CHRISTIAN MORGENSTERN
STUFEN
EINE ENTWICKELUNG IN APHORISMEN UND TAGEBUCH-NOTIZEN
[Illustration]
R PIPER & CO VERLAG M�NCHEN
1922
Zeichnung von Hans Wildermann frei nach einem Entwurf Christian
Morgensterns zu Seite 42: Bild meines Lebens.
Stil: Weltliche Periode (Nietzsche) beendet durch innere Krankheit.
Schale: �ffnung durch Johanneisches.
Blut: Erf�llung.
_'Nur wer sich wandelt,
bleibt mit mir verwandt.'_
AUTOBIOGRAPHISCHE NOTIZ
1913
Ich wurde am 6. Mai 1871 als einziges Kind des Landschaftsmalers Carl
Ernst Morgenstern (Sohnes des Landschaftsmalers Christian Morgenstern) und
seiner Ehefrau Charlotte Schertel (Tochter des Landschaftsmalers Josef
Schertel) in M�nchen geboren und erlebte in unserm gegen Nymphenburg zu
gelegenen -- aller Kunst und heiteren Geselligkeit ge�ffneten -- Hause mit
parkartigem Garten gl�ckliche, eindrucksreiche Kindheitsjahre. Meine
Eltern reisten viel, zuerst aus Lebenslust, dann aus R�cksicht auf ein
beginnendes Lungenleiden meiner Mutter, und nahmen mich schon von meinem
dritten oder vierten Jahre an �berallhin mit. Besonders ist mir eine lange
Reise durch Tirol, die Schweiz und das Elsa� in Erinnerung, die im
wesentlichen in einer von zwei unerm�dlichen Juckern gezogenen Kutsche
zur�ckgelegt wurde. Dazwischen und sp�ter waren es dann die (damals noch
l�ndlichen) bayerischen Seed�rfer Kochel, Murnau, Seefeld, Herrsching,
We�ling und noch sp�ter schlesische D�rfer am Zobten und im Vorland des
Riesengebirges, die dem sehr viel einsamen und stillfrohen Knaben
unvergeltbar Liebes erwiesen. Solch freundliches Los ward ihm zumal durch
die Lebensf�hrung des Vaters, der als freier Landschafter sowohl, wie
dann, als er an die Breslauer Kunstschule berufen worden war, Sommer um
Sommer ins Land hinauszog; wozu noch kam, da� er ihn, als eifriger J�ger,
bisweilen in seinen Jagdgebieten und Jagdquartieren mit sich hatte.
Diese Jahre waren grundlegend f�r ein Verh�ltnis zur Natur, das ihm sp�ter
die M�glichkeit gab, zeitweise v�llig in ihr aufzugehen.
Sie waren aber auch n�tig, denn bald nach seinem zehnten Jahre, in dem er
die Mutter verlor, begann der Ansturm feindlicher Gewalten von au�en wie
von innen. Was sich bisher, gehegt und verw�hnt, daheim und im Freien so
durchgespielt hatte -- mein Spielen bildet f�r mich ein eigenes sonniges
Kapitel -- zeigte sich dem �u�eren Leben, wie es vor allem in der Schule
herantrat, weniger gewachsen. Es war, als w�re das Leidenserbe der Mutter,
das doch erst zw�lf Jahre darauf zu wirklichem Kranksein f�hrte, schon
damals �bernommen worden; denn wenn auch mancher frische Aufschwung immer
wieder weiter trieb, so setzten doch mehr und mehr jene dumpfen Hemmungen
ein, die ihn wohl nicht h�tten so zu Jahren kommen lassen, wenn nicht
irgend etwas in ihm ebenso z�he f�r ihn gestritten und ihn �ber das
Schlimmste immer wieder von neuem hinweggebracht h�tte. Vielleicht war es
dieselbe Kraft, die, nachdem sie ihn auf dem physischen Plan verlassen
hatte, geistig fortan sein Leben begleitete und, was sie ihm leiblich
gleichsam nicht hatte geben k�nnen, ihm nun aus geistigen Welten heraus
mit einer Treue schenkte, die nicht ruhte, bis sie ihn nicht nur hoch ins
Leben hinein, sondern zugleich auf H�hen des Lebens hinauf den Weg hatte
finden sehen, auf denen der Tod seinen Stachel verloren und die Welt ihren
g�ttlichen Sinn wiedergewonnen hat.
Sie mag ihm auch den Jugend- und Lebensfreund zugef�hrt haben, _Friedrich
Kay�ler_, dem die Sammlung 'Auf vielen Wegen' (und wieviel anderes!) mit
dem Danke geh�rt: 'W�r der Begriff des Echten verloren / In Dir w�r er
wiedergeboren'.
In meinem 16. Jahre etwa wurde mir das erste Gl�ck philosophischer
Gespr�che. Schopenhauer, vor allem, auch schon die Lehre von der
Wiederverk�rperung traten in mein Leben ein. Es folgte, Anfang der
Zwanziger, Nietzsche, dessen suchende Seele mein eigentlicher Bildner und
die leidenschaftliche Liebe langer Jahre wurde. Die Aufgabe, Ibsens
Verswerke zu �bertragen, f�hrte mich 1898 nach Norwegen. Ich lernte Henrik
Ibsens teure Person kennen und durfte in den �bersetzungen von 'Brand' und
'Peer Gynt' mich innerlichst mit ihm verbinden.
Das Jahr 1901 sah mich �ber den 'Deutschen Schriften' Paul de Lagardes. Er
erschien mir -- Wagner war mir damals durch Nietzsche entfremdet -- als
der zweite ma�gebende Deutsche der letzten Jahrzehnte, wozu denn auch
stimmen mochte, da� sein gesamtes Volk seinen Weg ohne ihn gegangen war.
Noch sechs Jahre darauf schrieb ich in mein Taschenbuch:
Zu Niblum will ich begraben sein,
am Saum zwischen Marsch und Geest ...
Zu Niblum will ich mich rasten aus
von aller Gegenwart.
Und schreibt mir dort auf mein steinern Haus
nur den Namen und: 'Lest Lagarde!'
Ja, nur die zwei Dinge klein und gro�:
Diese Bitte und dann meinen Namen blo�.
Nur den Namen und: 'Lest Lagarde!'
Das Inselchen Mutterland dorten, nein,
das will ich nicht verschm�hn.
Holt mich doch dort bald die Nordsee heim
mit steilen, st�rzenden Seen --
das Muttermeer, die Mutterflut ...
o wie sich gut dann da drunten ruht,
tief fern von deutschem Geschehn!
Inzwischen war dem F�nfunddrei�igj�hrigen Entscheidendes geworden. Natur
und Mensch hatten sich ihm endg�ltig vergeistigt. Und als er eines Abends
wieder einmal das _Evangelium nach Johannes_ aufschlug, glaubte er es zum
ersten Male wirklich zu verstehen.
Die n�chsten Jahre -- des Austragens, Ausreifens, zu Ende Denkens --
�berstand er so, wie er sie �berstand, eigentlich nur, weil ihm Gesundheit
und Mittel fehlten, sich irgendwohin zur�ckzuziehen, wo er in v�lliger
Unbekanntheit seine Tage h�tte vollenden d�rfen. Er war doppelt geworden
und in der wunderlichen Verfassung, sich, sozusagen, gro� oder klein
schreiben zu k�nnen. (In 'Einkehr', 'Ich und Du' und einer Sammlung
Aufzeichnungen findet sich Einiges aus diesem Abschnitt.)
Er konnte in einem Kaffeehause sitzen und f�hlen: 'So von seinem
Marmortischchen aus, seine Tasse vor sich, zu betrachten, die da kommen
und gehen, sich setzen und sich unterhalten, und durch das m�chtige
Fenster die drau�en hin und her treiben zu sehen, wie Fischgewimmel hinter
der Glaswand eines gro�en Beh�lters, -- und dann und wann der Vorstellung
sich hinzugeben: Das bist Du! -- Und sie alle zu sehen, wie sie nicht
wissen, wer sie sind, wer da, als sie, mit SICH selber redet und wer sie
aus meinen Augen als SICH erkennt und aus ihren nur als sie!' ...
Und doch war solches Erkennen nur erst ein Oberfl�chen-Erkennen und darum
letzten Endes noch zur Unfruchtbarkeit verurteilt.
So kam das Jahr 1908 --
'Da traf ich Dich, in �rgster Not: den Andern!
Mit Dir vereint, gewann ich frischen Mut.
Von neuem hob ich an, mit Dir, zu wandern,
und siehe da: Das Schicksal war uns gut.
Wir fanden einen Pfad, der klar und einsam
empor sich zog, bis, wo ein Tempel stand.
Der Steig war steil, doch wagten wir's gemeinsam.
Und heut noch helfen wir uns, Hand in Hand.'
Der Andre war _Sie_, die mein Leben fortan teilte; der Pfad war der Weg
theosophisch-anthroposophischer Erkenntnisse, wie sie uns heute, in
einziger Weise, durch _Rudolf Steiner_ vermittelt werden.
In dieser Pers�nlichkeit lebt ein gro�er spiritueller Forscher 'ein ganz
dem Dienste der Wahrheit gewidmetes Leben' vor uns und f�r uns dar.
Vor ihm darf auch der Unabh�ngigste sich von neuem besinnen und
revidieren, vor ihm hat dies jedenfalls der getan, der immer am liebsten
dem Worte nachleben wollte: -- Vitam impendere vero.
IN ME IPSUM
_Was ist denn von au�en her �ber ein Leben zu sagen!
Gar nichts._
1891
Nicht im l�rmenden Kampf der Tage, auch nicht im Sturm einer gro�en Zeit,
aber nach Jahrtausenden stiller Arbeit, nach �onen ewig fortwirkenden
Webens -- dann werden die Menschen gut werden.
O, wer diesen Glauben, der mir Gewi�heit ist, in allen Augenblicken seines
Strebens im Herzen lebendig f�hlte, er w�rde gl�cklich sein.
* * * * *
Mein einziges Gebet ist das um Vertiefung. Durch sie allein kann ich
wieder zu Gott gelangen. Vertiefung! Vertiefung!
1892
Ich bin ein Studienkopf, den der Sch�pfer einst fl�chtig skizzierte, als
ihm ein K�nstlerportr�t im Sinne lag.
1894
Ich m�chte nicht leben, wenn Ich nicht lebte.
* * * * *
Vor einer Menschenmenge: Ich sehe pl�tzlich die Gedanken dieses Volks wie
eine dicke schwarze Wolke �ber ihm. Eine Wolke voll Tr�nen und Blitzen.
* * * * *
�ber all meinen Werken soll es wie ein gro�es Verstehen liegen -- und
davon werden viele gl�cklich werden.
1895
Mir ist mein ganzes Leben zu Mut, als ginge mein Weg oft an der Hecke des
Paradieses vorbei. Dann streift mich warmer Hauch, dann mein' ich, Rosen
zu sehn und zu atmen, ein s��er Ton r�hrt mich zu Tr�nen, auf der Stirn
liegt es mir wie eine liebe, friedegebende Hand -- sekundenlang. So
streife ich oft vorbei an der Hecke des Paradieses ...
* * * * *
O tiefe Liebe, die mich zu allem beseelt.
* * * * *
M�chte gern noch oft erwachen, stets als gro�er K�nstler.
1896
In Arco:
Ich d�nkte mich einer jener alten blonden Germanen, die hier einst mit
Herrscherschritt durch die Stra�en wanderten.
* * * * *
Ich sehe auf mich selbst zur�ck. Unz�hlige Gestalten huschen schemenhaft
an mir vor�ber.
* * * * *
Ausgraben will ich meiner Seele Schacht.
* * * * *
Da� ich nie in meinem Leben eine Schwester gehabt habe! Kein fremdes Weib
kann dem Bruder ein solches Verh�ltnis ersetzen.
* * * * *
Man lasse sich durch meine Ironie nicht irref�hren. Meine Ironie ist naiv
wie mein Pathos. Ich vermag Unglaubliches ironisch zu sagen, ohne eine
Spur von frivoler Empfindung ..., ja vielleicht schrieb ich es mit
ernsthaftester Miene, ohne ein andres Lachen als das eines in sich
heiteren unbewegten Geistes.
* * * * *
Traum
Ich fange das Raubvogelgesindel meiner h��lichen Gedanken und brate sie am
Spie�, der �ber einem Feuer sich dreht. Ach, vergebens.
* * * * *
Nach einer Zoten-Posse
Je �lter ich werde, einen desto tieferen, bittreren, inbr�nstigeren
Widerwillen empfinde ich gegen die Zote. Weniger gegen die, welche etwa
von Mann zu Mann kursiert, obschon ich auch sie vollst�ndig entbehren
k�nnte, als gegen die �ffentliche Zote von der B�hne herab. Wenn pl�tzlich
Hunderte versammelter Menschen jede Scham voreinander verlieren und in
wiehernder Freude �ber eine nicht mi�zuverstehende Andeutung
�bereinstimmen, dann sinkt mir der Mensch unter das Tier und ein
schmerzlicher Unwille zieht mir das Herz zusammen.
Ich habe doch f�r vieles Leichtsinn und nicht zum mindesten f�r die Liebe
jeglicher Art, aber vor der berechneten Zote vergeht mir aller �bermut. Da
schaue ich nur in einen Abgrund von Gemeinheit und H��lichkeit. Wir jungen
M�nner, die wir etwas auf uns halten, sollten jenen Auff�hrungen
beizuwohnen nicht als uns angemessen erachten und am wenigsten Weiber, die
wir ehren, mit uns in jene niedrige und widerw�rtige Sph�re hinabziehen.
* * * * *
Mein Skeptizismus ist vielleicht gerade das Charakteristische des
philosophischen Dilettanten. Der philosophische Dilettant ist immer
schnell am Ende aller Dinge, weil er nur die Ergebnisse der bereits
gewonnenen Erkenntnis im Auge hat, ohne die Wege zu gehen, ja oft auch nur
zu kennen, auf denen jene erreicht worden sind.
* * * * *
Jedes Jahr habe ich mindestens Eine Periode f�rchterlichsten Zweifels an
mir selbst. Dann lebe ich mit best�ndigen Todesgedanken.
1897
Die Sehnsucht meines Lebens ist eine oft �berm�chtige Sehnsucht nach
praktischem Schaffen im Gro�en. Plastik w�re (und Architektur) mein
h�chster Fall. Meine h�chste Liebe galt immer dem Gegenst�ndlichen, der
Linie, der Farbe, dem Ton an sich. Schon er allein vermochte mich zu
entz�cken, wievielmehr erst seine organischen Verbindungen.
* * * * *
Mein Hang zu philosophischem Nachdenken beruht auf der einfachen
Grundlage, da� ich in jedem Augenblick �ber das kleinste St�ck Natur
irgendwelcher Art in h�chste Verwunderung geraten kann.
* * * * *
Dieser Norden! Da wacht man in der verhei�endsten Stimmung auf.
Griesgr�mig, grau, teilnahmslos ruhen die gro�en Augen der Fenster auf
dir, als wollten sie sagen: wozu regst du dich so auf? was willst du mit
deinen t�richten Idealen? Alles ist eitel.
* * * * *
Ich verbrenne an meinem eigenen Ma�stab.
* * * * *
Tr�ume
Die wilde Jagd.
Der Sch�cher am Kreuz.
* * * * *
Mein Herz kommt mir heut vor wie ein Pfefferkuchenherz, das lange im
Nassen gelegen hat.
1904
Es ist etwas in mir, das jagt und jagt einem Ziele zu. Das l��t mich in
keiner Tr�gheit ganz ruhn, in keinem Gl�ck ganz vergessen.
1905
Ich m�chte am liebsten auf einem Turm wohnen. T�glich im Leben drunten ein
Bad nehmen, untertauchen, und dann wieder hinaufsteigen in sein
Luginsland, sein au dessus de la vie.
* * * * *
So oft ich unter neue Menschen gehe, so oft komme ich mit Wunden bedeckt
von ihnen zur�ck. Es sind freilich nur leichte oberfl�chliche Schrammen,
die bald wieder verheilen, aber sie haben, da sie entstanden, wie
zehrendes Feuer gebrannt und besser vielleicht als eine tiefe Verwundung
ihr Werk an meiner Seele getan.
* * * * *
Ich kann ungekl�rte Verh�ltnisse einfach nicht ertragen. Warum k�nnen die
Menschen nicht _offen_ gegeneinander sein? Reine Luft zwischen uns!
* * * * *
Ich mag die Ver�rgerten nicht leiden.
* * * * *
Meine Natur hat sich von fr�h auf mit Apathie beholfen. Diese Langsamkeit
zu reagieren, hat alles, was auf mich einbrach, auf eine breitere Fl�che
verteilt, und was mir in einer Stunde unzweifelhaft den Atem abgeschn�rt
h�tte, wurde mir so in Tagen und Wochen zu einem dumpfen Druck, der mein
Leben nicht eben zerst�rte, aber langsam und sicher ermattete.
* * * * *
Und das Verha�teste von allem wird einst geschehen: Man wird mir
'Milderungsgr�nde zubilligen'. ('Er war ein guter Mensch, er wollte das
Beste usw.')
* * * * *
Was mu� ich auf die Menschen f�r einen Eindruck machen, da� sie mich so
oft wie ein unm�ndiges Kind behandeln wollen.
* * * * *
Ich trage keine Sch�tze in mir, ich habe nur die Kraft, vieles, was ich
ber�hre, in etwas von Wert zu verwandeln. Ich habe keine Tiefe, als meinen
unaufh�rlichen Trieb zur Tiefe.
* * * * *
Mein n�chstes Buch soll 'Auferstehung' hei�en, wenn mir noch eine
Auferstehung beschieden sein sollte, im gr��ten Sinne.
* * * * *
Ich will gern alles gutzumachen suchen, was ich und andere mit mir
schlecht gemacht haben, aber nur noch _in mir_, in mir selbst. Alles
andere ist Sentimentalit�t und Pfuscherei.
* * * * *
Ich hatte heute Nacht (24./25. II. 05) ca. 3/4 2 Uhr nach dem ersten
Einschlafen wieder einen jener schon beschriebenen Gehirnzust�nde (etwa
der achte in der Reihe), dessen Hauptmerkmal mir zu sein scheint, da� ich
-- innerhalb des Traumzustandes -- aus einem unangenehmen Traum mit aller
Willenskraft ins wache Bewu�tsein hinausstrebe. Es ist der Grenzzustand
des Erwachens aus einem peinigenden oder doch beunruhigenden Traum das
eigentliche Thema eines solchen Traumzustandes. So erinnere ich mich
augenblicklich nicht mehr des Traumes im Traume selbst, sondern nur noch
des Erwachenwollens, ja scheinbar wirklich Erwachtseins im Traume. Ich
schien mich endlich mit aller Kraft aus dem Krampf des Traumes losgerissen
zu haben, aber ich glaubte nicht an mein wirkliches Erwachtsein. Da f�hlte
ich ein F�nfpfennigst�ck zwischen den Z�hnen. Ich bi� darauf: jetzt war
kein Zweifel mehr: es widerstand, es schmeckte metallig; ich schien
wirklich wach. W�hrenddem wachte ich mehr und mehr auf. Im letzten Stadium
vor dem wirklichen Erwachen verwandelte mein offenbar klarer werdender
Intellekt das Geldst�ck in eine Emser Pastille, die sich zu l�sen begann
und den salzig-s�uerlichen Geschmack auf meiner Zunge verst�rkte. Hierauf
wachte ich wirklich auf und war verwundert, nichts in meinem Munde zu
finden. (Ich hatte nebenbei bemerkt den Tag -- aber nicht den Abend zuvor
-- einige Emser Pastillen gegessen.)
* * * * *
Einem wirklichen Traume (28./29. Juli 05) folgend, m�chte ich ein
dramatisches M�rchen orientalischen Charakters schreiben. Der Traum war
etwa so: Eine Anzahl von uns, worunter mir noch M. Heimann, sp�ter auch
Frisch (und seine Frau) erinnerlich, waren von andern eingeladen worden,
Schriften (Dramen, Lyrisches, Lehrhaftes) eines fremden, h�chst
merkw�rdigen Kulturvolkes (Chinesen, Inder?) kennenzulernen, um sie zu
�bersetzen. Es hie�, 12 Personen h�tten genug auf Jahre zu tun, wenn sie
einen Vorsto� in diese fremde wunderliche Literatur machen wollten. Zu dem
Zweck wurden uns gro�e B�cher vorgelegt, die mit sch�nen m�nchischen
Handschriften gef�llt waren, und uns Stellen vorgelesen, die uns
au�erordentlich bedeutsam erschienen. Zu gleicher Zeit glitten wir im
Traum unmerklich mehr und mehr in dieses Land selbst, es wurde uns
geraten, seine Tempel, G�rten, Theater, Schl�sser kennen zu lernen. Ein
Trupp von uns wurde herumgef�hrt. Ich erinnere mich eines ungeheuren
Lesesaales, in den man uns blicken lie� und dessen uns entgegengesetzte
Seite eine einzige gewaltige Glasscheibe abschlo�, durch die man eine
Schweizer Landschaft mit einer Stadt erblickte, -- wie wir erfuhren: Bern
und seine Alpen; augenscheinlich von jenen Leuten der Wirklichkeit
nachgebildet und hinter jener Scheibe als Aussicht angebracht.
Nach einer Weile verlor ich meine Gef�hrten. Ich nahm einen eigenen F�hrer
und lie� mich von ihm, ich glaube nach einem Tempel, tragen. Der Tr�ger
trug zwei Stangen, die oben Fu�tritte wie die Stelzen hatten. Auf diese
trat man, w�hrend man sich an ihrem obersten Teile mit den H�nden und
Armen festhielt. Der Tr�ger trug dann das Ganze wie eine doppelte
Fahnenstange.
Der Mann, den ich genommen, lachte auf meine Bef�rchtung, ich k�nne ihm zu
schwer werden und versicherte, ich w�rde viel eher loslassen als er. Er
trug mich durch rei�ende Kan�le und zuletzt begann ich sowohl m�de zu
werden, wie ihn zu f�rchten. Hier schiebt sich irgendwo eine Vorstellung
ein, die ich in einem der Theater gesehen haben mu� und in der ein junges,
s��es, zartes Gesch�pf die Hauptrolle gespielt haben mu�. Worte und
Erscheinung �berw�ltigten mich mit solcher Macht, da� ich in Tr�nen
ausbrach. Und ich weinte so mit meinem ganzen Wesen, aber ohne jede
Bitterkeit, nur aus tiefster Erregung der Seele, da� ich meine, dies
Gef�hl nie vergessen zu k�nnen. Was das St�ck enthielt, wei� ich nicht
mehr. Das Wort Samaria blieb haften und als hinterher wieder davon als von
einem �bersetzungsangebot gesprochen wurde, h�rte ich, da� die Sonne darin
einmal mit Amanda angeredet wurde, was ich durch Alliebende (!) zu
�bertragen vorschlug.
Chor (zu vorigem)
Gebrochen von des Lebens vielen Strafen,
hinwandl' ich meinen Pfad gebeugten Hauptes,
schon nicht mehr hoffend auf des Himmels Gnade,
die s��en Boten l�chelnden Erbarmens.
* * * * *
Wenn ich ein Musiker w�re, so w�rde ich eine Symphonie 'Vineta' schreiben.
* * * * *
Ich w�re als Maler gewi� in Menzels Spuren gegangen, so sehr interessiert
mich jeder Gegenstand als rein malerisches Objekt.
* * * * *
Wenn man durch Zusammenstellung der beiden H�nde geheimnisvolle Figuren
bildet, so habe ich ein besonderes Verst�ndnis daf�r und m�chte sie alle
kennen lernen. F�r mich ist die Mystik der H�nde unaussprechlich. (Dabei
sind meine eigenen zwar klein, aber nicht sch�n. Nur der Handr�cken --
�berhaupt die geballte Faust -- ist gut und vielleicht die Daumen. Die
andern Finger sind Herdentiere. Der Handteller ist sehr bemerkenswert: Ein
Chaos von Linien um ein riesiges M.)
* * * * *
Der ganze Wahnwitz unseres modernen Wohnens (ja Lebens) steigt mir aus dem
Bild meines eigenen Umzugs auf: W�re es nicht w�rdiger, sein bi�chen Hab
und Gut in einer Erdh�hle, die einem aber f�r immer geh�rt, wenn sie nicht
ein Naturereignis vernichtet, zu bergen, als mit seinen B�ndeln und Kisten
durch prahlende Burgen zu irren, alle zwei, drei Jahre durchschnittlich
den in festgemauerten Gelassen Se�haften zu spielen, allen Ernst und alle
Liebe zu einem eigenen Heim an teuer gemietete W�nde zu verschwenden, die
einem nie geh�ren k�nnen, die uns ewigen Nomaden Verh�ltnisse vort�uschen,
die f�r uns eben nur erlogen, nur uneingestandene Kulisse sind. Mein
Wohnungsideal ist das Zelt. Nur so weit m�chte ich es noch bringen.
* * * * *
Ich leide oft sehr an der Art meines Humors. Meine ewige Fragestellung, ob
nicht jeder Humor ein Quantum Philistrosit�t einschlie�t.
1906
Wenn ich heute st�rbe, glaube ich, alt genug geworden zu sein. Ich bin
dann wenigstens alt genug geworden, um sterben zu k�nnen.
* * * * *
Warum mu� ich so unaufh�rlich unter mir und anderen leiden! Meine Seele
ist fortw�hrend das Spiel �ber sie hinziehender Schatten.
* * * * *
F�r mich gibt es nur ein Mittel, um die Achtung vor mir selbst nicht
einzub��en: Fortw�hrende Kritik.
* * * * *
Der alte oft erprobte Fluch: Mein Typus Weib bleibt mir ewig verborgen.
Was will ich denn! Einen Kameraden, eine freie Seele, einen anmutigen
K�rper.
In Ru�land f�nde ich diese Gef�hrtin, in Italien -- nein. In Deutschland,
dem f�r mich doch allein zul�ssigen Lande -- wo, wo, wo?
Ihr wollt alle nur die Liebe zur M�glichkeit haben. Ich habe nur die Liebe
zur Unm�glichkeit.
* * * * *
Kritik, Kritik, nimmer genug Kritik,
ein Spiegel sei mir noch das letzte Tor.
* * * * *
Wie die Nacht �ber einen Tod zieht, so zieht Vergessenheitsnacht
alln�chtlich �ber mein Gehirn. Ja, oft hat ein Tag so viele Tage und
N�chte, wie bei andern wohl oft Wochen und Monate. Wenn mich jemand
hypnotisierte, ich sei eine M�cke und h�tte nur einen Tag zu leben, so
glaube ich wohl, da� dieser Tag f�r mich ein ganzes Leben werden k�nnte.
* * * * *
Ich habe soeben eine lange leidenschaftliche Epistel an meinen Ofen
verfa�t und sie ihm dann gegeben. Er verschlang sie gierig und w�rmte mir
mit seinem Feuer zwei Minuten lang Gesicht und H�nde. Gewi�, das war
alles; aber es gibt Menschen, die nicht einmal wie ein Ofen zu antworten
verm�gen.
* * * * *
Ich ermangele ganz des Verm�gens, mir nach einer Beschreibung -- und wenn
sie noch so genau ist -- ein Zimmer oder eine Landschaft vorzustellen.
B�hnenanweisungen gehen an mir meistens spurlos vor�ber und Schilderungen
etwa wie des Hauses der Buddenbrooks gehen nur mit einigen groben Z�gen in
mein Gehirn ein.
* * * * *
Ich habe sehr sichere Instinkte, aber nicht die Gabe, eingehend zu
begr�nden, zu erkl�ren. Die Mehrzahl der Heutigen hat umgekehrt die Gabe
des Begr�ndens und Erkl�rens in hohem Ma�e, aber daf�r keine innere
Direktion. Es ist unendlich qu�lend, die Berechtigung seines Urteils immer
wieder aufs neue beweisen zu sollen.
* * * * *
Ich bin wie eine Brieftaube, die man vom Urquell der Dinge in ein fernes,
fremdes Land getragen und dort freigelassen hat. Sie trachtet ihr ganzes
Leben nach der einstigen Heimat, ruhlos durchmi�t sie das Land nach allen
Seiten. Und oft f�llt sie zu Boden in ihrer gro�en M�digkeit, und man
kommt, hebt sie auf, pflegt sie und will sie ans Haus gew�hnen. Aber so
bald sie die Fl�gel nur wieder f�hlt, fliegt sie von neuem fort, auf die
einzige Fahrt, die ihrer Sehnsucht gen�gt, die unvermeidliche Suche nach
dem Ort ihres Ursprungs.
* * * * *
Wenn ich etwas an Christus verstehe, so ist es das: 'Und er entwich vor
ihnen in die W�ste.'
* * * * *
Wie wenig meiner sicher bin ich doch noch. Mit welcher Leichtfertigkeit
habe ich heute Abend �ber Menschen geredet: so da� ich nun nachts �ber
mich erschrecke. (Ich werde mir doch das Armband 'Denke daran' anlegen
m�ssen.)
* * * * *
Eines kann ich wohl als Merkwort �ber all mein Leben und seine Erfahrungen
schreiben: Fast alles, was ich geworden bin, verdanke ich mir selber,
einigen Privatpersonen und dem Zufall. Von irgendeiner bewu�ten
organischen Kultur um mich herum, die das Einzelindividuum zu benutzen und
systematisch auszubilden vermocht h�tte, sp�rte ich nie etwas. Weder
Eltern noch Lehrer noch irgendwer hat mich je kraftvoll in die Hand
genommen und in gro�em Sinne erzogen. Und wenn ich, ein Mensch von
urspr�nglich gl�nzender Begabung, alles in allem ein Dilettant geblieben
bin, so hat die H�lfte der Schuld daran gewi� die Unsumme von
Dilettantismus, von Halbheit und Kulturlosigkeit, die ich �berall gefunden
habe, wohin mich meine bewegte Jugend gef�hrt hat. (Gelegentlich der
herrlichen Schilderung der Krapotkinschen Jugend.)
* * * * *
Es ist bitter, sich sagen zu m�ssen, da� man zwischen 35 und 45 zu
erledigen hat, was man zwischen 45 und 60 h�tte sollen erledigen k�nnen.
* * * * *
Ihr macht mir aus meiner gleichm��igen H�flichkeit gegen alle einen
Vorwurf. Aber, was wollt ihr! Es gibt gewi� nicht gar so viele, denen es
_leicht_ f�llt, die Menschen zu lieben. Nun, mir f�llt es zuweilen leicht:
warum sollte ich da gewaltsam unfreundlich zu ihnen sein? Ich finde an
jedem etwas, was mir Sympathie oder doch Interesse abn�tigt; und w�rde
nicht mein Gef�hl vom Einssein mit allem eine L�ge sein, wenn ich
irgendeinem Mitmenschen gegen�ber v�llig kalt bleiben k�nnte?
* * * * *
Ich bin der leichterregbarste und unbeeinflu�barste Mensch, den ich kenne.
* * * * *
Ist es ein Wunder, wenn dann und wann eine Nuance von Hochmut in einem
auftaucht. Wenn man der offenbaren Niedertracht gegen�ber zuweilen eisig
wird -- das Einzige, das ihr nicht zu Gebote steht. Die Menge wei� nichts
von der Tiefe der Demut, die ein einzelner empfindet, der sich ganz zu
erkennen strebt.
* * * * *
Luther spricht einmal von 'b�sen Gedanken', deren Kommen man nicht hindern
k�nne, aber die es gelte, vor der Schwelle bleiben zu lassen. Der Satz
(dessen sch�ner kr�ftiger Wortlaut mir im Augenblick leider nicht
gegenw�rtig) ist mir oft im Leben ein Trost gewesen; denn ich habe von
fr�h auf, d.h. wohl etwa von meinem 14. Jahr an, daran gelitten, da� in
der Reihe meiner Assoziationen pl�tzlich zuweilen ein 'h��licher Gedanke',
eine h��liche Vorstellung auftauchte, die ich sofort als solche erkannte,
ohne indes die Macht zu besitzen, ihr auszuweichen, ja ihr
Wiedererscheinen zu hindern.
* * * * *
Es w�re vielleicht der richtige Augenblick, ein Tagebuch zu beginnen.
Drau�en regnet es ununterbrochen seit neun Stunden und bringt mir meine
Einsamkeit erdr�ckend zum Bewu�tsein. Heute Nachmittag durchfuhr es mich:
wenn ich meine Gedanken und mein Schaffen nicht h�tte, wie w�rde ich dann
wohl solch ein Krankenleben ertragen k�nnen. Und ich bin krank, wenn ich
es auch fortw�hrend wieder vergesse und mitten in meiner Krankheit
Stunden, Tage, Wochen vollkommener Gesundheit durchlebe, Zeiten voll
herrlichsten Bl�hens, in denen der Zerfall in mir gleichsam �berbl�ht,
hinweggesiegt wird von einem Fr�hling, der Herbst und Winter des Leibes
nicht anerkennt, der die Ordnung der Natur vergewaltigt und, als
un�berwindliche immer wieder auferstehende Lebenskraft mich �ber mich
selbst hinwegretten zu wollen scheint. Aber dann kommt ein Sp�tnachmittag
mit seiner gef�hrlichen Mu�e, dann kommt ein nasser, tr�bseliger Tag wie
dieser, und mit dem Vergessen dessen, 'was ist', ist es vorbei. Ich sehe
ihn vor mir, meinen treusten Begleiter und Verfolger, den seltsamsten Kauz
der Welt. Seine Besch�ftigung besteht seit zehn, seit vierzehn Jahren
darin, mich mit einer feinen Federpose in der Luftr�hre zu reizen, gleich
als w�nschte er auf Erden nichts, als immer von neuem, Stunde um Stunde,
Tag um Tag, Jahr um Jahr meine Stimme zu h�ren, lediglich die Stimme,
unartikuliert, tierisch, ohne Form, ohne Inhalt, wie er denn wohl auch
selbst nur ein tierischer Geist sein mag, ein Gespenst ohne Hirn, nichts
als fixe Idee von oben bis unten und ich sein einziges Ziel, sein einziger
Lebenszweck.
Es ber�hrt mich eigent�mlich, wenn meine Freunde k�nftige Pl�ne vor mir
ausbreiten. Die einen denken sich ein kleines Haus f�r mich aus in ihrer
Nachbarschaft, die andern wollen mich wei� Gott wohin haben. Vielleicht,
vielleicht. Aber ich gebe mir h�chstens noch zehn Jahre. Und diese zehn
Jahre haben ihre Bestimmung, und die ist kaum: Nachbar zu werden und
Besuchsreisen zu machen. Am meisten schmerzt mich, was ich von
dichterischen M�glichkeiten alles fallen lassen mu�. Zum Drama werde ich
nie gelangen, ich habe von Natur nicht das Zeug dazu und mich auf Drama
hinzudisziplinieren, dazu fehlt, wie gesagt, Zeit und dann auch Energie.
Mein Widerwille n�mlich gegen richtiges, zusammenh�ngendes 'Schreiben' ist
allzu gro�. Daran wird auch mein Roman scheitern. Ich bin
Gelegenheitsdichter und nichts weiter.
* * * * *
Ihr wollt meinen Platz wissen? �berall, wo gek�mpft wird.
* * * * *
Meine Methode, ein Wort durch den Gestus zu finden.
* * * * *
Niemand war und ist mir eine empfindlichere Gei�el als der richterlich
geartete Mitmensch. Er ist f�r mich der personifizierte b�se Blick. Vor
ihm erschrickt alles Lebendige in mir so tief, als h�tte der Tod selbst es
gestreift. So mag eine Pflanze aufh�ren zu wachsen, wenn sie ein schlimmer
Zauberer anhaucht. Sie will gern von Wind, Regen und K�lte vernichtet
werden, und wenn sie jemand zertritt, so wird sie es als etwas Nat�rliches
hinnehmen, aber sich bei lebendigem Leibe von einem andern lebenden Wesen
schlechtweg in Frage stellen, verneinen, f�r unf�hig, f�r einen Irrtum
erkl�ren lassen zu m�ssen und das nicht etwa unter einem Feuer von
Leidenschaft, sondern kalt, vorbedacht -- das ist unertr�glich.
* * * * *
Dieser Ofen k�nnte mich veranlassen, zu bleiben. Er ist aus l�nglichen
Kacheln gebaut, die ein von allerzartestem Lila umrahmtes milchwei�es
Ornament zeigen, und von sch�nen Verh�ltnissen. Wenn die Menschen mehr
bed�chten, wie viel Gl�ck von einem einfachen Gegenstand ausgehen kann,
wenn sich nur ein reiner Geschmack in ihm ausdr�ckt, w�rden sie unter den
einfachsten Bedingungen viel dankbarer gegen ihr Leben sein d�rfen. Ich
kann nicht sagen, wie mich die ersten Architekturen des S�dens (in Bozen)
wieder bewegten. Ich glaube, ich werde von hier unaufhaltsam nach Italien
hinabsinken -- und vielleicht blo� um seiner Bauwerke willen, die mir den
Menschen erh�hen, wie der Mensch sich in ihnen erh�ht hat.
1907
Als Primaner versuchte ich zum ersten Mal zu einer lebendigen Vorstellung
dessen zu gelangen, was wir des Alls Unendlichkeit nennen. Ich legte mich
nachts auf einen fast horizontal gestellten Klappsessel in den Garten, und
bem�hte mich, �ber das rein Bildm��ige des Sternenhimmels hinaus in seine
Wirklichkeit einzudringen. Es gelang mir so wohl, da� ich empfand: Jetzt
noch eine Sekunde solcher Erdabwesenheit, ein einziger kleiner Schritt
weiter und mein Gehirn ist auf immer verloren. Und ich brach das
schauerliche Experiment ab. Jetzt, etwa f�nfzehn Jahre sp�ter, droht mir
die gleiche Gefahr am lichten Tage. Es begann an einem st�hlern blauen
Fr�hlingsabende in einer Gartenanlage in Obermais, mit dem Blick auf die
dem Vinschgau vorgelagerten Ketten. Die Berge formten sich ungef�hr wie zu
einem Maulwurfsh�gel zusammen, die Ortschaft, die Gegend um mich verloren
ihre Wichtigkeit. Meine Mulde erschien mir nicht bedeutender als der
Abdruck eines Daumenballens in einer Wachskugel, und mich trug der riesige
doch kleine Planet wie ein Infusor auf seinem R�cken rund durch den Raum.
Ein leichtes geistiges Schwindelgef�hl, ein Vorgef�hl von Seekrankheit des
Geistes erfa�te mich. Die Begriffe oben und unten gingen in einem dritten
unter. Ich sa� da nur einfach von Luftdrucksgnaden.
* * * * *
Wenn ich das Gegenw�rtige nicht so liebte, wenn ich diese Liebe nicht
h�tte wie einen gro�en und sicheren Fallschirm, ich w�re l�ngst ins
Bodenlose gefallen.
* * * * *
Da stamme ich nun von Malern -- und mu� den Zusammenbruch der Natur als
eines _Bildes_ in mir erleben!
* * * * *
Ich bin wie einer, der ohne F�hrer, nur so nach Karten und gelegentlicher
Auskunft von Hirten und Wanderern ins Hochgebirge hineinsteigt. Niemand
ahnt, mit was f�r Martern ich das oft zahlen mu� und wie mir ein schneller
Tod oft g�ttliche Wohltat w�re. Nein, mein 'Dilettantismus' ist kein Spa�,
keine Koketterie; er ist ein Schicksal, aber ich kann ihm nicht entrinnen;
denn war mein Geist auch allezeit willig, meiner Physis fehlte es allezeit
an jener letzten besten Energie, die sekundieren mu�, wo irgend etwas
Gro�es auf Erden werden soll.
* * * * *
Es ist viel Gl�ck in mir, Gl�ck, das mir meine Grenzen verschleiert und
Gl�ck, das sie mir ins Unbestimmte hinausr�cken zu d�rfen scheint. Ich
habe viel Talent zum Leben, -- wenn das Leben nur mehr Talent zu mir
h�tte. Aber manchmal weht doch ein Windsto� alle die warme sch�tzende
Illusion fort und dann sehe ich fl�chtig meinen Umri� und -- schaudere.
* * * * *
Ich habe nur Einen wahren und wirklichen Feind auf Erden und das bin ich
selbst.
* * * * *
Wenn ich unter Menschen bin, bin ich wie auf Ferien. -- Und deshalb sollte
ich eigentlich nicht mehr unter Menschen und am wenigsten unter Freunde
gehen: denn sie wissen alle nicht, da� ich nur gastweise bei ihnen bin und
ihnen zuh�re, da� mir f�r vieles von ihrem Leben und Treiben die letzte
leidenschaftliche Aufmerksamkeit verloren gegangen ist, als w�re ich ein
Mann, der etwa in einem Saal einer feinen und gro�en Musik zuh�rt -- aber
drau�en vor der T�re steht heimlich sein Weib und wartet auf ihn und vor
lauter innerer Unruhe h�rt er nur mit halbem Ohre zu und verbirgt kaum
seine Zerstreutheit und mag manchem sch�rferen Beobachter mit Recht als
kein sehr fachm�nnisch engagierter Zuh�rer gelten.
* * * * *
Ich irre in diesen europ�ischen L�ndern umher wie ein Vogel in einem
Treibhaus. Die Menschen glauben, weil ich von einem Ort zum anderen reise,
lebte ich ein beneidenswertes Leben. Sie wissen nicht, da� mich letzten
Endes jeder dieser Orte entt�uscht -- denn �ber jeden ist der Fluch
europ�ischer Zivilisation ausgegossen, vor dem er vor hundert, ja vor
f�nfzig Jahren noch verschont war. Die entsetzliche N�chternheit der
letzten 30, 40 Jahre kriecht einem �berall nach, ja sie f�rbt auf einen
selber ab: Man verhotellt zuletzt rettungslos. Denn wo kein Hotel ist, da
ist kein Platz f�r dich mit deinem Rohrplattenkoffer und deiner
schriftdeutschen Sprache. Ich habe wohl auch meine Zeit an die
Gro�artigkeit unserer Epoche der Technik geglaubt, aber jetzt f�hle ich
nur noch das Eine: da� sie die Erde entzaubert, indem sie alles allen
gemein macht.
* * * * *
Das abwechselnde Summen zweier oder dreier Wespen erinnert mich an die
Responsorien der katholischen Kirche. Ich sehe die wohlgen�hrten
Schwarzr�cke vor mir, ich sehe den zelebrierenden Priester auf den Stufen
des Altars und den Altar selbst mit seinen schlanken Kerzen und alten
Gem�lden.
* * * * *
Ich habe diesen Herbst mit �beltaten angefangen. Ich habe an zwei hei�en
Septembertagen f�nf oder sechs Wespen get�tet, die in mein Zimmer gekommen
waren und mich beunruhigten. Das war ganz und gar gegen meine Gewohnheit
und nur durch eine Unruhe und Unbeherrschtheit zu erkl�ren, die unter dem
Einflu� des S�dwindes mich vielleicht ebenso wie die Wespen �berkommen
hatte.
Sp�tere Bemerkung:
Ich wei� noch, wie mich damals besonders die 'Dummheit' der Tiere erregt
hatte, die oft eine Stunde lang an der Zimmerdecke hin und her und auf und
ab irrten, ohne den scheinbar so einfachen Weg durch die offene Balkont�r
wiederzufinden oder wiederfinden zu wollen. �bertragen wir diese meine
Ungeduld und Unduldsamkeit auf G�tter und Menschen, so h�tten diese G�tter
wohl den ganzen Tag nichts weiter zu tun, als Menschen totzuschlagen.
* * * * *
Mein ganzes Leben lang suche ich den Stachel, den ich hier ins tr�ge
Fleisch dr�cken k�nnte -- und finde ihn nicht.
* * * * *
Ich k�nnte heute noch im Walde wie ein Knabe spielen: Aus Steinen und
Holzst�cken H�user bauen, mit d�rren Zweiglein Stra�en abstecken und Haine
bilden, einen Felsblock zum Range eines Alpengipfels erheben und einem
Hirschk�fer und seiner Frau die Herrschaft �ber das alles verleihen. Und
dieses kleine Reich w�rde mich gl�cklicher machen und meine Phantasie
umst�ndlicher erregen und besch�ftigen -- als ein noch so gro�es der
Wirklichkeit. So habe ich einmal, mit 35 Jahren, acht Tage am Strande von
Sylt mit Bauen und Zimmern einer Strandh�tte verbracht und war wohl selten
so von Herzen froh, wie bei diesem harmlosen Spiel.
* * * * *
Je �lter ich werde, desto mehr wird ein Wort mein Wort vor allen: Grotesk.
* * * * *
Wenn ich ein Musiker w�re, so w�rde ich einen gemischten Chor mit
Orchester komponieren: den 'Chor der Genesenden', -- und im Himmel selber
sollte nicht tiefer, inbr�nstiger und s��er gesungen werden.
1908
Wenn ich aber tot sein werde, so tut mir die Liebe und kratzt nicht alles
hervor, was ich je gesagt, geschrieben oder getan. Glaubet nicht, da� in
der Breite meines Lebens das liegt, was euch wahrhaft dienlich sein kann.
I�t man denn an einem Apfel auch alles mit: die Kerne, das Kerngeh�use,
die Schale, den Stengel? Also lernt auch mich essen und schlingt mich
nicht hinunter mit alledem, was nun zwar zu mir geh�rt und geh�rte, aber
von dem ich selbst so wenig wissen will, wie ihr davon sollt wissen
wollen. La�t mein allzuverg�nglich Teil ruhen und zerfallen: Dann erst
liebt ihr mich wirklich, habt ihr mich wirklich verstanden.
* * * * *
Ihr seid von hier, ich bin von dort.
* * * * *
Ihr me�t jedem sein Ma� Liebe zu: dem dreiviertel, dem zwei Viertel, dem
ein Viertel, dem nichts. Davon verstehe ich nichts. Ich kann nicht messen
und meine Seele ist immer da am eifrigsten, wo ich sehe, da� Eure sich
spart und sperrt.
* * * * *
Ich kann mit fertigen Menschen nichts anfangen. Es gibt fertigere Menschen
denn mich, sicherlich ungez�hlte. Aber keiner ist fertig, soll je fertig
sein.
* * * * *
Ihr selig Blinden rings um meinen Schritt!
* * * * *
Manchmal meine ich, mich definieren zu sollen als einen wehr- und hilflos
dem Gro�en preisgegebenen Menschen. Auf mich kann eine Seite Lagarde z.B.
wie eine S�ure wirken, die mich f�r den Augenblick v�llig zersetzt. Oder
ein Wort Nietzsches oder Goethes.
* * * * *
An dieser meiner Lieblingsbank f�hrt kein Spazierweg vor�ber, geschweige
denn eine Stra�e, -- nur ein schmaler Wiesenpfad von zwei Spannen Breite.
Da kommt denn auch begreiflicherweise wenig Volks vorbei, -- --
Einsiedler, Sonderlinge!
* * * * *
_Ich sehe_ mich selbst, schreibend zur Nachtzeit -- im Bett bei der Lampe,
dies B�chelchen schreibend ...
Und all das bin Ich.
_Ich sehe._ --
* * * * *
Ich bin wie eine Uhr, die sich jeden Tag von neuem richten mu�, weil sie
jeden Tag immer wieder von neuem nachgeht.
* * * * *
Mein Traum 26./27. Nov. 08: Ich sehe etwas in der Luft wie etwa drei
gl�nzende glasklare �pfel an einem (unsichtbaren?) Zweige, sie bewegen
sich leicht im Wind -- und daran geht mir das Wesen alles Lebens auf. Ich
denke an B�hme und seine Lampe. Nach jenem Vorgang -- bewegtes All --
erkl�re ich mir, im Traum, das ganze Leben. Das Ende ist mir leider
entschwunden, ich wei� nur, da� ich gro�er Klarheit geno�.
* * * * *
Ich m�chte sagen, da� ich immer noch im und vom Sonnenschein meiner
Kindheit lebe.
* * * * *
Wenn ich mir je ein Haus baue, so mu� es einen Hof umschlie�en, in dessen
Mitte ein riesiger Baum steht. Nichts ist f�r mich mehr Abbild der Welt
und des Lebens als der Baum. Vor ihm w�rde ich t�glich nachdenken, vor ihm
und �ber ihn ...
* * * * *
�ber die �u�ere Technik zur Hervorbringung kontemplativer Zust�nde mich
unterrichten!
* * * * *
Mir den Sonntag Morgen als Posttag einrichten. Nur dann
Privatkorrespondenz empfangen und beantworten. (Private Ordensregeln.)
* * * * *
Wie wenig reeller Wert ist oft an einer ausgedehnten 'guten Handlung'. Da
bin ich eben bei einem Begr�bnis gewesen. Aber nichts von meiner ganzen
Beteiligung an diesem actus war anders als so gut wie nur �u�erlich, au�er
der urspr�nglichen spontanen Regung beim Empfang der Todesnachricht: Du
willst diesem Entschlafenen die letzte Ehre erweisen.
* * * * *
Schlie�lich und endlich: was vermisse ich unter meinen Mitmenschen am
meisten: Wirkliche, _wirkliche_ Phantasie.
* * * * *
Heut habe ich mich zum zweiten Mal an die Erweckung des Lazarus gemacht ..
Was ich hier will, ist viel tiefer als 'Kunst'.
* * * * *
Das ist es: Alle die andern besch�ftigen sich mit 'Gott'. Ich wage zu
sagen: Ich -- bin -- das, was wir Gott nennen -- selbst. Wer das versteht,
aber auch nur der, wei�, was ich meine, wenn ich von 'meinem Ernste'
spreche.
* * * * *
Meine Wendung zum Dualismus (wenn ich es so brottrocken ausdr�cken will)
datiert nicht etwa vom August 1908, sie hatte sich mir schon lange vorher
verraten. Ein �u�eres Merkwort bedeutete f�r mich auf diesem Felde eine
gelegentliche Auslassung Heinrich Frickes, etwa im Vorfr�hling 1907, �ber
sich, Goethes Farbenlehre und den Dualismus. Da� ein so tiefer Mensch
�berall Zweiheit sah, mit derselben Kraft, mit der ich �berall Einheit
f�hlte, konnte ich nicht mehr vergessen. Aber ich kam doch auch noch auf
ganz andern Wegen zu der Formulierung der Welt als Gottes 'Du'.
* * * * *
Ich habe einmal in meinem Leben auf einen Stein gebissen. Seitdem bitte
ich jedes Brot vorher: enthalte keinen Stein!
* * * * *
An M. a Jetzt fangen wieder diese gro�en herrlichen Vormittage an, an
deren sp�tem Ende ich, an allen Fibern zitternd, den Mittagstisch
aufsuche, um unwillig und abwesend mein Essen beizunehmen, das mich
langsam wieder dem Gesetz der Schwere unterwirft. Du kannst Dir keinen
Begriff von diesem inneren Brennen und Verzehrtwerden machen, dessen ich
oft kaum gewahr bin, so da� ich jeden Augenblick und bei jeder Ber�hrung
durch irgend etwas, einen Anblick, eine Zeitungsnachricht, eine Melodie,
in Tr�nen ausbrechen m�chte.
* * * * *
Man wird mich einst in manchem meiner S�tze zu einem Eklektiker
degradieren wollen, aber wenn ich auch in nichts Bisheriges �berschritten
haben sollte: Eklektiker war ich nie. Nie zeichnete ich etwas auf, wozu
ich nicht durch meine ganze Natur und Entwickelung gekommen w�re und
vieles fand ich und finde ich zu meinem Erstaunen wieder, was ich f�r mich
allein zuvor besa�.
Da lese ich soeben am 7. August 1908 von Schleiermacher: 'Darum lebt das
ganze Universum, das G�ttliche, in jeder Individualit�t, als jede
Individualit�t'. Ist dies nicht mein Gedanke? und habe ich Schleiermacher
je zuvor n�her kennen gelernt?
1909
Der Mensch ist mein Fach und hier will ich bis zum �u�ersten gehen. Wenn
Ihr aber sagt: Dagegen wendet der Politiker dies ein und dagegen der
Historiker dies und dagegen der National�konom dies, so erwidere ich: La�t
auch sie ihr Fach bis zum �u�ersten treiben. Ihr Fach ist der Mensch in
irgend einer sozialen Form, das meine der Mensch an sich, der Mensch als
inkommensurables Wesen.
* * * * *
Bei hunderten mag es fesselnder und lohnender sein, den Bed�rfnissen
nachzusp�ren, woraus ihre Werke entsprungen sind, als diesen Werken
selber. Bei mir mag man sich mehr an das halten, was ich schreibe.
* * * * *
Mein Hauptorgan ist das Auge. Alles geht bei mir durch das Auge ein.
* * * * *
Ich wei� mich merkw�rdig frei von jeder 'romantischen Sehnsucht', ich
f�hle im Durchschnitt meines Wesens br�derlich zum Leben als etwas, dem
ich nichts hinzuzuf�gen brauche und das mir nichts hinzuzuf�gen braucht.
Darum vermag ich mich auch rein an ihm zu freuen, wo es Freude erweckt,
darum wendet sich mein Schmerz �ber das Leid der Welt gleich bis in seinen
Grund zur�ck.
Kein _Anders_-Sein wollend, sondern das Sein in seinem Kern und Wesen
anklagend und in Frage stellend.
* * * * *
An Steiner
Gl�ck in medias res.
Ich war sozusagen bis 4 Uhr morgens gegangen und glaubte kaum noch, da� es
nun noch wesentlich heller f�r mich werden k�nnte. Ich sah �berall das
Licht Gottes hervordringen, aber ..
Da zeigen Sie mir mit einem Male und gerade im rechten letzten Augenblick
ein 5 Uhr, 6 Uhr, 7 Uhr -- einen neuen Tag.
* * * * *
Ich werde noch manches ver�ffentlichen m�ssen, was einer fr�heren
Entwickelungsstufe als meiner jetzigen angeh�rt, denn ich darf niemanden
�ber den Weg betr�gen, den ich gegangen bin.
* * * * *
Niemanden loslassen. Keine Beziehung fallen lassen!
* * * * *
Immer bewu�ter sich konzentrieren lernen. Alles Flatternde und Flackernde
in mir �berwinden. An jeden guten Gedanken, jede gute Empfindung einen
Stein h�ngen, sie verankern. Damit zusammenh�ngend: Se�haft werden,
Tempob�ndigung, Tempobeherrschung.
* * * * *
Meine Zahlen: 13/14/15/16/17/18/19. Mein Alter -- 42?
* * * * *
Ich widerrufe alles Harte und B�se, was ich je in meinen Worten oder
Briefen gesagt habe.
* * * * *
O nur nicht immer wieder erlahmen, nur nicht immer wieder absinken. Z�chte
doch den _Willen_ in dir, du ewiger Wanderer _ohne Stab_.
Man soll mich als einen malen, der _ohne Stab_ einen Berg erklimmt. Der
D�mon seiner eigenen Schw�che hindert ihn, sich einen Stab zu bilden, --
aber am Steigen selbst kann er ihn nicht hindern, wie oft er auch wie tot
daliegen mag.
* * * * *
Was ich heute tue, tue ich nicht um meinetwillen, sondern um meiner Liebe
zum Menschen willen.
* * * * *
Einem Menschen wie mir gen�gt es nicht, Ein Mal das Richtige zu erkennen.
* * * * *
Ich m�chte gern auch noch zu �u�erem Wirken gelangen. Ich m�chte mein
Berlin als geistiges Staatskunstwerk zum Ziel machen.
* * * * *
In alles und jedes einflie�en lassen einen h�heren Geist!
1910
Ich tr�umte mir die Kraft eines Zuk�nftigen, -- _meine_ Zukunft und lie�,
als ich vom Haus der lieben Freunde dankbar Abschied nahm, in jedem Zimmer
eine Rose zur�ck, geschaffen durch den Willen meiner Liebe.
* * * * *
O meine Hand, du seltsames Gesch�pf, du warst mir immerdar ein Angelhaken
der Meditation. Wenn ich in deine Schale blicke, meine ich ein
Geistgebilde zu schauen.
* * * * *
Bild meines Lebens.
_Stiel_: Weltliche Periode (Nietzsche) beendet durch innere Krankheit.
_Schale_: �ffnung durch Johanneisches.
_Blut_: Erf�llung.
1911
Ich darf wohl sagen: Die Entdeckung meines Mannesalters ist die _Frau_.
1912
Mit meinen Erkenntnissen ist es so, wie wenn endlich ein St�ck Berglehne
abbricht und zerbr�ckelnd in die Tiefe rutscht. Wie einen Bergrutsch f�hlt
man's in sich und frohlockt, da� das Massiv der Blindheit, die wir sind,
wieder um etwas kleiner geworden ist.
* * * * *
Ich kann ebensowenig Briefe schreiben, wie Gespr�che f�hren. Beides
verflacht mich und l��t mich in einem Zustand zur�ck, dessen
Unerquicklichkeit ich niemandem w�nsche.
1913
Sprich du zu mir, mein h�her Du!
Ich will mich ganz in dich verh�ren.
* * * * *
Gro�er philosophischer Moment w�hrend des Vortrags vom 27. August 1913:
ich sah einen Augenblick lang den Menschen (Steiner) als reinen, bewu�ten
_Willen_, sich allein durch ein ungeheures g�ttliches Vorw�rts-_Wollen_ im
Leben und als solches Leben behauptend.
NATUR
1892
Wir leben doch alle auf dem Meeresgrund (dem Grund des Luftmeeres) --
Vineta.
1895
Die Sterne lauter ganze Noten.
* * * * *
Der Quellnixe wehendes Font�nenhaar.
1896
Der Zypressen gr�ne Obelisken.
* * * * *
Der Duft der Dinge ist die Sehnsucht, die sie uns nach sich erwecken.
* * * * *
Wer wei�, ob die Gedanken nicht auch einen ganz winzigen L�rm machen, der
durch feinste Instrumente aufzufangen und empirisch (durch Vergleich und
Experiment) zu entr�tseln w�re.
1897
Rhythmisch bewegte Luft ist gewisserma�en farbige Luft. Wirkung der
Glocken.
1904
Warum sind H�gel sch�ner als Berge? Weil sie den Begriff des Gebirges
gegen�ber der Ebene, diese begl�ckende Naturbrechung und Erh�hung des
Niveaus mit lebendigerem Ausdruck offenbaren als die starren Felsberge,
die mehr blo� Begriffliches sozusagen, weniger Gef�hlswarmes an sich
haben.
1905
Die Natur kennt nur Farben�berg�nge, keine Farben.
* * * * *
Da erwiderte mir gestern ein Herr aus Bremen: 'Wie? Sie bedauern den Tod
eines Seehunds? Ausrotten m��te man diese Tiere. Glauben Sie etwa, sie
seien n�tzlich? Sie sind die �rgsten Fischr�uber, die es gibt, ganz
sch�dliche, unn�tze Gesch�pfe!' Ich dachte an die feuchten dunklen Augen
der gutm�tigen Tiere und sie erschienen mir weit liebenswerter als diese
Anschauungen eines Pedanten, dem sich sein eigenes grenzenloses R�ubertum
als Mensch so ganz und gar von selbst verstand.
* * * * *
Mir gen�gt zur Zeit das Schwatzen der Seev�gel, das leise Sich-Wiegen des
stachlichen Strandhafers, ein wenig durch die Finger rinnender Sand und
die graublaugr�ne Fl�che vor mir mit ihrer seltsamen Unbedingtheit.
* * * * *
Die Verschwendung der Natur ist zu gro�. Und das ist das Bitterste: Unsere
anklagenden Gedanken, und seien sie noch so erhaben, sind nur wie
namenlose gleichg�ltige V�gel, die gegen ein kristallumpanzertes Feuer
prallen, um ohnm�chtig und ruhmlos in die Nacht hinabzufallen, vertan,
verschwendet wie das Wesen das sie gebar.
* * * * *
Wie ich das Br�ckeln und Rinnen einer in den Sand gew�hlten Mulde
beobachte, kommen mir einige der tragischsten Eindr�cke meines Lebens ins
Ged�chtnis. Den einen empfing ich in den Thermen des Caracalla, und was
hier nur Bild und Gleichnis, war dort melancholische Wirklichkeit. Von den
m�chtigen Gew�lberesten rieselte fast unaufh�rlich M�rtel und verwittertes
Mauerwerk, und ab und zu, wenn der leichte Wind sich st�rker erhob, flog
wohl auch ein gr��erer Stein polternd in die Tiefe. Es war ein
unheimliches und ersch�tterndes Gespr�ch der Verg�nglichkeit, dem der
gef�hrdete Wanderer dort beiwohnte und zugleich das Totenraunen einer
Kultur, das vielleicht noch w�hren wird, wenn der Petersdom das seinige
anheben sollte. Den andern gaben mir die norwegischen Berge mit ihren
ewigen Steinschl�gen, in denen ihre Gipfel nach und nach herabzukommen
scheinen.
* * * * *
Die gro�e Ruhe und der tiefe Friede sind nur bei euch, ihr lieben fernen
Berge.
* * * * *
Noch viel wunderbarer als der einfache Spiegel ist der durchsichtige
Spiegel, z.B. ein Fenster, das auf eine Landschaft hinausgeht und in dem
sich zugleich Gegenst�nde unseres Zimmers spiegeln.
1906
Wie k�nnen Baumwipfel wie ein M�dchen aussehen, ja mehr noch: seinen
ganzen Charakter zu enthalten scheinen? Und doch ist es manchmal so.
* * * * *
Ich habe heute ein paar Blumen f�r dich _nicht_ gepfl�ckt, um dir ihr --
Leben mitzubringen.
* * * * *
Ich h�re einen Vogel fortw�hrend 'Chi--rur--gie' fl�ten.
* * * * *
Diese zwei jungen Teckel da vor mir, wie sie sch�n sind in ihrer jungen
Nat�rlichkeit und Z�rtlichkeit zueinander! Wahrlich, bei keinem Menschen
kann reizender aussehen, als wenn das M�nnchen dem Kameraden mit seinem
Auge folgt oder wenn das Weibchen ihm im sonnigen Moos den Kopf auf den
R�cken legt voll Anmut und Anschmiegungsbed�rfnis. Und welches Wohlgef�hl
des Lebens, wenn sie so, die Nase dicht am warmen Moos, die
sonnendurchw�rmte Waldluft einsaugen mit ihren vielf�ltigen Reizen, von
denen wir nur einen groben Begriff haben. Und welches stets rege Interesse
f�r alle die kleinen und gro�en T�ne, die eine Landschaft fortw�hrend
erf�llen und beleben.
* * * * *
Gebell eines 'Achtung'-Hundes:
Nervosit�t durch Geschrei von Kindern
Argwohn, es k�nnte auf ihn gem�nzt sein (monoman)
Gefahr! (Furcht, Wut, Anspannung)
Beschimpfung (da nichts erfolgt)
Selbstgerechter �rger (mehr monologisch)
Mitteilungsgef�hl (Klatschbed�rfnis)
(er teilt die Sache der Au�enwelt mit)
Quittungen �ber vieles
Rivalit�t \
|- mit andern Hunden
Solidarit�t /
Grundloser Unwille
Katzenjammer, der sich zu bet�uben sucht.
* * * * *
Es ist mit Landschaften wie mit Menschen, man lernt sie nie aus. Jeder und
jede verm�gen unter Umst�nden alle Phasen von der �rmlichsten H��lichkeit
bis zur lebensvollsten Sch�nheit zu durchlaufen.
* * * * *
So schimmert ein Birkenw�ldchen durch Kiefern, wie deine ferne Jugend in
und durch meine Gedanken.
* * * * *
Die Natur ist die gro�e Ruhe gegen�ber unserer Beweglichkeit. Darum wird
sie der Mensch immer mehr lieben, je feiner und beweglicher er werden
wird. Sie gibt ihm die gro�en Z�ge, die weiten Perspektiven und zugleich
das Bild einer bei aller unerm�dlichen Entwickelung erhabenen
Gelassenheit.
* * * * *
Es ist ein seltsames Gef�hl, senkrecht in die Erde zu unseren F��en
hineinzudenken. Man kommt nicht weit, die Phantasie erstickt buchst�blich.
* * * * *
Keine Gegend setzt sich aus andern Elementen zusammen, als den uns
bekannten. Das wissen wir und doch spielen wir damit, in einer Landschaft
Geheimnisse zu vermuten, so lange wir sie noch nicht genau kennen.
1907
Zeile aus einem Traum: Sanft und silbergestickt fand ich die s��en Berge.
* * * * *
Der Fr�hling ist etwas Herrliches. Der Fr�hlung aber, der nicht mehr
kommen _mu�te_, der nur so aus �berirdischer Gnade noch einmal gekommen
ist, der ist nicht mit Namen zu nennen.
* * * * *
Worauf beruht z.B. der Zauber des Waldes, die tiefe Beruhigung, die er dem
Menschen gibt? Darauf wohl zumeist, da� uns in ihm eine un�bersehbare
Anzahl pflanzlicher Individuen einer bestimmten Art entgegentritt, die
Lebensfrieden und Lebensmacht zugleich mit �u�erster Zweckm��igkeit
vereinen. Der Stamm einer Bergfichte ist das Urbild ruhiger, in sich
gefestigter Kraft; ein gewaltiger Lebenswille, den sobald nichts zu st�ren
oder gar zu brechen vermag, offenbart sich in ihm. Ihre �ste, Zweige und
Nadeln aber strahlen mit solch �u�erster Zweckm��igkeit rings von ihm aus,
stellen im Verein mit dem Stamm und den Wurzeln einen so weise der
Au�en- und Umwelt eingepa�ten K�rper dar, da� man begreift: hier liegt
die _L�sung eines Problems_ vor, an der vielleicht unerme�liche Zeiten
gearbeitet haben.
* * * * *
Die Fliegen, diese Spatzen unter den Insekten.
* * * * *
In der Katze hast du Mi�trauen, Wollust und Egoismus, die drei Tugenden
des Renaissance-Menschen nach Stendhal und anderen. Damit ist sie, ich
m�chte sagen, das konzentrierteste Tier. Der Hund ist dagegen gl�ubig,
selbstlos und erotisch kulturlos. Unsere heutige Zivilisation n�hert sich
mehr der Stufe des Hundes. Das Christentum ist vornehmlich gegen die Katze
gerichtet. Man darf nach dem allen in einigen Jahrhunderten den Menschen
erwarten.
* * * * *
Die Selbstachtung einer Katze ist au�erordentlich.
* * * * *
Die Reinlichkeit der Katze ist eine ganz andre, als die des Menschen. Der
Mensch w�scht sich, k�mmt sich, b�rstet und klopft seine Kleider, er
entledigt sich, mit einem Wort, seines Staubes, indem er ihn dem Wasser,
der Luft, der Erde zur�ckgibt. Die Katze hingegen schleckt ihn mit
unerm�dlicher Zunge in sich auf, verleibt ihn sich ein, vertilgt ihn --
aber im fruchtbarsten Sinne, indem sie ihn schlankweg in ihr organisches
Leben mit hineinnimmt.
* * * * *
Du hast einen Gro�stadtwinter umsonst den Anblick einfacher, nat�rlicher
Anmut ersehnt. Drehe dich um. Vielleicht sitzt hinter dir auf dem leeren
Divan eine etwa einj�hrige Katze, die dich dann und wann besucht, um sich
dort eine halbe Stunde umst�ndlich zu putzen und dann eine zweite halbe
Stunde voll tiefen Behagens zu schlummern, -- und du siehst was du
suchtest, die eingeborene Lieblichkeit unbewu�ter Natur.
* * * * *
Eine der gr��ten Unverfrorenheiten des Menschen ist, dies oder jenes Tier
mit Emphase falsch zu nennen, als ob es ein annoch falscheres Wesen g�be,
in seinem Verh�ltnis zu den andern Wesen, als der Mensch!
* * * * *
Warum erf�llen uns Gr�ser, eine Wiese, eine Tanne, mit so reiner Lust?
Weil wir da Lebendiges vor uns sehen, das nur von au�en her zerst�rt
werden kann, nicht durch sich selbst. Der Baum wird nie an gebrochenem
Herzen sterben und das Gras nie seinen Verstand verlieren. Von au�en droht
ihnen jede m�gliche Gefahr, von innen her aber sind sie gefeit. Sie fallen
sich nicht selbst in den R�cken, wie der Mensch mit seinem Geist und
ersparen uns damit das wiederholte Schauspiel unseres eigenen zweideutigen
Lebens.
* * * * *
Weshalb sollte man sich nicht damit abfinden, in einer gem��igten, sehr
gem��igten Landschaft zu leben, da man doch nur den Blick zu erheben
braucht, um ins v�llig Ungem��igte zu st�rzen, und nur die Gedanken, um zu
f�hlen wie wenig es verschl�gt, im wilden Ozean des ewig Ungewissen auf
einem gehobelten Brett oder einem entwurzelten Baumstamm zu treiben.
* * * * *
Den Wolken wird vielleicht einstmals eine besondere Verehrung gezollt
werden; als der einzigen sichtbaren Schranke, die den Menschen vom
unendlichen Raum trennt, als der gn�dige Vorhang vor der offenen vierten
Wand unserer Erdenb�hne.
* * * * *
Merkw�rdig, zu f�hlen, wie man auf diesem seinem Erdboden nicht viel
anders festgehalten wird, als jene kleinen Saugn�pfchen aus Gummi, die man
an die Wand pre�t, um Uhren und Schl�ssel dran aufzuh�ngen.
* * * * *
Ein dunkelblauer Lampion, innen von einer Kerze erleuchtet, gegen den
Nachthimmel. Vision eines geisterhaften Planeten in n�chtlicher D�mmerung.
* * * * *
Wie ein verzweifelndes Haupt Schutz, Ruhe und W�rme in seinen H�nden, auf
seinen Armen sucht, so sucht Gott, der Mensch, Schutz, Ruhe und W�rme in
jenem andern dumpferen Teile seines Wesens, den wir Natur nennen.
* * * * *
Durch die Natur beruhigt sich Gott selbst immer wieder. Wehe, wenn er als
Mensch in dem unseligen Fieber der Zivilisaton sich selbst als Natur
zerst�rt haben wird.
1908
Wer die Welt nicht von Kind auf gewohnt w�re, m��te �ber ihr den Verstand
verlieren. Das Wunder eines einzigen Baumes w�rde gen�gen, ihn zu
vernichten.
* * * * *
Ich glaube, wer blind w�re, m��te die Pflanzen viel besser verstehen.
* * * * *
Was tut die Blume wohl mit Gott? Sie l��t sich Gott gefallen. In der
Blume, als Blume tr�umt er seinen sch�nsten Traum, da widerstrebt ihm
nichts.
* * * * *
Ich kenne keine 'getrennten Gebiete'. --
* * * * *
Wie sch�n wird eine Henne als Mutter. Vorher wirkt sie immer ein wenig
komisch. Mit den K�chlein an sich aber r�ckt sie f�r mich unter --
Sternbilder.
* * * * *
Eine sch�ne stattliche wei�e Kuh mit geschwungenen H�rnern und einer
gro�en sonoren Glocke -- das ist schon ein Symbol, f�r den Gottesdienst
eines Volkes.
Oder ein Stier ..
* * * * *
Wer mag wissen, was Glockengel�ut z.B. in den V�geln f�r eigent�mliche,
dunkle Gef�hle ausl�st. Ob sie sich da nicht momentweise auch '�ber sich
selbst erheben', nur so in einem dumpfen Drang ...
1909
Ein verbummelter Hund, der auf eigene Faust jagt -- und ein gehorchender
treuer, bei allem Feuer durch innere Gesetze gez�gelter Hund -- zwei
Stufen Gottes auch sie.
* * * * *
Es ist erg�tzlich zu beobachten, wie Wespen und Ameisen von der
Zudringlichkeit und Dickfelligkeit der Fliegen genau so wie wir Menschen
gest�rt und irritiert werden.
* * * * *
Wie mag in einem rechten Sturm ein Baum zum Gef�hl seiner selbst kommen!
Wie wunderbar ist eine Birke im Sturm! Wie g�ttlich grazi�s! Wie unsagbar
malerisch!
* * * * *
L�rchen, Birken, Erlen, ein fraulicher Wald!
* * * * *
Die hohen Tannen sprechen: Wir sind nicht traurig und nicht fr�hlich, wir
sind fest.
* * * * *
So ein Spinnent�chlein voll Regentropfen -- wer macht das nach?
* * * * *
Wenn man berechnet hat, da� die Erde unter dem Einflu� des Mondes ihre
Ebbe und Flut hat wie das Meer, so frage ich, warum nicht auch das
menschliche Blut und Gehirn seine Gezeiten haben sollte.
* * * * *
Die Luftschiffahrt wird dem religi�sen Genie der Menschheit neue Nahrung
geben. Zu den gro�en Bef�rderern kosmischer Stimmungen: Wald, Meer und
W�ste wird nun noch der Luftraum kommen.
* * * * *
Wir versuchen uns an dem �u�eren Bilde andrer bewohnter Gestirne wohl
selten �ber ein gewisses Ma� von Kraft und Erfolg hinaus. Und doch --
Landschaft, ins Unendliche variiert! Welch eine Vorstellung!
* * * * *
Jede Landschaft hat ihre eigene besondere Seele, wie ein Mensch, dem du
gegen�berlebst. Dies wirst du am deutlichsten empfinden, wenn du den
Eindruck einer gegenw�rtigen mit dem wiederbeschworenen vergleichst, den
eine andere, fr�here, deiner Seele eingepr�gt hat. Etwa wenn du einen
Ausschnitt der gegenw�rtigen betrachtest, der recht gut auch jener
vergangenen angeh�ren k�nnte, -- so da� dir eine Weile so unheimlich
zumute wird, als glaubtest du die Hand eines Abwesenden oder gar
Verstorbenen zu halten, w�hrend es doch, wie du wei�t, die des dir
Gegen�berstehenden ist.
* * * * *
Ich sehe eine Zeit herankommen, wo man die Luft und das Meer so gr�ndlich
durchforscht haben wird, da� man dazu �bergeht, in irgend einer Ebene oder
W�ste einen Schacht anzulegen, durch den Generation um Generation mit
allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln tiefer unter die Erdoberfl�che
eindringt.
1910
Darum ist die Natur so tieftr�stlich, weil sie schlafende Welt, traumlos
schlafende Welt ist. Sie f�hlt nicht Freude, nicht Schmerz, und doch lebt
sie vor uns und f�r uns ein Leben voll Weisheit, Sch�nheit und G�te. So
schliefen auch wir einst und solchem Zustand kehren auch wir einst wieder
zur�ck, nur mit dem Unterschiede, da� dann dies ganze �ber-Gl�ck,
�ber-Leid uns bewu�t sein wird und da� wir dann auch keine Tr�ume mehr
brauchen, weil wir die Himmel selbst offen sehen.
1911
Das Kleine in der Natur ist gew�hnlich gr��er als 'das Gro�e'. Denn das
Kleine ist nur zu oft Gottesarbeit, wo das Gro�e nur G�tterwerk.
* * * * *
�berall, �berall liegen Keime des Lebens -- darum -- und nun kann man auf
zweierlei Weise fortfahren: -- tue ja nirgends Lebendigem Abbruch! oder:
sorge nicht allzusehr des Einzelnen in einem Haushalt, der so auf Schritt
und Tritt Verschwendung predigt und herausfordert.
* * * * *
Der Pilz ist der Parvenu der Pflanzen.
1912
Dir sind die Alpen nicht hoch, nicht geheimnisvoll genug, du tr�umst von
den Anden, vom Kaukasus, vom Himalaya. Und doch gilt es eben hier die
Seele ganz zu weiten und schon hier letzte Erhabenheit zu empfinden. Sind
nicht alle diese Berge gleiche Klippen der gro�en blauen, strahlenden
Geister- und Gottes-See, auf die immer wieder hinzublicken, ja, die fr�her
oder sp�ter mannhaft zu befahren unsere edelste Bestimmung und Freiheit
ist?
1913
Der Mensch hat noch immer sehr wenig Sinn f�r Wirklichkeit. Man erw�ge nur
etwa den gew�hnlichen Standpunkt der Sonne gegen�ber. Hei�t das
Wirklichkeitsempfinden, von einem solchen Ph�nomen ein Leben lang nicht
anders ber�hrt zu werden, wie es gemeinhin zu geschehen pflegt? Oder
schauen nicht vielmehr die Menschen die Sonne noch gar nicht?
* * * * *
Auch der Baum, auch die Blume warten nicht blo� auf unsere Erkenntnis. Sie
werben mit ihrer Sch�nheit und Weisheit aller Enden um unser Verst�ndnis.
* * * * *
Hast du noch nie empfunden: es mu� anders werden! Wenn du z.B. im Walde
sa�est und die lieben B�ume und Gr�ser um dich herum sahest, von denen
dich doch so ein Weltabgrund der Nichterkenntnis schied! Was waren sie
eigentlich, wo war ihre Seele, wo war der Punkt, in dem ihr euch
br�derlich treffen konntet, nicht nur in dumpfer Liebe von deiner Seite,
sondern euch gleichsam ins gottgeschwisterliche Auge schauend? W�re es
nicht unsinnig, wenn es in einer Welt, so weit und verschwenderisch
angelegt, immer so bliebe, nie anders w�rde? Mu� es nicht anders werden?
Und l�st diese Not und Notwendigkeit nicht etwas in dir, das sagt: Ja, es
mu� besser werden, und ich will Tag um Tag dem Geist und den Geistern der
Dinge entgegengehen, sind sie doch gewi� auch schon l�ngst auf dem Wege zu
mir.
KUNST
1891
Zugleich aus dem Leben gegriffen und zugleich typisch -- das ist h�chste
Kunst.
1892
Es ist etwas J�mmerliches um einen Lyriker ohne Liebe. Was helfen da Mai
und Nachtigallen und Mondscheinn�chte. Trauriger Zustand.
* * * * *
Ihr f�rchtet, da� die Umsturzepoche, vor der wir zu stehen glauben, alle
Kunst und Poesie, alles Sch�ne und Wertvolle im Leben vernichte?
Ich f�rchte das nicht. Denn mag jeder Tempel zertr�mmert, jedes Kunstwerk
verbrannt, jedes Saitenspiel zerschmettert werden, das unantastbare
Saitenspiel, das Menschenherz, wird nie aufh�ren, von den ewigen Melodien
zu t�nen, die der Geist der Welten ihm zuhaucht.
1894
Alle wahrhaft gro�en Dichtungen sind Variationen zum Schicksalsliede,
seien es Maestosi, Allegri oder Scherzi.
1895
Ich betrachte als eine Aufgabe kommender Dichtergeschlechter, neue Mythen
zu schaffen, und wir wollen ihnen schon vorarbeiten.
* * * * *
Dichten ist immer die Wiedergabe von Erinnerung. Die Erinnerung aber ist
selbst etwas Dichtendes, k�nstlerisch Zusammenfassendes und Ausw�hlendes.
* * * * *
Ein Dichter mu� 77mal als Mensch gestorben sein, ehe er als Dichter etwas
wert ist.
* * * * *
Der reimlose Jambus hat ein so formelles Pathos, ein so gro�rednerisches
Moment in sich, da� er uns Modernen meistens geradezu unm�glich wird, da
wir in tiefster Seele von dem Willen durchdrungen sind, wahr zu sein,
redlich vor allem in der Wiedergabe unserer Stimmungen und inneren
Erlebnisse.
* * * * *
H�chste Empfindungen, Phantasie im Gewande intimster Natur -- -- -- --
eine Durchgeistigung der Realit�t auf allen Punkten, k�nstlerischer
Polytheismus (im Sinne der Kunst), das meine ich, mu� das Programm der
Zukunft, unserer Zukunft sein. Der Sieg des menschlichen Geistes �ber die
Au�enwelt mu� vollkommen werden.
* * * * *
Je einheitlicher ein Volk einen Stil aus sich herausentwickelt, um so mehr
ist es bei sich selbst _daheim_. Daher der Zauber des _mittelalterlichen_
Stils, daher heute unsere Heimatlosigkeit.
* * * * *
Wenn wir einen nationalen Baustil haben wollten, m��ten wir eine
einheitliche Weltanschauung haben.
* * * * *
Wenn ich so die kleinen Dampfer die riesigen K�hne vor�berschleppen sehe,
mu� ich immer an den Dichter und das Publikum denken.
* * * * *
Sch�nheit ist empfundener Rhythmus. Rhythmus der Wellen, durch die uns
alles Au�en vermittelt wird.
Oder auch: _Sch�n_ ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet. Je
mehr jemand die Welt liebt, desto sch�ner wird er sie finden.
Gesetzt also, es g�be einen Gott, so w�re sein Glaube, die beste aller
Welten vor sich zu haben, verzeihlich.
1896
Das naturalistische Drama hat nur dann Wert, wenn es den Menschen, so wie
er heute ist, sich selbst unertr�glich macht. Ibsen. Hauptmann.
Kritik oder Beispiel -- naturalistische oder idealistische Kunst.
Der Naturalismus eine rein historische Kunstanschauung. Der Naturalismus
nur ein Stadium, kein Ziel.
* * * * *
Wenn heute wieder ein Schubert geboren w�rde, w�rde er eine Mission mehr
haben, n�mlich, nur _Texte_ zu komponieren, die Kulturwert haben.
* * * * *
Die Orgel, das Instrument der Zukunft.
* * * * *
In einem Philharmonischen Konzert:
Der Tempel der Germanen: Musik als Architektur empfunden. --
All-Genu�.
Mir ist, ich w�re ein Adler und tr�ge mich selbst und meine Last d�nkte
mir k�stlich und ein tiefes Wohlgef�hl durchstr�mte mich.
* * * * *
Dilettantismus des Geschmacks: Bei Betrachtung von Landschaften
fortw�hrender Vergleichs-Standpunkt. Wie es in der Musik hei�t, da� der
ein Dilettant sei, der beim Anh�ren eines Musikwerks in lauter
Reminiszenzen aufgeht.
* * * * *
Ihr wi�t ja alle nicht, was Schaffen hei�t. Ein Bild malen, ein Gedicht
machen? Nein! Seine ganze Zeit umgestalten, ihr das Gepr�ge seines Willens
aufdr�cken, sie mit seiner Sch�nheit erf�llen, sie �berw�ltigen und
unterwerfen mit seinem Geiste.
* * * * *
Der Krug des Nichts, aus dem alle K�nstler sch�pfen.
* * * * *
Schopenhauer nennt das blo�e intellektuelle Anschauen die h�chste
Seligkeit, weil hier der schaffende Wille ganz schwiege. Als ob Schauen
nicht schon Schaffen w�re!
* * * * *
Den �sthetikern:
Zeigt Wege der Zukunft, aber beschw�rt nicht ewig die Toten gegen uns.
* * * * *
Vor einer roh gef�gten Gebirgsbach-Br�cke:
So m��te sich jeder Architekt vor die roheste nat�rlichste Form der
Menschenarbeit hinstellen und an diesen Balken und Brettern seine ersten
Kunstgedanken auslassen. Er sollte so von Anfang an die Kunst als
Bed�rfnis empfinden m�ssen und w�rde so gewi� zu originellen Gedanken
gelangen, deren Regulativ dann das Studium der Vergangenheit sein k�nnte.
* * * * *
Der erste Schnee! Mein erster Gedanke war die ehrsame Zunft der Lyriker,
die in deine Flocken starrt, dich gr��end zu besingen. Welche Dekadenz,
diese unpoetische Reflexion �ber deine himmlischen Dekadenzen, lieber
trauter Schnee.
* * * * *
Es ist eigentlich eine Ungerechtigkeit, da� der Dichter nicht -- gleich
dem Musiker -- den Teilen seiner Werke hinzuf�gen darf, in welchem Tempo
er sie genommen wissen will.
* * * * *
Das losgerissene Segeltuch des kleinen Dampfers (vor meinem Fenster), das
mit seinem freien Ende im Wasser liegt, so da� es f�r den st�rksten
Windsto� zu schwer wird, es als Fahne auszurollen: Bild f�r ein
K�nstlerschicksal.
1897
Als ob Kunst nicht auch Natur w�re und Natur Kunst!
1901
Wer wird dieses Drama der Freude dichten: mit stillen gro�en Menschen, die
das Ja- und Amen-Lied im Herzen tragen, das Drama des Mittags, der
Sonnenh�he, 'da alle Dinge rund und vollkommen' geworden sind.
* * * * *
Was soll uns Trag�die hei�en und als tiefste Erregung von der B�hne herab
gelten? Die Darstellung des wahrhaft bedeutenden Menschen, der immer eine
tragische Erscheinung ist, weil in allem menschlich Gro�en neben der
gro�en Freude auch der gro�e Schmerz wohnt, weil in jedem ungemeinen
Schicksal das Ja und das Nein allen Lebens wie aus zwei Posaunen erklingt,
weil der gro�e Mensch eine Abbreviatur des ganzen Weltgeheimnisses ist.
Die Trag�die ist der tiefe Gesang vom Wesen der Welt, und ihm von Zeit zu
Zeit ersch�ttert zu lauschen unser Ewigkeitsdienst in all dem uns
�berbrausenden Alltag.
1905
Wohl alle Kunst ist bis zu einem gewissen Grade unm�nnlich, besonders aber
Dichten und Musizieren. Daher Nietzsches Vorliebe f�r Horaz als einen sehr
m�nnlichen Dichter, daher Lionardos Wunsch: vor allem als Mathematiker,
Goethes: recht sehr als Staatsminister zu gelten.
* * * * *
Ich liebe die italienischen Kirchen und das Leben in ihnen. Ihr Geheimnis
ist, da� sie nicht nur selber Kunstwerke sind, sondern auch alles Leben,
das sich mit ihnen verm�hlt, zum Kunstwerk machen, indem sie es zu einem
Bilde abt�nen und feierlich umrahmen. Betritt die schlimme r�mische
Sinnenf�ngerin Ges�, wann immer du willst, oder die ehrw�rdige Ara Coeli
oder die stattliche Maria Maggiore; welche Gruppen, Gesten, Mienen, welche
gehaltenen und tiefen Ausdr�cke des Individuums, welche stets bedeutenden
_Bilder_! Gewi�, alles, was die Menschen zu einem bestimmten Zwecke
sammelt, vereinigt sie so mit sich zu einem Kunstwerk: die Markthalle, der
Bahnhof, die Kaserne, das Schiff, eine Stra�e, ein Kornfeld im Herbst --
aber wohl nichts bietet so die Gew�hr eines k�nstlerisch abgeschlossenen
und abgerundeten nat�rlichen Lebensgem�ldes, wie die Kirche, nichts
distanziert sich und seine Gemeinde mit soviel Gl�ck vom kunstarmen Alltag
wie sie.
* * * * *
Es gibt vielleicht keine gl�cklichere Manier, als alle Dinge vom
Standpunkt des Malers aus zu betrachten.
* * * * *
F�r Portr�tmaler.
Wer einen Menschen recht erfassen will, mu� ihn sehen, wenn er vom Schlaf
aufwacht, mit wirrem Haar, die Z�ge und Glieder noch halb gel�st, noch
halb unbewacht. Da ist er noch der Mensch ohne Namen, ohne Beruf -- wenn
auch mit all dem Bedeutenden, wodurch ihn das Leben bereichert hat. Zudem
gibt es nichts, das malerischer w�re, als ein Mensch in Trikot oder
langem, flie�endem Hemd, ein Mensch bei den Bewegungen des Waschens, beim
Abtrocknen nach dem Bade, beim K�mmen und B�rsten der Haare. Auch gebe ich
allen Bildhauern und Aktmalern den Rat, ihre Modelle einmal einen
ger�umigen Krug mit beiden Armen unter die ge�ffnete Brause emporhalten zu
lassen. Es ergeben sich da durch die zunehmende Schwere des Krugs eine
Reihe interessanter und charakteristischer Phasen, von der ungezwungensten
Pose bis zur angespanntesten.
* * * * *
Zu F�rsten:
Zeige mir, wie Du baust, und ich sage Dir, wer Du bist.
1906
An unsere jungen Dichter: Geht ins Volk, mischt euch unter die
gew�hnlichen Leute, sucht ihre Freundschaft zu gewinnen, sucht so reden zu
lernen, da� sie euch verstehen wie ihresgleichen. Geht zu den
verschiedensten Handwerkern, auf die Werften, in die Fabriken, in die
Bergwerke; lernt vom Volk und f�r das Volk, seht zu, da� was und wie ihr
dann schreibt, jedem verst�ndlich sein k�nne, der den guten Willen f�r
euer Verst�ndnis mitbringt. La�t euch Jahre eures Lebens in einsamen
D�rfern nieder, im deutschen Gebirge, an den K�sten, auf Inseln. La�t euch
vom glatten charakterlosen Gro�st�dter nicht das Bild des Menschen
f�lschen, obwohl man auch bei ihm leicht unter die Schale dringen kann.
Denkt an Luther, wie er herumging in allen Werkst�tten, um sich die
Sprache f�r seine Bibel�bersetzung zu bilden, wandert, soviel ihr k�nnt,
werdet lieber Handwerksburschen als hoffnungsvolle Literaten, die von
Gesellschaft zu Gesellschaft eilen, die sich ihre Ziele aus Theatern und
Zeitschriften holen, die sich �sthetisch anregen lassen, statt immer
wieder auf den Grund des Lebens zu gehen.
* * * * *
Neue Dichter seh ich kommen, nach innen den Blick gerichtet -- -- --
* * * * *
Eine Karikatur ist blo� immer einen Augenblick wahr.
* * * * *
Es ist ein erheiternder Gedanke, da� es Sch�nes und H��liches nur im
Gehirn des �sthetikers gibt. Von 'der Darstellung des Sch�nen' zu reden --
welch eine Einfalt! Es gibt nichts 'Sch�nes' darzustellen, weil es nicht
hier und dort etwa herumliegt, sondern in jedem Augenblick erst
_erschaffen_ werden mu�. Und wenn Herr N. behauptet: aber diese Rose ist
doch sch�n! so antworte ich ihm: Vielmehr Sie erschaffen die Sch�nheit der
Rose im Moment Ihres Schauens und das f�llt Ihnen leicht, denn Milliarden
haben sie vor Ihnen ebenfalls erschaffen. Gleichwohl wird die Sch�nheit,
welche Sie der Rose erschaffen, sich nicht mit der messen k�nnen, die ein
wahrhaft sch�pferisches Auge, das von ihrem Bild getroffen wie trunken
wird, weil es sich ewige Jugend bewahrt hat, ihr erschafft.
Wenn Sie daher von der von Ihnen erschaffenen -- nachgeschaffenen --
Sch�nheit als von Sch�nheit �berhaupt reden, so dr�ngen Sie damit Ihren
sehr mittelm��igen sch�pferischen Geist der Welt und vor allem den
K�nstlern wie ein Joch auf, unter das man sich beugen m�sse: als d�rfe nur
ebensoviel Sch�nheit erschaffen werden, als Ihnen zu schaffen m�glich ist.
(Ihr Wille zur Macht.) Aber, mein Werter, Sie wissen von der Sch�nheit
nichts, so wenig wie irgendein andrer. Sie wissen nur von der von _Ihnen_
geschaffenen (meist nachgeschaffenen) Sch�nheit. Auch wir K�nstler wissen
nicht, was 'die Sch�nheit' ist, aber wir vermehren sie als von Natur aus
st�rker empfindende, zeugende, als die am weitesten vorgestreckten F�hler
des Menschen.
* * * * *
Es gibt zwei gro�e Gruppen produktiver Naturen: die mehr lehrhaften und
die mehr unmittelbaren. Man soll sie, man mu� sie beide gelten lassen und
ihnen das 'und' nicht rauben. Erst aus Goethe und Schiller, Shakespeare
und Ibsen, Monet und B�cklin, Rodin und Klinger ergibt sich das ganze Bild
unserer Kunst.
1907
Es ist so plump von K�nstlern und Dichtern, sich geradezu ans Geschlecht
zu wenden. Als ob man sich ans Geschlecht erst wenden m��te.
* * * * *
Wenn das Individuum -- wie Hebbel sagt -- letzten Endes komisch ist -- und
es ist komisch --, so ist die Trag�die die h�chste Form der Kom�die.
* * * * *
Alle Kunstform borniert.
* * * * *
Programmusik mutet mich an wie Buchstaben aus lebendigen Blumen.
* * * * *
Ein K�nstler mu� seine Weisen eigentlich immer einer Geliebten ins Ohr
spielen.
* * * * *
Chopin ist immer Mann oder doch J�ngling, Beethoven hat noch das Kind vor
ihm voraus -- und seiner ist darum nicht nur das Erden- sondern auch noch
das Himmelreich.
* * * * *
Kunst ist nicht ein St�ck Welt im Spiegel eines Temperaments, sondern --
ein (St�ck) Temperament im Spiegel des Bewu�tseins.
* * * * *
Das Leben zeugt Blumen und Bienen. Blumen, das sind die sch�pferischen
Geister und Bienen, die andern, die daraus Honig sammeln.
1908
In jedem Kunstwerk ist der K�nstler selbst gegenw�rtig. Wir spielen und
h�ren in _Wahrheit_ Beethoven, sehen Lionardo, lesen Goethe.
* * * * *
Liszt wirft mich oft aus der Musik heraus.
* * * * *
Musik -- gesanggewordener Mensch und somit seine f�r uns vielleicht
h�chste Erscheinungsform. -- Ein altes Bild: Der Gesang der Engel vor
Gott: umgedeutet: Menschen vor Gott (der �berall) zu Lied, zu Gesang
geworden. Beethoven, ein Engel Gottes (der in unser aller) und zu Gottes
(der in unser aller) Preis unaufh�rlich t�nend -- Beethoven, ein Gesang
Gottes vor sich selbst.
* * * * *
Das willk�rliche Abbrechen von bedeutenden Musikst�cken ist deshalb oft so
schmerzlich, weil da nicht nur Musikst�cke, sondern -- Menschen
abgebrochen werden.
* * * * *
Nirgends kann das Leben so roh wirken, wie konfrontiert mit edler Musik.
* * * * *
Die moderne Landschaftsmalerei (und Liebe zur Landschaft, Natur) -- ein
weiterer Schritt der Erde zur Erkenntnis und Liebe ihrer selbst.
* * * * *
Ein rechter K�nstler schildert nie, um zu gefallen, sondern um zu --
_zeigen_.
* * * * *
Jeder K�nstler t�tet zehn folgende (Dilettanten).
* * * * *
Ich kann mir in etwa 200 Jahren ein Drama denken, dessen Vorwurf der Kampf
zwischen der Newtonschen und der Goetheschen Farbenlehre bildet. Die
Farben treten auf und suchen umsonst das wei�e Tageslicht in gemeinsamer
Aktion zusammen hervorzubringen. Schlie�lich erscheint das eine wei�e
ungeteilte und unteilbare Sonnenlicht in Gestalt eines wei�gekleideten
Weibes und entlarvt dieses ganz anma�ende Unterfangen als Betrug und
Selbstbetrug.
1909
Wenn mich nicht alles tr�gt, so stehen wir dicht vor K�nstlergenerationen,
die sich des ganzen irdischen Lebensstoffes noch ganz anders bem�chtigten
werden als die bisherigen.
* * * * *
Habt das Leben bis in seine unscheinbarsten �u�erungen hinab lieb und ihr
werdet bis in eure unscheinbarsten Bewegungen hinab unbewu�t von ihm
zeugen.
* * * * *
Allzuviel Lyrik fri�t die gesunde Natur des Dramas an und nimmt ihm, in
einem ganz hohen Sinne, seine nat�rliche Sittlichkeit.
1910
Sch�nheit 'an sich'? Nein, Sch�nheit, die �ber sich hinausweist.
* * * * *
Die neue -- die christliche -- Trag�die wird �berall erst m�glich sein,
wenn der Mensch mehr und mehr aus der Materie erwacht. Ihr Stoff wird die
Tragik seiner dann endlich �berschauten und klar gewordenen Entwickelung
sein und ihre Gr��e das dann noch ganz anders, weil aus einem ungleich
h�heren Bewu�tseins- und Verantwortungsgrund gesagte, gesungene: Trotzdem!
und Ja! und O Ewigkeit! O, unsere Gottesewigkeit! ...
Ihr Geist wird aus der endlichen Erkenntnis dessen geboren werden,
was der Mensch verbrochen und was er gutzumachen hat, sie wird den
schauerlichen Fall des Menschen ins Ungeistige spiegeln und seine
�bermenschlichen Anstrengungen, Uns�hnbar-Scheinendes zu s�hnen,
Unbez�hmbar-Widerstrebendes zu �berwinden, Unwiederbringlich-Verlorenes
wiederzugewinnen. Erheben wird sich nach langen Geburtswehen endlich der
Heerbann des Verst�ndnisses und der Liebe, und seine Siege und Niederlagen
werden fortan wie ein Ringen erwachter G�tter ersch�ttern, wo heute der
Tiefschlaf des Sondermenschlichen erst vereinzelte Ahnungen zul��t.
La�t uns darauf dem�tig warten und dazu das Unsere tun, K�rnlein um
K�rnlein. La�t uns uns dessen vertr�sten in vielem Kleinkram und Wirrwarr
noch unserer Tage.
1911
Wir beweisen durch unsere kritische Stellung zu dem vielleicht oft
anfechtbaren Menschlichen gro�er K�nstler nichts, als da� uns durchaus nie
zu lebendigem Bewu�tsein gekommen ist, was ein solcher K�nstler f�r den
Menschen, f�r uns wirklich bedeutet. Wir k�nnen kalten Herzens den
'Menschen' Wagner ablehnen, ja schm�hen und damit es ganz f�r nichts
erachten, da� t�glich Str�me des Segens von ihm ausgehen, Str�me der
Kultur, der Erhebung aus dem profanen Alltag, der Reinigung durch geistige
M�chte.
1913
In ein Zimmer, dessen rosa get�nchte W�nde in einer breiten bunten
Zierleiste auch ein kleines kaum bemerkbares blaues Muster aufweisen, wird
eines Tages ein gro�er blauer Teppich geh�ngt. Und nun sollte man die
kleinen blauen Muster sehen, wie sie mit einem Male leben und leuchten!
LITERATUR
1895
Alle Buchstaben, die je von Menschen geschrieben, z�hlen.
1897
Nach der 'Wildente': Ibsen w�re 'ungriechisch'? Aber was taten die alten
Griecheng�tter andres, als (scheinbar) kalt und sp�ttisch das Treiben der
Sterblichen betrachten, im Bewu�tsein der Notwendigkeit aller Dinge.
So steht Ibsen vor seinen Mitmenschen. Der herbe Duft einer gewissen
L�cherlichkeit, welche das Kennzeichen jeder Tragik ist, schwebt um seine
Werke.
1901
Es gibt ein h�chst bedeutendes Bruchst�ck in unserer Literatur: Der
'Empedokles' von H�lderlin. Hier habe ich einmal den abgebrochenen Weg des
deutschen Dramas zu sehen vermeint.
* * * * *
Die Griechen gestalteten ihre Sagen; die Renaissance lebte in diesen Sagen
und in den Erz�hlungen der Bibel; die neue Zeit, in der Breite ihrer
V�lker jenen Sagen wie diesen Berichten ferner und ferner r�ckend, mu� die
ganze bisherige Geschichte zum Stoff ihrer Kunstwerke nehmen. Unsere Sage
sind die gro�en Epochen der Geschichte geworden, unser G�ttermythos der
Mythos vom gro�en Menschen in allen Zeiten. Dies ist recht eigentlich die
uns zugeborene Sage: die Menschheits-Sage. In ihr liegen jene heidnischen
und christlichen Stoffe mit inbegriffen, aber sie selbst ist noch
unausme�lich weiter und tiefer, ihr Reich geht noch hinter alle
Sagenkreise zur�ck und unter sie hinab, bis auf die Menschen, ja bis auf
die V�lker, die diese Kreise ersannen. Ein erster ungeheuerer �berblick
�ber dreitausend Jahre geistige Erde ward m�glich. Menschen dieses
�berblicks werden die neue Trag�die schreiben, die einzige, welche der
griechischen ebenb�rtig sein wird, ja, welche sie �berfliegen wird wie der
Adler den Falken.
1904
(Zum Thema Strindberg.)
Es entsteht jedesmal ein bedeutendes Sch�tteln des Kopfes, wenn ein
absonderlicher Mensch durch das Mittel einer gro�en k�nstlerischen
Begabung in die Welt hinausgreift. Begabung sollte eigentlich immer mit
Bravheit gepaart sein, meint man, da man gern in aller Ruhe lernen und
bewundern will; so kommt man weiter in der Bravheit, und damit, meint man,
in der Kultur. Ein Mensch, der einen n�tigt, mit ihm zu laufen, dann j�h
wieder umzukehren, dann pl�tzlich ins Wasser zu springen, darauf
vielleicht donquichotisch auf ein eingebildetes Amazonenheer loszur�cken,
schlie�lich mit einem Male in einem Kloster zu verschwinden, um mit einer
Maske in der Linken und einer Gei�el in der Rechten wieder hervor zu
kommen, ein solcher Irrstern und Wirbelsturm wird nicht gern
einregistriert und als voll genommen. Ein genialer Verr�cktling, sagt man
und geht wieder zur Ordnung �ber. Da� aber hier ein Mensch wie ein
gehetztes Wild durch die Felder und W�lder, Schluchten und Fl�sse des
Lebens st�rzt, gehetzt -- ja wovon? -- von irgend einem Verfolgungswahn:
als fl�ge die Finsternis hinter ihm her, aus der er entsprungen, und er
m��te das ewige Licht finden, bevor sie ihn wieder packte, -- oder von
irgend einem Sehnsuchtswahn -- wonach? --: nach dem gr�nen Wiesental eines
unbew�lkten Friedens oder nach dem Gipfelfelsen �ber den Nebeln, von dem
aus er hin�berfliegen k�nnte ans Ufer eines anderen Sterns, einer h�heren
Welt, -- da� aber hier ein Mensch durch die Welt geht, allen Jammer des
Menschlichen vor sich her tragend, in Jubel und Hohn und Ha� und jedem
Gef�hl vom niedrigsten bis zum h�chsten, das wird als nichts empfunden,
das bleibt tot und unfruchtbar f�r den ganzen Bann der Geordneten.
So ein Toter aber, solch ein den meisten nur selten und unvollkommen
lebendig Werdender ist August Strindberg, ein gehetztes Wild, eine
laufende Flammens�ule, ein Mensch, alles in allem, vor dem die Sehnsucht
nach jenem 'Blitz aus der Wolke, der da hei�t �ber-Mensch' aufschreit,
wenn irgendwo: denn dieser Untergehende ist ein Hin�bergehender.
Was liegt an 'Werken' (im letzten Grunde), was an Korrektheit, Bravheit,
N�tzlichkeit, Tradition, Gem�t, Liebe -- kurz was an all dem
Vordergrundswesen, au�er da� da ein Mensch seinen Sinn sucht -- ein
_Mensch_. 'Respektiert den Menschen --'; er kommt so selten zum Vorschein.
Die Menschen -- was sind sie wert. Der Mensch ist immer ein Ph�nomen. Er
sieht nicht sch�n aus: Irgendwie hei�t sein Name und Ruhlos sein Schuh,
sein Rock hei�t Elend, seine Zunge Eitelkeit, sein Eingeweide Wollust,
sein Herz Flamme, sein Auge Sonnenheimweh, sein Wanderstab Nirgendsheim
und seine bittere Nahrung Er selbst.
In den H�fen und G�rten des Menschlichen gibt es viel N�tzliches und
T�chtiges zu tun. Da gebe es nur den Schurz und die Schaufel. Da wird das
Handwerk getan. Aber in der Gespensterstunde von zw�lf bis eins, da horcht
hinaus auf die wilde Jagd der vom Genius Gezeichneten, da la�t den
Menschen zu euch hinein und legt die Finger in seine Wunden und f�hlt --:
es gibt noch etwas, wovor Kunst und Wissen und all das versinkt wie ein
Rauch.
Und da wird euch Strindberg nicht mehr nur ein genialer Sonderling d�nken.
1905
Was wir in unsern neueren B�chern von der bisherigen Entwickelung der
menschlichen Gesellschaft vor uns haben, ist vor allem eins: _gewaschene_
Geschichte. Der nat�rliche Duft und Brodem der Dinge d�rfte uns
schlechtweg ersticken.
* * * * *
Jedem, der seine Gedanken niederlegt, blickt schon im Augenblick des
Schreibens ein Gr��erer �ber die Schulter, sei es ein Vergangener,
Lebendiger, oder noch Ungeborener. Wohl dem, der diesen Blick f�hlt: Er
wird sich nie wichtiger nehmen, als ein geistiger Mensch sich nehmen darf.
* * * * *
Der eine lebt, der andere schreibt sich aus. Das erste Dokument der Kultur
war -- ein Tagebuch.
* * * * *
Warum ist Balzac gr��er als Flaubert? Weil er eine unendliche F�lle ist,
aus der Gro�es und Geringes, aber immer Lebendiges hervorsprudelt. Balzac
ist eine bl�hende Wiese, wo Flaubert vielleicht ein kunstvoller Garten.
Keine Bewunderung hilft ihm gegen�ber, man mu� ihn lieben. Er hat dieses
tief alles durchblutende Mitgef�hl, jene wahre Liebe: die Sympathie, die
ihn das Leben nicht vergolden, aber mit jenen zarten H�nden anfassen l��t,
womit dieses feine und des sch�rfsten Beurteilers immer noch spottende
Gewebe allein angefa�t werden darf.
* * * * *
Der Sonderling:
Seit Friedrich Schillers hundertstem Todestag habe ich diesen Dichter f�r
mich Max Zottuk getauft; so sehr haben mir Presse und Publikum jeden
Buchstaben des einst teuren Namens verleidet.
1906
Die Romanschriftsteller irren sich, wenn sie glauben, da� ihre Leser sich
immer wieder die M�he n�hmen, die von ihnen sorgf�ltig beschriebenen
Gesichter im Geiste nachzuzeichnen. Wenn ich lese, sein Kopf glich einer
umgekehrten Zwiebel, so habe ich sofort ein Bild; wenn es aber hei�t, sein
Haar war braun, seine Stirn niedrig, seine Nase sch�n geschwungen, sein
Mund grob aufgeworfen, so geht das -- an mir wenigstens -- ziemlich
spurlos vor�ber.
* * * * *
Es wird eine Zeit kommen, da wird man Geschichten 'von au�en her'
schreiben, ich meine Geschichten, in denen wohl �hnliches erz�hlt wird wie
heute, aber deren eigentlicher Reiz darin besteht, da� die geschilderten
Menschen durchsichtig gemacht sind -- gegen das Mysterium hin. Sie werden
charakterisiert werden mit allem Glauben an ihre Wirklichkeit und doch
zugleich wie Halluzinationen wirken, sie werden uns fesseln wie
irgendwelche Gegenst�nde der bisherigen Poesie, aber der Schauder dessen,
f�r den die alte Welt zusammengebrochen ist, wird auch ihrem Bilde
mitgeteilt sein, so da� sie im selben erg�tzen und ein tiefes unheimliches
Wundern erregen.
* * * * *
Etwas vom �bersetzen.
Nehmen wir Ibsen. Ibsen arbeitete an jedem seiner St�cke durchschnittlich
zwei Jahre. Wenn nun ein Ausl�nder hergeht und eines jener Dramen in vier
Wochen in seine Sprache �bersetzt, so wird er schwerlich jede der redenden
Personen so in sich lebendig f�hlen k�nnen, wie der Dichter, der sie
zuletzt gleichsam als seine best�ndige Gesellschaft empfand.
Es gibt eine Art, ich m�chte sie die rationalistische Methode zu
�bersetzen nennen. Der �bersetzer m�chte das Original wom�glich noch
verdeutlichen. Ohne auch nur einen Schatten jener wirklichen Ehrfurcht,
wie sie nur die Dichter selbst dem Dichter entgegenbringen.
* * * * *
Es ist das Ungl�ck der Franzosen, zu gut schreiben zu k�nnen.
* * * * *
Ich kann mir viele denken, die Stendhal kurzerhand als langweilig oder gar
absto�end ablehnen. Der n�chste F�rster, der ihnen begegnet, zieht sie
unendlich mehr an. Die Leidenschaft des Psychologen, der um Einen Stendhal
s�mtliche F�rster der Welt hingibt, ist ihnen fremd, die Wi�begier dessen,
dem der Mensch A und O aller Studien, ist bei ihnen durch das Behagen
ersetzt, stark, warm und einfach zu f�hlen.
* * * * *
Nach den Erinnerungen eines Egotisten.
�berall, wo Stendhal �ber fremde Dinge schreibt (Italien, Napoleon ...)
fesselt er, wo er aber �ber sich selbst und seine Gesellschaft und
Liebschaften schreibt, wird er sehr bald langweilig.
* * * * *
Zu Dostojewski.
Aus seinen B�chern findet man schwer wieder nach Westeuropa zur�ck.
* * * * *
Wenn ich Dostojewski lese, so ist es mir, als s�he ich einem Feuer zu --
einem Steppenbrand --, das �ber die Ebene wandert. Und jetzt fri�t und
w�hlt es sich schleichend durchs knisternde Gras -- und jetzt f�hrt ein
Sturmwind daher und erhebt es bis zu den Wolken, und jetzt kriecht und
glimmt es wieder dahin und nur dicke Rauchmassen bezeichnen seinen Weg --
und jetzt steigt es bei einem neuen pl�tzlichen Sto� gleich einer S�ule
zum Himmel und �bergie�t Himmel und Erde mit �bergewaltigem,
ersch�tterndem Glanz.
* * * * *
Mauthner tut Nietzsche Unrecht, auch da, wo er gegen ihn Recht hat. Ein
Menschenleben gr�bt sich sein Strombett und damit mu� man zufrieden sein.
Nietzsche ist gewi� nicht aus Eitelkeit den Weg zur Sprachkritik nicht
weiter gegangen. Mauthner untersch�tzt das Dynamische im Genie.
* * * * *
Es ist das Interessante an B�chern, �ber denen man eigentlich den Verstand
verlieren m��te, da� man durch sie vielmehr an Verstand gewinnt. Freilich
ist das nur ein neues Kompromi� -- denn anst�ndigerweise m��te man
allerdings nach ihrer Lekt�re abdanken. Aber das Leben ist nicht das, was
wir anst�ndig zu nennen lieben. Allein schon der Umstand, da� der Autor
seinen Verstand behalten hat, wird gen�gen, den Leser zum gleichen zu
veranlassen; es sei denn -- da� er nur so beweisen zu k�nnen meinte, da�
er noch tiefer als jene sei, da� er sozusagen aus Ehrgeiz, aus 'Willen zur
Macht' wahnsinnig zu werden geradezu -- w�nschte.
* * * * *
Ich habe nie einsehen m�gen, warum mittelm��ige Menschen deshalb aufh�ren
sollten, mittelm��ig zu sein, weil sie schreiben k�nnen.
1907
�ber etwas schreiben hei�t, sich mit etwas �berschreiben.
* * * * *
Denke dir immer jemanden, auf den deine S�tze durchaus nicht so Eindruck
machen, wie sie's dir selber bisweilen tun, der sie vielmehr trocken und
gleichg�ltig pr�ft, ja beinahe feindselig, wie ein Mensch, den jede neue
Behauptung zun�chst -- �rgert.
* * * * *
Ich denke nach, welchen Dichter man einem Adler vergleichen k�nnte. Ibsen
war die Eule in Person. Goethe war vielleicht ein Adler. War Shakespeare
einer? Ich glaube, die Adler unter den Dichtern werden erst kommen:
Geister, die alles Dasein zugleich mit Falkenblick erkennen und �ber ihm
in schier unerreichbarer H�he kreisen. Geister mit einer 'Freiheit' auch
von sich selbst -- ...
(Der Evangelist und Apokalyptiker Johannes war ein Adler.)
* * * * *
Lagarde ist das stolzeste aber auch schroffste Gebirge, das ich kenne. So
oft man auf ihm wandert, st�rzt man in den Abgrund.
* * * * *
Alles Gro�e macht sterben und auferstehn. Wer an Nietzsche und Lagarde
nicht immer wieder stirbt, um an ihnen auch immer wieder aufzuerstehen,
dem sind sie nie geboren worden.
* * * * *
Was w�re Lagarde mit all seinen Forderungen, seiner Strenge und H�he, wenn
nicht eine so gro�e Natur und eine so tiefe, fast unvergleichliche Bildung
in jedem Verstande sein Besitz, sein Erwerb gewesen w�re. Er gleicht einem
Marmorbild, auf dessen Sockel ewige Gebote eingegraben sind, aber dessen
Erscheinung f�r sich allein noch gebietender wirkt als sie.
* * * * *
Wer Lagarde ertr�gt, ist entweder ein Hundsfott, ein Kind oder ein Riese.
* * * * *
Wenn du Schriftsteller bist, so schreibe jeden Tag etwas nieder, und wenn
du auch nur den zehnten Teil davon aufbewahrst. Kommt dann deine
produktive Periode, so wirst du, was du zu sagen hast, mit doppelter
Leichtigkeit und Anmut sagen, du wirst dann wie der Klavierspieler sein,
der eines Tages zu phantasieren beginnt und merkt, da� es auf den Tasten
fortan kein Hindernis mehr f�r ihn gibt.
* * * * *
Mit Zeitungen und Zeitschriften kommt man nur wie im Sande vorw�rts. Das
macht, sie reden ohn' Unterbruch.
* * * * *
Drucke jede Woche nur Ein Wort, Einen Satz auf ein quadratmetergro�es
St�ck Papier und du wirst mehr ausrichten, wofern du Der bist, als mit
einer Million Buchstaben in der gleichen Zeit.
* * * * *
In Fritz Mauthner tut der Immoralismus Nietzsches (dieser im Grunde
raffinierteste Moralismus) einen weiteren entscheidenden Schritt. Der
Wille zur Sauberkeit, zur Redlichkeit feiert in ihm einen -- und wie alles
Gro�e grausam ist -- grausamen -- Triumph.
Im �brigen: wer hier den ungeheuren sittlichen Entwickelungsproze�, der
unser ganzes geistiges Leben ist, nicht ahnungsvoll erkennen zu d�rfen
meint, wird sich auch nicht sagen k�nnen: Hier vollzieht sich ja im Gro�en
nichts andres wie im Einzelnen: Pers�nlichkeitsentwickelung. Hier will ja
irgend ein dumpf Wollender ganz ersichtlich zu immer h�herer
Selbstsch�nheit ...
* * * * *
Vor seinem Kammerdiener, hei�t es, ist kein Held ein Held mehr. Das
gef�llt manchen modernen Kritikern und Dichtern ganz ungemein. Begeistert
predigen sie die Kammerdieneroptik, die Kammerdienerweisheit, und
�bersch�tten die Welt mit dem �berlegenen Lachen des -- Kammerdieners.
* * * * *
Wenn man wei�, was zwei- oder dreit�giger Kefir ist, so hat man ein Bild
f�r den Stil des Essayisten N. K�nnte man sein Buch wie eine Flasche
sch�tteln, so w�rde man verh�ltnism��ig leichtfl�ssige Milch bekommen. Da
man es aber nicht sch�tteln kann, hat man ein dickes und schwerf�lliges
Getr�nk vor sich mit Brocken, die mehr kollern als rinnen, ein Getr�nk,
nicht minder wertvoll als der ungesch�ttelte Kefir, aber weniger angenehm
genie�bar als der gesch�ttelte.
* * * * *
Gespr�ch ist gegenseitige distanzierte Ber�hrung. Ein Buch ist
chiffriertes Tasten. Lies es, taste daran, und du wirst wiederbetastet
werden, es wird sich die Erscheinung seines Verfassers auf und in die
deine dechiffrieren, als telegraphierte er dir mit unsichtbaren Fingern
durch die Stirn.
* * * * *
Je besser ein Stil wird, desto mehr nimmt er alles in sich hinein: die
�berfl�ssigen Interpunktionen, die allzuh�ufigen Abs�tze, den Sperrdruck.
1908
Ein Buch ist nicht etwas, was ein Mensch geschrieben hat, sondern dieses
Menschenmysterium selbst, ebenso wie das Musikst�ck, das ich heut abend
von dem Nachbarhause her�berklingen h�rte, kein Musikst�ck von Beethoven
war, sondern das Mysterium Beethoven selbst.
* * * * *
Jedes Buch hat zwei Wirkungen, die mittelbare und die unmittelbare. Die
meisten Leser sp�ren nur die mittelbare. Darum bleiben auch so viele
B�cher Druckerschw�rze auf Papier. Und doch offenbart auch noch das
schlechteste Buch seinen Vater nicht blo� mittelbar, sondern auch
unmittelbar: ihn selbst, die Pers�nlichkeit, in der Chiffre dieser S�tze
unverlierbar aufbewahrt und jeden Augenblick bereit, in ihrer ganzen
urspr�nglichen Kraft auf uns zu wirken.
1909
In der �bertriebenen Abneigung gegen schlechte �bersetzungen, gegen
�bersetzungen �berhaupt, liegt eine gewisse Verz�rteltheit. Gro�e
Originale leuchten auch aus unbeholfenen Reproduktionen unzerst�rbar
hervor.
* * * * *
Tolstoi war ein Protest des h�heren Menschen wider den Menschen, wie er
gemeinhin heute noch ist. Tolstoi wollte nur ganz einfache, simple Dinge.
Dinge, die sich eigentlich von selbst verstehen, -- f�r jeden anst�ndigen
Menschen.
* * * * *
Man fordert von Tolstoi M�rtyrertum. Man sagt: Lebe wie Franziskus, stirb
wie Christus. Nun, er hat sich im Jahre 1907 den Henkern seines Staates
dargeboten: -- 'nehmt mich und f�hrt mich hin wie jene armen Opfer, legt
den eingeseiften Strick um meinen alten Hals ...'
* * * * *
Der gro�e Schriftsteller hat Stil, der kleine Manier, was nicht
ausschlie�t, da� der gro�e auch einmal klein und der kleine gro�, d.h. ein
Stilist sein kann. Maeterlinck -- oder ein versetzter Konditor.
* * * * *
In diesen Erz�hlungen von Liebe sehe ich immer nur eines: die Liebe als
Selbstpreis. Selten oder nie, da� diese Menschen durch ihre Liebe zu
einander _wachsen_ wollen, da� sie sich �ber sich hinaus lieben. Daher
denn auch die �bers�ttigung, ja der Ekel, der einen nach und vor derlei
erfa�t, ein Verlangen, es m�chte doch auch hier endlich eine neue Optik
Platz greifen, eine tiefere, religi�sere Betrachtung des Liebeslebens.
* * * * *
Nichts kann mich mehr aufbringen, als wie allezeit hier und dort �ber den
Eckermann geredet wird. Immer ist ein halb mitleidiges L�cheln dabei,
gleich als handle es sich um eine durchaus subalterne Natur, der es jeder
seiner g�nnerhaften Bespotter unvergleichlich zuvorgetan haben w�rde. Man
h�ngt sich an die Einfalt mancher seiner Fragen und bedenkt nicht, da� er
oft nur frug, um Goethen zu locken und anzureizen, man wirft ihm eigene
Unbedeutendheit vor und �bersieht die F�lle feiner Beobachtungen und
Bemerkungen, die anmutigen Berichte �ber seine Liebhabereien, den langen
Brief aus Genf und �berall den Sinn und Takt f�rs Wesentliche, der uns
niemals mit Tagesgeschw�tz langweilt, sondern ihn fortw�hrend bei der
W�rde seiner einzigartigen Aufgabe festh�lt.
La� sie sich immer �berheben, w�rde Goethe selbst sagen, soviel ist gewi�,
da� ihrer keiner mich vermocht h�tte, mein inneres Leben so munter und
lebendig vor ihm zu entwickeln, wie dieser liebe Junge, der wohl nicht
gro� war im Sinne sch�pferischer Kraft, aber in seinen Ma�en ein ganzer
Kerl, ein Vorbild, allen denen zu empfehlen, denen es um ihre Bildung
wahrhaft ernst ist, und die, da ihnen Gott die zeugende Kraft nur
unvollkommen gew�hrt hat, im produktiven Empfangen seiner H�he zustreben
m�ssen und ihm damit wohl ebenso nahe kommen m�gen, wie unsereins mit
seinen st�rkeren Mitteln und gl�cklicheren Voraussetzungen.
1910
In aller Literatur von heute mu� man dem Seelischen nachsp�ren. Was der
Geist heute hinzutut, hat nicht allzu viel Wert; denn der Geist stand wohl
selten auf einer bescheideneren Stufe.
* * * * *
Manchen Menschen w�rden Weihnachtskataloge, Zeitungsannoncen, und zu
Mundwassern, Seife, Thermosflaschen, Petroleum�fen usw. beigepackte
Erkl�rungen und Referate f�r lebensl�ngliche Lekt�re v�llig gen�gen.
1911
Man werfe aus der philosophischen Literatur der neueren Zeit den
literarischen Jargon hinaus und man wird viel gewonnen haben.
Unter Jargon oder Fachfuchserei verstehe ich beispielsweise die
humanistische Ablehnung der Bibel, als einer Gefahr f�r den klassischen
Stil.
* * * * *
An 'Geist' fehlt es heute so wenig, da� man ihm aus dem Wege gehen mu�, um
nicht vom �berdru� erfa�t zu werden. Jede Zeitung, jede Zeitschrift hat
etwas von einem Vari�t�, darin Athleten, Jongleure, Akrobaten auftreten.
Eine Zeit, die den intellektuellen Biceps so eifrig und coram publico �bt
und spielen l��t, erf�llt damit gewi� eine bestimmte bedeutende Aufgabe,
aber auf die Dauer wirkt solch im Grunde von niemandem gew�nschtes
Massenangebot blo�er Kunstfertigkeit destruktiv.
1912
Wenn ein Schriftsteller sich jederzeit der Macht bewu�t w�re, die in seine
Hand gegeben ist, w�rde ein ungeheures Verantwortlichkeitsgef�hl ihn eher
l�hmen als befl�geln. Auch das Bescheidenste, was er ver�ffentlicht, ist
Same, den er streut und der in andern Seelen aufgeht, je nach seiner Art.
* * * * *
Entwurf f�r ein Vorwort zu: 'Wir fanden einen Pfad'. Man glaubt, es komme
in neuen Dichtungen vor allem darauf an, da� sie gewissen vertrauten
Empfindungen und Vorstellungen gen�gen, ja schmeicheln. Nun ist ja z.B.
das, was wir Deutsche unter einem Liede verstehen, etwas ungemein
Liebliches und Erfreuliches, und dieselben Menschen, die der reinen Musik,
sagen wir, Mozarts zuliebe, den Fortschritt, den Wagner bedeutet,
R�ckschritt nennen, werden f�r ein wirklich gelungenes Lied ...
Aber diese so sehr verst�ndlichen und sympathischen Menschen sind in
diesem Punkte Tr�umer und Liebhaber, an denen die Entwickelung sacht aber
entschieden vorbeigehen mu�. Es geht nicht an, bei einmal gewonnenen
sch�nen Dingen versunken stehen zu bleiben und, weil sie dem viel
angefochtenen Herzen so gar wohl tun, nur immer mehr ihrer Art zu fordern;
als wollte einer blo� von Bl�ten wissen und das weitere Werden der Frucht
nur so mit in den Kauf nehmen. Gewi�, ein ewiger Fr�hling w�re ein holder
Traum, aber zugleich das Ende unserer Welt, als welche ganz anderen Zielen
denn unschuldigem Lebensgenusse zustrebt. Wir brauchen keine Kunst, deren
Wesen Wiederholung ist, sondern eine, die sich weiter tastet, die dem
wahrhaft Neuen, das in unsere Zeit hereinflie�t (nicht _dem_ Neuen
freilich, das in Flugfahrzeugen oder wissenschaftlichem Aberglauben
besteht) sich zu �ffnen ringt, eine Kunst, die weder von den 'Neut�nern'
akklamiert, noch auch zu guter alter Kunst gerechnet werden will, ja auch
nicht zu 'guter Kunst', -- denn in diesem 'gut' verbirgt sich hier nichts
weiter als 'das, was wir lieben', und eben das liebt diese Kunst nicht
mehr.
* * * * *
Der Bek�mpfung der Schundliteratur sollte die von fratzenhaften
Reklamebildern zur Seite treten. Nur die gro�e Tr�gheit in solchen Dingen
nimmt hin, was hier t�glich auf Plakaten und in der Presse vor Augen zu
r�cken gewagt wird, und achtet nicht der unausbleiblichen, sch�dlichen
Wirkung solcher Zerrbilder auf jede, besonders aber auf jede jugendliche
Seele.
* * * * *
Man wei�, wie wichtig es ist, Schwangeren harmonische Verh�ltnisse zu
schaffen. Sollte es anders sein mit der Menschheit, die sich fortw�hrend
im Zustande der Mutterschaft befindet?
* * * * *
Wir sollten gewisse B�cher mehrmals lesen, ehe wir dar�ber sprechen. Etwa
einmal im Winter, einmal im Sommer -- und manche in noch ganz anderen
Intervallen. Was wir dann �ber sie zu sagen h�tten, w�rde vermutlich
ebensovielmal besser sein ... Und uns selbst w�rde solche Selbstzucht
nicht nur zu besseren Lesern, sondern zugleich zu besseren Menschen
machen.
* * * * *
�ber jedem guten Buche mu� das Gesicht des Lesers von Zeit zu Zeit hell
werden. Die Sonne innerer Heiterkeit mu� sich zuweilen von Seele zu Seele
gr��en, dann ist auch im schwierigsten Falle vieles in Ordnung.
1913
Alle Liebe zu Tolstoi wird doch nur eine andere Liebe noch steigern: die
zu -- Dostojewski.
* * * * *
Schriftstellerei ist heute vielfach nicht wichtiger zu nehmen, als da�,
sagen wir, heute jedermann Kakao trinken kann, w�hrend es fr�her nur die
Reichen konnten.
NIETZSCHE
1896
Es gibt kaum eine gr��ere Gefahr f�r einen Menschen wie mich, als
Nietzsche zu lesen. Es ist wie ein W�hlen im Schmerz meines eigenen
Unwerts.
* * * * *
Nietzsche's herrliche Natur, die in einer wahrhaft ehrw�rdigen
_Bescheidenheit_ und einer Fr�mmigkeit zur Kultur anf�nglich immer sagt:
M�chten andere es besser machen als ich.
* * * * *
Ein ganzes Leben in Denken aufgel�st, im Wort sichtbar geworden, str�mt
vor unsern Augen, aus geheimnisvollen Gr�nden hervorbrechend, in
undurchdringliches Dunkel sich verlierend.
* * * * *
'Also sprach Zarathustra!' -- wie? wenn dieser Kehrreim mit einem gewissen
Auguren-L�cheln gelesen und geschmeckt werden m��te. Wenn er eine feine
Parodie auf jene Schlu�phrasen w�re, womit noch jeder ethische Neuerer
bisher seine S�tze gesiegelt, ein anderes 'Amen! Amen!', eine Schlu�- und
Banngeberde, feierlicher Schauer voll f�r den Gl�ubigen, f�r den Auguren
aber nur ein L�cheln mehr ... Wie beginnt doch die fr�hliche
Wissenschaft? ...
1897
Man sieht Nietzsche ins Auge und wei�, wo das Ziel der Menschheit liegt.
1905
Wer mit Nietzsche denkt, 'widerspricht' sich auch mit Nietzsche. Wer sich
an seinen 'Widerspr�chen' st��t, hat nie mit ihm _gedacht_ (noch mehr:
_gef�hlt_) -- ist nie mit ihm geflogen.
* * * * *
Ein philosophisches System zu verstehen, erfordert schlie�lich ein Ma� von
Intellekt, nichts weiter. Einen leidenschaftlichen Wegsucher aber wie
Nietzsche begreift man nicht blo� als kluger Kopf; man mu� ihm noch
obendrein ein bi�chen -- verwandt sein.
* * * * *
Gewi�, es gibt Z�ge, die ich Nietzsche, dem Menschen, verarge -- aus
Liebe. Nur kleine Z�ge, aber ich verstehe sie nicht an ihm -- oder
vielmehr: ich w�rdige nicht genug die Tiefe des Leids, in welche dieser
Geist getaucht wurde, als er unter der Last seiner Gedanken, seiner
Einsamkeit und seiner Krankheit zugleich, ein ebenso furchtbares wie
gro�es Menschenopfer, zusammenbrach.
* * * * *
'Also sprach Zarathustra' -- Nietzsche selbst h�tte diesen Titel und
diesen Refrain in fr�heren Jahren streng abgelehnt. Es ist die Tragik
dieses Buches, manchmal nicht mehr gefa�t und katonisch genug zu sein.
* * * * *
Ad Zarathustra -- Vorrede.
1. Wo g�be es einen gr��eren tieferen Prolog eines Schicksals! Wo ist das
Gleichnis und die Anrufung, diesem Bilde und diesem Gebet an W�rde,
Heiterkeit und Tiefe gleich?
2. Ein Waldidyll voll milder Abendsonne, als Weg zur Wendepunkt-Wahrheit
aller irdischen Kultur. Man kann hundertmal �ber diese Schlu�worte
hinweggesprungen zu sein meinen, bis man eines Tages erkennt, da� sie ein
Berg sind, den man vielleicht nie ganz erklettern wird und von dem aus
Zarathustra die Wasser gen Osten und gen Westen hat flie�en sehn.
1906
Es wird mir immer gewisser, da� Nietzsche �berall da versagt, wo er sich
bewu�t oder unbewu�t der Eitelkeit seines Geistes hingegeben hat. H�tte er
diesen polnisch-romanischen Zug nicht gehabt, er st�nde oft noch viel
gr��er da. Es gibt keinen schlimmeren Fluch f�r einen Denker, als sich
seinem Volk gegen�ber als Schriftsteller verpflichtet zu f�hlen. Wenn
einer Denker geworden ist, das hei�t ein Mensch, dem das Nachdenken �ber
menschliche Probleme zur inneren Leidenschaft und Lebensaufgabe geworden
ist, so ist er auch ganz von selbst genug Schriftsteller, seine Gedanken
mitzuteilen.
Aber freilich, Nietzsche war vor allem ein _K�mpfer_. Er war ein Weiser
aus der Kriegerkaste, nicht aus der der Priester.
Vielleicht h�tte er im zweiten Teile seines Lebens auch noch die Milde der
Weisheit ausgestr�mt, nach ihren Blitzen auch ihre W�rme.
* * * * *
Der Zarathustra ist bei allen Einzelheiten unbestreitbarer Gr��e eines der
schlechtesten B�cher, die es gibt. Er ist weder ein Volksbuch noch ein
Buch f�r Verw�hnte und Einsame, es ist ein Mischmasch von Grandiosem und
Banalem, inhaltlich wie im Vortrag. Ein Vordr�ngen, ein Aufdr�ngen
pers�nlicher Stimmungen, ein kategorisches Erledigen von Dingen, deren
'kategorische Erledigung' immer nur eine 'niaiserie' bleibt, ein Spiel mit
dichterischen Bildern und Gleichnissen, das oft gro� und tragisch, �fter
noch fast unbeherrscht und geschw�tzig wirkt. Ein Buch, das nur durch
Reduktion seiner Reden auf etwa 12-20 zu dem klassischen zu machen w�re,
was es zu sein w�nscht.
Ungl�ckselige kleine Zeit, du hast auch auf ihm, deinem Gr��ten, gelastet.
1907
Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkunft: Man halte ihren
biologisch-ethischen Grundgedanken sowie die Lehre vom �bermenschen gegen
Kants kategorischen Imperativ, und sie werden ihm an ideeller
Gro�artigkeit nichts nachgeben und als leidenschaftlicher Appell an die
menschliche Armee in demselben Verh�ltnis zu ihm stehen, wie zum einfachen
'ich erwarte, da� heute jeder seine Pflicht tut' das grandiose 'Soldaten,
vierzig Jahrhunderte blicken auf Euch herab!'
* * * * *
Nietzsche war nur ganz, wenn er ganz er selbst war (soweit man sich so
ausdr�cken darf). Sobald er sich ins Schlepptau nehmen lie�, wurde er ein
Schriftsteller unter Schriftstellern und nicht einmal immer ihr erster.
Und er wurde manchmal nicht nur an- sondern noch mehr mitgeregt.
* * * * *
Ich kann damit nichts anfangen, -- Nietzsche sei vor allem ein gro�er
K�nstler, ein gro�er Stilist, Artist gewesen. Was hei�t das, vor allem.
Was macht denn den gro�en Stil, wenn nicht der Mensch von �berragendem
Rang, der geborene F�hrer und Sch�pfer? Und wo Nietzsche das nicht war --
und er verga� manchmal seinen Rang und f�hrte weder noch schuf -- da
taugte auch sein Stil nichts, da war er auch nur ein Manierist seiner
selbst.
* * * * *
Nietzsche, die gro�e Antithese seiner Zeit.
* * * * *
Beim Vorlesen einiger Nietzschescher Aphorismen: -- Geistige Austern. Man
kann Nietzsche aus zehn Zeilen erkennen lernen und aus zehn B�chern --
verkennen.
* * * * *
Welch ein unn�tzes Geschw�tz, Nietzsche habe die napoleonische Natur
deshalb vor allem geliebt, weil er selbst keine gewesen sei. Herr M�ller
also ist ein Napoleon, weil er die Napoleons -- nicht liebt.
1910
Nietzsche, der Pole, der als Deutscher tief ward.
* * * * *
Nietzsche konnte mit den bisherigen f�nfsinnlichen Erkenntnismitteln den
Menschen nicht verstehen. Drum erfand er sich seinen �ber-Menschen. Er
ward damit der letzte gro�e deutsche Philosoph -- ante Christum natum. Er
war, um in seiner Manier zu reden, der letzte -- Ante-Christ.
1911
Nietzsches Schicksal war, �ber den Tr�mmern des komischen
Bildungsphilisters als tragischer zu sterben. Nietzsche starb an der
'Bildung'. Und mit ihm werden alle sterben, die mit seiner Seele nicht zu
zittern wissen, die nur an seinen Geist glauben.
1912
Da� K�nstlerschaft und K�nnerschaft untrennbar sind, das versteht sich von
selbst. Aber das, worauf es heute, wie immer, ankommt, ist, wer da spricht
und was -- nicht nur wie -- gesprochen wird. Ist Nietzsche nicht einer
unserer ersten Stilisten? Und dennoch blieb er in h�herem Sinne
unfruchtbar. Ich w�ge meine Worte, denn wenn je einer, habe ich Nietzsche
_erlebt_. Und nicht in mir war er unfruchtbar. Aber ich wei� auch, worin
er lange Zeit mein H�chstes war: in seiner Gr��e als Mensch; nicht in der,
ach nur allzu zeitgem��en, Art seiner Philosophie. Die war Abendr�te,
nicht Morgenr�te und wer von ihr aus weiter schreitet, der wandelt in die
-- Nacht.
THEATER
1905
Wer sich mit der Materie einl��t, wird von ihr erschlagen. (Zu R.'s
Dekorationskampf.)
* * * * *
Es fehlen im Bilde unserer heutigen Kritik nicht die kunstrichtenden,
sondern schlechtweg die richtenden Geister.
1906
Kein Dramatiker kann wissen, was ein Schauspieler aus seinen Worten machen
wird. Er mag sie so einfach setzen, wie er will -- dieser wird sie
vielleicht ganz in Leidenschaft tauchen und so gerade ihren feinsten
Gehalt ver�ndern; er mag sie so leidenschaftlich gemeint haben, wie er
mag, dieser wird vielleicht nie im Leben bis zur Schwelle wahrer
innerlicher Hingerissenheit gelangt sein. Der Schauspieler ist der
R�uberk�nstler par excellence. Aber oft auch ist der R�uber gr��er als der
Beraubte und der Schatz des Wanderers erst wundervoll, wenn, der ihn
erschlug, damit zu abenteuern beginnt.
* * * * *
Wenn ich Schauspieler w�re, w�rde ich mir f�r mein Studierzimmer zun�chst
einen riesigen Spiegel anschaffen. Vor ihm w�rde ich t�glich mindestens
zwei Stunden verbringen und meinem K�rper eine Geschmeidigkeit anz�chten,
die mir sp�ter gestattete, auch die leiseste Gem�tsbewegung in
unwillk�rliche Sichtbarkeit umzusetzen. Ich w�rde mich dabei nicht in
malerische oder zeichnerische Ideen verlieren, o nein, ich w�rde die Seele
ganz allein Herr sein lassen und ihr, ihr allein, meine Glieder dienstbar
machen. Unmittelbare �bertragung dessen, was mich bewegte, w�re mein Ziel,
so da� man nicht einen K�rper und einen Geist zu sehen vermeinen sollte,
sondern nur eins. Ich w�rde keinen andern Stil als den wahren Ausdruck
meines Innenlebens haben wollen, aber freilich die Art meines Innenlebens
w�re bereits der Stil, den ich will. Er w�re, meiner Natur entsprechend,
zugleich lebhaft und ma�voll. Er w�re, wie ich hoffen d�rfte eindringlich,
nicht aufdringlich. (Ich rede hier fast lediglich von der Darstellung
moderner Menschen.) Des weiteren w�rde ich folgendes tun: Ich w�rde mich
nach Empfang meiner Rolle in die darzustellende Person zu verwandeln
suchen. Ich w�rde wochenlang in allen Situationen als sie herumgehen, das
hei�t in ihrer Kleidung, mit ihrem vermutlichen Gehaben, mit ihrem
Charakter, ihren Gewohnheiten. Dazu geh�rt allerdings eine eiserne Natur,
aber des Schauspielers Kunst wird nicht genug bezahlt, da� er sich wie ein
Krieger mit allem nur m�glichen Raffinement wider das Zerst�rende seines
Berufes wappnen kann, gesetzt er braucht seine Mittel zum Kampf ums Ziel
und nicht zum Behagen. H�tte ich pathologische oder Verbrechernaturen
darzustellen, so w�rde ich, wie Hermann M�ller es gelegentlich tut,
Irrenh�user, und wie's Richard Vallentin vor dem Nachtasyl machte,
Kaschemmen aufsuchen. Die Moskauer sollen sich wochenlang in D�rfern
aufgehalten haben, bevor sie ein St�ck mit Bauern spielten. Das nenne ich,
auf die Eroberung des Andern, das wir nicht sind, aber der Kunst halber
einmal sein wollen, losgehen; das m�chte ich vielleicht mit dem Namen
praktischer Dualismus bezeichnen.
Mag sein, da� ich nichts von alledem t�te, wenn ich Schauspieler w�re, das
hei�t nat�rlich auch meiner ganzen Veranlagung nach, nicht nur nominatim,
Schauspieler; aber nun, da ich bin, was ich bin, glaube ich, ich w�rde das
tun, wenn ich das w�re.
1907
Man mag das Wort 'Schmiere' zu seiner Bildung zum Theaterkritiker
brauchen, aber es wird von wahrer Urbanit�t zeugen, wenn man es sp�ter
jemals wieder zu brauchen -- ablehnt.
* * * * *
Wenn es einem Kritiker Freude macht, sich einen Schaffenden im Sinne eines
Sch�pfers zu nennen, so soll man ihm die Freude lassen. Der liebe Gott
wird dann schon einmal zu ihm sagen: 'Schaffe eine Maus,' -- 'O nein,'
wird der Kritiker antworten, 'so ist nicht die Gabe meines Schaffens. Gib
mir ein Nashorn oder ein K�nguruh, so will ich dir sagen, was ich daran
falsch und was ich daran richtig finde, und auch sonst werde ich noch
manches zum Thema sagen, was vielleicht interessanter ist als das ganze
K�nguruh oder das ganze Nashorn,' -- 'Ja, ja,' wird der liebe Gott sagen,
'das mag wohl sein, aber wenn ich nun so klug gewesen w�re wie du -- was
h�tte ich dann wohl anfangen sollen? Wie h�tte ich die Welt wohl aus mir
heraussetzen sollen, wenn ich erst etwas bereits Herausgesetztes h�tte
vorfinden m�ssen, um mich an ihm herauszusetzen, oder anders ausgedr�ckt,
um daran in deiner Weise sch�pferisch zu werden?'
* * * * *
Wenn einer vorliest! was denkst, was f�hlst du da alles! ... aber weil du
(auch) zuh�rst, so wirst du ein Zuh�rer gehei�en. Als ob dich das
ersch�pfen k�nnte: "der 'Zuh�rer' war ganz ergriffen" -- O gewi�, aber
vielleicht nicht blo� als Zuh�rer.
Der Klang der Stimme (z.B.) hatte dich vielmehr an einen Winterabend
erinnert, an dem einmal jemand zu dir gesagt hat: 'Das also hast du vor,
diesen Weg willst du gehen!' .. Aber das k�mmert den wenig, der vorliest.
Er 'liest vor' und du 'h�rst' zu. Ich m�chte, da� du daraus ersiehst, wie
armselig es ist, wenn man dich beispielsweise im Theater einfach als
'Zuschauer' bezeichnet und behandelt. Jawohl, du schaust freilich (auch)
zu, aber daneben -- was ist alles daneben noch m�glich -- was begibt sich
alles in dir noch daneben. Wir sollten uns alle wider den Bann solcher
W�rter str�uben. Es ist, als b�nde uns einer eine starre Maske mit nur
einem Gesichtsausdruck vor, aber die Maske ist nur suggeriert -- erwachen
wir doch und erkennen, da� wir auch im Theater nicht Zuschauer allein
sondern unendlich viel mehr, n�mlich durch keine Bezeichnung zu
ersch�pfende Wesen sind, und da� wir daher auch im Theater alles erleben
d�rfen, was ein Mensch nur immer geistig erleben kann, und nicht nur, was
ein 'Zuschauer' erleben darf. Aber wir sind so �ber und �ber im Bann von
Bezeichnungen, da� wir aus lauter Pflichtgef�hl ihnen zu entsprechen,
keinen freien Gedanken mehr zu denken wagen, und nach einem innerlich
noch so reichen Theaterabend dennoch von einem verlorenen Abend reden
zu m�ssen glauben, weil wir als 'Zuschauer' nicht ganz auf die Kosten
gekommen sind. --
1908
Zum Gastspiel des Moskauer K�nstlertheaters.
Nicht nur das Volk, auch die Kritiker haben dem Zauber der Russen -- und
nicht nur Stanislawskis -- nicht widerstehen k�nnen, warum wohl? Weil von
den Russen das ausging, was in den Deutschen heute h�chstens als
Privatsache, aber nicht als Unterton ihres ganzen nationalen Lebens lebt:
Liebe, Liebe zu einander, zu uns, zu ihren Dichtern, wortlose,
unausgesprochene, uneingestandene aber selbstverst�ndliche Liebe. Es gibt
kein anderes Wort, h�chstens da� man noch sagte: innere Religiosit�t.
Hieraus quoll die letzte Sch�nheit dieser K�nstler. Und zu ihr k�nnten
auch wir uns hinank�mpfen und hinanleiden, wenn wir nicht mit kaltem
Kritizismus, mit Theorien, Wunsch-Luftspiegeleien aufeinander loshackten,
sondern verstehend und liebend einander zu f�rdern, einander zu steigern,
einander zu vervollkommnen suchten.
* * * * *
Es ist nur sehr viel leichter zu w�nschen und von Gro�em, wie es sein
m��te, zu reden, als im Gegebenen sich zu bescheiden und die gro�en
Faktoren sich nutzbar zu machen, die das lebendige Leben um einen herum
enth�lt. Da mu� man freilich etwas mehr guten Willen haben und nicht
gleich ungeduldig in Bausch und Bogen verwerfen, wenn man nicht just in
den Punkten, in denen man gern befriedigt sein m�chte, auf seine Rechnung
zu kommen scheint. Eines Schauspielers Wert ersch�pft sich noch lange
nicht im rein Darstellerischen. Ich habe hier in Tirol Gelegenheit, viel
in kleine Theater zu kommen: nun, ich ziehe meinen Hut noch tief ab vor
allen m�glichen Leuten, die der kaltherzige, hochfahrende, einseitige und
verbildete Gro�stadt-Kritiker, dem die Augen f�rs innere Leben und
Sichfortentwickeln unseres Volkes oft nur zu sehr verschlossen sein m�gen,
zumeist, weil die pers�nliche innere Beziehung einfach nicht da ist, nicht
da sein kann, vermutlich mit irgend einem Clich�ausdruck wie
Schmierenkom�dianten abtun w�rde; und ich bin weit entfernt davon, diesen
braven, willigen und fr�hlich-unerm�dlichen Soldaten der Kultur, m�gen sie
im Leibregiment oder in der verrufensten Garnison dienen, anders als mit
einer Hochachtung zu begegnen, die mir fast immer noch irgendwo
Dankbarkeit und Freude verstattet. Aber ich vergesse wohl, da� ich ein
Gottseidank unverpflichteter Au�enseiter bin und da� der Berufsmensch wohl
unwillk�rlich dem Schicksal des Spezialisten, das ist des Ein�ugigen, des
Monophthalmoden, verf�llt. Das Eine Auge starr auf die B�hne gerichtet,
sieht er alles nur in der Kunstfl�che, w�hrend es in Wahrheit bis in den
Urgrund der Welt hineinreichende Plastik ist, auch dies, auch diese
B�hnenmenschheit da droben.
1909
Wie kann man einem Schauspieler 'die Wahrheit sagen' und zugleich den
Menschen in ihm respektieren? Einfach, indem man ihn liebt. Man liebt ja
Blumen, Steine, Tiere -- ist der Mensch der Liebe weniger w�rdig? Schlie�t
denn Erkenntnis die Liebe aus? Oder ist es nicht vielmehr so: Je mehr
Erkennen, desto mehr Liebe? So da�, je mehr einer einen Schauspieler durch
und durch sieht, er auch weniger und weniger imstande sein wird,
richterlich von ihm zu reden. Man braucht dabei nichts zu opfern, nichts,
als seine eigene Unsch�nheit. Man kann von derselben Leistung fast wie ein
Weiser reden und fast wie ein Wilder.
1911
Man kann das Theater (beispielsweise) nicht reformieren, wenn man nicht
zugleich den ganzen Geist der Zeit reformiert. Es ist der Irrtum unserer
Zeit, da� sie meint, man k�nne wesentliche Probleme aus dem Zusammenhange
herauspfl�cken und f�r sich allein l�sen.
SPRACHE
1895
Ein 'Wort' ist etwas unendlich Rohes: es fa�t millionen Beziehungen mit
einem Griff zusammen und ballt sie wie einen Klumpen Erde. Bald wird die
Erde trocken und hart -- die Kugel bleibt als rotes drastisches Ganzes,
aber die millionen Teilchen, daraus sie besteht, sind als solche so gut
wie vergessen.
1896
Oft �berf�llt dich pl�tzlich eine heftige Verwunderung �ber ein Wort:
Blitzartig erhellt sich dir die v�llige Willk�r der Sprache, in welcher
unsere Welt begriffen liegt, und somit die Willk�r dieses unseres
Weltbegriffes �berhaupt.
* * * * *
Ich habe oft bemerkt, da� wir uns durch allzuvieles Symbolisieren die
Sprache f�r die Wirklichkeit unt�chtig machen.
* * * * *
Du bist ein Gymnaseweis, mein Lieber!
* * * * *
Charleytantismus der B�hne.
1905
Ein Diletalent.
1906
Man m��te neue Interpunktionen erfinden, die gewissen Willensrichtungen
entspr�chen: z.B. Die Fortsetzung davon <: (in dem Sinne von: Die
Fortsetzung davon _m��te sein_), als Optativzeichen = (man) m��te, sollte
haben, sein usw. Die Umkehrung :> = d�rfte _nicht_ sein, sollte _nicht_
sein.
* * * * *
Erst das Wort rei�t Kl�fte auf, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Sprache
ist in unsere termini zerkl�ftete Wirklichkeit.
* * * * *
Der Ausdruck 'Lieber Gott', �ber den schon Nietzsche spottet, mu�te in der
Tat dem Deutschen zu erfinden aufgespart bleiben. Es sollte ihm nur einmal
aufgehen, wie er sich selbst damit den Blick f�r die unaussprechliche
Gewaltigkeit und F�rchterlichkeit des Weltganzen verdirbt, wenn er dessen
h�chster Personifikation das vertrauliche W�rtchen 'lieb' voransetzt.
* * * * *
Unter b�rgerlich verstehe ich das, worin sich der Mensch bisher geborgen
gef�hlt hat. B�rgerlich ist vor allem unsere Sprache: Sie zu
entb�rgerlichen die vornehmste Aufgabe der Zukunft.
* * * * *
Es gibt gewisse Ausdrucksweisen von seltener distanzierter Sch�nheit und
Vornehmheit, die nur zwischen dem fremden Sie und dem vertrauten Du
m�glich sind: in jenen k�stlichsten Zwischenstadien der aufbl�henden
Liebe, wo das Herz schon Du sagt und der Mund noch Sie.
1907
'Ewiger' Schnee, welch ein g�tiges, liebenswertes Wort! Lassen wir es ja
stehen, der Wissenschaft zum Trotz, der guten alten Zeit zur Ehre.
Gestorbenes Wort: Zufall.
* * * * *
Pr�fe gelegentlich deine Adjektiva nach.
* * * * *
Statt sehr geehrter Herr! k�nnte man doch viel einfacher schreiben: 5 e!
Und statt hochachtungsvoll 2 o.
* * * * *
Das tr�nens�cksische A.
* * * * *
Gew�hnen wir uns den Superlativismus ab. Schreiben wir nicht mehr
geehrtest, ergebenst, achtungsvollst, herzlichst und sch�nst. Schlie�en
wir nicht mit tausend Gr��en, sondern mit gar keinem; denn ein Brief, der
den Namen verdient, ist doch an sich schon der Gru�. Umarmen wir uns auch
nicht mehr brieflich -- ich rede nat�rlich hier stets nur vom Briefwechsel
unter M�nnern --; wenn ich schreibe: ich umarme Dich, so male ich damit
ein Bild, so wird durch die Niederschrift aus einer im Leben spontanen
Handlung eine starre Pose. Seien wir nicht so gedankenlos gerade in
Herzenssachen.
* * * * *
Beim Dialekt f�ngt die gesprochene Sprache erst an.
* * * * *
Der �sterreichische Dialekt ist darum so h�bsch, weil die Rede best�ndig
zwischen Sichgehenlassen und Sichzusammennehmen hin und her spielt. Er
gestattet damit einen durch nichts andres ersetzbaren Reichtum der
Stimmungswiedergabe.
* * * * *
Die meisten Menschen sprechen nicht, zitieren nur. Man k�nnte ruhig fast
alles, was sie sagen, in Anf�hrungsstriche setzen; denn es ist �berkommen,
nicht im Augenblick des Entstehens geboren.
* * * * *
Man mag sagen, was man will, die Menschen tun so und so oft auch nichts
andres als -- bellen, gackern, kr�hen, meckern usw. Verfolge nur einmal
die Tischgespr�che einer Kneipe, die Ausrufe des Wirts, der Kellner, der
Kartenspieler, kurz, all das Geschw�tz, was nichts weiter ist noch sein
will als Essen, Trinken, Schlafen oder irgend eine sonstige einfache
Lebens�u�erung.
* * * * *
Ich mag Worte wie gleichwohl oder immerhin gern leiden; denn sie erlauben,
nach etwas Abf�lligem noch eine Menge Anerkennendes zu sagen.
* * * * *
Welche und derselbe sind durch unsere besten Prosaiker hundertmal
geheiligte W�rter, welche die modische Abneigung der 'Jetztzeit' ertragen
k�nnen. _Derselbe_, dagegen sich heute der �berlegene Spott noch des
armseligsten Skribenten richtet, ist nicht schlechter und nicht besser als
eine Unmenge anderer deutscher W�rter. Dem Stilisten bedeutet jedes Wort
solcher Art eine M�glichkeit mehr, und dem papierdeutschfeindlichen
Sprachreiniger kann nicht entgehen, da� just dieses derselbe in Mundarten
-- man denke an z.B. selch, sell, ders�ll -- ein h�chst lebendiges Dasein
f�hrt.
* * * * *
Gott ist nur ein Wort f�r 'sich'. Das Tier hat keines dieser beiden Worte.
Es ist wortlos sowohl Ich wie Gott, das Wort erst spaltet das Leben in Ich
und Gott. Kritik der Sprache ist zuletzt auch nur ein Gesellschaftsspiel.
Es gibt kein Wort, das au�erhalb der Sprache noch irgendwelchen Sinn
erg�be. Wer sich au�erhalb der Sprache setzen m�chte, findet keinen Stuhl
mehr. Er kann nicht einmal mehr sagen: nun wei� ich wenigstens, da� Wissen
Unm�glichkeit ist. 'Wissen' ist so gut eine Spielm�nze, wie 'sein', wie
'Unm�glichkeit' wie 'Sprache', wie 'au�erhalb'. Es ist daf�r gesorgt, da�
wir die 'Welt' nicht in die Luft sprengen. Ich nenne diese
widerspruchslose Ohnmacht in Dingen wirklicher, nicht nur scheinbarer
Erkenntnis manchmal bei mir: die Selbstversicherung Gottes. Sie ist eines
Gottes w�rdig.
* * * * *
'Er gibt Frieden' (schreibt Amiel) 'und das Gef�hl des Unendlichen,'
Welche Zusammenstellung, nur daraus erkl�rlich, da� der Begriff des
Unendlichen noch nie erlebt wurde. So k�nnen Menschen Jahrhunderte lang
ein Wort voller Pathos brauchen, ohne je von seiner ganzen Bedeutung
ergriffen worden zu sein, ja, ich behaupte, manche Worte k�nnen nur
solange gebraucht werden, als ihr m�glicher Sinn nicht v�llig zu Ende
gedacht wird. Wer 'Gott' siehet, stirbt.
* * * * *
Philosophien sind Schwimmg�rtel, gef�gt aus dem Kork der Sprache.
* * * * *
Gro�e geschriebene Worte sind vergeistigter Zeugungsakt in perpetuum.
* * * * *
Die schlimmste Folge demokratischer Anschauungsweise ist, da� nun auch die
Worte alle 'gleich' gewertet werden.
Und doch ist jedes Wort in dem Augenblick, wo es gedacht, gesprochen,
geschrieben wird, ein Individuum f�r sich und nicht einmal demselben --
vor oder nachher geborenen -- Wort desselben Mundes, desselben Gehirns je
irgendwie gleich. Wenn einer sagt: ich glaube dies und das, und sein
Nachbar h�rt das, so kann das sein, als ob der eine sagte: Himalaya, und
der andre h�rte: Schneehaufen.
1908
Die gleichen Worte sind einander _nicht_ gleich. Es gibt keine Tautologie.
Sondern alles ist pro -- cessus.
* * * * *
Nicht nur jedes Gleichnis hinkt, sondern auch jede Gleichung.
* * * * *
Es gibt gar keine Worte, die blo� Worte w�ren. Sondern jedes Wort ist von
vornherein ein -- h�chst individuelles -- _Urteil_. Man glaubt, a sei
gleich a. Eine vollkommene Ungeheuerlichkeit.
* * * * *
Freuen wir Deutschen uns, da� unsere Sprache die Sonne uns als ein Weib
schenkt und lehrt. Da� sie der schlichteste Sinn bei uns als -- Mutter
empfinden darf. Und da� wir so um sie im Reigen der Fixsterne all unsere
ewigen -- M�tter schauen und verehren d�rfen.
* * * * *
In dem lateinischen W�rtchen 'duo' ist nur das deutsche Du sichtbar
enthalten; das 'Ich' ruht unsichtbar und doch ewig lebendig darin, wie
unter Menschen das geliebte Ich im Herzen des liebenden Du. Wer
konversiert, der _spricht_ nicht.
* * * * *
Zitate sind Eis f�r jede Stimmung.
* * * * *
Impressionismus -- Eindrucktum.
* * * * *
Gro� betrachtet ist alles Gespr�ch nur -- Selbstgespr�ch.
* * * * *
Welch ein Unterfangen, sich hinter Worten verstecken zu wollen! Man ist ja
-- diese Worte selbst.
* * * * *
Wenn ich bei einem Schriftsteller auf jeder Seite 'die die' lese, so kann
mir schon �bel werden. Wozu hat der liebe Gott das sch�ne Wort 'welche'
geschaffen? Aber rede einmal einer dieser time und money-Zeit von welcher
und derselbe!
* * * * *
Gingganz ist einfach ein deutsches Wort f�r Ideologe.
1909
Wie eigent�mlich �hneln sich Schwyzerd�tsch und Norwegisch!
* * * * *
Wie ist jede -- aber auch jede -- Sprache sch�n, wenn in ihr nicht nur
geschw�tzt, sondern gesagt wird.
* * * * *
Es gibt nichts Hemmenderes als Gemeinpl�tze und Redensarten. Jede
Redensart ist die Fratze eigener Gedanken, ein 'Mitesser' im Zellengewebe
des Denkers.
Was du denkst und sagst, ist vor allem Ausdruck. Der sogenannte
eigentliche Sinn des Gesagten ist nicht sein einziger Sinn.
* * * * *
Die Sprache ist eine ungeheure fortw�hrende Aufforderung zur
H�herentwickelung. Die Sprache ist unser Geisterantlitz, das wir wie ein
Wanderer in die unabsehbare und unausdenkbare Landschaft Gott unabl�ssig
weiter hineintragen.
* * * * *
Mit jedem Worte wachsen wir.
* * * * *
Jedes einmal ins Licht getretene Wort ist ein Vorspann (der Menschheit)
f�r immer.
Denn jedes fordert, sobald es nur sichtbar wird, zur Produktion heraus.
Man kann kein Wort lesen oder h�rend aufnehmen, ohne es zugleich aus
seinen Schrift- oder Tonelementen wieder zu _schaffen_. Beseelen hei�t
schaffen; ein nicht wieder beseeltes Wort bliebe ein nicht wieder
geschaffenes, das hei�t f�r den Nichtbeseeler tot.
Man nehme ein paar beliebige W�rter: Fest. Ebene. Landschaft. Musik. Ganze
Welten von Sch�pfungen erheben sich, indem wir sie lesen.
1910
A.
Ich halte es f�r unrichtig, ja sch�digend, die Orthographie in Hinblick
auf die Bequemlichkeit der Vielen zu modernisieren. Die Bedeutung der in
den Sprachen aufgespeicherten Erinnerungen ist nicht zu untersch�tzen.
Wenn ich Tier schreibe und mir das griechische [Griechisch: th�r] dabei
als reiner Unterton mitklingt, wenn ein ganzes Volk, eine ganze Kultur bei
diesem Worte mich an sich mahnen darf (nicht mu�), so ist das etwas
Seltenes und wunderlich Fruchtbares, dessen wir uns nicht mutwillig
berauben sollten. Da� denen, die von der Antike nie ber�hrt wurden, damit
unn�tiger Buchstabenballast aufgeladen wird, kann meiner Ansicht nach
solange kein Gegengrund sein, als in geistigen Dingen den geistigen
Menschen einer Nation und nicht den andern zun�chst ihr Recht zu wahren
ist.
B.
Vielleicht doch nicht. Der Kl�gere gibt nach. Dem Geistigeren ist es eine
Ehre und Freude, zu verzichten, wenn dadurch Unz�hligen wohlgetan und
gen�tzt wird. Du l�ufst Gefahr, in einer Welt, die viel zu gro� und tief
dazu ist, den Liebhaber zu spielen, als Liebhaber zu erstarren. Du
verstehst, wie das Wort Liebhaber hier gemeint ist. M�chten wir doch alle
mehr dienen, mehr helfen, statt immer so sehr auf unsere eigene
Geschmacksbefriedigung auszugehn, m�chten wir doch endlich diese
pseudoaristokratischen All�ren �berwinden und durch reifere, reichere
Gesichtspunkte ersetzen.
* * * * *
Der R�ckschritt im Alphabet der Buchstaben von R zu K kann einen
Fortschritt im Alphabet der Moral bedeuten: Starr -- stark.
1911
Kongs-Enne, eines der tiefsten Wortbilder aller Sprachen.
* * * * *
Wie sich in der Wortzusammensetzung 'Heilsarmee' f�r den Deutschen eines
seiner tiefsten Eigenworte mit einem seiner weltlichsten Fremdw�rter
verbindet, erscheint in der Heilsarmee selbst etwas G�ttliches mit etwas
sehr Irdischem gepaart, das vor dem Ur-Wort ebenso als Fremd-Wort
empfunden werden kann (obzwar nicht mu�), wie das Wort Armee vor dem Geist
unserer Sprache.
1912
Es gibt Menschen, welche Schlagworte wie M�nzen schlagen, und Menschen,
welche mit Schlagworten wie mit Schlagringen zuschlagen.
Nichts ist so verbreitet wie das Schlagwort. Es wird bis in die h�chsten
Geisteskreise hinauf gebraucht und h�ngt oft noch dem Scharfsinnigsten als
Z�pfchen hinten.
* * * * *
Mit keinem K�der fischt Mephisto so gl�cklich, als mit allem, was im
Engeren und Weiteren unter den Begriff des Schlagworts f�llt.
* * * * *
Man findet bei manchem Ernsthaften unserer Tage gegen gewisse Worte wie
sittlich, vollkommen, edel, die Animosit�t dessen, dem sie irgend einmal
gr�ndlich verleidet worden sind. Das sollte nicht sein. K�nigliche
Begriffe k�nnen nie von ihrem Glanze verlieren. Wenn es aber doch zuweilen
so scheint, wen trifft die Schuld? Die Masse, die sich ihrer bem�chtigt
hat, oder die Paladine, welche ihnen nicht genug treue Diener, Berater und
Leiter gewesen sind?
* * * * *
In einer nicht ganz nat�rlichen Redeweise liegt eine Gefahr f�r den
Sprecher wie f�r den H�rer. Das gilt vom pers�nlichsten Verkehr wie von
dem mit der �ffentlichkeit. So gibt es z.B. Menschen, welche immer ein
wenig ironisieren. Sie nennen alles nicht so sehr beim Namen, als vielmehr
bei irgend einem Spitz- oder �bernamen. Damit wirken sie kurzweilig, �fter
aber demoralisieren sie, und ob auch nur um einen Schatten, sich wie den
andern.
1913
Alles Schw�tzen hat zur Grundlage die Unwissenheit um Sinn und Wert des
einzelnen Wortes. F�r den Schw�tzer ist die Sprache etwas Verschwommenes.
Aber sie gibt's ihm genugsam zur�ck: dem 'Verschwommenen', dem
'Schwimmer'.
POLITISCHES SOZIALES
1895
Man will die deutsche Volksseele erstarken sehen, indem sie sich mehr
abschlie�en und begrenzen soll, und vergi�t, da� gerade das
Unbegrenztseinwollen, das �ber engen Nationalit�tsschranken stehen wollen
ihre Haupteigent�mlichkeit ist.
* * * * *
Man mu� eine Operette wie den 'Rastelbinder' von Lehar h�ren, und zwar in
einem jubelnden Theater, -- um alle 'modernen Ideen' als Sentimentalit�t
zu verwerfen. Nach einem solchen Abend k�nnte man sogar zu einer neuen
Inquisition ja sagen.
Konfrontation ist das Einzige. Den Freiheitsschw�tzer in solch ein Theater
f�hren und nachdem die Zwerchfelle und Tr�nens�cke nach Schlu� des ersten
Aktes zu Ende gewirtschaftet haben, ihn fragen: Und das soll -- regieren?
1896
In Arco:
Jeden Freitag gibt man hier den Drehorgelm�nnern die Luft in Pacht.
1904
Es ist etwas ganz Eigent�mliches, wie verschieden die Menschen
verschiedener Erdstriche ihre Z�une bauen. Ich erinnere mich z.B. bei
Berlin keines einzigen mir zusagenden Zaunes; es gibt andere, die mich zu
Tr�nen r�hren k�nnen, wie die Steinz�une des Tessin ...
1905
Der Taler ist das einzige originelle und der lateinischen M�nze
ebenb�rtige Geldst�ck, das wir haben. Weshalb wir ihn auch als
'unpraktisch' abschaffen.
* * * * *
Das Talent zur Disziplin ist die Wurzel von Preu�ens Gr��e. M�ge es dies
Talent feiner und feiner ausbilden und daf�r lieber auf Gebieten
nachstehen, wo es auf Improvisation, Ingenium, Genialit�t schlechtweg
ankommt. Menzel ist der preu�ische K�nstler an sich. Menzel sollte eine
religi�se Formel f�r die Preu�en werden. Denn was leistet damit der
Preu�e: Die ganze _Vorarbeit_ des schrankenlosen und h�chsten Genies und
damit dies Genie beinahe selbst. Alles, was am Genie Flei� ist, also vier
Bestandteile von f�nf m�gen 'preu�isch' genannt werden. Preu�en, wenn
irgend ein Land, hat noch den Gedanken der _Zucht_. Hier ist sein Weg zu
seiner H�he, wie er es immer gewesen.
Darum soll Berlin das preu�ische Element in sich nicht abt�ten, sondern
steigern. Es hat es bereits zu sehr gemi�achtet. Schinkel baute preu�isch;
es gibt nichts Herzerfrischenderes als diese so edlen, strengen, fast
n�chternen Geb�ude jener Zeit, an deren Stelle eine z�gellose Horde von
neuen Baumeistern und Aktiengesellschaften ihre w�sten Massenproduktionen
gesetzt hat. Der Preu�e hat keinen andern Weg zur Kunst als den der
Einfachheit. Pracht wird bei ihm zu Schwulst, Luxus zu Unsittlichkeit. Er
bleibe Brandenburger und sei stolz auf sein Land und seinen Breitegrad und
�ffe nicht in kompilatorischem Wahnsinn ihm ganz fremde Kulturen nach oder
nehme sie wenigstens so weit in sich auf, da� er sie ganz aus seinem
schlichten, n�chternen Geiste wiedergeb�re, wie es Schinkel tat, dieser
Mann, den ich mit jedem neu niedergehackten Villino seiner Zeit mehr
liebe.
Und dann endlich: los von diesem Prinzip, ein Haus nur aus Vorder- und
Hinterwand bestehend zu bauen. Man gebe jedem Haus seine vier
selbst�ndigen Seiten wieder und erl�se es damit aus dem Zustand einer
Mi�geburt -- oder man komponiere ganze Stadtteile einheitlich und dann
diese wieder unter einander. Man erhebe den Kasernenstil zur H�he der
Kunst. Man kann es. Man rede nicht ewig von Langweiligkeit. Wenn der
Rechte es anfa�t, gibt es keine Langeweile. Was bei dem Mittelm��igen
langweilig wird, wird in der Hand des Genies zur Gro�artigkeit. Man r�ume
nur mit diesem sogenannten herrschaftlichen Haus als Individuum auf.
* * * * *
(Staat, Stil, Sittlichkeit)
Vom h�chsten Ordnungssinn ist nur ein Schritt zur Pedanterie.
* * * * *
Disziplin ist Abk�rzung. Deshalb kommt der Norddeutsche schneller mit
seiner Arbeit vorw�rts als der S�ddeutsche, wobei er durchaus nicht der
Produktivere zu sein braucht.
* * * * *
Der Mensch en masse wird erst dann wieder achtbar werden, wenn er sich
entschlie�t, neuen Adel aus sich zu z�chten. Die sch�nsten Dinge auf Erden
sind nur durch Adel m�glich. Noch mehr: Der wahre Adel ist selbst das
sch�nste Ding der Erde.
* * * * *
Unsere Art zu richten und zu strafen erscheint mir immer kindlicher. Ein
einziger wirklicher Mensch w�rde das alles �ber den Haufen werfen. Wieviel
lie�e sich da _individualisieren_!
* * * * *
Es m��te Anekdotenerz�hler geben, die durch die Krankenh�user gingen. Eine
gute Anekdote ist ein wahres Lebenselixier. Ich glaube, ein Sterbender
m��te noch l�cheln, wenn er von dem franz�sischen Landedelmann h�rte, der
sich nicht genug wundern konnte, als er erfuhr, da� er sein Leben lang
Prosa gesprochen h�tte.
* * * * *
Augenblicklich gibt es nur einen Feind des europ�ischen Friedens: England.
Mit ihm ist nicht zu paktieren; darum mu� es isoliert werden.
* * * * *
Eine der sch�nsten und symptomatischesten russischen Sitten ist die Anrede
beim Vornamen. Eine ganze Welt von Zopfigkeit liegt in unserem Herr,
Fr�ulein, gn�dige Frau.
* * * * *
Der Russe hat mehr die Liebe zum Leben, wie es ist, der Deutsche (auch
Ibsen, der ja aber deutsch) mehr die zum Leben, wie es sein sollte,
k�nnte, m��te. Der ganze russische Idealismus liegt in dieser ergreifenden
Versenkung ins N�chste, der ganze deutsche in diesem unausrottbaren
Trachten �ber den 'Tag' und sein Leben hinaus. Ich m�chte sagen, der Drang
ist hier wie dort derselbe, nur die Richtung ist verschieden.
* * * * *
Das macht den Deutschen von heute so unbeliebt: Er beruft sich bei jeder
Gelegenheit auf seine 'Geistesheroen', die doch fast immer nur im
Gegensatz zu ihm gelebt haben, und ist dabei genau so auf seinen Vorteil
bedacht wie der Nachbar.
* * * * *
Wir Deutsche haben nicht nur r�misches Recht, noch viel mehr r�mischen
Geist im Leibe. Das Haupthindernis f�r uns, unsere 'Seele' zu entdecken,
ist, da� wir immer noch zu sehr darauf achten, da� alles, was wir von uns
aussagen, auch ins Lateinische �bersetzbar sei. Die nachwirkende Macht des
r�mischen Imperiums bricht sich an den Grenzen Ru�lands, der ersten
r�cksichtslos modernen Rasse.
* * * * *
Die sozialistische Lehre -- das Brot der Armen.
* * * * *
Im Staat der Sozialisten wird einer auf den andern aufpassen. Und
Faulenzer werden nicht geduldet, dulden sich selber nicht. Wer aber will
vorher wissen, wer ein Faulenzer und wer ein -- Schwangerer ist? Man w�rde
den Schwangeren samt dem Faulenzer verurteilen und damit das Beste der
Erde: das stille, langsame Reifen neuer Gedanken.
1906
Ich habe eine furchtbare Vision: Wenn die Sozialisten zur Herrschaft
gekommen sein werden, dann f�ngt das Blut �berhaupt erst _an_, zu flie�en.
* * * * *
Eure Todesstrafe, noch mehr Euer Kriegf�hren, Ihr Menschen, ist nicht mehr
und nicht weniger als -- Selbstmord. Ein Volk w�rde ein anderes Bild
bieten, wenn es wirklich ein Volk, eine einzige gro�e Familie w�re. In
einer Familie f�hlt sich jedes Mitglied f�r das andere verantwortlich.
Alle f�r jeden, jeder f�r alle. Statt dessen lebt man in unsern gro�en
V�lkerfamilien nach dem geheimen Grundsatz: Jeder f�r sich: Alle f�r mich.
Was k�mmert den B�rger auf seinem Wege zum Reichtum der Mitb�rger auf
seinem Wege der Armut? Nichts. Aber sofort erinnert er sich dieses
Mitb�rgers, wenn seine Ruhe und sein Besitz bedroht werden. Dann ruft er
ihn auf 'zum gemeinsamen Vorgehen gegen den gemeinsamen Feind'. Dann zieht
er pl�tzlich den Bruder, den Blutsverwandten, den armen Verwandten aus
seinem Dunkel hervor. Und seine pl�tzliche Begeisterung wirkt ansteckend,
-- mein Gott, gewi�, zwar, freilich, allerdings, indessen, gleichwohl, --
kurz, man ist kein Unmensch. Vergessen wir das Vergangene! Auf in den
fr�hlichen Krieg! Schulter an Schulter! Ein Volk, Ein Herz, Ein
Schwert ...
* * * * *
Im Himmel, k�nnte man sagen, wird es wenigstens keine Briefe mehr geben.
Man wird zwar seine s�mtlichen Brieftr�ger dort wiederfinden -- denn der
Brieftr�ger kommt eo ipso in den Himmel -- aber sie werden alle selige
Engel und au�er Dienst sein und nicht mehr das unberechenbare Schicksal
deiner Tage und N�chte.
1907
Alles J�dische ist vorwiegend destruktiv. Jesus, der gr��te Jude, ist auch
der gr��te Destruktor der 'Welt'. Spinoza ist nichts andres und wird darum
auch von dem j�ngsten j�dischen Destruktor Mauthner in seiner Eigenschaft
als Antiteleologe �ber alle andern Denker erhoben. Mit Mauthner selbst
kommt vielleicht die tollste Zerst�rung in Gang, die die Geschichte des
Geistes bisher erlebt hat. Man halte wider diese d�monischen Revolution�re
den Moralkritiker Nietzsche und man hat den ganzen Gegensatz zweier wie
Feuer und Wasser verschiedener Welten. In Nietzsche ist alles ein
Schaffen, Bauen, Konstruieren, Befehlen, Bestimmen; der Zweck heiligt ihm
alle Mittel, er lebt und stirbt f�r selbstgeschaffene, irdische, hiesige
Ideale. Er will das Furchtbare der menschlichen Existenz durch den Willen
adeln, formen, �berwinden. Alles in ihm ist Zuchtgedanke. Die Juden sind
die Opponenten der Schaffenden, ihre Korrektoren, ihre b�sen Gewissen.
Es ist wundervoll, in dieses wahrhaft weltgeschichtliche Dissonieren
hineinzuhorchen.
Eine interessante Mischung von beiden ist der Mystiker, ist f�r mich vor
allem Meister Ekkehart. Spinoza war so nahe an der Mystik, wie nur ein
j�discher Denker sein kann, aber er betrat ihr Reich nicht. Er war zu klug
dazu, oder, anders ausgedr�ckt: die Leidenschaft des Schaffenden war nicht
so sehr in ihm, wie die Leidenschaft des Erkennenwollenden. Daher auch
seine Heiterkeit. Willenspassion und Heiterkeit vertragen sich nur sehr
zeitweilig, das wu�te auch Schopenhauer. Spinoza sah wie Christus �ber die
'Welt' hinweg. Den Germanen aber ist diese 'Welt' doch zu sehr selbst
Gegenstand, Kunstmaterial, Entwickelungsstoff, sie wollen nicht so sehr
�ber die Welt hinaus, als in sie hinein. Goethe nahm sich von Spinoza die
Freiheit, das gute Gewissen. Spinoza mu�te ihm eine B�rgschaft mehr sein,
da� dieser verha�te Wahn von einem au�erweltlichen Gott eben nur ein Wahn
sei. Und nun mit dieser best�rkten Souver�nit�t in sich ging er hin und
wirkte sein Leben mit jedem Atemzuge in das Leben hinein, das er um sich
vorfand, befruchtete sich aus ihm und es mit sich und wurde so 'in der
Beschr�nkung' der 'Meister', als den wir ihn immer wieder erleben.
* * * * *
Alles �ffentliche Leben ist wenig mehr als ein Schauspiel, das der Geist
von vorgestern gibt, mit dem Anspruch, der Geist von heute zu sein.
* * * * *
For the happy fews -- sollte das doch aller Weisheit Schlu�wort zur
�ffentlichkeit sein?
* * * * *
F�r mich begehre ich nicht viel, wenn ich aber Talente sehe, die ein
gro�es Volk in seiner Unwissenheit, Gleichg�ltigkeit und Kleinlichkeit
verk�mmern l��t, dann steigt mir der Zorn auf.
* * * * *
Ich kann an Polen nicht ohne ein tiefes Unbehagen, ja nicht ohne Grauen
denken. Ich m�chte lieber selbst ein Pole sein, um gl�hend an der inneren
Wiedergeburt dieses Volkes mitzuarbeiten, als so von au�en dem Schauspiel
seiner Schmach und Schw�che beiwohnen zu m�ssen.
* * * * *
Am Vollblut sp�rst du sofort, was Adel ist, beim Menschen wirst du's nicht
gelten lassen. Wohin k�me ein stiller Beobachter, wenn er die
gegenw�rtigen deutschen Zust�nde an einigen gro�en Gedanken Paul de
Lagardes messen, nein, nicht nur sie messen: wenn er sich unwillig von
allem gegenw�rtigen Leben zur�ckziehen wollte, weil es ihrem erhabenen
Ernste so gar nicht entspricht? Dahin, wo er am wenigsten verharren
m�chte: ins Land der Verbitterung, der Lebensfeindlichkeit, der
Verneinung. -- Aber eine best�ndige Trauer, wenn er bedenkt, welche Wege
die Entwickelung h�tte einschlagen k�nnen und welche sie eingeschlagen
hat, wird ihn nicht verlassen, und sie und ihre geheime Wirkung wird der
Tribut sein, mit dem sich der Geist eines Gesetzgebers wird bescheiden
m�ssen, den die Deutschen nicht verdient haben.
* * * * *
Organisation ist das gro�e Wort, dem die Zukunft geh�rt.
* * * * *
Darf einem die Organisation der r�mischen Kirche keine Bewunderung
einfl��en -- als eine der wenigen gro�en Machtgebilde auf Erden, die
dauern?
* * * * *
In der Gesellschaft l�uft alles darauf hinaus, da� einer vor dem andern
den Hut abnimmt. 'Ich nehme den Hut vor dir ab, damit du den Hut vor mir
abnimmst.' Ein stillschweigendes �bereinkommen, das den, der klug und
'liebensw�rdig' in seinem Sinne handelt, in der 'allgemeinen Achtung'
au�erordentliche Grade erreichen l��t.
* * * * *
Du erkl�rst, du f�hlst nicht sozial, du verachtest deine Mitmenschen fast
mehr als da� du sie liebst. Gut. Ich verlange weder soziales Gef�hl von
dir, noch Verehrung des 'N�chsten'. Aber wenn du neben dir einen Hund
verhungern siehst, so wirst du ihm von deinem Essen mitteilen, das
versteht sich von selbst. Nun, ich verlange nur, da� du mit einem
Mitmenschen f�hlst wie mit einem Hunde, n�mlich: Im Fall der �u�ersten
Not: solidarisch.
* * * * *
In New York haben sich die Kellner ein Klubhaus gebaut. Man sollte sie
auch bei uns dazu ermuntern und ihnen von jetzt ab kein Trinkgeld mehr
(welch �berlebte Bezeichnung), sondern nur noch Klubgeld geben.
* * * * *
Ein durch und durch kultivierter Kellner ist ein Kunstwerk, das nicht nur
in Wien seine Lobredner haben sollte. Er hat etwas von einem Philosophen,
von einem Arzt, einem Soldaten. Ganz anders, wie der Friseur etwa, der den
Kom�dianten nie ganz los wird, oder die Kellnerin, die doch eben immer ein
Weib bleibt, das hei�t ein Gesch�pf, von dem vollkommene Sachlichkeit
weder verlangt werden darf noch will. In der gro�en Universit�t der
t�glichen Angelegenheiten, an der ich mir, als an einem Parallelinstitut
der ehrw�rdigen Alma Mater, das halbe moderne Leben neu erzogen denke,
sollte der Lehrstuhl f�r die Wissenschaft von den Pflichten und Rechten
des Kellners besonders sorgf�ltig besetzt werden. Wann �brigens wird diese
Universit�t, nach der unser ganzes Leben von heute ruft, und zu der
bereits unz�hlige Ans�tze vorhanden sind, ins Leben treten?
* * * * *
Es ist ganz gewi�, da� die Menschen erst _anfangen_ werden, im Geist zu
leben. Hat erst die demokratische Bewegung das Ihre getan und neue
Intelligenzen und Energien heraufgebracht, so wird es nicht bei der
Langweiligkeit und Mittelm��igkeit der heutigen Gesch�fte bleiben. Die
Phantasie wird ihr gro�es Zeitalter antreten, Organisationen werden
entstehen, an die heut nur die Reichsten auch nur zu denken wagen, und
werden sich halten: weil die Lust des Gehorchens um wichtiger Ziele willen
dann st�rker geworden sein wird, als die Lust, die heute regiert, die Lust
zur gr��tm�glichen Behaglichkeit, im sozialistischen, wie im bourgeoisen
Sinne. Weil man dann wieder jene h�here Art des Genie�ens, des
Lebensgenusses verstehen wird, die unter Napoleon zuletzt halb Europa
erf�llte, und in deren Bann unz�hliges Volk allen Schlages und Ranges
wieder einmal bewies, da� es noch ein ganz anderes Gl�ck bedeuten kann,
mit einem 'vive l'empereur' auf den Lippen zu sterben, als mit einem 'ni
Dieu ni Maitre' zu leben.
* * * * *
Manche Leute m�ssen �ber ihre Dummheit durchaus �ffentlich quittieren.
* * * * *
Einen Krieg beginnen, hei�t nichts weiter, als einen Knoten zerhauen,
statt ihn aufl�sen.
* * * * *
Man kann ein halbes Leben lang den Krieg verwerfen -- bis man eines Tages
erkennt: nein, der Krieg geh�rt vielleicht noch immer unter die tragischen
Selbstzuchtmittel der Menschheit. Und furchtbarer als der Krieg bleibt,
da� selbst dieses schreckliche Mittel dem Menschen nicht mehr n�tzt, als
es geschieht; da� es ihn wohl t�chtig erhalten mag, im gegebenen
Augenblick in den Tod zu gehen, aber da� es ihn nicht t�chtiger dazu
macht, in sich zu gehen und damit in den Tod seines bisherigen Lebens.
* * * * *
Lehrer-Kom�die: Die Armut der Lehrer, w�hrend die Staaten Unsummen f�r die
Wehrmacht hinauswerfen. Da sie nur Lehrer f�r 600 Mark sich leisten
k�nnen, bleiben die V�lker so dumm, da� sie sich Kriege f�r 60 Milliarden
leisten m�ssen.
1908
Alles Entscheidende kommt heute von Europa. Sogar die Entscheidung,
inwieweit Asien entscheidend war.
* * * * *
Deutschland, der gro�e Lyriker unter den V�lkern.
* * * * *
Jede ernsthafte 'Bewegung' ist t�chtig, aber T�chtigkeit ist vielleicht
das drittletzte, nicht das letzte Wort der Welt.
* * * * *
Ein gewandter Dieb ist ein -- teures Kunstwerk.
* * * * *
Wer den Menschen mehr denn billig als Einzelperson nimmt, wird nur
zu oft an ihm und mit ihm scheitern. Der Mensch ist nicht nur
Einzelpers�nlichkeit, sondern zugleich Volkszelle, wie die
Volkspers�nlichkeit zugleich wohl wieder in einer h�heren Einheit aufgeht,
usf.
* * * * *
Der moderne Jude -- als Denker -- wird selten glauben, das hei�t ahnend
ergreifen k�nnen. Aller Gottesgedanke k�nnte n�mlich, so f�rchtet er, doch
am Ende nur die feinste Bl�te einer gro�en -- Dummheit sein. Sich dem
Hineinfall auf eine Dummheit aber auch nur auszusetzen, d�nkt seiner
mi�trauisch gewordenen Seele unertr�glich. Er hat, wie Peer Gynt, nicht
den Mut durch das Anonyme _hindurch_ zu st�rmen, er ist eben �berall kein
Krieger, er m�chte gern um es herum. Aber man mu� mitten in den Nebel
hinein, das ist es. Und: Gott l��t sich (so wenig wie Goethe) -- Brillen
gefallen. Und: ohne ein gewisses Ma� von Blindheit ward noch nie ein
Seher.
1909
Damit, da� der Jude sich immer geistig �berlegen d�nkt, kommt er nie zu
�berlegener Geistigkeit.
* * * * *
Ich glaube nicht, da� ein andrer Mensch meiner Zeit so am Juden gelitten
hat wie ich, und zugleich so viel von ihm h�lt. Dies mag mir ein Recht
geben, an sein Problem zu r�hren.
* * * * *
Oh, wenn erst die Leidenschaft f�r den Planeten als solche uns ergriffen
haben wird, der gro�e amor nostro, dann wird es auch keine Kriege mehr
geben, dann werden ungleich gewaltigere Unternehmungen diese armseligen
Kraftproben einer noch dunklen Periode �berfl�ssig machen! Denn freilich:
das bittere Zuchtmittel des Krieges durch philanthropische Mahnungen nur
einfach abschaffen zu wollen, geht nicht an. Zuerst mu� der Geist der
V�lker den neuen Aufgaben, den neuen, h�heren Ambitionen gewachsen sein,
zuerst mu� ihn der Furor jener neuen Anstrengungen, Wagnisse und Opfer
anfallen, ehe er den alten furor bellicus entlassen darf, ehe er von sich
sagen darf: ich habe den Krieg wahrhaft -- �berwunden.
* * * * *
Napoleon war ein Naturereignis. Ihn einen gro�en Schl�chter schm�hen hei�t
nichts anderes, als ein Erdbeben groben Unfug schelten oder ein Gewitter
�ffentliche Ruhest�rung.
* * * * *
An Napoleon mu� man im Gebirge denken, den Blick auf einen Teil der
Erdkarte gerichtet, ein Panorama vor sich mit Bergen, T�lern, D�rfern und
St�dten. Und dann sich vorstellen, wie dieser eine kleine Korporal in die
Breite solchen Lebens mit seiner einen kleinen Faust gegriffen, wie er,
gleich dem Monde das Meer, all dies schwerf�llige, schwerfl�ssige Leben
�berm�chtig zu sich emporzwang, so da� es auf eine Weile in ihm seinen
nat�rlichen Mittel- und �bernat�rlichen H�hepunkt fand.
* * * * *
Ich sehe auf Reisen fast alle meine Bekannten wieder. Denn es gibt nur
etwa 100 Typen in dem Milieu, in dem ich aufgewachsen, und sie sind immer
und �berall. Und oftmals rede ich einen Menschen an, aber es ist nur der
mir vertraute Typus, nicht das bekannte Individuum selber.
* * * * *
So eine Wirtin hat immer die ganze Menschenkarte vor sich, vom j�ngsten
Backhuhn beiderlei Geschlechts bis zum ernsthaftesten Filet-Beefsteak.
* * * * *
Die 'bessere' Gesellschaft ist die eigentlich und im tiefsten Sinne
unwissende und ungebildete.
* * * * *
Nicht da� ein F�rst in allen St�cken der Seinen Herzog sein m�chte, ist
der Schade, sondern wenn er es seinem ganzen Verm�gen nach nicht sein
kann, nicht _ist_. Nicht nur einmal -- zehnmal Absolutismus -- und _nicht_
Parlamentarismus, wenn ein wirklicher Herr und Herrscher in Frage kommt.
* * * * *
Eine Zeit des Geistes wird von selbst zur Monarchie zur�ckkehren. La�t
erst einmal Einen Geist �ber die V�lker kommen, und sie werden nicht
_mehr_ begehren, als sich in ihren geborenen _F�hrern_ auch sichtbarlich
zu gipfeln.
1910
Der Deutsche ist imstande, um eines Hiatus willen eine Wahrheit nicht zu
sagen oder sie minder schlagend zu sagen.
* * * * *
Wir Deutsche leiden alle an der Hypochondrie der 'Verpflichtungen'. Sie
macht unsere St�rke und unsere Schw�che.
* * * * *
Die Zeitung ist das Hauptspielzeug des europ�ischen Negers. Um die Zeitung
verkauft er dem schlauen H�ndler Ahriman mindestens das eine Horn seiner
Weisheit.
* * * * *
Jede Zeit schweigt zun�chst das Gr��te tot, das in ihrem Scho�e ruht; geht
dies nicht l�nger an, so verleumdet sie es, verzerrt es und sucht es auf
alle Weise zu vernichten.
* * * * *
Was das Fazit der europ�ischen R�stungen sein wird? Der m�glichst
vollkommene d�luge apr�s nous.
1911
Man mag in den R�stungen eins nicht �bersehen: Das Z�chtungsmoment. Ist
der Mensch zur Kultur noch nicht reif, so wird er hier wenigstens noch auf
eine Spanne durchs Feuer der Disziplin geschickt. Preu�ens Mission z.B.
ist gewi�lich nicht nur die der Geschichtsb�cher. Wer einmal ein echter
Preu�e gewesen, der -- k�nnte jemand zu sagen versucht sein -- wird so
leicht nicht wieder verlottern, post mortem prussianam suam (in seinem
sp�teren Erdenleben).
* * * * *
Wenn jemand gegen etwas vorgeht, so geht er nicht gegen das ganze Etwas
vor: denn das sieht er dann gar nicht mehr. Sondern er sieht dann nur noch
das 'rote Tuch' in dem Etwas. Nie wird gegen 'etwas' vorgegangen, immer
nur gegen rotes Tuch. Und wenn zwei V�lker gegen einander ziehen, so
st�rzt ein jedes blo� gegen rotes Tuch: denn wie k�nnte ein Volk wider ein
andres Volk sein, wenn nicht die Helden vom roten Tuch w�ren, wenn nicht
unaufh�rlich von h�ben und dr�ben auf rotes Tuch aufmerksam gemacht w�rde,
so da� die V�lker, die armen Stiere, zuletzt wild werden und einander
anrennen.
1912
Man wirft dem Schriftsteller wieder einmal vor, da� er sich zu wenig mit
Politik besch�ftige. Er soll Partei nehmen; und wer da nicht 'w�hlt', wird
leicht Verr�ter gescholten. Aber wie? W�hlt er wirklich nicht, ergreift er
wirklich keine Partei? Bilden die Stillen im Lande keine Partei, und ist
es ihre Schuld, da� die h�chsten Geister, die sie als F�hrer verehren und
w�hlen, im Land- und Reichstage sich nicht einordnen lassen, weil sie im
Parlament der Menschheit sitzen?
* * * * *
Man kann an V�lkern und Vaterl�ndern auf mancherlei Weise bauen, es gibt
nicht blo� die Sch�pf- und Sch�pferkelle der Wahlurne.
* * * * *
An der Vergeistigung, an der Verchristlichung seines Vaterlandes arbeiten,
das hei�t es lieben, das allein hei�t mehr und anderes, als seinen
unaufhaltsamen -- Verfall wollen und mitbewirken.
* * * * *
Man dient seinem Volke auf mancherlei Weise und nicht am schlechtesten,
indem man seinem politischen Leben in toto widerspricht. Das will nicht
sagen, man glaubt, es k�nne anders sein, ja nicht einmal immer: es soll
anders sein, als es ist. Geschichtliche Entwickelungen m�ssen ihren Gang
gehen und ihre Zeit haben, und wer es da z.B. f�r sonderlich
wahrscheinlich h�lt, soviel Kriegsmaterial zu Land, Luft und Wasser, wie
gegenw�rtig des Losbruches harrt, k�nne dem Versucher eines Tages in den
Hals zur�ckgeworfen werden, der ahnt weder, wie die Linke noch wie die
Rechte Gottes arbeitet. Er wird mit seinem frommen Wunsch ebenso eine
Ohnmacht sein, wie der wandellose Wunsch und Glaube des Frommen, da� die
Menschheit eine Gemeinde des Christus werde, eine Macht ist, die zwar
bek�mpft, aber nie gebrochen werden kann und die im himmlischen Jerusalem,
wie es der Apokalyptiker nennt, das Endziel ihrer Polis wei�. Nicht also
um fromme W�nsche handelt es sich, wenn einer auf seinen Wahlzettel des
gro�en Meisters Namen schreibt. Sondern um Zeugnisablegung inmitten einer
Welt in gewissem Sinne der Welt sich Entfremdenden, Welt-Fremder.
* * * * *
Eine Artisten-Elegantine und ein aristokratischer Sp�tling ereiferten sich
unter anderem �ber die 'Extravaganzen' der Heilsarmee. Sie hatten noch
immer nicht begriffen, da� mit Fug nur verurteilen darf, wer selbst etwas
zu schaffen vermag und gewillt ist, und da� es unter Umst�nden mehr
bedeuten kann, der 'dumme August' in der Manege als der Baron in der Loge
zu sein.
* * * * *
Unsere Dienstboten sind nicht Seelen, mit denen wir uns vor�bergehend
vereinigen, um es bequemer zu haben, sondern solche, denen wir, wenn
irgend m�glich, noch mehr und besser dienen sollen, als sie uns. Nicht
umsonst und ohne Sinn mu� die eine Seele noch �u�erlich dienen, w�hrend
die andere schon mehr innerlich dienen kann und darf. Sie mu� noch grobe
Arbeit verrichten und hat noch wenig Einsicht in den Sinn der
Verschiedenheit aller Lebensverh�ltnisse; wir aber sind zu Feinarbeit --
auch an ihnen -- verpflichtet, wir wissen schon mehr vom Sinn des Lebens
und m�ssen sie darum mit soviel Weisheit und Liebe behandeln, wie uns nur
immer m�glich ist. Auf sichtbare Erfolge m�ssen wir dabei ebenso
verzichten lernen, wie wir uns davor zu h�ten haben, sie unseren
Erziehungswillen allzusehr merken oder gar sp�ren zu lassen. Wenn wir nur
nie die Achtung vor der unsterblichen Individualit�t, die in ihnen
verborgen, verlieren und nie die Liebe zu ihnen als ewigen
Geschwisterwesen, wird vieles M�gliche an ihnen vermieden und getan sein.
KRITIK DER ZEIT
1896
Das einzige, was uns in die Zukunft hineinhelfen mag, sind einzelne
gl�ckliche Geburten; ein tragischer Trost f�r einen allgemeinen Mi�wachs.
1904
Lustspielfigur. Letzte Menschen (Erf�llung des historischen Zeitalters).
Professor, der eine Geschichte des W�rtchens 'und' schreibt. Der
Historiker des W�rtchens 'und'.
1905
Mu� nicht der Tod etwas sein, ohne das der Mensch nicht leben m�chte? Ohne
das er es nicht aushielte zu leben? Nein, ich will nicht unwillig sterben,
ich will freudig und dankbar sterben, dankbar f�r die M�glichkeit, mich
denen anreihen zu d�rfen, welche als Opfer gefallen sind, um mit ihnen und
f�r sie gegen die Lebendigen zu protestieren, welche die Erde zu einem
schlechteren und unanst�ndigeren Aufenthalt machen als das Grab.
1906
Der Tag ist abgegriffen, la�t uns in den Morgen zur�cksteigen.
* * * * *
Welcher Mensch kann das Gro�e und Echte lieben, ohne das Kleine und
Unechte zu hassen? Antwort: Der 'moderne' Mensch.
* * * * *
Das Resignieren der heutigen Menschen ist bereits eine Gewohnheit geworden
wie Essen, Trinken und Schlafen; und deshalb ist es so gemein. Was f�r ein
tr�ges, ungeistiges Tier ist doch noch der Mensch und wie sehr bedarf es
gro�er und gr��ter Schrecken und Tr�bsale, damit er nicht immer wieder in
Schlaf versinke!
* * * * *
Man k�nnte Kulturperioden von ungeheurer Gr��e tr�umen: Aber, so wie die
Masse der Menschen bewillt und begabt ist, wird sie zur Weisheit wohl erst
durch M�digkeit kommen, erst dann, wenn es sich der Weisheit nicht mehr
verlohnt.
Oder sollte sie jemals (wieder) einsehen, da� Gr��e nicht so nebenbei im
Weiterabwickeln t�glicher Gesch�fte und Notd�rfte erreicht werden kann?
Frage doch herum, wer sich heut noch f�r solche Riesenorganisationen, bei
deren Herauff�hrung ganze Generationen keine Rolle spielen d�rften,
erw�rmen m�chte? Der eine wird dich verst�ndnislos anblicken, der andere
seine Gesch�fte, den t�glichen Zwang seines Lebens vorsch�tzen, der dritte
wird gerade verliebt sein, der vierte ist K�nstler und hat keine Zeit, der
sechste glaubt nicht an deinen Traum, der siebente sagt: er interessiere
sich lediglich f�r sich selbst und seine eigene Vervollkommenung, in ihm
k�nne Gott allein verwirklicht werden, es g�be kein Ziel f�r 'die
Menschheit', nur _sein_ Ziel und darum sei er f�r keine Utopie, als welche
den Menschen nur von sich und seiner innersten eigentlichsten Aufgabe,
sich in sich selbst zu vollenden, weglocken k�nne. Und dieser siebente hat
vielleicht Recht. Jedenfalls solange Recht, bis ihm ein h�heres Recht, das
hei�t eine h�here Macht das Heft aus der Hand nimmt. N�mlich der Despot,
der zugleich Genie, das Genie, das zugleich Despot ist. Der K�nig Platons.
Der einzige Baumeister, den es noch geben kann. Wo ist er? Wo kann er
kommen? Der letzte Ort, wo er noch m�glich gewesen w�re, war Ru�land. Aber
mit der Unf�higkeit der dort Regierenden hat der Mensch eine seiner
au�erordentlichsten M�glichkeiten verloren. Denn _freiwillig_ wird kein
Volk mehr zur Kastenbildung zur�ckkehren; daf�r ist es das Unget�m mit
Millionen K�pfen, das nur Sinn f�r sich und seine nahen Interessen, das
keinen Ehrgeiz und keine Sch�pfersehnsucht hat. Das Wirtschaftliche tritt
mit ihm in sein Recht. Das Ideal eines bequemen Erdenlebens anstelle jeder
Ambition, etwas H�heres aus ihm zu machen, aus ihm, das als solches doch
nur Stoff ist, Material, aber kein Ziel. Der Mensch sinkt damit auf die
Stufe der Tierheit _zur�ck_, w�hrend er sich zum B�rger eines irdischen
Himmelreichs zu _erheben_ glaubt. Das Volk will endlich nur noch sich
selbst allein. Eine Herde, kein Hirt. Damit dankt der Mensch als Sch�pfer
ab. Der Geist wird �ber diese endlose Horde noch ein letztes Abendrot
ergie�en, dann wird auch er dumpf und verst�rt die H�hlen der Einzelseele
aufsuchen und eine Gemeinde von Mystikern und Sektierern erwecken. Eine
Anzahl wunderbarer Individuen werden dann vielleicht noch �ber die Erde
wandeln: Die gro�en Verzichter und Durchschauer des Traumes Mensch,
einsame Halbg�tter, inmitten des Fiaskos des Versuchs der Erde, im
Menschen zum Kunstwerk zu werden. Ja, vielleicht werden diese Menschen,
die wie riesenhafte Heilige dann das Fazit aller irdischen Historie in
sich tragen, die gr��ten und ersch�tterndsten Menschen sein, die je gelebt
haben. Aber kein Tempel ist um sie -- auf unendlichen Tr�mmern schlagen
sie ihre Harfen der auch sie einst verschlingenden Nacht entgegen.
1907
Ich glaube, wir haben alle als Erbe unserer Zeit eine schlimme Laxheit
mitbekommen. Das Verst�ndnis f�r unerbittliche Forderungen ist mehr und
minder gesunken. Beweist das nicht, da� der Mensch die Vorstellung eines
gerechten Gerichts nach dem Tode (vollstrecke sich das nun selbst mit
Naturnotwendigkeit oder werde es vollstreckt) -- braucht? Braucht -- und
sei es nur: um nicht unter seiner eigenen M�glichkeit zu bleiben? Wird man
wirklich seine Pers�nlichkeit mit solcher Inbrunst ausbilden, wenn man sie
nicht -- f�r eine unbekannte Zukunft ausbilden zu m�ssen meint? Was sind
alle Appelle der Erde gegen jenen einen schauerlichen Appell der Ewigkeit?
Also Furcht, wird mancher sagen. Nun ja, _auch_ das. Wie w�re Gro�es
entstanden, ohne dies Ingrediens? Und w�re es etwas Schimpfliches, sich
vor dem F�rchterlichen -- und ist das Geheimnis der Welt, des Lebens nicht
f�rchterlich? -- zu f�rchten? Man f�hrt heute die 'Entstehung der
Religion' (welch ein Ausdruck!) vielfach auf Furcht zur�ck. Nun, ihr
armseligen Psychologen: nicht diese Furcht war das Tr�bselige, sondern
euer Mangel an Furcht ist es, euer Mangel an Gef�hl, Phantasie,
�berlegenheit. Jawohl, �berlegenheit. Ich kenne nichts Untergeordneteres
als den Menschen, dem Wissenschaft irgend etwas _erkl�rt_. Der
Wissenschaft nicht blo� als eine gewaltige und fruchtbare �bung des
Menschengeistes betrachtet, nein: als etwas, das ihm wirkliche
Wesensaufschl�sse �ber Welt und Leben gibt. Denn dies etwa, da� alles nach
denselben gleichen Gesetzen vor sich gehe, ist doch kein Wesensaufschlu�!
Oder den Bau des Menschen etwa bis auf seinen letzten Zellenbaustein
beschrieben haben, ist doch noch kein Wesensaufschlu�! Das ist
Handwerkerei, eine Sache mit goldenem Boden, ganz gewi�; aber _Joseph_ war
Tischler, nicht Jesus. Was wei� Joseph, der Handwerker, vom Geist und
Wesen der Dinge?
* * * * *
'Geist' ist heute Marktware, wer redet noch davon? Ein wirklich eigener
Gedanke aber ist immer noch so selten wie ein Goldst�ck im Rinnstein.
1908
Wir m�ssen aus der wissenschaftlichen Idylle endlich wieder ins Gro�e
kommen. Wieder Atem holen lernen, das ist es. Das Netz, das die
'Geschichte', die 'Weltgeschichte' �ber uns geworfen, als Netz erkennen
und seine Maschen so weit machen, da� wir jeden Augenblick frei sein
k�nnen, den wir frei sein wollen.
* * * * *
Machen wir uns doch von der Tyrannei der Geschichte frei. Ich sage nicht:
von der Geschichte, ich sage: von der Tyrannei der Geschichte.
* * * * *
Die Z�rtlichkeit, womit sich der moderne Mensch behandelt, ist
erstaunlich. Was alles ist nicht 'f�r sein Innenleben wichtig'! Man liegt
heute auf den Knien vor diesem seinem 'Innenleben'. Aber es ist nur eine
andre Art Mops oder Affenpintscher, wof�r nun die ganze Welt als Ki�chen
und Zuckerchen gerade gut genug ist.
* * * * *
Unsere Zeit, welche die interessanten 'Aberglauben' fr�herer Zeitalter
selbstbewu�t entwertet, ist selbst nur weniger interessant, keineswegs
weniger abergl�ubisch, und wird einst ungleich anderer Nachsicht der
Betrachtung bed�rfen, wenn sp�tere Geschlechter eingesehen haben werden,
da� dem Menschen, unbeschadet aller begreiflichen und jeweils sogar
notwendigen Vordergrundsoptiken, als letzte Hintergrundstimmung doch nur
Eines ziemt: Bei Gott kein Ding f�r unm�glich zu halten.
1909
Optik! Optik! Wenn ihr euren ganzen 'heutigen' Geist nur einmal von oben
sehn k�nntet. Eure Wissenschaft, eure Kunst, euer t�gliches Leben! Nicht
um dies alles gering sch�tzen, o nein, nichts weniger als gering, sondern
um es _richtig_ sch�tzen zu lernen. Eine Menschheit, die zu sich selbst
und ihrem Treiben noch keine wirkliche Distanz gewonnen hat, ist unreif,
so erwachsen sie sich auch sonst geb�rden mag.
* * * * *
In und trotz aller Gesch�ftigkeit -- wieviel Verschlafenheit, wieviel
Vertr�umtheit! Das wacht oft ein ganzes Leben lang nicht auf. R�ttelst du
aber zu unsanft, so magst du leicht einen Sto� vor die Brust bekommen, wie
von einem Schlaftrunkenen, den man vorzeitig st�rt. Tr�ste dich mit diesem
'vorzeitig'. Und wer nicht aufstehen will, kann es wohl auch noch nicht,
_mu�_ wohl noch -- schlafen.
* * * * *
H�te dich, heute zu sterben! Sonst wirst du unvermeidlich Gegenstand einer
-- Trauerfeier. Du bist vielleicht dein ganzes Leben dem feiernden Volke
aus dem Wege gegangen; stirbst du zur Unzeit, das hei�t heute, so hilft
dir kein Todesgott vor dem endlichen 'Theater �ber Dir', an dem der
Philister sich s�ttigen mu�, soll er von dir �berhaupt etwas haben.
1910
Man kann nicht bescheidener sein als der 'gute Europ�er', der vor einem
Universum voll Sternen, den tadellosen Zylinderhut seiner Wissenschaft in
der Hand, ein Bild weltm�nnischer Reserve hochachtungsvoll und ergebenst
verbleibt.
* * * * *
Der moderne Mensch 'l�uft' zu leicht 'hei�'. Ihm fehlt zu sehr das �l der
Liebe.
1911
Man mu� die Gegenwart von ihrer Wissenschaft reden h�ren, um zu wissen,
was ein Parven� ist.
* * * * *
Es gibt wenig Groteskeres als diese Ehe von: Ich wei�, da� ich nichts bin
und Ich befinde �ber alles -- in der Riesen-Zwerg-Brust des aufgekl�rten,
des 'guten' Europ�ers. 'Ein Irrtum' wird erwidert. 'Wir befinden �ber
keine letzten Dinge, wir lassen sie einfach auf sich beruhen, als etwas
menschlicher Erkenntnis nicht Zug�ngliches. Was ich nicht wei�, macht mich
nicht hei�! -- sollte das nicht ein m�nnlicher, ja ein heldischer
Wahlspruch sein? Genug, er ist unser Wahlspruch, und er deckt sich mit dem
des Peer Gynt: Jeg er mig selv nok'. (Ich bin mir selbst genug.)
* * * * *
Es w�re au�erordentlich merkw�rdig, da� so viele selbst der Geistigsten
weit unter dem Niveau leben, das der Geist auf Erden schon einmal erreicht
und aufgestellt hat, -- wenn nicht jede Zeit ihre eigene Aufgabe h�tte und
die heute verk�rperten Seelen eben durch die Entwickelung dazu bestimmt
w�ren, sich gewissen Erkenntnissen ebenso entschieden zu verschlie�en wie
andern vorbehaltlos T�r und Tor offen zu halten.
* * * * *
Es gibt ein Wort aus der Stimmung des Jahrhundertanfangs: 'Man darf jetzt
schon wieder -- nun z.B. von -- Gott sprechen.'
'Man darf jetzt schon wieder' -- das Siegel einer 'gro�en', 'freien' Zeit.
* * * * *
F�r jeden Menschen, sagt Goethe, kommt der Zeitpunkt, von dem an er wieder
'ruiniert' werden mu�. So auch: f�r jede Kulturperiode. Die unsrige hat
diesen Zeitpunkt bereits �berschritten. Sie kann trotz allem, was dagegen
einzuwenden ist, in einem gewissen sehr hohen Sinne nicht mehr ein
ausschlie�liches Interesse beanspruchen. Das Hauptaugenmerk richtet sich
�ber ihren mehr oder minder gl�nzenden Abklang hinweg auf den folgenden
Abschnitt, dessen Aufbau, dessen Aufgaben. Ihr bleibt noch vieles zu tun;
freilich aber auch dies: sich m�glichst unmi�verst�ndlich und allseitig ad
absurdum zu f�hren.
ETHISCHES
1891
Die Menschenverachtung ist f�r den nachdenkenden Geist nur die erste Stufe
zur Menschenliebe.
1892
Was uns allen zumeist fehlt, ist das tiefe, dauernde Bewu�tsein des
wirklichen Elends auf Erden, sonst w�rden wir �ber den Gef�hlen einerseits
des Mitleids, andrerseits des Dankes ganz der kleinlichen Misere des
eigenen Lebens vergessen.
1896
Es ist etwas F�rchterliches um einen Menschen, der leidet, ohne Tragik
empfinden zu lassen.
* * * * *
Es gibt stillschweigende Voraussetzungen unter Menschen von Geist: die
soll man nicht aussprechen. 'Oberfl�chlich sein' (oder scheinen wollen)
'aus Tiefe', das geh�rt hierher. Eine schwere Forderung an den
Radikalismus der Jugend.
* * * * *
Und immer wieder komme ich darauf zur�ck, da� die Bewertung der
geschlechtlichen Liebe unter uns Heutigen eine krankhafte H�he erreicht
hat, von der wir durchaus wieder heruntersteigen m�ssen.
* * * * *
Es gibt noch eine gr��ere Liebe als die nach dem Besitz des geliebten
Gegenstandes sich sehnende: Die die geliebte Seele erl�sen wollende. Und
diese Liebe ist so g�ttlich sch�n, da� es nichts Sch�neres auf Erden gibt.
1904
Hinter die Oberfl�che der Menschen sehen, hinter das 'Pers�nliche', das
Leben selbst in ihnen lieben.
* * * * *
Nein, unser Bestes sind nicht unsere Werke. Das liegt oft in einem Blick
von uns, in einem Gedanken, um dessentwillen wir uns selber lieben m�chten
und um den doch niemand je wei� und erf�hrt, als wir selbst.
* * * * *
Gl�ck? Sollst du Gl�ck haben? W�nsche ich dir auch nur eine Spur von Gl�ck
-- wenn sie nicht deinen Wert erh�hte? Wert w�nsche ich dir.
* * * * *
Zum Thema Egoismus:
Wir lieben nur die Bilder von allem, als etwas in uns selbst, nie das
andere selbst.
* * * * *
Kein Mensch kann etwas anderes bieten als sein eigenes Programm, aber er
soll es wenigstens so taktvoll wie m�glich vorbringen, nicht wie ein
Plebejer, der sich erst zufrieden gibt, wenn er ein paar andre
niedergebr�llt hat.
1905
So spricht die edle Rasse: Ich tue dies und das, weil ich es mir schuldig
bin.
* * * * *
Das Bild vom S�ndenfall bedeutet eigentlich nichts anderes als die --
moralisch gesehene -- Sichselbstbewu�twerdung des Tieres. Den Eintritt des
'Geistes' in die Naturgeschichte.
Was wir aus der Geschichte des Geistes lernen k�nnen, das ist, meine ich,
vor allem eine immer tiefere Bescheidenheit, uns zu �u�ern.
* * * * *
Es gibt keine Einzelschuld, es gibt nur Gesamtschuld. Wir m�ssen uns
durchaus gegenw�rtig halten, da� die Bestrafung eines Verbrechers durch
unsere Beh�rden nur den Schein der Gerechtigkeit f�r sich hat, nicht die
Gerechtigkeit selbst; denn wie k�nnte die wahre Gerechtigkeit sich gegen
einen einzelnen wenden, sie, die das ganze Gewebe des Lebens vor sich
ausgebreitet s�he.
* * * * *
Alles mu� allem dienen. Es gibt im letzten Sinne keine Ungerechtigkeit.
* * * * *
Wer tief ist, mu� sich sch�men, sich so zu zeigen.
* * * * *
Es gibt kein widerw�rtigeres Schauspiel, als wenn aus einem Menschen ein
Berufspfaffe wird.
* * * * *
Wer die Grausamkeit der Natur und der Menschen einmal erkannt hat, der
bem�ht sich selbst in kleinen Dingen, wie dem Niedertreten des Grases,
schonungsvoll zu sein.
* * * * *
Es ist leicht m�glich, da� die moralischen Vorstellungen allm�hlich eine
nicht nur moralische, sondern direkt dynamische (magnetische) Atmosph�re
�ber der Erdoberfl�che geworden sind, eine Welt, die sich in gewissem
Sinne selbst regelt, selbst ihre Ausgleiche schafft, ihre eigene
Gerechtigkeit hat und �bt. Daher dann jene oft beobachtete Justiz der
Geschichte, jene vielen 'gerechten Vergeltungen', jene moralischen
Ausbr�che und Gegenstr�me.
* * * * *
Es gibt keine unleidlichere Gewohnheit, als das sogenannte N�tigen bei
Tische. Dieses ewige Zureden in einer h�chst untergeordneten Sache, die
jeder mit sich selbst abzumachen hat, sollte unter Menschen, die auf sich
halten, verp�nt sein.
* * * * *
Auf F�hr:
Ich h�re Anreden von Fremden an Eingeborene wie die folgenden: 'Sie tragen
noch die alte Tracht; bleiben Sie ja dabei; ich sehe das zu gern; lassen
Sie auch Ihre Kinder in dieser Tracht gehn!' Oder: 'Nein, was ist Ihre
Tochter f�r ein sch�ngewachsenes M�dchen! Sehn Sie nur, meine Herren,
dieses schmale Gesicht und dabei dieses kleidsame Mieder ...' Als ob diese
Halligbewohner, diese Nachk�mmlinge der alten Friesen, Schaust�cke eines
Panoptikums w�ren; als ob sie nicht mit Fug herabsehen k�nnten auf diese
zusammengew�rfelte Gesellschaft halbkranker Gro�- und Kleinst�dter, die
mit all ihrer 'Bildung' nicht einmal wissen, wie ein Mensch einem Menschen
gegen�berzutreten hat.
* * * * *
Meine Liebe sind allein die gro�en Unbedingten, die Gl�ck oder Tod
bringen, die _sich_ vor allem bringen mit ihrem Geschmack, ihrer
Wertsetzung und ihrem ethischen Pathos, die den unbeirrbaren Sinn f�r
Gr��e besitzen, eine tiefe unausl�schliche Liebe zu dem, f�r welches sie
geboren sind.
Und mein Ha�: Die Geschmackler, die Renaissanceier, die 'T�pfegucker jeder
Stimmung' -- die qualligen �stheten, die stupenden Magister .. all dieses
unproduktive und anma�ende Volk, das die _Mode_ von heute ist, wo unser
innerstes Leben nach _Stil_ d�rstet, nach Kultur, nach Ernst, nach Kraft,
nach M�nnern, nach Willen und noch einmal nach dem ethischen Pathos eines
Nietzsche, eines Dostojewski, eines Lagarde, eines Tolstoi.
* * * * *
Niemand ist zu gut f�r diese Welt. Menschen, von denen dies gesagt wird,
sind vielmehr in irgend einem Betrachte _nicht gut genug_.
* * * * *
Wehe und wohl dem Menschen, der an keine Ungerechtigkeit mehr glaubt.
* * * * *
Die Mutter der Tiefe hei�t: Schuld.
1906
Tugend -- im gemeinen Sinne, nicht als virt� -- ist sehr oft nur ein
Hindernis, tief zu werden, indem sie vor allzu gewaltsamen Leiden bewahrt,
weshalb sie f�r Menschen, f�r die kein Grund vorliegt ein
au�ergew�hnliches Los auf sich zu nehmen, die edelste Art bildet, mit
einiger Sch�nheit durchs Leben zu kommen.
* * * * *
Ich meine, es m��te einmal ein sehr gro�er Schmerz �ber die Menschen
kommen, wenn sie erkennen, da� sie sich nicht geliebt haben, wie sie sich
h�tten lieben k�nnen.
* * * * *
Als Dank -- pour un sourire de printemps.
Als Dank -- pour un sourire de vie.
* * * * *
Wer sich die Unsumme von Geduld vergegenw�rtigt, mit der die Masse der
Menschen ihr t�gliches Arbeitslos tr�gt, der wird sie namenlos achten
m�ssen, diese 'Menge', trotz alledem und alledem. Und wenn wir Geistigen
uns nur zu oft �ber sie erheben: sie kann doch nie br�derlich genug
geliebt werden. Und jedenfalls soll sie best�ndig in unseren Gedanken
wohnen, auch in denen, die ihr etwa z�rnen.
* * * * *
Der Mensch mag tun und leiden, was es auch sei, er besitzt immer und
unver�u�erlich die g�ttliche W�rde.
* * * * *
Man mu� Erdbeben sein und die festen St�dte der Menschen immer wieder zu
Falle bringen. Man mu� ihre Mauern wandeln machen, sonst stockt das Leben
in ihnen. Aber es kann auch Zeiten geben, da man Urgestein sein mu�,
dahinauf sich ein namenlos ge�ngstigtes Geschlecht retten kann. Wo man um
der Liebe willen, um des nackten Lebens willen die verwerfen und
verleumden mu�, die den Erdboden zur schwankenden Welle machten, die den
Abgrund predigten und die Schauder der Ewigkeit. Man wird aus Himmel und
Sternen wieder ein Bild machen, man wird die Spinnweben alter M�rchen auf
offene Wunden legen m�ssen und all das bunte Spielzeug wieder hervorholen,
das die Kulturen bisher hervorbrachten.
Der B�rger und nichts als B�rger ist ein trister Anblick, aber der aus
jeder und gar jeder B�rgerlichkeit hinausgeschreckte Mensch, der
verfluchte B�rger, der irre, friedlose, von jeder Gewi�heit enterbte, das
personifizierte Grauen vor dem Unfa�baren, der aus Tiefe wahnsinnig
werdende Mensch -- das w�re der Untergang selbst. 'Oberfl�chlich aus
Tiefe' -- Lebenswort! Auf die Stirne von Tempeln!
* * * * *
Der Mensch hat die Liebe als L�sung der Menschheitsfrage einstweilen
zur�ckgestellt und versucht es augenblicklich zun�chst mit der
Sachlichkeit.
(Vergleiche z.B. die gro�en �rzte unserer Zeit.)
1907
Enthusiasmus ist das sch�nste Wort der Erde.
* * * * *
Je freier ein Geist wird, desto gebundener wird er sich f�hlen und nennen.
Und am Ende wird er sagen: Wer wei� sich mit hunderttausend Stricken
gefesselter als ich?
* * * * *
Dieses Verwerfen in Bausch und Bogen, dessen wir uns so oft schuldig
machen, ist schrecklich. So wenn einer von Rousseaus Bekenntnissen sagt:
das verlogene Zeug. Ja ja, verlogen vielleicht hier und dort und am
dritten Ort -- aber auch am vierten und f�nften? -- Und wir selbst, die
wir so sprechen, sind es also an keinem? Nirgends verlogen, nirgends
angreifbar, nirgends verwerflich?
* * * * *
Es k�nnen nur einigerma�en gleiche Naturen in ihrem ganzen Umfang einander
erkl�ren und absch�tzen. Heut aber will jedermann interpretieren, wenn er
nur schreiben gelernt hat.
* * * * *
Man soll �ber einen wahrhaft gro�en Menschen nicht reden. Denn wor�ber man
bei ihm reden kann, darauf kommt es nicht an. Es kommt allein darauf an,
wie er dir innerhalb und in deinen tiefsten Stunden erscheint. Von diesen
unionibus mysticis aber kann man nur -- schweigen oder doch nur in
Momenten gro�er innerer Kraft zeugen.
* * * * *
Glaube mir, es gibt nichts Gro�es ohne Einfalt. Der Mensch, das Individuum
ist Gottes Einfalt, ist einf�ltig gewordene Gottheit. In der Beschr�nkung
zeigt sich erst der Meister.
* * * * *
Lieber einem zu viel als zu wenig Ehre geben. Ehre sage ich, nicht 'Lob'.
Tadeln, ja ganz ablehnen k�nnen und doch immer noch ehren, das hei�t
f�hlen lassen: Mein Bruder, was ich auch sagen mu�, so wenig ich eine
Blume in ihren inneren Organen verletzen m�chte, so wenig m�chte ich Dich
-- verletzen! das ist es.
* * * * *
Man soll nie auf irgendwen hinabsehen, der auf irgendeinem Wege -- und sei
es zehnmal ein wider Sitte und Gesetz versto�ender -- zur Freiheit strebt.
* * * * *
Wenn ich dies und das nicht tue, so tut es ein anderer -- welch grober
Gedankengang! Als ob --
* * * * *
O, wie erniedrigt doch die 'Konversation', wie verf�hrt sie uns
fortw�hrend zu Urteilen, die wir gar nicht haben, deren wir uns gleich
darauf sch�men, die nichts als h�heres Geschw�tz sind, das mit unserm
wahren Wesen nur eben soviel zu tun hat, als es dessen Teil an Torheit und
Schw�che aufdeckt.
* * * * *
Mancher sucht sein Leben lang Kameradschaft, -- aber man mu� mit diesem
Bed�rfnis im Herzen nicht zu Frauen gehen. Sie wollen, eine jede,
ausschlie�lich _geliebt_ sein, sie wollen aus aller Kraft die Episode der
Liebe, aber ohne sie dabei als Episode aufzufassen. Sie wollen ein ganzes
Leben in Beschlag nehmen, aber daf�r kein Leben der Kameradschaft, sondern
ein Leben der Liebe geben. Ein Leben der Liebe aber ist ein Unding, wie
ewige Musik oder ewiger Fr�hling. Die Liebe verdirbt die Seele zur
Kameradschaft, sie ist kalt und hei�, eifers�chtig und unberechenbar, die
Kameradschaft, die Freundschaft ist allein wahre Seelenliebe, sie ist bis
zu jedem m�glichen Grade unegoistisch, sie ist der h�chste Zustand
zwischen Mensch und Mensch. Die Liebe ist das Mittel zum Werden des
Kindes, aber die Freundschaft ist das Mittel zum reif und s�� Werden
deiner selbst.
* * * * *
Wann wird dies sein? Wann wird das sein? -- Wann wir es uns verdient haben
werden.
* * * * *
Beim Menschen ist kein Ding unm�glich im Schlimmen wie im Guten.
* * * * *
Wer nicht auch b�se sein kann -- kann der wirklich tief sein?
* * * * *
Bedenke, da� der sogenannte gemeingef�hrliche Mensch nur um deines
Behagens willen im Gef�ngnis sitzt, und da� auf deiner Seite viel dazu
geh�rt, das Freiheitsopfer so vieler Mitmenschen sittlich aufzuwiegen.
* * * * *
Das ist es, was ich immer wieder gelehrt finde: die Zaghaftigkeit -- wo
Gutes gewollt wird -- ist zu nichts n�tze. Umgekehrt, sie ist nur eine
Quelle immer weiterer Schw�che und damit immer weiterer Mi�erfolge.
* * * * *
Wir haben heute Ehrfurcht vor den Bewohnern eines Wassertropfens, aber vor
dem Menschen haben wir immer noch keine Ehrfurcht.
* * * * *
Finsternis w�rde mich in k�rzester Frist um alles Gl�ck und um allen
Verstand bringen. Gebt allen Menschen vor allem Licht und vorz�glich den
Ungl�cklichsten unter uns, unsern Gefangenen.
1908
Wer sich gro� verfehlt, der hat auch gro�e Quellen der Reinigung in sich.
* * * * *
Mut, Mut, das fehlt dem sogenannten denkenden Wesen, dem Menschen -- als
denkendem Wesen -- am meisten. Und dann Phantasie. (Aber was w�re
Phantasie ohne Mut?) Vielleicht ist Mangel an beiden eine der
grundlegenden Lebensbedingungen, vielleicht kann der Mensch nur mit einem
gewissen Quantum von Feigheit und Tr�gheit -- existieren.
* * * * *
Tugend -- Mangel an Gelegenheit, ein Gemeinplatz, der nur die Unseligkeit
des �blichen Tugendbegriffs verr�t, als etwas durchaus Negatives.
* * * * *
Wem das allgemeine Wohl das h�chste Ziel auf Erden d�nkt, der tut den
Menschen gar nichts so Gutes, wie er meint. Man soll nie das Wohl, man
soll nur das Heil jedes Menschen im Auge haben, -- zwei Dinge, die sich
oft wie Wasser und Feuer unterscheiden.
* * * * *
Die Geschichte ist eine Schlummerrolle, auf welcher gestickt steht: Ein
Viertelst�ndchen. Aber ganze Generationen schlafen ihr ganzes Leben auf
ihr. -- Was ist dem Erwachten -- Geschichte? Das, was -- andre getan
haben. Worauf er denn gar nicht genug an sein eigenes Tun denken kann.
1909
Nur wer sich selbst verbrennt, wird den Menschen ewig wandernde Flamme.
* * * * *
O helfen, helfen k�nnen -- es gibt nichts Gr��eres f�r menschliche Art!
Und nicht helfen k�nnen, nicht helfen d�rfen, es hat gewi� nicht minder
bittere Tr�nen erpre�t als: wo man's vermocht und sollte, nicht geholfen
haben.
* * * * *
Man findet deshalb so wenig Menschenliebe, weil dem �u�eren meist zu viel
Wichtigkeit beigelegt wird. Aber es ist damit wie mit der Kleidung. So
mannigfaltig sich der Mensch auch tragen mag, in der H�lle steckt allemal
Adam und Eva, der homo sapiens-insipiens, dasselbe allerletzten Endes
unablehnbare Geschwister.
* * * * *
Was ist der Mensch, da� er nicht alles hingeben sollte -- um des Menschen
willen! In dem Ma�e, wie der Wille und die F�higkeit zur Selbstkritik
steigen, hebt sich auch das Niveau der Kritik am andern.
* * * * *
Wer den Einzelnen als einen Wanderer betrachtet, der immer wiederkehrt,
wird aufh�ren, ihm entgegenzuarbeiten. Er sieht sich Schulter an Schulter
mit ihm gehn und erkennt die Sinnlosigkeit jeglicher Feindschaft zwischen
ihm und sich. Mag der Andre noch sein Feind sein wollen, er selber
empfindet ihn nicht mehr als Feind; f�r ihn f�llt er, wenn er sich und ihn
sub specie aeterni anschaut, mit ihm selber beinahe zusammen. Mag der
Andre ihn noch hassen, ja verachten, er selber wird nichts begehren, als
ihm zu helfen, zu n�tzen, zu dienen. Er wei�, wie alles zusammenh�ngt.
Nicht fabelt er unbestimmt von Zusammenhang, sondern der Zusammenhang
liegt klar vor ihm.
* * * * *
Frage und Pr�fung:
Was kannst du?
Kannst du dich verkennen, beschimpfen, beschuldigen lassen, ohne auch nur
einen Schatten von Zorn wider den Bruder zu f�hlen?
Noch mehr: Kannst du Unrecht leiden ohne Groll? Man kerkert dich ein, man
foltert dich, man h�ngt dich auf -- gesetzt, du fielest unter Wilde oder
gerietest vor ein russisches Gericht oder unter eine aufgeregte
amerikanische Volksmenge. K�nntest du dann leiden und sterben -- ohne
Verw�nschung?
* * * * *
Wir sollten immer nur charakterisieren wollen, nie kritisieren.
* * * * *
Lieblose Kritik ist ein Schwert, das scheinbar den Andern, in Wirklichkeit
aber den eigenen Herrn verst�mmelt.
* * * * *
Wer nicht zuvor sich selbst vorschreibt, wird auch den Menschen nie
vorschreiben d�rfen. Man kann dem Wesen der Macht nichts abmarkten.
* * * * *
Bemerke, wie die Tiere das Gras abrupfen. So gro� ihre M�uler auch sein
m�gen, sie tun der Pflanze selbst nie etwas zuleide, entwurzeln sie
niemals. So handle auch der starke Mensch gegen alles, was Natur hei�t,
sein eigenes Geschlecht voran. Er verstehe die Kunst vom Leben zu nehmen,
ohne ihm zu schaden.
* * * * *
Wenn der moderne Gebildete die Tiere, deren er sich als Nahrung bedient,
selbst t�ten m��te, w�rde die Anzahl der Pflanzenesser ins Ungemessene
steigen.
1910
Man h�te sich vor Lieblingsvorstellungen, Lieblingsideen. Dergleichen
lenkt einen blo� von der gro�en Liebe ab, die sich allein auf die
Menschheit in ihrem Vorw�rtskommen richten soll; dergleichen sind blo�
Fallgruben der Eigenbr�delei, Sackgassen der Egoit�t. Mag sich ins
Kornfeld werfen, den Himmel angucken und Tr�ume spinnen, wer die
Wirklichkeit noch nie geschaut hat; wem die Augen offen wurden, der wei�,
da� es f�r ihn nur noch einen modus vivendi gibt, den des entschlossenen
Realisten der Liebe.
* * * * *
Jede Krankheit hat ihren besonderen Sinn, denn jede Krankheit ist eine
Reinigung; man mu� nur herausbekommen, wovon. -- Es gibt dar�ber sichere
Aufschl�sse; aber die Menschen ziehen es vor, �ber hunderte und tausende
fremder Angelegenheiten zu lesen und zu denken, statt �ber ihre eigenen.
Sie wollen die tiefen Hieroglyphen ihrer Krankheit nicht lesen lernen und
interessieren sich, gleich dem Neger, noch weit mehr f�r das Spielzeug des
Lebens, als f�r seinen Ernst, als f�r ihren Ernst. -- Hierin liegt die
wahre Unheilbarkeit ihrer Krankheiten, im Mangel an und im Widerwillen
gegen Erkenntnis, hierin, nicht in Bakterien.
* * * * *
Vor einem halbbeschneiten Berge: So ist mancher von uns halb noch im
Schnee der K�hle, K�lte. Dann taut die Sonne den Schnee weg; aber in diese
und jene Grube vermag sie nicht vorzudringen; wei�e, unvertilgbare Flecken
bleiben zur�ck: nie werden wir ganz frei von jedem Rest von Lieblosigkeit,
nie _ganz_ Liebe -- solang wir noch dieser Berg sind.
* * * * *
Es gibt nur einen Fortschritt, n�mlich den in der Liebe; aber er f�hrt in
die Seligkeit Gottes selber hinein.
* * * * *
Der Welt Schl�ssel hei�t Demut. Ohne ihn ist alles Klopfen, Horchen,
Sp�hen umsonst.
* * * * *
Der Geist baut das Luftschiff, die Liebe aber macht gen Himmel fahren.
* * * * *
Der Nenner, auf den heut fast alles gebracht wird, ist Egoismus, noch
nicht -- Liebe.
* * * * *
So wie der Strom in das Meer mu�, so mu� der amor in die caritas.
1911
Ganze Weltalter voll Liebe werden notwendig sein, um den Tieren ihre
Dienste und Verdienste an uns zu vergelten.
* * * * *
A sagte zu B, der sich mit seinem pers�nlichen Schicksal herumschlug und
des Jammers kein Ende fand: Wie erbarmungslos bist du!
Wie erbarmungslos? gab B befremdet zur�ck und f�gte, da er A nicht
durchdrang, nach einer Weile hinzu: Wenn nur du nicht erbarmungslos bist!
(indem er meinte, dieser habe f�r sein Ungl�ck kein Verst�ndnis). Und
_wenn_ ich es gegen dich w�re, erwiderte A, so w�re ich es gegen einen
Einzigen. Du aber bist es gegen Millionen. Denn du siehst nur dein eignes
Leid, nicht auch das ihre. Du w�rst aus ganzer Seele zufrieden, wenn nur
du allein getr�stet w�rdest, wenn nur dir allein unter allen Millionen
geholfen w�rde. Pr�fe dich selbst, ob ein solcher Sinn nicht noch
strengster Zucht bedarf und ob es weit gefehlt ist, ihn selbsts�chtig,
hart und erbarmungslos zu nennen.
* * * * *
Man mu� von aller Verliebtheit in Maja frei werden, dann erst kann die
gro�e Liebe entstehen.
* * * * *
Der Ha� hat uns in eine solche Grobheit des Urteils und der Beurteilung
hineingesteigert, da� wir nichts mehr rein zu sehen verm�gen. Wir
vergessen, da� es keine Ablehnung gibt, die nicht, sei es ein Korn, sei es
einen Klumpen Unrecht enthielte. Versuchen wir uns doch einmal entschieden
auf die Seite des Positiven zu stellen, in jeder Sache.
* * * * *
Viele Menschen f�hlen sich in ihrer Ruhe und Sicherheit gest�rt und
fordern laut nach strengen strafrechtlichen Ma�nahmen gegen den
Verbrecher.
Das ist verst�ndlich, aber es zeigt auch, woran es noch viel mehr als an
gesetzgeberischen Bestimmungen fehlt: An dem Bewu�tsein, an der Ahnung
wenigstens, was man selbst und was der sogenannte Verbrecher ist. Der
Verbrecher und ich sind nichts wesentlich Getrenntes, wir stehen im
engsten menschlichen Zusammenhang; er kann uns nichts tun, was er nicht
auch sich selber t�te, und wir k�nnen ihm nichts tun, was wir nicht auch
uns selber t�ten. Er ist nicht anders von uns verschieden, als unser Arm,
unser Bein, unser Auge. Nun hei�t es zwar: So dich deine Hand �rgert, so
haue sie ab. Aber wenn ich die Hand abhaue, so f�ge ich mir damit einen
Schmerz zu, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde, und sollte ich
ihn doch vergessen, so bleibt immer noch ihr Fehlen etwas, was sich nicht
vergessen l��t.
Anders, wenn sich eine Gesellschaft einen Verbrecher vom Leibe schafft.
Dann schafft sie sich ihn eben vom Leibe und damit punktum. Es fehlt der
entsprechende Schmerz auf ihrer Seite, der Stachel, den sie nicht wieder
los wird.
* * * * *
Die Bestimmung des Menschen ist nicht nur, da� er als ruhiger B�rger
seinem Tagewerk nachgehe, sie ist noch etwas dar�ber: da� er sich mehr und
mehr verinnerliche, sich, und soviel an ihm liegt, seine Umwelt mehr und
mehr verchristliche.
Alle, die beispielsweise f�r die Todesstrafe stimmen, wollen nicht die
Gewissensnot, in die sie die Schreckenstat eines Bruders bringen und die
dann Frucht �ber Frucht aus ihm zeitigen m��te, sondern sie wollen ihre
Ruhe, ihre Behaglichkeit, ihr ungest�rtes Weiterwirtschaftenk�nnen im
einmal �berkommenen. Wie gesagt, es kann ihnen nicht verdacht werden, wenn
sie einer gewissen Sicherheit genie�en wollen, aber sie m��ten daf�r, da�
sie mit der einen Hand nehmen, n�mlich Freiheit oder gar Leben vom
Mitmenschen, mit der andern Hand geben: n�mlich doppelte, dreifache Liebe.
Sie m��ten nicht nur den andern sich, sondern sich zugleich dem andern
opfern, sich, das hei�t ihren Eigennutz, ihren Hochmut, ihre
Gleichg�ltigkeit, ihre Tr�gheit. Aber dem wird ausgewichen und darum ist
in unseren Strafen so viel -- Rache; was man auch von Erziehungs- und
Abschreckungstheorien redet. Erziehen soll man zuerst sich selbst und dann
erst den, der mitten im Scho�e von uns Tugendhaften als Lasterhafter
emporbl�hen konnte. Wahrlich, es kann mit der allgemeinen Tugend nicht
soweit her sein, wenn der R�uber und M�rder so �ppig gedeiht, wahrlich, es
ist nicht gut, wenn solch ein Unkrautboden wie unsere Gesellschaft auch
noch nach Schutz und besonderer F�rsorge verlangt. Sie m�ge erst die
sieben Tods�nden in sich bek�mpfen und im Verbrechertum zun�chst vor allem
das vergr��erte Spiegelbild ihrer selbst sehen, den immerw�hrenden Vorwurf
ihrer selbst. Sie m�ge im Verbrechertum zun�chst erst einmal ihr --
_Schuld_-Konto erblicken. Wenn sie aber meint, da�, sagen wir, der Bauer
Adam in Vaduz unm�glich Schuld haben k�nne, wenn in den S�dstaaten ein
Neger sich an einer Wei�en vergreift, so ist zu erwidern, da� weder der
Bauer noch der Neger f�r sich nur als Bauer und Neger verbindlich sind,
da� sie vielmehr vom Anfang bis zur Vollendung unserer Welt als
sch�pferische Faktoren rechnen, die nach der einen Seite unendliches
Schulden-Karma abzutragen, nach der andern Seite die Geisterreiche der
Zukunft mit aufzurichten haben, wozu sie nicht nur als Bauer und Neger,
sondern in hinreichenden menschlichen Manifestationen ab aeterno in
aeternum wiederkehren.
1912
Da� G�te (z.B.) nicht Schw�che sein _k�nne_, behauptet niemand, da� sie es
_sei_, nur ein Tor.
* * * * *
Wer 'f�r G�te Dank' erwartet, macht sich schon allein dadurch, da� er sich
selbst als 'g�tig' empfindet, der feinsten Berechtigung Dank zu ernten
verlustig, indem er sich im Gef�hl und Bewu�tsein seiner G�te als ein
besonderer Wohlt�ter andrer vorkommt, sich also �ber sie erhebt und
�berhebt. Eine solche Erwartung, so nat�rlich und allgemein sie sein mag,
verdient nicht nur keinen Dank, sondern gerade das, womit ihr gew�hnlich
vergolten wird: eine gewisse Gleichg�ltigkeit, ja beinahe einen gewissen
(zur�ckschlagenden) Hochmut. Wer Gutes tun und dabei nicht in die Br�che
geraten will, mu� es soweit bringen, da� er sich nie anders denn als einen
Diener des andern empfindet, dem eine gl�cklichere F�gung gestattet --
Schuld abzutragen. Er mu�, fern davon, von dem andern Dank zu erwarten,
vielmehr das Gef�hl der Dankbarkeit gegen diesen andern entwickeln, weil
er ihm Gelegenheit gibt, ihm zu helfen, gleichviel, wie solche Hilfe
nachtr�glich 'gelohnt' wird. Dies mag f�r uns freilich mehr oder minder
immer ein Ideal bleiben; die erste Stufe ist jedenfalls, dem Satze von der
Dank verdienenden G�te in uns und au�er uns zu Leibe zu gehen.
* * * * *
Wer wollte den Gutartigen, den Begabten, den Wunderlichen nicht lieben.
Aber den B�swilligen, den Ungeistigen, den Langweiligen zu lieben gilt es.
Nicht so sehr ein jovialer Wirt sein allen, die ihre Zeche mehr oder
minder bezahlen, als der barmherzige Samariter derer, die nichts haben als
ihr schmerzliches Schicksal.
* * * * *
Kann man einen Menschen deshalb aus der Atmosph�re des tiefen, ungeheuren
Geheimnisses, das uns alle umf�ngt, das wir alle sind, und vor dem es
keine andere Grundstimmung als die unbegrenzter Ehrfurcht gibt,
herausl�sen, herausgel�st empfinden, weil er ein 'M�rder' geworden ist?
* * * * *
Der Selbstlose, der aus ganzer Seele den Menschen dienen will, �bersieht
zu leicht, da� sein Selbst in ein niedrigeres und in ein h�heres Selbst
zerf�llt, und da� er daher nicht nur selbstlos im einen Sinne, sondern in
eben dem Ma�e selbstvoll im andern Sinne werden sollte. Sein Selbst
verlieren, hei�t sich l�utern, seine Seele bereiten, wie einen Acker,
welcher der Saat wartet. Sein Selbst gewinnen aber hei�t, Frucht tragen
wollen, Saat herbeisehnen, aufnehmen, hegen, reifen.
* * * * *
Geistige Leidenschaft, Leidenschaft f�rs Geistige, -- pr�fen wir uns
einmal, wieweit sie gemeinhin reicht. Nach allem M�glichen wird unter
Umst�nden mit vier Pferden gejagt, aber wenn einer Morgen um Morgen dein
Leben lang an deiner T�re vorbeigeht mit Lebensbrot, so kann er ein Leben
lang ungerufen davor vorbeigehen; denn seine Bettw�rme wie sein
appetitliches Fr�hst�ck oder seine Zeitung oder gar seine 'Pflicht' l��t
keiner so leicht im Stich um Lebensbrotes willen.
* * * * *
Wir leben heute noch recht wie Kinder, noch nicht wie erwachsene bewu�te
Menschen. Wir essen und trinken ruhig, w�hrend Mitmenschen neben uns
verhungern und verdursten, wir gehen fr�hlich in Freiheit herum, w�hrend
Mitmenschen neben uns in Kerkern verderben. Wir k�nnen uns in jeder Weise
freuen, w�hrend um uns in jeder Weise gelitten wird, und wenn wir selbst
leiden, so haben wir die Unbefangenheit, mit dem Schicksal darum zu
hadern. O, da� unser Herz und Geist mit den Zeiten verwandelt w�rde und
diese bittere H��lichkeit von uns abfiele und wir aus Kindern Erwachsene
w�rden.
1913
Was ist denn alle Mutter- und Vaterschaft anders als ein -- Helfen! Als
wunderreichste, geheimnisvollste Hilfe!
* * * * *
Alles ernsthaft Angefangene mu� die Menschheit auch entschlossen weiter
treiben und weiter entwickeln. T�te sie's nicht, so w�re sie ebenso unreif
und leichtfertig wie die Individualit�t, die anf�ngt und liegen l��t,
statt, wenn auch vielleicht erst in vielen Lebensl�ufen, allem in sich
eine Folge und Ausbildung zu geben. Einziglich schon von diesem
Gesichtspunkt aus sollte man die Mystik z.B. nicht so verdrossen ablehnen,
als ob es ein Verdienst w�re, ein so wundertief begonnenes Geisteswerk in
die Rumpelkammer zu verweisen und nicht vielmehr sich dessen Weiterausbau
anzunehmen, zum mindesten dankbar gew�rtig zu sein.
LEBENSWEISHEIT
1895
Mit allem Gro�en ist es wie mit dem Sturm. Der Schwache verflucht ihn mit
jedem Atemzug, der Starke stellt sich mit Lust dahin, wo's am heftigsten
weht.
1896
Es ist unbeschreiblich, auf was alles die Menschen _nicht_ kommen. In den
gew�hnlichsten Verh�ltnissen.
1905
Alles Festlegen verarmt.
* * * * *
Dem Steigenden werden G�rten der Sch�nheit W�sten der Unbedeutendheit.
* * * * *
Der Schmerz �ber das, was wir an der Welt verfehlen und von dem sie
gemeiniglich nichts wei�, kommt ihr wieder aus der Reife unseres
Charakters.
* * * * *
Man kann wohl sagen, da� das Geschlecht zwei Drittel aller m�glichen
Geistigkeit auffri�t.
* * * * *
Das ist meine allerschlimmste Erfahrung: Der Schmerz macht die meisten
Menschen nicht gro�, sondern klein.
* * * * *
Wer Dinge verspottet, an die ein guter Geschmack l�ngst nicht mehr r�hrt,
wird selbst Gegenstand des Spottes, ja der Verachtung.
* * * * *
Wenn dich die Menschen nicht absichtlich verwunden, so tun sie's gewi� aus
Ungeschicklichkeit.
1906
Das Letzte, was wir aneinander erleben, ist schlie�lich doch das
Schmerzlichste. Leide an mir, so spricht selbst noch das Liebste zu uns.
* * * * *
Wahrheit ist eine Sache des Temperamentes, darum kann man Wahrheit nicht
lehren, nur zeugen.
* * * * *
Alles, im Kleinen und Gro�en, beruht auf Weitersagen.
1907
Es ist merkw�rdig, da� ein mittelm��iger Mensch oft vollkommen recht haben
kann, -- und doch nichts damit durchsetzt.
* * * * *
Mit Jedem w�chst auch sein Herold oder sein Henker.
* * * * *
Wenn du ein Geldst�ck von Wert bist, so briefwechsle dich nicht zu oft.
* * * * *
Spannung ist alles und Entladung.
Und h�chste Lebensweisheit, seine Spannung immer richtig zu entladen.
1908
Wie sollte man wohl leben, wenn man nicht fortw�hrend bei sich wie bei den
andern hunderterlei Krumm gerade sein lie�e.
* * * * *
Jede gr�ndliche Erfahrung mu� mit eignem Leben bezahlt werden -- und
fremdem.
* * * * *
Was du andern zuf�gst, das f�gst du dir zu.
* * * * *
Es gibt in Wahrheit kein letztes Verst�ndnis ohne Liebe.
* * * * *
Das sind die zwei Blumen des Lebens: Das Schaffen und die Liebe. Und nie
wird wohl jemand ergr�nden, ob Gott sich als Welt schafft um der Liebe
willen, oder ob er liebt um des Schaffens willen.
* * * * *
Es gibt keine 'toten' Gegenst�nde. Jeder Gegenstand ist eine
Lebens�u�erung, die weiter wirkt und ihre Anspr�che geltend macht wie ein
gegenw�rtig Lebendiges.
Und je mehr Gegenst�nde du daher besitzest, desto mehr Anspr�che hast du
zu befriedigen. Nicht nur sie dienen uns, sondern auch wir m�ssen ihnen
dienen. Und wir sind oft viel mehr ihre Diener, als sie die unsern.
1909
Geben und Nehmen, ein Gesetz aller Entwickelung.
* * * * *
Der Weise verzichtet auf alles, worauf sich irgend verzichten l��t; denn
er wei�, da� jedes Ding eine Wolke von Unfrieden um sich hat.
* * * * *
Die H�lfte allen Ungl�cks -- vom gr�bsten bis zum feinsten -- geht auf
Unwissenheit oder Denkfehler zur�ck, gewollte und ungewollte
Ungeistigkeit.
* * * * *
Lesen-K�nnen, -- darauf l�uft schlie�lich alles hinaus.
* * * * *
�berall dem Selbstverst�ndlichen zum Wort verhelfen -- das ist ein gro�es
Geheimnis.
* * * * *
Jeder mu� sich selbst austrinken wie einen Kelch.
1910
Nur durch Schaden werden wir klug -- Leitmotiv der ganzen Evolution. Erst
durch unz�hlige, bis ins Unendliche wiederholte leidvolle Erfahrungen
lernt sich das Individuum zum Meister �ber sein Leben empor. Alles ist
Schule.
* * * * *
Eine Wahrheit kann erst wirken, wenn der Empf�nger f�r sie reif ist. Nicht
an der Wahrheit liegt es daher, wenn die Menschen noch so voller
Unweisheit sind.
* * * * *
Es geh�rt mit zum Seltsamsten, was es gibt: Das pure, lautere Gold liegt
vor uns, um uns. Aber wir leben mit Blei, Kupfer, Zinn; von Minderem zu
schweigen. Wir haben die Wahrheit wie die Sonne �ber uns und folgen
Schatten und Gespenstern.
* * * * *
Es gibt f�r Unz�hlige nur Ein Heilmittel -- die Katastrophe.
1911
Von Hundert, die von 'Menge', von 'Herde' reden, geh�ren neunundneunzig
selbst dazu.
* * * * *
Vorsicht und Mi�trauen sind gute Dinge, nur sind auch ihnen gegen�ber
Vorsicht und Mi�trauen n�tig. Der gesch�ftige Clown im Zirkus, der den
Teppich 'mit aufrollen hilft' -- ein Bild, das einem tausendfach aus dem
Leben wiederkommt.
1912
Das von selbst Verst�ndliche wird gemeinhin am gr�ndlichsten vergessen und
am seltensten getan.
1913
In vielen F�llen w�re der gerade Weg der k�rzeste -- zum Verderben.
* * * * *
Was w�re wohl aus der Welt geworden, wenn alle zum Mitschaffen
Aufgerufenen immer gleich 'schnurstracks' auf ihr Ziel losgegangen w�ren.
Alle Weisheit ist langsam, alles Schaffen ist umst�ndlich.
* * * * *
Lachen und L�cheln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in den
Menschen hineinhuschen kann.
1914
Nur in Versuchungen immer wieder fallend, erheben wir uns.
ERZIEHUNG SELBSTERZIEHUNG
1895
Jeder J�ngling mag von sich denken, er sei der Messias, aber er mu� nicht
Messias sagen, sondern nur Messias tun.
1896
Man m��te sein Ich nicht immer mit sich identifizieren, sondern wie eine
Mutter ihr Kind behandeln.
* * * * *
Fa� das Leben immer als Kunstwerk.
* * * * *
Umschnalle dein Herz mit Schweigen.
1905
Wir _brauchen_ nicht so fort zu leben, wie wir gestern gelebt haben. Macht
Euch nur von dieser Anschauung los und tausend M�glichkeiten laden uns zu
neuem Leben ein.
* * * * *
Wenn man zum Leben ja sagt und das Leben selber sagt zu einem nein, so mu�
man auch zu diesem Nein ja sagen.
* * * * *
Man kann nur als Totschl�ger leben.
* * * * *
H�her als alles Vielwissen stelle ich die stete Selbstkontrolle, die
absolute Skepsis gegen sich selbst.
* * * * *
Jeden Tag seines Lebens eine feine, kleine Bemerkung einfangen -- w�re
schon genug f�r ein Leben.
1906
Nur im Flu� bleiben, nur nicht zur Spinne eines Gedankens werden.
* * * * *
Sei mit dir nie zufrieden, au�er etwa episodisch, so da� deine
Zufriedenheit nur dazu dient, dich zu neuer Unzufriedenheit zu st�rken.
* * * * *
Ich schreibe der Gegenwart sch�n gebildeter Gegenst�nde einen gro�en
Einflu� auf den Menschen zu. So sollten wir die M�bel unserer Kinderzimmer
mit au�erordentlicher Sorgfalt ausw�hlen. Irgend ein sch�ner, schlichter,
ehrw�rdiger Schrank, auf den der Blick unsres Kindes von seinem Lager aus
f�llt, ja kunstvolle Modelle bedeutender Bauwerke, z.B. eine kleine
Nachbildung der Peterskuppel, eines griechischen Tempels, einer modernen
Eisenbr�cke w�rden ihm zweifellos eine Ahnung von gro�em Stil geben, die
es sein ganzes Leben hindurch nachsp�ren und weiterentwickeln w�rde.
1907
Ich lese von einer Spielzeugausstellung in Berlin. Und zwar einer
Ausstellung von Dilettanten verfertigter Dinge, als da sind D�rfer aus
Streichholzschachteln, rollendes Material aus Garnspulen, ein Haus aus
einer Eierkiste und Zigarrenbrettchen usw. Mir lacht das Herz. Seit
manchem Jahre schm�he ich das luxuri�se moderne Spielzeug, diese echte
Aus- und Nachgeburt einer materialistischen Periode, -- und nun erhebt
endlich wieder das Spielzeug unserer Kindheit das bescheidene und
phantasievolle K�pfchen. Man sieht den Geist wieder bei der Arbeit, nach
und unter so viel �dem Bildungsphilistertum wieder den Geist und die
Liebe.
* * * * *
Alle Erziehung, ja alle geistige Beeinflussung beruht vornehmlich auf
Best�rken und Schw�chen. Man kann niemanden zu etwas bringen, der nicht
schon dunkel auf dem Wege dahin ist, und niemanden von etwas abbringen,
der nicht schon geneigt ist, sich ihm zu entfremden. Der bedeutende Mensch
ist ein Mensch, an dem viele andre sich klar werden. Er greift in ihr
Unbewu�tes und Unterbewu�tes und st�rkt dort das ihm Verwandte. Wenn
Lichtenberg von seinem Aberglauben redet, so schw�cht er damit die
Mannhaftigkeit vieler; denn ihre heimliche Neigung zum Unkontrollierbaren
f�hlt sich durch einen solchen Mann ein wenig gerechtfertigt, die strenge
Zucht scheint ein wenig im Werte sinken zu d�rfen. Wenn er aber von einem
gel�uterten Spinozismus als der Religion der Zukunft spricht, wie f�llt da
sein Wort bei manchem wie ein Fr�hlingsregen auf Saatfelder. Wie st�rkt er
da unser Feinstes, Tiefstes, Geistigstes.
* * * * *
Es gibt keinen strengeren Erzieher als den Ehrgeiz. Wobei freilich au�er
Betracht bleibt: wozu?
* * * * *
Wer m�chte die Furcht in seiner Erziehung entbehren?
* * * * *
Jeder mu� seinen Mann haben, der ihm �ber die Schulter sieht, und dieser
wieder seinen und so fort. Das ist nur gut und billig; so allein kommt der
Mensch vorw�rts.
* * * * *
Wir freien Geister von heute sind nicht mehr der Gefahr ausgesetzt,
gekreuzigt oder verbrannt zu werden. Um so mehr will es der Anstand und
die Solidarit�t, aufs neue Gefahren zu suchen und zu schaffen, und sollten
es die der Selbstkreuzigung, der Selbstverbrennung sein.
* * * * *
�bung ist alles, und insofern ist Genie Charakter.
* * * * *
Sieh dir ein gut beschicktes Trabrennen an. Und du wirst merken, worauf's
ankommt, auch bei dir.
* * * * *
Zu einem andern Ende kommen wir nicht als zu dem: im Begonnenen
unerm�dlich weiter zu arbeiten, aber nicht in Verzweiflung und
Selbstbet�ubung, sondern indem wir jede Sekunde dieser Arbeit immer mehr
durchseelen, immer innerlicher bejahen, immer entschiedener vergeistigen.
Was denn schlie�lich auch unserer H�nde Werk sich wunderlich wandeln
machen wird, so da�, wenn einer etwa im Kriegshandwerk begann, er, wer
wei�, als Kolonisator endet, oder als Kriegsmann irgend einer andern
h�heren Kriegsidee, als es die der bisherigen Kriege war.
* * * * *
Wenn wir bedenken, wieviel hunderttausend Jahre wir wohl alt sein m�gen,
werden wir geduldiger gegen das Tempo unserer heutigen Entwickelung
werden. Die von uns heute so ungest�m begehrte edlere Zukunft unseres
Geschlechtes wird sich vielleicht schon noch einmal verwirklichen, aber
statt in Jahrhunderten erst in Jahrtausenden. Das ist freilich kein Trost
f�r den Lebenden; aber der Lebende hat einen andern Trost: da� ihm f�r
seine Person schon heute die M�glichkeit gegeben ist, sich selbst so edel
zu verwirklichen, wie er nur kann. Die Insichvollendung des Menschen ist
jederzeit und �berall m�glich; zuletzt bleibt doch diese Erkenntnis und
was sie fruchtet, der einzige wahre Fortschritt.
* * * * *
A. Zuk�nftige Ideale ziehen den Menschen davon ab, sich selbst als sein
einziges Ideal, im ethischen Sinne, zu setzen. In dem Moment, wo jeder bei
sich anfinge, w�re die sch�nste Zukunft vorweggenommen.
B. Ich will dir etwas sagen, Lieber: statt so zu theoretisieren, fange
doch gleich bei dir selbst an. Auch dein Reden ist n�mlich nur ein Umgehen
deiner Pflicht. Bilde, K�nstler, rede nicht.
* * * * *
Sich immer am Leben korrigieren.
* * * * *
Es ist hart, aber es gibt nur einen Weg, als K�mpfer f�r das Echte zuletzt
den Erfolg an sich zu fesseln: So lange zu schweigen, Geduld zu haben,
Menschen und Dinge gehen zu lassen, bis man durch die Treue gegen sich
selbst und die �u�eren Umst�nde eines Tages ein Faktor geworden ist, mit
dem gerechnet werden mu�. Dann endlich mag man dem Zorn und der Liebe in
sich nachgeben, wann und wo es auch sei. Dann erst hat es, sie r�ckhaltlos
zu �u�ern, Sinn und Wert: F�r einen selbst, f�r den Getroffenen, f�r den
Verteidigten, f�r alle andern.
* * * * *
Man soll auch seine Liebe und Leidenschaft noch mit k�hlen Blicken unter
sich sehen lernen. Man sei stolz darauf, wenn man die Welt nicht mit jener
br�nstigen Liebe mancher Mystiker liebt, die nichts ist als versetzte
Erotik. Man gebe dem Weibe, was des Weibes, und Gott, was Gottes ist.
1908
Von sich zur�ckzutreten wie ein Maler von seinem Bilde -- wer das
verm�chte!
* * * * *
Jeder von uns hat etwas Unbehauenes, Unerl�stes in sich, daran
unaufh�rlich zu arbeiten seine heimlichste Lebensaufgabe bleibt.
* * * * *
Darin kann man Tolstoi unbedingt Recht geben: Was man Taugliches wird,
wird man in der Regel trotz der Schule, nicht durch die Schule.
* * * * *
Gute Erziehung -- ein zweischneidig Schwert. Mancher wird nie ein
wirklicher Mensch, ein Mensch von _Umfang_, infolge seiner guten
Erziehung.
* * * * *
Suche allem nach M�glichkeit eine Folge zu geben. Nichts macht das Leben
�rmer als vieles anfangen und nichts vollenden.
Aber ebenso gewi� ist, da� wenn auch kein Schu� ins Schwarze trifft,
unz�hlige es wie ein Sternenhimmel umschreiben.
1909
Es ist der Schritt, der erobert. 'En marche' -- ist eines der sch�nsten
Worte der Welt.
* * * * *
Siehe eine Sanduhr: Da l��t sich nichts durch R�tteln und Sch�tteln
erreichen, du mu�t geduldig warten, bis der Sand, K�rnlein um K�rnlein,
aus dem einen Trichter in den andern gelaufen ist.
* * * * *
Was habe ich immer vor mir? Meine H�nde. Darum m�chte ich eine 'Erziehung
zum Nachdenken' geschrieben sehen unter Zugrundelegung der Anschauung der
Menschenhand.
1910
Die beste Erziehungsmethode f�r ein Kind ist, ihm eine gute Mutter zu
verschaffen.
* * * * *
Die kleinen Schw�chen legt man am schwersten ab, so wie man der Moskitos
weit schwerer Herr wird als des Skorpions oder der Schlange. Und so ist es
recht eigentlich das Kleine, was den Fortschritt der Menschheit aufh�lt:
Gedankenlosigkeit, Unaufmerksamkeit, Tr�gheit, Lauheit.
1911
Man m�chte sich wie Bruder Bernardo auf irgend einem Marktplatz dem
Gesp�tt der Welt aussetzen, um gleich ihm ein jegliches um Christi Liebe
willen geduldig und heiter zu ertragen -- und leidet vielleicht schon
darunter, wenn die Schaffnerin, die das Zimmer aufr�umt, vergi�t, guten
Morgen zu w�nschen, oder wenn der T�rh�ter des Hauses schlecht geschlafen
hat.
* * * * *
Du sollst nicht zu sein begehren, was du nicht bist, sondern nur einfach
etwas von deiner Pflicht zu tun versuchen, Tag um Tag.
Denn es ist viel schwerer, einen Tag in wahrhafter Aufmerksamkeit und
Wachsamkeit von Anfang bis Ende zu verleben, als ein Jahr in gro�en
Absichten und hochfliegenden Pl�nen.
* * * * *
Jedem Menschen sein Recht lassen und wenn es uns noch so sehr als Unrecht
erscheint. Den Kampf gegen dies sein Unrecht deshalb nicht aufgeben, aber
ihn nicht au�er sich f�hren, gegen jenen, sondern in sich, gegen sich,
gegen das in sich, was, wenn auch noch so verborgen, jenem Unrecht
entspricht. Oder k�nnten wir leugnen, da� wir innerlich an allem noch
irgendwie teilhaben, was an B�sem au�er uns geschieht? Da� in uns von dem
z.B., was Millionen in Kriegsbegeisterung versetzt und zu
unverantwortlichen Handlungen verf�hrt, noch genug lebt, um unsere ganze
Wachsamkeit und Tapferkeit gegen uns selbst aufzurufen, und sei es nur ein
gewisses Sichfreuen bei dem 'Sieg' des schw�cheren Gegners oder eine
'gerechte Emp�rung' �ber dies und das, was das blutige Handwerk nach sich
zieht? Wir m�chten allzugern wahrhaben, es sei menschlich sch�ner, mit dem
Schw�cheren sich zu freuen, als die gleichm��ige Trauer �ber Siegende wie
Besiegte eine Quelle neuer Gel�bnisse vermehrter Anstrengung in uns selber
werden zu lassen; es sei nicht leichter, emp�rt �ber Grausamkeiten zu
sein, als die Blitze der Entr�stung auf und in uns selbst abzuleiten, auf
das Triebwesen, dessen feinere Wildheiten auch in uns noch nicht v�llig
geb�ndigt, noch nicht genug in rein dem vergeistigten Ich dienenden
Kr�ften leben.
* * * * *
A. Sie sollten gerade da, wo Sie besondere Antipathie empfinden, doppelt
streng gegen sich selbst vorgehen, nicht aber Ihrer Antipathie nachlaufen,
wie der Student seiner Flamme.
B. Wie? Ich sollte mich auf meine Instinkte nicht mehr verlassen d�rfen?
A. Ja und nein. Schauen Sie Ihren Instinkten zu wie Ihren Hunden, mit
denen Sie �ber Land gehen. Aber behalten Sie sich stets vor, sie
zur�ckzupfeifen, und pfeifen Sie gelegentlich auch einmal ohne Grund,
einfach weil Sie der Herr sind und die Instinkte Ihre Diener.
* * * * *
'Da� du dann niemals mehr Wein anr�hrtest!' rief ein Knabe seinem Vater
zu, der mit ihm die Wendeltreppe eines Turms emporstieg. 'Welche
Selbst�berwindung! Welche -- Entsagung!'
Der Vater nickte l�chelnd und wies dem Sohne die Aussicht, die das eben
erreichte Treppenfenster erlaubte. Nachdem sie diese eine Weile bewundernd
genossen, stiegen sie weiter und gelangten zum n�chsten. Welche Entsagung!
rief da der Vater verstellt. Hier haben wir nicht mehr den Blick von
vorhin. Wie sch�n war es, auf all die nahen D�cher hinabzuschaun; da
st�rte noch keine Landschaft wie jetzt ...
'-- St�rte?' fragte der Sohn --
... und sind wir erst droben, so werden wir auch diesem Rundbild entsagen
m�ssen; denn droben, du wei�t ja, schaut man bei hellen Tagen das Meer ...
Des Jungen Augen leuchteten auf und dann, der Schelmerei gewahr, ma�en sie
lange und nachdenklich den Sprecher ... bis -- hoch, ein Silberstreif --
das Meer am Horizont erschien und sie mit Tr�nen f�llte. (Denn wie liebte
schon dieser Knabe das Meer!)
* * * * *
Sich bewu�t ausweiten. Von Gegensatz zu Gegensatz gehen. Vom Ersten bis
zum Letzten und umgekehrt. Keinen und nichts vergessen, �bersehen, gering
achten.
* * * * *
Wir sind allzumal tr�ge; daraus entspringen die meisten �bel. In jedem
schl�gt das Gewissen und regt sich das Wissen, wie es im Kleinen und
Gro�en sein m��te und wie es nicht ist. Aber die Faulheit, die
Verge�lichkeit, die Gewohnheit lassen es nicht dazu kommen, da� wir aus
Gedanken zu Taten hervorschreiten. Wir kennen manches gro�e innerliche
Mittel, aber man sollte auch kleinere, mehr �u�erliche schaffen. Alle, die
gut sein m�chten, aber es nicht so sein k�nnen, wie sie m�chten, weil sie
sich zu schwach dazu f�hlen, sollten sich zusammentun und eine
Hilfsbr�derschaft �ber sich setzen, die ihr lebendiges Gewissen darstellt.
Eine Gruppe, der sie selbst das Recht einr�umten, ja die Pflicht
auferlegten, sie immer wieder wachzur�tteln und mit dem problematischen
Willensmaterial, das in ihnen ist, zu arbeiten -- so wie ein treuer
Diener, der uns zum Sonnenaufgang aus dem Bett r�ttelt, so wie ein Staat,
der mit unseren Steuern 'arbeitet'. Eine Brockensammlung guter
Willensregungen, sozusagen, das g�lte es f�r diese Gruppe Tag f�r Tag. Des
Menschen Wesen ist Schw�che; kann er nicht allein in die H�he wachsen, so
soll er sich an Stangen und Spaliere binden oder binden lassen. Ehre
jedem, der statt auf dem Stroh zu verk�mmern, zur Kr�cke greift, Ehre
jedem tapferen Invaliden.
* * * * *
Ein Hauptzug aller P�dagogik: Unbemerkt f�hren. Viele Menschen sind
durchaus f�hig und gewillt, der Wahrheit zu folgen, aber sie darf ihnen
nicht geradezu gesagt, vor Augen ger�ckt werden. Sie verlieren in diesem
letzteren Falle jede Freude an der Wahrheit; denn ihre Eigenliebe ist noch
st�rker als ihre Liebe zum Geiste, als ihr Geist, und so gef�llt ihnen
nur, wer und was sie -- schont.
Und dann ist da noch etwas: Sie wollen mit Recht ihren Wahrheitsbesitz
erarbeiten.
1912
�be dich an dem Worte: Mit der einen Hand wird gegeben, mit der anderen
genommen. Alle Erziehung verl�uft unter diesem Pendelgesetz. Alles
Erzogensein besteht in der endlich errungenen inneren Ruhe dem einen wie
dem andern Schicksal gegen�ber und einer Liebe und einem Vertrauen, die
h�her sind als alle Vernunft zwischen Geburt und Tod.
* * * * *
Wer am Menschen nicht scheitern will, trage den unersch�tterlichen
Entschlu� des Durch-ihn-lernen-Wollens wie einen Schild vor sich her.
* * * * *
Wie mancher hat es schon ausgesprochen, da� Heldentum ebenso leichter sein
kann als langsame, geduldige, unauff�llige Selbsterziehung, wie eine Tat
leichter sein kann als eine Handlung, ein Gef�hl leichter als ein
Empfinden.
* * * * *
Habe die Gabe der Unbestechlichkeit. So sehr auch Liebe f�r dich Partei
ergreifen mag: dein Sein gilt, nicht dein Schein.
1913
Sieh an, wie ein Zweirad in Bewegung und Fahrt gesetzt wird. Wenn du
deinen Willen so in Bewegung und Fahrt zu setzen vermagst, so wirst du
nach einigen Schwankungen wie ein Meister im Sattel sitzen.
PSYCHOLOGISCHES
1891
Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man
verstanden wird.
1892
Ich halte es nicht f�r das gr��te Gl�ck, einen Menschen ganz entr�tselt zu
haben, ein gr��eres noch ist, bei dem, den wir lieben, immer neue Tiefen
zu entdecken, die uns immer mehr die Unergr�ndlichkeit seiner Natur nach
ihrer g�ttlichen Seite hin offenbaren.
1895
Glocken um Neujahr: wie der gewaltige Herzschlag einer starken
unbesiegbaren Lebenshoffnung.
* * * * *
Unten am Fenster ging Meta vor�ber. Mein Herz klopfte h�rbar. Es klopfte
so heftig, da� ich unwillk�rlich "Herein!" sagte. Und das Tor meiner
Traumwelt tat sich ein ganz klein wenig auf und herein schl�pfte: die
Liebe.
1896
Es ist eine Kunst f�r sich, einen Brief zur rechten Zeit ankommen zu
lassen. Man vergi�t ihrer gew�hnlich. Und doch -- wie oft ein intimes,
beschauliches Gespr�ch am Morgen keine H�rer an uns f�nde, so mutet uns
ein Brief morgens und abends anders an.
* * * * *
Einer der seltsamsten Zust�nde ist das dunkle und unvollkommene
Bewu�tsein, das wir von der Form und dem Ausdruck unsres eigenen Gesichtes
haben. So wird mir oft von diesem und jenem Gesichtsausdruck erz�hlt,
hinter dem sich jedoch durchaus nicht das verbirgt, was man aus ihm
schlie�en zu sollen glaubt.
* * * * *
Es ist ein furchtbarer Gedanke: ich halte die Hand vors Auge und das ganze
Zimmer liegt im Dunkel usw.
* * * * *
Das ist ein �u�erst merkw�rdiges Gef�hl, wenn man sich fr�hmorgens Gesicht
und Kopf abreibt und sich dabei vorstellt: nun hast du deine Gedanken mit
gewaschen und abgetrocknet.
* * * * *
An den Glockenstr�ngen der Stimmungen.
1897
Es ist sch�n, zu denken, da� so viele Menschen heilig sind in den Augen
derer, die sie lieben.
* * * * *
Es gibt kaum eine gr��ere Entt�uschung, als wenn du mit einer recht gro�en
Freude im Herzen zu gleichg�ltigen Menschen kommst.
* * * * *
Ein Weib ohne Bescheidenheit ist dem Manne das Greuel aller Greuel.
* * * * *
Da� der moderne Mensch nicht schreien soll, ist eine seiner qualvollsten
und verderblichsten Forderungen an sich selbst.
* * * * *
Der Mann mit Luftballons: Ideale! Kauft Ideale!
* * * * *
Je mehr Bewegung man in seinem Geiste auffa�t, je gl�cklicher ist man.
�berall die Bewegung aufzeigen, das schafft das meiste Gl�ck.
1904
Bild:
Erinnerungen, in den Abgrund des Vergessens fliehend (gleitend, fliegend).
Die am n�chsten schwebenden Gestalten sind schon fast in Nebel zerflossen.
* * * * *
Von der Prahlsucht der Kinder: Wille zur Macht �berall versteckt.
* * * * *
Ich definiere den Humor als die Betrachtungsweise des Endlichen vom
Standpunkte des Unendlichen aus. Oder: Humor ist das Bewu�twerden des
Gegensatzes zwischen Ding an sich und Erscheinung und die hieraus
entspringende souver�ne Weltbetrachtung, welche die gesamte
Erscheinungswelt vom Gr��ten bis zum Kleinsten mit gleichem Mitgef�hl
umschlie�t, ohne ihr jedoch einen anderen als relativen Gehalt und Wert
zugestehen zu k�nnen.
* * * * *
Tragikom�die:
Ein Mensch, der seine Gr�nde, mit denen er bejaht oder verneint, nicht
mehr ernst nimmt, sondern unter sie hinab in sein triebhaftes Wesen
taucht.
1905
Es ist das Vorrecht junger M�dchen, von Zeit zu Zeit aufzuschreien.
* * * * *
Der Mann hat sein Ziel und das Weib hat seinen Sinn.
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Zur Ehe: Ein Ballon captif kann den Himmel nicht erfliegen.
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Es gibt Menschen, die sich immer angegriffen w�hnen, wenn jemand eine
Meinung ausspricht.
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�ber den Wassern deiner Seele schwebt unaufh�rlich ein dunkler Vogel:
Unruhe.
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Es gibt keine Seele, die nicht ihr Wattenmeer h�tte, in dem zu Zeiten der
Ebbe jedermann spazierengehen kann.
* * * * *
Mir macht es oft M�he, deine Gedanken zu denken, aber du wirst niemals
meine Empfindungen haben.
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Manchmal wird mir die ganze Psychologie verd�chtig, wenn ich bemerke, da�
auf eine richtige Kombination schon bei den allt�glichsten Dingen so und
so viele falsche kommen. Ja, wenn ein Mensch im Prinzip so denken und
empfinden m��te, wie die andern!
* * * * *
Das schwer �bersichtliche, das nicht recht Durchdringliche -- damit lockt
uns das Leben selbst immer weiter und damit lockt auch der platteste
Betr�ger noch -- und gewinnt.
* * * * *
Das Geheimnisvolle ist schlechtweg der sicherste Reiz an den Dingen. Zum
Beispiel ein altes Haus, eine Landschaft, die mehr noch verbirgt als
zeigt. Ibsen hat darum von jeher gewu�t. (Vielleicht zu sehr _gewu�t_.) Es
ist eine Art D�mmerluft um die Dinge. Wie mystisch wirken z.B. nachts die
H�user einer Stadt. Solch ein Haus mag noch so h��lich sein, nachts wirkt
es mit dem ganzen Zauber eines unbegreiflichen Beh�ltnisses
unbegreiflicher Wesen, die namenlos und unerkl�rlich geworden sind, wie es
selbst.
* * * * *
Warum f�hlen wir uns so zum Romanischen als dem wesentlich Formalen
hingezogen? Weil wir selbst vielleicht nur zu f�hig sind zu zerflie�en,
uns metaphysisch zu interpretieren, uns mystisch zu entindividualisieren
und zu 'verg�ttlichen' und daf�r das einzub��en, was starke V�lker und
Zeitalter unter einer gro�en, starken Erdenpers�nlichkeit verstanden
haben.
* * * * *
Der gesunde Mensch ist sch�n und sein Zustandekommen erstrebenswert. Aber
es mu� ein bi�chen irgendwelcher Krankheit in ihn kommen, da� er auch
geistig sch�n werde.
* * * * *
M�glichst viel Gl�ck sagt man. Aber wie, wenn die h�chste Gl�cksempfindung
einen Menschen voraussetzte, der auch Allertiefstes _gelitten_ haben mu�?
Wenn Gl�cksgef�hl �berhaupt erst m�glich w�re in einem durch Lust und
Unlust gereiften Herzen? Wer m�glichst viel Gl�cksm�glichkeiten fordert,
mu� auch m�glichst viel Ungl�ck fordern oder er negiert ihre
Grundbedingungen.
1906
Blicke um dich ins Leben, zergliedere die Schicksale jedes einzelnen
derer, die du kennst und frage dich, ob es etwas andres als eine fast
unerkl�rliche Illusion ist, die alle diese Menschen das Leben als
lebenswert empfinden und preisen l��t. Ob das gro�e Gl�ck eine andere
Rolle spielt als die eines zeitweisen Wetterleuchtens, ob nicht vielmehr
die Gewohnheit und das kleine, das ganz minimal dosierte Gl�ck es ist, was
dem Menschen das wahre Gesicht seiner Tage verschleiert.
* * * * *
Ich frage mich oft, welches der w�nschenswertere Typus von beiden ist: der
mehr geistige Mensch, f�r den es nichts Absto�enderes gibt, als das
Uninteressante, oder der mehr gem�tliche, f�r den es schlechtweg nur
Anziehendes und Absto�endes gibt.
* * * * *
Das ist das �rgste, was einem Menschen geschehen kann, aus einem
Flie�enden ein Starrer (ja auch nur ein Stockender) zu werden. Das erkennt
mancher und n�hrt Friedlosigkeit in sich oder unaufh�rlichen Zweifel (so
tat ich es), oder er ergibt sich einem Streben nach fast Unm�glichem,
Ungeheurem. Manche aber �berlassen sich ihrer nat�rlichen Liebe zu Welt
und Mensch und damit geraten sie denn bald in die Str�mung unendlichen
Lebens, werden hineingerissen in den ewigen Zusammenhang aller Dinge, in
dem es keinen Stillstand gibt.
* * * * *
Es ist das Ungl�ck, da� W�rde und Feinheit von Gedanken oft von den
Raumverh�ltnissen eines Zimmers, einer begl�ckenden Fensteraussicht, einem
gewissen Ma� von Licht und Farbe abh�ngig sind, so da� einer, der sein
Leben lang in einer Art von l�nglichen Schachteln gehaust hat und eines
Tages ein edel proportioniertes Gemach betritt, sich zu glauben geneigt
findet, wieviel er vielleicht allein durch den Charakter seiner Wohnr�ume
geistig verloren haben k�nnte.
* * * * *
Das, was allem Rauchen solchen Reiz verleiht, ist, da� sich der Raucher,
wo auch immer, mit einer vertrauten Atmosph�re umgeben kann, einer mehr
oder minder verkl�rten Zone, innerhalb der er ein bescheidenes Gef�hl von
Heimat empfinden darf mit all dem unw�gbaren sinnlichen Wohlbehagen, womit
uns das oft wiederholte Gleiche beschenkt, indem es wie unser Bett, unser
Sessel, unsere Lampe eine gewisse Kontinuit�t der Stimmung bef�rdert, ja
wie in einem immer wieder gewobenen Schleier Gelebtes f�r uns bewahrt,
Werdendes treulich hinzunimmt.
* * * * *
Die Wirtsstube ist die Palette, auf der sich die Farben des Individuums
mischen und verm�hlen. Daher ihr gro�er Reiz f�r den Teilnehmer wie f�r
den Betrachter.
* * * * *
Es ist ein wahres Gl�ck, da� der liebe Gott die Fliegen nicht so gro� wie
die Elefanten gemacht hat, sonst w�rde uns, sie zu t�ten, viel mehr M�he
machen und auch weit mehr Gewissensbisse.
* * * * *
Ob Geister, sofern es solche gibt, auch B�cher lesen? Ich meine, ob sie,
wie sie vielleicht in unserm Zimmer mit uns wohnen, auch dann und wann, in
stillen Wintern�chten etwa, wenn sie es m�de geworden sind, den massigen
Menschenschl�fer zu betrachten und zu belauschen, sich in die Werke
vertiefen, die auf unserm Tische liegen? Vielleicht verstehen sie das
Geheimnis, sie bei geschlossenem Deckel, ohne auch nur ein einziges Blatt
umzuwenden, von Anfang bis Ende zu lesen. Wie ich darauf komme? Durch
einen kleinen Druckfehler, in einem Werke, in dem ich gerade studiere. Ich
zaudere, ihn zu verbessern, -- es ist nichts weiter, als da� in dem
Bindewort 'da�' das s nicht verdoppelt ist; aber ich tue es endlich doch:
Denn, wenn es nun doch Geister g�be, -- m��ten sie nicht ungl�cklich �ber
diesen Fehler werden, den sie selbst nicht verbessern k�nnen und aus
dessen Stehengebliebensein sie schlie�en m�ssen, da� ihr Freund ihrer
nicht gedacht hat?
* * * * *
Es ist bekannt, wie viele verlorene Nadeln sich t�glich auf Weg und Steg
finden lassen. Im �u�ersten Gegensatz hierzu w�rde, gesetzt auch geistige
Dinge k�nnten in solcher Weise verloren gehen, t�glich wohl kaum Ein Paar
Scheuklappen gefunden werden.
* * * * *
Tiefstes Problem des modernen -- also wesentlich h��lichen, irgendwie
verbogenen, schlecht weggekommenen -- Menschen: Wie kann Sch�nes aus
Unsch�nem kommen? Wie Vollkommenheit aus Unvollkommenem? -- Alles ist
Ausdruck. Kein Mensch kann Sch�neres, Vollkommeneres geben, als er selbst
ist. Unser ganzes geistiges Leben ist kein Weg von uns anders wohin,
sondern einfach wir selbst.
* * * * *
Es gibt nichts Degoutableres, als fortw�hrend von sich als Person zu reden
(au�er zu bestimmten Zwecken), oder �ber sich reden h�ren zu m�ssen. Daher
ist es so kl�glich, krank zu sein; ein Zustand, in dem dieses Reden und
Beredetwerden fast unvermeidlich ist.
* * * * *
Wenn dich jemand 'vollkommen versteht', sei gewi�, da� dich niemand
vollkommener mi�versteht.
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Einander kennen lernen, hei�t lernen, wie fremd man einander ist.
* * * * *
Ja -- nein: geistiges Strickziehen.
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Es ist gut, da� wir Spiegel haben. Da� wir f�r gew�hnlich unsere eigene
Miene nicht sehen, ist eines der unheimlichsten Dinge, die es gibt.
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Wir spielen unsere Gedanken gegeneinander aus, in Wirklichkeit unsere
Temperamente.
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Alles Sagen ist ein dem andern in sich Sagen, und der sagt's.
* * * * *
Wenn wir die Macht und Unbedingtheit einer Liebesleidenschaft begreifen
wollen, so brauchen wir nur zu bedenken, da� sich in den beiden Menschen,
die sich lieben, zugleich der dionysische Rausch zweier riesenhafter
Zellenv�lker manifestiert -- so, als ob Ru�land aus lauter M�nnern und
Westeuropa aus lauter Weibern best�nde und eines Tages will das zusammen
in orgiastischer Hingerissenheit.
* * * * *
Eine wenn auch noch so leichte Sentimentalit�t geh�rt unstreitig zum
Charme jeder Frau. Sie ist die Verb�rgerin jener Augenblicke, wo wir ihr
ganz Schutz, ganz Ruhe, ganz Meer sein d�rfen.
* * * * *
Man verliebt sich oft nur in einen Zustand des andern, in seine Heiterkeit
oder in seine Schwermut. Schwindet dieser Zustand dann, so ist damit auch
der feine besondere Reiz jenes Menschen geschwunden. Daher die vielen
Entt�uschungen.
* * * * *
Die meisten Menschen verdunsten einem, wie ein Wassertropfen in der
flachen Hand.
* * * * *
Wir sind alle hart und �u�erlich zueinander, auch wenn wir noch so sehr
aufeinander einzugehen trachten; aber wenn wir getrennt in unsern Zimmern
liegen und nachts der Regen herniederflie�t, dann suchen wir uns im Geiste
mit z�rtlicher, bereuender Teilnahme, dann dr�ngen wir uns aneinander wie
unwissende und zusammenschauernde Preisgegebne auf dunklem Meer, dann
liebkosen und tr�sten sich unsere Seelen, die der erk�ltende Tag wieder
verstocken und verh�rten wird, dann lieben wir wirklich einander mit einer
tiefen, schwerm�tigen, unbezwinglichen Liebe.
* * * * *
Es ist schauerlich an Toren zu r�tteln, die verschlossen sind; noch
schauerlicher aber, wenn sie nur aus d�nnem Seelenstoff, ja, wenn sie nur
aus den k�hlen, harten Blicken einer Seele bestehen, die dich nicht in
sich eindringen lassen will.
* * * * *
Wir sind alle Besessene, man mu� das Wort nur w�rtlich genug verstehen.
Aber zugleich k�nnen wir auch Mehrer dieses uralten Besitzstandes sein,
den wir 'unsern Geist' nennen, zugleich auch Besitzergreifende.
* * * * *
Die Forderung m�glichster Klarheit in allen Dingen, die wir andern
gegen�ber so gern geltend machen, entspringt vornehmlich dem Unbehagen,
das uns alles nicht v�llig Verstandene als etwas von uns nicht
v�llig Beherrschtes einfl��t. Es ist der ewige Kummer der
Durchschnittsintelligenz, da� es auch au�erhalb ihres Begriffsverm�gens
noch Geistigkeit gibt.
* * * * *
Eine schwache Pers�nlichkeit wird manchmal eine st�rkere Pers�nlichkeit
werden k�nnen als eine starke Pers�nlichkeit.
* * * * *
Glaubt ihr, ein Asket wolle weniger herrschen als ein Weltmann?
* * * * *
Der Geist legt den Charakter des Menschen auseinander in seine Teile, aber
diese Teile gibt es in Wirklichkeit nicht.
* * * * *
Die Ruhe vor dem Tode, das Entsetzen vor dem Tode -- wie erkl�rlich von
der Seele, die ihre -- zum mindesten n�chste -- Zukunft voraussieht.
1907
Wie die Gefahr des Tauchers der Tintenfisch, so des Gr�blers die
Melancholie.
* * * * *
'Totentanz' ist gar kein Thema. Man sollte zeichnen und malen, wie das
Weib den Mann in den gro�en Mischmasch hineinzieht. Unten sollte man die
breite Bettelsuppe des heutigen Lebens hinmalen, und in diese Suppe
hineinf�hrend eine unabsehbare Kette von Weib und Mann, immer das Weib
voraus, mit tausend Geb�rden, von der unschuldigsten bis zur
lasterhaftesten. Die M�nner, auf die es ankommt, wollen schaffen, sie
wollen die Welt vorw�rtsbewegen; das Weib aber will vor allem wohnen. Ihm
gen�gt das Gegenw�rtige vollkommen, und es glaubt sich v�llig
gerechtfertigt, wenn es der Zukunft in Form von Kindern dient. Es ist die,
trotz der bekannten Unbilden bequemste Art, den Fortschritt der Menschheit
zu f�rdern: man stellt ein Kind, das hei�t man beschr�nkt sich darauf, die
Aufgabe weiterzugeben, einen Dritten vorzuschieben. Solange die Frauen das
nicht begriffen haben, n�mlich, da� es neben ihrem �blichen h�uslichen
Ideal auch noch andere gr��ere Kulturideale geben k�nnte, wird die
Menschheit nicht entscheidend vorw�rts r�cken. Und deshalb liebe ich die
Russen und Skandinavier so sehr, denn dort findet man heute noch am ersten
Frauen, die nicht nur Sinn f�r sich, sondern auch Sinn f�r den Mann haben,
die ihn wirklich wie Kameraden unterst�tzen, und nicht nur als gesetzliche
Konkubinen zum obersten Haussklaven machen wollen.
* * * * *
Den seelischen Wert einer Frau erkennst du daran, wie sie zu altern
versteht und wie sie sich im Alter darstellt.
* * * * *
Wie macht das Gef�hl blo�en Sichnaheseins Liebende schon gl�cklich.
* * * * *
In der Bewunderung manch eines Menschen liegt etwas Schamloses. Sein 'Wie
sch�n ist das! Wie sch�n ist das' ist nichts andres als ein 'Wie wohl
f�hle ich mich, wie wohl f�hle ich mich!' Das aber brauchte er nicht
fortw�hrend in die Welt hinauszuempfindeln. (Im 'nil admirari' liegt doch
immerhin ein ganzes Teil Selbstzucht und Takt.)
* * * * *
Dunkelblau gekleidete kleine M�dchen auf gr�nen Matten -- eine beinahe
tragische Wirkung.
* * * * *
Es ist eines der merkw�rdigsten Dinge der Welt, da� man eine Seite und
mehr lesen kann und dabei an ganz etwas anderes denken.
* * * * *
W�re der Mensch nicht noch fast vollkommen Tier, so w�rde er in einer so
�ber alles Ma� gewaltigen und ersch�tternden Welt, in verh�ltnism��ig
unmittelbarer N�he eines Naturph�nomens wie unserer Sonne, -- um nur etwas
herauszugreifen -- nicht so sein, wie er heut noch ist: ein kleinliches,
gr�mliches, banales, kindisches, eitles, zanks�chtiges, gedankenloses,
planloses, kurz, durchaus noch dumpfes und niederes Wesen.
* * * * *
Es ist schmerzlich, einem Menschen seine Grenze anzusehen.
* * * * *
Im Grunde spricht sich wohl in allen Forderungen, die der Mensch an seine
Gattung stellt, nur der Wunsch des Menschen nach gr��erer und feinerer
Behaglichkeit des pers�nlichen wie sozialen Lebens aus: Der Mensch will
wohl endlich soweit kommen wie die Blumen und die B�ume: ruhig leben und
sterben zu d�rfen. Zweifellos w�nschen sich die meisten Menschen nichts
Besseres.
* * * * *
Wir sind geborene Polizisten. Was ist Klatsch andres als Unterhaltung von
Polizisten ohne Exekutivgewalt.
* * * * *
Eine Hauptsache bei vielem ist, da� stets der Anschein �u�erster
Wichtigkeit erweckt wird. Wenn z.B. eine Katze ihrem Verehrer fortl�uft,
so mu� das aussehen, als ob sie auf der anderen Seite des Weges etwas
ungemein Wichtiges zu tun h�tte, was jeden andern Gedanken ausschl�sse.
Oder wenn ein sogenannter Zahlkellner gerufen wird, so mu� er immer erst
wie der Mond aus dem Gew�lk treten, das hei�t erst nach l�ngerer Zeit und
nur auf einen Moment, zu dem man sich begl�ckw�nschen mu�, da ihn neues
Gew�lk schon wieder zu verschlingen droht. Auch in geistigen Dingen n�tzt
dergleichen viel, und wer darauf verzichtet, kann sicher sein, da� ihn
sobald keiner wichtig nimmt.
* * * * *
Ironisches Gebot:
Wenn du gereizt bist, so wirf die T�r hinter dir zu, das erweckt allgemein
Furcht.
* * * * *
Es gibts nichts Lohnenderes, als der Schwachheit des Menschen durch ein
sch�nes Wort zu Hilfe zu kommen. Verordne einem 'Patienten' dreimal
t�glich Manulavanz, und er wird sich �ber alle erhaben f�hlen, die sich
blo� die H�nde waschen. Je interessanter du seine Gewohnheiten benennst,
desto geschmeichelter und dankbarer wird er sein, und das eine W�rtchen
Alkoholismus, um ein Beispiel zu nennen, hat sicherlich nicht nur Gorkis
Satin, sondern unz�hlige andere Ungl�ckliche unz�hlige Male berauscht und
getr�stet. �bersetze das Ungl�ck ma�voll ins Arabische, Griechische,
Lateinische, und du wirst ein wahrer Wohlt�ter der Menschen werden. Du
gibst ihrem Geist dadurch Anregung, du verschaffst ihnen eine kleine
Distanz zu ihren Leiden oder Lastern. Wie fremdartig ist es, Angina zu
haben, wie beinahe ehrenvoll, die Krisis eintreten zu f�hlen. Du kn�pfst
damit das Individuum, das nichts mehr f�rchtet als das Alleinsein, das
Alleingelassenwerden, an ferne fremde Zeiten und Kulturen; das alte, das
neue Europa versammelt sich um sein Lager, und selbst wenn die Pest es
bef�llt und f�llt, kommt sie ihm doch aus Asien: die Mutter der Menschheit
selbst trifft es mit den Schatten ihrer gewaltigen Fl�gel.
* * * * *
Was ist das Erste, wenn Herr und Frau M�ller in den Himmel kommen? Sie
bitten um Ansichtspostkarten.
* * * * *
Es ist etwas Herrliches, wenn in das H�ndeklatschen einer Menge jenes
Elementare kommt, das ich das Mark des Beifalls nennen m�chte.
* * * * *
Mir sind diese Leute, die �ber alles so klug zu reden wissen, verd�chtig.
Des Geistes zeugende Kraft ist nicht in ihnen. Wem die Natur etwas Eigenes
zu sagen mitgab, den k�mmert es wenig, in jenem Sinne klug zu reden. Ihn
erf�llt ganz der Geist seiner Aufgabe (nicht der Aufgabe anderer).
* * * * *
Wer sich selbst auch nur Einen geistig regen Vormittag streng beobachtet,
dem mu� das scheinbare Filigran der Psychologie vorkommen, wie ein
Gespinst aus Baumst�mmen.
* * * * *
Die Psychologie befa�t sich mit den einzelnen Wellen des Baches. Aber hat
ein Bach je aus -- Wellen bestanden?
* * * * *
Die Psychologie antwortet, so wie der Lehrer dem Kinde, das ihn fragt: Was
ist das -- ein Baum? Ein Baum, sagt er, ist eine Pflanze mit Wurzeln,
einem Stamm, �sten, Bl�ttern usw. Und das Kind des 19. Jahrhunderts ist
ganz gl�cklich, da� es nun 'wei�', was ein Baum ist.
* * * * *
Man mu� scharf zwischen dem aktiven und dem kontemplativen Menschen
unterscheiden. Jedem sein Reich und seine Welt f�r sich. Und vor allem,
wird der Kontemplative sagen, dem Aktiven sein Reich f�r sich. Denn wenn
der Kontemplative der Duft der Lebensblume ist, so ist der Aktive, so ist
'die Welt' der einzige Weg zu diesem Duft.
* * * * *
Wenn ich die Augen f�nf Minuten lang geschlossen und inzwischen nicht ganz
klar und zusammenh�ngend gedacht habe, so k�nnte ich mir leicht einreden,
ein Jahr sei vergangen und noch viel mehr.
* * * * *
Es gibt nichts Sinnverwirrenderes, als eines Tages zu entdecken, da� man
als der und der lebt.
* * * * *
Je tiefer einer wird, desto einsamer wird er; aber nicht nur das: desto
mehr lassen ihn selbst seine treusten Freunde allein -- aus Zartgef�hl,
Schamgef�hl, Liebe, Ehrfurcht, Verlegenheit, Hochachtung, Scheu, kurz, aus
den allerbesten Gr�nden und mit dem unanfechtbarsten Takt des Herzens.
* * * * *
Man hat nie nur einen Grund zu einer Handlung, sondern hundert und
tausend.
* * * * *
Heftige Bewegungen machen alle Tiere scheu. So sollte sich auch der
vollkommene Weise im Geistigen j�her Bewegungen enthalten. Im Grunde ist
es das Gleiche, wie du an ein Pferd herangehst und sein Zutrauen gewinnst,
und wie du an einen Menschen dich wendest und ihn eroberst.
* * * * *
Je ernster ein Kritiker seine Kritik nimmt, desto kritischer wird er
seinen Ernst nehmen.
* * * * *
Der Ironiker ist meist nur ein beleidigter Pathetiker.
* * * * *
Viele der Feinsten gehen in sich gekehrt durchs Leben, weil sie es nicht
ertr�gen, von andern �berlegen betrachtet zu werden. Sie f�rchten die
Verwundung ihres Stolzes, den Verlust ihres Machtgef�hls, sie ziehen es
vor, in ihren vier W�nden die Ersten zu sein, statt auf dem Markte die
Zweiten. Aber manch einen macht solch heimliches Schatzh�tertum auch
bitter und hochfahrend. Immer lauter mu� er bei sich Stolz nennen, was im
Grunde vor allem Furcht ist, um schlie�lich, statt der Verschwender, der
giftige Drache seines Horts zu werden, der alle Welt ob ihrer Armut
verachtet.
* * * * *
Vorsehung --
Ich kann mir wohl denken, da� in einem genialen Menschen auch ein geniales
un- oder unterbewu�tes sich Vorsehen waltet, so wie einer im Traumwandeln
dem �berall drohenden Tode instinktiv ausweicht.
Napoleon im Kugelregen.
* * * * *
Wie nahe Furcht und Mut zusammenwohnen, das wei� vielleicht am Besten, wer
sich dem Feind entgegenwirft.
* * * * *
Phantasie ist ein G�ttergeschenk, aber Mangel an Phantasie auch. Ich
behaupte, ohne diesen Mangel w�rde die Menschheit den Mut zum
Weiterexistieren l�ngst verloren haben.
* * * * *
Was wirkt am innerlich gl�henden Menschen _nicht_ �bertrieben? Steht er
nicht ewig wie unter lauter Gro�m�ttern und Gro�v�tern? Und geht und
spricht er drum nicht am liebsten zu -- Kindern?
1908
Dieser Brief w�re an _Dich_ gerichtet, von dem ich zehn Jahre nichts mehr
geh�rt noch gesehen habe? O nein, wie w�re das m�glich. Er ist an das Bild
gerichtet, das ich von damals und fr�her von Dir in mir trage, das ich
zwar zu modifizieren versucht habe, aber mit nicht gr��erem Gl�ck als der
Bildhauer, der Deinen Kopf vor 10 Jahren geformt h�tte und nun untern�hme,
die 10 Jahre Ver�nderung hineinzubringen, ohne das also ver�nderte
Original vor sich zu haben.
Und Dein Brief, meinst Du, w�re an _mich_ gerichtet?
* * * * *
Es ist r�hrend, dem Erkl�ren und Beschreiben feiner Historiker und
Psychologen zuzusehen: mit wie geschickten Fingern sie das Leben
zergliedern, zerfasern -- und wie dennoch das Geheimnis dieses Lebens
unber�hrt bleibt.
* * * * *
Manche Menschen machen sich vor andern so klein wie m�glich, um -- gr��er
als diese zu bleiben.
* * * * *
Dem Worte Gr��enwahn ist noch nie das Wort Kleinheitswahn oder
Niedrigkeitswahn gegen�bergepr�gt worden. Und doch ist dieses Leiden so
verbreitet, da� ganze V�lker noch nicht dar�ber hinausgekommen sind, sich
als blo�e Tiere zu empfinden, zu geb�rden und zu behandeln.
* * * * *
Mein Satz: Dummheit als absolut notwendiges Retardivum.
* * * * *
Ein ber�hmter Arzt ist wie eine junge Millionenerbin. Er wei� nie, wie
weit man ihn als Menschen und nicht nur als Arzt liebt.
* * * * *
Wie wohl kann das Ger�usch einer S�ge oder einer arbeitenden Lokomotive
tun, ein H�mmern, ein T�renschlagen, ja selbst ein Wagenrasseln, wenn man
wund und weh daliegt und nach einfachen kr�ftigen Gr��en des Lebens
hungert.
* * * * *
Jedes Wort ist notwendig Pol. Im Innern sind wir nur als Wortlose, sind
wir nur, sobald wir blo� _sind_, unser Sein blo� _f�hlen_. Daher das tiefe
Friedensgef�hl, das wir allem Vegetativen beilegen und beilegen d�rfen.
* * * * *
Im Schachspiel offenbart sich durchaus, ob jemand Phantasie und Initiative
hat oder nicht.
* * * * *
Wahrlich eine verderbliche Lehre: es sei die Bestimmung des Weibes, Gattin
oder Mutter zu werden. Damit wird das Weib als Mensch, als Individuum
v�llig ausgeschaltet, als h�tte es an sich �berhaupt keinen Wert, keinen
Sinn, keine Entwickelungsm�glichkeiten, habe �berhaupt nur in Beziehung
auf Gatten und Kind Existenzberechtigung. M�chten sich doch alle dar�ber
klar werden, da� wir au�er M�nnchen und Weibchen auch noch _Menschen_
sind.
* * * * *
Im Sohn will die Mutter Mann werden.
* * * * *
Das ist die Gefahr von uns K�nstlern: Wir empfinden z.B. einen
aufgest�tzten, entbl��ten Frauenarm von so hinrei�ender Sch�nheit, da� wir
ganz vergessen, da� er einer bestimmten Frau geh�re. Und wenn wir zu
dieser Frau nun in Liebe entlodern, so ist es eigentlich die Sch�nheit des
Weibes, des Menschen �berhaupt, die wir anbeten, weniger sie selbst. Und
da setzt leicht die Trag�die ein.
* * * * *
Ein M�dchen gef�llt uns nicht so sehr etwa um ihrer Augen willen, als ihre
Augen um seinetwillen, das hei�t um seiner ganzen imponderablen
Pers�nlichkeit willen.
1909
Das Weib mischt uns ins Leben hinein.
* * * * *
Leichtsinn und Geduld, zwei weibliche Haupteigenschaften.
* * * * *
Nat�rlichkeit, Schwester der Freiheit (und Einfalt).
* * * * *
Es ist schauerlich, Klavier spielen zu h�ren, w�hrend man �ber Berge und
T�ler hinwegblickt und die Erde als eine ihrer unz�hligen Schwestern mit
sich im unendlichen R�ume schweben und kreisen f�hlt.
* * * * *
Ein gewisses Ma� von Schelten geh�rt wohl zum Leben. Schelten in seiner
sublimiertesten Gestalt, als philosophischer, ja, als religi�ser
Pessimismus, d�rfte ebenso nur eine Art von Ventilierung sein, wie der
mehr oder minder gerechtfertigte �rger des Eintags. Alles in Allem m�chte
hier ein Zuchtproblem vorliegen, das nur selten gel�st werden wird; wenn
n�mlich dies ganz gro�e Zucht (also ganz gro�er Stil) ist: ein
leidenschaftlich empfindsamer Geist und doch zugleich ein _Weiser_ zu
sein.
* * * * *
Die Meisten wissen garnicht, was sie f�r ein Tempo haben k�nnten, wenn sie
sich nur einmal den Schlaf aus den Augen rieben.
* * * * *
Manche Menschen treiben leicht ab. Unversehens sind sie anderswo, als wo
man sie haben will, als wo sie sich selbst haben wollen.
* * * * *
Darum k�nnen Zeitungen so sehr schaden, weil sie den Geist so uns�glich
dezentrieren, recht eigentlich zer--streuen.
* * * * *
Wer sich �berhebt, verr�t, da� er noch nicht genug nachgedacht hat.
* * * * *
Vielen ist Reisen ein Ersatz f�r Leben. Es gibt oft nichts
Schmerzlicheres, als solches zu erkennen.
* * * * *
Wenn die Mehrzahl der Menschen das Kleine nicht so viel wichtiger n�hme
als das Gro�e, w�rde das Gro�e nie auf seine Rechnung kommen. Wenn der
Mensch sich mehr um den Himmel als um die Erde k�mmerte, w�rde nicht nur
die Erde, sondern auch der Himmel verk�mmern. Der Geist ist nicht umsonst
in die Materie herabgestiegen.
1910
Wie sch�n ist es, das Auge von einem sch�nen Buch, in das man versunken
war, zu einer sch�nen Landschaft aufzuschlagen. Dieser kurze �bergang von
chiffrierter Geisterwelt in symbolische, dieser jungfr�uliche Augenblick
unbewu�ten Staunens ist einzig.
* * * * *
Alles was nicht leicht verstanden wird, reizt leicht. Die edelste Musik
kann so z.B. ebenso wie die tiefste Philosophie Gegenstand erbitterter
Gegnerschaft werden.
* * * * *
Solange das Tier noch gegessen wird, solange wird es seinen Esser auch
besitzen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Oder glaubt man wirklich, es sei
keine Beziehung zwischen der Dummheit des Kalbes, der Kuh, des Ochsen und
der ihrer Verzehrer, es �bertrage der Hammel, das Schwein, der Fisch usw.
nicht ganz besondere psychische Hemmungen oder Reize?
* * * * *
Es gibt nichts Schwereres, als einen Menschen, den man liebt, einen Weg
gehen lassen zu m�ssen, der zur n�chsten Stadt f�hrt, statt auf den
n�chsten Gipfel.
1912
F�r den Tr�gen gibt es nichts Aufreizenderes als die unaufh�rlich
fortschreitende Zeit. Er f�hlt, wie sie �ber ihn hinweggeht und stammelt
ihr in dumpfem Ingrimm seine Verw�nschungen nach.
* * * * *
Was gegen die h�chsten, reinsten Empfindungen ausgespielt wird, sind
nichts als die gleichen Empfindungen, nur noch mehr oder minder vor ihrer
Katharsis. Wie kann man den Satz nachsprechen: Gott ist die Liebe, und an
anderer Stelle der Meinung sein, eine vom Tierischen ganz losgel�ste
seelisch-geistige Liebe sei -- wohl vielleicht eine reinere, aber auch
eine k�hlere, blassere, ohnm�chtigere Liebe!
* * * * *
Es gibt Seelen, zu schamhaft, Wege der tieferen Erkenntnis beschreiten zu
wollen. Sollten sie als 'von Gottes Stamme' nicht noch zu wenig stolz sein
und als Arbeiter an Gottes Reiche nicht noch zu wenig dem�tig?
* * * * *
Welcher Erfahrene kennt nicht im Geistes- und Empfindungsleben den Zustand
des Federstr�ubens der V�gel.
* * * * *
Ich machte die Beobachtung, da� Menschen, die beim Beifallklatschen die
Arme weit von sich, ja fast �ber Kopfesh�he ausstrecken, in einer zugleich
wunderlichen und schmerzlichen Weise den Anblick ungeduldig Bittender,
ungeduldig -- Betender gew�hren, eine Vorstellung, von der sie selbst
nicht das Geringste ahnen und die doch nichts weniger als ihre ganze
d�rstende Seele -- in einem doppelg�ngerischen Bilde gleichsam --
enth�llt.
* * * * *
Die Anzahl der geistigen Foltermittel, die wir heute noch unter- wie
gegeneinander bewu�t oder unbewu�t anwenden, ist gro�. Eines davon ist das
Fragen. Es gibt Menschen, die so wenig wie m�glich gefragt sein wollen;
wohlverstanden: nach Unwesentlichem. Und Gegenst�cke dazu: Menschen, die
fast keine andere Interpunktion kennen, als das Fragezeichen.
* * * * *
Wie mancher mu� sich auf Kosten seiner Vergangenheit lieben lassen. Diese
Vergangenheit hat ihm vielleicht ein gutartiges Gesicht gegeben. �lter
werdend aber erkennt er mehr und mehr auch das B�se in sich. Nun aber
h�ngt ihm seine Miene wie ein Schild vor, das nur die eine Seite seines
Wesens anzeigt.
* * * * *
Gewi� hat der Mann die moderne Kultur geschaffen, aber sie ist denn auch
nur f�r ihn ein so ungeheurer Ruhmestitel. Er selbst w�rde vermutlich nie
an dieser kompakten Errungenschaft vorbeikommen, wenn es nicht Frauen
g�be, die, ohne seinen 'Geist der Schwere' himmlisch unbefangen daran
vor�ber und dem entgegenschritten, was ihrer Seele -- denn f�r sie gibt es
in der Tat und horribile dictu noch eine Seele -- not und wohl tut.
* * * * *
Wie ein Wind �ber ein �hrenfeld, so ging diese durchfahrene Viertelstunde
�ber seine bewegliche Seele.
1913
Takt erfordert vor allem Phantasie. Man mu� viele M�glichkeiten der
fremden Seele �berschauen, viele Empfangsm�glichkeiten und danach, was man
geben kann, einrichten.
* * * * *
Es gibt Naturen, die f�r sich allein Stunden lang mit ihren Freunden und
Bekannten reden, w�hrend ihnen in deren Gegenwart jeder Gespr�chsstoff
entfallen ist.
* * * * *
Du wohnst in einem Hause, das viele Menschen mit dir zugleich bewohnen.
Einer dieser Hausgenossen ist ein auf den Tod Kranker, von dem du wei�t,
und viele der andern wissen es mit dir, da� ihm jeder L�rm, vor allem jede
irgendwie laute und grelle Musik zur vollkommenen Folter und Marter wird.
Da erscheint ein Mann mit einer Ziehharmonika vor dem Hause und f�ngt an
seine Operetten zu spielen. Dein erster Gedanke ist: Dem Mann mu� sofort
ein Geldst�ck gegeben werden, das ihn veranla�t, sein Spiel einzustellen
und weiterzugehen. Aber du kannst es nicht, denn du liegst selbst zu Bett
und deine Bedienung ist ausgegangen. Aber das ganze �brige Haus! Einer
wird doch gleich dir auf den Gedanken kommen, wenigstens einer aus der
n�chsten Umgebung des Kranken. Niemand r�hrt sich. Der Musikant spielt
eine Viertelstunde lang, er �berbietet sich.
Wie dieses Haus, so ist das Haus der Welt. Einer darinnen vielleicht hat
jeweilig den rechten urspr�nglichen Gedanken -- den Gedanken, der sich im
Grunde von selbst versteht -- aber er ist an seiner Ausf�hrung gehindert.
Vielen andern geht auch noch so etwas �hnliches durch den Sinn -- aber sie
lassen es beim Gedanken von vornherein bewenden. Ermi� daraus die Kraft
der _Originalit�t_ des Menschen, berechne daraus die M�glichkeit, die
Wahrscheinlichkeit einer wahrhaft originellen Handlung.
ERKENNEN
1896
Unser Begreifen ist Schaffen; seien wir doch selig in diesem Bewu�tsein.
* * * * *
Der Mensch ist ein in einem Spiegelkerker Gefangener.
1905
Man sieht oft etwas hundert Mal, tausend Mal, ehe man es zum allerersten
Mal wirklich sieht.
* * * * *
Ein jeder sollte erst seine Grenzen anzugeben suchen, soweit er sie selbst
erkennen kann, um darauf umso freier und unbefangener seine Beobachtungen
und Meinungen niederzulegen.
* * * * *
Die Menschen haben sich daran gew�hnt, von hinten nach vorn, statt von
vorn nach hinten zu denken.
1906
Bedeutet es schlie�lich etwas, seine Kniee und F��e anblicken zu k�nnen?
Und doch kannst du es nur solange, als du in dir lebst.
* * * * *
Nur der Erkennende lebt.
* * * * *
Ich darf wohl sagen: Ich liebe die Wissenschaft von Grund aus und hasse
alle Schwarmgeisterei. Eine Wissenschaft aber, die vergi�t, da� sie eine
seltene, wunderbare Blume auf dem Boden des Mysteriums ist, ja, die
vergi�t, da� sie selbst Mysterium ist, sie f�llt mit der �belsten
Schwarmgeisterei in eins zusammen, sie ist im Tiefsten inferior, allein
schon rein intellektuell genommen.
* * * * *
Die Wissenschaft ist nur eine Episode der Religion. Und nicht einmal eine
wesentliche.
* * * * *
Alles erkenntnistheoretische Denken ist ein Spielen mit dem Feuer. Wenn
der Alltag nicht w�re mit seinen 24 breiten K�rperstunden, wenn wir nicht
als Tiere so fest und �konomisch gebaut w�ren, so w�rde unser armes Gehirn
zehnmal statt einmal verbrennen, so w�re philosophische Begabung und
Anwartschaft auf Verr�cktwerden dasselbe. Und so wird dieses Spiel denn
auch immer gewagt werden d�rfen. Zwar, der Einsatz ist dein Leben, aber
wenn du auch die Gefahr nicht bestehst, so _brauchst_ du selbst keineswegs
grunds�tzlich zu verlieren.
* * * * *
Der Denker, der dir kein Grauen erregt, ihn magst du zu Tisch einladen.
* * * * *
Jedesmal wieder, wenn man so recht in die 'Welt' hineindenkt, kommen einem
alle menschlichen Gedanken dar�ber vor wie Kinderstammeln, was sage ich,
wie Bewegungen von Insekten, die von der Spitze ihres Grashalms in die
Luft hinaustasten. Und das gilt nicht nur von gew�hnlichen Gedanken, das
gilt ebenso von den tiefsten Gedanken unserer f�higsten K�pfe. Nur da� wir
durch unsere Sinne die Welt so vereinfacht -- besser vielleicht von einem
Unendlichfachen auf ein F�nffaches gebracht -- haben, erm�glicht uns, in
ihr mit so festen Schritten zu wandeln; nur da� wir meinen, 'die Welt' in
Wahrheit vor uns zu haben, wie ein gewaltiges Gem�lde, das -- wenn auch
nur im Gro�en -- so sei, wie wir es sehen, erm�glicht den ganzen Schatz
menschlich-b�rgerlichen Hochgef�hls, die Freudigkeit des Tatmenschen, den
tragischen Stolz des Philosophen, die k�niglichen Empfindungen des
K�nstlers. Unsere Armut ist es, die uns reich macht, unsere
Beschr�nktheit, der wir das Gef�hl unbeschr�nkter Entwickelungsf�higkeit
verdanken. Aber umsonst. Irgend einmal und dann immer wieder wird -- wenn
auch nur blitzartig -- die Armut als Armut, die Beschr�nktheit als
Beschr�nktheit erkannt, die gro�artige Illusion zerrei�t und die
Geschichte der Erde und seines Bewohners entpuppt sich in der Riesensaison
des 'Universums' als -- b�rgerliches Schauspiel, eines unter unz�hligen,
Verfasser unbekannt, Wert indifferent.
* * * * *
Das Urbuch der Welt wird mit sympathetischer Tinte geschrieben.
* * * * *
Nur im vorbereiteten Herzen kann ein neuer Gedanke Wurzel fassen und gro�
werden. Sich vorbereiten, sich zubereiten, den Acker lockern f�r das beste
Korn, ist alles.
* * * * *
Es gibt kein gr��eres Hindernis, zur Wahrheit zu gelangen, als --
schreiben zu k�nnen. Vergi� deinen Stil, vergi� allen Stil, �berla� dich
ganz dem Rhythmus der inneren Stimme, �berla� alle 'Kunst' denen, die mehr
K�nstler sind als Wahrheitssucher.
* * * * *
Der Materialismus hat uns in viele J�mmerlichkeiten gest�rzt, aus denen
wir uns erst nach und nach wieder erheben werden.
* * * * *
Alles Denken ist Zurechtmachen.
1907
Wunder ist ein Orientierungsbegriff wie tausend andre. Wird dieser Begriff
mehr und mehr aus der Welt geschafft, so hei�t das nichts weiter als: wir
brauchen diesen Orientierungsbegriff nicht mehr, er ist f�r uns
aufgegangen in den Begriff Entwickelung.
Wunder nannte man einst alles �bernat�rliche. Da man heute �bereingekommen
ist, alles �berhaupt M�gliche dem Begriffe Natur unterzuordnen, gibt es
nichts �bernat�rliches, also auch kein Wunder mehr. Aber Natur ist auch
nur ein heuristischer Begriff und wer sich in der Zwangsjacke eben dieser
Begriffe nicht wohl f�hlt, wird ihn abermals entthronen und das alte Wort
Wunder -- vielleicht auf lateinisch als 'Mysterium' -- in einem neuen
gr��eren Sinne �ber ihn setzen. Worte, Worte! Wird man nie begreifen, da�
Worte nur Entscheidungen sind, nicht Erkenntnisse?
* * * * *
Es ist eine sehr geistreiche (!) Forderung, die 'Natur' auf 'nat�rliche'
Weise erkl�rt sehen zu wollen.
* * * * *
Wie mancher Gedanke f�llt um wie ein Leichnam, wenn er mit dem Leben
konfrontiert wird.
* * * * *
Ich meine: Gehirn und Dinge sind in _Einem_ Zirkel beschlossen. Im Gehirn
kann nicht sein, was nicht im Stoff ist.
* * * * *
Wenn die Gehirnorganisation all ihr Um-sich unter den Formen von Zeit und
Raum begreift, so ist anzunehmen, da� der unendliche Stoff hier keine ihm
nicht entsprechende Organisation wird hervorgebracht, oder: wird
zugelassen haben. Ich meine, diese Organisation, die unter Raum und Zeit
begreift, erstand doch selbst aus dem, was sie nun begreift, und kann
darum als Funktion des zu Begreifenden nicht essentiell von diesem
verschieden sein ...
* * * * *
A. Wenn jemand von einer Philosophie der Ameisen reden w�rde, so m�chte er
wohl fr�hlichem Lachen begegnen. Aber ist die Philosophie der Menschen
wirklich etwas so sehr, sehr anderes, als eine Philosophie der Ameisen
w�re? Stelle dir nur an einem sch�nen Sommerabend den Erdball und das
Leben auf seiner Oberfl�che vor!
B. Ja ja, mein Lieber, wenn es die Menschen nur nicht zu dem einen
Gedanken gebracht h�tten: alles ist mir nur insoweit bekannt, als es meine
Vorstellung ist. Dieser Gedanke, der ihm alles zu nehmen scheint, gibt ihm
zugleich das Recht, sich selbst dem Sternenhimmel gegen�ber zu behaupten,
denn das Bewu�tsein, da� alles, was er da erkennt, nur ein Bild in ihm
ist, ja, noch mehr, das dies 'er selbst' nur ein Bild -- soll er sagen
sein Bild? -- ist, erlaubt ihm, deinem Ameisengleichnis den Stachel zu
nehmen, so gut, wie dem Eindruck gestirnter Ewigkeit. Die Rechnung steht
nun f�r ihn so: Auf der einen Seite 'alles Seiende' als Bild. Auf der
andern das, welches 'all dies Seiende zusamt sich selbst' -- als Bild
empfindet. --
Wir sind wieder da, wo jeder zuletzt hinkommt, und was ich beim Lesen
Meister Ekkeharts einmal so formulierte: Gott ist ein Subtraktionsexempel.
* * * * *
Betrachte den F�hler dieses feingliedrigen K�fers. Was ist der Mensch
anderes als solch ein F�hler, von unbekannter Urkraft ausgestreckt,
tastend sich �ber die Dinge zu unterrichten suchend, zuletzt forschend
zur�ckgekr�mmt auf sich selbst -- ? Der Mensch, ein Taster Gottes nach
Sich selbst.
* * * * *
Alles Denken ist �bersetzen Gottes ins Rationalistische. Von Gott, dem
Original, wissen wir nur durch Gott, den �bersetzer.
* * * * *
Man hat Hegel verspottet, weil er sagte, aus ihm rede der Weltgeist. Ach,
auch aus ihnen, den Sp�ttern, redet leider nichts anderes.
* * * * *
Ich lese mit Ersch�tterung in Hegel, an dem ich immer vorbeigegangen war.
Zwei Dinge hielten einst schon den Studenten ab, Hegeln eine unbestimmte
geheime Neigung zu entziehen: Seine �berlebensgro�e B�ste, die ihm am
Kastanienw�ldchen hinter der Berliner Universit�t manchen bedeutenden
Augenblick schuf, und das �ber ihn umlaufende Wort: niemand habe Hegeln
zuletzt mehr verstanden, nicht einmal er selbst. Ich halte den n�mlich
nicht f�r den Tr�ger und Offenbarer h�chster Erkenntnisse, der diese
Erkenntnisse ein f�r alle Mal 'versteht'. Das H�chste vermag der
menschliche Geist auch nur in h�chsten Momenten zu leisten, und manchmal
ist es nur ein Blitz, der die Tiefe der Welt sekundenlang aufrei�t.
* * * * *
Entweder man ist K�nstler oder Philosoph. Der Philosoph achtet die Kunst,
ja liebt sie, -- aber er komplimentiert sie hinaus, wenn er mit seinem
Ernst allein sein will.
* * * * *
Wogegen ich mich vor allem richte, das ist die B�rgerlichkeit so vieler
bisheriger Philosophie. Es fehlt mir darin zu sehr an jener �berw�ltigung
des menschlichen Geistes durch das, was ihn wohl �berw�ltigen darf: die
nicht nur rechnerisch gebrauchten, sondern innerlich erlebten
Vorstellungen von Ewigkeit und Unendlichkeit. F�r mich beginnt Philosophie
hart vor dem Wahnsinn, sonst ist sie ein Handwerk wie andre auch. Und sie
mu� immer wieder bis hart an den Wahnsinn f�hren, das ist beinahe eine
Forderung der Sittlichkeit philosophischen Denkens, da es sonst einen
Mangel an Leidenschaft zu bedenklich verr�t. Ohne Leidenschaft aber ist
jede T�tigkeit gro�en Stiles, so erhaben sie sich auch geben mag, gemein.
* * * * *
Wie mancher Steinregen im Hochgebirge verdankt dem Klettern einer Gemse
seinen Ursprung. Dies bedenke auch du, der du auf Gedankenbergen
herumkletterst, und -- freue dich dessen oder mache dir Vorw�rfe dar�ber
oder beides zugleich, je nachdem du geartet bist.
Man mu� Pessimismus und Optimismus als 'Stimmungen' hinter sich lassen,
wenn man, obzwar erkenntnislos, aber von allen Seiten umwittert, den Pfad
der Wirklichkeit wandelt.
* * * * *
Sei nur Skeptiker, es gibt keinen besseren Weg als den fortw�hrenden
Zweifelns. Denn nur, wer die Relativit�t jeder Meinung eingesehen hat,
sieht zuletzt auch die Relativit�t dieser Einsicht ein -- und schwingt
sich endlich vom letzten Erdenwort in -- Sich selbst zur�ck.
* * * * *
Wenn ich w��te, welches Wort der Erde keine Vorstellung enthielte, so
w�rde ich es dazu gebrauchen, das Wort Vorstellung zu �berwinden. Aber
dieses Wort Vorstellung bleibt zuletzt als einziges auf dem obersten Siebe
liegen, das alle andern passiert haben.
Nur glaube man nicht, damit etwas anfangen zu k�nnen. Denn wenn ich sage:
Die Welt ist meine Vorstellung, so sage ich damit nichts andres als: eine
Vorstellung ist meine Vorstellung. Es gibt keinen Weg hinaus, es gibt nur
einen Weg hinein.
* * * * *
Welche Vorstellung w�re zuletzt nicht anthropomorph! Anthropomorph, sagt
man, sei die Vorstellung eines pers�nlichen Gottes. Aber der
Naturforscher, der sich die Welt unpers�nlich, n�mlich als Natur, als
Wirklichkeit, als einen unendlichen Kn�uel von Wirkungen denkt -- hat ja
auch von sich selbst kein anderes Bild; er sieht sich, interpretiert sich
'naturwissenschaftlich' als 'Natur' und projiziert sich (in seiner neuen
Weltinterpretation) nur ebenso unvermeidlich ins 'Universum' hinein wie
fr�her. Oder vielmehr: Universum ist bereits Selbstprojektion.
Anthropomorph ist und mu� 'alles' bleiben.
* * * * *
Das menschliche Denken ist wie eine tr�be Fl�ssigkeit, die sich im Lauf
der Jahrhunderte langsam kl�rt. Nach immer mehr Erkl�rung trachtet der
Geist, aber das Ergebnis ist nur immer mehr -- Kl�rung. Und zuletzt wird
das Denken sch�n geworden sein, wie klarer Honig, klares Wasser, klare
Luft.
* * * * *
Mir f�llt in aller bisherigen Philosophie eins auf: Sie hat nie recht
genug -- Phantasie, Sie zerbrach nie ihre Begriffe -- aus Phantasie.
* * * * *
Lichtenberg's Bemerkung, die docta ignorantia mache weniger Schande als
die indocta, scheint mir das Ersch�pfendste, was �ber das Problem der
Wissenschaften gesagt werden kann.
Nicht nur der Weg nach der Wahrheit scheint mehr wert als die Wahrheit
selbst, um Lessingsch zu reden; noch wertvoller als der Weg selbst scheint
der Wille zu solch einem Wege.
* * * * *
Wer sich an Kant h�lt, dem mu� alle Metaphysik erscheinen wie das
hartn�ckige Surren einer gro�en Fliege an einem festgeschlossenen Fenster.
�berall wird das Tier einen Durchla� vermuten und nirgends gew�hrt die
unerbittliche Scheibe etwas anderes als -- Durchsicht.
* * * * *
Gesetzt und endlich einmal festgehalten, da� alle Wissenschaft nur
Beschreibung und nicht Erkl�rung sein kann, steht dem nichts im Wege, den
Menschen als das bescheidenste Tier katexochen zu beschreiben.
* * * * *
Alles Denken ist wesentlich optimistisch. Der vollendete Pessimist w�rde
verstummen und -- sterben.
1908
Alle Wissenschaft hat einen doppelten Wert. Einmal ihren Wert als
Wissenschaft, den man allgemein f�r ihren eigentlichen, f�r ihren
Hauptwert h�lt, und der doch nur ein Hilfswert ist; und ihren Wert als
einer Art moralischer und intellektueller Gymnastik, deren �bung dem
Einzelnen die M�glichkeit gew�hrt, seine Pers�nlichkeit (ganz ebenso wie
es z.B. die Disziplin bei einem Streckenw�rter tut) zu kr�ftigen, zu
entwickeln, zu erh�hen. Und das ist ihr Hauptwert.
Und das ist der Hauptwert aller historisch gegebenen Berufe. Sie sind vor
allem _Kunstgriffe_ -- um der Kultur der Pers�nlichkeit willen. Es k�nnten
auch andere sein, und es werden sich auch vermutlich mit zahllosen
Planeten noch zahllose andere finden. Die Gesamtheit dieser Kunstgriffe
und ihrer Benutzung nennt man dann die Geschichte des Planeten.
* * * * *
Eines bleibt keinem Philosophen erspart: Das Offene-T�ren-Einrennen.
Dreiviertel seiner Kraft geht darauf fl�ten.
* * * * *
Von letzten Dingen kann man nicht immer gemein-verst�ndlich reden. Genug,
f�rs erste, da� man sich selber verstand. ('Ich und Mich, der Freund ist
immer erst der -- Dritte.')
* * * * *
Ich m�chte bisweilen eine Erkenntnis in Form einer mathematischen Figur
geben, z.B. die Anschauung Gottes in Form einer Kugel, aus einem
Mittelpunkt strahlend.
1909
Es gibt keine Wahrheit an sich. An sich ist einer der gr��ten
Materialismen der Epoche.
* * * * *
Man fragt sich oft: wie ist es m�glich, da� dieser gro�e Intellekt dies
und jenes nicht gesehen oder seines Blicks nicht gew�rdigt haben sollte.
Aber ebenso �bersehen vielleicht unsere Zeitgenossen Dinge, von denen
wieder sp�tere nicht begreifen werden, da� sie f�r uns offenbar v�llig im
Schatten lagen. Man darf wohl sagen, jeder Blick vorw�rts ist zugleich ein
Nichtbeachten dessen, was zur Seite liegt. Der Geist gleicht einer
Granate, deren Gebiet das vertikale Segment zwischen dem Punkt ihres
Ausflugs und dem ihres endlichen Aufschlags ist.
* * * * *
Frage die Philosophie sich erst einmal: 'wo bin ich hergekommen?'
* * * * *
Alle Geheimnisse liegen in vollkommener Offenheit vor uns. Nur wir stufen
uns gegen sie ab, vom Stein bis zum Seher. Es gibt kein Geheimnis an sich,
es gibt nur Uneingeweihte aller Grade.
* * * * *
Ein vorl�ufiger kritischer Gedankenstrich: da� man �ber ein gewisses Ma�
hinaus nicht wissen k�nne, verwandelt sich unvermerkt in das Postulat,
niemand habe au�er den 'nun einmal festgestellten' Grenzen etwas zu
suchen. Man f�hlt sich vor solchem Doktrinarismus an das Gebahren kleiner
Kaufleute erinnert, die von einer Ware, die sie nicht f�hren, erkl�ren, es
g�be diese Ware �berhaupt nicht.
1910
Du siehst in etwa 100 Meter Entfernung einen Mann Holz spalten. Das auf
den Hackblock geschmetterte Scheit sinkt bereits nach links und nach
rechts auseinander -- da erreicht dich erst der Schall. So m�gen wir die
Welt ein halbes Leben lang betrachten, bis wir das Wort vernehmen, das zu
ihr geh�rt, die Seele, die von ihr redet.
* * * * *
Niemand wird die Welt verstehen, der sie von heut auf morgen verstehen zu
m�ssen glaubt, der sich �ber die augenblickliche Konfiguration der Erde
nicht so hinwegzusetzen vermag, da� ihm heut und morgen zu
Unwesentlichkeiten werden. Niemand wird die G�tter und ihre Werke
verstehen, vor dem tausend Jahre nicht wie ein Tag sein k�nnen und wie
eine Nachtwache.
* * * * *
Man mu� aufh�ren k�nnen zu fragen, im T�glichen wie im Ewigen.
* * * * *
Weder 'ich' bin, noch jener 'Baum' ist, sondern ein Drittes, nur _unsere
Verm�hlung_, ist.
1911
�ber jedem Gedanken, jeder Vorstellung liegen hundert Gedanken und
Vorstellungen, die uns das jeweils Gedachte, jeweils Vorgestellte
verh�llt.
* * * * *
Es gibt kurz- und weitsichtige Idealisten. Jene pflegen sich mit Stolz
Realisten und den anderen Teil schlechtweg Idealisten zu nennen.
1912
Die Rhetorik ist die Politik in der Philosophie. Der wirkliche Philosoph
ist nicht Politiker, sondern K�nstler. Er 'redet' nicht, er bildet, baut.
* * * * *
Der Systematiker n�tigt mich, ihm seinen Weltbau nachzudenken. Er sagt:
Baue mir meine Gedankengeb�ude nach -- und mit ihm bauend werde ich selbst
zum Gedankenbaumeister. Er wendet sich an das reine Denken in mir, an den
Geist.
Der Nichtsystematiker wendet sich mehr an die -- Seele. Hegel. Nietzsche.
* * * * *
Wer bei einem Denker vor allem fragt, aus welchem pers�nlichen Grunde hat
er das gesagt, -- f�gt sich selbst den gr��ten Schaden zu; denn er geht am
einzig Wesentlichen in dessen S�tzen vor�ber, daran n�mlich, ob sie wahr
in sich selbst sind oder doch sein k�nnen, oder nicht. Gewi� ist jede
Philosophie von der Pers�nlichkeit ihres Erzeugers gef�rbt und darf
dementsprechend empfunden und gew�rdigt werden; aber �ber alledem steht
ihr Gehalt an Wahrheit, der nachgepr�ft und entschieden werden kann, _ohne
Ansehen der Person ihres Urhebers_.
* * * * *
Was wird einem geistigen Wanderer nicht alles angesonnen, �ber Kopf, Hals
und Schulter gesonnen! Wieviel M�he gibt man sich nicht, ihn und das
Seinige abzuleiten! Als ob ein geistiger Weg nicht aus sich selbst
verstanden werden k�nnte, m��te.
* * * * *
In aller Wahrheit steckt heute notwendigerweise bereits ein Teil
Binsenwahrheit, aus dem einfachen Grunde, weil der Mensch schon lange
denkt, w�hrend die Menschen erst zu denken anfangen, also das ganze Pensum
des Menschen noch einmal zu rekapitulieren und, noch mehr, zu
popularisieren ist. Der Mensch ist nicht so von Gott verlassen, wie die
Menschen glauben, aber auch nicht immer in dem ausnehmenden Grade von Gott
erf�llt, wie sie annehmen, wenn einer einmal etwas Unerwartetes sagt.
* * * * *
Die Mission der Wahrheit ist, den Menschen in Geist aufzul�sen, wie,
materialistisch gesprochen, die Mission der Zeit, den Erdball in Luft.
* * * * *
Mancher wird die ihm so bequeme Joppe des Materialismus mit nichts
vertauschen wollen; es geht ihm, wie er sagt, 'der Sinn f�r Feierlichkeit'
ab.
* * * * *
Abstrakte Gedanken sind zuletzt auch nichts als -- konkrete Wesenheiten;
es ist ganz umsonst, das Leben aus dem Leben heraustreiben zu wollen.
* * * * *
Zu Ende denken ist alles ... Da w�re das erste, diesen Satz zu Ende zu
denken. Will man ihn zu Ende denken, so darf man ihn nicht 'zu Ende'
denken wollen. Denn alles Ende endet alles, also auch das Denken. Alles,
also auch alles Denken, endet in Gott. Gott ist, wie der Anfang, so das
Ende von allem. Etwas zu Ende denken wollen hei�t also, es bis zu Gott
hinaus denken wollen; Gott aber hat mit Denken nichts mehr zu schaffen.
* * * * *
Wie dereinst die sancta simplicitas des Glaubens, so schleppt heute die
sancta simplicitas der Wissenschaft ihre Scheiter herbei, den 'Ketzer' zu
verbrennen.
1913
Die Weltanschauungen mancher Menschen gleichen l�chelnden Festungen.
* * * * *
Wenn einer heute in zehn B�chern dargetan, da� der Mensch _nichts wissen_
k�nne �ber Gott und die Welt, dann nennt er sich, dann nennt ihn seine
Mitwelt einen '_Wissenden_' und erbringt damit den Beweis, da� man zehn
B�cher schreiben und zehn B�cher lesen und doch noch nicht so weit sein
kann, sich folgerichtig auszudr�cken.
* * * * *
Wer die Welt zu sehr liebt, kommt nicht dazu, �ber sie nachzudenken; wer
sie zu wenig liebt, kann nicht gr�ndlich genug �ber sie denken.
* * * * *
Inmitten unz�hligem Hin- und Herreden der Einzelnen w�chst still und gro�
das ewige Weisheitsgut der Menschen weiter.
WELTBILD: ANSTIEG
_('Nihil contra Deum, nisi Deus ipse.')_
1891
Wer Gott aufgibt, der l�scht die Sonne aus, um mit einer Laterne weiter zu
wandeln.
1893
Es ist wohl gerade in unserer aufgeregten Epoche mehr denn je n�tig, den
Blick aus den Tagesaff�ren emporzuheben und ihn von der Tageszeitung weg
auf jene ewige Zeitung zu richten, deren Buchstaben die Sterne sind, deren
Inhalt die Liebe und deren Verfasser Gott ist.
1895
Weltuntergang.
Alles Leben kehrt sich um und kehrt wieder zur�ck, aufw�rts, in das
Ehedem. Vergangenheit wird Zukunft. Die Knoten l�sen sich wieder. Die
ganze Welt lebt sich so selbst ...
* * * * *
Tod einer Welt: ihre Geburt.
* * * * *
Nur die Formen wechseln. Der Toten Seele wird vielleicht schon wieder im
Keim einer neuen vollkommeneren Form schlummern.
* * * * *
Es gibt keine Grenzen der Dinge.
* * * * *
Sich die Menschheit als die Bl�tter des Erd-Baums zu denken!
* * * * *
H�ngt malus b�se mit malus Apfel zusammen? Annahme eines Christen.
* * * * *
Der beste Beweis f�r die Gotteskindschaft Christi ist der, da� es Zeiten
gab, wo jeder Teufel vor einem Kreuz die Flucht ergriff.
* * * * *
Wesen der antiken G�tter: Bewu�tsein des Fatums.
* * * * *
So gut Kirchen innerhalb unseres Gemeinwesens m�glich waren und teilweise
noch sind, so gut d�rfen wir es von den Tempeln einer neuen Kultur hoffen.
Weihe ist alles. Ist erst Wille zu solchen Heiligt�mern, so werden sie
selbst in unsern n�chternen St�dten emporwachsen k�nnen. Der Mittelpunkt
mu� freilich ein gro�es Nationalheiligtum sein, etwa in Th�ringen.
* * * * *
(Undatiert.)
Was ist 'pers�nlicher Gott' anderes als der Riesenschatten, den wir selber
auf den Vorhang der ewigen Mysterien werfen.
* * * * *
Sieh wie deine Studierlampe sich an die Zimmerdecke projiziert. So
projizierst du dich auf die Wand des Au�er-Dir. Wie du dich dort siehst,
das nennst du 'Welt', das Bewu�tsein dieses (dich) So-Sehens deine
'Weltanschauung'.
* * * * *
Das Ich ist die Spitze eines Kegels, dessen Boden das All ist.
* * * * *
Die Welt ist nur eine Form des Menschen.
1905
Wenn man den Sternenhimmel mit Ernst betrachtet, wird man gestehen m�ssen,
da� Gott, der Sch�pfer, der gr��te Gedanke war, der je in ein
Menschengehirn kommen konnte, wie zugleich Gott, der Sittenrichter einer
der beschr�nktesten. Aber so gewi� der letzte unz�hlige Male bis zu Ende
gedacht worden ist, so ungewi� ist es, ob der erste je in seiner ganzen
unerh�rten M�chtigkeit Herz und Hirn eines Sterblichen ergriffen und
zerst�rt hat.
* * * * *
Ein Mensch, dessen ganzes Leben darauf gerichtet ist, das R�tsel Christi
zu l�sen.
* * * * *
Die Entwickelung der Fahrzeuge verfolgt langsam denselben Weg wie die
religi�se Entwickelung. Der Vorspann verschwindet, die bewegende Kraft
wird ins Innere selbst verlegt.
* * * * *
Leben ist die Suche des Nichts nach dem Etwas.
* * * * *
Der Mensch hat kein Vorrecht auf R�cksicht. Gro� und unbeirrt geht die
Natur ihren Gang, und Legionen denkender Wesen fallen als Opfer, weil ihr
Denken noch nicht Macht genug �ber ihr Leben gewonnen hat.
* * * * *
Wie k�nnten wir die gro�e Selbstkorrektur des Lebens anders als
ahnungsvoll verfolgen?
* * * * *
Jeder Mensch ist ein neuer Versuch der Natur, �ber sich ins Reine zu
kommen.
1906
Wie die Sprache f�r uns denkt und dichtet, so auch das Leben. Es ist
interessant, zu beobachten, wie ins Rollen gekommene Verh�ltnisse sich oft
genug ohne unser weiteres Zutun vollenden wollen (z.B. ein
Liebesverh�ltnis, f�r dessen Entwickelung sich das Leben gewisserma�en
viel mehr interessiert als die Beteiligten selbst). (Kette der 'Zuf�lle'.)
* * * * *
Alles Lebendige ist umflossen vom �ther der Sinnlichkeit. Oder: Die Luft
der lebendigen Welt ist ein leicht entz�ndliches und jeden Augenblick an
hunderttausend Punkten aufflammendes Gas: Sinnlichkeit.
* * * * *
Gibt es eine sch�nere Form, an einen Menschen zu denken, als ihn 'Tag um
Tag in sein Gebet mit einzuschlie�en'? Und doch haben wir diese Form
fallen lassen m�ssen ...
* * * * *
Es gibt wenig gewaltigere Dinge, als den Schlu� des Johannes-Evangeliums.
Zuerst die dreimalige Frage an Simon Johanna: 'Hast du mich lieb?' Es ist,
als ahnte und f�rchtete Christus das ganze Papsttum voraus, die ganze
offizielle Kirche, die ihn unz�hlige Male vergessen und verraten sollte.
'Weide meine Schafe!' Eine welthistorische Szene. Und Christus verk�ndet
ihm seinen Tod. 'Und da er das gesagt, spricht er zu ihm: Folge mir nach!'
'Petrus aber wandte sich um und sah den J�nger folgen, welchen Jesus lieb
hatte ...' 'Da Petrus diesen sah, spricht er zu Jesu: Herr, was soll aber
dieser?' 'Jesus spricht zu ihm: So ich will, da� er bleibe, bis ich komme,
was geht es dich an? Folge du mir nach!' 'Da ging ein Reden aus unter den
Br�dern: Dieser J�nger stirbt nicht. Und Jesus sprach nicht zu ihm: Er
stirbt nicht, sondern: So ich will, da� er bleibe, bis ich komme, was geht
es dich an?' Keine Szene mehr, ein Mysterium: Dieses Vorbei Christi an dem
andern, dieses allerletzte Wort -- nach dem letzten -- an den Vertrauten
seiner Seele. -- 'Was geht es dich an?!' -- 'Bis ich komme. --'
WELTBILD: EPISODE, TAGEBUCH EINES MYSTIKERS
1906
Ich schrieb dies auf einem Punkte, wo der Mensch mit Gott zusammenf�llt,
wo er aufh�rt, sich als Sonderwesen f�hlen zu k�nnen.
* * * * *
Religion ist Selbsterkenntnis des menschlichen, als ebendamit g�ttlichen
Geistes. Religion ist die Erkenntnis, da� alles Denken g�ttliches Denken
ist, wie alle Natur g�ttliche Natur, da� jede Handlung eine Handlung
Gottes, jeder Gedanke ein Gedanke Gottes ist, da� Gott nur soweit Gott
ist, als er Welt ist, da� die Welt nichts anderes ist als Gott selbst, --
da� in demselben Augenblick, da ein Mensch sich seines Gott-seins bewu�t
wird, Gott in ihm sich seiner selbst als Mensch bewu�t wird.
* * * * *
Betrachte den Sternenhimmel -- alles versinkt um dich her. Wer ist er, wer
bist du. Dein Denken schweigt. Du f�hlst dich wie hinweggehoben,
zerflattern ... Wer bist du, wer ist er, wenn nicht -- Es. Das unfa�bare
Selbst, Gott, das Mysterium. Und dies Mysterium fragt in sich selbst: wer
bin ich, wer bist du. Gott fragt sich selbst in sich selbst -- und wei�
keine Antwort, erstummt in sich selbst ...
* * * * *
Wie kann es eine S�nde f�r mich geben, wenn ich Gott bin? Wenn ich meinen
Bruder erschlage, erschlage ich mich in ihm; es gibt nichts, was ich nicht
ein Recht h�tte zu tun; denn ich tue es an mir selber. Der T�ter ist
zugleich der Erleider -- vielleicht ist dies ein Fenster in mich hinein,
vielleicht erahnt sich durch dies Wort das Unvorstellbare, das wir sind
und dem gegen�ber uns nur tiefstes Grauen und Wegsehen, praktisch aber nur
dies �brig bleibt: uns als die, als die wir uns nun einmal vorgefunden
haben, innerlichst zu vollenden, gleichviel, was objektiv f�r Uns, als
Gott, damit gewonnen oder nicht gewonnen sein mag.
* * * * *
Das eine und einzige Gebot: Du darfst alles tun, was du willst, aber
bedenke, da� du es dir selbst tust.
Wenn du meinst, es dir selbst tun zu d�rfen, so tue selbst das �u�erste.
Dies Gebot hindert kein Schaffen oder Zerst�ren. Mit diesem Gebot bist du
frei zu allem und doch wird es dich weise machen.
* * * * *
Wie kann ich schw�ren: Ich schw�re bei dem allm�chtigen Gotte, da� ich
dies nicht getan habe -- da ich doch selbst dieser allm�chtige Gott bin
und -- als ein sogenannter anderer Mensch -- es sehr wohl getan habe? Aber
ich werde das dem Richter nicht auseinanderzusetzen verm�gen; er wird
niemals begreifen, da� er wie auch der Verbrecher Eine Person mit mir ist:
und ich werde als Mensch wie ein Verr�ckter dastehen und als Gott auf mich
den Richter blicken, wie jemand auf seinen Daumennagel blickt, auf den er
ein Gesicht gemalt hat. Er spricht zu dem Daumen und sagt ihm, da� er mit
ihm eins sei, aber der Daumen versteht kein Wort von dem, was er sagt.
* * * * *
Denke dir den einfachsten Menschen der Welt, mit einer oft lebhaften,
leicht und nachhaltig erregbaren Phantasie und einiger dichterischer
Begabung, ohne hervorragende Charaktereigenschaften, aber von dem
best�ndigen Wunsch erf�llt, sich zu verinnerlichen; ein Schw�chling, ja
ein w�rdeloser Mensch mitunter, ohne ausgepr�gten Sinn f�r Moral, von
einer Sinnlichkeit, die sich wie eine feine W�rme �ber sein Leben
verbreitet, deren eigentliche Ausbr�che indessen nicht so sehr von Belang
sind, soda� man bei ihm zugleich von einer ihn h�ufig, wie die Flamme das
Licht, verzehrenden Leidenschaftlichkeit und zugleich von einer sehr
geringen F�higkeit zur Leidenschaft sprechen mag; dabei von einer
angeborenen Heiterkeit des Geistes, einer gewissen Neigung zu Spott und
Gelassenheit, vielbelesen ohne irgendwie fachlich gebildet zu sein, von
schlechtem Ged�chtnis, unge�bt und tr�ge im Dialektischen, durchdringend
nur in seiner Ausdauer, immer nur ein Ziel bewu�t oder unterbewu�t zu
verfolgen: sich in seinem Zusammenhang mit dem Au�er-Ihm zu erkennen; --
denke dir einen solchen Menschen eines Tages das Wort verstehen: Ich und
der Vater sind eins. Denke dir, wie er das Wort in sich hin und her
wendet, mehr noch, es sich hin und her wenden l��t; denn er springt auf
seine inneren Erlebnisse nicht zu, er l��t sie leben oder sterben je nach
ihrer eigenen Kraft; wie es ihn zum endlichen Bewu�tsein seiner selbst zu
bringen scheint, als w�re alles andre Blindheit, vollkommene Blindheit:
sich nicht als Gott selbst -- als das Eine und Alle, als das Einzig --
Bestehende zu sehen, als w�re es geradezu eine 'Ver-r�cktheit', sich
'Gott' gegen�ber als irgend etwas anderes, Gegens�tzliches, Seitliches,
Beigeordnetes oder gar Untergeordnetes zu f�hlen, ja die Frage 'Gott'
�berhaupt noch irgendwie zu diskutieren, als m�sse man -- _sich sich
selbst beweisen!_ 'Ihr seid alle in mir, aber in wem bin ich? -- Wer mich
hat, der hat auch den Vater. --'
Wie mich diese steten Wiederholungen einst �rgerten, wie einf�ltig und
eigensinnig sie mir erschienen; als ob ein Kind immer dasselbe
wiederholte!
Bis mir eines Abends d�mmerte, aus welchem Gef�hl heraus dieses
unerm�dliche Betonen geflossen sein mu� ...
* * * * *
Mein Tod ist meine Wahrheit, wie Dein Tod die Deinige. Wenn ich als
Individuum sterbe, bejahe ich mich als Welt. Denn mein Tod als solcher ist
dem Leben des Ganzen notwendig und da ich selbst der Teil wie das Ganze
bin, ist mein Tod mir selber notwendig. Was aber meine Notwendigkeit ist,
ist auch meine Wahrheit; denn Notwendigkeit ist h�chste Bejahung und
h�chste Bejahung Wahrheit.
* * * * *
Ich werde erst sterben, wenn ich erf�llt haben werde, was ich erf�llt
haben konnte. Gott stirbt nicht vor der Zeit. Er wacht hier auf und
schl�ft dort ein, wie es gut ist. Was str�ubst du dich gegen das, was du
dein Schicksal nennst? Siehe dir selbst ins Antlitz: Dein Schicksal ist,
da� du Gott bist. Ich sage: Gott! Aber wo uns die Wirklichkeit dieses
Wortes fa�te, da w�re unser Herz und Hirn auch schon dahin, wie ein
Bologneser Glas, das, getroffen, zu Staub zerspringt. Gott schauen ist
Tod, das wu�ten alle V�lker. Gott erraten ist Leben.
* * * * *
Jahrhunderte stritten �ber das Wort Dreieinigkeit Und doch enth�lt es die
Welt, f�r ein Kind gedeutet. Der Vater, das ist das Leben, das alles ist
und das der einzelne Mensch nie aus seinem Gehirn heraus fassen oder gar
erkl�ren kann. Der Sohn, das ist dies selbe g�ttliche Leben als sich
erahnendes Wesen, als Mensch, als der Mensch Christus im Besonderen. Der
heilige Geist, das ist das langsame Weiterg�ren dieser Erkenntnis auf
Erden: da� alles 'Gott' ist. --
* * * * *
Tief unten schlachten sich noch die V�lker, es raucht das Blut und in
Selbstzerfleischung f�llt noch -- Blindes sich selber an. Warum tue -- Ich
das. Ich wei� es nicht. Die Menschheit ist noch ein Kentaur, der heilige
Geist hat das Tier erst zur H�lfte verwandelt.
* * * * *
'Gott ist nur der Lebensfunke.' Sch�n. Dieser Funke aber bildet Sterne und
Gehirne. Ja, er legt mir selbst das Wort Gott �ber sich in den Mund. Und
so brauch ich's denn.
* * * * *
Was es gilt, ist die Austreibung Gottes aus allem Jenseits in das
Diesseits. Gott ist nicht irgendwo, er ist auch nicht hier oder dort,
sondern er ist dies und das, und drittes und legionstes.
* * * * *
Ich habe den verwandelnden Blick.
* * * * *
Vor einer Anzahl von Leuten der 'guten Gesellschaft'. Sind es nicht alles
Menschen, die man in irgend einem Zuge ihres Wesens lieben kann? Alle sind
so oder so ein wenig oder sehr liebenswert. Aber sie m��ten auch fast alle
mit dem Gift einer schwachen doch steten Unruhe geimpft werden. Sie wollen
zu wenig �ber sich hinaus, sie siedeln sich zu schnell bei sich selber an,
sie haben zu wenig Wachstum und Wandertum in sich. Sie glauben, mit 30
Jahren sich gefunden zu haben -- sie nennen es: erwachsen sein -- und
setzen sich schon auf sich selbst zur Ruhe. Man wird nichts Unerwartetes
von ihnen mehr sehen oder h�ren; als ob man nicht von jedem Menschen in
jeder Stunde Unerwartetes erwarten m��te! Man kann sie vorausberechnen wie
irgend etwas ganz Gew�hnliches -- und dabei sind sie das Ungew�hnlichste
der Welt, n�mlich Menschen und tragen das Unberechenbarste der Welt in
sich: eine zu jeder Unerh�rtheit f�hige Seele. Sie haben ganz vergessen
oder nie begriffen, da� sie -- Gott sind, sie begn�gen sich damit, Herr X
oder Frau Y zu sein und als solche und nur als solche zu leben und zu
sterben.
* * * * *
Dieser Grundhang, das Leben zu einer Biedermeierei zu erniedrigen, ist es,
den ich unter der Bezeichnung 'b�rgerlich' �berall aufsp�re und verfolge.
Es ist die eigentliche Gefahr des Menschen, zu versimpeln. Man sollte
t�glich zu einer festgesetzten Stunde einen Glockenton durchs ganze Land
gehen lassen, der keine andre Bedeutung h�tte, als die, den Menschen in
Erinnerung zu rufen, da� sie nicht nur B�rger von diesem Namen und jenem
Stand seien, sondern unerforschliche Teile des Unerforschlichen. Man m��te
eine eigene Glocke daf�r erfinden und in unz�hligen gro�en und kleinen
Exemplaren gie�en lassen: eine 'Ged�chtnisglocke des Menschen'. Wo aber
ein Tempel gebaut w�rde, da m��te �ber seiner Pforte stehen: Dem
furchtbaren Gott, oder: Mir selber, dem dreimal Unbekannten.
* * * * *
Der Mensch von 1900 scheint eine neue Tugend in sich gereift sehen zu
d�rfen: die Erkenntnis des B�rgerlichen. Als das B�rgerliche bezeichne ich
das Absehenk�nnen des Menschen davon, da� er das Geheimnis der Geheimnisse
ist, das Sichhinstellen- und Verharrenk�nnen des Menschen als eines
Zweiten. B�rger hei�t: der sich in einer Burg Bergende. B�rger hei�t mir
der Mensch, insofern er sich in der Burg des Gedankens birgt, etwas andres
als Gott selbst zu sein. Kein Mensch kann sich wirklich als Gott f�hlen,
der er ist. Es kann Gott sich nur b�rgerlich und nicht anders ergreifen.
Das Menschliche ist schlechtweg das B�rgerliche.
* * * * *
Im Menschen erschuf sich das Ungeborgene seine Burg. Gott ist nichts
Au�erb�rgerliches; wo auch nur die kleinste Zelle, da ist sie zugleich
Gottes Burg. Nun ist aber alles Zelle, das Wort wo ist �berfl�ssig, ebenso
wie wenn man sagen wollte: wo (im Glase Wasser) auch nur ein Tropfen
Wasser, da ist Gott in ihm. Alles ist 'Burg'. Seit Welt �berhaupt ist,
gibt es nur Gott, den Geborgenen, den B�rger.
* * * * *
(In einem Kaffeehause.) So von seinem Marmortischchen aus, seine Tasse vor
sich, zu betrachten, die da kommen und gehen, sich setzen und sich
unterhalten, und durch das m�chtige Fenster die drau�en hin und her
treiben zu sehen, wie Fischgewimmel hinter der Glaswand eines gro�en
Beh�lters, -- und dann und wann der Vorstellung sich hinzugeben: Das bist
Du! Und sie alle zu sehen, wie sie nicht wissen, wer sie sind, wer da, als
sie, mit SICH selber redet, und wer sie aus meinen Augen als SICH erkennt
und aus ihren nur als sie!
* * * * *
Wie tief wird doch die Kirche, wenn man die Menge betrachtet, in der sie
das eigentlich Wertvolle, das Innerliche, Namenlose wach erh�lt, diese
Menge, die unter den H�nden der Aufkl�rer zu einem platten, sich selbst
und den andern uninteressanten Haufen wird! Ja, die Kirche ist sicherlich
unsere, der Erkennenwollenden, beste Freundin. Sie ist die einzige
ebenb�rtige Gef�hrtin der Philosophie. Und was die Verirrungen beider
anbetrifft, so d�rften sie hier wie dort, wenn auch gleich ehrw�rdig, ganz
verschiedenen Charakters, gleich unertr�glich und gleich l�cherlich sein.
* * * * *
Vielleicht bin ich nur ein Bildschnitzer und nun schnitz ich Gottes
Bildnis an allem.
* * * * *
Eine szenische Vorstellung ist f�r den Kontemplativen etwas wie eine
Parade. Oder wie ein Schachspiel, gespielt mit lebendigen Puppen. Oder wie
ein Glockenspiel mit kunstvollen Figuren.
* * * * *
Aller Blick auf menschliche Dinge mu� zuletzt im Furchtbaren enden. Iwan
Karamasow lehnt diese Welt ab; und wenn er alles begriffe, die Leiden der
Kinder begreift er nicht. Wie aber -- wenn all dies Leiden zuletzt ein
Eigenleiden, ein Selbsterleiden Gottes ist! Wenn die ganze Menschheit und
jede nur irgendwie denkbare Menschheit des Alls Gott selbst ist, das ohne
Ma� gro�e schauerliche tragische Leben Gottes selbst! Nur eine Sekunde
dumpfer Ahnung Seiner, als Gott selbst, in eines Menschen Hirn .. und
scheint nicht alles aufgel�st -- nicht in eine unsagbare _Harmonie_ -- o
nein -- aber in einen nie zu erfassenden, erf�hlenden Abgrund von solcher
Schauerlichkeit und Tiefe, da� jede Anklage, jede Klage, ja jedes Urteil
verstummt. Es bleibt nur der fast unsichtbare Blitz einer fernen
Erkenntnis Seiner selbst, der mich, den Menschen, zerfressen und tot
niederwerfen w�rde, wenn er auch nur einen Grad heller, eine Sekunde
l�nger leuchtete. Aber ich glaube, diese dumpfe Selbsterkenntnis Gottes im
Menschen ist zugleich Seine einzige Selbsterkenntnis. Gott ist in der
Natur gefangen, wenn man so sagen soll. Gott ringt sich aus ihr zum Sich
Selbst erschauenden Geist empor. Der Mensch ist Gottes Kopf. Aber so wenig
wie der Mensch, wird sich Gott je selbst _erkennen_ (nur erahnen); denn er
erkennt ja nur so weit, als er Mensch ist. Menschenleid ist zugleich
Gottesleid; es scheint nur ein Wechsel des Worts und es ist doch etwas
andres, ob jenes kleine M�dchen, von dem Iwan Karamasow erz�hlt, sich als
eben dieses M�dchen die Brust mit den F�ustchen schl�gt oder ob es einen
Moment im Leben dieser selbstseienden, mit sich selbst k�mpfenden, um sich
selbst k�mpfenden Unsagbarkeit 'Gott' darstellt. Dieses M�dchen ist dort
noch b�rgerlich gesehen, g�ttlich gesehen wird es zum Mysterium, zu
liebenswert f�r unsere Liebe, wie zu tief f�r unsere Klage.
* * * * *
(Nach einem franz�sischen Roman.)
Sieh diese Liebe zweier Menschen, denen die gemeine Sorge des Lebens fern
bleibt, diese, wenn du so willst, frevelhafte Liebe, weil sie im Geheimen
und wider das Gesetz lebt, sieh diese beiden Luxusgesch�pfe, die der
Proletarier erw�rgen w�rde, wenn er wieder einmal in die H�user der B�rger
br�che, -- stelle dir dicht daneben, kaum durch eine Stra�e getrennt, das
grinsende Elend, die verst�mmelnde Krankheit, den Schmutz, die
Niedrigkeit, das Verbrechen vor -- und frage dich, was ein Gott tun m��te,
der dies nicht _alles selbst_ w�re. Nur eine Welt, die Gott selbst ist,
darf so sein, wie sie ist. Gott schenkt sich selber nichts, er ist die
Liebe jener beiden feinen verwegen gewissenlosen Kulturgesch�pfe, er ist
ihr Rausch, ein Rausch von solcher Tiefe und Sch�nheit, da� er selbst
dieser Rausch _sein_ mu�, um seinen ganzen sublimen Wert zu empfinden, da�
er er sein mu�, um ihn (m�chte ich sagen) nicht erst 'empfinden' zu m�ssen
und so ihn durch dies Empfinden, das zugleich ein Urteilen w�re -- im
Urteilen aber schl�ft auch schon das Verurteilen -- herabzusetzen; ich
sage, er ist diese Liebe selbst, wie er auch daneben das Elend, die
Krankheit, der Schmutz ist, er braucht nicht vor sich zu err�ten wie ein
feiler Gen��ling, er ist kein Dieb an fremdem Gut, er erschleicht seine
h�chsten Zust�nde nicht, er ist in schrecklicher F�lle und Wahrheit alles,
von oben bis unten, er ist das ganze Universum am 'eigenen Leibe', noch
einmal: Er darf alles sein, weil er alles _ist_. (Sp�tere Anmerkung:
Solange er nicht selbst darum 'wei�'. In diesem Moment beginnt seine --
Sittlichkeit.)
* * * * *
Es gibt nichts, das ich Mir nicht vergeben k�nnte, und nichts, das ich
nicht �berwinden m�chte.
* * * * *
Die Liebe zwischen Mann und Weib wird erst dadurch, da� sie Liebe Gottes
zu sich selbst ist, zu einem Problem von schauerlicher Tiefe. Was allein
kann das letzte Ziel dieser Liebe sein? Das Kind? Keineswegs. Das Kind ist
ja nur wieder Gott als Individuum. Wenn der Mann mit dem Weibe pl�tzlich
zusammenschmelzen k�nnte in einen dritten K�rper, dann w�rde die Erde
vielleicht im selben Augenblicke vor j�hem Erschrecken untergehen.
* * * * *
Nietzsche sagt einmal, da� mit der Wissenschaft der Optimismus Herr
geworden sei. Und f�rwahr, mit dieser Z�hlmaschine in der Hand wird der
Mensch ein besch�ftigtes und beruhigtes Schulkind. Die Furchtbarkeit des
Daseins verliert ihre Gewalt f�r ihn, er klassifiziert, kl�rt auf,
korrigiert hier und dort. Eine Welt, f�r die es nur die Eine Bezeichnung
'furchtbar' gibt, wird ihm zuletzt ein behagliches Wohnhaus, in das blo�
der Tod seine ungem�tlichen Schatten wirft. -- Sei bedankt, Tod,
millionenmal bedankt, da� du das unwegschaffbare Ingredienz unseres Lebens
bist. Ohne dich m��te das ganze Sinnen jedes Denkenden unaufh�rlich darauf
gerichtet sein, dich zu erfinden. Ohne dich w�rde Gott am eigenen Leibe
verfaulen.
* * * * *
Vor einem Kirchhof: Die abgelegten Kleider Gottes.
* * * * *
Gott ist die �berw�ltigung unseres Innern durch die Unendlichkeit. Die
Kapitulation des menschlichen Begriffsverm�gens vor der Welt.
* * * * *
Philosophie und Religion ist f�r den Menschen vielleicht nur der
Gefrierpunkt gegen den Wahnsinn. Vor der K�lte des Universums zieht sich
das Wasser als Haut zusammen, so vor der K�lte des Unbegreiflichen der
Geist zur Weisheit, das Herz zum Glauben. Gott, wo er nicht im Verfall,
rettet sich vor dem Verfall, indem er _denkt_.
* * * * *
Mein Gottesbegriff ist die Heiligung auch des Allerfurchtbarsten. Alles,
was geschieht, ist Mein bewu�ter oder unbewu�ter Wille und als solcher
unantastbar. Damit aber f�llt zugleich die �bertriebene Wichtigkeit alles
Geschehens dahin. Alles ist wichtig -- als g�ttliche �u�erung; und nichts
ist wichtig -- ebenfalls als g�ttliche �u�erung. Gottheit ist F�lle, und
F�lle wei� nichts von dem, was sich K�mmerlichkeit als Gewinn und Verlust
herausrechnet. Es gab zu lange nur den Gott des B�rgers, Gott sah sich
selbst als B�rger: den aber hat sein eignes Lachen t�ten m�ssen. Aus dem
Gott-B�rger wurde der Gott-Freie, aus dem komischen wieder der tragische
Gott.
* * * * *
In einen Roman:
'Ich sitze hier vor Ihnen und habe einen Gedanken, so gro�, wie er
vielleicht noch nie von einem Menschen gedacht worden ist, oder wenn, dann
nur von einigen Wenigen, halb Verborgenen, ich sitze hier vor Ihnen und
werde nicht drehend, nicht von Sinnen, nicht von Fieber gesch�ttelt. Ich
bringe es fertig, mit diesem Gedanken mein ganzes bisheriges Leben
fortzuleben, als sei nichts geschehen. Begreifen Sie, wie tief ich mich
verachten mu�, da� selbst ein solcher Gedanke dies sch�ne Gleichgewicht,
um das mich so viele beneiden, nicht zerst�rt, und wie ich im Innersten
nur jenes Eine begehren mu�: den Schmerz, den unentrinnbar t�dlich
verwundenden, den --'
* * * * *
(Zu Drews.) Alles Lebendige unmittelbar als Gott zu f�hlen, kann nicht
Gr��enwahn sein: denn wenn ich mich als Entwickelungspunkt Gottes, als
Gott in einer bestimmten Entwickelungsphase erkennen zu d�rfen glaube, so
gilt mir doch jeder Mitmensch, ja jedes lebendige Wesen �berhaupt
gleichfalls als Gott: soda� da nichts ist, was sich �ber andres �berh�be,
oder nur in dem Sinne, wie sich Gedanken im selben Kopfe �bereinander
�berheben.
* * * * *
(Zu Drews.) Es ist sehr lehrreich, da� dieses dicke und gelehrte Buch 'Die
Religion als Selbstbewu�tsein Gottes' gerade _die_ Idee, die Gott am
tiefsten fa�t, als 'wahnsinnig' hinstellt. Man mache sich klar: von
unz�hligen Ideen mit t�dlicher Sicherheit gerade die energischste,
bedeutendste! Man m�chte den Geist des Verfassers eine umgekehrte
W�nschelrute nennen.
* * * * *
Die Welt, lieber Herr Professor (beruhigen Sie sich), ist eine --
Privatangelegenheit Gottes. Und da Sie mit zur Welt geh�ren, so geh�ren
Sie, wie jeder andere, ebenfalls ganz restlos in diese Privatangelegenheit
hinein.
* * * * *
(Zu Dostojewski.) Es ist ein Wandel zwischen �berreiztheit, Ermattung und
Gr��e, einer Gr��e, wie sie sich nur bei den ganz tiefen, gl�henden Seelen
der Menschheit findet, und wenn ich im Augenblick gefragt werden sollte,
w��te ich auch im Augenblick nur zwei moderne Namen daneben zu nennen: den
Namen Lagarde und den Namen Nietzsche. Nur bei ihnen findet man diesen
Sturm der Seele wieder, der oft lange schl�ft, sich lange unter allerlei
psychologischem, politischem, was wei� ich f�r Kleinkram verkriecht, um
sich dann pl�tzlich unvermutet wie ein feuriger Wirbel zu erheben,
emporzusteigen, alles zu �bersch�tten, zu �berstrahlen, da� das Herz zu
klopfen anf�ngt --
* * * * *
Dostojewski hat folgende gro�artige Methode: Er f�hrt eine Anzahl Menschen
ein, die uns zun�chst nur einfach fesseln, noch nicht erregen, wirft sie
durcheinander, bringt sie in die unglaublichsten Verwickelungen, bis f�r
jeden irgendeinmal die Stunde schl�gt, wo er sein Innerstes enth�llen mu�.
Und enth�llt er sich nicht aus freien St�cken -- und je bedeutender solch
ein Mensch ist, desto verschlossener, schamhafter, unwilliger, ja selbst
zynischer ist er -- so wird er, ich m�chte sagen, 'gestellt'. Ein andrer
setzt ihm das Messer auf die Brust: Aljoscha und Iwan in den 'Karamasow',
Werssilow und sein Sohn im 'Werdenden', Schatoff und Stawrogin in den
'D�monen' usw. Lassen wir das, ruft Schatoff, davon sp�ter, sprechen wir
von der Hauptsache, von der Hauptsache .. Ich habe zwei Jahre auf Sie
gewartet. -- Nicht meine Person selbst, zum Teufel mit ihr, -- aber das
andere --! Und dann sprechen sie alle von dem 'andern', von der
Hauptsache: ob es einen Gott gibt oder nicht; was der Mensch tun mu�, wenn
es Gott nicht gibt; ob der Mensch �berhaupt ohne Gott leben k�nne; wie im
Besondern das Russenvolk diese h�chste und brennendste Lebensfrage
entscheide, und ob dieses Volk nicht vielleicht 'das einzige Gott tragende
Volk' heute sei, 'das einzige, dem die Schl�ssel des Lebens und des neuen
Wortes gegeben sind'.
Und in diesen Gespr�chen brennt die Flamme Gottes selbst, die Flamme des
um sich selbst ringenden Gottes, dessen Leib das unendliche All der
Gestirne und dessen Geist der Geist ihrer Lebendigen ist.
* * * * *
(Zu Dostojewski.) Wenn ich ein Priester w�re, so w�rde ich mit meiner
Stirn erst dreimal vor ihm den Boden ber�hren, bevor ich mich umwendete
und zu meinen Br�dern spr�che; denn in ihm ward eine jener gro�en Leuchten
der Erde lebendig, die noch in den finstersten N�chten leuchten, -- er war
einer der gro�en Rechtfertiger des Menschen, weil er sich am Menschen
nicht genug sein lie�; nur aber, wem der Mensch kein Ziel war, nur ein
Wurf nach dem Ziel, verdient Mensch gewesen zu sein.
* * * * *
(Zu Drews.) Wenn ich sage: 'Mensch' ist nur eine sprachliche Ausdrucksform
f�r 'Gott' -- ist das 'Selbstverg�tterung'? Gott kann sich doch nicht
selbst verg�ttern! Was aber w�re Gott, der nicht die ganze Natur, der
nicht alles, alles selbst w�re, der nur das Selbst, nicht auch das Ich
zugleich, nicht zugleich die Sehnsucht nach Sich und dies Ersehnte selbst,
kurz, dessen Inhalt, sozusagen, nicht die gesamte unendliche Welt w�re?
Gott ist jeder Gedanke und jedes Gebilde; es gibt allerdings Metaphysik,
insofern die Natur nicht nur ein einfacher chemischer oder mechanistischer
Proze� ist, als den sie der Materialismus hinstellen will, aber es gibt
keinen Metatheismus; Metatheismus aber w�re, das menschliche Subjekt noch
einmal in Mensch und Gott zu spalten: wenn diese Spaltung auch noch so
fruchtbar sein mag, ja wenn sie auch unzweifelhaft eines der instinktiven
Mittel des aus dumpfem Urtrieb zu immer reinerer Sichselbsterfassung,
Sichselbsterringung hindr�ngenden Gottes war und ist, seinen Weg zu sich
selbst, ja: Sich Selbst zu finden.
* * * * *
Ihr werdet mich mit Euren blassen Gottesideen nicht �berzeugen k�nnen. Der
_sichselbstsch�pferische_ Gott ist ein zu gewaltiger Gedanke, und wenn
nicht die Philosophen, so werden die K�nstler mich stets begreifen.
* * * * *
Ich kann nur durch Kampf und Leiden zur Erkenntnis Meiner selbst kommen
und zu diesem Leiden geh�rt, da�, was da leidet, zum allergr��ten Teil
nicht wei�, da� Ich leide, sondern sich als selbst-Leidendes f�hlt, soda�
ich, obwohl ich es nur selbst bin, der leidet, doch endlos zugleich leiden
_mache_. Und dies alles um Meinetwillen, um Meiner Entwickelung willen.
Was bleibt Mir da noch �brig, womit kann Ich allein diesen furchtbaren und
doch notwendigen Weg aufwiegen, wenn nicht durch -- Liebe! Liebe nicht zu
Mir, sondern zu dem, was Ich noch nicht bin, also zur ganzen werdenden
Welt, zu allem, was �berhaupt noch Werden hei�t. Die ganze Welt einst
wieder an Mein Herz zur�ckzunehmen -- k�nnte Ich mich ohne diesen Willen
zur -- Welt entschlossen haben?
(Schauerlich, wenn ich mit meinen ich und Ich mi�verstanden w�rde. Wenn
man mich f�r einen gr��enwahnsinnig gewordenen Subjektivisten n�hme!)
* * * * *
Das Geschenk solcher Gotteserkenntnis, das sie uns anstelle der 'ewigen
Seligkeit' verspricht, ist folgendes:
Wir h�ren nie auf, als Lebendige wiedergeboren zu werden, wir sind und
bleiben Teilnehmer des g�ttlichen Ringens um sich selbst. Gott schenkt uns
(sich) keinen 'Frieden', als den, welchen er sich selbst erringt. Alle
h�chste Stufe der Entwickelung erreicht Gott als Mensch: Der
h�chstentwickelte, am vollkommensten gelungene Mensch ist zugleich ein
h�chster Gl�cksmoment Gottes. Es gilt nicht, diese h�chsten Gl�cksmomente
Gottes auf allen Sternen einfach auszuschalten und als irdische
Ungen�gendheiten zu verd�chtigen. Sie sind die _einzige_ (bewu�te)
_Seligkeit_ Gottes, es gibt keine andere, hinterweltliche, au�er ihr. Sie
sind selbst geistweltlich genug. Sie sind Erk�mpftheiten, Ersiegtheiten,
nicht faule Geschenke, sie sind nicht jenes Ausruhen, jener Friede, den
die Geplagten und Gemarterten als H�chstes ersehnen, sondern Seligkeiten
der Kraft, des au�erordentlichen Verm�gens, -- alles irdische Gro�e und
Herrliche ist zugleich Seligkeit Gottes. Es gibt nicht Elende und
Gl�ckliche und einen Gott bewu�t oder unbewu�t au�erhalb ihrer, sondern
Gott selbst ist elend und gl�cklich, Gott selbst f�llt und erhebt sich,
s�ndigt und �berwindet sich, Gott selbst ist das Herz, die Seele, der
anemos der Welt.
* * * * *
Wer das Wunder nicht als das Prim�re erkennt, leugnet damit die Welt, wie
sie ist, und supponiert ihr ein Fabrikspielzeug.
Das Wunder ist das einzig Reale, es gibt nichts au�er ihm. Wenn aber alles
Wunder ist, das hei�t durch und durch unbegreiflich, so wei� ich nicht,
warum man dieser gro�en einen Unbegreiflichkeit, die alles ist, nicht den
Namen Gott sollte geben d�rfen.
* * * * *
Wirklicher innerster, reinster Glaube _kann_ sich nur auf etwas beziehen,
wof�r die Sprache kein anderes Wort hat als absurdum; das Absurde ist sein
_einziges_ Objekt. Ja, ich m�chte noch weiter gehen: was geglaubt werden
kann, ist schon nicht mehr glaubw�rdig. Glaube, im innersten Begriff, ist
Annahme _aller_ M�glichkeiten mit Ausnahme der einzigen, zu ihm selbst je
ein bestimmtes Geglaubtes, das hei�t einen irgendwie bestimmten Inhalt, zu
finden. Glaube ist nur wahrer Glaube als von keinem Gedanken entweihtes
Gef�hl Gottes. Glaube ist damit das Gef�hl Gottes von Sich selbst, Glaube
_an_ Gott ist bereits kein reiner Glaube mehr: das an setzt einen
Gedanken, ein Urteil, eine Auswahl voraus. Glaube an Gott ist ebenso wenig
Glaube Gottes, wie Gef�hl an Gott Gef�hl Gottes. Daher auch keine Vernunft
dem wahren Glauben etwas anhaben kann.
* * * * *
A. Wo ist Gott ...
B. Du fragst, wo Gott ist?
A. Ja.
B. (auf A. deutend) Dort.
A. Wo? (dreht sich l�chelnd um).
B. Ja, du mu�t dich nicht nur umwenden, du mu�t dich in dich
hineinwenden --
A. Hineinwenden?
B. Ja. Siehst du diesen Handschuh?
A. Ja.
B. Das ist der Mensch. Und dies (st�lpt den Handschuh um) ist Gott.
* * * * *
Gott ist gewi� nicht Pers�nlichkeit. Aber er wird sie in jedem Moment.
Gott ist: Pers�nlichkeiten.
* * * * *
Der K�rper, der �bersetzer der Seele (Gottes) ins Sichtbare.
* * * * *
Da� jedes Menschenleben nur die eine leibgewordene M�glichkeit unter
unz�hligen M�glichkeiten bedeutet, gibt ihm erst den gro�en Hintergrund.
Leib und -- Seele, von hier aus neu zu begreifen. Der Leib, eine Linie der
Seele, die Eine wirklich hingezeichnete Linie von Legionen Linien, die
ebenfalls jede f�r sich h�tte hingezeichnet werden k�nnen. (Sichtbar,
leiblich geworden sein k�nnten.)
* * * * *
Die Welt ist ein einziges lebendiges Wesen, in best�ndigem Aufbau und
best�ndiger Zersetzung begriffen. Es gibt f�r dies Wesen keinen Tod -- um
den Preis des individuellen Todes. Das Individuum ist der Preis des
Dividuums. Das Individuum ist verg�nglich, das Dividuum ohne Anfang noch
Ende. Das Dividuum teilt sich fortw�hrend und darum besteht es
fortw�hrend. Es kann nur bestehen, wenn es best�ndig zu Individuen wird.
Im Individuum wird es allein fest, soda� man sagen kann: Die
Individualit�t ist die Pers�nlichkeit der Dividualit�t, oder menschlicher:
Der Mensch ist die Pers�nlichkeit Gottes.
* * * * *
Das Leben hat keinen Sinn als den Sinn -- Gottes.
* * * * *
Im Anfang war -- Mein Ziel.
* * * * *
Gott hei�t immer nur der j�ngste _Begriff_ von Gott. Gott selbst kann es
f�r den Menschen niemals geben -- so wenig es f�r diese meine Hand diese
meine Hand geben kann.
Dasselbe kann nicht zugleich zweierlei sein. Mensch und Gott ist dasselbe,
also kann Gott nicht vom Menschen erkannt werden. Erkannt werden kann nur
eins vom andern. Der Mensch kann sich nicht nach sich selbst umdrehen und
darum wird er nie wissen, wer er eigentlich ist, woher, wohin, warum. Und
_mit ihm_ wird es Gott nie wissen. Gott ist sich selbst Mysterium. Und
w�re dies schlie�lich nicht das Letzte -- was w�re dann die Welt? Eine
Sphinx, die, gel�st, in den Abgrund st�rzen _m��te_. Ihr tiefster Sinn
w�re damit verloren -- das Nieaussinnbare. Sie h�tte jeden Grund verloren,
weiter zu _sein_; denn der Welt Grund ist allein ihr _Ziel_. Wo aber ein
Ziel erreicht ist, ist Tod und Ende. Welt, Gott, hei�t stets unerreichtes
Ziel. Und so unerreichbar ist dieses Ziel, da� wir nicht einmal wissen, wo
es liegt, wie es hei�t. Aber immer sucht das Universum. Gott ist der Welt
Suche nach ihm. Die Welt ist Gottes Suche nach Sich, nach Seinem Sinn,
nach Seinem Grund. Alles ist Weg, Gott ist Weg. Das Kleinste wie das
Gr��te, alles ist nur ein Weg. Der Weg nach dem Sinn ist der Sinn selber.
Der Weg nach dem Sinn ist der _Sinn_ des Wegs.
* * * * *
Alles will zusammensein und darum zusammenkommen. Assoziation ist zuletzt
das eine welterkl�rende Wort. Das andere -- kennen wir nicht. Aber wir
w�rden das mit ihm bezeichnen, was dieses Zusammenkommen von Allem zu
Einem verhindert, um daf�r die Welt der Individualformen aus ihnen zu
bilden. Denke dir zwei konzentrische Hohlkugeln aus Glas. Die �u�ere
Hohlkugel ist mit Gas gef�llt, die innere luftleer. Nun wird die innere
zertr�mmert: Das Gas will blitzschnell den ganzen Raum erf�llen, als
Eines, Untrennbares, Ganzes, Molek�l an Molek�l, gleichartig assoziiert.
Aber umsonst: denn in der innern Kugel war etwas, das nun folgenden
Vorgang zeitigt: Das Gas kommt nicht als Eines, Ungeteiltes zusammen,
sondern erst als eine Unzahl von besonderen Zusammenheiten, etwas
verhindert es am Zusammensein schlechthin. Jenes erlaubt ihm nur ein
Zusammensein in Form von Legionen Zusammenseienden.
Oder so: Eine Masse wird durch einen Pilz in G�rung versetzt. Der Pilz
bildet die au�erordentlichsten und vielf�ltigsten Formen. Die Masse strebt
ewig zur�ck zu ihrer Einheit, aber der Pilz wuchert fort. Gott sein
eigener Pilz.
* * * * *
Es gibt nicht zweierlei Geist, sondern nur einerlei, und er ist Gottes
Geist, ebenso, wie es auch nur einerlei Leib gibt, n�mlich: Gottes Leib.
* * * * *
Man bemerkt es bei den irdischen Ereignissen dieser Tage (dem
Vesuvausbruch und dem Erdbeben in San Francisco) wieder einmal, wie gering
bei den Menschen das Gef�hl ist, das das nat�rlichste von allen sein
sollte: Das Gef�hl des Zusammenhangs mit allem, was ist. Nicht einmal bis
Neapel reicht ihr Glaube an die Einheit und Korrespondenz aller Dinge, wie
sollten sie den Gedanken fassen, da� das ganze Universum best�ndig in
ihnen ist, wie sie in ihm, ja, da� jener Ausbruch des Vesuv sowohl wie
irgend ein untergehender Stern hinter der Milchstra�e im Grunde nichts
anderes als ihre ureigenste Angelegenheit bedeutet.
* * * * *
S�tze wie: In der Welt �berwiegt die Summe des Leidens die Summe des
Gl�ckes -- was sind sie im letzten Grunde anderes als Wortspielereien vor
dem in Leid wie Lust furchtbaren, ganz und gar �bergewaltigen Charakter
des Weltalls. Sollte in diesem ganz unfa�baren Komplex des Lebens nicht
Leid und Lust so untrennbar, so organisch, so durch und durch ineinander
verschlungen und verwirkt sein, da� man schon ein Prachtst�ck an
Trockenheit und Pedanterie sein mu�, um hier mit einer Wage heranzutreten
und seine innere Unsicherheit, was nun wohl richtiger sei, die Welt zu
segnen oder zu verdammen, durch ein so durchsichtiges Man�ver bem�nteln zu
wollen? Der starke Geist wird, nachdem er angefangen hat mit sich ins
Reine zu kommen, leidenschaftlich bejahen oder verneinen; ohne
vorzusch�tzen, da� er durch 'sorgf�ltiges Abw�gen' zu solcher Erkenntnis
gelangt sei. Ein noch st�rkerer aber wird es weder beim Ja noch beim Nein
aushalten: Er wird bekennen, da� ihm vor einem solchen Schauspiel, wie die
Welt, alle Erdenworte versagen und vergehen, da� wohl ein geheimes Ja in
seiner Seele lebt, da� er sich aber nicht Weltallsrichter genug erachtet,
es auszusprechen, und da� sein oft in ihm aufquellendes Nein zu der
Brotkrume Erde, die und deren Erscheinungen er allein kennt, ebensowenig
wagen darf, das unversiegbare F�llhorn seiender und noch m�glicher Welten
zu verw�nschen. Er wird, wie einer, der seine Worte und Werturteile
unerbittlich zu b�ndigen gelernt hat, zu schweigen versuchen, und wenn man
ihn nach seiner Religion fragen wird, so wird er antworten: sie ist
Verstummen aus Schrecken, aus Selbstzucht und aus Phantasie.
* * * * *
Ich will den Menschen nicht schiffbr�chig sehen, aber er sollte dessen
bewu�t sein, da� er auf einem Meere f�hrt.
* * * * *
Wir m�ssen uns davor h�ten, ausschlie�lich mit der Menschheit unseres
Planeten zu rechnen. Wir m�ssen annehmen, da� jeder m�gliche Gedanke �ber
Gott auch wirklich (von Gott) gedacht wird, gleichviel ob in unsern oder
in Mars- oder Saturnk�pfen, ja, da� es sehr wohl Planeten geben kann, auf
denen Gott sozusagen leibhaftig im vollkommenen Bewu�tsein seiner selbst
lebt. Da� wir als die Phase Gottes, die wir sind, offenbar nur Gott in
irgend einer Phase darstellen, nicht zugleich in seiner h�chsten; wiewohl
auch seine h�chste nur eine 'endliche' sein mag, indem das unendliche
'Mysterium' nur im immerw�hrenden Endlichen unendlich bleiben kann. Gott
kann allein leben durch seinen immerw�hrenden Tod. Gott mu� fortw�hrend
sterben, um fortw�hrend leben zu k�nnen. Gott stirbt nie um den Preis
fortw�hrenden Todes. Versuchen wir dieses Furchtbare zu fassen, und
�berwinden wir es durch das Wort 'Ich bin', das Gott in uns spricht. 'Ich
sterbe als du, damit ich als ich lebe. Du aber bist ich und ich bin du,
sei also getrost. Dies ist nun unsere Notwendigkeit (wie ich sie als du
erkannt zu haben meine).'
* * * * *
Ich glaube, unsere Erde hat ihr Ebenbild in jedem Baum, in jeder Blume.
Ein Keim fiel in einen Grund, ging auf, entwickelte sich zu Pracht und
Duft -- und wird, was man so nennt, absterben, wenn er seinen Gang
vollendet. Ist Sch�nheit und Duft einer Rose etwas Geringeres als
Sch�nheit und Duft der gro�en Erdenblume? Und welkt, wenn die Rose welkt,
minder Tragisches dahin, als wenn dieser Erdball einst vergehen wird? --
Wachstum ist alles, das Wort 'w�chst' vielleicht das letzte m�gliche Wort.
-- Und wie es unendlich viel B�ume und Blumen gibt, so unendlich viel
Welten und Gestirne, keine, keines gleicht dem andern, -- und so w�re der
Paradiesesgarten als Ewigkeitsgarten abermals stabilisiert. Eine
Phantasie, gro� genug. Ein Bild f�r Gott, immerhin unzerrei�bar von
menschlichen Kinderh�nden. Eine Vorstellung, eine Erahnung, wohl nicht
st�rker, nicht deutlicher als der kaum erhaschte Duft einer von einem
Berggipfel in einen Bergabgrund geworfenen Rose, deren an dir Vor�berfall
du auf einer vorspringenden Felskante wie ein blitzartiges Wunder erlebst.
Aber doch eben das, und als das, etwas. --
* * * * *
Der Mensch, der ganz erkannt haben w�rde, w�re der wieder geschlossene
Ring Gottes.
* * * * *
Der Mensch ist ein an einer Stelle ge�ffneter Ring. Gott ist der Ring als
Eines, Ununterbrochenes. Der Mensch stellt sich dar als dieser Ring,
unterbrochen, mit seinen zwei Enden sich wieder zu vereinigen, zu
schlie�en strebend. Der Mensch ist aus sich auslaufender und in sich
zur�cklaufender -- aber noch nicht zur�ckgelaufener -- Gott. Der Mensch
ist die Offenheit des Rings, der noch nicht wieder zusammengeschmolzene
Hingott und Widergott.
* * * * *
Gedanken vor Kierkegaard, Buch des Richters.
'So wird sie mich in der Ewigkeit verstehen.' -- W�re es nicht furchtbar,
wenn der Mensch nur Entwurf Gottes bliebe? Wenn jeder dieser Entw�rfe als
Entwurf endigen m��te, statt weiter und weiter durch alle Ewigkeit
ausgef�hrt, weiter gebildet zu werden? Gewi�, der gegenw�rtige
Weltdurchschnitt wird immer Fragmentmosaik sein -- aber es fragt sich, ob
einmaliges Fragmentmosaik oder Fragmentmosaik als Fortsetzung und zwar
nicht blo� im Ganzen, sondern auch im Einzelnen, Einzelnsten: ob ich also
nicht nur Fragment Gottes im Ganzen, sondern auch Entwickelungsfragment
meiner Person, als einer gottwerdenden Person, als Gottes im Einzelnen,
bin. So vielleicht: Kann Gott als Menschenperson verloren gehen, ist
Person nur eine Maske Gottes (oder besser ein Leib Gottes) -- oder ist
Gott, einmal Person geworden, als solche ebenfalls unsterblich, soda�
seine Entwickelung nicht nur eine Entwickelung zur Selbstahnung seiner
Selbst als Welt, sondern auch eine Entwickelung in jedem Einzelnen zur
immer wieder sterblichen Person auf immer wieder h�herer Stufe w�re?
* * * * *
Vor einem Sterbelager.
Vielleicht trifft man sich einmal unter freundlicheren Verh�ltnissen
wieder. Ja, vielleicht haben wir uns auch diesmal schon wiedergetroffen,
von fr�her her, nur, da� wir es nie wissen, da� wir heimliche
Zusammenwanderer sind.
* * * * *
Der Irrtum ist das formbildende Prinzip. Wahrheit kann nur als Irrtum zur
Erscheinung kommen. Alles Daseiende selbst ist Irrtum, aber Gott
entwickelt sich, wird (ist) nur dadurch, da� er sich best�ndig 'verrennt',
verstrickt, verwickelt, zu Knoten sch�rzt, da� er sich selbst best�ndig
Stationen schafft. Er w�rde wie ein Meer ins Unendliche verflie�en -- wenn
er sich nicht fortw�hrend selbst im Netz gleichsam der Einzelerscheinung
finge, diese Netzerscheinung wie als ein bereits Endg�ltiges zu h�chster
relativer Vollkommenheit emportriebe: um, wenn das urspr�ngliche Netz
sozusagen v�llig in sie hineingenommen, nun den Pers�nlichkeitskern als
Eigengewinn davon zur�ckzubehalten, das andere wieder zerfallen zu lassen.
* * * * *
Warum ist Mitleid nichts? Weil Mitleid dich ablenkt von dir auf den
andern. Dich aber sollst du zu vollenden trachten, nicht den andern. Wer
sich nach innen wendet in seiner Tiefe, von dem f�llt Mitleid ab wie ein
M��iggang. Er kann niemanden mehr bedauern um seines Leides willen, er
k�nnte ihn h�chstens um dessentwillen bedauern, da� ihn sein Leid nicht in
sich hineintreibt, da� es ihn nicht vertieft. Wer sich und den N�chsten
als Gott erkannt hat, von dem f�llt Mitleid ab wie ein Geschw�tz. Er wird
den N�chsten zwar mehr als sich lieben und ihm sein Menschliches zum Opfer
bringen k�nnen, wenn es das gilt, aber ohne Mitleid; denn mit gro�em Auge
wird er durch sein Leiden hindurch ihn als Sich sehen; in dem aber, was er
da sieht, fallen, wie Ekkehart sagt, alle Worte dahin. Da hat Mit-Leiden
keinen Sinn und keinen Platz mehr.
* * * * *
Es ist ein schauerlich tiefer Gedanke: Der grobe schwerf�llige K�rper, als
Geist zugleich mit dem Geist aller Epochen unabl�ssig verkehrend.
* * * * *
Denke dir einen Teppich aus Wasser. Und als die Stickerei dieses Teppichs
die Geschichte des Menschen.
* * * * *
Z�nde einen Magnesiumfaden an -- und du hast das Leben des Menschen im
blitzschnellen Bild. Leben und sterben sind nur zwei Ausdr�cke f�r
dasselbe. Und unser Ichgef�hl das Gef�hl des hineilenden feurigen Punktes.
* * * * *
Es gibt nur ein Neues: Die N�ance.
* * * * *
Die Welt, eine in sich zur�cklaufende Spirale.
* * * * *
Wir m�ssen sehen, aus den Formen, als die wir erschienen sind, bis zu
unserm Ende zu Kugeln zu werden: die Spirale der Ewigkeit hinabzurollen,
nicht aber wie ungef�gte Kl�tze hinabzurutschen und hinabzupoltern, mu�
unser erster Wunsch und letzter Wille sein.
* * * * *
Betrachte die Welt: Alles wesentlich, alles unwesentlich. Unwesentlich die
M�cke, wesentlich der Mensch; unwesentlich der Mensch, wesentlich die
Menschheit; unwesentlich die Menschheit, wesentlich das Universum;
unwesentlich das Universum, wesentlich --
1907
Wir m�ssen das Quantitative verabschieden. Gott, ich meine das
Unvorstellbare, das wir sind, ist weder gro� noch klein. Alles ist in
jedem Augenblicke Gott und jeder 'Teil' in jedem Augenblicke zugleich das
Ganze. (Ist denn das Wasser f�r den Tropfen klein oder gro�? Nein, er ist
der Tropfen und das Wasser zugleich. Wasser aber ist weder klein noch gro�
und wenn der Tropfen zur�ckblickt auf den Wasserfall, so wird er doch
darum nicht sagen k�nnen: Wasser ist gro�. Und so ist 'Gott' auch nicht
gr��er da, wo er die 'Milchstra�e' ist, als da, wo er in einem Menschen im
Gras liegt. An sich ist diese Blume hier nichts geringeres als zehntausend
Gestirne. Und so zerbrich denn auch nicht, Herz, an diesen Worten 'gro�'
und 'klein', denn 'das gibt es alles garnicht'.)
* * * * *
Ich f�rchte, -- und dieser unheimliche Gedanke kehrt mir, fast seit ich
denken gelernt, immer wieder, --: nicht, da� wir sterben werden, ist zu
f�rchten, sondern da� wir nie sterben werden. Ich empfand dies immer unter
folgenden Worten: Ich werde immer da sein. Und wenn ich heute meinem Leib
nach sterbe, wer will wissen, ob ich dann nicht -- mein Freund bin? Nicht
als ob etwas, was meine Seele genannt werden k�nnte, gewandert w�re, nein,
sondern wie wenn ein Etwas in allem Lebendigen immer w�re und w��te da� es
w�re ... Wer will wissen, ob er nicht aus seinem Freunde (wenn auch ganz
und gar als dieser und mit allen physischen Pr�missen) in die Welt blickt,
in demselben Moment, wo er sein Bewu�tsein verliert? Solange ich in meiner
Form befangen bin, kann ich nichts Zweites sein, aber wenn diese Form
zerbricht, bin ich vielleicht das Zweite, und das Zweite ist vielleicht
nichts als wieder das Eine.
* * * * *
Die Menschheit ist nur eine Korrektur des Menschen.
* * * * *
Dies Bewu�tsein wenigstens habe ich: mein h�chster Gedanke hat nichts zu
tun mit dem �u�erlichen meines Lebensganges. Ich bin nicht von denen, die
zur Wiederaufnahme der Gottesidee durch irgend etwas getrieben worden
sind, als da ist unterdr�ckte Sinnlichkeit, Einsamkeit der Seele,
Verzweiflung an sich und der Welt oder �hnliches. Ich kenne diese Zust�nde
wohl, aber ich w�re nie vor ihnen zu einem neuen Gottes-Begriff geflohen:
wie denn dieser auch weder 'heilt' noch 'erl�st'. Diese Idee ist vielmehr
aus meiner innersten Natur herausgewachsen, ich kann ihre Anf�nge bis in
mein zweites Jahrzehnt zur�ckverfolgen, in dessen Mitte etwa ein ganz
spezifisch philosophisches Interesse in mir erwachte. Ihr endliches
Zutagetreten h�ngt sehr stark mit der Art meines Schauens zusammen, das
mir manchmal erlaubt, sehr in die Dinge zu versinken oder auch: die Dinge
gleichsam in mich hineinzunehmen, und mir damit das Micheinsf�hlen mit
allem zu einem nat�rlichen Gef�hl macht.
Ebenso hatte ich stets das Gef�hl des Zusammenhangs in so hohem Ma�e, da�
ich mich von Vorstellungen solcher Art nicht losmachen konnte, wie diese
etwa, da� meine Hand, von A nach B bewegt, das ganze Weltall in
Mitleidenschaft ziehen m�sse.
* * * * *
Was sagt Meister Ekkehart anders als: zerbrich alle Sprache und damit alle
Begriffe und Dinge: der Rest ist Schweigen. Dies Schweigen aber ist --
Gott.
* * * * *
'Gott' ist das einfache Ergebnis eines Subtraktionsexempels: ziehe alles
von dir ab, was abzuziehen ist, und der Rest ist -- Mysterium.
* * * * *
Gott ist seine eigene Erfindung. Das sich selbst Unerkl�rliche sagt aus
Menschenmund Gott zu sich.
* * * * *
In Christus ist zum ersten Mal auf der Erde Gott selbst sich zum
Bewu�tsein gekommen. In Christus erkannte Gott als Mensch zum ersten Mal
sich selbst. Seitdem sind fast zweitausend Jahre vergangen. Aber freilich:
'Tausend Jahre sind vor Ihm wie ein Tag.'
* * * * *
Man emp�rt sich gegen die Gottheit Christi -- als liege man selbst in Hose
und Rock nicht als ein St�ck -- Gottheit herum.
* * * * *
Eines Einzelnen Leben ist vielleicht nichts Besondres. Von au�en, mit
fremdem Auge betrachtet, mag es nicht viel bedeuten, von innen, mit seinen
Augen gesehen, schon mehr, sehr viel mehr. Als Leben -- Gottes aber
angeschaut, wird es sofort unaussprechlich tief und tragisch. Sieh nur
irgend einen Menschen daraufhin an, da� er nichts andres ist als Gott,
Gott selbst in ureigenster Person -- und die Welt wird sich dir mit
einemmal und auf immer verwandeln und du wirst kein Sittengesetz mehr zu
befragen brauchen; denn alles wird dir auf einen Schlag wunderlich heilig
werden.
* * * * *
Ich sehe das Unvermeidliche herannahen: da� den Menschen eines Tages in
gr��erer und gr��erer Anzahl zum Bewu�tsein kommt -- nicht nur nominell
wie bisher, sondern faktisch -- da� sie in der Unendlichkeit leben.
* * * * *
Heute sehen die Menschen noch nicht den Raum, sie sehen den Himmel, aber
noch nicht den RAUM.
* * * * *
Auf Erden ist nichts, sondern alles im Himmel zugleich und in der
Ewigkeit. (Getr�umte Zeile.)
* * * * *
Gott ist nicht etwas Vorgestelltes, sondern das, was wie jede andere
Vorstellung, so auch die Gottesvorstellung produziert. Bis heute glaubt
die Menschheit noch, soweit sie glaubt, an den Gott oder die G�tter ihrer
Vorstellung. Und darum ist sie so leicht durch den Satz zu widerlegen:
Dein Gott ist eine blo�e Vorstellung von dir. Gewi� ist er das. Erst die
Menschheit, welche bekennt: Was wir uns als Gott vorstellen, ist
irrelevant; das einzige, was wir als Gott behaupten k�nnen, ist das
Unvorstellbare, auf das unsre Vorstellungen zur�ckgehen, ist das, was wir
f�r uns als Wirklichkeit klassifiziert haben, sind wir selbst (wie wir uns
bezeichnen) und alles, was um uns ist (was wir so bezeichnen). Gott ist
alles. Wir haben kein andres Wort f�r Gott als das Wort 'alles'. Man kennt
und f�hlt Pantheismus schon lange, aber ich wei� nicht, ob je mit diesem
'alles' schon ganz und resolut Ernst gemacht worden ist. Wer ihn macht,
f�r den gibt es kein Entrinnen mehr. Er mu� selbst hinein in dies 'alles'
mit jeder Faser seines Leibes und jedem Schatten seiner Gedanken, er mu�
selbst zusammenfallen mit Gott, er mu� selbst Gott -- und nicht nur in
Gott -- sein.
* * * * *
'Sein' (esse) ist nur eine Denkform Gottes. Wenn Gott sagt: ich bin, so
sagt er dies beides nur als Mensch. Als Gott sagt er nichts, 'ist' er
nicht einmal etwas. Gott ist nicht Gott.
Als Mensch 'ist' Gott.
* * * * *
Auch wo Gott 'sich' f�hlt, wie im Mystiker, bleibt er noch Mensch.
* * * * *
Man soll nur in alle Ewigkeit leugnen, da� die Welt unerkl�rlich sei. Die
Folgen dieser bornierten Leugnung, dieser stierm��igen Annahme des
Gottmenschenkopfes von seiner Anlage zur Selbsterkenntnis sind allzu
wertvoll, verinteressieren -- als Wissenschaft -- das Leben in allzu hohem
Grade.
* * * * *
Unbewu�te Stupidit�t, bewu�te Verlogenheit -- als Voraussetzung aller
Wissenschaft, ja aller geistigen Kultur �berhaupt: das ist eine groteske
Wahrheit Gottes, des Menschen.
* * * * *
Auch hier meine Ausf�hrungen, was ich auch versuche, bleiben --
Anthropomorphismus. Diese Feststellung sollte eigentlich der Tod Gottes
sein. Der Tod Gottes -- als einer auszuscheidenden Vorstellung. Aber diese
Vorstellung war meine letzte, in der ich alle andern begrub. Kein Wort der
Erde, das sich mir im Wort 'Gott' nicht l�ste. Andre nennen ihre
Grenzvorstellung Leben, Natur, Wirklichkeit. Aber ist das minder
anthropomorph? Nein. Jedes Wort ist Vorstellung, jedes Wort ist demnach
gleich viel wert. 'Leben' ist das Wort einer andern _Phantasie_ als
'Gott', das ist alles.
* * * * *
Es gibt also zuletzt nur eine Grenzvorstellung, nur ein 'Ur--wort'. Dieses
Urwort mu� uns gelassen bleiben, wollen wir Menschen bleiben.
* * * * *
Gott w�re etwas gar Erb�rmliches, wenn er sich in einem Menschenkopfe
begreifen k�nnte.
* * * * *
Ich frage mich, welche innere N�tigung liegt meiner Handlungsweise zu
Grunde (dr�cken wir es so aus): das Ding an sich Gott zu nennen. Meine
aufrichtigste Antwort lautet: Das ist des Dings an sich, das ist Gottes
Sache selbst. Ich bin -- wie ich es ansehen kann -- nur eine Etappe im
ungeheuren Heer und Komplex von Assoziationen, und wenn ich mich nun
selbst psychologisch zu deduzieren suchte, so w�re damit wohl nicht viel
mehr getan, als wenn ein Strudel jenes Baches dort unten die Art seines
Gurgelns durch die Daten seines Lokals usw. erkl�ren zu k�nnen glaubte.
Nun gut. Welche N�tigung? Die N�tigung, nicht Halt machen zu brauchen. Die
N�tigung, mich mit allem um mich durch ein _pers�nliches_ Band verbunden
f�hlen zu d�rfen. Wenn diese Tanne da vor mir ein geistreicher Mechanismus
ist wie ich, so kann sie mir in jedem Augenblick unendlich gleichg�ltig,
ja widerlich werden. Aber sie ist kein Mechanismus, sie teilt -- ob ich
sie nun als _Du_ oder Erscheinung bezeichne -- _Ein_ Geheimnis mit mir,
das Geheimnis des Lebens. Wir sind Br�der als Erscheinungen, und unser
Beider Vater als Dinge.
* * * * *
Ich, als Vater, erf�lle mich erst im Menschen, als mir, dem Sohne; als
Sohn erst erfahre ich mich als den Vater.
Oder: als Erscheinung erst werde ich mir selbst -- Erscheinung.
* * * * *
Von mir: die Menschen sind ihm allein K�pfe Gottes.
* * * * *
Ja, gewi�, es ist vieles am Menschen l�cherlich und ver�chtlich. Aber der
Mensch ist ja auch nur ein winziger Teil Gottes. Und was w�re Gott, wenn
er nicht irgendwo auch l�cherlich und ver�chtlich w�re. Gott schenkt sich
nichts. Das wollen nur die Kurzsichtigen, die meinen, man k�nne das Eine
ohne das Andere haben, ja noch mehr: man d�rfe es.
* * * * *
Die planetarischen Kulturen geistiger Wesen sind die gro�en Grotesken
Gottes. Gottes materielle Erscheinungsform ist notwendig grotesk.
* * * * *
Man k�nnte eine Bibliothek schreiben von den Selbsttr�stungen Gottes.
* * * * *
Nicht, da� gek�mpft wird, ist das Tragische der Welt. Sie selbst ist das
Tragische.
* * * * *
Betrachte den gef�llten Zuschauerraum eines Theaters. Wie festlich machen
ihn die vor Erwartung und Lebenslust gl�nzenden Augen der Frauen, ihre
schneewei�en Nacken, ihr herrliches Haar -- wie scheinen sie alle zu rufen
voll reizender Ungeduld: den Vorhang auf! den Vorhang auf! Wie gern sie
leben und leben sehn, wie ganz unverst�ndlich es ihnen w�re, wenn nun
pl�tzlich ein Mann aufst�nde und spr�che: Nein, nicht den Vorhang auf!
nicht auf! Sondern la�t uns endlich ein Ende machen mit diesem ewigen
Theaterspiel! Und seine Augen w�rden sich schlie�en im �berma� des
Schmerzes. Aber nach einer kurzen Spanne der Starrheit -- was w�rde
geschehen? Mit ihren F�chern w�rden sie ihn zu erschlagen drohen und mit
hundert beredten Geb�rden laut oder stumm, l�chelnd oder schluchzend, die
M�nner rings fragen: Wie? und wir? sind wir nichts? gelten f�r nichts? Ihr
wollt dies starke s��e bunte Leben nicht mehr? Ihr wollt also Uns nicht
mehr? Was haben wir euch denn getan? Und was unsre Kinder, eure Kinder? O,
ihr Toren, ihr Spielverderber, ihr Pflichtvergessenen! Aber ihr sollt uns
nicht irre machen. Nicht irre an Lieben und Leben, nicht irre an Pflicht
und gesundem Menschenverstand. Nein, die Kom�die sei noch nicht zu Ende!
-- Der Sprecher von vorhin aber w�rde bei sich denken: Umsonst. Gottes
Teufel ist seiner w�rdig. Er k�nnte nicht �berzeugender noch unschuldiger
sein. Und f�rwahr: Heute erkannte ich ihn zum ersten Mal -- und sein
triumphierendes Reich, soweit Welt ist.
* * * * *
Wer sich einmal in die Idee des Teufels, an dem Gott immer wieder zu
schanden wird, von dem er immer wieder zum Leben verf�hrt wird, vertieft,
dem wird die Gr��e und Sch�nheit des Lebens f�rder nicht Einwand sein
k�nnen: Denn je unfa�licher dieser Gott ist, desto unfa�licher wird auch
die Kunst seines Teufels sein m�ssen, desto heiliger wird sie erscheinen
m�ssen, desto bejahungsw�rdiger die Welt f�r menschliche Urteilskraft.
* * * * *
'Die Welt' ist Gottes Weg zu seiner Sch�nheit. �berall und immer duftet
diese Wunderpflanze 'Welt'. Um dieses Duftes willen ist sie da; er ist
ihre Sch�nheit, ihre 'Seele', 'Gottes' -- Seele.
* * * * *
Wir sind nie wirklich aus dem Paradiese vertrieben worden. Wir leben und
weben mitten im Paradiese wie je, wir sind selbst Paradies, -- nur seiner
unbewu�t, und damit mitten im -- Inferno.
* * * * *
'Alles was ist, ist vern�nftig' -- ganz gewi�. Freilich nicht vom
Standpunkt des Reichstagsabgeordneten X oder des Privatdozenten Y aus;
aber sub specie Dei.
1908
Im Geist erst wird die Natur, wird Gott tragisch. Was ist der Mensch? Die
Trag�die Gottes.
* * * * *
Wenn einer die Welt bejaht, bejaht sie Gott, wenn sie einer verneint,
verneint sie Gott (und damit Sich). Gott sagt weder blo� ja noch blo� nein
zu sich, sondern urewig ja _und_ nein.
* * * * *
Wo einer keine Augen f�r sich -- als Mysterium -- hat, da hat auch Gott
keine Augen f�r sich, als Mysterium. Aber als der, als der er Augen f�r
sich hat, leidet er unter diesem andern, als der er keine Augen f�r sich
hat, und z�rnt sich, dem andern, aus sich, dem einen.
* * * * *
Die Welt k�nnte so gro� angelegt sein, da� die unaufgel�ste Dissonanz
eines ganzen Planeten als solche mit hineingeh�rte. Ein schauerlicher,
wahnwitziger Gedanke. Denn wer will seine Dissonanz -- schon allein seine
ganz pers�nliche Dissonanz -- nicht aufgel�st und sei es auch erst -- nach
�onen.
* * * * *
Gott ist die Welt im Einzelnen wie als Gesamtheit. Als Gesamtheit aber ist
er vielleicht eine Zweiheit von Mann und Weib. Einheit als Gott, Zweiheit
als Welt. Sagst du aber: Die Welt? das w�re wohl nicht genug, wenn nur
_das_ Gott w�re! so frage ich: wei�t du, wo die Welt aufh�rt, da� du von
genug und nicht genug redest? Wie kann etwas Un-Endliches noch-genug sein
oder 'nicht-genug'?
Das ist gewi�: was auch von Gott, von Gottheit gedacht werden mag, kann
auch noch nicht an den Saum des Mantels seines Ernstes r�hren.
* * * * *
Wenn Gott nicht die ewige Sehnsucht zweier Seelen zu einander ist -- wenn
die Welt nicht der ewige Weg dieser zwei Seelen ist -- so wei� ich nicht,
was Gott und Welt bedeuten.
* * * * *
Der Mensch ist nur ein Moment innerhalb des MENSCHEN, und der MENSCH nur
ein Moment innerhalb Naturae sive Dei.
* * * * *
Es versteht sich mir fast von selbst, da� das, was ich bin, sich irgend
einmal seines ganzen Lebens -- in allen seinen Erscheinungsformen --
erinnern wird.
* * * * *
Und es wird nichts sein -- kein Richten, kein Wundern, nur ein Schauen.
Aber in diesem Schauen wird Gericht oder Freispruch beschlossen sein.
* * * * *
Ich und du, einmal gro� und einmal klein geschrieben -- das ist die
Weltformel. Ich und Du, und ich und du.
* * * * *
Mu�te der wahrhaft innerliche Mensch fr�her mit der Kirche ringen, so mu�
er es heute mit der Wissenschaft. Der sich selbst schauende Gott ist immer
nur als -- Ketzer m�glich.
* * * * *
Vielleicht ist nichts von allem Gedachten _ganz_ unwahr. Sollte Gott �ber
Sich _g�nzlich_ falsch denken _k�nnen_? Sollte nicht die barbarischste
religi�se Vorstellung ein K�rnchen Wahrheit enthalten, enthalten _m�ssen_?
* * * * *
Eines sein und haben und die Sehnsucht nach allem Andern, -- Formel
Gottes, des Individuums. (Hinzuzuf�gen: zusamt der stillgeglaubten
Anwartschaft auf alles Andere.)
* * * * *
Wohin sollte die Natur in der Stufenfolge der Tiere im Menschen streben,
wenn nicht dahin, da� Gott in ihm sich selbst erkenne? Dies aber, das
Erkennen kann noch nicht sein letztes Ziel sein: er mu� aus dieser
Selbsterkenntnis noch zu irgend einem Handeln hervorschreiten, mu� ja
sagen und tun wie der Zarathustra Nietzsche's, oder nein wie der indische
Buddha. Er mu� das Schicksal der 'Welt' an seinem Teile entscheiden; sie
soll sein oder sie soll nicht sein. Und doch --.
* * * * *
Frage dich nur bei allem: 'H�tte Christus das getan?' Das ist genug.
* * * * *
Das ergibt sich aus meiner Lehre, da� nicht nur der Einzelne sondern auch
Volk um Volk und endlich die ganze Menschheit -- Pers�nlichkeit zu werden
trachtet.
Denn wenn wir 'Gott' sind, -- was k�nnen wir H�heres aus uns machen, als
immer durchseeltere, durchbildetere, vollendetere Pers�nlichkeit? So wie
der einzelne durch und durch kaloskagathos werden soll, so soll auch ein
Volk, eine Menschheit durch und durch 'kalonkagathon' werden wollen.
Kunstwerk der Einzelne, Kunstwerk sein Volk, Kunstwerk die ganze Erde --
das ist das Ziel.
* * * * *
Jeder kann von Christus etwas fortnehmen. Verstehen aber wird ihn alle
f�nfzig Jahre -- vielleicht -- Einer.
* * * * *
Wenn, was sich so Theologen nennt, wirklich wissen k�nnten, wer Christus
war, w�rden sie ihn allesamt als einen Irrsinnigen und Verbrecher
verdammen. Ja, so weit weg steht der Mensch, der gesagt hat 'Ich und der
Vater sind eins' (und nur der johanneische Christus ist f�r mich Christus,
so ausschlie�lich, da�, wenn es ihn nie gegeben haben sollte, er l�ngst
h�tte 'erfunden werden' m�ssen) von der �brigen 'christlichen' Menschheit
und insonderheit ihren Theologen, da� er wie der leibhaftige Teufel auf
sie wirken w�rde, h�tten sie ja den Mut und die Kraft, ihm sein Weltgef�hl
bis zum Letzten nachzuf�hlen.
* * * * *
Immer wieder kommt mir die Szene auf Golgatha ins Ged�chtnis, immer wieder
komme ich zu mir selber wie Christus und frage mich: Und Du schl�fst! Und
ich fahre auf und Scham �bergie�t mich ganz und ich erwache zu mir selbst.
Aber nur ein Kleines, so bin ich wieder im Halbschlaf. Und wieder tritt
mein Selbst an mich heran, r�hrt mir ans Herz, da� ich wie verwundet
aufschrecke und zum wievielten Male! das traurige Wort vernehme: Du
schl�fst! Wie -- w�re mein Problem dies: Eine Natur, auf der Grenze
geboren, wo das Mittelm��ige und das Au�erordentliche zusammensto�en, ein
Mensch, zu gro�, zu reich, zu tief, im Gew�hnlichen zu verharren und doch
zu klein, zu arm, zu seicht, zu verharren im Ungew�hnlichen? Mir f�llt ein
Vers aus meinen ersten J�nglingsjahren ein, jenen Jahren, deren damals
noch ganz anders zehrende Ohnmacht ich durch den ausdauernden Schritt nach
nur Einem Ziel in zwei Jahrzehnten wenigstens bis zu einem gewissen Grade
�berwand: 'Ich m�chte schw�cher sein und bin es nicht, ich m�chte st�rker
sein und bin es nicht, und da� ich st�rker nicht noch schw�cher bin, als
wie ich bin, das ist's, was mich zerbricht,' Und auch das f�llt mir ein:
Wie ich mich fr�her geha�t habe. Geha�t bis zu bitterster Todfeindschaft,
die mir vielleicht nur aus Zufall nicht den Garaus machte. Und all mein
Flehen um Tiefe f�llt mir ein, das der alte Gott noch h�ren mu�te und
erf�llen sollte. Ein Mensch also gemacht aus Edelmetall und taubem Erz,
zerspalten in Reichtum und Armut, Verm�gen und Ohnmacht! Emporfahrend aus
seiner Niedrigkeit, den Himmel des Seherischen und Sch�pferischen in seine
Arme herabzurei�en, ihn erblickend in all seiner Herrlichkeit, und seiner
fl�chtigen Hoheit wieder entschlummernd in den Schlaf des Allt�glichen,
von neuem erwachend nach kurzem Traum im Tal des unfruchtbaren Todes. Das
w�re ich! Das bin ich?
WELTBILD: AM TOR
1907
Sieh einmal morgens nackenden Leibes beim Waschen an dir herunter, den
Riesen-Zellenbau, das Zellenuniversum ohne Gleichen!
Welches naive Auge w�rde je darauf kommen, dich als eine einheitliche
Ordnung von Legionen selbst�ndiger Wesen zu verstehen und welches Auge
w�rde folgen wollen, wenn der Verstand es wagte, die Wirklichkeit
�berhaupt als einen einzigen Zellenleib zu beschreiben, dessen Formen wir
uns nur nicht vorstellen k�nnen?
* * * * *
Wie kann man sagen: Dies und das kommt hierher und daher; da doch alles
�berallher kommt.
* * * * *
Das Prinzip der Nachahmung (oder, vom Objekt aus: der Ansteckung) wirkt
fortw�hrend in der ganzen Natur.
* * * * *
Ich habe zuweilen einen abgr�ndigen Ha� auf die Zahl. Sie ist die
absurdeste F�lschung der 'Wirklichkeit', die dem Menschen wohl je gelungen
ist, und doch baut sich auf ihr 'unsere ganze heutige Welt' auf.
* * * * *
Der gro�e Irrtum ist der: man glaubt irgend einmal einen Mechanismus
schaffen zu k�nnen, der schlie�lich wie ein Lebewesen wird und leben soll,
und sei es auch nur ein Infusorium. Und �bersieht dabei nur eins: da� es
ein einzelnes Infusor f�r sich allein gar nicht gibt, da� man das ganze
Weltall nachschaffen m��te, um auch nur ein kleinstes Tierchen in Wahrheit
lebendig zu machen -- denn man kann nichts von au�en hineinstopfen, Ihr
Herren, man mu� dann schon von der Pike auf schaffen, nicht nur so ex
tempore und ex machina.
* * * * *
Alles ist Ausdruck eines _Wesens_.
* * * * *
Wenn im gro�en Weltkonzert einmal ein Stern untergeht, so ist das auch
nichts weiter, wie wenn einem irdischen Orchestermusiker eine Saite
platzt. S�he man den Mann nicht die Geige absetzen, so w�rde man
vermutlich gar nichts merken, so unbek�mmert geht das vielstimmige
Zusammenspiel seinen gewaltigen Gang.
* * * * *
Die 'Welt' gibt offenbar immer nur relative Vollendungs-M�glichkeit.
Zwischen zwei Eisperioden kann eine Menschheit sich vielleicht so
'vollenden', wie ein Einzelner zwischen Geburt und Tod.
* * * * *
Wir glauben als Menschheit eine Art flie�ende Ebene zu sein und sind statt
dessen ein wandelnder Berg oder eine wandelnde Pyramide.
* * * * *
Es ist mit der Weltenuhr wie mit der des Zimmers. Am Tage sieht man sie
wohl, aber h�rt sie fast gar nicht. Des Nachts aber h�rt man sie gehen wie
ein gro�es Herz.
* * * * *
Diese Waschkanne vor mir -- nimm die Zeit von ihr: und sie st�rzt zusammen
in nichts. Die Zeit macht erst den Raum.
* * * * *
Das Am�sante ist, da� es nun, seit dem Auftreten des Menschen, auf einmal
Vergangenheit und Zukunft gibt (von vielem andern ganz zu schweigen), als
h�tte die ganze Wirklichkeit nur darauf gewartet, sich von ihm in vorn und
hinten, oben und unten, fr�her und sp�ter usw. einteilen zu lassen. O
Mensch, du Kindskopf aller Kindsk�pfe, o Wissenschaft, du grandioses
Orientierungs-System dieses Kindskopfes, nichts weiter!
* * * * *
Gestern und morgen haben im All keinen Sinn. Das All war weder, noch wird
es sein, -- es ist. Und so _war_ nichts von dem, was wir 'vergangen'
nennen. Alles 'Vergangene' _ist_. Vergangenheit wie Zukunft sind nur
Formen der Gegenwart.
* * * * *
F�r Pflanze und Tier gibt es das Wort ewig nicht und daher auch keine --
Ewigkeit. Es sollte sie auch f�r uns nicht geben. Wir _sind_. Wir werden
nie sein, ebensowenig, wie wir je waren. Die Ewigkeit ist in jedem Moment
'gelebte Gegenwart' -- oder sie ist nicht.
* * * * *
Schauerlich, zu denken, da� alles nur 'in der Flucht' ist. Es gibt nichts,
als den _Moment_, in dem fortw�hrend alles ist.
So wie 'ich' von Sekunde zu Sekunde lebe und mir dessen bewu�t bin --
(aber das alles ist nicht ich, das ist die Unendlichkeit, die in mir
fortw�hrend weiter lebt) so lebt die gesamte Wirklichkeit wie ein einziger
gigantischer K�rper in ihrer eigenen, von mir ihr vermittelten Vorstellung
von Sekunde zu Sekunde.
* * * * *
Alle Vergangenheit existiert nur als lebendige Erinnerung eines
gegenw�rtigen Kopfes.
Alle Vergangenheit ist eine Selbsterinnerung Gottes.
* * * * *
Die Welt ist eine sich ewig fortentwickelnde Kugel, deren Oberfl�che --
hier der dies von ihr aussagt.
1908
Ist nicht einmal dasselbe Wort in deinem Munde je dasselbe, so bist auch
wohl du selbst ein in jeder Sekunde Neuer, noch nie Dagewesener,
Niemehrsodaseinwerdender. Und nicht du allein: Alles ist fortw�hrend neu,
frisch, einzig, einmalig. Dies ist das Geheimnis des Lebens und damit
Gottes, als eines ewig Seienden, ohne auch nur die M�glichkeit
irgendwelcher Starrheit.
* * * * *
Bewu�tsein: Wir stehen an einem Ende, wir sind ein Anfang.
* * * * *
Nicht nur Fortdauer, -- -- _Ziel_dauer.
* * * * *
_Die Axt_. (Fundamentals�tze.)
1. Keine Geschichte
2. Keine toten Gegenst�nde
3. Sprache -- Proze�.
* * * * *
Alle Materie ist ja nur geistiges Arrangement.
* * * * *
Aus einem Drama. Ein Freund zum andern (drohend): Die Welt wird doch keine
Narrheit sein, -- _Du_!?
* * * * *
Wer das Gebet in irgend einer Form wieder in unser Leben zur�ckbringt --
er wird uns Ungeheures wiedergegeben haben.
* * * * *
Was ist Religion: Sich in alle Ewigkeit weiter und h�her entwickeln
wollen.
* * * * *
Einen Tempel bauen mit der Aufschrift: Dem heroischen Leiden.
* * * * *
Es gibt keinen gr��eren Stilisator in der Natur als den Tod. Gib das Leben
dem Tod in die Hand und du �bergibst es -- seiner Kultur. Selbst mit dem
Menschen ist es nicht anders. Je mehr uns der Tod in H�nden hat, desto
h�here Kunstwerke werden wir.
* * * * *
Im Menschen vollendet sich und endet offenbar die Erde. Der Mensch -- ein
Exempel der beispiellosen Geduld der Natur.
* * * * *
Wer mag denn wissen, ob unsere Erde in der Rangstufe der Planeten nicht
eine der untersten, niedersten ist? Ob sie der Mehrzahl anderer
Wandelsterne nicht etwa vorkommen m�chte, wie einem Paris, einem London
der Marktflecken Schildburg, oder wie einem Lionardo sein Hund oder sein
Pferd.
* * * * *
'Der �bermensch ist der Sinn der Erde' -- das hei�t: der Erde Sinn ist ihr
Untergang in -- H�heres.
* * * * *
Gef�hl von Gnade: seliges Vorgef�hl des uns zum Heil, unserer ganzen
Entwickelung nach, Erwartenden -- ohne den _vollen_ Glauben, da� es auch
wirklich kommen werde und ohne jeden Glauben daran, da� man es wirklich
verdiene. Ein Gef�hl, der objektiven Wahrheit zwar vielleicht nicht
entsprechend, aber eine Sch�nheit des Herzens, ein Mehr -- als --
Wahrheit.
* * * * *
Alles Vollkommene darf angebetet werden, freilich nicht, da� es uns etwas
schenke (au�er sich selbst durchs Mittel seiner Sch�nheit), sondern
angebetet im Sinne ehrf�rchtiger Liebe.
Ja, _dies_ Gebet, als kein Bitten um irgend etwas andres als um die immer
reinere Offenbarung der Sch�nheit des Angebeteten soll bleiben, soll als
das _neue_ Gebet _wiederkommen_, nachdem wir das alte in uns
niedergek�mpft, ohne doch je vergessen zu k�nnen, da� es nicht nur eine
Form des gemeinen Bed�rfnisses, nein, noch weit mehr war: eine Form des
edelsten Bed�rfnisses der Seele: der Liebe. Als Liebe darf das Gebet
wieder auferstehen, frei werden.
* * * * *
Gott ist der tiefste Gedanke, den der Mensch je gedacht hat. Gott ist der
eigentliche Gedanke der Erde, der einzige all unsrer Gedanken, der,
geschweige denn in Jahrtausenden, innerhalb ihres, der Erde, ganzen
Daseins nicht zu Ende gedacht werden kann. Gott ist die gro�e Frage der
Erde, aller Erden: Ihr Leben ihre offenbare zugleich und geheime Antwort.
* * * * *
Es ist eines der tiefsten Worte: Bei Gott ist kein Ding unm�glich. Gott
ist die M�glichkeit aller M�glichkeiten.
* * * * *
G�ttliches (Theon) immer wieder in unz�hligen Lebenslinien, Lebensl�ufen,
Gott werdend (Theos) ... Gott ein ewiger und unendlicher Proze� des
Sich-Verlierens und Sich-Gewinnens ... Gott ein ewiges Ringen zahlloser
dumpfer und lichter Individuen um Sich, als Sch�nheit der Sch�nheit. --
Sich fortw�hrend auf irgend einer h�chsten Formenstufe als diese gewinnend
und besitzend und beschlie�end ... und doch nie _ganz_ und �berall und
gleichzeitig vollendet.
* * * * *
Im Kugelbegriff grenzt sich Gott gegen sich selbst ab. Gott ist, worin
dieser letzte Begriff als in seiner h�heren Einheit aufgeht.
* * * * *
Vielleicht wird jeder Planet so alt, bis er sich selbst erkannt und damit
vollendet hat, oder doch so, wie Goethe sagt: der Mensch mu� von einem
gewissen Zeitpunkte an wieder ruiniert werden.
* * * * *
So wie ich -- au�er etwa als mystischer Seher -- den Geistk�rper des
Menschen nicht schaue, so schaue ich auch nicht den Geistk�rper der Erde.
Und doch mu� auch der Planet als Ganzes seinen Geistk�rper haben und wer
wei�, ob er damit nicht Brust an Brust mit Geistk�rpern andrer Sterne
lebt, soda� ...
* * * * *
Ein Kunstwerk sch�n finden, hei�t, den Menschen lieben, der es
hervorbrachte. Denn was ist Kunst andres als Vermittlung von Seele. Eine
Landschaft sch�n finden, hei�t, uns ihrer als eines g�ttlichen Geschenkes
unbekannter M�chte freuen. Dankt meine Ergriffenheit z.B. dem Meere
selbst? Nein, sie dankt den sch�pferischen Geistern, der ganzen Natur
daf�r, dem sch�pferischen Geist -- des Lebens selber. Interesselos aber
ist mein Wohlgefallen am Sch�nen so wenig, da� es vielmehr alles tiefste
Sch�pferische in mir aufregt und, indem es ihm Gelegenheit gibt im
ausgiebigsten Ma�e 'mitzutun', bis zu einem gewissen Grade zugleich
befriedigt. Nur bis zu einem gewissen Grade -- denn �ber dies Befriedigen
hinaus bleibt noch -- ob bewu�t oder unbewu�t -- etwas von jener nie ganz
gestillten Sehnsucht, die wir allem gegen�ber empfinden, was uns zur Liebe
zwingt: die Sehnsucht, es noch mehr, noch besser, noch gr�ndlicher zu
lieben, als wir es lieben _k�nnen_, des Wunsches einer noch viel
vollkommeneren, sublimeren Liebe, die den Dank wirklich zu erstatten
verm�chte, den wir f�hlen.
* * * * *
Weil wir niemals und nirgends etwas Totem gegen�berstehen, sondern
immerdar dem Ausdruck irgendeines Willens -- so ist alles Empfinden die
unmittelbare Aufnahme jenes fremden Willens in unsern, auf die jedoch
sofort auch seine Wiederaussto�ung folgt, seine Distanzierung,
Zur�ckweisung, Objektivierung. -- Das Bild der Welt bietet so im Gro�en
und Fortw�hrenden das Bild der -- Liebe, als welche ein ewiger Wechsel zur
Einheit zusammenflie�ender Zweiheit und in Zweiheit sich
sichselbstgegen�berstellender Einheit ist.
* * * * *
Jeder konsequente Monismus f�hrt unab�nderlich zum -- Dualismus. Denn eine
absolute Einheit vertr�gt der menschliche Geist niemals. Und wo er ihr
nicht entweichen zu k�nnen glaubt, wie in Schopenhauer, _verneint_ er.
Aus diesem Grunde k�nnte auch die Gottheit ihrer schauerlichen Einheit in
Legionen Vielheiten entfl�chtet sein, von zwei Leiden das kleinere
w�hlend.
* * * * *
Die Welt als _Trieb_ und Vorstellung -- diese Fassung h�tte vielleicht
manches Mi�verstehen Schopenhauers unm�glich gemacht.
* * * * *
Die Welt ist nicht blo� Pflanze, oder Tier, sondern -- Mensch!
* * * * *
Immer wieder Gott zu werden: Ziel aller kosmischen Entwickelungen.
* * * * *
Beobachte doch, wie alles Menschliche sich fortw�hrend selbstkorrigiert.
Wie sich ein ganz bestimmter -- und nicht nur beliebiger oder
'notwendiger' -- Sinn des Lebens entwickelt, vielfach verschleiert, aber
immer wieder hervorbrechend, sich immer reiner kl�rend und pers�nlicher
enth�llend.
* * * * *
Wenn wir tausend Jahre wie einen Tag �bersehen k�nnten, so w�rden wir die
Entwickelung der Menschheit mit unheimlicher Schnelligkeit sich vollziehen
sehen. So aber 'sieht' vielleicht der Planet. Wir sehen nur die Individuen
wachsen, er -- die Typen.
* * * * *
Sollte in immer h�herer Erkenntnis und Liebe (in immer h�heren Formen)
nicht die M�glichkeit immer h�heren Gl�ckes liegen? Welche Genugtuungen,
wieviel dem�tiger Dank, wieviel namenloser Jubel steht uns vielleicht noch
bevor! Denn immer wieder, wenn alles, was ist, sich unaufh�rlich h�her
ver- und emporgottet -- wo braucht es eine Grenze zu finden, wo hat Gott
-- ein Ende? Solch ein Aspekt aber ist erst einer Gottheit w�rdig: -- der
ins Ewige und Unendliche.
* * * * *
Das Sein, das ist das Unverg�ngliche in uns, das Werden, das, als was wir
dahingehen. Wie k�nnen Sein und Werden Gegens�tze sein, wenn sie doch an
uns in jeder Sekunde Eins sind, wenn das Ewig Seiende im Ewig Werdenden
unaufh�rlich 'ist'!
* * * * *
Warum sollte dies mein Leben ein Anfang oder Ende sein, da doch nichts ein
Anfang oder Ende ist. Warum nicht einfach eine Fortsetzung, der unz�hliges
Wesensgleiche vorangegangen ist und unz�hliges Wesensgleiche folgen wird.
* * * * *
Die Vorstellungen von Lohn und Strafe -- m�ssen sie deshalb jeder tieferen
Wahrheit entbehren, weil wir sie heute schroff ablehnen? Was hat sich
eigentlich ge�ndert? Da� wir uns heute unser Schicksal mehr oder minder
selbst zu bereiten glauben, w�hrend wir fr�her glaubten, da� es uns
bereitet w�rde. Ist nicht nur die Optik eine andere geworden, nur die
Optik?
* * * * *
Man soll sich seiner Krankheiten sch�men und freuen; denn sie sind nichts
andres als ausgetragene Verschuldung.
* * * * *
Zukunft! -- un-er-sch�pfliches Wort! O Lust zu leben! O Lust, zu -- --
sterben!
* * * * *
Wohin k�nnen wir denn sterben, wenn nicht in immer h�heres, gr��eres --
Leben hinein!
* * * * *
Immer wieder: Nicht so sehr, was wir denken, ist das H�chste. Das H�chste
ist das _Denken selbst_. Es allein _verb�rgt_ uns mit eherner Sicherheit
den mit uns geborenen Gott.
* * * * *
-- -- -- An der Pforte steht das Grauen.
* * * * *
Man versteht den Menschen erst -- sub specie reincarnationis.
* * * * *
Die Hochzeit zu Kana. Christus verwandelt Wasser in Wein: Was bisher als
Wasser (Mensch) gegolten, wird durch sein Offenbarungswort Wein (Gott!).
1910
A. Was, was ist's, was den Menschen vom Christus trennt; sagen Sie mir
das, k�nnen Sie mir das sagen?
B. Ja, das kann ich. Der _Philister_ in ihm.
* * * * *
Wir stehen nicht am Ende, sondern am Anfang des Christentums.
* * * * *
Der Gedanke Gottes mu� freilich der Tod des Individuums sein. Darum h�lt
er sich auch im Allertiefsten besser als im Vordergrund auf.
* * * * *
Die Menschheit ist ein gro�es Kind, dem feindliche M�chte unaufh�rlich
neues Spielzeug schaffen helfen, damit es sich nicht wesentlich
entbabysiert. Was mu� sie dagegen tun? Das Spielzeug, soweit es irgend
geht, -- spiritualisieren, das hei�t sich von ihm nicht materialisieren
lassen.
* * * * *
Wenn du die Lage einer H�tte auf einem Berge betrachtest, so machst du
leicht deinen Standpunkt zu dem ihrigen, uneingedenk dessen, da� sich die
Welt von da droben ganz anders ausnimmt als von dir aus. Ja, dies verh�lt
sich bis zu einem gewissen Grade selbst dann noch so, wenn du dich mit
aller Einbildungskraft auf ihren Standpunkt zu versetzen bem�hst. Um einen
Standpunkt _ganz_ verstehen und w�rdigen zu k�nnen, mu� man diesen
Standpunkt selbst einnehmen oder wenigstens einmal eingenommen haben.
Aus diesem Grunde l��t sich alles G�ttliche nicht eigentlich beurteilen,
es sei denn von Menschen, die in persona im �ber-Menschlichen zu verkehren
verm�gen.
* * * * *
Die Menschheit schleppt am Boden. Gefesseltes aller, ach viel zu aller,
Art. Darunter ab und zu ein Adler. Auch er mit Fu�ring und Bleikugel. Aber
ein ander Schauspiel doch, als all das andre. Er gew�hnt das Schleppen
nicht, das alle andern mehr oder minder gew�hnen. Er emp�rt sich sein
ganzes langes Leben lang, fl�chtet empor, strebt empor, k�niglich und
unabl�ssig. Auch er vermag sich nicht wirklich in die Luft zu schwingen --
und das weniger, weil er die Gewichte am Fu� nicht zu heben imstande ist,
als weil ihn das ungeheure Gewimmel um ihn nicht los, nicht hoch l��t, --
besser noch, weil er's nicht mit hochziehen _kann_, -- aber er bleibt ein
lebendig Memento Coeli, er verliert seine G�ttlichkeit nicht an den
Alltag, den Staub und die Stra�e, nicht an den Trott der Millionen.
* * * * *
Wer das feine zweite Ohr f�r den Souffleur hat, sieht die Geschichte der
Menschheit anders an.
1911
Werden wir hier auf Erden nicht schon von sichtbaren Lehrern erzogen und
immer weiter befruchtet? Ist irgend ein gro�er Mensch, dem wir etwas
verdanken, nicht unser Meister? Ist so das Leben nicht ein
fortschreitendes Lehren und Lernen?
Und sollte das nach dem Tode der leiblichen Pers�nlichkeit -- aufh�ren?
* * * * *
Wenn die Menschen sich weiter entwickeln, m�ssen auch ihre G�tter sich mit
und weiter entwickeln, all die geistigen Wesenheiten, die an ihnen
gearbeitet haben und arbeiten. Der Lehrer, der das Kind bis zu dessen
zwanzigstem Jahre geleitet hat, wird dann ebenfalls um zwanzig Jahre
gealtert, gereift, weiter entwickelt sein. Wer �berhaupt g�ttliche
Demiurgen annimmt, der soll sie nicht als starre G�tzen verehren.
* * * * *
Wir sollten wohl so vor dem Mysterium von Golgatha empfinden: Nicht nur:
ein Gott _opfert sich_ f�r seine Welt. Sondern ebenso: er opfert sich f�r
_seine Welt_. F�r seinen eigenen ungeheuren tragischen Sch�pfungsproze�,
Sch�pfungskomplex. Oder, um die Majest�t dieses Unausdenkbaren zu mildern:
f�r den Menschen, seinen Sohn, seine Tochter. Denn vielleicht ist f�r den
Gott, dem die Entwickelung seiner Sch�pfung, seines Gesch�pfes vor Augen
steht, die von ihm selbst so verh�ngte und heraufgef�hrte Art und
Notwendigkeit dieser Entwickelung ein noch ganz anderer Schmerz, als der
seines Kreuzweges und Opfertodes. Vielleicht wird Christus erst dann von
uns noch ganz anders ahnungsvoll begriffen werden, wenn wir uns in die
Tragik eines Weltensch�pfers zu versenken suchen, dessen Wesen Liebe ist
-- stark und unaufh�rlich wie die Sonne --, dessen Wille es ist,
selbst�ndige ebenb�rtige Welteng�tter, Weltensch�pfer, durch �onen und
�onen heranreifen zu lassen, und dessen abgrundtiefe Weisheit es ist, den
Schmerz in allen seinen Graden und Formen als Bildner zu wollen oder doch
wenigstens zuzulassen. Glaubst du nicht, da� Sein Leid �ber alle Leiden
der Welt das Leid all dieser Leiden �bertrifft, -- denn noch wie anders
leidet ein Gott als ein Mensch --? Sollten wir nicht dieses Leiden des
Gottes Christus, als Gottes, zu sehr verkennen hinter dem Leid des Gottes
Christus, als Menschen, in der Maja des Jesus von Nazareth?
* * * * *
Es ist ein ungeheures Schauspiel, mit welcher grenzenlosen Freiheit in
einem Kosmos, wie dem unsern, alles seine Wege gehen darf. Jede Meinung,
jede Handlung ist erlaubt. Jedes Wort, und sei es noch so wunderlich oder
verkehrt, kann gesagt werden, jede Urteilsnuance bis zur h�chsten
Erkenntnis der Wahrheit hinauf, bis zur tiefsten Schmach der Verblendung
hinab darf da sein und ist da und unterliegt keinem andern Gesetze, als
dem der allm�hlichen Selbstkorrektur im Sinne einer von Liebe gel�uterten
Vernunft.
* * * * *
Das ist das Fruchtbarste an gro�en Menschen, da� ihr Anblick den, der sie
langsam zu erkennen beginnt, bis in den Tod hinein besch�mt. -- Eine
Erfahrung, von welcher aus der Mensch ahnen kann, was ein -- Gott f�r ihn
sein m��te, wenn er sich wirklich in ihn versenkte.
* * * * *
Kein gr��erer Irrtum als der: der Mensch sei dazu da, es jemals gut zu
haben. Nie gut _haben_ soll er es -- au�er h�chstens, da� ihm die Kraft zu
weiteren K�mpfen wachse --; denn sonst 'bek�me' er es nie 'gut'; dann
n�mlich, wenn er, nach �onen und unz�hligen Wandelungen, seinen Kosmos
absolviert haben wird: Und eine Heerschar Gottes-S�hne mehr zu neuem
Schaffen gereift steht.
* * * * *
Wen Gott lieb hat, den z�chtigt, den -- z�chtet er. Und so ward er die
Welt, Sich Selbst zur -- Zucht.
* * * * *
Die Menschheit hat l�ngst alles empfangen, was zu empfangen ist. Aber sie
mu� es immer wieder von neuem und in immer wieder neuer Form empfangen und
verarbeiten.
* * * * *
Die Lehre der Reincarnation z.B., sie ist l�ngst da. Aber sie mu�te eine
Weile beiseite gelassen werden -- die ganze europ�ische Zivilisation geht
auf dies Beiseitelassen zur�ck. Jetzt hat dieser Zyklus das Seine erf�llt,
jetzt darf sie, als eine unerme�liche Wohltat, in den Gang der westlichen
Entwickelung wieder eintreten. In einem Sinne, der erst jetzt m�glich ist,
zweitausend Jahre nach der Erscheinung des Christus, in einem ganz andern
Sinne als je vorher, wird sie jetzt von neuem die Menschheit befruchten,
erleuchten, erl�sen.
* * * * *
Im Grunde gibt es den einzelnen Menschen garnicht. (Er bildet sich's blo�
ein.)
* * * * *
Was reden wir von den alten �gyptern, Persern, Indern. Reden wir doch von
_uns_ alten �gyptern, Persern, Indern! Oder, wenn Jakob B�hme bei der
Erschaffung der Welt dabei war, war er dann bei der Entstehung der Veden
abwesend?
* * * * *
Die Menschen sind heute so weit gesunken, da� sie sich 'genieren' vom
Wesentlichsten ihres und alles Lebens zu reden. Gott, Christus,
Unsterblichkeit sind in gewissen Kreisen so verp�nt, wie in andern Hemd,
Hose, Str�mpfe; es geh�rt nicht zum guten Ton, nicht zum savoir vivre, sie
nicht v�llig zu ignorieren. Nur der 'wei�' heute zu 'leben', der in der
Tat nicht mehr wei�, was leben hei�t.
* * * * *
Ahnten die M�tter, wie ganz anders eine Mutter ihr Kind anblickt, die sich
den Lehren der Wissenden in rechter Weise erschlossen, -- nicht Eine w�rde
damit unbekannt bleiben wollen.
* * * * *
Mein Gott, mein Gott, in jeder Sekunde geschieht irgend etwas andres
Uns�gliches auf Erden -- und die Menschen wollen es nicht anders und die
Menschen wollen es nicht anders. Denn sonst w�rden sie ihr Leben anders
einrichten, sonst w�rden diese Schmetterlinge endlich Ernst zu machen
versuchen.
Auf welcher Stufe steht noch der Mensch! Wie noch viel furchtbarer wird er
leiden m�ssen, damit er nicht als Mumie im Weltall bleibt, damit Gott in
diesem gef�hrlichen Sch�pfungsabenteuer nicht zu Schaden kommt.
Als ich noch jung war, da dachte ich, die Zeiten des Leidens l�gen mehr
hinter uns als vor uns. Jetzt sehe ich fast nicht ein Ende. Zu viele
Seelen gibt es, zu viele. Der Fall in die Materie war zu tief --
* * * * *
Man glaubt heut, der Mensch stamme vom Tiere ab. Wie aber, wenn umgekehrt
die Tiere Ableger der Menschheit w�ren, zur�ckgebliebene Menschheit,
voreilige, vorwitzige, und deshalb in einem zu fr�hen Zustand
festgehaltene Menschheit?
* * * * *
Jede Sch�pfung ist ein Wagnis.
* * * * *
Ich hatte mich in 'Gott' verloren. Aber Gott will nicht, da� wir uns in
ihm verlieren, sondern da� wir uns in ihm _finden_, das aber hei�t, da�
wir Christus in uns und damit in ihm finden. Da� du den Christus in ihm,
da� du dich als Christus in ihm findest.
1912.
Wer in das, was von G�ttlich-Geistigem heute erfahren werden kann, nur
f�hlend sich versenken, nicht erkennend eindringen will, gleicht dem
Analphabeten, der ein Leben lang mit der Fibel unterm Kopfkissen schl�ft.
* * * * *
Der 'Glaube' -- und dem entsprechend der Unglaube -- an Gott geh�rt einer
gewissen Periode der Menschheit an: er ist -- im tiefsten Ernst gesprochen
und den Begriff Humor so geistig wie m�glich gefa�t -- ein Kapitel ihres
unfreiwilligen Humors. Es handelt sich in Wirklichkeit allein um das von
Gott m�gliche Ma� von Wissen. Nicht um Gottesglauben, sondern
Gottesforschung, Gotteswissenschaft.
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Der Mensch will schon lange genug wieder frei werden von der nur
f�nfsinnlichen Beschr�nkung, die zu seinem Wachstum allerdings notwendig
war, die er aber doch niemals ganz verlernt hat als ein Joch und eine
Schulung zu empfinden, daraus er eines Tages wieder hervorgehen werde, wie
er eines Tages hineingegangen ist: als einer, der aus Geisteswelten
hinabgestiegen ist und zu Geisteswelten wieder hinansteigt. Er _will_ es,
-- und wer einmal gef�hlt hat, was der Wille des Menschen bedeutet, der
wei� auch, da� vor diesem Willen, wenn der Tag der Reife gekommen, die
Tore der alten Heimat sich auftun, wie von magischer Hand ber�hrt. Er
wei�, da� alles im Himmel und auf Erden ihm entgegenw�chst, wenn es so
weit ist; da� er nicht mehr zu darben braucht, wenn das Ma� seiner
Pr�fungen voll ist. Denn war auch Kant ein gro�er Lehrer und Erzieher, wie
viele Lehrer- und Erzieherstufen sind vom Kant-Menschen noch aufw�rts, bis
dahin, wovon es hei�t: La Somma Sapienza e il Primo Amore.
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Man denkt und empfindet heute nicht �ber die n�chsten zehn, hundert,
bestenfalls einigen hundert Jahre hinaus. Als ob uns, Erscheinungen der
Ewigkeit, die Ewigkeit unserer Zukunft nicht gerade so anginge, wie unsere
n�chsten Jahrhunderte, ja, als ob diese nicht allein aus jener richtig
bestimmt werden k�nnten.
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Werden wir krank, weil es einem pl�tzlichen Gewitterregen oder einem
herabrutschenden Dachziegel so gef�llt? Oder weil unsere Eltern krank
waren oder weil rings um uns Krankheit herrscht? Oder weil wir uns selbst
die Krankheit irgendwie verschrieben haben, auf da� sie uns von etwas
Schlimmerem, von einer Leidenschaft, oder einem Irrtum etwa -- heile? Vor
der Geburt schon verschrieben, aus einer, obzwar nicht minder
individuellen aber zugleich viel h�heren Weisheit und Erkenntnis, als
deren wir uns in unserer gegenw�rtigen Wiederverk�rperung bewu�t sind?
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Man spricht gern von dem sinnlosen Tod eines Einzelnen, von den
unschuldigen Opfern einer Katastrophe. Aber besser w�rden nur solche
Anschauungen als sinnlos oder unschuldig empfunden. Man sollte sich des
Wortes Sinnlosigkeit vor und in einem Kunstwerk, wie es das All ist,
entschlagen und sich zwingen, das Verst�ndnis einer jeden Erscheinung
lieber vergeblich heranzuwarten, als sie als alogisch zu verleumden,
innerlichst davon durchdrungen, da� am Ende doch mehr Weisheit im Kosmos
herrschen d�rfte, als dem eigenen Kopf just offenbar, ja, da� ein Kosmos
sinnvoll nach dem Sinne solches Aburteilens und Besserwissens aufgebaut,
sicherlich schon in seinem allerersten Anfange wie ein Kartenhaus
zusammengest�rzt w�re. Was, ebenso, die Unschuld der Opfer anbetrifft, so
kann ein Mensch nicht deshalb kurzerhand unschuldig genannt werden, weil
er einer Katastrophe zum Opfer f�llt. Er hat freilich gemeinhin vorher
nicht gestohlen, aber selbst das Durchschnittsbewu�tsein glaubt -- gesetzt
es handelt sich nicht um Kinder -- so leicht nicht an einen schlechtweg
schuldlosen Menschen. Ein h�heres Bewu�tsein verwirft den Begriff der
Schuldlosigkeit ganz, vorbeh�lt jedoch noch die Unschuld des Kindes. Eine
dritte Einsicht wei�, da� auch dem Kinde nicht Unschuld, im letzten
Verstande, zugesprochen werden kann, da es als seelisch-geistiges Wesen
keine Neugeburt, sondern eine Wiederverk�rperung ist, also ein volles Ma�
von eigenem Menschlichen vom ersten Tag an in sich birgt und weiter
auszuwirken hat. F�r dies Bewu�tsein gibt es keine unschuldigen
Opfer, keinen sinnlosen Tod, ihm l�st sich alles in von allertiefstem
Sinn durch- und �berwaltete -- wenn auch deshalb nicht weniger
tragische -- Enwickelung auf.
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Die Menschen sollen einander lieben, aber damit ist nicht gesagt, da�
ihnen dies nicht so schwer wie m�glich gemacht wird und fallen soll, denn
es gibt keine wohlfeile Liebe. Es gibt nirgends im Kosmos des Kreuzes
billige Errungenschaften, und wie w�re er sonst auch seines Meisters und
seiner Bestimmung w�rdig.
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Von wie vielen geistigen �berwindungen und Siegen hat mancher Mensch schon
gelesen und geh�rt, wie viele Dichter und Weise und Religionsstifter und
-- G�tter haben f�r ihn gelebt und sind von ihm kennen gelernt und wohl
auch erlebt worden! Und doch f�llt in der Stunde eines schweren Schicksals
alles von ihm ab und nur sein eigen Los und Leid steht vor ihm, und nichts
gilt dann mehr, nicht einmal Gott. Was half ihm nun sein ganzes geistiges
Leben w�hrend langer Jahre, ja vielleicht Jahrzehnte? Nichts: denn er hat
es nicht mit seinem Innenleben verkn�pft, verbunden, verm�hlt, er war zu
wenig re--ligi�s. Er wuchs nicht zusammen mit jenem H�heren. Und so hat er
jetzt auch keinen Halt an ihm und bekommt keine Kraft von ihm -- und steht
jetzt so arm wie am Anfang, ja �rmer als zuvor.
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'Hat die Religion eine Zukunft?' So gut, wie derjenige, der so fragt, eine
Zukunft hat, in der er, wie zu hoffen steht, solchen Fragestellungen
entwachsen sein wird.
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Die Geschichte der Menschheit ist ein Ringen der Konsequenz gegen die
Inkonsequenz (resp. Dumpfheit) und die Konsequenzlosen. Alle Konsequenz
f�hrt zu Gott, alles, was darunter, in Maja.
1913
So wie der winzige Same in die Erde f�llt, um die Urpflanze zu wiederholen
und nicht nur zu wiederholen, so ist der Mensch ein Samenkorn Gottes. Die
Sonne aber, die ihn reift, ist Christus.
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'Und Sie glauben wirklich, da� dort oben im blauen Himmel Geister und
G�tter herumspuken?'
'Sie spuken dort nicht herum, sondern sie wirken und schaffen von dort und
�berall her an uns und der Welt und sie spuken so wenig herum, wie es hier
in dieser Tanne oder dort in jenem Berge 'herumspukt'. Weder Tanne noch
Berg sind ohne geistige Erbauer, geistige Erhalter, geistige Weiterbildner
denkbar, noch mehr, sie sind integrierende Bestandteile, Glieder,
Leibesteile (wie Sie wollen) geistiger Wesenheiten.'
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Wenn man eine Geschichte der Weltliteratur aufschl�gt, so scheint alles in
sch�ner Einheitlichkeit vor einem zu liegen. Die �lteste wie die neuste
Dichtung sind ohne Weiteres auf die gleiche Quelle zur�ckbezogen, n�mlich
auf den Menschen, so wie man ihn heute versteht, einen Typus, den man nach
dem Bilde der gegenw�rtigen Menschheit geschaffen und als ungef�hren
Normaltypus f�r alle Zeiten und L�nder festgesetzt hat.
Die Wirklichkeit jedoch kennt keinen solchen Generalnenner. Der Mensch
verwandelt sich fortw�hrend und steht in den verschiedenen Zeitaltern in
verschiedenem Zusammenhang mit der geistigen Welt. Er war seiner nicht
immer so bar wie heut, aber er ist dies selbst heute nicht in dem Ma�e,
wie angenommen zu werden pflegt. Ja noch mehr, er ist im Begriff, ihn
langsam wieder zu gewinnen, und beh�lt damit, da es im Licht seiner vollen
Vernunft geschieht, der Welt ein noch nie erlebtes Schauspiel vor: das
Bewu�twerden seiner, des Menschen, des menschlichen Geschlechtes, selbst,
als, um es so auszudr�cken, einer f�r sich besonderen kosmischen
Hierarchie. Da� die Welt eine -- richtig verstanden -- Gedachtheit Gottes
ist, erscheint uns nur darum so fremd, weil _unsere_ Gedanken so bla� und
schemenhaft sind. Wenn wir denken, so denken wir Schatten. Gott denkt
Realit�t. In Ihm ist daher Denken und Welt eins.
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Man mu� Gott schon in Zwei teilen, wenn seine sch�nste Empfindung, die
Liebe, nicht allerletzten Endes Selbst-Liebe sein soll.
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Ist dies nicht alles Sch�pfung, merkw�rdige, wunderliche Sch�pfung? Dieser
Schrank, diese Bettstatt, dieses ganze Zimmer? Ist nicht dies alles aus
Einem Grundgedanken heraus entstanden, aus Einem mathematischen
Grundgedanken?
Stimmt darin nicht alles irgendwie zusammen?
Und von diesem Gedanken: da� dies alles Sch�pfung aus dem Nichts ist! --
ist es da noch weit zu dem Gedanken eines Sch�pfers und ganzer Reiche und
Stufenfolgen von Helfern desselben -- noch weit zu dem Gedanken, da�
hinter allem und jedem -- Geist steckt und nicht blo� alleiner,
unterschiedloser Geist, sondern differenzierter, tausendf�ltig gearteter,
gestufter Geist? Ist vom Staunen �ber Mensch, Tier, Pflanze und Mineral
mehr als ein Schritt zum Ahnen unsichtbarer Wesenheiten und davon mehr als
ein Schritt zum Glauben, da� es Lehren und Lehrer geben k�nne, nein, zur
�berzeugung, da� es Lehren und Lehrer geben -- m�sse, in jene Geisterwelt
offenen Sinnes hineinzudringen ...
NACHWORT
Die Vorarbeiten zu diesem Buch hat Christian Morgenstern noch selbst
besorgt. Am weitesten gef�rdert von seiner Hand war der Abschnitt:
'Tagebuch eines Mystikers', den er urspr�nglich in einen vorwiegend
autobiographisch gedachten Roman aufnehmen wollte. Mir blieb die Aufgabe,
das vorhandene, zumeist noch �ber viele Taschenb�cher verstreute Material
nach seinem, �fter ausgesprochenen Plan zu sichten und dem bestehenden
Rahmen einzuf�gen. Er sagt in einem Vorwortfragment f�r diese Sammlung:
'Es liegt mir nicht daran, mit diesen durch Jahre gehenden Notizen ein
neues B�chlein Aphorismen zu anderen zu geben. Es liegt mir nicht daran,
mich irgendwie als Mystiker oder dergleichen herauszustellen. Zweck dieser
Bl�tter ist allein der, aus einem St�ck Entwickelung das zu lernen zu
geben, was ein St�ck Entwickelung nun eben zu lernen geben kann.'
Diese Absicht w�re zweifellos noch eindringlicher verwirklicht worden,
wenn der Verfasser selbst die Gestaltung des Buchs h�tte vollenden k�nnen;
ganz abgesehen davon, da� dann auch im Einzelnen mancher der S�tze
�berarbeitet worden w�re.
F�r einen Zeitraum von fast sieben Jahren (1898 bis 1904) haben sich die
Aufzeichnungen bisher noch nicht auffinden lassen. Der Charakter dieser
mehr skeptischen Periode ist jedoch durch etliche Aphorismen des
vorliegenden Bandes immerhin noch angedeutet.
Den Freunden meines Mannes, Friedrich Kay�ler und Michael Bauer, die mir
bei der Herausgabe behilflich waren, sei auch an dieser Stelle gedankt.
_Breitbrunn_ am Ammersee, November 1917
_Margareta Morgenstern._
INHALT
Autobiographische Notiz
In me ipsum
Natur
Kunst
Literatur
Theater
Sprache
Politisches Soziales
Kritik der Zeit
Ethisches
Lebensweisheit
Erziehung Selbsterziehung
Psychologisches
Erkennen
Weltbild:
Anstieg
Episode, Tagebuch eines Mystikers
Am Tor
Nachwort des Herausgebers