CHRISTIAN MORGENSTERN STUFEN EINE ENTWICKELUNG IN APHORISMEN UND TAGEBUCH-NOTIZEN [Illustration] R PIPER & CO VERLAG M�NCHEN 1922 Zeichnung von Hans Wildermann frei nach einem Entwurf Christian Morgensterns zu Seite 42: Bild meines Lebens. Stil: Weltliche Periode (Nietzsche) beendet durch innere Krankheit. Schale: �ffnung durch Johanneisches. Blut: Erf�llung. _'Nur wer sich wandelt, bleibt mit mir verwandt.'_ AUTOBIOGRAPHISCHE NOTIZ 1913 Ich wurde am 6. Mai 1871 als einziges Kind des Landschaftsmalers Carl Ernst Morgenstern (Sohnes des Landschaftsmalers Christian Morgenstern) und seiner Ehefrau Charlotte Schertel (Tochter des Landschaftsmalers Josef Schertel) in M�nchen geboren und erlebte in unserm gegen Nymphenburg zu gelegenen -- aller Kunst und heiteren Geselligkeit ge�ffneten -- Hause mit parkartigem Garten gl�ckliche, eindrucksreiche Kindheitsjahre. Meine Eltern reisten viel, zuerst aus Lebenslust, dann aus R�cksicht auf ein beginnendes Lungenleiden meiner Mutter, und nahmen mich schon von meinem dritten oder vierten Jahre an �berallhin mit. Besonders ist mir eine lange Reise durch Tirol, die Schweiz und das Elsa� in Erinnerung, die im wesentlichen in einer von zwei unerm�dlichen Juckern gezogenen Kutsche zur�ckgelegt wurde. Dazwischen und sp�ter waren es dann die (damals noch l�ndlichen) bayerischen Seed�rfer Kochel, Murnau, Seefeld, Herrsching, We�ling und noch sp�ter schlesische D�rfer am Zobten und im Vorland des Riesengebirges, die dem sehr viel einsamen und stillfrohen Knaben unvergeltbar Liebes erwiesen. Solch freundliches Los ward ihm zumal durch die Lebensf�hrung des Vaters, der als freier Landschafter sowohl, wie dann, als er an die Breslauer Kunstschule berufen worden war, Sommer um Sommer ins Land hinauszog; wozu noch kam, da� er ihn, als eifriger J�ger, bisweilen in seinen Jagdgebieten und Jagdquartieren mit sich hatte. Diese Jahre waren grundlegend f�r ein Verh�ltnis zur Natur, das ihm sp�ter die M�glichkeit gab, zeitweise v�llig in ihr aufzugehen. Sie waren aber auch n�tig, denn bald nach seinem zehnten Jahre, in dem er die Mutter verlor, begann der Ansturm feindlicher Gewalten von au�en wie von innen. Was sich bisher, gehegt und verw�hnt, daheim und im Freien so durchgespielt hatte -- mein Spielen bildet f�r mich ein eigenes sonniges Kapitel -- zeigte sich dem �u�eren Leben, wie es vor allem in der Schule herantrat, weniger gewachsen. Es war, als w�re das Leidenserbe der Mutter, das doch erst zw�lf Jahre darauf zu wirklichem Kranksein f�hrte, schon damals �bernommen worden; denn wenn auch mancher frische Aufschwung immer wieder weiter trieb, so setzten doch mehr und mehr jene dumpfen Hemmungen ein, die ihn wohl nicht h�tten so zu Jahren kommen lassen, wenn nicht irgend etwas in ihm ebenso z�he f�r ihn gestritten und ihn �ber das Schlimmste immer wieder von neuem hinweggebracht h�tte. Vielleicht war es dieselbe Kraft, die, nachdem sie ihn auf dem physischen Plan verlassen hatte, geistig fortan sein Leben begleitete und, was sie ihm leiblich gleichsam nicht hatte geben k�nnen, ihm nun aus geistigen Welten heraus mit einer Treue schenkte, die nicht ruhte, bis sie ihn nicht nur hoch ins Leben hinein, sondern zugleich auf H�hen des Lebens hinauf den Weg hatte finden sehen, auf denen der Tod seinen Stachel verloren und die Welt ihren g�ttlichen Sinn wiedergewonnen hat. Sie mag ihm auch den Jugend- und Lebensfreund zugef�hrt haben, _Friedrich Kay�ler_, dem die Sammlung 'Auf vielen Wegen' (und wieviel anderes!) mit dem Danke geh�rt: 'W�r der Begriff des Echten verloren / In Dir w�r er wiedergeboren'. In meinem 16. Jahre etwa wurde mir das erste Gl�ck philosophischer Gespr�che. Schopenhauer, vor allem, auch schon die Lehre von der Wiederverk�rperung traten in mein Leben ein. Es folgte, Anfang der Zwanziger, Nietzsche, dessen suchende Seele mein eigentlicher Bildner und die leidenschaftliche Liebe langer Jahre wurde. Die Aufgabe, Ibsens Verswerke zu �bertragen, f�hrte mich 1898 nach Norwegen. Ich lernte Henrik Ibsens teure Person kennen und durfte in den �bersetzungen von 'Brand' und 'Peer Gynt' mich innerlichst mit ihm verbinden. Das Jahr 1901 sah mich �ber den 'Deutschen Schriften' Paul de Lagardes. Er erschien mir -- Wagner war mir damals durch Nietzsche entfremdet -- als der zweite ma�gebende Deutsche der letzten Jahrzehnte, wozu denn auch stimmen mochte, da� sein gesamtes Volk seinen Weg ohne ihn gegangen war. Noch sechs Jahre darauf schrieb ich in mein Taschenbuch: Zu Niblum will ich begraben sein, am Saum zwischen Marsch und Geest ... Zu Niblum will ich mich rasten aus von aller Gegenwart. Und schreibt mir dort auf mein steinern Haus nur den Namen und: 'Lest Lagarde!' Ja, nur die zwei Dinge klein und gro�: Diese Bitte und dann meinen Namen blo�. Nur den Namen und: 'Lest Lagarde!' Das Inselchen Mutterland dorten, nein, das will ich nicht verschm�hn. Holt mich doch dort bald die Nordsee heim mit steilen, st�rzenden Seen -- das Muttermeer, die Mutterflut ... o wie sich gut dann da drunten ruht, tief fern von deutschem Geschehn! Inzwischen war dem F�nfunddrei�igj�hrigen Entscheidendes geworden. Natur und Mensch hatten sich ihm endg�ltig vergeistigt. Und als er eines Abends wieder einmal das _Evangelium nach Johannes_ aufschlug, glaubte er es zum ersten Male wirklich zu verstehen. Die n�chsten Jahre -- des Austragens, Ausreifens, zu Ende Denkens -- �berstand er so, wie er sie �berstand, eigentlich nur, weil ihm Gesundheit und Mittel fehlten, sich irgendwohin zur�ckzuziehen, wo er in v�lliger Unbekanntheit seine Tage h�tte vollenden d�rfen. Er war doppelt geworden und in der wunderlichen Verfassung, sich, sozusagen, gro� oder klein schreiben zu k�nnen. (In 'Einkehr', 'Ich und Du' und einer Sammlung Aufzeichnungen findet sich Einiges aus diesem Abschnitt.) Er konnte in einem Kaffeehause sitzen und f�hlen: 'So von seinem Marmortischchen aus, seine Tasse vor sich, zu betrachten, die da kommen und gehen, sich setzen und sich unterhalten, und durch das m�chtige Fenster die drau�en hin und her treiben zu sehen, wie Fischgewimmel hinter der Glaswand eines gro�en Beh�lters, -- und dann und wann der Vorstellung sich hinzugeben: Das bist Du! -- Und sie alle zu sehen, wie sie nicht wissen, wer sie sind, wer da, als sie, mit SICH selber redet und wer sie aus meinen Augen als SICH erkennt und aus ihren nur als sie!' ... Und doch war solches Erkennen nur erst ein Oberfl�chen-Erkennen und darum letzten Endes noch zur Unfruchtbarkeit verurteilt. So kam das Jahr 1908 -- 'Da traf ich Dich, in �rgster Not: den Andern! Mit Dir vereint, gewann ich frischen Mut. Von neuem hob ich an, mit Dir, zu wandern, und siehe da: Das Schicksal war uns gut. Wir fanden einen Pfad, der klar und einsam empor sich zog, bis, wo ein Tempel stand. Der Steig war steil, doch wagten wir's gemeinsam. Und heut noch helfen wir uns, Hand in Hand.' Der Andre war _Sie_, die mein Leben fortan teilte; der Pfad war der Weg theosophisch-anthroposophischer Erkenntnisse, wie sie uns heute, in einziger Weise, durch _Rudolf Steiner_ vermittelt werden. In dieser Pers�nlichkeit lebt ein gro�er spiritueller Forscher 'ein ganz dem Dienste der Wahrheit gewidmetes Leben' vor uns und f�r uns dar. Vor ihm darf auch der Unabh�ngigste sich von neuem besinnen und revidieren, vor ihm hat dies jedenfalls der getan, der immer am liebsten dem Worte nachleben wollte: -- Vitam impendere vero. IN ME IPSUM _Was ist denn von au�en her �ber ein Leben zu sagen! Gar nichts._ 1891 Nicht im l�rmenden Kampf der Tage, auch nicht im Sturm einer gro�en Zeit, aber nach Jahrtausenden stiller Arbeit, nach �onen ewig fortwirkenden Webens -- dann werden die Menschen gut werden. O, wer diesen Glauben, der mir Gewi�heit ist, in allen Augenblicken seines Strebens im Herzen lebendig f�hlte, er w�rde gl�cklich sein. * * * * * Mein einziges Gebet ist das um Vertiefung. Durch sie allein kann ich wieder zu Gott gelangen. Vertiefung! Vertiefung! 1892 Ich bin ein Studienkopf, den der Sch�pfer einst fl�chtig skizzierte, als ihm ein K�nstlerportr�t im Sinne lag. 1894 Ich m�chte nicht leben, wenn Ich nicht lebte. * * * * * Vor einer Menschenmenge: Ich sehe pl�tzlich die Gedanken dieses Volks wie eine dicke schwarze Wolke �ber ihm. Eine Wolke voll Tr�nen und Blitzen. * * * * * �ber all meinen Werken soll es wie ein gro�es Verstehen liegen -- und davon werden viele gl�cklich werden. 1895 Mir ist mein ganzes Leben zu Mut, als ginge mein Weg oft an der Hecke des Paradieses vorbei. Dann streift mich warmer Hauch, dann mein' ich, Rosen zu sehn und zu atmen, ein s��er Ton r�hrt mich zu Tr�nen, auf der Stirn liegt es mir wie eine liebe, friedegebende Hand -- sekundenlang. So streife ich oft vorbei an der Hecke des Paradieses ... * * * * * O tiefe Liebe, die mich zu allem beseelt. * * * * * M�chte gern noch oft erwachen, stets als gro�er K�nstler. 1896 In Arco: Ich d�nkte mich einer jener alten blonden Germanen, die hier einst mit Herrscherschritt durch die Stra�en wanderten. * * * * * Ich sehe auf mich selbst zur�ck. Unz�hlige Gestalten huschen schemenhaft an mir vor�ber. * * * * * Ausgraben will ich meiner Seele Schacht. * * * * * Da� ich nie in meinem Leben eine Schwester gehabt habe! Kein fremdes Weib kann dem Bruder ein solches Verh�ltnis ersetzen. * * * * * Man lasse sich durch meine Ironie nicht irref�hren. Meine Ironie ist naiv wie mein Pathos. Ich vermag Unglaubliches ironisch zu sagen, ohne eine Spur von frivoler Empfindung ..., ja vielleicht schrieb ich es mit ernsthaftester Miene, ohne ein andres Lachen als das eines in sich heiteren unbewegten Geistes. * * * * * Traum Ich fange das Raubvogelgesindel meiner h��lichen Gedanken und brate sie am Spie�, der �ber einem Feuer sich dreht. Ach, vergebens. * * * * * Nach einer Zoten-Posse Je �lter ich werde, einen desto tieferen, bittreren, inbr�nstigeren Widerwillen empfinde ich gegen die Zote. Weniger gegen die, welche etwa von Mann zu Mann kursiert, obschon ich auch sie vollst�ndig entbehren k�nnte, als gegen die �ffentliche Zote von der B�hne herab. Wenn pl�tzlich Hunderte versammelter Menschen jede Scham voreinander verlieren und in wiehernder Freude �ber eine nicht mi�zuverstehende Andeutung �bereinstimmen, dann sinkt mir der Mensch unter das Tier und ein schmerzlicher Unwille zieht mir das Herz zusammen. Ich habe doch f�r vieles Leichtsinn und nicht zum mindesten f�r die Liebe jeglicher Art, aber vor der berechneten Zote vergeht mir aller �bermut. Da schaue ich nur in einen Abgrund von Gemeinheit und H��lichkeit. Wir jungen M�nner, die wir etwas auf uns halten, sollten jenen Auff�hrungen beizuwohnen nicht als uns angemessen erachten und am wenigsten Weiber, die wir ehren, mit uns in jene niedrige und widerw�rtige Sph�re hinabziehen. * * * * * Mein Skeptizismus ist vielleicht gerade das Charakteristische des philosophischen Dilettanten. Der philosophische Dilettant ist immer schnell am Ende aller Dinge, weil er nur die Ergebnisse der bereits gewonnenen Erkenntnis im Auge hat, ohne die Wege zu gehen, ja oft auch nur zu kennen, auf denen jene erreicht worden sind. * * * * * Jedes Jahr habe ich mindestens Eine Periode f�rchterlichsten Zweifels an mir selbst. Dann lebe ich mit best�ndigen Todesgedanken. 1897 Die Sehnsucht meines Lebens ist eine oft �berm�chtige Sehnsucht nach praktischem Schaffen im Gro�en. Plastik w�re (und Architektur) mein h�chster Fall. Meine h�chste Liebe galt immer dem Gegenst�ndlichen, der Linie, der Farbe, dem Ton an sich. Schon er allein vermochte mich zu entz�cken, wievielmehr erst seine organischen Verbindungen. * * * * * Mein Hang zu philosophischem Nachdenken beruht auf der einfachen Grundlage, da� ich in jedem Augenblick �ber das kleinste St�ck Natur irgendwelcher Art in h�chste Verwunderung geraten kann. * * * * * Dieser Norden! Da wacht man in der verhei�endsten Stimmung auf. Griesgr�mig, grau, teilnahmslos ruhen die gro�en Augen der Fenster auf dir, als wollten sie sagen: wozu regst du dich so auf? was willst du mit deinen t�richten Idealen? Alles ist eitel. * * * * * Ich verbrenne an meinem eigenen Ma�stab. * * * * * Tr�ume Die wilde Jagd. Der Sch�cher am Kreuz. * * * * * Mein Herz kommt mir heut vor wie ein Pfefferkuchenherz, das lange im Nassen gelegen hat. 1904 Es ist etwas in mir, das jagt und jagt einem Ziele zu. Das l��t mich in keiner Tr�gheit ganz ruhn, in keinem Gl�ck ganz vergessen. 1905 Ich m�chte am liebsten auf einem Turm wohnen. T�glich im Leben drunten ein Bad nehmen, untertauchen, und dann wieder hinaufsteigen in sein Luginsland, sein au dessus de la vie. * * * * * So oft ich unter neue Menschen gehe, so oft komme ich mit Wunden bedeckt von ihnen zur�ck. Es sind freilich nur leichte oberfl�chliche Schrammen, die bald wieder verheilen, aber sie haben, da sie entstanden, wie zehrendes Feuer gebrannt und besser vielleicht als eine tiefe Verwundung ihr Werk an meiner Seele getan. * * * * * Ich kann ungekl�rte Verh�ltnisse einfach nicht ertragen. Warum k�nnen die Menschen nicht _offen_ gegeneinander sein? Reine Luft zwischen uns! * * * * * Ich mag die Ver�rgerten nicht leiden. * * * * * Meine Natur hat sich von fr�h auf mit Apathie beholfen. Diese Langsamkeit zu reagieren, hat alles, was auf mich einbrach, auf eine breitere Fl�che verteilt, und was mir in einer Stunde unzweifelhaft den Atem abgeschn�rt h�tte, wurde mir so in Tagen und Wochen zu einem dumpfen Druck, der mein Leben nicht eben zerst�rte, aber langsam und sicher ermattete. * * * * * Und das Verha�teste von allem wird einst geschehen: Man wird mir 'Milderungsgr�nde zubilligen'. ('Er war ein guter Mensch, er wollte das Beste usw.') * * * * * Was mu� ich auf die Menschen f�r einen Eindruck machen, da� sie mich so oft wie ein unm�ndiges Kind behandeln wollen. * * * * * Ich trage keine Sch�tze in mir, ich habe nur die Kraft, vieles, was ich ber�hre, in etwas von Wert zu verwandeln. Ich habe keine Tiefe, als meinen unaufh�rlichen Trieb zur Tiefe. * * * * * Mein n�chstes Buch soll 'Auferstehung' hei�en, wenn mir noch eine Auferstehung beschieden sein sollte, im gr��ten Sinne. * * * * * Ich will gern alles gutzumachen suchen, was ich und andere mit mir schlecht gemacht haben, aber nur noch _in mir_, in mir selbst. Alles andere ist Sentimentalit�t und Pfuscherei. * * * * * Ich hatte heute Nacht (24./25. II. 05) ca. 3/4 2 Uhr nach dem ersten Einschlafen wieder einen jener schon beschriebenen Gehirnzust�nde (etwa der achte in der Reihe), dessen Hauptmerkmal mir zu sein scheint, da� ich -- innerhalb des Traumzustandes -- aus einem unangenehmen Traum mit aller Willenskraft ins wache Bewu�tsein hinausstrebe. Es ist der Grenzzustand des Erwachens aus einem peinigenden oder doch beunruhigenden Traum das eigentliche Thema eines solchen Traumzustandes. So erinnere ich mich augenblicklich nicht mehr des Traumes im Traume selbst, sondern nur noch des Erwachenwollens, ja scheinbar wirklich Erwachtseins im Traume. Ich schien mich endlich mit aller Kraft aus dem Krampf des Traumes losgerissen zu haben, aber ich glaubte nicht an mein wirkliches Erwachtsein. Da f�hlte ich ein F�nfpfennigst�ck zwischen den Z�hnen. Ich bi� darauf: jetzt war kein Zweifel mehr: es widerstand, es schmeckte metallig; ich schien wirklich wach. W�hrenddem wachte ich mehr und mehr auf. Im letzten Stadium vor dem wirklichen Erwachen verwandelte mein offenbar klarer werdender Intellekt das Geldst�ck in eine Emser Pastille, die sich zu l�sen begann und den salzig-s�uerlichen Geschmack auf meiner Zunge verst�rkte. Hierauf wachte ich wirklich auf und war verwundert, nichts in meinem Munde zu finden. (Ich hatte nebenbei bemerkt den Tag -- aber nicht den Abend zuvor -- einige Emser Pastillen gegessen.) * * * * * Einem wirklichen Traume (28./29. Juli 05) folgend, m�chte ich ein dramatisches M�rchen orientalischen Charakters schreiben. Der Traum war etwa so: Eine Anzahl von uns, worunter mir noch M. Heimann, sp�ter auch Frisch (und seine Frau) erinnerlich, waren von andern eingeladen worden, Schriften (Dramen, Lyrisches, Lehrhaftes) eines fremden, h�chst merkw�rdigen Kulturvolkes (Chinesen, Inder?) kennenzulernen, um sie zu �bersetzen. Es hie�, 12 Personen h�tten genug auf Jahre zu tun, wenn sie einen Vorsto� in diese fremde wunderliche Literatur machen wollten. Zu dem Zweck wurden uns gro�e B�cher vorgelegt, die mit sch�nen m�nchischen Handschriften gef�llt waren, und uns Stellen vorgelesen, die uns au�erordentlich bedeutsam erschienen. Zu gleicher Zeit glitten wir im Traum unmerklich mehr und mehr in dieses Land selbst, es wurde uns geraten, seine Tempel, G�rten, Theater, Schl�sser kennen zu lernen. Ein Trupp von uns wurde herumgef�hrt. Ich erinnere mich eines ungeheuren Lesesaales, in den man uns blicken lie� und dessen uns entgegengesetzte Seite eine einzige gewaltige Glasscheibe abschlo�, durch die man eine Schweizer Landschaft mit einer Stadt erblickte, -- wie wir erfuhren: Bern und seine Alpen; augenscheinlich von jenen Leuten der Wirklichkeit nachgebildet und hinter jener Scheibe als Aussicht angebracht. Nach einer Weile verlor ich meine Gef�hrten. Ich nahm einen eigenen F�hrer und lie� mich von ihm, ich glaube nach einem Tempel, tragen. Der Tr�ger trug zwei Stangen, die oben Fu�tritte wie die Stelzen hatten. Auf diese trat man, w�hrend man sich an ihrem obersten Teile mit den H�nden und Armen festhielt. Der Tr�ger trug dann das Ganze wie eine doppelte Fahnenstange. Der Mann, den ich genommen, lachte auf meine Bef�rchtung, ich k�nne ihm zu schwer werden und versicherte, ich w�rde viel eher loslassen als er. Er trug mich durch rei�ende Kan�le und zuletzt begann ich sowohl m�de zu werden, wie ihn zu f�rchten. Hier schiebt sich irgendwo eine Vorstellung ein, die ich in einem der Theater gesehen haben mu� und in der ein junges, s��es, zartes Gesch�pf die Hauptrolle gespielt haben mu�. Worte und Erscheinung �berw�ltigten mich mit solcher Macht, da� ich in Tr�nen ausbrach. Und ich weinte so mit meinem ganzen Wesen, aber ohne jede Bitterkeit, nur aus tiefster Erregung der Seele, da� ich meine, dies Gef�hl nie vergessen zu k�nnen. Was das St�ck enthielt, wei� ich nicht mehr. Das Wort Samaria blieb haften und als hinterher wieder davon als von einem �bersetzungsangebot gesprochen wurde, h�rte ich, da� die Sonne darin einmal mit Amanda angeredet wurde, was ich durch Alliebende (!) zu �bertragen vorschlug. Chor (zu vorigem) Gebrochen von des Lebens vielen Strafen, hinwandl' ich meinen Pfad gebeugten Hauptes, schon nicht mehr hoffend auf des Himmels Gnade, die s��en Boten l�chelnden Erbarmens. * * * * * Wenn ich ein Musiker w�re, so w�rde ich eine Symphonie 'Vineta' schreiben. * * * * * Ich w�re als Maler gewi� in Menzels Spuren gegangen, so sehr interessiert mich jeder Gegenstand als rein malerisches Objekt. * * * * * Wenn man durch Zusammenstellung der beiden H�nde geheimnisvolle Figuren bildet, so habe ich ein besonderes Verst�ndnis daf�r und m�chte sie alle kennen lernen. F�r mich ist die Mystik der H�nde unaussprechlich. (Dabei sind meine eigenen zwar klein, aber nicht sch�n. Nur der Handr�cken -- �berhaupt die geballte Faust -- ist gut und vielleicht die Daumen. Die andern Finger sind Herdentiere. Der Handteller ist sehr bemerkenswert: Ein Chaos von Linien um ein riesiges M.) * * * * * Der ganze Wahnwitz unseres modernen Wohnens (ja Lebens) steigt mir aus dem Bild meines eigenen Umzugs auf: W�re es nicht w�rdiger, sein bi�chen Hab und Gut in einer Erdh�hle, die einem aber f�r immer geh�rt, wenn sie nicht ein Naturereignis vernichtet, zu bergen, als mit seinen B�ndeln und Kisten durch prahlende Burgen zu irren, alle zwei, drei Jahre durchschnittlich den in festgemauerten Gelassen Se�haften zu spielen, allen Ernst und alle Liebe zu einem eigenen Heim an teuer gemietete W�nde zu verschwenden, die einem nie geh�ren k�nnen, die uns ewigen Nomaden Verh�ltnisse vort�uschen, die f�r uns eben nur erlogen, nur uneingestandene Kulisse sind. Mein Wohnungsideal ist das Zelt. Nur so weit m�chte ich es noch bringen. * * * * * Ich leide oft sehr an der Art meines Humors. Meine ewige Fragestellung, ob nicht jeder Humor ein Quantum Philistrosit�t einschlie�t. 1906 Wenn ich heute st�rbe, glaube ich, alt genug geworden zu sein. Ich bin dann wenigstens alt genug geworden, um sterben zu k�nnen. * * * * * Warum mu� ich so unaufh�rlich unter mir und anderen leiden! Meine Seele ist fortw�hrend das Spiel �ber sie hinziehender Schatten. * * * * * F�r mich gibt es nur ein Mittel, um die Achtung vor mir selbst nicht einzub��en: Fortw�hrende Kritik. * * * * * Der alte oft erprobte Fluch: Mein Typus Weib bleibt mir ewig verborgen. Was will ich denn! Einen Kameraden, eine freie Seele, einen anmutigen K�rper. In Ru�land f�nde ich diese Gef�hrtin, in Italien -- nein. In Deutschland, dem f�r mich doch allein zul�ssigen Lande -- wo, wo, wo? Ihr wollt alle nur die Liebe zur M�glichkeit haben. Ich habe nur die Liebe zur Unm�glichkeit. * * * * * Kritik, Kritik, nimmer genug Kritik, ein Spiegel sei mir noch das letzte Tor. * * * * * Wie die Nacht �ber einen Tod zieht, so zieht Vergessenheitsnacht alln�chtlich �ber mein Gehirn. Ja, oft hat ein Tag so viele Tage und N�chte, wie bei andern wohl oft Wochen und Monate. Wenn mich jemand hypnotisierte, ich sei eine M�cke und h�tte nur einen Tag zu leben, so glaube ich wohl, da� dieser Tag f�r mich ein ganzes Leben werden k�nnte. * * * * * Ich habe soeben eine lange leidenschaftliche Epistel an meinen Ofen verfa�t und sie ihm dann gegeben. Er verschlang sie gierig und w�rmte mir mit seinem Feuer zwei Minuten lang Gesicht und H�nde. Gewi�, das war alles; aber es gibt Menschen, die nicht einmal wie ein Ofen zu antworten verm�gen. * * * * * Ich ermangele ganz des Verm�gens, mir nach einer Beschreibung -- und wenn sie noch so genau ist -- ein Zimmer oder eine Landschaft vorzustellen. B�hnenanweisungen gehen an mir meistens spurlos vor�ber und Schilderungen etwa wie des Hauses der Buddenbrooks gehen nur mit einigen groben Z�gen in mein Gehirn ein. * * * * * Ich habe sehr sichere Instinkte, aber nicht die Gabe, eingehend zu begr�nden, zu erkl�ren. Die Mehrzahl der Heutigen hat umgekehrt die Gabe des Begr�ndens und Erkl�rens in hohem Ma�e, aber daf�r keine innere Direktion. Es ist unendlich qu�lend, die Berechtigung seines Urteils immer wieder aufs neue beweisen zu sollen. * * * * * Ich bin wie eine Brieftaube, die man vom Urquell der Dinge in ein fernes, fremdes Land getragen und dort freigelassen hat. Sie trachtet ihr ganzes Leben nach der einstigen Heimat, ruhlos durchmi�t sie das Land nach allen Seiten. Und oft f�llt sie zu Boden in ihrer gro�en M�digkeit, und man kommt, hebt sie auf, pflegt sie und will sie ans Haus gew�hnen. Aber so bald sie die Fl�gel nur wieder f�hlt, fliegt sie von neuem fort, auf die einzige Fahrt, die ihrer Sehnsucht gen�gt, die unvermeidliche Suche nach dem Ort ihres Ursprungs. * * * * * Wenn ich etwas an Christus verstehe, so ist es das: 'Und er entwich vor ihnen in die W�ste.' * * * * * Wie wenig meiner sicher bin ich doch noch. Mit welcher Leichtfertigkeit habe ich heute Abend �ber Menschen geredet: so da� ich nun nachts �ber mich erschrecke. (Ich werde mir doch das Armband 'Denke daran' anlegen m�ssen.) * * * * * Eines kann ich wohl als Merkwort �ber all mein Leben und seine Erfahrungen schreiben: Fast alles, was ich geworden bin, verdanke ich mir selber, einigen Privatpersonen und dem Zufall. Von irgendeiner bewu�ten organischen Kultur um mich herum, die das Einzelindividuum zu benutzen und systematisch auszubilden vermocht h�tte, sp�rte ich nie etwas. Weder Eltern noch Lehrer noch irgendwer hat mich je kraftvoll in die Hand genommen und in gro�em Sinne erzogen. Und wenn ich, ein Mensch von urspr�nglich gl�nzender Begabung, alles in allem ein Dilettant geblieben bin, so hat die H�lfte der Schuld daran gewi� die Unsumme von Dilettantismus, von Halbheit und Kulturlosigkeit, die ich �berall gefunden habe, wohin mich meine bewegte Jugend gef�hrt hat. (Gelegentlich der herrlichen Schilderung der Krapotkinschen Jugend.) * * * * * Es ist bitter, sich sagen zu m�ssen, da� man zwischen 35 und 45 zu erledigen hat, was man zwischen 45 und 60 h�tte sollen erledigen k�nnen. * * * * * Ihr macht mir aus meiner gleichm��igen H�flichkeit gegen alle einen Vorwurf. Aber, was wollt ihr! Es gibt gewi� nicht gar so viele, denen es _leicht_ f�llt, die Menschen zu lieben. Nun, mir f�llt es zuweilen leicht: warum sollte ich da gewaltsam unfreundlich zu ihnen sein? Ich finde an jedem etwas, was mir Sympathie oder doch Interesse abn�tigt; und w�rde nicht mein Gef�hl vom Einssein mit allem eine L�ge sein, wenn ich irgendeinem Mitmenschen gegen�ber v�llig kalt bleiben k�nnte? * * * * * Ich bin der leichterregbarste und unbeeinflu�barste Mensch, den ich kenne. * * * * * Ist es ein Wunder, wenn dann und wann eine Nuance von Hochmut in einem auftaucht. Wenn man der offenbaren Niedertracht gegen�ber zuweilen eisig wird -- das Einzige, das ihr nicht zu Gebote steht. Die Menge wei� nichts von der Tiefe der Demut, die ein einzelner empfindet, der sich ganz zu erkennen strebt. * * * * * Luther spricht einmal von 'b�sen Gedanken', deren Kommen man nicht hindern k�nne, aber die es gelte, vor der Schwelle bleiben zu lassen. Der Satz (dessen sch�ner kr�ftiger Wortlaut mir im Augenblick leider nicht gegenw�rtig) ist mir oft im Leben ein Trost gewesen; denn ich habe von fr�h auf, d.h. wohl etwa von meinem 14. Jahr an, daran gelitten, da� in der Reihe meiner Assoziationen pl�tzlich zuweilen ein 'h��licher Gedanke', eine h��liche Vorstellung auftauchte, die ich sofort als solche erkannte, ohne indes die Macht zu besitzen, ihr auszuweichen, ja ihr Wiedererscheinen zu hindern. * * * * * Es w�re vielleicht der richtige Augenblick, ein Tagebuch zu beginnen. Drau�en regnet es ununterbrochen seit neun Stunden und bringt mir meine Einsamkeit erdr�ckend zum Bewu�tsein. Heute Nachmittag durchfuhr es mich: wenn ich meine Gedanken und mein Schaffen nicht h�tte, wie w�rde ich dann wohl solch ein Krankenleben ertragen k�nnen. Und ich bin krank, wenn ich es auch fortw�hrend wieder vergesse und mitten in meiner Krankheit Stunden, Tage, Wochen vollkommener Gesundheit durchlebe, Zeiten voll herrlichsten Bl�hens, in denen der Zerfall in mir gleichsam �berbl�ht, hinweggesiegt wird von einem Fr�hling, der Herbst und Winter des Leibes nicht anerkennt, der die Ordnung der Natur vergewaltigt und, als un�berwindliche immer wieder auferstehende Lebenskraft mich �ber mich selbst hinwegretten zu wollen scheint. Aber dann kommt ein Sp�tnachmittag mit seiner gef�hrlichen Mu�e, dann kommt ein nasser, tr�bseliger Tag wie dieser, und mit dem Vergessen dessen, 'was ist', ist es vorbei. Ich sehe ihn vor mir, meinen treusten Begleiter und Verfolger, den seltsamsten Kauz der Welt. Seine Besch�ftigung besteht seit zehn, seit vierzehn Jahren darin, mich mit einer feinen Federpose in der Luftr�hre zu reizen, gleich als w�nschte er auf Erden nichts, als immer von neuem, Stunde um Stunde, Tag um Tag, Jahr um Jahr meine Stimme zu h�ren, lediglich die Stimme, unartikuliert, tierisch, ohne Form, ohne Inhalt, wie er denn wohl auch selbst nur ein tierischer Geist sein mag, ein Gespenst ohne Hirn, nichts als fixe Idee von oben bis unten und ich sein einziges Ziel, sein einziger Lebenszweck. Es ber�hrt mich eigent�mlich, wenn meine Freunde k�nftige Pl�ne vor mir ausbreiten. Die einen denken sich ein kleines Haus f�r mich aus in ihrer Nachbarschaft, die andern wollen mich wei� Gott wohin haben. Vielleicht, vielleicht. Aber ich gebe mir h�chstens noch zehn Jahre. Und diese zehn Jahre haben ihre Bestimmung, und die ist kaum: Nachbar zu werden und Besuchsreisen zu machen. Am meisten schmerzt mich, was ich von dichterischen M�glichkeiten alles fallen lassen mu�. Zum Drama werde ich nie gelangen, ich habe von Natur nicht das Zeug dazu und mich auf Drama hinzudisziplinieren, dazu fehlt, wie gesagt, Zeit und dann auch Energie. Mein Widerwille n�mlich gegen richtiges, zusammenh�ngendes 'Schreiben' ist allzu gro�. Daran wird auch mein Roman scheitern. Ich bin Gelegenheitsdichter und nichts weiter. * * * * * Ihr wollt meinen Platz wissen? �berall, wo gek�mpft wird. * * * * * Meine Methode, ein Wort durch den Gestus zu finden. * * * * * Niemand war und ist mir eine empfindlichere Gei�el als der richterlich geartete Mitmensch. Er ist f�r mich der personifizierte b�se Blick. Vor ihm erschrickt alles Lebendige in mir so tief, als h�tte der Tod selbst es gestreift. So mag eine Pflanze aufh�ren zu wachsen, wenn sie ein schlimmer Zauberer anhaucht. Sie will gern von Wind, Regen und K�lte vernichtet werden, und wenn sie jemand zertritt, so wird sie es als etwas Nat�rliches hinnehmen, aber sich bei lebendigem Leibe von einem andern lebenden Wesen schlechtweg in Frage stellen, verneinen, f�r unf�hig, f�r einen Irrtum erkl�ren lassen zu m�ssen und das nicht etwa unter einem Feuer von Leidenschaft, sondern kalt, vorbedacht -- das ist unertr�glich. * * * * * Dieser Ofen k�nnte mich veranlassen, zu bleiben. Er ist aus l�nglichen Kacheln gebaut, die ein von allerzartestem Lila umrahmtes milchwei�es Ornament zeigen, und von sch�nen Verh�ltnissen. Wenn die Menschen mehr bed�chten, wie viel Gl�ck von einem einfachen Gegenstand ausgehen kann, wenn sich nur ein reiner Geschmack in ihm ausdr�ckt, w�rden sie unter den einfachsten Bedingungen viel dankbarer gegen ihr Leben sein d�rfen. Ich kann nicht sagen, wie mich die ersten Architekturen des S�dens (in Bozen) wieder bewegten. Ich glaube, ich werde von hier unaufhaltsam nach Italien hinabsinken -- und vielleicht blo� um seiner Bauwerke willen, die mir den Menschen erh�hen, wie der Mensch sich in ihnen erh�ht hat. 1907 Als Primaner versuchte ich zum ersten Mal zu einer lebendigen Vorstellung dessen zu gelangen, was wir des Alls Unendlichkeit nennen. Ich legte mich nachts auf einen fast horizontal gestellten Klappsessel in den Garten, und bem�hte mich, �ber das rein Bildm��ige des Sternenhimmels hinaus in seine Wirklichkeit einzudringen. Es gelang mir so wohl, da� ich empfand: Jetzt noch eine Sekunde solcher Erdabwesenheit, ein einziger kleiner Schritt weiter und mein Gehirn ist auf immer verloren. Und ich brach das schauerliche Experiment ab. Jetzt, etwa f�nfzehn Jahre sp�ter, droht mir die gleiche Gefahr am lichten Tage. Es begann an einem st�hlern blauen Fr�hlingsabende in einer Gartenanlage in Obermais, mit dem Blick auf die dem Vinschgau vorgelagerten Ketten. Die Berge formten sich ungef�hr wie zu einem Maulwurfsh�gel zusammen, die Ortschaft, die Gegend um mich verloren ihre Wichtigkeit. Meine Mulde erschien mir nicht bedeutender als der Abdruck eines Daumenballens in einer Wachskugel, und mich trug der riesige doch kleine Planet wie ein Infusor auf seinem R�cken rund durch den Raum. Ein leichtes geistiges Schwindelgef�hl, ein Vorgef�hl von Seekrankheit des Geistes erfa�te mich. Die Begriffe oben und unten gingen in einem dritten unter. Ich sa� da nur einfach von Luftdrucksgnaden. * * * * * Wenn ich das Gegenw�rtige nicht so liebte, wenn ich diese Liebe nicht h�tte wie einen gro�en und sicheren Fallschirm, ich w�re l�ngst ins Bodenlose gefallen. * * * * * Da stamme ich nun von Malern -- und mu� den Zusammenbruch der Natur als eines _Bildes_ in mir erleben! * * * * * Ich bin wie einer, der ohne F�hrer, nur so nach Karten und gelegentlicher Auskunft von Hirten und Wanderern ins Hochgebirge hineinsteigt. Niemand ahnt, mit was f�r Martern ich das oft zahlen mu� und wie mir ein schneller Tod oft g�ttliche Wohltat w�re. Nein, mein 'Dilettantismus' ist kein Spa�, keine Koketterie; er ist ein Schicksal, aber ich kann ihm nicht entrinnen; denn war mein Geist auch allezeit willig, meiner Physis fehlte es allezeit an jener letzten besten Energie, die sekundieren mu�, wo irgend etwas Gro�es auf Erden werden soll. * * * * * Es ist viel Gl�ck in mir, Gl�ck, das mir meine Grenzen verschleiert und Gl�ck, das sie mir ins Unbestimmte hinausr�cken zu d�rfen scheint. Ich habe viel Talent zum Leben, -- wenn das Leben nur mehr Talent zu mir h�tte. Aber manchmal weht doch ein Windsto� alle die warme sch�tzende Illusion fort und dann sehe ich fl�chtig meinen Umri� und -- schaudere. * * * * * Ich habe nur Einen wahren und wirklichen Feind auf Erden und das bin ich selbst. * * * * * Wenn ich unter Menschen bin, bin ich wie auf Ferien. -- Und deshalb sollte ich eigentlich nicht mehr unter Menschen und am wenigsten unter Freunde gehen: denn sie wissen alle nicht, da� ich nur gastweise bei ihnen bin und ihnen zuh�re, da� mir f�r vieles von ihrem Leben und Treiben die letzte leidenschaftliche Aufmerksamkeit verloren gegangen ist, als w�re ich ein Mann, der etwa in einem Saal einer feinen und gro�en Musik zuh�rt -- aber drau�en vor der T�re steht heimlich sein Weib und wartet auf ihn und vor lauter innerer Unruhe h�rt er nur mit halbem Ohre zu und verbirgt kaum seine Zerstreutheit und mag manchem sch�rferen Beobachter mit Recht als kein sehr fachm�nnisch engagierter Zuh�rer gelten. * * * * * Ich irre in diesen europ�ischen L�ndern umher wie ein Vogel in einem Treibhaus. Die Menschen glauben, weil ich von einem Ort zum anderen reise, lebte ich ein beneidenswertes Leben. Sie wissen nicht, da� mich letzten Endes jeder dieser Orte entt�uscht -- denn �ber jeden ist der Fluch europ�ischer Zivilisation ausgegossen, vor dem er vor hundert, ja vor f�nfzig Jahren noch verschont war. Die entsetzliche N�chternheit der letzten 30, 40 Jahre kriecht einem �berall nach, ja sie f�rbt auf einen selber ab: Man verhotellt zuletzt rettungslos. Denn wo kein Hotel ist, da ist kein Platz f�r dich mit deinem Rohrplattenkoffer und deiner schriftdeutschen Sprache. Ich habe wohl auch meine Zeit an die Gro�artigkeit unserer Epoche der Technik geglaubt, aber jetzt f�hle ich nur noch das Eine: da� sie die Erde entzaubert, indem sie alles allen gemein macht. * * * * * Das abwechselnde Summen zweier oder dreier Wespen erinnert mich an die Responsorien der katholischen Kirche. Ich sehe die wohlgen�hrten Schwarzr�cke vor mir, ich sehe den zelebrierenden Priester auf den Stufen des Altars und den Altar selbst mit seinen schlanken Kerzen und alten Gem�lden. * * * * * Ich habe diesen Herbst mit �beltaten angefangen. Ich habe an zwei hei�en Septembertagen f�nf oder sechs Wespen get�tet, die in mein Zimmer gekommen waren und mich beunruhigten. Das war ganz und gar gegen meine Gewohnheit und nur durch eine Unruhe und Unbeherrschtheit zu erkl�ren, die unter dem Einflu� des S�dwindes mich vielleicht ebenso wie die Wespen �berkommen hatte. Sp�tere Bemerkung: Ich wei� noch, wie mich damals besonders die 'Dummheit' der Tiere erregt hatte, die oft eine Stunde lang an der Zimmerdecke hin und her und auf und ab irrten, ohne den scheinbar so einfachen Weg durch die offene Balkont�r wiederzufinden oder wiederfinden zu wollen. �bertragen wir diese meine Ungeduld und Unduldsamkeit auf G�tter und Menschen, so h�tten diese G�tter wohl den ganzen Tag nichts weiter zu tun, als Menschen totzuschlagen. * * * * * Mein ganzes Leben lang suche ich den Stachel, den ich hier ins tr�ge Fleisch dr�cken k�nnte -- und finde ihn nicht. * * * * * Ich k�nnte heute noch im Walde wie ein Knabe spielen: Aus Steinen und Holzst�cken H�user bauen, mit d�rren Zweiglein Stra�en abstecken und Haine bilden, einen Felsblock zum Range eines Alpengipfels erheben und einem Hirschk�fer und seiner Frau die Herrschaft �ber das alles verleihen. Und dieses kleine Reich w�rde mich gl�cklicher machen und meine Phantasie umst�ndlicher erregen und besch�ftigen -- als ein noch so gro�es der Wirklichkeit. So habe ich einmal, mit 35 Jahren, acht Tage am Strande von Sylt mit Bauen und Zimmern einer Strandh�tte verbracht und war wohl selten so von Herzen froh, wie bei diesem harmlosen Spiel. * * * * * Je �lter ich werde, desto mehr wird ein Wort mein Wort vor allen: Grotesk. * * * * * Wenn ich ein Musiker w�re, so w�rde ich einen gemischten Chor mit Orchester komponieren: den 'Chor der Genesenden', -- und im Himmel selber sollte nicht tiefer, inbr�nstiger und s��er gesungen werden. 1908 Wenn ich aber tot sein werde, so tut mir die Liebe und kratzt nicht alles hervor, was ich je gesagt, geschrieben oder getan. Glaubet nicht, da� in der Breite meines Lebens das liegt, was euch wahrhaft dienlich sein kann. I�t man denn an einem Apfel auch alles mit: die Kerne, das Kerngeh�use, die Schale, den Stengel? Also lernt auch mich essen und schlingt mich nicht hinunter mit alledem, was nun zwar zu mir geh�rt und geh�rte, aber von dem ich selbst so wenig wissen will, wie ihr davon sollt wissen wollen. La�t mein allzuverg�nglich Teil ruhen und zerfallen: Dann erst liebt ihr mich wirklich, habt ihr mich wirklich verstanden. * * * * * Ihr seid von hier, ich bin von dort. * * * * * Ihr me�t jedem sein Ma� Liebe zu: dem dreiviertel, dem zwei Viertel, dem ein Viertel, dem nichts. Davon verstehe ich nichts. Ich kann nicht messen und meine Seele ist immer da am eifrigsten, wo ich sehe, da� Eure sich spart und sperrt. * * * * * Ich kann mit fertigen Menschen nichts anfangen. Es gibt fertigere Menschen denn mich, sicherlich ungez�hlte. Aber keiner ist fertig, soll je fertig sein. * * * * * Ihr selig Blinden rings um meinen Schritt! * * * * * Manchmal meine ich, mich definieren zu sollen als einen wehr- und hilflos dem Gro�en preisgegebenen Menschen. Auf mich kann eine Seite Lagarde z.B. wie eine S�ure wirken, die mich f�r den Augenblick v�llig zersetzt. Oder ein Wort Nietzsches oder Goethes. * * * * * An dieser meiner Lieblingsbank f�hrt kein Spazierweg vor�ber, geschweige denn eine Stra�e, -- nur ein schmaler Wiesenpfad von zwei Spannen Breite. Da kommt denn auch begreiflicherweise wenig Volks vorbei, -- -- Einsiedler, Sonderlinge! * * * * * _Ich sehe_ mich selbst, schreibend zur Nachtzeit -- im Bett bei der Lampe, dies B�chelchen schreibend ... Und all das bin Ich. _Ich sehe._ -- * * * * * Ich bin wie eine Uhr, die sich jeden Tag von neuem richten mu�, weil sie jeden Tag immer wieder von neuem nachgeht. * * * * * Mein Traum 26./27. Nov. 08: Ich sehe etwas in der Luft wie etwa drei gl�nzende glasklare �pfel an einem (unsichtbaren?) Zweige, sie bewegen sich leicht im Wind -- und daran geht mir das Wesen alles Lebens auf. Ich denke an B�hme und seine Lampe. Nach jenem Vorgang -- bewegtes All -- erkl�re ich mir, im Traum, das ganze Leben. Das Ende ist mir leider entschwunden, ich wei� nur, da� ich gro�er Klarheit geno�. * * * * * Ich m�chte sagen, da� ich immer noch im und vom Sonnenschein meiner Kindheit lebe. * * * * * Wenn ich mir je ein Haus baue, so mu� es einen Hof umschlie�en, in dessen Mitte ein riesiger Baum steht. Nichts ist f�r mich mehr Abbild der Welt und des Lebens als der Baum. Vor ihm w�rde ich t�glich nachdenken, vor ihm und �ber ihn ... * * * * * �ber die �u�ere Technik zur Hervorbringung kontemplativer Zust�nde mich unterrichten! * * * * * Mir den Sonntag Morgen als Posttag einrichten. Nur dann Privatkorrespondenz empfangen und beantworten. (Private Ordensregeln.) * * * * * Wie wenig reeller Wert ist oft an einer ausgedehnten 'guten Handlung'. Da bin ich eben bei einem Begr�bnis gewesen. Aber nichts von meiner ganzen Beteiligung an diesem actus war anders als so gut wie nur �u�erlich, au�er der urspr�nglichen spontanen Regung beim Empfang der Todesnachricht: Du willst diesem Entschlafenen die letzte Ehre erweisen. * * * * * Schlie�lich und endlich: was vermisse ich unter meinen Mitmenschen am meisten: Wirkliche, _wirkliche_ Phantasie. * * * * * Heut habe ich mich zum zweiten Mal an die Erweckung des Lazarus gemacht .. Was ich hier will, ist viel tiefer als 'Kunst'. * * * * * Das ist es: Alle die andern besch�ftigen sich mit 'Gott'. Ich wage zu sagen: Ich -- bin -- das, was wir Gott nennen -- selbst. Wer das versteht, aber auch nur der, wei�, was ich meine, wenn ich von 'meinem Ernste' spreche. * * * * * Meine Wendung zum Dualismus (wenn ich es so brottrocken ausdr�cken will) datiert nicht etwa vom August 1908, sie hatte sich mir schon lange vorher verraten. Ein �u�eres Merkwort bedeutete f�r mich auf diesem Felde eine gelegentliche Auslassung Heinrich Frickes, etwa im Vorfr�hling 1907, �ber sich, Goethes Farbenlehre und den Dualismus. Da� ein so tiefer Mensch �berall Zweiheit sah, mit derselben Kraft, mit der ich �berall Einheit f�hlte, konnte ich nicht mehr vergessen. Aber ich kam doch auch noch auf ganz andern Wegen zu der Formulierung der Welt als Gottes 'Du'. * * * * * Ich habe einmal in meinem Leben auf einen Stein gebissen. Seitdem bitte ich jedes Brot vorher: enthalte keinen Stein! * * * * * An M. a Jetzt fangen wieder diese gro�en herrlichen Vormittage an, an deren sp�tem Ende ich, an allen Fibern zitternd, den Mittagstisch aufsuche, um unwillig und abwesend mein Essen beizunehmen, das mich langsam wieder dem Gesetz der Schwere unterwirft. Du kannst Dir keinen Begriff von diesem inneren Brennen und Verzehrtwerden machen, dessen ich oft kaum gewahr bin, so da� ich jeden Augenblick und bei jeder Ber�hrung durch irgend etwas, einen Anblick, eine Zeitungsnachricht, eine Melodie, in Tr�nen ausbrechen m�chte. * * * * * Man wird mich einst in manchem meiner S�tze zu einem Eklektiker degradieren wollen, aber wenn ich auch in nichts Bisheriges �berschritten haben sollte: Eklektiker war ich nie. Nie zeichnete ich etwas auf, wozu ich nicht durch meine ganze Natur und Entwickelung gekommen w�re und vieles fand ich und finde ich zu meinem Erstaunen wieder, was ich f�r mich allein zuvor besa�. Da lese ich soeben am 7. August 1908 von Schleiermacher: 'Darum lebt das ganze Universum, das G�ttliche, in jeder Individualit�t, als jede Individualit�t'. Ist dies nicht mein Gedanke? und habe ich Schleiermacher je zuvor n�her kennen gelernt? 1909 Der Mensch ist mein Fach und hier will ich bis zum �u�ersten gehen. Wenn Ihr aber sagt: Dagegen wendet der Politiker dies ein und dagegen der Historiker dies und dagegen der National�konom dies, so erwidere ich: La�t auch sie ihr Fach bis zum �u�ersten treiben. Ihr Fach ist der Mensch in irgend einer sozialen Form, das meine der Mensch an sich, der Mensch als inkommensurables Wesen. * * * * * Bei hunderten mag es fesselnder und lohnender sein, den Bed�rfnissen nachzusp�ren, woraus ihre Werke entsprungen sind, als diesen Werken selber. Bei mir mag man sich mehr an das halten, was ich schreibe. * * * * * Mein Hauptorgan ist das Auge. Alles geht bei mir durch das Auge ein. * * * * * Ich wei� mich merkw�rdig frei von jeder 'romantischen Sehnsucht', ich f�hle im Durchschnitt meines Wesens br�derlich zum Leben als etwas, dem ich nichts hinzuzuf�gen brauche und das mir nichts hinzuzuf�gen braucht. Darum vermag ich mich auch rein an ihm zu freuen, wo es Freude erweckt, darum wendet sich mein Schmerz �ber das Leid der Welt gleich bis in seinen Grund zur�ck. Kein _Anders_-Sein wollend, sondern das Sein in seinem Kern und Wesen anklagend und in Frage stellend. * * * * * An Steiner Gl�ck in medias res. Ich war sozusagen bis 4 Uhr morgens gegangen und glaubte kaum noch, da� es nun noch wesentlich heller f�r mich werden k�nnte. Ich sah �berall das Licht Gottes hervordringen, aber .. Da zeigen Sie mir mit einem Male und gerade im rechten letzten Augenblick ein 5 Uhr, 6 Uhr, 7 Uhr -- einen neuen Tag. * * * * * Ich werde noch manches ver�ffentlichen m�ssen, was einer fr�heren Entwickelungsstufe als meiner jetzigen angeh�rt, denn ich darf niemanden �ber den Weg betr�gen, den ich gegangen bin. * * * * * Niemanden loslassen. Keine Beziehung fallen lassen! * * * * * Immer bewu�ter sich konzentrieren lernen. Alles Flatternde und Flackernde in mir �berwinden. An jeden guten Gedanken, jede gute Empfindung einen Stein h�ngen, sie verankern. Damit zusammenh�ngend: Se�haft werden, Tempob�ndigung, Tempobeherrschung. * * * * * Meine Zahlen: 13/14/15/16/17/18/19. Mein Alter -- 42? * * * * * Ich widerrufe alles Harte und B�se, was ich je in meinen Worten oder Briefen gesagt habe. * * * * * O nur nicht immer wieder erlahmen, nur nicht immer wieder absinken. Z�chte doch den _Willen_ in dir, du ewiger Wanderer _ohne Stab_. Man soll mich als einen malen, der _ohne Stab_ einen Berg erklimmt. Der D�mon seiner eigenen Schw�che hindert ihn, sich einen Stab zu bilden, -- aber am Steigen selbst kann er ihn nicht hindern, wie oft er auch wie tot daliegen mag. * * * * * Was ich heute tue, tue ich nicht um meinetwillen, sondern um meiner Liebe zum Menschen willen. * * * * * Einem Menschen wie mir gen�gt es nicht, Ein Mal das Richtige zu erkennen. * * * * * Ich m�chte gern auch noch zu �u�erem Wirken gelangen. Ich m�chte mein Berlin als geistiges Staatskunstwerk zum Ziel machen. * * * * * In alles und jedes einflie�en lassen einen h�heren Geist! 1910 Ich tr�umte mir die Kraft eines Zuk�nftigen, -- _meine_ Zukunft und lie�, als ich vom Haus der lieben Freunde dankbar Abschied nahm, in jedem Zimmer eine Rose zur�ck, geschaffen durch den Willen meiner Liebe. * * * * * O meine Hand, du seltsames Gesch�pf, du warst mir immerdar ein Angelhaken der Meditation. Wenn ich in deine Schale blicke, meine ich ein Geistgebilde zu schauen. * * * * * Bild meines Lebens. _Stiel_: Weltliche Periode (Nietzsche) beendet durch innere Krankheit. _Schale_: �ffnung durch Johanneisches. _Blut_: Erf�llung. 1911 Ich darf wohl sagen: Die Entdeckung meines Mannesalters ist die _Frau_. 1912 Mit meinen Erkenntnissen ist es so, wie wenn endlich ein St�ck Berglehne abbricht und zerbr�ckelnd in die Tiefe rutscht. Wie einen Bergrutsch f�hlt man's in sich und frohlockt, da� das Massiv der Blindheit, die wir sind, wieder um etwas kleiner geworden ist. * * * * * Ich kann ebensowenig Briefe schreiben, wie Gespr�che f�hren. Beides verflacht mich und l��t mich in einem Zustand zur�ck, dessen Unerquicklichkeit ich niemandem w�nsche. 1913 Sprich du zu mir, mein h�her Du! Ich will mich ganz in dich verh�ren. * * * * * Gro�er philosophischer Moment w�hrend des Vortrags vom 27. August 1913: ich sah einen Augenblick lang den Menschen (Steiner) als reinen, bewu�ten _Willen_, sich allein durch ein ungeheures g�ttliches Vorw�rts-_Wollen_ im Leben und als solches Leben behauptend. NATUR 1892 Wir leben doch alle auf dem Meeresgrund (dem Grund des Luftmeeres) -- Vineta. 1895 Die Sterne lauter ganze Noten. * * * * * Der Quellnixe wehendes Font�nenhaar. 1896 Der Zypressen gr�ne Obelisken. * * * * * Der Duft der Dinge ist die Sehnsucht, die sie uns nach sich erwecken. * * * * * Wer wei�, ob die Gedanken nicht auch einen ganz winzigen L�rm machen, der durch feinste Instrumente aufzufangen und empirisch (durch Vergleich und Experiment) zu entr�tseln w�re. 1897 Rhythmisch bewegte Luft ist gewisserma�en farbige Luft. Wirkung der Glocken. 1904 Warum sind H�gel sch�ner als Berge? Weil sie den Begriff des Gebirges gegen�ber der Ebene, diese begl�ckende Naturbrechung und Erh�hung des Niveaus mit lebendigerem Ausdruck offenbaren als die starren Felsberge, die mehr blo� Begriffliches sozusagen, weniger Gef�hlswarmes an sich haben. 1905 Die Natur kennt nur Farben�berg�nge, keine Farben. * * * * * Da erwiderte mir gestern ein Herr aus Bremen: 'Wie? Sie bedauern den Tod eines Seehunds? Ausrotten m��te man diese Tiere. Glauben Sie etwa, sie seien n�tzlich? Sie sind die �rgsten Fischr�uber, die es gibt, ganz sch�dliche, unn�tze Gesch�pfe!' Ich dachte an die feuchten dunklen Augen der gutm�tigen Tiere und sie erschienen mir weit liebenswerter als diese Anschauungen eines Pedanten, dem sich sein eigenes grenzenloses R�ubertum als Mensch so ganz und gar von selbst verstand. * * * * * Mir gen�gt zur Zeit das Schwatzen der Seev�gel, das leise Sich-Wiegen des stachlichen Strandhafers, ein wenig durch die Finger rinnender Sand und die graublaugr�ne Fl�che vor mir mit ihrer seltsamen Unbedingtheit. * * * * * Die Verschwendung der Natur ist zu gro�. Und das ist das Bitterste: Unsere anklagenden Gedanken, und seien sie noch so erhaben, sind nur wie namenlose gleichg�ltige V�gel, die gegen ein kristallumpanzertes Feuer prallen, um ohnm�chtig und ruhmlos in die Nacht hinabzufallen, vertan, verschwendet wie das Wesen das sie gebar. * * * * * Wie ich das Br�ckeln und Rinnen einer in den Sand gew�hlten Mulde beobachte, kommen mir einige der tragischsten Eindr�cke meines Lebens ins Ged�chtnis. Den einen empfing ich in den Thermen des Caracalla, und was hier nur Bild und Gleichnis, war dort melancholische Wirklichkeit. Von den m�chtigen Gew�lberesten rieselte fast unaufh�rlich M�rtel und verwittertes Mauerwerk, und ab und zu, wenn der leichte Wind sich st�rker erhob, flog wohl auch ein gr��erer Stein polternd in die Tiefe. Es war ein unheimliches und ersch�tterndes Gespr�ch der Verg�nglichkeit, dem der gef�hrdete Wanderer dort beiwohnte und zugleich das Totenraunen einer Kultur, das vielleicht noch w�hren wird, wenn der Petersdom das seinige anheben sollte. Den andern gaben mir die norwegischen Berge mit ihren ewigen Steinschl�gen, in denen ihre Gipfel nach und nach herabzukommen scheinen. * * * * * Die gro�e Ruhe und der tiefe Friede sind nur bei euch, ihr lieben fernen Berge. * * * * * Noch viel wunderbarer als der einfache Spiegel ist der durchsichtige Spiegel, z.B. ein Fenster, das auf eine Landschaft hinausgeht und in dem sich zugleich Gegenst�nde unseres Zimmers spiegeln. 1906 Wie k�nnen Baumwipfel wie ein M�dchen aussehen, ja mehr noch: seinen ganzen Charakter zu enthalten scheinen? Und doch ist es manchmal so. * * * * * Ich habe heute ein paar Blumen f�r dich _nicht_ gepfl�ckt, um dir ihr -- Leben mitzubringen. * * * * * Ich h�re einen Vogel fortw�hrend 'Chi--rur--gie' fl�ten. * * * * * Diese zwei jungen Teckel da vor mir, wie sie sch�n sind in ihrer jungen Nat�rlichkeit und Z�rtlichkeit zueinander! Wahrlich, bei keinem Menschen kann reizender aussehen, als wenn das M�nnchen dem Kameraden mit seinem Auge folgt oder wenn das Weibchen ihm im sonnigen Moos den Kopf auf den R�cken legt voll Anmut und Anschmiegungsbed�rfnis. Und welches Wohlgef�hl des Lebens, wenn sie so, die Nase dicht am warmen Moos, die sonnendurchw�rmte Waldluft einsaugen mit ihren vielf�ltigen Reizen, von denen wir nur einen groben Begriff haben. Und welches stets rege Interesse f�r alle die kleinen und gro�en T�ne, die eine Landschaft fortw�hrend erf�llen und beleben. * * * * * Gebell eines 'Achtung'-Hundes: Nervosit�t durch Geschrei von Kindern Argwohn, es k�nnte auf ihn gem�nzt sein (monoman) Gefahr! (Furcht, Wut, Anspannung) Beschimpfung (da nichts erfolgt) Selbstgerechter �rger (mehr monologisch) Mitteilungsgef�hl (Klatschbed�rfnis) (er teilt die Sache der Au�enwelt mit) Quittungen �ber vieles Rivalit�t \ |- mit andern Hunden Solidarit�t / Grundloser Unwille Katzenjammer, der sich zu bet�uben sucht. * * * * * Es ist mit Landschaften wie mit Menschen, man lernt sie nie aus. Jeder und jede verm�gen unter Umst�nden alle Phasen von der �rmlichsten H��lichkeit bis zur lebensvollsten Sch�nheit zu durchlaufen. * * * * * So schimmert ein Birkenw�ldchen durch Kiefern, wie deine ferne Jugend in und durch meine Gedanken. * * * * * Die Natur ist die gro�e Ruhe gegen�ber unserer Beweglichkeit. Darum wird sie der Mensch immer mehr lieben, je feiner und beweglicher er werden wird. Sie gibt ihm die gro�en Z�ge, die weiten Perspektiven und zugleich das Bild einer bei aller unerm�dlichen Entwickelung erhabenen Gelassenheit. * * * * * Es ist ein seltsames Gef�hl, senkrecht in die Erde zu unseren F��en hineinzudenken. Man kommt nicht weit, die Phantasie erstickt buchst�blich. * * * * * Keine Gegend setzt sich aus andern Elementen zusammen, als den uns bekannten. Das wissen wir und doch spielen wir damit, in einer Landschaft Geheimnisse zu vermuten, so lange wir sie noch nicht genau kennen. 1907 Zeile aus einem Traum: Sanft und silbergestickt fand ich die s��en Berge. * * * * * Der Fr�hling ist etwas Herrliches. Der Fr�hlung aber, der nicht mehr kommen _mu�te_, der nur so aus �berirdischer Gnade noch einmal gekommen ist, der ist nicht mit Namen zu nennen. * * * * * Worauf beruht z.B. der Zauber des Waldes, die tiefe Beruhigung, die er dem Menschen gibt? Darauf wohl zumeist, da� uns in ihm eine un�bersehbare Anzahl pflanzlicher Individuen einer bestimmten Art entgegentritt, die Lebensfrieden und Lebensmacht zugleich mit �u�erster Zweckm��igkeit vereinen. Der Stamm einer Bergfichte ist das Urbild ruhiger, in sich gefestigter Kraft; ein gewaltiger Lebenswille, den sobald nichts zu st�ren oder gar zu brechen vermag, offenbart sich in ihm. Ihre �ste, Zweige und Nadeln aber strahlen mit solch �u�erster Zweckm��igkeit rings von ihm aus, stellen im Verein mit dem Stamm und den Wurzeln einen so weise der Au�en- und Umwelt eingepa�ten K�rper dar, da� man begreift: hier liegt die _L�sung eines Problems_ vor, an der vielleicht unerme�liche Zeiten gearbeitet haben. * * * * * Die Fliegen, diese Spatzen unter den Insekten. * * * * * In der Katze hast du Mi�trauen, Wollust und Egoismus, die drei Tugenden des Renaissance-Menschen nach Stendhal und anderen. Damit ist sie, ich m�chte sagen, das konzentrierteste Tier. Der Hund ist dagegen gl�ubig, selbstlos und erotisch kulturlos. Unsere heutige Zivilisation n�hert sich mehr der Stufe des Hundes. Das Christentum ist vornehmlich gegen die Katze gerichtet. Man darf nach dem allen in einigen Jahrhunderten den Menschen erwarten. * * * * * Die Selbstachtung einer Katze ist au�erordentlich. * * * * * Die Reinlichkeit der Katze ist eine ganz andre, als die des Menschen. Der Mensch w�scht sich, k�mmt sich, b�rstet und klopft seine Kleider, er entledigt sich, mit einem Wort, seines Staubes, indem er ihn dem Wasser, der Luft, der Erde zur�ckgibt. Die Katze hingegen schleckt ihn mit unerm�dlicher Zunge in sich auf, verleibt ihn sich ein, vertilgt ihn -- aber im fruchtbarsten Sinne, indem sie ihn schlankweg in ihr organisches Leben mit hineinnimmt. * * * * * Du hast einen Gro�stadtwinter umsonst den Anblick einfacher, nat�rlicher Anmut ersehnt. Drehe dich um. Vielleicht sitzt hinter dir auf dem leeren Divan eine etwa einj�hrige Katze, die dich dann und wann besucht, um sich dort eine halbe Stunde umst�ndlich zu putzen und dann eine zweite halbe Stunde voll tiefen Behagens zu schlummern, -- und du siehst was du suchtest, die eingeborene Lieblichkeit unbewu�ter Natur. * * * * * Eine der gr��ten Unverfrorenheiten des Menschen ist, dies oder jenes Tier mit Emphase falsch zu nennen, als ob es ein annoch falscheres Wesen g�be, in seinem Verh�ltnis zu den andern Wesen, als der Mensch! * * * * * Warum erf�llen uns Gr�ser, eine Wiese, eine Tanne, mit so reiner Lust? Weil wir da Lebendiges vor uns sehen, das nur von au�en her zerst�rt werden kann, nicht durch sich selbst. Der Baum wird nie an gebrochenem Herzen sterben und das Gras nie seinen Verstand verlieren. Von au�en droht ihnen jede m�gliche Gefahr, von innen her aber sind sie gefeit. Sie fallen sich nicht selbst in den R�cken, wie der Mensch mit seinem Geist und ersparen uns damit das wiederholte Schauspiel unseres eigenen zweideutigen Lebens. * * * * * Weshalb sollte man sich nicht damit abfinden, in einer gem��igten, sehr gem��igten Landschaft zu leben, da man doch nur den Blick zu erheben braucht, um ins v�llig Ungem��igte zu st�rzen, und nur die Gedanken, um zu f�hlen wie wenig es verschl�gt, im wilden Ozean des ewig Ungewissen auf einem gehobelten Brett oder einem entwurzelten Baumstamm zu treiben. * * * * * Den Wolken wird vielleicht einstmals eine besondere Verehrung gezollt werden; als der einzigen sichtbaren Schranke, die den Menschen vom unendlichen Raum trennt, als der gn�dige Vorhang vor der offenen vierten Wand unserer Erdenb�hne. * * * * * Merkw�rdig, zu f�hlen, wie man auf diesem seinem Erdboden nicht viel anders festgehalten wird, als jene kleinen Saugn�pfchen aus Gummi, die man an die Wand pre�t, um Uhren und Schl�ssel dran aufzuh�ngen. * * * * * Ein dunkelblauer Lampion, innen von einer Kerze erleuchtet, gegen den Nachthimmel. Vision eines geisterhaften Planeten in n�chtlicher D�mmerung. * * * * * Wie ein verzweifelndes Haupt Schutz, Ruhe und W�rme in seinen H�nden, auf seinen Armen sucht, so sucht Gott, der Mensch, Schutz, Ruhe und W�rme in jenem andern dumpferen Teile seines Wesens, den wir Natur nennen. * * * * * Durch die Natur beruhigt sich Gott selbst immer wieder. Wehe, wenn er als Mensch in dem unseligen Fieber der Zivilisaton sich selbst als Natur zerst�rt haben wird. 1908 Wer die Welt nicht von Kind auf gewohnt w�re, m��te �ber ihr den Verstand verlieren. Das Wunder eines einzigen Baumes w�rde gen�gen, ihn zu vernichten. * * * * * Ich glaube, wer blind w�re, m��te die Pflanzen viel besser verstehen. * * * * * Was tut die Blume wohl mit Gott? Sie l��t sich Gott gefallen. In der Blume, als Blume tr�umt er seinen sch�nsten Traum, da widerstrebt ihm nichts. * * * * * Ich kenne keine 'getrennten Gebiete'. -- * * * * * Wie sch�n wird eine Henne als Mutter. Vorher wirkt sie immer ein wenig komisch. Mit den K�chlein an sich aber r�ckt sie f�r mich unter -- Sternbilder. * * * * * Eine sch�ne stattliche wei�e Kuh mit geschwungenen H�rnern und einer gro�en sonoren Glocke -- das ist schon ein Symbol, f�r den Gottesdienst eines Volkes. Oder ein Stier .. * * * * * Wer mag wissen, was Glockengel�ut z.B. in den V�geln f�r eigent�mliche, dunkle Gef�hle ausl�st. Ob sie sich da nicht momentweise auch '�ber sich selbst erheben', nur so in einem dumpfen Drang ... 1909 Ein verbummelter Hund, der auf eigene Faust jagt -- und ein gehorchender treuer, bei allem Feuer durch innere Gesetze gez�gelter Hund -- zwei Stufen Gottes auch sie. * * * * * Es ist erg�tzlich zu beobachten, wie Wespen und Ameisen von der Zudringlichkeit und Dickfelligkeit der Fliegen genau so wie wir Menschen gest�rt und irritiert werden. * * * * * Wie mag in einem rechten Sturm ein Baum zum Gef�hl seiner selbst kommen! Wie wunderbar ist eine Birke im Sturm! Wie g�ttlich grazi�s! Wie unsagbar malerisch! * * * * * L�rchen, Birken, Erlen, ein fraulicher Wald! * * * * * Die hohen Tannen sprechen: Wir sind nicht traurig und nicht fr�hlich, wir sind fest. * * * * * So ein Spinnent�chlein voll Regentropfen -- wer macht das nach? * * * * * Wenn man berechnet hat, da� die Erde unter dem Einflu� des Mondes ihre Ebbe und Flut hat wie das Meer, so frage ich, warum nicht auch das menschliche Blut und Gehirn seine Gezeiten haben sollte. * * * * * Die Luftschiffahrt wird dem religi�sen Genie der Menschheit neue Nahrung geben. Zu den gro�en Bef�rderern kosmischer Stimmungen: Wald, Meer und W�ste wird nun noch der Luftraum kommen. * * * * * Wir versuchen uns an dem �u�eren Bilde andrer bewohnter Gestirne wohl selten �ber ein gewisses Ma� von Kraft und Erfolg hinaus. Und doch -- Landschaft, ins Unendliche variiert! Welch eine Vorstellung! * * * * * Jede Landschaft hat ihre eigene besondere Seele, wie ein Mensch, dem du gegen�berlebst. Dies wirst du am deutlichsten empfinden, wenn du den Eindruck einer gegenw�rtigen mit dem wiederbeschworenen vergleichst, den eine andere, fr�here, deiner Seele eingepr�gt hat. Etwa wenn du einen Ausschnitt der gegenw�rtigen betrachtest, der recht gut auch jener vergangenen angeh�ren k�nnte, -- so da� dir eine Weile so unheimlich zumute wird, als glaubtest du die Hand eines Abwesenden oder gar Verstorbenen zu halten, w�hrend es doch, wie du wei�t, die des dir Gegen�berstehenden ist. * * * * * Ich sehe eine Zeit herankommen, wo man die Luft und das Meer so gr�ndlich durchforscht haben wird, da� man dazu �bergeht, in irgend einer Ebene oder W�ste einen Schacht anzulegen, durch den Generation um Generation mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln tiefer unter die Erdoberfl�che eindringt. 1910 Darum ist die Natur so tieftr�stlich, weil sie schlafende Welt, traumlos schlafende Welt ist. Sie f�hlt nicht Freude, nicht Schmerz, und doch lebt sie vor uns und f�r uns ein Leben voll Weisheit, Sch�nheit und G�te. So schliefen auch wir einst und solchem Zustand kehren auch wir einst wieder zur�ck, nur mit dem Unterschiede, da� dann dies ganze �ber-Gl�ck, �ber-Leid uns bewu�t sein wird und da� wir dann auch keine Tr�ume mehr brauchen, weil wir die Himmel selbst offen sehen. 1911 Das Kleine in der Natur ist gew�hnlich gr��er als 'das Gro�e'. Denn das Kleine ist nur zu oft Gottesarbeit, wo das Gro�e nur G�tterwerk. * * * * * �berall, �berall liegen Keime des Lebens -- darum -- und nun kann man auf zweierlei Weise fortfahren: -- tue ja nirgends Lebendigem Abbruch! oder: sorge nicht allzusehr des Einzelnen in einem Haushalt, der so auf Schritt und Tritt Verschwendung predigt und herausfordert. * * * * * Der Pilz ist der Parvenu der Pflanzen. 1912 Dir sind die Alpen nicht hoch, nicht geheimnisvoll genug, du tr�umst von den Anden, vom Kaukasus, vom Himalaya. Und doch gilt es eben hier die Seele ganz zu weiten und schon hier letzte Erhabenheit zu empfinden. Sind nicht alle diese Berge gleiche Klippen der gro�en blauen, strahlenden Geister- und Gottes-See, auf die immer wieder hinzublicken, ja, die fr�her oder sp�ter mannhaft zu befahren unsere edelste Bestimmung und Freiheit ist? 1913 Der Mensch hat noch immer sehr wenig Sinn f�r Wirklichkeit. Man erw�ge nur etwa den gew�hnlichen Standpunkt der Sonne gegen�ber. Hei�t das Wirklichkeitsempfinden, von einem solchen Ph�nomen ein Leben lang nicht anders ber�hrt zu werden, wie es gemeinhin zu geschehen pflegt? Oder schauen nicht vielmehr die Menschen die Sonne noch gar nicht? * * * * * Auch der Baum, auch die Blume warten nicht blo� auf unsere Erkenntnis. Sie werben mit ihrer Sch�nheit und Weisheit aller Enden um unser Verst�ndnis. * * * * * Hast du noch nie empfunden: es mu� anders werden! Wenn du z.B. im Walde sa�est und die lieben B�ume und Gr�ser um dich herum sahest, von denen dich doch so ein Weltabgrund der Nichterkenntnis schied! Was waren sie eigentlich, wo war ihre Seele, wo war der Punkt, in dem ihr euch br�derlich treffen konntet, nicht nur in dumpfer Liebe von deiner Seite, sondern euch gleichsam ins gottgeschwisterliche Auge schauend? W�re es nicht unsinnig, wenn es in einer Welt, so weit und verschwenderisch angelegt, immer so bliebe, nie anders w�rde? Mu� es nicht anders werden? Und l�st diese Not und Notwendigkeit nicht etwas in dir, das sagt: Ja, es mu� besser werden, und ich will Tag um Tag dem Geist und den Geistern der Dinge entgegengehen, sind sie doch gewi� auch schon l�ngst auf dem Wege zu mir. KUNST 1891 Zugleich aus dem Leben gegriffen und zugleich typisch -- das ist h�chste Kunst. 1892 Es ist etwas J�mmerliches um einen Lyriker ohne Liebe. Was helfen da Mai und Nachtigallen und Mondscheinn�chte. Trauriger Zustand. * * * * * Ihr f�rchtet, da� die Umsturzepoche, vor der wir zu stehen glauben, alle Kunst und Poesie, alles Sch�ne und Wertvolle im Leben vernichte? Ich f�rchte das nicht. Denn mag jeder Tempel zertr�mmert, jedes Kunstwerk verbrannt, jedes Saitenspiel zerschmettert werden, das unantastbare Saitenspiel, das Menschenherz, wird nie aufh�ren, von den ewigen Melodien zu t�nen, die der Geist der Welten ihm zuhaucht. 1894 Alle wahrhaft gro�en Dichtungen sind Variationen zum Schicksalsliede, seien es Maestosi, Allegri oder Scherzi. 1895 Ich betrachte als eine Aufgabe kommender Dichtergeschlechter, neue Mythen zu schaffen, und wir wollen ihnen schon vorarbeiten. * * * * * Dichten ist immer die Wiedergabe von Erinnerung. Die Erinnerung aber ist selbst etwas Dichtendes, k�nstlerisch Zusammenfassendes und Ausw�hlendes. * * * * * Ein Dichter mu� 77mal als Mensch gestorben sein, ehe er als Dichter etwas wert ist. * * * * * Der reimlose Jambus hat ein so formelles Pathos, ein so gro�rednerisches Moment in sich, da� er uns Modernen meistens geradezu unm�glich wird, da wir in tiefster Seele von dem Willen durchdrungen sind, wahr zu sein, redlich vor allem in der Wiedergabe unserer Stimmungen und inneren Erlebnisse. * * * * * H�chste Empfindungen, Phantasie im Gewande intimster Natur -- -- -- -- eine Durchgeistigung der Realit�t auf allen Punkten, k�nstlerischer Polytheismus (im Sinne der Kunst), das meine ich, mu� das Programm der Zukunft, unserer Zukunft sein. Der Sieg des menschlichen Geistes �ber die Au�enwelt mu� vollkommen werden. * * * * * Je einheitlicher ein Volk einen Stil aus sich herausentwickelt, um so mehr ist es bei sich selbst _daheim_. Daher der Zauber des _mittelalterlichen_ Stils, daher heute unsere Heimatlosigkeit. * * * * * Wenn wir einen nationalen Baustil haben wollten, m��ten wir eine einheitliche Weltanschauung haben. * * * * * Wenn ich so die kleinen Dampfer die riesigen K�hne vor�berschleppen sehe, mu� ich immer an den Dichter und das Publikum denken. * * * * * Sch�nheit ist empfundener Rhythmus. Rhythmus der Wellen, durch die uns alles Au�en vermittelt wird. Oder auch: _Sch�n_ ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet. Je mehr jemand die Welt liebt, desto sch�ner wird er sie finden. Gesetzt also, es g�be einen Gott, so w�re sein Glaube, die beste aller Welten vor sich zu haben, verzeihlich. 1896 Das naturalistische Drama hat nur dann Wert, wenn es den Menschen, so wie er heute ist, sich selbst unertr�glich macht. Ibsen. Hauptmann. Kritik oder Beispiel -- naturalistische oder idealistische Kunst. Der Naturalismus eine rein historische Kunstanschauung. Der Naturalismus nur ein Stadium, kein Ziel. * * * * * Wenn heute wieder ein Schubert geboren w�rde, w�rde er eine Mission mehr haben, n�mlich, nur _Texte_ zu komponieren, die Kulturwert haben. * * * * * Die Orgel, das Instrument der Zukunft. * * * * * In einem Philharmonischen Konzert: Der Tempel der Germanen: Musik als Architektur empfunden. -- All-Genu�. Mir ist, ich w�re ein Adler und tr�ge mich selbst und meine Last d�nkte mir k�stlich und ein tiefes Wohlgef�hl durchstr�mte mich. * * * * * Dilettantismus des Geschmacks: Bei Betrachtung von Landschaften fortw�hrender Vergleichs-Standpunkt. Wie es in der Musik hei�t, da� der ein Dilettant sei, der beim Anh�ren eines Musikwerks in lauter Reminiszenzen aufgeht. * * * * * Ihr wi�t ja alle nicht, was Schaffen hei�t. Ein Bild malen, ein Gedicht machen? Nein! Seine ganze Zeit umgestalten, ihr das Gepr�ge seines Willens aufdr�cken, sie mit seiner Sch�nheit erf�llen, sie �berw�ltigen und unterwerfen mit seinem Geiste. * * * * * Der Krug des Nichts, aus dem alle K�nstler sch�pfen. * * * * * Schopenhauer nennt das blo�e intellektuelle Anschauen die h�chste Seligkeit, weil hier der schaffende Wille ganz schwiege. Als ob Schauen nicht schon Schaffen w�re! * * * * * Den �sthetikern: Zeigt Wege der Zukunft, aber beschw�rt nicht ewig die Toten gegen uns. * * * * * Vor einer roh gef�gten Gebirgsbach-Br�cke: So m��te sich jeder Architekt vor die roheste nat�rlichste Form der Menschenarbeit hinstellen und an diesen Balken und Brettern seine ersten Kunstgedanken auslassen. Er sollte so von Anfang an die Kunst als Bed�rfnis empfinden m�ssen und w�rde so gewi� zu originellen Gedanken gelangen, deren Regulativ dann das Studium der Vergangenheit sein k�nnte. * * * * * Der erste Schnee! Mein erster Gedanke war die ehrsame Zunft der Lyriker, die in deine Flocken starrt, dich gr��end zu besingen. Welche Dekadenz, diese unpoetische Reflexion �ber deine himmlischen Dekadenzen, lieber trauter Schnee. * * * * * Es ist eigentlich eine Ungerechtigkeit, da� der Dichter nicht -- gleich dem Musiker -- den Teilen seiner Werke hinzuf�gen darf, in welchem Tempo er sie genommen wissen will. * * * * * Das losgerissene Segeltuch des kleinen Dampfers (vor meinem Fenster), das mit seinem freien Ende im Wasser liegt, so da� es f�r den st�rksten Windsto� zu schwer wird, es als Fahne auszurollen: Bild f�r ein K�nstlerschicksal. 1897 Als ob Kunst nicht auch Natur w�re und Natur Kunst! 1901 Wer wird dieses Drama der Freude dichten: mit stillen gro�en Menschen, die das Ja- und Amen-Lied im Herzen tragen, das Drama des Mittags, der Sonnenh�he, 'da alle Dinge rund und vollkommen' geworden sind. * * * * * Was soll uns Trag�die hei�en und als tiefste Erregung von der B�hne herab gelten? Die Darstellung des wahrhaft bedeutenden Menschen, der immer eine tragische Erscheinung ist, weil in allem menschlich Gro�en neben der gro�en Freude auch der gro�e Schmerz wohnt, weil in jedem ungemeinen Schicksal das Ja und das Nein allen Lebens wie aus zwei Posaunen erklingt, weil der gro�e Mensch eine Abbreviatur des ganzen Weltgeheimnisses ist. Die Trag�die ist der tiefe Gesang vom Wesen der Welt, und ihm von Zeit zu Zeit ersch�ttert zu lauschen unser Ewigkeitsdienst in all dem uns �berbrausenden Alltag. 1905 Wohl alle Kunst ist bis zu einem gewissen Grade unm�nnlich, besonders aber Dichten und Musizieren. Daher Nietzsches Vorliebe f�r Horaz als einen sehr m�nnlichen Dichter, daher Lionardos Wunsch: vor allem als Mathematiker, Goethes: recht sehr als Staatsminister zu gelten. * * * * * Ich liebe die italienischen Kirchen und das Leben in ihnen. Ihr Geheimnis ist, da� sie nicht nur selber Kunstwerke sind, sondern auch alles Leben, das sich mit ihnen verm�hlt, zum Kunstwerk machen, indem sie es zu einem Bilde abt�nen und feierlich umrahmen. Betritt die schlimme r�mische Sinnenf�ngerin Ges�, wann immer du willst, oder die ehrw�rdige Ara Coeli oder die stattliche Maria Maggiore; welche Gruppen, Gesten, Mienen, welche gehaltenen und tiefen Ausdr�cke des Individuums, welche stets bedeutenden _Bilder_! Gewi�, alles, was die Menschen zu einem bestimmten Zwecke sammelt, vereinigt sie so mit sich zu einem Kunstwerk: die Markthalle, der Bahnhof, die Kaserne, das Schiff, eine Stra�e, ein Kornfeld im Herbst -- aber wohl nichts bietet so die Gew�hr eines k�nstlerisch abgeschlossenen und abgerundeten nat�rlichen Lebensgem�ldes, wie die Kirche, nichts distanziert sich und seine Gemeinde mit soviel Gl�ck vom kunstarmen Alltag wie sie. * * * * * Es gibt vielleicht keine gl�cklichere Manier, als alle Dinge vom Standpunkt des Malers aus zu betrachten. * * * * * F�r Portr�tmaler. Wer einen Menschen recht erfassen will, mu� ihn sehen, wenn er vom Schlaf aufwacht, mit wirrem Haar, die Z�ge und Glieder noch halb gel�st, noch halb unbewacht. Da ist er noch der Mensch ohne Namen, ohne Beruf -- wenn auch mit all dem Bedeutenden, wodurch ihn das Leben bereichert hat. Zudem gibt es nichts, das malerischer w�re, als ein Mensch in Trikot oder langem, flie�endem Hemd, ein Mensch bei den Bewegungen des Waschens, beim Abtrocknen nach dem Bade, beim K�mmen und B�rsten der Haare. Auch gebe ich allen Bildhauern und Aktmalern den Rat, ihre Modelle einmal einen ger�umigen Krug mit beiden Armen unter die ge�ffnete Brause emporhalten zu lassen. Es ergeben sich da durch die zunehmende Schwere des Krugs eine Reihe interessanter und charakteristischer Phasen, von der ungezwungensten Pose bis zur angespanntesten. * * * * * Zu F�rsten: Zeige mir, wie Du baust, und ich sage Dir, wer Du bist. 1906 An unsere jungen Dichter: Geht ins Volk, mischt euch unter die gew�hnlichen Leute, sucht ihre Freundschaft zu gewinnen, sucht so reden zu lernen, da� sie euch verstehen wie ihresgleichen. Geht zu den verschiedensten Handwerkern, auf die Werften, in die Fabriken, in die Bergwerke; lernt vom Volk und f�r das Volk, seht zu, da� was und wie ihr dann schreibt, jedem verst�ndlich sein k�nne, der den guten Willen f�r euer Verst�ndnis mitbringt. La�t euch Jahre eures Lebens in einsamen D�rfern nieder, im deutschen Gebirge, an den K�sten, auf Inseln. La�t euch vom glatten charakterlosen Gro�st�dter nicht das Bild des Menschen f�lschen, obwohl man auch bei ihm leicht unter die Schale dringen kann. Denkt an Luther, wie er herumging in allen Werkst�tten, um sich die Sprache f�r seine Bibel�bersetzung zu bilden, wandert, soviel ihr k�nnt, werdet lieber Handwerksburschen als hoffnungsvolle Literaten, die von Gesellschaft zu Gesellschaft eilen, die sich ihre Ziele aus Theatern und Zeitschriften holen, die sich �sthetisch anregen lassen, statt immer wieder auf den Grund des Lebens zu gehen. * * * * * Neue Dichter seh ich kommen, nach innen den Blick gerichtet -- -- -- * * * * * Eine Karikatur ist blo� immer einen Augenblick wahr. * * * * * Es ist ein erheiternder Gedanke, da� es Sch�nes und H��liches nur im Gehirn des �sthetikers gibt. Von 'der Darstellung des Sch�nen' zu reden -- welch eine Einfalt! Es gibt nichts 'Sch�nes' darzustellen, weil es nicht hier und dort etwa herumliegt, sondern in jedem Augenblick erst _erschaffen_ werden mu�. Und wenn Herr N. behauptet: aber diese Rose ist doch sch�n! so antworte ich ihm: Vielmehr Sie erschaffen die Sch�nheit der Rose im Moment Ihres Schauens und das f�llt Ihnen leicht, denn Milliarden haben sie vor Ihnen ebenfalls erschaffen. Gleichwohl wird die Sch�nheit, welche Sie der Rose erschaffen, sich nicht mit der messen k�nnen, die ein wahrhaft sch�pferisches Auge, das von ihrem Bild getroffen wie trunken wird, weil es sich ewige Jugend bewahrt hat, ihr erschafft. Wenn Sie daher von der von Ihnen erschaffenen -- nachgeschaffenen -- Sch�nheit als von Sch�nheit �berhaupt reden, so dr�ngen Sie damit Ihren sehr mittelm��igen sch�pferischen Geist der Welt und vor allem den K�nstlern wie ein Joch auf, unter das man sich beugen m�sse: als d�rfe nur ebensoviel Sch�nheit erschaffen werden, als Ihnen zu schaffen m�glich ist. (Ihr Wille zur Macht.) Aber, mein Werter, Sie wissen von der Sch�nheit nichts, so wenig wie irgendein andrer. Sie wissen nur von der von _Ihnen_ geschaffenen (meist nachgeschaffenen) Sch�nheit. Auch wir K�nstler wissen nicht, was 'die Sch�nheit' ist, aber wir vermehren sie als von Natur aus st�rker empfindende, zeugende, als die am weitesten vorgestreckten F�hler des Menschen. * * * * * Es gibt zwei gro�e Gruppen produktiver Naturen: die mehr lehrhaften und die mehr unmittelbaren. Man soll sie, man mu� sie beide gelten lassen und ihnen das 'und' nicht rauben. Erst aus Goethe und Schiller, Shakespeare und Ibsen, Monet und B�cklin, Rodin und Klinger ergibt sich das ganze Bild unserer Kunst. 1907 Es ist so plump von K�nstlern und Dichtern, sich geradezu ans Geschlecht zu wenden. Als ob man sich ans Geschlecht erst wenden m��te. * * * * * Wenn das Individuum -- wie Hebbel sagt -- letzten Endes komisch ist -- und es ist komisch --, so ist die Trag�die die h�chste Form der Kom�die. * * * * * Alle Kunstform borniert. * * * * * Programmusik mutet mich an wie Buchstaben aus lebendigen Blumen. * * * * * Ein K�nstler mu� seine Weisen eigentlich immer einer Geliebten ins Ohr spielen. * * * * * Chopin ist immer Mann oder doch J�ngling, Beethoven hat noch das Kind vor ihm voraus -- und seiner ist darum nicht nur das Erden- sondern auch noch das Himmelreich. * * * * * Kunst ist nicht ein St�ck Welt im Spiegel eines Temperaments, sondern -- ein (St�ck) Temperament im Spiegel des Bewu�tseins. * * * * * Das Leben zeugt Blumen und Bienen. Blumen, das sind die sch�pferischen Geister und Bienen, die andern, die daraus Honig sammeln. 1908 In jedem Kunstwerk ist der K�nstler selbst gegenw�rtig. Wir spielen und h�ren in _Wahrheit_ Beethoven, sehen Lionardo, lesen Goethe. * * * * * Liszt wirft mich oft aus der Musik heraus. * * * * * Musik -- gesanggewordener Mensch und somit seine f�r uns vielleicht h�chste Erscheinungsform. -- Ein altes Bild: Der Gesang der Engel vor Gott: umgedeutet: Menschen vor Gott (der �berall) zu Lied, zu Gesang geworden. Beethoven, ein Engel Gottes (der in unser aller) und zu Gottes (der in unser aller) Preis unaufh�rlich t�nend -- Beethoven, ein Gesang Gottes vor sich selbst. * * * * * Das willk�rliche Abbrechen von bedeutenden Musikst�cken ist deshalb oft so schmerzlich, weil da nicht nur Musikst�cke, sondern -- Menschen abgebrochen werden. * * * * * Nirgends kann das Leben so roh wirken, wie konfrontiert mit edler Musik. * * * * * Die moderne Landschaftsmalerei (und Liebe zur Landschaft, Natur) -- ein weiterer Schritt der Erde zur Erkenntnis und Liebe ihrer selbst. * * * * * Ein rechter K�nstler schildert nie, um zu gefallen, sondern um zu -- _zeigen_. * * * * * Jeder K�nstler t�tet zehn folgende (Dilettanten). * * * * * Ich kann mir in etwa 200 Jahren ein Drama denken, dessen Vorwurf der Kampf zwischen der Newtonschen und der Goetheschen Farbenlehre bildet. Die Farben treten auf und suchen umsonst das wei�e Tageslicht in gemeinsamer Aktion zusammen hervorzubringen. Schlie�lich erscheint das eine wei�e ungeteilte und unteilbare Sonnenlicht in Gestalt eines wei�gekleideten Weibes und entlarvt dieses ganz anma�ende Unterfangen als Betrug und Selbstbetrug. 1909 Wenn mich nicht alles tr�gt, so stehen wir dicht vor K�nstlergenerationen, die sich des ganzen irdischen Lebensstoffes noch ganz anders bem�chtigten werden als die bisherigen. * * * * * Habt das Leben bis in seine unscheinbarsten �u�erungen hinab lieb und ihr werdet bis in eure unscheinbarsten Bewegungen hinab unbewu�t von ihm zeugen. * * * * * Allzuviel Lyrik fri�t die gesunde Natur des Dramas an und nimmt ihm, in einem ganz hohen Sinne, seine nat�rliche Sittlichkeit. 1910 Sch�nheit 'an sich'? Nein, Sch�nheit, die �ber sich hinausweist. * * * * * Die neue -- die christliche -- Trag�die wird �berall erst m�glich sein, wenn der Mensch mehr und mehr aus der Materie erwacht. Ihr Stoff wird die Tragik seiner dann endlich �berschauten und klar gewordenen Entwickelung sein und ihre Gr��e das dann noch ganz anders, weil aus einem ungleich h�heren Bewu�tseins- und Verantwortungsgrund gesagte, gesungene: Trotzdem! und Ja! und O Ewigkeit! O, unsere Gottesewigkeit! ... Ihr Geist wird aus der endlichen Erkenntnis dessen geboren werden, was der Mensch verbrochen und was er gutzumachen hat, sie wird den schauerlichen Fall des Menschen ins Ungeistige spiegeln und seine �bermenschlichen Anstrengungen, Uns�hnbar-Scheinendes zu s�hnen, Unbez�hmbar-Widerstrebendes zu �berwinden, Unwiederbringlich-Verlorenes wiederzugewinnen. Erheben wird sich nach langen Geburtswehen endlich der Heerbann des Verst�ndnisses und der Liebe, und seine Siege und Niederlagen werden fortan wie ein Ringen erwachter G�tter ersch�ttern, wo heute der Tiefschlaf des Sondermenschlichen erst vereinzelte Ahnungen zul��t. La�t uns darauf dem�tig warten und dazu das Unsere tun, K�rnlein um K�rnlein. La�t uns uns dessen vertr�sten in vielem Kleinkram und Wirrwarr noch unserer Tage. 1911 Wir beweisen durch unsere kritische Stellung zu dem vielleicht oft anfechtbaren Menschlichen gro�er K�nstler nichts, als da� uns durchaus nie zu lebendigem Bewu�tsein gekommen ist, was ein solcher K�nstler f�r den Menschen, f�r uns wirklich bedeutet. Wir k�nnen kalten Herzens den 'Menschen' Wagner ablehnen, ja schm�hen und damit es ganz f�r nichts erachten, da� t�glich Str�me des Segens von ihm ausgehen, Str�me der Kultur, der Erhebung aus dem profanen Alltag, der Reinigung durch geistige M�chte. 1913 In ein Zimmer, dessen rosa get�nchte W�nde in einer breiten bunten Zierleiste auch ein kleines kaum bemerkbares blaues Muster aufweisen, wird eines Tages ein gro�er blauer Teppich geh�ngt. Und nun sollte man die kleinen blauen Muster sehen, wie sie mit einem Male leben und leuchten! LITERATUR 1895 Alle Buchstaben, die je von Menschen geschrieben, z�hlen. 1897 Nach der 'Wildente': Ibsen w�re 'ungriechisch'? Aber was taten die alten Griecheng�tter andres, als (scheinbar) kalt und sp�ttisch das Treiben der Sterblichen betrachten, im Bewu�tsein der Notwendigkeit aller Dinge. So steht Ibsen vor seinen Mitmenschen. Der herbe Duft einer gewissen L�cherlichkeit, welche das Kennzeichen jeder Tragik ist, schwebt um seine Werke. 1901 Es gibt ein h�chst bedeutendes Bruchst�ck in unserer Literatur: Der 'Empedokles' von H�lderlin. Hier habe ich einmal den abgebrochenen Weg des deutschen Dramas zu sehen vermeint. * * * * * Die Griechen gestalteten ihre Sagen; die Renaissance lebte in diesen Sagen und in den Erz�hlungen der Bibel; die neue Zeit, in der Breite ihrer V�lker jenen Sagen wie diesen Berichten ferner und ferner r�ckend, mu� die ganze bisherige Geschichte zum Stoff ihrer Kunstwerke nehmen. Unsere Sage sind die gro�en Epochen der Geschichte geworden, unser G�ttermythos der Mythos vom gro�en Menschen in allen Zeiten. Dies ist recht eigentlich die uns zugeborene Sage: die Menschheits-Sage. In ihr liegen jene heidnischen und christlichen Stoffe mit inbegriffen, aber sie selbst ist noch unausme�lich weiter und tiefer, ihr Reich geht noch hinter alle Sagenkreise zur�ck und unter sie hinab, bis auf die Menschen, ja bis auf die V�lker, die diese Kreise ersannen. Ein erster ungeheuerer �berblick �ber dreitausend Jahre geistige Erde ward m�glich. Menschen dieses �berblicks werden die neue Trag�die schreiben, die einzige, welche der griechischen ebenb�rtig sein wird, ja, welche sie �berfliegen wird wie der Adler den Falken. 1904 (Zum Thema Strindberg.) Es entsteht jedesmal ein bedeutendes Sch�tteln des Kopfes, wenn ein absonderlicher Mensch durch das Mittel einer gro�en k�nstlerischen Begabung in die Welt hinausgreift. Begabung sollte eigentlich immer mit Bravheit gepaart sein, meint man, da man gern in aller Ruhe lernen und bewundern will; so kommt man weiter in der Bravheit, und damit, meint man, in der Kultur. Ein Mensch, der einen n�tigt, mit ihm zu laufen, dann j�h wieder umzukehren, dann pl�tzlich ins Wasser zu springen, darauf vielleicht donquichotisch auf ein eingebildetes Amazonenheer loszur�cken, schlie�lich mit einem Male in einem Kloster zu verschwinden, um mit einer Maske in der Linken und einer Gei�el in der Rechten wieder hervor zu kommen, ein solcher Irrstern und Wirbelsturm wird nicht gern einregistriert und als voll genommen. Ein genialer Verr�cktling, sagt man und geht wieder zur Ordnung �ber. Da� aber hier ein Mensch wie ein gehetztes Wild durch die Felder und W�lder, Schluchten und Fl�sse des Lebens st�rzt, gehetzt -- ja wovon? -- von irgend einem Verfolgungswahn: als fl�ge die Finsternis hinter ihm her, aus der er entsprungen, und er m��te das ewige Licht finden, bevor sie ihn wieder packte, -- oder von irgend einem Sehnsuchtswahn -- wonach? --: nach dem gr�nen Wiesental eines unbew�lkten Friedens oder nach dem Gipfelfelsen �ber den Nebeln, von dem aus er hin�berfliegen k�nnte ans Ufer eines anderen Sterns, einer h�heren Welt, -- da� aber hier ein Mensch durch die Welt geht, allen Jammer des Menschlichen vor sich her tragend, in Jubel und Hohn und Ha� und jedem Gef�hl vom niedrigsten bis zum h�chsten, das wird als nichts empfunden, das bleibt tot und unfruchtbar f�r den ganzen Bann der Geordneten. So ein Toter aber, solch ein den meisten nur selten und unvollkommen lebendig Werdender ist August Strindberg, ein gehetztes Wild, eine laufende Flammens�ule, ein Mensch, alles in allem, vor dem die Sehnsucht nach jenem 'Blitz aus der Wolke, der da hei�t �ber-Mensch' aufschreit, wenn irgendwo: denn dieser Untergehende ist ein Hin�bergehender. Was liegt an 'Werken' (im letzten Grunde), was an Korrektheit, Bravheit, N�tzlichkeit, Tradition, Gem�t, Liebe -- kurz was an all dem Vordergrundswesen, au�er da� da ein Mensch seinen Sinn sucht -- ein _Mensch_. 'Respektiert den Menschen --'; er kommt so selten zum Vorschein. Die Menschen -- was sind sie wert. Der Mensch ist immer ein Ph�nomen. Er sieht nicht sch�n aus: Irgendwie hei�t sein Name und Ruhlos sein Schuh, sein Rock hei�t Elend, seine Zunge Eitelkeit, sein Eingeweide Wollust, sein Herz Flamme, sein Auge Sonnenheimweh, sein Wanderstab Nirgendsheim und seine bittere Nahrung Er selbst. In den H�fen und G�rten des Menschlichen gibt es viel N�tzliches und T�chtiges zu tun. Da gebe es nur den Schurz und die Schaufel. Da wird das Handwerk getan. Aber in der Gespensterstunde von zw�lf bis eins, da horcht hinaus auf die wilde Jagd der vom Genius Gezeichneten, da la�t den Menschen zu euch hinein und legt die Finger in seine Wunden und f�hlt --: es gibt noch etwas, wovor Kunst und Wissen und all das versinkt wie ein Rauch. Und da wird euch Strindberg nicht mehr nur ein genialer Sonderling d�nken. 1905 Was wir in unsern neueren B�chern von der bisherigen Entwickelung der menschlichen Gesellschaft vor uns haben, ist vor allem eins: _gewaschene_ Geschichte. Der nat�rliche Duft und Brodem der Dinge d�rfte uns schlechtweg ersticken. * * * * * Jedem, der seine Gedanken niederlegt, blickt schon im Augenblick des Schreibens ein Gr��erer �ber die Schulter, sei es ein Vergangener, Lebendiger, oder noch Ungeborener. Wohl dem, der diesen Blick f�hlt: Er wird sich nie wichtiger nehmen, als ein geistiger Mensch sich nehmen darf. * * * * * Der eine lebt, der andere schreibt sich aus. Das erste Dokument der Kultur war -- ein Tagebuch. * * * * * Warum ist Balzac gr��er als Flaubert? Weil er eine unendliche F�lle ist, aus der Gro�es und Geringes, aber immer Lebendiges hervorsprudelt. Balzac ist eine bl�hende Wiese, wo Flaubert vielleicht ein kunstvoller Garten. Keine Bewunderung hilft ihm gegen�ber, man mu� ihn lieben. Er hat dieses tief alles durchblutende Mitgef�hl, jene wahre Liebe: die Sympathie, die ihn das Leben nicht vergolden, aber mit jenen zarten H�nden anfassen l��t, womit dieses feine und des sch�rfsten Beurteilers immer noch spottende Gewebe allein angefa�t werden darf. * * * * * Der Sonderling: Seit Friedrich Schillers hundertstem Todestag habe ich diesen Dichter f�r mich Max Zottuk getauft; so sehr haben mir Presse und Publikum jeden Buchstaben des einst teuren Namens verleidet. 1906 Die Romanschriftsteller irren sich, wenn sie glauben, da� ihre Leser sich immer wieder die M�he n�hmen, die von ihnen sorgf�ltig beschriebenen Gesichter im Geiste nachzuzeichnen. Wenn ich lese, sein Kopf glich einer umgekehrten Zwiebel, so habe ich sofort ein Bild; wenn es aber hei�t, sein Haar war braun, seine Stirn niedrig, seine Nase sch�n geschwungen, sein Mund grob aufgeworfen, so geht das -- an mir wenigstens -- ziemlich spurlos vor�ber. * * * * * Es wird eine Zeit kommen, da wird man Geschichten 'von au�en her' schreiben, ich meine Geschichten, in denen wohl �hnliches erz�hlt wird wie heute, aber deren eigentlicher Reiz darin besteht, da� die geschilderten Menschen durchsichtig gemacht sind -- gegen das Mysterium hin. Sie werden charakterisiert werden mit allem Glauben an ihre Wirklichkeit und doch zugleich wie Halluzinationen wirken, sie werden uns fesseln wie irgendwelche Gegenst�nde der bisherigen Poesie, aber der Schauder dessen, f�r den die alte Welt zusammengebrochen ist, wird auch ihrem Bilde mitgeteilt sein, so da� sie im selben erg�tzen und ein tiefes unheimliches Wundern erregen. * * * * * Etwas vom �bersetzen. Nehmen wir Ibsen. Ibsen arbeitete an jedem seiner St�cke durchschnittlich zwei Jahre. Wenn nun ein Ausl�nder hergeht und eines jener Dramen in vier Wochen in seine Sprache �bersetzt, so wird er schwerlich jede der redenden Personen so in sich lebendig f�hlen k�nnen, wie der Dichter, der sie zuletzt gleichsam als seine best�ndige Gesellschaft empfand. Es gibt eine Art, ich m�chte sie die rationalistische Methode zu �bersetzen nennen. Der �bersetzer m�chte das Original wom�glich noch verdeutlichen. Ohne auch nur einen Schatten jener wirklichen Ehrfurcht, wie sie nur die Dichter selbst dem Dichter entgegenbringen. * * * * * Es ist das Ungl�ck der Franzosen, zu gut schreiben zu k�nnen. * * * * * Ich kann mir viele denken, die Stendhal kurzerhand als langweilig oder gar absto�end ablehnen. Der n�chste F�rster, der ihnen begegnet, zieht sie unendlich mehr an. Die Leidenschaft des Psychologen, der um Einen Stendhal s�mtliche F�rster der Welt hingibt, ist ihnen fremd, die Wi�begier dessen, dem der Mensch A und O aller Studien, ist bei ihnen durch das Behagen ersetzt, stark, warm und einfach zu f�hlen. * * * * * Nach den Erinnerungen eines Egotisten. �berall, wo Stendhal �ber fremde Dinge schreibt (Italien, Napoleon ...) fesselt er, wo er aber �ber sich selbst und seine Gesellschaft und Liebschaften schreibt, wird er sehr bald langweilig. * * * * * Zu Dostojewski. Aus seinen B�chern findet man schwer wieder nach Westeuropa zur�ck. * * * * * Wenn ich Dostojewski lese, so ist es mir, als s�he ich einem Feuer zu -- einem Steppenbrand --, das �ber die Ebene wandert. Und jetzt fri�t und w�hlt es sich schleichend durchs knisternde Gras -- und jetzt f�hrt ein Sturmwind daher und erhebt es bis zu den Wolken, und jetzt kriecht und glimmt es wieder dahin und nur dicke Rauchmassen bezeichnen seinen Weg -- und jetzt steigt es bei einem neuen pl�tzlichen Sto� gleich einer S�ule zum Himmel und �bergie�t Himmel und Erde mit �bergewaltigem, ersch�tterndem Glanz. * * * * * Mauthner tut Nietzsche Unrecht, auch da, wo er gegen ihn Recht hat. Ein Menschenleben gr�bt sich sein Strombett und damit mu� man zufrieden sein. Nietzsche ist gewi� nicht aus Eitelkeit den Weg zur Sprachkritik nicht weiter gegangen. Mauthner untersch�tzt das Dynamische im Genie. * * * * * Es ist das Interessante an B�chern, �ber denen man eigentlich den Verstand verlieren m��te, da� man durch sie vielmehr an Verstand gewinnt. Freilich ist das nur ein neues Kompromi� -- denn anst�ndigerweise m��te man allerdings nach ihrer Lekt�re abdanken. Aber das Leben ist nicht das, was wir anst�ndig zu nennen lieben. Allein schon der Umstand, da� der Autor seinen Verstand behalten hat, wird gen�gen, den Leser zum gleichen zu veranlassen; es sei denn -- da� er nur so beweisen zu k�nnen meinte, da� er noch tiefer als jene sei, da� er sozusagen aus Ehrgeiz, aus 'Willen zur Macht' wahnsinnig zu werden geradezu -- w�nschte. * * * * * Ich habe nie einsehen m�gen, warum mittelm��ige Menschen deshalb aufh�ren sollten, mittelm��ig zu sein, weil sie schreiben k�nnen. 1907 �ber etwas schreiben hei�t, sich mit etwas �berschreiben. * * * * * Denke dir immer jemanden, auf den deine S�tze durchaus nicht so Eindruck machen, wie sie's dir selber bisweilen tun, der sie vielmehr trocken und gleichg�ltig pr�ft, ja beinahe feindselig, wie ein Mensch, den jede neue Behauptung zun�chst -- �rgert. * * * * * Ich denke nach, welchen Dichter man einem Adler vergleichen k�nnte. Ibsen war die Eule in Person. Goethe war vielleicht ein Adler. War Shakespeare einer? Ich glaube, die Adler unter den Dichtern werden erst kommen: Geister, die alles Dasein zugleich mit Falkenblick erkennen und �ber ihm in schier unerreichbarer H�he kreisen. Geister mit einer 'Freiheit' auch von sich selbst -- ... (Der Evangelist und Apokalyptiker Johannes war ein Adler.) * * * * * Lagarde ist das stolzeste aber auch schroffste Gebirge, das ich kenne. So oft man auf ihm wandert, st�rzt man in den Abgrund. * * * * * Alles Gro�e macht sterben und auferstehn. Wer an Nietzsche und Lagarde nicht immer wieder stirbt, um an ihnen auch immer wieder aufzuerstehen, dem sind sie nie geboren worden. * * * * * Was w�re Lagarde mit all seinen Forderungen, seiner Strenge und H�he, wenn nicht eine so gro�e Natur und eine so tiefe, fast unvergleichliche Bildung in jedem Verstande sein Besitz, sein Erwerb gewesen w�re. Er gleicht einem Marmorbild, auf dessen Sockel ewige Gebote eingegraben sind, aber dessen Erscheinung f�r sich allein noch gebietender wirkt als sie. * * * * * Wer Lagarde ertr�gt, ist entweder ein Hundsfott, ein Kind oder ein Riese. * * * * * Wenn du Schriftsteller bist, so schreibe jeden Tag etwas nieder, und wenn du auch nur den zehnten Teil davon aufbewahrst. Kommt dann deine produktive Periode, so wirst du, was du zu sagen hast, mit doppelter Leichtigkeit und Anmut sagen, du wirst dann wie der Klavierspieler sein, der eines Tages zu phantasieren beginnt und merkt, da� es auf den Tasten fortan kein Hindernis mehr f�r ihn gibt. * * * * * Mit Zeitungen und Zeitschriften kommt man nur wie im Sande vorw�rts. Das macht, sie reden ohn' Unterbruch. * * * * * Drucke jede Woche nur Ein Wort, Einen Satz auf ein quadratmetergro�es St�ck Papier und du wirst mehr ausrichten, wofern du Der bist, als mit einer Million Buchstaben in der gleichen Zeit. * * * * * In Fritz Mauthner tut der Immoralismus Nietzsches (dieser im Grunde raffinierteste Moralismus) einen weiteren entscheidenden Schritt. Der Wille zur Sauberkeit, zur Redlichkeit feiert in ihm einen -- und wie alles Gro�e grausam ist -- grausamen -- Triumph. Im �brigen: wer hier den ungeheuren sittlichen Entwickelungsproze�, der unser ganzes geistiges Leben ist, nicht ahnungsvoll erkennen zu d�rfen meint, wird sich auch nicht sagen k�nnen: Hier vollzieht sich ja im Gro�en nichts andres wie im Einzelnen: Pers�nlichkeitsentwickelung. Hier will ja irgend ein dumpf Wollender ganz ersichtlich zu immer h�herer Selbstsch�nheit ... * * * * * Vor seinem Kammerdiener, hei�t es, ist kein Held ein Held mehr. Das gef�llt manchen modernen Kritikern und Dichtern ganz ungemein. Begeistert predigen sie die Kammerdieneroptik, die Kammerdienerweisheit, und �bersch�tten die Welt mit dem �berlegenen Lachen des -- Kammerdieners. * * * * * Wenn man wei�, was zwei- oder dreit�giger Kefir ist, so hat man ein Bild f�r den Stil des Essayisten N. K�nnte man sein Buch wie eine Flasche sch�tteln, so w�rde man verh�ltnism��ig leichtfl�ssige Milch bekommen. Da man es aber nicht sch�tteln kann, hat man ein dickes und schwerf�lliges Getr�nk vor sich mit Brocken, die mehr kollern als rinnen, ein Getr�nk, nicht minder wertvoll als der ungesch�ttelte Kefir, aber weniger angenehm genie�bar als der gesch�ttelte. * * * * * Gespr�ch ist gegenseitige distanzierte Ber�hrung. Ein Buch ist chiffriertes Tasten. Lies es, taste daran, und du wirst wiederbetastet werden, es wird sich die Erscheinung seines Verfassers auf und in die deine dechiffrieren, als telegraphierte er dir mit unsichtbaren Fingern durch die Stirn. * * * * * Je besser ein Stil wird, desto mehr nimmt er alles in sich hinein: die �berfl�ssigen Interpunktionen, die allzuh�ufigen Abs�tze, den Sperrdruck. 1908 Ein Buch ist nicht etwas, was ein Mensch geschrieben hat, sondern dieses Menschenmysterium selbst, ebenso wie das Musikst�ck, das ich heut abend von dem Nachbarhause her�berklingen h�rte, kein Musikst�ck von Beethoven war, sondern das Mysterium Beethoven selbst. * * * * * Jedes Buch hat zwei Wirkungen, die mittelbare und die unmittelbare. Die meisten Leser sp�ren nur die mittelbare. Darum bleiben auch so viele B�cher Druckerschw�rze auf Papier. Und doch offenbart auch noch das schlechteste Buch seinen Vater nicht blo� mittelbar, sondern auch unmittelbar: ihn selbst, die Pers�nlichkeit, in der Chiffre dieser S�tze unverlierbar aufbewahrt und jeden Augenblick bereit, in ihrer ganzen urspr�nglichen Kraft auf uns zu wirken. 1909 In der �bertriebenen Abneigung gegen schlechte �bersetzungen, gegen �bersetzungen �berhaupt, liegt eine gewisse Verz�rteltheit. Gro�e Originale leuchten auch aus unbeholfenen Reproduktionen unzerst�rbar hervor. * * * * * Tolstoi war ein Protest des h�heren Menschen wider den Menschen, wie er gemeinhin heute noch ist. Tolstoi wollte nur ganz einfache, simple Dinge. Dinge, die sich eigentlich von selbst verstehen, -- f�r jeden anst�ndigen Menschen. * * * * * Man fordert von Tolstoi M�rtyrertum. Man sagt: Lebe wie Franziskus, stirb wie Christus. Nun, er hat sich im Jahre 1907 den Henkern seines Staates dargeboten: -- 'nehmt mich und f�hrt mich hin wie jene armen Opfer, legt den eingeseiften Strick um meinen alten Hals ...' * * * * * Der gro�e Schriftsteller hat Stil, der kleine Manier, was nicht ausschlie�t, da� der gro�e auch einmal klein und der kleine gro�, d.h. ein Stilist sein kann. Maeterlinck -- oder ein versetzter Konditor. * * * * * In diesen Erz�hlungen von Liebe sehe ich immer nur eines: die Liebe als Selbstpreis. Selten oder nie, da� diese Menschen durch ihre Liebe zu einander _wachsen_ wollen, da� sie sich �ber sich hinaus lieben. Daher denn auch die �bers�ttigung, ja der Ekel, der einen nach und vor derlei erfa�t, ein Verlangen, es m�chte doch auch hier endlich eine neue Optik Platz greifen, eine tiefere, religi�sere Betrachtung des Liebeslebens. * * * * * Nichts kann mich mehr aufbringen, als wie allezeit hier und dort �ber den Eckermann geredet wird. Immer ist ein halb mitleidiges L�cheln dabei, gleich als handle es sich um eine durchaus subalterne Natur, der es jeder seiner g�nnerhaften Bespotter unvergleichlich zuvorgetan haben w�rde. Man h�ngt sich an die Einfalt mancher seiner Fragen und bedenkt nicht, da� er oft nur frug, um Goethen zu locken und anzureizen, man wirft ihm eigene Unbedeutendheit vor und �bersieht die F�lle feiner Beobachtungen und Bemerkungen, die anmutigen Berichte �ber seine Liebhabereien, den langen Brief aus Genf und �berall den Sinn und Takt f�rs Wesentliche, der uns niemals mit Tagesgeschw�tz langweilt, sondern ihn fortw�hrend bei der W�rde seiner einzigartigen Aufgabe festh�lt. La� sie sich immer �berheben, w�rde Goethe selbst sagen, soviel ist gewi�, da� ihrer keiner mich vermocht h�tte, mein inneres Leben so munter und lebendig vor ihm zu entwickeln, wie dieser liebe Junge, der wohl nicht gro� war im Sinne sch�pferischer Kraft, aber in seinen Ma�en ein ganzer Kerl, ein Vorbild, allen denen zu empfehlen, denen es um ihre Bildung wahrhaft ernst ist, und die, da ihnen Gott die zeugende Kraft nur unvollkommen gew�hrt hat, im produktiven Empfangen seiner H�he zustreben m�ssen und ihm damit wohl ebenso nahe kommen m�gen, wie unsereins mit seinen st�rkeren Mitteln und gl�cklicheren Voraussetzungen. 1910 In aller Literatur von heute mu� man dem Seelischen nachsp�ren. Was der Geist heute hinzutut, hat nicht allzu viel Wert; denn der Geist stand wohl selten auf einer bescheideneren Stufe. * * * * * Manchen Menschen w�rden Weihnachtskataloge, Zeitungsannoncen, und zu Mundwassern, Seife, Thermosflaschen, Petroleum�fen usw. beigepackte Erkl�rungen und Referate f�r lebensl�ngliche Lekt�re v�llig gen�gen. 1911 Man werfe aus der philosophischen Literatur der neueren Zeit den literarischen Jargon hinaus und man wird viel gewonnen haben. Unter Jargon oder Fachfuchserei verstehe ich beispielsweise die humanistische Ablehnung der Bibel, als einer Gefahr f�r den klassischen Stil. * * * * * An 'Geist' fehlt es heute so wenig, da� man ihm aus dem Wege gehen mu�, um nicht vom �berdru� erfa�t zu werden. Jede Zeitung, jede Zeitschrift hat etwas von einem Vari�t�, darin Athleten, Jongleure, Akrobaten auftreten. Eine Zeit, die den intellektuellen Biceps so eifrig und coram publico �bt und spielen l��t, erf�llt damit gewi� eine bestimmte bedeutende Aufgabe, aber auf die Dauer wirkt solch im Grunde von niemandem gew�nschtes Massenangebot blo�er Kunstfertigkeit destruktiv. 1912 Wenn ein Schriftsteller sich jederzeit der Macht bewu�t w�re, die in seine Hand gegeben ist, w�rde ein ungeheures Verantwortlichkeitsgef�hl ihn eher l�hmen als befl�geln. Auch das Bescheidenste, was er ver�ffentlicht, ist Same, den er streut und der in andern Seelen aufgeht, je nach seiner Art. * * * * * Entwurf f�r ein Vorwort zu: 'Wir fanden einen Pfad'. Man glaubt, es komme in neuen Dichtungen vor allem darauf an, da� sie gewissen vertrauten Empfindungen und Vorstellungen gen�gen, ja schmeicheln. Nun ist ja z.B. das, was wir Deutsche unter einem Liede verstehen, etwas ungemein Liebliches und Erfreuliches, und dieselben Menschen, die der reinen Musik, sagen wir, Mozarts zuliebe, den Fortschritt, den Wagner bedeutet, R�ckschritt nennen, werden f�r ein wirklich gelungenes Lied ... Aber diese so sehr verst�ndlichen und sympathischen Menschen sind in diesem Punkte Tr�umer und Liebhaber, an denen die Entwickelung sacht aber entschieden vorbeigehen mu�. Es geht nicht an, bei einmal gewonnenen sch�nen Dingen versunken stehen zu bleiben und, weil sie dem viel angefochtenen Herzen so gar wohl tun, nur immer mehr ihrer Art zu fordern; als wollte einer blo� von Bl�ten wissen und das weitere Werden der Frucht nur so mit in den Kauf nehmen. Gewi�, ein ewiger Fr�hling w�re ein holder Traum, aber zugleich das Ende unserer Welt, als welche ganz anderen Zielen denn unschuldigem Lebensgenusse zustrebt. Wir brauchen keine Kunst, deren Wesen Wiederholung ist, sondern eine, die sich weiter tastet, die dem wahrhaft Neuen, das in unsere Zeit hereinflie�t (nicht _dem_ Neuen freilich, das in Flugfahrzeugen oder wissenschaftlichem Aberglauben besteht) sich zu �ffnen ringt, eine Kunst, die weder von den 'Neut�nern' akklamiert, noch auch zu guter alter Kunst gerechnet werden will, ja auch nicht zu 'guter Kunst', -- denn in diesem 'gut' verbirgt sich hier nichts weiter als 'das, was wir lieben', und eben das liebt diese Kunst nicht mehr. * * * * * Der Bek�mpfung der Schundliteratur sollte die von fratzenhaften Reklamebildern zur Seite treten. Nur die gro�e Tr�gheit in solchen Dingen nimmt hin, was hier t�glich auf Plakaten und in der Presse vor Augen zu r�cken gewagt wird, und achtet nicht der unausbleiblichen, sch�dlichen Wirkung solcher Zerrbilder auf jede, besonders aber auf jede jugendliche Seele. * * * * * Man wei�, wie wichtig es ist, Schwangeren harmonische Verh�ltnisse zu schaffen. Sollte es anders sein mit der Menschheit, die sich fortw�hrend im Zustande der Mutterschaft befindet? * * * * * Wir sollten gewisse B�cher mehrmals lesen, ehe wir dar�ber sprechen. Etwa einmal im Winter, einmal im Sommer -- und manche in noch ganz anderen Intervallen. Was wir dann �ber sie zu sagen h�tten, w�rde vermutlich ebensovielmal besser sein ... Und uns selbst w�rde solche Selbstzucht nicht nur zu besseren Lesern, sondern zugleich zu besseren Menschen machen. * * * * * �ber jedem guten Buche mu� das Gesicht des Lesers von Zeit zu Zeit hell werden. Die Sonne innerer Heiterkeit mu� sich zuweilen von Seele zu Seele gr��en, dann ist auch im schwierigsten Falle vieles in Ordnung. 1913 Alle Liebe zu Tolstoi wird doch nur eine andere Liebe noch steigern: die zu -- Dostojewski. * * * * * Schriftstellerei ist heute vielfach nicht wichtiger zu nehmen, als da�, sagen wir, heute jedermann Kakao trinken kann, w�hrend es fr�her nur die Reichen konnten. NIETZSCHE 1896 Es gibt kaum eine gr��ere Gefahr f�r einen Menschen wie mich, als Nietzsche zu lesen. Es ist wie ein W�hlen im Schmerz meines eigenen Unwerts. * * * * * Nietzsche's herrliche Natur, die in einer wahrhaft ehrw�rdigen _Bescheidenheit_ und einer Fr�mmigkeit zur Kultur anf�nglich immer sagt: M�chten andere es besser machen als ich. * * * * * Ein ganzes Leben in Denken aufgel�st, im Wort sichtbar geworden, str�mt vor unsern Augen, aus geheimnisvollen Gr�nden hervorbrechend, in undurchdringliches Dunkel sich verlierend. * * * * * 'Also sprach Zarathustra!' -- wie? wenn dieser Kehrreim mit einem gewissen Auguren-L�cheln gelesen und geschmeckt werden m��te. Wenn er eine feine Parodie auf jene Schlu�phrasen w�re, womit noch jeder ethische Neuerer bisher seine S�tze gesiegelt, ein anderes 'Amen! Amen!', eine Schlu�- und Banngeberde, feierlicher Schauer voll f�r den Gl�ubigen, f�r den Auguren aber nur ein L�cheln mehr ... Wie beginnt doch die fr�hliche Wissenschaft? ... 1897 Man sieht Nietzsche ins Auge und wei�, wo das Ziel der Menschheit liegt. 1905 Wer mit Nietzsche denkt, 'widerspricht' sich auch mit Nietzsche. Wer sich an seinen 'Widerspr�chen' st��t, hat nie mit ihm _gedacht_ (noch mehr: _gef�hlt_) -- ist nie mit ihm geflogen. * * * * * Ein philosophisches System zu verstehen, erfordert schlie�lich ein Ma� von Intellekt, nichts weiter. Einen leidenschaftlichen Wegsucher aber wie Nietzsche begreift man nicht blo� als kluger Kopf; man mu� ihm noch obendrein ein bi�chen -- verwandt sein. * * * * * Gewi�, es gibt Z�ge, die ich Nietzsche, dem Menschen, verarge -- aus Liebe. Nur kleine Z�ge, aber ich verstehe sie nicht an ihm -- oder vielmehr: ich w�rdige nicht genug die Tiefe des Leids, in welche dieser Geist getaucht wurde, als er unter der Last seiner Gedanken, seiner Einsamkeit und seiner Krankheit zugleich, ein ebenso furchtbares wie gro�es Menschenopfer, zusammenbrach. * * * * * 'Also sprach Zarathustra' -- Nietzsche selbst h�tte diesen Titel und diesen Refrain in fr�heren Jahren streng abgelehnt. Es ist die Tragik dieses Buches, manchmal nicht mehr gefa�t und katonisch genug zu sein. * * * * * Ad Zarathustra -- Vorrede. 1. Wo g�be es einen gr��eren tieferen Prolog eines Schicksals! Wo ist das Gleichnis und die Anrufung, diesem Bilde und diesem Gebet an W�rde, Heiterkeit und Tiefe gleich? 2. Ein Waldidyll voll milder Abendsonne, als Weg zur Wendepunkt-Wahrheit aller irdischen Kultur. Man kann hundertmal �ber diese Schlu�worte hinweggesprungen zu sein meinen, bis man eines Tages erkennt, da� sie ein Berg sind, den man vielleicht nie ganz erklettern wird und von dem aus Zarathustra die Wasser gen Osten und gen Westen hat flie�en sehn. 1906 Es wird mir immer gewisser, da� Nietzsche �berall da versagt, wo er sich bewu�t oder unbewu�t der Eitelkeit seines Geistes hingegeben hat. H�tte er diesen polnisch-romanischen Zug nicht gehabt, er st�nde oft noch viel gr��er da. Es gibt keinen schlimmeren Fluch f�r einen Denker, als sich seinem Volk gegen�ber als Schriftsteller verpflichtet zu f�hlen. Wenn einer Denker geworden ist, das hei�t ein Mensch, dem das Nachdenken �ber menschliche Probleme zur inneren Leidenschaft und Lebensaufgabe geworden ist, so ist er auch ganz von selbst genug Schriftsteller, seine Gedanken mitzuteilen. Aber freilich, Nietzsche war vor allem ein _K�mpfer_. Er war ein Weiser aus der Kriegerkaste, nicht aus der der Priester. Vielleicht h�tte er im zweiten Teile seines Lebens auch noch die Milde der Weisheit ausgestr�mt, nach ihren Blitzen auch ihre W�rme. * * * * * Der Zarathustra ist bei allen Einzelheiten unbestreitbarer Gr��e eines der schlechtesten B�cher, die es gibt. Er ist weder ein Volksbuch noch ein Buch f�r Verw�hnte und Einsame, es ist ein Mischmasch von Grandiosem und Banalem, inhaltlich wie im Vortrag. Ein Vordr�ngen, ein Aufdr�ngen pers�nlicher Stimmungen, ein kategorisches Erledigen von Dingen, deren 'kategorische Erledigung' immer nur eine 'niaiserie' bleibt, ein Spiel mit dichterischen Bildern und Gleichnissen, das oft gro� und tragisch, �fter noch fast unbeherrscht und geschw�tzig wirkt. Ein Buch, das nur durch Reduktion seiner Reden auf etwa 12-20 zu dem klassischen zu machen w�re, was es zu sein w�nscht. Ungl�ckselige kleine Zeit, du hast auch auf ihm, deinem Gr��ten, gelastet. 1907 Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkunft: Man halte ihren biologisch-ethischen Grundgedanken sowie die Lehre vom �bermenschen gegen Kants kategorischen Imperativ, und sie werden ihm an ideeller Gro�artigkeit nichts nachgeben und als leidenschaftlicher Appell an die menschliche Armee in demselben Verh�ltnis zu ihm stehen, wie zum einfachen 'ich erwarte, da� heute jeder seine Pflicht tut' das grandiose 'Soldaten, vierzig Jahrhunderte blicken auf Euch herab!' * * * * * Nietzsche war nur ganz, wenn er ganz er selbst war (soweit man sich so ausdr�cken darf). Sobald er sich ins Schlepptau nehmen lie�, wurde er ein Schriftsteller unter Schriftstellern und nicht einmal immer ihr erster. Und er wurde manchmal nicht nur an- sondern noch mehr mitgeregt. * * * * * Ich kann damit nichts anfangen, -- Nietzsche sei vor allem ein gro�er K�nstler, ein gro�er Stilist, Artist gewesen. Was hei�t das, vor allem. Was macht denn den gro�en Stil, wenn nicht der Mensch von �berragendem Rang, der geborene F�hrer und Sch�pfer? Und wo Nietzsche das nicht war -- und er verga� manchmal seinen Rang und f�hrte weder noch schuf -- da taugte auch sein Stil nichts, da war er auch nur ein Manierist seiner selbst. * * * * * Nietzsche, die gro�e Antithese seiner Zeit. * * * * * Beim Vorlesen einiger Nietzschescher Aphorismen: -- Geistige Austern. Man kann Nietzsche aus zehn Zeilen erkennen lernen und aus zehn B�chern -- verkennen. * * * * * Welch ein unn�tzes Geschw�tz, Nietzsche habe die napoleonische Natur deshalb vor allem geliebt, weil er selbst keine gewesen sei. Herr M�ller also ist ein Napoleon, weil er die Napoleons -- nicht liebt. 1910 Nietzsche, der Pole, der als Deutscher tief ward. * * * * * Nietzsche konnte mit den bisherigen f�nfsinnlichen Erkenntnismitteln den Menschen nicht verstehen. Drum erfand er sich seinen �ber-Menschen. Er ward damit der letzte gro�e deutsche Philosoph -- ante Christum natum. Er war, um in seiner Manier zu reden, der letzte -- Ante-Christ. 1911 Nietzsches Schicksal war, �ber den Tr�mmern des komischen Bildungsphilisters als tragischer zu sterben. Nietzsche starb an der 'Bildung'. Und mit ihm werden alle sterben, die mit seiner Seele nicht zu zittern wissen, die nur an seinen Geist glauben. 1912 Da� K�nstlerschaft und K�nnerschaft untrennbar sind, das versteht sich von selbst. Aber das, worauf es heute, wie immer, ankommt, ist, wer da spricht und was -- nicht nur wie -- gesprochen wird. Ist Nietzsche nicht einer unserer ersten Stilisten? Und dennoch blieb er in h�herem Sinne unfruchtbar. Ich w�ge meine Worte, denn wenn je einer, habe ich Nietzsche _erlebt_. Und nicht in mir war er unfruchtbar. Aber ich wei� auch, worin er lange Zeit mein H�chstes war: in seiner Gr��e als Mensch; nicht in der, ach nur allzu zeitgem��en, Art seiner Philosophie. Die war Abendr�te, nicht Morgenr�te und wer von ihr aus weiter schreitet, der wandelt in die -- Nacht. THEATER 1905 Wer sich mit der Materie einl��t, wird von ihr erschlagen. (Zu R.'s Dekorationskampf.) * * * * * Es fehlen im Bilde unserer heutigen Kritik nicht die kunstrichtenden, sondern schlechtweg die richtenden Geister. 1906 Kein Dramatiker kann wissen, was ein Schauspieler aus seinen Worten machen wird. Er mag sie so einfach setzen, wie er will -- dieser wird sie vielleicht ganz in Leidenschaft tauchen und so gerade ihren feinsten Gehalt ver�ndern; er mag sie so leidenschaftlich gemeint haben, wie er mag, dieser wird vielleicht nie im Leben bis zur Schwelle wahrer innerlicher Hingerissenheit gelangt sein. Der Schauspieler ist der R�uberk�nstler par excellence. Aber oft auch ist der R�uber gr��er als der Beraubte und der Schatz des Wanderers erst wundervoll, wenn, der ihn erschlug, damit zu abenteuern beginnt. * * * * * Wenn ich Schauspieler w�re, w�rde ich mir f�r mein Studierzimmer zun�chst einen riesigen Spiegel anschaffen. Vor ihm w�rde ich t�glich mindestens zwei Stunden verbringen und meinem K�rper eine Geschmeidigkeit anz�chten, die mir sp�ter gestattete, auch die leiseste Gem�tsbewegung in unwillk�rliche Sichtbarkeit umzusetzen. Ich w�rde mich dabei nicht in malerische oder zeichnerische Ideen verlieren, o nein, ich w�rde die Seele ganz allein Herr sein lassen und ihr, ihr allein, meine Glieder dienstbar machen. Unmittelbare �bertragung dessen, was mich bewegte, w�re mein Ziel, so da� man nicht einen K�rper und einen Geist zu sehen vermeinen sollte, sondern nur eins. Ich w�rde keinen andern Stil als den wahren Ausdruck meines Innenlebens haben wollen, aber freilich die Art meines Innenlebens w�re bereits der Stil, den ich will. Er w�re, meiner Natur entsprechend, zugleich lebhaft und ma�voll. Er w�re, wie ich hoffen d�rfte eindringlich, nicht aufdringlich. (Ich rede hier fast lediglich von der Darstellung moderner Menschen.) Des weiteren w�rde ich folgendes tun: Ich w�rde mich nach Empfang meiner Rolle in die darzustellende Person zu verwandeln suchen. Ich w�rde wochenlang in allen Situationen als sie herumgehen, das hei�t in ihrer Kleidung, mit ihrem vermutlichen Gehaben, mit ihrem Charakter, ihren Gewohnheiten. Dazu geh�rt allerdings eine eiserne Natur, aber des Schauspielers Kunst wird nicht genug bezahlt, da� er sich wie ein Krieger mit allem nur m�glichen Raffinement wider das Zerst�rende seines Berufes wappnen kann, gesetzt er braucht seine Mittel zum Kampf ums Ziel und nicht zum Behagen. H�tte ich pathologische oder Verbrechernaturen darzustellen, so w�rde ich, wie Hermann M�ller es gelegentlich tut, Irrenh�user, und wie's Richard Vallentin vor dem Nachtasyl machte, Kaschemmen aufsuchen. Die Moskauer sollen sich wochenlang in D�rfern aufgehalten haben, bevor sie ein St�ck mit Bauern spielten. Das nenne ich, auf die Eroberung des Andern, das wir nicht sind, aber der Kunst halber einmal sein wollen, losgehen; das m�chte ich vielleicht mit dem Namen praktischer Dualismus bezeichnen. Mag sein, da� ich nichts von alledem t�te, wenn ich Schauspieler w�re, das hei�t nat�rlich auch meiner ganzen Veranlagung nach, nicht nur nominatim, Schauspieler; aber nun, da ich bin, was ich bin, glaube ich, ich w�rde das tun, wenn ich das w�re. 1907 Man mag das Wort 'Schmiere' zu seiner Bildung zum Theaterkritiker brauchen, aber es wird von wahrer Urbanit�t zeugen, wenn man es sp�ter jemals wieder zu brauchen -- ablehnt. * * * * * Wenn es einem Kritiker Freude macht, sich einen Schaffenden im Sinne eines Sch�pfers zu nennen, so soll man ihm die Freude lassen. Der liebe Gott wird dann schon einmal zu ihm sagen: 'Schaffe eine Maus,' -- 'O nein,' wird der Kritiker antworten, 'so ist nicht die Gabe meines Schaffens. Gib mir ein Nashorn oder ein K�nguruh, so will ich dir sagen, was ich daran falsch und was ich daran richtig finde, und auch sonst werde ich noch manches zum Thema sagen, was vielleicht interessanter ist als das ganze K�nguruh oder das ganze Nashorn,' -- 'Ja, ja,' wird der liebe Gott sagen, 'das mag wohl sein, aber wenn ich nun so klug gewesen w�re wie du -- was h�tte ich dann wohl anfangen sollen? Wie h�tte ich die Welt wohl aus mir heraussetzen sollen, wenn ich erst etwas bereits Herausgesetztes h�tte vorfinden m�ssen, um mich an ihm herauszusetzen, oder anders ausgedr�ckt, um daran in deiner Weise sch�pferisch zu werden?' * * * * * Wenn einer vorliest! was denkst, was f�hlst du da alles! ... aber weil du (auch) zuh�rst, so wirst du ein Zuh�rer gehei�en. Als ob dich das ersch�pfen k�nnte: "der 'Zuh�rer' war ganz ergriffen" -- O gewi�, aber vielleicht nicht blo� als Zuh�rer. Der Klang der Stimme (z.B.) hatte dich vielmehr an einen Winterabend erinnert, an dem einmal jemand zu dir gesagt hat: 'Das also hast du vor, diesen Weg willst du gehen!' .. Aber das k�mmert den wenig, der vorliest. Er 'liest vor' und du 'h�rst' zu. Ich m�chte, da� du daraus ersiehst, wie armselig es ist, wenn man dich beispielsweise im Theater einfach als 'Zuschauer' bezeichnet und behandelt. Jawohl, du schaust freilich (auch) zu, aber daneben -- was ist alles daneben noch m�glich -- was begibt sich alles in dir noch daneben. Wir sollten uns alle wider den Bann solcher W�rter str�uben. Es ist, als b�nde uns einer eine starre Maske mit nur einem Gesichtsausdruck vor, aber die Maske ist nur suggeriert -- erwachen wir doch und erkennen, da� wir auch im Theater nicht Zuschauer allein sondern unendlich viel mehr, n�mlich durch keine Bezeichnung zu ersch�pfende Wesen sind, und da� wir daher auch im Theater alles erleben d�rfen, was ein Mensch nur immer geistig erleben kann, und nicht nur, was ein 'Zuschauer' erleben darf. Aber wir sind so �ber und �ber im Bann von Bezeichnungen, da� wir aus lauter Pflichtgef�hl ihnen zu entsprechen, keinen freien Gedanken mehr zu denken wagen, und nach einem innerlich noch so reichen Theaterabend dennoch von einem verlorenen Abend reden zu m�ssen glauben, weil wir als 'Zuschauer' nicht ganz auf die Kosten gekommen sind. -- 1908 Zum Gastspiel des Moskauer K�nstlertheaters. Nicht nur das Volk, auch die Kritiker haben dem Zauber der Russen -- und nicht nur Stanislawskis -- nicht widerstehen k�nnen, warum wohl? Weil von den Russen das ausging, was in den Deutschen heute h�chstens als Privatsache, aber nicht als Unterton ihres ganzen nationalen Lebens lebt: Liebe, Liebe zu einander, zu uns, zu ihren Dichtern, wortlose, unausgesprochene, uneingestandene aber selbstverst�ndliche Liebe. Es gibt kein anderes Wort, h�chstens da� man noch sagte: innere Religiosit�t. Hieraus quoll die letzte Sch�nheit dieser K�nstler. Und zu ihr k�nnten auch wir uns hinank�mpfen und hinanleiden, wenn wir nicht mit kaltem Kritizismus, mit Theorien, Wunsch-Luftspiegeleien aufeinander loshackten, sondern verstehend und liebend einander zu f�rdern, einander zu steigern, einander zu vervollkommnen suchten. * * * * * Es ist nur sehr viel leichter zu w�nschen und von Gro�em, wie es sein m��te, zu reden, als im Gegebenen sich zu bescheiden und die gro�en Faktoren sich nutzbar zu machen, die das lebendige Leben um einen herum enth�lt. Da mu� man freilich etwas mehr guten Willen haben und nicht gleich ungeduldig in Bausch und Bogen verwerfen, wenn man nicht just in den Punkten, in denen man gern befriedigt sein m�chte, auf seine Rechnung zu kommen scheint. Eines Schauspielers Wert ersch�pft sich noch lange nicht im rein Darstellerischen. Ich habe hier in Tirol Gelegenheit, viel in kleine Theater zu kommen: nun, ich ziehe meinen Hut noch tief ab vor allen m�glichen Leuten, die der kaltherzige, hochfahrende, einseitige und verbildete Gro�stadt-Kritiker, dem die Augen f�rs innere Leben und Sichfortentwickeln unseres Volkes oft nur zu sehr verschlossen sein m�gen, zumeist, weil die pers�nliche innere Beziehung einfach nicht da ist, nicht da sein kann, vermutlich mit irgend einem Clich�ausdruck wie Schmierenkom�dianten abtun w�rde; und ich bin weit entfernt davon, diesen braven, willigen und fr�hlich-unerm�dlichen Soldaten der Kultur, m�gen sie im Leibregiment oder in der verrufensten Garnison dienen, anders als mit einer Hochachtung zu begegnen, die mir fast immer noch irgendwo Dankbarkeit und Freude verstattet. Aber ich vergesse wohl, da� ich ein Gottseidank unverpflichteter Au�enseiter bin und da� der Berufsmensch wohl unwillk�rlich dem Schicksal des Spezialisten, das ist des Ein�ugigen, des Monophthalmoden, verf�llt. Das Eine Auge starr auf die B�hne gerichtet, sieht er alles nur in der Kunstfl�che, w�hrend es in Wahrheit bis in den Urgrund der Welt hineinreichende Plastik ist, auch dies, auch diese B�hnenmenschheit da droben. 1909 Wie kann man einem Schauspieler 'die Wahrheit sagen' und zugleich den Menschen in ihm respektieren? Einfach, indem man ihn liebt. Man liebt ja Blumen, Steine, Tiere -- ist der Mensch der Liebe weniger w�rdig? Schlie�t denn Erkenntnis die Liebe aus? Oder ist es nicht vielmehr so: Je mehr Erkennen, desto mehr Liebe? So da�, je mehr einer einen Schauspieler durch und durch sieht, er auch weniger und weniger imstande sein wird, richterlich von ihm zu reden. Man braucht dabei nichts zu opfern, nichts, als seine eigene Unsch�nheit. Man kann von derselben Leistung fast wie ein Weiser reden und fast wie ein Wilder. 1911 Man kann das Theater (beispielsweise) nicht reformieren, wenn man nicht zugleich den ganzen Geist der Zeit reformiert. Es ist der Irrtum unserer Zeit, da� sie meint, man k�nne wesentliche Probleme aus dem Zusammenhange herauspfl�cken und f�r sich allein l�sen. SPRACHE 1895 Ein 'Wort' ist etwas unendlich Rohes: es fa�t millionen Beziehungen mit einem Griff zusammen und ballt sie wie einen Klumpen Erde. Bald wird die Erde trocken und hart -- die Kugel bleibt als rotes drastisches Ganzes, aber die millionen Teilchen, daraus sie besteht, sind als solche so gut wie vergessen. 1896 Oft �berf�llt dich pl�tzlich eine heftige Verwunderung �ber ein Wort: Blitzartig erhellt sich dir die v�llige Willk�r der Sprache, in welcher unsere Welt begriffen liegt, und somit die Willk�r dieses unseres Weltbegriffes �berhaupt. * * * * * Ich habe oft bemerkt, da� wir uns durch allzuvieles Symbolisieren die Sprache f�r die Wirklichkeit unt�chtig machen. * * * * * Du bist ein Gymnaseweis, mein Lieber! * * * * * Charleytantismus der B�hne. 1905 Ein Diletalent. 1906 Man m��te neue Interpunktionen erfinden, die gewissen Willensrichtungen entspr�chen: z.B. Die Fortsetzung davon <: (in dem Sinne von: Die Fortsetzung davon _m��te sein_), als Optativzeichen = (man) m��te, sollte haben, sein usw. Die Umkehrung :> = d�rfte _nicht_ sein, sollte _nicht_ sein. * * * * * Erst das Wort rei�t Kl�fte auf, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Sprache ist in unsere termini zerkl�ftete Wirklichkeit. * * * * * Der Ausdruck 'Lieber Gott', �ber den schon Nietzsche spottet, mu�te in der Tat dem Deutschen zu erfinden aufgespart bleiben. Es sollte ihm nur einmal aufgehen, wie er sich selbst damit den Blick f�r die unaussprechliche Gewaltigkeit und F�rchterlichkeit des Weltganzen verdirbt, wenn er dessen h�chster Personifikation das vertrauliche W�rtchen 'lieb' voransetzt. * * * * * Unter b�rgerlich verstehe ich das, worin sich der Mensch bisher geborgen gef�hlt hat. B�rgerlich ist vor allem unsere Sprache: Sie zu entb�rgerlichen die vornehmste Aufgabe der Zukunft. * * * * * Es gibt gewisse Ausdrucksweisen von seltener distanzierter Sch�nheit und Vornehmheit, die nur zwischen dem fremden Sie und dem vertrauten Du m�glich sind: in jenen k�stlichsten Zwischenstadien der aufbl�henden Liebe, wo das Herz schon Du sagt und der Mund noch Sie. 1907 'Ewiger' Schnee, welch ein g�tiges, liebenswertes Wort! Lassen wir es ja stehen, der Wissenschaft zum Trotz, der guten alten Zeit zur Ehre. Gestorbenes Wort: Zufall. * * * * * Pr�fe gelegentlich deine Adjektiva nach. * * * * * Statt sehr geehrter Herr! k�nnte man doch viel einfacher schreiben: 5 e! Und statt hochachtungsvoll 2 o. * * * * * Das tr�nens�cksische A. * * * * * Gew�hnen wir uns den Superlativismus ab. Schreiben wir nicht mehr geehrtest, ergebenst, achtungsvollst, herzlichst und sch�nst. Schlie�en wir nicht mit tausend Gr��en, sondern mit gar keinem; denn ein Brief, der den Namen verdient, ist doch an sich schon der Gru�. Umarmen wir uns auch nicht mehr brieflich -- ich rede nat�rlich hier stets nur vom Briefwechsel unter M�nnern --; wenn ich schreibe: ich umarme Dich, so male ich damit ein Bild, so wird durch die Niederschrift aus einer im Leben spontanen Handlung eine starre Pose. Seien wir nicht so gedankenlos gerade in Herzenssachen. * * * * * Beim Dialekt f�ngt die gesprochene Sprache erst an. * * * * * Der �sterreichische Dialekt ist darum so h�bsch, weil die Rede best�ndig zwischen Sichgehenlassen und Sichzusammennehmen hin und her spielt. Er gestattet damit einen durch nichts andres ersetzbaren Reichtum der Stimmungswiedergabe. * * * * * Die meisten Menschen sprechen nicht, zitieren nur. Man k�nnte ruhig fast alles, was sie sagen, in Anf�hrungsstriche setzen; denn es ist �berkommen, nicht im Augenblick des Entstehens geboren. * * * * * Man mag sagen, was man will, die Menschen tun so und so oft auch nichts andres als -- bellen, gackern, kr�hen, meckern usw. Verfolge nur einmal die Tischgespr�che einer Kneipe, die Ausrufe des Wirts, der Kellner, der Kartenspieler, kurz, all das Geschw�tz, was nichts weiter ist noch sein will als Essen, Trinken, Schlafen oder irgend eine sonstige einfache Lebens�u�erung. * * * * * Ich mag Worte wie gleichwohl oder immerhin gern leiden; denn sie erlauben, nach etwas Abf�lligem noch eine Menge Anerkennendes zu sagen. * * * * * Welche und derselbe sind durch unsere besten Prosaiker hundertmal geheiligte W�rter, welche die modische Abneigung der 'Jetztzeit' ertragen k�nnen. _Derselbe_, dagegen sich heute der �berlegene Spott noch des armseligsten Skribenten richtet, ist nicht schlechter und nicht besser als eine Unmenge anderer deutscher W�rter. Dem Stilisten bedeutet jedes Wort solcher Art eine M�glichkeit mehr, und dem papierdeutschfeindlichen Sprachreiniger kann nicht entgehen, da� just dieses derselbe in Mundarten -- man denke an z.B. selch, sell, ders�ll -- ein h�chst lebendiges Dasein f�hrt. * * * * * Gott ist nur ein Wort f�r 'sich'. Das Tier hat keines dieser beiden Worte. Es ist wortlos sowohl Ich wie Gott, das Wort erst spaltet das Leben in Ich und Gott. Kritik der Sprache ist zuletzt auch nur ein Gesellschaftsspiel. Es gibt kein Wort, das au�erhalb der Sprache noch irgendwelchen Sinn erg�be. Wer sich au�erhalb der Sprache setzen m�chte, findet keinen Stuhl mehr. Er kann nicht einmal mehr sagen: nun wei� ich wenigstens, da� Wissen Unm�glichkeit ist. 'Wissen' ist so gut eine Spielm�nze, wie 'sein', wie 'Unm�glichkeit' wie 'Sprache', wie 'au�erhalb'. Es ist daf�r gesorgt, da� wir die 'Welt' nicht in die Luft sprengen. Ich nenne diese widerspruchslose Ohnmacht in Dingen wirklicher, nicht nur scheinbarer Erkenntnis manchmal bei mir: die Selbstversicherung Gottes. Sie ist eines Gottes w�rdig. * * * * * 'Er gibt Frieden' (schreibt Amiel) 'und das Gef�hl des Unendlichen,' Welche Zusammenstellung, nur daraus erkl�rlich, da� der Begriff des Unendlichen noch nie erlebt wurde. So k�nnen Menschen Jahrhunderte lang ein Wort voller Pathos brauchen, ohne je von seiner ganzen Bedeutung ergriffen worden zu sein, ja, ich behaupte, manche Worte k�nnen nur solange gebraucht werden, als ihr m�glicher Sinn nicht v�llig zu Ende gedacht wird. Wer 'Gott' siehet, stirbt. * * * * * Philosophien sind Schwimmg�rtel, gef�gt aus dem Kork der Sprache. * * * * * Gro�e geschriebene Worte sind vergeistigter Zeugungsakt in perpetuum. * * * * * Die schlimmste Folge demokratischer Anschauungsweise ist, da� nun auch die Worte alle 'gleich' gewertet werden. Und doch ist jedes Wort in dem Augenblick, wo es gedacht, gesprochen, geschrieben wird, ein Individuum f�r sich und nicht einmal demselben -- vor oder nachher geborenen -- Wort desselben Mundes, desselben Gehirns je irgendwie gleich. Wenn einer sagt: ich glaube dies und das, und sein Nachbar h�rt das, so kann das sein, als ob der eine sagte: Himalaya, und der andre h�rte: Schneehaufen. 1908 Die gleichen Worte sind einander _nicht_ gleich. Es gibt keine Tautologie. Sondern alles ist pro -- cessus. * * * * * Nicht nur jedes Gleichnis hinkt, sondern auch jede Gleichung. * * * * * Es gibt gar keine Worte, die blo� Worte w�ren. Sondern jedes Wort ist von vornherein ein -- h�chst individuelles -- _Urteil_. Man glaubt, a sei gleich a. Eine vollkommene Ungeheuerlichkeit. * * * * * Freuen wir Deutschen uns, da� unsere Sprache die Sonne uns als ein Weib schenkt und lehrt. Da� sie der schlichteste Sinn bei uns als -- Mutter empfinden darf. Und da� wir so um sie im Reigen der Fixsterne all unsere ewigen -- M�tter schauen und verehren d�rfen. * * * * * In dem lateinischen W�rtchen 'duo' ist nur das deutsche Du sichtbar enthalten; das 'Ich' ruht unsichtbar und doch ewig lebendig darin, wie unter Menschen das geliebte Ich im Herzen des liebenden Du. Wer konversiert, der _spricht_ nicht. * * * * * Zitate sind Eis f�r jede Stimmung. * * * * * Impressionismus -- Eindrucktum. * * * * * Gro� betrachtet ist alles Gespr�ch nur -- Selbstgespr�ch. * * * * * Welch ein Unterfangen, sich hinter Worten verstecken zu wollen! Man ist ja -- diese Worte selbst. * * * * * Wenn ich bei einem Schriftsteller auf jeder Seite 'die die' lese, so kann mir schon �bel werden. Wozu hat der liebe Gott das sch�ne Wort 'welche' geschaffen? Aber rede einmal einer dieser time und money-Zeit von welcher und derselbe! * * * * * Gingganz ist einfach ein deutsches Wort f�r Ideologe. 1909 Wie eigent�mlich �hneln sich Schwyzerd�tsch und Norwegisch! * * * * * Wie ist jede -- aber auch jede -- Sprache sch�n, wenn in ihr nicht nur geschw�tzt, sondern gesagt wird. * * * * * Es gibt nichts Hemmenderes als Gemeinpl�tze und Redensarten. Jede Redensart ist die Fratze eigener Gedanken, ein 'Mitesser' im Zellengewebe des Denkers. Was du denkst und sagst, ist vor allem Ausdruck. Der sogenannte eigentliche Sinn des Gesagten ist nicht sein einziger Sinn. * * * * * Die Sprache ist eine ungeheure fortw�hrende Aufforderung zur H�herentwickelung. Die Sprache ist unser Geisterantlitz, das wir wie ein Wanderer in die unabsehbare und unausdenkbare Landschaft Gott unabl�ssig weiter hineintragen. * * * * * Mit jedem Worte wachsen wir. * * * * * Jedes einmal ins Licht getretene Wort ist ein Vorspann (der Menschheit) f�r immer. Denn jedes fordert, sobald es nur sichtbar wird, zur Produktion heraus. Man kann kein Wort lesen oder h�rend aufnehmen, ohne es zugleich aus seinen Schrift- oder Tonelementen wieder zu _schaffen_. Beseelen hei�t schaffen; ein nicht wieder beseeltes Wort bliebe ein nicht wieder geschaffenes, das hei�t f�r den Nichtbeseeler tot. Man nehme ein paar beliebige W�rter: Fest. Ebene. Landschaft. Musik. Ganze Welten von Sch�pfungen erheben sich, indem wir sie lesen. 1910 A. Ich halte es f�r unrichtig, ja sch�digend, die Orthographie in Hinblick auf die Bequemlichkeit der Vielen zu modernisieren. Die Bedeutung der in den Sprachen aufgespeicherten Erinnerungen ist nicht zu untersch�tzen. Wenn ich Tier schreibe und mir das griechische [Griechisch: th�r] dabei als reiner Unterton mitklingt, wenn ein ganzes Volk, eine ganze Kultur bei diesem Worte mich an sich mahnen darf (nicht mu�), so ist das etwas Seltenes und wunderlich Fruchtbares, dessen wir uns nicht mutwillig berauben sollten. Da� denen, die von der Antike nie ber�hrt wurden, damit unn�tiger Buchstabenballast aufgeladen wird, kann meiner Ansicht nach solange kein Gegengrund sein, als in geistigen Dingen den geistigen Menschen einer Nation und nicht den andern zun�chst ihr Recht zu wahren ist. B. Vielleicht doch nicht. Der Kl�gere gibt nach. Dem Geistigeren ist es eine Ehre und Freude, zu verzichten, wenn dadurch Unz�hligen wohlgetan und gen�tzt wird. Du l�ufst Gefahr, in einer Welt, die viel zu gro� und tief dazu ist, den Liebhaber zu spielen, als Liebhaber zu erstarren. Du verstehst, wie das Wort Liebhaber hier gemeint ist. M�chten wir doch alle mehr dienen, mehr helfen, statt immer so sehr auf unsere eigene Geschmacksbefriedigung auszugehn, m�chten wir doch endlich diese pseudoaristokratischen All�ren �berwinden und durch reifere, reichere Gesichtspunkte ersetzen. * * * * * Der R�ckschritt im Alphabet der Buchstaben von R zu K kann einen Fortschritt im Alphabet der Moral bedeuten: Starr -- stark. 1911 Kongs-Enne, eines der tiefsten Wortbilder aller Sprachen. * * * * * Wie sich in der Wortzusammensetzung 'Heilsarmee' f�r den Deutschen eines seiner tiefsten Eigenworte mit einem seiner weltlichsten Fremdw�rter verbindet, erscheint in der Heilsarmee selbst etwas G�ttliches mit etwas sehr Irdischem gepaart, das vor dem Ur-Wort ebenso als Fremd-Wort empfunden werden kann (obzwar nicht mu�), wie das Wort Armee vor dem Geist unserer Sprache. 1912 Es gibt Menschen, welche Schlagworte wie M�nzen schlagen, und Menschen, welche mit Schlagworten wie mit Schlagringen zuschlagen. Nichts ist so verbreitet wie das Schlagwort. Es wird bis in die h�chsten Geisteskreise hinauf gebraucht und h�ngt oft noch dem Scharfsinnigsten als Z�pfchen hinten. * * * * * Mit keinem K�der fischt Mephisto so gl�cklich, als mit allem, was im Engeren und Weiteren unter den Begriff des Schlagworts f�llt. * * * * * Man findet bei manchem Ernsthaften unserer Tage gegen gewisse Worte wie sittlich, vollkommen, edel, die Animosit�t dessen, dem sie irgend einmal gr�ndlich verleidet worden sind. Das sollte nicht sein. K�nigliche Begriffe k�nnen nie von ihrem Glanze verlieren. Wenn es aber doch zuweilen so scheint, wen trifft die Schuld? Die Masse, die sich ihrer bem�chtigt hat, oder die Paladine, welche ihnen nicht genug treue Diener, Berater und Leiter gewesen sind? * * * * * In einer nicht ganz nat�rlichen Redeweise liegt eine Gefahr f�r den Sprecher wie f�r den H�rer. Das gilt vom pers�nlichsten Verkehr wie von dem mit der �ffentlichkeit. So gibt es z.B. Menschen, welche immer ein wenig ironisieren. Sie nennen alles nicht so sehr beim Namen, als vielmehr bei irgend einem Spitz- oder �bernamen. Damit wirken sie kurzweilig, �fter aber demoralisieren sie, und ob auch nur um einen Schatten, sich wie den andern. 1913 Alles Schw�tzen hat zur Grundlage die Unwissenheit um Sinn und Wert des einzelnen Wortes. F�r den Schw�tzer ist die Sprache etwas Verschwommenes. Aber sie gibt's ihm genugsam zur�ck: dem 'Verschwommenen', dem 'Schwimmer'. POLITISCHES SOZIALES 1895 Man will die deutsche Volksseele erstarken sehen, indem sie sich mehr abschlie�en und begrenzen soll, und vergi�t, da� gerade das Unbegrenztseinwollen, das �ber engen Nationalit�tsschranken stehen wollen ihre Haupteigent�mlichkeit ist. * * * * * Man mu� eine Operette wie den 'Rastelbinder' von Lehar h�ren, und zwar in einem jubelnden Theater, -- um alle 'modernen Ideen' als Sentimentalit�t zu verwerfen. Nach einem solchen Abend k�nnte man sogar zu einer neuen Inquisition ja sagen. Konfrontation ist das Einzige. Den Freiheitsschw�tzer in solch ein Theater f�hren und nachdem die Zwerchfelle und Tr�nens�cke nach Schlu� des ersten Aktes zu Ende gewirtschaftet haben, ihn fragen: Und das soll -- regieren? 1896 In Arco: Jeden Freitag gibt man hier den Drehorgelm�nnern die Luft in Pacht. 1904 Es ist etwas ganz Eigent�mliches, wie verschieden die Menschen verschiedener Erdstriche ihre Z�une bauen. Ich erinnere mich z.B. bei Berlin keines einzigen mir zusagenden Zaunes; es gibt andere, die mich zu Tr�nen r�hren k�nnen, wie die Steinz�une des Tessin ... 1905 Der Taler ist das einzige originelle und der lateinischen M�nze ebenb�rtige Geldst�ck, das wir haben. Weshalb wir ihn auch als 'unpraktisch' abschaffen. * * * * * Das Talent zur Disziplin ist die Wurzel von Preu�ens Gr��e. M�ge es dies Talent feiner und feiner ausbilden und daf�r lieber auf Gebieten nachstehen, wo es auf Improvisation, Ingenium, Genialit�t schlechtweg ankommt. Menzel ist der preu�ische K�nstler an sich. Menzel sollte eine religi�se Formel f�r die Preu�en werden. Denn was leistet damit der Preu�e: Die ganze _Vorarbeit_ des schrankenlosen und h�chsten Genies und damit dies Genie beinahe selbst. Alles, was am Genie Flei� ist, also vier Bestandteile von f�nf m�gen 'preu�isch' genannt werden. Preu�en, wenn irgend ein Land, hat noch den Gedanken der _Zucht_. Hier ist sein Weg zu seiner H�he, wie er es immer gewesen. Darum soll Berlin das preu�ische Element in sich nicht abt�ten, sondern steigern. Es hat es bereits zu sehr gemi�achtet. Schinkel baute preu�isch; es gibt nichts Herzerfrischenderes als diese so edlen, strengen, fast n�chternen Geb�ude jener Zeit, an deren Stelle eine z�gellose Horde von neuen Baumeistern und Aktiengesellschaften ihre w�sten Massenproduktionen gesetzt hat. Der Preu�e hat keinen andern Weg zur Kunst als den der Einfachheit. Pracht wird bei ihm zu Schwulst, Luxus zu Unsittlichkeit. Er bleibe Brandenburger und sei stolz auf sein Land und seinen Breitegrad und �ffe nicht in kompilatorischem Wahnsinn ihm ganz fremde Kulturen nach oder nehme sie wenigstens so weit in sich auf, da� er sie ganz aus seinem schlichten, n�chternen Geiste wiedergeb�re, wie es Schinkel tat, dieser Mann, den ich mit jedem neu niedergehackten Villino seiner Zeit mehr liebe. Und dann endlich: los von diesem Prinzip, ein Haus nur aus Vorder- und Hinterwand bestehend zu bauen. Man gebe jedem Haus seine vier selbst�ndigen Seiten wieder und erl�se es damit aus dem Zustand einer Mi�geburt -- oder man komponiere ganze Stadtteile einheitlich und dann diese wieder unter einander. Man erhebe den Kasernenstil zur H�he der Kunst. Man kann es. Man rede nicht ewig von Langweiligkeit. Wenn der Rechte es anfa�t, gibt es keine Langeweile. Was bei dem Mittelm��igen langweilig wird, wird in der Hand des Genies zur Gro�artigkeit. Man r�ume nur mit diesem sogenannten herrschaftlichen Haus als Individuum auf. * * * * * (Staat, Stil, Sittlichkeit) Vom h�chsten Ordnungssinn ist nur ein Schritt zur Pedanterie. * * * * * Disziplin ist Abk�rzung. Deshalb kommt der Norddeutsche schneller mit seiner Arbeit vorw�rts als der S�ddeutsche, wobei er durchaus nicht der Produktivere zu sein braucht. * * * * * Der Mensch en masse wird erst dann wieder achtbar werden, wenn er sich entschlie�t, neuen Adel aus sich zu z�chten. Die sch�nsten Dinge auf Erden sind nur durch Adel m�glich. Noch mehr: Der wahre Adel ist selbst das sch�nste Ding der Erde. * * * * * Unsere Art zu richten und zu strafen erscheint mir immer kindlicher. Ein einziger wirklicher Mensch w�rde das alles �ber den Haufen werfen. Wieviel lie�e sich da _individualisieren_! * * * * * Es m��te Anekdotenerz�hler geben, die durch die Krankenh�user gingen. Eine gute Anekdote ist ein wahres Lebenselixier. Ich glaube, ein Sterbender m��te noch l�cheln, wenn er von dem franz�sischen Landedelmann h�rte, der sich nicht genug wundern konnte, als er erfuhr, da� er sein Leben lang Prosa gesprochen h�tte. * * * * * Augenblicklich gibt es nur einen Feind des europ�ischen Friedens: England. Mit ihm ist nicht zu paktieren; darum mu� es isoliert werden. * * * * * Eine der sch�nsten und symptomatischesten russischen Sitten ist die Anrede beim Vornamen. Eine ganze Welt von Zopfigkeit liegt in unserem Herr, Fr�ulein, gn�dige Frau. * * * * * Der Russe hat mehr die Liebe zum Leben, wie es ist, der Deutsche (auch Ibsen, der ja aber deutsch) mehr die zum Leben, wie es sein sollte, k�nnte, m��te. Der ganze russische Idealismus liegt in dieser ergreifenden Versenkung ins N�chste, der ganze deutsche in diesem unausrottbaren Trachten �ber den 'Tag' und sein Leben hinaus. Ich m�chte sagen, der Drang ist hier wie dort derselbe, nur die Richtung ist verschieden. * * * * * Das macht den Deutschen von heute so unbeliebt: Er beruft sich bei jeder Gelegenheit auf seine 'Geistesheroen', die doch fast immer nur im Gegensatz zu ihm gelebt haben, und ist dabei genau so auf seinen Vorteil bedacht wie der Nachbar. * * * * * Wir Deutsche haben nicht nur r�misches Recht, noch viel mehr r�mischen Geist im Leibe. Das Haupthindernis f�r uns, unsere 'Seele' zu entdecken, ist, da� wir immer noch zu sehr darauf achten, da� alles, was wir von uns aussagen, auch ins Lateinische �bersetzbar sei. Die nachwirkende Macht des r�mischen Imperiums bricht sich an den Grenzen Ru�lands, der ersten r�cksichtslos modernen Rasse. * * * * * Die sozialistische Lehre -- das Brot der Armen. * * * * * Im Staat der Sozialisten wird einer auf den andern aufpassen. Und Faulenzer werden nicht geduldet, dulden sich selber nicht. Wer aber will vorher wissen, wer ein Faulenzer und wer ein -- Schwangerer ist? Man w�rde den Schwangeren samt dem Faulenzer verurteilen und damit das Beste der Erde: das stille, langsame Reifen neuer Gedanken. 1906 Ich habe eine furchtbare Vision: Wenn die Sozialisten zur Herrschaft gekommen sein werden, dann f�ngt das Blut �berhaupt erst _an_, zu flie�en. * * * * * Eure Todesstrafe, noch mehr Euer Kriegf�hren, Ihr Menschen, ist nicht mehr und nicht weniger als -- Selbstmord. Ein Volk w�rde ein anderes Bild bieten, wenn es wirklich ein Volk, eine einzige gro�e Familie w�re. In einer Familie f�hlt sich jedes Mitglied f�r das andere verantwortlich. Alle f�r jeden, jeder f�r alle. Statt dessen lebt man in unsern gro�en V�lkerfamilien nach dem geheimen Grundsatz: Jeder f�r sich: Alle f�r mich. Was k�mmert den B�rger auf seinem Wege zum Reichtum der Mitb�rger auf seinem Wege der Armut? Nichts. Aber sofort erinnert er sich dieses Mitb�rgers, wenn seine Ruhe und sein Besitz bedroht werden. Dann ruft er ihn auf 'zum gemeinsamen Vorgehen gegen den gemeinsamen Feind'. Dann zieht er pl�tzlich den Bruder, den Blutsverwandten, den armen Verwandten aus seinem Dunkel hervor. Und seine pl�tzliche Begeisterung wirkt ansteckend, -- mein Gott, gewi�, zwar, freilich, allerdings, indessen, gleichwohl, -- kurz, man ist kein Unmensch. Vergessen wir das Vergangene! Auf in den fr�hlichen Krieg! Schulter an Schulter! Ein Volk, Ein Herz, Ein Schwert ... * * * * * Im Himmel, k�nnte man sagen, wird es wenigstens keine Briefe mehr geben. Man wird zwar seine s�mtlichen Brieftr�ger dort wiederfinden -- denn der Brieftr�ger kommt eo ipso in den Himmel -- aber sie werden alle selige Engel und au�er Dienst sein und nicht mehr das unberechenbare Schicksal deiner Tage und N�chte. 1907 Alles J�dische ist vorwiegend destruktiv. Jesus, der gr��te Jude, ist auch der gr��te Destruktor der 'Welt'. Spinoza ist nichts andres und wird darum auch von dem j�ngsten j�dischen Destruktor Mauthner in seiner Eigenschaft als Antiteleologe �ber alle andern Denker erhoben. Mit Mauthner selbst kommt vielleicht die tollste Zerst�rung in Gang, die die Geschichte des Geistes bisher erlebt hat. Man halte wider diese d�monischen Revolution�re den Moralkritiker Nietzsche und man hat den ganzen Gegensatz zweier wie Feuer und Wasser verschiedener Welten. In Nietzsche ist alles ein Schaffen, Bauen, Konstruieren, Befehlen, Bestimmen; der Zweck heiligt ihm alle Mittel, er lebt und stirbt f�r selbstgeschaffene, irdische, hiesige Ideale. Er will das Furchtbare der menschlichen Existenz durch den Willen adeln, formen, �berwinden. Alles in ihm ist Zuchtgedanke. Die Juden sind die Opponenten der Schaffenden, ihre Korrektoren, ihre b�sen Gewissen. Es ist wundervoll, in dieses wahrhaft weltgeschichtliche Dissonieren hineinzuhorchen. Eine interessante Mischung von beiden ist der Mystiker, ist f�r mich vor allem Meister Ekkehart. Spinoza war so nahe an der Mystik, wie nur ein j�discher Denker sein kann, aber er betrat ihr Reich nicht. Er war zu klug dazu, oder, anders ausgedr�ckt: die Leidenschaft des Schaffenden war nicht so sehr in ihm, wie die Leidenschaft des Erkennenwollenden. Daher auch seine Heiterkeit. Willenspassion und Heiterkeit vertragen sich nur sehr zeitweilig, das wu�te auch Schopenhauer. Spinoza sah wie Christus �ber die 'Welt' hinweg. Den Germanen aber ist diese 'Welt' doch zu sehr selbst Gegenstand, Kunstmaterial, Entwickelungsstoff, sie wollen nicht so sehr �ber die Welt hinaus, als in sie hinein. Goethe nahm sich von Spinoza die Freiheit, das gute Gewissen. Spinoza mu�te ihm eine B�rgschaft mehr sein, da� dieser verha�te Wahn von einem au�erweltlichen Gott eben nur ein Wahn sei. Und nun mit dieser best�rkten Souver�nit�t in sich ging er hin und wirkte sein Leben mit jedem Atemzuge in das Leben hinein, das er um sich vorfand, befruchtete sich aus ihm und es mit sich und wurde so 'in der Beschr�nkung' der 'Meister', als den wir ihn immer wieder erleben. * * * * * Alles �ffentliche Leben ist wenig mehr als ein Schauspiel, das der Geist von vorgestern gibt, mit dem Anspruch, der Geist von heute zu sein. * * * * * For the happy fews -- sollte das doch aller Weisheit Schlu�wort zur �ffentlichkeit sein? * * * * * F�r mich begehre ich nicht viel, wenn ich aber Talente sehe, die ein gro�es Volk in seiner Unwissenheit, Gleichg�ltigkeit und Kleinlichkeit verk�mmern l��t, dann steigt mir der Zorn auf. * * * * * Ich kann an Polen nicht ohne ein tiefes Unbehagen, ja nicht ohne Grauen denken. Ich m�chte lieber selbst ein Pole sein, um gl�hend an der inneren Wiedergeburt dieses Volkes mitzuarbeiten, als so von au�en dem Schauspiel seiner Schmach und Schw�che beiwohnen zu m�ssen. * * * * * Am Vollblut sp�rst du sofort, was Adel ist, beim Menschen wirst du's nicht gelten lassen. Wohin k�me ein stiller Beobachter, wenn er die gegenw�rtigen deutschen Zust�nde an einigen gro�en Gedanken Paul de Lagardes messen, nein, nicht nur sie messen: wenn er sich unwillig von allem gegenw�rtigen Leben zur�ckziehen wollte, weil es ihrem erhabenen Ernste so gar nicht entspricht? Dahin, wo er am wenigsten verharren m�chte: ins Land der Verbitterung, der Lebensfeindlichkeit, der Verneinung. -- Aber eine best�ndige Trauer, wenn er bedenkt, welche Wege die Entwickelung h�tte einschlagen k�nnen und welche sie eingeschlagen hat, wird ihn nicht verlassen, und sie und ihre geheime Wirkung wird der Tribut sein, mit dem sich der Geist eines Gesetzgebers wird bescheiden m�ssen, den die Deutschen nicht verdient haben. * * * * * Organisation ist das gro�e Wort, dem die Zukunft geh�rt. * * * * * Darf einem die Organisation der r�mischen Kirche keine Bewunderung einfl��en -- als eine der wenigen gro�en Machtgebilde auf Erden, die dauern? * * * * * In der Gesellschaft l�uft alles darauf hinaus, da� einer vor dem andern den Hut abnimmt. 'Ich nehme den Hut vor dir ab, damit du den Hut vor mir abnimmst.' Ein stillschweigendes �bereinkommen, das den, der klug und 'liebensw�rdig' in seinem Sinne handelt, in der 'allgemeinen Achtung' au�erordentliche Grade erreichen l��t. * * * * * Du erkl�rst, du f�hlst nicht sozial, du verachtest deine Mitmenschen fast mehr als da� du sie liebst. Gut. Ich verlange weder soziales Gef�hl von dir, noch Verehrung des 'N�chsten'. Aber wenn du neben dir einen Hund verhungern siehst, so wirst du ihm von deinem Essen mitteilen, das versteht sich von selbst. Nun, ich verlange nur, da� du mit einem Mitmenschen f�hlst wie mit einem Hunde, n�mlich: Im Fall der �u�ersten Not: solidarisch. * * * * * In New York haben sich die Kellner ein Klubhaus gebaut. Man sollte sie auch bei uns dazu ermuntern und ihnen von jetzt ab kein Trinkgeld mehr (welch �berlebte Bezeichnung), sondern nur noch Klubgeld geben. * * * * * Ein durch und durch kultivierter Kellner ist ein Kunstwerk, das nicht nur in Wien seine Lobredner haben sollte. Er hat etwas von einem Philosophen, von einem Arzt, einem Soldaten. Ganz anders, wie der Friseur etwa, der den Kom�dianten nie ganz los wird, oder die Kellnerin, die doch eben immer ein Weib bleibt, das hei�t ein Gesch�pf, von dem vollkommene Sachlichkeit weder verlangt werden darf noch will. In der gro�en Universit�t der t�glichen Angelegenheiten, an der ich mir, als an einem Parallelinstitut der ehrw�rdigen Alma Mater, das halbe moderne Leben neu erzogen denke, sollte der Lehrstuhl f�r die Wissenschaft von den Pflichten und Rechten des Kellners besonders sorgf�ltig besetzt werden. Wann �brigens wird diese Universit�t, nach der unser ganzes Leben von heute ruft, und zu der bereits unz�hlige Ans�tze vorhanden sind, ins Leben treten? * * * * * Es ist ganz gewi�, da� die Menschen erst _anfangen_ werden, im Geist zu leben. Hat erst die demokratische Bewegung das Ihre getan und neue Intelligenzen und Energien heraufgebracht, so wird es nicht bei der Langweiligkeit und Mittelm��igkeit der heutigen Gesch�fte bleiben. Die Phantasie wird ihr gro�es Zeitalter antreten, Organisationen werden entstehen, an die heut nur die Reichsten auch nur zu denken wagen, und werden sich halten: weil die Lust des Gehorchens um wichtiger Ziele willen dann st�rker geworden sein wird, als die Lust, die heute regiert, die Lust zur gr��tm�glichen Behaglichkeit, im sozialistischen, wie im bourgeoisen Sinne. Weil man dann wieder jene h�here Art des Genie�ens, des Lebensgenusses verstehen wird, die unter Napoleon zuletzt halb Europa erf�llte, und in deren Bann unz�hliges Volk allen Schlages und Ranges wieder einmal bewies, da� es noch ein ganz anderes Gl�ck bedeuten kann, mit einem 'vive l'empereur' auf den Lippen zu sterben, als mit einem 'ni Dieu ni Maitre' zu leben. * * * * * Manche Leute m�ssen �ber ihre Dummheit durchaus �ffentlich quittieren. * * * * * Einen Krieg beginnen, hei�t nichts weiter, als einen Knoten zerhauen, statt ihn aufl�sen. * * * * * Man kann ein halbes Leben lang den Krieg verwerfen -- bis man eines Tages erkennt: nein, der Krieg geh�rt vielleicht noch immer unter die tragischen Selbstzuchtmittel der Menschheit. Und furchtbarer als der Krieg bleibt, da� selbst dieses schreckliche Mittel dem Menschen nicht mehr n�tzt, als es geschieht; da� es ihn wohl t�chtig erhalten mag, im gegebenen Augenblick in den Tod zu gehen, aber da� es ihn nicht t�chtiger dazu macht, in sich zu gehen und damit in den Tod seines bisherigen Lebens. * * * * * Lehrer-Kom�die: Die Armut der Lehrer, w�hrend die Staaten Unsummen f�r die Wehrmacht hinauswerfen. Da sie nur Lehrer f�r 600 Mark sich leisten k�nnen, bleiben die V�lker so dumm, da� sie sich Kriege f�r 60 Milliarden leisten m�ssen. 1908 Alles Entscheidende kommt heute von Europa. Sogar die Entscheidung, inwieweit Asien entscheidend war. * * * * * Deutschland, der gro�e Lyriker unter den V�lkern. * * * * * Jede ernsthafte 'Bewegung' ist t�chtig, aber T�chtigkeit ist vielleicht das drittletzte, nicht das letzte Wort der Welt. * * * * * Ein gewandter Dieb ist ein -- teures Kunstwerk. * * * * * Wer den Menschen mehr denn billig als Einzelperson nimmt, wird nur zu oft an ihm und mit ihm scheitern. Der Mensch ist nicht nur Einzelpers�nlichkeit, sondern zugleich Volkszelle, wie die Volkspers�nlichkeit zugleich wohl wieder in einer h�heren Einheit aufgeht, usf. * * * * * Der moderne Jude -- als Denker -- wird selten glauben, das hei�t ahnend ergreifen k�nnen. Aller Gottesgedanke k�nnte n�mlich, so f�rchtet er, doch am Ende nur die feinste Bl�te einer gro�en -- Dummheit sein. Sich dem Hineinfall auf eine Dummheit aber auch nur auszusetzen, d�nkt seiner mi�trauisch gewordenen Seele unertr�glich. Er hat, wie Peer Gynt, nicht den Mut durch das Anonyme _hindurch_ zu st�rmen, er ist eben �berall kein Krieger, er m�chte gern um es herum. Aber man mu� mitten in den Nebel hinein, das ist es. Und: Gott l��t sich (so wenig wie Goethe) -- Brillen gefallen. Und: ohne ein gewisses Ma� von Blindheit ward noch nie ein Seher. 1909 Damit, da� der Jude sich immer geistig �berlegen d�nkt, kommt er nie zu �berlegener Geistigkeit. * * * * * Ich glaube nicht, da� ein andrer Mensch meiner Zeit so am Juden gelitten hat wie ich, und zugleich so viel von ihm h�lt. Dies mag mir ein Recht geben, an sein Problem zu r�hren. * * * * * Oh, wenn erst die Leidenschaft f�r den Planeten als solche uns ergriffen haben wird, der gro�e amor nostro, dann wird es auch keine Kriege mehr geben, dann werden ungleich gewaltigere Unternehmungen diese armseligen Kraftproben einer noch dunklen Periode �berfl�ssig machen! Denn freilich: das bittere Zuchtmittel des Krieges durch philanthropische Mahnungen nur einfach abschaffen zu wollen, geht nicht an. Zuerst mu� der Geist der V�lker den neuen Aufgaben, den neuen, h�heren Ambitionen gewachsen sein, zuerst mu� ihn der Furor jener neuen Anstrengungen, Wagnisse und Opfer anfallen, ehe er den alten furor bellicus entlassen darf, ehe er von sich sagen darf: ich habe den Krieg wahrhaft -- �berwunden. * * * * * Napoleon war ein Naturereignis. Ihn einen gro�en Schl�chter schm�hen hei�t nichts anderes, als ein Erdbeben groben Unfug schelten oder ein Gewitter �ffentliche Ruhest�rung. * * * * * An Napoleon mu� man im Gebirge denken, den Blick auf einen Teil der Erdkarte gerichtet, ein Panorama vor sich mit Bergen, T�lern, D�rfern und St�dten. Und dann sich vorstellen, wie dieser eine kleine Korporal in die Breite solchen Lebens mit seiner einen kleinen Faust gegriffen, wie er, gleich dem Monde das Meer, all dies schwerf�llige, schwerfl�ssige Leben �berm�chtig zu sich emporzwang, so da� es auf eine Weile in ihm seinen nat�rlichen Mittel- und �bernat�rlichen H�hepunkt fand. * * * * * Ich sehe auf Reisen fast alle meine Bekannten wieder. Denn es gibt nur etwa 100 Typen in dem Milieu, in dem ich aufgewachsen, und sie sind immer und �berall. Und oftmals rede ich einen Menschen an, aber es ist nur der mir vertraute Typus, nicht das bekannte Individuum selber. * * * * * So eine Wirtin hat immer die ganze Menschenkarte vor sich, vom j�ngsten Backhuhn beiderlei Geschlechts bis zum ernsthaftesten Filet-Beefsteak. * * * * * Die 'bessere' Gesellschaft ist die eigentlich und im tiefsten Sinne unwissende und ungebildete. * * * * * Nicht da� ein F�rst in allen St�cken der Seinen Herzog sein m�chte, ist der Schade, sondern wenn er es seinem ganzen Verm�gen nach nicht sein kann, nicht _ist_. Nicht nur einmal -- zehnmal Absolutismus -- und _nicht_ Parlamentarismus, wenn ein wirklicher Herr und Herrscher in Frage kommt. * * * * * Eine Zeit des Geistes wird von selbst zur Monarchie zur�ckkehren. La�t erst einmal Einen Geist �ber die V�lker kommen, und sie werden nicht _mehr_ begehren, als sich in ihren geborenen _F�hrern_ auch sichtbarlich zu gipfeln. 1910 Der Deutsche ist imstande, um eines Hiatus willen eine Wahrheit nicht zu sagen oder sie minder schlagend zu sagen. * * * * * Wir Deutsche leiden alle an der Hypochondrie der 'Verpflichtungen'. Sie macht unsere St�rke und unsere Schw�che. * * * * * Die Zeitung ist das Hauptspielzeug des europ�ischen Negers. Um die Zeitung verkauft er dem schlauen H�ndler Ahriman mindestens das eine Horn seiner Weisheit. * * * * * Jede Zeit schweigt zun�chst das Gr��te tot, das in ihrem Scho�e ruht; geht dies nicht l�nger an, so verleumdet sie es, verzerrt es und sucht es auf alle Weise zu vernichten. * * * * * Was das Fazit der europ�ischen R�stungen sein wird? Der m�glichst vollkommene d�luge apr�s nous. 1911 Man mag in den R�stungen eins nicht �bersehen: Das Z�chtungsmoment. Ist der Mensch zur Kultur noch nicht reif, so wird er hier wenigstens noch auf eine Spanne durchs Feuer der Disziplin geschickt. Preu�ens Mission z.B. ist gewi�lich nicht nur die der Geschichtsb�cher. Wer einmal ein echter Preu�e gewesen, der -- k�nnte jemand zu sagen versucht sein -- wird so leicht nicht wieder verlottern, post mortem prussianam suam (in seinem sp�teren Erdenleben). * * * * * Wenn jemand gegen etwas vorgeht, so geht er nicht gegen das ganze Etwas vor: denn das sieht er dann gar nicht mehr. Sondern er sieht dann nur noch das 'rote Tuch' in dem Etwas. Nie wird gegen 'etwas' vorgegangen, immer nur gegen rotes Tuch. Und wenn zwei V�lker gegen einander ziehen, so st�rzt ein jedes blo� gegen rotes Tuch: denn wie k�nnte ein Volk wider ein andres Volk sein, wenn nicht die Helden vom roten Tuch w�ren, wenn nicht unaufh�rlich von h�ben und dr�ben auf rotes Tuch aufmerksam gemacht w�rde, so da� die V�lker, die armen Stiere, zuletzt wild werden und einander anrennen. 1912 Man wirft dem Schriftsteller wieder einmal vor, da� er sich zu wenig mit Politik besch�ftige. Er soll Partei nehmen; und wer da nicht 'w�hlt', wird leicht Verr�ter gescholten. Aber wie? W�hlt er wirklich nicht, ergreift er wirklich keine Partei? Bilden die Stillen im Lande keine Partei, und ist es ihre Schuld, da� die h�chsten Geister, die sie als F�hrer verehren und w�hlen, im Land- und Reichstage sich nicht einordnen lassen, weil sie im Parlament der Menschheit sitzen? * * * * * Man kann an V�lkern und Vaterl�ndern auf mancherlei Weise bauen, es gibt nicht blo� die Sch�pf- und Sch�pferkelle der Wahlurne. * * * * * An der Vergeistigung, an der Verchristlichung seines Vaterlandes arbeiten, das hei�t es lieben, das allein hei�t mehr und anderes, als seinen unaufhaltsamen -- Verfall wollen und mitbewirken. * * * * * Man dient seinem Volke auf mancherlei Weise und nicht am schlechtesten, indem man seinem politischen Leben in toto widerspricht. Das will nicht sagen, man glaubt, es k�nne anders sein, ja nicht einmal immer: es soll anders sein, als es ist. Geschichtliche Entwickelungen m�ssen ihren Gang gehen und ihre Zeit haben, und wer es da z.B. f�r sonderlich wahrscheinlich h�lt, soviel Kriegsmaterial zu Land, Luft und Wasser, wie gegenw�rtig des Losbruches harrt, k�nne dem Versucher eines Tages in den Hals zur�ckgeworfen werden, der ahnt weder, wie die Linke noch wie die Rechte Gottes arbeitet. Er wird mit seinem frommen Wunsch ebenso eine Ohnmacht sein, wie der wandellose Wunsch und Glaube des Frommen, da� die Menschheit eine Gemeinde des Christus werde, eine Macht ist, die zwar bek�mpft, aber nie gebrochen werden kann und die im himmlischen Jerusalem, wie es der Apokalyptiker nennt, das Endziel ihrer Polis wei�. Nicht also um fromme W�nsche handelt es sich, wenn einer auf seinen Wahlzettel des gro�en Meisters Namen schreibt. Sondern um Zeugnisablegung inmitten einer Welt in gewissem Sinne der Welt sich Entfremdenden, Welt-Fremder. * * * * * Eine Artisten-Elegantine und ein aristokratischer Sp�tling ereiferten sich unter anderem �ber die 'Extravaganzen' der Heilsarmee. Sie hatten noch immer nicht begriffen, da� mit Fug nur verurteilen darf, wer selbst etwas zu schaffen vermag und gewillt ist, und da� es unter Umst�nden mehr bedeuten kann, der 'dumme August' in der Manege als der Baron in der Loge zu sein. * * * * * Unsere Dienstboten sind nicht Seelen, mit denen wir uns vor�bergehend vereinigen, um es bequemer zu haben, sondern solche, denen wir, wenn irgend m�glich, noch mehr und besser dienen sollen, als sie uns. Nicht umsonst und ohne Sinn mu� die eine Seele noch �u�erlich dienen, w�hrend die andere schon mehr innerlich dienen kann und darf. Sie mu� noch grobe Arbeit verrichten und hat noch wenig Einsicht in den Sinn der Verschiedenheit aller Lebensverh�ltnisse; wir aber sind zu Feinarbeit -- auch an ihnen -- verpflichtet, wir wissen schon mehr vom Sinn des Lebens und m�ssen sie darum mit soviel Weisheit und Liebe behandeln, wie uns nur immer m�glich ist. Auf sichtbare Erfolge m�ssen wir dabei ebenso verzichten lernen, wie wir uns davor zu h�ten haben, sie unseren Erziehungswillen allzusehr merken oder gar sp�ren zu lassen. Wenn wir nur nie die Achtung vor der unsterblichen Individualit�t, die in ihnen verborgen, verlieren und nie die Liebe zu ihnen als ewigen Geschwisterwesen, wird vieles M�gliche an ihnen vermieden und getan sein. KRITIK DER ZEIT 1896 Das einzige, was uns in die Zukunft hineinhelfen mag, sind einzelne gl�ckliche Geburten; ein tragischer Trost f�r einen allgemeinen Mi�wachs. 1904 Lustspielfigur. Letzte Menschen (Erf�llung des historischen Zeitalters). Professor, der eine Geschichte des W�rtchens 'und' schreibt. Der Historiker des W�rtchens 'und'. 1905 Mu� nicht der Tod etwas sein, ohne das der Mensch nicht leben m�chte? Ohne das er es nicht aushielte zu leben? Nein, ich will nicht unwillig sterben, ich will freudig und dankbar sterben, dankbar f�r die M�glichkeit, mich denen anreihen zu d�rfen, welche als Opfer gefallen sind, um mit ihnen und f�r sie gegen die Lebendigen zu protestieren, welche die Erde zu einem schlechteren und unanst�ndigeren Aufenthalt machen als das Grab. 1906 Der Tag ist abgegriffen, la�t uns in den Morgen zur�cksteigen. * * * * * Welcher Mensch kann das Gro�e und Echte lieben, ohne das Kleine und Unechte zu hassen? Antwort: Der 'moderne' Mensch. * * * * * Das Resignieren der heutigen Menschen ist bereits eine Gewohnheit geworden wie Essen, Trinken und Schlafen; und deshalb ist es so gemein. Was f�r ein tr�ges, ungeistiges Tier ist doch noch der Mensch und wie sehr bedarf es gro�er und gr��ter Schrecken und Tr�bsale, damit er nicht immer wieder in Schlaf versinke! * * * * * Man k�nnte Kulturperioden von ungeheurer Gr��e tr�umen: Aber, so wie die Masse der Menschen bewillt und begabt ist, wird sie zur Weisheit wohl erst durch M�digkeit kommen, erst dann, wenn es sich der Weisheit nicht mehr verlohnt. Oder sollte sie jemals (wieder) einsehen, da� Gr��e nicht so nebenbei im Weiterabwickeln t�glicher Gesch�fte und Notd�rfte erreicht werden kann? Frage doch herum, wer sich heut noch f�r solche Riesenorganisationen, bei deren Herauff�hrung ganze Generationen keine Rolle spielen d�rften, erw�rmen m�chte? Der eine wird dich verst�ndnislos anblicken, der andere seine Gesch�fte, den t�glichen Zwang seines Lebens vorsch�tzen, der dritte wird gerade verliebt sein, der vierte ist K�nstler und hat keine Zeit, der sechste glaubt nicht an deinen Traum, der siebente sagt: er interessiere sich lediglich f�r sich selbst und seine eigene Vervollkommenung, in ihm k�nne Gott allein verwirklicht werden, es g�be kein Ziel f�r 'die Menschheit', nur _sein_ Ziel und darum sei er f�r keine Utopie, als welche den Menschen nur von sich und seiner innersten eigentlichsten Aufgabe, sich in sich selbst zu vollenden, weglocken k�nne. Und dieser siebente hat vielleicht Recht. Jedenfalls solange Recht, bis ihm ein h�heres Recht, das hei�t eine h�here Macht das Heft aus der Hand nimmt. N�mlich der Despot, der zugleich Genie, das Genie, das zugleich Despot ist. Der K�nig Platons. Der einzige Baumeister, den es noch geben kann. Wo ist er? Wo kann er kommen? Der letzte Ort, wo er noch m�glich gewesen w�re, war Ru�land. Aber mit der Unf�higkeit der dort Regierenden hat der Mensch eine seiner au�erordentlichsten M�glichkeiten verloren. Denn _freiwillig_ wird kein Volk mehr zur Kastenbildung zur�ckkehren; daf�r ist es das Unget�m mit Millionen K�pfen, das nur Sinn f�r sich und seine nahen Interessen, das keinen Ehrgeiz und keine Sch�pfersehnsucht hat. Das Wirtschaftliche tritt mit ihm in sein Recht. Das Ideal eines bequemen Erdenlebens anstelle jeder Ambition, etwas H�heres aus ihm zu machen, aus ihm, das als solches doch nur Stoff ist, Material, aber kein Ziel. Der Mensch sinkt damit auf die Stufe der Tierheit _zur�ck_, w�hrend er sich zum B�rger eines irdischen Himmelreichs zu _erheben_ glaubt. Das Volk will endlich nur noch sich selbst allein. Eine Herde, kein Hirt. Damit dankt der Mensch als Sch�pfer ab. Der Geist wird �ber diese endlose Horde noch ein letztes Abendrot ergie�en, dann wird auch er dumpf und verst�rt die H�hlen der Einzelseele aufsuchen und eine Gemeinde von Mystikern und Sektierern erwecken. Eine Anzahl wunderbarer Individuen werden dann vielleicht noch �ber die Erde wandeln: Die gro�en Verzichter und Durchschauer des Traumes Mensch, einsame Halbg�tter, inmitten des Fiaskos des Versuchs der Erde, im Menschen zum Kunstwerk zu werden. Ja, vielleicht werden diese Menschen, die wie riesenhafte Heilige dann das Fazit aller irdischen Historie in sich tragen, die gr��ten und ersch�tterndsten Menschen sein, die je gelebt haben. Aber kein Tempel ist um sie -- auf unendlichen Tr�mmern schlagen sie ihre Harfen der auch sie einst verschlingenden Nacht entgegen. 1907 Ich glaube, wir haben alle als Erbe unserer Zeit eine schlimme Laxheit mitbekommen. Das Verst�ndnis f�r unerbittliche Forderungen ist mehr und minder gesunken. Beweist das nicht, da� der Mensch die Vorstellung eines gerechten Gerichts nach dem Tode (vollstrecke sich das nun selbst mit Naturnotwendigkeit oder werde es vollstreckt) -- braucht? Braucht -- und sei es nur: um nicht unter seiner eigenen M�glichkeit zu bleiben? Wird man wirklich seine Pers�nlichkeit mit solcher Inbrunst ausbilden, wenn man sie nicht -- f�r eine unbekannte Zukunft ausbilden zu m�ssen meint? Was sind alle Appelle der Erde gegen jenen einen schauerlichen Appell der Ewigkeit? Also Furcht, wird mancher sagen. Nun ja, _auch_ das. Wie w�re Gro�es entstanden, ohne dies Ingrediens? Und w�re es etwas Schimpfliches, sich vor dem F�rchterlichen -- und ist das Geheimnis der Welt, des Lebens nicht f�rchterlich? -- zu f�rchten? Man f�hrt heute die 'Entstehung der Religion' (welch ein Ausdruck!) vielfach auf Furcht zur�ck. Nun, ihr armseligen Psychologen: nicht diese Furcht war das Tr�bselige, sondern euer Mangel an Furcht ist es, euer Mangel an Gef�hl, Phantasie, �berlegenheit. Jawohl, �berlegenheit. Ich kenne nichts Untergeordneteres als den Menschen, dem Wissenschaft irgend etwas _erkl�rt_. Der Wissenschaft nicht blo� als eine gewaltige und fruchtbare �bung des Menschengeistes betrachtet, nein: als etwas, das ihm wirkliche Wesensaufschl�sse �ber Welt und Leben gibt. Denn dies etwa, da� alles nach denselben gleichen Gesetzen vor sich gehe, ist doch kein Wesensaufschlu�! Oder den Bau des Menschen etwa bis auf seinen letzten Zellenbaustein beschrieben haben, ist doch noch kein Wesensaufschlu�! Das ist Handwerkerei, eine Sache mit goldenem Boden, ganz gewi�; aber _Joseph_ war Tischler, nicht Jesus. Was wei� Joseph, der Handwerker, vom Geist und Wesen der Dinge? * * * * * 'Geist' ist heute Marktware, wer redet noch davon? Ein wirklich eigener Gedanke aber ist immer noch so selten wie ein Goldst�ck im Rinnstein. 1908 Wir m�ssen aus der wissenschaftlichen Idylle endlich wieder ins Gro�e kommen. Wieder Atem holen lernen, das ist es. Das Netz, das die 'Geschichte', die 'Weltgeschichte' �ber uns geworfen, als Netz erkennen und seine Maschen so weit machen, da� wir jeden Augenblick frei sein k�nnen, den wir frei sein wollen. * * * * * Machen wir uns doch von der Tyrannei der Geschichte frei. Ich sage nicht: von der Geschichte, ich sage: von der Tyrannei der Geschichte. * * * * * Die Z�rtlichkeit, womit sich der moderne Mensch behandelt, ist erstaunlich. Was alles ist nicht 'f�r sein Innenleben wichtig'! Man liegt heute auf den Knien vor diesem seinem 'Innenleben'. Aber es ist nur eine andre Art Mops oder Affenpintscher, wof�r nun die ganze Welt als Ki�chen und Zuckerchen gerade gut genug ist. * * * * * Unsere Zeit, welche die interessanten 'Aberglauben' fr�herer Zeitalter selbstbewu�t entwertet, ist selbst nur weniger interessant, keineswegs weniger abergl�ubisch, und wird einst ungleich anderer Nachsicht der Betrachtung bed�rfen, wenn sp�tere Geschlechter eingesehen haben werden, da� dem Menschen, unbeschadet aller begreiflichen und jeweils sogar notwendigen Vordergrundsoptiken, als letzte Hintergrundstimmung doch nur Eines ziemt: Bei Gott kein Ding f�r unm�glich zu halten. 1909 Optik! Optik! Wenn ihr euren ganzen 'heutigen' Geist nur einmal von oben sehn k�nntet. Eure Wissenschaft, eure Kunst, euer t�gliches Leben! Nicht um dies alles gering sch�tzen, o nein, nichts weniger als gering, sondern um es _richtig_ sch�tzen zu lernen. Eine Menschheit, die zu sich selbst und ihrem Treiben noch keine wirkliche Distanz gewonnen hat, ist unreif, so erwachsen sie sich auch sonst geb�rden mag. * * * * * In und trotz aller Gesch�ftigkeit -- wieviel Verschlafenheit, wieviel Vertr�umtheit! Das wacht oft ein ganzes Leben lang nicht auf. R�ttelst du aber zu unsanft, so magst du leicht einen Sto� vor die Brust bekommen, wie von einem Schlaftrunkenen, den man vorzeitig st�rt. Tr�ste dich mit diesem 'vorzeitig'. Und wer nicht aufstehen will, kann es wohl auch noch nicht, _mu�_ wohl noch -- schlafen. * * * * * H�te dich, heute zu sterben! Sonst wirst du unvermeidlich Gegenstand einer -- Trauerfeier. Du bist vielleicht dein ganzes Leben dem feiernden Volke aus dem Wege gegangen; stirbst du zur Unzeit, das hei�t heute, so hilft dir kein Todesgott vor dem endlichen 'Theater �ber Dir', an dem der Philister sich s�ttigen mu�, soll er von dir �berhaupt etwas haben. 1910 Man kann nicht bescheidener sein als der 'gute Europ�er', der vor einem Universum voll Sternen, den tadellosen Zylinderhut seiner Wissenschaft in der Hand, ein Bild weltm�nnischer Reserve hochachtungsvoll und ergebenst verbleibt. * * * * * Der moderne Mensch 'l�uft' zu leicht 'hei�'. Ihm fehlt zu sehr das �l der Liebe. 1911 Man mu� die Gegenwart von ihrer Wissenschaft reden h�ren, um zu wissen, was ein Parven� ist. * * * * * Es gibt wenig Groteskeres als diese Ehe von: Ich wei�, da� ich nichts bin und Ich befinde �ber alles -- in der Riesen-Zwerg-Brust des aufgekl�rten, des 'guten' Europ�ers. 'Ein Irrtum' wird erwidert. 'Wir befinden �ber keine letzten Dinge, wir lassen sie einfach auf sich beruhen, als etwas menschlicher Erkenntnis nicht Zug�ngliches. Was ich nicht wei�, macht mich nicht hei�! -- sollte das nicht ein m�nnlicher, ja ein heldischer Wahlspruch sein? Genug, er ist unser Wahlspruch, und er deckt sich mit dem des Peer Gynt: Jeg er mig selv nok'. (Ich bin mir selbst genug.) * * * * * Es w�re au�erordentlich merkw�rdig, da� so viele selbst der Geistigsten weit unter dem Niveau leben, das der Geist auf Erden schon einmal erreicht und aufgestellt hat, -- wenn nicht jede Zeit ihre eigene Aufgabe h�tte und die heute verk�rperten Seelen eben durch die Entwickelung dazu bestimmt w�ren, sich gewissen Erkenntnissen ebenso entschieden zu verschlie�en wie andern vorbehaltlos T�r und Tor offen zu halten. * * * * * Es gibt ein Wort aus der Stimmung des Jahrhundertanfangs: 'Man darf jetzt schon wieder -- nun z.B. von -- Gott sprechen.' 'Man darf jetzt schon wieder' -- das Siegel einer 'gro�en', 'freien' Zeit. * * * * * F�r jeden Menschen, sagt Goethe, kommt der Zeitpunkt, von dem an er wieder 'ruiniert' werden mu�. So auch: f�r jede Kulturperiode. Die unsrige hat diesen Zeitpunkt bereits �berschritten. Sie kann trotz allem, was dagegen einzuwenden ist, in einem gewissen sehr hohen Sinne nicht mehr ein ausschlie�liches Interesse beanspruchen. Das Hauptaugenmerk richtet sich �ber ihren mehr oder minder gl�nzenden Abklang hinweg auf den folgenden Abschnitt, dessen Aufbau, dessen Aufgaben. Ihr bleibt noch vieles zu tun; freilich aber auch dies: sich m�glichst unmi�verst�ndlich und allseitig ad absurdum zu f�hren. ETHISCHES 1891 Die Menschenverachtung ist f�r den nachdenkenden Geist nur die erste Stufe zur Menschenliebe. 1892 Was uns allen zumeist fehlt, ist das tiefe, dauernde Bewu�tsein des wirklichen Elends auf Erden, sonst w�rden wir �ber den Gef�hlen einerseits des Mitleids, andrerseits des Dankes ganz der kleinlichen Misere des eigenen Lebens vergessen. 1896 Es ist etwas F�rchterliches um einen Menschen, der leidet, ohne Tragik empfinden zu lassen. * * * * * Es gibt stillschweigende Voraussetzungen unter Menschen von Geist: die soll man nicht aussprechen. 'Oberfl�chlich sein' (oder scheinen wollen) 'aus Tiefe', das geh�rt hierher. Eine schwere Forderung an den Radikalismus der Jugend. * * * * * Und immer wieder komme ich darauf zur�ck, da� die Bewertung der geschlechtlichen Liebe unter uns Heutigen eine krankhafte H�he erreicht hat, von der wir durchaus wieder heruntersteigen m�ssen. * * * * * Es gibt noch eine gr��ere Liebe als die nach dem Besitz des geliebten Gegenstandes sich sehnende: Die die geliebte Seele erl�sen wollende. Und diese Liebe ist so g�ttlich sch�n, da� es nichts Sch�neres auf Erden gibt. 1904 Hinter die Oberfl�che der Menschen sehen, hinter das 'Pers�nliche', das Leben selbst in ihnen lieben. * * * * * Nein, unser Bestes sind nicht unsere Werke. Das liegt oft in einem Blick von uns, in einem Gedanken, um dessentwillen wir uns selber lieben m�chten und um den doch niemand je wei� und erf�hrt, als wir selbst. * * * * * Gl�ck? Sollst du Gl�ck haben? W�nsche ich dir auch nur eine Spur von Gl�ck -- wenn sie nicht deinen Wert erh�hte? Wert w�nsche ich dir. * * * * * Zum Thema Egoismus: Wir lieben nur die Bilder von allem, als etwas in uns selbst, nie das andere selbst. * * * * * Kein Mensch kann etwas anderes bieten als sein eigenes Programm, aber er soll es wenigstens so taktvoll wie m�glich vorbringen, nicht wie ein Plebejer, der sich erst zufrieden gibt, wenn er ein paar andre niedergebr�llt hat. 1905 So spricht die edle Rasse: Ich tue dies und das, weil ich es mir schuldig bin. * * * * * Das Bild vom S�ndenfall bedeutet eigentlich nichts anderes als die -- moralisch gesehene -- Sichselbstbewu�twerdung des Tieres. Den Eintritt des 'Geistes' in die Naturgeschichte. Was wir aus der Geschichte des Geistes lernen k�nnen, das ist, meine ich, vor allem eine immer tiefere Bescheidenheit, uns zu �u�ern. * * * * * Es gibt keine Einzelschuld, es gibt nur Gesamtschuld. Wir m�ssen uns durchaus gegenw�rtig halten, da� die Bestrafung eines Verbrechers durch unsere Beh�rden nur den Schein der Gerechtigkeit f�r sich hat, nicht die Gerechtigkeit selbst; denn wie k�nnte die wahre Gerechtigkeit sich gegen einen einzelnen wenden, sie, die das ganze Gewebe des Lebens vor sich ausgebreitet s�he. * * * * * Alles mu� allem dienen. Es gibt im letzten Sinne keine Ungerechtigkeit. * * * * * Wer tief ist, mu� sich sch�men, sich so zu zeigen. * * * * * Es gibt kein widerw�rtigeres Schauspiel, als wenn aus einem Menschen ein Berufspfaffe wird. * * * * * Wer die Grausamkeit der Natur und der Menschen einmal erkannt hat, der bem�ht sich selbst in kleinen Dingen, wie dem Niedertreten des Grases, schonungsvoll zu sein. * * * * * Es ist leicht m�glich, da� die moralischen Vorstellungen allm�hlich eine nicht nur moralische, sondern direkt dynamische (magnetische) Atmosph�re �ber der Erdoberfl�che geworden sind, eine Welt, die sich in gewissem Sinne selbst regelt, selbst ihre Ausgleiche schafft, ihre eigene Gerechtigkeit hat und �bt. Daher dann jene oft beobachtete Justiz der Geschichte, jene vielen 'gerechten Vergeltungen', jene moralischen Ausbr�che und Gegenstr�me. * * * * * Es gibt keine unleidlichere Gewohnheit, als das sogenannte N�tigen bei Tische. Dieses ewige Zureden in einer h�chst untergeordneten Sache, die jeder mit sich selbst abzumachen hat, sollte unter Menschen, die auf sich halten, verp�nt sein. * * * * * Auf F�hr: Ich h�re Anreden von Fremden an Eingeborene wie die folgenden: 'Sie tragen noch die alte Tracht; bleiben Sie ja dabei; ich sehe das zu gern; lassen Sie auch Ihre Kinder in dieser Tracht gehn!' Oder: 'Nein, was ist Ihre Tochter f�r ein sch�ngewachsenes M�dchen! Sehn Sie nur, meine Herren, dieses schmale Gesicht und dabei dieses kleidsame Mieder ...' Als ob diese Halligbewohner, diese Nachk�mmlinge der alten Friesen, Schaust�cke eines Panoptikums w�ren; als ob sie nicht mit Fug herabsehen k�nnten auf diese zusammengew�rfelte Gesellschaft halbkranker Gro�- und Kleinst�dter, die mit all ihrer 'Bildung' nicht einmal wissen, wie ein Mensch einem Menschen gegen�berzutreten hat. * * * * * Meine Liebe sind allein die gro�en Unbedingten, die Gl�ck oder Tod bringen, die _sich_ vor allem bringen mit ihrem Geschmack, ihrer Wertsetzung und ihrem ethischen Pathos, die den unbeirrbaren Sinn f�r Gr��e besitzen, eine tiefe unausl�schliche Liebe zu dem, f�r welches sie geboren sind. Und mein Ha�: Die Geschmackler, die Renaissanceier, die 'T�pfegucker jeder Stimmung' -- die qualligen �stheten, die stupenden Magister .. all dieses unproduktive und anma�ende Volk, das die _Mode_ von heute ist, wo unser innerstes Leben nach _Stil_ d�rstet, nach Kultur, nach Ernst, nach Kraft, nach M�nnern, nach Willen und noch einmal nach dem ethischen Pathos eines Nietzsche, eines Dostojewski, eines Lagarde, eines Tolstoi. * * * * * Niemand ist zu gut f�r diese Welt. Menschen, von denen dies gesagt wird, sind vielmehr in irgend einem Betrachte _nicht gut genug_. * * * * * Wehe und wohl dem Menschen, der an keine Ungerechtigkeit mehr glaubt. * * * * * Die Mutter der Tiefe hei�t: Schuld. 1906 Tugend -- im gemeinen Sinne, nicht als virt� -- ist sehr oft nur ein Hindernis, tief zu werden, indem sie vor allzu gewaltsamen Leiden bewahrt, weshalb sie f�r Menschen, f�r die kein Grund vorliegt ein au�ergew�hnliches Los auf sich zu nehmen, die edelste Art bildet, mit einiger Sch�nheit durchs Leben zu kommen. * * * * * Ich meine, es m��te einmal ein sehr gro�er Schmerz �ber die Menschen kommen, wenn sie erkennen, da� sie sich nicht geliebt haben, wie sie sich h�tten lieben k�nnen. * * * * * Als Dank -- pour un sourire de printemps. Als Dank -- pour un sourire de vie. * * * * * Wer sich die Unsumme von Geduld vergegenw�rtigt, mit der die Masse der Menschen ihr t�gliches Arbeitslos tr�gt, der wird sie namenlos achten m�ssen, diese 'Menge', trotz alledem und alledem. Und wenn wir Geistigen uns nur zu oft �ber sie erheben: sie kann doch nie br�derlich genug geliebt werden. Und jedenfalls soll sie best�ndig in unseren Gedanken wohnen, auch in denen, die ihr etwa z�rnen. * * * * * Der Mensch mag tun und leiden, was es auch sei, er besitzt immer und unver�u�erlich die g�ttliche W�rde. * * * * * Man mu� Erdbeben sein und die festen St�dte der Menschen immer wieder zu Falle bringen. Man mu� ihre Mauern wandeln machen, sonst stockt das Leben in ihnen. Aber es kann auch Zeiten geben, da man Urgestein sein mu�, dahinauf sich ein namenlos ge�ngstigtes Geschlecht retten kann. Wo man um der Liebe willen, um des nackten Lebens willen die verwerfen und verleumden mu�, die den Erdboden zur schwankenden Welle machten, die den Abgrund predigten und die Schauder der Ewigkeit. Man wird aus Himmel und Sternen wieder ein Bild machen, man wird die Spinnweben alter M�rchen auf offene Wunden legen m�ssen und all das bunte Spielzeug wieder hervorholen, das die Kulturen bisher hervorbrachten. Der B�rger und nichts als B�rger ist ein trister Anblick, aber der aus jeder und gar jeder B�rgerlichkeit hinausgeschreckte Mensch, der verfluchte B�rger, der irre, friedlose, von jeder Gewi�heit enterbte, das personifizierte Grauen vor dem Unfa�baren, der aus Tiefe wahnsinnig werdende Mensch -- das w�re der Untergang selbst. 'Oberfl�chlich aus Tiefe' -- Lebenswort! Auf die Stirne von Tempeln! * * * * * Der Mensch hat die Liebe als L�sung der Menschheitsfrage einstweilen zur�ckgestellt und versucht es augenblicklich zun�chst mit der Sachlichkeit. (Vergleiche z.B. die gro�en �rzte unserer Zeit.) 1907 Enthusiasmus ist das sch�nste Wort der Erde. * * * * * Je freier ein Geist wird, desto gebundener wird er sich f�hlen und nennen. Und am Ende wird er sagen: Wer wei� sich mit hunderttausend Stricken gefesselter als ich? * * * * * Dieses Verwerfen in Bausch und Bogen, dessen wir uns so oft schuldig machen, ist schrecklich. So wenn einer von Rousseaus Bekenntnissen sagt: das verlogene Zeug. Ja ja, verlogen vielleicht hier und dort und am dritten Ort -- aber auch am vierten und f�nften? -- Und wir selbst, die wir so sprechen, sind es also an keinem? Nirgends verlogen, nirgends angreifbar, nirgends verwerflich? * * * * * Es k�nnen nur einigerma�en gleiche Naturen in ihrem ganzen Umfang einander erkl�ren und absch�tzen. Heut aber will jedermann interpretieren, wenn er nur schreiben gelernt hat. * * * * * Man soll �ber einen wahrhaft gro�en Menschen nicht reden. Denn wor�ber man bei ihm reden kann, darauf kommt es nicht an. Es kommt allein darauf an, wie er dir innerhalb und in deinen tiefsten Stunden erscheint. Von diesen unionibus mysticis aber kann man nur -- schweigen oder doch nur in Momenten gro�er innerer Kraft zeugen. * * * * * Glaube mir, es gibt nichts Gro�es ohne Einfalt. Der Mensch, das Individuum ist Gottes Einfalt, ist einf�ltig gewordene Gottheit. In der Beschr�nkung zeigt sich erst der Meister. * * * * * Lieber einem zu viel als zu wenig Ehre geben. Ehre sage ich, nicht 'Lob'. Tadeln, ja ganz ablehnen k�nnen und doch immer noch ehren, das hei�t f�hlen lassen: Mein Bruder, was ich auch sagen mu�, so wenig ich eine Blume in ihren inneren Organen verletzen m�chte, so wenig m�chte ich Dich -- verletzen! das ist es. * * * * * Man soll nie auf irgendwen hinabsehen, der auf irgendeinem Wege -- und sei es zehnmal ein wider Sitte und Gesetz versto�ender -- zur Freiheit strebt. * * * * * Wenn ich dies und das nicht tue, so tut es ein anderer -- welch grober Gedankengang! Als ob -- * * * * * O, wie erniedrigt doch die 'Konversation', wie verf�hrt sie uns fortw�hrend zu Urteilen, die wir gar nicht haben, deren wir uns gleich darauf sch�men, die nichts als h�heres Geschw�tz sind, das mit unserm wahren Wesen nur eben soviel zu tun hat, als es dessen Teil an Torheit und Schw�che aufdeckt. * * * * * Mancher sucht sein Leben lang Kameradschaft, -- aber man mu� mit diesem Bed�rfnis im Herzen nicht zu Frauen gehen. Sie wollen, eine jede, ausschlie�lich _geliebt_ sein, sie wollen aus aller Kraft die Episode der Liebe, aber ohne sie dabei als Episode aufzufassen. Sie wollen ein ganzes Leben in Beschlag nehmen, aber daf�r kein Leben der Kameradschaft, sondern ein Leben der Liebe geben. Ein Leben der Liebe aber ist ein Unding, wie ewige Musik oder ewiger Fr�hling. Die Liebe verdirbt die Seele zur Kameradschaft, sie ist kalt und hei�, eifers�chtig und unberechenbar, die Kameradschaft, die Freundschaft ist allein wahre Seelenliebe, sie ist bis zu jedem m�glichen Grade unegoistisch, sie ist der h�chste Zustand zwischen Mensch und Mensch. Die Liebe ist das Mittel zum Werden des Kindes, aber die Freundschaft ist das Mittel zum reif und s�� Werden deiner selbst. * * * * * Wann wird dies sein? Wann wird das sein? -- Wann wir es uns verdient haben werden. * * * * * Beim Menschen ist kein Ding unm�glich im Schlimmen wie im Guten. * * * * * Wer nicht auch b�se sein kann -- kann der wirklich tief sein? * * * * * Bedenke, da� der sogenannte gemeingef�hrliche Mensch nur um deines Behagens willen im Gef�ngnis sitzt, und da� auf deiner Seite viel dazu geh�rt, das Freiheitsopfer so vieler Mitmenschen sittlich aufzuwiegen. * * * * * Das ist es, was ich immer wieder gelehrt finde: die Zaghaftigkeit -- wo Gutes gewollt wird -- ist zu nichts n�tze. Umgekehrt, sie ist nur eine Quelle immer weiterer Schw�che und damit immer weiterer Mi�erfolge. * * * * * Wir haben heute Ehrfurcht vor den Bewohnern eines Wassertropfens, aber vor dem Menschen haben wir immer noch keine Ehrfurcht. * * * * * Finsternis w�rde mich in k�rzester Frist um alles Gl�ck und um allen Verstand bringen. Gebt allen Menschen vor allem Licht und vorz�glich den Ungl�cklichsten unter uns, unsern Gefangenen. 1908 Wer sich gro� verfehlt, der hat auch gro�e Quellen der Reinigung in sich. * * * * * Mut, Mut, das fehlt dem sogenannten denkenden Wesen, dem Menschen -- als denkendem Wesen -- am meisten. Und dann Phantasie. (Aber was w�re Phantasie ohne Mut?) Vielleicht ist Mangel an beiden eine der grundlegenden Lebensbedingungen, vielleicht kann der Mensch nur mit einem gewissen Quantum von Feigheit und Tr�gheit -- existieren. * * * * * Tugend -- Mangel an Gelegenheit, ein Gemeinplatz, der nur die Unseligkeit des �blichen Tugendbegriffs verr�t, als etwas durchaus Negatives. * * * * * Wem das allgemeine Wohl das h�chste Ziel auf Erden d�nkt, der tut den Menschen gar nichts so Gutes, wie er meint. Man soll nie das Wohl, man soll nur das Heil jedes Menschen im Auge haben, -- zwei Dinge, die sich oft wie Wasser und Feuer unterscheiden. * * * * * Die Geschichte ist eine Schlummerrolle, auf welcher gestickt steht: Ein Viertelst�ndchen. Aber ganze Generationen schlafen ihr ganzes Leben auf ihr. -- Was ist dem Erwachten -- Geschichte? Das, was -- andre getan haben. Worauf er denn gar nicht genug an sein eigenes Tun denken kann. 1909 Nur wer sich selbst verbrennt, wird den Menschen ewig wandernde Flamme. * * * * * O helfen, helfen k�nnen -- es gibt nichts Gr��eres f�r menschliche Art! Und nicht helfen k�nnen, nicht helfen d�rfen, es hat gewi� nicht minder bittere Tr�nen erpre�t als: wo man's vermocht und sollte, nicht geholfen haben. * * * * * Man findet deshalb so wenig Menschenliebe, weil dem �u�eren meist zu viel Wichtigkeit beigelegt wird. Aber es ist damit wie mit der Kleidung. So mannigfaltig sich der Mensch auch tragen mag, in der H�lle steckt allemal Adam und Eva, der homo sapiens-insipiens, dasselbe allerletzten Endes unablehnbare Geschwister. * * * * * Was ist der Mensch, da� er nicht alles hingeben sollte -- um des Menschen willen! In dem Ma�e, wie der Wille und die F�higkeit zur Selbstkritik steigen, hebt sich auch das Niveau der Kritik am andern. * * * * * Wer den Einzelnen als einen Wanderer betrachtet, der immer wiederkehrt, wird aufh�ren, ihm entgegenzuarbeiten. Er sieht sich Schulter an Schulter mit ihm gehn und erkennt die Sinnlosigkeit jeglicher Feindschaft zwischen ihm und sich. Mag der Andre noch sein Feind sein wollen, er selber empfindet ihn nicht mehr als Feind; f�r ihn f�llt er, wenn er sich und ihn sub specie aeterni anschaut, mit ihm selber beinahe zusammen. Mag der Andre ihn noch hassen, ja verachten, er selber wird nichts begehren, als ihm zu helfen, zu n�tzen, zu dienen. Er wei�, wie alles zusammenh�ngt. Nicht fabelt er unbestimmt von Zusammenhang, sondern der Zusammenhang liegt klar vor ihm. * * * * * Frage und Pr�fung: Was kannst du? Kannst du dich verkennen, beschimpfen, beschuldigen lassen, ohne auch nur einen Schatten von Zorn wider den Bruder zu f�hlen? Noch mehr: Kannst du Unrecht leiden ohne Groll? Man kerkert dich ein, man foltert dich, man h�ngt dich auf -- gesetzt, du fielest unter Wilde oder gerietest vor ein russisches Gericht oder unter eine aufgeregte amerikanische Volksmenge. K�nntest du dann leiden und sterben -- ohne Verw�nschung? * * * * * Wir sollten immer nur charakterisieren wollen, nie kritisieren. * * * * * Lieblose Kritik ist ein Schwert, das scheinbar den Andern, in Wirklichkeit aber den eigenen Herrn verst�mmelt. * * * * * Wer nicht zuvor sich selbst vorschreibt, wird auch den Menschen nie vorschreiben d�rfen. Man kann dem Wesen der Macht nichts abmarkten. * * * * * Bemerke, wie die Tiere das Gras abrupfen. So gro� ihre M�uler auch sein m�gen, sie tun der Pflanze selbst nie etwas zuleide, entwurzeln sie niemals. So handle auch der starke Mensch gegen alles, was Natur hei�t, sein eigenes Geschlecht voran. Er verstehe die Kunst vom Leben zu nehmen, ohne ihm zu schaden. * * * * * Wenn der moderne Gebildete die Tiere, deren er sich als Nahrung bedient, selbst t�ten m��te, w�rde die Anzahl der Pflanzenesser ins Ungemessene steigen. 1910 Man h�te sich vor Lieblingsvorstellungen, Lieblingsideen. Dergleichen lenkt einen blo� von der gro�en Liebe ab, die sich allein auf die Menschheit in ihrem Vorw�rtskommen richten soll; dergleichen sind blo� Fallgruben der Eigenbr�delei, Sackgassen der Egoit�t. Mag sich ins Kornfeld werfen, den Himmel angucken und Tr�ume spinnen, wer die Wirklichkeit noch nie geschaut hat; wem die Augen offen wurden, der wei�, da� es f�r ihn nur noch einen modus vivendi gibt, den des entschlossenen Realisten der Liebe. * * * * * Jede Krankheit hat ihren besonderen Sinn, denn jede Krankheit ist eine Reinigung; man mu� nur herausbekommen, wovon. -- Es gibt dar�ber sichere Aufschl�sse; aber die Menschen ziehen es vor, �ber hunderte und tausende fremder Angelegenheiten zu lesen und zu denken, statt �ber ihre eigenen. Sie wollen die tiefen Hieroglyphen ihrer Krankheit nicht lesen lernen und interessieren sich, gleich dem Neger, noch weit mehr f�r das Spielzeug des Lebens, als f�r seinen Ernst, als f�r ihren Ernst. -- Hierin liegt die wahre Unheilbarkeit ihrer Krankheiten, im Mangel an und im Widerwillen gegen Erkenntnis, hierin, nicht in Bakterien. * * * * * Vor einem halbbeschneiten Berge: So ist mancher von uns halb noch im Schnee der K�hle, K�lte. Dann taut die Sonne den Schnee weg; aber in diese und jene Grube vermag sie nicht vorzudringen; wei�e, unvertilgbare Flecken bleiben zur�ck: nie werden wir ganz frei von jedem Rest von Lieblosigkeit, nie _ganz_ Liebe -- solang wir noch dieser Berg sind. * * * * * Es gibt nur einen Fortschritt, n�mlich den in der Liebe; aber er f�hrt in die Seligkeit Gottes selber hinein. * * * * * Der Welt Schl�ssel hei�t Demut. Ohne ihn ist alles Klopfen, Horchen, Sp�hen umsonst. * * * * * Der Geist baut das Luftschiff, die Liebe aber macht gen Himmel fahren. * * * * * Der Nenner, auf den heut fast alles gebracht wird, ist Egoismus, noch nicht -- Liebe. * * * * * So wie der Strom in das Meer mu�, so mu� der amor in die caritas. 1911 Ganze Weltalter voll Liebe werden notwendig sein, um den Tieren ihre Dienste und Verdienste an uns zu vergelten. * * * * * A sagte zu B, der sich mit seinem pers�nlichen Schicksal herumschlug und des Jammers kein Ende fand: Wie erbarmungslos bist du! Wie erbarmungslos? gab B befremdet zur�ck und f�gte, da er A nicht durchdrang, nach einer Weile hinzu: Wenn nur du nicht erbarmungslos bist! (indem er meinte, dieser habe f�r sein Ungl�ck kein Verst�ndnis). Und _wenn_ ich es gegen dich w�re, erwiderte A, so w�re ich es gegen einen Einzigen. Du aber bist es gegen Millionen. Denn du siehst nur dein eignes Leid, nicht auch das ihre. Du w�rst aus ganzer Seele zufrieden, wenn nur du allein getr�stet w�rdest, wenn nur dir allein unter allen Millionen geholfen w�rde. Pr�fe dich selbst, ob ein solcher Sinn nicht noch strengster Zucht bedarf und ob es weit gefehlt ist, ihn selbsts�chtig, hart und erbarmungslos zu nennen. * * * * * Man mu� von aller Verliebtheit in Maja frei werden, dann erst kann die gro�e Liebe entstehen. * * * * * Der Ha� hat uns in eine solche Grobheit des Urteils und der Beurteilung hineingesteigert, da� wir nichts mehr rein zu sehen verm�gen. Wir vergessen, da� es keine Ablehnung gibt, die nicht, sei es ein Korn, sei es einen Klumpen Unrecht enthielte. Versuchen wir uns doch einmal entschieden auf die Seite des Positiven zu stellen, in jeder Sache. * * * * * Viele Menschen f�hlen sich in ihrer Ruhe und Sicherheit gest�rt und fordern laut nach strengen strafrechtlichen Ma�nahmen gegen den Verbrecher. Das ist verst�ndlich, aber es zeigt auch, woran es noch viel mehr als an gesetzgeberischen Bestimmungen fehlt: An dem Bewu�tsein, an der Ahnung wenigstens, was man selbst und was der sogenannte Verbrecher ist. Der Verbrecher und ich sind nichts wesentlich Getrenntes, wir stehen im engsten menschlichen Zusammenhang; er kann uns nichts tun, was er nicht auch sich selber t�te, und wir k�nnen ihm nichts tun, was wir nicht auch uns selber t�ten. Er ist nicht anders von uns verschieden, als unser Arm, unser Bein, unser Auge. Nun hei�t es zwar: So dich deine Hand �rgert, so haue sie ab. Aber wenn ich die Hand abhaue, so f�ge ich mir damit einen Schmerz zu, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde, und sollte ich ihn doch vergessen, so bleibt immer noch ihr Fehlen etwas, was sich nicht vergessen l��t. Anders, wenn sich eine Gesellschaft einen Verbrecher vom Leibe schafft. Dann schafft sie sich ihn eben vom Leibe und damit punktum. Es fehlt der entsprechende Schmerz auf ihrer Seite, der Stachel, den sie nicht wieder los wird. * * * * * Die Bestimmung des Menschen ist nicht nur, da� er als ruhiger B�rger seinem Tagewerk nachgehe, sie ist noch etwas dar�ber: da� er sich mehr und mehr verinnerliche, sich, und soviel an ihm liegt, seine Umwelt mehr und mehr verchristliche. Alle, die beispielsweise f�r die Todesstrafe stimmen, wollen nicht die Gewissensnot, in die sie die Schreckenstat eines Bruders bringen und die dann Frucht �ber Frucht aus ihm zeitigen m��te, sondern sie wollen ihre Ruhe, ihre Behaglichkeit, ihr ungest�rtes Weiterwirtschaftenk�nnen im einmal �berkommenen. Wie gesagt, es kann ihnen nicht verdacht werden, wenn sie einer gewissen Sicherheit genie�en wollen, aber sie m��ten daf�r, da� sie mit der einen Hand nehmen, n�mlich Freiheit oder gar Leben vom Mitmenschen, mit der andern Hand geben: n�mlich doppelte, dreifache Liebe. Sie m��ten nicht nur den andern sich, sondern sich zugleich dem andern opfern, sich, das hei�t ihren Eigennutz, ihren Hochmut, ihre Gleichg�ltigkeit, ihre Tr�gheit. Aber dem wird ausgewichen und darum ist in unseren Strafen so viel -- Rache; was man auch von Erziehungs- und Abschreckungstheorien redet. Erziehen soll man zuerst sich selbst und dann erst den, der mitten im Scho�e von uns Tugendhaften als Lasterhafter emporbl�hen konnte. Wahrlich, es kann mit der allgemeinen Tugend nicht soweit her sein, wenn der R�uber und M�rder so �ppig gedeiht, wahrlich, es ist nicht gut, wenn solch ein Unkrautboden wie unsere Gesellschaft auch noch nach Schutz und besonderer F�rsorge verlangt. Sie m�ge erst die sieben Tods�nden in sich bek�mpfen und im Verbrechertum zun�chst vor allem das vergr��erte Spiegelbild ihrer selbst sehen, den immerw�hrenden Vorwurf ihrer selbst. Sie m�ge im Verbrechertum zun�chst erst einmal ihr -- _Schuld_-Konto erblicken. Wenn sie aber meint, da�, sagen wir, der Bauer Adam in Vaduz unm�glich Schuld haben k�nne, wenn in den S�dstaaten ein Neger sich an einer Wei�en vergreift, so ist zu erwidern, da� weder der Bauer noch der Neger f�r sich nur als Bauer und Neger verbindlich sind, da� sie vielmehr vom Anfang bis zur Vollendung unserer Welt als sch�pferische Faktoren rechnen, die nach der einen Seite unendliches Schulden-Karma abzutragen, nach der andern Seite die Geisterreiche der Zukunft mit aufzurichten haben, wozu sie nicht nur als Bauer und Neger, sondern in hinreichenden menschlichen Manifestationen ab aeterno in aeternum wiederkehren. 1912 Da� G�te (z.B.) nicht Schw�che sein _k�nne_, behauptet niemand, da� sie es _sei_, nur ein Tor. * * * * * Wer 'f�r G�te Dank' erwartet, macht sich schon allein dadurch, da� er sich selbst als 'g�tig' empfindet, der feinsten Berechtigung Dank zu ernten verlustig, indem er sich im Gef�hl und Bewu�tsein seiner G�te als ein besonderer Wohlt�ter andrer vorkommt, sich also �ber sie erhebt und �berhebt. Eine solche Erwartung, so nat�rlich und allgemein sie sein mag, verdient nicht nur keinen Dank, sondern gerade das, womit ihr gew�hnlich vergolten wird: eine gewisse Gleichg�ltigkeit, ja beinahe einen gewissen (zur�ckschlagenden) Hochmut. Wer Gutes tun und dabei nicht in die Br�che geraten will, mu� es soweit bringen, da� er sich nie anders denn als einen Diener des andern empfindet, dem eine gl�cklichere F�gung gestattet -- Schuld abzutragen. Er mu�, fern davon, von dem andern Dank zu erwarten, vielmehr das Gef�hl der Dankbarkeit gegen diesen andern entwickeln, weil er ihm Gelegenheit gibt, ihm zu helfen, gleichviel, wie solche Hilfe nachtr�glich 'gelohnt' wird. Dies mag f�r uns freilich mehr oder minder immer ein Ideal bleiben; die erste Stufe ist jedenfalls, dem Satze von der Dank verdienenden G�te in uns und au�er uns zu Leibe zu gehen. * * * * * Wer wollte den Gutartigen, den Begabten, den Wunderlichen nicht lieben. Aber den B�swilligen, den Ungeistigen, den Langweiligen zu lieben gilt es. Nicht so sehr ein jovialer Wirt sein allen, die ihre Zeche mehr oder minder bezahlen, als der barmherzige Samariter derer, die nichts haben als ihr schmerzliches Schicksal. * * * * * Kann man einen Menschen deshalb aus der Atmosph�re des tiefen, ungeheuren Geheimnisses, das uns alle umf�ngt, das wir alle sind, und vor dem es keine andere Grundstimmung als die unbegrenzter Ehrfurcht gibt, herausl�sen, herausgel�st empfinden, weil er ein 'M�rder' geworden ist? * * * * * Der Selbstlose, der aus ganzer Seele den Menschen dienen will, �bersieht zu leicht, da� sein Selbst in ein niedrigeres und in ein h�heres Selbst zerf�llt, und da� er daher nicht nur selbstlos im einen Sinne, sondern in eben dem Ma�e selbstvoll im andern Sinne werden sollte. Sein Selbst verlieren, hei�t sich l�utern, seine Seele bereiten, wie einen Acker, welcher der Saat wartet. Sein Selbst gewinnen aber hei�t, Frucht tragen wollen, Saat herbeisehnen, aufnehmen, hegen, reifen. * * * * * Geistige Leidenschaft, Leidenschaft f�rs Geistige, -- pr�fen wir uns einmal, wieweit sie gemeinhin reicht. Nach allem M�glichen wird unter Umst�nden mit vier Pferden gejagt, aber wenn einer Morgen um Morgen dein Leben lang an deiner T�re vorbeigeht mit Lebensbrot, so kann er ein Leben lang ungerufen davor vorbeigehen; denn seine Bettw�rme wie sein appetitliches Fr�hst�ck oder seine Zeitung oder gar seine 'Pflicht' l��t keiner so leicht im Stich um Lebensbrotes willen. * * * * * Wir leben heute noch recht wie Kinder, noch nicht wie erwachsene bewu�te Menschen. Wir essen und trinken ruhig, w�hrend Mitmenschen neben uns verhungern und verdursten, wir gehen fr�hlich in Freiheit herum, w�hrend Mitmenschen neben uns in Kerkern verderben. Wir k�nnen uns in jeder Weise freuen, w�hrend um uns in jeder Weise gelitten wird, und wenn wir selbst leiden, so haben wir die Unbefangenheit, mit dem Schicksal darum zu hadern. O, da� unser Herz und Geist mit den Zeiten verwandelt w�rde und diese bittere H��lichkeit von uns abfiele und wir aus Kindern Erwachsene w�rden. 1913 Was ist denn alle Mutter- und Vaterschaft anders als ein -- Helfen! Als wunderreichste, geheimnisvollste Hilfe! * * * * * Alles ernsthaft Angefangene mu� die Menschheit auch entschlossen weiter treiben und weiter entwickeln. T�te sie's nicht, so w�re sie ebenso unreif und leichtfertig wie die Individualit�t, die anf�ngt und liegen l��t, statt, wenn auch vielleicht erst in vielen Lebensl�ufen, allem in sich eine Folge und Ausbildung zu geben. Einziglich schon von diesem Gesichtspunkt aus sollte man die Mystik z.B. nicht so verdrossen ablehnen, als ob es ein Verdienst w�re, ein so wundertief begonnenes Geisteswerk in die Rumpelkammer zu verweisen und nicht vielmehr sich dessen Weiterausbau anzunehmen, zum mindesten dankbar gew�rtig zu sein. LEBENSWEISHEIT 1895 Mit allem Gro�en ist es wie mit dem Sturm. Der Schwache verflucht ihn mit jedem Atemzug, der Starke stellt sich mit Lust dahin, wo's am heftigsten weht. 1896 Es ist unbeschreiblich, auf was alles die Menschen _nicht_ kommen. In den gew�hnlichsten Verh�ltnissen. 1905 Alles Festlegen verarmt. * * * * * Dem Steigenden werden G�rten der Sch�nheit W�sten der Unbedeutendheit. * * * * * Der Schmerz �ber das, was wir an der Welt verfehlen und von dem sie gemeiniglich nichts wei�, kommt ihr wieder aus der Reife unseres Charakters. * * * * * Man kann wohl sagen, da� das Geschlecht zwei Drittel aller m�glichen Geistigkeit auffri�t. * * * * * Das ist meine allerschlimmste Erfahrung: Der Schmerz macht die meisten Menschen nicht gro�, sondern klein. * * * * * Wer Dinge verspottet, an die ein guter Geschmack l�ngst nicht mehr r�hrt, wird selbst Gegenstand des Spottes, ja der Verachtung. * * * * * Wenn dich die Menschen nicht absichtlich verwunden, so tun sie's gewi� aus Ungeschicklichkeit. 1906 Das Letzte, was wir aneinander erleben, ist schlie�lich doch das Schmerzlichste. Leide an mir, so spricht selbst noch das Liebste zu uns. * * * * * Wahrheit ist eine Sache des Temperamentes, darum kann man Wahrheit nicht lehren, nur zeugen. * * * * * Alles, im Kleinen und Gro�en, beruht auf Weitersagen. 1907 Es ist merkw�rdig, da� ein mittelm��iger Mensch oft vollkommen recht haben kann, -- und doch nichts damit durchsetzt. * * * * * Mit Jedem w�chst auch sein Herold oder sein Henker. * * * * * Wenn du ein Geldst�ck von Wert bist, so briefwechsle dich nicht zu oft. * * * * * Spannung ist alles und Entladung. Und h�chste Lebensweisheit, seine Spannung immer richtig zu entladen. 1908 Wie sollte man wohl leben, wenn man nicht fortw�hrend bei sich wie bei den andern hunderterlei Krumm gerade sein lie�e. * * * * * Jede gr�ndliche Erfahrung mu� mit eignem Leben bezahlt werden -- und fremdem. * * * * * Was du andern zuf�gst, das f�gst du dir zu. * * * * * Es gibt in Wahrheit kein letztes Verst�ndnis ohne Liebe. * * * * * Das sind die zwei Blumen des Lebens: Das Schaffen und die Liebe. Und nie wird wohl jemand ergr�nden, ob Gott sich als Welt schafft um der Liebe willen, oder ob er liebt um des Schaffens willen. * * * * * Es gibt keine 'toten' Gegenst�nde. Jeder Gegenstand ist eine Lebens�u�erung, die weiter wirkt und ihre Anspr�che geltend macht wie ein gegenw�rtig Lebendiges. Und je mehr Gegenst�nde du daher besitzest, desto mehr Anspr�che hast du zu befriedigen. Nicht nur sie dienen uns, sondern auch wir m�ssen ihnen dienen. Und wir sind oft viel mehr ihre Diener, als sie die unsern. 1909 Geben und Nehmen, ein Gesetz aller Entwickelung. * * * * * Der Weise verzichtet auf alles, worauf sich irgend verzichten l��t; denn er wei�, da� jedes Ding eine Wolke von Unfrieden um sich hat. * * * * * Die H�lfte allen Ungl�cks -- vom gr�bsten bis zum feinsten -- geht auf Unwissenheit oder Denkfehler zur�ck, gewollte und ungewollte Ungeistigkeit. * * * * * Lesen-K�nnen, -- darauf l�uft schlie�lich alles hinaus. * * * * * �berall dem Selbstverst�ndlichen zum Wort verhelfen -- das ist ein gro�es Geheimnis. * * * * * Jeder mu� sich selbst austrinken wie einen Kelch. 1910 Nur durch Schaden werden wir klug -- Leitmotiv der ganzen Evolution. Erst durch unz�hlige, bis ins Unendliche wiederholte leidvolle Erfahrungen lernt sich das Individuum zum Meister �ber sein Leben empor. Alles ist Schule. * * * * * Eine Wahrheit kann erst wirken, wenn der Empf�nger f�r sie reif ist. Nicht an der Wahrheit liegt es daher, wenn die Menschen noch so voller Unweisheit sind. * * * * * Es geh�rt mit zum Seltsamsten, was es gibt: Das pure, lautere Gold liegt vor uns, um uns. Aber wir leben mit Blei, Kupfer, Zinn; von Minderem zu schweigen. Wir haben die Wahrheit wie die Sonne �ber uns und folgen Schatten und Gespenstern. * * * * * Es gibt f�r Unz�hlige nur Ein Heilmittel -- die Katastrophe. 1911 Von Hundert, die von 'Menge', von 'Herde' reden, geh�ren neunundneunzig selbst dazu. * * * * * Vorsicht und Mi�trauen sind gute Dinge, nur sind auch ihnen gegen�ber Vorsicht und Mi�trauen n�tig. Der gesch�ftige Clown im Zirkus, der den Teppich 'mit aufrollen hilft' -- ein Bild, das einem tausendfach aus dem Leben wiederkommt. 1912 Das von selbst Verst�ndliche wird gemeinhin am gr�ndlichsten vergessen und am seltensten getan. 1913 In vielen F�llen w�re der gerade Weg der k�rzeste -- zum Verderben. * * * * * Was w�re wohl aus der Welt geworden, wenn alle zum Mitschaffen Aufgerufenen immer gleich 'schnurstracks' auf ihr Ziel losgegangen w�ren. Alle Weisheit ist langsam, alles Schaffen ist umst�ndlich. * * * * * Lachen und L�cheln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in den Menschen hineinhuschen kann. 1914 Nur in Versuchungen immer wieder fallend, erheben wir uns. ERZIEHUNG SELBSTERZIEHUNG 1895 Jeder J�ngling mag von sich denken, er sei der Messias, aber er mu� nicht Messias sagen, sondern nur Messias tun. 1896 Man m��te sein Ich nicht immer mit sich identifizieren, sondern wie eine Mutter ihr Kind behandeln. * * * * * Fa� das Leben immer als Kunstwerk. * * * * * Umschnalle dein Herz mit Schweigen. 1905 Wir _brauchen_ nicht so fort zu leben, wie wir gestern gelebt haben. Macht Euch nur von dieser Anschauung los und tausend M�glichkeiten laden uns zu neuem Leben ein. * * * * * Wenn man zum Leben ja sagt und das Leben selber sagt zu einem nein, so mu� man auch zu diesem Nein ja sagen. * * * * * Man kann nur als Totschl�ger leben. * * * * * H�her als alles Vielwissen stelle ich die stete Selbstkontrolle, die absolute Skepsis gegen sich selbst. * * * * * Jeden Tag seines Lebens eine feine, kleine Bemerkung einfangen -- w�re schon genug f�r ein Leben. 1906 Nur im Flu� bleiben, nur nicht zur Spinne eines Gedankens werden. * * * * * Sei mit dir nie zufrieden, au�er etwa episodisch, so da� deine Zufriedenheit nur dazu dient, dich zu neuer Unzufriedenheit zu st�rken. * * * * * Ich schreibe der Gegenwart sch�n gebildeter Gegenst�nde einen gro�en Einflu� auf den Menschen zu. So sollten wir die M�bel unserer Kinderzimmer mit au�erordentlicher Sorgfalt ausw�hlen. Irgend ein sch�ner, schlichter, ehrw�rdiger Schrank, auf den der Blick unsres Kindes von seinem Lager aus f�llt, ja kunstvolle Modelle bedeutender Bauwerke, z.B. eine kleine Nachbildung der Peterskuppel, eines griechischen Tempels, einer modernen Eisenbr�cke w�rden ihm zweifellos eine Ahnung von gro�em Stil geben, die es sein ganzes Leben hindurch nachsp�ren und weiterentwickeln w�rde. 1907 Ich lese von einer Spielzeugausstellung in Berlin. Und zwar einer Ausstellung von Dilettanten verfertigter Dinge, als da sind D�rfer aus Streichholzschachteln, rollendes Material aus Garnspulen, ein Haus aus einer Eierkiste und Zigarrenbrettchen usw. Mir lacht das Herz. Seit manchem Jahre schm�he ich das luxuri�se moderne Spielzeug, diese echte Aus- und Nachgeburt einer materialistischen Periode, -- und nun erhebt endlich wieder das Spielzeug unserer Kindheit das bescheidene und phantasievolle K�pfchen. Man sieht den Geist wieder bei der Arbeit, nach und unter so viel �dem Bildungsphilistertum wieder den Geist und die Liebe. * * * * * Alle Erziehung, ja alle geistige Beeinflussung beruht vornehmlich auf Best�rken und Schw�chen. Man kann niemanden zu etwas bringen, der nicht schon dunkel auf dem Wege dahin ist, und niemanden von etwas abbringen, der nicht schon geneigt ist, sich ihm zu entfremden. Der bedeutende Mensch ist ein Mensch, an dem viele andre sich klar werden. Er greift in ihr Unbewu�tes und Unterbewu�tes und st�rkt dort das ihm Verwandte. Wenn Lichtenberg von seinem Aberglauben redet, so schw�cht er damit die Mannhaftigkeit vieler; denn ihre heimliche Neigung zum Unkontrollierbaren f�hlt sich durch einen solchen Mann ein wenig gerechtfertigt, die strenge Zucht scheint ein wenig im Werte sinken zu d�rfen. Wenn er aber von einem gel�uterten Spinozismus als der Religion der Zukunft spricht, wie f�llt da sein Wort bei manchem wie ein Fr�hlingsregen auf Saatfelder. Wie st�rkt er da unser Feinstes, Tiefstes, Geistigstes. * * * * * Es gibt keinen strengeren Erzieher als den Ehrgeiz. Wobei freilich au�er Betracht bleibt: wozu? * * * * * Wer m�chte die Furcht in seiner Erziehung entbehren? * * * * * Jeder mu� seinen Mann haben, der ihm �ber die Schulter sieht, und dieser wieder seinen und so fort. Das ist nur gut und billig; so allein kommt der Mensch vorw�rts. * * * * * Wir freien Geister von heute sind nicht mehr der Gefahr ausgesetzt, gekreuzigt oder verbrannt zu werden. Um so mehr will es der Anstand und die Solidarit�t, aufs neue Gefahren zu suchen und zu schaffen, und sollten es die der Selbstkreuzigung, der Selbstverbrennung sein. * * * * * �bung ist alles, und insofern ist Genie Charakter. * * * * * Sieh dir ein gut beschicktes Trabrennen an. Und du wirst merken, worauf's ankommt, auch bei dir. * * * * * Zu einem andern Ende kommen wir nicht als zu dem: im Begonnenen unerm�dlich weiter zu arbeiten, aber nicht in Verzweiflung und Selbstbet�ubung, sondern indem wir jede Sekunde dieser Arbeit immer mehr durchseelen, immer innerlicher bejahen, immer entschiedener vergeistigen. Was denn schlie�lich auch unserer H�nde Werk sich wunderlich wandeln machen wird, so da�, wenn einer etwa im Kriegshandwerk begann, er, wer wei�, als Kolonisator endet, oder als Kriegsmann irgend einer andern h�heren Kriegsidee, als es die der bisherigen Kriege war. * * * * * Wenn wir bedenken, wieviel hunderttausend Jahre wir wohl alt sein m�gen, werden wir geduldiger gegen das Tempo unserer heutigen Entwickelung werden. Die von uns heute so ungest�m begehrte edlere Zukunft unseres Geschlechtes wird sich vielleicht schon noch einmal verwirklichen, aber statt in Jahrhunderten erst in Jahrtausenden. Das ist freilich kein Trost f�r den Lebenden; aber der Lebende hat einen andern Trost: da� ihm f�r seine Person schon heute die M�glichkeit gegeben ist, sich selbst so edel zu verwirklichen, wie er nur kann. Die Insichvollendung des Menschen ist jederzeit und �berall m�glich; zuletzt bleibt doch diese Erkenntnis und was sie fruchtet, der einzige wahre Fortschritt. * * * * * A. Zuk�nftige Ideale ziehen den Menschen davon ab, sich selbst als sein einziges Ideal, im ethischen Sinne, zu setzen. In dem Moment, wo jeder bei sich anfinge, w�re die sch�nste Zukunft vorweggenommen. B. Ich will dir etwas sagen, Lieber: statt so zu theoretisieren, fange doch gleich bei dir selbst an. Auch dein Reden ist n�mlich nur ein Umgehen deiner Pflicht. Bilde, K�nstler, rede nicht. * * * * * Sich immer am Leben korrigieren. * * * * * Es ist hart, aber es gibt nur einen Weg, als K�mpfer f�r das Echte zuletzt den Erfolg an sich zu fesseln: So lange zu schweigen, Geduld zu haben, Menschen und Dinge gehen zu lassen, bis man durch die Treue gegen sich selbst und die �u�eren Umst�nde eines Tages ein Faktor geworden ist, mit dem gerechnet werden mu�. Dann endlich mag man dem Zorn und der Liebe in sich nachgeben, wann und wo es auch sei. Dann erst hat es, sie r�ckhaltlos zu �u�ern, Sinn und Wert: F�r einen selbst, f�r den Getroffenen, f�r den Verteidigten, f�r alle andern. * * * * * Man soll auch seine Liebe und Leidenschaft noch mit k�hlen Blicken unter sich sehen lernen. Man sei stolz darauf, wenn man die Welt nicht mit jener br�nstigen Liebe mancher Mystiker liebt, die nichts ist als versetzte Erotik. Man gebe dem Weibe, was des Weibes, und Gott, was Gottes ist. 1908 Von sich zur�ckzutreten wie ein Maler von seinem Bilde -- wer das verm�chte! * * * * * Jeder von uns hat etwas Unbehauenes, Unerl�stes in sich, daran unaufh�rlich zu arbeiten seine heimlichste Lebensaufgabe bleibt. * * * * * Darin kann man Tolstoi unbedingt Recht geben: Was man Taugliches wird, wird man in der Regel trotz der Schule, nicht durch die Schule. * * * * * Gute Erziehung -- ein zweischneidig Schwert. Mancher wird nie ein wirklicher Mensch, ein Mensch von _Umfang_, infolge seiner guten Erziehung. * * * * * Suche allem nach M�glichkeit eine Folge zu geben. Nichts macht das Leben �rmer als vieles anfangen und nichts vollenden. Aber ebenso gewi� ist, da� wenn auch kein Schu� ins Schwarze trifft, unz�hlige es wie ein Sternenhimmel umschreiben. 1909 Es ist der Schritt, der erobert. 'En marche' -- ist eines der sch�nsten Worte der Welt. * * * * * Siehe eine Sanduhr: Da l��t sich nichts durch R�tteln und Sch�tteln erreichen, du mu�t geduldig warten, bis der Sand, K�rnlein um K�rnlein, aus dem einen Trichter in den andern gelaufen ist. * * * * * Was habe ich immer vor mir? Meine H�nde. Darum m�chte ich eine 'Erziehung zum Nachdenken' geschrieben sehen unter Zugrundelegung der Anschauung der Menschenhand. 1910 Die beste Erziehungsmethode f�r ein Kind ist, ihm eine gute Mutter zu verschaffen. * * * * * Die kleinen Schw�chen legt man am schwersten ab, so wie man der Moskitos weit schwerer Herr wird als des Skorpions oder der Schlange. Und so ist es recht eigentlich das Kleine, was den Fortschritt der Menschheit aufh�lt: Gedankenlosigkeit, Unaufmerksamkeit, Tr�gheit, Lauheit. 1911 Man m�chte sich wie Bruder Bernardo auf irgend einem Marktplatz dem Gesp�tt der Welt aussetzen, um gleich ihm ein jegliches um Christi Liebe willen geduldig und heiter zu ertragen -- und leidet vielleicht schon darunter, wenn die Schaffnerin, die das Zimmer aufr�umt, vergi�t, guten Morgen zu w�nschen, oder wenn der T�rh�ter des Hauses schlecht geschlafen hat. * * * * * Du sollst nicht zu sein begehren, was du nicht bist, sondern nur einfach etwas von deiner Pflicht zu tun versuchen, Tag um Tag. Denn es ist viel schwerer, einen Tag in wahrhafter Aufmerksamkeit und Wachsamkeit von Anfang bis Ende zu verleben, als ein Jahr in gro�en Absichten und hochfliegenden Pl�nen. * * * * * Jedem Menschen sein Recht lassen und wenn es uns noch so sehr als Unrecht erscheint. Den Kampf gegen dies sein Unrecht deshalb nicht aufgeben, aber ihn nicht au�er sich f�hren, gegen jenen, sondern in sich, gegen sich, gegen das in sich, was, wenn auch noch so verborgen, jenem Unrecht entspricht. Oder k�nnten wir leugnen, da� wir innerlich an allem noch irgendwie teilhaben, was an B�sem au�er uns geschieht? Da� in uns von dem z.B., was Millionen in Kriegsbegeisterung versetzt und zu unverantwortlichen Handlungen verf�hrt, noch genug lebt, um unsere ganze Wachsamkeit und Tapferkeit gegen uns selbst aufzurufen, und sei es nur ein gewisses Sichfreuen bei dem 'Sieg' des schw�cheren Gegners oder eine 'gerechte Emp�rung' �ber dies und das, was das blutige Handwerk nach sich zieht? Wir m�chten allzugern wahrhaben, es sei menschlich sch�ner, mit dem Schw�cheren sich zu freuen, als die gleichm��ige Trauer �ber Siegende wie Besiegte eine Quelle neuer Gel�bnisse vermehrter Anstrengung in uns selber werden zu lassen; es sei nicht leichter, emp�rt �ber Grausamkeiten zu sein, als die Blitze der Entr�stung auf und in uns selbst abzuleiten, auf das Triebwesen, dessen feinere Wildheiten auch in uns noch nicht v�llig geb�ndigt, noch nicht genug in rein dem vergeistigten Ich dienenden Kr�ften leben. * * * * * A. Sie sollten gerade da, wo Sie besondere Antipathie empfinden, doppelt streng gegen sich selbst vorgehen, nicht aber Ihrer Antipathie nachlaufen, wie der Student seiner Flamme. B. Wie? Ich sollte mich auf meine Instinkte nicht mehr verlassen d�rfen? A. Ja und nein. Schauen Sie Ihren Instinkten zu wie Ihren Hunden, mit denen Sie �ber Land gehen. Aber behalten Sie sich stets vor, sie zur�ckzupfeifen, und pfeifen Sie gelegentlich auch einmal ohne Grund, einfach weil Sie der Herr sind und die Instinkte Ihre Diener. * * * * * 'Da� du dann niemals mehr Wein anr�hrtest!' rief ein Knabe seinem Vater zu, der mit ihm die Wendeltreppe eines Turms emporstieg. 'Welche Selbst�berwindung! Welche -- Entsagung!' Der Vater nickte l�chelnd und wies dem Sohne die Aussicht, die das eben erreichte Treppenfenster erlaubte. Nachdem sie diese eine Weile bewundernd genossen, stiegen sie weiter und gelangten zum n�chsten. Welche Entsagung! rief da der Vater verstellt. Hier haben wir nicht mehr den Blick von vorhin. Wie sch�n war es, auf all die nahen D�cher hinabzuschaun; da st�rte noch keine Landschaft wie jetzt ... '-- St�rte?' fragte der Sohn -- ... und sind wir erst droben, so werden wir auch diesem Rundbild entsagen m�ssen; denn droben, du wei�t ja, schaut man bei hellen Tagen das Meer ... Des Jungen Augen leuchteten auf und dann, der Schelmerei gewahr, ma�en sie lange und nachdenklich den Sprecher ... bis -- hoch, ein Silberstreif -- das Meer am Horizont erschien und sie mit Tr�nen f�llte. (Denn wie liebte schon dieser Knabe das Meer!) * * * * * Sich bewu�t ausweiten. Von Gegensatz zu Gegensatz gehen. Vom Ersten bis zum Letzten und umgekehrt. Keinen und nichts vergessen, �bersehen, gering achten. * * * * * Wir sind allzumal tr�ge; daraus entspringen die meisten �bel. In jedem schl�gt das Gewissen und regt sich das Wissen, wie es im Kleinen und Gro�en sein m��te und wie es nicht ist. Aber die Faulheit, die Verge�lichkeit, die Gewohnheit lassen es nicht dazu kommen, da� wir aus Gedanken zu Taten hervorschreiten. Wir kennen manches gro�e innerliche Mittel, aber man sollte auch kleinere, mehr �u�erliche schaffen. Alle, die gut sein m�chten, aber es nicht so sein k�nnen, wie sie m�chten, weil sie sich zu schwach dazu f�hlen, sollten sich zusammentun und eine Hilfsbr�derschaft �ber sich setzen, die ihr lebendiges Gewissen darstellt. Eine Gruppe, der sie selbst das Recht einr�umten, ja die Pflicht auferlegten, sie immer wieder wachzur�tteln und mit dem problematischen Willensmaterial, das in ihnen ist, zu arbeiten -- so wie ein treuer Diener, der uns zum Sonnenaufgang aus dem Bett r�ttelt, so wie ein Staat, der mit unseren Steuern 'arbeitet'. Eine Brockensammlung guter Willensregungen, sozusagen, das g�lte es f�r diese Gruppe Tag f�r Tag. Des Menschen Wesen ist Schw�che; kann er nicht allein in die H�he wachsen, so soll er sich an Stangen und Spaliere binden oder binden lassen. Ehre jedem, der statt auf dem Stroh zu verk�mmern, zur Kr�cke greift, Ehre jedem tapferen Invaliden. * * * * * Ein Hauptzug aller P�dagogik: Unbemerkt f�hren. Viele Menschen sind durchaus f�hig und gewillt, der Wahrheit zu folgen, aber sie darf ihnen nicht geradezu gesagt, vor Augen ger�ckt werden. Sie verlieren in diesem letzteren Falle jede Freude an der Wahrheit; denn ihre Eigenliebe ist noch st�rker als ihre Liebe zum Geiste, als ihr Geist, und so gef�llt ihnen nur, wer und was sie -- schont. Und dann ist da noch etwas: Sie wollen mit Recht ihren Wahrheitsbesitz erarbeiten. 1912 �be dich an dem Worte: Mit der einen Hand wird gegeben, mit der anderen genommen. Alle Erziehung verl�uft unter diesem Pendelgesetz. Alles Erzogensein besteht in der endlich errungenen inneren Ruhe dem einen wie dem andern Schicksal gegen�ber und einer Liebe und einem Vertrauen, die h�her sind als alle Vernunft zwischen Geburt und Tod. * * * * * Wer am Menschen nicht scheitern will, trage den unersch�tterlichen Entschlu� des Durch-ihn-lernen-Wollens wie einen Schild vor sich her. * * * * * Wie mancher hat es schon ausgesprochen, da� Heldentum ebenso leichter sein kann als langsame, geduldige, unauff�llige Selbsterziehung, wie eine Tat leichter sein kann als eine Handlung, ein Gef�hl leichter als ein Empfinden. * * * * * Habe die Gabe der Unbestechlichkeit. So sehr auch Liebe f�r dich Partei ergreifen mag: dein Sein gilt, nicht dein Schein. 1913 Sieh an, wie ein Zweirad in Bewegung und Fahrt gesetzt wird. Wenn du deinen Willen so in Bewegung und Fahrt zu setzen vermagst, so wirst du nach einigen Schwankungen wie ein Meister im Sattel sitzen. PSYCHOLOGISCHES 1891 Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man verstanden wird. 1892 Ich halte es nicht f�r das gr��te Gl�ck, einen Menschen ganz entr�tselt zu haben, ein gr��eres noch ist, bei dem, den wir lieben, immer neue Tiefen zu entdecken, die uns immer mehr die Unergr�ndlichkeit seiner Natur nach ihrer g�ttlichen Seite hin offenbaren. 1895 Glocken um Neujahr: wie der gewaltige Herzschlag einer starken unbesiegbaren Lebenshoffnung. * * * * * Unten am Fenster ging Meta vor�ber. Mein Herz klopfte h�rbar. Es klopfte so heftig, da� ich unwillk�rlich "Herein!" sagte. Und das Tor meiner Traumwelt tat sich ein ganz klein wenig auf und herein schl�pfte: die Liebe. 1896 Es ist eine Kunst f�r sich, einen Brief zur rechten Zeit ankommen zu lassen. Man vergi�t ihrer gew�hnlich. Und doch -- wie oft ein intimes, beschauliches Gespr�ch am Morgen keine H�rer an uns f�nde, so mutet uns ein Brief morgens und abends anders an. * * * * * Einer der seltsamsten Zust�nde ist das dunkle und unvollkommene Bewu�tsein, das wir von der Form und dem Ausdruck unsres eigenen Gesichtes haben. So wird mir oft von diesem und jenem Gesichtsausdruck erz�hlt, hinter dem sich jedoch durchaus nicht das verbirgt, was man aus ihm schlie�en zu sollen glaubt. * * * * * Es ist ein furchtbarer Gedanke: ich halte die Hand vors Auge und das ganze Zimmer liegt im Dunkel usw. * * * * * Das ist ein �u�erst merkw�rdiges Gef�hl, wenn man sich fr�hmorgens Gesicht und Kopf abreibt und sich dabei vorstellt: nun hast du deine Gedanken mit gewaschen und abgetrocknet. * * * * * An den Glockenstr�ngen der Stimmungen. 1897 Es ist sch�n, zu denken, da� so viele Menschen heilig sind in den Augen derer, die sie lieben. * * * * * Es gibt kaum eine gr��ere Entt�uschung, als wenn du mit einer recht gro�en Freude im Herzen zu gleichg�ltigen Menschen kommst. * * * * * Ein Weib ohne Bescheidenheit ist dem Manne das Greuel aller Greuel. * * * * * Da� der moderne Mensch nicht schreien soll, ist eine seiner qualvollsten und verderblichsten Forderungen an sich selbst. * * * * * Der Mann mit Luftballons: Ideale! Kauft Ideale! * * * * * Je mehr Bewegung man in seinem Geiste auffa�t, je gl�cklicher ist man. �berall die Bewegung aufzeigen, das schafft das meiste Gl�ck. 1904 Bild: Erinnerungen, in den Abgrund des Vergessens fliehend (gleitend, fliegend). Die am n�chsten schwebenden Gestalten sind schon fast in Nebel zerflossen. * * * * * Von der Prahlsucht der Kinder: Wille zur Macht �berall versteckt. * * * * * Ich definiere den Humor als die Betrachtungsweise des Endlichen vom Standpunkte des Unendlichen aus. Oder: Humor ist das Bewu�twerden des Gegensatzes zwischen Ding an sich und Erscheinung und die hieraus entspringende souver�ne Weltbetrachtung, welche die gesamte Erscheinungswelt vom Gr��ten bis zum Kleinsten mit gleichem Mitgef�hl umschlie�t, ohne ihr jedoch einen anderen als relativen Gehalt und Wert zugestehen zu k�nnen. * * * * * Tragikom�die: Ein Mensch, der seine Gr�nde, mit denen er bejaht oder verneint, nicht mehr ernst nimmt, sondern unter sie hinab in sein triebhaftes Wesen taucht. 1905 Es ist das Vorrecht junger M�dchen, von Zeit zu Zeit aufzuschreien. * * * * * Der Mann hat sein Ziel und das Weib hat seinen Sinn. * * * * * Zur Ehe: Ein Ballon captif kann den Himmel nicht erfliegen. * * * * * Es gibt Menschen, die sich immer angegriffen w�hnen, wenn jemand eine Meinung ausspricht. * * * * * �ber den Wassern deiner Seele schwebt unaufh�rlich ein dunkler Vogel: Unruhe. * * * * * Es gibt keine Seele, die nicht ihr Wattenmeer h�tte, in dem zu Zeiten der Ebbe jedermann spazierengehen kann. * * * * * Mir macht es oft M�he, deine Gedanken zu denken, aber du wirst niemals meine Empfindungen haben. * * * * * Manchmal wird mir die ganze Psychologie verd�chtig, wenn ich bemerke, da� auf eine richtige Kombination schon bei den allt�glichsten Dingen so und so viele falsche kommen. Ja, wenn ein Mensch im Prinzip so denken und empfinden m��te, wie die andern! * * * * * Das schwer �bersichtliche, das nicht recht Durchdringliche -- damit lockt uns das Leben selbst immer weiter und damit lockt auch der platteste Betr�ger noch -- und gewinnt. * * * * * Das Geheimnisvolle ist schlechtweg der sicherste Reiz an den Dingen. Zum Beispiel ein altes Haus, eine Landschaft, die mehr noch verbirgt als zeigt. Ibsen hat darum von jeher gewu�t. (Vielleicht zu sehr _gewu�t_.) Es ist eine Art D�mmerluft um die Dinge. Wie mystisch wirken z.B. nachts die H�user einer Stadt. Solch ein Haus mag noch so h��lich sein, nachts wirkt es mit dem ganzen Zauber eines unbegreiflichen Beh�ltnisses unbegreiflicher Wesen, die namenlos und unerkl�rlich geworden sind, wie es selbst. * * * * * Warum f�hlen wir uns so zum Romanischen als dem wesentlich Formalen hingezogen? Weil wir selbst vielleicht nur zu f�hig sind zu zerflie�en, uns metaphysisch zu interpretieren, uns mystisch zu entindividualisieren und zu 'verg�ttlichen' und daf�r das einzub��en, was starke V�lker und Zeitalter unter einer gro�en, starken Erdenpers�nlichkeit verstanden haben. * * * * * Der gesunde Mensch ist sch�n und sein Zustandekommen erstrebenswert. Aber es mu� ein bi�chen irgendwelcher Krankheit in ihn kommen, da� er auch geistig sch�n werde. * * * * * M�glichst viel Gl�ck sagt man. Aber wie, wenn die h�chste Gl�cksempfindung einen Menschen voraussetzte, der auch Allertiefstes _gelitten_ haben mu�? Wenn Gl�cksgef�hl �berhaupt erst m�glich w�re in einem durch Lust und Unlust gereiften Herzen? Wer m�glichst viel Gl�cksm�glichkeiten fordert, mu� auch m�glichst viel Ungl�ck fordern oder er negiert ihre Grundbedingungen. 1906 Blicke um dich ins Leben, zergliedere die Schicksale jedes einzelnen derer, die du kennst und frage dich, ob es etwas andres als eine fast unerkl�rliche Illusion ist, die alle diese Menschen das Leben als lebenswert empfinden und preisen l��t. Ob das gro�e Gl�ck eine andere Rolle spielt als die eines zeitweisen Wetterleuchtens, ob nicht vielmehr die Gewohnheit und das kleine, das ganz minimal dosierte Gl�ck es ist, was dem Menschen das wahre Gesicht seiner Tage verschleiert. * * * * * Ich frage mich oft, welches der w�nschenswertere Typus von beiden ist: der mehr geistige Mensch, f�r den es nichts Absto�enderes gibt, als das Uninteressante, oder der mehr gem�tliche, f�r den es schlechtweg nur Anziehendes und Absto�endes gibt. * * * * * Das ist das �rgste, was einem Menschen geschehen kann, aus einem Flie�enden ein Starrer (ja auch nur ein Stockender) zu werden. Das erkennt mancher und n�hrt Friedlosigkeit in sich oder unaufh�rlichen Zweifel (so tat ich es), oder er ergibt sich einem Streben nach fast Unm�glichem, Ungeheurem. Manche aber �berlassen sich ihrer nat�rlichen Liebe zu Welt und Mensch und damit geraten sie denn bald in die Str�mung unendlichen Lebens, werden hineingerissen in den ewigen Zusammenhang aller Dinge, in dem es keinen Stillstand gibt. * * * * * Es ist das Ungl�ck, da� W�rde und Feinheit von Gedanken oft von den Raumverh�ltnissen eines Zimmers, einer begl�ckenden Fensteraussicht, einem gewissen Ma� von Licht und Farbe abh�ngig sind, so da� einer, der sein Leben lang in einer Art von l�nglichen Schachteln gehaust hat und eines Tages ein edel proportioniertes Gemach betritt, sich zu glauben geneigt findet, wieviel er vielleicht allein durch den Charakter seiner Wohnr�ume geistig verloren haben k�nnte. * * * * * Das, was allem Rauchen solchen Reiz verleiht, ist, da� sich der Raucher, wo auch immer, mit einer vertrauten Atmosph�re umgeben kann, einer mehr oder minder verkl�rten Zone, innerhalb der er ein bescheidenes Gef�hl von Heimat empfinden darf mit all dem unw�gbaren sinnlichen Wohlbehagen, womit uns das oft wiederholte Gleiche beschenkt, indem es wie unser Bett, unser Sessel, unsere Lampe eine gewisse Kontinuit�t der Stimmung bef�rdert, ja wie in einem immer wieder gewobenen Schleier Gelebtes f�r uns bewahrt, Werdendes treulich hinzunimmt. * * * * * Die Wirtsstube ist die Palette, auf der sich die Farben des Individuums mischen und verm�hlen. Daher ihr gro�er Reiz f�r den Teilnehmer wie f�r den Betrachter. * * * * * Es ist ein wahres Gl�ck, da� der liebe Gott die Fliegen nicht so gro� wie die Elefanten gemacht hat, sonst w�rde uns, sie zu t�ten, viel mehr M�he machen und auch weit mehr Gewissensbisse. * * * * * Ob Geister, sofern es solche gibt, auch B�cher lesen? Ich meine, ob sie, wie sie vielleicht in unserm Zimmer mit uns wohnen, auch dann und wann, in stillen Wintern�chten etwa, wenn sie es m�de geworden sind, den massigen Menschenschl�fer zu betrachten und zu belauschen, sich in die Werke vertiefen, die auf unserm Tische liegen? Vielleicht verstehen sie das Geheimnis, sie bei geschlossenem Deckel, ohne auch nur ein einziges Blatt umzuwenden, von Anfang bis Ende zu lesen. Wie ich darauf komme? Durch einen kleinen Druckfehler, in einem Werke, in dem ich gerade studiere. Ich zaudere, ihn zu verbessern, -- es ist nichts weiter, als da� in dem Bindewort 'da�' das s nicht verdoppelt ist; aber ich tue es endlich doch: Denn, wenn es nun doch Geister g�be, -- m��ten sie nicht ungl�cklich �ber diesen Fehler werden, den sie selbst nicht verbessern k�nnen und aus dessen Stehengebliebensein sie schlie�en m�ssen, da� ihr Freund ihrer nicht gedacht hat? * * * * * Es ist bekannt, wie viele verlorene Nadeln sich t�glich auf Weg und Steg finden lassen. Im �u�ersten Gegensatz hierzu w�rde, gesetzt auch geistige Dinge k�nnten in solcher Weise verloren gehen, t�glich wohl kaum Ein Paar Scheuklappen gefunden werden. * * * * * Tiefstes Problem des modernen -- also wesentlich h��lichen, irgendwie verbogenen, schlecht weggekommenen -- Menschen: Wie kann Sch�nes aus Unsch�nem kommen? Wie Vollkommenheit aus Unvollkommenem? -- Alles ist Ausdruck. Kein Mensch kann Sch�neres, Vollkommeneres geben, als er selbst ist. Unser ganzes geistiges Leben ist kein Weg von uns anders wohin, sondern einfach wir selbst. * * * * * Es gibt nichts Degoutableres, als fortw�hrend von sich als Person zu reden (au�er zu bestimmten Zwecken), oder �ber sich reden h�ren zu m�ssen. Daher ist es so kl�glich, krank zu sein; ein Zustand, in dem dieses Reden und Beredetwerden fast unvermeidlich ist. * * * * * Wenn dich jemand 'vollkommen versteht', sei gewi�, da� dich niemand vollkommener mi�versteht. * * * * * Einander kennen lernen, hei�t lernen, wie fremd man einander ist. * * * * * Ja -- nein: geistiges Strickziehen. * * * * * Es ist gut, da� wir Spiegel haben. Da� wir f�r gew�hnlich unsere eigene Miene nicht sehen, ist eines der unheimlichsten Dinge, die es gibt. * * * * * Wir spielen unsere Gedanken gegeneinander aus, in Wirklichkeit unsere Temperamente. * * * * * Alles Sagen ist ein dem andern in sich Sagen, und der sagt's. * * * * * Wenn wir die Macht und Unbedingtheit einer Liebesleidenschaft begreifen wollen, so brauchen wir nur zu bedenken, da� sich in den beiden Menschen, die sich lieben, zugleich der dionysische Rausch zweier riesenhafter Zellenv�lker manifestiert -- so, als ob Ru�land aus lauter M�nnern und Westeuropa aus lauter Weibern best�nde und eines Tages will das zusammen in orgiastischer Hingerissenheit. * * * * * Eine wenn auch noch so leichte Sentimentalit�t geh�rt unstreitig zum Charme jeder Frau. Sie ist die Verb�rgerin jener Augenblicke, wo wir ihr ganz Schutz, ganz Ruhe, ganz Meer sein d�rfen. * * * * * Man verliebt sich oft nur in einen Zustand des andern, in seine Heiterkeit oder in seine Schwermut. Schwindet dieser Zustand dann, so ist damit auch der feine besondere Reiz jenes Menschen geschwunden. Daher die vielen Entt�uschungen. * * * * * Die meisten Menschen verdunsten einem, wie ein Wassertropfen in der flachen Hand. * * * * * Wir sind alle hart und �u�erlich zueinander, auch wenn wir noch so sehr aufeinander einzugehen trachten; aber wenn wir getrennt in unsern Zimmern liegen und nachts der Regen herniederflie�t, dann suchen wir uns im Geiste mit z�rtlicher, bereuender Teilnahme, dann dr�ngen wir uns aneinander wie unwissende und zusammenschauernde Preisgegebne auf dunklem Meer, dann liebkosen und tr�sten sich unsere Seelen, die der erk�ltende Tag wieder verstocken und verh�rten wird, dann lieben wir wirklich einander mit einer tiefen, schwerm�tigen, unbezwinglichen Liebe. * * * * * Es ist schauerlich an Toren zu r�tteln, die verschlossen sind; noch schauerlicher aber, wenn sie nur aus d�nnem Seelenstoff, ja, wenn sie nur aus den k�hlen, harten Blicken einer Seele bestehen, die dich nicht in sich eindringen lassen will. * * * * * Wir sind alle Besessene, man mu� das Wort nur w�rtlich genug verstehen. Aber zugleich k�nnen wir auch Mehrer dieses uralten Besitzstandes sein, den wir 'unsern Geist' nennen, zugleich auch Besitzergreifende. * * * * * Die Forderung m�glichster Klarheit in allen Dingen, die wir andern gegen�ber so gern geltend machen, entspringt vornehmlich dem Unbehagen, das uns alles nicht v�llig Verstandene als etwas von uns nicht v�llig Beherrschtes einfl��t. Es ist der ewige Kummer der Durchschnittsintelligenz, da� es auch au�erhalb ihres Begriffsverm�gens noch Geistigkeit gibt. * * * * * Eine schwache Pers�nlichkeit wird manchmal eine st�rkere Pers�nlichkeit werden k�nnen als eine starke Pers�nlichkeit. * * * * * Glaubt ihr, ein Asket wolle weniger herrschen als ein Weltmann? * * * * * Der Geist legt den Charakter des Menschen auseinander in seine Teile, aber diese Teile gibt es in Wirklichkeit nicht. * * * * * Die Ruhe vor dem Tode, das Entsetzen vor dem Tode -- wie erkl�rlich von der Seele, die ihre -- zum mindesten n�chste -- Zukunft voraussieht. 1907 Wie die Gefahr des Tauchers der Tintenfisch, so des Gr�blers die Melancholie. * * * * * 'Totentanz' ist gar kein Thema. Man sollte zeichnen und malen, wie das Weib den Mann in den gro�en Mischmasch hineinzieht. Unten sollte man die breite Bettelsuppe des heutigen Lebens hinmalen, und in diese Suppe hineinf�hrend eine unabsehbare Kette von Weib und Mann, immer das Weib voraus, mit tausend Geb�rden, von der unschuldigsten bis zur lasterhaftesten. Die M�nner, auf die es ankommt, wollen schaffen, sie wollen die Welt vorw�rtsbewegen; das Weib aber will vor allem wohnen. Ihm gen�gt das Gegenw�rtige vollkommen, und es glaubt sich v�llig gerechtfertigt, wenn es der Zukunft in Form von Kindern dient. Es ist die, trotz der bekannten Unbilden bequemste Art, den Fortschritt der Menschheit zu f�rdern: man stellt ein Kind, das hei�t man beschr�nkt sich darauf, die Aufgabe weiterzugeben, einen Dritten vorzuschieben. Solange die Frauen das nicht begriffen haben, n�mlich, da� es neben ihrem �blichen h�uslichen Ideal auch noch andere gr��ere Kulturideale geben k�nnte, wird die Menschheit nicht entscheidend vorw�rts r�cken. Und deshalb liebe ich die Russen und Skandinavier so sehr, denn dort findet man heute noch am ersten Frauen, die nicht nur Sinn f�r sich, sondern auch Sinn f�r den Mann haben, die ihn wirklich wie Kameraden unterst�tzen, und nicht nur als gesetzliche Konkubinen zum obersten Haussklaven machen wollen. * * * * * Den seelischen Wert einer Frau erkennst du daran, wie sie zu altern versteht und wie sie sich im Alter darstellt. * * * * * Wie macht das Gef�hl blo�en Sichnaheseins Liebende schon gl�cklich. * * * * * In der Bewunderung manch eines Menschen liegt etwas Schamloses. Sein 'Wie sch�n ist das! Wie sch�n ist das' ist nichts andres als ein 'Wie wohl f�hle ich mich, wie wohl f�hle ich mich!' Das aber brauchte er nicht fortw�hrend in die Welt hinauszuempfindeln. (Im 'nil admirari' liegt doch immerhin ein ganzes Teil Selbstzucht und Takt.) * * * * * Dunkelblau gekleidete kleine M�dchen auf gr�nen Matten -- eine beinahe tragische Wirkung. * * * * * Es ist eines der merkw�rdigsten Dinge der Welt, da� man eine Seite und mehr lesen kann und dabei an ganz etwas anderes denken. * * * * * W�re der Mensch nicht noch fast vollkommen Tier, so w�rde er in einer so �ber alles Ma� gewaltigen und ersch�tternden Welt, in verh�ltnism��ig unmittelbarer N�he eines Naturph�nomens wie unserer Sonne, -- um nur etwas herauszugreifen -- nicht so sein, wie er heut noch ist: ein kleinliches, gr�mliches, banales, kindisches, eitles, zanks�chtiges, gedankenloses, planloses, kurz, durchaus noch dumpfes und niederes Wesen. * * * * * Es ist schmerzlich, einem Menschen seine Grenze anzusehen. * * * * * Im Grunde spricht sich wohl in allen Forderungen, die der Mensch an seine Gattung stellt, nur der Wunsch des Menschen nach gr��erer und feinerer Behaglichkeit des pers�nlichen wie sozialen Lebens aus: Der Mensch will wohl endlich soweit kommen wie die Blumen und die B�ume: ruhig leben und sterben zu d�rfen. Zweifellos w�nschen sich die meisten Menschen nichts Besseres. * * * * * Wir sind geborene Polizisten. Was ist Klatsch andres als Unterhaltung von Polizisten ohne Exekutivgewalt. * * * * * Eine Hauptsache bei vielem ist, da� stets der Anschein �u�erster Wichtigkeit erweckt wird. Wenn z.B. eine Katze ihrem Verehrer fortl�uft, so mu� das aussehen, als ob sie auf der anderen Seite des Weges etwas ungemein Wichtiges zu tun h�tte, was jeden andern Gedanken ausschl�sse. Oder wenn ein sogenannter Zahlkellner gerufen wird, so mu� er immer erst wie der Mond aus dem Gew�lk treten, das hei�t erst nach l�ngerer Zeit und nur auf einen Moment, zu dem man sich begl�ckw�nschen mu�, da ihn neues Gew�lk schon wieder zu verschlingen droht. Auch in geistigen Dingen n�tzt dergleichen viel, und wer darauf verzichtet, kann sicher sein, da� ihn sobald keiner wichtig nimmt. * * * * * Ironisches Gebot: Wenn du gereizt bist, so wirf die T�r hinter dir zu, das erweckt allgemein Furcht. * * * * * Es gibts nichts Lohnenderes, als der Schwachheit des Menschen durch ein sch�nes Wort zu Hilfe zu kommen. Verordne einem 'Patienten' dreimal t�glich Manulavanz, und er wird sich �ber alle erhaben f�hlen, die sich blo� die H�nde waschen. Je interessanter du seine Gewohnheiten benennst, desto geschmeichelter und dankbarer wird er sein, und das eine W�rtchen Alkoholismus, um ein Beispiel zu nennen, hat sicherlich nicht nur Gorkis Satin, sondern unz�hlige andere Ungl�ckliche unz�hlige Male berauscht und getr�stet. �bersetze das Ungl�ck ma�voll ins Arabische, Griechische, Lateinische, und du wirst ein wahrer Wohlt�ter der Menschen werden. Du gibst ihrem Geist dadurch Anregung, du verschaffst ihnen eine kleine Distanz zu ihren Leiden oder Lastern. Wie fremdartig ist es, Angina zu haben, wie beinahe ehrenvoll, die Krisis eintreten zu f�hlen. Du kn�pfst damit das Individuum, das nichts mehr f�rchtet als das Alleinsein, das Alleingelassenwerden, an ferne fremde Zeiten und Kulturen; das alte, das neue Europa versammelt sich um sein Lager, und selbst wenn die Pest es bef�llt und f�llt, kommt sie ihm doch aus Asien: die Mutter der Menschheit selbst trifft es mit den Schatten ihrer gewaltigen Fl�gel. * * * * * Was ist das Erste, wenn Herr und Frau M�ller in den Himmel kommen? Sie bitten um Ansichtspostkarten. * * * * * Es ist etwas Herrliches, wenn in das H�ndeklatschen einer Menge jenes Elementare kommt, das ich das Mark des Beifalls nennen m�chte. * * * * * Mir sind diese Leute, die �ber alles so klug zu reden wissen, verd�chtig. Des Geistes zeugende Kraft ist nicht in ihnen. Wem die Natur etwas Eigenes zu sagen mitgab, den k�mmert es wenig, in jenem Sinne klug zu reden. Ihn erf�llt ganz der Geist seiner Aufgabe (nicht der Aufgabe anderer). * * * * * Wer sich selbst auch nur Einen geistig regen Vormittag streng beobachtet, dem mu� das scheinbare Filigran der Psychologie vorkommen, wie ein Gespinst aus Baumst�mmen. * * * * * Die Psychologie befa�t sich mit den einzelnen Wellen des Baches. Aber hat ein Bach je aus -- Wellen bestanden? * * * * * Die Psychologie antwortet, so wie der Lehrer dem Kinde, das ihn fragt: Was ist das -- ein Baum? Ein Baum, sagt er, ist eine Pflanze mit Wurzeln, einem Stamm, �sten, Bl�ttern usw. Und das Kind des 19. Jahrhunderts ist ganz gl�cklich, da� es nun 'wei�', was ein Baum ist. * * * * * Man mu� scharf zwischen dem aktiven und dem kontemplativen Menschen unterscheiden. Jedem sein Reich und seine Welt f�r sich. Und vor allem, wird der Kontemplative sagen, dem Aktiven sein Reich f�r sich. Denn wenn der Kontemplative der Duft der Lebensblume ist, so ist der Aktive, so ist 'die Welt' der einzige Weg zu diesem Duft. * * * * * Wenn ich die Augen f�nf Minuten lang geschlossen und inzwischen nicht ganz klar und zusammenh�ngend gedacht habe, so k�nnte ich mir leicht einreden, ein Jahr sei vergangen und noch viel mehr. * * * * * Es gibt nichts Sinnverwirrenderes, als eines Tages zu entdecken, da� man als der und der lebt. * * * * * Je tiefer einer wird, desto einsamer wird er; aber nicht nur das: desto mehr lassen ihn selbst seine treusten Freunde allein -- aus Zartgef�hl, Schamgef�hl, Liebe, Ehrfurcht, Verlegenheit, Hochachtung, Scheu, kurz, aus den allerbesten Gr�nden und mit dem unanfechtbarsten Takt des Herzens. * * * * * Man hat nie nur einen Grund zu einer Handlung, sondern hundert und tausend. * * * * * Heftige Bewegungen machen alle Tiere scheu. So sollte sich auch der vollkommene Weise im Geistigen j�her Bewegungen enthalten. Im Grunde ist es das Gleiche, wie du an ein Pferd herangehst und sein Zutrauen gewinnst, und wie du an einen Menschen dich wendest und ihn eroberst. * * * * * Je ernster ein Kritiker seine Kritik nimmt, desto kritischer wird er seinen Ernst nehmen. * * * * * Der Ironiker ist meist nur ein beleidigter Pathetiker. * * * * * Viele der Feinsten gehen in sich gekehrt durchs Leben, weil sie es nicht ertr�gen, von andern �berlegen betrachtet zu werden. Sie f�rchten die Verwundung ihres Stolzes, den Verlust ihres Machtgef�hls, sie ziehen es vor, in ihren vier W�nden die Ersten zu sein, statt auf dem Markte die Zweiten. Aber manch einen macht solch heimliches Schatzh�tertum auch bitter und hochfahrend. Immer lauter mu� er bei sich Stolz nennen, was im Grunde vor allem Furcht ist, um schlie�lich, statt der Verschwender, der giftige Drache seines Horts zu werden, der alle Welt ob ihrer Armut verachtet. * * * * * Vorsehung -- Ich kann mir wohl denken, da� in einem genialen Menschen auch ein geniales un- oder unterbewu�tes sich Vorsehen waltet, so wie einer im Traumwandeln dem �berall drohenden Tode instinktiv ausweicht. Napoleon im Kugelregen. * * * * * Wie nahe Furcht und Mut zusammenwohnen, das wei� vielleicht am Besten, wer sich dem Feind entgegenwirft. * * * * * Phantasie ist ein G�ttergeschenk, aber Mangel an Phantasie auch. Ich behaupte, ohne diesen Mangel w�rde die Menschheit den Mut zum Weiterexistieren l�ngst verloren haben. * * * * * Was wirkt am innerlich gl�henden Menschen _nicht_ �bertrieben? Steht er nicht ewig wie unter lauter Gro�m�ttern und Gro�v�tern? Und geht und spricht er drum nicht am liebsten zu -- Kindern? 1908 Dieser Brief w�re an _Dich_ gerichtet, von dem ich zehn Jahre nichts mehr geh�rt noch gesehen habe? O nein, wie w�re das m�glich. Er ist an das Bild gerichtet, das ich von damals und fr�her von Dir in mir trage, das ich zwar zu modifizieren versucht habe, aber mit nicht gr��erem Gl�ck als der Bildhauer, der Deinen Kopf vor 10 Jahren geformt h�tte und nun untern�hme, die 10 Jahre Ver�nderung hineinzubringen, ohne das also ver�nderte Original vor sich zu haben. Und Dein Brief, meinst Du, w�re an _mich_ gerichtet? * * * * * Es ist r�hrend, dem Erkl�ren und Beschreiben feiner Historiker und Psychologen zuzusehen: mit wie geschickten Fingern sie das Leben zergliedern, zerfasern -- und wie dennoch das Geheimnis dieses Lebens unber�hrt bleibt. * * * * * Manche Menschen machen sich vor andern so klein wie m�glich, um -- gr��er als diese zu bleiben. * * * * * Dem Worte Gr��enwahn ist noch nie das Wort Kleinheitswahn oder Niedrigkeitswahn gegen�bergepr�gt worden. Und doch ist dieses Leiden so verbreitet, da� ganze V�lker noch nicht dar�ber hinausgekommen sind, sich als blo�e Tiere zu empfinden, zu geb�rden und zu behandeln. * * * * * Mein Satz: Dummheit als absolut notwendiges Retardivum. * * * * * Ein ber�hmter Arzt ist wie eine junge Millionenerbin. Er wei� nie, wie weit man ihn als Menschen und nicht nur als Arzt liebt. * * * * * Wie wohl kann das Ger�usch einer S�ge oder einer arbeitenden Lokomotive tun, ein H�mmern, ein T�renschlagen, ja selbst ein Wagenrasseln, wenn man wund und weh daliegt und nach einfachen kr�ftigen Gr��en des Lebens hungert. * * * * * Jedes Wort ist notwendig Pol. Im Innern sind wir nur als Wortlose, sind wir nur, sobald wir blo� _sind_, unser Sein blo� _f�hlen_. Daher das tiefe Friedensgef�hl, das wir allem Vegetativen beilegen und beilegen d�rfen. * * * * * Im Schachspiel offenbart sich durchaus, ob jemand Phantasie und Initiative hat oder nicht. * * * * * Wahrlich eine verderbliche Lehre: es sei die Bestimmung des Weibes, Gattin oder Mutter zu werden. Damit wird das Weib als Mensch, als Individuum v�llig ausgeschaltet, als h�tte es an sich �berhaupt keinen Wert, keinen Sinn, keine Entwickelungsm�glichkeiten, habe �berhaupt nur in Beziehung auf Gatten und Kind Existenzberechtigung. M�chten sich doch alle dar�ber klar werden, da� wir au�er M�nnchen und Weibchen auch noch _Menschen_ sind. * * * * * Im Sohn will die Mutter Mann werden. * * * * * Das ist die Gefahr von uns K�nstlern: Wir empfinden z.B. einen aufgest�tzten, entbl��ten Frauenarm von so hinrei�ender Sch�nheit, da� wir ganz vergessen, da� er einer bestimmten Frau geh�re. Und wenn wir zu dieser Frau nun in Liebe entlodern, so ist es eigentlich die Sch�nheit des Weibes, des Menschen �berhaupt, die wir anbeten, weniger sie selbst. Und da setzt leicht die Trag�die ein. * * * * * Ein M�dchen gef�llt uns nicht so sehr etwa um ihrer Augen willen, als ihre Augen um seinetwillen, das hei�t um seiner ganzen imponderablen Pers�nlichkeit willen. 1909 Das Weib mischt uns ins Leben hinein. * * * * * Leichtsinn und Geduld, zwei weibliche Haupteigenschaften. * * * * * Nat�rlichkeit, Schwester der Freiheit (und Einfalt). * * * * * Es ist schauerlich, Klavier spielen zu h�ren, w�hrend man �ber Berge und T�ler hinwegblickt und die Erde als eine ihrer unz�hligen Schwestern mit sich im unendlichen R�ume schweben und kreisen f�hlt. * * * * * Ein gewisses Ma� von Schelten geh�rt wohl zum Leben. Schelten in seiner sublimiertesten Gestalt, als philosophischer, ja, als religi�ser Pessimismus, d�rfte ebenso nur eine Art von Ventilierung sein, wie der mehr oder minder gerechtfertigte �rger des Eintags. Alles in Allem m�chte hier ein Zuchtproblem vorliegen, das nur selten gel�st werden wird; wenn n�mlich dies ganz gro�e Zucht (also ganz gro�er Stil) ist: ein leidenschaftlich empfindsamer Geist und doch zugleich ein _Weiser_ zu sein. * * * * * Die Meisten wissen garnicht, was sie f�r ein Tempo haben k�nnten, wenn sie sich nur einmal den Schlaf aus den Augen rieben. * * * * * Manche Menschen treiben leicht ab. Unversehens sind sie anderswo, als wo man sie haben will, als wo sie sich selbst haben wollen. * * * * * Darum k�nnen Zeitungen so sehr schaden, weil sie den Geist so uns�glich dezentrieren, recht eigentlich zer--streuen. * * * * * Wer sich �berhebt, verr�t, da� er noch nicht genug nachgedacht hat. * * * * * Vielen ist Reisen ein Ersatz f�r Leben. Es gibt oft nichts Schmerzlicheres, als solches zu erkennen. * * * * * Wenn die Mehrzahl der Menschen das Kleine nicht so viel wichtiger n�hme als das Gro�e, w�rde das Gro�e nie auf seine Rechnung kommen. Wenn der Mensch sich mehr um den Himmel als um die Erde k�mmerte, w�rde nicht nur die Erde, sondern auch der Himmel verk�mmern. Der Geist ist nicht umsonst in die Materie herabgestiegen. 1910 Wie sch�n ist es, das Auge von einem sch�nen Buch, in das man versunken war, zu einer sch�nen Landschaft aufzuschlagen. Dieser kurze �bergang von chiffrierter Geisterwelt in symbolische, dieser jungfr�uliche Augenblick unbewu�ten Staunens ist einzig. * * * * * Alles was nicht leicht verstanden wird, reizt leicht. Die edelste Musik kann so z.B. ebenso wie die tiefste Philosophie Gegenstand erbitterter Gegnerschaft werden. * * * * * Solange das Tier noch gegessen wird, solange wird es seinen Esser auch besitzen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Oder glaubt man wirklich, es sei keine Beziehung zwischen der Dummheit des Kalbes, der Kuh, des Ochsen und der ihrer Verzehrer, es �bertrage der Hammel, das Schwein, der Fisch usw. nicht ganz besondere psychische Hemmungen oder Reize? * * * * * Es gibt nichts Schwereres, als einen Menschen, den man liebt, einen Weg gehen lassen zu m�ssen, der zur n�chsten Stadt f�hrt, statt auf den n�chsten Gipfel. 1912 F�r den Tr�gen gibt es nichts Aufreizenderes als die unaufh�rlich fortschreitende Zeit. Er f�hlt, wie sie �ber ihn hinweggeht und stammelt ihr in dumpfem Ingrimm seine Verw�nschungen nach. * * * * * Was gegen die h�chsten, reinsten Empfindungen ausgespielt wird, sind nichts als die gleichen Empfindungen, nur noch mehr oder minder vor ihrer Katharsis. Wie kann man den Satz nachsprechen: Gott ist die Liebe, und an anderer Stelle der Meinung sein, eine vom Tierischen ganz losgel�ste seelisch-geistige Liebe sei -- wohl vielleicht eine reinere, aber auch eine k�hlere, blassere, ohnm�chtigere Liebe! * * * * * Es gibt Seelen, zu schamhaft, Wege der tieferen Erkenntnis beschreiten zu wollen. Sollten sie als 'von Gottes Stamme' nicht noch zu wenig stolz sein und als Arbeiter an Gottes Reiche nicht noch zu wenig dem�tig? * * * * * Welcher Erfahrene kennt nicht im Geistes- und Empfindungsleben den Zustand des Federstr�ubens der V�gel. * * * * * Ich machte die Beobachtung, da� Menschen, die beim Beifallklatschen die Arme weit von sich, ja fast �ber Kopfesh�he ausstrecken, in einer zugleich wunderlichen und schmerzlichen Weise den Anblick ungeduldig Bittender, ungeduldig -- Betender gew�hren, eine Vorstellung, von der sie selbst nicht das Geringste ahnen und die doch nichts weniger als ihre ganze d�rstende Seele -- in einem doppelg�ngerischen Bilde gleichsam -- enth�llt. * * * * * Die Anzahl der geistigen Foltermittel, die wir heute noch unter- wie gegeneinander bewu�t oder unbewu�t anwenden, ist gro�. Eines davon ist das Fragen. Es gibt Menschen, die so wenig wie m�glich gefragt sein wollen; wohlverstanden: nach Unwesentlichem. Und Gegenst�cke dazu: Menschen, die fast keine andere Interpunktion kennen, als das Fragezeichen. * * * * * Wie mancher mu� sich auf Kosten seiner Vergangenheit lieben lassen. Diese Vergangenheit hat ihm vielleicht ein gutartiges Gesicht gegeben. �lter werdend aber erkennt er mehr und mehr auch das B�se in sich. Nun aber h�ngt ihm seine Miene wie ein Schild vor, das nur die eine Seite seines Wesens anzeigt. * * * * * Gewi� hat der Mann die moderne Kultur geschaffen, aber sie ist denn auch nur f�r ihn ein so ungeheurer Ruhmestitel. Er selbst w�rde vermutlich nie an dieser kompakten Errungenschaft vorbeikommen, wenn es nicht Frauen g�be, die, ohne seinen 'Geist der Schwere' himmlisch unbefangen daran vor�ber und dem entgegenschritten, was ihrer Seele -- denn f�r sie gibt es in der Tat und horribile dictu noch eine Seele -- not und wohl tut. * * * * * Wie ein Wind �ber ein �hrenfeld, so ging diese durchfahrene Viertelstunde �ber seine bewegliche Seele. 1913 Takt erfordert vor allem Phantasie. Man mu� viele M�glichkeiten der fremden Seele �berschauen, viele Empfangsm�glichkeiten und danach, was man geben kann, einrichten. * * * * * Es gibt Naturen, die f�r sich allein Stunden lang mit ihren Freunden und Bekannten reden, w�hrend ihnen in deren Gegenwart jeder Gespr�chsstoff entfallen ist. * * * * * Du wohnst in einem Hause, das viele Menschen mit dir zugleich bewohnen. Einer dieser Hausgenossen ist ein auf den Tod Kranker, von dem du wei�t, und viele der andern wissen es mit dir, da� ihm jeder L�rm, vor allem jede irgendwie laute und grelle Musik zur vollkommenen Folter und Marter wird. Da erscheint ein Mann mit einer Ziehharmonika vor dem Hause und f�ngt an seine Operetten zu spielen. Dein erster Gedanke ist: Dem Mann mu� sofort ein Geldst�ck gegeben werden, das ihn veranla�t, sein Spiel einzustellen und weiterzugehen. Aber du kannst es nicht, denn du liegst selbst zu Bett und deine Bedienung ist ausgegangen. Aber das ganze �brige Haus! Einer wird doch gleich dir auf den Gedanken kommen, wenigstens einer aus der n�chsten Umgebung des Kranken. Niemand r�hrt sich. Der Musikant spielt eine Viertelstunde lang, er �berbietet sich. Wie dieses Haus, so ist das Haus der Welt. Einer darinnen vielleicht hat jeweilig den rechten urspr�nglichen Gedanken -- den Gedanken, der sich im Grunde von selbst versteht -- aber er ist an seiner Ausf�hrung gehindert. Vielen andern geht auch noch so etwas �hnliches durch den Sinn -- aber sie lassen es beim Gedanken von vornherein bewenden. Ermi� daraus die Kraft der _Originalit�t_ des Menschen, berechne daraus die M�glichkeit, die Wahrscheinlichkeit einer wahrhaft originellen Handlung. ERKENNEN 1896 Unser Begreifen ist Schaffen; seien wir doch selig in diesem Bewu�tsein. * * * * * Der Mensch ist ein in einem Spiegelkerker Gefangener. 1905 Man sieht oft etwas hundert Mal, tausend Mal, ehe man es zum allerersten Mal wirklich sieht. * * * * * Ein jeder sollte erst seine Grenzen anzugeben suchen, soweit er sie selbst erkennen kann, um darauf umso freier und unbefangener seine Beobachtungen und Meinungen niederzulegen. * * * * * Die Menschen haben sich daran gew�hnt, von hinten nach vorn, statt von vorn nach hinten zu denken. 1906 Bedeutet es schlie�lich etwas, seine Kniee und F��e anblicken zu k�nnen? Und doch kannst du es nur solange, als du in dir lebst. * * * * * Nur der Erkennende lebt. * * * * * Ich darf wohl sagen: Ich liebe die Wissenschaft von Grund aus und hasse alle Schwarmgeisterei. Eine Wissenschaft aber, die vergi�t, da� sie eine seltene, wunderbare Blume auf dem Boden des Mysteriums ist, ja, die vergi�t, da� sie selbst Mysterium ist, sie f�llt mit der �belsten Schwarmgeisterei in eins zusammen, sie ist im Tiefsten inferior, allein schon rein intellektuell genommen. * * * * * Die Wissenschaft ist nur eine Episode der Religion. Und nicht einmal eine wesentliche. * * * * * Alles erkenntnistheoretische Denken ist ein Spielen mit dem Feuer. Wenn der Alltag nicht w�re mit seinen 24 breiten K�rperstunden, wenn wir nicht als Tiere so fest und �konomisch gebaut w�ren, so w�rde unser armes Gehirn zehnmal statt einmal verbrennen, so w�re philosophische Begabung und Anwartschaft auf Verr�cktwerden dasselbe. Und so wird dieses Spiel denn auch immer gewagt werden d�rfen. Zwar, der Einsatz ist dein Leben, aber wenn du auch die Gefahr nicht bestehst, so _brauchst_ du selbst keineswegs grunds�tzlich zu verlieren. * * * * * Der Denker, der dir kein Grauen erregt, ihn magst du zu Tisch einladen. * * * * * Jedesmal wieder, wenn man so recht in die 'Welt' hineindenkt, kommen einem alle menschlichen Gedanken dar�ber vor wie Kinderstammeln, was sage ich, wie Bewegungen von Insekten, die von der Spitze ihres Grashalms in die Luft hinaustasten. Und das gilt nicht nur von gew�hnlichen Gedanken, das gilt ebenso von den tiefsten Gedanken unserer f�higsten K�pfe. Nur da� wir durch unsere Sinne die Welt so vereinfacht -- besser vielleicht von einem Unendlichfachen auf ein F�nffaches gebracht -- haben, erm�glicht uns, in ihr mit so festen Schritten zu wandeln; nur da� wir meinen, 'die Welt' in Wahrheit vor uns zu haben, wie ein gewaltiges Gem�lde, das -- wenn auch nur im Gro�en -- so sei, wie wir es sehen, erm�glicht den ganzen Schatz menschlich-b�rgerlichen Hochgef�hls, die Freudigkeit des Tatmenschen, den tragischen Stolz des Philosophen, die k�niglichen Empfindungen des K�nstlers. Unsere Armut ist es, die uns reich macht, unsere Beschr�nktheit, der wir das Gef�hl unbeschr�nkter Entwickelungsf�higkeit verdanken. Aber umsonst. Irgend einmal und dann immer wieder wird -- wenn auch nur blitzartig -- die Armut als Armut, die Beschr�nktheit als Beschr�nktheit erkannt, die gro�artige Illusion zerrei�t und die Geschichte der Erde und seines Bewohners entpuppt sich in der Riesensaison des 'Universums' als -- b�rgerliches Schauspiel, eines unter unz�hligen, Verfasser unbekannt, Wert indifferent. * * * * * Das Urbuch der Welt wird mit sympathetischer Tinte geschrieben. * * * * * Nur im vorbereiteten Herzen kann ein neuer Gedanke Wurzel fassen und gro� werden. Sich vorbereiten, sich zubereiten, den Acker lockern f�r das beste Korn, ist alles. * * * * * Es gibt kein gr��eres Hindernis, zur Wahrheit zu gelangen, als -- schreiben zu k�nnen. Vergi� deinen Stil, vergi� allen Stil, �berla� dich ganz dem Rhythmus der inneren Stimme, �berla� alle 'Kunst' denen, die mehr K�nstler sind als Wahrheitssucher. * * * * * Der Materialismus hat uns in viele J�mmerlichkeiten gest�rzt, aus denen wir uns erst nach und nach wieder erheben werden. * * * * * Alles Denken ist Zurechtmachen. 1907 Wunder ist ein Orientierungsbegriff wie tausend andre. Wird dieser Begriff mehr und mehr aus der Welt geschafft, so hei�t das nichts weiter als: wir brauchen diesen Orientierungsbegriff nicht mehr, er ist f�r uns aufgegangen in den Begriff Entwickelung. Wunder nannte man einst alles �bernat�rliche. Da man heute �bereingekommen ist, alles �berhaupt M�gliche dem Begriffe Natur unterzuordnen, gibt es nichts �bernat�rliches, also auch kein Wunder mehr. Aber Natur ist auch nur ein heuristischer Begriff und wer sich in der Zwangsjacke eben dieser Begriffe nicht wohl f�hlt, wird ihn abermals entthronen und das alte Wort Wunder -- vielleicht auf lateinisch als 'Mysterium' -- in einem neuen gr��eren Sinne �ber ihn setzen. Worte, Worte! Wird man nie begreifen, da� Worte nur Entscheidungen sind, nicht Erkenntnisse? * * * * * Es ist eine sehr geistreiche (!) Forderung, die 'Natur' auf 'nat�rliche' Weise erkl�rt sehen zu wollen. * * * * * Wie mancher Gedanke f�llt um wie ein Leichnam, wenn er mit dem Leben konfrontiert wird. * * * * * Ich meine: Gehirn und Dinge sind in _Einem_ Zirkel beschlossen. Im Gehirn kann nicht sein, was nicht im Stoff ist. * * * * * Wenn die Gehirnorganisation all ihr Um-sich unter den Formen von Zeit und Raum begreift, so ist anzunehmen, da� der unendliche Stoff hier keine ihm nicht entsprechende Organisation wird hervorgebracht, oder: wird zugelassen haben. Ich meine, diese Organisation, die unter Raum und Zeit begreift, erstand doch selbst aus dem, was sie nun begreift, und kann darum als Funktion des zu Begreifenden nicht essentiell von diesem verschieden sein ... * * * * * A. Wenn jemand von einer Philosophie der Ameisen reden w�rde, so m�chte er wohl fr�hlichem Lachen begegnen. Aber ist die Philosophie der Menschen wirklich etwas so sehr, sehr anderes, als eine Philosophie der Ameisen w�re? Stelle dir nur an einem sch�nen Sommerabend den Erdball und das Leben auf seiner Oberfl�che vor! B. Ja ja, mein Lieber, wenn es die Menschen nur nicht zu dem einen Gedanken gebracht h�tten: alles ist mir nur insoweit bekannt, als es meine Vorstellung ist. Dieser Gedanke, der ihm alles zu nehmen scheint, gibt ihm zugleich das Recht, sich selbst dem Sternenhimmel gegen�ber zu behaupten, denn das Bewu�tsein, da� alles, was er da erkennt, nur ein Bild in ihm ist, ja, noch mehr, das dies 'er selbst' nur ein Bild -- soll er sagen sein Bild? -- ist, erlaubt ihm, deinem Ameisengleichnis den Stachel zu nehmen, so gut, wie dem Eindruck gestirnter Ewigkeit. Die Rechnung steht nun f�r ihn so: Auf der einen Seite 'alles Seiende' als Bild. Auf der andern das, welches 'all dies Seiende zusamt sich selbst' -- als Bild empfindet. -- Wir sind wieder da, wo jeder zuletzt hinkommt, und was ich beim Lesen Meister Ekkeharts einmal so formulierte: Gott ist ein Subtraktionsexempel. * * * * * Betrachte den F�hler dieses feingliedrigen K�fers. Was ist der Mensch anderes als solch ein F�hler, von unbekannter Urkraft ausgestreckt, tastend sich �ber die Dinge zu unterrichten suchend, zuletzt forschend zur�ckgekr�mmt auf sich selbst -- ? Der Mensch, ein Taster Gottes nach Sich selbst. * * * * * Alles Denken ist �bersetzen Gottes ins Rationalistische. Von Gott, dem Original, wissen wir nur durch Gott, den �bersetzer. * * * * * Man hat Hegel verspottet, weil er sagte, aus ihm rede der Weltgeist. Ach, auch aus ihnen, den Sp�ttern, redet leider nichts anderes. * * * * * Ich lese mit Ersch�tterung in Hegel, an dem ich immer vorbeigegangen war. Zwei Dinge hielten einst schon den Studenten ab, Hegeln eine unbestimmte geheime Neigung zu entziehen: Seine �berlebensgro�e B�ste, die ihm am Kastanienw�ldchen hinter der Berliner Universit�t manchen bedeutenden Augenblick schuf, und das �ber ihn umlaufende Wort: niemand habe Hegeln zuletzt mehr verstanden, nicht einmal er selbst. Ich halte den n�mlich nicht f�r den Tr�ger und Offenbarer h�chster Erkenntnisse, der diese Erkenntnisse ein f�r alle Mal 'versteht'. Das H�chste vermag der menschliche Geist auch nur in h�chsten Momenten zu leisten, und manchmal ist es nur ein Blitz, der die Tiefe der Welt sekundenlang aufrei�t. * * * * * Entweder man ist K�nstler oder Philosoph. Der Philosoph achtet die Kunst, ja liebt sie, -- aber er komplimentiert sie hinaus, wenn er mit seinem Ernst allein sein will. * * * * * Wogegen ich mich vor allem richte, das ist die B�rgerlichkeit so vieler bisheriger Philosophie. Es fehlt mir darin zu sehr an jener �berw�ltigung des menschlichen Geistes durch das, was ihn wohl �berw�ltigen darf: die nicht nur rechnerisch gebrauchten, sondern innerlich erlebten Vorstellungen von Ewigkeit und Unendlichkeit. F�r mich beginnt Philosophie hart vor dem Wahnsinn, sonst ist sie ein Handwerk wie andre auch. Und sie mu� immer wieder bis hart an den Wahnsinn f�hren, das ist beinahe eine Forderung der Sittlichkeit philosophischen Denkens, da es sonst einen Mangel an Leidenschaft zu bedenklich verr�t. Ohne Leidenschaft aber ist jede T�tigkeit gro�en Stiles, so erhaben sie sich auch geben mag, gemein. * * * * * Wie mancher Steinregen im Hochgebirge verdankt dem Klettern einer Gemse seinen Ursprung. Dies bedenke auch du, der du auf Gedankenbergen herumkletterst, und -- freue dich dessen oder mache dir Vorw�rfe dar�ber oder beides zugleich, je nachdem du geartet bist. Man mu� Pessimismus und Optimismus als 'Stimmungen' hinter sich lassen, wenn man, obzwar erkenntnislos, aber von allen Seiten umwittert, den Pfad der Wirklichkeit wandelt. * * * * * Sei nur Skeptiker, es gibt keinen besseren Weg als den fortw�hrenden Zweifelns. Denn nur, wer die Relativit�t jeder Meinung eingesehen hat, sieht zuletzt auch die Relativit�t dieser Einsicht ein -- und schwingt sich endlich vom letzten Erdenwort in -- Sich selbst zur�ck. * * * * * Wenn ich w��te, welches Wort der Erde keine Vorstellung enthielte, so w�rde ich es dazu gebrauchen, das Wort Vorstellung zu �berwinden. Aber dieses Wort Vorstellung bleibt zuletzt als einziges auf dem obersten Siebe liegen, das alle andern passiert haben. Nur glaube man nicht, damit etwas anfangen zu k�nnen. Denn wenn ich sage: Die Welt ist meine Vorstellung, so sage ich damit nichts andres als: eine Vorstellung ist meine Vorstellung. Es gibt keinen Weg hinaus, es gibt nur einen Weg hinein. * * * * * Welche Vorstellung w�re zuletzt nicht anthropomorph! Anthropomorph, sagt man, sei die Vorstellung eines pers�nlichen Gottes. Aber der Naturforscher, der sich die Welt unpers�nlich, n�mlich als Natur, als Wirklichkeit, als einen unendlichen Kn�uel von Wirkungen denkt -- hat ja auch von sich selbst kein anderes Bild; er sieht sich, interpretiert sich 'naturwissenschaftlich' als 'Natur' und projiziert sich (in seiner neuen Weltinterpretation) nur ebenso unvermeidlich ins 'Universum' hinein wie fr�her. Oder vielmehr: Universum ist bereits Selbstprojektion. Anthropomorph ist und mu� 'alles' bleiben. * * * * * Das menschliche Denken ist wie eine tr�be Fl�ssigkeit, die sich im Lauf der Jahrhunderte langsam kl�rt. Nach immer mehr Erkl�rung trachtet der Geist, aber das Ergebnis ist nur immer mehr -- Kl�rung. Und zuletzt wird das Denken sch�n geworden sein, wie klarer Honig, klares Wasser, klare Luft. * * * * * Mir f�llt in aller bisherigen Philosophie eins auf: Sie hat nie recht genug -- Phantasie, Sie zerbrach nie ihre Begriffe -- aus Phantasie. * * * * * Lichtenberg's Bemerkung, die docta ignorantia mache weniger Schande als die indocta, scheint mir das Ersch�pfendste, was �ber das Problem der Wissenschaften gesagt werden kann. Nicht nur der Weg nach der Wahrheit scheint mehr wert als die Wahrheit selbst, um Lessingsch zu reden; noch wertvoller als der Weg selbst scheint der Wille zu solch einem Wege. * * * * * Wer sich an Kant h�lt, dem mu� alle Metaphysik erscheinen wie das hartn�ckige Surren einer gro�en Fliege an einem festgeschlossenen Fenster. �berall wird das Tier einen Durchla� vermuten und nirgends gew�hrt die unerbittliche Scheibe etwas anderes als -- Durchsicht. * * * * * Gesetzt und endlich einmal festgehalten, da� alle Wissenschaft nur Beschreibung und nicht Erkl�rung sein kann, steht dem nichts im Wege, den Menschen als das bescheidenste Tier katexochen zu beschreiben. * * * * * Alles Denken ist wesentlich optimistisch. Der vollendete Pessimist w�rde verstummen und -- sterben. 1908 Alle Wissenschaft hat einen doppelten Wert. Einmal ihren Wert als Wissenschaft, den man allgemein f�r ihren eigentlichen, f�r ihren Hauptwert h�lt, und der doch nur ein Hilfswert ist; und ihren Wert als einer Art moralischer und intellektueller Gymnastik, deren �bung dem Einzelnen die M�glichkeit gew�hrt, seine Pers�nlichkeit (ganz ebenso wie es z.B. die Disziplin bei einem Streckenw�rter tut) zu kr�ftigen, zu entwickeln, zu erh�hen. Und das ist ihr Hauptwert. Und das ist der Hauptwert aller historisch gegebenen Berufe. Sie sind vor allem _Kunstgriffe_ -- um der Kultur der Pers�nlichkeit willen. Es k�nnten auch andere sein, und es werden sich auch vermutlich mit zahllosen Planeten noch zahllose andere finden. Die Gesamtheit dieser Kunstgriffe und ihrer Benutzung nennt man dann die Geschichte des Planeten. * * * * * Eines bleibt keinem Philosophen erspart: Das Offene-T�ren-Einrennen. Dreiviertel seiner Kraft geht darauf fl�ten. * * * * * Von letzten Dingen kann man nicht immer gemein-verst�ndlich reden. Genug, f�rs erste, da� man sich selber verstand. ('Ich und Mich, der Freund ist immer erst der -- Dritte.') * * * * * Ich m�chte bisweilen eine Erkenntnis in Form einer mathematischen Figur geben, z.B. die Anschauung Gottes in Form einer Kugel, aus einem Mittelpunkt strahlend. 1909 Es gibt keine Wahrheit an sich. An sich ist einer der gr��ten Materialismen der Epoche. * * * * * Man fragt sich oft: wie ist es m�glich, da� dieser gro�e Intellekt dies und jenes nicht gesehen oder seines Blicks nicht gew�rdigt haben sollte. Aber ebenso �bersehen vielleicht unsere Zeitgenossen Dinge, von denen wieder sp�tere nicht begreifen werden, da� sie f�r uns offenbar v�llig im Schatten lagen. Man darf wohl sagen, jeder Blick vorw�rts ist zugleich ein Nichtbeachten dessen, was zur Seite liegt. Der Geist gleicht einer Granate, deren Gebiet das vertikale Segment zwischen dem Punkt ihres Ausflugs und dem ihres endlichen Aufschlags ist. * * * * * Frage die Philosophie sich erst einmal: 'wo bin ich hergekommen?' * * * * * Alle Geheimnisse liegen in vollkommener Offenheit vor uns. Nur wir stufen uns gegen sie ab, vom Stein bis zum Seher. Es gibt kein Geheimnis an sich, es gibt nur Uneingeweihte aller Grade. * * * * * Ein vorl�ufiger kritischer Gedankenstrich: da� man �ber ein gewisses Ma� hinaus nicht wissen k�nne, verwandelt sich unvermerkt in das Postulat, niemand habe au�er den 'nun einmal festgestellten' Grenzen etwas zu suchen. Man f�hlt sich vor solchem Doktrinarismus an das Gebahren kleiner Kaufleute erinnert, die von einer Ware, die sie nicht f�hren, erkl�ren, es g�be diese Ware �berhaupt nicht. 1910 Du siehst in etwa 100 Meter Entfernung einen Mann Holz spalten. Das auf den Hackblock geschmetterte Scheit sinkt bereits nach links und nach rechts auseinander -- da erreicht dich erst der Schall. So m�gen wir die Welt ein halbes Leben lang betrachten, bis wir das Wort vernehmen, das zu ihr geh�rt, die Seele, die von ihr redet. * * * * * Niemand wird die Welt verstehen, der sie von heut auf morgen verstehen zu m�ssen glaubt, der sich �ber die augenblickliche Konfiguration der Erde nicht so hinwegzusetzen vermag, da� ihm heut und morgen zu Unwesentlichkeiten werden. Niemand wird die G�tter und ihre Werke verstehen, vor dem tausend Jahre nicht wie ein Tag sein k�nnen und wie eine Nachtwache. * * * * * Man mu� aufh�ren k�nnen zu fragen, im T�glichen wie im Ewigen. * * * * * Weder 'ich' bin, noch jener 'Baum' ist, sondern ein Drittes, nur _unsere Verm�hlung_, ist. 1911 �ber jedem Gedanken, jeder Vorstellung liegen hundert Gedanken und Vorstellungen, die uns das jeweils Gedachte, jeweils Vorgestellte verh�llt. * * * * * Es gibt kurz- und weitsichtige Idealisten. Jene pflegen sich mit Stolz Realisten und den anderen Teil schlechtweg Idealisten zu nennen. 1912 Die Rhetorik ist die Politik in der Philosophie. Der wirkliche Philosoph ist nicht Politiker, sondern K�nstler. Er 'redet' nicht, er bildet, baut. * * * * * Der Systematiker n�tigt mich, ihm seinen Weltbau nachzudenken. Er sagt: Baue mir meine Gedankengeb�ude nach -- und mit ihm bauend werde ich selbst zum Gedankenbaumeister. Er wendet sich an das reine Denken in mir, an den Geist. Der Nichtsystematiker wendet sich mehr an die -- Seele. Hegel. Nietzsche. * * * * * Wer bei einem Denker vor allem fragt, aus welchem pers�nlichen Grunde hat er das gesagt, -- f�gt sich selbst den gr��ten Schaden zu; denn er geht am einzig Wesentlichen in dessen S�tzen vor�ber, daran n�mlich, ob sie wahr in sich selbst sind oder doch sein k�nnen, oder nicht. Gewi� ist jede Philosophie von der Pers�nlichkeit ihres Erzeugers gef�rbt und darf dementsprechend empfunden und gew�rdigt werden; aber �ber alledem steht ihr Gehalt an Wahrheit, der nachgepr�ft und entschieden werden kann, _ohne Ansehen der Person ihres Urhebers_. * * * * * Was wird einem geistigen Wanderer nicht alles angesonnen, �ber Kopf, Hals und Schulter gesonnen! Wieviel M�he gibt man sich nicht, ihn und das Seinige abzuleiten! Als ob ein geistiger Weg nicht aus sich selbst verstanden werden k�nnte, m��te. * * * * * In aller Wahrheit steckt heute notwendigerweise bereits ein Teil Binsenwahrheit, aus dem einfachen Grunde, weil der Mensch schon lange denkt, w�hrend die Menschen erst zu denken anfangen, also das ganze Pensum des Menschen noch einmal zu rekapitulieren und, noch mehr, zu popularisieren ist. Der Mensch ist nicht so von Gott verlassen, wie die Menschen glauben, aber auch nicht immer in dem ausnehmenden Grade von Gott erf�llt, wie sie annehmen, wenn einer einmal etwas Unerwartetes sagt. * * * * * Die Mission der Wahrheit ist, den Menschen in Geist aufzul�sen, wie, materialistisch gesprochen, die Mission der Zeit, den Erdball in Luft. * * * * * Mancher wird die ihm so bequeme Joppe des Materialismus mit nichts vertauschen wollen; es geht ihm, wie er sagt, 'der Sinn f�r Feierlichkeit' ab. * * * * * Abstrakte Gedanken sind zuletzt auch nichts als -- konkrete Wesenheiten; es ist ganz umsonst, das Leben aus dem Leben heraustreiben zu wollen. * * * * * Zu Ende denken ist alles ... Da w�re das erste, diesen Satz zu Ende zu denken. Will man ihn zu Ende denken, so darf man ihn nicht 'zu Ende' denken wollen. Denn alles Ende endet alles, also auch das Denken. Alles, also auch alles Denken, endet in Gott. Gott ist, wie der Anfang, so das Ende von allem. Etwas zu Ende denken wollen hei�t also, es bis zu Gott hinaus denken wollen; Gott aber hat mit Denken nichts mehr zu schaffen. * * * * * Wie dereinst die sancta simplicitas des Glaubens, so schleppt heute die sancta simplicitas der Wissenschaft ihre Scheiter herbei, den 'Ketzer' zu verbrennen. 1913 Die Weltanschauungen mancher Menschen gleichen l�chelnden Festungen. * * * * * Wenn einer heute in zehn B�chern dargetan, da� der Mensch _nichts wissen_ k�nne �ber Gott und die Welt, dann nennt er sich, dann nennt ihn seine Mitwelt einen '_Wissenden_' und erbringt damit den Beweis, da� man zehn B�cher schreiben und zehn B�cher lesen und doch noch nicht so weit sein kann, sich folgerichtig auszudr�cken. * * * * * Wer die Welt zu sehr liebt, kommt nicht dazu, �ber sie nachzudenken; wer sie zu wenig liebt, kann nicht gr�ndlich genug �ber sie denken. * * * * * Inmitten unz�hligem Hin- und Herreden der Einzelnen w�chst still und gro� das ewige Weisheitsgut der Menschen weiter. WELTBILD: ANSTIEG _('Nihil contra Deum, nisi Deus ipse.')_ 1891 Wer Gott aufgibt, der l�scht die Sonne aus, um mit einer Laterne weiter zu wandeln. 1893 Es ist wohl gerade in unserer aufgeregten Epoche mehr denn je n�tig, den Blick aus den Tagesaff�ren emporzuheben und ihn von der Tageszeitung weg auf jene ewige Zeitung zu richten, deren Buchstaben die Sterne sind, deren Inhalt die Liebe und deren Verfasser Gott ist. 1895 Weltuntergang. Alles Leben kehrt sich um und kehrt wieder zur�ck, aufw�rts, in das Ehedem. Vergangenheit wird Zukunft. Die Knoten l�sen sich wieder. Die ganze Welt lebt sich so selbst ... * * * * * Tod einer Welt: ihre Geburt. * * * * * Nur die Formen wechseln. Der Toten Seele wird vielleicht schon wieder im Keim einer neuen vollkommeneren Form schlummern. * * * * * Es gibt keine Grenzen der Dinge. * * * * * Sich die Menschheit als die Bl�tter des Erd-Baums zu denken! * * * * * H�ngt malus b�se mit malus Apfel zusammen? Annahme eines Christen. * * * * * Der beste Beweis f�r die Gotteskindschaft Christi ist der, da� es Zeiten gab, wo jeder Teufel vor einem Kreuz die Flucht ergriff. * * * * * Wesen der antiken G�tter: Bewu�tsein des Fatums. * * * * * So gut Kirchen innerhalb unseres Gemeinwesens m�glich waren und teilweise noch sind, so gut d�rfen wir es von den Tempeln einer neuen Kultur hoffen. Weihe ist alles. Ist erst Wille zu solchen Heiligt�mern, so werden sie selbst in unsern n�chternen St�dten emporwachsen k�nnen. Der Mittelpunkt mu� freilich ein gro�es Nationalheiligtum sein, etwa in Th�ringen. * * * * * (Undatiert.) Was ist 'pers�nlicher Gott' anderes als der Riesenschatten, den wir selber auf den Vorhang der ewigen Mysterien werfen. * * * * * Sieh wie deine Studierlampe sich an die Zimmerdecke projiziert. So projizierst du dich auf die Wand des Au�er-Dir. Wie du dich dort siehst, das nennst du 'Welt', das Bewu�tsein dieses (dich) So-Sehens deine 'Weltanschauung'. * * * * * Das Ich ist die Spitze eines Kegels, dessen Boden das All ist. * * * * * Die Welt ist nur eine Form des Menschen. 1905 Wenn man den Sternenhimmel mit Ernst betrachtet, wird man gestehen m�ssen, da� Gott, der Sch�pfer, der gr��te Gedanke war, der je in ein Menschengehirn kommen konnte, wie zugleich Gott, der Sittenrichter einer der beschr�nktesten. Aber so gewi� der letzte unz�hlige Male bis zu Ende gedacht worden ist, so ungewi� ist es, ob der erste je in seiner ganzen unerh�rten M�chtigkeit Herz und Hirn eines Sterblichen ergriffen und zerst�rt hat. * * * * * Ein Mensch, dessen ganzes Leben darauf gerichtet ist, das R�tsel Christi zu l�sen. * * * * * Die Entwickelung der Fahrzeuge verfolgt langsam denselben Weg wie die religi�se Entwickelung. Der Vorspann verschwindet, die bewegende Kraft wird ins Innere selbst verlegt. * * * * * Leben ist die Suche des Nichts nach dem Etwas. * * * * * Der Mensch hat kein Vorrecht auf R�cksicht. Gro� und unbeirrt geht die Natur ihren Gang, und Legionen denkender Wesen fallen als Opfer, weil ihr Denken noch nicht Macht genug �ber ihr Leben gewonnen hat. * * * * * Wie k�nnten wir die gro�e Selbstkorrektur des Lebens anders als ahnungsvoll verfolgen? * * * * * Jeder Mensch ist ein neuer Versuch der Natur, �ber sich ins Reine zu kommen. 1906 Wie die Sprache f�r uns denkt und dichtet, so auch das Leben. Es ist interessant, zu beobachten, wie ins Rollen gekommene Verh�ltnisse sich oft genug ohne unser weiteres Zutun vollenden wollen (z.B. ein Liebesverh�ltnis, f�r dessen Entwickelung sich das Leben gewisserma�en viel mehr interessiert als die Beteiligten selbst). (Kette der 'Zuf�lle'.) * * * * * Alles Lebendige ist umflossen vom �ther der Sinnlichkeit. Oder: Die Luft der lebendigen Welt ist ein leicht entz�ndliches und jeden Augenblick an hunderttausend Punkten aufflammendes Gas: Sinnlichkeit. * * * * * Gibt es eine sch�nere Form, an einen Menschen zu denken, als ihn 'Tag um Tag in sein Gebet mit einzuschlie�en'? Und doch haben wir diese Form fallen lassen m�ssen ... * * * * * Es gibt wenig gewaltigere Dinge, als den Schlu� des Johannes-Evangeliums. Zuerst die dreimalige Frage an Simon Johanna: 'Hast du mich lieb?' Es ist, als ahnte und f�rchtete Christus das ganze Papsttum voraus, die ganze offizielle Kirche, die ihn unz�hlige Male vergessen und verraten sollte. 'Weide meine Schafe!' Eine welthistorische Szene. Und Christus verk�ndet ihm seinen Tod. 'Und da er das gesagt, spricht er zu ihm: Folge mir nach!' 'Petrus aber wandte sich um und sah den J�nger folgen, welchen Jesus lieb hatte ...' 'Da Petrus diesen sah, spricht er zu Jesu: Herr, was soll aber dieser?' 'Jesus spricht zu ihm: So ich will, da� er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach!' 'Da ging ein Reden aus unter den Br�dern: Dieser J�nger stirbt nicht. Und Jesus sprach nicht zu ihm: Er stirbt nicht, sondern: So ich will, da� er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an?' Keine Szene mehr, ein Mysterium: Dieses Vorbei Christi an dem andern, dieses allerletzte Wort -- nach dem letzten -- an den Vertrauten seiner Seele. -- 'Was geht es dich an?!' -- 'Bis ich komme. --' WELTBILD: EPISODE, TAGEBUCH EINES MYSTIKERS 1906 Ich schrieb dies auf einem Punkte, wo der Mensch mit Gott zusammenf�llt, wo er aufh�rt, sich als Sonderwesen f�hlen zu k�nnen. * * * * * Religion ist Selbsterkenntnis des menschlichen, als ebendamit g�ttlichen Geistes. Religion ist die Erkenntnis, da� alles Denken g�ttliches Denken ist, wie alle Natur g�ttliche Natur, da� jede Handlung eine Handlung Gottes, jeder Gedanke ein Gedanke Gottes ist, da� Gott nur soweit Gott ist, als er Welt ist, da� die Welt nichts anderes ist als Gott selbst, -- da� in demselben Augenblick, da ein Mensch sich seines Gott-seins bewu�t wird, Gott in ihm sich seiner selbst als Mensch bewu�t wird. * * * * * Betrachte den Sternenhimmel -- alles versinkt um dich her. Wer ist er, wer bist du. Dein Denken schweigt. Du f�hlst dich wie hinweggehoben, zerflattern ... Wer bist du, wer ist er, wenn nicht -- Es. Das unfa�bare Selbst, Gott, das Mysterium. Und dies Mysterium fragt in sich selbst: wer bin ich, wer bist du. Gott fragt sich selbst in sich selbst -- und wei� keine Antwort, erstummt in sich selbst ... * * * * * Wie kann es eine S�nde f�r mich geben, wenn ich Gott bin? Wenn ich meinen Bruder erschlage, erschlage ich mich in ihm; es gibt nichts, was ich nicht ein Recht h�tte zu tun; denn ich tue es an mir selber. Der T�ter ist zugleich der Erleider -- vielleicht ist dies ein Fenster in mich hinein, vielleicht erahnt sich durch dies Wort das Unvorstellbare, das wir sind und dem gegen�ber uns nur tiefstes Grauen und Wegsehen, praktisch aber nur dies �brig bleibt: uns als die, als die wir uns nun einmal vorgefunden haben, innerlichst zu vollenden, gleichviel, was objektiv f�r Uns, als Gott, damit gewonnen oder nicht gewonnen sein mag. * * * * * Das eine und einzige Gebot: Du darfst alles tun, was du willst, aber bedenke, da� du es dir selbst tust. Wenn du meinst, es dir selbst tun zu d�rfen, so tue selbst das �u�erste. Dies Gebot hindert kein Schaffen oder Zerst�ren. Mit diesem Gebot bist du frei zu allem und doch wird es dich weise machen. * * * * * Wie kann ich schw�ren: Ich schw�re bei dem allm�chtigen Gotte, da� ich dies nicht getan habe -- da ich doch selbst dieser allm�chtige Gott bin und -- als ein sogenannter anderer Mensch -- es sehr wohl getan habe? Aber ich werde das dem Richter nicht auseinanderzusetzen verm�gen; er wird niemals begreifen, da� er wie auch der Verbrecher Eine Person mit mir ist: und ich werde als Mensch wie ein Verr�ckter dastehen und als Gott auf mich den Richter blicken, wie jemand auf seinen Daumennagel blickt, auf den er ein Gesicht gemalt hat. Er spricht zu dem Daumen und sagt ihm, da� er mit ihm eins sei, aber der Daumen versteht kein Wort von dem, was er sagt. * * * * * Denke dir den einfachsten Menschen der Welt, mit einer oft lebhaften, leicht und nachhaltig erregbaren Phantasie und einiger dichterischer Begabung, ohne hervorragende Charaktereigenschaften, aber von dem best�ndigen Wunsch erf�llt, sich zu verinnerlichen; ein Schw�chling, ja ein w�rdeloser Mensch mitunter, ohne ausgepr�gten Sinn f�r Moral, von einer Sinnlichkeit, die sich wie eine feine W�rme �ber sein Leben verbreitet, deren eigentliche Ausbr�che indessen nicht so sehr von Belang sind, soda� man bei ihm zugleich von einer ihn h�ufig, wie die Flamme das Licht, verzehrenden Leidenschaftlichkeit und zugleich von einer sehr geringen F�higkeit zur Leidenschaft sprechen mag; dabei von einer angeborenen Heiterkeit des Geistes, einer gewissen Neigung zu Spott und Gelassenheit, vielbelesen ohne irgendwie fachlich gebildet zu sein, von schlechtem Ged�chtnis, unge�bt und tr�ge im Dialektischen, durchdringend nur in seiner Ausdauer, immer nur ein Ziel bewu�t oder unterbewu�t zu verfolgen: sich in seinem Zusammenhang mit dem Au�er-Ihm zu erkennen; -- denke dir einen solchen Menschen eines Tages das Wort verstehen: Ich und der Vater sind eins. Denke dir, wie er das Wort in sich hin und her wendet, mehr noch, es sich hin und her wenden l��t; denn er springt auf seine inneren Erlebnisse nicht zu, er l��t sie leben oder sterben je nach ihrer eigenen Kraft; wie es ihn zum endlichen Bewu�tsein seiner selbst zu bringen scheint, als w�re alles andre Blindheit, vollkommene Blindheit: sich nicht als Gott selbst -- als das Eine und Alle, als das Einzig -- Bestehende zu sehen, als w�re es geradezu eine 'Ver-r�cktheit', sich 'Gott' gegen�ber als irgend etwas anderes, Gegens�tzliches, Seitliches, Beigeordnetes oder gar Untergeordnetes zu f�hlen, ja die Frage 'Gott' �berhaupt noch irgendwie zu diskutieren, als m�sse man -- _sich sich selbst beweisen!_ 'Ihr seid alle in mir, aber in wem bin ich? -- Wer mich hat, der hat auch den Vater. --' Wie mich diese steten Wiederholungen einst �rgerten, wie einf�ltig und eigensinnig sie mir erschienen; als ob ein Kind immer dasselbe wiederholte! Bis mir eines Abends d�mmerte, aus welchem Gef�hl heraus dieses unerm�dliche Betonen geflossen sein mu� ... * * * * * Mein Tod ist meine Wahrheit, wie Dein Tod die Deinige. Wenn ich als Individuum sterbe, bejahe ich mich als Welt. Denn mein Tod als solcher ist dem Leben des Ganzen notwendig und da ich selbst der Teil wie das Ganze bin, ist mein Tod mir selber notwendig. Was aber meine Notwendigkeit ist, ist auch meine Wahrheit; denn Notwendigkeit ist h�chste Bejahung und h�chste Bejahung Wahrheit. * * * * * Ich werde erst sterben, wenn ich erf�llt haben werde, was ich erf�llt haben konnte. Gott stirbt nicht vor der Zeit. Er wacht hier auf und schl�ft dort ein, wie es gut ist. Was str�ubst du dich gegen das, was du dein Schicksal nennst? Siehe dir selbst ins Antlitz: Dein Schicksal ist, da� du Gott bist. Ich sage: Gott! Aber wo uns die Wirklichkeit dieses Wortes fa�te, da w�re unser Herz und Hirn auch schon dahin, wie ein Bologneser Glas, das, getroffen, zu Staub zerspringt. Gott schauen ist Tod, das wu�ten alle V�lker. Gott erraten ist Leben. * * * * * Jahrhunderte stritten �ber das Wort Dreieinigkeit Und doch enth�lt es die Welt, f�r ein Kind gedeutet. Der Vater, das ist das Leben, das alles ist und das der einzelne Mensch nie aus seinem Gehirn heraus fassen oder gar erkl�ren kann. Der Sohn, das ist dies selbe g�ttliche Leben als sich erahnendes Wesen, als Mensch, als der Mensch Christus im Besonderen. Der heilige Geist, das ist das langsame Weiterg�ren dieser Erkenntnis auf Erden: da� alles 'Gott' ist. -- * * * * * Tief unten schlachten sich noch die V�lker, es raucht das Blut und in Selbstzerfleischung f�llt noch -- Blindes sich selber an. Warum tue -- Ich das. Ich wei� es nicht. Die Menschheit ist noch ein Kentaur, der heilige Geist hat das Tier erst zur H�lfte verwandelt. * * * * * 'Gott ist nur der Lebensfunke.' Sch�n. Dieser Funke aber bildet Sterne und Gehirne. Ja, er legt mir selbst das Wort Gott �ber sich in den Mund. Und so brauch ich's denn. * * * * * Was es gilt, ist die Austreibung Gottes aus allem Jenseits in das Diesseits. Gott ist nicht irgendwo, er ist auch nicht hier oder dort, sondern er ist dies und das, und drittes und legionstes. * * * * * Ich habe den verwandelnden Blick. * * * * * Vor einer Anzahl von Leuten der 'guten Gesellschaft'. Sind es nicht alles Menschen, die man in irgend einem Zuge ihres Wesens lieben kann? Alle sind so oder so ein wenig oder sehr liebenswert. Aber sie m��ten auch fast alle mit dem Gift einer schwachen doch steten Unruhe geimpft werden. Sie wollen zu wenig �ber sich hinaus, sie siedeln sich zu schnell bei sich selber an, sie haben zu wenig Wachstum und Wandertum in sich. Sie glauben, mit 30 Jahren sich gefunden zu haben -- sie nennen es: erwachsen sein -- und setzen sich schon auf sich selbst zur Ruhe. Man wird nichts Unerwartetes von ihnen mehr sehen oder h�ren; als ob man nicht von jedem Menschen in jeder Stunde Unerwartetes erwarten m��te! Man kann sie vorausberechnen wie irgend etwas ganz Gew�hnliches -- und dabei sind sie das Ungew�hnlichste der Welt, n�mlich Menschen und tragen das Unberechenbarste der Welt in sich: eine zu jeder Unerh�rtheit f�hige Seele. Sie haben ganz vergessen oder nie begriffen, da� sie -- Gott sind, sie begn�gen sich damit, Herr X oder Frau Y zu sein und als solche und nur als solche zu leben und zu sterben. * * * * * Dieser Grundhang, das Leben zu einer Biedermeierei zu erniedrigen, ist es, den ich unter der Bezeichnung 'b�rgerlich' �berall aufsp�re und verfolge. Es ist die eigentliche Gefahr des Menschen, zu versimpeln. Man sollte t�glich zu einer festgesetzten Stunde einen Glockenton durchs ganze Land gehen lassen, der keine andre Bedeutung h�tte, als die, den Menschen in Erinnerung zu rufen, da� sie nicht nur B�rger von diesem Namen und jenem Stand seien, sondern unerforschliche Teile des Unerforschlichen. Man m��te eine eigene Glocke daf�r erfinden und in unz�hligen gro�en und kleinen Exemplaren gie�en lassen: eine 'Ged�chtnisglocke des Menschen'. Wo aber ein Tempel gebaut w�rde, da m��te �ber seiner Pforte stehen: Dem furchtbaren Gott, oder: Mir selber, dem dreimal Unbekannten. * * * * * Der Mensch von 1900 scheint eine neue Tugend in sich gereift sehen zu d�rfen: die Erkenntnis des B�rgerlichen. Als das B�rgerliche bezeichne ich das Absehenk�nnen des Menschen davon, da� er das Geheimnis der Geheimnisse ist, das Sichhinstellen- und Verharrenk�nnen des Menschen als eines Zweiten. B�rger hei�t: der sich in einer Burg Bergende. B�rger hei�t mir der Mensch, insofern er sich in der Burg des Gedankens birgt, etwas andres als Gott selbst zu sein. Kein Mensch kann sich wirklich als Gott f�hlen, der er ist. Es kann Gott sich nur b�rgerlich und nicht anders ergreifen. Das Menschliche ist schlechtweg das B�rgerliche. * * * * * Im Menschen erschuf sich das Ungeborgene seine Burg. Gott ist nichts Au�erb�rgerliches; wo auch nur die kleinste Zelle, da ist sie zugleich Gottes Burg. Nun ist aber alles Zelle, das Wort wo ist �berfl�ssig, ebenso wie wenn man sagen wollte: wo (im Glase Wasser) auch nur ein Tropfen Wasser, da ist Gott in ihm. Alles ist 'Burg'. Seit Welt �berhaupt ist, gibt es nur Gott, den Geborgenen, den B�rger. * * * * * (In einem Kaffeehause.) So von seinem Marmortischchen aus, seine Tasse vor sich, zu betrachten, die da kommen und gehen, sich setzen und sich unterhalten, und durch das m�chtige Fenster die drau�en hin und her treiben zu sehen, wie Fischgewimmel hinter der Glaswand eines gro�en Beh�lters, -- und dann und wann der Vorstellung sich hinzugeben: Das bist Du! Und sie alle zu sehen, wie sie nicht wissen, wer sie sind, wer da, als sie, mit SICH selber redet, und wer sie aus meinen Augen als SICH erkennt und aus ihren nur als sie! * * * * * Wie tief wird doch die Kirche, wenn man die Menge betrachtet, in der sie das eigentlich Wertvolle, das Innerliche, Namenlose wach erh�lt, diese Menge, die unter den H�nden der Aufkl�rer zu einem platten, sich selbst und den andern uninteressanten Haufen wird! Ja, die Kirche ist sicherlich unsere, der Erkennenwollenden, beste Freundin. Sie ist die einzige ebenb�rtige Gef�hrtin der Philosophie. Und was die Verirrungen beider anbetrifft, so d�rften sie hier wie dort, wenn auch gleich ehrw�rdig, ganz verschiedenen Charakters, gleich unertr�glich und gleich l�cherlich sein. * * * * * Vielleicht bin ich nur ein Bildschnitzer und nun schnitz ich Gottes Bildnis an allem. * * * * * Eine szenische Vorstellung ist f�r den Kontemplativen etwas wie eine Parade. Oder wie ein Schachspiel, gespielt mit lebendigen Puppen. Oder wie ein Glockenspiel mit kunstvollen Figuren. * * * * * Aller Blick auf menschliche Dinge mu� zuletzt im Furchtbaren enden. Iwan Karamasow lehnt diese Welt ab; und wenn er alles begriffe, die Leiden der Kinder begreift er nicht. Wie aber -- wenn all dies Leiden zuletzt ein Eigenleiden, ein Selbsterleiden Gottes ist! Wenn die ganze Menschheit und jede nur irgendwie denkbare Menschheit des Alls Gott selbst ist, das ohne Ma� gro�e schauerliche tragische Leben Gottes selbst! Nur eine Sekunde dumpfer Ahnung Seiner, als Gott selbst, in eines Menschen Hirn .. und scheint nicht alles aufgel�st -- nicht in eine unsagbare _Harmonie_ -- o nein -- aber in einen nie zu erfassenden, erf�hlenden Abgrund von solcher Schauerlichkeit und Tiefe, da� jede Anklage, jede Klage, ja jedes Urteil verstummt. Es bleibt nur der fast unsichtbare Blitz einer fernen Erkenntnis Seiner selbst, der mich, den Menschen, zerfressen und tot niederwerfen w�rde, wenn er auch nur einen Grad heller, eine Sekunde l�nger leuchtete. Aber ich glaube, diese dumpfe Selbsterkenntnis Gottes im Menschen ist zugleich Seine einzige Selbsterkenntnis. Gott ist in der Natur gefangen, wenn man so sagen soll. Gott ringt sich aus ihr zum Sich Selbst erschauenden Geist empor. Der Mensch ist Gottes Kopf. Aber so wenig wie der Mensch, wird sich Gott je selbst _erkennen_ (nur erahnen); denn er erkennt ja nur so weit, als er Mensch ist. Menschenleid ist zugleich Gottesleid; es scheint nur ein Wechsel des Worts und es ist doch etwas andres, ob jenes kleine M�dchen, von dem Iwan Karamasow erz�hlt, sich als eben dieses M�dchen die Brust mit den F�ustchen schl�gt oder ob es einen Moment im Leben dieser selbstseienden, mit sich selbst k�mpfenden, um sich selbst k�mpfenden Unsagbarkeit 'Gott' darstellt. Dieses M�dchen ist dort noch b�rgerlich gesehen, g�ttlich gesehen wird es zum Mysterium, zu liebenswert f�r unsere Liebe, wie zu tief f�r unsere Klage. * * * * * (Nach einem franz�sischen Roman.) Sieh diese Liebe zweier Menschen, denen die gemeine Sorge des Lebens fern bleibt, diese, wenn du so willst, frevelhafte Liebe, weil sie im Geheimen und wider das Gesetz lebt, sieh diese beiden Luxusgesch�pfe, die der Proletarier erw�rgen w�rde, wenn er wieder einmal in die H�user der B�rger br�che, -- stelle dir dicht daneben, kaum durch eine Stra�e getrennt, das grinsende Elend, die verst�mmelnde Krankheit, den Schmutz, die Niedrigkeit, das Verbrechen vor -- und frage dich, was ein Gott tun m��te, der dies nicht _alles selbst_ w�re. Nur eine Welt, die Gott selbst ist, darf so sein, wie sie ist. Gott schenkt sich selber nichts, er ist die Liebe jener beiden feinen verwegen gewissenlosen Kulturgesch�pfe, er ist ihr Rausch, ein Rausch von solcher Tiefe und Sch�nheit, da� er selbst dieser Rausch _sein_ mu�, um seinen ganzen sublimen Wert zu empfinden, da� er er sein mu�, um ihn (m�chte ich sagen) nicht erst 'empfinden' zu m�ssen und so ihn durch dies Empfinden, das zugleich ein Urteilen w�re -- im Urteilen aber schl�ft auch schon das Verurteilen -- herabzusetzen; ich sage, er ist diese Liebe selbst, wie er auch daneben das Elend, die Krankheit, der Schmutz ist, er braucht nicht vor sich zu err�ten wie ein feiler Gen��ling, er ist kein Dieb an fremdem Gut, er erschleicht seine h�chsten Zust�nde nicht, er ist in schrecklicher F�lle und Wahrheit alles, von oben bis unten, er ist das ganze Universum am 'eigenen Leibe', noch einmal: Er darf alles sein, weil er alles _ist_. (Sp�tere Anmerkung: Solange er nicht selbst darum 'wei�'. In diesem Moment beginnt seine -- Sittlichkeit.) * * * * * Es gibt nichts, das ich Mir nicht vergeben k�nnte, und nichts, das ich nicht �berwinden m�chte. * * * * * Die Liebe zwischen Mann und Weib wird erst dadurch, da� sie Liebe Gottes zu sich selbst ist, zu einem Problem von schauerlicher Tiefe. Was allein kann das letzte Ziel dieser Liebe sein? Das Kind? Keineswegs. Das Kind ist ja nur wieder Gott als Individuum. Wenn der Mann mit dem Weibe pl�tzlich zusammenschmelzen k�nnte in einen dritten K�rper, dann w�rde die Erde vielleicht im selben Augenblicke vor j�hem Erschrecken untergehen. * * * * * Nietzsche sagt einmal, da� mit der Wissenschaft der Optimismus Herr geworden sei. Und f�rwahr, mit dieser Z�hlmaschine in der Hand wird der Mensch ein besch�ftigtes und beruhigtes Schulkind. Die Furchtbarkeit des Daseins verliert ihre Gewalt f�r ihn, er klassifiziert, kl�rt auf, korrigiert hier und dort. Eine Welt, f�r die es nur die Eine Bezeichnung 'furchtbar' gibt, wird ihm zuletzt ein behagliches Wohnhaus, in das blo� der Tod seine ungem�tlichen Schatten wirft. -- Sei bedankt, Tod, millionenmal bedankt, da� du das unwegschaffbare Ingredienz unseres Lebens bist. Ohne dich m��te das ganze Sinnen jedes Denkenden unaufh�rlich darauf gerichtet sein, dich zu erfinden. Ohne dich w�rde Gott am eigenen Leibe verfaulen. * * * * * Vor einem Kirchhof: Die abgelegten Kleider Gottes. * * * * * Gott ist die �berw�ltigung unseres Innern durch die Unendlichkeit. Die Kapitulation des menschlichen Begriffsverm�gens vor der Welt. * * * * * Philosophie und Religion ist f�r den Menschen vielleicht nur der Gefrierpunkt gegen den Wahnsinn. Vor der K�lte des Universums zieht sich das Wasser als Haut zusammen, so vor der K�lte des Unbegreiflichen der Geist zur Weisheit, das Herz zum Glauben. Gott, wo er nicht im Verfall, rettet sich vor dem Verfall, indem er _denkt_. * * * * * Mein Gottesbegriff ist die Heiligung auch des Allerfurchtbarsten. Alles, was geschieht, ist Mein bewu�ter oder unbewu�ter Wille und als solcher unantastbar. Damit aber f�llt zugleich die �bertriebene Wichtigkeit alles Geschehens dahin. Alles ist wichtig -- als g�ttliche �u�erung; und nichts ist wichtig -- ebenfalls als g�ttliche �u�erung. Gottheit ist F�lle, und F�lle wei� nichts von dem, was sich K�mmerlichkeit als Gewinn und Verlust herausrechnet. Es gab zu lange nur den Gott des B�rgers, Gott sah sich selbst als B�rger: den aber hat sein eignes Lachen t�ten m�ssen. Aus dem Gott-B�rger wurde der Gott-Freie, aus dem komischen wieder der tragische Gott. * * * * * In einen Roman: 'Ich sitze hier vor Ihnen und habe einen Gedanken, so gro�, wie er vielleicht noch nie von einem Menschen gedacht worden ist, oder wenn, dann nur von einigen Wenigen, halb Verborgenen, ich sitze hier vor Ihnen und werde nicht drehend, nicht von Sinnen, nicht von Fieber gesch�ttelt. Ich bringe es fertig, mit diesem Gedanken mein ganzes bisheriges Leben fortzuleben, als sei nichts geschehen. Begreifen Sie, wie tief ich mich verachten mu�, da� selbst ein solcher Gedanke dies sch�ne Gleichgewicht, um das mich so viele beneiden, nicht zerst�rt, und wie ich im Innersten nur jenes Eine begehren mu�: den Schmerz, den unentrinnbar t�dlich verwundenden, den --' * * * * * (Zu Drews.) Alles Lebendige unmittelbar als Gott zu f�hlen, kann nicht Gr��enwahn sein: denn wenn ich mich als Entwickelungspunkt Gottes, als Gott in einer bestimmten Entwickelungsphase erkennen zu d�rfen glaube, so gilt mir doch jeder Mitmensch, ja jedes lebendige Wesen �berhaupt gleichfalls als Gott: soda� da nichts ist, was sich �ber andres �berh�be, oder nur in dem Sinne, wie sich Gedanken im selben Kopfe �bereinander �berheben. * * * * * (Zu Drews.) Es ist sehr lehrreich, da� dieses dicke und gelehrte Buch 'Die Religion als Selbstbewu�tsein Gottes' gerade _die_ Idee, die Gott am tiefsten fa�t, als 'wahnsinnig' hinstellt. Man mache sich klar: von unz�hligen Ideen mit t�dlicher Sicherheit gerade die energischste, bedeutendste! Man m�chte den Geist des Verfassers eine umgekehrte W�nschelrute nennen. * * * * * Die Welt, lieber Herr Professor (beruhigen Sie sich), ist eine -- Privatangelegenheit Gottes. Und da Sie mit zur Welt geh�ren, so geh�ren Sie, wie jeder andere, ebenfalls ganz restlos in diese Privatangelegenheit hinein. * * * * * (Zu Dostojewski.) Es ist ein Wandel zwischen �berreiztheit, Ermattung und Gr��e, einer Gr��e, wie sie sich nur bei den ganz tiefen, gl�henden Seelen der Menschheit findet, und wenn ich im Augenblick gefragt werden sollte, w��te ich auch im Augenblick nur zwei moderne Namen daneben zu nennen: den Namen Lagarde und den Namen Nietzsche. Nur bei ihnen findet man diesen Sturm der Seele wieder, der oft lange schl�ft, sich lange unter allerlei psychologischem, politischem, was wei� ich f�r Kleinkram verkriecht, um sich dann pl�tzlich unvermutet wie ein feuriger Wirbel zu erheben, emporzusteigen, alles zu �bersch�tten, zu �berstrahlen, da� das Herz zu klopfen anf�ngt -- * * * * * Dostojewski hat folgende gro�artige Methode: Er f�hrt eine Anzahl Menschen ein, die uns zun�chst nur einfach fesseln, noch nicht erregen, wirft sie durcheinander, bringt sie in die unglaublichsten Verwickelungen, bis f�r jeden irgendeinmal die Stunde schl�gt, wo er sein Innerstes enth�llen mu�. Und enth�llt er sich nicht aus freien St�cken -- und je bedeutender solch ein Mensch ist, desto verschlossener, schamhafter, unwilliger, ja selbst zynischer ist er -- so wird er, ich m�chte sagen, 'gestellt'. Ein andrer setzt ihm das Messer auf die Brust: Aljoscha und Iwan in den 'Karamasow', Werssilow und sein Sohn im 'Werdenden', Schatoff und Stawrogin in den 'D�monen' usw. Lassen wir das, ruft Schatoff, davon sp�ter, sprechen wir von der Hauptsache, von der Hauptsache .. Ich habe zwei Jahre auf Sie gewartet. -- Nicht meine Person selbst, zum Teufel mit ihr, -- aber das andere --! Und dann sprechen sie alle von dem 'andern', von der Hauptsache: ob es einen Gott gibt oder nicht; was der Mensch tun mu�, wenn es Gott nicht gibt; ob der Mensch �berhaupt ohne Gott leben k�nne; wie im Besondern das Russenvolk diese h�chste und brennendste Lebensfrage entscheide, und ob dieses Volk nicht vielleicht 'das einzige Gott tragende Volk' heute sei, 'das einzige, dem die Schl�ssel des Lebens und des neuen Wortes gegeben sind'. Und in diesen Gespr�chen brennt die Flamme Gottes selbst, die Flamme des um sich selbst ringenden Gottes, dessen Leib das unendliche All der Gestirne und dessen Geist der Geist ihrer Lebendigen ist. * * * * * (Zu Dostojewski.) Wenn ich ein Priester w�re, so w�rde ich mit meiner Stirn erst dreimal vor ihm den Boden ber�hren, bevor ich mich umwendete und zu meinen Br�dern spr�che; denn in ihm ward eine jener gro�en Leuchten der Erde lebendig, die noch in den finstersten N�chten leuchten, -- er war einer der gro�en Rechtfertiger des Menschen, weil er sich am Menschen nicht genug sein lie�; nur aber, wem der Mensch kein Ziel war, nur ein Wurf nach dem Ziel, verdient Mensch gewesen zu sein. * * * * * (Zu Drews.) Wenn ich sage: 'Mensch' ist nur eine sprachliche Ausdrucksform f�r 'Gott' -- ist das 'Selbstverg�tterung'? Gott kann sich doch nicht selbst verg�ttern! Was aber w�re Gott, der nicht die ganze Natur, der nicht alles, alles selbst w�re, der nur das Selbst, nicht auch das Ich zugleich, nicht zugleich die Sehnsucht nach Sich und dies Ersehnte selbst, kurz, dessen Inhalt, sozusagen, nicht die gesamte unendliche Welt w�re? Gott ist jeder Gedanke und jedes Gebilde; es gibt allerdings Metaphysik, insofern die Natur nicht nur ein einfacher chemischer oder mechanistischer Proze� ist, als den sie der Materialismus hinstellen will, aber es gibt keinen Metatheismus; Metatheismus aber w�re, das menschliche Subjekt noch einmal in Mensch und Gott zu spalten: wenn diese Spaltung auch noch so fruchtbar sein mag, ja wenn sie auch unzweifelhaft eines der instinktiven Mittel des aus dumpfem Urtrieb zu immer reinerer Sichselbsterfassung, Sichselbsterringung hindr�ngenden Gottes war und ist, seinen Weg zu sich selbst, ja: Sich Selbst zu finden. * * * * * Ihr werdet mich mit Euren blassen Gottesideen nicht �berzeugen k�nnen. Der _sichselbstsch�pferische_ Gott ist ein zu gewaltiger Gedanke, und wenn nicht die Philosophen, so werden die K�nstler mich stets begreifen. * * * * * Ich kann nur durch Kampf und Leiden zur Erkenntnis Meiner selbst kommen und zu diesem Leiden geh�rt, da�, was da leidet, zum allergr��ten Teil nicht wei�, da� Ich leide, sondern sich als selbst-Leidendes f�hlt, soda� ich, obwohl ich es nur selbst bin, der leidet, doch endlos zugleich leiden _mache_. Und dies alles um Meinetwillen, um Meiner Entwickelung willen. Was bleibt Mir da noch �brig, womit kann Ich allein diesen furchtbaren und doch notwendigen Weg aufwiegen, wenn nicht durch -- Liebe! Liebe nicht zu Mir, sondern zu dem, was Ich noch nicht bin, also zur ganzen werdenden Welt, zu allem, was �berhaupt noch Werden hei�t. Die ganze Welt einst wieder an Mein Herz zur�ckzunehmen -- k�nnte Ich mich ohne diesen Willen zur -- Welt entschlossen haben? (Schauerlich, wenn ich mit meinen ich und Ich mi�verstanden w�rde. Wenn man mich f�r einen gr��enwahnsinnig gewordenen Subjektivisten n�hme!) * * * * * Das Geschenk solcher Gotteserkenntnis, das sie uns anstelle der 'ewigen Seligkeit' verspricht, ist folgendes: Wir h�ren nie auf, als Lebendige wiedergeboren zu werden, wir sind und bleiben Teilnehmer des g�ttlichen Ringens um sich selbst. Gott schenkt uns (sich) keinen 'Frieden', als den, welchen er sich selbst erringt. Alle h�chste Stufe der Entwickelung erreicht Gott als Mensch: Der h�chstentwickelte, am vollkommensten gelungene Mensch ist zugleich ein h�chster Gl�cksmoment Gottes. Es gilt nicht, diese h�chsten Gl�cksmomente Gottes auf allen Sternen einfach auszuschalten und als irdische Ungen�gendheiten zu verd�chtigen. Sie sind die _einzige_ (bewu�te) _Seligkeit_ Gottes, es gibt keine andere, hinterweltliche, au�er ihr. Sie sind selbst geistweltlich genug. Sie sind Erk�mpftheiten, Ersiegtheiten, nicht faule Geschenke, sie sind nicht jenes Ausruhen, jener Friede, den die Geplagten und Gemarterten als H�chstes ersehnen, sondern Seligkeiten der Kraft, des au�erordentlichen Verm�gens, -- alles irdische Gro�e und Herrliche ist zugleich Seligkeit Gottes. Es gibt nicht Elende und Gl�ckliche und einen Gott bewu�t oder unbewu�t au�erhalb ihrer, sondern Gott selbst ist elend und gl�cklich, Gott selbst f�llt und erhebt sich, s�ndigt und �berwindet sich, Gott selbst ist das Herz, die Seele, der anemos der Welt. * * * * * Wer das Wunder nicht als das Prim�re erkennt, leugnet damit die Welt, wie sie ist, und supponiert ihr ein Fabrikspielzeug. Das Wunder ist das einzig Reale, es gibt nichts au�er ihm. Wenn aber alles Wunder ist, das hei�t durch und durch unbegreiflich, so wei� ich nicht, warum man dieser gro�en einen Unbegreiflichkeit, die alles ist, nicht den Namen Gott sollte geben d�rfen. * * * * * Wirklicher innerster, reinster Glaube _kann_ sich nur auf etwas beziehen, wof�r die Sprache kein anderes Wort hat als absurdum; das Absurde ist sein _einziges_ Objekt. Ja, ich m�chte noch weiter gehen: was geglaubt werden kann, ist schon nicht mehr glaubw�rdig. Glaube, im innersten Begriff, ist Annahme _aller_ M�glichkeiten mit Ausnahme der einzigen, zu ihm selbst je ein bestimmtes Geglaubtes, das hei�t einen irgendwie bestimmten Inhalt, zu finden. Glaube ist nur wahrer Glaube als von keinem Gedanken entweihtes Gef�hl Gottes. Glaube ist damit das Gef�hl Gottes von Sich selbst, Glaube _an_ Gott ist bereits kein reiner Glaube mehr: das an setzt einen Gedanken, ein Urteil, eine Auswahl voraus. Glaube an Gott ist ebenso wenig Glaube Gottes, wie Gef�hl an Gott Gef�hl Gottes. Daher auch keine Vernunft dem wahren Glauben etwas anhaben kann. * * * * * A. Wo ist Gott ... B. Du fragst, wo Gott ist? A. Ja. B. (auf A. deutend) Dort. A. Wo? (dreht sich l�chelnd um). B. Ja, du mu�t dich nicht nur umwenden, du mu�t dich in dich hineinwenden -- A. Hineinwenden? B. Ja. Siehst du diesen Handschuh? A. Ja. B. Das ist der Mensch. Und dies (st�lpt den Handschuh um) ist Gott. * * * * * Gott ist gewi� nicht Pers�nlichkeit. Aber er wird sie in jedem Moment. Gott ist: Pers�nlichkeiten. * * * * * Der K�rper, der �bersetzer der Seele (Gottes) ins Sichtbare. * * * * * Da� jedes Menschenleben nur die eine leibgewordene M�glichkeit unter unz�hligen M�glichkeiten bedeutet, gibt ihm erst den gro�en Hintergrund. Leib und -- Seele, von hier aus neu zu begreifen. Der Leib, eine Linie der Seele, die Eine wirklich hingezeichnete Linie von Legionen Linien, die ebenfalls jede f�r sich h�tte hingezeichnet werden k�nnen. (Sichtbar, leiblich geworden sein k�nnten.) * * * * * Die Welt ist ein einziges lebendiges Wesen, in best�ndigem Aufbau und best�ndiger Zersetzung begriffen. Es gibt f�r dies Wesen keinen Tod -- um den Preis des individuellen Todes. Das Individuum ist der Preis des Dividuums. Das Individuum ist verg�nglich, das Dividuum ohne Anfang noch Ende. Das Dividuum teilt sich fortw�hrend und darum besteht es fortw�hrend. Es kann nur bestehen, wenn es best�ndig zu Individuen wird. Im Individuum wird es allein fest, soda� man sagen kann: Die Individualit�t ist die Pers�nlichkeit der Dividualit�t, oder menschlicher: Der Mensch ist die Pers�nlichkeit Gottes. * * * * * Das Leben hat keinen Sinn als den Sinn -- Gottes. * * * * * Im Anfang war -- Mein Ziel. * * * * * Gott hei�t immer nur der j�ngste _Begriff_ von Gott. Gott selbst kann es f�r den Menschen niemals geben -- so wenig es f�r diese meine Hand diese meine Hand geben kann. Dasselbe kann nicht zugleich zweierlei sein. Mensch und Gott ist dasselbe, also kann Gott nicht vom Menschen erkannt werden. Erkannt werden kann nur eins vom andern. Der Mensch kann sich nicht nach sich selbst umdrehen und darum wird er nie wissen, wer er eigentlich ist, woher, wohin, warum. Und _mit ihm_ wird es Gott nie wissen. Gott ist sich selbst Mysterium. Und w�re dies schlie�lich nicht das Letzte -- was w�re dann die Welt? Eine Sphinx, die, gel�st, in den Abgrund st�rzen _m��te_. Ihr tiefster Sinn w�re damit verloren -- das Nieaussinnbare. Sie h�tte jeden Grund verloren, weiter zu _sein_; denn der Welt Grund ist allein ihr _Ziel_. Wo aber ein Ziel erreicht ist, ist Tod und Ende. Welt, Gott, hei�t stets unerreichtes Ziel. Und so unerreichbar ist dieses Ziel, da� wir nicht einmal wissen, wo es liegt, wie es hei�t. Aber immer sucht das Universum. Gott ist der Welt Suche nach ihm. Die Welt ist Gottes Suche nach Sich, nach Seinem Sinn, nach Seinem Grund. Alles ist Weg, Gott ist Weg. Das Kleinste wie das Gr��te, alles ist nur ein Weg. Der Weg nach dem Sinn ist der Sinn selber. Der Weg nach dem Sinn ist der _Sinn_ des Wegs. * * * * * Alles will zusammensein und darum zusammenkommen. Assoziation ist zuletzt das eine welterkl�rende Wort. Das andere -- kennen wir nicht. Aber wir w�rden das mit ihm bezeichnen, was dieses Zusammenkommen von Allem zu Einem verhindert, um daf�r die Welt der Individualformen aus ihnen zu bilden. Denke dir zwei konzentrische Hohlkugeln aus Glas. Die �u�ere Hohlkugel ist mit Gas gef�llt, die innere luftleer. Nun wird die innere zertr�mmert: Das Gas will blitzschnell den ganzen Raum erf�llen, als Eines, Untrennbares, Ganzes, Molek�l an Molek�l, gleichartig assoziiert. Aber umsonst: denn in der innern Kugel war etwas, das nun folgenden Vorgang zeitigt: Das Gas kommt nicht als Eines, Ungeteiltes zusammen, sondern erst als eine Unzahl von besonderen Zusammenheiten, etwas verhindert es am Zusammensein schlechthin. Jenes erlaubt ihm nur ein Zusammensein in Form von Legionen Zusammenseienden. Oder so: Eine Masse wird durch einen Pilz in G�rung versetzt. Der Pilz bildet die au�erordentlichsten und vielf�ltigsten Formen. Die Masse strebt ewig zur�ck zu ihrer Einheit, aber der Pilz wuchert fort. Gott sein eigener Pilz. * * * * * Es gibt nicht zweierlei Geist, sondern nur einerlei, und er ist Gottes Geist, ebenso, wie es auch nur einerlei Leib gibt, n�mlich: Gottes Leib. * * * * * Man bemerkt es bei den irdischen Ereignissen dieser Tage (dem Vesuvausbruch und dem Erdbeben in San Francisco) wieder einmal, wie gering bei den Menschen das Gef�hl ist, das das nat�rlichste von allen sein sollte: Das Gef�hl des Zusammenhangs mit allem, was ist. Nicht einmal bis Neapel reicht ihr Glaube an die Einheit und Korrespondenz aller Dinge, wie sollten sie den Gedanken fassen, da� das ganze Universum best�ndig in ihnen ist, wie sie in ihm, ja, da� jener Ausbruch des Vesuv sowohl wie irgend ein untergehender Stern hinter der Milchstra�e im Grunde nichts anderes als ihre ureigenste Angelegenheit bedeutet. * * * * * S�tze wie: In der Welt �berwiegt die Summe des Leidens die Summe des Gl�ckes -- was sind sie im letzten Grunde anderes als Wortspielereien vor dem in Leid wie Lust furchtbaren, ganz und gar �bergewaltigen Charakter des Weltalls. Sollte in diesem ganz unfa�baren Komplex des Lebens nicht Leid und Lust so untrennbar, so organisch, so durch und durch ineinander verschlungen und verwirkt sein, da� man schon ein Prachtst�ck an Trockenheit und Pedanterie sein mu�, um hier mit einer Wage heranzutreten und seine innere Unsicherheit, was nun wohl richtiger sei, die Welt zu segnen oder zu verdammen, durch ein so durchsichtiges Man�ver bem�nteln zu wollen? Der starke Geist wird, nachdem er angefangen hat mit sich ins Reine zu kommen, leidenschaftlich bejahen oder verneinen; ohne vorzusch�tzen, da� er durch 'sorgf�ltiges Abw�gen' zu solcher Erkenntnis gelangt sei. Ein noch st�rkerer aber wird es weder beim Ja noch beim Nein aushalten: Er wird bekennen, da� ihm vor einem solchen Schauspiel, wie die Welt, alle Erdenworte versagen und vergehen, da� wohl ein geheimes Ja in seiner Seele lebt, da� er sich aber nicht Weltallsrichter genug erachtet, es auszusprechen, und da� sein oft in ihm aufquellendes Nein zu der Brotkrume Erde, die und deren Erscheinungen er allein kennt, ebensowenig wagen darf, das unversiegbare F�llhorn seiender und noch m�glicher Welten zu verw�nschen. Er wird, wie einer, der seine Worte und Werturteile unerbittlich zu b�ndigen gelernt hat, zu schweigen versuchen, und wenn man ihn nach seiner Religion fragen wird, so wird er antworten: sie ist Verstummen aus Schrecken, aus Selbstzucht und aus Phantasie. * * * * * Ich will den Menschen nicht schiffbr�chig sehen, aber er sollte dessen bewu�t sein, da� er auf einem Meere f�hrt. * * * * * Wir m�ssen uns davor h�ten, ausschlie�lich mit der Menschheit unseres Planeten zu rechnen. Wir m�ssen annehmen, da� jeder m�gliche Gedanke �ber Gott auch wirklich (von Gott) gedacht wird, gleichviel ob in unsern oder in Mars- oder Saturnk�pfen, ja, da� es sehr wohl Planeten geben kann, auf denen Gott sozusagen leibhaftig im vollkommenen Bewu�tsein seiner selbst lebt. Da� wir als die Phase Gottes, die wir sind, offenbar nur Gott in irgend einer Phase darstellen, nicht zugleich in seiner h�chsten; wiewohl auch seine h�chste nur eine 'endliche' sein mag, indem das unendliche 'Mysterium' nur im immerw�hrenden Endlichen unendlich bleiben kann. Gott kann allein leben durch seinen immerw�hrenden Tod. Gott mu� fortw�hrend sterben, um fortw�hrend leben zu k�nnen. Gott stirbt nie um den Preis fortw�hrenden Todes. Versuchen wir dieses Furchtbare zu fassen, und �berwinden wir es durch das Wort 'Ich bin', das Gott in uns spricht. 'Ich sterbe als du, damit ich als ich lebe. Du aber bist ich und ich bin du, sei also getrost. Dies ist nun unsere Notwendigkeit (wie ich sie als du erkannt zu haben meine).' * * * * * Ich glaube, unsere Erde hat ihr Ebenbild in jedem Baum, in jeder Blume. Ein Keim fiel in einen Grund, ging auf, entwickelte sich zu Pracht und Duft -- und wird, was man so nennt, absterben, wenn er seinen Gang vollendet. Ist Sch�nheit und Duft einer Rose etwas Geringeres als Sch�nheit und Duft der gro�en Erdenblume? Und welkt, wenn die Rose welkt, minder Tragisches dahin, als wenn dieser Erdball einst vergehen wird? -- Wachstum ist alles, das Wort 'w�chst' vielleicht das letzte m�gliche Wort. -- Und wie es unendlich viel B�ume und Blumen gibt, so unendlich viel Welten und Gestirne, keine, keines gleicht dem andern, -- und so w�re der Paradiesesgarten als Ewigkeitsgarten abermals stabilisiert. Eine Phantasie, gro� genug. Ein Bild f�r Gott, immerhin unzerrei�bar von menschlichen Kinderh�nden. Eine Vorstellung, eine Erahnung, wohl nicht st�rker, nicht deutlicher als der kaum erhaschte Duft einer von einem Berggipfel in einen Bergabgrund geworfenen Rose, deren an dir Vor�berfall du auf einer vorspringenden Felskante wie ein blitzartiges Wunder erlebst. Aber doch eben das, und als das, etwas. -- * * * * * Der Mensch, der ganz erkannt haben w�rde, w�re der wieder geschlossene Ring Gottes. * * * * * Der Mensch ist ein an einer Stelle ge�ffneter Ring. Gott ist der Ring als Eines, Ununterbrochenes. Der Mensch stellt sich dar als dieser Ring, unterbrochen, mit seinen zwei Enden sich wieder zu vereinigen, zu schlie�en strebend. Der Mensch ist aus sich auslaufender und in sich zur�cklaufender -- aber noch nicht zur�ckgelaufener -- Gott. Der Mensch ist die Offenheit des Rings, der noch nicht wieder zusammengeschmolzene Hingott und Widergott. * * * * * Gedanken vor Kierkegaard, Buch des Richters. 'So wird sie mich in der Ewigkeit verstehen.' -- W�re es nicht furchtbar, wenn der Mensch nur Entwurf Gottes bliebe? Wenn jeder dieser Entw�rfe als Entwurf endigen m��te, statt weiter und weiter durch alle Ewigkeit ausgef�hrt, weiter gebildet zu werden? Gewi�, der gegenw�rtige Weltdurchschnitt wird immer Fragmentmosaik sein -- aber es fragt sich, ob einmaliges Fragmentmosaik oder Fragmentmosaik als Fortsetzung und zwar nicht blo� im Ganzen, sondern auch im Einzelnen, Einzelnsten: ob ich also nicht nur Fragment Gottes im Ganzen, sondern auch Entwickelungsfragment meiner Person, als einer gottwerdenden Person, als Gottes im Einzelnen, bin. So vielleicht: Kann Gott als Menschenperson verloren gehen, ist Person nur eine Maske Gottes (oder besser ein Leib Gottes) -- oder ist Gott, einmal Person geworden, als solche ebenfalls unsterblich, soda� seine Entwickelung nicht nur eine Entwickelung zur Selbstahnung seiner Selbst als Welt, sondern auch eine Entwickelung in jedem Einzelnen zur immer wieder sterblichen Person auf immer wieder h�herer Stufe w�re? * * * * * Vor einem Sterbelager. Vielleicht trifft man sich einmal unter freundlicheren Verh�ltnissen wieder. Ja, vielleicht haben wir uns auch diesmal schon wiedergetroffen, von fr�her her, nur, da� wir es nie wissen, da� wir heimliche Zusammenwanderer sind. * * * * * Der Irrtum ist das formbildende Prinzip. Wahrheit kann nur als Irrtum zur Erscheinung kommen. Alles Daseiende selbst ist Irrtum, aber Gott entwickelt sich, wird (ist) nur dadurch, da� er sich best�ndig 'verrennt', verstrickt, verwickelt, zu Knoten sch�rzt, da� er sich selbst best�ndig Stationen schafft. Er w�rde wie ein Meer ins Unendliche verflie�en -- wenn er sich nicht fortw�hrend selbst im Netz gleichsam der Einzelerscheinung finge, diese Netzerscheinung wie als ein bereits Endg�ltiges zu h�chster relativer Vollkommenheit emportriebe: um, wenn das urspr�ngliche Netz sozusagen v�llig in sie hineingenommen, nun den Pers�nlichkeitskern als Eigengewinn davon zur�ckzubehalten, das andere wieder zerfallen zu lassen. * * * * * Warum ist Mitleid nichts? Weil Mitleid dich ablenkt von dir auf den andern. Dich aber sollst du zu vollenden trachten, nicht den andern. Wer sich nach innen wendet in seiner Tiefe, von dem f�llt Mitleid ab wie ein M��iggang. Er kann niemanden mehr bedauern um seines Leides willen, er k�nnte ihn h�chstens um dessentwillen bedauern, da� ihn sein Leid nicht in sich hineintreibt, da� es ihn nicht vertieft. Wer sich und den N�chsten als Gott erkannt hat, von dem f�llt Mitleid ab wie ein Geschw�tz. Er wird den N�chsten zwar mehr als sich lieben und ihm sein Menschliches zum Opfer bringen k�nnen, wenn es das gilt, aber ohne Mitleid; denn mit gro�em Auge wird er durch sein Leiden hindurch ihn als Sich sehen; in dem aber, was er da sieht, fallen, wie Ekkehart sagt, alle Worte dahin. Da hat Mit-Leiden keinen Sinn und keinen Platz mehr. * * * * * Es ist ein schauerlich tiefer Gedanke: Der grobe schwerf�llige K�rper, als Geist zugleich mit dem Geist aller Epochen unabl�ssig verkehrend. * * * * * Denke dir einen Teppich aus Wasser. Und als die Stickerei dieses Teppichs die Geschichte des Menschen. * * * * * Z�nde einen Magnesiumfaden an -- und du hast das Leben des Menschen im blitzschnellen Bild. Leben und sterben sind nur zwei Ausdr�cke f�r dasselbe. Und unser Ichgef�hl das Gef�hl des hineilenden feurigen Punktes. * * * * * Es gibt nur ein Neues: Die N�ance. * * * * * Die Welt, eine in sich zur�cklaufende Spirale. * * * * * Wir m�ssen sehen, aus den Formen, als die wir erschienen sind, bis zu unserm Ende zu Kugeln zu werden: die Spirale der Ewigkeit hinabzurollen, nicht aber wie ungef�gte Kl�tze hinabzurutschen und hinabzupoltern, mu� unser erster Wunsch und letzter Wille sein. * * * * * Betrachte die Welt: Alles wesentlich, alles unwesentlich. Unwesentlich die M�cke, wesentlich der Mensch; unwesentlich der Mensch, wesentlich die Menschheit; unwesentlich die Menschheit, wesentlich das Universum; unwesentlich das Universum, wesentlich -- 1907 Wir m�ssen das Quantitative verabschieden. Gott, ich meine das Unvorstellbare, das wir sind, ist weder gro� noch klein. Alles ist in jedem Augenblicke Gott und jeder 'Teil' in jedem Augenblicke zugleich das Ganze. (Ist denn das Wasser f�r den Tropfen klein oder gro�? Nein, er ist der Tropfen und das Wasser zugleich. Wasser aber ist weder klein noch gro� und wenn der Tropfen zur�ckblickt auf den Wasserfall, so wird er doch darum nicht sagen k�nnen: Wasser ist gro�. Und so ist 'Gott' auch nicht gr��er da, wo er die 'Milchstra�e' ist, als da, wo er in einem Menschen im Gras liegt. An sich ist diese Blume hier nichts geringeres als zehntausend Gestirne. Und so zerbrich denn auch nicht, Herz, an diesen Worten 'gro�' und 'klein', denn 'das gibt es alles garnicht'.) * * * * * Ich f�rchte, -- und dieser unheimliche Gedanke kehrt mir, fast seit ich denken gelernt, immer wieder, --: nicht, da� wir sterben werden, ist zu f�rchten, sondern da� wir nie sterben werden. Ich empfand dies immer unter folgenden Worten: Ich werde immer da sein. Und wenn ich heute meinem Leib nach sterbe, wer will wissen, ob ich dann nicht -- mein Freund bin? Nicht als ob etwas, was meine Seele genannt werden k�nnte, gewandert w�re, nein, sondern wie wenn ein Etwas in allem Lebendigen immer w�re und w��te da� es w�re ... Wer will wissen, ob er nicht aus seinem Freunde (wenn auch ganz und gar als dieser und mit allen physischen Pr�missen) in die Welt blickt, in demselben Moment, wo er sein Bewu�tsein verliert? Solange ich in meiner Form befangen bin, kann ich nichts Zweites sein, aber wenn diese Form zerbricht, bin ich vielleicht das Zweite, und das Zweite ist vielleicht nichts als wieder das Eine. * * * * * Die Menschheit ist nur eine Korrektur des Menschen. * * * * * Dies Bewu�tsein wenigstens habe ich: mein h�chster Gedanke hat nichts zu tun mit dem �u�erlichen meines Lebensganges. Ich bin nicht von denen, die zur Wiederaufnahme der Gottesidee durch irgend etwas getrieben worden sind, als da ist unterdr�ckte Sinnlichkeit, Einsamkeit der Seele, Verzweiflung an sich und der Welt oder �hnliches. Ich kenne diese Zust�nde wohl, aber ich w�re nie vor ihnen zu einem neuen Gottes-Begriff geflohen: wie denn dieser auch weder 'heilt' noch 'erl�st'. Diese Idee ist vielmehr aus meiner innersten Natur herausgewachsen, ich kann ihre Anf�nge bis in mein zweites Jahrzehnt zur�ckverfolgen, in dessen Mitte etwa ein ganz spezifisch philosophisches Interesse in mir erwachte. Ihr endliches Zutagetreten h�ngt sehr stark mit der Art meines Schauens zusammen, das mir manchmal erlaubt, sehr in die Dinge zu versinken oder auch: die Dinge gleichsam in mich hineinzunehmen, und mir damit das Micheinsf�hlen mit allem zu einem nat�rlichen Gef�hl macht. Ebenso hatte ich stets das Gef�hl des Zusammenhangs in so hohem Ma�e, da� ich mich von Vorstellungen solcher Art nicht losmachen konnte, wie diese etwa, da� meine Hand, von A nach B bewegt, das ganze Weltall in Mitleidenschaft ziehen m�sse. * * * * * Was sagt Meister Ekkehart anders als: zerbrich alle Sprache und damit alle Begriffe und Dinge: der Rest ist Schweigen. Dies Schweigen aber ist -- Gott. * * * * * 'Gott' ist das einfache Ergebnis eines Subtraktionsexempels: ziehe alles von dir ab, was abzuziehen ist, und der Rest ist -- Mysterium. * * * * * Gott ist seine eigene Erfindung. Das sich selbst Unerkl�rliche sagt aus Menschenmund Gott zu sich. * * * * * In Christus ist zum ersten Mal auf der Erde Gott selbst sich zum Bewu�tsein gekommen. In Christus erkannte Gott als Mensch zum ersten Mal sich selbst. Seitdem sind fast zweitausend Jahre vergangen. Aber freilich: 'Tausend Jahre sind vor Ihm wie ein Tag.' * * * * * Man emp�rt sich gegen die Gottheit Christi -- als liege man selbst in Hose und Rock nicht als ein St�ck -- Gottheit herum. * * * * * Eines Einzelnen Leben ist vielleicht nichts Besondres. Von au�en, mit fremdem Auge betrachtet, mag es nicht viel bedeuten, von innen, mit seinen Augen gesehen, schon mehr, sehr viel mehr. Als Leben -- Gottes aber angeschaut, wird es sofort unaussprechlich tief und tragisch. Sieh nur irgend einen Menschen daraufhin an, da� er nichts andres ist als Gott, Gott selbst in ureigenster Person -- und die Welt wird sich dir mit einemmal und auf immer verwandeln und du wirst kein Sittengesetz mehr zu befragen brauchen; denn alles wird dir auf einen Schlag wunderlich heilig werden. * * * * * Ich sehe das Unvermeidliche herannahen: da� den Menschen eines Tages in gr��erer und gr��erer Anzahl zum Bewu�tsein kommt -- nicht nur nominell wie bisher, sondern faktisch -- da� sie in der Unendlichkeit leben. * * * * * Heute sehen die Menschen noch nicht den Raum, sie sehen den Himmel, aber noch nicht den RAUM. * * * * * Auf Erden ist nichts, sondern alles im Himmel zugleich und in der Ewigkeit. (Getr�umte Zeile.) * * * * * Gott ist nicht etwas Vorgestelltes, sondern das, was wie jede andere Vorstellung, so auch die Gottesvorstellung produziert. Bis heute glaubt die Menschheit noch, soweit sie glaubt, an den Gott oder die G�tter ihrer Vorstellung. Und darum ist sie so leicht durch den Satz zu widerlegen: Dein Gott ist eine blo�e Vorstellung von dir. Gewi� ist er das. Erst die Menschheit, welche bekennt: Was wir uns als Gott vorstellen, ist irrelevant; das einzige, was wir als Gott behaupten k�nnen, ist das Unvorstellbare, auf das unsre Vorstellungen zur�ckgehen, ist das, was wir f�r uns als Wirklichkeit klassifiziert haben, sind wir selbst (wie wir uns bezeichnen) und alles, was um uns ist (was wir so bezeichnen). Gott ist alles. Wir haben kein andres Wort f�r Gott als das Wort 'alles'. Man kennt und f�hlt Pantheismus schon lange, aber ich wei� nicht, ob je mit diesem 'alles' schon ganz und resolut Ernst gemacht worden ist. Wer ihn macht, f�r den gibt es kein Entrinnen mehr. Er mu� selbst hinein in dies 'alles' mit jeder Faser seines Leibes und jedem Schatten seiner Gedanken, er mu� selbst zusammenfallen mit Gott, er mu� selbst Gott -- und nicht nur in Gott -- sein. * * * * * 'Sein' (esse) ist nur eine Denkform Gottes. Wenn Gott sagt: ich bin, so sagt er dies beides nur als Mensch. Als Gott sagt er nichts, 'ist' er nicht einmal etwas. Gott ist nicht Gott. Als Mensch 'ist' Gott. * * * * * Auch wo Gott 'sich' f�hlt, wie im Mystiker, bleibt er noch Mensch. * * * * * Man soll nur in alle Ewigkeit leugnen, da� die Welt unerkl�rlich sei. Die Folgen dieser bornierten Leugnung, dieser stierm��igen Annahme des Gottmenschenkopfes von seiner Anlage zur Selbsterkenntnis sind allzu wertvoll, verinteressieren -- als Wissenschaft -- das Leben in allzu hohem Grade. * * * * * Unbewu�te Stupidit�t, bewu�te Verlogenheit -- als Voraussetzung aller Wissenschaft, ja aller geistigen Kultur �berhaupt: das ist eine groteske Wahrheit Gottes, des Menschen. * * * * * Auch hier meine Ausf�hrungen, was ich auch versuche, bleiben -- Anthropomorphismus. Diese Feststellung sollte eigentlich der Tod Gottes sein. Der Tod Gottes -- als einer auszuscheidenden Vorstellung. Aber diese Vorstellung war meine letzte, in der ich alle andern begrub. Kein Wort der Erde, das sich mir im Wort 'Gott' nicht l�ste. Andre nennen ihre Grenzvorstellung Leben, Natur, Wirklichkeit. Aber ist das minder anthropomorph? Nein. Jedes Wort ist Vorstellung, jedes Wort ist demnach gleich viel wert. 'Leben' ist das Wort einer andern _Phantasie_ als 'Gott', das ist alles. * * * * * Es gibt also zuletzt nur eine Grenzvorstellung, nur ein 'Ur--wort'. Dieses Urwort mu� uns gelassen bleiben, wollen wir Menschen bleiben. * * * * * Gott w�re etwas gar Erb�rmliches, wenn er sich in einem Menschenkopfe begreifen k�nnte. * * * * * Ich frage mich, welche innere N�tigung liegt meiner Handlungsweise zu Grunde (dr�cken wir es so aus): das Ding an sich Gott zu nennen. Meine aufrichtigste Antwort lautet: Das ist des Dings an sich, das ist Gottes Sache selbst. Ich bin -- wie ich es ansehen kann -- nur eine Etappe im ungeheuren Heer und Komplex von Assoziationen, und wenn ich mich nun selbst psychologisch zu deduzieren suchte, so w�re damit wohl nicht viel mehr getan, als wenn ein Strudel jenes Baches dort unten die Art seines Gurgelns durch die Daten seines Lokals usw. erkl�ren zu k�nnen glaubte. Nun gut. Welche N�tigung? Die N�tigung, nicht Halt machen zu brauchen. Die N�tigung, mich mit allem um mich durch ein _pers�nliches_ Band verbunden f�hlen zu d�rfen. Wenn diese Tanne da vor mir ein geistreicher Mechanismus ist wie ich, so kann sie mir in jedem Augenblick unendlich gleichg�ltig, ja widerlich werden. Aber sie ist kein Mechanismus, sie teilt -- ob ich sie nun als _Du_ oder Erscheinung bezeichne -- _Ein_ Geheimnis mit mir, das Geheimnis des Lebens. Wir sind Br�der als Erscheinungen, und unser Beider Vater als Dinge. * * * * * Ich, als Vater, erf�lle mich erst im Menschen, als mir, dem Sohne; als Sohn erst erfahre ich mich als den Vater. Oder: als Erscheinung erst werde ich mir selbst -- Erscheinung. * * * * * Von mir: die Menschen sind ihm allein K�pfe Gottes. * * * * * Ja, gewi�, es ist vieles am Menschen l�cherlich und ver�chtlich. Aber der Mensch ist ja auch nur ein winziger Teil Gottes. Und was w�re Gott, wenn er nicht irgendwo auch l�cherlich und ver�chtlich w�re. Gott schenkt sich nichts. Das wollen nur die Kurzsichtigen, die meinen, man k�nne das Eine ohne das Andere haben, ja noch mehr: man d�rfe es. * * * * * Die planetarischen Kulturen geistiger Wesen sind die gro�en Grotesken Gottes. Gottes materielle Erscheinungsform ist notwendig grotesk. * * * * * Man k�nnte eine Bibliothek schreiben von den Selbsttr�stungen Gottes. * * * * * Nicht, da� gek�mpft wird, ist das Tragische der Welt. Sie selbst ist das Tragische. * * * * * Betrachte den gef�llten Zuschauerraum eines Theaters. Wie festlich machen ihn die vor Erwartung und Lebenslust gl�nzenden Augen der Frauen, ihre schneewei�en Nacken, ihr herrliches Haar -- wie scheinen sie alle zu rufen voll reizender Ungeduld: den Vorhang auf! den Vorhang auf! Wie gern sie leben und leben sehn, wie ganz unverst�ndlich es ihnen w�re, wenn nun pl�tzlich ein Mann aufst�nde und spr�che: Nein, nicht den Vorhang auf! nicht auf! Sondern la�t uns endlich ein Ende machen mit diesem ewigen Theaterspiel! Und seine Augen w�rden sich schlie�en im �berma� des Schmerzes. Aber nach einer kurzen Spanne der Starrheit -- was w�rde geschehen? Mit ihren F�chern w�rden sie ihn zu erschlagen drohen und mit hundert beredten Geb�rden laut oder stumm, l�chelnd oder schluchzend, die M�nner rings fragen: Wie? und wir? sind wir nichts? gelten f�r nichts? Ihr wollt dies starke s��e bunte Leben nicht mehr? Ihr wollt also Uns nicht mehr? Was haben wir euch denn getan? Und was unsre Kinder, eure Kinder? O, ihr Toren, ihr Spielverderber, ihr Pflichtvergessenen! Aber ihr sollt uns nicht irre machen. Nicht irre an Lieben und Leben, nicht irre an Pflicht und gesundem Menschenverstand. Nein, die Kom�die sei noch nicht zu Ende! -- Der Sprecher von vorhin aber w�rde bei sich denken: Umsonst. Gottes Teufel ist seiner w�rdig. Er k�nnte nicht �berzeugender noch unschuldiger sein. Und f�rwahr: Heute erkannte ich ihn zum ersten Mal -- und sein triumphierendes Reich, soweit Welt ist. * * * * * Wer sich einmal in die Idee des Teufels, an dem Gott immer wieder zu schanden wird, von dem er immer wieder zum Leben verf�hrt wird, vertieft, dem wird die Gr��e und Sch�nheit des Lebens f�rder nicht Einwand sein k�nnen: Denn je unfa�licher dieser Gott ist, desto unfa�licher wird auch die Kunst seines Teufels sein m�ssen, desto heiliger wird sie erscheinen m�ssen, desto bejahungsw�rdiger die Welt f�r menschliche Urteilskraft. * * * * * 'Die Welt' ist Gottes Weg zu seiner Sch�nheit. �berall und immer duftet diese Wunderpflanze 'Welt'. Um dieses Duftes willen ist sie da; er ist ihre Sch�nheit, ihre 'Seele', 'Gottes' -- Seele. * * * * * Wir sind nie wirklich aus dem Paradiese vertrieben worden. Wir leben und weben mitten im Paradiese wie je, wir sind selbst Paradies, -- nur seiner unbewu�t, und damit mitten im -- Inferno. * * * * * 'Alles was ist, ist vern�nftig' -- ganz gewi�. Freilich nicht vom Standpunkt des Reichstagsabgeordneten X oder des Privatdozenten Y aus; aber sub specie Dei. 1908 Im Geist erst wird die Natur, wird Gott tragisch. Was ist der Mensch? Die Trag�die Gottes. * * * * * Wenn einer die Welt bejaht, bejaht sie Gott, wenn sie einer verneint, verneint sie Gott (und damit Sich). Gott sagt weder blo� ja noch blo� nein zu sich, sondern urewig ja _und_ nein. * * * * * Wo einer keine Augen f�r sich -- als Mysterium -- hat, da hat auch Gott keine Augen f�r sich, als Mysterium. Aber als der, als der er Augen f�r sich hat, leidet er unter diesem andern, als der er keine Augen f�r sich hat, und z�rnt sich, dem andern, aus sich, dem einen. * * * * * Die Welt k�nnte so gro� angelegt sein, da� die unaufgel�ste Dissonanz eines ganzen Planeten als solche mit hineingeh�rte. Ein schauerlicher, wahnwitziger Gedanke. Denn wer will seine Dissonanz -- schon allein seine ganz pers�nliche Dissonanz -- nicht aufgel�st und sei es auch erst -- nach �onen. * * * * * Gott ist die Welt im Einzelnen wie als Gesamtheit. Als Gesamtheit aber ist er vielleicht eine Zweiheit von Mann und Weib. Einheit als Gott, Zweiheit als Welt. Sagst du aber: Die Welt? das w�re wohl nicht genug, wenn nur _das_ Gott w�re! so frage ich: wei�t du, wo die Welt aufh�rt, da� du von genug und nicht genug redest? Wie kann etwas Un-Endliches noch-genug sein oder 'nicht-genug'? Das ist gewi�: was auch von Gott, von Gottheit gedacht werden mag, kann auch noch nicht an den Saum des Mantels seines Ernstes r�hren. * * * * * Wenn Gott nicht die ewige Sehnsucht zweier Seelen zu einander ist -- wenn die Welt nicht der ewige Weg dieser zwei Seelen ist -- so wei� ich nicht, was Gott und Welt bedeuten. * * * * * Der Mensch ist nur ein Moment innerhalb des MENSCHEN, und der MENSCH nur ein Moment innerhalb Naturae sive Dei. * * * * * Es versteht sich mir fast von selbst, da� das, was ich bin, sich irgend einmal seines ganzen Lebens -- in allen seinen Erscheinungsformen -- erinnern wird. * * * * * Und es wird nichts sein -- kein Richten, kein Wundern, nur ein Schauen. Aber in diesem Schauen wird Gericht oder Freispruch beschlossen sein. * * * * * Ich und du, einmal gro� und einmal klein geschrieben -- das ist die Weltformel. Ich und Du, und ich und du. * * * * * Mu�te der wahrhaft innerliche Mensch fr�her mit der Kirche ringen, so mu� er es heute mit der Wissenschaft. Der sich selbst schauende Gott ist immer nur als -- Ketzer m�glich. * * * * * Vielleicht ist nichts von allem Gedachten _ganz_ unwahr. Sollte Gott �ber Sich _g�nzlich_ falsch denken _k�nnen_? Sollte nicht die barbarischste religi�se Vorstellung ein K�rnchen Wahrheit enthalten, enthalten _m�ssen_? * * * * * Eines sein und haben und die Sehnsucht nach allem Andern, -- Formel Gottes, des Individuums. (Hinzuzuf�gen: zusamt der stillgeglaubten Anwartschaft auf alles Andere.) * * * * * Wohin sollte die Natur in der Stufenfolge der Tiere im Menschen streben, wenn nicht dahin, da� Gott in ihm sich selbst erkenne? Dies aber, das Erkennen kann noch nicht sein letztes Ziel sein: er mu� aus dieser Selbsterkenntnis noch zu irgend einem Handeln hervorschreiten, mu� ja sagen und tun wie der Zarathustra Nietzsche's, oder nein wie der indische Buddha. Er mu� das Schicksal der 'Welt' an seinem Teile entscheiden; sie soll sein oder sie soll nicht sein. Und doch --. * * * * * Frage dich nur bei allem: 'H�tte Christus das getan?' Das ist genug. * * * * * Das ergibt sich aus meiner Lehre, da� nicht nur der Einzelne sondern auch Volk um Volk und endlich die ganze Menschheit -- Pers�nlichkeit zu werden trachtet. Denn wenn wir 'Gott' sind, -- was k�nnen wir H�heres aus uns machen, als immer durchseeltere, durchbildetere, vollendetere Pers�nlichkeit? So wie der einzelne durch und durch kaloskagathos werden soll, so soll auch ein Volk, eine Menschheit durch und durch 'kalonkagathon' werden wollen. Kunstwerk der Einzelne, Kunstwerk sein Volk, Kunstwerk die ganze Erde -- das ist das Ziel. * * * * * Jeder kann von Christus etwas fortnehmen. Verstehen aber wird ihn alle f�nfzig Jahre -- vielleicht -- Einer. * * * * * Wenn, was sich so Theologen nennt, wirklich wissen k�nnten, wer Christus war, w�rden sie ihn allesamt als einen Irrsinnigen und Verbrecher verdammen. Ja, so weit weg steht der Mensch, der gesagt hat 'Ich und der Vater sind eins' (und nur der johanneische Christus ist f�r mich Christus, so ausschlie�lich, da�, wenn es ihn nie gegeben haben sollte, er l�ngst h�tte 'erfunden werden' m�ssen) von der �brigen 'christlichen' Menschheit und insonderheit ihren Theologen, da� er wie der leibhaftige Teufel auf sie wirken w�rde, h�tten sie ja den Mut und die Kraft, ihm sein Weltgef�hl bis zum Letzten nachzuf�hlen. * * * * * Immer wieder kommt mir die Szene auf Golgatha ins Ged�chtnis, immer wieder komme ich zu mir selber wie Christus und frage mich: Und Du schl�fst! Und ich fahre auf und Scham �bergie�t mich ganz und ich erwache zu mir selbst. Aber nur ein Kleines, so bin ich wieder im Halbschlaf. Und wieder tritt mein Selbst an mich heran, r�hrt mir ans Herz, da� ich wie verwundet aufschrecke und zum wievielten Male! das traurige Wort vernehme: Du schl�fst! Wie -- w�re mein Problem dies: Eine Natur, auf der Grenze geboren, wo das Mittelm��ige und das Au�erordentliche zusammensto�en, ein Mensch, zu gro�, zu reich, zu tief, im Gew�hnlichen zu verharren und doch zu klein, zu arm, zu seicht, zu verharren im Ungew�hnlichen? Mir f�llt ein Vers aus meinen ersten J�nglingsjahren ein, jenen Jahren, deren damals noch ganz anders zehrende Ohnmacht ich durch den ausdauernden Schritt nach nur Einem Ziel in zwei Jahrzehnten wenigstens bis zu einem gewissen Grade �berwand: 'Ich m�chte schw�cher sein und bin es nicht, ich m�chte st�rker sein und bin es nicht, und da� ich st�rker nicht noch schw�cher bin, als wie ich bin, das ist's, was mich zerbricht,' Und auch das f�llt mir ein: Wie ich mich fr�her geha�t habe. Geha�t bis zu bitterster Todfeindschaft, die mir vielleicht nur aus Zufall nicht den Garaus machte. Und all mein Flehen um Tiefe f�llt mir ein, das der alte Gott noch h�ren mu�te und erf�llen sollte. Ein Mensch also gemacht aus Edelmetall und taubem Erz, zerspalten in Reichtum und Armut, Verm�gen und Ohnmacht! Emporfahrend aus seiner Niedrigkeit, den Himmel des Seherischen und Sch�pferischen in seine Arme herabzurei�en, ihn erblickend in all seiner Herrlichkeit, und seiner fl�chtigen Hoheit wieder entschlummernd in den Schlaf des Allt�glichen, von neuem erwachend nach kurzem Traum im Tal des unfruchtbaren Todes. Das w�re ich! Das bin ich? WELTBILD: AM TOR 1907 Sieh einmal morgens nackenden Leibes beim Waschen an dir herunter, den Riesen-Zellenbau, das Zellenuniversum ohne Gleichen! Welches naive Auge w�rde je darauf kommen, dich als eine einheitliche Ordnung von Legionen selbst�ndiger Wesen zu verstehen und welches Auge w�rde folgen wollen, wenn der Verstand es wagte, die Wirklichkeit �berhaupt als einen einzigen Zellenleib zu beschreiben, dessen Formen wir uns nur nicht vorstellen k�nnen? * * * * * Wie kann man sagen: Dies und das kommt hierher und daher; da doch alles �berallher kommt. * * * * * Das Prinzip der Nachahmung (oder, vom Objekt aus: der Ansteckung) wirkt fortw�hrend in der ganzen Natur. * * * * * Ich habe zuweilen einen abgr�ndigen Ha� auf die Zahl. Sie ist die absurdeste F�lschung der 'Wirklichkeit', die dem Menschen wohl je gelungen ist, und doch baut sich auf ihr 'unsere ganze heutige Welt' auf. * * * * * Der gro�e Irrtum ist der: man glaubt irgend einmal einen Mechanismus schaffen zu k�nnen, der schlie�lich wie ein Lebewesen wird und leben soll, und sei es auch nur ein Infusorium. Und �bersieht dabei nur eins: da� es ein einzelnes Infusor f�r sich allein gar nicht gibt, da� man das ganze Weltall nachschaffen m��te, um auch nur ein kleinstes Tierchen in Wahrheit lebendig zu machen -- denn man kann nichts von au�en hineinstopfen, Ihr Herren, man mu� dann schon von der Pike auf schaffen, nicht nur so ex tempore und ex machina. * * * * * Alles ist Ausdruck eines _Wesens_. * * * * * Wenn im gro�en Weltkonzert einmal ein Stern untergeht, so ist das auch nichts weiter, wie wenn einem irdischen Orchestermusiker eine Saite platzt. S�he man den Mann nicht die Geige absetzen, so w�rde man vermutlich gar nichts merken, so unbek�mmert geht das vielstimmige Zusammenspiel seinen gewaltigen Gang. * * * * * Die 'Welt' gibt offenbar immer nur relative Vollendungs-M�glichkeit. Zwischen zwei Eisperioden kann eine Menschheit sich vielleicht so 'vollenden', wie ein Einzelner zwischen Geburt und Tod. * * * * * Wir glauben als Menschheit eine Art flie�ende Ebene zu sein und sind statt dessen ein wandelnder Berg oder eine wandelnde Pyramide. * * * * * Es ist mit der Weltenuhr wie mit der des Zimmers. Am Tage sieht man sie wohl, aber h�rt sie fast gar nicht. Des Nachts aber h�rt man sie gehen wie ein gro�es Herz. * * * * * Diese Waschkanne vor mir -- nimm die Zeit von ihr: und sie st�rzt zusammen in nichts. Die Zeit macht erst den Raum. * * * * * Das Am�sante ist, da� es nun, seit dem Auftreten des Menschen, auf einmal Vergangenheit und Zukunft gibt (von vielem andern ganz zu schweigen), als h�tte die ganze Wirklichkeit nur darauf gewartet, sich von ihm in vorn und hinten, oben und unten, fr�her und sp�ter usw. einteilen zu lassen. O Mensch, du Kindskopf aller Kindsk�pfe, o Wissenschaft, du grandioses Orientierungs-System dieses Kindskopfes, nichts weiter! * * * * * Gestern und morgen haben im All keinen Sinn. Das All war weder, noch wird es sein, -- es ist. Und so _war_ nichts von dem, was wir 'vergangen' nennen. Alles 'Vergangene' _ist_. Vergangenheit wie Zukunft sind nur Formen der Gegenwart. * * * * * F�r Pflanze und Tier gibt es das Wort ewig nicht und daher auch keine -- Ewigkeit. Es sollte sie auch f�r uns nicht geben. Wir _sind_. Wir werden nie sein, ebensowenig, wie wir je waren. Die Ewigkeit ist in jedem Moment 'gelebte Gegenwart' -- oder sie ist nicht. * * * * * Schauerlich, zu denken, da� alles nur 'in der Flucht' ist. Es gibt nichts, als den _Moment_, in dem fortw�hrend alles ist. So wie 'ich' von Sekunde zu Sekunde lebe und mir dessen bewu�t bin -- (aber das alles ist nicht ich, das ist die Unendlichkeit, die in mir fortw�hrend weiter lebt) so lebt die gesamte Wirklichkeit wie ein einziger gigantischer K�rper in ihrer eigenen, von mir ihr vermittelten Vorstellung von Sekunde zu Sekunde. * * * * * Alle Vergangenheit existiert nur als lebendige Erinnerung eines gegenw�rtigen Kopfes. Alle Vergangenheit ist eine Selbsterinnerung Gottes. * * * * * Die Welt ist eine sich ewig fortentwickelnde Kugel, deren Oberfl�che -- hier der dies von ihr aussagt. 1908 Ist nicht einmal dasselbe Wort in deinem Munde je dasselbe, so bist auch wohl du selbst ein in jeder Sekunde Neuer, noch nie Dagewesener, Niemehrsodaseinwerdender. Und nicht du allein: Alles ist fortw�hrend neu, frisch, einzig, einmalig. Dies ist das Geheimnis des Lebens und damit Gottes, als eines ewig Seienden, ohne auch nur die M�glichkeit irgendwelcher Starrheit. * * * * * Bewu�tsein: Wir stehen an einem Ende, wir sind ein Anfang. * * * * * Nicht nur Fortdauer, -- -- _Ziel_dauer. * * * * * _Die Axt_. (Fundamentals�tze.) 1. Keine Geschichte 2. Keine toten Gegenst�nde 3. Sprache -- Proze�. * * * * * Alle Materie ist ja nur geistiges Arrangement. * * * * * Aus einem Drama. Ein Freund zum andern (drohend): Die Welt wird doch keine Narrheit sein, -- _Du_!? * * * * * Wer das Gebet in irgend einer Form wieder in unser Leben zur�ckbringt -- er wird uns Ungeheures wiedergegeben haben. * * * * * Was ist Religion: Sich in alle Ewigkeit weiter und h�her entwickeln wollen. * * * * * Einen Tempel bauen mit der Aufschrift: Dem heroischen Leiden. * * * * * Es gibt keinen gr��eren Stilisator in der Natur als den Tod. Gib das Leben dem Tod in die Hand und du �bergibst es -- seiner Kultur. Selbst mit dem Menschen ist es nicht anders. Je mehr uns der Tod in H�nden hat, desto h�here Kunstwerke werden wir. * * * * * Im Menschen vollendet sich und endet offenbar die Erde. Der Mensch -- ein Exempel der beispiellosen Geduld der Natur. * * * * * Wer mag denn wissen, ob unsere Erde in der Rangstufe der Planeten nicht eine der untersten, niedersten ist? Ob sie der Mehrzahl anderer Wandelsterne nicht etwa vorkommen m�chte, wie einem Paris, einem London der Marktflecken Schildburg, oder wie einem Lionardo sein Hund oder sein Pferd. * * * * * 'Der �bermensch ist der Sinn der Erde' -- das hei�t: der Erde Sinn ist ihr Untergang in -- H�heres. * * * * * Gef�hl von Gnade: seliges Vorgef�hl des uns zum Heil, unserer ganzen Entwickelung nach, Erwartenden -- ohne den _vollen_ Glauben, da� es auch wirklich kommen werde und ohne jeden Glauben daran, da� man es wirklich verdiene. Ein Gef�hl, der objektiven Wahrheit zwar vielleicht nicht entsprechend, aber eine Sch�nheit des Herzens, ein Mehr -- als -- Wahrheit. * * * * * Alles Vollkommene darf angebetet werden, freilich nicht, da� es uns etwas schenke (au�er sich selbst durchs Mittel seiner Sch�nheit), sondern angebetet im Sinne ehrf�rchtiger Liebe. Ja, _dies_ Gebet, als kein Bitten um irgend etwas andres als um die immer reinere Offenbarung der Sch�nheit des Angebeteten soll bleiben, soll als das _neue_ Gebet _wiederkommen_, nachdem wir das alte in uns niedergek�mpft, ohne doch je vergessen zu k�nnen, da� es nicht nur eine Form des gemeinen Bed�rfnisses, nein, noch weit mehr war: eine Form des edelsten Bed�rfnisses der Seele: der Liebe. Als Liebe darf das Gebet wieder auferstehen, frei werden. * * * * * Gott ist der tiefste Gedanke, den der Mensch je gedacht hat. Gott ist der eigentliche Gedanke der Erde, der einzige all unsrer Gedanken, der, geschweige denn in Jahrtausenden, innerhalb ihres, der Erde, ganzen Daseins nicht zu Ende gedacht werden kann. Gott ist die gro�e Frage der Erde, aller Erden: Ihr Leben ihre offenbare zugleich und geheime Antwort. * * * * * Es ist eines der tiefsten Worte: Bei Gott ist kein Ding unm�glich. Gott ist die M�glichkeit aller M�glichkeiten. * * * * * G�ttliches (Theon) immer wieder in unz�hligen Lebenslinien, Lebensl�ufen, Gott werdend (Theos) ... Gott ein ewiger und unendlicher Proze� des Sich-Verlierens und Sich-Gewinnens ... Gott ein ewiges Ringen zahlloser dumpfer und lichter Individuen um Sich, als Sch�nheit der Sch�nheit. -- Sich fortw�hrend auf irgend einer h�chsten Formenstufe als diese gewinnend und besitzend und beschlie�end ... und doch nie _ganz_ und �berall und gleichzeitig vollendet. * * * * * Im Kugelbegriff grenzt sich Gott gegen sich selbst ab. Gott ist, worin dieser letzte Begriff als in seiner h�heren Einheit aufgeht. * * * * * Vielleicht wird jeder Planet so alt, bis er sich selbst erkannt und damit vollendet hat, oder doch so, wie Goethe sagt: der Mensch mu� von einem gewissen Zeitpunkte an wieder ruiniert werden. * * * * * So wie ich -- au�er etwa als mystischer Seher -- den Geistk�rper des Menschen nicht schaue, so schaue ich auch nicht den Geistk�rper der Erde. Und doch mu� auch der Planet als Ganzes seinen Geistk�rper haben und wer wei�, ob er damit nicht Brust an Brust mit Geistk�rpern andrer Sterne lebt, soda� ... * * * * * Ein Kunstwerk sch�n finden, hei�t, den Menschen lieben, der es hervorbrachte. Denn was ist Kunst andres als Vermittlung von Seele. Eine Landschaft sch�n finden, hei�t, uns ihrer als eines g�ttlichen Geschenkes unbekannter M�chte freuen. Dankt meine Ergriffenheit z.B. dem Meere selbst? Nein, sie dankt den sch�pferischen Geistern, der ganzen Natur daf�r, dem sch�pferischen Geist -- des Lebens selber. Interesselos aber ist mein Wohlgefallen am Sch�nen so wenig, da� es vielmehr alles tiefste Sch�pferische in mir aufregt und, indem es ihm Gelegenheit gibt im ausgiebigsten Ma�e 'mitzutun', bis zu einem gewissen Grade zugleich befriedigt. Nur bis zu einem gewissen Grade -- denn �ber dies Befriedigen hinaus bleibt noch -- ob bewu�t oder unbewu�t -- etwas von jener nie ganz gestillten Sehnsucht, die wir allem gegen�ber empfinden, was uns zur Liebe zwingt: die Sehnsucht, es noch mehr, noch besser, noch gr�ndlicher zu lieben, als wir es lieben _k�nnen_, des Wunsches einer noch viel vollkommeneren, sublimeren Liebe, die den Dank wirklich zu erstatten verm�chte, den wir f�hlen. * * * * * Weil wir niemals und nirgends etwas Totem gegen�berstehen, sondern immerdar dem Ausdruck irgendeines Willens -- so ist alles Empfinden die unmittelbare Aufnahme jenes fremden Willens in unsern, auf die jedoch sofort auch seine Wiederaussto�ung folgt, seine Distanzierung, Zur�ckweisung, Objektivierung. -- Das Bild der Welt bietet so im Gro�en und Fortw�hrenden das Bild der -- Liebe, als welche ein ewiger Wechsel zur Einheit zusammenflie�ender Zweiheit und in Zweiheit sich sichselbstgegen�berstellender Einheit ist. * * * * * Jeder konsequente Monismus f�hrt unab�nderlich zum -- Dualismus. Denn eine absolute Einheit vertr�gt der menschliche Geist niemals. Und wo er ihr nicht entweichen zu k�nnen glaubt, wie in Schopenhauer, _verneint_ er. Aus diesem Grunde k�nnte auch die Gottheit ihrer schauerlichen Einheit in Legionen Vielheiten entfl�chtet sein, von zwei Leiden das kleinere w�hlend. * * * * * Die Welt als _Trieb_ und Vorstellung -- diese Fassung h�tte vielleicht manches Mi�verstehen Schopenhauers unm�glich gemacht. * * * * * Die Welt ist nicht blo� Pflanze, oder Tier, sondern -- Mensch! * * * * * Immer wieder Gott zu werden: Ziel aller kosmischen Entwickelungen. * * * * * Beobachte doch, wie alles Menschliche sich fortw�hrend selbstkorrigiert. Wie sich ein ganz bestimmter -- und nicht nur beliebiger oder 'notwendiger' -- Sinn des Lebens entwickelt, vielfach verschleiert, aber immer wieder hervorbrechend, sich immer reiner kl�rend und pers�nlicher enth�llend. * * * * * Wenn wir tausend Jahre wie einen Tag �bersehen k�nnten, so w�rden wir die Entwickelung der Menschheit mit unheimlicher Schnelligkeit sich vollziehen sehen. So aber 'sieht' vielleicht der Planet. Wir sehen nur die Individuen wachsen, er -- die Typen. * * * * * Sollte in immer h�herer Erkenntnis und Liebe (in immer h�heren Formen) nicht die M�glichkeit immer h�heren Gl�ckes liegen? Welche Genugtuungen, wieviel dem�tiger Dank, wieviel namenloser Jubel steht uns vielleicht noch bevor! Denn immer wieder, wenn alles, was ist, sich unaufh�rlich h�her ver- und emporgottet -- wo braucht es eine Grenze zu finden, wo hat Gott -- ein Ende? Solch ein Aspekt aber ist erst einer Gottheit w�rdig: -- der ins Ewige und Unendliche. * * * * * Das Sein, das ist das Unverg�ngliche in uns, das Werden, das, als was wir dahingehen. Wie k�nnen Sein und Werden Gegens�tze sein, wenn sie doch an uns in jeder Sekunde Eins sind, wenn das Ewig Seiende im Ewig Werdenden unaufh�rlich 'ist'! * * * * * Warum sollte dies mein Leben ein Anfang oder Ende sein, da doch nichts ein Anfang oder Ende ist. Warum nicht einfach eine Fortsetzung, der unz�hliges Wesensgleiche vorangegangen ist und unz�hliges Wesensgleiche folgen wird. * * * * * Die Vorstellungen von Lohn und Strafe -- m�ssen sie deshalb jeder tieferen Wahrheit entbehren, weil wir sie heute schroff ablehnen? Was hat sich eigentlich ge�ndert? Da� wir uns heute unser Schicksal mehr oder minder selbst zu bereiten glauben, w�hrend wir fr�her glaubten, da� es uns bereitet w�rde. Ist nicht nur die Optik eine andere geworden, nur die Optik? * * * * * Man soll sich seiner Krankheiten sch�men und freuen; denn sie sind nichts andres als ausgetragene Verschuldung. * * * * * Zukunft! -- un-er-sch�pfliches Wort! O Lust zu leben! O Lust, zu -- -- sterben! * * * * * Wohin k�nnen wir denn sterben, wenn nicht in immer h�heres, gr��eres -- Leben hinein! * * * * * Immer wieder: Nicht so sehr, was wir denken, ist das H�chste. Das H�chste ist das _Denken selbst_. Es allein _verb�rgt_ uns mit eherner Sicherheit den mit uns geborenen Gott. * * * * * -- -- -- An der Pforte steht das Grauen. * * * * * Man versteht den Menschen erst -- sub specie reincarnationis. * * * * * Die Hochzeit zu Kana. Christus verwandelt Wasser in Wein: Was bisher als Wasser (Mensch) gegolten, wird durch sein Offenbarungswort Wein (Gott!). 1910 A. Was, was ist's, was den Menschen vom Christus trennt; sagen Sie mir das, k�nnen Sie mir das sagen? B. Ja, das kann ich. Der _Philister_ in ihm. * * * * * Wir stehen nicht am Ende, sondern am Anfang des Christentums. * * * * * Der Gedanke Gottes mu� freilich der Tod des Individuums sein. Darum h�lt er sich auch im Allertiefsten besser als im Vordergrund auf. * * * * * Die Menschheit ist ein gro�es Kind, dem feindliche M�chte unaufh�rlich neues Spielzeug schaffen helfen, damit es sich nicht wesentlich entbabysiert. Was mu� sie dagegen tun? Das Spielzeug, soweit es irgend geht, -- spiritualisieren, das hei�t sich von ihm nicht materialisieren lassen. * * * * * Wenn du die Lage einer H�tte auf einem Berge betrachtest, so machst du leicht deinen Standpunkt zu dem ihrigen, uneingedenk dessen, da� sich die Welt von da droben ganz anders ausnimmt als von dir aus. Ja, dies verh�lt sich bis zu einem gewissen Grade selbst dann noch so, wenn du dich mit aller Einbildungskraft auf ihren Standpunkt zu versetzen bem�hst. Um einen Standpunkt _ganz_ verstehen und w�rdigen zu k�nnen, mu� man diesen Standpunkt selbst einnehmen oder wenigstens einmal eingenommen haben. Aus diesem Grunde l��t sich alles G�ttliche nicht eigentlich beurteilen, es sei denn von Menschen, die in persona im �ber-Menschlichen zu verkehren verm�gen. * * * * * Die Menschheit schleppt am Boden. Gefesseltes aller, ach viel zu aller, Art. Darunter ab und zu ein Adler. Auch er mit Fu�ring und Bleikugel. Aber ein ander Schauspiel doch, als all das andre. Er gew�hnt das Schleppen nicht, das alle andern mehr oder minder gew�hnen. Er emp�rt sich sein ganzes langes Leben lang, fl�chtet empor, strebt empor, k�niglich und unabl�ssig. Auch er vermag sich nicht wirklich in die Luft zu schwingen -- und das weniger, weil er die Gewichte am Fu� nicht zu heben imstande ist, als weil ihn das ungeheure Gewimmel um ihn nicht los, nicht hoch l��t, -- besser noch, weil er's nicht mit hochziehen _kann_, -- aber er bleibt ein lebendig Memento Coeli, er verliert seine G�ttlichkeit nicht an den Alltag, den Staub und die Stra�e, nicht an den Trott der Millionen. * * * * * Wer das feine zweite Ohr f�r den Souffleur hat, sieht die Geschichte der Menschheit anders an. 1911 Werden wir hier auf Erden nicht schon von sichtbaren Lehrern erzogen und immer weiter befruchtet? Ist irgend ein gro�er Mensch, dem wir etwas verdanken, nicht unser Meister? Ist so das Leben nicht ein fortschreitendes Lehren und Lernen? Und sollte das nach dem Tode der leiblichen Pers�nlichkeit -- aufh�ren? * * * * * Wenn die Menschen sich weiter entwickeln, m�ssen auch ihre G�tter sich mit und weiter entwickeln, all die geistigen Wesenheiten, die an ihnen gearbeitet haben und arbeiten. Der Lehrer, der das Kind bis zu dessen zwanzigstem Jahre geleitet hat, wird dann ebenfalls um zwanzig Jahre gealtert, gereift, weiter entwickelt sein. Wer �berhaupt g�ttliche Demiurgen annimmt, der soll sie nicht als starre G�tzen verehren. * * * * * Wir sollten wohl so vor dem Mysterium von Golgatha empfinden: Nicht nur: ein Gott _opfert sich_ f�r seine Welt. Sondern ebenso: er opfert sich f�r _seine Welt_. F�r seinen eigenen ungeheuren tragischen Sch�pfungsproze�, Sch�pfungskomplex. Oder, um die Majest�t dieses Unausdenkbaren zu mildern: f�r den Menschen, seinen Sohn, seine Tochter. Denn vielleicht ist f�r den Gott, dem die Entwickelung seiner Sch�pfung, seines Gesch�pfes vor Augen steht, die von ihm selbst so verh�ngte und heraufgef�hrte Art und Notwendigkeit dieser Entwickelung ein noch ganz anderer Schmerz, als der seines Kreuzweges und Opfertodes. Vielleicht wird Christus erst dann von uns noch ganz anders ahnungsvoll begriffen werden, wenn wir uns in die Tragik eines Weltensch�pfers zu versenken suchen, dessen Wesen Liebe ist -- stark und unaufh�rlich wie die Sonne --, dessen Wille es ist, selbst�ndige ebenb�rtige Welteng�tter, Weltensch�pfer, durch �onen und �onen heranreifen zu lassen, und dessen abgrundtiefe Weisheit es ist, den Schmerz in allen seinen Graden und Formen als Bildner zu wollen oder doch wenigstens zuzulassen. Glaubst du nicht, da� Sein Leid �ber alle Leiden der Welt das Leid all dieser Leiden �bertrifft, -- denn noch wie anders leidet ein Gott als ein Mensch --? Sollten wir nicht dieses Leiden des Gottes Christus, als Gottes, zu sehr verkennen hinter dem Leid des Gottes Christus, als Menschen, in der Maja des Jesus von Nazareth? * * * * * Es ist ein ungeheures Schauspiel, mit welcher grenzenlosen Freiheit in einem Kosmos, wie dem unsern, alles seine Wege gehen darf. Jede Meinung, jede Handlung ist erlaubt. Jedes Wort, und sei es noch so wunderlich oder verkehrt, kann gesagt werden, jede Urteilsnuance bis zur h�chsten Erkenntnis der Wahrheit hinauf, bis zur tiefsten Schmach der Verblendung hinab darf da sein und ist da und unterliegt keinem andern Gesetze, als dem der allm�hlichen Selbstkorrektur im Sinne einer von Liebe gel�uterten Vernunft. * * * * * Das ist das Fruchtbarste an gro�en Menschen, da� ihr Anblick den, der sie langsam zu erkennen beginnt, bis in den Tod hinein besch�mt. -- Eine Erfahrung, von welcher aus der Mensch ahnen kann, was ein -- Gott f�r ihn sein m��te, wenn er sich wirklich in ihn versenkte. * * * * * Kein gr��erer Irrtum als der: der Mensch sei dazu da, es jemals gut zu haben. Nie gut _haben_ soll er es -- au�er h�chstens, da� ihm die Kraft zu weiteren K�mpfen wachse --; denn sonst 'bek�me' er es nie 'gut'; dann n�mlich, wenn er, nach �onen und unz�hligen Wandelungen, seinen Kosmos absolviert haben wird: Und eine Heerschar Gottes-S�hne mehr zu neuem Schaffen gereift steht. * * * * * Wen Gott lieb hat, den z�chtigt, den -- z�chtet er. Und so ward er die Welt, Sich Selbst zur -- Zucht. * * * * * Die Menschheit hat l�ngst alles empfangen, was zu empfangen ist. Aber sie mu� es immer wieder von neuem und in immer wieder neuer Form empfangen und verarbeiten. * * * * * Die Lehre der Reincarnation z.B., sie ist l�ngst da. Aber sie mu�te eine Weile beiseite gelassen werden -- die ganze europ�ische Zivilisation geht auf dies Beiseitelassen zur�ck. Jetzt hat dieser Zyklus das Seine erf�llt, jetzt darf sie, als eine unerme�liche Wohltat, in den Gang der westlichen Entwickelung wieder eintreten. In einem Sinne, der erst jetzt m�glich ist, zweitausend Jahre nach der Erscheinung des Christus, in einem ganz andern Sinne als je vorher, wird sie jetzt von neuem die Menschheit befruchten, erleuchten, erl�sen. * * * * * Im Grunde gibt es den einzelnen Menschen garnicht. (Er bildet sich's blo� ein.) * * * * * Was reden wir von den alten �gyptern, Persern, Indern. Reden wir doch von _uns_ alten �gyptern, Persern, Indern! Oder, wenn Jakob B�hme bei der Erschaffung der Welt dabei war, war er dann bei der Entstehung der Veden abwesend? * * * * * Die Menschen sind heute so weit gesunken, da� sie sich 'genieren' vom Wesentlichsten ihres und alles Lebens zu reden. Gott, Christus, Unsterblichkeit sind in gewissen Kreisen so verp�nt, wie in andern Hemd, Hose, Str�mpfe; es geh�rt nicht zum guten Ton, nicht zum savoir vivre, sie nicht v�llig zu ignorieren. Nur der 'wei�' heute zu 'leben', der in der Tat nicht mehr wei�, was leben hei�t. * * * * * Ahnten die M�tter, wie ganz anders eine Mutter ihr Kind anblickt, die sich den Lehren der Wissenden in rechter Weise erschlossen, -- nicht Eine w�rde damit unbekannt bleiben wollen. * * * * * Mein Gott, mein Gott, in jeder Sekunde geschieht irgend etwas andres Uns�gliches auf Erden -- und die Menschen wollen es nicht anders und die Menschen wollen es nicht anders. Denn sonst w�rden sie ihr Leben anders einrichten, sonst w�rden diese Schmetterlinge endlich Ernst zu machen versuchen. Auf welcher Stufe steht noch der Mensch! Wie noch viel furchtbarer wird er leiden m�ssen, damit er nicht als Mumie im Weltall bleibt, damit Gott in diesem gef�hrlichen Sch�pfungsabenteuer nicht zu Schaden kommt. Als ich noch jung war, da dachte ich, die Zeiten des Leidens l�gen mehr hinter uns als vor uns. Jetzt sehe ich fast nicht ein Ende. Zu viele Seelen gibt es, zu viele. Der Fall in die Materie war zu tief -- * * * * * Man glaubt heut, der Mensch stamme vom Tiere ab. Wie aber, wenn umgekehrt die Tiere Ableger der Menschheit w�ren, zur�ckgebliebene Menschheit, voreilige, vorwitzige, und deshalb in einem zu fr�hen Zustand festgehaltene Menschheit? * * * * * Jede Sch�pfung ist ein Wagnis. * * * * * Ich hatte mich in 'Gott' verloren. Aber Gott will nicht, da� wir uns in ihm verlieren, sondern da� wir uns in ihm _finden_, das aber hei�t, da� wir Christus in uns und damit in ihm finden. Da� du den Christus in ihm, da� du dich als Christus in ihm findest. 1912. Wer in das, was von G�ttlich-Geistigem heute erfahren werden kann, nur f�hlend sich versenken, nicht erkennend eindringen will, gleicht dem Analphabeten, der ein Leben lang mit der Fibel unterm Kopfkissen schl�ft. * * * * * Der 'Glaube' -- und dem entsprechend der Unglaube -- an Gott geh�rt einer gewissen Periode der Menschheit an: er ist -- im tiefsten Ernst gesprochen und den Begriff Humor so geistig wie m�glich gefa�t -- ein Kapitel ihres unfreiwilligen Humors. Es handelt sich in Wirklichkeit allein um das von Gott m�gliche Ma� von Wissen. Nicht um Gottesglauben, sondern Gottesforschung, Gotteswissenschaft. * * * * * Der Mensch will schon lange genug wieder frei werden von der nur f�nfsinnlichen Beschr�nkung, die zu seinem Wachstum allerdings notwendig war, die er aber doch niemals ganz verlernt hat als ein Joch und eine Schulung zu empfinden, daraus er eines Tages wieder hervorgehen werde, wie er eines Tages hineingegangen ist: als einer, der aus Geisteswelten hinabgestiegen ist und zu Geisteswelten wieder hinansteigt. Er _will_ es, -- und wer einmal gef�hlt hat, was der Wille des Menschen bedeutet, der wei� auch, da� vor diesem Willen, wenn der Tag der Reife gekommen, die Tore der alten Heimat sich auftun, wie von magischer Hand ber�hrt. Er wei�, da� alles im Himmel und auf Erden ihm entgegenw�chst, wenn es so weit ist; da� er nicht mehr zu darben braucht, wenn das Ma� seiner Pr�fungen voll ist. Denn war auch Kant ein gro�er Lehrer und Erzieher, wie viele Lehrer- und Erzieherstufen sind vom Kant-Menschen noch aufw�rts, bis dahin, wovon es hei�t: La Somma Sapienza e il Primo Amore. * * * * * Man denkt und empfindet heute nicht �ber die n�chsten zehn, hundert, bestenfalls einigen hundert Jahre hinaus. Als ob uns, Erscheinungen der Ewigkeit, die Ewigkeit unserer Zukunft nicht gerade so anginge, wie unsere n�chsten Jahrhunderte, ja, als ob diese nicht allein aus jener richtig bestimmt werden k�nnten. * * * * * Werden wir krank, weil es einem pl�tzlichen Gewitterregen oder einem herabrutschenden Dachziegel so gef�llt? Oder weil unsere Eltern krank waren oder weil rings um uns Krankheit herrscht? Oder weil wir uns selbst die Krankheit irgendwie verschrieben haben, auf da� sie uns von etwas Schlimmerem, von einer Leidenschaft, oder einem Irrtum etwa -- heile? Vor der Geburt schon verschrieben, aus einer, obzwar nicht minder individuellen aber zugleich viel h�heren Weisheit und Erkenntnis, als deren wir uns in unserer gegenw�rtigen Wiederverk�rperung bewu�t sind? * * * * * Man spricht gern von dem sinnlosen Tod eines Einzelnen, von den unschuldigen Opfern einer Katastrophe. Aber besser w�rden nur solche Anschauungen als sinnlos oder unschuldig empfunden. Man sollte sich des Wortes Sinnlosigkeit vor und in einem Kunstwerk, wie es das All ist, entschlagen und sich zwingen, das Verst�ndnis einer jeden Erscheinung lieber vergeblich heranzuwarten, als sie als alogisch zu verleumden, innerlichst davon durchdrungen, da� am Ende doch mehr Weisheit im Kosmos herrschen d�rfte, als dem eigenen Kopf just offenbar, ja, da� ein Kosmos sinnvoll nach dem Sinne solches Aburteilens und Besserwissens aufgebaut, sicherlich schon in seinem allerersten Anfange wie ein Kartenhaus zusammengest�rzt w�re. Was, ebenso, die Unschuld der Opfer anbetrifft, so kann ein Mensch nicht deshalb kurzerhand unschuldig genannt werden, weil er einer Katastrophe zum Opfer f�llt. Er hat freilich gemeinhin vorher nicht gestohlen, aber selbst das Durchschnittsbewu�tsein glaubt -- gesetzt es handelt sich nicht um Kinder -- so leicht nicht an einen schlechtweg schuldlosen Menschen. Ein h�heres Bewu�tsein verwirft den Begriff der Schuldlosigkeit ganz, vorbeh�lt jedoch noch die Unschuld des Kindes. Eine dritte Einsicht wei�, da� auch dem Kinde nicht Unschuld, im letzten Verstande, zugesprochen werden kann, da es als seelisch-geistiges Wesen keine Neugeburt, sondern eine Wiederverk�rperung ist, also ein volles Ma� von eigenem Menschlichen vom ersten Tag an in sich birgt und weiter auszuwirken hat. F�r dies Bewu�tsein gibt es keine unschuldigen Opfer, keinen sinnlosen Tod, ihm l�st sich alles in von allertiefstem Sinn durch- und �berwaltete -- wenn auch deshalb nicht weniger tragische -- Enwickelung auf. * * * * * Die Menschen sollen einander lieben, aber damit ist nicht gesagt, da� ihnen dies nicht so schwer wie m�glich gemacht wird und fallen soll, denn es gibt keine wohlfeile Liebe. Es gibt nirgends im Kosmos des Kreuzes billige Errungenschaften, und wie w�re er sonst auch seines Meisters und seiner Bestimmung w�rdig. * * * * * Von wie vielen geistigen �berwindungen und Siegen hat mancher Mensch schon gelesen und geh�rt, wie viele Dichter und Weise und Religionsstifter und -- G�tter haben f�r ihn gelebt und sind von ihm kennen gelernt und wohl auch erlebt worden! Und doch f�llt in der Stunde eines schweren Schicksals alles von ihm ab und nur sein eigen Los und Leid steht vor ihm, und nichts gilt dann mehr, nicht einmal Gott. Was half ihm nun sein ganzes geistiges Leben w�hrend langer Jahre, ja vielleicht Jahrzehnte? Nichts: denn er hat es nicht mit seinem Innenleben verkn�pft, verbunden, verm�hlt, er war zu wenig re--ligi�s. Er wuchs nicht zusammen mit jenem H�heren. Und so hat er jetzt auch keinen Halt an ihm und bekommt keine Kraft von ihm -- und steht jetzt so arm wie am Anfang, ja �rmer als zuvor. * * * * * 'Hat die Religion eine Zukunft?' So gut, wie derjenige, der so fragt, eine Zukunft hat, in der er, wie zu hoffen steht, solchen Fragestellungen entwachsen sein wird. * * * * * Die Geschichte der Menschheit ist ein Ringen der Konsequenz gegen die Inkonsequenz (resp. Dumpfheit) und die Konsequenzlosen. Alle Konsequenz f�hrt zu Gott, alles, was darunter, in Maja. 1913 So wie der winzige Same in die Erde f�llt, um die Urpflanze zu wiederholen und nicht nur zu wiederholen, so ist der Mensch ein Samenkorn Gottes. Die Sonne aber, die ihn reift, ist Christus. * * * * * 'Und Sie glauben wirklich, da� dort oben im blauen Himmel Geister und G�tter herumspuken?' 'Sie spuken dort nicht herum, sondern sie wirken und schaffen von dort und �berall her an uns und der Welt und sie spuken so wenig herum, wie es hier in dieser Tanne oder dort in jenem Berge 'herumspukt'. Weder Tanne noch Berg sind ohne geistige Erbauer, geistige Erhalter, geistige Weiterbildner denkbar, noch mehr, sie sind integrierende Bestandteile, Glieder, Leibesteile (wie Sie wollen) geistiger Wesenheiten.' * * * * * Wenn man eine Geschichte der Weltliteratur aufschl�gt, so scheint alles in sch�ner Einheitlichkeit vor einem zu liegen. Die �lteste wie die neuste Dichtung sind ohne Weiteres auf die gleiche Quelle zur�ckbezogen, n�mlich auf den Menschen, so wie man ihn heute versteht, einen Typus, den man nach dem Bilde der gegenw�rtigen Menschheit geschaffen und als ungef�hren Normaltypus f�r alle Zeiten und L�nder festgesetzt hat. Die Wirklichkeit jedoch kennt keinen solchen Generalnenner. Der Mensch verwandelt sich fortw�hrend und steht in den verschiedenen Zeitaltern in verschiedenem Zusammenhang mit der geistigen Welt. Er war seiner nicht immer so bar wie heut, aber er ist dies selbst heute nicht in dem Ma�e, wie angenommen zu werden pflegt. Ja noch mehr, er ist im Begriff, ihn langsam wieder zu gewinnen, und beh�lt damit, da es im Licht seiner vollen Vernunft geschieht, der Welt ein noch nie erlebtes Schauspiel vor: das Bewu�twerden seiner, des Menschen, des menschlichen Geschlechtes, selbst, als, um es so auszudr�cken, einer f�r sich besonderen kosmischen Hierarchie. Da� die Welt eine -- richtig verstanden -- Gedachtheit Gottes ist, erscheint uns nur darum so fremd, weil _unsere_ Gedanken so bla� und schemenhaft sind. Wenn wir denken, so denken wir Schatten. Gott denkt Realit�t. In Ihm ist daher Denken und Welt eins. * * * * * Man mu� Gott schon in Zwei teilen, wenn seine sch�nste Empfindung, die Liebe, nicht allerletzten Endes Selbst-Liebe sein soll. * * * * * Ist dies nicht alles Sch�pfung, merkw�rdige, wunderliche Sch�pfung? Dieser Schrank, diese Bettstatt, dieses ganze Zimmer? Ist nicht dies alles aus Einem Grundgedanken heraus entstanden, aus Einem mathematischen Grundgedanken? Stimmt darin nicht alles irgendwie zusammen? Und von diesem Gedanken: da� dies alles Sch�pfung aus dem Nichts ist! -- ist es da noch weit zu dem Gedanken eines Sch�pfers und ganzer Reiche und Stufenfolgen von Helfern desselben -- noch weit zu dem Gedanken, da� hinter allem und jedem -- Geist steckt und nicht blo� alleiner, unterschiedloser Geist, sondern differenzierter, tausendf�ltig gearteter, gestufter Geist? Ist vom Staunen �ber Mensch, Tier, Pflanze und Mineral mehr als ein Schritt zum Ahnen unsichtbarer Wesenheiten und davon mehr als ein Schritt zum Glauben, da� es Lehren und Lehrer geben k�nne, nein, zur �berzeugung, da� es Lehren und Lehrer geben -- m�sse, in jene Geisterwelt offenen Sinnes hineinzudringen ... NACHWORT Die Vorarbeiten zu diesem Buch hat Christian Morgenstern noch selbst besorgt. Am weitesten gef�rdert von seiner Hand war der Abschnitt: 'Tagebuch eines Mystikers', den er urspr�nglich in einen vorwiegend autobiographisch gedachten Roman aufnehmen wollte. Mir blieb die Aufgabe, das vorhandene, zumeist noch �ber viele Taschenb�cher verstreute Material nach seinem, �fter ausgesprochenen Plan zu sichten und dem bestehenden Rahmen einzuf�gen. Er sagt in einem Vorwortfragment f�r diese Sammlung: 'Es liegt mir nicht daran, mit diesen durch Jahre gehenden Notizen ein neues B�chlein Aphorismen zu anderen zu geben. Es liegt mir nicht daran, mich irgendwie als Mystiker oder dergleichen herauszustellen. Zweck dieser Bl�tter ist allein der, aus einem St�ck Entwickelung das zu lernen zu geben, was ein St�ck Entwickelung nun eben zu lernen geben kann.' Diese Absicht w�re zweifellos noch eindringlicher verwirklicht worden, wenn der Verfasser selbst die Gestaltung des Buchs h�tte vollenden k�nnen; ganz abgesehen davon, da� dann auch im Einzelnen mancher der S�tze �berarbeitet worden w�re. F�r einen Zeitraum von fast sieben Jahren (1898 bis 1904) haben sich die Aufzeichnungen bisher noch nicht auffinden lassen. Der Charakter dieser mehr skeptischen Periode ist jedoch durch etliche Aphorismen des vorliegenden Bandes immerhin noch angedeutet. Den Freunden meines Mannes, Friedrich Kay�ler und Michael Bauer, die mir bei der Herausgabe behilflich waren, sei auch an dieser Stelle gedankt. _Breitbrunn_ am Ammersee, November 1917 _Margareta Morgenstern._ INHALT Autobiographische Notiz In me ipsum Natur Kunst Literatur Theater Sprache Politisches Soziales Kritik der Zeit Ethisches Lebensweisheit Erziehung Selbsterziehung Psychologisches Erkennen Weltbild: Anstieg Episode, Tagebuch eines Mystikers Am Tor Nachwort des Herausgebers