor allem macht gleichzeitig seine Verwandtschaft und seinen Gegensatz zum Positivismus aus, dessen geschichtsmethodische und philosophische Anschauungen er mit den deutschen, aus der Romantik entsprungenen Geschichtsauffassungen eigenartig zu verkn�pfen suchte (siehe besonders "Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften", 1910). Allen seinen Sch�lern wu�te er mehr zu vermitteln als blo�e Lehre -- auch etwas von seiner eigenen bedeutenden geistigen Form und Gestalt. Obgleich ihm Genauigkeit und Strenge in der Erkenntnistheorie fehlte, wie �berhaupt eine letzte klare Basis f�r seine rein philosophischen Bestrebungen, hat er die Theorie der Geisteswissenschaften doch ungleich mehr befruchtet als die S�dwestdeutsche Schule. Schon durch seine andersgeartete Problemstellung, die nicht "Logik der Geisteswissenschaften" (es gibt nur e i n e Logik), sondern die materialspendenden Quellen des historischen Denkens, d. h. die verschiedenen Stufen und Arten des V e r s t e h e n s fremden Erlebens, in den Mittelpunkt der Untersuchung ger�ckt hat, ist sein Unternehmen dem der Badischen Schule weit �berlegen. Die bedeutsamste und wirksamste philosophische Bewegung der Gegenwart ist von der Jahrhundertwende ab in der sogenannten "P h � n o m e n o l o g i e" aufgetreten. Das Wort darf vor allem nicht mit dem sogenannten "Ph�nomenalismus" (d. h. der Lehre z. B. Kants, da� wir nur "Erscheinungen", nicht die Dinge selbst erkennen) in Beziehung gebracht werden. Nicht der Gegensatz von "Wesen" und "Erscheinung", sondern der schon in der Scholastik als "grundlegend erkannte Gegensatz" von "existentia" und "essentia". "Wesen" und "Dasein" beherrscht das Denken dieser Forschergruppe; ferner deutet das Wort "Ph�nomenologie" an, da� es sich bei der Aufsuchung der in der Welt realisierten Wesenheiten (essentiae) vor allem um unmittelbar anschaulichen A u f w e i s handeln soll. Den Ausgangspunkt f�r diese Bewegung, die sich freilich in ihrem schwer durchschaubaren und auch aus Raummangel nicht zu schildernden Ablauf von �beraus verschiedenen geschichtlichen Einfl�ssen gen�hrt hat, bildete das Werk Edmund Husserls "Logische Untersuchungen", 2 B�nde (2. Aufl. 1921). Der erste Band dieses �beraus wirksamen Werkes galt einer Neubegr�ndung der Logik. Jede Art von Empirismus, Psychologismus, Relativismus, Anthropologismus, Subjektivismus, den die herk�mmliche Logik in sich aufgenommen hatte, wurde bis in seine letzten Schlupfwinkel verfolgt und aus der Logik zu entfernen versucht. Die logischen Wahrheiten sind nach Husserl streng evidente Gegenstandswahrheiten, die von aller Konstitution und etwaiger Ver�nderung der menschlichen Natur u n a b h � n g i g sind. So war es vor allem der siegreiche Kampf gegen den bei J. St. Mill, Sigwart, Erdmann, Wundt und auch bei der sogenannten "normativen Logik" noch vorliegenden "Psychologismus", dem das Werk seine gro�e Wirksamkeit verdankte. Obgleich dieser Band an erster Stelle reine Sachuntersuchung ist, hat er doch historische Ankn�pfungspunkte; sie liegen, wie Grabmann gezeigt hat, schon in der Scholastik, soweit sie die platonisierende Richtung einh�lt (z. B. bei Bonaventura). Ferner haben Leibniz und sein sp�ter bis zu Husserls Wiederentdeckung v�llig unbekannter Sch�ler, der gro�e Logiker und fruchtbare Mathematiker Bolzano, der den Urteilsakt und den Satz "Ansich" als ideale Seinseinheit unterschied, ferner auch Lotze in seinem Logikkapitel �ber die "Platonische Ideenlehre" und Herbart in seinen logischen Bestrebungen analoge Ideen ausgesprochen. Die vollst�ndige Vernachl�ssigung, ja der prinzipielle Ausschlu� der Aktseite der Denkgebilde, und die im 1. Band herrschende Vorstellung, es k�nne unser Denken ohne Schaden f�r die Logik sogar etwa rein assoziationspsychologisch verstanden werden, l��t sich freilich n i c h t durchf�hren. Husserl selbst hat schon in seinem zweiten Bande diese Auffassung im Grunde stillschweigend zur�ckgenommen. Erst der zweite Band des Werkes brachte Untersuchungen, die in die Richtung der sp�teren Ph�nomenologie gef�hrt haben, die indes hier noch mit deskriptiver Psychologie des Denkers identifiziert wird. Die zwei wichtigsten Bestandteile dieses zweiten Bandes bestehen in der ausgezeichneten und strengen Widerlegung aller seit Locke, Hume und Berkeley von einem gro�en Teil der modernen Philosophie bis zur Gegenwart fast wie selbstverst�ndlich aufgenommenen nominalistischen Bedeutungs- und Begriffstheorie und in der sechsten Untersuchung, betitelt "Elemente einer ph�nomenologischen Aufkl�rung der Erkenntnis", die in ihrem zweiten Abschnitt den wichtigsten Begriffsgegensatz der "sinnlichen und kategorialen Anschauung" einf�hrt, der nach meiner Meinungen u n m i t t e l b a r s t e n Ausgangspunkt f�r die Entstehung der Ph�nomenologie gebildet hat. Als der Verfasser im Jahre 1901 in einer Gesellschaft, die H. Vaihinger in Halle den Mitarbeitern der "Kantstudien" gegeben hatte, Husserl zum erstenmal pers�nlich kennenlernte, entspann sich ein philosophisches Gespr�ch, das den Begriff der Anschauung und Wahrnehmung betraf. Der Verfasser, unbefriedigt von der kantischen Philosophie, der er bis dahin nahestand (er hatte eben schon ein halbgedrucktes Werk �ber Logik aus diesem Grunde aus dem Druck zur�ckgezogen), war zur �berzeugung gekommen, da� der Gehalt des unserer Anschauung Gegebenen urspr�nglich weit reicher sei als das, was durch sinnliche Best�nde, ihre genetischen Derivate und logische Einheitsformen an diesem Gehalt deckbar sei. Als er diese Meinung Husserl gegen�ber �u�erte und bemerkte, er sehe in dieser Einsicht ein neues fruchtbares Prinzip f�r den Aufbau der theoretischen Philosophie, bemerkte Husserl sofort, da� auch er in seinem neuen, demn�chst erscheinenden Werke �ber die Logik eine analoge Erweiterung des Anschauungsbegriffes auf die sogenannte "kategoriale Anschauung" vorgenommen habe. Von diesem Augenblick an r�hrte die geistige Verbindung her, die in Zukunft zwischen Husserl und dem Verfasser bestand und f�r den Verfasser so ungemein fruchtbar geworden ist. Einen starken Zuwachs erfuhr die ph�nomenologische Bewegung in ihrer ersten Werdezeit dadurch, da� der ausgezeichnete und scharfsinnige M�nchener Psychologe Th. Lipps durch die Einwirkung der "Logischen Untersuchungen" einen weitgehenden Umschwung seines ganzen Denkens erfuhr, der sich in seinen letzten Arbeiten klar kundtat. Diesen Umschwung machten seine hervorragendsten Sch�ler M. Geiger, A. Reinach, Pf�nder und die ihnen nahestehenden j�ngeren Forscher nicht nur mit, sondern sie schlossen sich, �ber Lipps �berhaupt hinausgehend, den Husserlschen Positionen weitgehend an. So kam es schlie�lich zur Errichtung einer Sammelstelle f�r die ph�nomenologische Forschungsrichtung im "Jahrbuch f�r Philosophie und ph�nomenologische Forschung", von dem bisher f�nf B�nde bei Niemeyer in Halle erschienen sind. Die Ph�nomenologie ist weniger eine abgegrenzte Wissenschaft als eine neue philosophische E i n s t e l l u n g, mehr eine neue T e c h n e d e s s c h a u e n d e n B e w u � t s e i n s als eine bestimmte Methode des Denkens. Nur so wird es verst�ndlich, da� die ph�nomenologische Bewegung nicht im selben Sinne die Einheit einer S c h u l e hervorgebracht hat, wie etwa die fr�her behandelten Kantschulen solche darstellen. Aus dem gleichen Grunde kann Ph�nomenologie nicht im selben Sinne als objektiver Wissensgehalt g e l e h r t werden, wie die Gedanken dieser Schulen. Nur durch fortgesetzte � b u n g dieser Bewu�tseinshaltung ist es m�glich, in die Ergebnisse der Ph�nomenologie tiefer einzudringen und selbst in ihr fortzuschreiten. Aus demselben Grund gehen auch die einzelnen, von Husserl angeregten Forscher und Forschergruppen in den R e s u l t a t e n viel weiter auseinander als die Angeh�rigen jener genannten Schulen, ohne doch darum ihre f�hlbare Einheit, die eben in jener gemeinsamen neuen B e w u � t s e i n s h a l t u n g liegt, verlieren zu m�ssen. Husserl selbst spricht, diese Bewu�tseinshaltung charakterisierend, von einer "ph�nomenologischen Reduktion"; sie besteht darin, da� auf der Gegenstandsseite aller m�glichen Gegenst�nde (physischer, psychischer, mathematischer, vitaler, geisteswissenschaftlicher Gegenst�nde) von dem zuf�lligen h i c e t n u n c D a s e i n d e r G e g e n s t � n d e abgesehen und auf ihr pures W a s, das hei�t ihr "W e s e n" hingeblickt wird; da� ferner analog der den Gegenstand erfassende intentionale Akt, aus dem psychophysischen Lebenszusammenhang des individuellen Menschen, der ihn vollzieht, gleichsam herausgel�st und gleichfalls nur nach seiner essentiellen Wasbestimmtheit charakterisiert wird. Diesen wesenserfassenden Akt, den unser geistiges Bewu�tsein von Etwas vollzieht, nennt Husserl "Wesenschau" und behauptet, da� alle m�glichen Theorien �ber das positive Wirkliche in solchen Wesenseinsichten und in Einsichten in solche Notwendigkeitsbeziehungen, die im G e h a l t e dieser "Wesen" selbst fundiert sind, ihren letzten tragenden Grund bes��en. Alle Wesenseinsichten, ob sie nun von psychischen oder von physischen oder von mathematischen Gegenst�nden handeln, sind, obgleich sie weder auf "eingeborenen Ideen" beruhen noch (wie nach Kant) blo�e Funktionsgesetzlichkeiten der geistigen Akte, das hei�t "Verstandsgesetze", ausdr�cken gegen�ber allem zuf�llig Wirklichen objektiv a priori g�ltig. Denn was immer von dem Wesen irgendwelcher Gegenstandsbereiche wahr ist und gilt, das mu� auch gelten f�r alle m�glichen Gegenst�nde dieses Wesens, soweit sie der zuf�lligen Daseinssph�re angeh�ren. So begr�ndet die Ph�nomenologie einen n e u a r t i g e n A p r i o r i s m u s, der nicht nur die rein formalen S�tze der Logik und der Axiologie in ihren verschiedenen Unterdisziplinen (Ethik, �sthetik usw.) umfa�t, sondern auch materiale Ontologien entwickelt. Die Sph�re des apriorischen Wissens ist also in der Ph�nomenologie unvergleichlich reicher als im formalen Apriorismus Kants. Auch darin unterscheidet sich die Ph�nomenologie von Kants Lehre, da� sie das proton pseudos Kants verwirft, es m�sse alles, was an Gegebenem n i c h t sensuell sei, erst durch eine hypothetisch angenommene, synthetische konstruierende T�tigkeit des Verstandes oder des Anschauens in den Erfahrungsgegenstand hineingekommen sein. Sie sucht das "Gegebene" �berall m�glichst s c h l i c h t, v o r u r t e i l s l o s und r e i n in m�glichst dichte Anschauungsn�he zu bringen, um es dann durch ph�nomenologische Reduktion in sein W e s e n zu erheben. Das Apriori hat hier also keinen f u n k t i o n e l l e n S i n n mehr. (Freilich schwankt Husserl in seiner letzten Schrift "Ideen zu einer ph�nomenologischen Philosophie" wieder �ber diesen fundamentalen Punkt.) Das Apriori ist, wie auch eine seiner Unterarten die kategorialen Formen, vielmehr Gegenstandsbestimmtheit, die von u n s e r e n Begriffen vom Apriori nicht genau zu unterscheiden ist. Ferner stellt das Apriori nicht mehr ein geschlossenes S y st e m von Einsichten dar, die sich voneinander herleiten lie�en, sondern kann im Laufe der Entwicklung des Wissens immer neu vermehrt werden. Auch der Gegensatz von Erfahrung und Denken, um den die gro�en Richtungen der neuzeitlichen Philosophie, "Rationalismus" und "Empirismus", kreisen, ist hier von der Schwelle der Philosophie abgewiesen. Mit Recht hat Husserl immer wieder hervorgehoben, da� die Ph�nomenologie nicht nur die Einl�sung sei alles Wahren, was die kontinentale rationalistische Richtung der Philosophie uns gegeben hat, sondern auch in gewissem Sinne die Einl�sung aller Anspr�che des Positivismus. Auch das, was a priori evident ist, verdankt einem e r f a h r e n d e n (die Ph�nomenologie sagt hier "schauenden"), nicht einem schaffenden, formenden, konstruierendem Verhalten des Subjektes seine Erkenntnis, nur mit d e m Unterschied von aller Erkenntnis zuf�lliger (hic et nunc) Wirklichkeiten, da� das Ergebnis schauender Erfahrung durch die Q u a n t i t � t der "F�lle", an denen Erfahrung sich vollzieht, nicht modifiziert werden kann. Nicht daher dem "Erfahren" �berhaupt, sondern nur der Methode der B e o b a c h t u n g und der i n d u k t i v e n V e r a l l g e m e i n e r u n g an beobachtenden F�llen steht das ph�nomenologische Erfahren und "Schauen" gegen�ber. Auch die Ph�nomenologie setzt so der Philosophie die Aufgabe, f�r alle ihre Disziplinen die a p r i o r i s c h e n W e s e n s - u n d I d e e n s t r u k t u r e n, die als objektiver Logos die gesamte Weltwirklichkeit durchflechten und (im Sinne der G�ltigkeit) beherrschen, aufzudecken und alle positiven Wissenschaften und ihre materialen Seinsbereiche in dieser Struktur gemeinsam zu verwurzeln. Sie kann, geschichtlich gesehen, auch als eine Erneuerung eines i n t u i t i v e n P l a t o n i s m u s angesehen werden, freilich mit vollst�ndiger Beseitigung der platonischen Ideenverdinglichung und aller mythischen Beis�tze. Und es ist wohl verst�ndlich, da� von dieser ihrer Eigenart her die Ph�nomenologie neuerdings auch mit der gesamten p l a t o n i s c h - a u g u s t i n i s c h e n Philosophie der patristischen und fr�hmittelalterlichen Philosophie, zum Teil aber auch mit dem Aristotelismus, st�rkere F�hlung genommen hat. Freilich gehen in der Beantwortung sehr wesentlicher philosophischer Fragen und nicht weniger in der Auffassung und Methode der Ph�nomenologie selbst die ihr nahestehenden Forscher oft weit auseinander. Abgesehen von den Weltanschauungsgegens�tzen unter den Ph�nomenologen, der zum Teil in verschiedenen religi�sen Auffassungen gegr�ndet ist, treffen wir z. B. eine mehr systematisch gerichtete und eine mehr auf Einzeluntersuchungen gerichtete Tendenz in der Ph�nomenologie. So wertvoll viele dieser Einzeluntersuchungen sind (besonders diejenigen Alexander Pf�nders), so mu� sich die Ph�nomenologie doch h�ten, zu dem zu werden, was ich andernorts "Bilderbuchph�nomenologie" genannt habe; ferner bestehen Gegens�tze in der Auffassung jener, die, wie einst Husserl selbst, die Ph�nomenologie der beschreibenden Psychologie zu nahe r�cken (z. B. Jaspers, Katz und Andere) oder hier doch nur ihre Fruchtbarkeit sehen wollen und jenen, die sie vor allem als a p r i o r i s c h e W e s e n s e r k e n n t n i s irgendwelcher -- auch nicht bewu�tseinimmanenter -- Gegenst�nde auffassen. Am tiefsten aber ist der Gegensatz unter den Ph�nomenologen in den erkenntnistheoretischen Fragen. Er ist dadurch besonders gesteigert worden, da� E. Husserl in seinem letzten Werk �ber "Ideen" usw. sich dem erkenntnistheoretischen Idealismus Berkeleys und Kants, sowie der Ichlehre Natorps wieder bedeutend gen�hert hat und die Ph�nomenologie nur als Wesenslehre von den B e w u � t s e i n s s t r u k t u r e n (die durch zuf�llige Erfahrungen unwandelbar sind) auffa�t; gleichzeitig aber, �hnlich wie Kant, diese Bewu�tseinsstrukturen zu Voraussetzungen auch der Gegenst�nde der Erfahrung selber macht. Auch ihm werden so die Gesetze der Erfahrung der Gegenst�nde zugleich Gesetze der Gegenst�nde aller m�glichen Erfahrung ("kopernikanische Wendung" Kants). Diese eigenartige Wendung Husserls, nach der auch bei Aufhebung aller Dinge ein "a b s o l u t e s B e w u � t s e i n" erhalten bliebe, ist fast von allen den von ihm angeregten Forschern a b g e l e h n t worden und sie ist zugleich ein Haupthindernis f�r den Aufbau einer Metaphysik auf wesenstheoretischer Basis. Die Einwirkung der Ph�nomenologie auf die Philosophie der Gegenwart erstreckt sich auf alle philosophischen Disziplinen. Auf Ethik, Wertlehre, Religionsphilosophie und verstehende Psychologie hat die ph�nomenologische Einstellung in seinen Forschungen auch der Verfasser angewandt (siehe "Der Formalismus in der Ethik", "Ph�nomenologie der Sympathiegef�hle", "Abhandlungen und Aufs�tze", "Vom Ewigen im Menschen"); nach der Seite der Philosophie der Mathematik und der Grundlegung der �sthetik Moritz Geiger (siehe Jahrbucharbeiten); nach der psychologischen und logischen Seite Alexander Pf�nder (siehe gleichfalls Jahrbuch); nach der erkenntnistheoretischen und rechtsphilosophischen Adolf Reinach, ein �beraus tiefgr�ndiger und zukunftsreicher Forscher, der zum Schaden f�r die deutsche Wissenschaft im Kriege gefallen ist. (s. seine eben jetzt bei Niemeyer in Halle erschienenen, in einem Band zusammengefa�ten Abhandlungen). Aber weit �ber diesen �lteren und engeren Forscherkreis hinaus hat die Ph�nomenologie nicht nur eine Anzahl h�chst zukunftsreicher j�ngerer Forscher in ihren Reihen (hier seien nur D. von Hildebrand, Heidegger, Frau Connad-Martius, A. Koyr�, W. Schapp, Leyendecker, E. Stein genannt), sondern hat weit dar�ber hinaus auch auf die gesamte Wissenschaft unserer Zeit stark eingewirkt. Aus der S�dwestdeutschen Schule hatte sich ihr E. Lask, von Marburg her hat sich ihr N. Hartmann gen�hert. Brunswigg hat, von ihr ausgehend, ein wertvolles Buch �ber Psychologie der Relationen und eine f�r die Kantkritik wertvolle Schrift geschrieben. P. F. Linke hat die Ph�nomenologie f�r die Expenmcntalpsychologie fruchtbar zu machen gewu�t (siehe "Grundfragen der Wahrnehmungslehre", 1918). Der theoretische Physiker und Mathematiker Weyl hat sein ausgezeichnetes Buch �ber die Relativit�tstheorie Einsteins gleichfalls auf ph�nomenologischer Basis aufgebaut. Auch die Diltheyschule hat sich ihr, wie �brigens Dilthey kurz vor seinem Tode selbst, in mannigfacher Hinsicht gen�hert. Driesch ist in seiner "Ordnungslehre" weitgehend von ihr beeinflu�t worden; auch auf de scholastische Philosophie blieb sie, wie Geysers "Alte und neue Wege der Philosophie" zeigen, nicht ohne Einflu�. Obgleich viele fundamentale Fragen der Philosophie in ihr noch ungekl�rt sind, darf doch erhofft werden, da� von der Ph�nomenologie aus sich allm�hlich ein E i n h e i t s b o d e n d e r B e t r a c h t u n g f � r d i e g a n z e P h i l o s o p h i e entwickelt, von dem aus eine neue universale Sachphilosophie, wie wir sie anfangs forderten, sich entfalten kann. In Oesterreich kommt die Brentanoschule (Marty, H�fler, Meinong) aus eigenen Antrieben einigen der ph�nomenologischen Tendenzen weitgehend entgegen. Marty, der Brentano am n�chsten steht, ist vor wenigen Jahren gestorben; sein h�chst wertvoller Nachla�, besonders seine ausgedehnten Untersuchungen zur Sprachphilosophie und eine die Probleme von Raum und Zeit betreffende Arbeit ist vor kurzem bei Niemeyer (Halle) erschienen. Meinong, dessen geistige Entwicklung und Leistung am besten durch sein im Buch "die deutsche Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen" gegebene, sehr sch�n geratene und jetzt nach seinem Tode besonders wertvolle Selbstdarstellung kund wird, hat in seiner neubegr�ndeten "Gegenstandstheorie" gleichfalls das Ideal einer daseinsfreien aprioristischen Gegenstandserkenntnis entworfen, die seine Sch�ler, besonders Mally, weiter ausgebaut haben. Der Unterschied der Gegenstandstheorie von der Ph�nomenologie bleibt gleichwohl tiefgehend. Der Gegenstandstheorie fehlt vor allem der i n t u i t i v e C h a r a k t e r der Ph�nomenologie. In seinem letzterschienenen Buche �ber "Emotionale Pr�sentation" hat sich Meinong in der in diesem Buche neu behandelten Theorie der Werte und Wertungen dem Standpunkt erheblich gen�hert, den der Verfasser in seiner Ethik vertreten hat. Gro�e Verwandtschaft, besonders mit der erkenntnistheoretischen realistisch gerichteten Ph�nomenologie weist ferner das Werk eines Mannes auf, der, viel zu wenig beachtet, einer der gr�ndlichsten und originellsten Denker unter den gegenw�rtigen Philosophen darstellt. Ich meine Johannes Rehmke, der in seiner "Grundwissenschaft" in seiner "Logik" und in seiner "Psychologie" gleichfalls von dem als "gegeben Gehabten" ausgeht und eine Ontologie des Gegebenen und seiner Grundformen zur Basis aller theoretischen Philosophie macht (siehe auch seine Selbstdarstellung in dem obengenannten Werke). Freilich blieb Rehmkes Einflu� bisher auf kleine Kreise beschr�nkt, so da� sie die W�rdigung, die sie verdient, noch lange nicht gefunden hat. Unter den selbst�ndigen Einzelpers�nlichkeiten, die in der gegenw�rtigen Philosophie hervorragen, sind besonders als W i e d e r e r w e c k e r d e r M e t a p h y s i k vier Namen zu nennen: W. Stern, H. Driesch, H. Schwarz und E. Becher. Alle Wiedererwecker der Metaphysik sind erkenntnistheoretische Realisten; alle wollen sie keine Metaphysik "aus reinen Begriffen" (Kant), sondern eine Metaphysik, die auf dem Boden der Erfahrungswissenschaft ruht, aber gleichzeitig in einer apriorischen Bedeutungslehre ein Sprungbrett besitzt, um mit Hilfe der Methode der Analogie �ber das direkt und indirekt Erfahrbare der positiven Wissenschaften noch hinauszugehen. Die Richtung der modernen metaphysischen Versuche geht im allgemeinen auf eine Neubegr�ndung des T h e i s m u s hinaus. Ohne bewu�te historische Ankn�pfung n�hert sich die Metaphysik so der deutschen Theistenschule der 50er und 60er Jahre (Wei�e, Ulrici, H. Fichte, Lotze). So geh�ren K�lpe, H. Schwarz, Brentano, Ehrenfels, Scheler, Driesch, Oesterreich, Becher, Jellinek, Stern unter den Vertretern der modernen Metaphysik der theistischen Gedankenrichtung an, wie verschieden sie auch je ihren Theismus und Personalismus begr�nden. Es ist also ein besonderes Merkmal der gegenw�rtigen Metaphysik, da� sie im scharfen Gegensatz zur Metaphysik der klassischen Epoche (noch mit Einschlu� E. von Hartmanns) auff�llig u n p a n t h e i s t i s c h und stark p e r s o n a l i s t i s c h ist. Ich habe a.a.O. (siehe "Vom Ewigen im Menschen", Band 1) gezeigt, wie der moderne Pantheismus sich einmal durch die Entwicklung vom akosmistischen zum naturalistischen Pantheismus (Hegel bis zum modernen Modernismus), sodann durch Aufnahme immer neuer i r r a t i o n a l e r Faktoren in den Weltgrund (Schelling, Schopenhauer, von Hartmann, Bergson) in immer gr��erem Ma�e selbst zersetzt hat. Auch ist es wohl begreiflich, da� in einer so chaotischen und leidenden Zeit wie der unsrigen der Pantheismus (im Grunde eine Denkweise harmonisierend gerichteter synthetischer und abschlie�ender Kulturzeitalter) keinerlei s e e l i s c h e A t m o s p h � r e besitzt. Eine dritte Tendenz der modernen Metaphysik ist die Aufnahme der biologischen Grundfragen in das Zentrum der metaphysischen Probleme und eine gewisse, nach meiner Meinung zu starke Neigung, die metaphysischen Fragen besonders von dieser Seite her zu l�sen (Bergson, Driesch, Stern). Neben dem Gottesproblem ist von der modernen Metaphysik auch die Seelenfrage und das Problem der Willensfreiheit eingehender behandelt worden. Auch in der Seelenfrage hat die theistische und antipantheistische Auffassung der Seele als selbst�ndiger, t�tiger Substanz wieder gr��eren Anhang erhalten (Stern, Driesch, Oesterreich, K�lpe, Scheler, Becher). Vor allem aber ist die tiefgehende Wandlung des modernen metaphysischen Denkens an der Stellungnahme f�hrender Forscher zum Problem der Willensfreiheit kenntlich. W�hrend vor etwa zehn Jahren die mannigfachen Formen des "Determinismus" in fast ausschlie�licher Herrschaft standen, treten gegenw�rtig eine gro�e Reihe bedeutender Forscher f�r die Lehre von der F r e i h e i t d e s m e n s c h l i c h e n Willens ein. Es seien hier genannt James, Bergson, K. Jo�l, dem wir ein besonders tiefgehendes Buch �ber die Frage verdanken, Driesch, H. M�nsterberg, Scheler, N. Ach, der in seinem Buche "Der Wille und das Temperament" mit am meisten getan hat, um die Willenstatsachen experimentell-psychologisch zu erkl�ren, steht gleichfalls der Lehre vom freien Willen nahe. Unter den genannten Metaphysikern, die diese allgemeine Richtung einhalten, d�rfte Stern, Becher und Driesch die gr��te Bedeutung zukommen. William Stern, dessen Hauptwerk "Person und Sache" noch unvollendet ist, versucht den Begriff der "Person" als ein psychophysisch indifferentes, zielt�tiges Aktionszentrum zur Grundlage der Metaphysik zu machen -- eine Auffassung, die manches mit der Personlehre des Verfassers, wie er sie in seinem Buche �ber Ethik entwickelt hat, gemeinsam hat, in anderer Richtung aber an Driesch und von Hartmanns konkreten Monismus erinnert. Das wertvolle Buch Sterns enth�lt auch eine sehr beachtenswerte Auseinandersetzung mit der passivistischen und mechanistischen Biologie und der gleichsinnigen Assoziationspsychologie, die einer scharfsinnigen und weittragenden Kritik unterworfen werden. Sterns "teleomechanischer Parallelismus" der alle formalmechanischen Beziehungen im Universum nur als M i t t e l s y s t e m e f�r zweckt�tige unbewu�te Akte und Kr�fte fa�t, in denen sich eine Hierarchie zweckt�tiger "Personen" verschiedener Seins- und Wertstufen immanent auswirken, ist ein sehr beachtenswerter Gedanke. Freilich erscheint uns Sterns Vorgehen bislang noch zu dogmatisch, auch ist bei Stern �bersehen der Wesensunterschied von "Geist" und "Leben", der hier in einen blo� graduellen Unterschied aufgel�st wird. Erich Becher, der von der Naturphilosophie herkommt, ragt hervor durch seine wertvollen naturwissenschaftlich-synthetischen Arbeiten (siehe seine "Naturphilosophie" in Hinnebergs "Kultur der Gegenwart"), die allerdings eines selbst�ndigen philosophischen Ausgangspunktes ermangeln und noch zu sehr der Methode des Positivismus huldigen, naturwissenschaftliche Resultate blo� nachtr�glich in eine Synthese zu bringen. In seinem Werk �ber "Gehirn und Seele" und vor allem in seinem Buche �ber "Die fremddienliche Zweckdienlichkeit in der Natur" (die er an den Gallenbildungen erl�utert) hat er die Anf�nge einer Metaphysik entwickelt. Sie gewinnt ihren Abschlu� in der Annahme eines "�berindividuellen Psychischen", das die Erfahrungen und funktionellen Anpassungen des Organismus w�hrend seines Lebens verwertet und alle jene Erscheinungen verst�ndlich machen soll, die auf eine E i n h e i t des organischen Lebens in allen Arten und Gattungen hinweisen (neben der fremddienlichen Zweckdienlichkeit, �hnlichkeit von Organbildungen bei stammesgeschichtlicher weitgehender Verschiedenheit, Tatsachen der Sympathie, Erkl�rung all derjenigen Entwicklungserscheinungen, die weder lamarckianistisch, n o c h darwinistisch erkl�rbar sind, Erblichkeit funktionell erworbener Eigenschaften, die gleichwohl vom I n d i v i d u u m als solchem nicht erworben sein k�nnen usw.). Zu einem noch selbst�ndigeren, einheitlicheren und geschlosseneren Aufbau einer Metaphysik, die gegenw�rtig gro�en Einflu� gewinnt, ist Hans Driesch gelangt, Er hat j�ngst seine Gedanken im Aufsatz "Mein System und sein Werdegang" (siehe "Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen", Band 1) kurz zusammengefa�t. Driesch kam von der Naturforschung aus (Entwicklungsmechanik) in die Philosophie; seine Hauptleistung stellt auch heute noch dar seine "Philosophie des Organischen" (die eben in zweiter Auflage erschienen ist, bedeutend vermehrt und erweitert), ein Werk, das zweifellos die bedeutendste naturphilosophische Leistung darstellt, welche die deutsche gegenw�rtige Philosophie besitzt. Driesch versucht hier aus einer an der Hand der modernen Entwicklungsmechanik, die er selbst stark f�rderte, gewonnenen Analyse der Formbildung des Organismus und einer Analyse der Handlung des Organismus s t r e n g e B e w e i s e f�r seinen neuartigen "Vitalismus" zu erbringen. Bei aller Formbildung und allen �berreflexm��igen "Handlungen" des Organismus m�sse ein Agens t�tig sein, dem ganz bestimmte Merkmale und eine ganz bestimmte gesetzm��ige Wirksamkeit zugeschrieben werden. Es hei�t als hypothetischer Wirkfaktor der Handlungen "Psychoid", als dynamischer Wirkfaktor der Formbildungen "Entelechie" (was indes keine strenge Identit�t mit dem aristotelischen Entelechiebegriff bedeutet). In seiner eigentlichen Metaphysik sucht nun aber Driesch zu zeigen, da� nicht nur das "Psychoid" mit der "Entelechie" in der metaphysischen Wirklichkeitssph�re identisch seien, sondern da� auch die unserem kontinuierlichen "Selbst" zugrunde zu legende, aus den passiven Bewu�tseinserscheinungen erschlossene reale Seele mit dem durch rein objektive Naturbetrachtung gewonnenen entelechialen und psychoidealen Faktor identisch sei. Diesen Gedanken hat Driesch besonders in seinem Werk "Leib und Seele", in dem er den psychomechanischen Parallelismus (besonders durch eine Mannigfaltigkeitsbetrachtung) widerlegt, ausgef�hrt. Eine erkenntnistheoretische und logische Basis f�r diese Metaphysik hat Driesch entwickelt in seiner "Ordnungslehre" und in seinem Buch "Erkennen und Denken"; die Gesamtheit seiner metaphysischen Gedanken hat er zusammengefa�t in seinem Buche �ber "Wirklichkeitslehre". Ausgehend von einem "methodischen Solipsismus", entwickelt er in einer besonderen "Selbstbesinnungslehre" zuerst ein apriorisches System von Bedeutungen und d e n k m � g l i c h e n Beziehungsformen. In der Art, wie dies geschieht, ist er durch Husserl und Meinong stark beeinflu�t. Sein Gegenstandsbegriff ist von Meinong �bernommen. Die Schw�che der Driesch'schen Metaphysik (von ihren M�ngeln, dem fast vollst�ndigen �bergehen sowohl der sittlichen als der geistig historisch-gesellschaftlichen Wirklichkeit als Daten auch f�r die Metaphysik abgesehen) scheint mir weniger in seinen h�chst wertvollen biologischen Positionen als in seiner Naturphilosophie des Anorganischen zu liegen, in der er einem Mechanismus, der einem veralteten Stande der theoretischen Physik entspricht, huldigt. Ferner kommt auch bei ihm, �hnlich wie bei Stern, der Unterschied der spezifisch g e i s t i g e n Akte und ihrer autonomen Gesetzlichkeit gegen�ber dem biopsychischen Tatsachenbereich n i c h t zu seinem Rechte. Dadurch entsteht die Gefahr eines pantheistisch gef�rbten Allvitalismus, der durch seine neuesten Ausf�hrungen in der "Philosophie des Organischen" �ber "Einheit und Pluralit�t" der Entelechien, in denen er stark der Einheitslehre zuneigt, noch gr��er geworden ist. Jedoch kann bei diesem entwicklungsreichen und gro�z�gigen Denker �ber die endg�ltige Gestaltung seiner Philosophie in diesen Punkten noch nichts Sicheres ausgesagt werden. Die unmittelbarste Einwirkung vielleicht, welche die gro�en Weltereignisse auf den Gang der deutschen Philosophie ausge�bt haben, haben ohne Zweifel an erster Stelle die R e l i g i o n s p h i l o s o p h i e und die P h i l o s o p h i e d e r G e s c h i c h t e u n d G e s e l l s c h a f t erfa�t. Sowohl die gewaltige r e l i g i � s e Bewegung unserer Tage wie der Hiatus der europ�ischen Geschichte (und die Gesamtheit von Bestrebungen zu sozialer Neuformung) mu�ten auch die Philosophie stark in ihren Bereich ziehen. Religi�se Bewegung und religionsphilosophisches Denken stehen heute in st�rkster Wechselwirkung. Auf die religi�sen oder gar kirchlichen Bewegungen selbst k�nnen wir hier nicht eingehen (siehe hierzu meinen Aufsatz �ber "Friede unter den Konfessionen" im "Hochland" und mein Buch "Vom Ewigen im Menschen", Band 1). Will man der gegenw�rtigen religi�sen Bewegung ein allgemeines Merkmal zuerteilen, so wird man vor allem von einer Hypertrophie m y s t i s c h e r Tendenzen in allen Sonderarten der religi�sen Bewegung und auf allen Gebieten (Philosophie, Kunst, Dichtung) reden k�nnen. Diese Bewegung umfa�t sowohl den katholischen und den protestantischen Kulturkreis als jene Kreise, die eine "neue Religion" wollen. Die gesamte mystische Bewegung steht stark unter dem Einflu� des Ostens, so der gro�en russischen religi�sen Denker (Tolstoi, Dostojewski, Mereschkowski, Solowjew), aber auch der indischen und chinesischen alten Weisheitslehren (siehe z. B. die Wirksamkeit R. Tagores), Die immer st�rker anwachsende anthroposophische Bewegung R. Steiners, deren Ideen auch die philosophisch von Driesch stark beeinflu�ten, in vieler Hinsicht sehr wertvollen Gedanken des physikalischen Chemikers K. Jellinek in seinem lesenswerten Buche "Das Weltengeheimnis" eigent�mlich f�rben, steht gleichfalls unter �stlichem Einflu� (z. B. Wiederverk�rperungslehre, der auch H. Driesch nahesteht). Die expressionistische Kunst der Gegenwart, die im "Wei�en Reiter" auch einen vorwiegend katholischen Ausdruck gefunden hat, steht gleichfalls stark unter diesen �stlichen Einfl�ssen. Am befremdlichsten wirkt hierbei die mystische Bewegung innerhalb des protestantischen Kulturkreises, um so mehr, als die vorwiegende protestantische Theologie, besonders die Schule A. Ritschls, vor den Kriege aller Mystik �u�erst abhold war und in ihr �berall "katholisierende Tendenzen" witterte. Der Ausspruch Harnacks: "Ein Mystiker, der nicht katholisch w�rde, sei ein Dilettant" ist f�r die �ltere Stellung der protestantischen Theologie in sch�rfstem Gegensatz zur Gegenwart charakteristisch. Sehr h�ufig verbindet sich die �stlich gef�rbte Mystik unserer Tage, die man mit Recht in eine geschichtliche Parallele einerseits mit dem unseren Zeitalter so �hnlichen Hellenismus der Sp�tantike, andererseits mit den Nachwirkungen des Drei�igj�hrigen Krieges in Deutschland (Auftreten des Pietismus) gesetzt hat, auch mit einer �stlichen Orientierung in der Politik (siehe z. B. die Schriften des Heidelberger Philosophen H. Ehrenberg und die Arbeiten E. Rosenstocks). Es ist noch fraglich, wie weit die Gesamtheit dieser Erscheinungen als blo�e Flucht der Seele aus den Wirren der Zeit und wie weit sie als p o s i t i v e Ausgangspunkte einer neuen lebendigen Religiosit�t zu werten sind. Bisher hat das Ganze noch einen stark chaotischen Charakter. Innerhalb des katholischen Kulturkreises, in dem gegenw�rtig eine gro�e geistige Regsamkeit wahrzunehmen ist, stellen sich die mystischen Tendenzen noch am geformtesten dar und werden au�erdem durch eine ihnen in gewissem Sinne entgegengesetzte Bewegung, die von den Benediktinern inaugurierte "liturgische Bewegung" in Schranken gehalten. Hier bem�ht man sich vor allem, "wahre und falsche Mystik" zu unterscheiden (siehe besonders die Aufs�tze von A. Mager in der "Benediktinischen Monatschrift" und im katholischen Sonderheft der "Tat"; f�r die liturgische Bewegung siehe vor allem die vom Abt J. Herwegen herausgegebene Schriftenreihe "Ecclesia orans", besonders R. Guardini: "Vom Geist der Liturgie"). Trotz des tiefen inneren Gegensatzes der mystischen, mehr an das Mittelalter und die Gotik ankn�pfenden Bewegungen und der liturgischen a l t k i r c h l i c h e n Bewegung gewinnen beide Tendenzen eine Art Einigung wieder dadurch, da� manche katholischen Denker auch in der Philosophie und Theologie st�rker an die mystischer gef�rbte platonisch-augustinische Auffassung ankn�pfen, die mit den liturgischen Bestrebungen ja auch den alt- und fr�hkirchlichen historischen Grundcharakter teilen. In der Philosophie ist auf religionsphilosophischem Boden dieser sich allenthalben wieder st�rker regende A u g u s t i n i s m u s (freilich stark modifiziert) auch mit der Ph�nomenologie (die, wie bemerkt, ja selber stark platonisch orientiert ist) in Verbindung getreten durch das Werk des Verfassers "Vom Ewigen im Menschen", Band 1, in dem versucht wurde, sowohl der Metaphysik als der Religionsphilosophie (das letztere durch Aufrechterhaltung eines selbst�ndig religi�sen und unmittelbaren Faktors in der religi�sen Gotteserkenntnis) eine neue Selbst�ndigkeit zu geben ("Konformit�tssystem von Glauben und Wissen"). Auf ganz anderem philosophischen Boden (mit Ankn�pfung an die modernen Kantschulen) hat J. Hessen den "augustinischen Gottesbeweis" wieder zu Ehren zu bringen versucht, und auch Switalsky hat ihm in seinen Arbeiten wieder ein gr��eres Recht einger�umt, als die vorwiegend thomistische Richtung ihm bisher gew�hrte. Auch diese Tendenz ist wohl verst�ndlich sowohl aus dem a l l g e m e i n e n Streben wieder st�rker an fr�hkirchliche geistige Erscheinungen anzukn�pfen, als vor allem auch daraus, da� es sich heute nicht darum handeln kann, so wie zu Zeiten des Thomas von Aquin das relative R e c h t von Natur und Vernunft gegen�ber einer stark im �bernat�rlichen versunkenen m�chtigen und einheitlichen christlich erf�llten Welt sicherzustellen, sondern u m g e k e h r t darum, eine ganz und gar in das Weltliche und Materielle versunkene weltanschaulich tiefpartikularisierte Gesellschaft Gott und die g�ttlichen Dinge wieder geistig nahezubringen. An Stelle der blo�en "ars demonstrandi", die erfahrungsgem�� nur dort �berzeugt, wo traditioneller Glaube den Menschen bereits beherrscht, tritt hier eine "ars investigandi et inveniendi" und gleichzeitig die alte anselmische Lehre, da� das religi�se Bewu�tsein und das Haben seines Gegenstandes (Gottesidee) dem philosophisch-wissenschaftlichen Bewu�tsein und der ihr entsprechenden Weltgegebenheit gesetzlich (wenn auch geschichtlich mit ganz variablem Inhalt) vorhergeht (im Sinne des anselmischen "Credo, ut intelligam"). Auch mit H. Newman, dessen "Grammatik der Zustimmung" eben von Th. Haecker neu �bersetzt wurde, und dessen Schriften gegenw�rtig auch in katholischen Bildungskreisen stark gelesen werden, steht diese Bewegung in mannigfacher Verbindung (vgl. auch die Zeitschrift "Brenner", in der sich religi�se Gedanken verschiedener Konfessionen begegnen). Auch die bemerkenswerten Reden des T�binger Dogmatikers Adam �ber "Glauben und Wissen", "Religion und Gegenwart" verraten die geschilderten Gedankenmomente. Ihr praktisches Gewicht und ihre soziale Parallele erh�lt diese neuere katholische Denkrichtung durch die sich in den katholischen Bildungskreisen immer st�rker durchsetzende �berzeugung, da� die Religion sich in einer Zeit, in der die gewaltigen St�tzen der Kirche durch den Staat zusammengebrochen sind, und in der sich der Glaube zu r e i n i g e n hat von allen st�ndischen und klassenm��igen Amalgamierungen, in die ihn die verflossene Geschichte gebracht hatte, vor allem innere Selbst�ndigkeit und Unabh�ngigkeit von den Interessenstrukturen der Politik und Wirtschaft gewinnen m�sse, um wieder eine praktisch lebendige Kraft auf das Leben zu gewinnen. Aus demselben Grunde sucht man in bezug auf geschichtliche Vorbilder innerhalb des katholischen Kulturkreises an solche Zeiten und Pers�nlichkeiten anzukn�pfen, in denen die Religion aus ihrer eigenen inneren Kraft heraus (ohne St�tze von irgendeiner anderen Macht) neue soziale Bewegungen e i n g e l e i t e t oder doch mit ihrem Geiste durchhaucht hat. Das von D. von Hildebrand herausgegebene Buch "Der Geist des heiligen Franziskus" will in diesem Sinne die franziskanische Bewegung nach allen in Betracht kommenden Richtungen charakterisieren. Innerhalb des p r o t e s t a n t i s c h e n Kulturkreises deuten mehrere Erscheinungen gleichfalls auf den neuen religi�sen Geist der Zeit hin. Der weitgehenden soziologischen Umformung der Beh�lter und Wirkungsweisen des protestantischen Geistes (die keineswegs, wie man so oft irrig meint, ein Nachlassen auch seiner K r a f t und seiner Wirksamkeit zu bedeuten braucht) -- man kann sie kurz als Tendenz zu Sekten, Kreis-Ordensbi1dungen um irgendeine charismatisch erscheinende Pers�nlichkeit herum charakterisieren -- entspricht eine Reihe religionsphilosophischer und theologischer Neuerscheinungen, welche starke Beachtung verdienen. Hier sind vor allem die tiefgreifenden und wirksamen Arbeiten von R. Otto (siehe "Das Heilige", 2. Auflage), ferner von H. Scholz "Religionsphilosophie" (1921), die Arbeiten des Hallenser Dogmatikers Heim, die mannigfachen Schriften Fr. Heilers (siehe "Das Gebet" und "Buddistische Versenkungsstufen", "Das Wesen des Katholizismus"), die mystische Wert- und Religionsphilosophie von H. Schwarz "Das Ungegebene", T�bingen 1921, zu nennen. Auch die Arbeiten von K. Oesterreich �ber "Religionspsychologie" und die neue gro�e Arbeit �ber denselben Gegenstand von J. K. Girgensohn, ferner als �berkonfessionelle Sammelstelle religionspsychologischer Bestrebungen die "Zeitschrift f�r Religionspsychologie" m�gen hier aufgef�hrt sein, obzwar diese Erscheinungen weniger religi�s als rein wissenschaftlich bedeutsamen Charakter besitzen. Den gr��ten Einflu� von diesen Arbeiten hatten ohne Zweifel die Schriften von Otto und Heiler. Otto betrachtet die Werte des Heiligen und G�ttlichen, die er in der ersten H�lfte seines Buches rein ph�nomenologisch untersucht, auf ihre Wesensbestandteile und scheidet sie in rationale (z. B. G�te, Wissen usw.) und irrationale. Als irrationale Grundwerte, die sich nicht so, wie die Kantschulen meinen, in "allgemeing�ltige Vernunftwerte" oder deren Steigerung ins "Unendliche" oder "Vollkommene" aufl�sen lassen, nennt Otto das "Numinose". Er zerlegt das ihm entsprechende Gef�hl in das "Kreaturgef�hl" in das "mysterium tremendum" das dem Heiligen den Charakter des Schauervollen, �berm�chtigen und Energischen verleiht, in das Moment des geheimnisvollen "ganz anderen" und in das Moment des magisch anziehenden "fascinosum". Er verfolgt alle diese dem G�ttlichen konstitutiv eigenen "irrationalen" Elemente durch das Alte und Neue Testament und durch Luthers Schriften hindurch und gibt am Schlusse eine Art religi�ser Erkenntnistheorie, die an die von Fries modifizierte Kategorienlehre Kants ankn�pft. Eine Kritik seiner Aufstellungen habe ich auch in meinem Buche "Vom Ewigen im Menschen" gegeben (siehe auch E. Troeltsch in den "Kantstudien"). Die Bestrebungen nach einer freien religi�sen Mystik sind innerhalb des Protestantismus durch dieses Buch stark gesteigert worden. Heiler gab in seinem Buche �ber "Das Gebet" eine �beraus gro�z�gige, gelehrte und auch ph�nomenologisch und psychologisch �beraus anregende Studie, die nur den Fehler hat, da� sie mit Hilfe gewisser von der Ritschlschen Theologie entlehnter Kategorien, besonders der Kategorie des "prophetischen" und "mystischen Gebets" viele Erscheinungen des religi�sen Lebens vergewaltigt. Das beste Buch Heilers ist das Buch �ber "Buddhistische Versenkungsstufen", in dem er diese Stufen feinsinnig ph�nomenologisch er�rtert und nur ihre T e c h n i k noch zu wenig beschreibt. Sei prinzipienlos und historisch nach rein individuellen und subjektiven Eindr�cken geschriebenes Buch �ber das "Wesen des Katholizismus", das zugleich eine erstaunliche Verherrlichung der im "Gebet" gerade als "unevangelisch" verurteilten katholischen Mystik und gleichzeitig eine herbe Anklage gegen die gegenw�rtige Kirche darstellt, sucht nach Harnacks Vorgang das Ganze des Katholizismus als "Synkretismus" aus f�nf Bestandteilen zu erweisen; sie sollen bestehen im Evangelium, dem r�mischen Reichs- und Rechtsgedanken, dem j�dischen Legalismus und seiner Kasuistik, den paganisch-magischen Faktoren (Messe) und der nach Heiler auf den Orient zur�ckgehenden hellenischen Philosophie und Mystik. Die Methode der Betrachtung ist hier im wesentlichen diejenige Harnacks. Das religi�se, bei Heiler vorherrschende, aber von seinen Stimmungen stark abh�ngige "Ideal" soll gegeben sein in dem, was er in seiner Anlehnung an den schwedischen Bischof Soederbloem die "Evangelische Katholizit�t" nennt. -- Die "Religionsphilosophie" von H. Scholz, die besonders in ihren kritischen Partien ausgezeichnet geraten ist, will �hnlich wie R. Otto und in mancher Hinsicht auch �hnlich wie der Verfasser in seinem Werke "Vom Ewigen im Menschen" die Religion auf eine besondere F o r m d e r r e l i g i � s e n E r f a h r u n g gr�nden, die aber nicht allen Menschen zukommen soll. Auch dieses Werk nimmt seinen Ausgangspunkt vor allem in dem Wesen der m y s t i s c h e n Gotteserfahrung und sucht von hier aus die Religion mit dem Ganzen des menschlichen Geisteslebens in innere Beziehung zu setzen. Auch K. Oesterreich hat in seiner Schrift "�ber die religi�se Erfahrung" dieselbe Methode und denselben Ausgangspunkt wie die genannten ph�nomenologischen vorgehenden Forscher. �berblickt man diese und andere hier aus Raummangel nicht genannten Erscheinungen der protestantischen Religionsphilosophie und Theologie und vergleicht sie mit den augustinisch gef�rbten Arbeiten innerhalb des katholischen Kulturkreises, so er�ffnet sich eine A u s s i c h t, die nach meiner Meinung von gr��ter Tragweite ist. Es ist die Aussicht auf eine m�hlich fortschreitende Einigung der Forscher verschiedener Konfessionen �ber die Grundfragen wenigstens der nat�rlichen Theologie und der Religionsphilosophie. Solange auf der einen Seite einseitigster Kantianismus, auf der anderen Seite ein ausschlie�licher Thomismus traditionalistisch herrschten, war auch der blo�e V e r s u c h einer solchen Einigung v�llig ausgeschlossen (siehe dazu auch R. Eucken: "Kant und Thomas, der Kampf zweier Welten"). Den W e r t einer solchen Einigung aber wird man nicht gering anschlagen d�rfen, denn es w�rde dadurch der widersinnige Zustand, den ich a. a. O. als einen "Skandal der Philosophie und Theologie zugleich" bezeichnet habe, aufgehoben, da� in der nicht auf positiver Offenbarung und Tradition beruhenden sogenannten "nat�rlichen Gotteserkenntnis" (die jedem Menschen spontan zug�nglich sein soll) gerade am m e i s t e n der blo�e historische Traditionalismus herrscht, und da� die konfessionell verschiedenartigen religi�sen Bildungskreise in der nat�rlichen Theologie und Religionsbeurteilung eher n o c h w e i t e r auseinandergehen als in den Fragen der positiven Theologie und der Glaubensbekenntnisse. Auch innerhalb der theoretischen und praktischen F�hrerschaft der deutschen Sozialdemokratie sind gegenw�rtig Versuche bemerkenswert, das religi�se Problem einer neuen Durchforschung zu unterziehen, die von der marxistischen �berkommenen Lehre, der gem�� die g�ttlichen Dinge nur ein phantastisches "Aroma" sein sollen, das als "Begleiterscheinungen" �konomischer Herrschaftsverh�ltnisse aus der "b�rgerlichen Gesellschaft" aufsteigt (Marx), prinzipiell abweichen. Noch sehr fadenscheinig ist die Religion in Paul G�hres "Der unbekannte Gott" gefa�t, dagegen haben Radbruch, Maurenbrecher, mehrere Freunde der "Sozialistischen Monatshefte", die theoretischen Vertreter des Bundes sogenannter "religi�ser Sozialisten" Ansichten ge�u�ert, die, wie immer man sie beurteilen mag, eine neue Stellung auch der sozialdemokratischen Arbeiterklasse zu den Problemen der Religion ank�ndigen. Da nach unserer Meinung jeder religi�s nicht an das h�chste Gut und Gott glaubende Mensch, und jede Klasse solcher Menschen ein nachweisbares S u r r o g a t des h�chsten Gutes in Form eines zu einem "G�tzen" gestempelten endlichen Wertes (hei�e er Geld, Nation, Zukunftsstaat oder sonstwie) besitzen, wird der vermutlich bald vollst�ndig einsetzende, schon heute (siehe das neue sozialdemokratische Parteiprogramm) sehr weitgehende Verzicht auf die Verwirklichung der Ideale des Kommunismus und des "Zukunftsstaates" (an die ein gewaltiges Ma� eschatologischer Religiosit�t gleichsam festgebunden war) einen l e e r e n Raum in der Seele der Arbeiterklasse schaffen, der ihre Disposition f�r die Aufnahme echt religi�ser G�ter bedeutend steigern d�rfte. In diesem Sinne hat sich auch Otto Baumgarten in seinem Buche "Der Aufbau der Volkskirche", das die M�glichkeit des Aufbaus einer protestantischen Volkskirche an Stelle einer blo�en "Pastorenkirche" eingehend und feinsinnig erw�gt, ausgesprochen. Nicht minder tief greifen, wie gesagt, die Wirkungen der Weltereignisse auf die geschichtsphilosophischen und soziologischen Neuorientierungsversuche der Gegenwart ein. Alle gr��eren geschichtsphilosophischen Versuche der europ�ischen Geschichte, die wir kennen, die Versuche Augustins und Johanns von Freising, die Versuche Vicos, Bossuets, Hegels und Comtes haben ihren Ursprung in Zeitaltern, die nach gro�en, die Verh�ltnisse tief umformenden Geschichtswendungen, gleichsam eine Besinnung der Menschheit �ber den bisherigen Verlauf ihrer Geschichte anregen. Der Franz�sischen Revolution wohnte in diesem Sinne die m�chtigste Anregungskraft f�r geschichtsphilosophische Besinnung ein, und so ist es kein Wunder, da� gerade gegenw�rtig die geschichtsphilosophisch m a t e r i a l e B e t r a c h t u n g der Dinge eine neue Auferstehung gefeiert hat. Zum Teil kn�pfen diese Versuche an Gedanken an, die schon vor dem Kriege wieder eine Rolle zu spielen begannen. Kaum ein geschichtsphilosophischer Versuch der Gegenwart zeigt sich z. B. nicht irgendwie durch Nietzsches starke Anregungen bedingt. Ferner f�hlt man �berall die Ideen Burckhardts, wie er sie in seinen "Weltgeschichtlichen Betrachtungen" entwickelt hat, die Auffassungen von Dilthey, Troeltsch, Hegel und Hartmann noch lebendig. Der grundlegende Gesichtspunkt, welcher der gegenw�rtigen Geschichtsphilosophie ihr b e s o n d e r e s Gepr�ge verleiht, ist vor allem der Gegensatz zwischen Dekadenz oder Erneuerungsm�glichkeit der europ�ischen Menschheit und dazu die noch m�gliche Aufgabe und Rolle "Europas" im zuk�nftigen Weltgetriebe. Schon diese Frage f�hrt wie von selbst dazu, die E n g e und B e d i n g t h e i t der spezifisch europ�ischen Ma�st�be und europ�ischen Denkformen in allen bisherigen Geschichtsauffassungen und -beurteilungen immer tiefer zu erkennen. Diesen Fragen gegen�ber sind heute die mehr formalen Probleme der Geschichts e r k e n n t n i s weitgehend zur�ckgetreten. Oswald Spengler hat dem auf alle F�lle starken Wurfe seines "Untergang des Abendlandes" in seinem Aufsatz �ber "Pessimismus?" eine sehr eigenartige Interpretation nachfolgenlassen (der zweite Band des "Untergangs" wird demn�chst erwartet). Seine D e k a d e n z l e h r e ist in seinem "Untergang" weniger tiefgehend als sensationell vertreten. Die ungeheure Wirkung dieses Buches und der aufregende Neuheitseindruck, mit dem es entgegengenommen wurde, ist psychologisch nur aus der N i e d e r l a g e Deutschlands im Kriege zu verstehen. Aber au�erdem ist er nur begreiflich daraus, da� das gro�e Publikum offenbar keine Ahnung davon hatte, wie sehr diese Dekadenzlehre bereits durch anderweitige Forscher vorbereitet war. Graf Gobineau, J. Burckhardt, Fr. Nietzsche, F. T�nnies, E. Hammacher (siehe sein Buch: "Grundprobleme der modernen Kultur"), M. Scheler (siehe "Ressentiment im Aufbau der Moralen"), W. Sombart -- sie alle hatten ja, wenn auch mit weitgehend verschiedener Begr�ndung und Fundierung, im Grunde der These gehuldigt, da� sich das Abendland des 19. Jahrhunderts im Niedergang befinde. Der Kreis Stefan Georges dachte in derselben Richtung. E. von Hartmanns universaler Geschichtspessimismus zielte gleichfalls auf eine geschichtsphilosophische Dekadenzlehre hin. Nur das satte Behagen der deutschen Oberklassen w�hrend des Wilhelminischen Zeitalters konnte diese warnenden Stimmen �ber h�ren lassen und den Schein erzeugen, da� man �ber Fortschritt und Aufstieg Europas so einig sei, wie es etwa Hegel und in anderer Form und Art die Positivisten Comte und Spencer gelehrt hatten. Freilich ma�ten sich alle diese genannten Denker n i c h t an, astronomisch voraussagen zu k�nnen, was in Zukunft sein und geschehen werde, so wie es Spengler auf Grund seiner vermeintlichen vagen Phasen- und Gleichzeitigkeitsgesetze getan hat, nach denen z. B. Buddhismus, Stoizismus und Sozialismus innerhalb der Phasenabfolge der indischen, r�mischen und modernen Zivilisation "gleichzeitig" sein sollen. Es gen�gte ihnen so wie es allein m�glich und sinnvoll ist, von Niedergangstendenzen zu reden, deren Realisierung durch die urspr�ngliche Freiheit der menschlichen Pers�nlichkeit oder doch durch arationale Geschichtsfaktoren auch prinzipiell umgebogen werden k�nne. Eine solche "Freiheit" kennt Spengler nicht, er betrachtet die gro�en Kulturen, die er an sich mit Recht als eine urspr�ngliche Vielheit ansieht (siehe hierzu auch des Verfassers Abschnitt "Die Einheit Europas" in seinem Buche "Genius des Krieges"), wie Pflanzenvegetationen, die aus der "m�tterlichen Landschaft" herauswachsen, dann einen Proze� des Aufbl�hens, Alterns und Sterbens durchlaufen. Diese biologischen Analogien sind aber auf die Geschichte unanwendbar. Wertvoll dagegen ist der Versuch Spenglers, a l l e Sph�ren der geschichtlichen G�terwelt (Wissenschaft, K�nste, Staatsformen usw.) auf die Einheit einer "Kulturseele" zur�ckzubeziehen, und ihre Strukturidentit�t aufzuweisen. Die Durchf�hrung des Gedankens, den auch Dilthey, Duhem (siehe "Geschichte der physikalischen Theorien"), Scheler und andere l�ngst aufgenommen hatten, ist indes oft �beraus spielerisch und willk�rlich (vergleiche dazu das Heft des "Logos" indem sich eine Reihe von Forschern mit Spengler besch�ftigen). Zur Kritik Spenglers ist schon eine kleine Literatur erschienen, aus der ich Th. Haerings "Die Struktur der Weltgeschichte" (1921), die Schrift von H. Scholz "Zum Untergang des Abendlandes" (1920) und G�tz Briefs "Untergang des Abendlandes, Christentum und Sozialismus" (1920), Kurt Breysigs "Der Prophet des Untergangs" hervorhebe. Ganz wesenlos, verworren, unbestimmt und �berdies aus den mannigfaltigsten verschwiegenen Anregungen zusammengeflossen sind die philosophischen und erkenntnistheoretischen V o r a u s s e t z u n g e n des Buches. Sie enthalten einen Relativismus, der sich im tiefsten Gegens�tze befindet zu aller ernsthaften gegenw�rtigen Philosophie, und sind nur ein letzter Nachklang des romantischen Historismus der Vorkriegszeit und seiner verantwortungslosen, sich in alles und jedes "einf�hlenden" schauspielerischen Verwandlungskunst -- Haltungen, von der heutigen J u g e n d mit Recht scharf zur�ckgewiesen werden. Wenn wir nicht glauben, da� Spenglers Werk seinen Tageserfolg, stark mitbedingt durch die psychischen Dispositionen eines geschlagenen Volkes, dessen gegenw�rtiges Elend und Niedergangsgef�hl gleichsam wie von einem gewissen "Troste" vergoldet scheint, wenn sich auch das Ganze des Abendlandes, dessen Teil es ist, in einer absteigenden Richtung befindet so da� man gewisserma�en sagen kann auch jetzt wieder: "Deutschland in der Welt voran" -- wenn auch in absteigender Richtung -- �berdauern wird, so erhoffen wir um so Wertvolleres von anderen wichtigen Erscheinungen der gegenw�rtigen Soziologie und Geschichtsphilosophie. Das Grundbuch der deutschen Soziologie wird noch auf lange Zeit hinaus Ferdinand T�nnies' "Gemeinschaft und Gesellschaft" bleiben, das erst langsam seine volle Bedeutung auswirkt. Max Weber, dessen Werke jetzt gesammelt erscheinen, hat uns noch kurz vor seinem Tode mit seinen gro�angelegten religionssoziologischen Untersuchungen �ber die Religionsformen Chinas, Indiens und der verschiedenen kirchlichen Bildungen des Christentums beschenkt, die sich seiner ungemein wirksamen Untersuchung �ber die Bedeutung der calvinistischen Religiosit�t und systematischen Selbstkontrolle f�r die Ausbildung des "kapitalistischen Geistes" w�rdig angereiht haben. Die Bedeutung der Weltreligionen f�r die soziale Struktur der V�lker und f�r ihre Wirtschaftsgesinnung ist in diesen Untersuchungen �beraus gro�artig hervorgetreten. Nimmt man noch hinzu die bekannten "Soziallehren der christlichen Kirchen von E. Troeltsch und die Untersuchungen von P. Honigsheim �ber den Einflu� des Jansenismus auf die franz�sische Sozial- und Wirtschaftsgeschichte" so ist in diesen Arbeiten ein bedeutendes, zusammenh�ngendes Bild entstanden von der soziologischen Bedeutung der Religion �berhaupt (vgl. auch des Verfassers "Abhandlungen und Aufs�tze"). In anderer Richtung hat Werner Sombart in seinen Kapitalismusb�chern und seinem "Bourgeois", vor allem aber in der neuen Auflage seiner "Grundlagen des modernen Kapitalismus" nun eine s y s t e m a t i s c h e A n o r d n u n g aller Kausalfaktoren f�r die Entstehung der Phasen des modernen Kapitalismus gegeben, die den �lteren Einw�nden gegen seine Aufstellungen weitgehend standh�lt. Sein zu erwartendes Buch �ber die geistesgeschichtlichen Bedingungen des modernen Sozialismus, zu dem er sein bekanntes "Sozialismus und soziale Bewegung" umzuarbeiten im Begriffe ist, wird �ber die Entstehung besonders der marxistischen Theorien neues Licht verbreiten. Die neuen, in den Schriften der Kantgesellschaften herausgekommenen Untersuchungen von E. Troeltsch �ber die bisherigen Formen der Soziologie seit Comte und �ber die dialektische Methode Hegels haben gleichfalls �ber die Entstehung des Gegensatzes unserer deutschen Geschichtsauffassung von der bei den Westv�lkern vorliegenden Auffassung uns wichtige Einsichten erschlossen. Erw�gt man dazu, da� die gesamte marxistische Soziologie (siehe dazu die neueren Arbeiten von J. Plenge, Lederer, Cunow, Lensch, Schumpeter, Renner, R. Michels, Max Adler und anderer) sich in der tiefgehendsten Krisis befindet, in der sie sich seit der Auseinandersetzung von Lassalle und Marx befunden hat, so wird man die langsam beginnende geschichtsphilosophische und soziologische Auseinandersetzung der sozialistischen und b�rgerlichen Soziologie und Geschichtsauffassungen nicht gering anschlagen d�rfen. Was uns gegenw�rtig vor allem notwendig ist, das w�re eine neue, auf der Gesamtheit der durch diese Literatur erschlossenen empirischen Einsichten fu�ende T h e o r i e d e r h i s t o r i s c h e n K a u s a l f a k t o r e n, die insbesondere die O r d n u n g ihrer Wirksamkeit genau bestimmt und feststellt, und die zugleich mit allen bisherigen Einseitigkeiten, vorwiegend spiritueller und naturalistischer Geschichtsauffassungen, endg�ltig bricht. Der Verfasser ist damit besch�ftigt, in einem demn�chst erscheinenden Buche �ber die Gesellschafts- und Geschichtslehre des "Solidarismus" eine solche Theorie zu entwickeln. -- Wenn man die ungemeine, nur noch mit dem Zeitalter Kants und Hegels vergleichbare, g e i s t i g e R e g s a m k e i t auf dem Boden der Philosophie im gegenw�rtigen Deutschland (von der diese Zeilen ein schwaches, durch den Raum engbegrenztes Bild geboten haben) mit dem vergleicht, was gegenw�rtig in den L�ndern der Sieger auf diesem Boden geschieht, so ist -- wie alle, die vom Ausland zu dem Verfasser nach K�ln kommen, bezeugen -- der Abstand ein u n g e h e u e r g r o � e r. Dieser Eindruck ist, wenn man noch hinzunimmt, was trotz des neuen Elends des Bibliothekswesens und der geringen Aufwendungen, die seitens des Staates f�r die Wissenschaft und ihre Institute heute allein m�glich sind, auch auf dem Boden der Naturwissenschaften und der Erfindungen geleistet wird, so stark, da� an ihm allein schon das tiefgesunkene Selbstgef�hl und Selbstwertgef�hl der Nation s i c h w i e d e r a u f z u r i c h t e n v e r m a g. Ein Volk, das im gr��ten Elend seiner politischen und �konomischen Lage zu einer solchen F�lle geistiger Anstrengungen und Leistungen f�hig ist, kann nicht zugrunde gehen. Einem in gewissem Sinne tragischen Grundgesetze der deutschen Geschichte gem�� (das man preisen oder beklagen mag) wird auch diesmal die Nation; gerade aus ihren tiefsten Leiden und N�ten heraus, mit neuen und frischen Energien, die ihr aus der dunklen Tiefe ihrer durch kein Geschick zerbrechlichen Seele zuflie�en, mit neuem Wagemut wieder zu den ewigen Sternen ihrer eigentlichen "Bestimmung" greifen. Der Philosophie kommt dabei die nicht zu untersch�tzende Rolle zu, die einseitige Verfachlichung und Spezialisierung, in die das deutsche Volk vor dem Kriege so sehr versunken war, da� ihm die auch zu einer gesunden und einheitlichen Politik und zur F�hrung des Krieges notwendige spontane Einigungsbereitschaft und Einigungsbef�higung weitgehend gebrach, allm�hlich aufzul�sen und damit beizutragen, eine neue, einheitlichere geistige Bildungsgestalt dem deutschen Menschen aufzupr�gen. RELATIVIT�TSTHEORIE VON A. SOMMERFELD VORTRAG, GEHALTEN IN EINEM ZYKLUS GEMEINVERST�NDLICHER EINZELVORTR�GE, VERANSTALTET VON DER UNIVERSIT�T M�NCHEN, SOMMER 1921 Konrad Ferdinand Meyer l��t im "Hutten" den alten Pfarrer von Ufenau sagen: Erfahrt, da� unter uns, die wir bem�ht Um die Natur sind, ein Geheimnis gl�ht! Mit hat's ein fahr'nder Sch�ler anvertraut. Neigt euch zu mir! Man sagt's nicht gerne laut. Ein Chorherr lebt in Thorn, der hat gewacht, Bis er die R�tsel deutete der Nacht. Herr K�pernick beweist mit b�nd'gem Schlu�, Da� -- staunet -- unsre Erde wandern mu�! Dasselbe Staunen, das vor 400 Jahren die Menschheit bei der Kunde von der Umw�lzung des Kopernikus erfa�te, ist heute lebendig, wo es sich um eine neue Umw�lzung im Weltbilde handelt, vergleichbar der kopernikanischen, ja vielleicht mit ihren erkenntnistheoretischen Wurzeln noch tiefer reichend. Dasselbe geheimnisvolle Dunkel wie damals -- "man sagt's nicht gerne laut" -- umweht die neue Theorie von Raum, Zeit und Schwere. Wird es mir gelingen, das Dunkel in etwas zu lichten? Ich wei� nur zu gut, da� dies ohne die sichere Leitschnur des mathematischen Gedankens letzten Endes unm�glich ist. F�r viele meiner Behauptungen werde ich den Beweis schuldig bleiben m�ssen, da er sich nur aus der vollen Kenntnis der physikalischen Tatsachen und zum guten Teil nur mit den Hilfsmitteln der mathematischen Rechnung erbringen lie�e. Ich mu� zufrieden sein, wenn ich Ihnen eine Vorstellung von den Problemen und von den Gedankeng�ngen, die zu ihrer L�sung f�hren, geben kann. Etwas genauer m�chte ich dann darauf eingehen, wie es mit der erfahrungsm��igen Pr�fung der neuen Lehre steht. Insbesondere werde ich von der Sonnenfinsternis des Jahres 1919 zu sprechen haben. W�hrend in Fachkreisen das Interesse an der Relativit�tstheorie seit 15 Jahren lebendig ist, datiert das allgemeine Aufsehen und die Popularit�t der Theorie erst von ihrer Best�tigung durch diese Sonnenfinsternis. "Ihr meint, wie sitzen ruhig hier? Erlaubt, Wir schweben, wie von Adlerkraft geraubt" -- so f�hrt der Pfarrer von Ufenau zu reden fort. "Wir sitzen ruhig hier." Und doch drehen wir uns, so belehrt uns Kopernikus, um die Erdachse mit einer Geschwindigkeit von einigen hundert Metern in der Sekunde; gleichzeitig bewegt sich die Erde und wir mit ihr um die Sonne mit einer Geschwindigkeit von 30 km in der Sekunde, also hundertmal schneller, als der Schall die Luft durcheilt. Und die Sonne selbst bewegt sich gegen die Fixsterne und f�hrt die Erde und uns selbst "wie mit Adlerkraft" fort. Von diesem ganzen zusammengesetzten Bewegungsvorgang sp�ren wir nichts, es sei denn, da� wir mit genauen Hilfsmitteln ausger�stet sind, um an den Sternen Beobachtungen zu machen. Wir m�ssen daraus schlie�en: Bewegung an sich ist nicht beobachtbar, sie ist an sich nichts. Nur relative Bewegung k�nnen wir konstatieren. Und weiter: Der Raum ist an sich nichts, das Fortschreiten im Raum betrifft keine wirkliche Tatsache. Es gibt keinen absoluten Raum. Der Raum existiert nur durch die in ihm enthaltenen K�rper und Energien. Ein Fortschreiten im Raum ist nur zu messen am Rauminhalt und l��t sich �berhaupt nur denken relativ zu den raumerf�llenden K�rpern und Energien. Dies ist das Relativit�tsprinzip der klassischen Mechanik. Es bildet seit 200 Jahren die Grundlage f�r das Studium der himmlischen und irdischen Bewegungen. Der genaue Ausdruck dieses �ltesten Relativit�tsprinzips lautet: Es ist unm�glich, festzustellen, ob sich ein System von K�rpern als Ganzes in Ruhe oder in gleichf�rmig geradliniger Bewegung befindet, sofern wir nur innerhalb dieses K�rpersystems Erfahrungen anstellen und keine Merkmale au�erhalb desselben beobachten k�nnen. Wir k�nnen also nichts von der fortschreitenden Bewegung der Erde bemerken, wenn wir keinen Ausblick nach dem Fixsternhimmel haben. Mit der drehenden Bewegung der Erde ist es allerdings zun�chst anders, sie f�llt nicht unter das Relativit�tsprinzip der klassischen Mechanik, da bei ihr die Richtung der Geschwindigkeit fortgesetzt wechselt. In der Tat k�nnen wir sie durch Pendelbeobachtungen auf der Erde messen oder an der Abplattung der Erde nachweisen. Wir werden hierauf zur�ckkommen, wenn wir das allgemeine, �ber die klassische Mechanik hinausgehende Relativit�tsprinzip entwickelt haben werden. Gehen wir von der Mechanik zur Optik �ber. Die Erscheinungen des Lichtes beruhen, wie wir heutzutage wissen, auf der Ausbreitung elektromagnetischer Felder. Die Optik und Elektrodynamik glaubte einen L i c h t � t h e r n�tig zu haben, einen feinen materialisierten Raum, in dem sich die Lichtwirkungen ausbreiten sollten. Hiernach w�re es denkbar, absolute Bewegung im Raum als Bewegung gegen den Licht�ther durch Lichtstrahlen nachzuweisen. Ein Lichtstrahl, der sich im Sinne der Erdbewegung, diese �berholend, fortpflanzt, sollte sich relativ zur Erde langsamer fortpflanzen als ein Lichtstrahl, der senkrecht zur Erdbewegung fortschreitet. Das Relativit�tsprinzip w�re damit durchbrochen und die absolute Bewegung der Erde im Raum nachweisbar. Der Versuch ist mit au�erordentlicher Sch�rfe von M i c h e l s o n angestellt worden und lieferte kein Anzeichen der Erdbewegung. Es h�tte keinen Zweck, wenn ich Ihnen den Michelsonschen Versuch n�her schildern wollte. Die �berzeugung von seiner bindenden Kraft k�nnte ich Ihnen doch nicht beibringen, ohne mich in experimentelle Einzelheiten zu verlieren. Der Versuch ist so schwierig und verlangt so au�erordentliche Hilfsmittel, da� er nur zweimal durchgef�hrt worden ist. Hier, wie in vielen anderen Punkten, mu� ich auf Ihren guten Glauben an die Zuverl�ssigkeit der physikalischen und astronomischen Messungen rechnen k�nnen. Der Michelsonsche Versuch und andere weniger genaue Erfahrungen zeigen also, da� das Relativit�tsprinzip zu Recht besteht, da� absolute Bewegung auch nicht optisch als Bewegung gegen den Licht�ther nachgewiesen werden kann. Daraus folgt weiter, wie Einstein hervorhob, da� der Licht�ther keine reale, beobachtbare Existenz besitzt. Er ist nicht physikalisch, sondern metaphysisch, ein verkappter absoluter Raum und als solcher irref�hrend. Aber noch weiter: Die Lichtfortpflanzung findet statt in Raum und Zeit. Sie hat, von der im Sonnensystem fortschreitenden Erde aus gemessen, dieselbe Geschwindigkeit, wie sie von der Sonne aus gesehen werden w�rde, die doch an der Erdbewegung nicht teilnimmt. Wir nennen allgemein B e z u g s s y s t e m ein physikalisches Laboratorium, welches mit Ma�st�ben und Uhren zu Raum- und Zeitmessung ausger�stet ist. Dieser H�rsaal ist ein Bezugssystem, da ich in ihm die jeweilige Lage eines bewegten K�rpers durch seine Abst�nde von dreien seiner Begrenzungsebenen und durch die Angaben einer Uhr bestimmen kann. Drei solche Abst�nde nennt man die R a u m k o r d i n a t e n des betrachteten Punktes, die zugeh�rige Zeitangabe kann man seine Zeitkoordinate nennen. Wir haben es hier mit einem irdischen Bezugssystem zu tun. Wir k�nnen uns aber auch ein entsprechendes Bezugssystem auf der Sonne oder auf einem gegen die Erde bewegten Eisenbahnzuge denken. Die allgemeinen Tatsachen der Lichtfortpflanzung zeigen nun, da� sich das Licht in jedem Bezugssystem in gleicher Weise ausbreitet, n�mlich in Kugelwellen mit der gleichen Lichtgeschwindigkeit, unabh�ngig von dem Bewegungszustande der Lichtquelle gegen den Beobachter. Das scheint widerspruchsvoll zu sein. Denn wenn wir eine Kugelwelle, die sich im irdischen Bezugssystem ausbreitet, von der Sonne aus betrachten, so w�rde auf der Vorderseite (das sei diejenige Seite, nach der die augenblickliche Geschwindigkeit des Erdk�rpers gerichtet ist) zur Lichtgeschwindigkeit noch die Erdgeschwindigkeit hinzukommen; auf der R�ckseite der Welle w�rde sich die Erdgeschwindigkeit von der Lichtgeschwindigkeit abziehen. Die Vorderseite der Welle w�rde also, von der Sonne aus gesehen, schneller fortschreiten als die R�ckseite. Das widerspricht dem Relativit�tsprinzip und den optischen Erfahrungen. Die Lichtwelle wei� nichts davon, ob sie zum Bezugssystem der Erde oder der Sonne geh�rt. Jedem Beobachter erscheint sie als Lichtwelle von der gleichen Fortpflanzungsgeschwindigkeit. Der Widerspruch l�st sich dadurch, da� wir auch die Zeit ihres absoluten Charakters entkleiden. Jedes Bezugssystem hat seine eigene Zeitskala. Es gibt keine absolute universale Zeit. Die Mechanik leugnete den absoluten Raum, lie� aber die absolute Zeit bestehen; sie konnte es tun, ohne in Schwierigkeiten zu geraten, weil sie nicht �ber so exorbitante Geschwindigkeiten wie die Lichtgeschwindigkeit verf�gt. Die Optik und Elektrodynamik verlangen auch die Relativierung der Zeit. Auch die Zeit ist an sich nichts. Sie besteht nur verm�ge der sich in ihr abspielenden Ereignisse. Diese Ereignisse, z. B. eine Lichtwelle, sind real und objektiv; die Beurteilung des zeitlichen Ablaufs aber h�ngt vom Standpunkt des Beobachters, vom Bezugssystem ab. Daraus folgt weiter: Es gibt keine absolute Gleichzeitigkeit. Zwei Ereignisse, die in meinem Bezugssystem gleichzeitig sind, sind vom Standpunkte eines relativ gegen mich bewegten Bezugssystems aus nicht gleichzeitig. Wenn ich mir einmal erlaube (in Fig. 1), Zeit und Raum durch zwei Richtungen in der Zeichenebene darzustellen, [=== Abbildung 1 -- siehe figure1.png ===] so sind die beiden Ereignisse A und B gleichzeitig im Bezugssystem (Raum -- Zeit); A ist aber fr�her als B im Bezugssystem (Raum -- Zeit), welches durch die punktierten Achsen dargestellt wird. Diese bildliche Darstellung, die hier nur als Gleichnis aufgefa�t werden m�ge, gibt sogar den wirklichen Sachverhalt zahlenm��ig wieder, wenn wir auf der Zeitachse mit einem im Verh�ltnis der Lichtgeschwindigkeit vergr��erten Ma�stab messen, wobei dann die in der Figur durch die Strecke a b dargestellte Ungleichzeitigkeit nur als winzig kleine Zeitdifferenz erscheint. Ein anderes Beispiel: Von der Erde l�st sich in einem bestimmten Augenblick ein ihr gleiches Abbild los und entfernt sich von ihr mit einer gewissen Geschwindigkeit. Zwei Zwillinge, A und B, werden in diesem Augenblick geboren, A bleibt auf der Erde, B wird auf ihr Abbild ausgesetzt. Sie entwickeln sich auf den beiden identischen Sternen bei identischen Lebensverh�ltnissen in genau identischer Weise, aber in verschiedenem Zeitma�. Wenn A irgendwie Kunde von B erh�lt, findet er, da� B langsamer lebt, da� er in seinem Lebensalter und in seinen Lebensschicksale immer etwas hinter A zur�ckbleibt. Dasselbe konstatiert B von A; A ist j�nger als B vom Standpunkte des B, B ist j�nger als A vom Standpunkte des A. Es wurde k�rzlich vorgeschlagen, das Wort Relativit�tstheorie zu ersetzen durch Standpunktslehre. Das Wort ist gut; es verdeutscht und verdeutlicht den wesentlichen Inhalt der neuen Auffassung. Wenn wir den Standpunkt wechseln, indem wir ihn von der Erde auf ihr Abbild verlegen oder auf einen �ber die Erde fahrenden Eisenbahnzug, sehen wir, was an unserem Weltbilde vom Standpunkt abh�ngt, also gewisserma�en subjektive Zutat ist, und was vom Standpunkte unabh�ngig ist, also in den Dingen liegt. Raum und Zeit sind vom Standpunkte abh�ngig oder relativ; auch die Auffassung zweier Ereignisse als gleichzeitig ist es. Aber die Ereignisse selbst sind wirklich, ebenso wie die Tatsache einer sich ausbreitenden Lichtwelle oder wie ein Menschenleben. Dabei ist jeder Standpunkt zul�ssig und gleichberechtigt mit jedem anderen. Es gibt keinen bevorzugten �therstandpunkt oder Erdstandpunkt oder Sonnenstandpunkt: da� die Erscheinungen von jedem Standpunkte gesehen miteinander harmonieren, trotz mancher Paradoxien, und niemals in wirkliche Widerspr�che geraten k�nnen, zeigt die mathematische Ausf�hrung der ganzen Lehre. Man wolle den Sinn des Wortes Relativit�t ja nicht so deuten, als ob alles Geschehen vom Standpunkte des Beobachters abhinge, als ob alles subjektiv w�re. Gerade der Wechsel des Standpunktes l��t erst das Naturgesetz in seinem unver�nderlichen Kern hervortreten. Die Relativit�tstheorie hat nicht nur eine negative, wegr�umende, sie hat vor allem eine positive, aufbauende Seite. Als positive Aufgabe der Standpunktslehre wollen wir ausdr�cklich statuieren: Die Gesetzm��igkeit in der Natur als einen "Felsen aus Erz" aufzurichten, der hin�berragt �ber die wechselnden Erscheinungsformen von Raum und Zeit, der von allen Standpunkten aus zu sichten ist f�r denjenigen, dessen Auge mit dem Fernblick des mathematischen Organs ausger�stet ist. Die Aufr�umung alles metaphysischen, unbeobachtbaren Absoluten war ein gro�es Verdienst der neuen Theorie. Aber die Aufrichtung des f�r alle Standpunkte und Bezugssysteme G�ltigen, Bleibenden und Unabh�ngigen war ihr gr��eres Verdienst. Mathematisch erreicht die Theorie dieses, indem sie die Unver�nderlichkeit (Invarianz) der die Naturgeschehnisse beschreibenden Gleichungen gegen�ber beliebigen Transformationen derjenigen Hilfsgr��en (Koordinaten von Raum und Zeit, Feldst�rken, Energien) nachweist, durch die wir die Naturgeschehnisse beschreiben. Das ist gerade der Unterschied zwischen Mach und Einstein, dem Vorarbeiter und dem Vollender des Relativit�tsgedankens. Bei Mach war der Blick auf das Negative gerichtet. Er wollte das Gestr�pp entfernen, das den Ausblick auf die Wirklichkeit versperrt, das Vorurteil eines absoluten Raumes und einer absoluten Zeit. Aber ihm entschwand bei dieser n�tzlichen Rodearbeit unter den H�nden der Glaube an die Festigkeit der Naturgesetze. Er sagt einmal: "Die absolute Exaktheit, die vollkommen genaue eindeutige Bestimmung der Folgen einer Voraussetzung besteht nicht in der sinnlichen Wirklichkeit, sondern nur in der Theorie." Die Naturgesetze werden ihm zu �konomischen Ma�nahmen, zu Ordnungsschematen, in die sich die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen bequem unterbringen l��t. Aber das ist es nicht, was wir brauchen. Naturgesetze von so unbestimmter und formalistischer Art w�ren kaum der M�hsal und Aufregung des Forschens wert. Der tastende Naturforscher, der auf dunklen Wegen nach einem geahnten Ziel strebt, braucht einen helleren Leitstern als die Machsche Lehre. Positivismus hei�t diese Lehre bei seinen Nachfolgern, trotzdem ihr Verdienst wesentlich in der Negation des Unbeobachtbaren liegt. Einstein denkt anders. Das Negieren des Metaphysischen ist ihm nur das Mittel, um den Weg frei zu bekommen zur h�chsten Bejahung der Naturgesetze, zu ihrer invarianten G�ltigkeit, unabh�ngig von jedem Standpunkte. Es ist charakteristisch, da� die Positivisten den halben Einstein, den abbauenden, begeistert loben, den anderen Einstein, den aufbauenden, aber nicht anerkennen wollen. Ich hatte k�rzlich einen ausgiebigen Briefwechsel mit einem geistvollen Vertreter des Positivismus, einen Briefwechsel, der nat�rlich zu keiner Einigung f�hrte. Zum Schlu� schrieb ich dem Kollegen: "Wenn Sie uns nicht die Exaktheit der Naturgesetze lassen, kann es zwischen uns keinen wirklichen Frieden, sondern nur eine achtungsvolle gegenseitige Duldung geben." Wir sind mit unseren letzten �u�erungen schon hin�bergeglitten von dem Gedankenkreis der urspr�nglichen, speziellen Relativit�tstheorie zu der allgemeinen, voraussichtlich endg�ltigen Theorie; jene datierend von 1905, diese von 1915. Jene lie� nur die gleichf�rmig und geradlinig bewegten Bezugssysteme als berechtigt zu, diese erkennt jeden Standpunkt an und verwendet grunds�tzlich alle m�glichen Bezugssysteme zur Beschreibung der physikalischen Erscheinungen, also beliebig gedrehte und beschleunigte Bezugssysteme, ver�nderliche Ma�st�be und beliebig laufende Uhren. Sie behauptet, da� die Naturgesetze ihre Form beibehalten auch bei so allgemeiner Beschreibung, wenn wir nur von Anfang an den richtigen, hinreichend verallgemeinerten mathematischen Ausdruck der Naturgesetze w�hlen. Ein wichtiger Schritt auf dem Wege zu dieser allgemeinsten Auswirkung des Relativit�tsgedankens war M i n k o w s k i s vierdimensionale Zusammenfassung von Raum und Zeit. Die Zeit hat eine Ausdehnung, der Raum drei; beide zusammen haben vier Dimensionen, das hei�t: zur Fixierung eines Raumzeitpunktes, zur Beschreibung eines Ereignisses in Raum und Zeit sind vier unabh�ngige Zahlen erforderlich, von denen drei die r�umliche, eine die zeitliche Lage angeben. Minkowski spricht von der v i e r d i m e n s i o n a l e n W e l t als der Zusammenfassung von Raum und Zeit. Es lassen sich auf diese vierdimensionale Welt die Gesetze der gew�hnlichen dreidimensionalen Geometrie �bertragen, teils in zeichnerischer, teils und besonders erfolgreich in rechnerischer Verallgemeinerung. Ich kann von Ihnen nicht verlangen, da� Sie sich eine vierdimensionale Welt vorstellen sollen. Denn ich kann es selbst nicht. Aber wir k�nnen uns leicht eine zweidimensionale Welt vorstellen. Nehmen Sie einmal an, da� Sie als denkendes Wesen mit all Ihren Erfahrungen und Sinnen in eine Ebene gebannt w�ren. Dann g�be es f�r Sie kein Oben und Unten, sondern nur ein Nebeneinander. In dieser ebenen Welt k�nnen sich Lichterregungen als Kreise, wie die Wellen auf einer Wasseroberfl�che, fortpflanzen. Sie k�nnen in der Ebene Erfahrungen sammeln und sich eine Geometrie aufbauen, die E u k l i d i s c h e G e o m e t r i e der Ebene, wie wir sie in der Schule gelernt haben. Aber Sie k�nnen niemals zu der Vorstellung z. B. eines W�rfels gelangen. Sie k�nnen auf einer Geraden Ihrer Ebene ein Lot innerhalb der Ebene errichten, aber Sie k�nnen sich nicht anschauungsgem�� ein Lot auf der Ebene vorstellen, weil es f�r Sie nichts au�erhalb Ihrer Ebene gibt. Wenn Sie aber als Fl�chenwesen hinreichende mathematische Phantasie haben, so k�nnen Sie doch begrifflich von Ihren zwei zu drei Dimensionen fortschreiten. Sie brauchen nur statt Ihrer zwei Koordinaten in der Ebene drei Koordinaten als Rechnungsgr��en einzuf�hren und k�nnen das Lot auf der Ebene durch Gleichungen in diesen drei Koordinaten beschreiben, von denen Sie sich allerdings nur zwei richtig vorstellen k�nnen. In demselben Verh�ltnis wie diese Fl�chenwesen zur dreidimensionalen Euklidischen Raumgeometrie, stehen wir zur vierdimensionalen Weltgeometrie. Wenn wir sie uns auch nicht vorstellen k�nnen, so k�nnen wir doch in ihr denken und rechnen. Insbesondere k�nnen wir uns ebene und r�umliche Ausschnitte aus dieser Welt konstruieren, die dann wieder unserer Anschauung zug�nglich sind. Im dreidimensionalen Raum ist uns die Erscheinung der perspektivischen Verk�rzung gel�ufig. Diese Tischplatte erscheint mir von der Seite gesehen schm�ler, als von oben gesehen. (Der Positivist, dem die Empfindungen selbst das letzte und einzige sind, w�rde sogar sagen: sie ist von der Seite gesehen schm�ler als von oben gesehen.) Unter dasselbe Bild der perspektivischen Verk�rzung, wenn wir es auf die vierdimensionale Welt �bertragen, lassen sich alle die seltsamen Folgerungen bringen, die die Relativit�tstheorie gezogen hat. Ein gegen den Beobachter bewegter K�rper erscheint in der Bewegungsrichtung verk�rzt (Lorentz-Kontraktion als einfachste Erkl�rung des Michelson-Versuches). Der Zeitablauf in einem gegen den Beobachter bewegten Bezugssystem erscheint diesem Beobachter verlangsamt (Aufhebung der Gleichzeitigkeit, Verj�ngung eines unserer beiden Zwillinge vom Standpunkte des anderen). Die Masse eines K�rpers, z. B. eines Elektrons, das sich gegen den Beobachter bewegt, erscheint diesem vergr��ert, n�mlich gr��er als einem Beobachter, der auf dem bewegten K�rper selbst seine Beobachtungsger�te aufstellt und die Masse des f�r ihn ruhenden K�rpers mi�t. Dieses Gesetz von der Massenver�nderlichkeit des Elektrons wurde zum Pr�fstein der urspr�nglichen speziellen Relativit�tstheorie. Zuerst bestritten, hat es sich im Laufe der Jahre mit immer gr��erer Genauigkeit als wahr herausgestellt, am sch�rfsten in den Feinsten �u�erungen bewegter Elektronen, in den Spektren der einfachsten Atome. Seitdem darf der Vorstellungskreis der speziellen Relativit�tstheorie als experimentell gesichert gelten; seitdem haben wir uns in der vierdimensionalen Minkowskischen Welt wohnlich eingerichtet und wissen uns in ihren zum Teil paradox verzerrten Anblicken zurechtzufinden. Aber ich mu� leider noch h�here Anforderungen an Ihre Abstraktion stellen. Denn nun mu� ich Ihnen zeigen, wie Einstein die alte R�tselkraft der Gravitation in sein System eingearbeitet hat. Die Gravitation war seit Newton in der Formel des Newtonschen Gesetzes: "proportional den wirkenden Ma�en, umgekehrt proportional dem Quadrat ihrer Entfernungen" erstarrt. Dar�ber hinaus hatte sich aus unseren t�glichen Erfahrungen �ber die Erdschwere oder aus den Beobachtungen der Astronomen �ber die Gravitationswirkungen zwischen den Gestirnen nichts �ber ihre Wirkungsweise ergeben. Unter allen Kr�ften hatte sich die Gravitation allein als momentane Fernwirkung behauptet. Erst Einstein konnte ihr neue beobachtbare Seiten abgewinnen. Ich will Ihnen nicht den Weg schildern, wie Einstein nach manchen Kreuz- und Querg�ngen zum Ziel gekommen ist, sondern nur das Ziel selbst schildern, zu dem er gelangt ist. Stellen wir uns wieder auf den Standpunkt unseres Fl�chenwesens, aber versetzen wir uns diesmal nicht in eine Ebene, sondern in eine gekr�mmte Fl�che, z. B. auf eine Kugel. Wir k�nnen uns nicht aus der Kugeloberfl�che entfernen, wir k�nnen nichts au�erhalb der Kugeloberfl�che wahrnehmen, weder dringt irgendeine Kunde vom �u�ern noch vom Innern der Kugel zu uns. Es gibt auch jetzt f�r uns kein Oben und Unten, sondern nur ein Nebeneinander. Unsere Welt ist wie vorher nur zweifach ausgedehnt. Sie ist in diesem Falle �brigens nicht unendlich gro�, sondern sie schlie�t sich im Endlichen. Es gibt keine Geraden in unserer Welt, sondern nur gewisse geradeste Linien. Das sind im Falle der Kugel die gr��ten Kreise, z. B. die Meridiane von irgendeinem Pol aus, aber nicht die Parallelkreise. Sto�en wir einen Massenpunkt in der Ebene an, so l�uft er in einer geraden Linie. Sto�en wir ihn in gleicher Weise auf der Kugel an, so l�uft er, sich selbst �berlassen und von keinen �u�eren Kr�ften beeinflu�t, in einer geradesten Linie, in einem gr��ten Kreise um die Kugel herum. Die nat�rlichen kr�ftefreien Bahnen sind in der gekr�mmten Fl�che die geradesten Linien, wie sie in der nicht gekr�mmten Ebene die geraden Linien sind. Konstruieren wir uns in der Kugelfl�che eine Geometrie, so wird sie von der gew�hnlichen Euklidischen Geometrie verschieden. Auf der Kugeloberfl�che haben wir den einfachsten Fall der sogenannten Nicht-Euklidischen Geometrie. W�hrend es in der Euklidischen Geometrie bekanntlich hei�t: Die Winkelsumme im Dreieck ist gleich zwei Rechten, hei�t es in der Nicht-Euklidischen Kugelgeometrie: Die Winkelsumme im Dreieck ist gr��er als zwei Rechte. Konstruieren wir z. B. ein Dreieck aus lauter geradesten Linien auf folgende Weise: Wir gehen vom Nordpol N auf einem Meridian bis zum �quator, diesen entlang um ein Viertel seines Umfanges und abermals auf [=== Abbildung 2 -- siehe figure2.png ===] einem Meridian zum Pol zur�ck, das letzte St�ck im entgegengesetzten Sinne zu den eingezeichneten Pfeilen, auf deren Bedeutung wir sp�ter zur�ckkommen. Jeder Winkel dieses Dreiecks ist ein Rechter (in der Figur mit R bezeichnet), die Winkelsumme gleicht drei Rechten, also gr��er als zwei Rechte, wie es unser Satz von der Winkelsumme in der Nicht-Euklidischen Geometrie verlangt. Alle diese Behauptungen sind bequem durch die Anschauung zu kontrollieren. Aber nun kommt ein Schritt, zu dem eine gewisse intellektuelle Unerschrockenheit geh�rt. Unser Fl�chenwesen soll sich im Anschlu� an seine Kugelfl�che begrifflich einen dreifach ausgedehnten Raum konstruieren, der dieselben Eigenschaften hat wie seine Kugelfl�che, in dem z. B. der Nicht-Euklidische Satz von der Winkelsumme allgemein gilt, und in dem alle geradesten Linien in sich zur�cklaufen, also keine geraden Linien sind. Einen solchen "gekr�mmten Raum" k�nnen wir uns nicht vorstellen; und doch m�ssen wir uns begrifflich und rechnerisch in ihm orientieren. Und mehr noch, wir m�ssen zu einer gekr�mmten v i e r d i m e n s i o n a l e n W e l t fortschreiten und nicht nur zu einer gleichm��ig, nach Art der Kugel gekr�mmten Welt, sondern zu einer Welt von w e c h s e l n d e n K r � m m u n g s v e r h � l t n i s s e n. Was hat nun dieser seltsame geometrische Vorstellungskreis mit der Gravitationstheorie zu tun? Gehen wir zun�chst nochmals der besseren �bersicht wegen in unsere flache, nur zweifach ausgedehnte Welt zur�ck. Die Fl�che sei zwar im allgemeinen und ungef�hren eben, also nicht gekr�mmt; sie habe aber Buckel, gekr�mmte Ausw�lbungen an solchen Stellen, wo sich Massen befinden. Jede Materie ist Sitz mannigfacher Energieformen, chemischer und physikalischer Energien, welche in der Bindung der Atome untereinander und in dem Aufbau der Atome stecken. Statt Materie k�nnen wir daher auch allgemeine Energie im weitesten Sinne des Wortes sagen. �berall, wo sich physikalische Ereignisse abspielen und daher Energie lokalisiert ist, insbesondere in den Stellen st�rkster Energiekonzentration, der greifbaren Materie, soll unsere flache Welt ausgew�lbt sein, mehr oder minder, je nachdem wir es mit gr��erer oder geringerer Energiekonzentration zu tun haben. Betrachten wir insbesondere zwei solcher Buckel: einen von �berwiegender W�lbung, den wir Sonne nennen, und einen kleinen Buckel, den wir Planet nennen. Wir geben letzterem einen Ansto� und lassen ihn durch unsere Welt laufen. W�re der Sonnenbuckel nicht da und alles eben, so w�rde sich unser Planet auf gerader Bahn bewegen. Das Vorhandensein des Sonnenbuckels hat zur Folge, da� er sich statt dessen auf einer geradesten Bahn bewegt. Diese weicht von der Geraden um so mehr ab, je n�her der Planet an die Sonne herankommt. Sie sehen hiernach bereits, wie sich dieses zweidimensionale Gleichnis zur Gravitationstheorie verh�lt. An den Stellen gro�er Energiekonzentration ist die Raumzeitstrukur eine singul�re, gekr�mmte. die geradesten Bahnen in der N�he solcher Stellen weichen weit ab von den geraden Bahnen; sie verhalten sich ann�hernd so, wie wir es aus der alten Gravitationstheorie her wissen, als Keplerellipsen. Dabei haben wir nicht n�tig, eine besondere Gravitationskraft einzuf�hren. Bahnen, die lediglich unter dem Einflu� der Gravitation durchlaufen werden, sind kr�ftefreie, geradeste Bahnen; ihre Kr�mmung spiegelt nur die durch die Energieanh�ufung bewirkte Weltkr�mmung wider. Der Ausgangspunkt der Relativit�tstheorie bleibt dabei durchaus erhalten. Raum und Zeit sind an sich nichts. Sie erhalten ihre Eigenschaften, ihre Struktur erst durch die in ihnen enthaltenen physikalischen Energien aufgepr�gt. [=== Abbildung 3 -- siehe figure3.png ===] Die Bahnen sind nach dieser Gravitationstheorie angen�hert Keplerbahnen, aber nicht genau. Das Newtonsche Gesetz ergibt sich nur in erster N�herung; bei genauerer Rechnung treten Abweichungen auf. Die Ellipse ist keine geschlossene, sondern eine langsam sich drehende, eine solche von fortschreitendem Perihel. (Perihel hei�t bekanntlich der Punkt gr��ter Sonnenn�he auf der Planetenbahn.) Die Figur zeigt in sehr �bertriebenem Ma�stabe diesen Perihelfortschritt. Er ist um so st�rker zu erwarten, je n�her der Planet der Sonne kommt, also beim Merkur, dem sonnenn�chsten der Planeten am st�rksten. Nach den Beobachtungen und Rechnungen der Astronomen tritt nun in der Tat beim Merkur eine Perihelbewegung auf, die sich nach der Newtonschen Theorie nicht erkl�ren l��t. Sie betr�gt hier 43 Bogensekunden im Jahrhundert; das will sagen, da� erst nach 30 000 Jahrhunderten die Merkurbahn in ihre Anfangslage zur�ckgekehrt erscheint. Bei den sonnenferneren Planeten, z. B. bei der Erde, ist das Fortschreiten des Perihels dagegen unme�bar klein. Gerade diesen Wert von 43 Sekunden im Jahrhundert ergab nun die Einsteinsche Rechnung auf Grund seiner neuen Auffassung der Gravitation. Man beachte wohl: der Einsteinsche Gedankengang nahm seinen Ausgang von erkenntnistheoretischen Forderungen, hatte nirgends eine Unbestimmtheit oder L�cke, wu�te von Hause aus nichts vom Merkurperihel und f�hrte doch zwangl�ufig auf den astronomischen Beobachtungswert. Ich darf nicht verschweigen, da� eine kritische �berpr�fung der astronomischen Angabe von 43 Sekunden, die Herr Kollege Gro�mann k�rzlich durchgef�hrt hat, diesen Wert unsicherer erscheinen l��t, als die Astronomen bisher annahmen. Der wahrscheinlichste Wert liegt nach Herrn Gro�mann etwas tiefer als 43 Sekunden. Bis die Astronomen sich hier�ber geeinigt haben werden, kann man also nur sagen, da� die neue Gravitationstheorie jedenfalls die Gr��enordnung der Merkur-Perihelbewegung richtig wiedergibt. [=== Abbildung 4 -- siehe figure4.png ===] Wir kehren zu unserem Bilde des Sonnenbuckels in der zweidimensionalen flachen Welt zur�ck. Statt eines Planeten jagen wir jetzt einen Lichtstrahl an der Sonne vorbei. Auch dieser l�uft auf einer geradesten Bahn; bei fehlender Weltkr�mmung w�rde er eine gerade Bahn beschreiben. Auch hier wirkt, wie bei dem Planeten, die Kr�mmung des Raums in der Sonnenn�he so, als ob eine Anziehung von der Sonne auf den Lichtstrahl ausge�bt w�rde, als ob der Lichtstrahl nach der Sonne hin fiele. Man denke an die analogen, aber im Grunde doch wesensverschiedenen Verh�ltnisse bei der atmosph�rischen Strahlenbrechung, wo sich der Lichtstrahl in der Erdatmosph�re ebenfalls kr�mmt. Was wir hier zu erwarten haben, zeigt die n�chste Figur. Der Stern A, der sein Licht hart an der Sonne vorbeischickt, erscheint dem Erdbeobachter nicht in A, sondern wegen der gekr�mmten Form des Lichtweges in der Verl�ngerung des Strahlenendes, d. h. an der Stelle B des Himmelsgew�lbes. Sonnennahe Sterne zeigen also eine scheinbare Ablenkung vom Sonnenrande fort. Nat�rlich l��t sich diese Ablenkung nur bei einer t o t a l e n S o n n e n f i n s t e r n i s beobachten, weil sonst das Sternlicht vom Sonnenlicht �berstrahlt wird. [=== Abbildung 5 -- siehe figure5.png ===] Am 29. Mai 1919 fand eine Sonnenfinsternis statt, die in Brasilien total war. Deutschland war von ihrer Beobachtung ausgesperrt, England r�stete zwei Expeditionen aus. Die Ergebnisse sind mir zugeschickt worden. Die Konstellation war besonders g�nstig, weil 7 verh�ltnism��ig helle Sterne in Sonnenn�he standen. Unser Bild in Figur 5 stellt die verdunkelte Sonne mit ihrem leuchtenden Strahlenkranze, der Korona, dar. Die 7 Sterne sind durch kleine Kreise markiert. Von den Sternen aus sind die Ablenkungen als gerade Strecken aufgetragen, wie sie theoretisch nach Einstein sich errechnen; sie verlaufen in radialer Richtung und sind f�r die sonnenn�heren Sterne gr��er als f�r die sonnenferneren. Der Ma�stab ist dabei viele tausendmal �bertrieben. Am Sonnenrande ist die theoretische Ablenkung nur 1,7 Bogensekunden, d. h. so klein, da� wir sie in unserem Bilde gar nicht einzeichnen k�nnen; im doppelten Abstande von der Sonnenmitte ist die Ablenkung noch halbmal kleiner. In demselben �bertriebenen Ma�stab sind nun auch die beobachteten Ablenkungen als Striche mit einer Pfeilspitze eingetragen. Die wirklichen Ablenkungen auf der photographischen Platte sind nur unter dem Mikroskop auszumessen und �berhaupt nur indirekt festzustellen. Au�er der Sonnenfinsternisaufnahme selbst wurde eine Aufnahme einige Wochen nach der Sonnenfinsternis gemacht, zu einer Zeit, wo sich die Sonne aus der fraglichen Gegend des Fixsternhimmels entfernt hatte. �berdies wurde eine dritte Vergleichsplatte aufgenommen, die in das photographierende Fernrohr verkehrt, d. h. mit der Glasseite nach au�en, mit der Schichtseite nach innen eingelegt war. Diese Vergleichsplatte konnte dann mit den beiden Bebachtungsplatten, der bei der Sonnenfinsternis und der nach derselben aufgenommenen, Schicht auf Schicht zur Deckung gebracht werden. Die Ablenkungen der Sterne sind durch dieses indirekte Verfahren unter dem Mikroskop ausgemessen und nach dem Ausgleichsverfahren rechnerisch ermittelt worden. Wie unsere Figur zeigt, stimmen die so gewonnenen empirischen Ablenkungen aufs �berraschendste mit den theoretischen �berein. Sie zeigen nicht nur, wie diese ann�hernd die radiale Richtung vom Sonnenmittelpunkte nach au�en hin (was zum Teil durch das angewandte Ausgleichsverfahren bewirkt wird, also noch nicht ohne weiteres beweisend w�re), sondern sie zeigen auch durchweg fast dieselbe Gr��e und die von der Theorie geforderte Gr��enabnahme bei zunehmender Entfernung des Sterns von der Sonne. [=== Abbildung 6 -- siehe figure6.png ===] Dies wird besonders �berzeugend im n�chsten Bilde dargetan, welches dem englischen Originalbericht entnommen ist. Nach oben hin sind die Sternablenkungen, nach rechts hin die reziproken Abst�nde vom Sonnenmittelpunkte aufgetragen, mit denen die theoretischen Ablenkungen proportional gehen. Die Abnahme der Ablenkung mit zunehmender Entfernung von der Sonne wird theoretisch durch die stark ausgezogene Gerade dargestellt. Die wirklichen Beobachtungspunkte (durch starke Punkte wiedergegeben) liegen dieser Geraden �u�erst nahe, viel n�her als der punktierten Geraden, welche nach einer �lteren, nicht konsequenten Theorie Einsteins die Sternablenkung darstellen w�rde. Man wende nicht ein, da� die Ablenkung des Sternortes durch die Sonnenatmosph�re bewirkt sein k�nnte. In so gro�en Entfernungen, wie sie hier in Frage kommen, ist die Sonnenatmosph�re einfach belanglos. Die astronomischen Sachkundigen sind sich dar�ber einig, da� die Beweiskraft der englischen Sonnenfinsternisaufnahmen b�ndig ist. Das Ziel jeder Wissenschaft ist, nach einem sch�nen Worte des Mathematikers Jacobi, die Ehre des menschlichen Geistes. Der 29. Mai 1919 wird f�r alle Zeiten ein Ehrentag des menschlichen Geistes bleiben. Neben dem Merkurperihel und den Sonnenfinsternisbeobachtungen gibt es noch ein drittes Kriterium f�r die Einsteinsche Gravitationstheorie: die Rotverschiebung von Spektrallinien, die auf der Sonne entstehen, gegen�ber den Spektrallinien des gleichen Stoffes, wenn sie unter irdischen Verh�ltnissen hervorgerufen werden. Man kennt, seitdem es eine Astrophysik gibt, die Erscheinung des sogenannten Dopplereffektes. Sie besteht in der Verschiebung eines Spektrums nach der roten Seite hin bei Sternen, die sich von der Erde entfernen, in einer Verschiebung nach der violetten Seite bei Sternen, die auf die Erde zukommen. Die Gr��e dieser Verschiebung entspricht der Geschwindigkeit, mit der sich der betreffende Stern von uns fort oder auf uns zu bewegt. Man pflegt daher auch die von Einstein vorhergesagte Rotverschiebung im Sonnenspektrum durch eine Geschwindigkeit zu charakterisieren, die im Dopplereffekt dieselbe Rotverschiebung bewirken w�rde, und zwar betr�gt diese Geschwindigkeit 0,6 Kilometer in der Sekunde. �ber den physikalischen Grund dieser Rotverschiebung sei hier nur soviel gesagt, da� er nat�rlich nicht wie der gew�hnliche Dopplereffekt in einer relativen Bewegung der Sonne gegen die Erde, sondern in dem Gravitationsfelde der Sonne liegt. Dieses ist au�erordentlich viel st�rker als das Schwerefeld der Erde. Die Rotverschiebung entspricht direkt dem Unterschied der Schwere an der Sonnenoberfl�che und Erdoberfl�che. [=== Abbildung 7 -- siehe figure7.png ===] Das geeignetste Versuchsobjekt zur Pr�fung dieses Effektes bilden Linien der sogenannten Zyanbanden. Merkw�rdigerweise konnten die mit den besten Hilfsmitteln ausgestatteten amerikanischen Sternwarten keine systematische Verschiebung dieser Linien nach der roten Seite nachweisen. Die Bonner Physiker Grebe und Bachem haben aber erst gezeigt, mit welcher Vorsicht man beim Vergleich der Sonnenlinien und der Linien aus irdischen Lichtquellen vorgehen mu�, um sichere Resultate zu erhalten. Beide Spektren enthalten nicht nur die in Rede stehenden Zyanlinien, sondern daneben ein Gewirr von Linien anderen Ursprungs, die sich jenen �berlagern. Photometriert man ein solches Spektrum, d. h. stellt man die Lichtintensit�t in ihrer Abh�ngigkeit von der Wellenl�nge durch ein Schaubild dar, so entsteht eine Zackenkurve nach Art eines Gebirgskammes. Nur solche Linien sind einwandfrei, die im Schaubild durch eine isolierte Zacke dargestellt werden; wenn eine Erhebung fremden Ursprungs in der N�he liegt, f�lscht sie die Lage der Hauptzacke und macht sie zur Untersuchung der Rotverschiebung ungeeignet. Bei diesem kritischen Vorgehen erwiesen sich von 36 gemessenen Zyanlinien nur 9 als unverd�chtig und brauchbar. Nach R. T. Birge ist die Auswahl sogar noch weiter zu beschr�nken auf zwei von diesen Linien. Und siehe da: Wenn alle verd�chtigen Linien ausgeschaltet und nur die 9 bzw. 2 tadellosen benutzt werden, so ergibt sich der richtige Betrag der Rotverschiebung, wie er von Einstein vorhergesagt wurde, n�mlich rund 0,6 Kilometer in der Sekunde. [=== Abbildung 8 -- siehe figure8.png ===] Ich m�chte noch ein letztes Beispiel zur Sprache bringen, welches zwar nicht als Pr�fstein der Einsteinschen Gravitationstheorie, wohl aber als Mittel zu ihrer Veranschaulichung wertvoll ist. Wir wissen, da� ein Kreisel, der aufgezogen ist und keinen �u�eren Kr�ften unterliegt, bestrebt ist, seine Richtung im Raume beizubehalten. Unsere Erde ist ein solcher Kreisel von gewaltigen Ausmessungen. Freischwebend im Raum w�rde er die Richtung seiner Drehachse nicht �ndern. In Wirklichkeit beschreibt die Erdachse in langsamstem Tempo einen Kegel um die Normale zur Erdbahnebene (Ekliptik). Figur 8 zeigt die Erde mit eingezeichneter Erdachse in ihrem Umlauf um die Sonne und deutet in ihrer Stellung am weitesten rechts den Kegel an, den die Erdachse im Verlauf vieler Uml�ufe beschreibt. Der Kegel wird erst in 26 000 Jahren vollst�ndig durchlaufen, in jedem Jahr betr�gt die Winkelverlagerung 50 Sekunden (Pr�zession der �quinoktien). Nach der gew�hnlichen Auffassung r�hrt diese Verlagerung der Erdachse von der Anziehung der Sonne auf den am �quator wulstf�rmig aufgetriebenen Erdk�rper her, also daher, da� die Erde kein kr�ftefreier, sondern ein von der Sonnengravitation beeinflu�ter Kreisel ist. In der Einsteinschen Theorie aber ist die Gravitation keine �u�ere Kraft; die Gravitationsbahnen der fortschreitenden sowohl wie der drehenen Erdbewegung verlaufen kr�ftefrei als geradeste Bahnen im gekr�mmten Raume; die Erdachse sollte also im Schwerfelde sich selbst parallel bleiben. Was aber hei�t: sich selbst parallel bleiben im Nicht-Euklidischen Sinne, bei gekr�mmter Raumstruktur? Wir ziehen nochmals unsere Figur 2 zu Rate. Wir gehen jetzt vom Nordpol aus zun�chst auf unserem ersten Meridian �quatorw�rts und halten dabei stets einen geraden Stab vor uns hin. Zweifellos bleibt er bei dieser Wanderung sich selbst parallel, da er dabei ja dauernd in die Richtung einer geradesten Bahn, in den Meridian, weist. Im �quator angelangt, steht er senkrecht zu diesem. Soll er sich selbst parallel bleiben, so mu� er dauernd senkrecht zum �quator gehalten werden, solange wir den �quator abschreiten. Gehen wir auf dem zweiten Meridian zum Pole zur�ck, so bleibt unser Stab wieder sich selbst parallel, wenn er dauernd die Richtung dieses Meridians einh�lt. Kommen wir in den Pol zur�ck, so hat sich, wie unsere Figur zeigt, unser Stab um einen rechten Winkel gedreht, trotzdem er dauernd mit sich parallel war! Nehmen wir statt des Stabes einen Kreisel zur Hand, so stellt sich dessen Drehachse selbst so ein, wie wir soeben die Stabachse richteten; es gilt also f�r den Kreisel das gleiche wie f�r unseren Stab: Trotzdem er mit sich parallel bleibt, schlie�t er nach beendetem Umgang einen Winkel gegen seine Anfangslage ein. Der Grund liegt in der Kr�mmung der Kugelfl�che. Bei einem Umgang in der Ebene, das hei�t: wenn wir ein ebenes Dreieck mit einem Kreisel in der Hand umschreiten, w�rde von einer Winkelverlagerung des Kreisels keine Rede sein. Die Anwendung auf das Problem der Erdachse ist unmittelbar einleuchtend. Dem Umgang um das Kugeldreieck entspricht bei der Erde ihr j�hrlicher Umgang um die Sonne, der Kugelkr�mmung die von der Sonne bewirkte gekr�mmte Raum-Zeit-Struktur. Indem die Erdachse nach einem Umgang um die Sonne in den Fr�hlings-Tagundnachtgleichenpunkt zur�ckkehrt, schlie�t sie einen Winkel mit sich ein. Dieser betr�gt zwar nicht, wie in unserem Beispiel, einen Rechten, sondern nur 50 Sekunden, hat aber dieselbe Bedeutung wie jener, er zeigt uns n�mlich an, da� der umlaufene Fl�cheninhalt der Erdbahn nicht eben, sondern gekr�mmt war. Man sieht, wie sch�n und einfach sich die �ltere Auffassung, nach der die Gravitation als �u�ere Kraft wirkt, in die neuere Auffassung umsetzt, nach der sie sich nur auf dem Wege �ber die Verkr�mmung der Welt �u�ert. Beide Auffassungen sind im Ergebnis gleich; nur insofern, als die neue Auffassung eine Korrektion am Newtonschen Anziehungsgesetz mit sich bringt, eine Korrektion, die sich z. B. in der Perihelbewegung des Merkur �u�erte, wird auch die nach Einstein berechnete Winkelverlagerung der Erdachse bei ihrem j�hrlichen Umgang um die Sonne ein wenig verschieden von der nach Newton berechneten ausfallen. Doch betrifft diese Verschiedenheit nur die h�heren Dezimalen der angegebenen Zahl von 50 Sekunden. Als Kriterium f�r oder wider Einsteins Gravitationstheorie wird also diese Erscheinung nicht dienen k�nnen, insbesondere deshalb nicht, weil zu ihrer praktischen Verwertung eine anderweitige Kenntnis der Mondmasse erforderlich w�re. Hiernach kehren wir von Sonne, Mond und Sternen zu unserem Standpunkt auf der rotierenden Erde zur�ck. Nach unserem Relativit�tsglauben ist jeder Standpunkt berechtigt, auch derjenige auf einem rotierenden Bewegungssystem. Die Naturgesetze gelten f�r diesen Standpunkt ebenso wie f�r jeden anderen, wenn wir sie nur hinreichend allgemeing�ltig gefa�t haben. Ja, es entsteht die Frage: Was hei�t �berhaupt rotieren? Hat es einen Sinn, von der rotierenden Erde zu reden, wenn Sonne und Fixsterne nicht da W�ren, an denen wir die Rotation der Erde doch erst wahrnehmen k�nnen? W�rde es nicht wieder einen absoluten Raum oder einen �ther voraussetzen, gegen den die Drehung gedacht wird, wenn wir von der Erddrehung schlechtweg, ohne Beziehung zum Sternhimmel, sprechen wollten? Wie aber steht es dann mit den Folgen der Erddrehung, den Fliehkr�ften, die wir bei der Drehung des Foucaultschen Pendels oder die wir in der Abplattung der Erde beobachten? Wenn die Erddrehung nur relativ zu den Gestirnen gedacht werden kann, nur durch Vorhandensein �u�erer Massen erm�glicht wird, so k�nnen auch die Fliehkr�fte der Erddrehung ihre Existenz nur dem Vorhandensein der Gestirne verdanken, sie m�ssen als Wechselwirkungen zwischen diesen und den Massen der Erde aufgefa�t werden. Bis zu diesem fundamentalen Schlu� war Mach gekommen. Durch ihn hat er Einstein den Weg bereitet. Mach stellte eine Frage und Einstein beantwortete sie. Er beantwortete sie zugleich mit seiner Antwort auf die R�tselfrage der Gravitation. Die Gravitation erwies sich als eine Scheinkraft, de ihren Grund in der Raumstruktur hat. Auch die Fliehkr�fte sind Scheinkr�fte oder Tr�gheitskr�fte, die nach Newton ihren Grund in dem absoluten Charakter der Rotation haben w�rden. D i e s e n Grund k�nnen wir nicht gelten lassen. Aber stellen wir uns auf den Standpunkt des gedrehten Bezugssystems. Wenn �u�ere Massen und Geschehnisse vorhanden sind, die an der Drehung nicht teilnehmen, so wandern diese gegen das Bezugssystem. Da sie ihrerseits eine Verzerrung der Raumstruktur bedingen, de mit ihnen uml�uft, erscheint die Raumkr�mmung vom gedrehten System aus anders als ohne Drehung. Diese vom Standpunkt abh�ngige �nderung der Raumkr�mmung bedingt Scheinkr�fte, die wir mit der Gravitation auf eine Stufe stellen k�nnen. Diese Scheinkr�fte sind die Fliehkr�fte der Erdumdrehung. W�ren aber Massen und Geschehnisse au�erhalb der Erde nicht vorhanden, so k�nnten Fliehkr�fte nicht auftreten; die im Raum isolierte Erde k�nnte sich, physikalisch gesprochen, nicht drehen, das hei�t: sie k�nnte keine beobachtbaren Anzeichen ihrer Umdrehung verraten. Die Wesensgleichheit von Schwerkr�ften und Tr�gheitskr�ften, auf die wir so gef�hrt worden sind, findet ihre �berzeugende Best�tigung in der Gleichheit von schwerer und tr�ger Masse. Vor hundert Jahren durch Bessels Pendelbeobachtungen bewiesen, hat diese Identit�t zweier scheinbar verschieden definierter Gr��en viel zu wenig Beachtung gefunden. Erst jetzt sind uns die Augen ge�ffnet, sie richtig zu sehen und sie in Zusammenhang zu bringen mit der Erneuerung unserer Zeit-Raum-Auffassung und mit der Vertiefung aller Naturgesetze. -- Was w�rde nun unser Pfarrer von Ufenau zu dieser Wendung der Dinge sagen, wenn sie ihm ein fahrender Sch�ler des zwanzigsten Jahrhunderts anvertrauen w�rde? W�rde er glauben, da� Herr K�pernick umsonst gewacht hat? Sicherlich nicht. Der Wechsel des Standpunktes, den Kopernikus vornahm, war der erste Schritt zur Wahrheit. Der Erdstandpunkt des Ptolem�ischen Systems mu�te zuerst einmal aufgegeben und durch den Sonnenstandpunkt des Kopernikanischen ersetzt werden. Indem Kopernikus Sonne und Fixsterne stillstehen und die Erde wandern hie�, erhielt er ein vereinfachtes Weltbild. Die Raumkr�mmung wird von diesem Standpunkt aus so gering wie m�glich, der Raum erscheint so euklidisch, als es nach Lage der Sache sein kann. Deshalb wird der Kopernikanische Standpunkt f�r alle Zeiten dem rechnenden Astronomen und dem beobachtenden Erdbewohner die besten Dienste leisten. Aber dieser Standpunkt ist nicht mehr der einzig m�gliche. Es ist zwar sehr unpraktisch, aber nicht mehr falsch zu sagen: Die Erde ruht und die Sonne wandert. -- Dar�ber hinaus sehen wir mit E i n st e i n den wahren und endg�ltigen Standpunkt darin: alle Standpunkte souver�n zu umfassen, je nach der besonderen Aufgabe den Standpunkt besonders zu w�hlen und zu der �berzeugung vorzudtingen: Die Natur ist, unabh�ngig von dem wechselnden menschlichen Standpunkte, immer gleich gro� und gleich gesetzm��ig. GEGENWARTSFRAGEN DES DEUTSCHEN WIRTSCHAFTSLEBENS VON UNIVERSIT�TSPROFESSOR DR. GOETZ BRIEFS (W�RZBURG) Anmerkung: Der Aufsatz wurde Ende August 1921 abgeschlossen. G.B. Wer dieses Thema liest, m�chte leicht geneigt sein, es umzu�ndern in: die Fraglichkeit des deutschen Wirtschaftslebens. Und wer sich mit dem vollen Ernst dieser Fraglichkeit erf�llt hat und sieht, welche Zusammenh�nge heute von der Wirtschaft in alle anderen deutschen Lebens gebiete bis in die Kultur, in die politische Freiheit und das Volksleben ausstrahlen, m�chte wohl von der Fraglichkeit des deutschen Lebens im ganzen sprechen und die d�stersten Zukunftsbef�rchtungen daran anschlie�en. Zu j�h ist f�r uns alle dieser Titanensturz, den Volk und Reich seit jenen tragischen Juli- und Augusttagen 1914 erlebt haben. Wir sind wie bet�ubt vom Sturz. Wir wissen nur eines: Nicht am Boden liegen bleiben! Sonst ist Ehre, Reich und Volk auf immer verloren. Wo standen wir? Wo stehen wir? Das sind die festen Punkte, an denen wir Richtung nehmen, um uns zun�chst einmal mit der vollen Schwere dessen zu erf�llen, was geschehen ist, und um an ihnen zu ermessen, was nun geschehen soll. Wo standen wir? Wir j�ngere Generation kennen aus eigenem Erlebnis der Vorkriegszeit nur das starke, stolze Reich, das im Inneren Einigung und Bl�te, nach au�en schimmernde Wehr und hohe Geltung besa�. Die Reibungen unseres innerpolitischen und wirtschaftlich-sozialen Lebens schienen uns Wachstumsschmerzen, die keinen verschonen, aber mit denen man fertig wird. Unsere Weltgeltung stand auf der St�rke einer gewaltigen Kriegsmacht und einer Wirtschaftsmaschine von unerh�rter Leistungsf�higkeit, aber auch auf sozialen Kulturtaten und geistigen Leistungen, die vorbildlich waren. Mit diesen Eindr�cken von Macht, Gr��e und Reichtum erf�llte sich unsere Seele. Wer von uns drau�en war, sah auf allen Meeren, in allen L�ndern die Zeichen eines aufstrebenden, gewerbeflei�igen, "in allen K�nsten und Hantierungen geschickten" Volkes, das im Herzen Europas sa� und von dort aus das Reich seines wirtschaftlichen und technischen Unternehmungsgeistes aufbaute. Das war das Deutschland der j�ngsten Vorkriegsgeneration. Ihre V�ter und Gro�v�ter noch hatten das andere alte Deutschland gekannt, jenes Deutschland, das weltpolitisch und weltwirtschaftlich nicht viel mehr als ein geographischer Begriff, "Provinz" war; jenes Deutschland, dessen Getreideausfuhr der Londoner Produktenb�rse den Namen "Baltic" gab, jenes b�uerlich-handwerkerliche Deutschland, das oft genug auslaufende fremde Schiffe mit Sand als Ballast befrachten mu�te, weil ihm Waren zur Ausfuhr fehlten, jenes Deutschland, dessen Vorstellung f�r Gladstone noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts verbunden war mit �rmlichkeit, Spie�b�rgertum, viel Milit�r und einem B�ndel von Kleinstaaten. Und greift man nun zur�ck auf die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, dann taucht man in die schwere Luft eines kontinentalen b�uerlich-handwerkerlichen Volkstums ein, das politisch nicht zu eigener Form kam, dessen Ohnmacht im Konzert der V�lker mit seiner Zersplitterung wetteiferte, und das im ganzen mehr Objekt als Subjekt der hohen Politik war. Wenn in jenen Zeiten der deutsche Name in fremden Landen respektvoll genannt wurde, dann war es um der Werte des G e i s t e s willen. Wer von den gro�en Geistern unserer klassischen Zeit war Prophet und Seher genug, vorauszuschauen, was aus diesem Volke im Laufe zweier oder dreier knapper Generationen werden sollte! Wer von ihnen h o f f t e auch nur auf jene Wendungen in unserem Geschick, die wir als Volk bald nahmen? Dem Briten die See, dem Franzosen das Land, dem Deutschen das Reich des Geistes: das war jene nicht etwa schmerzvoll den Tatsachen entnommene, sondern aus innerstem Bewu�tsein gewertete Teilung der Erde, die Schiller in einem seiner Gedichte vor Augen hat. Freilich: das konnte der Dichter wohl nicht ahnen, da� das "Luftreich der Gedanken" der Boden sein werde, auf dem der beispiellose deutsche Aufstieg in der zweiten H�lfte des 19. Jahrhunderts reifen w�rde. Man m�ge in dem trefflichen Buche: "Die deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert" selbst nachlesen, was Sombart mit gro�er Meisterschaft der Darstellung zu erz�hlen wei� von dem Leben der dritten Generation vor uns, von ihrem Schaffen und M�hen, von der Kleinheit -- und so schien uns wenigstens in den reichen Tagen der Vorkriegszeit -- �rmlichkeit dieses Lebens! "Eine an D�rftigkeit grenzende Einfachheit" allerorten, in Wirtschaft und Staat, im privaten Leben und in der Gesellschaft! Beengt, klein, d�rftig blieb im ganzen genommen das Dasein unseres Volkes bis in hohe Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Gewi�, es kamen schon st�rkere Impulse; im Westen und S�den regte sich industrielles Leben, das in Friedrich List den genialen Anwalt seiner Bedeutung f�r das ganze Volkstum fand. Aber der eigentliche Aufmarsch der deutschen Wirtschaft zu jener St�rke und Geltung, in deren Bewu�tsein wir aufgewachsen sind, liegt sehr erheblich sp�ter. Noch in den sechziger Jahren hatten wir eine st�rkere Getreideausfuhr als Einfuhr; erst 1873 verschwand der letzte Getreideausfuhr�berschu�, der Weizen�berschu�. Es war damals noch nicht die Konkurrenzunf�higkeit der deutschen Landwirtschaft die Ursache der Einfuhr�bersch�sse bei Getreide, sondern die verst�rkte Hinwendung der Landwirtschaft zum Kartoffel-, Futtermittel- und R�benbau. Aber diese Wendung leitete eine wirtschaftliche Umw�lzung ein: an der Zuckerr�be wurde eine der ersten und bl�hendsten deutschen Industrien wach, auf den Kartoffelb�den des Ostens entstand eine landwirtschaftliche Nebenindustrie (Brennereien und St�rkefabriken) von gro�er Bedeutung. Im Westen und S�den entwickelte sich im Anschlu� an eine alte Tradition des Gewerbeflei�es eine Industrie der Textilien, des Eisens und der Kohle; sie hatte jahrzehntelang einen schweren Stand gegen�ber der hochentwickelten englischen Industrie wie auch gegen�ber dem franz�sischen und belgischen Wettbewerb, der teilweise mit Ausfuhrpr�mien arbeitete. Aufschwungsimpulse von gr��ter Bedeutung waren die Reichseinigung, die Kriegsentsch�digung von 1870 und das gehobene Nationalgef�hl, das nach dem glorreichen Kriege durch das deutsche Volk ging. Die Bev�lkerung wuchs von Jahrzehnt zu Jahrzehnt in starken Rhythmen, das industrielle Leben entfaltete sich, wenn auch �ber Wellent�ler von Depressionen weg, so doch im ganzen stark und nachhaltig; die Schutzzollgesetzgebung von 1879 kr�ftigte jenes Doppelfundament der deutschen Wirtschaft, Industrie und Landwirtschaft gegen die vom Weltmarkt her drohenden Ersch�tterungen. Wenn schon in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die deutsche Industrie- und Reichtumsentfaltung den ausl�ndischen Beobachtern so �berraschend -- und gestehen wir auch das, in mancher Hinsicht �berst�rzt und gewaltsam -- vorkam, so waren das nur Auftakte zu jener ungeheuren, fast m�chte man sagen: elementaren Expansion, die mit dem neuen Jahrhundert einsetzte. Drei Z�ge kennzeichnen diesen neuen Abschnitt der deutschen Wirtschaftsentfaltung: das Aufschie�en von Riesenbetrieben, zumal in der Kohlen- und Eisenindustrie, in der chemischen und Elektrizit�tsindustrie; weiterhin der Organisationsproze� der deutschen Wirtschaft in Gestalt von Betriebskombinationen, Kartellen, Syndikaten, Interessengemeinschaften usw.; und drittens das Vordringen der wissenschaftlich fundierten Industriewirtschaft, mit anderen Worten: der wirtschaftlichen Auswertung naturwissenschaftlicher Forschungen einerseits, andererseits des Aufbaues von Betrieben und Unternehmungen nach Methoden, die wissenschaftlich auf ihre h�chste Zweckm��igkeit ausgekl�gelt sind. W�hrend Gro�betriebe, Kartelle und Truste Ergebnisse von Tendenzen sind, die alle moderne Wirtschaft in fast allen L�ndern kennzeichnen, ist der Weg zur Wirtschaft �ber die Wissenschaft ein spezifisch deutscher Weg gewesen; seine geistigen und sittlichen Voraussetzungen lagen nur hier in der St�rke und Reinheit vor, die n�tig waren, ihn zu beschreiten und zu erobern. Jedenfalls ist das Schrittma� der deutschen Wirtschaftsentwicklung unter dem Antrieb jener neuen Organisationsformen und Produktionsmethoden so schnell, da� in seinem Gefolge schwerwiegende Erscheinungen im Inneren des deutschen Volksk�rpers auftauchten. Noch schwerer wiegende nach au�en! Ein wachsendes Volk auf schmaler Rohstoffbasis! Was das wachsende Volk an Nahrung und Kleidung brauchte, konnte der deutsche Boden allein nicht hergeben; die Einfuhr mu�te �ber eine Million Tonnen Brotgetreide und f�r eine Milliarde Mark (Goldmark!) Futtermittel zuschie�en; dazu Milliardenbeitr�ge f�r Wolle, Baumwolle, Erze usw. Wir k�nnten diese wenigen Angaben noch vermehren um den Hinweis auf den stark anwachsenden Tonnengehalt unserer Handelsflotte, die Ausweise unserer Banken, die deutsche Kapitalanlage im Auslande, unsere Steuerkraft und vieles andere mehr. Doch genug der Zahlen! Sie sind heute schmerzvolle Erinnerungen. Wer sich sinnf�llig den Unterschied des damaligen und des heutigen Deutschlands vergegenw�rtigen will, �berlege nur einen Augenblick den Wert der Mark von heute gegen�ber dem der alten Goldmark. Der Unterschied redet eine Sprache, die auch der Einf�ltige versteht. Und doch m�ssen wir noch einmal vom alten Deutschland reden, ehe wir uns dem armen Deutschland unserer Tage zuwenden, und zwar nach einer doppelten Hinsicht. Ein Volk, das keine Hoffnung mehr sieht und auf Generationen hinaus W�stenwanderung vor sich hat, gibt sich auf. Haben wir dazu Anla�? Wir h�tten Anla� dazu, wenn alle Wurzeln unserer Vorkriegsbl�te verdorrt w�ren. Stellen wir fest, welches diese Wurzeln waren. 1. La n d als Grundlage von Ackerbau und Viehzucht, Land als Fundst�tte von Rohstoffen und Kraftquellen, Land als r�umliche Grundlage von Leben und Wohnen. Nach allen drei Richtungen haben wir schmerzvollste Verluste erlitten, aber keine, die nicht mehr oder minder zu mildern w�ren. 2. Die nat�rliche Lebenskraft der N a t i o n: Arbeitskraft, Geschlechtsverteilung, Altersaufbau, Gesundheit. Auch hier sind schwere Einbu�en zu verbuchen, aber wiederum keine, die nicht auszugleichen oder zu ertragen w�ren. 3. K a p i t a l k r a f t, Verm�gensmacht, Reichtum, "Wohlstand": hier liegt die gewaltigste Einbu�e vor, diejenige auch, die am wenigsten von heute auf morgen ausgeglichen werden kann. Hier ist Anla�, in der Tat von einer hochgradigen Verarmung zu reden. Teils ist sie eine Folge der Ersch�pfung unserer Reichtumsquellen durch den Krieg, teils der Auspl�nderung und Ausraubung durch den Frieden. Wenn es heute ein "Proletariervolk" im Sinne eines Volkes, das in D�rftigkeit von der Hand in den Mund lebt, gibt, dann sind w i r e s. Wir sind das Proletariervolk, auf das f�r Jahrzehnte hinaus ungeheuerliche Verpflichtungen gelegt sind. Wir sind ein verarmtes, ausgeraubtes Volk, das noch von seiner H�nde Arbeit und von seiner Armut Fabelsummen in Gold ausgepre�t bekommt. Hier liegt der Punkt, wo die Wirtschaftslage in das allgemeine Leben des ganzen Volkes auf Jahrzehnte hinaus empfindlich einzuschneiden droht. Alle Kultur, alle Zivilisation, alle Bildung des Geistes und des Herzens, alle soziale F�rsorge, alle gute Verwaltung, alle Schaffung von Recht und Sicherheit h�ngt mit tausend F�den an der Wirtschaftsbl�te; sie entscheidet �ber das Leben ungeborener Geschlechter, und vor allem dar�ber, ob der junge Aufwuchs der Nation an Leib und Seele verkr�ppelt und verwildert aufw�chst oder nicht; sie entscheidet dar�ber, ob Mitteleuropa zur�cksinkt in die stumpfe Dumpfheit und Stickigkeit einer geistig und physisch elenden Volksmasse, und weiterhin dar�ber, ob sich damit die Nachtschatten �ber ganz Europa senken. Denn man kann nicht das Mittelst�ck eines Kultur- und Zivilisationszusammenhanges mit frevlen H�nden herausbrechen und sich dabei einbilden, das k�nnte den Anschlu�st�cken in Ost und West von Vorteil sein. Die wirtschaftliche Ersch�pfung bei gleichzeitiger �berb�rdung mit Verpflichtungen ist der Boden der schlimmsten Gegenwartsbef�rchtungen; an diesem Punkte kann a l l e s fraglich werden. Ob die Bef�rchtungen sich verwirklichen, h�ngt ab von der Freiheit, die man unserer Arbeitskraft, unserer Unternehmungslust und unserem Erfindergeist im fremden Lande gew�hren wird, und h�ngt nicht zuletzt ab von der t�tigen Hilfe in Gestalt von Krediten, Rohstoffvorsch�ssen und vor allem Verpflichtungserleichterungen, die uns das Ausland gew�hrt 4. S i t t l i c h e E i g e n s c h a f t e n: Arbeitswilligkeit, Arbeitsfreude, Arbeitsdisziplin, Sparsamkeit, Gen�gsamkeit, Wille zum Vorw�rtsstreben, Mut zum Leben. Wer will behaupten, da� diese Eigenschaften, die gewi� zeitweise getr�bt und in manchen Einzelgruppen heute noch geschw�cht sind, im ganzen unertr�glich gelitten h�tten? Nur interessierte B�swilligkeit oder Unverstand kann derartiges behaupten. Festzustellen ist wohl, da� das Ma� der Leistungen nicht so st�rmisch und ungez�gelt ist wie fr�her. Aber das hat seine besonderen Gr�nde in schlechter Lebenshaltung, wirtschaftlichen Beengungen durch den Friedensvertrag und seine Folgen und ist �brigens zu einem Teil eine verst�ndliche Reaktionserscheinung auf de ungeheueren Anforderungen der letztem sieben Jahre. 5. D e r d e u t s c h e S t a a t. Sicher war das alte Staatsgef�ge mit seiner inneren Ordnung, seiner St�rke und Macht nach au�en ein gewichtiger Hebel wirtschaftlichen Aufstiegs. Zweifellos hat die allgemeine Heerespflicht Eigenschaften geweckt und gef�rdert, Sachverhalte geschaffen, die der Wirtschaft zugute kamen. Was ein starker, politisch unabh�ngiger Kultur- und Machtstaat der Wirtschaft zu bieten vermag, wei� kein Volk besser als das deutsche. Wir m�ssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, da� unser Staat von heute so schwer nach au�en und innen zu tragen hat, so �berb�rdet ist mit Aufgaben und toten Lasten, da� ihm die Wirtschaft eher helfen mu�, als er der Wirtschaft helfen kann. Das sind Folgen des Krieges und des Friedens, Folgen aber auch der gerade in Deutschland so weit verbreiteten Neigung, in allen N�ten des Lebens nach dem Staate zu rufen. Und doch ist es nicht so, wie mancher wohl gelegentlich denken m�chte, als ob der Staat von heute nur eine tote Last unserer Wirtschaft sei. Auch heute lebt die Wirtschaft auf dem Boden des staatlich gesicherten Rechtes und der staatlich gew�hrleisteten Ordnung. Und vor jedem vorschnellen Urteil sollte man bedenken: Das Staatsgef�ge in Deutschland hat eine ungeheuere Anspannung und Probe ausgehalten, ohne unterzugehen! Gewi�, es hat sich neue Formen geschaffen; es ringt in manchen Hinsichten noch mit sich selbst und den neuen Verh�ltnissen -- aber das Wesentliche ist gesichert: im neuen Staate sind die Unterlagen des Wirtschaftslebens und die Voraussetzungen eines wirtschaftlichen Aufbaues gegeben. Es ist Aufgabe des Staates, auf seinem Gebiete der Wirtschaft aufzuhelfen; es ist Aufgabe der Wirtschaft, mit ihren Mitteln den Staat zu st�tzen. Die Vorstellung, es k�nne eines von beiden o h ne e das andere gedeihen, ist eine gef�hrliche Illusion. Das ist der e i n e Blick auf das alte Reich, ein Blick, der uns vergegenw�rtigen sollte, wieviel noch von den Pfeilern der alten Macht und Gr��e steht und Tragkraft besitzt f�r den Neubau. Und nun der andere Blick auf das alte Reich: wieviel von den N�ten, Sorgen und Schwierigkeiten unserer Gegenwart lagen in ihm schon mit zugrunde! Aus der Tiefe seiner Armut k�nnte es einem kommenden Geschlecht einmal scheinen, als ob in den glanzvollen Jahrzehnten des Kaiserreiches eitel Friede und Wohlfahrt in Deutschland geherrscht habe. Und ein Geschlecht, das in seinen Tagen die Fehden blutd�rstiger Matabelest�mme auf europ�ischem, politisch zerkleinertem Boden zu erleben glauben wird, k�nnte vielleicht einmal denken, der europ�ische Friede vor dem Kriege sei eitel V�lkerfreundschaft gewesen. Solche Auffassungen haben mit der Wahrheit sehr wenig gemein. Das von jeher an Gegens�tzen und Spannungen so reiche deutsche Leben hat auch unter dem zweiten Kaiserreiche den inneren Frieden nicht gefunden. Gewi� trat der alte Bruch zwischen Nord und S�d f�r das Bewu�tsein der jungen Generationen als eine praktisch erledigte Angelegenheit, deren gef�hlsm��ige Restbest�nde allm�hlich ganz erl�schen werden, zur�ck; auch war nach dem Einschwenken in der Kulturkampfpolitik der konfessionelle Gegensatz kein auseinanderrei�endes Element mehr, soviel Kraft er im �brigen noch verschlingen mochte. Aber daf�r ging der Ri� der w i r t s c h a f t l i c h - s o z i a l e n G e g e n s � t z e in Gestalt des Klassenkampfes durch unser Volk. Wie die moderne Wirtschaftsverfassung, zumal in ihrer hochgesteigerten deutschen Gestalt, Besitz und Verf�gung �ber die Produktionsmittel von der Arbeit an ihnen trennt, so schichteten sich auch politisch und sozial die Gruppen. Hier Besitz und wirtschaftliche Machtverf�gung, dort Nichtbesitz und ausf�hrende Arbeit; hier st�rkste soziale Geltung mit erh�hten politischen Rechten und Anspr�chen, dort tats�chliche soziale Mindergeltung und politische Minderberechtigung; hier die relativ d�nnen Schichten, die mit Stolz Besitz und Bildung berufen konnten, dort die ungeheueren Massenheere der Arbeiterschaft, besitzlos, hungrig nach Bildung und Wissen. Das war der Sachverhalt, der den Ausgangspunkt gef�hrlicher innerer Spannungen abgab, der den Trennungsstrich zog durch das Volk, und der, so schien es manchmal, zwei feindliche V�lker auf einem Boden und in einem Staatsverbande zusammenhielt. Wenn schon festzustellen ist, da� der sch�rfste Radikalismus von beiden Seiten sich allm�hlich abstumpfte, und wenn schon zugegeben werden mu�, da� die staatliche Sozialpolitik sehr viel zur Milderung der Konflikte tat, so traf doch noch der pl�tzliche Kriegsausbruch in eine Spannung der Gegens�tze, die nicht unbedingte Sicherheit gab, da� die Zusammenfassung aller Kr�fte nach au�en restlos gew�hrleistet, der Burgfriede nach innen gewahrt sei. -- Und noch eine Frage der Vorkriegszeit ragt in unsere Gegenwart hinein, doppelt und dreifach versch�rft. Es ist Tatsache, da� unser Volkswachstum, getragen von dem gigantischen Aufschwung unserer Wirtschaft, mit der Folge der �berfl�gelung aller �brigen europ�ischen Wirtschaften politisch unsere Lage erschwerte. Gegnerschaften, die das alte Deutschland von vor 1870 nie herausgefordert hatte, forderte das hochindustriell entwickelte Deutschland heraus. Verst�ndliche Besorgnis, Machtgier und Racheinstinkte schlugen vor dem Bilde des wirtschaftlich so gewaltig sich reckenden Deutschland zur verzehrenden Flamme empor und f�hrten Staaten zu feindlichem Bund zusammen, deren Lebensinteressen an sich gegeneinanderstanden. Es wird sich zeigen, wie die Wirtschaftslage auf die politische Konstellation heute unheilvoll nachwirkt, teils infolge des Friedens und des Londoner Ultimatums, teils als Folge unserer trotz Kriegsverlust �u�erlich scheinbar intakten Wirtschaft. Man hat gesagt, der Versailler Vertrag sei die Urkunde des neuen Europas. Unser Volk wei� und f�hlt es Tag f�r Tag, da� er allerdings die ha�- und infamieges�ttigte Urkunde s e i n e s Lebens ist. Seine Einzelheiten wollen wir nicht betrachten; aber was er im gr�bsten f�r uns bedeutet, bedarf der Skizzierung. Er raubt uns ganze L�nder und Provinzen. 6,7 Millionen Hektar Fl�che schneidet er in Ost und West aus dem deutschen Gebietsk�rper heraus. Er nimmt uns alle Kolonien. Fast 6 Millionen Menschen, von denen die Mehrzahl Deutsche sind und deutsch f�hlen, spricht er mit oder ohne Abstimmung fremden V�lkern zu. Au�erdem werden 32 000 Quadratkilometer unseres Staatsgebietes langj�hriger Besetzung und feindlichen Eingriffen unterworfen, die wiederum auf 6,5 Millionen Menschen ihr Zwangsjoch legen. Suchen wir uns zu vergegenw�rtigen, was nur diese wenigen Bestimmungen des Friedensvertrages wirtschaftlich besagen. Eine Regierungsdenkschrift hat berechnet, da� ohne Ber�cksichtigung der Abstimmungsgebiete 14,9% unserer Ackerfl�che durch die Abtretungen verloren gehen. Naturgem�� bedeutet das st�rkste Einbu�e an landwirtschaftlichen Ertr�gen, um so mehr, als die verlorenen Ostgebiete geradezu die Korn- und Kartoffelkammern des Reiches darstellten. Man hat berechnet, da� 19% der Roggenernte, je 20% der Gersten- und Kartoffelernte und teilweise noch h�here Prozentzahlen bei anderen Produkten mit der Abtretung jener Gebiete unserer Volksern�hrung verloren gegangen sind. Also rund ein F�nftel der deutschen Ern�hrungsgrundlage! Dazu der Verlust an unserem stark verminderten Viehstapel. Diese Einbu�en verst�rken sich dadurch, da� in jenen abgetretenen Gebieten nur 13,3% der deutschen Bev�lkerung wohnten. 3,6 Millionen Menschen durchschnittlich k�nnten von den � b e r s c h � s s e n der verlorenen Provinzen ern�hrt werden, wenn man jene Mehl- und Kartoffelrationen zugrunde legt, die 1920 zugeteilt wurden. Mit anderen Worten: Die Schwierigkeit der deutschen Volkswirtschaft, ihre Menschen zu ern�hren, ist heute, zur Zeit ihrer allgemeinen Verarmung und Belastung, weitaus gr��er als in jenen reichen Tagen der Vorkriegszeit! Um so mehr, als durch den Raubbau w�hrend des Krieges die Ertr�ge der B�den und das Schlachtgewicht unserer Viehstapel erschreckend zur�ckgegangen sind. Problem: bei verminderter Fl�che und ab gewirtschafteten B�den die Bedarfsversorgung einer nicht im gleichen Umfange zur�ckgegangenen Bev�lkerung zu gew�hrleisten. Und wir m�ssen noch hinzuf�gen: den Bedarf einer Bev�lkerung, die teilweise entkr�ftet ist durch die mangelnde Ern�hrung, die 1,7 Millionen ihrer kr�ftigsten M�nner verloren bat, die 1,5 Millionen ganz oder teilweise erwerbsunf�higer Kriegsbesch�digter zu versorgen hat, und deren Kaufkraft f�r die Erzeugnisse des Auslandes ins Bodenlose zusammengefallen ist. Das ist eine Bergeslast, die der Friedensvertrag auf uns w�lzte; unsere landwirtschaftliche Eigenversorgung ist v�llig unzureichend; an ihr und an unserem verbliebenen Wohlstand gemessen, sind wir ein �berv�lkertes Land. Mancher mag geneigt sein, das nicht so tragisch zu nehmen. Er erinnert an die wachsenden Millionen der Vorkriegszeit, f�r die ja auch die Eigenversorgung des deutschen Bodens nicht auslangte, und tr�stet sich damit, unsere I n d u s t r i e m�sse den �berschu� an Menschen ern�hren. Doch so einfach liegen die Dinge nicht mehr. Zun�chst ist die Quote der heute auf die Industrie angewiesenen Menschen verh�ltnism��ig gr��er als damals. Und weiterhin kann die Industrie die Menschen nur dann ern�hren, wenn sie 1. Ausfuhrm�glichkeiten hat, die auf G e g e n l e i s t u n g e n beruhen, und 2. wenn ihre eigene Kraft nicht gel�hmt ist. Zum ersten Punkt sei in diesem Zusammenhange nur kurz bemerken, da� die geschm�lerten Ausfuhrm�glichkeiten der deutschen Industrie von heute im gr��ten Umfange o h n e Gegenleistung sind. Es sind gro�enteils einseitige Leistungen, die direkt oder indirekt auf Konto der Reparation laufen und in diesem Umfange tote Lasten unserer Wirtschaft darstellen, f�r die in Deutschland zwar Millionen fronden, von denen aber keiner leben kann. Davon abgesehen aber hat der Friedensvertrag auch die Grundlagen unserer Industrie erheblich geschm�lert. Sch�tzungsweise ein Viertel unserer deutschen Kalif�rderung ging mit Elsa�-Lothringen verloren; wichtiger als der F�rderverlust ist der Verlust der Monopolstellung, die Deutschland auf dem Kalimarkte hatte. 79% unserer vor dem Kriege gef�rderten Eisenerze -- das R�ckgrat unserer Industrie und jeden industriellen Lebens -- sind durch den Verlust Lothringens und den Zollausschlu� Luxemburgs dahin; ungef�hr 9% unserer Kohlenf�rderung ist, wenigstens f�r 15 Jahre, durch die Abtrennung des Saargebietes uns entzogen; ungef�hr zwei F�nftel unserer Kohlengesamtf�rderung w�re verloren, wenn Oberschlesien an Polen f�llt[1]. [1] Das ist inzwischen geschehen, indem der V�lkerbund gerade die industriereichen Teile Oberschlesiens Polen zusprach. Das Ruhr-, Wurm- und mitteldeutsche Kohlengebiet ist alles, was uns verbleibt. Aber auch deren F�rderung steht nicht zu unserer freien Verf�gung. Der Friedensvertrag belastet uns auf in Jahre mit Lieferungen an die Entente, die sich auf �ber 40 Millionen Tonnen stellen. Das Spaaer Abkommen hat dann diese Phantasieforderung erm��igt. Da uns auch die freie Verf�gung �ber die oberschlesische Kohle seit der Besetzung des Landes genommen ist, ruht die schwere Last der Versorgung auf dem Ruhrrevier. Diesem Anfordern war weder die alte Belegschaft gewachsen, noch langten die F�rder- und Verkehrseinrichtungen. Die Wirkung war eine doppelte: Es mu�ten die Belegschaften vermehrt und die Verkehrsm�glichkeiten gesteigert werden -- was nur mit ungeheueren Opfern seitens des Reiches zu machen war (Wohnungsbauten, L�hne, Lebensmittelzusch�sse) --, und es mu�ten deutsche Betriebe in ihrem Kohlenverbrauche sich beschr�nken, oft genug gar die Arbeiter entlassen und stillliegen, weil die Zwangslieferungskohle vorgeht. Das waren zeitweise geradezu katastrophale Zust�nde, die an das Mark unseres industriellen Lebens r�hrten. Heute ist in der Tat die Rohstoffdecke zu knapp geworden, an Kohle, an Zinkerzen, an Blei usw. Heute hat der deutsche Osten noch weniger als bisher die M�glichkeit, seine Menschen festzuhalten, w�hrend das Ruhrrevier schlimmer als je bisher mit Anforderungen f�r die deutsche Wirtschaft aller Provinzen belastet und f�r deren Erf�llung mit Menschen unerw�nscht dicht belegt werden mu�. Das sind Verschiebungen, die unsere industrielle Basis ersch�ttern, uns au�erstande setzen, unsere Menschen selbst zu ern�hren, und die nat�rlich uns vorher zum Aussetzen unserer Vertragsleistungen an die Entente zwingen -- mit der Wirkung um�bersehbarer politischer Folgen! Das sind nicht die einzigen Beschneidungen unseres Daseins durch den Friedensvertrag. Der Vertrag raubt das deutsche Volk mit einer Gr�ndlichkeit und Schamlosigkeit nach allen Richtungen hin aus, in der sich Ha�, Brutalit�t und Pharis�ertum zu einer widerlichen Fratze verbinden. Kein Guthaben im Auslande, kein Schiffspark, kein Kabel, keine Anspr�che, Rechte und Privilegien, keine Patente und keine Gebrauchsmuster werden �bersehen. Und um die ganze Schamlosigkeit dieses Raubzuges wird der Pharis�ermantel der vergeltenden Gerechtigkeit gelegt. Alle gerechte Entr�stung �ndert nichts daran, da� die wertvollen Posten unserer Wirtschaft in Gestalt von wirtschaftlichem, milit�rischem und maritimem R�stzeug allesamt verloren sind, und da� die Sieger sich auf deutschem Boden und in der deutschen Wirtschaft Rechte zwangsm��ig usurpiert haben, die die an sich schon schmale Basis des deutschen Bodens und der deutschen Hoheitsrechte unerh�rt verengen. In richtiger Erkenntnis der Sachlage schrieb die englische Zeitschrift "Nation" vom 22. M�rz 1919: "Es gibt Leute in und au�er Europa, die, wenn sie vom Frieden sprechen, Diebstahl meinen. Sie m�chten Deutschland seine Bergwerke stehlen, seine Kabel, Kan�le, Kohlen, Land, Schiffe, Kredit, Industrien, Patente, Handelsgeheimnisse; sie m�chten seine Grenzsteine verschieben und seine offene Brust allen Feinden an allen Ecken und Enden preisgeben. Das w�re das Ende von Europas Zivilisation." Gerade die letzterw�hnten Verluste m�ssen den Versuch, durch verst�rkte industrielle T�tigkeit wiederum zu Atem und Leben zu kommen, aufs st�rkste gef�hrden. F�nf Jahre war uns der Weltmarkt entfremdet. In dieser Zeit reifte einerseits der amerikanische und japanische Weizen im Welthandel, industrialisierten sich andererseits manche Auslandsm�rkte, um f�r jetzt und in Zukunft unabh�ngig zu sein von Versorgungsst�rungen auf Grund europ�ischer Verwicklungen. Typische Beispiele: Holland und D�nemark legen sich Eisenh�tten zu, Schweden baut seine H�tten- und Stahlwerke aus, Amerika entwickelt eine gro�e Farbenindustrie, Argentinien und Brasilien bem�hen sich um industrielle Selbstversorgung auf wichtigen Gebieten. W�hrend des Krieges wurde gerade von England eine intensive Zerst�rung aller deutschen �berseeinteressen vorgenommen, bis zur Vernichtung der Gesch�ftsb�cher, der Aufstellung schwarzer Listen, des geistigen Diebstahls an deutschen Patenten und Gesch�ftsmethoden und vor allem bis zur Verzerrung des deutschen Antlitzes vor der Welt zur Fratze, mittels einer L�ge und Verleumdung zu systematischen Kampfmitteln erhebenden beispiellosen Hetzpropaganda. Wer will ermessen, welche Barren gerade der Raub des deutschen guten Namens dem deutschen Handel und Gewerbeflei� in der ganzen Welt bereiten mu�? Wer will auf Milliarden aufz�hlen, was uns die raffinierte Bearbeitung der �ffentlichen Meinung in aller Herren L�nder durch das feindliche Kabelmonopol gekostet hat und noch kostet? Dieser Verlust des deutschen guten Namens vor aller Welt geh�rt sicher mit zu den schlimmsten Kriegsverlusten. Es wird unserer z�hesten und unerm�dlichsten Arbeit bed�rfen, allm�hlich durch diese Berge von Verleumdung, Ha� und Vorurteil zu dringen, die sich schlimmer als eine Blockade um uns legen und uns das moralische Recht und das wirtschaftliche Leben unertr�glich schm�lern. Hier hilft uns die doch zu offensichtige Brutalit�t und Ungerechtigkeit des Friedensvertrages, hier hilft uns das allm�hliche Wachwerden des Anstands- und Wahrheitsempfindens in allen edlen Geistern aller Nationen. "Von nun an m�ssen wir uns der Aufgabe widmen, diesen Schandfleck des Versailler Vertrages von dem guten Namen Englands auszul�schen." ("Daily Herald", 10. Mai 1919.) Bis zum 1. Mai 1921 sollte nach Bestimmung des Friedensvertrages die sogenannte Wiederherstellungssumme, die aber in der Art, wie sie berechnet wird, tats�chlich eine Kriegsentsch�digung darstellt, festgelegt werden. Es ist bekannt, da� diese Summe durch das Londoner Ultimatum diktiert und die deutsche Unterschrift unter sie erpre�t wurde. Gefordert wurde vom deutschen Volke ein Gesamtbetrag von 132 Milliarden Goldmark, abzahlbar in j�hrlichen Raten von 2 Milliarden, zuz�glich 26% des Wertes unserer Ausfuhr in Gold, dazu Leistungen auf Grund von Ausgleichsforderungen und Besatzungskosten, deren H�he nicht festgelegt ist, aber in die Goldmilliarden geht. Die furchtbare Last dieser j�hrlichen Zahlungen erstreckt sich nach den festgesetzten Verzinsungs- und Tilgungsgrunds�tzen auf weit mehr als ein Menschenalter. Diese wenigen Daten umschlie�en die Schuldknechtschaft eines ganzen Volkes und sind von einer H�rte, wie sie in aller Geschichte unerh�rt ist. An der Wiege solcher Friedensbedingungen hat weder die politische noch die wirtschaftliche Vernunft gestanden. Das haben die leider so wenigen Einsichtigen in allen L�ndern deutlich ausgesprochen. Auf den inneren Widersinn dieser Entsch�digungsforderungen wies vor allem die englische Zeitschrift "The Nation" hin, die das Problem ganz richtig fa�te: entweder zahlt Deutschland jene Unsummen, dann nur, indem es uns die Ausfuhrm�rkte ruiniert und uns wirtschaftlich aufs �u�erste bedr�ngt; oder wir unterbinden ihm unsere M�rkte, dann kann es nicht zahlen. Durchaus zutreffend! Es wird ja niemand im Ernst glauben, aus dem deutschen Boden selbst lie�en sich jene Summen herausstampfen, sie sind eben nur beschaffbar, wenn die deutsche Arbeit f�r fremde V�lker sie erst hereinholt und zur Verf�gung stellt. Aber auch das ist richtig: Werden de Forderungen nicht erf�llt, dann drohen politische Zwangsmittel in Gestalt von Neubesetzungen, Sanktionen, die unserer politischen Selbst�ndigkeit den letzten Rest geben, die eine dauernde Gef�hrdung des europ�ischen Friedens sind, und die mit dem Zerbruch des Reiches enden k�nnten. Der Reichskanzler Wirth hat das zutreffend formuliert: "Wir k�mpfen mit unserer Arbeit um unsere Freiheit als Volk und Staat." * * * Das ist der furchtbare �u�ere Rahmen unseres Daseins. Aus ihm heben sich deutlich die Probleme heraus: Wie heilen wir im Lande selbst die furchtbaren Wunden des Krieges? Wie bringen wir die Mittel auf zur Erf�llung der ungeheueren Verpflichtungen nach au�en? Welche wirtschaftlichen und sozialen Weiterwirkungen schlie�en sich an die Erf�llung dieser Aufgaben bzw. an den Versuch ihrer Erf�llung an? Die Not im Lande selbst ist sehr vielgestaltig. Sie �u�ert sich als Gef�hrdung der physischen Volkskraft und Volksgesundheit und tritt im einzelnen in Erscheinung als mangelnde Ern�hrung weiter Kreise, Mangel an Kleidung und W�sche, fehlende Wohnungen, ungen�gende Wohnungseinrichtungen. Ein Ausdruck dieser Not sind die Sterblichkeitsstatistiken und die Ausweise der Krankenkassen. Die Ursachen dieser Not sind die Ersch�pfung unseres Wohlstandes durch den Krieg, die starke Herunterwirtschaftung unseres Sachkapitals, die Aushungerung unserer B�den, die Aufzehrung der privaten Vorr�te und Ausstattungen, die Leistungen an die Entente auf Grund von Waffenstillstand und Friedensvertrag, der Aufkaufshunger f�r alle m�glichen, teilweise sehr gut entbehrlichen Auslandsg�ter nach dem Kriege. Diese Aufz�hlung w�re ungenau, wenn sie an jenen Sch�digungen des Volksverm�gens vorbeiginge, die mit der Gebietsbesetzung, mit Streiks und Aussperrungen, mit b�swilliger Wertvernichtung und Revolten zusammenh�ngen. Unleugbar haben auch einige Bestimmungen des neuen Arbeitsrechtes Sch�digungen mit sich gebracht. Im gro�en Ganzen hat die Volkswirtschaft noch nicht jene Umschichtung der Berufe und R�ckschichtung der Bev�lkerung weg von den St�dten erreicht, die der neuen Wirtschaftslage entsprechen: das sind weitere Quellen vielgestaltiger Not. Im weiteren darf nicht �bersehen werden, da� die Aufl�sung des alten Heeres, von Teilen der alten B�rokratie, die R�ckwanderung Deutscher aus verlorenen Gebieten und die Vernichtung vieler Rentner-, Mittelstands- und Kleinexistenzen des b�rgerlichen Lebens durch Krieg und Kriegsfolgen die Schleusen der Not in weiteren Schichten ge�ffnet haben. Eine Denkschrift der Regierung, die f�r die Londoner Verhandlungen fertiggestellt wurde, beziffert das deutsche Volkseinkommen gegenw�rtig auf 234 Milliarden Papiermark == ungef�hr 22-23 Milliarden Goldmark. Vor dem Krieg berechnete man das Volkseinkommen auf 43 Milliarden Goldmark! Daraus ergibt sich die gewaltige Senkung des Realeinkommens des Volkes -- und von diesem so geminderten Realeinkommen sollen die Leistungen an die Entente und die Steuern f�r Reich, L�nder und Gemeinden aufgebracht werden! Hier steht die elementare Bedingung unseres Daseins als Volk und Staat vor uns: wir m�ssen a l l e Produktivkr�fte aufs � u � e r s t e anspannen, um das physische Leben und die politische Freiheit zu erhalten. Unsere Existenz steht auf der Schneide der �u�ersten Wirtschaftsergiebigkeit. Daraus die Forderung, alle sachlichen und geistigen Voraussetzungen gesteigerter Produktivit�t anzuspannen, allen �berfl�ssigen Verbrauch zu meiden. Was brauchen wir zur Steigerung der Produktion? Zun�chst nat�rlich Rohstoffe. Als deren Quelle kommen in Betracht die nat�rlichen Rohstofflagerst�tten und die Landwirtschaft. Erstere sind die Kohlen- und Erzadern, die Gesteine und sonstige industriell verwertbaren G�ter, die das Bodeninnere birgt. Ihnen gegen�ber -- als den durch Abbau ersch�pfbaren G�tern -- stehen die landwirtschaftlich in regelm��iger Wiederkehr erzeugten G�ter. Nach beiden Richtungen hin haben wir betr�chtliche Einbu�en erlitten durch Gebietsverluste, Raubbau und Belastung mit Abgaben. Mit dem Rest mu� umso schonender umgegangen werden; denn die Bodensch�tze sind entweder �berhaupt nicht k�nstlich vermehrbar, oder nur durch Mehraufwand von Arbeit und Kapital. Abbau und Anbau stehen au�erdem auf der Spitze der Rentabilit�t. Wenn wir schon vor dem Kriege eine starke Einfuhr von Erzen, Kohle und �len hatten, von Nahrungsmitteln, Futtermitteln, Textilien und Rohstoffen aller Art, so k�nnen wir sie heute noch viel weniger entbehren. Wir brauchen die Einfuhr, weil das Ausland vielfach ergiebigere Fundst�tten und B�den hat und daher billiger liefert. Wir brauchen sie, weil sie Bestandteil neuer Ausfuhr werden, nachdem sie durch deutsche Arbeit zu fertigen Produkten veredelt sind. Im Grade der Einfuhr verschulden wir uns; aber diese Verschuldung ist so lange unbedenklich, als ihr deutsche Gegenleistungen in Gestalt rentabler Ausfuhr gegen�berstehen. Unvermeidlich ist, da� gro�e Einfuhrposten f�r de Deckung des notwendigen, seit dem Kriege so stark vernachl�ssigten Eigenbedarfs des deutschen Volkes hereinkommen. Das bedeutet zun�chst eine Belastung der Zahlungsbilanz oder eine Verschuldung durch Kredite; in jedem Falle m�ssen auch diese Betr�ge durch Ausfuhr oder durch andere geldwerte Gegenleistungen gedeckt werden, entweder aus laufenden Wirtschaftsertr�gen oder aus der Substanz des Volksverm�gens. Wenn einsichtige Wirtschaftspolitiker schon vor dem Kriege den starken Materialverbrauch beklagten, die Zerst�rung lebendiger menschlicher Arbeit durch ein unwirtschaftliches Vergeuden von Rohstoffen, so gilt das heute nat�rlich zehnfach. Rohstoffe sind kristallisierte Arbeitsstunden, Arbeit ist unser wertvollstes Kapital. Fahrl�ssigkeit, B�swilligkeit und Unverstand zerst�ren nach einem Worte Friedrich Naumanns mehr als Feuersbrunst und �berschwemmung. Dieses Gebot wirtschaftlichster Rohstoffverwertung hat zwei Seiten: das Haushalten mit dem Material der M e n g e und der G � t e nach. Wer verwaltet unsere Rohstoffe? Drei gro�e Stoffverbraucher kennen wir: die Betriebe in Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft, die Haushaltungen und die �ffentlichen Verb�nde. Bez�glich der Haushaltungen ist ohne weiteres klar: vom Geschick vorwiegend der deutschen Hausfrau h�ngt es ab, wie mit den Verbrauchsg�tern gewirtschaftet wird. Das ist teilweise eine Erziehungsfrage. Wie viele Hausfrauen haben sich je �ber zweckm��ige Stoffverwendung Gedanken gemacht? Tausende von Frauen, nicht nur aus Arbeiterkreisen, verwirtschaften ohne Ahnung von den Folgen ihres Ungeschickes Milliardenwerte. Das ist teilweise auch eine Folge der Frauenberufsarbeit. Wer die Verh�ltnisse in den Arbeiterfamilien der Industriereviere kennt, wei�, da� die erwerbst�tige Frau die k�rzesten Methoden der Haushaltsf�hrung vorzieht und vielfach gerade wegen ihrer Berufst�tigkeit vorziehen mu�. Neben den Sch�den, die die Frauenberufsarbeit f�r das Familienleben und die Erziehung mit sich bringt, liegen in der unwirtschaftlichen Stoffverwendung bedenkliche volkswirtschaftliche Seiten der Frauenberufsarbeit. Was die Materialverwertung der �ffentlichen Verb�nde anlangt, so hat die Kriegszeit dort in erschreckendem Ma�e gezeigt, wie wenig hier den Anforderungen einer vern�nftigen Bewirtschaftung Rechnung getragen wurde. Die bureaum��ige Verwaltung von �ffentlichen Betrieben und Verbrauchseinrichtungen hat eben nicht jene Motive zum sparsamen Haushalten und jene scharfen Kontrollm�glichkeiten, die die Privatunternehmung hat. Dem rein verwaltungsm��ig gerichteten Sinn fehlt vielfach die Einsicht in die wirtschaftliche Bedeutung sparsamster Materialverwertung. Aber selbst in der privaten Unternehmung sind nicht ohne weiteres die Garantien f�r sparsame und zweckm��ige Rohstoffverwendung gegeben. Zwar dr�ngt das Interesse der Unternehmung am m�glichst hohen Geldertrag auf �u�erste Zweckm��igkeit und Ergiebigkeit in der Verwendung aller Produktionselemente; aber hier ist es wiederum eine Frage der Erziehung und der Einsicht der Arbeitskr�fte, ob sie mit den ihnen anvertrauten Wirtschaftsg�tern m�glichst schonend umgehen. Keine Aufsicht kann das eigene Mitbesorgtsein der Arbeiter ersetzen. Dieses Mitbesorgtsein zu wecken und zu erhalten, ist gro�enteils eine Sache der Erziehung, des Verantwortungs- und Gemeingef�hls und der Einsicht. Hier m�ndet die Aufgabe des Rohstoffschutzes unmittelbar in ethische und soziale Voraussetzungen. Die zweckm��ige Rohstoffverwendung in der privaten Unternehmung ist gleichzeitig eine Frage der Betriebsgr��e, der Betriebsorganisation und der Produktionsweise. Die objektiv st�rkste M�glichkeit wirtschaftlicher Produktion hat der kombinierte Gro�betrieb, der sich in der Produktion einstellt auf normalisierte und typisierte Erzeugnisse. Wieviel nach dieser Richtung in Deutschland noch fehlt, beweisen die Klagen f�hrender Industrieller und z�nftiger Volkswirte. Rohstoff�konomie ist also Haushalten mit den Unterlagen unseres Daseins. Neben der Verf�gung unserer Sachg�ter ist die wichtigste dieser Unterlagen die l e b e n d i g e A r b e i t s k r a f t. Das volkswirtschaftliche Ziel hat Rathenau in Anbetracht unserer Lage einmal dahin zusammengefa�t: "Es ist n�tig, ...den Wirkungsgrad menschlicher Arbeit so zu steigern, da� eine verdoppelte Produktion die Belastung zu tragen vermag und dennoch ihre Hilfskr�fte besser entlohnt und versorgt werden." Das ist durchaus richtig. Wenn das Kapital, mit dem wir neu anfangen, im wesentlichen unsere Arbeit ist, dann mu� mit dieser Arbeit sparsam umgegangen werden. Sie darf nicht vergeudet werden durch Produktion von entbehrlichen G�tern, sie darf nicht durch Raubbau abgewirtschaftet werden. Es m�ssen alle technischen, organisatorischen und sozialen Voraussetzungen geschaffen werden, um die m�glichst gro�e Produktionssteigerung durch m�glichst sparsamen Arbeitsaufwand zu erreichen. Auch hier wieder die Voraussetzung: Bildung und Erziehung der heranwachsenden Geschlechter, Erf�llung mit Einsicht in den Ernst der Verantwortung f�r das Ganze, Abwehr aller Neigung zu einem resignierten Versinken in die stumpfe Fron f�r den laufenden Tag. Diese Aufrechterhaltung unserer Arbeitskultur und Wirtschaftsh�he ist wiederum gebunden an stoffliche Unterlagen, n�mlich an den ausreichenden S u b s i s t e n z f o n d s der Nation. Man spricht gew�hnlich davon, es m�sse gen�gend "Kapital" vorhanden sein, um die Arbeits- und Wirtschaftskultur wie �brigens die Gesamtkultur des ganzen Volkes, die ja immer irgendwie an sachliche Unterlagen gebunden ist, zu erhalten. Die Quelle dieses Kapitals aber ist die Differenz zwischen Volkseinkommen und Verbrauch, mit anderen Worten: das nichtverbrauchte "ersparte" Volkseinkommen. Von zwei Seiten her kann diese Kapitalbildung gef�rdert werden: von der Erh�hung des Volkseinkommens durch erh�hte Produktion und von der Minderung des Verbrauches her. Unsere Lage zwingt uns, beide Wege zu beschreiten: die Produktion aufs �u�erste zu steigern, den Verbrauch an allem Entbehrlichen m�glichst zur�ckzudr�ngen. Das wird f�r Jahrzehnte unser Schicksal sein, ein Schicksal, dessen H�rte nur dadurch ertr�glich ist, da� es uns die Aussicht gibt, die Einheit des Reiches und des Volkes durch alle F�hrlichkeiten des verlorenen Krieges und des Friedens hindurch zu retten. Die besondere Schwierigkeit unserer Kapitalneubildung liegt darin, da� sie mit ungew�hnlichen Belastungen zu rechnen hat. Die Belastungen bestehen in den geschilderten Zahlungsverpflichtungen gegen�ber der Entente, in der gewaltigen Steuerlast, in der ung�nstigen Entwicklung des Au�enhandels (der im vergangenen Jahre mit zweieinhalb Goldmilliarden p a s s i v war!), ferner in der Ungunst der Einkommensverteilung. Bei sotanen Dingen ist alles, was unsere Wirtschaftsertr�ge erh�ht, eine Daseinserleichterung, eine neue Gew�hr unseres physischen und kulturellen Lebens. Das gilt f�r alle Seiten unserer Wirtschaft, f�r Landwirtschaft, Gewerbe, Industrie und Verkehr. In der Landwirtschaft zumal spielt es eine besondere Rolle. Hier sind die Ertr�ge gegen�ber der Vorkriegszeit sehr stark gesunken, hier ist au�erdem die Quelle unseres dringendsten Bedarfes, der Ern�hrung. Das landwirtschaftliche Betriebskapital ist w�hrend des Krieges scharf heruntergewirtschaftet worden, es bedarf jetzt der Erneuerung. Kredite m�ssen der Landwirtschaft zuflie�en, die sie im Kriege glaubte absto�en zu k�nnen oder nicht mehr zu ben�tigen. Durch D�ngemittel aller Art, durch Meliorationen, durch Maschinen m�ssen die B�den wieder in den alten hochgepflegten Zustand gebracht werden. Der Viehstapel mu� erg�nzt werden. Das landwirtschaftliche Bildungswesen darf um keinen Preis vernachl�ssigt werden. Was uns diese Forderungen erheben l��t, ist die einfache Tatsache, da� der stark abgewirtschaftete Zustand der Landwirtschaft im Interesse der Allgemeinheit, des Staates, des Volkes in Stadt und Land und nicht zuletzt auch des Fiskus saniert werden mu�, ehe er wiederum ein tragender Pfeiler unserer Wirtschaftsbl�te werden kann. Erst bei solcher Intensivierung der landwirtschaftlichen Erzeugung besteht die Aussicht, da� der Strom von Menschen, welcher im Gefolge des Krieges den St�dten zugeflutet ist und dort die Not vermehrt, wiederum vom Lande aufgenommen werden kann. Wie bedeutsam eine solche R�ckwanderung ist, ergibt sich ohne weiteres; sie entlastet den Arbeitsmarkt, entlastet den Fiskus von der Erwerbslosenf�rsorge, sie entlastet die st�dtische F�rsorge, sie mildert die Sch�rfe unserer sozialen Not und sie beseitigt jenes �bel, das schon vor dem Kriege auf dem Lande vielfach anzutreffen war, n�mlich die Leutenot. Wenn die wesentliche Aufgabe der deutschen Landwirtschaft darin besteht, in m�glichst weitem Umgange den Nahrungsbedarf unseres Volkes zu erstellen, so hat die Industrie demgegen�ber eine verwickeltere Aufgabe. Sie soll einesteils den starken Verbrauch an Industrieerzeugnissen decken, den das Inland hat; sie soll aber andererseits die Grundbedingung unseres Daseins gew�hrleisten, n�mlich die aktive Zahlungsbilanz. Deren Hauptbestandteil war von jeher die Handelsbilanz, das hei�t das Wertverh�ltnis der Wareneinfuhr zur Warenausfuhr. Heute sind die anderen Bestandteile der deutschen Zahlungsbilanz ungef�hr auf den Nullpunkt reduziert; wir haben keine Gewinne mehr aus Frachten f�r das Ausland, unsere Ertr�gnisse aus der Kapitalanlage im Auslande sind mitsamt den Kapitalien fast ganz verloren, unsere Gewinne aus Vermittlung und Versicherung f�r fremde V�lker sind dahin. Nach all diesen Richtungen haben wir nur noch Passiva. Und trotzdem besteht unabweisbar das Ziel: Herstellung einer aktiven Zahlungsbilanz! Die Handelsbilanz mu� die dazu erforderlichen Wert�bersch�sse der Ausfuhr �ber die Einfuhr erbringen. Wir m�ssen, ob wir wollen oder nicht, Exportwirtschaft treiben. Unsere landwirtschaftlichen Erzeugnisse brauchen wir selbst, also kann der �berschu� der Ausfuhr �ber die Einfuhr im gro�en ganzen nur industriell erwirkt werden. Zwei Gesichtspunkte sind entscheidend: die Ausfuhrf�higkeit unserer Industrie einerseits, die Aufnahmef�higkeit und Aufnahmewilligkeit der fremden M�rkte andererseits. Was zun�chst die Ausfuhrf�higkeit unserer Industrie anlangt, so ist sie teils eine Frage des Preiskurants, das hei�t: des billigeren deutschen Angebots, teils ein Produktionsproblem: Haben wir G�ter, die das Ausland unbedingt erwerben will? Haben wir �bersch�sse, die f�r die ausl�ndische Nachfrage zu Gebote stehen? Bez�glich der ersten Frage ist festzustellen, da� manche Tatsachen uns g�nstige Aussichten im Wettbewerb bieten. Der Wert des deutschen Geldes, gemessen am Gelde der ausl�ndischen ma�gebenden Gl�ubigerstaaten, steht sehr tief. Niedrige Wechselkurse aber bedeuten eine Pr�mie und einen Anreiz f�r die Ausfuhr. Unsere Lebenshaltung ist relativ weniger reich und kostspielig wie die der fremden Konkurrenzwirtschaften. Die Arbeitsf�higkeit und Arbeitswilligkeit unserer Bev�lkerung hat sich vergleichsweise schneller erholt als die der meisten anderen V�lker. Au�erdem waren deutsche Waren im allgemeinen so wohl beleumundet in der ganzen Welt, da� Nachfrage nach ihnen ohne weiteres wahrscheinlich ist. Aber �bersehen wir nicht die Hemmungen unserer �berlegenheit im Preisgebot! Wir mu�ten unsere Industrie viel eingreifender als die anderen kriegf�hrenden Nationen auf einen neuen Friedensstand umstellen; technisch und organisatorisch ist diese Aufgabe schnell und gl�nzend gel�st worden, aber sie verschlang viele Arbeitskr�fte und viele Kapitalien. Manche Industrien hatten im Laufe des Krieges Schulden in fremder W�hrung aufgenommen; der rapide Fall des deutschen Geldwertes steigerte den Belauf der Schulden ins Phantastische und bewirkte neue Kosten der Abdeckung oder Umwandlung. Die rastlose Anstrengung der Kriegsarbeit hat in vielen Industrien keine Kr�fte und keine Zeit frei gelassen zu Reparaturen, Materialerg�nzungen, Erneuerung des Sachkapitals; das mu�te alles nachgeholt werden. In den Zeiten der Umw�lzung nach dem Kriege h�ufen sich die Streiks, die Wertzerst�rungen, die Lohnforderungen; das Arbeitstempo lie� nach; all das erscheint als Produktionskosten wiederum im Warenpreis. Und nicht zuletzt legt die Steuergesetzgebung der Industrie ungeheuere Lasten auf, die nat�rlich Preissteigerungen im Gefolge haben. Der gewaltige Anreiz zu gro�en Gewinnen, der nach dem Kriege im Abverkauf von Betriebseinrichtungen und in der Angleichung der Inlandspreise an den Weltmarkt lag, wirkte sich auch in den gestiegenen Preisen aus. Nicht zuletzt bot der Warenmangel des ersch�pften Inlandsverbrauchs die M�glichkeit, unter dem Anreiz des Dividendenhungers den Preisstand scharf zu erh�hen. Auch die Verteuerung der Produktion durch die Einfuhr fremder Rohstoffe und durch das damit verbundene starke Valutarisiko wirken in die Richtung steigender Preise. Nach einer Periode grenzenloser Schleuderverk�ufe ins Ausland, die direkt nach dem Kriege einsetzte, kam die Gegenwirkung: die Preish�he vieler deutscher Industrieprodukte lag zeitweise �ber den entsprechenden Auslandspreisen. Die Folge davon war stockende Ausfuhr, das hei�t Gef�hrdung des Zieles der aktiven Handelsbilanz. Im ganzen hat der Druck auf unsere Wechselkurse daf�r gesorgt, da� die Ausfuhrpr�mie nicht verschwand. Aber wie prek�r die Sachlage ist, zeigt sich regelm��ig bei selbst geringf�gigen Steigerungen unserer Wechselkurse: es setzt in diesen F�llen eine Stockung der Ausfuhr und eine Steigerung der Einfuhr ein, also ein ganz bedenklicher Sachverhalt. Der hin- und hergehende Wertstand des deutschen Geldes gef�hrdet f�r den deutschen Unternehmer alle Grundlagen der Kalkulation, bringt ein spekulatives Moment in die ganze Wirtschaft hinein und wirft uns aus einer Periode der Schleuderverk�ufe und der stockenden Rohstoffeinfuhr in die andere stockender Ausfuhr und der �berschwemmung mit Auslandsware. Das Verlangen, den Urheber dieser Zust�nde, n�mlich den wilden Wechselkurs, zu binden, ist ebensooft erhoben wie als zun�chst aussichtslos abgelehnt worden. Deutschland ist ohne Unterst�tzung der kapitalsstarken Gl�ubigerstaaten v�llig au�erstande, eine solche Festlegung des Wechselkurses vorzunehmen. Nur mit Hilfe ganz gewaltiger Kredite und einer vorl�ufig noch sehr unwahrscheinlichen vern�nftigen Gebahrung der Entente in der Reparationsfrage k�nnten stabile Wechselkurse eingerichtet und durchgehalten werden. So steht es um die Aussichten der deutschen Industrie im internationalen Preiskampf! Eine andere Frage ist die, ob wir G�ter haben, die das Ausland unbek�mmert um den Preis haben mu� oder haben will. Das gilt gewi� bei einer Anzahl von hochwertigen Erzeugnissen, zumal der chemischen, optischen und elektrotechnischen Industrie; es gilt auch in einigem Umfang f�r Kali. Aber auf eine Anzahl solcher Erzeugnisse hat der Friedensvertrag die Hand gelegt und sie uns in gro�en Mengen auf "Reparation" abgefordert. Andererseits sind manche Erzeugnisse, f�r die Deutschland vor dem Kriege einen unbestrittenen Markt besa�, in der Zwischenzeit von fremden Industrien aufgegriffen und hergestellt worden. Immerhin hat auch heute noch ein gewisses Marktgebiet starken Druck und starke Neigung zum Verbrauch deutscher Produkte. Und nun die weitere Frage, haben wir �bersch�sse frei f�r die Ausfuhr? Wir rechnen nicht in diese �bersch�sse dasjenige hinein, was auf Reparationsrechnung zwangsweise geliefert werden mu�. Diese Posten tragen zur Aktivierung der Handelsbilanz nichts bei, so betr�chtlich sie an Wert sein m�gen. Im Gegenteil, sie verschlechtern unsere Bilanz, denn soweit ausl�ndische Rohstoffe und ausl�ndische Arbeit direkt oder indirekt in ihnen kristallisiert sind, m�ssen sie erst mit teuren Kosten angeworben werden. Sehen wir also von dieser Art Ausfuhr ab, so f�llt zun�chst auf, da� bestimmte Industrien ihre Ausfuhr�bersch�sse verloren oder stark gemindert haben. Das gilt f�r bedeutsame Industrien landwirtschaftlicher Rohstoffverarbeitung, beispielsweise f�r die Zuckerindustrie, deren Ausfuhr fr�her mehrere hundert Millionen Goldmark einbrachte; es gilt ebenso f�r die Branntweinindustrie. Es gilt aber auch f�r die Kohlenausfuhr. In die gleiche Richtung wirkt das zollpolitische "Loch im Westen", das uns den Waren�berdruck der fremden M�rkte vielfach auf Schleichwegen in unser Land pumpt, deutsche Industrien, besonders im besetzten Gebiete, lahmlegt und uns mit einer Sorte Einfuhrwaren begl�ckt, die nach dem Stande unserer Verarmung besser drau�en blieben. Der Verlust von Industrien im abgetretenen Gebiet, die Materiallieferungen an die Entente auf Grund des Waffenstillstandes und des Friedens, die starke Besch�ftigung f�r den Aufbau der Eigenwirtschaft und der R�ckgang der Leistungen an Menge und G�te, die Stillegung mancher Betriebe bringen erhebliche Minderungen der �bersch�sse mit sich. Die Ausfuhrabgaben, die Kontrolle der Ausfuhr und die Un�bersichtlichkeit der fremden Absatzgebiete infolge des Abbruches alter eingefahrener Wirtschaftsbeziehungen wirken in die gleiche Richtung. So weit die Ausfuhrf�higkeit der deutschen Industrie. Und nun die andere Seite: die A u f n a h m e f � h i g k e i t und A u f n a h m e w i l l i g k e i t des Auslandes! Hier sind Anreizmomente f�r den Bezug deutscher Produkte vorhanden: ihre Billigkeit, ihre G�te, ihre teilweise Monopolstellung. Aber lassen wir die Gegentendenzen nicht aus dem Auge. Der Krieg w�re f�r England verloren, wenn er nicht mit einer Zur�ckwerfung der deutschen Industrieausfuhr endigte. England hat im Kriege Zeit gehabt, unsere Auslandsm�rkte zu verw�sten, viele Neutrale haben sich auf den englischen und amerikanischen Lieferanten umgestellt, haben sich auf einzelnen Marktgebieten unabh�ngig gemacht. Die meisten L�nder haben ihre Z�lle erh�ht, manche L�nder haben zum Schutz ihrer eigenen Produktion zu sehr drastischen Abwehrmitteln gegen die fremde Einfuhr gegriffen. In den ehemals feindlichen L�ndern sorgt der mit Leidenschaft gesch�rte Nationalismus daf�r, da� der deutschen Ware die Wege weithin versperrt werden. Manche Rohstoffl�nder sind w�hrend des Krieges zur Verarbeitung �bergegangen und sp�ren geringe Neigung, ihre mit Opfern gro�gezogene Verarbeitungsindustrie durch Ausfuhr von Rohstoffen der fremden Konkurrenz auszusetzen. Die ganze Welt ist betr�chtlich �rmer geworden und hat ihren Verbrauch auf einen tieferen Durchschnittsstand setzen m�ssen. Die Erwerbslosenheere sind heute eine internationale Erscheinung und erschweren die R�ckhehr in die Bahnen des offenen, freien Welthandels, selbst wenn die ma�gebenden Kreise den Willen dazu h�tten. Die Neigung, nur solche Erzeugnisse auszuf�hren, in denen hochwertige Arbeit verk�rpert ist, hat starke Antriebe erhalten mit der Wirkung, da� unsere Waren, deren G�te und Art geradezu auf der stark konzentrierten Arbeit aufgebaut war, versch�rftem Wettbewerb begegnen. So ist es erkl�rlich, da� in der Ausfuhr verh�ltnism��ig starke Rohstoff- und Halbfabrikatposten anzutreffen sind. Die Gefahr lauert im Hintergrunde: ein Sinken unseres gewerblichen K�nnens, unserer Wirtschaftskraft dem Auslande gegen�ber, sinkende Lebenshaltung, sinkende Kultur, sinkende politische Bedeutung. Das scheint weit ausgeholt, ist aber drohender Ernst. Der R�ckfall auf vorwiegende Rohstoff- und Halbfabrikatausfuhr k�nnte uns auf ein enges kontinentales Dasein zur�ckwerfen. Man mu� die gro�en Linien ins Auge fassen, um diesem Pessimismus nicht zu erliegen. Gewi�, wir vertrauen auf die unversiegliche Lebenskraft unseres Volkes, auf seinen Unternehmungsmut, auf seine hohe Geistigkeit. Aber ein Faktor von ebenso gro�er Bedeutung ist die Herzlage Deutschlands inmitten des Kontinents. Wir sind die Durchfahrtsstra�e von Ost nach West, von der Atlantis zum Baltischen Meer; wir sind das Zwischenglied zwischen Westeuropa und dem Osten, das wirtschaftliche Glacis Englands und Amerikas, dessen industrielles Leben immer noch im Osten, zur Atlantis staut, und nicht im Westen! -- nach Mittel- und Osteuropa. Man hat im Ha� des Krieges und im Rausch des Sieges geglaubt, uns durch neue Handelswege, deren Linien um uns herum zu legen seien, aus dem gro�cn Zuge des internationalen Verkehrs auskapseln zu k�nnen, ein Versuch, der keine geringere Bedeutung hat, als uns wirtschaftspolitisch aus der Herzlage Europas an seinen Rand zu dr�ngen. Aber beim Versuch ist es geblieben. Wenn der Osten wieder f�r ruhige wirtschaftliche Entwicklung Sinn und Zeit hat -- und das wird auch einmal wieder der Fall sein --, dann ist Deutschland das Mittelst�ck Europas; und die vollen Vorteile dieser Lage werden ihm zugute kommen u n t e r d e r V o r a u s s e t z u n g, da� es sich nicht selbst ausschaltet und da� es politisch selbst�ndig bleibt. Der industrielle Bedarf von Ost und S�dost st��t irgendwie immer zun�chst auf uns, und den Valuten jener L�nder gegen�ber sind wir trotz aller Hemmungen anderer Art leistungsf�higer als die valutastarken Industriel�nder. Hier im Osten und S�dosten erschlie�en sich unserer wirtschaftlichen Pioniert�tigkeit neue Kontinente, reiche Rohstoffgebiete. Wenn sie mit Vernunft und in weitherziger Ber�cksichtigung der Interessen jener L�nder und V�lker selbst ausgebaut werden, so er�ffnet sich eine neue Zukunft f�r die deutsche Wirtschaft. F�r die Richtigkeit dieser Erw�gungen spricht die Tatsache, da� fremde Kapitalien in gro�em Umfange die deutsche Industrie befruchten, zeigt das handelspolitische Interesse, das allenthalben in der Welt f�r unsere Wirtschaft besteht. Sorgen wir daf�r, da� dieses Interesse kein Interesse der "Pleitegeier" an der Ausschlachtung eines alten soliden, ehemals bl�henden Handelshauses wird! Das ist nur dann m�glich, wenn wir alle Kr�fte anspannen, die politische Freiheit und die Einheit des Reiches zu bewahren. Wenn das Mittel dazu die angestrengte Arbeit des ganzen Volkes ist, gut! so m�ssen wir sie auf uns nehmen. Vor dem Kriege war es die freie, gesunde Kraft eines stark wachsenden Volkes, wagender Kaufleute und Unternehmer, die uns den Weg in die Weltwirtschaft gehen hie�; heute ist es der Kampf um Freiheit und Einheit! Dieser Weg hat gewi� seine Gefahren. Die Hoffnung der Entente auf bare Zahlungen und Naturalleistungen hat uns wider alle wirtschaftliche Vernunft in die Kette der Diktate geschlagen. Heute zeigen sich die Folgen: Wenn wir zahlen wollen, m�ssen wir erst verdienen; wenn wir aber verdienen wollen, m�ssen wir erst die fremden M�rkte aufsuchen. Unsere Ausfuhr aber und die Devisenaufk�ufe zum Zwecke der Zahlung beginnen heute schon, unseren Gegnern empfindliche Wirtschaftsst�rungen zu bereiten. Da taucht die Sphinx der Zukunft auf: Die Entente hat in Hinsicht auf das Friedensdiktat ein zweiseitiges Interesse: ein Gl�ubigerinteresse und ein Produzenteninteresse. Diese beiden Interessen stehen in Widerspruch. Beispielsweise: Wenn wir die im Friedensvertrag auferlegten 200 000 Tonnen Schiffsraum f�r England bauen, dann liegen die englischen Werften still, und die Arbeitskr�fte m�ssen entlassen werden. Wenn wir die zwangsweise Kohlenlieferung durchf�hren, dann feiert der englische Bergarbeiter, oder er streikt, weil der R�ckgang der Kohlenpreise die englischen Bergherren zwingt, die L�hne zu senken. Diese Gegens�tze sind heute klar herausgearbeitet. Man fa�t sie nur nicht grunds�tzlich an, sondern versucht mit einer Politik der kleinen Mittel sich an ihnen vorbeizudr�cken. Eines Tages aber wird die H�rte der Gegens�tze ihre L�sung verlangen. Entweder man saugt uns aus durch bare Zahlungen, dann m�ssen wir die M�rkte mit allen Mitteln erobern und das feindliche Produzenteninteresse sch�digen; oder man verwehrt uns die M�rkte, dann k�nnen wir nicht zahlen, und das feindliche Gl�ubigerinteresse ist getroffen. Auf diesem Punkte laufen sich die Diktate tot an den wirtschaftlich unausweichbaren Zusammenh�ngen. Was soll dann geschehen? Das st�rkere Gl�ubigerinteresse liegt bei Frankreich, das den geringeren Industrialismus und den st�rksten Anteil an unseren Zwangszahlungen (52%) hat; das st�rkere Produzenteninteresse liegt bei England, das den gesteigerten Industrialismus und den geringeren Anteil (22%) an unseren baren Leistungen hat. Welches Interesse wird durchdringen, das franz�sische Gl�ubiger- (Rentner-) Interesse oder das englische Produzenten- (Arbeiter-) Interesse? Hier er�ffnen sich Entscheidungen, die f�r unser Schicksal unerh�rt wichtig sind. Zu einem Teil haben wir es in der Hand, sie zu beeinflussen. Unser Interesse kann nicht mit Frankreich gehen, solange Frankreich in uns ein Beutest�ck sieht, eine politische Masse, deren Liquidation nicht brutal genug betrieben werden kann. Wir stehen wieder an dem Kreuzungspunkt -- nur mit viel schlechterem Einsatz --, an dem wir schon einmal standen, den wir damals aber in seiner Tragweite nicht gen�gend begriffen: vor der Steuerung des Kurses ins englisch-deutsche Einvernehmen, oder -- auf noch weiteren Aspekt gestellt -- vor der Steuerung des Kurses in das anglos�chsisch-deutsche Einvernehmen. Oder welcher andere Weg sollte noch offen sein? Auf die russische Karte jetzt schon zu setzen, erscheint verfr�ht; au�erdem kann bei unserer Kapitalschw�che und der starken Interessierung der anglos�chsischen Wirtschaftsmacht an Ru�land diese russische Karte nur im Rahmen einer deutsch-anglos�chsischen Verst�ndigung geschlagen werden. Verschiedentlich mu�ten wir darauf hinweisen, da� unsere politische Freiheit in den schmalen Resten, in denen sie �berhaupt noch besteht, auf der Schneide der Erf�llung von Diktaten steht. Diese Erf�llung aber ist ein fiskalisches Problem, eine Frage des Steueraufkommens des ganzen Volkes. Die Steuerleistung aber ist letzten Endes eine Frage der Wirtschaftskraft. Das Elend der deutschen Wirtschaft aber spiegelt sich im Elend der deutschen Finanzen. Das Elend der Finanzen ist nun nicht erst eine Erscheinung von heute; seit 1876 hat das Reich so ziemlich fortw�hrend in Finanzverlegenheiten gelebt. Ein Hauptgrund daf�r war der Aufbau des Reichsfinanzwesens und hier besonders die Verteilung der Steuerkompetenzen zwischen Reich und Bundesstaaten. Das Reich hat eine Steuerdom�ne, die fast ausschlie�lich aus indirekten Abgaben und aus Z�llen bestand. Die direkten Steuern, das R�ckgrat jeder gesunden Finanzwirtschaft, lagen unter Verschlu� der Einzelstaaten und wurden von ihnen eifers�chtig geh�tet. Die Eink�nfte des Reiches aus Betriebsverwaltungen waren recht geringf�gig im Verh�ltnis zu dem, was die gro�en Bundesstaaten aus ihrem Staatsbesitz zogen. Das war eine verh�ngnisvolle Fehlkonstruktion der Reichsfinanzen. Im Frieden war sie deswegen noch ertr�glich, weil das Reich doch bekam, was es brauchte, nur sehr umst�ndlich, unter gro�er Erregung der �ffentlichen Meinung und nicht immer sehr zweckm��ig. Die v e r h e e r e n d e Wirkung dieser Fehlkonstruktion zeigte erst der Krieg. Die Folge der Verteilung der Steuerkompetenzen nach der alten Reichsverfassung war die, da� das R e i c h, der Tr�ger der H a u p t l a s t des Krieges, die d � r f t i g s t e n und r � c k l � u f i g s t e n E i n n a h m e q u e l l e n besa�, w�hrend die Bundesstaaten, die die Last des Krieges ja gar nicht zu tragen hatten, die ertragreichsten und stabilsten Steuerquellen unter Verschlu� hatten. Die Abneigung, eine entschlossene starke Kriegssteuerpolitik nach englischem Muster einzurichten, lie� nur den einen Ausweg: den Krieg mit S c h u l d e n zu f�hren. Was an Kriegssteuern dann seit 1916 kam, kam zu sp�t und zu zaghaft. Man rechnete im Grunde immer nur mit dem siegreichen Ausgang des Krieges, wollte auch die Durchhaltestimmung im Volke nicht gef�hrden, f�rchtete sich vor dem Wachwerden alter Parteigegens�tze; kurz und gut, man finanzierte den Krieg mit Schulden. Das Resultat war: steigende Schulden des Reiches, steigende Inflation, sinkende Wechselkurse, steigende L�hne und Warenpreise, steigende Kosten der Kriegsf�hrung, steigende Reichsverschuldung, neues Sinken der Wechselkurse, neues Steigen der L�hne und Warenpreise und so fort. Eine Schraube ohne Ende, oder vielmehr eine Schraube mit einem sehr dicken Ende: Reichs�berschuldung, Wohlstandsvernichtung breitester Kreise, goldene Zeit f�r alle Schieber, schwerste Not in breitesten Kreisen, Versch�rfung der sozialen Gegens�tze, schleichende Enteignung gerade der Kreise, die vor und im Kriege dem Staate Kredit gegeben hatten. Eine beispiellose Umschichtung der Verm�gen ist vor sich gegangen, und die staatliche Finanzpolitik hat ihr ebensowenig wie die Wuchergesetzgebung zu steuern vermocht. Zur Verdeutlichung des Bildes seien einige Zahlen angegeben. Die Reichsschuld betrug vor dem Kriege 5,4 Milliarden Mark; sie bezifferte sich September 1918 auf 133,4 Milliarden, September 1919 170,9 Milliarden, September 1920 283,7 Milliarden. Die schwebende Schuld des Reiches betrug am 31. Juli 1914 300 Millionen Mark Schatzanweisungen; sie stieg bis Dezember 1918 auf 55,1 Milliarden und endete am 30. Juni 1921 mit 214,2 Milliarden. Der Umlauf an Banknoten gravitierte vor dem Kriege um 1,5 Milliarden, dazu kamen vergleichsweise geringe Betr�ge an umlaufenden Reichskassenscheinen. Der Umlauf an Noten betrug nach dem Ausweis vom 11. August 1921 77,6547 Milliarden; zu dieser ungeheueren Papierzettelschuld kommt noch ein Umlauf an Darlehenskassenscheinen von rund 8,22 Milliarden. Da� zur selben Zeit der Wert des deutschen Geldes gegen�ber dem ausl�ndischen vollvaluten Geld ins Abgrundtiefe gest�rzt ist, ist nicht verwunderlich. W�hrend vor dem Kriege 100 holl�ndische Gulden rund 169 Mark kosteten, kosteten sie am 12. August 1921 rund 2560 Mark[1]. Diese Zahlen gen�gen zur Illustration. Sie erhalten erst ihr volles Relief, wenn man die Zwangsleistungen an die Entente noch hinzurechnet. [1] Seit Abschlu� des Aufsatzes haben sich die Verh�ltnisse wesentlich ung�nstiger entwickelt. Der Guldenkurs steht im Dezember 1921 nahe an 7000, der Umlauf an Geldzeichen hat die hundertste Milliarde l�ngst hinter sich gelassen! Das ist die Sachlage, der sich der Fiskus gegen�bersah. Sie erforderte Finanzreformen allergr��ten Stiles. Wir befinden uns seit Kriegsende zwar fortw�hrend in den Reformen, aber deutlich heben sich zwei gewaltige Reformperioden heraus: die grundlegende, heute abgeschlossene Reform von 1919 bis 1920, und die zweite Reformetappe, deren Vorbereitung und Anf�nge eben sichtbar werden. Was bedeutet die Reform von 1919/20? Sie schafft einen fiskalischen Unitarismus, der in seinen politischen Folgen gemildert wird durch Artikel 8 der Reichsverfassung; dieser verpflichtet das Reich, auf die Lebensf�higkeit der L�nder R�cksicht zu nehmen. Sie schafft eine einheitliche Reichssteuerverwaltung, sie gibt einheitliche Richtlinien der Steuerveranlagung und -erhebung, deren Zweck es ist, die "Steuerinseln" zu beseitigen und dadurch dem Grundsatz der steuerlichen Gerechtigkeit zu dienen. Sie gibt dem Reiche das Gesamtsystem der ertragreichen und anpassungsf�higen direkten Steuern. Sie l��t den L�ndern und Gemeinden einige Ertragssteuern und beteiligt sie im �brigen mit bestimmten Anteilen am Ertrag der Reichseinkommensteuer, der Reichserbschaftssteuer, der Umsatzsteuer, der K�rperschaftssteuer und der Grunderwerbssteuer. Entsprechend diesem Eingriff des Reiches in alte Steuerrechte von L�ndern und Gemeinden entlastete es die L�nder und Gemeinden durch �bernahme betr�chtlicher Schuldverpflichtungen auf sich selbst. Es geh�rt zu den wesentlichen Verdiensten dieser Reformperiode, da� das alte Bismarcksche Projekt der Reichseisenbahnen nun verwirklicht wurde. Man mag zu den Einzelheiten dieser Reform stehen wie man will: das ganze Reformwerk ist eine ungeheuere Leistung, deren volle Segnung erst erkennbar wird, wenn unsere Wirtschaftslage sich einigerma�en erleichtert. Dr. Respondek stellt sie in seinem Buche "Die Reichsfinanzen auf Grund der Reform von 1920" sogar in Parallele zu der Stein-Hardenbergschen Reform. Ob diese Parallele treffend ist, mu� die Zukunft zeigen. Versenken wir uns einen Augenblick in die Haushaltsrechnung des Jahres 1920! Der "Ist-Etat" des Reiches zeigte beim Abschlu� des Rechnungsjahres (31. M�rz 1921) folgendes Bild: Die Reichseinnahmen aus Steuern, Abgaben, Geb�hren, Z�llen bezifferten sich auf 27,7 Milliarden. Die Ausgaben, betrugen netto 73,7 Milliarden. Dazu treten an Schuldzinsen des Reiches 10,4 Milliarden, an Zusch�ssen des Reiches in den Betriebsverwaltungen (Reichseisenbahn, Reichspost), 18,2 Milliarden. Mithin Totalausgabe 102,6 Milliarden. Die Differenz zwischen Ausgaben und Einnahmen, 74,9 Milliarden, mu�te demnach auf neue Schulden genommen werden. Die schwebende Schuld wuchs auf 184,127 Milliarden an. Der Voranschlag f�r 1921 zeigt folgende Ziffern: Einnahmen 46,9 Milliarden, einmalige Ausgaben 1,368 Milliarden, fortdauernde Ausgaben 45,579 Milliarden. Dazu kam ein Nachtragsetat von 1,5 Milliarden. Es balanciert also der ordentliche Etat mit 48,459 Milliarden auf der Einnahme- und Ausgabeseite. Daneben au�erordentliche Ausgaben: 59,68 Milliarden; von diesen ungedeckt und auf schwebende Schulden zu nehmen: 49,18 Milliarden. In dieser Summe von 59,68 Milliarden stecken nach Voranschlag rund 18,8 Milliarden Zusch�sse f�r Betriebsverwaltungen (Eisenbahn, Post). In den erw�hnten Summen des ordentlichen Etats sind noch keine Aufwendungen f�r Reparationen eingeschlossen; ihre Gesamtsumme wurde bei der Beratung in der Kommission des Reichstages mit 53 Papiermilliarden j�hrlich veranschlagt. Ein schwankender Posten von hohem Belauf sind die Besatzungskosten; sie sind mit 8,5 Milliarden angesetzt. Alles in allem ist der heute errechenbare Fehlbetrag 110 Milliarden Mark. Der erschreckende Zug ist das Anwachsen der schwebenden Schuld. Das Reich kontrahiert sie in Gestalt von Schatzanweisungen, die an die Reichsbank begeben werden; diese schie�t dem Reiche daf�r Noten vor. Mit Noten bezahlt das Reich seine Verpflichtungen an Schuldzinsen, an Geh�ltern, L�hnen usw.; diese Noten kommen also als zus�tzliche nominelle Kaufkraft in den Verkehr, nicht weil der Verkehr sie verlangt, sondern weil das Reich zahlen soll und ungen�gende Eink�nfte hat. So senken sie den Geldwert, steigern die Preise und L�hne, dr�cken die Valuta und f�hren alle die Risiken, Gefahren und Hemmungen des Wirtschaftslebens mit herauf, die sich an solche W�hrungszust�nde anzuschlie�en pflegen. Diese Sachverhalte lassen eines ganz deutlich werden: die Notwendigkeit n e u e r R e f o r m e n. Das erste und urspr�ngliche Problem ist dieses: Wie bringen wir laufende Einnahmen und laufende Ausgaben zur Deckung? Die weitere Frage ist: Wie bringen wir die Reparationssummen auf? Und die dritte Frage lautet: Wie st�rken und stabilisieren wir unseren Geldwert? Wenn man diese Probleme an den oben entwickelten Zahlen mi�t, sp�rt man Neigung, zu glauben, es bandele sich um die Quadratur des Zirkels. Breite Str�mungen im Volke, und was viel mehr besagen will, ernste sachverst�ndige Kreise glauben nicht an die M�glichkeit, diesen furchtbaren Anforderungen gerecht zu werden. Grunds�tzlich ist zu sagen, da� alles v e r s u c h t werden mu�, unseren Verpflichtungen nach au�en und nach innen nachzukommen und die Reichsfinanzwirtschaft zu sanieren. Die Gef�hrlichkeit der Aufgabe versteht an folgendem Beispiel auch der Laie. Das Reich k�nnte hohe Milliardenausgaben sparen, wenn es die Lebensmittelzusch�sse beseitigte, wenn es die Zusch�sse zu den Betriebsverwaltungen aufhebt, wenn es h�here Kohlenpreise durch Erh�hung der Kohlensteuer veranla�t. Aber was ist die Wirkung? In all diesen F�llen gewinnt das Reich auf der einen Seite als F i s k u s, was es als B e t r i e b s v e r w a l t u n g und als Lohn- und Gehaltszahler wiederum wenigstens zum gro�en Teile drauflegen mu�. Das ist der Punkt, an welchem sich zeigt, da� mit den �blichen Mitteln der Steuererh�hung schlechterdings nicht mehr durchzukommen ist. Mit dieser Erkenntnis sind die Voraussetzungen der zweiten gro�en Reformetappe gegeben. Ihre ma�gebenden Gesichtspunkte sind, soweit sich das bisher beurteilen l��t, die folgenden: Zun�chst Entlastung des Reiches von bestimmten Aufwendungen des au�erordentlichen Haushaltes; dahin rechnen die Zusch�sse zur Verbilligung der Lebensmittel (8,6 Milliarden), zu den Betriebsverwaltungen (18,8 Milliarden), f�r den Bau von Bergmannswohnungen (1,5 Milliarden), eventuell f�r Erwerbslosenunterst�tzung (1,3 Milliarden). Weiterhin eine Reform der Einkommensteuer und die Veredelung des Notopfers in eine drei zu drei Jahren zu erhebende Verm�genszuwachssteuer; die Erh�hung einer Anzahl indirekter Abgaben und Z�lle liegt auf der Linie alter steuerlicher Methoden. Neu ist der Gedanke, die Unterschiede zwischen Auslands- und Inlandspreisen durch ein Erh�hung der Kohlensteuer zu erfassen; neu -- wenigstens f�r die deutsche Finazgeschichte -- der Gedanke, das Reich durch eine Art Genu�schein an den werbenden Sachwerten der Nation mit zu beteiligen. Dieser Vorschlag einer direkten Wirtschaftsbeteiligung des Reiches hat vieles f�r sich. Die papierene Bl�te unserer Wirtschaft h�ngt eng mit der Finanznot des Reiches zusammen. Die Erzeugung l�dt in weitem Umfange auf die Preise ab, was sie an Lasten zu tragen hat. Das Reich wird von diesen Preissteigerungen, deren wichtigste Ursache seine Schuldenwirtschaft ist, in gr��tem Stile mit betroffen. Es half sich bisher durch neue Schuldaufnahmen und neue Steuern, aber immer liefen die Preise voraus, hinkte der Fiskus nach. Die Schw�che des Fiskus und die relative St�rke der Wirtschaft stehen in gef�hrlicher Wechselbeziehung. Ganz zutreffend kennzeichnet die "Frankfurter Zeitung" (Nr. 604 vom 16. August 1921) die Lage: Mittelstand und Festbesoldete k�nnen durch keine nach der Leistungsf�higkeit abgestufte Steueraktion so schwer gesch�digt werden wie durch eine unzureichende Reform. Das gilt in hohem Ma�e auch f�r Handel und Industrie. Unsere Wirtschaftskreise sollten heute, so paradox es klingt, vor zu hoher Steuerbelastung weniger besorgt sein als vor zu geringer. Denn auf die Dauer wird die Notenpresse sie immer noch unbarmherziger ausquetschen als die Steuerschraube. Das Reich ist eben heute kein au�erhalb der Wirtschaft stehender "Zweckverband" mehr, an den geringe Summen abgef�hrt werden, damit er seine begrenzten Funktionen erf�lle, sondern das Reich ist heute mit der Wirtschaft zu einem dichten einheitlichen K�rper verwachsen. Gibt man ihm nicht, was es braucht, so zerst�ren seine Notauswege langsam aber sicher das Leben der Nation. So ist es verst�ndlich, da� das Reichswirtschaftsministerium sich grunds�tzlich zum Steuerprogramm und zu den Reparationslasten �u�erte. Nach den Angaben in der oben zitierten Nummer der "Frankfurter Zeitung" betont eine neue Denkschrift des Reichswirtschaftsministeriums vor allem die Notwendigkeit eines Gesamtprogramms, das die Reparationsleistungen und ihre Aufbringung durch Ausfuhr�bersch�sse und Devisenk�ufe mit dem Ziel der Kr�ftigung der Wirtschaft durch h�chste Rationalisierung, mit der inneren Finanzierung der Reparationslasten und mit den notwendigen sozialpolitischen �bergangsma�nahmen in organische Verbindung bringt. Das wirtschaftspolitische Ziel sei die Aktivierung der Handelsbilanz, die Beschr�nkung der Einfuhr an allem Entbehrlichen, die Hereinholung der vollen Gegenwerte der Ausfuhr durch Einstellung der wirklichen volkswirtschaftlichen Selbstkosten, die Beseitigung der Reichszusch�sse, der Abbau der Zwangswirtschaft, die Tiefhaltung der Preise auf dem Kohlen- und Wohnungsmarkt. Damit w�rden die m�helosen Zwischengewinne verschwinden, die deutsche Wirtschaft w�rde auf dem Weltmarkt wettbewerbsf�hig; h�chste Wirtschaftsleistungen, h�chste Erzeugung und h�chstwertige Ausfuhr w�rden gesichert. Die Umsatzsteuer, die Erh�hung der Z�lle und eine Aufwandssteuer w�rden den entbehrlichen Verbrauch beschr�nken; die Zwischengewinne, die bei der Anpassung an den Weltmarktpreis abfallen, k�nnten f�r die Zwecke der Reparation erfa�t werden. Die �bergangszeit erfordere sozialpolitische Ma�nahmen: Planm��ige produktive Verwendung der erwerbslosen und freiwerdenden Arbeitskr�fte f�r den Ausbau der Verkehrsmittel, der Wasserkr�fte und f�r die Erfordernisse des Baumarktes. Die Denkschrift untersucht im weiteren die Frage, ob das Reich, n�tigenfalls zum Zwecke der Verpf�ndung an das Ausland, die Substanz der Sachwerte erfassen soll. Der Ausbau des Notopfers k�nnte den Fehlbetrag im Etat nicht decken. Die Erfassung der Substanzwerte in der Wirtschaft erscheine deswegen zweckm��ig, weil sie tragkr�ftig, weniger fluchtf�hig und derart erfa�bar seien, da� das Betriebskapital nicht gef�hrdet werde. Notwendig sei die dinghafte Sicherung des Ertragsanteils und seine Kapitalisierung. Den Verfassern der Denkschrift schwebt eine Beteiligung des Reiches mit 20% der Substanzwerte der Wirtschaft vor, unter dinglicher Sicherung. Damit werde die Deckung der Fehlbetr�ge im Etat f�r de ersten Jahre erleichtert und eine Grundlage f�r Auslandskredite erzielt. So lange sollten die deutschen Sachwerte bei organisierter Beleihung den Fehlbetrag in der Goldbilanz des deutschen Au�enhandels decken, bis die deutsche Wirtschaft sie planm��ig durch erh�hte Sachleistungen auf dem Weltmarkte abdecken k�nne. Den Gesamtbetrag, den das Reich durch die �bernommenen Sachwerte f�r seine Zwecke verf�gbar machen k�nne, berechnet die Denkschrift auf 382 Papiermilliarden. Der Erfolg dieser Aktion w�re eine Minderung der Inflation infolge der Abl�sung der Grundschulden mit allen daran anschlie�enden g�nstigen Weiterwirkungen auf die Wechselkurse, die Preise und die L�hne; auch w�rde die Nachfrage des Reiches auf dem Devisenmarkte (f�r Reparationszahlungen) gemindert werden durch die M�glichkeit, auf der Basis der dem Reiche verpf�ndeten Verm�genssubstanz Auslandskredite zu erlangen. Ohne uns auf eine Kritik dieser Vorschl�ge im einzelnen einzulassen, sei nur so viel bemerkt: Wenn diese Ideen sich durchsetzen, dann ist eine Bahn beschritten, an deren Ende m�glicherweise die "Staatswirtschaft" steht. Oder um das vielgebrauchte, wenig eindeutige Wort zu nennen: die Sozalisierung. "Beim ersten sind wir frei, beim zweiten sind wir Knechte", das mu� all denen gesagt werden, die den vorgeschlagenen Weg der Reichswirtschaftsbeteiligung bejahen, aber nicht seine Folgen in den Kauf nehmen wollen. Die Dinge haben ihre eigene Logik, und hat man sie einmal zum Ausspielen ihrer Logik gebracht, dann haben sie Durchschlagskraft und Beharrung gen�gend gewonnen, ihren Weg selbst weiter zu suchen. Die Anh�nger der liberalen Wirtschaftsidee der wirtschaftlichen Freiheit der Privatinteressen, die diese Entwicklung der Dinge mit h�chstem Mi�trauen betrachten, �bersehen allzuleicht, da� auch in der f r e i e n Entwicklung der Wirtschaft Tendenzen sich herausgebildet haben, die auf "Wirtschaftsherrschaft" hinauslaufen und teilweise schon eine echte, von privaten Wirtschaftsgewalten ausge�bte Wirtschaftsherrschaft darstellen. Rathenau sprach ganz zutreffend von der Herausbildung "wirtschaftlicher Herzogt�mer", deren Leiter die ma�gebenden K�pfe der Industrie, der hohen Bankwelt und des Handels sind. Die B i n d u n g der alten "elementaren" und liberalen Wirtschaftswelt ist aus sozialen und weltwirtschaftspolitischen Gr�nden im Anzug. Der Proze� verst�rkt sich mit seinem eigenen Wachstum. Es fragt sich blo�, ob der Staat sich in tatenlosem Zusehen vor Tatsachen stellen lassen will, oder ob er eine Politik einschl�gt, deren grunds�tzliches Motiv de Wahrung von Allgemeininteressen ist. Bis jetzt steht die Sache so, da� die Wirtschaft in der organisierten und ins riesenhafte zusammengeballten Form den inneren G e i s t d e r f r e i e n K o n k u r r e n z w i r t s c h a f t, n�mlich die Abstellung auf private Interessen, beibehalten hat. Das Interesse des Staates und des Volkes in seiner Allgemeinheit ist meines Wissens noch von keinem der gewaltigen Wirtschaftskonzerne �ffentlich und grunds�tzlich als Richtschnur des Handelns anerkannt worden. Wir haben den Glauben verloren, da� das freie Schaltenlassen von Privatinteressen durch irgendeinen mystischen Zusammenhang "von selbst" zum Besten der Allgemeinheit und des Staates tendiere. Wir sehen die Gefahren f�r das politische und soziale Gemeinwesen zu deutlich, als da� wir diese Dinge getrost sich selbst �berlassen k�nnten. -- Aber was sollen wir tun, um die Dinge nicht sich selbst zu �berlassen, um sie herauszubringen aus dem Getriebe reiner Privatinteressen? Da erhebt sich die Stimme, die wir seit drei Jahren so ausgiebig geh�rt haben: man sozialisiere, man tue es bald und gr�ndlich! Wer genau zuh�rt, wird merken, da� dieser Ruf die innere Sicherheit und �berzeugungsw�rme stark verloren hat, die ihn noch vor zwei-drei Jahren auszeichnete. Das hat seine guten Gr�nde. Was St. Simon seinerzeit von England sagte, dieses Land mache zum Nutzen aller V�lker einen gewaltigen Versuch -- n�mlich den Versuch der freien industriellen Verkehrswirtschaft --, das k�nnen wir heute von Ru�land sagen: Dieses Land hat zur Lehre f�r alle V�lker ein gewaltiges Experiment angestellt, hat versucht, der marxistisch-soziaistischen Idee so, wie seine Wortf�hrer sie verstanden, den Leib der Wirklichkeit zu gehen. Der Versuch hat eine alte Wirtschafts- und Gesellschaftsverfassung in tausend Scherben geschlagen, hat eine neue aufgebaut, aber, wie sich mehr und mehr herausstellt, keine Verfassung idealer Erf�llung, sondern der Gewalt, des Schreckens, der Wirtschafts- und Kulturvernichtung, der Not und des Hungers. Vieles am Mi�erfolg ist auf spezifisch r u s s i s c h e Rechnung zu setzen: auf die mangelnde Industrialisierung des Landes, auf die schlechte Organisation der Verwaltung, auf die Unbildung des Volkes, auf die Weite der Landr�ume, auf die �bereilte Gewaltsamkeit des Prozesses, auf die Mi�achtung geistiger und sittlicher Vorbedingungen, auf die Direktion der Handlungen durch den toten Buchstaben des orthodoxen Marxismus unter Vergewaltigung aller Wirklichkeit. Vieles geht auf den verlorenen Krieg und auf die Absperrung des weiten Reiches vom Auslande zur�ck. Wenn wir das alles in geb�hrende Rechnung stellen, bleibt ein unbeglichener Rest: und er argumentiert g e g e n die Idee der Sozialisierung -- das Wort im strengen Sinne einer �berf�hrung aller Produktionsmittel in �ffentliche Hand unter Zentralisierung der Wirtschaftsverf�gung und Zuteilung der Wirtschaftsertr�ge verstanden. Sein Argument lautet: Die Aufgabe ist zu gro�, um bureaukratisch und zentralistisch gel�st zu werden; das Wirtschaftsleben ist zu vielgestaltig, um auf den Leisten von Verordnungen gespannt zu werden; es gibt zu viel nat�rliche Unberechenbarkeiten in den Grundbedingungen aller Wirtschaft, die sich den Paragraphen und noch mehr der Gewalt entziehen; und nicht zuletzt: der prim�re Wirtschaftsfaktor Mensch ist zu sehr -- Mensch, um jenes �u�erste an Pflichtgef�hl, Verantwortung und Arbeit, das eine ertragreiche Wirtschaft verlangt, aufzubringen, w e n n er nicht den Erfolg f � r s i c h s e l b s t unmittelbar sieht. Das eigene Interesse ist der st�rkste Hebel aller wirtschaftlichen Energien -- dieser Satz wurde vor 150 Jahren von Adam Smith ausgesprochen; er wird so lange gelten, wie Menschen Menschen sind. Nur die besondere Fassung, die Smith ihm gab, ist zu eng: dieses Eigeninteresse ist nicht notwendig das unmittelbare Eigeninteresse jedes einzelnen. Es kann auch weitergreifen, es kann St�nde, K�rperschaften, Selbstverwaltungsorganisationen erfassen. Es reicht so weit, wie gewertete und erlebte Gemeinschaft reicht. Es h�rt immer da auf, wo das Fremde anf�ngt, dasjenige, was der einzelne nicht als unmittelbar -- sei es beruflich, sei es standesm��ig, sei es familienm��ig oder freund-nachbarlich -- zu sich geh�rig empfindet. Aber schon in diesem Bereich finden sich leicht Abschw�chungen der Verantwortungsfredigkeit und des Pflichtgef�hls. Man wendet ein, der Z w a n g k�nne die Gemeinschaftsgesinnung ersetzen und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen erzielen. Das ist ein Irrtum. Zwang und Gewalt sind keine Bindungen von innen, sondern Grenzen von au�en. Ihre Reichweite ist beschr�nkt; wir sehen es am russischen Beispiel, wir erlebten es am eigenen Leibe in der Kriegswirtschaft. Eine Grenze von au�en bedeutet immcr gleichzeitig eine Pr�mie auf Grenz�berschreitung, und deren M�glichkeit ist immer gegeben. Sie unterh�hlt das ganze Gef�ge, w�hrend die klappernde M�hle von Verordnungen und Strafbestimmungen leeres Stroh drischt. Der radikale Vcrsuch, mit G e w a l t die sozialistische Gesellscafts- und Wirtshaftsidee durchzusetzen, f�hrt notwendig zur L�hmung der Wirtschaft durch Abdrosselung der Wirtschaftsenergien und zur Erstickung aller Initiative durch Bureaukratie. Pflichtgef�hl und Verantwortung f�r das Ganze h�ngen nicht an der Koppel du Polizeidieners. Mit dieser Ablehnung der allgemeinen und zentralistischen Sozialisierung ist das Sozialisierungsproblem jedoch nicht ersch�pft. Wir sahen bis jetzt nur seine Grenzen. Nur auf dem Boden einer Gemeinschaftsgesinnung ist Gemeinschaftswirtschaft m�glich. Diese Gemeinschaftsgesinnung aber kommt nicht von oben, durch Verordnung, sondern nur von unten, aus sittlichen Grundvorstellungen bei Gemeinsamkeit des Lebens und Erlebens. Wir sahen das andere: Sachliche Vorbedingungen sind unerl��lich; sie liegen aber von Gewerbe zu Gewerbe verschieden und sind selbst innerhalb der einzelnen Gewerbe mannigfach gelagert. Diese Verschiedenheit der sachlichen Vorbedingungen macht die Forderung der allgemeinen Sozialisierung zu einer unm�glichen, das hei�t nach aller vern�nftigen Erw�gung fehlschlagenden L�sung. Sie n�tigt uns, �ber die Herrschaft der Phrase und der wohlmeinenden, aber unverst�ndigen K�pfe hinauszukommen, den vern�nftigen Kern der Sozialisierungsidee zu retten vor ihren eigenen schlecht beratenen Freunden. Die ganze Sozialisierungsaktion l�st sich auf in eine F�lle von schwierigen Einzelproblemen. Die erste und zweite Sozialisierungskommission hat dieses Ergebnis gezeitigt und die Schwierigkeit der ganzen Frage ins hellste Licht ger�ckt. Sozialisierung ist aus einer marxistischen Verhei�ung und einem sozialistischen Dogma eine Organisationsfrage der Wirtschaft geworden. Heute ist man sich allenthalben dar�ber klar, da� unsere �u�eren und inneren Daseinsbedingungen jene Formen und jene Verfassung der Wirtschaft fordern, die technisch und wirtschaftlich die leistungsf�higsten sind. Damit taucht das Problem der wirtschaftlichen F o r m b i l d u n g auf. Es ist unbegreiflich, da� man drei kostbare Jahre hat verstreichen lassen, ohne durch organisatorische Versuche brauchbare Formen der Betriebsverfassung herauszufinden. Es macht einen k�mmerlichen Eindruck, zu sehen, wie festgerannt man auf diese oder jene Form der Arbeits- und Betriebsverfassung ist. Man �bersieht dabei, da� reiche Bauformen n�tig und zweckm��ig sind. Eine Wirtschaftsverfassung ist kein Milit�rrock, der auf jeden passen mu�. Die Formen der kapitalistischen Unternehmung sind sehr vielgestaltig, aber alle auf ihre Art zweckm��ig. Warum will man nicht Grundtypen gemeinwirtschaftlicher Unternehmungsform herauswachsen lassen? Wer nicht die bornierte Auffassung hat, es k�nne nur diese oder jene (nat�rlich gerade von ihm vertretene!) Form in Betracht kommen, wird zugeben, da� eine Vielgestalt der Verfassungen denkbar ist, die den gemeinwirtschaftlichen Anspr�chen gerecht wird ohne jene Energien zu ersticken, die auf dem Boden der Selbstverantwortung gedeihen. Das wird zumal derjenige zugeben, der in die inneren psychologischen Antriebe des Sozialisierungsverlangens geschaut hat. Woher stammt unsere Arbeiterbewegung, woher stammen ihre Wirtschaftsideale und Gesellschaftsanschauungen? Unzweifelhaft aus der Abwehr gegen die Arbeitsverfassung, die Arbeitsmethoden, die Ertragsverteilung und die gesellschaftliche Stellung der Handarbeit in unserer modernen Wirtschaft. Wer das nicht im Auge beh�lt, sieht das ganze Problem der Sozialisierung und des Sozialismus falsch. Skizzieren wie die Punkte, die die Arbeiterschaft veranlassen, die moderne Wirtschafts- und Gesellschaftsverfassung mit so ungeheurem Nachdruck abzulehnen. Die Arbeit ist im kapitalistischen Betrieb fremdbestimmte Arbeit an fremden Arbeitsmitteln, f�r fremden Ertrag, unter fremdem Kommando, gegen einen Lohn, der die Besitzlosigkeit des Arbeiters und damit seine erzwungene Einordnung in das kapitalistische Arbeitsverh�ltnis dauernd und erblich macht. Sie ist mechanisierte Teilarbeit, die keine Pers�nlichkeitswerte braucht und vertr�gt. Sie ist weiterhin Arbeit von Massen, und zwar von Betriebsmassen, wie auch Gro�stadtmassen. Die Arbeiterschaft als Ganzes stand gesellschaftlich und staatsb�rgerlich nicht in der Geltung und Achtung, die sie nach ihrer Bedeutung f�r Wirtschaft, Staat und Gesellschaft beanspruchen zu k�nnen glaubte. Zu diesen objektiv feststellbaren Quellen der Abneigung gegen die moderne Wirtschaftsverfassung kommen als weitere die spezifisch proletarischen, vom Marxismus formulierten und gen�hrten Klassen- und Wertgef�hle der Arbeiterschaft. Aus diesem Gesamtkomplex der Empfindungen und Anschauungen flo� die Sozialisierungsidee, der Zukunftsstaatgedanke, die bewu�te und gewollte Gettohaftigkeit des Proletariats in weltanschaulichen und sozialen Hinsichten. Der Grundgehalt des Widerstandes gegen den Kapitalismus war die Revolte des lebendigen Menschen dagegen, blo�es Mittel zu sein f�r privatwirtschaftliche Zwecke und f�r ein h�chstes Produktionsideal. Wer das bedenkt, sieht de notwendig zweiseitige L�sung des Sozialisierungsproblems. Die eine L�sung ist die wirkliche und wahrhaftige �berf�hrung dazu geeigneter Betriebe in de �ffentliche Hand oder in gemischtwirtschaftliche Betriebsform oder in Selbstverwaltungsk�rperschaften -- alle drei unter Anteilnahme und Mitbestimmung der Arbeiter; beziehungsweise die Beteiligung der Arbeiter an den Ertr�gen der Unternehmung in der einen oder anderen Form -- Kleinaktie, Gewinnbeteiligung, auch arbeitergenossenschaftliche F�hrung und �bernahme von Betrieben. Die andere L�sung des Sozialisierungsproblems ist unvermeidlich die: es mu� die Stellung des Arbeiters im Wirtschaftsproze� selbst ge�ndert werden. Er mu� Mitbestimmungsrecht in gewissem Rahmen haben; er mu� mit dem Betriebe enger verwachsen, als es bisher der Fall war; er mu� gegen die Konjunkturgefahren, gegen Betriebsunf�lle, gegen Alter und Invalidit�t, gegen Ausbeutung gesch�tzt werden. Die soziale und rechtliche Geltung der Arbeiterschaft mu� auf ihr richtiges Ma� gebracht werden. All das, damit er selbst lebendige Verantwortung f�r den Betrieb und Pflichtgef�hl der Arbeit gegen�ber aufbringen k�nne! Das ist nicht nur eine sozialpolitische Notwendigkeit, es ist vor allem ein wirtschaftspolitisches Erfordernis. Nur so wecken wir Verantwortung und Pflichtgef�hl, nur so durchdringen wir die Wirtschaft bis in de kleinsten Zellen mit diesen Eigenschaften. Ein gewichtiger Teil der Gesetzgebung hat sich seit der Revolution mit Reformen in dieser Richtung befa�t. Zun�chst die Reichsverfassung selbst. Sie stellt die Arbeitskraft unter den besonderen Schutz des Reiches. Sie gew�hrleistet das freie Vereinigungsrecht f�r jedermann, f�r alle Berufe. Sie verspricht ein einheitliches Arbeitsrecht und einen entschlossenen Ausbau der Sozialpolitik. Sie n�hert sich dem Gedanken des Rechtes auf Arbeit durch die Bestimmung, da� es jedem Deutschen erm�glicht werden solle, durch wirtschaftliche Arbeit seinen Unterhalt zu erwerben, und sichert f�r die Notf�lle der Arbeitslosigkeit den Unterhalt zu. Sie bringt allerdings auch zum Ausdruck, da� jeder Deutsche die sittliche Pflicht habe, seine geistigen und k�rperlichen Kr�fte f�r das Wohl der Gesamtheit einzusetzen. Konkreter werden die Bestimmungen der Verfassung hinsichtlich der Anerkennung der Gleichberechtigung von Arbeitern und Angestellten bei der Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen. Ein Aufbau von Betriebsr�ten und Bezirksr�ten, sowie einige auf Gemeinwirtschaft zielende Bestimmungen sind verfassungsrechtlich festgelegt. Diese verfassungsrechtlichen Ank�ndigungen haben teilweise bereits ihre Verwirklichung erlebt. Wir erw�hnen in diesem Zusammenhange das neue Recht der Tarifvertr�ge und der Schiedsgerichte, und vor allem das Betriebsr�tegesetz. Noch ehe die Reichsverfassung die Gedanken der Gemeinwirtschaft und die Richtlinien der sozialen Befriedung festlegte, hatten die Verb�nde der Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich zusammengefunden, um auf einer neuen Grundlage die kommenden Schwierigkeiten der Nachkriegszeit durch gemeinsame Vereinbarungen zu bew�ltigen. Schon im November 1918 erschien die sogenannte "Vereinbarung"; in ihr anerkennen die Vertreter der Arbeitgeberverb�nde die Gewerkschaften als berufene Vertretung der Arbeiterschaft, in ihr wird jede Beschr�nkung der Koalitionsfreiheit untersagt, und der Arbeitsfriede in Gestalt allgemeiner tarifvertraglicher Regelung, der Arbeitsaussch�sse, der Schlichtungs- und Einigungs�mter grundgelegt. Auf diese Vereinbarung erfolgte im Dezember 1918 die Errichtung der sogenannten Arbeitsgemeinschaften. Man hat diese Vereinbarung nicht mit Unrecht die Magna Charta der Arbeiterschaft im neuen Deutschland genannt. Sie verwirklicht gewerkschaftliche Forderungen, um die jahrzehntelang umsonst gek�mpft worden ist. Sie f�hrt Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverb�nde zusammen zu parit�tischer Entscheidung all der Fragen, die das Arbeitsverh�ltnis betreffen. Wenn auch heute schon feststellbar ist, das [sic] l�ngst nicht alle Bl�tentr�ume gereift sind, die an die Vereinbarung, die Arbeitsgemeinschaften und das Betriebsr�tegesetz anschlossen, so ist doch der eingeschlagene Weg g r u n d s � t z l i c h r i c h t i g und wird sicher nicht mehr aufgegeben werden f�r das zweifelhafte Linsenmus wilder Kampfauseinandersetzungen --, deren Last und Folgen w�rden auf beide Teile vernichtend zur�ckfallen. So k�nnen wir hoffen, nach Zeiten st�rkster sozialer Konflikte und Spannungen allm�hlich alte Gegens�tze abzubauen, den Weg zum sozialen Frieden zu finden. Was der Glanz der deutschen Macht, der Stolz auf das nach au�en einige Vaterland und der Schimmer blendenden Reichtums nicht vermochten, das wird, so hoffen wir, als ein Werk der deutschen N o t zustande kommen: die Einigung Deutschlands nicht nur nach Verfassungsparagraphen, sondern aus der Einheitsgesinnung und aus dem Einheitswillen des ganzen Volkes heraus! Wir brauchen brauchen diesen unbeirrbaren Einheitswillen, um als Volk und als Staat durch die trostlose Nacht des nationalen Ungl�cks hindurchzukommen. Wir sind nicht mehr Herren im Lande, weder staatsrechtlich -- das einzige Souver�nit�tsrecht, das der Friedensvertrag uns gelassen hat, ist nach den Worten van Calcers das Recht, Krieg zu erkl�ren; ein platonisches Recht f�r ein Volk, das man entwaffnet hat, und das nach allen Richtungen unter Kontrolle steht -- noch wirtschaftlich. Durch ungeheuere Verpflichtungen sind wir zum Lohnarbeitervolk geworden; die Last der Reparationen, die Ausgesch�pftheit unseres Wohlstandes n�tigen uns, die Betriebsmittel unserer Lohnarbeit sogar noch vom valutastarken Ausland uns erstellen zu lassen. Wir brauchen Aufbau- und Betriebskapitalien, unsere Kapitalbildungskraft ist minimal, und so droht uns die Gefahr, da� unsere Industriewerte vom ausl�ndischen Kapital "�berfremdet" werden. Milliardenbetr�ge an Mark, aufgenommen vom Ausland, str�men zur�ck; Milliardenbetr�ge an Schatzanweisungen, Obligationen und Industriewesen m�ssen ins Ausland verzinst werden. Der Dollar, das Pfund Sterling, der Gulden und der Frank bem�chtigen sich unserer Industriewerte, unserer H�user, unseres Grundbesitzes, unserer Vorr�te. Das ist ebenso schmerzlich wie unabwendbar; wir brauchen das fremde Kapital. Es kommt darauf an, es nicht der Menge nach, sondern seinem Macht- und Verwaltungsanspruch nach zu begrenzen oder, wie Professor Schumacher das neuerdings ausdr�ckte, es zu "entgiften", den Strom dieser Kapitalien zu regulieren. Gewi� w�re es w�nschenswert, wenn diese ausl�ndischen Kapitalien die wenigst bedenkliche Anlage in Deutschland w�hlen w�rden, wenn sie dem G r u n d b e s i t z zufl�ssen. Aber das ist wenig wahrscheinlich. Die Anlage, die sie suchen, und in der die meisten Gewinne locken sind eben die Industriewerte; und unsere Regulierung dieser Kapitalzuwanderung ist damit beschr�nkt auf das Aushilfsmittel der Vorzugsaktie. Im �brigen stehen wir dem Proze� so lange mit gebundenen H�nden gegen�ber, als die Reparationslast und die Steuern unsere Sparkraft l�hmen. Aufkauf unserer Werte durch das valutastarke Ausland -- Absch�pfung unserer Arbeitsertr�ge durch Steuern zu Zwecken der Reparation: das hei�t wirklich das Licht an zwei Enden anz�nden! Die Unhaltbarkeit dieser Sachlage anerkennen selbst f�hrende Wirtschaftspolitiker aus dem Ententelager. Unter ihnen erw�hnen wir Van der Lip und Keynes. Der Engl�nder Keynes, der in seinem bedeutungsvollen Buche �ber den Versailler Vertrag ein gro�es Ma� an ruhiger Vernunft bewies, �u�ert sich in neuerlichen Aufs�tzen in der "Industrie- und Handelszeitung" �ber die F�higkeit Deutschlands, die ihm aufgelegten Lasten zu tragen. Er kommt zu einem negativen Ergebnis. Er sieht im Londoner Diktat eine provisorische Abmachung, die schon im n�chsten Jahre ihre Unzul�nglichkeit zeigen werde. "An einem bestimmten Zeitpunkt, der zwischen Februar und August 1922 liegt, mu� Deutschland der unvermeidlichen Zahlungsunf�higkeit erliegen. Nur bis dahin reicht die Schonzeit, die gew�hrt wird." Diese Ansicht st�tzt Keynes auf eine Untersuchung der Handelsbilanz, des deutschen Staatshaushalts und des deutschen Volkseinkommens. Diese Darlegungen, deren sachliche Richtigkeit nicht bestritten werden kann, die h�chstens die eine Frage offen lassen, ob der von Keynes genannte Termin gerade der richtige ist, zeigen uns, in welch gef�hrlichem Fahrwasser das lecke Schiff der deutschen Wirtschaft schwimmt. Das Echo, das sie in England und Frankreich vielfach gefunden haben, beweist, wie machtvoll heute die Idee der Gewaltpolitik unter Abweisung aller Vernunftserw�gungen und aller sittlichen Begriffe in den K�pfen der Sieger herrscht. Man sieht nur Goldmilliarden, die mit dem Rechte Shylocks erpre�t werden m�ssen; aber man sieht nicht die Abgr�nde, die vor ihnen liegen. Die geistige und sittliche Einheit Europas ist vor dem nationalen Machtrausch und vor der Habgier der heute, zumal in Frankreich, f�hrenden Schichten ein Schrei in die W�ste. Gerechtigkeit in der Behandlung gro�er, wehrloser V�lker ein leerer Paradespruch f�r Bankette, das Drapeau, mit dem Gewalttat und Eroberungsgier zugedeckt werden. Der Geist Richelieus ist wieder lebendig geworden, am Rhein und im Osten; nur ruft er heute keine T�rken herbei, sondern Schwarze und Braune aus allen Himmelsstrichen und mobilisiert die slawische Welt gegen uns. Wir sind heute das ungedeckte Glacis des elementar gegen Europa vordringenden Slawentums. D�rfen wir hoffen, da� die unwiderlegliche Logik der Geschichte selbst die Einsichtslosigkeit beheben, den verbrecherischen �bermut d�mpfen wird? M�ssen die Trostlosigkeiten dauernder politischer Unruhen und chronischer wirtschaftlicher Verarmung erst die ganze Welt sch�tteln und ersch�ttern, ehe der Satz begriffen wird, da� kein Volk auf die Dauer davon leben kann, da� es das andere unter die F��e tritt und ausraubt! Wahrlich, wir haben unser gutes Gewissen wiederbekommen an all den Furchtbarkeiten und Greueln, die man uns seit dem Waffenstillstand zugef�gt hat. Mit diesem guten Gewissen haben wir die neue Pflicht f�r das gequ�lte und leidende Europa �bernommen, der Gerechtigkeit und der Ansicht breite Tore in uns und allen zu �ffnen, die in Europa und in der Welt noch guten Willens sind. Das sei im Dunkel der gegenw�rtigen Stunde unser Trost, da� wir nie zu so gro�er Mission gel�utert und berufen waren, wie wir heute sind!