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VON DER SEELE
Essays
CARL LUDWIG SCHLEICH
1922
INHALT
Der Rhythmus
Humor
Schlaf und Traum
Unterbewu�tsein
Seelische Hemmungen und Schmerzen
Der Sitz der Seele
Instinkt und Spiel
Temperament
Tierseele und Menschenseele
Glaube und Wissenschaft
Rausch
Die Musik als Erzieherin
Mutter Erde
�ber Gr�bchen und Falten
Das Wunder der Wundheilung
Das Mysterium der Ern�hrung
Die Haut als ein Organ der Seele
DER RHYTHMUS
Wenn ich es wage, nach einer Zeit langen Reifens die Frucht stiller
Gedanken den Lesern dieser Abhandlungen darzubieten, so geschieht es
gleich bei meinem ersten Thema mit einem besonderen Zagen. Es ist nicht
die Furcht vor dem gewohnheitsm��igen �bersch�umen, eines
wissenschaftlich vielleicht tadelnswerten Subjektivismus, die mich
zweifelhaft macht, ob es mir gelingen wird, ein Interesse f�r das
Gebotene zu wecken, als vielmehr eine gewisse, nicht zu �berwindende
Ehrfurcht vor dem Thema selbst, die immer wieder die einsamen Versuche,
mich seinem letzten Sinn zu n�hern, zur�ckgeworfen hat. Ist doch das
Feld des Rhythmischen f�r jeden Denkenden ein heiliges Land, ein stiller
Hort der letzten Geheimnisse. Ahnen wir doch alle, da� seinen dunklen
Hainen die Quellen entrauschen m�ssen, die allen Erscheinens, allen
Bewegens, allen Lebens unermessene Str�me speisen! Statt trocken
aufzuz�hlen, was alles f�r unser letztes Streben und f�r unsere letzten
aus dem Geschehen abstrahierten Gesetzm��igkeiten dem Rhythmus
unterliegt, dem Rhythmus, diesem wogenden Wellen von Sein und Nichtsein,
von Stirb und Werde der Bewegung, von Aufb�umen und Verl�schen
tiefinnerlichster Triebe, statt diese endlose Kette der rhythmischen
Beziehungen trocken aufzuz�hlen, kann man k�hn fragen: was ist denn
eigentlich nicht rhythmisch?--und es gibt auf diese Frage nur eine
Antwort: Es ist nichts ohne Rhythmus! Wo etwas Arhythmisches sich zeigt,
da ist es schon in Gefahr, vom R�derwerk des Weltallgetriebes
zentrifugal aus den Bahnen geschleudert zu werden, falls es nicht
schleunigst wieder sich einf�gt in den Rhythmus der Gesamtheit. Je
weiter unser Wissen oder sagen wir besser unser Glaube an unser Wissen
sich vorwagt in die Labyrinthe geheimsten, nicht mehr am lichten Tage
offenbarten Geschehens des kosmischen und irdischen Getriebes, um so
mehr erkennen wir, da� wir vor dem Rhythmus wie vor einer letzten
Schwelle anlangen, welche menschliches Verstehen von g�ttlichen Gesetzen
trennt. In der Tat, das Rhythmische ist wohl der tiefste und
grundumfassendste Gedanke, den wir der sch�pferischen Natur nachzudenken
verm�gen; hier beim Rhythmischen, das wir in den Bewegungen der
gigantischen Weltk�rper nicht weniger am Werke sehen, als in den
wirbelnden Atomen der sich zu Kristallen formenden Schneefl�ckchen,
d�rfen wir uns allerdings einem letzten Geheimnis, einem unsern
Menschenhirnen beinahe greifbaren Ahnen von einem verst�ndlichen Sein
des Weltganzen erschreckend nahe f�hlen. Wir atmen gerade hier im
Rhythmischen gleichsam mit den Atemz�gen des Weltganzen; das Rhythmische
ist die zuckende Scheinwerferbeleuchtung, in dessen Licht wir alles
Erkennbare sich abspielen sehen, ja es ist vielleicht die einzige
gemeinsame Kette, die uns, die Betrachter mit dem Betrachtbaren, an ein
letztes unbekanntes Ewiges bindet. K�nnen wir uns doch das Chaos nur
vorstellen als einen Gegensatz zum Rhythmus, also nur negativ, n�mlich
durch das Fehlen alles Rhythmischen in dem Kosmos, und insofern ist Hans
v. B�lows Paraphrase auf Faust �im Anfang war der Rhythmus� ein
verbl�ffend moderner, tiefgreifender Gedanke. Hier ist eine M�glichkeit,
wenigstens auf dem Umwege der Wahrscheinlichkeit sich der Gewi�heit zu
n�hern. W�rde doch sicherlich der endliche Fortfall alles Rhythmischen
aus dem All die Welt ins Chaotische zusammenst�rzen lassen. Der Rhythmus
ist der Pulsschlag des Kosmos, der lebendige Atemzug des Alls, der alles
mit Bewegung weckendem Odem durchstr�mt. Und, wie unser pers�nliches
Leben in Staub sinkt, wenn Puls und Atmung aufh�ren, so m��te auch die
Welt sterben, wenn ihr Rhythmus stillst�nde! Wie sollte nicht eine
ehrfurchtsvolle Scheu jeden befallen, der es wagen will, auch nur einen
Zipfel zu heben von dem tiefverschleierten Geheimnis? Und doch ist das
Problem ein so recht modernes, immer wieder uns in jeder neuen Epoche
unserer technischen Klassizit�t greifbar vor Augen ger�cktes, da� es an
der Zeit erscheint, einmal auch die Stellung der menschlichen Seele zu
dem Rhythmus des Weltganzen, ihr Eingespanntsein in die zuckenden,
rollenden Rahmen, in die sich her- und hinschiebenden, unendlich gro�en
oder unendlich kleinen Weberspulen des Weltalls zu untersuchen und die
Rolle des geschwungenen Mikrokosmus in konzentrischer Anpassung an den
schwingenden Makrokosmus einer zusammenfassenden Betrachtung zu
unterziehen. Mein Thema, die Psychophysik des Rhythmus, soll also nicht
so sehr sich mit dem Wesen des Rhythmus befassen, obwohl ich einer
solchen Definition nicht auszuweichen gedenke, sondern es soll im
wesentlichen feststellen, inwieweit auch unser seelisches Geschehen,
unser F�hlen und Denken, unsere Ethik und �sthetik, unser Handeln und
Schaffen, unsere Liebe und unser Ha�, Sympathie und Reaktion vom
Grundgesetz des Rhythmischen beeinflu�t und beherrscht werden, um daran
die psychophysischen M�glichkeiten zu erw�gen, welcher Mechanismen wohl
die Natur sich bedient, um unsere menschliche Seele den kreisenden
Ringen des Ganzen einzuf�gen. Da� bei der unendlichen Reihe der
Beziehungen der Psyche zum Gesamtrhythmus diese Betrachtung nicht
ersch�pfend, sondern ein Versuch, eine Skizze, vielleicht nur eine
Anregung sein kann, bedarf wohl nicht einer besonderen Begr�ndung.
Schon mehrfach habe ich versucht, eine Art philosophischen
Glaubensbekenntnisses abzulegen, das in dem Satze wurzelt: _Die
treibende Kraft des Weltganzen ist f�r den Menschengeist ewig
unerkennbar, undefinierbar, unverst�ndlich, kann niemals der Gegenstand
wissenschaftlicher Analyse sein. Was wir von ihr zu verstehen glauben,
ist nur ihr Verh�ltnis zu den wechselnden, erforschbaren, variierbaren
Hemmungen, die ihr eingeschaltet sind, bzw. die wir ihr selbst k�nstlich
einschalten, um dann ihre von den Widerst�nden erzwungenen �u�erungen zu
studieren_. Die Kraft, an sich einheitlich und unzertrennbar, �berall
und unverg�nglich, allgegenw�rtig und allm�chtig, wird zu einem sich nur
scheinbar selbstwandelnden, metamorphisierenden, irisierenden Proteus,
nicht aus eigener spielerischer Variationslust, sondern die Hand der
Hemmung zwingt sie, ihr Gewand von Fall zu Fall zu wechseln. _Die Art
der Widerst�nde bestimmt die Art der �u�erung der an sich
unver�nderlichen Urkraft_.
Die gesamte Physik ist nichts als eine Lehre von den Widerst�nden. Die
Chemie ist ebenso nichts als eine Lehre von der Variabilit�t der
K�rpereigenschaften unter der Variabilit�t der Bedingungen, unter denen
sie aufeinander wirken. Wir wissen z.B. nichts vom Wesen der
Schwerkraft, wir studieren aber ihre Gesetze am Widerstand, welche den
fallenden Kr�ften die verschiedenartig abge�nderte Luft entgegensetzt.
Wir w��ten nichts von der Elektrizit�t, wenn wir nicht gelernt h�tten,
der Gesamtkraft spezifische Widerst�nde einzuschalten, welche sie
zwingen in einer Form sich zu �u�ern, welche wir elektrisch nennen. Die
Art, in welcher die Kraft die Hemmung durchbricht, ihr ausweicht, um sie
herumzukommen sucht, ist entscheidend f�r die neuen Eigenschaften,
welche die unendlich variable Urkraft anzunehmen bef�higt ist. Die Faust
der Hemmung und des Widerstandes ist es, welche dem Weltganzen Form und
Richtung gibt und welche auch in dem Organischen als Gesetz der
variablen Bedingungen, als Anpassung an die Widerst�nde des Milieus ihre
universelle Macht t�glich mehr erkennbar entfaltet. Wir werden uns ewig
umsonst bem�hen, das Wesen irgendeiner Kraft zu analysieren, es gibt
keine Erforschung von dem eigentlichen Agens der Welt--sein f�hlbares
Dasein verdichtet unser Denken zum Gedicht, zur Andacht, zum Glauben,
die Kraft und ihr religi�ser Name "Gott" ist darum kein Gegenstand
wissenschaftlicher Analysen. Was aber um so erfolgreicher der
menschlichen Erkenntnis unterworfen ist, was in gewissem Sinne sogar
unserer experimentellen, k�nstlichen Ab�nderung der Weltbedingungen
unterliegt, das ist die Hemmung, die Lehre von den Widerst�nden: das ist
eigentlich das Problem aller Wissenschaft. Die Lehre von der Macht der
Hemmungen ist eins der Grundgesetze der Weltmechanik. Hier hat auch die
Definition von dem Sinne des Rhythmus im Weltganzen einzusetzen, wenn
sie bis zu den erkennbaren Grundanschauungen, gleichsam bis zu den
M�ttern des Wissens vordringen will.
_Der Rhythmus ist n�mlich eine Art Kompromi� zwischen Kraft und
Widerstand_, ein wechselseitiges Gegeneinanderprallen, Sichausweichen,
Sichfliehen und -finden, ein harmonisches Spiel von Energieentfaltung
und Hemmungsbet�tigung, das Sichumkreisen und Sichumsprudeln zweier nie
ganz vereinbarer Gegens�tze; der Rhythmus ist gleichsam eine Ehe
zwischen Kraft und Hemmung, die in Harmonie nur durch ein st�ndiges
wechselndes Nachgeben des einen und des andern zu erhalten ist. Der
Rhythmus bekundet die immer hin- und herschwankende Bilanz zwischen dem
Ja und Nein des Lebens und der Bewegung, er ist ein immer hin- und
herpendelnder, wechselnder Wert zwischen Plus und Minus, eine an- und
abschwellende Diagonale im Parallelogramm von Kraft und Widerstand. Und
seine eigentliche Ursache? _Die Aktivit�t der Kraft auf der einen Seite
und die Elastizit�t der Materie auf der andern_. Die Kraft, nach allen
Seiten gleichm��ig aktiv, geht gegen den Stoff gleichsam an, um ihn aus
dem Wege zu schleudern, er weicht aus, verdichtet sich, diese
Verdichtung komprimiert sein innerstes Gef�ge, wodurch wiederum der
Widerstand erh�ht wird, den er der Kraft bietet, so da� diese nicht wie
eine Welle den Schlamm langsam durchrinnt, sondern wie eine Woge vom
starren Felsen sch�umend zur�ckgeworfen wird. Aus diesem Anprall, dieser
Verdichtung der Materie und dem Wachsen ihres r�cksto�gebenden
Widerstandes setzt sich der Rhythmus, dieser Tanz zwischen Aktion und
Hemmung, zusammen. Das Herz der Welt, die Kraft, treibt seinen Strom in
alle Adern, die ihm die Widerst�nde lassen, und alle Str�me rinnen,
abprallend und abgeschleudert vom Widerstande des Alls, zur�ck in ihre
anf�ngliche, urewige Quelle. Das ist der Kreislauf der Kraft, das ist
der Puls der Welt, der Rhythmus!
War das Gesetz des Rhythmischen, der "ewigen Wiederkehr" aller Dinge vom
Sternenhimmel her, von Tag und Nacht, von Schlaf und Wachen, von Ebbe
und Flut, von Jahreszeiten, von Krankheiten und St�rungen des
Wohlbefindens, von Geburt und Tod, von Saat und Ernte, von Wind und
Wetter, von Ha� und Liebe--kurz von jeder Form der Polarit�t her
bekannt, die einzig auf unsere Sinne zu wirken imstande ist, und hat man
zu allen Zeiten in dem Bewegten leicht und schon in den Kinderschuhen
der Wissenschaft dies Gesetz des metrischen Bewegungswiederholens,
dieses Pendelns der Erscheinungen sinnf�llig beobachtet, so ist doch
erst den neuesten Forschungen �ber Elektrizit�t, n�mlich der Lehre von
den Ionen und Elektronen, die Anschauung zu danken, da� auch die
festesten K�rper der Erde nur scheinbar fest sind, da� wir annehmen
m�ssen, im inneren Gef�ge des starren Steins eines Felsens kreisen
Milliarden kleinster Teilchen mit einer so unendlichen Schnelligkeit und
einer so vollkommen harmonischen Gleichm��igkeit, da� unseren Sinnen so
ein innerlich von rasender Bewegung durchstr�mter K�rper eben fest nur
_erscheint_, �hnlich wie ja auch das scheinbar festeste Ding der Welt,
die Erde, in Wirklichkeit in sausendem Rhythmus der Selbstdrehung und
der Drehung um die Sonne dahinrast. Es gibt schlechterdings vom heutigen
Standpunkte aus nichts Festes mehr, sondern alles ist rhythmisch bis in
die mikroskopischen Skelettgef�ge hinein, mehr oder weniger in
schwingender Bewegung, so da� der Unterschied der Aggregatzust�nde der
K�rper, fest, fl�ssig, luftf�rmig, sich als ein ganz �rmlicher
Schulmeisterkniff herausgestellt hat, um den braven Faustlehrlingen
statt des Brotes der Wahrheit den Stein gr�bster Sinnent�uschung
hinzureichen. Es m��te f�r einen phantasiebegabten Mathematiker eine
seltsam lockende Aufgabe, wie ein letzter Triumph des mathematischen
Gedankens sein, f�r jeden sogenannten festen K�rper die Idealformel
finden zu wollen, gewisserma�en die unendlich schnell rotierende lineare
Kurve darzustellen, die, um ihre Achse sich drehend, dem Auge nicht
minder wie der tastenden Hand den Eindruck des K�rperlichen hervorruft.
Nach _Gra�mann_ hat jede auch noch so komplizierte Form, jeder Kristall,
aber auch jede amorphe Gestalt eines K�rpers gewisserma�en ihr ideelles
Rotationsskelett, ebenso wie etwa eine Kugel entstanden gedacht werden
kann durch einen Komplex unz�hliger konzentrischer Kreise, welche alle
in den verschiedensten Achsen sich um- und durcheinander drehen. H�tte
Gra�mann doch die Zeit der elektrischen Analyse der Atombewegung erlebt,
die uns zwingend gelehrt hat, da� tats�chlich alle Eigenschaften der
Stoffe, auch ihre Form, Folgen unendlich variabler, rhythmischer
Atomschwingungen, kleinster symmetrisch bewegter Stoffteilchen, der
aktiven Elektronen, sind! Wir wissen jetzt mit aller Bestimmtheit, da�
durch diese gleichm��ige, bis in das feinste K�rpernetz ausgedehnte,
symmetrische Atombewegung Farbe, Gef�ge, Aussehen und das ganze Heer der
physischen und chemischen Eigenschaften der K�rper bedingt ist. Wir
Modernen wissen also auch, da� der Rhythmus somit auch im Unsichtbaren
oder auch nur Erschlie�baren, selbst in der Idee der Dinge seine Macht
entfaltet. Die Wellen, die das Meer aufwirft und am Widerstand der D�ne
verrinnen l��t, nur um im mikroskopischen Gef�ge des Sandes, der Luft,
der Pflanzen, der Tiere ihren Rhythmus weiter zu spinnen, sie
durchrauschen auch das Meer der Luft, als Licht und Ton, als
Elektrizit�t und W�rme in unendlich variabler Gestalt, und alles dies
Bewegte, Wogende, Wellende ist nichts als die Urkraft "�ther", von dem
Urwiderstand, in unausdenkbaren Variationen zu kleinsten K�rperchen
zusammengeballt oder zerrissen, die wiederum in unbeschreibbar
zahlreichen Bewegungskurven sich untereinander umkreisen und tats�chlich
nicht den Gegenstand stofflich ausmachen, sondern ihn immer kreisend,
rollend, kurven- und wellenbildend jeden Augenblick von neuem bilden. Es
sind Weberschiffchen, goldene Eimer, Tautr�pfchen des Alls, die nach
ewigen Gesetzen ihres Daseins Kreise mit Bewegung vollenden, und
zugleich ist hier das Webende das Gewebte, der sch�pfende Eimer ist der
Trank, der Tropfen die neue Quelle! Die ganze moderne Elektrizit�tslehre
ist nichts als ein Hymnus auf den schwingenden �ther, aus dessen
unendlich variabler Bewegungsschnelle um den Widerstand des K�rperlichen
alle Form und alle Bewegung geboren wird. Es k�nnte dem Denker
schwindeln bei der Vorstellung, da� das Sandkorn mit seinen Milliarden
schwingender �therkl�mpchen nichts mehr und nichts weniger ist als ein
Weltall f�r sich, ein Weltall mit einem geschlossenen System sich
umrasender Sterne, wenn nicht dieser Gedanke zugleich etwas unendlich
Befreiendes h�tte. Es gibt eben kein Gro� und Klein in der Welt, die
Sorgfalt des Gesetzm��igen war nicht um ein Titelchen weniger intensiv
beim Aufbau des Eiskristalles als bei der Komposition des
Planetendiadems um den Edelstein Sonne. Weder im Gr��ten noch im
Kleinsten kennt die Natur eine Begrenzung, und jedes neue
Untersuchungsmittel erweitert nur den Kreis der Probleme nach oben ins
Gigantische, nach unten ins Winzigste! Also sind auch wir, die Menschen,
denen die Sonne Augen schuf, um sie zu bewundern und in ihren Strahlen
Leid und Gl�ck dieser Erde zu beweinen oder zu bejauchzen, also sind
auch wir genau soviel wert und wichtig wie die Sonne selbst, aber auch
das Sandkorn ist ihr und uns gleich wert. Lehrt diese Lehre nicht eine
grandiose Piet�t nicht nur gegen das Mitlebende, sondern auch gegen das
Mitunbelebte?
Da es nun also feststeht, da� aus allem Sichtbaren und Unsichtbaren
(alles als physikalisch bewegte Materie gedacht) ein unendlich
komplizierter Bewegungsrhythmus sich gleichsam herauskristallisieren
l��t, da es nun auf der Welt nichts Unbewegtes und nichts Arhythmisches
geben kann, so mu� auch das Organische dem Gesetze des Rhythmus in
gleicher Weise unterstellt sein. Und in der Tat ist ja die Lehre von der
Determination nur eine Variation von der rhythmischen Abh�ngigkeit auch
alles organischen Geschehens vom Rhythmus des Weltganzen. Was wir
Geschick oder Zufall nennen, ist immer nur der Schnittpunkt, wo der
Rhythmus des inneren Lebens mit dem Rhythmus des �u�eren zusammentrifft.
Wenn man sagt mit Darwin, das Organische hat sich den wechselnden
Bedingungen angepa�t, so kann man das bis in die gleichsam
mikroskopische Denkweise auch so ausdr�cken, da� der Rhythmus der
organischen Substanz in Bewegung sich, um lebensf�hig zu sein, stets dem
Rhythmus der Gesamtheit einf�gen mu�te. Leben konnte also nur bestehen
in gleichsam konzentrischer Einf�gung des Einzelrhythmus in den
kosmisch-tellurischen Gesamtrhythmus. Wenn dieser Allrhythmus variierte,
so mu�te also auch der Sonderrhythmus folgen, und so l�st sich f�r uns
die Entwicklungslehre auf in eine Lehre von der variablen Hemmung als
eigentlicher Gestalterin der Variationen der Lebenserscheinungen, welche
stets dem Hemmungsfortfall der Weltbewegungen als Ganzes gedacht
unweigerlich folgen mu�ten und noch m�ssen. Solche Hemmungsfortf�lle und
rhythmischen Variationen sind nun im All und auf Erden durch Versinken
und Erl�schen zahlloser Welten direkt erweislich, und ich bekenne mich
in diesem Sinne ohne Z�gern zu einer Art moderner Astrologie, wonach das
Organische sehr wohl seine Bildungsvariationen dem kosmischen Geschehen
verdanken kann und wonach die Form der Lebewesen, die Entwicklung neuer
Arten vielmehr buchst�blich im Himmel beschlossen wird als auf unserem
winzigen Planeten. Der mechanische Weg dieser Abweichungen wird uns
einzig und allein verst�ndlich mit dem Bilde der rhythmischen
Einbeziehung alles Mitbewegten in den Strudel des Weltganzen, der in den
Nebeln des Orion nicht weniger am Werke ist als bei der Bildung einer
Emulsion aus Fett und Wasser oder dem Zusammenr�hren einer Mayonaise.
Der Weltallsrhythmus weist auch dem Organischen Pole und �quator zu und
gibt ihm, seinem eigenen gewaltigen Takte eingef�gt, das
stabil-harmonische Gleichgewicht. Zu diesem Gleichgewicht geh�rt, was
meines Wissens noch nie betont ist, auch die Form, die, wie wir nun
gezeigt haben, ja sich mit Hilfe der Elektronenlehre sehr wohl auffassen
l��t als in direkter Abh�ngigkeit von der Rhythmik der Atome.
Die gesamte Morphologie wird sich einst aufl�sen lassen in eine ideelle
Rhythmologie! Wie aber sollen wir uns �berhaupt die Rhythmik des
Organischen vorstellen? Wie konnte sich vom anorganischen Kreisen der
Materie, gleichsam gegen den Gesamttakt, die Synkope des Lebens
losl�sen?
Nun, die Wissenschaft der Kristallisationen und der Kolloidalsubstanz,
die Chemie der Eiwei�vorstufen der Peptone und Albumosen erkennt einen
prinzipiellen Gegensatz zwischen belebter und unbelebter Substanz schon
lange nicht mehr an. Mit Fug und Recht kann man jetzt schon von einem
Kristalleben sprechen, wie von Ha� und Lieben der Elemente. Die
Wahlverwandtschaft im _Goethe_schen Sinne ist l�ngst ein chemischer
Begriff, und schon lange hat man das L�cheln verlernt �ber den alten
_Fechner_, welcher k�hn den Sternen und auch der Erde alle Kriterien
lebendiger Wesen zusprach. Aber trotz allem bleibt dem organischen Leben
deutlich ein Sonderrhythmus �brig, der mit der vielleicht nur
scheinbaren Freiheit der Bewegungen der belebten Materie eine
Ausnahmsstellung vom starren und konstanten Rhythmus des Anorganischen
sichert. M�glich, da� keine anderen Gesetze im Organischen walten als im
Unorganischen, eine durchgreifende, prinzipielle Variation des
Kr�ftekreises mu� doch stattgefunden haben, damit die Materie zum
Stoffwechsel, zur Eigenbewegung, zur Fortpflanzung, schlie�lich zum
Denken gelangte.
Ich will hier der Versuchung widerstehen, ein neues M�rchen der
Sch�pfungslehre auszuspinnen und es den wundervollen Dichtungen der
Bibel und dem Traum _Goethes_ und _Darwins_, dieser beiden Patriarchen
des Entwicklungsgedankens, anma�lich anzureihen--um ein M�rchen mit dem
Beginn "es war einmal!" kommen wir ja bei den Sch�pfungsphantasien nie
herum, denn kein Mensch wird je wie Mephisto ausrufen k�nnen: "wir waren
selbst dabei"--: ich will nur auf die M�glichkeit hinweisen, da� ein
Fortfall kosmischer Hemmungen bestimmend gewesen sein kann f�r eine bis
dahin neue, aber doch im Wesen der allm�chtigen Kr�fte liegende Variante
kompliziertester Rhythmen, die wir eben Leben nennen.
Unter der Faust der Hemmungen mag sehr wohl das rhythmische Gef�ge des
Anorganischen unendlich konzentriert und zu besonders dichter, latenter
Energie in den Stickstoffverbindungen zusammengepre�t, gleichsam zu
einer unendlich komplizierten Kraftspirale aufgezogen und verankert
worden sein, bis dann wieder durch himmlisches Geschehen die letzte
Hemmung der aufgespeicherten latenten Kr�fte fortfiel: gleichsam wie
lebendiges Gew�rm hervorquillt unter einem erhobenen Stein, wo es zuvor
dem Auge unerreichbar in Fesseln lag, oder wie ein Schl�ssel, ein Funke,
ein Schlag, ein Sprung eines Kessels Dinge sind, die aufgespeicherten
Energien Gelegenheit zum Hervorbrausen gewaltiger Spannungen
Veranlassung gibt. Schlie�t nicht die befruchtende Samenzelle, das
Spermatozoon, am Ei mit goldnem Schl�ssel die Hemmungen auf, so da� sich
die verborgenen Wunderwerke des Leibes auftun und emporbl�hen zu
k�niglichen Thronen des Lebens und der Gedanken? Schl�ft nicht alles
Leben im Mutterscho� wie Dornr�schen in den Hecken, bis ein einziger
Ritterku� den hemmenden, bannenden Zauberschlaf hinwegscheucht? In sich
geschlossen, in immer gleichem Rhythmus um sich selber kreisend, liegen
die anorganischen Bausteine wie in einer undurchdringlichen
Zauberkapsel, bis der Keim der Befruchtung eindringt, die Hemmung
aufschlie�t und sich das Werk vollendet. Was ist denn Zeugung und
Ern�hrung anderes, als ein ewiger Austausch verschiedenartigster
rhythmischer Spannkr�fte auf kleinstem Raum der Zellsubstanzen
zusammengepre�t, ein dauerndes Kartenmischen tierischer und pflanzlicher
Rhythmentr�ger durcheinander? Was ist Arzenei- und Giftwirkung anders,
als das Eingreifen aufgesammelter, von der Sonne akkumulierter
Spannkr�fte in die Rhythmen des organischen Geschehens? Wie kann eine
Au�enkraft dem inneren Gef�ge anders n�tzen, als indem sie Schwungkraft
den ermattenden Rhythmen hinzuf�gt? Das Leben wird nur vom Leben
gepeitscht, getrieben, emporgehoben wie der brodelnde Schaum der
Fl�ssigkeiten, in die ein Tr�pfchen S�ure f�llt. Auch in chemischen
Verbindungen werden Hemmungsketten fortgerissen, damit latente Kr�fte zu
neuen Formenkreisen sich stabilisieren. Ich will das berauschende Bild,
wo Rhythmus sich zum Rhythmus gesellt, um neue Formen hervorzubringen,
nicht weiter ausspinnen, es gen�gt mir, die M�glichkeit betont zu haben,
da� das Leben nichts ist als eine neue, durch Hemmungsfortfall
erm�glichte rhythmische Wellenform der sogenannten unbelebten Kr�fte. In
diesem Sinne kann in der Tat das Leben rhythmisch als eine Synkope des
Weltallrhythmus, als eine Sondertaktbewegung, nur scheinbar losgetrennt
von der Symphonie des Ganzen, definiert werden. Es mag einen langen
Schlaf gehabt haben im ewigen Barbarossagrab: der Felsen brach, die
Hemmung fiel, und die junge Majest�t des Organischen stieg auf den Thron
der Erde.
Wenn wir diese Anschauungen in uns lebendig werden f�hlen, so mu�
nat�rlich zwingend das Motiv des Rhythmischen in allen Phasen des
menschlichen Betriebes, k�rperlich und geistig, nachweisbar sein. Es ist
l�ngst bekannt, welche Rolle die Periodizit�t im K�rperlichen und
Geistigen spielt, wie die ganze Summe physischen und psychischen
Geschehens in unserem Leibe und unserer Seele in dauernder Abh�ngigkeit
vom Rhythmus ist, von dem wiederum gar nicht anders zu denken ist, als
da� er in Harmonie mit dem Welttakte sein mu�, um nicht einfach
hinweggefegt zu werden vom Schwungrad des Kosmos, wie ein
Sonnenst�ubchen vom wehenden Atem. Ich will niemand behelligen mit der
Aufz�hlung aller physiologischen und pathologischen Periodizit�ten, den
Bedingungen des Pulsschlags und der Atmungszahl, den periodischen
Sekretionen, Schlaf und Wachsein, Pubert�t und Adynamie, Ein- und
Ausgabe der Nahrungsmittel, nicht mit der Rhythmik der Schmerzanf�lle,
der Kr�mpfe, der Zuckungen, Wallungen und Blutungen, ich will nur
verweilen bei dem psycho-physischen Grundgesetz des Rhythmischen auch im
menschlichen Leben und will den Mechanismus zu ergr�nden suchen, auf dem
sich auch dieses psycho-physische Geschehen auf einem Widerspiel
zwischen Aktion und Hemmung, als dem eigentlichen Grunde der Rhythmik,
aufbauen l��t. Ich mu� hier bemerken, da� ich alles seelische Geschehen
in Abh�ngigkeit setze von einer Aktion der Nervenstr�me und einem
Hemmungsmechanismus, einer Art periodischer Isolation durch die
Neuroglia, bzw. von dem sie durchstr�menden Blutsafte, welcher ja nach
_Ritters_ Untersuchungen aus _Biers_ Schule in der Tat stromhemmende,
Nervenerregungen einbettende Kraft hat. Danach ist es leicht, sich
vorzustellen, da� das mit dem Herzpulse einstr�mende Blut periodisch die
Ganglien au�er Kontakt setzt und da� die Pause der Herzbewegung
diejenige Zeit ist, innerhalb welcher die Ganglien Anschlu�freiheit
besitzen. Die �rzte wissen, welche Rolle Blutmischungsanomalien f�r die
Art der Anschl�sse im Gehirn spielen, wie ein verd�nntes, hemmungsarmes
Blut naturgem�� zu Erregungen und Unruhen, �ngsten und Wahnvorstellungen
und Schmerzempfindungen disponiert; wie Hunger und Krankheit, ver�nderte
innere Sekretion ein ganzes Heer abnormer Nervenst�rungen hervorrufen
kann. Sie wissen alle, wie die Herausnahme der Schilddr�se unter
�berladung des Blutes mit Hemmungss�ften, wie bekannt, auch den
geistreichsten Menschen zu einem Idioten machen kann. Wir wissen, da�
die Nebennieren einen Stoff produzieren, welcher selbst auf peripheren
Nerven die allerenergischste Stromausschaltung zuwege bringt, und den
Irren�rzten ist bekannt, wie wichtig ein normaler Hemmungsmechanismus
f�r den Bestand der Seele ist.
Es kann keine Frage sein, da�, wenn der Blutsaft die ihm von mir
vindizierte Kraft der Ein- und Ausschaltung besitzt, das eigentliche
Wesen der Pers�nlichkeit, das Temperament eine Frage der rhythmischen
gr��eren oder geringeren Reaktionsf�higkeit der Nervenzentren sein mu�,
da� die Zahl der aufgenommenen Eindr�cke and ihre Verarbeitung zu
Vorstellungs- und Willensimpulsen in direkter Abh�ngigkeit von
rhythmischen Individualit�ten sein mu�, die wiederum in Abh�ngigkeit von
der rhythmisch ein- und ausschaltenden Saftf�llung des Gehirns steht.
Der alte Volksglaube von dem leichten und schweren Blute findet hier
also seine durchaus plausible wissenschaftliche Begr�ndung; das
Menschenherz ist nicht nur die grobmechanische Druckpumpe f�r
Blutbewegungen, es spielt in seinen rhythmischen Zuckungen auch f�r das
Nerven- und Gem�tsleben eine wichtige, wenn auch bisher noch wenig
gew�rdigte Rolle. Aber noch in einem ganz anderen Sinne ist die
Herzbewegung der eigentliche Manometer der harmonischen Einstellung des
Nervenlebens in den Gesamtrhythmus aller Erscheinungen. Schon _Ernst v.
Baer_ hat die geistreiche Frage gewagt, wie wohl unsere Wahrnehmungen
sich anders gestalten w�rden, wenn wir nicht, wie jetzt, in einer
Sekunde etwa zehn Einzelwahrnehmungen zu apperzipieren f�hig w�ren, in
einem Zeitraum, der durchschnittlich genau �bereinstimmt mit dem Ablauf
eines Herzpulses, und er hat plausibel gemacht, da� schon die F�higkeit,
innerhalb einer Sekunde etwa 30 Beobachtungen machen zu k�nnen, uns
zwingen w�rde, das ganze Weltbild anders zu sehen. Wir w�rden die
Flintenkugel als einen Strich, alle Himmelsk�rper als leuchtende Kreise
wahrnehmen k�nnen, und w�rden von jedem Sinne her der Welt als total
anders erkennende Wesen gegen�berstehen. Wir k�nnen jetzt hinzuf�gen,
da� wir schon mit blo�em Auge die festen Gegenst�nde nicht mehr als fest
bezeichnen k�nnten, sondern da� wir etwas von ihrer innerlichen,
rasenden Bewegung wahrzunehmen verm�chten. Wir sind also mit unserm
rhythmischen Spiel von Puls- und Nervenaktion einerseits und
Sinneseindr�cken andererseits so in den Rhythmus des Ganzen eingestellt,
da� unser Harmoniegef�hl direkt abh�ngig ist von diesem rhythmischen Ma�
unserer Wahrnehmung in Sekunden. Nat�rlich erkl�rt sich auf diese Weise
am einfachsten das "Zeitliche" im Begriff alles Rhythmischen. _Zeit ist
eben die mit dem Ma� unseres eigenen rhythmischen Wahrnehmens gemessene
und empfundene Bewegung des Alls._ Das f�hrt uns direkt zu einem
Verst�ndnis des _�sthetischen_.
Wir haben nur von denjenigen Rhythmen der Au�enwelt den Eindruck des
Lebenf�rdernden, Erhebenden, Daseinsteigernden, welche sich dem Rhythmus
unserer inneren Aktionen harmonisch einf�gen, richtiger, sofern wir sie
in uns harmonisch zu verschmelzen imstande sind. Daseinsteigernd im
�sthetischen Sinne sind eben nur diejenigen Rhythmen, welche unserm
pers�nlichen Sinnesrhythmus synchron zu verbinden sind bzw. ihn ohne
Widerstand und Disharmonie zu erh�hen imstande sind.
Das schlie�t nicht aus, da� auch der Konflikt der Rhythmen au�er uns mit
denen in uns als Kontrastempfindung nach vollzogenem Ausgleich
lusterh�hend, doch nur indirekt wirken kann, aber im allgemeinen ist zu
einer �sthetischen Freude die Einf�gung der lusterweckenden Rhythmen in
den Rhythmus unserer Nervenstr�me unerl��lich. Insofern hat alles
deutlich erkennbar Rhythmische einen erheiternden, erhebenden,
freudewirkenden Einflu�, �berall besteht ein geheimes Verh�ltnis seiner
Schwingungszahl zur Schwingungszahl unserer Nervensubstanz, mag das nun
an einer sch�ngeschwungenen Linie, an einem Akkord, an einer
Farbengebung, an einem Wohlgeruch oder an einem Hautgef�hl sich
bet�tigen. Die Rhythmen der sch�nen Dinge m�ssen einf�gbar sein in die
Rhythmen unserer Sinnesschwingungen, um �sthetisch zu wirken, das ist
das Grundgesetz der Kunst, so variabel f�r den einzelnen, weil eben
diese innenwirkende Schwingungszahl eine durchaus pers�nliche Gleichung
ist. Ist in diesem Verh�ltnis doch auch der eminente Einflu� alles
Rhythmischen, seine suggestive �bertragbarkeit begr�ndet. Der Redner,
der Dichter, der Schauspieler rei�t mich darum in seinen Bann, weil dem
Schwungrad seiner Begeisterung alle meine Seelenr�der sich im geheimen
Gleichtakt einstellen, und ich bin im Bann eines jeden Menschen, dessen
seelische Schwingungen mich gleichsinnig zu bewegen imstande sind. Die
ganze Macht der Imitation, ja der �hnlichkeiten, beruht auf diesem
Einstellungsverh�ltnis zwischen Au�enwirkung und Innenbewegung. Und
fragen wir, auf welchem Wege diese Rhythmusakkomodation sich abspielt,
so gibt es nur einen erkennbaren Weg des Ausgleiches zwischen
Wahrnehmung und innerer Anpassung, der ist die Marconiplatte des Nervus
Sympathicus, dessen enormen und oft blitzartigen Einflu� auf
Herzbewegungen und Gef��spannungen die �rzte lange kennen. Hat aber die
Herzbewegung Einflu� auf unsere Ein- und Ausschaltungen im zentralen
Nervengebiet, so ist der Kontaktkreis geschlossen: der sympathische
Au�enweltrhythmus erh�lt seine rhythmische Konsonanz im Innern. Die
Vorg�nge sind also viel mechanischer, als man gemeinhin anzunehmen
geneigt ist. Ein z�ndendes Wort, eine schlagende Formel, eine leuchtende
Wahrheit hat oft die Kraft, unser ganzes Innere blitzartig zu erhellen,
weil sie Spannkraft genug hat, die schlummernden Wellen unserer Seele
mit rhythmischem Lichte zu durchbrausen. Dem metrischen, sch�n gef�gten
Wortreiz liegt oft eine verborgene Harmonie zu unserem Atmungsrhythmus
zugrunde, und es w�re eine dankbare Untersuchung, festzustellen, wie aus
den m�glichen Atmungsvarianten sich die Versma�e herleiten lassen. Ist
doch nicht, wie _B�cher_ meint, die Arbeit der Vater des Rhythmus und
der Musik, sondern ist doch vielmehr der Rhythmus der Arbeit mit dem
typischen Niederschlag des Hammers in der Exspirationspause, also beim
Ausatmen, und das Ausholen beim Einatmen eben die direkte Folge des
Atmungsrhythmus, so da� dieser selbst f�r Melodie und Rhythmus des
Gesanges den Ursprung bedeutet. Rhythmus und Arbeit sind beides nur
Funktion�re unserer Atmungsmechanik, die C�suren einer Melodie sind
urspr�nglich die naturgem��en Pausen zum Atemholen.
Wir wissen, da� es Schwingungen der Luftwellen gibt, welche von einer
solchen rhythmischen Schnelligkeit sind, da� wir sie mit dem Ohre allein
nicht wahrnehmen k�nnen. Wir h�ren nicht mehr das Geigenspiel gewisser
Zikadenarten, trotzdem es mit Kunsthilfe wahrnehmbar und berechenbar
ist, �hnliches mag bei vielen anderen Sinneswahrnehmungen der Fall sein,
so da� schon aus diesen Tatsachen der Satz sich herleiten l��t, der
Rhythmus unserer Nervenschwingungen �bermittelt uns nur einen Teil der
Weltallsrhythmen, und dieses Verh�ltnis l��t uns die M�glichkeit nicht
von der Hand weisen, da� es Menschen mit einer Feinheit der
Sinnesrhythmen geben mag, welche mehr Dinge wahrnehmen, als der
Durchschnitt.--Haben wir bisher im wesentlichen die rhythmischen Wogen
betrachtet, welche von den brausenden, chaotischen Kraftwellen stammen,
die die Au�enwelt gegen die seelischen Gestade wirft in nimmer ruhendem,
vom Weltallsodem gepeitschtem Wogenspiel, so bleibt uns noch �brig, dem
rhythmischen Hin- und Hergleiten der inneren, scheinbar aus eigenem Herd
geborenen, summenden und kreisenden Nervenspindeln zu lauschen. War
schon der Mensch als organisches Wesen in seiner Gesamtheit aufzufassen
als ein System rhythmischer Durchflutungen f�r sich, abgetrennt vom
Kraftspiel der anorganischen Masse, so ist noch viel mehr seine Seele
eine f�r sich und vielleicht einzig dastehende, still verschlossene
Kammer wunderbaren rhythmischen Spiels, die ihn in eigener Weise
bef�higt, mit den Eindr�cken der Au�enwelt innen frei zu schalten und zu
walten. Haben nicht auch diese seine der Phantasie zugeborenen
T�tigkeiten ihre offenbare, zwingende Beziehung zur Rhythmik? Ist nicht
eigentlich die Phantasie die Gabe, sich mit allen seinen Gedanken in den
Rhythmus des Andern au�er uns, sei es Mensch, Tier, Pflanze oder ein
Unbelebtes, selbst ein Gedachtes, hineinzuversetzen? Wo w�re der
K�nstler, der einen Gegenstand voll und �berzeugend darzustellen
verm�chte, wenn er nicht zuvor v�llig eins geworden w�re mit dem
Rhythmus und der Wesensart des Darzustellenden, der nicht aufjauchzte,
wenn er sein eigenes inneres Empfinden, die Schwingungen des
pers�nlichen Ichs verschmelzen f�hlt mit dem erschauten Objekt? Das ist
aber nur m�glich, wenn er gleichschwingend den Einklang f�hlt, in dem
der Rhythmus des Gegenstandes mit der eigenen inneren Rhythmik
verschmilzt. Sich "hineinversetzen" hei�t doch nichts anderes, als sich
das Gef�hl des Anderen und sei es eines Gegenstandes einzuverleiben mit
Hilfe der Phantasie und so selbst Lebloses mit dem Strom des eigenen
Lebens betrachtend zu erf�llen. Wehe dem K�nstler, der nicht rhythmisch
verschmilzt mit dem Objekt, das er darstellen will: er mu� ein Stein
sein k�nnen, wenn er ihn malt, eine Blume, wenn er ihres Kelches
Sch�nheit herbeizaubern will, ein Kind, wenn er sprechen will, wie
Kinder sprechen, und eine Wolke, wenn er mit ihr seine Lieder wandern
lassen will. Der echte K�nstler steckt in Woge und Wald, die er malt,
ist K�nig und Bettler, wenn er sie darstellt, hat ihren Stolz und ihren
Hunger, tr�gt ihren Szepter und ihren Bettelstab.
Wie reich macht doch die Phantasie, indem sie den Verwandlungsmantel
�ber unsere Seele legt, so da� schlechterdings nichts unerreichbar wird!
Aber auch der Wissenschaftler, der Entdecker und der Erfinder wird
niemals zu neuen Offenbarungen gelangen, wenn nicht die Intensit�t
seines Einf�hlens in die Materie ihn bef�higt, den Rhythmus des zu
Schauenden bis zu dem geheimen Motor der kreisenden Atome zu erfassen
und das Geschaute auch anderen, weniger Einf�hlungsf�higen zu
�bermitteln. Wo w�re der Redner, der Erzieher, der Prophet, der wirken
k�nnte ohne diese rhythmische Durchdringung seiner Lauscher, ohne die
F�higkeit Strudel der innersten Bewegung zu erzeugen, in welchen
Zweifel, Furcht, Eigenliebe versinken, wie Holzst�ckchen in den
gurgelnden Schlund! Wie w�re eine Ethik denkbar, die sich nicht den
Rhythmus des h�herstehenden, anbetungsw�rdigen Ideals zu eigen machte,
das uns die Phantasie als lockendes Ziel eines k�niglichen Gef�hls der
inneren Harmonie vorh�lt?
Wie k�nnte man Liebe erwecken, wenn nicht ein Gleichstrom siegenden
Wollens die Geliebte mit berauschendem Wort in den Feuerstrom
entfesselter Leidenschaften hineinrisse?
Ich bin am Ende meiner Ausf�hrungen. Wollte ich alle Beziehungen des
Rhythmischen zur Seele auch nur aufz�hlen, so w�rde wohl kaum ein Gebiet
seelischer Aktionen unerw�hnt bleiben. Ich mu� mich mit diesen kurzen
Andeutungen begn�gen.
Der Rhythmus ist der Allbeherrscher alles physischen und psychischen
Geschehens. Der Puls des Universums schl�gt in allem, was ist und lebt.
Das Gehirn der Menschen ist ein Gestade nur, das er mit ewigem
Wellenliede umrauscht, eine Harfe nur, auf der er seine Sonnenlieder und
Schattenklagen singt, ein Prisma nur, durch das seine hellen und dunklen
Lichtwellen zitternd jagen und das, vielgestaltig und zu buntem
Strahlenb�schel zerstreut, den umgeformten Rhythmus wieder in das All
zur�cksendet. War Rhythmus der Pendelschlag von Kraft und Hemmung, so
ist die Seele ein diesem Pendelspiel spezifisch eingeschalteter,
organischer Widerstand. Nicht die Lebenskraft ist das Besondere, der
Kraft kann noch unendlich viel Wunderbareres vorbehalten sein als der
Menschengeist,--sondern die eigent�mliche Hemmung, die die Weltkraft
zwingt, sich in uns so r�tselhaft zu spalten, ist der Gegenstand
wissenschaftlicher Betrachtung. Wo sich die Weltkraft entz�ndet an der
atomistischen Reibefl�che des Organischen, da blitzt das Leben auf und
erlischt wie der Meteorstein, der aufgl�ht, wenn sein Sturz ins Chaos
hineinger�t in die sausenden Rhythmen der irdischen Atmosph�re.
HUMOR
Die Menschheit hat stets um so mehr Worte �ber eine Angelegenheit
gemacht, je weniger sie von ihr begriff. Und die Wissenschaft, diese
bed�chtige Frau Registratorin, die alles Menschliche, fein s�uberlich zu
Millionen Aktenb�ndeln geordnet, in den Schubf�chern der �ffentlichen
Bureaus einer k�niglichen Logik aufbewahren l��t, um nur hier und da die
Aktenst��e anders zu gruppieren und dabei viel Staub aufzuwirbeln,
bezeugt, was jeder Katasterbeamte schon lange wei�: je dunkler ein
Proze� ist, desto h�her t�rmen sich die ihn behandelnden Dokumente. So
kann ich denn auch nur die Manuskriptensammlung derer, die sich den Kopf
�ber die drolligste Sache der Welt, �ber das Lachen, zerbrochen haben,
um ein Exemplar vermehren, nat�rlich ohne jeden Anspruch, damit den
Zauber von dem neckischen Spiel der Seele zu nehmen oder gar das heilige
Lachen als einen ganz profanen Vorgang zu entlarven. Ich will nur
versuchen, einige Gesichtswinkel zu zeichnen, unter denen man den Humor
und die humoristischen Zust�nde von einer Seite beleuchten kann, die
vielleicht neu und reizvoll genug ist, um die Aufmerksamkeit derer, die
schon �ber diese Dinge nachgedacht haben, vor�bergehend festzuhalten.
Dabei mu� ich verzichten, nach wissenschaftlicher Autoren Art die lange
Reihe der geistigen V�ter von vor und nach Christi Geburt, die einmal
�ber dasselbe Thema gestolpert sind, herzuz�hlen, um endlich zu einem
eigenen K�rnchen Wahrheit zu kommen, das ich in den literarischen
Riesenscheffel hineinzuwerfen entschlossen bin.
Die meisten bisherigen Arbeiten �ber den Humor, diese "lachende Tr�ne",
�ber das "umgekehrt Erhabene" (Jean Paul), �ber die "real�sthetische
Gestalt des Metaphysischen" (Bahnsen), �ber die "Kontrastempfindung"
(Kant) usw. scheinen mir an dem kardinalen Fehler zu leiden, das
Psychische bei dieser Form der Gem�tsverfassung vor dem rein physischen
Akt der Humors�u�erung, in Summa dem Lachen in allen Formen,
unberechtigt weit und vorschnell in den Vordergrund geschoben
zu haben. Was uns zun�chst nottut, ist eine gen�gende, rein
physiologisch-funktionelle Definition der Vorg�nge im Gehirn und im
Muskelapparat, die eine humoristische Stimmung hervorrufen und
begleiten. Eine rein mechanische Betrachtungsweise der materiellen
Vorg�nge im Seelenorgan gibt erst eine einigerma�en sichere Basis, von
der aus auch das rein Seelische im Humor �berschaut werden kann. Ich
will daher mit einer Analyse der allgemein �blichen Ausdrucksform
humoristischer Zust�nde beginnen, dem Gel�chter. Erst nach einer
Darstellung vom Wesen des Lachens in allen seinen offenen und
versteckten Arten kann es m�glich sein, auf das in der Seele einen
R�ckschlu� zu machen, was diese besondere Form unserer bebenden
Atmungs- und Zwerchfellst�tigkeit veranla�t.
Nach der trockenen und kategorischen Ausdrucksweise der Physiologie ist
das Lachen eine automatische, direkt nicht dem Willen unterliegende,
rhythmische Muskelaktion im Gebiet der Atmungst�tigkeit, begleitet von
gewissen mimischen Funktionen der Gesichtsmuskeln und besonderen
Gem�tszust�nden. In der Tat: das herzhafte, reine, typische Gel�chter
ist durchaus unwillk�rlich und nur schwer durch Willenst�tigkeit zu
hemmen, wie unsere Erfahrungen noch von der Schulbank her beweisen: "Zu
lachen ist am sch�nsten, wenn man es nicht darf." Da kommt es zu ganz
explosiven, gewaltsamen Ausbr�chen des Vulkanes �ber unserm Zwerchfell,
deren Unwillk�rlichkeit etwas Verbl�ffendes, Elementares, Unhemmbares an
sich tr�gt. Es ist also eine affektive, von dem Willen unabh�ngige, von
dem jeweiligen Gem�tszustande erzwungene, rhythmisch-muskul�re Handlung,
wie sie �hnliche unter weniger erfreulichen Umst�nden die Ohrfeige, der
Dolchsto�, der Faustschlag, oder aber das G�hnen, das Niesen, das Husten
sind. Das Zentralorgan erleidet etwas, das, wie wir sehen werden, in
einer besonderen Spannung von Vorstellungen besteht, deren Umsatz in
unhemmbare Muskelt�tigkeit ebenso vor sich geht, wie die Tabaksprise
in der Nasenschleimhaut zu einer allm�hlich zentral ausgel�sten
Reizh�he f�hrt, d.h. die Nase kitzelt, bis ein Orkansto� der
Ausatmung unwillk�rlich sich erhebt, mit dem Zweck, die l�stigen
Naseneindringlinge an die Luft zu setzen. So gibt uns der Humorist
gleichsam eine geistige Prise, die durch eine Lachsalve ausgeniest
werden mu�. Gute Erziehung und gro�e Energie verm�gen zwar hier und da
diesen psychischen Nieseffekt zu unterdr�cken, aber die Seele ist
verschnupft, wenn sie von ihrem angestammten Naturrecht, sich herzlich
auszulachen, keinen Gebrauch machen kann. Ist so die gew�hnlichste Form
des Lachens eine passive, so werden wir auch gleich Modifikationen
kennen lernen, bei denen das Lachen einen direkt aktiven, aufreizenden,
provozierenden Charakter, wie im h�hnischen Angriff, gewinnt. Betrachten
wir zun�chst eine Person, die _unwillk�rlich_ lachen mu�. Was tut sie?
Unter Nackenstellung des Kopfes, bei ge�ffneten N�stern, breiter
Mundstellung, zugekniffenen Augen und unter Inanspruchnahme s�mtlicher
Atmungsmuskeln, auch der auxill�ren, der sogenannten Reservemuskeln f�r
besonders ausgiebige Atmung, vollzieht sich an ihr schnell
hintereinander: erst eine tiefe Einatmung, eine unwillk�rliche
sogenannte Inspiration, dann verharrt sie einen kurzen Augenblick auf
der H�he dieser Funktion, d.h. gleichsam erwartungsvoll h�lt der
Betreffende mit der Atmung inne; diese setzt f�r eine Sekunde aus (wobei
weder aus- noch eingeatmet wird), etwa wie der S�nger, der vor dem
Einsatz seine Lungen voll Luft gepumpt hat, wartet, bis er den Strom
durch den Kehlkopf passieren l��t. Hat dieser Zustand der
Vollbereitschaft der Lungen zur Entladung eine kurze Zeit gew�hrt, so
schlie�en sich die Stimmb�nder krampfhaft zu, und nun folgen unter
rhythmischen Zwerchfellszuckungen periodische Sprengungen der
Stimmritze, wobei die beiden festgeschlossenen Stimmb�nder durch
die Blasebalgst��e, die das Zwerchfell auf die gef�llten Lungen
aus�bt, Zug um Zug gezwungen werden, nachzugeben. Die Glottis, der
Stimmbandverschlu�, wird gesprengt; und, immer von neuem sich krampfhaft
schlie�end, bringen wiederholte Zwerchfellersch�tterungen sie zu immer
neuer Explosion. Dabei steht der Schalltrichter oberhalb des Kehlkopfes,
also der Rachen, die Mundh�hle, der Zungengrund, in sogenannter gr��ter
Resonanzstellung, d. h. in maximaler Weite; um mit den Gesangslehrern zu
sprechen, in A-Stellung. Darum ist die Grundvokalisation des Lachens ==
a vorhanden, und der Hauch der ausgepre�ten Luftst��e macht daraus ha,
ha, ha! Diese Lachresonanzist individuell verschieden durch pers�nliche
Rachen- und Gaumenbildung, ist abh�ngig von der Resonanz eines
kleinen oder gro�en Kehlkopfes, von dessen Tief- oder Hochstand. So
nuanciert ein heller Tenortimbre das ha, ha zu hae, hae; und das
Schneider-meck-meck-meck ist durchaus der Ausdruck der fadenscheinigen,
zart gebauten Konstitution dieses Ritters von der Nadel, wie das tiefe
Bariton-Ao der Wucht des Schmiedes und dem Ernst des Priesters eigen
ist. Die helle Kopfstimme der Kinder und der Frauen schafft das
Silberlachen der Soprane, das s�� wie Zaubergl�ckchen klingen kann, und
die tiefe Resonanz der Altistinnen ergibt, ebenfalls aus dem Bau der
individuellen Klangbildner, den weihevollen sonoren Timbre, in dem sich
Stolz mit schluchzender Wehmut paart. Dieses Spiel der Einatmung,
Verharren auf der Atmungsh�he, sto�weise Ausatmen unter Glottissprengung
und Vokalklang bei gleichzeitiger Beteiligung mimischer Aktion:
Mund�ffnung, A-Stellung der Lippen, Winkel- und Gr�bchenbildung der
Wangen, N�sternspiel, Augenschlu� und T�tigkeit aller auch bei der
Atemnot mobilen Hilfsmuskeln, wiederholt sich in schneller Folge
mehrmals hintereinander, bis oft nur der physische Schmerz der
maltr�tierten Leibespresse Einhalt gebietet: "H�ren Sie auf, ich kann
nicht mehr, ich platze." Dabei ist zu bemerken, da� Tr�nenstrom nicht
allzu selten diesen die h�chste Lebenslust bet�tigenden Akt begleitet.
Wie merkw�rdig: h�chste Lust und das Symptom des Schmerzes verbunden in
einer Funktion! Wir werden sehen, wie diese Br�derschaft von Freud und
Leid beim Lachen ein Wegweiser zum Verst�ndnis des ganzen Vorganges
werden kann. Es ist nicht Zufall, da� man weint, w�hrend man lacht. Hier
steckt einer der Schl�ssel zum Verst�ndnis des Humors.
Halten wir zun�chst fest: das Lachen ist ein automatischer Vorgang, eine
affektive Handlung rhythmisch-muskul�rer Atmungst�tigkeit. Welche
Stellung hat dieser Vorgang im Haushalt physischer Arbeit?
Um diese Frage zu beantworten, mu� ich erstens Analogien herbeiziehen
und zweitens mich auf den Weg entwicklungsgeschichtlicher Analyse
begeben. Da� auch andere affektive Spannungen im Gehirn mehr oder
weniger rhythmische Muskelaktionen in Szene setzen, beweist, da� auch
bei anderen als den humoristischen Motiven im Gehirn die
explosiv-elektrische Ladung, gleichsam die Seelenz�ndung, den
Muskelapparat in Bewegung bringen kann. Was ist die Affekthandlung
�berhaupt anderes als die Entladung von ungehemmten Seelenspannungen auf
das Muskelgebiet?
Viele energische Reize treffen vor der Affekthandlung, im Spiel der
Motive, das Gehirn; es vermag nicht gleich im logischen Gebiet Herr der
Problemstimmungen zu werden und die entstandene Qual in Logik, Phantasie
oder Willensaktion aufzul�sen; eine ungem�tliche Spannung entsteht, bei
gleichzeitigem Kampf verschiedener, unhemmbarer Vorstellungen: "Was soll
ich tun, was lassen?" Unorientiertheit, Verbl�fftheit, Abwehr und
Duldung, Stachelung, Trieb und Gegentrieb prallen in der Seele
aufeinander: nach dem Gesetz der Erhaltung der Kraft mu� auch jeder
psychische Reiz seinen logischen oder muskul�ren Ausgleich finden, denn
es _gibt gewi� ebenso ein psychisches �quivalent, wie es ein physisches
gibt_. Wie benimmt sich da ein also um Rat Verlegener: er pellt an den
Lippen, dreht den Schnurrbart, durchw�hlt die Haare, trommelt an den
Fensterscheiben, stampft mit den F��en, l�uft unruhig auf und ab, hin
und her, d.h. er versucht seine Affektspannung im Gem�t durch Umsetzung
in Muskelaktion loszuwerden. Oder aber: eine schallende Ohrfeige, oft
auch in rhythmischer Wiederholung nach rechts und links, ein j�hes Wort,
eine rasche Tat l�st pl�tzlich ohne Kontrolle der mahnenden und
hemmenden Mutter Vernunft die mehr als ungem�tliche, meist gef�hrliche
Seelenbeklemmung. Dann erst wird die Denkbahn frei: "Herr Gott, was hast
du getan!" und nur der Konfliktsschmerz, die Reue, das Gef�hl, der
Situation unterlegen zu sein, und der Mut, die Folgen dulden zu wollen,
verm�gen die Wirkungen des seelischen Sturmwindes zu beschwichtigen und
das k�stliche �l friedlichen Verzichtes �ber die hohen Wogen der
psychischen Ekstase zu breiten.
Was geschieht beim G�hnen? Auch hier wird ein Konflikt zwischen
Hirnhemmung und Hirnaktion, der �berschu� geistiger Spannung, der unter
der aufgest�lpten Tarnkappe der M�digkeit (Hirnhemmung) keinen Ausgleich
mehr im Denkorgan finden kann, durch Muskelkr�mpfe (G�hnkrampf) nach
au�en abgeleitet, gleichsam wie man mit der Leydener Flasche die
Konduktoren einer Elektrisiermaschine in einzelnen Phasen entl�dt. Beim
G�hnen ist also ein oft wiederkehrender Vorgang physischer Spannungen im
Gehirn gewohnheitsm��ig auf eine bestimmte Bahn der automatischen
Muskelt�tigkeit abgelenkt, wozu auch das Recken und Strecken vor
M�digkeit abends und morgens geh�rt. Wir haben hier also eine Analogie
mit dem Lachen, die so weit geht, da� auch beim G�hnen die
Gehirnspannung auf einer besonderen Bahn, gerade der Atmungsfunktionen,
ihre Entladung findet. Da auch das G�hnen, wie jede Affekthandlung,
unwillk�rlich ist, d.h. gar nicht oder nur mit Anstrengung vom Willen
gehemmt werden kann, und da beide, G�hnen und Affekthandlungen, auf
einen unvollzogenen Spannungsausgleich im Gehirn gedeutet werden m�ssen,
so k�nnen wir einen zwingenden R�ckschlu� auf das Lachen wagen, d.h. wir
sind gen�tigt, anzunehmen, da� auch das Lachen einen muskul�ren
Ausgleich besonderer Spannungen im Gehirn darstellt. Welcher Art sind
diese? Mit der Beantwortung dieser Frage werden wir zu einer Definition
des Humors, d.h. der humoristischen Reizungen des Seelenorgans,
gelangen. Dazu bed�rfen wir aber noch eines Ausblickes auf die
Entwickelungsgeschichte.
Nehmen wir den Menschen nicht als ein Gebild aus Gottes Hand, fertig mit
all seinen erhabenen Eigenschaften, Fehlern und Tugenden, mit einem
Schlage erschaffen, sondern nehmen wir in _Darwins_--�brigens
gottgl�ubigem--Sinne an, da� der Sch�pfer eine allm�hliche Entwicklung
zugelassen und gewollt hat, so w�re es denkbar, da� das Lachen eine
Funktion war, die jetzt im Stadium schon weit vorgeschrittener
Entwicklung unter ganz anderen Bedingungen, aber doch vielleicht unter
Festhaltung der urspr�nglichen, rohen und primitiven Grundbedeutung
zustande kommt. Mir will es scheinen, da�, wie es rudiment�re Organe
gibt, Organe, die in fr�heren Daseinsperioden einen vollen Funktionswert
im Haushalt des Organismus gehabt haben, jetzt aber durch eine diese
T�tigkeit �berfl�ssig machende Entwicklung entbehrlich geworden sind, es
so auch _rudiment�re Funktionen_ geben k�nnte. Es ist denkbar und sogar
beweisbar, da� gewisse Funktionen, die fr�her einen sehr zweckgem��en
Sinn im Daseinskampf gehabt haben, in weiteren Stadien zwar noch
vorhanden sind, aber doch eine ganz andere Stellung gewonnen haben.
Daf�r einige Beispiele. Die Bewegung unserer N�stern im Liebes- oder
Lebenskampf hatte augenscheinlich urspr�nglich den ganz ausgesprochenen
Sinn der Witterung von Freund und Feind, den Sinn der passenden Auswahl,
wie es noch heute bei Tieren beobachtbar ist. Und jetzt, da niemand mehr
seiner Nase die Entscheidung �berl��t, ob sich ein Herz zum Herzen
findet oder ob ein Gegner Eigenschaften besitzt, die ihm gef�hrlich
werden k�nnen, noch heute sehen wir trotzdem auf der Mensur die
Paukanten mit zuckenden N�stern ihre Hiebe austeilen, wir sehen bei dem
Aussto�en einer t�dlichen Beleidigung, bei geistigem Hieb, dem Angreifer
die Nasenfl�gel zittern,--und auch einem liebestrunkenen Freier fliegen
im Feuer seiner �berredungskunst die bebenden N�stern. Das ist
rudiment�r! Es hat eigentlich keinen Sinn mehr; und doch: es hatte einst
einen tiefen Sinn, den Zweck der Orientierung im Daseinskampfe und f�r
die passende Auswahl: Orientierung und Auswahl durch Witterung. Von
_Gildemeister_, dem geistvollen Essayisten, ist in einem Aufsatze �ber
die H�flichkeit sehr zutreffend das Hutabnehmen und der milit�rische
Gru� zur�ckgef�hrt auf das Visierhochheben bei der Begegnung zweier
Ritter, die nichts miteinander auszufechten haben, und der Handschlag
war nach _Gildemeister_ gewi� fr�her, wie noch jetzt etwa bei den
Logenbr�dern, eine kompliziertere Form der Bekundung aller Abwesenheit
feindlicher Bestrebungen. Auch hier urspr�nglicher Sinn im Daseinskampf
und jetzt eine rudiment�re H�flichkeitsform. Wer ist sich heute noch
beim Adieusagen v�llig bewu�t, den Scheidenden Gott zu befehlen? Sagen
sich doch auch Atheisten � dieu. Die h�chsten Liebeszeichen selbst, der
Ku�, die Umarmung, m�gen im Bed�rfnis einer vorsichtig tastenden
Diagnose entstanden sein: drum pr�fe, wer sich ewig bindet! Liebkosen
sich doch manche asiatischen V�lker noch heute, indem sie direkt
Riechorgan an Riechorgan reiben.
Es gibt also rudiment�re Funktionen. Kann nicht auch das Lachen zum Teil
in einer solchen rudiment�ren Funktion seinen Ursprung haben? Hatte es
vielleicht urspr�nglich einen ganz anderen Sinn als den, den wir bei
oberfl�chlicher Betrachtung heute in ihm zu sehen gewohnt sind?
Stellen wir uns einmal vor, es sei ein H�hlenmensch, ein Urwaldbewohner,
in stetem Kampf mit Unget�men, Schiebeger�ll und erratischen Bl�cken
pl�tzlich auf einer einsamen Wanderung vor eine gro�e Gefahr gestellt:
ein Unget�m, wie er solches noch nie gesehen, streckt pl�tzlich, einen
fauchenden Rachen aufsperrend, sein schreckliches Haupt aus dem Geb�sch.
Was wird unser Urmensch tun? In j�hem Schreck rei�t auch er den Mund
auf, so weit es gehen will, tut einen tiefen Atemzug und verharrt starr
erwartend eine Weile in Inspiration. Das kann man noch heute bei jedem
sehen, dem ein furchtbarer Schreck in die Glieder f�hrt. Das ist auch
ganz verst�ndlich. Denn wenn sich ein Mensch �berhaupt wehren will,
braucht er Muskelkraft, dazu aber vor allem Sauerstoff; denn bei jeder
Muskelaktion ist Sauerstoffverbrauch en masse n�tig. Er l�dt also mit
dieser tiefen Inspiration gleichsam seine Muskelzentren zu noch nicht
n�her erkennbarer Aktion. Nun trete aber bei unserem Urahnen
blitzschnell ein Wechsel in der bedrohlichen Situation ein: das
launische Unget�m hat vielleicht keinen Hunger, es besinnt sich; ein
L�we, ein Riesenb�r trollt lustig um die Ecke. Nun ist die Gefahr
vorbei. Ein j�her Wechsel von Lebensbedrohung in der Idee und
pl�tzlicher Lebensbejahung, d.h. Abzug der Gefahr, prallen ihm fast
gleichzeitig in seinem Gehirn aufeinander, und zwei Assoziationen
entgegengesetzter Art treffen sich in seiner Seele: idealer drohender
Tod, reelles wahrhaftiges Lebensgef�hl. Unter freudigster
Gem�tsverfassung entl�dt er, gleichsam spottend der Gefahr, sto�weise
seinen nun �berfl�ssig aufgespeicherten Sauerstoff. Unter
Jubelempfindungen entweicht sto�weise die �bersch�ssige Lebenskraft.
Noch heute wird jeder bemerken, da� nach pl�tzlich �berstandener
Lebensgefahr oder Gem�tsbedr�ckung eine Neigung zu fast hysterischen
Heiterkeitsausbr�chen eintritt. Das Gef�hl, einem Ungl�ck entronnen zu
sein, sein Leben bejaht zu f�hlen, wo es eben noch auf das Dringlichste
verneint erschien, erzeugt eine halb automatische Heiterkeit, die sehr
verwandt ist dem, was wir humoristische Stimmung nennen. Dabei beachte
man die Tatsache, da� Tr�nen leicht flie�en k�nnen, wo eben noch im
Moment der Gefahr die stockende Zirkulation bei tiefster Einatmung die
Tr�nendr�se unabweislich strotzend f�llen mu�te, und da� ihr Gebrauch
sicher in Aussicht stand, wenn das Messer dem Lebensfaden so ganz nahe
kam, falls man Zeit genug gehabt h�tte, noch �ber den j�hen
Scherenschnitt der Parzen zu klagen. Man holt in der Freude nach, was
der Kummer vorbereitet hat. Auch die Tr�ne, dieser tauende Reif aus
Edens Bl�tenkelchen, hat trotz ihrer Poesie ihre ganz materielle und
physische Entstehungsursache. Freude und Leid sind wechselnd die
Schleusenw�chter am Strom der Tr�nen, und in der Begleiterscheinung des
Tr�nenflusses bei Humorstimmung sehen wir einen zwingenden Beweis f�r
den Ursprung des Lachens in einem pl�tzlichen Kontrast von
Lebensbejahung und Lebensverneinung. Wir werden gleich sehen, in welcher
Weise diese beiden Salpetermischungen f�r die Explosionswirkungen des
Humors in jeder Form des Lachens noch heute auffindbar sind. Zun�chst
soll noch auf eine Beziehung hingewiesen werden, die au�er dem
pl�tzlichen Abzug einer Gefahr noch andere rein physische Vorg�nge zur
Erregung von Heiterkeitausbr�chen haben. Bei der pl�tzlichen Bedrohung
und fast gleichzeitigen Errettung des Lebens liegt es ja erfahrungsgem��
auf der Hand, da� dieser Vorgang eine Disposition zu freudigen,
muskul�r-rhythmischen Lebensbet�tigungen im Gefolge hat. Munter, wie ein
spielendes Reh, h�pft ein Knabe davon, den schon das Rad des Wagens
streifte; man kann ihn kurz nachher erst recht pfeifend, tr�llernd,
t�nzelnd finden. Wenn beim �bergie�en mit kaltem Wasser, bei kalten
Duschen, eine pl�tzliche tiefe Inspiration erzwungen ist, so habe ich
bei mir stets unmittelbar danach eine fast un�berwindliche Neigung zum
Lachen bemerken k�nnen und habe dem Triebe nie gewehrt,--gewi� ein
trefflicher Beweis f�r die Verwandtschaft von physischem Schreck,
seelischem Wohlgef�hl und Lachen, f�r die Verwandtschaft tiefer,
lebenf�rdernder Inspiration und Entladung der Atmung durch das
Zwerchfell.
Wer die �ngstlichen B�rsenleute im Anprall brandender Wogen im Seebade
beobachtet hat, sah auch gewi�, wie ich, ihre Ausbr�che zappelnder,
h�pfender und kullernder Heiterkeit. Auch beim Kitzeln ist ein
unwillk�rlicher Zusammenhang von peripherischem Reiz, tiefer Inspiration
und exspiratorischen Atemst��en zu bemerken. Ganz junge Kinder kann man
nicht kitzeln, dazu geh�rt schon eine gewisse Ausbildung des
Bewu�tseins, das erkennen l��t, da� die lebensfreundliche, mehr
z�rtliche, neckende Ber�hrung im Kontrast zu der starken, das
Atmungszentrum reizenden Wirkung steht. Man beachte auch, da� man das
Kitzeln leichter aushalten kann, wenn man die Atmung gewaltsam
unterdr�ckt. Daraus geht hervor, da� das Atmungszentrum, also das
eigentliche Lebenszentrum, als eine Art von Lachzentrum funktionieren
kann, da� es also _sowohl peripher von der Haut aus, wie beim Duschen
und Kitzeln, als auch zentral vom Gehirn aus, wie beim Witz, erregt
werden kann_. F�r unsere Auffassung von dem Ursprung des Lachens aus
einem Kontrast von Lebensbedrohung und Lebensbejahung ist es
interessant, zu erfahren, da� der scharf umschriebene Punkt am
Zentralorgan, der, von einem Nadelstich getroffen, das Leben aufhebt,
von der Wissenschaft noeud vital, Lebensknotenpunkt, genannt wird und
da� wir hier auch die F�den finden, die zur Erregung des muskul�ren
Ausgleiches f�r die Zwerchfellersch�tterung die elektrischen Str�me
senden. Hier finden wir eine anatomische Best�tigung der Beziehung des
Lachens zur Lebensbejahung und -verneinung.
Nun gibt es noch Lachformen, die an sich mit dem Humorgef�hl ganz und
gar nichts zu tun haben. Es sind jene Lachst��e, die im Bellen und
Br�llen der Tiere ihr physiologisches Vorbild haben; sie bedeuten eine
_willk�rliche_ T�tigkeit, welche die Feindschaft herausfordert: das
h�hnische, kr�nkende, verletzende Lachen oder die Andeutung davon: das
L�cheln. Das ironische, kritisierende, erhabene Lachen werde ich bei den
besonderen Formen des Humors definieren: _denn Satire, Witz, Ironie,
Spott, Hohn sind nur vom Temperamente gebrochene Formen des Humors_. Bei
vielen dieser Lacharten ist ein �berlegenheitsgef�hl ma�gebend, d.h. die
Lebensverneinung oder -minderung gilt f�r andere, f�r den Lacher nur das
Gef�hl eines h�heren, �berlegenen Standpunktes. Das Grinsen und Greinen
ist eine Kombination von Ohnmachtsgef�hl und Feindseligkeit und das
schadenfrohe Lachen die Wirkung der �berzeugung eigener Unversehrtheit
bei fremdem Ungl�ck, von dem wir aber die unbestimmte sympathische
Empfindung haben, wir konnten ebensogut in die Falle gehen. Wir
identifizieren uns in der Idee mit dem Leidenden, nehmen aber den
Kontrast von unserem realen Unber�hrtheitsgef�hl her.
Ich gehe einen Schritt weiter und will die Beziehungen der
Zwerchfellsentladungen zur Mimik und Rhythmik einer kurzen Betrachtung
unterziehen.
Da� das Atmungszentrum an sich mit dem Gesichtsausdruck
verwandtschaftliche, koordinierte Ber�hrungen hat, ist eine allbekannte
Tatsache. Bei der Dyspnoe, dem Atmungshunger, ist der Ausdruck des
Gesichtes ein so typischer, da� man diesen Krankheitszustand erkennen
kann, ohne die Atmungst�tigkeit direkt zu beobachten. Wichtig f�r die
Theorie des Lachens ist auch, _da� bei der Atemnot, also wieder einer
Lebensbedrohung, ganz dieselben mimischen und Atmungsmuskeln in Aktion
sind wie beim Lachen._ Aus dieser Beteiligung der mimischen Muskeln beim
Lachen ist die Ansteckungstendenz des Lachens erkl�rlich. Alle
rhythmisch muskul�ren, d.h. gleichm��ig und oft wiederholten
Muskelt�tigkeiten haben etwas stark die Nachahmung Herausforderndes: das
G�hnen, das Lachen, das Tanzen, Marschieren, Singen, die
Kampfbewegungen,--sie alle sind ansteckend, d.h. sie reizen zur
Entfaltung gleicher Bewegungen, und zugleich sind wir geneigt, daraus
eine heitere, humoristische Lebensstimmung zu entnehmen. Der Mensch ist
brutal genug, sich selbst der Komik krankhaft rhythmischer Zuckungen
nicht zu entziehen. Der Veitstanz, der Gang der R�ckenm�rker, die
Epilepsie k�nnen Formen annehmen, die manche unwillk�rlich zu
schuldlosem Lachen zwingen, ebenso wie einige solcher Krankheiten direkt
ansteckend wirken k�nnen. Die rhythmische Muskelaktion ist am
zwingendsten Heiterkeit und Nachahmung erregend bei den Rhythmen der
Musik. Der Rhythmus an sich hat also eine suggestive Kraft, gleichartige
Spannungen im Gehirn auch des andern zu erregen. Wir Menschen nehmen an,
da� der springende Fisch, die h�pfende Bachstelze, der t�nzelnde
Araberhengst in heiterer Gem�tsverfassung sich befinden, obwohl wir es
nicht beweisen k�nnen; es stimmt uns aber gleichm��ige Rhythmik auf
starke Lebensbejahung. Das ist das Heitere in der Kunst; denn alle Kunst
ist Rhythmus: Rhythmus die sch�nen Linien, Rhythmus die Schwingungszahl
der T�ne und Farben, Rhythmus jegliche Harmonie und arhythmisch jede
bleibende Disharmonie, weil ohne Ma� und Regelm��igkeit. Darum ist auch
in der Musik vor allem etwas der Lebensbet�tigung, der Lust, dem Humor
Verwandtes, und zwar ist nur bei sch�rfster Auspr�gung schnellerer
Rhythmen eine humoristische Musik denkbar, also Tanz, Marsch, Scherzo,
Capriccio, Sarabande, Gigue. Ein humoristisches Adagio ist schwer
denkbar. Darum ist bei den gr��ten musikalischen Rhythmikern, Haydn,
Mozart, Mendelssohn, Schubert, Loewe, auch die Heiterkeit und die Freude
zu Hause, w�hrend bei den gro�en Reflektierern, den Gr�blern in der
Musik, bei Beethoven, Brahms, Schumann, Wagner und Strau�, das affektive
Problem seine Heimat fand. Diese Ausweichung auf das Gebiet des Rhythmus
bezweckt den Nachweis, da� auch die rhythmischen Zwerchfellst��e innig
anderen rhythmischen Heiterkeitsbet�tigungen verwandt sind und da� die
Heiterkeit sich typisch des Ausdruckes rhythmischer Muskelaktionen
bedient. Ich wage, in diesem Sinne das Lachen als die wahrscheinliche
_Quelle der Musik_, als der Seele ersten Jodler, zu bezeichnen.
Nun sind wir so weit gelangt, etwas n�her zu betrachten, was in einem
Gehirn, in dem ein humoristischer Zustand, ein Scherz, ein Witz, eine
komische Bewegung zur Wirkung kommt, f�r materielle Alterationen
vorgehen m�gen, dergestalt, da� ohne Zutun des Willens jener rudiment�re
Atmungsrhythmus ausgel�st wird, den wir "Gel�chter" nennen.
Wir haben gesehen, da� die urspr�ngliche Bedeutung der rhythmischen
Atmungsaktion, die wir Lachen nennen, auf einea fast gleichzeitigen
Anprall zweier direkt _entgegengesetzter Formen der Vorstellungen_ vom
Leben zur�ckzuf�hren sein d�rfte: auf einen Strom der Lebensangst und
auf einen bald folgenden der Lebensfreude. Das "Nein" und "Ja" des
Lebens prallen so schnell aufeinander, sind zwei Motive so direkt
entgegengesetzter Art, da� sie, f�r den Augenblick unvereinbar, eine
Hemmung im Gebiet der Logik und Phantasie erfahren, diesen beiden Formen
geistiger Reflexion. Das ist ein elementares Ereignis, bei dem die Seele
keine Zeit hat, ihre registrierende Katasterarbeit zu vollziehen; sie
wird �berrumpelt, verbl�fft, Begriff und Wille gehen zum Teufel, und
gewohnheitsm��ig ist der Strom abgelenkt auf ein indifferentes
Muskelgebiet, das der Ausatmung. Das ist nun gewi� nicht mehr der Fall,
wenn wir heutzutage einen Kitzel versp�ren, zu lachen. Unser Leben
erscheint weder bedroht noch besonders unterst�tzt, wenn ein
Schulmeister bei der Visite im Frack sich auf eine Sahnentorte setzt,
die die unvorsichtige Hausfrau auf einem Sessel stehen lie�, oder wenn
einem protzig gekleideten Gigerl, das beim Aufzug der Majest�ten
durchaus sich in die erste Reihe dr�ngen mu�te, gerade im entscheidenden
Moment der Zylinder �ber Augen, Ohren und Nase aufgetrieben wird, oder
wenn der kleine, ganz preu�ische Hauptmannssohn die heikle Frage
aufwirft, "ob der liebe Gott bei der Kavallerie oder bei der Infanterie"
stehe oder ob er nur ein "einfacher" Mann (d.h. Zivilist) sei; auch
f�hlen wir unser Leben weder in Gefahr noch in besonderer Sicherheit,
wenn wir bei Fritz Reuter lesen, da� ein unruhiger Schl�fer die gro�e
Zehe seines Mitschl�fers f�r eine feine Havannazigarre h�lt,--und doch
liegt allen diesen unaufz�hlbaren Formen komischer Wirkungen eine
Spannung im Gehirn zugrunde, die wenigstens andeutungsweise einen
solchen Konflikt mit verbl�ffender Unlogik enth�lt, wie er in
deutlichster Form beim Kontrast von Lebensbejahung und Lebensverneinung
auftritt. Schon Kant hatte gefunden, da� der Humor im Kontrast wurzelt.
Aber mit Recht ist ihm eingewandt worden, da� schwarz und wei�, klein
und gro�, trocken und na� an sich keineswegs zum Lachen reizen. Und
doch: unter Umst�nden kann der einfache Kontrast schon humorvoll wirken.
_Aber zum Kontrast mu� noch etwas hinzukommen_. Vor zehn Jahren hat in
der Revue des deux mondes _M�linand_ in einem Artikel "Pourquoi rit-on?"
hier f�r das Psychologische im Humor den treffendsten Ausdruck gefunden,
der, soweit ich sehen kann, alle Formen des Humors und des Komischen
umfa�t. Er sagt: Lachen erzeuge das, was, von der einen Seite
betrachtet, wunderbar, phantastisch, ungewohnt, illusionistisch, und von
der anderen Seite lange gewohnt, ganz nat�rlich, "famili�r", allt�glich
sich pr�sentiere. Man kann diesen gl�cklichen Gedanken dahin
vervollst�ndigen und ins Psychophysikalische �bersetzen, da� erst dann
Kontraste Lachen erzeugen, wenn eine Idee mit einer Realit�t so in
pl�tzlichen Widerspruch ger�t, da� sich beide an Reizst�rke ihrer
psychischen Spannung ungef�hr das Gleichgewicht halten. Ich meine, der
Beschauer einer komischen Situation und der H�rer einer komischen
Schilderung mu� beide Wirkungen fast gleichzeitig empfinden, einmal, was
er sich bei einer Sache denkt, d.h. seine Idee oder die Idee, die ein
zweites Wesen repr�sentiert oder zu repr�sentieren sich bem�ht, zweitens
mu� er diese Idee pl�tzlich in ihr reales Gegenteil umschlagen f�hlen.
Die Wirklichkeit oder die Vorstellung von der Wirklichkeit greift brutal
in eine eben erst empfundene, aufgedrungene oder selbstangesponnene
Illusion ein. Der ideell, illusionistisch erhobene, erhabene oder
�berhebende Gedankengang, au�er uns oder in uns erzeugt, schl�gt in
verbl�ffender Gegenlogik in seine direkt verneinende und zwar ebenso
pl�tzlich �berzeugende Kehrseite um. Dabei werden zwei Spannungen
ziemlich gleichzeitig im Gehirn mit gleich starker assoziativer Kraft
erregt: die eine ist eine scheinbar ideale, illusionistische, aber
unhemmbar aufsuggerierte im Reiche der Phantasiet�tigkeit des Gehirns,
die zweite, gleichsam elektrische Gegenladung erfolgt aus den Quellen
unmittelbarer Wahrnehmung, blitzschneller erfahrungsgem��er Reflexion.
Beides trifft zusammen: es findet _eine Knickung, eine Kreuzung der
Assoziation statt_, beide Spannungen kontrastieren so elementar
unlogisch, da� die pl�tzliche Dupiertheit unserer Logik, das ruhig und
vorsichtig arbeitende Gehirn es schnell abweist, die beiden Motive etwa
logisch zu vereinen oder eine konsequente Handlung resultieren zu
lassen; die Doppelspannung erzeugt ein Gef�hl hilfloser Erregung, die
gewohnheitsm��ig und instinktiv auf den entwicklungsgeschichtlich
eingeschleiften Bahnen periodischer Zwerchfellst��e entladen wird. Diese
Bahnen sind eben die dem Atmungszentrum assoziierten und koordinierten,
und zwar deshalb, weil urspr�nglich das Zusammenprallen von Nein und Ja
des Lebens instinktiv auf den Atmungsbahnen, in dem schnellen
Herbeischaffen und Auslassen wehrkr�ftiger Atmungsluft Hilfe sucht. Das
tiefe Inspirieren bei der Gefahr ist zweckgem�� und das sto�weise
Entladen der Lungen eine nat�rliche Konsequenz, wenn die Gefahr
pl�tzlich entwich. Bei der �berrumpelnden Logiklosigkeit und bei der
pl�tzlichen Kontrastierung der Humor erzeugenden Motive kommt die
Gehirnfunktion in dynamisch �hnliche, wenn auch f�r die Erhaltung des
Individuums gleichg�ltige Zickzackvibrationen wie im Momente der Gefahr.
Uns kann also nicht wundernehmen, wenn der Ausweg, den der
Hirnmechanismus f�r seine Stellungnahme gegen�ber einer Bedrohung fand,
auch f�r die funktionell verwandten Zust�nde, Sch�tteln beim Frost und
Duschen und Kitzeln, beim G�hnen und Lachen beibehalten ist. Der
Kontrastierung einer ideell-illusionistischen und einer entgegengesetzt
realen Vorstellung, die das Gehirn unm�glich zugleich verarbeiten kann,
diesem Schnippchen, das ihm beide extrem-m�glichen Seiten des Lebens
gleichzeitig schlagen, kann es nur ausweichend begegnen; es befreit sich
von der harten Nu�, von dem logischen Vexierpulver, das es nicht
verdauen kann, indem es den ganzen Krempel auf den Lasttr�ger Zwerchfell
abl�dt: mag er sehen, wie er damit fertig wird. W�hrend dieser geduldige
Entlader das Gehirn befreit, erzeugt sich in der Seele ein
unbeschreiblich wohliges Gef�hl der erleichterten Klarheit und
Heiterkeit: das ein herzhaftes Lachen begleitende kannibalische
Dickh�utergef�hl. So kann schwarz und wei� als Kontrast komisch wirken,
wenn zwischen eine Schar die Idee der W�rde aufn�tigender schwarzer
Priester pl�tzlich ein feister, wei�er Kuchenb�cker in gleichem Tritt
sich mengt; so kann der Kontrast von feucht und trocken, klein und gro�
humoristisch sein, wenn unter dem Ausruf "Gott sei Dank, da� wir im
Trocknen sind!" jemand in einen Waschk�bel stolpert oder wenn mit einer
Riesenbulldogge ein winziges Scho�h�ndchen trippelnd Schritt zu halten
sich vergeblich bem�ht.
So erscheint uns also der Humor im allgemeinen Sinne als eine besondere
Disposition zu gleichzeitiger Betrachtung der Welt und ihrer
Erscheinungen von zwei Seiten. Der humorvolle Mensch hat die F�higkeit,
�berraschend schnell und �berraschend suggestiv die zwei Seiten jedes
Dinges aufzusp�ren und die Janusk�pfigkeit alles Irdischen vor aller
Blicken zu offenbaren. Damit suggeriert er ihnen einen eigenen Zustand
elementar frappierender und glaubhafter Logiklosigkeit, den auch der
Zuschauer oder Zuh�rer nur auf dem Wege des ja so ansteckenden
Gel�chters loswerden kann. So ist denn der Humor auch gleichzeitig eine
Weltanschauung, die unbesiegbar erscheint. Sie ist voraussetzungslos,
durch nichts kaptivierbar, unbestechlich und erbarmungslos und fast ohne
Irrtum, denn es gibt schlechterdings keine noch so ideale Erscheinung,
die nicht durch die Blitzphotographie ihrer kontrastierenden Realit�t
zugedeckt werden k�nnte, und es gibt keinen noch so realen Vorgang, den
nicht der Zauberstab der Phantasie des letzten Erdenrestes entkleiden
und in reinlichen Asbest h�llen k�nnte. Darum ist vom Erhabenen zum
L�cherlichen der Schritt so klein, weil, je h�her der Kothurn steigt, um
so leichter ihm ein Bein zu stellen ist. Aber umgekehrt vermag auch im
L�cherlichsten noch sich das Erhabene zu bekunden.
Darum geh�rt zum Humor solche ungemessene Dosis Phantasie, weil diese
Himmelsg�ttin ja auf dem schmalen Pfade der Ideen ebenso sicher wandelt
wie auf der Heerstra�e der Trivialit�ten. An einer absolut realen Sache,
an einer allgemein g�ltigen Wahrheit schnell ihre Unzul�nglichkeit in
k�hner Verallgemeinerung nachzuweisen, dazu geh�rt ebenso Phantasie wie
dazu, eine gespreizte Idealit�t im Handumdrehen vor den verzerrenden
Spiegel der Realit�t zu stellen. Der Humor wirft der Idealit�t einen
Kn�ppel von realem Holz zwischen die Beine, sie mu� stolpern und damit
die Menschlichkeit ihres Beinwerkes selbst widerwillig erweisen. Das
Ideal steht auf einem Fa� mit d�nnem Deckel: ein leiser Fu�tritt der
Realit�t, und der G�tze liegt im Waschfa�. Die Idee ist eine
Seifenblase: ein Sandkorn Wahrheit l��t sie platzen. Warum tat sie auch
so sch�n und erhaben, dies blutleere, zimperliche Ding! Aber auch das
noch so Reale, Handgreifliche steht auf schwachen F��en gegen�ber
der K�hnheit von Philosophen wie Kant oder Nietzsche, die
unsere Wahrnehmungen schon als eine Halluzination und unsere
Diesseitsg�ltigkeit in Jenseitsnebel aufzul�sen verm�gen. Der echte
Humorist ist immer interessant, weil immer unberechenbar. Nur der kann
Humor empfinden oder erregen, der imstande ist, dies doppelte Gesicht
gleichzeitig zu haben oder zu verleihen; der Humorist verborgt Brillen
mit einem ideellen und einem realen Glase. Die einseitige, durch
Vorurteil und Sonderinteresse kaptivierte, stets logische und nur
vern�nftige Betrachtungsweise der Welt ist die des Philisters; sie ist
langweilig und automatenhaft. Humor ist eine Gabe, die angeboren sein
mu�, weil eine Doppelfunktion der Seele ihm zugeh�rt. Die phantasievolle
Anschauungsweise der Vollmenschen ist vielseitig und mit Humor getr�nkt.
Die Vernunft an sich und die Weisheit ist aus Stein oder Erz, Blut und
Leben pulst der Humor erst in ihre starren Z�ge. Der geistvolle Narr und
der lachende, weinselige Weise haben mehr Erkenntnis in die Welt
gebracht als alle Schulphilosophen zusammen genommen. Sie sind ja doch
nie wirklich zu vereinigen, diese beiden Wagschalen des Lebens, das
Reale und das Ideale, nur an den schwanken Hebelarmen der Phantasie
lassen sie das Leben w�gen und seinen wahren Wert bestimmen. Und welche
Quelle rein physischen Gesundheitsgef�hles liegt in der Freude aus
Herzensgrund! Ich halte die Kom�die direkt f�r hygienischer als die
Trag�die. Jene entl�dt mein Gehirn von Sorgenwust und Tagesplage, diese
f�gt zum Problem meines eigenen Lebens noch das des fremden Geschickes.
Gerade in diesem herrlichen Gef�hl erh�hter Lebenslust beim Lachen liegt
�brigens ein Hinweis auf die atavistische, fr�her um Lebensbejahung und
-verneinung rotierende Bedeutung des Lachens. Von jeher sind die Bahnen,
auf denen sich das Gel�chter ausl�st, assoziiert mit dem positiven
Gef�hl gesteigerter und vermehrter Lebensfreude.
F�r das Verst�ndnis der einzelnen Formen des Humors ist zu
bemerken, da� der Strom von Licht, der sich aus der Doppellaterne
humoristischer Lebensbeleuchtung ergie�t, in gar verschiedenen
Medien seelischer Grundstimmung gebrochen werden kann, so sehr
auch im einzelnen die Tatsache der Kontrastierung von zwei
Phantasie- und Wirklichkeitsstr�men, dieser _Assoziationsknick im
Gehirn_, dieser knorrige Ast, gegen den die S�ge der Logik
aufkreischt, sich �berall nachweisen lassen mu�, wenn anders
unsere Definition von dem gleichzeitigen Anprall kontrastierender
Doppelvorstellungen �berzeugungskraft haben soll. Allerdings mu�
dabei festgehalten werden, da� jede humoristische Spannung der Seele
entwicklungsgeschichtlich im Gef�hl der eigenen Lebensbejahung
wurzelt. So sind denn in der Tat manche Formen humoristischer
Stimmung nichts als die �u�erungen des Gef�hles einer �berlegenheit
�ber andere. Die Schadenfreude ist deshalb die reinste Freude, weil
mein eigenes Unversehrtheitsgef�hl im st�rksten Kontrast zu der
unbestimmt sympathischen Ahnung steht, da� auch ich unter gleichen
Bedingungen h�tte meinen Rock mir zerrei�en, meinen Hut aufbeulen
lassen, meinen Heller verlieren m�ssen. Allerdings wirkt auch
hier der Kontrast um so sicherer auch auf andere suggestiv Heiterkeit
erregend, wenn die besondere vom Gesch�digten pr�tendierte Form seiner
k�nstlich aufgebauschten Erscheinung etwas wie eine feindliche
Gegenstimmung von vornherein aufkommen l��t. Dann g�nnt man dem
Pr�tendenten eines angema�ten Thrones so recht von Herzen den
Zusammenbruch seines Pappsessels. Hier liegt der Schadenfreude oft ein
Gef�hl f�r humane Gerechtigkeit und Gleichheit zugrunde; sehr oft ist
eben Schadenfreude direkt durch pr�tenti�se, egoistische Aufgeblasenheit
und Breitmacherei herausgefordert. Auch hier f�hrt der Humorist zur
Zertr�mmerung einer gespreizten Illusion einen Hammerschlag gegen die
Idee: der Stahl der Realit�t trifft die helle Glasglocke, da� die
Splitter fliegen. Bei anderen Formen des Humors wieder ist von den
urspr�nglichen Empfindungen von Ja und Nein des Lebens nichts als nur
noch das _�berraschend Unlogische_ �brig geblieben: so sehr hat sich die
Funktion des Lachens von ihrem urspr�nglichen Vollwert entfernt. So
losgel�st, gibt es nat�rlich tausend Varianten desselben Themas. Ich
will versuchen, diese Variationen des �berraschend Unlogischen zu
formulieren.
Zun�chst kann der _Assoziationsknick_ einzig und allein _durch ein Wort_
erregt werden. Die roheste Form dieses vorz�glich auf �berraschende
Logiklosigkeit, springende Doppelbeziehungen angewiesenen Humors ist
die Sucht, zu kalauern. In feinerem Sinne ferner das Wortspiel, das
Bonmot. Immer wird hier ein Wort, ein Begriff unter falscher Maske
eingef�hrt und pl�tzlich die Maske r�ckw�rtsgedreht, dann ist die
Doppelphysiognomie bemerkbar. Hier sind nat�rlich Synonyma und
erzwungener Gleichlaut, wie "Heils- und Heulsarmee", die Tr�ger
besonders frappierender Unlogik oder die raffinierten Verh�ller
scheu�licher Trivialit�ten. Der Schmerz heuchelnde Wehruf bei solchen
Kalauern beweist, da� bei dieser Form von Logik eine kleine Verrenkung,
eine Knickung im Denkapparat vollzogen wird, was man den Kennern
Berliner Gepflogenheiten, glaube ich, nicht n�her auseinanderzusetzen
n�tig hat. �brigens ist es geradezu verh�ngnisvoll, wenn jemand sein
Gehirn auf diese Wortantithese dressiert und sich zu einer Art geistigen
Jongleurs oder Schlangenmenschen ausbildet. Das kann f�rmlich zu einer
Kalauermanie, einer leider verbreiteten Form von Geisteskrankheit,
ausarten.
Wird der _Kontrast durch ganze S�tze_ ausgedr�ckt, so erhalten wir die
Antithese, das Paradox, die Aphorismen, das Aper�u. Auch hier werden
logisch unvereinbare Dinge mit verbl�ffender Sicherheit in gegenseitigen
Kontrast gestellt. Die Fliegenden Bl�tter enthalten eine Fundgrube
solcher Weisheitsspr�che in Form kontrastierender Antithesen. Wer sie
sammelte, k�nnte ein Weisheitsbuch herausgeben. Besondere Kontraste
entstehen, wenn rein syntaktisch ein Satz anders konstruiert wird, als
er in unser aller Bewu�tsein urspr�nglich lautete: "Lerne zu! Leyden!"
(Lerne zu leiden!) Hierher geh�ren auch die f�rchterlichen Imperative:
"Kaiser Wilhelm! Denk' mal!" "Platz! Vor dem Opernhause!" Es ist aber
doch ein Beweis f�r die Aufsuggerierbarkeit rhythmischer Antithesen, da�
man solches Zeug nicht h�ren kann, ohne wenigstens zu l�cheln. Der
Kontrast ist erzwungen im Gehirn,--man kann ihn nicht abwehren, gerade
so wenig, wie man den Lichtstrahl hemmen kann, wenn er einmal die
Netzhaut getroffen hat. Wird die _Kontraststimmung_ erzwungen durch
_raffiniertere und behutsamere Irref�hrung der Logik_, so wird, wie in
der Anekdote, der humoristischen Erz�hlung, k�nstlich die Phantasie in
eine Sackgasse gelockt, ein historisches Kolorit aufsuggeriert,--und
pl�tzlich gelangt der Zuh�rer an den Assoziationsknick, an die
Gedankengabelung, weil der Erz�hler mit pl�tzlichem Ruck der
elektrischen Bahn den Gegenstrom gibt. Dabei kann dann die Anekdote
sowohl im Wortwitz wie im Satzwitz enden, d.h. der Kontrast kann durch
einen Doppelsinn eines Begriffes oder durch doppelte Satzauffassung
bedingt sein.
Es ist nur nat�rlich, da� die obsz�nen Witze hier eine hervorragende
Stellung haben. Ich gebe gern zu, da� diese Witze manchmal von
besonderer Trefflichkeit sind. Das kommt aber daher, da� die pr�de
Verh�llung aller, auch der nat�rlichen und an sich nicht obsz�nen
Realit�ten es dem Sp�tter so leicht macht, die _Idee der guten Sitte_
und das _Bed�rfnis der Natur_ in eine Art sensationeller, rasch
�berrumpelnder Konflikte zu bringen. Die schlimmste Art ist nat�rlich
die Zote, bei der es nur auf obsz�ne Kontrastierung von
Einzelvorstellungen ankommt, w�hrend ein fein sexualistischer Kontrast
auch den sensitivsten Geistern durch zierlichste Sinnverschlingung
Heiterkeit zu erregen vermag. Wir schmunzeln mit Sympathie: die da
gezeigten Menschlichkeiten sind ja auch die unseren. Aber diese Dinge
m�ssen, um wahrhaft humoristisch wirken zu k�nnen, doch einen dezenten
und fein umschleierten, intimen Charakter tragen. �brigens gibt es
durchaus sentimentale und cholerische Formen dieser Kontrastierung von
Pr�derie und Naturbestimmung, wie der franz�sische Sexualismus (Zola,
Maupassant) und der Satanismus beweisen, aus denen oft ein gerechter
Zorn gegen die kulturelle Verk�mmerung und Verschn�rung menschlicher
Nat�rlichkeiten und gegen die gesellschaftliche Fesselung des
Naturrechtes aufflammt.
Wird nun der _Kontrast zweier Weltanschauungen_ dauernd von dem
Humoristen festgehalten und dauernd dem H�rer oder Leser aufsuggeriert,
so gelangen wir zur humoristischen Novelle, zum humoristischen Roman,
zum Lustspiel. Unbedingt geh�rt auch hier zur Humorwirkung immer das
�berraschende, Pl�tzliche, Unerwartete, um eine Lachstimmung zu
erzeugen; denn der Konflikt der Ideen allein kann ebensogut zu Tragik
oder zum Problem wie zur Humoreske verwandt werden, erst die Art der
Behandlung ergibt die Variante: die Tragik er�rtert langsam und
unerbittlich logisch auf beiden Seiten konsequent die widerstreitenden
Ideen, sie erweist sie beide als berechtigt und l��t die eine oder die
andere Weltanschauung scheitern; das Problemst�ck kommt �berhaupt zu
keiner definitiven Entscheidung, sondern zu einem Fragezeichen; die
Humoreske l��t pl�tzlich in �berraschender Weise das Ideale am Felsen
allt�glicher Vern�nftigkeit zerschellen. Man erinnere sich nur, wie im
Don Quixote die kranke ritterherrliche Illusion stets an der
Mehlsack-Feistigkeit des kerngesunden Sancho zergehen mu� wie die Butter
an der Sonne und wie bei Goethe die sentimentale, weichliche
Wolkenlangerei des Dr. Faust von der zynisch-grandiosen Sicherheit des
Teufels zerzaust wird. F�r den k�nstlerischen Humor, d.h. f�r die aktive
Erzeugung humoristischer Stimmung, ist der Besitz des Musenkusses
unerl��lich. Jeder gro�e Humorist ist auch ein gro�er Dichter. Die
dichterische Erzeugung des Humors ist eins mit einer gro�en, frei
schaltenden und waltenden Phantasie, die im Reich des Realen ebensogut
zu Hause ist wie auf den Gletscherh�hen des Idealen. "Wurzelnd mit
festen, markigen Knochen auf der wohlgegr�ndeten, dauernden Erde", darf
nur eine solche Phantasie es sich erlauben, neugierig ihr Lockenhaupt in
die Wolken zu strecken, um es zum Totlachen komisch zu finden, da� auch
jenseits von Gut und B�se nur mit Wasser gekocht wird. Der die
humoristischen Gestalten produzierende Mimiker bedarf neben einer dem
Dichter kongenialen Phantasie einer stark physisch wirkenden
Suggestionsf�higkeit: er mu� sein k�nnen, was er scheint. Versagt dem
Dichter oder dem Mimen die F�higkeit, ihre innere Anschaung zu
suggerieren, so verfallen sie dem _passiven Humor_, der tragische Seiten
hat. Ihm verf�llt auch jedes ernste Wollen, wenn dem pr�tenti�sen Anlauf
die Unzul�nglichkeit des Menschlichen unvermutet und pl�tzlich ein Bein
stellt ... Ich mu� leider darauf verzichten, an dieser Stelle n�her
auseinanderzusetzen, in welcher Weise das Humoristische allein in dem
Medium der Situationen vielstrahlig gebrochen werden kann. Die
_Situationskomik_ nimmt ja den breitesten Raum auf den Brettern der
B�hne ein, und es ist jedem Theaterbesucher nun gewi� leicht, in jedem
Falle nachzuweisen, warum diese oder jene Situation humoristische
Stimmungen erzeugt, warum ein L�cheln mit prasselnden Lachsalven von oft
lawinen�hnlicher, elementarer Gewalt wechselt. Je sch�rfer und
pl�tzlicher kontrastiert von Dichtung und Regie die Situationen
herausgearbeitet, je weiter die Funkenkonduktoren durch gespaltene
Phantasiet�tigkeit voneinander gesperrt sind, um so sicherer wird die
Katastrophe im Schachte der unterminierten Logik herbeigef�hrt und um so
energischer wird der induzierte Energiestrom auf die Telegraphendr�hte
zum Ministerium der Heiterkeit abgelenkt. Irrtum, Verwechselung,
T�uschung, Vermummung, Verstellung sind hier die fast schon
farbenblassen Requisiten, die aber an einer gewissen Unsterblichkeit zu
leiden scheinen. Die Operette und komische Oper mit ihrem Liebeshumor,
dem grazi�sen Sch�ferspiel, die Posse und der Schwank, die sich die
gewagtesten Situationen erlauben d�rfen, bis hinauf zum echten
_Lustspiel, das die reale Wahrheit einer sozialen oder individuellen
Idee in Kontrast mit den schiefen, egoistischen Gesellschaftstrieben zu
stellen versucht_: sie alle fristen ihr Leben nur, wenn sie im Einzelnen
wie im Ganzen Bewu�tsein, Wahrnehmung, Phantasie, Reflexion zu
fortw�hrenden gegenseitigen Bockspr�ngen zu zwingen verm�gen. Eine
richtige Burleske mutet uns geradezu eine geistige Zickzackepilepsie der
wechselndsten, pl�tzlichen Ein- und Ausschaltungen unserer Phantasie zu,
so da� uns die kontrastierenden Ideen im Sch�del herumfliegen wie die
Erbsen in einem gesch�ttelten Topf. �brigens will ich nicht vergessen,
zu erw�hnen, da� im gew�hnlichen Leben gerade bei der sentimentalsten
Gem�tsverfassung, bei feierlichen, ja der Trauer geweihten Situationen
der Humor, dieser Dieb aller W�rde, einen wahren Einbruch in das
Allerheiligste unserer Vorstellungen wagen darf. Es war unbegreiflich
komisch, als meine Gro�tante am Sarge einer Verwandten bei einem
R�hrungskollaps aller Anwesenden statt des Taschentuches eine in der
Eile eingesteckte Nachtm�tze aus ihrem weitfaltigen Kleide zog, um sich
damit die Tr�nen zu trocknen. Es war von r�hrender Komik, als ein
treuer, greiser Ehegatte, dem seine gute Alte gestorben war, ans Bett
der Leiche eine Riesenkaffeetasse brachte und diese leider zwecklose
Handlung also motivierte: "Ich hab'n ihr nun zwanzig Jahre jeden Morgen
so ans Bett getragen, nun kanns schon noch drei Tage so bleiben!" Das
ist eine Form von Humor, die an melancholischen oder _Galgenhumor_
streift. Sicher ist, da� Feierlichkeiten der prunkvollen Trauer leicht
umspringende, humoristische, sp�ttische, komische Gegenstr�me
freimachen, die oft einen besonders explosiven Charakter aus gespannter
Kontrastierung erhalten k�nnen. Es ist nicht sch�n, aber wahr, da� die
Menschen niemals so ausgelassen zu werden geneigt sind wie nach einer
gro�en Beerdigung, und die rohe Sitte der Schmausereien nach solchen
Akten beweist nur diesen realistischen Lebensbet�tigungstrieb selbst
angesichts des Todes, der mit zu Tische sitzt.
Diesen objektiven Schattierungen der humoristischen Kontraste durch
Sprache, Personen und Situationen reiht sich nun die Nuancierung an, die
der Humor erf�hrt durch die vielstrahlige _Brechung an der psychischen
Disposition des Individuums oder einer ganzen Rasse_, durch das Prisma
des Temperamentes. Ich kann hier nur skizzieren, da� vom Wesen des
Temperamentes dessen, auf den unsere Kontraste von Idee und Realit�t
wirken, eine jede der besonderen Formen des Humors: Komik,
Possierlichkeit, Hohn, Gei�elung, Ironie, Satire, Spott, Witz,
Schalkhaftigkeit, Grazie, Galgenhumor, Drolligkeit, komische
Exzentrizit�t, direkt abh�ngig sind. Je nachdem ein Individuum von
sanguinischem, cholerischem, phlegmatischem, melancholischem,
resigniertem, pedantischem, nerv�sem, phantastischem Grundtemperament
ist, je nachdem in einem Volke dieses oder jenes Temperament
vorherrscht: in zwingend paralleler Weise �u�ert sich auch sein Humor in
besonders wohlcharakterisierten Formen, wobei nat�rlich, wie bei den
Temperamenten, die �berg�nge und verwandte Dispositionen eine
Kombinationen-und Variationenreihe v�llig unbegrenzter Buntscheckigkeit
zul��t. Auch mu� bemerkt werden, da� auch bei derselben Person die
Grundbestimmungen variieren; wir haben nicht immer ein gleichwinkliges
Prisma, nicht immer eine gleichm��ige Grunddisposition in unserem Gem�t;
wir k�nnen eben noch phlegmatisch sein: im n�chsten Augenblick macht uns
ein Reiz sanguinisch oder cholerisch; oder unsere Morgenmelancholie und
unsern Aufstehpessimismus stimmt ein T��chen Kaffe, ein Gl�schen Kognak
zu beweglicherem Optimismus; und wieder ein anderes Mal treffen die
Komplement�rfarben der beiden Weltbilder auf ein Eisprisma von Indolenz,
Phlegma und Resignation.
Unstreitig ist auch das Komische nur eine besondere Form des
Humoristischen: sie sind Zwillingsgeschwister der Bastardehe zwischen
Ideal und Real. Im Humor sehe ich eine subjektive oder objektive
_Gem�tsverfassung_, die Komik ist ein subjektives oder objektives
_Mittel_, diese Gem�tsspannung herbeizuf�hren. Mir will scheinen, da�
zur komischen Wirkung ein gewisser phlegmatisch-pedantischer Rhythmus
der Aktionen geh�rt, der diese dem Drolligen verwandte Wirkung aus�bt.
Der gewisserma�en verhaltene, scheinbar unbek�mmerte, unengagierte,
trockene Humor ist um so komischer, je gleichm��iger und verhaltener
seine rhythmische Aktion nebst der ihn begleitenden Mimik gestaltet ist.
Er verzieht keine Miene, der Tr�ger des trockenen Humors; eine beinahe
apathische Typizit�t seines Gesichtsausdruckes tr�gt dazu bei, den
Kontrast seiner realen Opposition gegen die Illusion auf rhythmischem,
Imitation erzwingendem, d.h. ansteckendem Wege zu verst�rken. Man
betrachte daraufhin einmal aufmerksam unsere Komiker, Engels, Guthery,
Thomas, Alexander, Vollmer, Bendix. Bei allen ein ganz bestimmter
typischer Rhythmus ihrer Bewegungen, eine gewisse scheinbar unbeteiligte
Gleichf�rmigkeit und schalkhafte, absichtliche L�ssigkeit ihres
Gesichtsausdruckes: h�ngende Mundwinkel, pedantische, schl�frige oder
n�rrisch verkniffene Augen, Mundspitzen, schl�rfender, ziehender Gang,
schleppende oder besonders singende, meist monotone, typische Sprache im
Indifferenzton, dazu wom�glich refrainartige, immer wiederkehrende
Gesten und sprichwort�hnliche und scharf pointierte Satzbildung. Es ist
der besonders kontrastierende, gleichm��ige, scheinbar tr�ge,
_pedantische Rhythmus, der die Komik macht_, auch beim Tappen des B�ren,
bei den Bewegungen der Dickh�uter, bei denen wir eben wie beim passiv
oder aktiv komischen Menschen ein besonderes Phlegma, eine besondere
n�rrische Indolenz und langsame Leitung gegen die schnellen Reizwechsel
des Lebens vermuten. Sanguinische Tiere, die Katzen, die Hunde, die
M�use, nennen wir eher drollig, ihr schnellerer Rhythmus gibt ihrer
Komik etwas dem Schnippischen, dem Schalkhaften, dem Possierlichen
Verwandtes. Es kann also unstreitig der Rhythmus, in dem der Kontrast
sich kundgibt, die Formen des Humors modeln und f�rben. Entscheidender
aber ist f�r die �u�erungsweise der empfundenen oder dargestellten
Kontraststimmung dennoch das Temperament, weil ja auch der Rhythmus
geistiger Bewegung wesentlich vom Temperamente bestimmt ist. So wird der
Sanguiniker sich meist des schnell kontrastierbaren Wortwitzes bedienen,
wie auch der geistreiche Witz, das Aper�u, fast das ausschlie�liche
Mittel des Humors des sanguinischsten Volkes, der Franzosen, ist. Dem
Choleriker ist der Hohn, die Gei�elung, die Ironie, die Satire das
Mittel der Kontrastierung; und die besondere Grazie der Spanier hat den
wundervollen Ritterhumor des Cervantes im Don Quixote gezeitigt, diesem
unverw�stlich ehernen Monument humoristisch-wehm�tiger Weltanschauung.
Die sanfte Melancholie der Germanen �u�ert sich in dem einzigen,
herzenstiefen, gem�tvoll sentimentalen Humor, dem wir die
�berquellenden Labetr�nke aus den Meisterwerken eines Dickens, Reuter,
Gottfried Keller, Raabe und anderer verdanken. Heines gemischt
cholerisch-sentimentales Temperament zeitigte die poetischen
Bl�tenstr�u�e, in denen Rosen um Dornenkronen geflochten sind,
darin wechselnd Tau- und Blutstropfen aufleuchten. Der Amerikaner,
dessen Seele nach gro�en Dimensionen hastet, erzeugte auch einen
phantastischen, gro�dimensionalen, exzentrischen Humor, der in Edgar
Po�, Mark Twain, Bret Harte die sch�pferischen Organe erhalten hat.
Endlich f�hrt der Lebensverzicht, die tiefe Resignation, zu einer Form
der _Kontrastierung des eigenen, reell verlorenen Daseins mit einer
bewu�t ideellen, aber unlogischen Lebensbejahung_, zum _Galgenhumor_,
dessen Typus jener Verbrecher verk�rpert, der, auf dem Karren zum
Schaffot gef�hrt, der herbeistr�menden Menge zurief: "Kinder, lauft
nicht so: ehe ich nicht komme, geht es ja doch nicht los!" Hier ist der
Kontrast geradezu umgekehrt. W�hrend sonst der Humorist tief innerlich
sein Leben bejaht und es doch in der Idee gleichsam spielend entwertet,
f�hlt der arme Schacher sein Leben verloren und bejaht es spielend nur
in der Idee. Das ist typisch f�r jede Form von Galgenhumor.
In jedem Falle ist also der Humor eine angeborene Gabe der vielseitigen
Betrachtungsf�higkeit der Welt und ihrer Erscheinungen, so verwandt der
Kunst, weil er, wie sie, des Rhythmus so dringend bedarf, Kunst aber
Rhythmus ist, verwandt der Philosophie, weil er, wie sie, die Wahrheit
�ber alles liebt, verwandt endlich und entsprungen aus dem tiefsten
Schachte des Gem�tes, wo die Edelsteine Gerechtigkeit und Menschlichkeit
ihre ewigen Kristalle wahren. Der Humor ist ein unbestechlicher Richter,
er ist eine Majest�t, die mit einem Worte dekretiert: es soll dem Rechte
freier Lauf gelassen werden; ein Henker, der den Betr�gern den
L�genflitter und die Maske vom Antlitz rei�t, ein Evangelist, der es
versteht, die starren Formeln der sozialen Fragen selbst mit einem
Himmelsl�cheln zu l�sen, und ein Tr�ster, der �ber alle Not Goldk�rner
des reinen Gewissens und des unvernichtbaren Mutes der Pers�nlichkeit
streut. "Blankes Schwert erstarrt im Hiebe", wenn der Witz die Klinge
kreuzt; und f�r manches drohende Gewitter ward ein einziges Scherzwort
zu rechter Zeit schon oft ein Blitzableiter, der den blauen Himmel
heiterer Einigkeit herbeizauberte. Der Humor ist ein Erzieher des
Volkes, ein Dokument seines Gem�tslebens, eine Schatzkammer des
Reichtumes seiner Seele.
SCHLAF UND TRAUM
I.
Wer auf ein Leben von siebenzig Jahren zur�ckzublicken das Gl�ck
hat--das ist bekanntlich die stark optimistische Auffassung der Bibel
von der durchschnittlichen Dauer des menschlichen Daseins--, der macht
es sich wohl mit einiger Verwunderung klar, da� es mindestens
f�nfundzwanzig Jahre waren, die er buchst�blich verschlafen hat,--selbst
wenn er die kummervollen N�chte, in denen die Sorge oder der Schmerz
neben ihm am Bettrand sa�, oder auch die N�chte abrechnet, die er
weniger kummervoll als deutscher Student verlebte.
Man kann es den Studenten also eigentlich ebensowenig verargen wie
weiland Friedrich dem Gro�en, da� sie auf die freilich unhygienische
Idee gekommen sind, sich das Schlafen abzugew�hnen; scheinen doch auch
unsere Ministerien der Meinung zu sein, da� f�r festangestellte Beamte
der Schlaf eine Luxusfunktion bedeutet. Ja, der Staat verlangt von
Sicherheitsbeamten, Nachtw�chtern, Telegraphisten, Lokomotivf�hrern usw.
sogar, da� sie gef�lligst ihren eigenen Kalender umstellen, die N�chte
z�hlen und die Tage aus ihrem Bewu�tsein streichen, sich also gleichsam
zum Eulen- und Fledermausnaturell im Interesse des Ganzen umzubilden
versuchen. Das w�re eine grandiose Grausamkeit vom Staat und von der
Gesellschaft und ein str�flicher Leichtsinn der Jugend, die die Lust, zu
leben, durch Abz�ge am Schlaf zu verl�ngern sinnt, wenn es nicht
tats�chlich sogar recht wohlgen�hrte Individuen in der Natur g�be, die,
wie Raubv�gel und Falter, aus Neigung und Naturbestimmung mit
heraufziehender Nacht erst zu leben beginnen. Freilich: f�r die
erdr�ckende Mehrzahl der Lebewesen ist die Sonne und das Licht und der
Mutterboden Erde, in Helligkeit und Farbe getaucht, der Tummelplatz f�r
den Kampf, Sieg und Untergang des Daseins, und der Schlaf ist im
allgemeinen die Anpassung des Organismus an den Untergang der Sonne; er
w�hrt, so lange sie hinter den Bergen verweilt, und er schwindet mit
ihrem ersten �stlichen Gru�, der schon vor unserem Erwachen die H�hne
veranla�t, Trompetenstudien zu machen. Freilich: schon lange hat die
Kultur, die Jean Jacques Rousseau eine M�rderin der Elfen und Waldg�tter
schelten durfte, erst durch Holzscheite und Pechfackeln, dann durch
Tranfunzel, Docht, Stein�l und Gas und jetzt durch das starre,
geisterhafte Licht der Gl�hbirnen und leuchtenden Str�mpfe, deren Strahl
auf die Netzhaut wirkt wie ein Dolch (woran leider die Augen�rzte
sp�terer Generationen noch einmal ihre Freude haben werden), dahin
gestrebt, die Sonne zu ersetzen und gleichsam zu verl�ngern,--wie man
eine kr�ftige Bowle oder eine Suppe zieht. Ja, selbst die Nat�rlichen,
die heute versuchen wollten, mit Sonnenuntergang sich niederzulegen,
w�rden von dem L�rm der auf k�nstliches Licht eingestellten Mitwelt
unsanft aufger�ttelt werden und, wenn sie sich bei Tagesanbruch erh�ben,
in ihrem Hause wie des Begr�bnisses unw�rdige Bewohner von Vineta oder
Pompeji umherwandeln. Die Menschennatur hat einen Rhythmus von Ebbe und
Flut, wie das Meer, der Himmel, die Sterne und alles, was ist. M�glich,
da� dieser Rhythmus sich �ndern l��t, da� wir uns allm�hlich anzupassen
verm�gen an die k�nstlichen Quellen von Licht, aber man darf sich
nicht verwundern, wenn diese Anpassung nur auf dem Umwege von
Hypersensibilit�t und Neurasthenie erreichbar ist. Nervosit�t ist
vielleicht nur die �bergangsform--im Sinne Darwins--zu einer
k�nftigen Norm von bleichs�chtig-�therischer, hypersensitiver
Wei�e-Lilien-Menschheit, die ihren Daseinskampf in elektrisch
erleuchtete H�hlen verlegt hat; vielleicht sogar l��t sie sich vor
lauter Produktion �berfeinerten und distinkten Nervenlebens noch einmal
am eigenen Lichte gen�gen, wie die entz�ckenden Gl�hw�rmchen im Moose
oder die gro�en Laternentr�ger der Tropen. Man sollte meinen, da� die
Menschheit keinen Grund h�tte, sich jenen Lebewesen anzureihen, deren
schwache Konstitution und federleichte Skelettformierung sie einst
abschob von der Chaussee des Lebens auf dunkle Waldwege, in Gr�ben und
S�mpfe, weil hier das Dunkel der Nacht sie ihren Feinden besser entzog,
wie Nachtinsekten, K�fer und Schmetterlinge; man sollte sich auch
scheuen, es jenen Dieben und Einbrechern in Wald und Flur nachzumachen,
den Eulen und Raubv�geln, die auf den Gedanken kamen, da� die Finsternis
ein trefflicher Mantel f�r lichtscheue Taten sei. Vorl�ufig aber bleibt
es hoffentlich dabei: f�r unser Planetensystem ist es die Sonne, die als
die Urheberin und Erhalterin alles Daseins, gleichsam als die letzte
Ursache und der Grund aller Dinge zu gelten hat, und sie bleibt die
Wirkerin des Lebens selbst in der periodischen Abkehrung der Erdzonen
von ihrem Antlitz. Die Nacht und ihr Weben ist nur das Nachwirken oder
der R�ckprall der Sonnenmacht. Tats�chlich ist der Schlaf an ihr
Verschwinden gebunden, denn unsere Antipoden schlafen, wenn wir wachen,
und wachen, wenn wir schlafen. Periodisch also, wie die Sonne erscheint
und verscheint, so periodisch und rhythmisch pendelt das gesamte
organische Leben bei Pflanze und Tier zwischen Leben und Schlaf hin und
her. Denn da� auch Pflanzen eine Art Schlaf haben, kann als ausgemacht
gelten, obgleich es auch hier Lichttrotzer gibt, die ihr eigentliches
Leben erst nachts beginnen. Die �rmsten! Sie begreifen nicht, wie sehr
sie doch im Banne der Strahlen sind, wenn sie erst erwachen k�nnen,
sobald das Licht verschwindet. Nun kann man sagen--und die Wissenschaft
wiederholt es zuweilen noch heute--: dasjenige, was uns Schlaf bringt,
hat mit der Sonne gar nichts zu tun. Der Schlaf sei ein Symptom der
Erm�dung, des periodischen Absinkens der Lebensenergie, ein passives
Zur�ckfluten der Lebenswelle; wie das Herz sich aktiv systolisch
zusammenzieht, die Atmung durch Rippenaktion eingeleitet wird, Diastole
und Ausatmung aber die passiven Phasen der vorangegangenen positiven
Aktionen darstellen, ebenso sei der Schlaf gleichsam die Diastole der
Nervenflut, eine Art Ausatmung des Seelenodems; er sei ein nat�rlicher,
rein passiver Vorgang der Ermattung, des Nachlassens der
Nervenspannungen. Ja, noch k�hner ist die Wissenschaft (Preyer) gewesen;
man hat behauptet, es sei ein Gift, wie das Narkotikum des Mohns, ein
physiologisches, von der Natur gewolltes Opium, das in der K�che des
Muskelhaushaltes gerade infolge der Erm�dung jeder sich selbst bereite,
das sich allm�hlich ins Blut mische und schlie�lich uns einschl�fre.
Welche sonderbare Anschauung: Selbstvergiftung, Muskelgift, periodische
Narkose! Dann h�tte also das Sonnenlicht nur ganz zuf�llig mit Schlaf
und Wachen zu tun; und nur, weil wir am Tage unsere Muskeln gebrauchen
und damit das Fleischmilchs�uregift w�hrend des Sonnenlichtes
produzieren, hat scheinbar die Sonne direkten Einflu� auf den Rhythmus
von Schlaf und Wachen. Nun, abgesehen von der zweifelhaften Natur dieses
Muskelopiums--die Preyerschen Experimente brachten erstens keinen
Schlaf, sondern nur Vergiftungssymptome, und zweitens kann man diese dem
Schlaf ganz un�hnlichen Zust�nde fast mit dem Extrakte jedes anderen
Organes, ja, sogar aus dem ganz unt�tigen Muskel des neugeborenen Tieres
herauspressen; sie beweisen eben nur, da� auch Muskels�fte fremde
Beimengungen zum Blut sind,--abgesehen also von der hypothetischen Natur
dieses Schlafstoffes gibt es sehr schlagende Gegengr�nde gegen die
M�glichkeit einer solchen periodischen Erm�dungsvergiftung. Wie sollte
ein Tier mit Winterschlaf so sonderbare Giftkammern besitzen, um von
ihnen aus Monate lang sich selbst in Narkose zu erhalten, ohne da� f�r
diese Funktionen auch nur der Schatten eines Organes in seinem Leibe zu
finden ist? Wie sollte zum Beispiel die merkw�rdige Narkose des
Hamster-Chloroforms zu deuten sein, die ohne jede Analogie in unserem
Wissen vom k�nstlichen Schlaf w�re und nur in der periodischen
Wiederkehr gewisser Wahnsinnsformen einen schwachen Analogiest�tzpunkt
gewinnen k�nnte? Wie aber sollte erst diese Narkose durch Selbstgift zu
verstehen sein bei der pathologischen Schlafsucht des Menschen, bei der
eine--dann doch notwendige--besondere Muskelaktion vor dem Anfall oder
w�hrend der Dauer des Schlafes noch niemand aufgefallen ist und bei der
ein besonderer Gehalt des Blutes an dieser Fleischmilchs�ure in keinem
Falle bisher sich hat beobachten lassen? Wo produzieren Neugeborene, die
doch noch herzlich wenig mit Muskelk�nsten zu paradieren pflegen, das
Muskelmorphium ihres lieblichen Dauerschlafes, der sich f�r unbefangene
Betrachter wahrlich eher wie ein Nachdauern s��en Himmelsfriedens, aus
dem die Seele niederstieg, ausnimmt als wie ein tiefer und z�her Kater,
der auf einen Sturm durchwachter Pr�geln�chte folgte, worauf allerdings
das Antlitz des eben einpassierten Mitb�rgers mitunter hinzudeuten
scheint? Ist denn im Gegensatz zum Hind�mmern des werdenden Menschleins
das unruhige Leben des Neurasthenikers oder des Greises, der hin und her
hastet in Lebensangst und Sorge, ein besonders mit Schlaf gesegnetes?
L��t sich ernstlich behaupten, da� man, je mehr Muskelaktion man aus�bt,
desto besser schlafe? Ist nicht gerade �beranstrengung das beste Mittel,
um gar nicht mehr zu schlafen? Erfreuen sich nicht umgekehrt gesunde
geistige Arbeiter eines ungest�rten, tiefen Schlummers? Will man
behaupten, da� auch sie alle Gift produzieren? Die ganze
Erm�dungstheorie, die das Leben auffa�t wie ein Kautschukband, das man
hier und da abspannen mu�, um es funktionst�chtig zu erhalten (wobei
noch nicht bewiesen ist, da� es dadurch dauernd elastischer bleibt), ist
meiner Meinung nach unhaltbar. Gerade die lebenswichtigsten und
festgegr�ndetesten und wahrlich "besch�ftigten" Organe, das Herz, die
Lungen, der Magen--diese eigentlichen Motoren unseres k�rperlichen und
seelischen Betriebes--entbehren des Schlafes g�nzlich. Sie h�mmern,
blasen und w�hlen unbek�mmert um Nacht und Tag und erm�den erst, wenn
das Schifflein strandet. Aber auch die Nervensubstanz selbst, die sich
vor allem erholen soll, ruht nicht aus. Allein schon die Existenz eines
Traumes, die M�glichkeit eines Bewu�tseins im Traum spricht gegen die
absolute Ruhe des Nervensystems. Das, was wir Erm�dungsgef�hl nennen,
kann sehr wohl das Gef�hl gest�rten Gleichgewichtes der wechselnden
Lebensbet�tigung verschiedener Organsysteme sein, indem zum Beispiel
nach langen M�rschen die so lange unt�tigen, den Muskelzentren nahe
benachbarten Intelligenzzentren nach Lebensbesch�ftigung verlangen. Sie
wollen auch mittun, denn sie sind doch auch berechtigt, zu schwingen und
in Aktion zu treten. Wir sehen im Haushalt des Gehirnes immer nur ein
System ausgeschaltet und das andere eingeschaltet werden. Es k�nnte also
ebensogut das Gef�hl der Erm�dung eine Vorstufe des Schmerzes sein, der
uns warnt, die Maschine nicht immer auf einem Rade laufen zu lassen, wie
ja so oft Schmerz und Unlustgef�hle die Rolle der Signalw�chter f�r
St�rung und Gefahr �bernehmen. Wo diese W�chter schweigen, wie bei
eigentlichen Geisteskrankheiten oder bei sportlichen Tollheiten
(Tagestouren der Radfahrer), da sehen wir die Erm�dung als etwas
Illusorisches ausbleiben. Geisteskranke leisten k�rperlich oft
physiologisch Unfa�bares an Muskelaktion, und vor der �ra der vier Tage
lang radelnden Dauerfahrer h�tte man die Sache nach den Gesetzen der
Erm�dung f�r Hirngespinst gehalten. Freilich hat man auch noch nichts
von besonders produktiven K�pfen, die auf solchen Athletenschultern
s��en, geh�rt.
Ganz und gar keine Anwendung l��t aber die Hypothese von der Erm�dung
oder der Selbstvergiftung auf die Formen k�nstlichen Schlafes zu, die
uns die junge Kunst des Hypnotisierens gelehrt hat. Es m��te schon eine
sonderbare Erm�dung oder ein sonderbares Gift sein, die durch Streicheln
oder Anglotzen, mit mehr oder weniger "freundlichem" Zureden, die
Hirnganglien �berfielen und ertr�nkten. Einer Mutter, der sorgsamsten
Beobachterin des Schlafes, wird sicher nicht beizubringen sein, da� ihr
summendes Singen und ihr Auf- und Abwiegen dem Kinde ein erm�dendes Gift
hinter die geschlossenen Lider sch�ttet. Wie nun, wenn man diese ganze
Theorie des Schlafes als eines passiven Vorganges, wie ihn die
Wissenschaft noch heute definiert, �ber Bord w�rfe? Sehen wir zun�chst
zu, was die Physiologie �ber den Schlaf aussagt. Landois, wohl der
geistvollste und universellste Physiologe, spricht sich �ber den Schlaf
in den folgenden S�tzen aus: "Der Schlaf ist eine Phase der Periodizit�t
des t�tigen und ruhenden Zustandes des Seelenorganes." "Es ist im Schlaf
eine verminderte Erregbarkeit des gesamten Nervensystems vorhanden."
"Der Schlafende gleicht einem Wesen mit herausgeschnittenen Hirnkugeln."
Auffallend ist, da� man bei diesen Grunds�tzen �ber die Physiologie des
Schlafes so v�llig vergessen hat, den Traum, als eine Funktion des
Schlafes, in die Definition miteinzubeziehen. Denn allein die
psychologische Tatsache des Traumes und seiner gew�hnlichsten
Erscheinungsformen hebt diese Anschauungen s�mtlich auf. Der Schlaf kann
nicht die Periode des ruhigen Zustandes des Seelenorganes genannt
werden, denn es gibt Tr�ume; Tr�ume sind aber "T�tigkeiten" des
Seelenorganes. Im Schlaf ist ferner oft gerade eine erh�hte Erregbarkeit
des Nervensystems vorhanden, wie das Zittern und Beben des Organismus
unter unruhigen Tr�umen beweist. Au�erdem ist die vorhandene
Erregbarkeit s�mtlicher Nervenfunktionen im Schlafe leicht erweisbar.
Tue Salz auf die Zungenspitze eines Schlafenden, kitzle seine Nase,
bringe ein Licht in sein Zimmer: er wird mit der Zunge schmecken, die
Nase reiben, eventuell sogar niesen, sich in den Schatten drehen und
braucht dabei gar nicht zu erwachen. Aber selbst wenn er erwachte, so
w�re damit bewiesen, da� sein Nervensystem erregbar war, auch w�hrend er
schlief,--und es w�re doch schwer festzustellen, ob st�rker oder
schw�cher als vor- und nachher. Der Schlafende gleicht aber auch
keineswegs einem Wesen mit herausgeschnittenen Hirnkugeln, obwohl wir
leider keinem solchen Opfer der Wissenschaft mit einiger Aussicht auf
Erfolg diese Frage vorlegen k�nnten. Aber wir entnehmen gleichfalls aus
der Funktion des Traumes, die Ichbewu�tsein, Seh-, H�rwahrnehmungen usw.
nicht ausschlie�t, da� die wesentlichen Teile des Hirnorganes, die
Ganglien der Hirnkugeln, in voller T�tigkeit sind. Ja, im Schlafwandeln,
einer Abart des Traumes, finden wir sogar bewu�te und durch die
Erinnerung und Beobachtung rekonstruierbare Zweckm��igkeitshandlungen,
die nur durch die T�tigkeit der "gleichsam herausgeschnittenen"
Hirnkugeln vermittelt sein k�nnen. Im Widerspruch mit diesen
Definitionen ist also im Schlaf etwas vorhanden, das ihn als etwas
durchaus Aktives aufzufassen gestattet. Jene Analogie mit der Ebbe, mit
der Diastole, mit der Ausatmung, mit dem periodischen Nachlassen
elastischer Spannung k�nnte durch eine Auffassung ersetzt werden, wonach
der Schlaf eintr�te, weil irgend etwas da ist, das eine Tarnkappe �ber
die Gangliensysteme zieht, das den Nervenmechanismus angreift wie der
Konterstrom einer elektrischen oder Dampfbremse, das sich �ber die
�olsharfensaiten der Seele und ihre Milliarden schwingender Membranen
hin�berzieht wie ein vielgestaltiger D�mpfer, der die T�ne erstickt, die
Flammen verglimmen macht, die Bewegung stillstehen hei�t und die Welt
und ihre Umgebung zeitweise versinken l��t. _In Wirklichkeit ist der
Schlaf eine Form der aktiven Bewu�tseinshemmung_. Wir wissen aber--und
das ist das Fruchtbare an dieser Betrachtungsweise--, da� Hemmungen,
Isolation, Ausschaltungen im Bewu�tsein durchaus aktive Vorg�nge, den
Nervent�tigkeiten v�llig gleichwertige Seelenfunktionen sind. Ja, wir
k�nnen sogar mit einigem Recht behaupten, da� ganz allgemein, biologisch
gesprochen, die Hemmung, der Widerstand die Bedeutung eines aktiven
Weltgesetzes hat, indem gerade sie das eigentlich Entscheidende f�r die
Formierung des �berall vorhandenen und zur Bet�tigung dr�ngenden Lebens
sein d�rfte. Die unendlich wandelbaren Gestaltungen, die das Leben
hat, gewinnt es nur durch Nachlassen oder Verst�rkung der ihm
gegen�bergestellten Formen der Hemmung. Das Leben ist gleich einem
gegebenen Strom r�tselhafter, jeder Anschmiegung f�higer Materie, es
quillt durch jede Fuge, jede Ritze in der Form dieser L�cke, und die
Hemmung gleicht einer krallenden, bildenden, vielfingrigen Faust: sie
erzwingt die Form. Das Leben hat nur Platz in dem Hohlraum, den ihm die
Widerst�nde lassen. Das ist ein Weltgesetz; und auch das komplizierte
System der seelischen Nervent�tigkeit l��t es erkennen. Jeder
hat schon an sich die aktive Macht dieses Gesetzes erfahren: die
Abh�ngigkeit seines Willens von etwas anderem in ihm, seinem Wollen
Entgegengesetztem, die zwei Seelen in seiner Brust, die Stimme, die vom
Meere ruft, und das Gl�cklein, das vom Kirchturm t�nt und "Bleib
daheim!" l�utet. Gott und Teufel, Wei� und Schwarz, Ich und Du, der
andere in mir, Lust und Abscheu--immer um so n�her beieinander, je h�her
die Wogen des Empfindens gehen--sie sind nicht auseinanderzurei�en. Wie
ein Pendel seine Schwingungsweite inneh�lt und um so h�heren Ausschlag
gibt, je h�her der Anhub war, so lauert die Hemmung, die Wellen der
Erregung ins Tal zu rei�en. Kein Wunder, da� es so ist! Denn, rein
mechanisch gesprochen: die Aktion einer Mehrheit der Nervenganglien des
Gehirnes mu� in dauernder Hemmung sein, und zu einer Zeit k�nnen nur
wenige Systeme in Aktion anklingen, gleichsam wie ja zu einer Zeit nur
eine Leitung meinem Telephon angeschlossen sein kann, die �brigen aber
abgesperrt sind. Ohne diese ewig wechselnde Ein- und Ausschaltung m��ten
ja jeden Augenblick alle Ganglien in chaotischen Wellen durcheinander
schwingen. Wir finden also, da� wir in zeitlich nacheinander geordneten
Systemen nur deshalb denken k�nnen, weil uns im Augenblick immer nur
eine Bahn zum Denken von der Hemmung freigegeben ist. Was "die
Aufmerksamkeit konzentrieren" hei�t, ist nichts als das Gef�hl und
Bewu�tsein davon, da� von der ewig schwankenden, Anschl�sse bald hier
erzwingenden, bald dort abd�mpfenden Hemmung nur eine--die
Augenblicksempfindung vermittelnde--Bahn freigelassen ist. So ist also
der eigentliche Spiritus rector, _die Seele �ber der Seele_, nicht in
den Ganglien, die nur die Erregungselemente abgeben, zu suchen; und in
dem Mechanismus dieser Hemmung w�re das Prinzip zu erforschen, das
gleich immer wechselnden Registerz�gen in der gro�en Hirnorgel bald
diesem, bald jenem System die Ventile �ffnet, so da� der einstr�mende
Hauch des Lebens die f�nfzehnhundert Millionen feiner Membranstimmen in
unfa�bar reicher Kombinationsm�glichkeit zu seelischen Akkorden
erklingen l��t. An einem Hause seien Millionen kleiner Gl�hl�mpchen
angebracht, deren Dr�hte alle in eine stille Klause unter dem Dache
auslaufen. Hier sitzt ein Jemand, der das System der Hemmung in den
H�nden h�lt. Er l��t Millionen Fl�mmchen erl�schen, und ein kleiner Rest
leuchtet: ein Namenszug strahlt in das Dunkel der Welt. Andere Systeme
werden geschlossen, andere freigelegt: ein Gru�, ein Willkommen, ein
ganzer Satz erstrahlt,--und so k�nnte der Ingenieur der Hemmungen unter
dem Dach gewi� jede Weisheit in farbigem Spiel aufleuchten lassen, falls
er den Strom seiner Batterien, der in alle L�mpchen zu flie�en strebt,
zeitweise immer nur in einige eingelernte Bahnen zwingt und ihm die
anderen verschlie�t. So ist auch hinter unserer Stirn ein unendlich
kompliziertes System kleiner erregbarer Leuchtk�rper ausgespannt, viel
zahlreicher als die Sterne am Himmel, die f�r uns auch nur aufflammen,
wenn das Licht des Tages sie nicht abblendet; die nur dann in ihren
spezifischen Energieformen erzittern, wenn die Hirnhemmung gerade ihre
Leitungen dem Strahl des Lebens freigibt. Diese Hirnhemmung hat nun
keineswegs gleiche, scheinbar willk�rliche Macht �ber alle Formen
zentraler Hirn- und Seelent�tigkeit; ihr wechselnder Einflu� nimmt mit
dem Entwicklungsalter der einzelnen Hirnpartie ab. In den instinktiven,
dem Bewu�tsein ganz entzogenen Seelent�tigkeiten, namentlich in
denen der Regulation von Herz- und Atmungst�tigkeit, schwankt
die Hemmung nicht mehr; sie ist immer gegenw�rtig, sie hat sich
selbsterhaltungsgem��[1] herausgepr�ft, welche koordinierten Bahnen das
Beste, Unab�nderlichste f�r den Haushalt des Ganzen darstellen. So
werden auch unsere, heute nicht mehr bewu�ten Seelenhandlungen in
festen, definitiv und stets gleichm��ig gehemmten Bahnen reguliert, und
nur in den j�ngsten Phasen des Bewu�tseins tastet die Hemmung, gleichsam
nach Auswahl suchend, was wohl die beste, erhaltungsgem��e L�sung sei.
Die j�ngste Entwicklungsphase eines seelischen Organismus ist gleichsam
stets sich selbst noch ein Problem, das nach definitiver, d.h.
instinktiver L�sung ringt.
Fu�note 1: Von Hauptmann treffend statt "instinktiv" eingef�hrter
Begriff.
In uns geht sehr vieles unbewu�t seinen nicht mehr abzu�ndernden
psychischen Mechanismus. Wir haben in uns psychisches Geschehen, das
unserer Kontrolle ganz entzogen ist. Unsere Sympathien und Antipathien
z.B. k�nnen wir nicht mehr ohne Rest im Bewu�tsein begr�nden; wir tun
vieles, oft das Entscheidendste, ohne jeden plausiblen Grund,--mit einem
Wort: es gibt in uns Verst�ndigeres als den Verstand, Bewu�teres als das
Bewu�tsein, Besseres als das Beste![1] Das sind jene unterbewu�ten,
schon definitiv vom schwankenden Bewu�tsein des Ichs und der Situation
abgel�sten (definitiv gehemmten) Gebiete, die nicht mehr oder noch nicht
mit der tastenden Orientierung der h�chsten Ganglienschichten assoziiert
werden k�nnen. Die j�ngsten Phasen geistiger Entwicklung senden ihre
Polypenarme (Sinne) wie Gehirnausst�lpungen nach au�en, sie horchen,
f�hlen, wittern umher in der Welt und suchen nach Orientierung im
Weltganzen. Das Gef�hl der allseitigen Hemmung, die Summe aller Reize,
die die Widerst�nde auf meine Sinne aus�ben, wirkt das, was mein
Empfinden von mir selbst und mein Bewu�tsein von meiner Stellung in der
Welt ausmacht. Aber in der Tiefe meines geistigen Seins ist immer noch
ein dunkel in mein Jetztsein hineinreichender Unterstrom von einstigem
Wissen und Erkennen derer, die vor mir waren, gleichsam das Testament
der Psyche meiner Vorfahren, das ich nicht mehr entziffern kann, dessen
Gesetzen ich aber gehorche, auch ohne seine Sprache zu verstehen.
Manchmal f�hlen wir ein dunkles Aufleuchten aus diesen Tiefen der mit
uns geborenen Stammesgeschichte, man sinnt ihm nach, wird sich seiner
Macht inne und f�hlt doch nur einen Widerschein von seinem
Wetterleuchten. In diese Tiefe reicht nun keineswegs die Hemmung, die
der Schlaf dem Bewu�tsein bringt, seine Abblendung des geistigen Lichtes
bezieht sich nur auf jene kr�nenden Funktionen geistigen Geschehens, die
im wesentlichen, wie wir sehen werden, der noch gegenw�rtigen Phase der
Hirnentwicklung zugeh�ren.
Fu�note 1: Das geht zum Beispiel deutlich aus der Tatsache hervor, da�
wir von einer Erkrankung tr�umen k�nnen, deren Herannahen im Wachen
noch nicht empfunden wird: ein hohler Zahn, ein Geschw�r kann im
Entstehen schon Traummotive erregen, ohne gleichzeitig Wachsensationen
zu veranlassen. (Moll.)
Was ist es nun, das diese Hirnhemmung[1], die das Dunkel des Schlafes
erzwingt, vermittelt?
Fu�note 1: �ber das mutma�liche Wesen dieser selbst siehe
Ausf�hrlicheres in des Verf. "Psychophysik des Schlafes und der
schlaf�hnlichen Zust�nde". Zweiter Teil seiner "Schmerzlosen
Operationen". 5. Aufl. bei Springer, Berlin.
Wir stellen uns vor, da� um die Ganglienzellen des Gehirnes ein
Mechanismus ausgespannt ist, dessen Aktion eben die Hemmung bedeutet,
und da� dieser Mechanismus vielleicht ganz grob gebunden ist an die
Zwischensubstanz zwischen den Gangliensystemen, die Neuroglia, die
bisher als eine einfache St�tzsubstanz aufgefa�t wurde. Wir denken uns
diese Substanz aktiv durch Blutstrom und Saftzirkulation rhythmisch
erf�llbar und entleerbar, so da� je ihre F�llung oder Entleerung
imstande ist, Anschl�sse (Assoziationen) unter den Zellen zu
unterbrechen oder zu bewerkstelligen. Sie bildet gleichsam zwischen den
Ganglienk�rpern feuchte oder trockene Isolationsschichten, die den
�berspringenden Funken oder induzierten Str�men gr��eren und geringeren
Widerstand entgegensetzt. So gesch�he auch das Denken in der Richtung
des geringsten Widerstandes im Seelenorgan, wie jede andere
Bewegungsform. _Die T�tigkeit der Ganglien ist die der spezifischen
Transformation (Umbildung) der Au�enweltreize, ihre prismatische
Strahlenzersplitterung, und die T�tigkeit der Hemmung ist die der
Widerstandserzeugung f�r die Assoziation dieser transformierten Reize._
Sicherlich gibt es auch ein psychisches �quivalent, d.h. jeder Reiz, der
das Zentralorgan trifft, verlangt seinen v�lligen Umsatz in Spannkr�fte
der Vorstellung und des Willens; die Handlung und der Gedanke sind
gleichsam die Sammlung der zerstreuten Strahlenb�ndel zu wei�em Licht,
die R�ckgabe der unver�u�erten Pfunde an die Au�enwelt. Die Hemmung gibt
die Bahnen an, in denen dieser Ausgleich sich vollzieht.
Diese, wie ich gern gestehe, f�r eine Plauderei schwerf�lligen
Deduktionen waren n�tig, um den Mechanismus des Schlafes v�llig
verst�ndlich zu machen. Sie erm�glichen eine hypothetische Einheit des
Gesichtspunktes, von dem aus es leicht wird, alle Formen des Schlafes zu
betrachten. Da� die Strahlenfinger der Sonne imstande sind, die Hemmung,
die �ber den Ganglien im Schlafe ausgespannt ist, zur�ckzuziehen,
verm�ge einer Reizung der sympathischen Nervengeflechte, wird uns ebenso
begreiflich, wie da� ihr Loslassen von der Gef��spannung dieser am Abend
gestattet, die Tarnkappe �ber das Bewu�tsein zu ziehen. Man beobachte
nur einen M�den. Indem die heranrollenden Flutwellen des Hirnblutes
gegen seine Bewu�tseinszentren anbranden, f�hlt er eine Neigung, nicht
mehr mitzudenken, es wird ihm schwerer, die Umgebung teilnehmend
festzuhalten, er vergi�t sich und sie, seine Muskelaktionen werden
schlaffer, die Lider sinken herab, und ein krampfhaftes G�hnen gibt
kund, da� der Reiz�berschu�, den das Leben in seiner Hirnrinde
zur�ckgelassen hat, eine gewohnheitsm��ige Ablenkung auf ein gewisses
Gebiet der Atmungst�tigkeit erf�hrt. G�hnen hei�t, das Gehirn von
Spannkraft des Denkens entladen, um so der Hemmung leichteres Spiel zu
gestatten. Recken und Strecken sind nicht minder Formen der �berf�hrung
geistiger Spannkr�fte auf das Muskelgebiet. Die Flutwelle der Hemmung
sp�lt immer weiter �ber den lichten Strand des Bewu�tseins, in dessen
Glanz sich eben noch die Umgebung widerspiegelte. Diese Bildfl�che wird
immer tr�ber, und schlie�lich versinkt wie mit einem Schlage die
Au�enwelt vor seinen inneren und �u�eren Blicken: er ist in ihr und hat
doch kein Gef�hl davon. Dieser Vorgang gleicht so unmittelbar der
Ein- und Ausschaltung elektroider Spannungen, dem langsamen Verglimmen
eines eben noch strahlenden Gl�hk�rpers, da� der Begriff des
"Erl�schens" des Bewu�tseins zu dem Treffendsten geh�rt, was unsere
Sprache besitzt. Man kann ihn ruhig buchst�blich nehmen. _Die
Schlafhemmung ist also ein durch Nervenspannung (Sympathicus)
vermittelter Reflex_, den die Periodizit�t des t�glichen Lichtwechsels
durch Anpassung erzwungen hat, der aber--und das spricht deutlich f�r
die hier vorgetragene Auffassung--ebenso gut durch andere Einfl�sse
nerv�ser Natur erzeugbar ist. Ganz gleich, ob die vermutete
Zwischenwirkung der Neuroglia vorhanden ist oder nicht--und sie ist ja
eine Hypothese, wie andere auch--: Niemand kann leugnen, da� Schlaf
durch Reizung der Hemmungsvorg�nge im Gehirn aktiv zu erzeugen ist. Man
hat die Wichtigkeit dieser Vorstellung bisher nicht erkannt. Diese
Reflexhemmung ist nun z.B. ebenso, wie physiologisch durch den Rhythmus
des Sonnenunter- und Sonnenaufganges, ausl�sbar durch die Ma�nahmen der
Hypnose: Streicheln �ber die Stirn und Augenlider, starres Fixieren,
K�mmen, Wiegen, das gleichm��ige Einerlei des Tickens der Uhr, Vorlesen,
die Monotonie des Schlafliedes,--das alles sind Reizformen der sanften,
suggestiven Abblendung des Bewu�tseins auf einen einzigen Punkt, wodurch
es nat�rlich der immer bereiten Hemmung um so leichter gemacht wird,
rings um diese letzte Stelle des Bewu�tseins ihr Zeltdach des Schlummers
zusammenzuziehen. Eind�mmung des Bewu�tseins auf einen Punkt und
Einschlafen sind Dinge, die nahe beieinanderliegen. So kommt es, da� zum
Einschlafen auch der feste Wille dazu geh�rt und da� Gewohnheit und
Erziehung einen so erheblichen Einflu� haben. Man zwinge sich bei
erschwertem Einschlafen, fest bei einem Punkte zu verharren, man stelle
den geistigen Blick auf eine Stelle der Erinnerung, der �berlegung, der
Vorstellung und halte ihn ja fest--der Gedanke ist ein Springinsfeld, er
will rechts und links �ber die Z�une setzen--: dann wird es der Hemmung
schon gelingen, auch diesen Punkt mit weicher Hand auszuwischen und das
s��e Allvergessen hervorzuzaubern. Unsere Schlafmittel--einschlie�lich
der Mittel der Narkose--bet�uben in gleicher Weise, sie l�hmen die
Gef��nerven aktiv; und die Folge ist die F�llung der hemmenden Gespinste
um die Ganglien und die Erzwingung der Unm�glichkeit ihrer gegenseitigen
Erregung. Ganz deutlich ist der Mechanismus beim Alkoholgenu�. Der
anfangs die Gef��e treffende Giftreiz verengt zun�chst das Stromgebiet
der hemmenden Zwischenschicht; der Anschlu� der geistigen Verkn�pfung
der Ideen erfolgt zun�chst mit deutlicher, gern gef�hlter, die
Lebenslust erhebender Leichtigkeit; �ber alle H�hen und Tiefen der
Probleme schwebt frei und selig die erleichterte Kombination der
Gedanken; der D�mmste d�nkt sich ungeheuer geistreich und traut sich
F�higkeiten zu, von denen er nie geglaubt, da� er sie sein eigen nennt,
wobei er oft sogar Kundige zu t�uschen vermag. Die Hemmung gewinnt aber
um so mehr Gewalt, je h�her die Dosis steigt, sie engt wie beim
Hypnotisierten das eben noch irrlichtelnde Bewu�tsein immer mehr ein,
der Berauschte bleibt geistig an einer Stelle kleben, er erz�hlt
dieselbe Geschichte f�nfmal, zehnmal, murmelt schlie�lich immerfort
dieselben dumpfen Fragmente: und endlich sinkt des dionysischen
Schw�rmers blutgef�lltes Haupt schwer auf den Tisch, und die vollt�nende
Harfe l��t dem S�geger�usch des Schnarchens das Feld. W�hrend aber bei
diesen k�nstlich erzwungenen Formen des Schlafes die Hirnhemmung nicht
nur die obersten Schichten des Bewu�tseins umfa�t, sondern auch ihre
eiserne Klammer tiefer um die Zentren der Muskelaktion sowohl wie
um die anderer Formen von Bewu�tsein schl�gt, scheint uns f�r den
physiologischen Schlaf charakteristisch, _da� eigentlich nur das
Bewu�tsein f�r Zeit und Ort, f�r Orientierung in der Umgebung
und der betreffenden zeitlichen und �rtlichen Situation fehlt_.
Da der Schlafende im Traum sein Bewu�tsein von sich selbst, den
Begriff der Pers�nlichkeit, durchaus nidht verliert, sondern nur
orientierungsunf�hig f�r das ist, was ihn in Wirklichkeit umgibt, so
kann man sagen: _Schlaf ist nichts als die periodische Hemmung des
Situationsbewu�tseins; er ist die periodische Ausschaltung der
Orientierung f�r die Umgebung, die Zur�ck- und Einziehung aller
Empfindungsfasern, mit denen der Mensch direkt in seiner Umgebung
wurzelt_. Alles �brige, sein Ich-Bewu�tsein, seine Bewegungsf�higkeit,
seine Phantasiet�tigkeit, seine Vorstellungssph�re, unterbewu�tes
Instinktleben ist an sich ganz wach und nur insofern vermindert,
als diese Funktionen ihren verst�rkten Ansto� eben aus jenem
Situationsbewu�tsein zu ziehen gew�hnt sind. Wir verlassen f�r
gew�hnlich im Schlafe nicht unser Bett, weil wir von diesem Bette gar
nichts wissen, wir greifen nach nichts �ber und um uns, weil wir nichts
von dem "�ber und um uns" wahrnehmen, und wir lassen alle
Muskelt�tigkeit ruhen, weil wir aus der Umgebung keine Veranlassung
beziehen, irgend etwas auf diese Bez�gliches zu unternehmen. So weit
aber die tiefer gelegenen zentralen Funktionen vom restierenden
Bewu�tsein des Traumes erregt werden k�nnen, bleibt ihre
Beeinflu�barkeit bestehen, wie wir noch sehen werden. Bei der
Betrachtung des Traumes werde ich auch noch genauer zu definieren haben,
in welcher Weise sich diese Tatsachen der Hirnhemmung bei den
verschiedenen Formen des gest�rten, pathologischen Schlafes erkennen
lassen. Da nichts so individuell ist wie die Intelligenz, und da gerade
die Schichten, in denen Logik und Intelligenz ihre Werkst�tten besitzen,
in mehr oder weniger gro�er Tiefe im Schlaf ausfallen, so ist auch die
feinere Art der Bewu�tseinshemmung im Schlaf und noch mehr im Traum
etwas stark Individuelles. Jeder hat seinen normalen Schlaftypus, der
nat�rlich sehr erheblich durch Au�enwelteinfl�sse zu ver�ndern ist. Der
Schlaftypus wechselt auch deutlich mit dem Lebensalter des Individuums,
und seine gr��te Intensit�t f�llt zusammen mit der Vollreife, was
wiederum stark f�r meine Auffassung von der Aktivit�t des
Schlafmechanismus sprechen d�rfte. Der Schlaf des Neugeborenen ist
deshalb so intensiv, weil die mitgeborene Hirnhemmung an Ausdehnung so
ungeheuer die Ans�tze von Ganglienzellen �berwiegt; denken lernen, hei�t
eben: Ganglienzellen in die erhaltungsgem��e Hemmung hineinwachsen und
ihre Anschl�sse durch sie regeln lassen. Das ist ja der einfache Grund,
warum Wahrheiten oft eine Generation an Hirnwachstum gebrauchen, bis sie
in die K�pfe der Nachlebenden hineinpassen und nun wie etwas
Selbstverst�ndliches erfa�t werden; deshalb ist es auch f�r originelle
Geister ein so sicherer Weg, im lieben Vaterland zu etwas zu kommen,
wenn sie die Einsicht haben, sich still, geduldig zun�chst drei�ig Jahre
ins Grab zu legen. Es ist �berall das Verh�ltnis von Ganglienaktion zur
Aktivit�t der Hemmung, das Originalit�t, Intelligenz, Charakter, Genie,
Talent, Temperament ausmacht und das auch den wechselnden Typus des
Schlafes bestimmt. Anwuchs neuer Zellassoziationen, geistige
Geburtswehen machen unruhigen Schlaf, ebenso wie �beranstrengung, Sorge,
�berlastung vorhandener Denksysteme (Rechnen, Geiz, Gewinnsucht,
Hoffnung, Erwartung, Freude), weil in allen solchen F�llen die
Gangliensysteme der zur Nachtzeit anr�ckenden Hemmung widerstehen.
Im wohlregulierten Hirnmechanismus geht abends alles nach der Schablone
der Ein- und Ausschaltung: sie brauchen noch gar nicht m�de zu sein, die
gl�cklichen Philister, sie legen sich um Punkt neun Uhr zu Bett: eine
Drehung auf die Seite, eine Umschaltung am wohlge�bten Kabel der
Bewu�tseinsleitungen,--und der Schlaf beginnt. Diese Regelm��igkeit des
Ein-und Ausschaltens von Bewu�tsein und Schlaf selbst ohne jedes
Erm�dungssymptom, die man bei wohlerzogenen Kindern und den Menschen,
die Sinn f�r Ordnung und Gesundheit haben, beobachten, die man dagegen
freilich bei den Kindern Berliner Sonntagsausfl�gler nicht einmal
andeutungsweise mehr erkennen kann, spricht offenbar beredt genug gegen
die Erm�dungs-und Vergiftungstheorie des Schlafmechanismus. Es ist eine
alte Weisheit, da� der Vormitternachtsschlaf der st�rkendste ist. Weil
wir es eben im Schlafe mit aktiven Nervenspannungen zu tun haben, ist
der Kontrast von Tag und Nacht um so deutlicher wirksam, je n�her der
Wechsel zum Eintritt der Schlafhemmung liegt. Die Zeit vor Mitternacht
liegt dem Scheiden der Sonne am n�chsten, d.h. dem Hemmungseinsatz, und
jede Stunde nach Mitternacht f�hrt uns dem Sonnenaufgang und dem Einsatz
des Bewu�tseins n�her. Welche Erquickung bringt ein tiefer, gesunder
Schlaf; wieviel Heilung und Abwehr von Gefahr und Krankheit unter dem
Zeltdach seines Friedens in einer Nacht; welche sanfte Gl�ttung der
erregten Flut des Tages unter dem Banne seines schwebenden Dunkels! Er
vermag R�tsel der L�sung nahe zu f�hren in wenigen Stunden, und oft
steht die befreiende Idee am Morgen beim Aufwachen vor unserem Bette,
wie ein Kind mit einem Geburtstagsstrau�. Weinend legt der Knabe sich
nieder, weil er die Lektion nicht bew�ltigen konnte, und morgens sagt er
sie her, erstaunt und verbl�fft ob der Heinzelm�nnchenarbeit, die �ber
Nacht in seinem eigenen Kopf geleistet ward. Der Dichter, der Komponist,
der den Tag verbracht hat in gigantischem Ringen mit dem Chaos seiner
inneren Gestaltungskraft--vergeblich, denn es wollte keine Sch�nheit dem
hei�en Nebel entsteigen--: eine stille Nacht tiefen, erquickenden
Schlafes, und im Hafen seiner Sehnsucht liegt bewimpelt und beflaggt ein
wei�es, stolzes Schiff aus dem fernen Lande der Phantasie. Da es eben
die j�ngsten Entwicklungsphasen des Bewu�tseins sind, in denen das
Gehirn des Kindes oder des frei bildenden Produzenten von Gedanken--der
Grund, warum das Genie stets mit Kinderaugen sieht--immer neue Systeme
an alte Bahnen anschlie�t, so sind hier auch gleichsam die leicht
verletzlichen, zartesten Bl�ten des Seelenlebens ausgebreitet. Das
stille Zellenwerden und Gedankenspinnen bedarf mehr als andere, festere
Gewebe des Gehirnes des zeitweiligen Schutzdaches gegen Reif und Hagel.
Sehr wohl kann eine Nacht gleichsam die neue Drahtlegung und
Kabelstation fertigbauen, den Schlu�stein setzen, einen sammelnden
Kontakt einschalten, die ganze Monate im Anreiz des Lebenskampfes m�hsam
vorgebildet hatten. Welche Qual aber, wenn diese dem geistigen Leben so
n�tige Bewu�tseinsverh�llung versagt! Was gibt es F�rchterlicheres als
die Schlaflosigkeit, in der das geistige und k�rperliche Auge in die
Finsternis der Nacht starrt, die das Wesen eines D�mons annimmt? Dabei
die Gedankenflucht hinter dem Sch�del, diese springenden, jagenden und
nicht fixierbaren Bilder, die doch so gleichg�ltig sind und uns so gar
nichts angehen, die sich aber unaufh�rlich durcheinanderschieben,--diese
grauenvolle Ahnung dessen, was Wahnsinn sei! In der Tat:
Hemmungsfortfall ist ja auch der Inhalt vieler Wahnsinnsformen, da die
gereizten und zur �berfunktion gepeitschten Ganglienzellen schlie�lich
alle Widerst�nde durchbrechen, die blinden Affekte und die Bockspr�nge
im Geist, die geistigen Veitst�nze beginnen.
In der schonenden H�lle, die die Hemmung um wachsende, junge Reiser der
sprossenden Hirnzellen zu legen vermag, in der heilsamen Fesselung, die
der �berwiegende Widerstand unreifen Kapriolen junger Hirnkeime
entgegensetzt, wurzelt vielleicht der Trieb der Berauschungssucht bei
Tier und Mensch. Die Alkoholisten, die Morphinisten, die Opium- und
Haschischvertilger verschaffen sich k�nstlich diese Verschleierung des
Bewu�tseins, den der gesunde Schlaf freiwillig gew�hrt, nicht nur, weil
es angenehm ist, die qu�lende Unruhe erregter Ganglienarbeit zu hemmen,
sondern auch, weil sie instinktiv f�hlen, da� eine erhaltungsgem��e
Ausgleichstendenz in diesem erzwungenen Widerstand liegt.
Diese Anschauung von der auf Nervenspannung beruhenden, aktiven Ein- und
Ausschaltung der Hirnhemmung als Ursache des Schlafes macht uns auch die
atypischen Schlafformen viel begreiflicher, als sie es unter der
Erm�dungs- und Vergiftungstheorie sein konnten. Der Winterschlaf
gewisser Nager, der Tagschlaf gewisser Insekten und V�gel, die
pathologische Schlafsucht beim Menschen und die in einigen Grenzen
m�gliche Verschiebung des nat�rlichen Schlaftypus (alle Sorten
Nachtw�chter einbegriffen), sie alle werden verst�ndlich, wenn wir sie
betrachten als verschobene Rhythmen einer aktiven Hemmung. Die
Intervalle des Wechsels von Hemmung und Aktion sind auf nerv�ser Bahn
nur zeitlich verstellt, soweit �berhaupt noch ein Rhythmus erkennbar
ist; wo dieser aber ganz fehlt, wo entweder Aktion oder Hemmung allein
herrschen, da beginnt das Reich des Abnormen im Geiste, das ganz
nat�rlich in Krankheiten der Hemmungs- oder Aktionsorgane zu trennen
w�re, wie an jeder elektrischen Einrichtung Strom oder Hemmung defekt
sein k�nnen.
So ist der Schlaf also die T�tigkeit eines besonderen Organsystemes, der
Hemmung, die sich aus Blutumlauf, Isolationsmechanismen und
Nervenerregung zusammensetzt. Den verschiedensten Ursachen, der
Schaukelbewegung der Wiege, dem Reflex der Hypnose, der Wirkung der
Narkotika, gehorcht diese r�tselhafte Funktion so lange, bis schlie�lich
die Hand des Todes zum letztenmal und dauernd die ewige Hemmung gleich
einem eisernen Vorhang vor unserer Existenz herabzieht. Darum scheint
der Schlaf als des Todes Bruder, weil er uns ahnen l��t, wie unsere
definitive Lebenshemmung sein wird. Was das Dunkel, das nur mit dem Tage
wechselt, an der Peripherie unserer Seele mit seinem Zauberschleier
wirkt, das vollendet einst die Nacht des Nirwana f�r immer. Heute
versenkt der Schlummer das Ich nur auf ein kleines St�ckchen unter die
Oberfl�che; es taucht ein wenig hinab in ein Meer, in dem noch die
kristallenen Gestaltungen des Traumlebens schweben; aber einst erstarrt
auch diese schwebende Flut das kalte Nichts zu Eis. Solange aber Wachen
und Schlaf mit Auf- und Niedergang der Sonne wechseln, haben wir
Gelegenheit, den vollen Frieden zu ahnen. Wir werden im Schlaf in eine
Sph�re gleichsam fr�herer Daseinsepochen zur�ckgezogen, sowohl unseres
pers�nlichen Seins wie des Seins der Menschheit. Schlaf ist Seelenleben
minus Situationsbewu�tsein und ohne die F�higkeit, die Umgebung logisch
mit unserem Geiste zu verkn�pfen. Das gibt unserer Phantasie die
M�glichkeit, uns einen Teil des nur halb bewu�ten Tierlebens
vorzustellen, dessen Fesseln die immer sprossenden Zellen der
Fortentwicklung gesprengt haben und dereinst in sp�teren Geschlechtern
vielleicht zu noch h�heren, wundervollen Bewu�tseinsformen weiter
sprengen werden.
II.
Wenn es richtig ist, da� im Schlaf alle diejenigen Saiten unseres
Seelenorganes, deren Sinneswurzeln wie Polypenarme in die Au�enwelt
greifen, im Pianissimo e con sordino der Hemmung, also fast tonlos,
schwingen, wenn es also vorwiegend das Bewu�tsein der Stellung des Ichs
in der umgebenden Welt der Realit�ten ist, das aus der Reihe psychischer
Bewegungen im Schlafe entf�llt, so ist es begreiflich, da� alle noch in
der �brigen Sph�re der Seele schwebenden Gestalten im luftigen Reich der
Phantasie ihren Reigen f�hren m�ssen. Schon wenn im Wachen jemand die
Neigung hat, ein deutscher Professor zu werden, d.h. sein Auge nach
innen kehrt und sich nicht entschlie�en kann, Rinnsteine, Laternenpf�hle
und Mitmenschen f�r Realit�ten zu halten, wenn Dichter und Denker uns
begegnen, das Auge f�r den Glanz der Ferne eingestellt und die ganze
Energie gleichsam zum Wachedienst f�r das ewige Feuer der Vestalin nach
innen gepre�t, so sagen wir ja wie Josephs Br�der: "Seht, da kommt der
Tr�umer!" Die Seele hat eben zwei gro�e Orgelregisterz�ge: "Real" und
"Ideal", die, gleichzeitig gezogen, leider nie recht miteinander
Harmonien geben, so sch�n sie, jedes einzeln gespielt, die Symphonie des
Daseins f�rben. Wenn die mehr oder minder ausgepr�gte Schnelligkeit der
Leitungsanschl�sse im Gehirn die Temperamente ausmacht, wenn die
unwillk�rliche Z�higkeit der Willensimpulse, die Unhemmbarkeit von
Vorstellen und Willen den Charakter bestimmt, so scheidet das Register
"Gem�t und Phantasie" unser Innenleben noch viel deutlicher von jener
andern F�higkeit, durch die Welt zu kommen, jener festen
Orientierungs-und Anpassungskraft f�r die Umgebung. Hat doch unstreitig
die halb unbewu�te T�tigkeit des K�nstlers, das Versinken der Welt um
ihn her, durchaus etwas dem Traumleben Verwandtes, trotzdem gerade auf
den echten K�nstler die Realit�ten des Lebens erst recht intensiv
wirken, weil er eben sie alle in tief innerlichem, ideellem Zusammenhang
sieht, gleichsam durchgl�ht von dem Lichte seiner inneren
Wahrhaftigkeit. Alles, auch das Kleinste, das er erblickt, d�nkt ihn ein
Beweisst�ck f�r die Idee einer Sch�nheit, die durch ihn Gestalt gewann.
Die Welt und ihre Erscheinungen bieten ihm immer neue und mit verwundert
lebhaften Kinderaugen betrachtete Best�tigungen seines inneren Traumes.
Wenn aber auch die von Musen nie gek��te Stirn eines Bankiers im Wachen
keine anderen Best�tigungen seiner Idee sucht, als da� gerade seine
Aktien steigen, seine Gruben prosperieren: der Schlaf und Traum macht
ihn dennoch zum Dichter, er l�st ihn sanft von seinen begehrlichen
Sinnen, und wenn er nun dennoch tr�umt von Dividenden, Giro und Diskont,
so verlegt er immerhin den Schauplatz seiner Sehnsucht und seines
Bangens auf eine B�hne, die die Welt bedeutet, sie aber doch nicht ist.
Wie aber ist es �berhaupt m�glich, da� vor unserem Traumesblick ein
Tausendmarkschein, ein Himmel, ein Haus, ein Pferd erscheint, wenn doch
die Sinne, die diese Realit�ten �bermitteln, in Hemmung sind? Nun, die
Halluzination, die Vorstellung, die Erinnerung, der Traum w�ren nicht
denkbar, wenn nicht die Nervenbahnen s�mtlich auch in umgekehrter
Richtung schwingen k�nnten, wie das die Physiologie unwiderleglich
festgestellt hat. Wenn mein Auge mir Licht und Schatten in einer
Schwingungsfigur �bermittelt hat, deren Reiz im Gehirn in unserem
Sprachzentrum den konventionellen Begriff "Pferd" ausl�st, so kann
umgekehrt das Sprachzentrum in allen beteiligten Gruppenganglien bis
r�ckw�rts zum Auge erzitternd ein sehr lebhaftes Bild dessen, was wir
"Pferd" zu nennen �bereingekommen sind, unserer Phantasie in voller
Treue zutragen. Ja, wie bei den Halluzinationen im Traume kann selbst
bei offenen Augen, beim Halbwachen, die Realit�t der Umgebung ungest�rt
zum Gehirne geleitet werden, so da� wir schw�ren k�nnen, wir sind im
Bett; wir wachen,--und dennoch erregt die gest�rte und verwirkte
Traummechanik von r�ckw�rts her erzitternd den Alp, "den Mann da vor
meinem Bette", mit grauenerregender Deutlichkeit. So ist es mit allen
halluzinatorischen Wahrnehmungen, die die Logik nur tr�ben und
erschrecken, wenn sie in blitzschnellem Wechsel mit realeren
Wahrnehmungen f�r wenige Sekunden hin- und herschwanken, die aber
nat�rlich die Logik des Wahnsinns bilden, wenn sie dauernd sind oder
immer wiederkehren. Dann verliert die Kritik ihre einzige sichere
St�tze, die Intaktheit der Sinneswahrnehmungen, und das Reich der
kranken Phantasie beginnt. Wenn ich nicht mehr die F�higkeit habe, die
r�ckw�rts schwingenden Bilder meiner Phantasie und ihren Abstand von der
Wirklichkeit am Ma�stab meiner gesunden Sinne zu messen, so weht meine
Logik in den L�ften, wie ein Sommerfaden, der sich hoch in den Pappeln
gefangen hat. Da nun im Schlafe die Sinneszentren gehemmt sind, die
Sinnesbahnen aber leiten, wie wir gesehen haben, so prallt der Reiz der
uns umgebenden Welt in allen Formen, vom Knarren der T�r und vom Bellen
des Hundes bis zum Donner des Gewitters, an die Pforte der geschlossenen
Sinneswelt, und wenn er nicht stark genug war, sie zu �ffnen, die
Hemmung zu �berwinden, wodurch wir wach w�rden, so springt er nach dem
Gesetze von der Erhaltung der Kraft in der Richtung des geringsten
Widerstandes von der Schwelle unseres realen Bewu�tseins ab, wie eine
Billardkugel von der Bande. Da diese Reize aber in jeder spezifischen
Ganglienschicht in andere Empfindungskr�fte umgesetzt (transformiert)
werden, so klettert mit ihnen gleichsam eine Schar von Wichtelm�nnchen
�ber die Hecken der benachbarten Sinneswohnung in den Palast der
Phantasie. So wird ein Ger�usch, der Druck der Bettdecke, ein Luftzug,
ja ein �berf�llter Magen, ein Schnupfen, ein Katarrh, ein Blutandrang in
irgendwelcher Richtung zum Motiv eines Traumes, gleichsam zum Thema von
allerhand Variationen und Spinnerliedchen im nicht gehemmten
Seelengebiet,--oft unter phantastischer Vergr��erung der wahrgenommenen
Reize. Das Klappen des Fensters wird zum Schu�, das R�cken eines Stuhles
zum Donner. Da das Gef�hl meiner Pers�nlichkeit, mein "Ich"-Bewu�tsein
gar nicht mehr direkt abh�ngt von meinen Sinneswahrnehmungen (cogito,
ergo sum), sondern bis tief in die unterbewu�ten Schichten hinabreicht,
bis zu jenen Wurzeln, die schon im Daseinskampfe meiner Ahnen auch f�r
mein individuelles Leben generell festgelegt und mitgeboren wurden, so
ist verst�ndlich, da� der Pers�nlichkeitsbegriff mit allen m�glichen
halluzinatorischen Traumbildern verkn�pft werden kann: man f�hlt sich
und sieht sich doch in anderer Form, sogar als Tier in anderer Gestalt,
als Leiche aufgebahrt, als K�nig oder Bettler, als Engel oder Teufel.
Das doppelte Bewu�tsein erkl�rt sich leicht aus dieser wechselnden
Hemmung im Gebiet realer oder phantasiegem��er Seelenerregungen. Man hat
im Traum durch phantasiegem��e Assoziationen vom Ich mit Muskelgef�hlen
und dunklen Sehnsuchtsrichtungen F�higkeiten, die uns fliegen lassen,
schwebend durch den �ther und die Luft, die uns Probleme spielend l�sen
lassen, an denen wir uns wach fast den Kopf zerbrachen. Aber es ist ein
Gaukelspiel; denn sobald wir wach sind, l�st sich die neue Kunst, die
Probleml�sung, die nur vorhanden war, weil unsere Logik ohne Sinne, ohne
die Elle der Kritik arbeitete, in Dunst auf, wenn die geschlossene
Barriere der Schlafhemmung in die H�he steigt.
Man kann aber doch die M�glichkeit nicht ganz bestreiten, da� manche
Menschen Verse, L�sungen von R�tseln, Pl�ne usw. unmittelbar so
niedergeschrieben haben, wie sie es im Traume geschaut zu haben
glaubten; denn es ist ja keine Frage, da� der Traum Erinnerungen
hinterl��t, wenn auch die Dichter, die also beginnen: "Mir tr�umte
einst, ich sei ein gro�er K�nig", gelegentlich wohl ein wenig flunkern.
�brigens ist es wegen der Abschlie�ung der Gegenwart, die uns zeitlich
und r�umlich umflutet, charakteristisch, da� wir den Schauplatz unserer
Tr�ume so oft in die Vergangenheit verlegen m�ssen, wenn wir �berhaupt
Spuren eines Gef�hles f�r Zeit und Raum im (ruhelosen!) Schlaf behalten;
wir sehen uns daher fast stets j�nger, als wir sind, oft direkt als
Kinder, Angeh�rige, die gestorben sind, meist lebend, bisweilen als
Tote und doch unter uns wandelnd. Wenn wir auch Tages-, Jahreszeiten
und R�umlichkeiten im Traume wiedererkennen, so zweifle ich doch,
ob jemand sagen k�nnte, in welchem Kalenderjahr, in welcher
geographischen Zone sein Traum sich abspielte, weil eben zur logischen
Raum- und Zeitempfindung das im Schlafe abgesperrte Gebiet der
Gegenwartsempfindung untrennbar geh�rt. Sich zeitlich oder �rtlich
orientieren, hei�t eben, r�ckw�rts tasten aus der kontrollierbaren
Umgebung und der Augenblickssituation in vorgestellte Vergangenheit
oder Ferne. Die Phantasie hat es nicht n�tig, mit Zeit und Raum sich
abzuqu�len; darum hat sie auch etwas G�ttliches an sich. Unstreitig
haben wir im Traume deutliche Lichtempfindungen, obgleich kaum jemand
genau die Beleuchtung seiner Innenszenerie unmittelbar nach dem Erwachen
anzugeben imstande sein wird; bei Wiedergabe der Traumesbilder schl�gt
uns meistens die erg�nzende Phantasie des Wachseins ein Schnippchen,
denn Traum und Phantasie des Wachenden sind einander stets neckende
Geschwister. Auch steckt ein Dichterling in jedes Menschen Brust, und
namentlich bei Traumerz�hlungen korrigiert ganz naiv dieser wache kleine
K�nstler die immer nur schwache Erinnerung aus dem Traume. Tr�ume werden
oft gelogen, es besteht eine instinktive Freude beim Dichter Mensch,
seine Gaukeleien anderen auf den Tisch zu setzen, wie das Burgfr�ulein
von Niedeck es mit Ackersmann und Pflug und Pferd tat. �brigens hat man
beim Traumerz�hlen auch ein Gef�hl der heiligen Scheu; man sieht
Traumreferenten gern in die Ferne schauen oder in sich versunken bei mit
der Hand verschlossenen Augen das fadenscheinige Gewebe des Traumes mit
etwas irdischem Zwirn ausflicken. Meist geht es, was die anderen Sinne
au�er dem inneren Sehverm�gen betrifft, im Traume ziemlich ger�uschlos
zu; die Leute schweben ohne Tritt, wie wir selbst gleichfalls �ber
Wiesenplan, Fluten und Parkett. Wir sehen jedenfalls im Traume
deutlicher, als wir h�ren, riechen, schmecken, f�hlen. Ja "die Stimme,
die da ruft", ist in lyrischen Gedichtsammlungen h�ufiger als im
wirklichen Traum; geheimnisvolle Gesten, Winken, Drohen, Nahen
phantastischer Gebilde sind h�ufiger. Sehr bezeichnend ist das Abbrechen
vieler Tr�ume in dem Augenblick, in dem logischerweise eine Geh�rs- oder
Gef�hlswahrnehmung stattfinden m��te. Sehr viele Tr�ume schlie�en wie
das wundervolle Goethesche Balladenfragment "Der untreue Knabe" mit
einem einfachen "die wend't sich" der verlassenen Geliebten. Sehr oft
sehen wir den Dolch, die mordende Faust sich auf uns niedersenken: jetzt
gerade m��te der Schmerz eintreten,--da sind wir schon wach, bebend und
transpirierend. Das zeigt so recht deutlich, da� im Schlafe tats�chlich
eine Hemmung materiell besteht; denn im Moment, wo die Flamme der
Phantasie an dem Schleier der Sinneswahrnehmungen hinaufz�ngelt,
zerrei�t er, und Flamme und Schleier verschwinden. Wir haben eben das
Gef�hl davon, da� auch der Phantasie eine Fesselung nach r�ckw�rts
geboten ist durch den Ausfall der realen Vorstellungen; es geht sehr oft
etwas im Traume nicht weiter, auch wenn wir nicht bei dieser Kollision
von Vorstellung und Wahrnehmung aufwachen. Wir wollen einen Ballsaal
betreten: wehe! wir sind splitternackt; wir wollen eine Rede halten,
wom�glich vor der Franz�sischen Akademie, einer feierlichen Versammlung,
und wir stehen schon mitten auf dem Podium,--was ist das? Wir k�nnen ja
nicht sprechen, der Kiefer will nicht auf! In solchem direkten
Innewerden der Hemmung im Traume, festgehalten durch die Erinnerung, die
man von der Sache beh�lt, erblicke ich den st�rksten psychologischen
Beweis f�r die reale Existenz der Schlafhemmung in der Sph�re des
Situationsbewu�tseins. Auf diese Weise ist es auch begreiflich, da� im
erneuten Traume das Bewu�tsein fr�herer Traumphantasien, ja
schlafwandlerischer Handlungen wieder auftritt. Die Phantasie ohne
logische Assoziation hat eben ihr Bewu�tsein f�r sich. So erkl�rt es
sich, da� Vergessenes im Traumschlaf wieder ins Ged�chtnis gerufen
werden kann: es hat sich im Strudel der Tageswellen verloren, wird aber
emporgehoben, sobald im Schlafe das Bewu�tsein des Gegenw�rtigen, des
sinnlich Wahrgenommenen versinkt. Alle Formen gespaltenen Bewu�tseins
sind Formen periodischer Hirnhemmung. Auch unsere F�higkeit, morgens zu
einer bestimmten Zeit zu erwachen, geh�rt zu den verbreitetsten Formen
eines doppelten Bewu�tseins. Der autosuggestive Willensimpuls aus den
Sph�ren unseres Zeitbewu�tseins langt p�nktlich zur Sekunde an die
Einschaltung des Bewu�tseins: so weit geht die Automatie, der
Selbstwille unserer Ganglien, da� sie ohne Zutun des Gesamtbewu�tseins
Zeitbegriffe �bermitteln.
Beim Suchen der n�heren Ursache des Tr�umens finden wir, da� durchaus
nicht gerade die Dinge, die den Tag �ber den st�rksten Eindruck auf uns
gemacht haben, im Weben des Traumes zu Motiven verwandt werden, so
verbreitet auch diese Ansicht sein d�rfte. Denn das, was uns tiefsten
Schmerz oder h�chstes Gl�ck f�r die Seele gebracht hat, wird nicht
direkt Gegenstand der Traumesphantasie. Seelische Hochfluten dulden
ebensowenig wie Worte oder Lieder Tr�ume. Es kann im Gegenteil ein
jeder, der sein Traumleben beobachtet, als eine Tatsache feststellen,
da� dasjenige, was unseren Geist nebenher am Tage fl�chtig gestreift
hat, eine Person, ein Name, eine Szene, gesehen oder geh�rt im
Augenblick, wo gerade andere Dinge unsere volle Aufmerksamkeit
fesselten, mit Vorliebe zum Thema des Traumes wird. Daf�r gibt es eine
sehr plausible Erkl�rung. Die tiefgreifenden, ersch�tternden
Sensationen, die uns das Schicksal sendet, w�hrend wir wachen, verlangen
mit starkem psychischem �quivalent fast augenblicklich einen seelischen
Ausgleich: ein Schrei, ein Jauchzen ist nur der Beginn eines lange
nachwirkenden Aufruhrs im Innern, denn das volle Werk der Orgel braust
im Sturm und r�ttelt an den S�ulen und Gew�lben unseres ganzen Wesens.
Eine Handlung, vielleicht lange im Sinnen und Gr�beln vorbereitet, oft
ungest�m, wie mit explosiver Gewalt ausgel�st, gibt den psychischem
Insult an die Au�enwelt zur�ck, oder, wo mit l�hmender Gewalt das
schreckliche Faktum bleischwer auf unserer Brust lastet, da ist die
Hemmung als Aktion selbst mit in den Strudel aufgew�hlter Wellen
gezogen, und unseren schreckhaften Schlummer unterbrechen kurze,
abgerissene Tr�ume mit einem Schauplatz fernab vom Raume, der unser Leid
sah. Es ist keine M�glichkeit, gerade das Motiv des Schmerzes oder der
Wonne in den Traum aufzunehmen, weil schon im Wachen tausend Gedanken
und Willensimpulse den Ausgleich seiner seelischen Spannkraft
�bernehmen: das Gewaltige, das uns lebhaft Interessierende, steht zu
sehr mitten in der Welt der Realit�t, als da� die Seele unter Hemmung
der Realit�t im Schlafe sich mit ihm befassen k�nnte. Mich fragte einst
ein Kind in den Tagen erster, schwerer Trauer weinend: "Warum erscheint
mir Mutter nie im Traum?" Und V�ter, die ihre ganze Hoffnung begruben,
sinnen wohl nach, warum das erbarmungslose Geschick die liebe Gestalt
des Sohnes nicht einmal im Traume wiedergibt. Der immer w�hlende Schmerz
verzehrt alle Spannkraft der Seele und hat kein Echo mehr. Und doch, wie
mild von der Natur, da� nicht des Tages Weh auch noch hineinlangt in den
kurzen Waffenstillstand, den der Schlaf uns g�nnt, bis der Tag zum
Kampfe mit den Leiden ruft! Der M�rder tr�umt nicht von seiner Tat; und
das liegt nicht nur an seiner Gem�tsroheit, sondern hat allgemein
psychomechanische Gr�nde. Was im Brausen des Tages aber an fl�chtigen
Eindr�cken vor�berschwebt, wie ein Falter an einem offenen Fenster, das
verf�ngt sich im Netz der Seele doch und hebt, vom hellen Licht des
Tages verscheucht, in der Nacht die Schwingen und l��t uns erkennen, wie
bunt sie gezeichnet sind. Denn in Wirklichkeit gibt es in der Natur
weder Klein noch Gro�, alles hat sein spezifisches Bedeuten, auch f�r
unsere Seele, und was das Bewu�tsein nicht registriert, das ist deshalb
doch da und wirkt zu seiner Zeit seinen Ausgleich. So gleicht der Traum
einer Welle, die sich zur Zeit des Wogenganges in einer Vertiefung des
Sandes verliert, die unsichtbar ist unter den wallenden Schleiern der
Flut. Wenn aber nachts die Brandung schweigt, steigt sie als Nebeldunst
empor und beginnt mit dem Wind n�chtlichen Reigen. Das Traummotiv ist
wie eine vergessene Goldm�nze im Portemonnaie des Studenten; so lange es
gef�llt war, versteckte sie sich leicht und unbeachtet in einer Falte,
nun aber die Nacht der Schulden da ist, ist eine hohe Freude �ber ihren
ungeahnten Wert. Wenn also empfindsame Menschen mit Pathos bekr�ftigen,
dies oder jenes habe einen so tiefen Eindruck auf sie gemacht, da� sie
"immer", die "ganze" Nacht, davon tr�umen m��ten, so ist das meist eine
sentimentale L�ge: man tr�umt nicht vom Geliebtesten,--auch nicht davon,
was uns so "furchtbar nahe" geht. Die Erinnerung als Bild, neben der
Stra�e der Gedanken einherziehend, hat, genau wie der Traum, etwas
Zusammenhangloses, Unlogisches und Unerzwingbares an sich.
Erinnerungsbilder setzen, im Gegensatz zum Ged�chtnis, pl�tzlich,
unvermutet, verbl�ffend ein. So taucht pl�tzlich beim Kartenspiel unsere
liebe Gro�mutter im Dorfe vor den Blicken auf, wie sie ihren "roten
Dendron" begie�t, oder mitten im Spiel einer ungarischen Rhapsodie
stehen wir am Sarg einer Tante, die an der Cholera gestorben ist. Die
gleichen willk�rlichen, unvermuteten und unvorbereiteten Paradoxien
zaubert das Kinematoskop des Traumes vor unsere geistige Netzhaut, und
in beiden F�llen sind es Nebenstr�me, induzierte elektrische Str�me, wie
die Technik sagt, die sie veranlassen. Die mosaikartige Bildchen
gruppierenden Funken springen da �ber, wo sie den geringsten Widerstand
finden, der von Puls und Blutwelle, Organreflexen und unbewu�t
gebliebenen Reizungen der Welt um uns, die nicht schl�ft, abh�ngig ist.
Ich war einst in einer Versammlung von �rzten, und wir sprachen vom
Traum: das stets bereite Thema vom Traum des noch nicht erledigten
Abiturientenexamens kam aufs Tapet. Ich sagte voraus, da� alle schon
davon getr�umt haben w�rden, nur die nicht, die einmal durchgefallen
seien, und zur gro�en Verbl�ffung aller waren zwei, die nie jenen Traum
gehabt hatten: sie waren wirklich durchgefallen. Die Erkl�rung ist
einfach. Das vielgequ�lte Primanergehirn erh�lt eine Examensfurche von
Qual und Schrecken, die das bestandene Examen, der kurze Moment der
Freude, nicht ausgleicht. Diese verrauscht schneller als die Jahre lange
Spannung. Ist man aber regul�r durchgefallen, nun, so ist kein Rest mehr
da; die L�sung war betr�bend zwar, aber logisch, den psychischen
Ausgleich hat das Leben selbst �bernommen. Daraus k�nnen wir entnehmen,
da� erstens psychische Erwartungsspannungen l�nger haften als gehabte
Freude oder Schmerz und da� zweitens sorgende Qualen mehr Erinnerung
hinterlassen als frohe Stunden. Unser Gehirn ist also von Natur zur
Undankbarkeit geneigt. Jedenfalls aber erscheinen solche
Gem�tserregungen, wenn �berhaupt, oft erst viele Jahre nach ihrem
Eintritt als Traummotive wieder: sie m�ssen erst abklingen, erst
untersinken auf den Grund des Bewu�tseins und gleichen dann eben den
�bert�nten Motiven, �ber die das t�gliche Leben r�cksichtslos
dahinflutet. Mit dem Traum ist es wie mit den mitschwingenden Obert�nen
in der Musik, man h�rt sie �ber dem Pianoton deutlicher als im Forte.
Auch der erw�hnte Examenstraum taucht erst lange nach �berstandenem
Examen auf. Sonderbar ist, da� manche Menschen periodische
Wiederholungen bestimmter Arten von Tr�umen erleben; sie tr�umen eine
Zeitlang immer dasselbe. Das h�ngt wohl mit periodischen St�rungen der
K�rperorgane, die n�chtlich gleiche oder �hnliche Stromschwankungen in
der Seele ausl�sen, zusammen.
Wir haben bisher nur Traumformen betrachtet, bei denen die Region, in
der die Luftgebilde schweben, sich innerhalb der Zone rein psychischen
Geschehens h�lt. Es vermag aber namentlich bei unruhigem, gest�rtem
Schlafe leicht auch die unterbewu�te Spannung im Bestreben, restlose
�quivalente zu schaffen, auf das muskul�re Gebiet �berzuzucken,
eventuell wie beim Nachtwandeln ganz in die Zone der unbewu�ten
Muskelt�tigkeit auszustrahlen. Das sind schon gewisserma�en
Schlafkrankheiten, denn je tiefer an sich und je energischer die Hemmung
der Sinne im Schlafe ist, desto weniger vermag die Sph�re der Phantasie
Anregung aus jenem Gebiet der Wirklichkeit zu beziehen, desto traumloser
ist der Schlaf. Je labiler aber die Wage zwischen Hemmung und
Erregbarkeit des Au�enweltsinnes eingestellt ist, desto leichter
verm�gen auch Funken auf Muskeldr�hte �berzuspringen. So sehen wir
Tr�umende l�cheln, ja, wir h�ren sie lachen; sie weinen, sie st�hnen,
sie schreien. Abwehrbewegungen, flehende Gesten, ja selbst
Spazierbewegungen auf flachem Bette sind zu beobachten; also nicht nur
die Hunde, die im Traum bellen, traben im Schlaf �ber eine ideelle Wand,
die senkrecht zur Erdoberfl�che zu stehen scheint. Ganz allgemein aber
erlischt der Traum mit Vorliebe in einem deutlich f�hlbaren Ruck aller,
namentlich der R�ckenmuskeln,--dem Schlu� irgendeines getr�umten
Absturzes aus gro�er H�he. Ist es nicht sonderbar, da� dieses
Muskelzucken, das doch der Anfang des Erwachens ist, zeitlich genau und
logisch konsequent der nat�rliche Schlu� eines bestimmten Traumes ist?
Die schlagartige Muskelzuckung pa�t ganz genau in das Traumesereignis.
Ahnt die Phantasie den Zitterschlag der Muskeln? Hier liegt meiner
Meinung nach eine interessante psychische T�uschung vor, die f�r viele
Tr�ume charakteristisch sein d�rfte. In Wirklichkeit liegen n�mlich die
Dinge zeitlich umgekehrt: das erste ist der Muskelreiz, und in der Zeit
zwischen seiner Einschaltung und deutlichen Bewu�tseinswahrnehmung liegt
die blitzschnell verlaufende Traumperzeption; die Zuckung, die sich
vorbereitet, ist schon das Motiv des in einer Sekunde abblitzenden
Traumes. Die Sinneswahrnehmung des Kanonenblitzes geht auch der
Wahrnehmung ihres Knalles voran, und doch ist es derselbe physische
Vorgang, der beide ausl�st. In dem Augenblick, in dem die �berladung der
psychischen Zentren gleichsam den Damm gegen das Muskelgebiet einrei�t,
wird mit einem Schlage die Hemmung aus dem ganzen breiten Felde der
Seele zur�ckgezogen, einen Augenblick ist das ganze Gebiet frei von
jedem elektrischen Engagement, das einfallende Strahlenb�schel kann �ber
den ganzen Horizont in einer Sekunde dahinrasen, genau wie das
Wetterleuchten �ber den Abendhimmel. Wie viel Bilder k�nnen da entstehen
in einer Sekunde! Das ist genau dasselbe, wie wenn wirklich Abst�rzende
in den wenigen Sekunden des Falles, w�hrend dessen in einer Art
hypnotischer L�hmung des Hemmungsapparates alle Dr�hte unbesetzt sind,
ganze Jahre der Erinnerung zu durchleben glauben, Beobachtungen, zu
denen die Bergkraxelei, diese bewu�ten Selbstexperimente �ber Absturz
und Tod, reichlich Gelegenheit gegeben haben, denn einige Bergsteiger
bleiben ja wirklich am Leben, so sehr sie sich um Beisetzung in
Gletscherspalten bem�hen. Man kann als sicher annehmen, da� auf diesem
Mechanismus des "Traumblitzes" w�hrend der Sekunde des halbbewu�ten
Erwachens gut die H�lfte aller Tr�ume beruhe. Ich erinnere mich eines
langen Sch�lertraumes, in dem ein Rabe und ein Ring, wei�gekleidete
Jungfrauen und wei�e Thronhimmel eine gro�e Rolle spielten; und als ich,
von irgendeiner Macht ins Nichts gejagt, irgendwohin abst�rzte und
aufwachte, sah ich am Fenster eine Kr�he den dichten Schnee verst�uben.
Damals hielt ich das f�r ein merkw�rdiges Problem--den Raben, das Wei�
im Traum und in der Wirklichkeit--; jetzt glaube ich zu wissen, da� die
Dinge zeitlich umgekehrt lagen: ich sah im Erwachen den frischgefallenen
Schnee und die Kr�he, und beide wurden das Motiv eines Traumm�rchens.
Wird der Au�enweltreiz, der die zentral verbarrikadierten
Sinnesleitungen trifft, durch pathologische Anlage direkt auf die
Willensimpulse und ihre Muskelanschl�sse unter �berspringen der
Bewu�tsein vermittelnden Zonen �bergeleitet, so entsteht jene
eigent�mliche Form des Traumes, die man Nachtwandeln nennt. Das der
Sonne ja entliehene Licht des Mondes scheint tageshell ins Fenster und
lockt und tr�gt die besonders empf�ngliche Seele des Schl�fers. Der Mond
suggeriert ihm gewisserma�en den Sonnenimpuls des Aufstehens, aber die
Hemmung der Sinneszentren, der Vermittler der Orientierung in der
Umgebung, ist v�llig �bersprungen von den betr�gerischen Mondstrahlen
und fest genug, um trotz der instinktiven Bewegungsf�higkeit das
Bewu�tsein f�r Ort und Zeit ausgeschaltet bleiben zu lassen w�hrend des
Umhertastens des wandelnden Leibes, der gleichsam nur mit den Muskeln
f�hlt, das hei�t: die Orientierung allein dem Muskelgef�hl �berl��t. In
gewissem Sinne gehen in der Tat Somnambulen sicherer �ber gef�hrdete
Stellen; aber sie k�nnen nicht mehr als andere, weder an W�nden
hinaufklettern noch auf Fahnenstangen Ballett tanzen. Allerdings ist bei
ihnen mit der Orientierung f�r den Moment auch das Bewu�tsein der Gefahr
ausgeschaltet, und es mag schon sein, da� ein Somnambuler, der im
Fenster sitzt, angerufen und pl�tzlich die Situation wahrnehmend, im
ersten l�hmenden Schreck herabst�rzt; meist aber kriechen sie mit einem
charakteristischen, scheuen Wesen, gleichsam als sch�mten sie sich, so
monddumm gewesen zu sein, zur�ck in ihr Bett. Meiner Beobachtung nach
kommt Somnambulismus auch beim Hunde vor. Die gr��ere Sicherheit der
unhemmbaren koordinierten Muskelbewegung ist bekannt von der
Zielsicherheit des Trunkenen und von der automatischen Virtuosit�t der
K�nstler, die leicht durch ein voreiliges Einmischen reeller Wahrnehmung
verwirrt werden. Der produzierende K�nstler gleicht in etwas den
Somnambulen: Saal und Publikum als Umgebung verschwinden, nur die
Muskeln jagen und greifen in schwindelerregender Ordnung durcheinander.
Interessant ist die Notiz Karl Loewes, des Balladenkomponisten, in
seiner Selbstbiographie �ber sein Erwachen aus somnambulischen
Promenaden, zu denen ihn zeitweilige �berarbeitung disponierte, in dem
Augenblick, wo er sich selbst bemerkte, die geliebte Tabakspfeife in den
Mund nehmend. Er pflegte zu diesem Zweck absichtlich die Tabakspfeife
neben sich auf den Nachttisch zu legen: ein h�bsches Beispiel daf�r, da�
im unruhigen Schlaf Sinneseindr�cke geleitet werden k�nnen, ohne dem
Bewu�tsein assoziiert zu werden. Da� geistige Arbeit aber den Schlaf
unruhiger macht, ist leicht begreiflich: sie �berreizt die
Ganglienaktion gegen�ber der Hemmung, daher ist bei Nerv�sen oft kurz
vor dem Einschlafen Zucken der Muskeln zu bemerken,--der Ausdruck der
Entladung des Gehirnes von �bersch�ssiger Spannkraft, die die sich
zusammenziehende Hemmung auspre�t: ein Analogon zum G�hnen und Strecken
vor dem Einschlafen. Halten wir die F�higkeit, uns an Tr�ume zu
erinnern, zusammen mit der Tatsache, da� im Traum so leicht etwas vor
dem ungest�rten Ablauf der Walze innerer Ereignisse sitzt, so begreifen
wir leicht, wie der Traum zu dem Problem der Bedeutung f�r die Zukunft
kam. Wir haben ein Gef�hl daf�r, mit welcher Leichtigkeit Assoziationen
der Phantasiet�tigkeit mit den durch die Erfahrung eingeschleiften
Sinnenbahnen vor sich gehen; diese gleichsam rhythmisierten Themen des
Erlebten �bermitteln das Gef�hl des schon Vergangenen. Wie ja
perspektivisch unser Auge sich auch gew�hnt hat, das Kleine fern, das
Gro�e nah zu deuten, so verkn�pfen wir mit dem Gef�hl leichten,
ungehinderten Anschlu�rhythmus das Vergangene, Erlebte, schon Erfahrene;
mit der Empfindung des Anschlu�widerstandes aber das Problematische,
Kommende, Werdende. Nebenbei gesagt, ist das der wahrscheinliche Grund,
warum uns eben vorhandene Situationen "schon einmal dagewesen"
erscheinen: der durchlebte Moment schlie�t fr�here Traumesbilder in
leichtem, fl�ssigem Rhythmus an das eben Wahrgenommene automatisch an,
und nun erscheint uns auch das reale Bild des Augenblickes mit im Wirbel
vergangener Spiegelungen. Dann kehrt sich die Kontrolle des Zeitlichen
um, und die Gegenwart scheint der Vergangenheit anzugeh�ren.
Die Erinnerung an das zeitlich zusammenhanglos gef�hlte Traumbild legt
uns aber das Gef�hl einer L�sung in der Zukunft nahe. So sind wir alle
mehr oder weniger geneigt, Traumesbedeutungen und Traumhellseherei f�r
m�glich zu halten. Der Traumzustand der Seele hat mediumistischen
Charakter an sich, und wenn die �hnlichkeit, die der Vergleich eines
Somnambulen mit einem Hypnotisierten ergibt, vielleicht nur �u�erlich
ist, so ist das Unterbewu�tsein, d.h. die Form des Bewu�tseins unterhalb
der sinnlichen Wahrnehmung, ein viel zu unerforschtes, eben erst
entdecktes Gebiet, als da� sich hier gewisse wunderbare psychische
Tatsachen so ganz von der Hand weisen lie�en. Der Spiritismus und
Okkultismus gleicht vielleicht der Alchimie, in beiden war viel Humbug,
Selbstbetrug und Konfusion. Aber man vergesse nie, da� aus dem Chaos der
Alchimie sich eine so stolze, reale Wissenschaft wie die Chemie
herauskristallisiert hat; m�glich doch, da� aus dem Nebel des
Spiritismus sich einst noch helle Lichtpunkte der Erkenntnis losringen.
Man sollte keine weit verbreitete psychische Neigung f�r wunderbare
Dinge der ernsten Untersuchung und des objektiven Abwartens f�r unwert
halten; alle aprioristische Weisheit kommt in Sackgassen, und der
Kathederdogmatismus w�re doch in arge Verwirrung geraten, wenn die
X-Strahlenwahrheit _R�ntgens_ zuerst in spiritistischen H�nden gewesen
w�re. Unsere Seele mag auch Y- und Z-Strahlen wahrnehmen auf jeder
Sinnesbahn, deren Existenz doch, wie die der X-Strahlen auch, wirksam
gewesen sein k�nnte, ehe es der Wissenschaft gelang, sie in das Licht
der Beobachtung zu r�cken. In dieser Welt der Wunder, in der zu jeder
Zeit die Unbegreiflichkeiten gr��er sein werden als die Summe dessen,
was wir zu verstehen glauben, soll man recht vorsichtig sein mit dem
Bannfluch der Verachtung und L�cherlichkeit. Man braucht nicht an das
Traumb�chlein f�r zwanzig Pfennige oder an Wahrsagerinnen zu glauben und
kann doch meinen, da� in der Seele Mechanismen t�tig sind, von denen
wir vorl�ufig gar nichts aussagen k�nnen, weil hier vielleicht ganz
unentdeckte Transformationen von Kraft vor sich gehen. Deshalb braucht
der Traum noch kein prophetisches Element zu enthalten. K�nnte
man die Zahl der nicht erf�llten Tr�ume mit in Anschlag bringen,
so w�rde vielleicht die Zahl der "Erf�llungen" in ein mit den
Wahrscheinlichkeitsformeln ganz in Einklang zu bringendes Verh�ltnis
zusammenschrumpfen. Beim "Traumeintreffen" wird aber, wie bei allen
Vorbedeutungen, von der leisesten �hnlichkeit ein gro�es Geschrei
gemacht, w�hrend von den Millionen Tr�umen ohne jede Erf�llung in der
Zukunft keine Silbe verlautet. Auf Ungebildete macht deshalb ein
scheinbares Wunder einen so tiefen Eindruck, weil sie keine Empfindung
haben f�r das Problematische und Wunderbare selbst des Allt�glichen; f�r
die meisten Menschen ersetzt die Gewohnheit vollst�ndig die Erkl�rung.
So gibt es in der Welt der Phantasie, nicht minder als in der durch die
Sinne gespiegelten Zone der Wirklichkeiten, ebenfalls erkennbare
Gesetzm��igkeiten, wenn sie auch vorl�ufig nur der logischen Hypothese
und Analogie erreichbar sind. Ich bin mir wohl bewu�t, da� die von mir
versuchte Methode mechanistischer Betrachtung immer nur eine Seite der
Probleme aufzul�sen vermag, aber unstreitig hat jeder Vorgang auf Erden
und am Himmel einen vielleicht erkennbaren Mechanismus. M�glich sogar,
da� dasjenige, was wir Erkennen nennen, nichts ist als die Zur�ckf�hrung
auf einfachere, erfahrungsgem��e Mechanismen durch Analogieschl�sse, es
ist sogar denkbar, da� der Menschengeist erkenntnistheoretisch nie �ber
rein mechanische Vorstellungen hinausreichen wird. Der Mechanismus als
Weltanschauung, wie ich ihn damit fasse, ist aber durchaus idealistisch:
er wei�, da� mit der Durchforschung der Gehirnkraft diese selbst nicht
erkl�rt ist. Und wenn die Seele einige erkennbare mechanische Seiten
hat, so ist das Wunder darum nicht geringer, das diese Innenwelt
umschwebt und durchflutet. Seiner Erhabenheit kann aber auch diese
Feststellung einfachster Gesetzm��igkeiten keinen Abbruch tun. Die
Sch�nheit einer Beethovenschen Symphonie verliert wahrhaftig nicht durch
Kenntnis ihrer harmonischen Gesetzm��igkeiten. Wir bestreiten niemand
das Recht, von ganz anderen Voraussetzungen und mit ganz anderen
Methoden denselben Stoff zu beleuchten. Er ist ergiebig genug, um jede
Behandlungsweise zu vertragen.
Was aber alle Forschungsrichtungen einigen sollte, das ist die
Anerkennung der menschlichen Unzul�nglichkeit gegen�ber den letzten,
entscheidenden R�tseln. Wahre Bildung des einzelnen richtet sich nach
dem Ma� der Ehrfurcht, deren er f�hig ist, im Angesicht der Erhabenheit
und der rings vorhandenen Wunder der Welt.
UNTERBEWUSSTSEIN
Ein dunkles Wort mit einem tiefen Sinn, eine d�mmernde Ahnung von Dingen
in uns, f�r die wir noch keinen Namen haben, ein Gef�hl f�r
geheimnisvoll schwebende Schatten, f�r etwas d�monisch in uns
Herrschendes, dem wir nicht ins Auge schauen k�nnen! Ein Sammelwort f�r
alles triebhaft Mystische, Unerhellte, der Wissenschaft noch nicht
Zug�ngliche, f�r etwas der Erkenntnis vielleicht kaum Erkennbares!
Denn wie sollte mit bewu�ten Sinnen der suchende Geist etwas erfassen
und deuten k�nnen, das eben unterhalb der Schwelle seines Bewu�tseins
liegt? Woher n�hme er das Licht, um in die Tiefe des Seelengrundes
hineinzublicken wie der Schiffer auf den hellen Grund einer kristallenen
Flut im Sonnenglanz?--Und doch ist es das Wunderbare aller seelischen
Vorg�nge, etwas, was den Mechanismus des Lebendigen so ganz
unterscheidet von jedem anderen unbelebten Ding auf Erden: da� unser
seelischer Apparat, w�hrend seine Millionen kleinster Spulen, R�der und
Kurbeln rollen, schnurren und drehen, sich selbst beobachten, sein
Getriebe ein- und ausschalten und daneben etwas von sich empfinden und
�ber sich aussagen kann! K�nnte nicht ein Bezirk der Seele ausgesperrt
werden, w�hrend den umstellten die anderen Teile betrachten, wie einen
vor uns ausgespannten Schmetterling, so w�re jeder Versuch zur
Beschreibung und Deutung irgend welcher seelischen Vorg�nge, auch der
einfachsten, ein vergebliches Bem�hen, denn ich kann meinem Nachbarn
nicht hineinsehen durch sein dunkles Auge in das feine Getriebe seines
seelischen Geschehens, und k�nnte ich's auch, ohne zugleich mit seinen
Nervenstr�ngen zu empfinden, so verm�chte ich nicht das wirre Bild der
Blitze auf und nieder, das Hin und Her wetterleuchtender Schattenspiele,
das Durcheinander zitternder, zuckender, vielleicht phosphoreszierender
Zellenkugeln zu einem einheitlichen Sinne zusammenzufassen. Denn nur in
mich selbst hineinblickend, vermag ich dem fl�chtigen Spiel der Sinne
etwas Regelhaftes, stets Wiederkehrendes, Gesetzm��iges, Rhythmisches
abzulauschen. Und da kennen wir sie alle aus eigenem innerem Bewu�tsein:
diese dunkle, schlummernde, nur hier und da sich in uns aufb�umende
Macht, die uns schwanken l��t auf dem geraden Pfad unseres gewollten
Wegs, die pl�tzlich hineinlangt mit unwiderstehlicher Faust in unserer
Seele stillen Frieden, die uns wie mit einem Schwertstreich zerspaltet
in zwei Seelen, die, wenn auch oft und oft unterdr�ckt, wieder und
wieder sich anzeigt, treibt und hetzt und, kaum erstickt unter den
aufgerafften Kissen unseres guten Gewissens, schon wieder versuchend,
lauernd, bedr�ngend uns hineinzerrt in ein dunkel lockendes Chaos
r�tselhafter Ziele, unerh�rter Torheiten, nie gef�hlter Versuchungen!
Das ist der sinnlose Drang, hinabzust�rzen von den hohen Zinnen eines
Kirchturms, einer steilen Burg, der Trieb, kopf�ber zu versinken in den
gr�nen Wogen des Waldes oder der See da zu unseren F��en, dieser
Zwiespalt zwischen Wohligsein und schnellem Vergehen, zwischen Erhaltung
und Vernichtung, den Goethe zu einer seiner sch�nsten Balladen, "Der
Fischer", verdichtete. Das ist das dunkel Offenbare im ehrlichen
Bekenntnis des Verbrechers aus Trieb, mit den bleichen Lippen
gestammelt, abzulesen aus verwirrten Augen: "Was habe ich getan!" Die
Darwinsche Lehre hat genug gepredigt vom Erhaltungstrieb, als beinahe
dogmatischem Motiv der Fortentwicklung der Lebewesen. Es ist an der
Zeit, nicht zu �bersehen, da� es auch einen Selbstvernichtungstrieb
gibt, der vielleicht ebenso deutlich zutage liegt, wie jener der steten
instinktiven Bejahung des Lebens. Was treibt die M�cke ins Licht, was
den M�rder gegen die Stelle seiner Tat, was die V�gel an die
Leuchtt�rme, an deren Kuppel die zarten Sch�del zerschellen? Was sind
die Trunksucht, der Morphinismus, die dionysischen Berauschungsgel�ste
anders, als Triebe, die mit einer dunklen Wollust der Selbstvernichtung
mehr zu tun haben, als mit dem Erhaltungsdrange des Philisteriums! Wer
h�tte nicht schon in sich selbst diesen Zwiespalt zwischen stetem Wollen
und Nicht-D�rfen, zwischen Vornahme, und Nichtvollbringen gesp�rt und
sich deshalb schon nicht selbst geha�t und sich gef�rchtet vor dem
Anderen, dem feindlich t�ckischen, zum Untergang lockenden Gesellen in
uns?
Woher stammt dieses Zweiheitsgef�hl in unserem einheitlichen Organismus?
_Ich meine, es ist der psychische Gef�hlsausdruck f�r eine ganz
offenbare anatomische und physiologische Tatsache._
Wir haben zwei verschiedenartig arbeitende Nervensysteme in uns, deren
im Prinzip gegens�tzliche Arbeitsleistung nicht verstanden werden kann
ohne Zuhilfenahme der Anschauung von den Vorg�ngen der Ein- und
Ausschaltung psychischer Aktionen durch die sogenannte Hemmung. Best�nde
nicht ein stetiger Wechsel in dem Freilassen und Besetztsein der die
Assoziationen (Ideenverkn�pfungen) vermittelnden Ganglienapparate, so
m��te in jedem Augenblick wahlloses Wetterleuchten von Milliarden
kleinster Ganglienblitzchen am Horizonte unseres Bewu�tseins hin- und
herrasen--ein Zustand, der bei kompletter Hirnblutleere als
Gedankenflucht, Delirium, Verwirrtheit, auch wohl als Vorstadium
ohnm�chtiger Bewu�tlosigkeit den �rzten sehr wohl bekannt ist. Nur durch
das r�umlich und zeitlich stetig schwankende Abblenden (Hemmen) bald
dieser, bald jener Bahnen des Denkens, jedesmal bis auf _eine_
freigelassene, bewirkt durch die Pulsschwankungen und den wechselnden
Saftdruck der Blutfl�ssigkeit an den einzelnen Teilen des Gehirns und
R�ckenmarks, k�nnen wir zu einem Gef�hl der intensiven Einstellung der
Objekte kommen, einem Gef�hl, welches wir Konzentration unserer Gedanken
auf einen Punkt, bewu�te Aufmerksamkeit, nennen. Scheinbar nur freilich
schalten wir selbst die Ideenkette ein, wenn wir sinnen, denken, wollen
und handeln, in Wirklichkeit schaffen Au�enwelt und Innenreize die
Hemmungsdifferenzen, nach welchen die psychischen Aktionen ausgel�st
werden. Der freie Wille ist nur ein psychologisches Gef�hl, er ist
nichts als eine Gef�hlstatsache, nur eine durchaus subjektive Wahrheit,
objektiv ist das "Au�er uns" stets bestimmend f�r das "In uns", denn
selbst der seelische Widerstand, die Abwehr, die kontr�re Reaktion auf
eine Einwirkung ist doch immer von au�en erzwungen. Der Gedanke gehorcht
also, wie das Physische, dem Gesetz des geringsten Widerstandes, indem
durch Spannungsdifferenzen der gegeneinander treffenden Reizmomente
solche Hemmungsl�cken, welche den elektroiden Anschlu� erst erm�glichen,
entstehen. Je schw�cher n�mlich an einer Stelle die Hemmung ist, desto
leichter findet ein Schlu� im Sinne der Elektrizit�t statt. Diese
Hemmung besorgt die den Nervenstrom eind�mmende (isolierende)
Blutfl�ssigkeit (Plasma) vermittels eines besonders f�r diese
Funktion eingestellten Apparates, der seinerseits von dem
entwicklungsgeschichtlichen Urvater aller Nervent�tigkeit, dem
sogenannten Sympathicus, beherrscht wird. Als die Materie reizbar wurde,
d.h. bef�higt, auf Reize variierend (das macht ihren Unterschied vom
Automaten) zu antworten verm�ge innerer Molekularbewegung, da empfing
sie den Odem des Lebens, den Einhauch der Seele, den uns ewig
r�tselhaften Antrieb zu allen schon erreichten und erreichbaren H�hen
organischen Gestaltens. Die erste Gleitbahn nerv�ser Differenzierung in
der Entwicklung der Lebewesen, die eben die Geburt des Lebens erheischt
hat, von Anbeginn bis in alle Ewigkeit fortgestaltend und verfeinernd,
war das Geflecht des Nervus sympathicus, welcher sp�ter mit seinen
Ranken alle Blutgef��e, alle Organzellen, alle Kan�le umspinnt und
durchdringt, des Herzens Pulsschlag ausl�send, die Welle des Blutes
durch ringf�rmige Zusammenziehung der �derchen fortschiebend in
rhythmischer Schnelle, und damit auch die Ganglienh�llen mit
Hemmungss�ften umsp�lt, das Durchlassen von elektroiden Funken
gestattend oder den Kontaktstrom durch Verst�rkung des Hemmungssaftes
vom Blutadersystem aus absperrend.
Alle Au�enweltsreize wirken zun�chst auf diesen Herrn des Lebens, von
dessen blitzschnellem Eingreifen in das psychische Geschehen jeder Tag
uns den Beweis bringt. Nach der bisherigen Lehre von der Nervent�tigkeit
sind es allein Ern�hrungs-, bzw. Stoffwechselvorg�nge, welche dem
Problem der Seelent�tigkeiten durch chemisch-physikalische Alteration
zugrunde liegen. Wo, frage ich, ist der Stoffwechsel, wenn der
Verbrecher vor dem Anblick eines an sich harmlosen St�ckchens Papier,
das ihn �berf�hrt, ohnm�chtig zusammenbricht? Wo ist der Stoffwechsel,
wenn jemand auf ein Wort mit sechs Buchstaben (Schuft!) einen Menschen,
den er vielleicht liebte, im Affekt erw�rgt oder erschl�gt? Wo ist der
Stoffwechsel, wenn eine Kugel, bevor sie das Auge trifft, erst das
blitzartig vorgeschnellte Lid durchbohren mu� (ein r�hrender Versuch des
Lebens, das zarteste Wunderorgan zu sch�tzen)? Das alles sind
Reaktionen, wie sie nur im Bilde elektrischer Vorg�nge Analogien finden,
und deren �bermittler, urspr�nglich der Ahne allen Gef�hls, von den
Monaden bis zu uns, nur der Nervus sympathicus sein konnte. Da derselbe
aber nicht direkt Nervenstr�me ein- und ausschalten kann, weil er
anatomisch keine Beziehungen zu den funktionierenden Ganglien hat, so
ist im Blutgef��system des Gehirns und R�ckenmarks ein �u�erst labiler,
saftf�rmiger Hemmungsapparat eingeschaltet, die Neuroglia, welche im
Anschlu� an das Blutsaftsystem, jedem Winke des Sympathicus gehorchend,
wechselnd Bahnen der Ideen, der Vorstellung, der Willenst�tigkeiten frei
macht oder hemmt.
Liegt vor uns ein menschliches Gehirn, dieses grau-wei�liche Gebilde mit
der ausdruckslosen, tief und vielfach gefurchten Physiognomie, dieser
zweigeteilte, rohgeformte Brei von der Konsistenz schwappender Gelatine,
in welchem noch vor kurzem das zarteste Fl�gelwesen, Psyche, ihren
Wohnsitz gehabt haben soll, so �berkommt uns ein ehrfurchtsvoller
Schauer, denn dies Forschungsgebiet ist heilig: hier wohnt des Menschen
letztes Geheimnis, die Pers�nlichkeit. Und doch k�ndet seine tr�ge,
kalte Ruhe nichts Seelisches mehr. Da dr�ngt sich der unabweisbare
Gedanke auf: nur, als ein Strom es durchflo�, war es Seele, tot ist es
Masse, nur belebt war es Wunder, gestorben ist es Asche. Nur in dem
Spiel gespenstiger, huschender Fl�stergeister in seinen Gew�lben, H�hlen
und Nischen bestand sein himmlischer Anteil am Sinn des Lebens; Seele
war sein Mieter. Diese ist vielleicht gar kein Fa�bares, Zust�ndliches,
Immergleiches, Dauerndes, sondern sie ist wie der Ton der Geige, kommend
und unwiederbringlich aufsteigend in die L�fte, ein Spiel der Kr�fte,
ein Akkord auf der Harfe des Lebens. Sie selbst legt niemand vor sich
hin, man kann sie nicht drehen und wenden, nicht zerst�cken oder
zerfasern, nicht unter dem Mikroskop belauschen oder fixieren. Was uns
in der Hand bleibt, ist ein Instrument, das keinen Ton mehr gibt, dem
wir keine Antwort entrei�en. Das geistige Band f�r ihre tausend Teile
ist unsere Phantasie; denn nur, indem wir unsere innen gef�hlten
Regungen hinein projizieren in dieses graue Labyrinth, kommen wir zu
Vermutungen, Theorien, Erfahrungen. Dennoch glauben wir nicht an das
Dogma vom alleinigen Sitz der Seele im Gehirn oder R�ckenmark. Wir
bezweifeln auch, da� es auf die Dauer gelingen wird, die Theorie der
Herdfunktionen einzelner Seelent�tigkeiten an ganz bestimmten Stellen
des Gehirns aufrecht zu erhalten. Wenn auf Verletzung bestimmter Teile
bestimmte Funktionen ausfallen (Sprach-, Seh-, Muskel-Zentrum usw.), so
beweist das noch nicht, da� an den getroffenen Stellen allein die
spezifische F�higkeit entstand. Das, was wir Seele nennen, ist �berall
in uns, wo Leben ist, nicht allein im Gehirn se�haft. Beispielsweise
kann die Entfernung der Schilddr�se mit konstanter Sicherheit den
Getroffenen seelenlos machen. Andererseits k�nnen betr�chtliche Mengen
von Gehirnsubstanz entfernt werden, ohne da� der Pers�nlichkeit, dem
Temperament, dem Charakter auch nur ein Tittelchen seiner psychischen
Einheit genommen wird. Hier waltet durchaus noch Unklarheit; wir tun
gut, lieber den ganzen Leib als nur ein Organ f�r den Sitz der gesamten
seelischen Funktion zu halten. Wo mein Leib ist, ist auch meine Seele,
und die Pflanzen beweisen, da� es nerv�se Funktionen gibt, bei denen es
seine Schwierigkeiten hat, Nervenelemente aufzusp�ren. Eins aber ist das
Gehirn ganz gewi�: es ist der Tr�ger alles dessen, was wir Bewu�tsein
nennen, in seiner W�lbung hat die ganze Au�en- und Innenwelt ihre
symbolische Spiegelung, in ihm wird alles gemeldet, was in uns und au�er
uns geschieht, in ihm bildet sich jeder Reiz um; gleichsam wie bei
besonderen Vorrichtungen aus mechanischer Arbeit W�rme wird, so bildet
es den gro�en Apparat der Umbildung (Transformation) aller physischen
Reize in psychische. Hier entspricht jedem k�rperlichen Dinge sein
psychisches Korrelat, jedes physische �quivalent hat auch ein
psychisches! So ist von der Welt au�er uns gleichsam in uns ein hin- und
herwallendes Kinematogramm. In diesem Sinne ist die Welt in uns nur eine
Vorstellung, eine Halluzination von uns, da wir nur ihr Symbol, nicht
ihr wahres Wesen in uns spiegeln. Die Lehre von der Entwicklung nimmt
an, da� sich diese F�higkeit, die Welt in uns in einem Symbole
aufleuchten zu lassen, erst allm�hlich entwickelt hat und immer noch in
Entwicklung begriffen ist. Die Lebewesen haben aus der einfachen
Reizbarkeit, sich wie die Monade vor einem Sandk�rnchen
zusammenzuziehen, lernen m�ssen, sich zu bewegen, in besonders dazu
entwickelten Apparaten zu atmen, zu verdauen, sich mit den erworbenen
neuen Eigenschaften fortzupflanzen, zu sehen, zu h�ren, sich zu
orientieren in der Umgebung usw. Was fr�her den alleinigen Inhalt des
Bewu�tseins ausmachte, wird dann sp�ter immer automatisch, unbewu�t, und
die h�chsten Staffeln des Bewu�tseins sind danach jedesmal auf dem Wege
zur harmonischen Automatie, zum Instinkte. Die urspr�nglich tastenden,
gleichsam versuchsweise vorgeschobenen Funktionen der jedesmal j�ngsten
Keime des Gehirns sind allm�hlich als fixierte, unverr�ckbare, nur von
den Reflexen beherrschte, nicht mehr labile F�higkeiten dem Bestand
des Ganzen einverleibt worden, sie sind gleichsam tiefer ger�ckt,
unbewu�t, instinktiv, erhaltungsgem��, unab�nderlich eingestellt,
und der Kreis des Bewu�tseins ist jedesmal diejenige Sph�re
unseres Orientierungsverm�gens gewesen, welche zugleich auch die
entwicklungsgeschichtlich j�ngste Phase des wachsenden Lebensbaumes war.
So kommen wir nach diesen Vorbegriffen leicht zur Analyse des Gef�hls
des Doppelten, des Zweigeteilten, Zerkl�fteten, Zusammengesetzten in
unserer Seele.
Die Hemmung, dieser eigentliche Regulator unserer seelischen Vorg�nge,
hat eben zwei Funktionsformen: eine labile, noch entwicklungsf�hige,
ein- und ausschaltbare, in Wahrnehmung, Beobachtung, Orientierung
wechselnde T�tigkeit, die eng verkn�pft ist mit der sogenannten bewu�ten
Willenssph�re, und zweitens eine festgef�gte, nicht mehr wechselnd in
willk�rlichen Bahnen verlaufende, normalerweise stets gleich gerichtete,
definitive Stromlenkung: das ist das Gebiet der angeborenen, also
�berkommenen Reflexe, Automatien, Instinkte. Nun ist unser gesamtes
peripheres Nervensystem, der nach au�en gest�lpte Teil des Gehirns,
f�hig uns zu orientieren, uns zur Abwehr, zur Anpassung, zur
Ortsver�nderung stetig in Atem erhaltend, und es erhellt jetzt, da� wir
vollberechtigt sind, das ganze Gebiet der nerv�sen Ausbreitungen im
Organismus (und diese reichen wohl an jede der Milliarden
Einzelzellen)--als Sitz der Seele anzusprechen und nicht nur einen Teil
bzw. die Sammelstelle aller Einzelwahrnehmungen: das Gehirn.
_Bewu�tsein nenne ich somit den Gef�hlskomplex, welchen die Summe aller
Au�en- und Innenreize auf die Gesamtheit unserer nerv�sen Registrier- und
Orientierungsapparate aus�bt._ Wie es kommt, da� ein Au�en- oder
Innenreiz, also ein mechanischer Vorgang, ein Gef�hl ausl�st, bzw. sich
in Gef�hl transformiert--diese Frage enth�lt freilich das letzte,
vielleicht unl�sbare Mysterium der Seele. Wir m�ssen uns damit begn�gen,
es als Tatsache hinzunehmen, da� bei der Ber�hrung das Eis kalt und das
Feuer hei� ist. Gef�hl ist eben die F�higkeit, zu differenzieren,
Unterschiede von der allergr��ten Feinheit zu registrieren. Unsere
gegenseitige Verst�ndigung wird nur durch die Konvention der Sprache,
durch immer gleiche Symbolverwendung f�r gleiche Empfindungen
gewohnheits- und nachahmungsgem�� erm�glicht. Wir setzen also das
Lautsymbol f�r ein Empfindungssymbol und komplizieren die Sache noch
mehr, indem wir wieder die Lautsymbole zu Schriftsymbolen umgestalten.
So nennen wir nun jede Einwirkung, die wir gewohnheitsgem�� mit einem
Symbol registrieren k�nnen: _bewu�t_. Das Bewu�tsein ist darum in
demjenigen Teile unserer Nervent�tigkeit enthalten, der sich in
dauerndem Kontrollzustand gegen�ber allen das Nervensystem treffenden
Reizen befindet. Die Gesamtheit aller auf uns wirkenden Reize, m�gen sie
von au�en oder innen stammen, l�st in uns ein Allgemeingef�hl der
Presence d'esprit, einer gewissen Fangbereitschaft unserer nerv�sen
Polypenarme aus, und diesen labilen Zustand der Aufnahmef�higkeit
gegen�ber allen Strahlungen, in welche unser Ich ger�t, nennen wir
gewohnheitsgem�� _Bewu�tsein_, nicht anders als wie wir den blauen
Lichtreflex �ber uns Himmelsgew�lbe, den Rand unseres Sehkreises
Horizont nennen. Soweit nun eben unser Zentralapparat labil ein- und
ausschalten kann, so weit unterliegt er dem Spiel der wechselnden
Hemmungen, die stets im Wirrsal aller auf uns wirkenden Kr�fte den Strom
der Seele um die Widerst�nde dahingleiten lassen, wie sich ein Bach um
seine Felsenwiderst�nde windet, dabei zu Schaum- und Regenbogenglitzern
aufspr�hend. Doch hat dieser Strom der Seele immer zwei Quellen neben
sich: Reize, die von au�erhalb, und Reize, die von innerhalb des
Organismus stammen.
Es stehen sich also in unserer Seele zwei gro�e Gebiete verschiedener
Nervenaktionen gegen�ber: die eine, welche in v�lliger Automatie ohne
unsern bewu�ten Willen hin und herwogt, das Herz schlagen, die Lungen
atmen, die D�rme sich bewegen, die Dr�sen arbeiten, die Saftstr�me
flie�en und den intimen Stoffwechsel an ungez�hlten Arbeitsstellen sich
vollziehen hei�t, und eine zweite, welche lauernd, beobachtend, wartend,
orientierend alle Geschehnisse um uns und in uns direkt registriert. Die
eine in definitiv gehemmten, ein f�r allemal regulierten Bahnen ohne
Irrtum, die andere ganz labil, schnell hier und da reagierend, oft sich
vergreifend, irrend, tastend, das Gef�hl des Gewollten und Bewu�ten
ausl�send. _Wahrnehmungen nun aus jenem der Beobachtung und Orientierung
entwicklungsgeschichtlich schon entzogenen Gebiet nennen wir ihres
dunkeln, unkontrollierbaren Ursprungs wegen: unterbewu�t._
Was wohl f�r Tr�ume kommen m�gen--aus diesen dunklen W�ldern, Schluchten
und H�hlen der tiefsten Seele, die ihre geheimnisvolle Entwicklung, die
Bildung ihrer typischen Formation unz�hligen Geschlechtern, einer
endlosen Ahnenreihe von Vorfahren, Stammv�tern und Keimgebilden
verdankt? Denn geworden aus einer Saat des Lebens ist alles! Die
Wissenschaft kann nicht den Entwicklungsgedanken entbehren, wenn sie
auch zugeben sollte, da� durch dieses Jahrmillionen alte Weben und
Werden des Lebens ihm nichts von seiner �bersinnlichkeit und
Unbegreifbarkeit im Ursprung genommen wird. Wenn Millionen von Wesen,
die meine direkten Vorfahren waren, dahinleben, ringen, sich wandeln und
sterben mu�ten, damit ich atmen, gehen und sprechen kann, wenn meine
instinktiven F�higkeiten das Produkt unendlicher in gerader Linie auf
mich und mein Keimplasma ausm�ndender Vor�bungen und Vorbildungen waren,
so tragen wir alle ja in uns gleichsam eine seelische Erbschaft alles
dessen, was vor uns geschah, das sich auf uns erhalten hat, mit uns
geboren wird. Was Wunder! wenn in uns, den jedesmal j�ngsten Sprossen an
einem unendlich tief in die Vorzeit hinab reichenden Korallenbaum, aus
der Tiefe unserer eigenen Wunderwelt magische Nebel emporsteigen am
Horizonte unserer ephemeren Sonderexistenz, wenn alte Neigungen aus
fernen, anders, ganz anders gearteten Kulturen, wenn alte Bilder ferner,
fremder Heimatgauen, dunkle Willensregungen mit andrem Zweck, als es
grade unser S�kulum zu Sitte und Recht erheischt, emportauchen mit
r�tselhaftem Gef�hl eines vorbestimmten und mitgeborenen Verh�ngnisses!
Das sollte unwahrscheinlich sein? Ist doch die Form meines Sch�dels,
meiner Nase, die Farbe meiner Haare und die meiner Augen und Haut in
meiner Sippe, in meiner Rasse fixiert und immer wiederkehrend, und ein
so feines Spiel, wie es die Nerven treiben, eine Funktion sollte nicht
bemerkbar bleiben von Geschlecht zu Geschlecht? Im Gegenteil! vielleicht
sind alle Erblichkeiten viel mehr funktionell als formal, und selbst die
�hnlichkeit der Kinder mit uns mag einen ebenso gro�en Gehalt an
funktioneller Nachahmung wie an formaler Gleichrichtung der Zellbildung
in sich verbergen. Werden doch Menschen �hnlich im Gesichtsausdruck, die
lange aneinander gekettet sind! Kann doch jede Form von Mimikri nur
funktionell entstanden sein!
So etwas also wie ein Testament unserer Vorfahren mag schlummern in den
festen Knollen, Str�ngen und H�geln auf der Tiefe des Gehirns, in der
Tiefe unseres Seelenlebens! Drehen wir es um, das vor uns liegende
Gehirn, das wir bis jetzt vorhin nur von oben, von seinen beiden
h�llenden Kuppeln aus sahen, wie anders ist das Bild! Fester,
wohlgeformter, charakteristischer ist hier die Physiognomie, und w�hrend
der Griffel des Anatomen sich vergeblich m�ht, die Rinde mit ihrem,
einem System aneinandergepre�ter Schl�uche mit Furchen und Windungen
vergleichbaren Formbilde genau wiederzugeben, so vermag hier die
Zeichnung an der Basis an festen Linien eine wohlgef�gte Architektur zu
finden. Das entspricht dem Gewordenen, unab�nderlichen �berkommenen der
hier gelegenen Funktionen; hier walten die Instinkte, die regul�ren
Automatien, die Reflexe, alle unsere irrtumlosen F�higkeiten. Und nun
ein Schnitt in diese weiche Masse da vor uns! Wie anders die
geheimnisvolle Zeichnung der Hemisph�ren des Gehirns gegen�ber den
geformten W�lsten der Basis! Dort ein weichlicher, wei�lich-grauer Brei
ohne Linie und scharfe Form, und hier an der Basis Zeichnungen und
Gebilde, die bestimmte, bisweilen obsz�ne Vergleichungen mit allen
m�glichen, pr�zisen Lebensformen geradezu herausfordern! Dort in der
W�lbung der Kuppe waltet Willk�r, Irrtum, Wahn, Streben, Wille nach
Umwandlung, Neugestaltung, und hier in der Tiefe fest gef�gt das
Unab�nderliche, das fest Erworbene, das Irrtumlose! Da haben wir den
anatomischen Ausdruck f�r das Doppelbild, den Januskopf unserer Seele!
Ein Teil, der des bewu�ten Seins, strebt vorw�rts, k�hn bis zur
Selbstvernichtung, dem Neuen, dem Unerh�rten, der genialen Assoziation
entgegen, und ein anderer konservativer Teil rei�t uns stets zur�ck in
die Beharrung, die Resignation, in das Philisterium. In jedem von uns
steckt ein Neuerer und ein Reaktion�r, beide miteinander oft in w�tendem
Kampf. Hier rei�t das Genie sich los von seiner Neugeburt nie
dagewesener Assoziationen, denen ganz gewi� neue Hirnsprossen in der
typischen Richtung und Entwicklungslinie des aufsteigenden
Menschheitsgedankens durchaus organisch zugrunde liegen, und st�rmt
dahin ohne R�cksicht auf den Bestand des �berlieferten; ihn k�mmert
nicht das Fundament, mit F��en tritt er seine vitalsten Eigeninteressen
danieder. Oft genug verbrennt an der Flammenfackel des Genius die letzte
Kraft seines wohlgegr�ndeten vegetativen Lebens. Da meldet sich wohl oft
gerade bei den Begabtesten ein dunkler Trieb nach Rausch und Bet�ubung.
Der Bauer in ihnen lockt mit der M�glichkeit, auch einmal k�nstlich ein
Idiot zu sein, auch hier und da den Geburtswehen seiner Ideenf�lle zu
entrinnen, wenn auch nur f�r kurze Zeit. Das Behagen, mit s��em Gift die
vorw�rts dr�ngenden neuen Gehirnsprossen zur Ruhe zu zwingen, ist nur zu
oft der Grund zum Alkoholismus und zur Morphiumsucht bedeutender
Menschen geworden. Zwei Seelen! Und wie, wenn im Zerrbild des Genies, in
seiner Karikatur, im Irrsinn, wenige, winzige Zellgruppen auf eigene
Faust, losgel�st aus der Harmonie des Ganzen, nicht mehr als ein Triumph
des aufw�rts gehobenen Menschheitsgedankens, sondern als eine
krankhafte, wilde Anarchie weniger revolutionierender Ganglienlebewesen
die Herrschaft �ber den Bestand des geistigen Erbes von Generationen
erzwingt? Dann ist es ganz dahin mit Harmonie und Einheit: dann ist
wirklich die Pers�nlichkeit gespalten, dann arbeiten Entartung und
Beharren wild gegeneinander. Darum, was man einem Genie w�nschen
mu�--das ist der kr�ftig entwickelte Herr des Lebens, ein gesunder,
meinethalb direkt b�uerischer Nervengrundstock (Sympathicus), der seine
lebenerhaltende Faust d�mpfend und m��igend auf die zarten, jungen
Triebe neuer, nie geahnter Gedanken�bermittler legt, damit sie ruhig
gedeihen und bl�hen und eine ganze Menschheit begl�cken! Wie konnte man
je daran denken, Genie und Wahnsinn Br�der zu nennen! wie jemals das
erste Aufleuchten einer neuen Phase der Menschheitsentwicklung, durch
die alle Nachkommenden hindurch m�ssen, wie durch ein neues Kanaan, das
ihm allein zuerst erschien, verwechseln mit einer Gehirnentartung,
welche, unrettbar dem Untergang geweiht, den Stempel der
Lebensunf�higkeit in sich tr�gt! Nur, weil das unterbewu�te System auch
im Genie so oft in Gefahr geriet, wie beim Wahnsinn und beim
Verbrechertypus, konnte der bedauerliche Irrtum entstehen.
Auf der andern Seite der hochkonservative Philister: wie wichtig f�r den
Bestand des Erworbenen, ein wie festes Hindernis f�r alle
Scheinneuerungen und genialen Irrt�mer. Nicht umsonst war der Philister
einem _Nietzsche_ so interessant: hier zeigt sich in der Tat am besten
das einfache Verh�ltnis bewu�ter und unterbewu�ter Seelenfunktionen. Am
dauerhaftesten geistig ist der Mensch, bei dem am wenigsten beide
Systeme einander zu beeinflussen verm�gen. In ihren Funktionen
gegenseitig streng voneinander geschieden, haben sie keine M�glichkeit
einer unvorhergesehenen, pl�tzlichen Entladung von einem Gebiet in das
andere, k�nnen beide Systeme getrennt ungest�rt ihren Dienst tun, bis
die Uhr still steht. Es darf mit Sicherheit angenommen werden, da�
gerade St�rungen in der festen, definitiv geregelten Hemmung des
unterbewu�ten Gangliensystems Beziehungen haben zu pl�tzlichen,
reflex�hnlichen Affekthandlungen. Ich stelle mir vor, da� erbliche
Belastung im Psychischen sehr wohl ihre Ursache in einer Schw�che der
eigentlich undurchbrechbar gedachten Hemmung der automatischen
Ganglienapparate haben kann, dergestalt, da� Kurzschl�sse elektroider
Spannungen hier pl�tzliches �berf�llen von fern liegenden
Aktionsgebieten veranlassen. Sicherlich erreicht ja nicht alles, was an
Reizen dem Gehirn �bermittelt wird, direkt das System der bew��ten
Denksph�re. Unsere Willenshandlung und unsere Gedankenrichtung nehmen
nicht immer von bewu�ten Wahrnehmungen ihren Ursprung. Es ist, als ob
manche Sinneseinwirkungen, manche vielleicht noch gar nicht analysierten
Strahlungen und Materienwirkungen zwar vor der Bewu�tseinsschwelle
abgefangen werden, aber dennoch die Veranlassung zu einer besonderen
Gedankenrichtung, zu einer besonderen, dann erst sp�ter bewu�ten
Handlung werden. Daf�r einige Beispiele.
Ich stand an der Ausgangst�r einer elektrischen Bahn, die n�chste
Haltestelle erwartend. Leise zogen mir Bilder aus meiner Jugendzeit auf
dem Gute bei einem alten Onkel durch den Sinn. Ponyreiten, Kirschb�ume,
W�lder und Jugendliebe! Und der gute, alte Onkel--wie lebhaft ich ihn
vor mir sah. Da drehe ich mich von ungef�hr in das Wageninnere, das ich
soeben passiert habe, zur�ck. Wahrhaftig, welche �hnlichkeit--der gute,
alte Onkel--da sitzt sein leibhaftes Ebenbild in einer Ecke. Es ist
gewi�, da� seine Z�ge, im Unterbewu�tsein, als ich durch den Wagen ging,
abgefangen, das Motiv meiner Gedanken wurden.
Ich gehe eine ziemlich lange Stra�e hinauf. Mir kommt ein befreundeter
Herr mit seinen Absonderlichkeiten in den Sinn. Nach einer Minute steht
er vor mir. Ich hatte ihn ganz gewi� vorher schon unterbewu�t gesehen.
(Ich glaube, bei �hnlichen Gelegenheiten wird oft ein "um die Ecke
kommen" hinzugesetzt, die Sache wird dadurch romantischer.)
Solche Vorkommnisse beweisen direkt, da� es ein Filtriersystem f�r
Wahrnehmungen, vielleicht in den gro�en Hirnknollen, gibt, welches
verhindert, da� alle Beobachtungen bewu�t werden. Wenn man sich genau
kontrolliert, k�nnen Farben, Formen, Ger�che usw. ganze Gedankenketten
ausl�sen, ohne da� man immer den Ursprung findet; die gesamte Kunst
macht Gebrauch von diesen Stimmung gebenden Suggestionen! Wie viel mag
ferner tats�chlich pl�tzliche Sympathie oder Antipathie auf solchen
unterbewu�ten Assoziationen beruhen, wie oft m�gen schnelle Entschl�sse
solchen unterbewu�ten Einfl�ssen ihren Ansto� verdanken! Auffallend ist,
wie selten unsere entscheidenden Entschl�sse direkt logischer Analyse
entsprechen: "es war mir so", "es lag mir so", "ein gewisses etwas gab
den Ausschlag" usw. Wenn alles auf alles wirkt--und nach dem Gesetz von
der Erhaltung der Kraft mu� es ja wohl so sein--so kann sehr wohl das
meiste unserer Willensaktion unterbewu�t ausgel�st werden. Wie viel mehr
nun aber bei pathologischen, gewisserma�en schadhaften Einbettungen und
Isolierungen der sonst streng abgeschlossenen, automatischen Systeme.
Der triebhafte Verbrecher mag bei allen m�glichen Innenreizen stets dem
Zwange eines pl�tzlich ihn �berrumpelnden Affektes erliegen
(Kleptomanie). Str�me, welche normalerweise sonst im Sinne der
koordinierenden Automatie Verwendung finden, schlagen blitzartig in die
Aktionszentren und l�sen Handlungen aus, die eben deshalb antisozial
sind, weil sie durch das die Ethik der Zeit tragende und kontrollierende
Bewu�tsein nicht zur�ckged�mmt werden. Da auch bei den Epileptikern die
Hemmungsfortf�lle die Ursachen der Kr�mpfe sind, kann es nicht wunder
nehmen, wenn Epilepsie und Verbrechen so oft Ber�hrungspunkte haben.
Hier erscheint es fast so, als wenn der Verbrecher im epileptoiden
Anfall durch Abblendung seines Bewu�tseins geradezu in eine
entwicklungsgeschichtlich fr�here Daseinsperiode zur�ckgeworfen wird, in
welcher in der Tat noch allein die brutalen Instinkte, wie beim
Raubtier, herrschten, so da� die schauerliche Bestialit�t mancher
Verbrechen allein durch diesen R�ckschlag in seelische Gebiete, die
einem Rohzustand des Lebens entsprechen, erkl�rbar wird. Der Somnambule
und der antisoziale Verbrecher gleichen sich in bezug auf die Abblendung
des Bewu�tseins, welche nur bis zu verschiedenen Tiefen der Automatie
herabreicht: beim Somnambulen liegt nur ein D�mpfer �ber dem Bewu�tsein,
so da� Raum und Zeit und ihre kausale Verkn�pfung doch wie aus
Nebelschleiern durchscheinen, wobei die automatisch-motorische Sph�re
wohlgeordneter Bewegungen ganz intakt ist (Schlafhemmung des Gehirns),
so da� ein Tr�umender daherwandelt, friedlich im schl�rfenden Gange
seine stillen Gedanken weiterspinnend. Beim epileptoiden Verbrecher
tritt aber die Abblendung des Bewu�tseins pl�tzlich ihn selbst
�berrumpelnd mit der ganzen Heftigkeit einer tiefgreifenden
Bewu�tseinsst�rung auf, und zwar bis in die Region der zur�ckgelegensten
Instinkte, so da� jene sinnlos vernichtenden Raubtierhandlungen
resultieren.
Dem widerspricht nicht, da� solche Verbrechen lange vorbereitet, oft
versucht sind, ehe es zur eigentlichen Ausf�hrung kam. Der in seinen
Hemmungen eben defekte, unterbewu�te Apparat lockt durch aufleuchtenden
Kurzschlu� in die bewu�te Sph�re �bergreifender Entladungen den
Willensapparat immer von neuem in den Bereich seiner dunkelen Gel�ste.
Es sind ja haupts�chlich die beiden Systeme der Ern�hrung und der
Fortpflanzung, auch im gesunden Menschen den Hauptinhalt unserer
unterbewu�ten Mechanismen beherrschend, die auch beim Verbrecher in
krankhaftem Anschlu� regellos einbrechen in die Willenssph�re. W�hrend
der Gesunde diesen beiden Hauptinstinkten durch st�ndige
Bewu�tseinskontrolle ihren d�mmenden Wall sichert, bricht die ganze
Summe aufgespeicherter und vielleicht mehrfach unterdr�ckter Gel�ste
pl�tzlich wie eine rei�ende Flutwelle in die Seele ein, und gerade wie
beim Epileptischen die motorische Krampfentladung im Muskelgebiet
begleitet ist von der Bewu�tlosigkeit, d.h. von der Unf�higkeit, sich in
Zeit und Raum zu orientieren, so ist der Verbrecher "im Anfall" auch
nicht f�hig, seine Handlung logisch und kausal zu begreifen, er steht
ihr oft ebenso hilflos gegen�ber, wie der nach Motiven suchende
Kriminalist. Daher begreift man wohl die Neigung der Verbrecher, um den
Ort der Tat zu kreisen: sie suchen sich selbst und ihre Tat n�her zu
begreifen, sie sinnen selbst nach Aufkl�rung und hoffen vom Orte, an dem
das F�rchterliche geschah, irgend ein erl�sendes Verst�ndnis. Das ist
der Magnetismus des Entsetzlichen, den �brigens auch geistig Gesunde
andeutungsweise sehr wohl versp�ren. Das Grauen vor einer entsetzlichen
Tat und die Anziehungskraft, die sie auf unsere Neugier aus�bt, lassen
sich wohl nur erkl�ren durch eine T�tigkeit der Phantasie, welche im
geheimen sich selbst als den Ver�ber der Tat unwillk�rlich setzt und
damit jene Sph�ren des Unterbewu�tseins in leises Erzittern bringt,
welches Disponierten schon so oft gef�hrlich geworden ist. Das ist die
Gefahr der Berichte �ber Straftaten und der oft gewi� verderbliche
Einflu� schlechter Kriminallekt�re auf nicht v�llig taktfeste Instinkte,
da� sie oft das labile Gleichgewicht gest�rter und nicht ganz
schlu�f�higer Hemmungen des unterbewu�ten Systems ins Wanken und
Erzittern bringen.
Pathologische, durch Hemmungsdefekte �bermittelte Anschl�sse aus dem
Gebiet der automatischen Instinkte in die Sph�re bewu�ter Aktionen
scheinen die einzige befriedigende Erkl�rungsformel f�r das dunkle
Wirken verbrecherischer Triebe zu sein. Dabei braucht nicht immer der
Trieb auf die Vernichtung oder Besch�digung des anderen zu gehen, diese
Triebe richten sich auch auf die Vernichtung oder Besch�digung der
eigenen Person: es gibt Verbrechen am Ich, wie am Anderen. Auch hier
zeigt sich das Abnorme wesentlich in zwei Richtungen: in Perversit�ten
der Nahrungsaufnahme und der Erf�llung sexueller Funktionen. Aber auch
alles Bannende, Blendende, Gewaltige, weite Fl�che, schauerliche Tiefe,
der dunkle Abgrund und das endlose Meer, hat eine hypnotische,
bewu�tseintr�bende Macht, und es erfordert einen Ruck im Willen, ihre
d�monische Anlockung abzuwehren, um nicht, wie das Kaninchen vorm Blick
der Schlange, wie das Weib vorm berauschenden Nimbus des Don Juan, der
Gefahr gegen�ber der Paralyse des Willens zu erliegen. Licht und Glanz
hypnotisieren ja nicht nur Motten und M�cken, sondern auch den Homo
sapiens.
Aber auch Innenreizen ist bestimmende Macht �ber die Seele gegeben. Ganz
allgemeingiltig ist die Beziehung der sogenannten inneren Sekretion zu
unseren Trieben, Neigungen und direkt bewu�ten Handlungen. Unter der
inneren Sekretion versteht man wesentlich die von der Organumschlingung
des Nervus sympathicus geleistete S�ftebildung in verschiedenen
Organsystemen, welchen s�mtlich spezifische Funktionen zufallen: so
dienen Galle und Magens�fte, Speichelbildung usw. der Verdauung, sind
also auf die Erhaltung des Einzelnen gerichtete Funktionen, noch andere
zielen auf die Vorg�nge der Neubildung eines Individuums ab, und
drittens gibt es Absonderungen, welche unzweifelhaft f�r die
Saftmischung des Blutes und damit auch der Seelenfunktion von
allergr��ter Wichtigkeit sind. Die Schilddr�se und ihr Sekret haben
bekanntlich einen gro�en Einflu� auf den Zustand des Gem�tes. Ein
erh�hter Zuschu� ihrer Produkte ins Blut--und eine gro�e Erregbarkeit,
Unruhe, Angst, extreme Neurasthenie ist die Folge (bekannt unter dem
Bilde der Basedowschen Krankheit), w�hrend andererseits ein Zuwenig der
Beimischung eines f�r die Hirnfunktion unbedingt n�tigen Saftes der
Dr�se, wie wir schon bemerkten, Atrophie und Idiotie des Gehirns nach
sich zieht. Diese Tatsachen, namentlich mit Beziehung auf die Rolle des
Sympathicus bei diesen Funktionen, sind �brigens nur zu erkl�ren mit
Hilfe unserer Annahme von der Funktion der Neuroglia als
Hemmungsregulator. �hnlich wie bei der Schilddr�se, m�ssen wir auch f�r
alle anderen inneren Sekretionen annehmen, da� ihre Produkte zum Teil
f�r die Konstitution der Gesamtk�rpers�fte von allergr��ter Wichtigkeit
sind. Fehlt die Beimengung vitaler Ingredienzen zum allgemeinen
Blutsaft, so sind sogenannte Ausfallserscheinungen die nur allzuh�ufige
Folge. S�ftemischung und seelische Funktion stehen eben vermittels des
Hemmungs- und Einschaltungsapparates der Neuroglia in innigstem
Zusammenhang. Es ist keine Frage, da� ein gro�er Teil zun�chst dunkler
und unklarer Impulse, welche wir im Bewu�tsein erhalten, Meldungen aus
diesen unterbewu�ten Fabrikationsstellen unseres Organismus darstellen,
wobei wieder Hunger und Liebe als die beiden gro�en Richtungen der
Erhaltung des Individuums und der Art wirken. Wie ein Verbrecher
hypnotisiert werden kann, d.h. wie ihm seine Bewu�tseinssph�re
umdunkelt, verh�llt, abgeblendet werden kann durch den Anblick eines
Edelsteins, eines Goldst�ckes, wie �berhaupt die Hypnose die
reflexartige Abblendung des Bewu�tseins darstellt, und zwar von der
Umgebung her, so k�nnen auch die Innenreize zur hypnotischen Abblendung
des Bewu�tseins f�hren. Ebenso wie etwas von au�en suggeriert werden
kann, gibt es bekanntlich auch eine Autosuggestion, ebenso eine
Autohypnose. Die innere Sekretion, die einseitige �berspannung eines
�berladenen Systemes, z.B. desjenigen der Sexualapparate, kann von dem
Unterbewu�tsein her die ganze geistige Sph�re sexuell f�rben, so da� der
Betreffende gleichsam willenlos in Liebeshypnose einherwandelt und
jegliches Wesen durch eine Sexualbrille sieht. Wehe! wenn hier labile,
nicht fest einged�mmte Hemmungsverh�ltnisse im Unterbewu�ten bestehen:
es ist nur ein Schritt von der Gier zum Verbrechen. �hnlich kann auch
bei der Hysterie eine Unsumme abnormer Kurzschl�sse und Reflexe
ausgel�st werden, die ihren letzten Grad in einer Saftbildungsanomalie
haben, wodurch eben die Hemmungsmechanismen nach unserer
Theorie besch�digt werden und damit die Beziehungen zwischen
Bewu�t und Unterbewu�t sich verschieben. Auch in diesen F�llen
neurasthenisch-hysterischer Bewu�tseinsbeeinflussungen spielt eine
Blendung des realen Erkennens, der Gegenw�rtigkeit der Seele und ihrer
Anpassung an die Umgebung und die Daseinsepoche mit hinein. Diesen
Menschen ist ein Gef�hl der Andersartung, des Deplacements eigen,
gleichsam als geh�rten sie einer vergangenen Daseinsperiode an und
k�nnten sich nie hineinfinden in die Bed�rfnisse ihrer Zeit. Es ist gar
nicht so selten, da� schwere Hysterie zur v�lligen Teilung des
Pers�nlichkeitsgef�hls f�hrt und da� dieser unertr�gliche Zustand, dem
ewigen Trieb zur Selbstvernichtung nachgebend, mit Selbstmord endet. Mir
erscheint der so h�ufige Selbstmord bei gedoppelter Pers�nlichkeit stets
wie die Erf�llung einer Sehnsucht in eine fr�here Gemeinschaft
Gleichgearteter, wie in einen Zustand auf fr�here Entwicklungsstufen
zur�ck. Viele Menschen mit nicht vorw�rts strebendem Intellekt haben oft
das Gef�hl, nicht hineinzupassen in ihre Zeit, gleichsam r�ckw�rts
tiefer in der Vergangenheit zu wurzeln, als es ihr individuelles Leben
in der Gegenwart gestatten will. Auf ihnen lasten allzu schwer die
Testamente der Vergangenheit, sie sind Repr�sentanten funktioneller
R�ckschl�ge (Atavismen) in fr�here Entwicklungsstufen. Bei dieser
Sachlage ist es nur ein Gl�ck, da� nicht nur die S�nden, sondern auch
die Tugenden unserer V�ter in unser drittes und viertes Glied
hineinfluten.
Es ist verlockend, an dieser Stelle die Frage des Gewissens in uns
aufzurollen und an der Hand der psychophysischen Gesetze der
Hemmungslehre auch diesen gewi� gleichfalls unterbewu�ten Vorgang einer
inneren durchaus regulatorisch wirksamen Macht den d�monischen Gewalten
mit unheimlichem, zerst�rendem Charakter entgegen zu stellen. Ich mu�
mich hier mit Andeutungen begn�gen, weil eine eingehendere Behandlung
der unterbewu�ten sittlichen Regulation in uns als Vorbedingung die
vollst�ndige Analyse der Ethik �berhaupt erforderte. Obwohl nun gerade
aus der Hemmungstheorie sich eine vollkommen neu fundierte Ethik auf
physiologischer Basis unschwer entwickeln l��t, so mu� ich doch hier
darauf verzichten und kann f�r die Frage nach unserem Gewissen, nach der
Stimme der Sittlichkeit in uns, welche wohl bei jedem Individuum sich
schon bemerkbar gemacht hat, hier nur andeutungsweise darauf aufmerksam
machen, da� das, was wir mit diesem Namen belegen, gleichfalls etwas
Triebhaftes an sich hat. Aber es ist ein komplizierter Trieb. Einmal
funktioniert er deutlich zur Erhaltung unseres instinktiven
Artcharakters, hat also etwas Generelles, sich auf die Menschheit
vorbildlich Beziehendes und besonders lebensf�hig sich Erweisendes an
sich, und zweitens ist ihm ein rein individuell, mehr auf den
egoistischen Vorteil, auf das gute Fortkommen der Pers�nlichkeit
Gerichtetes eigen. Es ist im allgemeinen klar, da� unsere
arterhaltenden, der Menschheit und ihrem erworbenen Bestande
f�rderlichen Triebe in Konflikt geraten k�nnen mit den egoistischen
Selbsterhaltungsmotiven. In diesem Konflikt wird durch einseitig
exzessive Inanspruchnahme bewu�ter Willenshandlungen aus egoistischem
Zwecke die unterbewu�te Automatie der arterhaltenden, vorgebildeten,
schon �berkommenen, durch Tausende von Jahren als lebensf�hig erwiesenen
Funktionen durch Reizmangel in Gefahr gebracht. Denn nur das ist
wirklich auf die Dauer imstande, einen funktionellen Artcharakter zu
repr�sentieren, was eben mit der neuen Funktion sich in der
Richtungslinie der naturgem��en Fortentwicklung befand. Von Milliarden
Versuchen, ein Lebensproblem funktionell zu l�sen, wird nur das Beste
eingestellt zur Automatie, kann nur die vollkommenste L�sung vorbildlich
und dauernd jedem neuen Spro� des Keimplasmas erhalten bleiben. Was uns
jetzt als Problem besch�ftigt, z.B. die Ehe, der Staat, wird einst nach
vielen Millionen von unzul�nglichen Versuchen zur definitiven L�sung
gef�hrt werden: dann wird es eine Frage eines irrtumlosen Instinktes
sein, ob Polygamie oder Monogamie, ob Ehe oder freie Liebe herrscht, ob
der Staat monarchisch oder republikanisch oder sonstwie geleitet werden
mu�, Probleme, die wie z.B. bei den Termiten und Bienen lange auf dem
Wege der Instinkte gel�st sind. So ist unser Bewu�tsein stets auf dem
Wege der Neubildung und Umbildung von willk�rlichen Handlungen zu
Automatie, und zu jeder Zeit der Entwicklung unserer verschiedenen
Hirnschichten war die jedesmal j�ngste willk�rlich und lie� hinter sich
den durch die Vorperioden gesicherten Bestand. Dieser letztere kann
nicht mehr abge�ndert werden, ohne den ganzen Bau zu gef�hrden. Darum,
wo der bewu�t wirkende Wille im Anpassungsversuch an neue ethische
Forderungen (und jeder Tag kann im Wirbel der wechselnden Erscheinungen
des Lebens solche heraufbeschw�ren) eindringt mit Umbildungstendenzen in
die Automatie der unterbewu�ten Funktionen, da entsteht eine
Ersch�tterung hinab bis zur Wurzel des Lebens, ein Beben bis ins
Fundament der organischen Harmonie, und dieses Beben, gleichsam das
Pochen der Gefahr am Tor der Ruhe, hinter dem die Schatten alles
Gewesenen verschwunden sind, f�hlen wir �hnlich dem physischen Schmerz
bei St�rung des organischen Gef�ges der Nervenenden als eine Mahnung,
als ein Warnen vor Gefahr, als die Stimme des Gewissens. Dann d�rften
wohl die brennenden Empfindungen der Reue den tiefinnerlichen Versuchen
entsprechen, die der Hemmung im Unterbewu�ten geschlagene L�cke durch
neue heilende Gewebssprossen zu verschlie�en, und je mehr ein fester,
freier, ehrlicher Entschlu� im Bewu�tsein die Str�me und Zuckungen von
defekter Stelle ablenkt, um so ruhiger und gleichm��iger kann der
Organismus die Harmonie der Funktionen wiederfinden. Es ist begreiflich,
da� hier diese Segnung tief innerlicher Genugtuung, der L�uterung nicht
ausbleibt, selbst wenn es dem Bewu�tsein klar ist, da� die Reue, etwa
ein mannhaftes Gest�ndnis, vielleicht die Vernichtung, den Tod nach sich
zieht. Denn: das ist das Gigantische am ewig rauschenden Lebensbaum, da�
es ihm nicht ankommt auf die einzelnen, zahllosen Bl�ten, sondern da�
�ber der einen Pers�nlichkeit die rein erhaltene Art siegend
hinwegleuchtet in alle Fernen. Es ist eben das Unterbewu�te, der fertig
erworbene Besitz, an dem die Natur nicht r�tteln l��t, und dessen
Erhaltung ihr �ber den Wert auch der erhabensten Pers�nlichkeit geht.
Erbarmungslos erscheint sie, aber sie ist gerecht, denn bei ihr handelt
es sich stets um die Idee der Menschheit, welche schlackenlos und
durchaus lebensf�hig durchgef�hrt werden soll zu H�hen, die,
unausdenkbar, dennoch dem Leben von Anbeginn als M�glichkeit beigegeben
wurden. In diesem Gesetz einer sorgsamen Auslese, einer steten Sonderung
der Spreu vom Weizen wurzelt Ethik und Gewissen, und ewig wird der
Einzelne im Konflikt mit der Idee des Ganzen erliegen m�ssen. Daher die
schier unbegreiflich d�nkende Qual der Auslese schaffenden Krankheit und
die der seelischen Schmerzen. Wo aber zeigt sich dieser Konflikt
zwischen dem Individuum und der Idee der Menschheit deutlicher als in
der Liebe und dem Ha�, den beiden tyrannischen Herren des Lebens?
Wenn irgendwo, so ist in der Liebe offenbar, da� der Intellekt mit
seinem absichtlichen Wahlverm�gen ganz und gar gegen�ber der Masse der
gefestigten und instinktiven Wahrnehmungen eine sekund�re Rolle spielt,
wie er �berhaupt zu einem feilen Diener und Sklaven unserer
unterbewu�ten Konstitution herabsinkt �berall da, wo es sich um
Grundstimmungen der Seele, Lust und Unlust, Zuneigung oder Abneigung,
vorgefa�te Meinungen und immanente Tendenzen handelt: lauter Vorg�nge,
die vor dem Urteil liegen: _Vor_urteile! Der absolut gescheiteste und
gebildetste Mensch m��te genau genommen f�r jede logische Angelegenheit
genau so viel Gr�nde wie dagegen beibringen k�nnen, und ehrliche Leute
gestehen f�r die meisten Veranlassungen zu, da� es durchaus nicht immer
Verstandesaktionen sind, auf Grund deren sie sich f�r oder gegen eine
Ma�nahme entscheiden. Gegen�ber den sicheren, verl��lichen Funktionen
des Unterbewu�ten ist eben der Verstand ein St�mper, tastend, immer im
Versuchsstadium, nachgiebig und immer �bert�lpelbar. Selbst der
Bedeutendste hat seine dumme Ecke, und Hypnotisierbarkeit des
Bewu�tseins ist durchaus nicht immer ein Zeichen von Kritiklosigkeit und
Intelligenzmangel. Ist so bei gew�hnlichen Emotionen schon der Intellekt
fesselbar durch die Jongleurkunstst�cke des Wortschwalles und der
�berrumpelnden Sophismen, so wird er ganz und gar geblendet, wenn die
vitalsten Spannungen von innen her ihn �berrennen und verwirren.
Begreift man ja doch, namentlich im Erotischen, oft absolut nicht, warum
Dieser Jene oder umgekehrt auszeichnet. Ist in jedem echten
Liebesverh�ltnis nicht stets etwas f�r die Unbeteiligten Unbegreifbares,
warum gerade diese zwei Menschen der verh�ngnisgleichen Fesselung der
Seele unterliegen, die beide wie ein Mandat der Natur, ein unabweisbares
M�ssen empfinden? Wahllos f�hlen gerade diese beiden die verschmelzende
Glut aufsteigen in der Seele, oft beim ersten Anblick, oft l�nger
gesch�rt. Da sehen sie sich an wie Sendboten aus einer nur gemeinsam
erreichbaren, h�heren Welt. Sie sind wie Gesegnete vor dem Altar der
Natur, zur Erf�llung des Mysteriums der Niederkunft einer himmlischen
Seele, zur Hingabe eines neuen Bl�tensprossen vom eigenen Stamm. Wer
Kinder ganz gedeihen lassen will, gibt sich ja eigentlich selbst auf.
Hier vor allem, beim Durchgl�htwerden der Seele in wahllosem Verlangen,
zeigt sich also die ganze dominierende Macht des Unterbewu�tseins in
vollkommener Deutlichkeit. Wer begreift, was es an innerer, zielsicherer
Anschauung f�r Mechanismen waren, die gerade immer dieses Paar mit
unwiderstehlicher Gewalt zueinander hintreiben, so da� geheiligte Wesen
aus den Erk�rten werden, da� sich unscheinbare, leblose Gegenst�nde der
Erinnerung, wie Taschent�cher, Blumen, Locken oder Ringelein mit dem
Glanz geheiligter Reliquien umgeben, zu Fetischismen erheben? Und das
alles ohne jedes Zutun des Bewu�ten, ja oft direkt gegen jede Vernunft,
Satzung, Sitte und Vorteil. Es ist fraglos, da� die Wahl der Entflammten
rein nach dunkel gef�hlten, der Bewu�tseinskontrolle ganz entzogenen,
innerlichen Erg�nzungsgesetzen sich vollzieht, und da� die
Unbegreifbarkeit des Bundes, der man so h�ufig begegnet, oft erst durch
den Anblick schier vollendeter Sprossen der Vereinigung nachtr�glich
sanktioniert wird. Die Instinkte, d.h. die unterbewu�ten Kalkulatoren
unserer vitalsten Notwendigkeit, wissen eben besser als der sich stets
�berhebende und sich oft irrende Chef der Seele, der Verstand, was f�r
Ingredienzien, belebte Bausteine und Materialien n�tig sind, um einen
m�glichst leistungsf�higen Repr�sentanten der Art aufkeimen zu lassen in
dem m�tterlichen Wundergarten. Hier wird am deutlichsten die
geheimnisvolle Hellsichtigkeit unserer im Fundament der Seele Schicht
auf Schicht abgelagerten Erfahrungen, welche �berall andeutungsweise
zutage tritt, wo eine Abblendung des Bewu�ten diese Schichten als den
Alleingehalt und als Prinzip der restierenden seelischen Funktionen
zutage treten l��t: im Nachtwandeln, in der Hypnose, in der Ekstase, in
den dunkelen Ahnungen des Traumes und im Mediumismus. Gestehen wir es
ruhig ein, da wir das r�tselhafte Getriebe unbekannter Kr�fte im
Labyrinth des Unterbewu�tseins nicht kontrollieren k�nnen, da� wir die
Existenz von Kr�ften, die mit den physikalisch und chemisch analysierten
gar nichts gemein haben, nicht ableugnen k�nnen; da� es durchaus m�glich
ist, da� solche von der Wissenschaft noch nicht eingefangenen,
unbekannten Strahlungen doch in unseren Seelen wirksam sind, ohne bisher
je ein Abbild oder einen parallelen Erregungsvorgang in dem Sitz unseres
Bewu�tseins erzeugt zu haben. Man denke bei allen Versuchen, diesem
unerforschten Gebiet oft auf l�cherlichen Umwegen nahe zu kommen
(Spiritismus, Okkultismus), nur immer an die Alchimie, in deren
Brutst�tten in der Hand betrogener Betr�ger zwar nicht direkt das
gesuchte Gold, aber doch die Beherrscherin unserer Kultur, die Chemie,
ihre Geburtsst�tte und Wiege fand, jetzt eine reine Wissenschaft, bei
der die sogenannte reale Exaktheit ihre h�chsten Triumphe schlie�lich
nicht zuletzt in der Umgestaltung in preu�isch Kurant gefeiert hat. So
hat schon jetzt von dem Spiritismus, Hypnotismus, Mediumismus die
Psychologie die allerwertvollsten Anst��e erfahren; lassen wir also das
V�lkchen der verwirrten Dogmatiker ruhig schalten und walten, und
klopfen wir nur den �berbewu�ten Schwindlern ernstlich auf die Finger,
welche raffiniert den v�llig berechtigten inneren Glauben der
Mitmenschen an die oft zitierten "Mehr Dinge zwischen Erd' und Himmel"
teils aus Ulk und Fastnachtsgel�st, teils aus Gewinnsucht und Eitelkeit
geh�rig auszunutzen stets am Werke sind.
Man kann nicht anders, als der Liebe und dem Ha� Mysterien zugestehen,
denn sie sind ja die Funktion�re der Aushebung zum gro�en Marsch der
Menschheitsarmee auf dunkle unbekannte Ziele zu, sie stellen ja die
Methoden der Auslese dar, welche der Auswahl des Dienlichsten vorangeht.
Mit welchen Mitteln die Seele in andern die zwingenden Relationen, die
Erg�nzung des Ichs erkennt, das ist eben das vollkommene Mysterium,
welches die Erforschung dieser Strahlungen und Bahnungen umgibt, eine
Unkenntnis der Pfade und Wegrichtungen, die uns aber doch nicht
berechtigt, die Existenz eines solchen inneren Erkennens zu leugnen. Die
eiserne Notwendigkeit, im Leben zur Erhaltung der Art die der
Beimischung notwendigsten, bef�higtsten Elemente herauszuwittern, sie
macht uns zu Gef�hrten und Geschobenen trotz dem Gef�hl subjektivsten
Willens; vielleicht aber ist das Gef�hl des freien Willens nichts als
eine gn�dige Illusion, eine fromme L�ge der Natur. Die Natur mischt
immer wieder aufs neue fast spielerisch die Karten, zerschmilzt,
zerstampft, l�st auf und harrt geduldig der neuen Kristallisationen, die
sich absetzen in dieser Riesenretorte Welt. Da in den Anf�ngen der
Lebenssprossung die eingeschlechtliche Fortpflanzung die alleinige
Methode der Abtrennung neuer Individuen vom Stammboden war, und erst
sp�ter die zweigeschlechtliche Vereinigung in Form einer Infektion des
Mutterbodens durch das m�nnliche Saatkorn auftritt, kann es nicht
wundernehmen, da� dieser Trennung des keimf�higen Lebensplasmas in zwei
Anteile auch eine grundverschiedene Formation der Seele der
Geschlechtsrepr�sentanten entspricht. Kein Emanzipationsgel�st der Frau
kann die offenkundige, differente Anlage der Geschlechtsnatur der
Lebewesen zu ihrem Hauptzwecke, dem der Erhaltung der Art, verwischen
und damit die ganz anders gegen einander gestellten Funktionen des
Bewu�ten und Unbewu�ten in der Seele von Frau und Mann gleichmachen oder
gleichsetzen wollen. Die unterbewu�ten Funktionen der Frau, ausm�ndend
alle in der Hervorbringung des Wunders aller Wunder, des
Menschensprossen, des neuen Repr�sentanten der Unsterblichkeit, der
Menschheitsidee,--denn was ist ein Kindlein anders, als ein liebliches
Glied der Kette, welche uns hin�berbindet in die Ewigkeit--haben ganz
sicher einen �berragenden Anteil am Seelenleben gegen�ber dem Manne. Die
�berraschende Urspr�nglichkeit der Frau wurzelt eben in der F�higkeit
unterbewu�ter, schneller und zwingender Kurzschl�sse. W�hrend des Mannes
Anteil am Aufbau des neuen Sprossen sich mehr der Ausbildung des
Intellektuellen, des Bewu�ten, des zur Automatie erst sich
Entwickelnden, die Probleme des Lebens bewu�t L�senden zuneigt, hat die
Frau weit mehr den Bestand des schon Erworbenen, Instinktiven,
Automatischen dem Nachgeborenen einzupr�gen (zu vererben). So ist es
naturgewollt, da� die Frau somatischer, der Mann intellektueller ist,
wenigstens ganz gewi� vom Standpunkte der Fortpflanzung aus, den wir--es
hilft nun einmal nichts, so traurig das beim notorischen
Geburten�berschu� weiblicher Wesen klingt--nun einmal in der Natur als
das durchgreifendste Leitmotiv �berall f�hrend und lebendig finden. Wenn
jetzt eine Bewegung durch die Frauenwelt geht, entstanden nicht aus den
unterbewu�t dominierenden Forderungen der Generation, sondern aus den
bewu�ten und zwar �konomischen N�ten der Erhaltung und Ern�hrung des
Individuums, so glaube ich, mu� man die Frage aufwerfen, ob diese
Emanzipation, diese Verschiebung der vitalsten Notwendigkeiten nicht
doch etwas r�ttelt an den Grundbedingungen der nat�rlichen Ordnung, und
ob sie nicht zerschellen wird an der brutalen Tatsache, da� eben es der
Natur �berall weniger auf das Individuum, als auf die Art, weniger auf
das Wohlbefinden des Einzelnen, als auf die ungest�rte Fortentwicklung
des Ganzen ankommt, zwei Gesichtspunkte, von denen der eine menschlich,
verg�nglich, der andere zeitlos und ewig ist. Ist es so gewi�, da� von
dem Gew�hl der Grundtriebe in uns nur ein winziger Teil, n�mlich nur der
ausl�sende Ansto� zur Willenshandlung, in unser Bewu�tsein ausstrahlt,
so kann von den Sinneswahrnehmungen mit Sicherheit behauptet werden, da�
sie doppelt angeschlossen sind: teils m�nden sie in automatische
Sph�ren, und zum anderen Teil im Bewu�tsein, wo sie gleicherweise
Kontakte d.h. Anst��e zur Regulation der bewu�ten und unbewu�ten
Mechanismen ausl�sen, wie das auch vollst�ndig nachweisbaren
anatomischen Strukturbildern entspricht. So z.B. wird nicht alles, was
als Licht oder Schall oder Gef�hl auf unsere Sinnestasten wirkt, als
Lichtempfindung �bertragen, sondern es m�gen ultraviolette Strahlen
ebenso wie T�ne �ber und unter der als Ton wahrnehmbaren Skala unserem
unterbewu�ten Getriebe zugef�hrt werden zur dynamischen Ausl�sung
verschiedener Automatien, ohne da� auch nur ein leise wehender Hauch von
den Tiefen der Unterseele �ber die Tasten unserer Bewu�tseinsklaviatur
dahinf�hrt. Was hier von Licht und Ton gilt, trifft nat�rlich auf alle
Arten von Empfindungswahrnehmungen zu, seien es �u�ere oder innere, vom
vegetativen Organsystem gegebene. So l�sen St�rungen der Bauchorgane zum
Teil Gef�hlsinhalte, Seelenstimmungen ganz typischer Art aus, wie das
von den Hypochondrien sattsam bekannt ist, und es ist fraglos, da� ein
Mensch sich schon leidend f�hlen kann, d.h. einen dumpfen Druck auf dem
Ablauf seiner seelischen Registrierung versp�rt, lange ehe sein
Bewu�tsein oder der Arzt von dem Herd der St�rung etwas aussagen kann.
So erkl�ren sich die allgemeinen Unlustgef�hle der Neurastheniker,
Hypochonder, Hysteriker, bei denen allein der tr�ge, adynamische,
schleichende Ablauf der ern�hrenden Funktionen ohne jede organische
Ver�nderung gen�gt, um mit dem der Lust des Lebens aufgezwungenen
dumpfen Widerstand allein jede Lebensfreude zu verg�llen. Wie im Traume
bei der Abblendung des Bewu�tseins von Raum und Zeit durch die
rhythmische Schlafhemmung Organreize die Motive ausl�sen zu
Ideenverkn�pfungen ganz bez�glichen Inhaltes, so kann bei
Reizaufspeicherungen aus der Tiefe der Minenarbeit unserer somatischen
Apparate die Vorstellung trotz aller ablenkenden Au�enreize immer wieder
hineingezogen werden in die dumpfe Ahnung eines Unheils, einer Gefahr,
einer sich vorbereitenden Katastrophe. Es ist das Ungl�ck der
Hypochondrischen, da� sie recht haben, wenn sie behaupten, da� doch auch
alle schweren Zust�nde von Krankheiten ganz ebenso beginnen: das hei�t
mit dem dunklen Gef�hl einer herannahenden Gefahr. Es ist eine
schwierige Aufgabe, sich an diese scheinbar die Wurzel des Lebens
annagenden Sensationen zu gew�hnen und sie im Bewu�tsein ganz
auszuschalten: immer wieder k�ndet die gr�mliche Miene, da� die gequ�lte
Seele stutzt und nach innen sinnt, als wenn sie lauscht auf das Bohren
und Nagen des b�sen Wurmes tief in geheimen Gew�lben. Umgekehrt wirken
die frischen, kraftvoll dahinflutenden Wellen gesunder rhythmischer
Ausl�sungen im Organsystem befruchtend und lebensgef�hlerh�hend auf
unsere Seele, ein Bad, ein Marsch, eine heitere Gesellschaft enth�lt
eine Unzahl solcher uns unbewu�t einverleibten Impulse, die wie kleine
Peitschenhiebe auf die Zugkr�fte unserer inneren Bewegungen wirken,
wahrscheinlich weil die dadurch im organischen Getriebe erzwungenen
Entladungen alle aufgespeicherte Reservereizung ausgleichen, die
Atmosph�re reinigen. Alle diese Reize wirken aber um so unmittelbarer
auf unser Unterbewu�tsein, je mehr der st�rende Einflu� der Kontrolle
durch das Bewu�tsein abgeblendet ist: im Rausch, im Schlaf, in der
hypnotischen Fesselung der Seele, im Bann einer zentrierenden Idee, im
Rausche der Kunst, in der rhythmischen Ekstase des Tanzes und der
symbolischen Handlungen treten Wirkungen hervor, die eben ihrer
unkontrollierbaren Unmittelbarkeit wegen stets etwas Mystisches an sich
haben, so oft schon als Beweisvorg�nge �bernat�rlicher Gewalten, als das
Wirken d�monischer Kr�fte angesprochen sind. Sie sind aber vielmehr
Dinge, die nat�rlicher sind als viele andere Erscheinungen des
Seelenlebens, �ber die wir uns, durch Erfahrung verblendet, nicht mehr
wundern, denn sie offenbaren nichts als alteingewurzelte F�higkeiten der
Seele, die uns nur deshalb so fremdartig erscheinen, weil sie in ihrem
immer vorhandenen Mechanismus der Kontrolle durch das Bewu�tsein f�r
gew�hnlich entzogen sind. In seltenen Momenten nur wirkt eben das Leben
direkt nach Ausschaltung des Bewu�tseins, �ber dem solange ein h�llender
Schleier des Versunkenseins liegt, auf die automatischen,
alt�berkommenen Zentren, und staunend sieht der Beobachter Sicherheit,
Zweckm��igkeit, Unmittelbarkeit, Zielgef�hl und Innenklarheit bei
deutlichen Anzeichen von psychischer Bewu�tlosigkeit auftreten oft in
einer besonders vollkommenen Reinheit, vollkommener, als er selbst diese
Aktionen unter Beihilfe des oft nur st�renden Bewu�tseins zu vollbringen
imstande w�re. "Ja, wie ist das m�glich, er ging doch ganz sicher", "er
schwankte nicht einen Augenblick" "und war doch augenscheinlich ohne
klares Denken!"--Das sind die gew�hnlichen, staunenden Fragen, auf die
es nur die eine, nur scheinbar paradoxe Antwort gibt: er war so sicher,
eben weil er nicht bewu�t war.
Wir wissen jetzt, da� die Automatie eben dem Problematischen des
Bewu�tseins in vielen Punkten �berlegen ist. Das Unterbewu�tsein hat
also ganz sicher Ortssinn, Muskelsinn und Zeitsinn. F�r die beiden
ersten F�higkeiten, denen durch Abblendung des Bewu�tseins unter
Umst�nden gar nichts genommen werden kann, sind Rauschzust�nde aller Art
beweiskr�ftig, und f�r den Zeitsinn des Unterbewu�tseins sei bemerkt,
da� f�r mich das oft zitierte Aufwachen zu bestimmter Stunde kein
Problem mehr ist, seit ich wei�, da� Helligkeit und Morgengrauen,
Pendelschlag und Glockenton ebensowohl direkt wie �ber den Umweg durch
mein Bewu�tsein hineinreichen in die tiefen Willenslager meines Wesens
und da� man daher nicht zu glauben braucht, da� die in uns stetig
pochende Uhr, das Herz, mit ihrem Sekundenzeiger, dem Pulse, auch
imstande ist, Stunden und Minuten zu registrieren wie ein Chronometer
aus Menschenhand.
Wir sind am Ende unserer Untersuchung. Ich hoffe gezeigt zu haben, da�
es nicht aussichtslos ist, den Blick nach innen zu richten und auf die
scheinbar dunklen Nebel zu achten, welche aus der Tiefe der Brust
aufsteigen in die Helle unseres beobachtenden Geistes. Hier und da
erhascht man, sich selbst streng kontrollierend, doch einen fl�chtigen
Zipfel des Gespenstertuches, und der herabgefallene Mantel zeigt kein so
unbekanntes Gebild, da� man sich erschaudernd davon abwenden oder
erzittern m��te vor dem Ding da, welches, ein Wesen f�r sich, nirgends
in der Erfahrung eine Analogie hat. F�r viele Menschen hat das
Unterbewu�te �hnlichkeit mit den Tiefenungeheuern der See, den
Fabelschlangen, die nur hier und da ihren Leib an das Licht des Tages
erheben. Manche glauben gar nicht daran, andere erschaudern vor der
Mystizit�t seiner Natur, und noch andere, die genau hinsehen, k�nnen
hier und da nachweisen, da� das gef�rchtete Ungeheuer weder eine
Schlange noch ein Unget�m ist, sondern eine auf realen Vorg�ngen
nat�rliche Spiegelung von Gesetzm��igkeiten, die sich im Grunde der See
ebenso lebendig erweisen, wie im Gewoge der menschlichen Seele.
SEELISCHE HEMMUNGEN UND SCHMERZEN
Nicht ohne Verwunderung werden einige, welche vielleicht schon hier und
da meinen Namen in irgendeiner Beziehung zu chirurgischen Dingen nennen
h�rten, die Ank�ndigung dieser Essays �ber Kapitel aus der Seelenlehre
vernommen haben. Aber es scheint bei n�herer Betrachtung doch auch
gerade der Chirurg unter den �rzten alle Veranlassung zu haben, sich mit
dem Wunder aller Wunder, der Menschenseele, recht eingehend zu befassen.
Welch ernste Beziehung von Seele zu Seele, wenn ein leidender Mensch
ohne Bangen und Zagen dem Wundarzt seiner Wahl Leib und Leben
vertrauensvoll f�r Augenblicke h�chster Gefahr in die H�nde legt, in
H�nde, an deren K�nnen und Vollbringen sich oft genug das Schicksal
h�ngt! Wer m��te wohl mehr lernen, das leise und laute Bangen der Seele
zu beschwichtigen und von irgendeiner geheimnisvollen, vielleicht oft
gef�hrlichen Macht der Pers�nlichkeit Gebrauch zu machen, als der
menschlich f�hlende Operateur? Wer s�he �fter die Menschenseele in ihrer
echten Heldengr��e und in ihrer zitternden Unzul�nglichkeit frei von
aller konventionellen Maskerade, als ein Chirurg mit offenen Augen und
lebhaftem Anempfinden! Eins aber qualifiziert meiner Ansicht nach uns
Chirurgen mehr als fast alle anderen Mediziner zur Psychologie, sofern
wir nur wollen, _das ist das psychologische Experiment im gro�en Stil_,
welches wir t�glich anzustellen von Berufs wegen gezwungen sind: die
Narkose, die gewaltsame Bet�ubung der Seele. Ja, ein psychologisches
Experiment allergr��ten Stiles nenne ich es, wenn wir durch Verabfolgung
von fl�chtigen Gasen die Seele zwingen, alle ihre f�hlenden Polypenarme
Schritt f�r Schritt zur�ckzuziehen, damit sie bis in die Tiefe eines
selbst traumlosen Schlafes sich selber unbewu�t verharre im schwankenden
Gleichgewicht zwischen Sein und Nichtsein so tief und so lange, wie es
dem Operateur gef�llt. Wer Tausende von Malen aufmerksam den zu
Bet�ubenden in die Fensterchen der Seele, in die Pupillen geblickt hat,
der sollte doch wohl auch etwas wissen und sagen k�nnen vom Labyrinth
der Brust und von den Tr�umen, die der Seele auf dem Wege in die
Ewigkeit kommen m�gen. Eine Narkose ist ja wie eine Ouvert�re zur
Trag�die des Todes, wenn Gott sei Dank auch nur selten das St�ck bis zu
Ende gespielt wird! Was Wunder aber, wenn bei diesem, ich m�chte sagen,
brutalen Eingriff in ein Getriebe der Seele, gegen welches das
Zauberwerk eines Pr�zisionsinstrumentes aus Menschenhand ein
j�mmerliches St�mperding ist, so leicht der filigranene Schleier
nerv�ser Spinngewebe, um welche die Seele schwebt, zerrei�t und
zerflattert! Was Wunder aber auch, wenn gerade dem Chirurgen immer
wieder der Gedanke sich aufdr�ngt, da� hier ein _Mechanismus_ vorliegt
in dem Vorgange des k�nstlichen Einschl�ferns in wenigen Minuten, oft in
Sekunden, welcher dem Einschnappen einer Bremse, eines Kontrestromes,
einer Hemmung in sehr wesentlichen Z�gen gleicht.
Es ist mir nat�rlich nicht fremd, da� es unter den Psychologen eine
m�chtige Gruppe gibt, welche die mechanische Analyse jeglicher
Gehirnt�tigkeit im Prinzip ablehnt, und ich will im Verlauf dieser
Auseinandersetzungen einmal das Gest�ndnis ablegen, da� ich nicht der
Meinung bin, da� jemals die Physiologie uns den letzten Aufschlu� �ber
das Wesen der Seele und des menschlichen Bewu�tseins geben k�nne. Das
vermag sie ebensowenig, wie etwa die Physik das Wesen der Schwerkraft zu
entr�tseln imstande ist; aber sie kann auf dem Wege des Experimentes und
der Beobachtung immer eindringlicher die Bedingungen _beschreiben_,
unter welchen dieses oder jenes psychische Ereignis eintreten kann oder
mu�. Durch diese Einschr�nkung will ich mich ein f�r alle Male gegen den
Vorwurf eines anma�lichen Materialismus verwahren. Ich m�chte um keinen
Preis diejenigen, welche erkenntnis-theoretisch tiefer in diese Materie
eingedrungen sind, als ich, verstimmen; mit der Aufdeckung eines
Mechanismus ist ja aber nicht zwingend eine materielle Deutung
verbunden. F�r mich ist der Mechanismus der Seele, wie der Mechanismus
�berhaupt, als Weltanschauung gedacht, eine _ideale_ Betrachtungsweise.
Durch Kenntnis des Kontrapunktes und der Harmonielehre ist der Genius
eines Beethoven nicht beleidigt. Gott und seine Werke sind nicht weniger
erhaben, wenn man nach Gesetzen sp�rt, unter denen sie sich offenbaren.
Bei dem Wunderwerk der Seele kann unm�glich eine Betrachtungsweise
ersch�pfend sein, und wie ein tiefer Bergsee gleichsam in jedem Lichte
neue Zauber kundgibt, so vertr�gt es wahrlich das Geheimnis der
"f�nfzehnhundert Millionen Ganglien" geduldig, ob man von dieser oder
jener Ecke des Gelehrtenschreibtisches aus die Brille darauf einstellt.
Frei �ber die Seele reden kann ja schlie�lich doch nur der K�nstler, der
in der gl�cklichen Lage ist, dazu keiner Worte zu bed�rfen oder doch nur
von Begeisterung und Ehrfurcht durchrauschter! Vielleicht gelingt es dem
Thema auf eine kurze Spanne Zeit die verschiedenen philosophischen
Richtungen zu vereinigen, und ich will mich jedenfalls bem�hen, den
Leser m�glichst ohne Fachlupe gleichsam mit blo�em Auge heranzuf�hren an
das Tats�chliche meiner Feststellungen, die ich mir erlaubt habe unter
einem einheitlichen Gesichtswinkel zu gruppieren.
Welche ungeheure Rolle spielt in der gesamten Erscheinungswelt, in dem
Spiel der Kr�fte die Hemmung, der Widerstand! Ein Weltgesetz k�nnte man
daraus formulieren; zu einem philosophischen System k�nnte man ihr
Walten, die Idee von ihr ausgestalten!
Ist nicht jede Form ein Resultat der Bewegung der Materie gegen einen
Widerstand? Was ist die Anpassung anders, als Wirkung von Hemmung und
Widerstand auf das vorw�rtstreibende Leben? Was ist der Rhythmus anders,
als die periodisch gehemmte Bewegung! Was ist Bewegung anders, als die
durch einen Widerstand in bestimmte Bahnung gezwungene Kraft! Und wie
anders w�re Kraft zu erforschen und wirksam zu machen, als durch
k�nstliche und bewu�te Einschaltung von spezifischen Widerst�nden!
Vielleicht k�nnen wir �berhaupt niemals etwas wissen von dem Wesen der
Kraft, sondern lernen und studieren nur immer feiner die Widerst�nde und
die Hemmungen, welche die Urkraft zwingen, in so verschiedener Form in
Erscheinung zu treten. Wer rief die Elektrizit�t in die Erscheinung,
wenn nicht die Einschaltung geeigneter Widerst�nde (Isolation)? W�rde
das Licht ohne Existenz eines �thers �bertragbar, ohne das brechende
Medium analysierbar sein? Wird es nicht sichtbar am Widerstand unserer
Nervenmaterie? Was sagt das Newtonsche Weltgesetz anderes, als da� die
r�tselhafte Eigenbewegung der Gestirne durch Anziehung und Absto�ung in
bestimmten Bahnen dauernd gehemmt ist? Vollenden nicht auch Sonnen ihre
"_vorgeschriebene_ Reise"? Wohin wir sehen: Kr�fte, Eigenschaften,
Bewegungen, die wir noch nicht, ja niemals verstehen k�nnen, und
Hemmungen, Widerst�nde, die wir erforschen, ja willk�rlich ver�ndern
k�nnen. Nur das Studium der Hemmungen enth�llt die Gesetzm��igkeiten.
Erst die Herrschaft �ber die Widerst�nde gibt dem Menschen die
scheinbare Gewalt �ber die Kr�fte oder �bermittelt die Ahnung von ihrer
Gesetzm��igkeit.
So hat sich denn auch bei der r�tselhaften Natur der seelischen Kraft
f�r die Psychiatrie und die Psychologie der Gedanke an das Walten der
Hemmung in der Seele als �beraus dankbar erwiesen; liegt doch in dieser
Betrachtungsweise eine kluge und fruchtbare Beschr�nkung. Ich m�chte
sagen, da� erst mit der weiteren Ausbildung der Hemmungslehre ein
neutraler Boden geschaffen werden wird, auf dem Philosophen jeder
Richtung miteinander verhandeln k�nnen, ohne sofort bei der Frage nach
der Natur der Seele in einige Dutzend feindlicher Heere gespalten zu
werden. Wer die Hemmungen, unter denen sich die seelische Kraft �u�ert,
studiert, pr�judiziert ja nichts �ber das Wesen, �ber G�ttlichkeit und
Unsterblichkeit der Seele, nichts �ber Geisterwesen und Transzendenz,
sondern, da er das Bild nicht zu entbl��en vermag, begn�gt er sich an
dem Studium der Schleier, welche die Himmlische umwallen, und hofft
vielleicht durch leises Betasten der dunklen H�llen ihre Formensch�nheit
zu ahnen. Freilich w�rde die bisherige Annahme der Physiologie, wonach
die Hemmungen im Nervensystem eingeschaltet w�rden gleichsam durch
Kontrestr�me wiederum nerv�ser Natur, nicht viel Terrain gewinnen
lassen, weil wir ja dann wieder angewiesen sind auf das Studium nerv�ser
Kraft, die wir eben nicht entr�tseln k�nnen. Wenn wir uns das Gehirn des
Menschen oder besser sein gesamtes Nervensystem vorstellen als einen
Sternenkomplex von Milliarden kleinster schwingender Sonnenst�ubchen,
die durch ein unnennbar feines Maschennetz von leitenden F�dchen, den
Ganglien und ihren Forts�tzen, miteinander verbunden sind (wobei wir
denken m�ssen, da� dieses Milliardensystem im kleinen Raume des Sch�dels
wunderbar zusammengef�gt ist), und wenn wir annehmen, da� es Str�me und
Erzitterungen elektroider Bewegung sind, welche Empfindungen, Begriffe,
Handlungen ausl�sen--so ist es klar, da� niemals alle diese kleinen
Sinnesspulen, Begriffstaster, Telephone und Markoniapparate s�mtlich
zu gleicher Zeit auf- und niedergehen und sich die goldenen Eimer
reichen, sondern wir m�ssen annehmen, da� immer nur eine oder sehr
wenige Bahnen frei sein k�nnen; alle anderen m�ssen im Augenblicke
des Erklingens einer einzelnen Gruppe ausgeschaltet, gehemmt sein.
Das ist genau so, als wenn ich an meinem Telephon nur dann mit einem
andern Teilnehmer sprechen kann, wenn alle �brigen tausend Nummern des
Anschlusses f�r mich beraubt sind. Nur immer ein Gedanke ist zeitlich
frei, die Milliarden anderen gleichzeitig gehemmt. Alle unsere
Wahrnehmungen, Gedanken, Bewegungen, Willensimpulse sind aus zeitlich
aufeinanderfolgenden Aktionen zusammengesetzt, und in dem schnellen
Wirbel des Ablaufens der Gedankenspule folgt doch immer die T�tigkeit
eines Systems der eines anderen, wenn auch mit Blitzesschnelle. Was wir
die Konzentration des Gedankens nennen, ist in die Sprache der
Hemmungslehre �bersetzt Ausschaltung aller Systeme bis auf eine Gruppe.
Es leuchtet ein, da� also der Ingenieur, welcher unter dem Dache der
Intelligenz sitzt und welcher die Systeme ein- und ausschaltet, der
eigentliche Herr unserer Seele ist. Nimmt man nun mit der allgemein
g�ltigen Lehre an, da� auch dieser Maschinenmeister nerv�ser Natur ist,
so kommen wir mit unserer Assoziationslehre, mit der Lehre, da�
Seelenleben eine Kette von Ganglienzellenbewegungen bedeutet, meiner
Ansicht nach in die Br�che. Dann ist nicht das Gangliensystem, nicht das
Gehirn der eigentliche Sitz der Seele, sondern dann ist der eigentliche
Spiritus rector animae nur der Teil der Nervensubstanz, welcher der
Hemmung vorsteht, dann sitzt der eigentliche Pr�sident unserer Seele in
den �brigens hypothetischen Hemmungszentren, und es wird noch
r�tselhafter, woher denn eigentlich gerade diese kleinen
Bezirkskommandos ihre die ganze Armee beherrschende �berlegenheit
beziehen. Solche Seelenquartiere �ber der Seele, solche Oberseelen
vermehren also meiner Meinung nach nur die R�tsel, statt sie zu
vereinfachen. Das w�re ein Spiel von Seelent�tigkeiten, bei welchem man
niemals klar wird, wer nun eigentlich die Tr�mpfe in der Hand h�lt, wer
einschaltet und wer ausschaltet, dann g�be es nur eine g�nzlich
verborgene mystische Einheit, und jegliche mechanische Analyse der
Seelent�tigkeit w�rde zu einem zwecklosen Spiel mit Worten. Ich mu� es
mir leider versagen, an dieser Stelle des weiteren die Unhaltbarkeit der
Lehre vom Strom und Gegenstrom in unserem Gehirnapparat darzutun, und
mu� mich neben diesen kurzen Andeutungen damit begn�gen, auch auf den
Mangel aller Analogie aus der Elektrizit�tslehre hinzuweisen: erkl�rt
man die Gruppenerzitterungen der Ganglienzellen f�r das Wesen der
seelischen Vorg�nge, so kann man nicht ihre Hemmung als einen analogen
Vorgang auffassen, ohne gleich noch eine Seele �ber der Seele zu
fordern, und ohne zu behaupten, da� der in das Gehirn eindringende Reiz
gleichzeitig zur Erregung und Ert�tung der Nervenstr�me dient. Dann
m��te also dieselbe Ursache auch den Grund ihres Nichtseins darstellen.
Das ist meiner Ansicht nach nur die Maskierung eines metaphysischen
Prinzipes mitten in einer mechanistischen Analyse. So unbefriedigt mich
nun die bisherige Form der Hemmungslehre, wonach also ein Nervenstrom
den anderen aufhebt, gelassen hat, so fruchtbar erwies sich mir eine
andere Betrachtungsweise, welche die hemmende T�tigkeit einem ganz
anderen System _nicht_ nerv�ser Natur �berweist, n�mlich dem an den
Ganglien vor�berkreisenden Blute.
Da� das Blutwasser tats�chlich stromhemmende Kraft hat, kann man, wie
wir noch sehen werden, direkt beweisen, und es mu� nur aufgezeigt
werden, in welcher Weise es an die Gangliensysteme herangelangt. Dazu
bedarf es des Nachweises eines besonderen Apparates, der, an das
Blutsystem angeschlossen, den Blutsaft gegen die Hirnzelle bewegt.
Dieser wichtige Apparat, welcher nach meiner Auffassung die Rolle
isolierender, zwischen die Ganglienzellen eingeschobener feuchter
Platten spielt, ist der Lymphapparat des Gehirns und R�ckenmarks, die
_Neuroglia_. Bisher war man der Meinung, da� dieses feine Maschennetz
bindegewebiger Fasern, in welchem die nerv�sen Apparate im Gehirn und
R�ckenmark aufgeh�ngt sind, eben ein St�tzapparat sei, um welchen sich
die Ganglienketten wie Schlinggew�chse, wie etwa Winden um
Drahtschlingen, st�tzend ranken, ein Gitterwerk, das gleichzeitig die
Bahnen der ern�hrenden Blutgef��chen tr�gt. Die Neuroglia sei, wie die
Wissenschaft sich ausdr�ckt: St�tz- und N�hrgewebe. Dagegen spricht
mancherlei: vor allem die h�chst komplizierte und differenzierte Form
dieses Abk�mmlings des Bindegewebes. St�tz- und N�hrgewebe finden wir
�berall im K�rper: es gibt ebenso, wie es ein kn�chernes Skelett gibt,
ein bindegewebiges. Der Leib ist, wenn man alle spezifische Organmaterie
hinwegdenkt, ein geformter Bindegewebsschwamm, d.h. alle Organe, Muskeln
und Weichteile sind aufgeh�ngt gleichsam in fasergewebigen,
z�hstr�hnigen Maschen und Netzen, gleichwie das Fleisch einer Orange
h�ngt in einem harmonischen Gitterwerk der Fasern. �berall in jedem
Organ ist die feine Struktur dieses Gewebes dieselbe: _nur_ im Gehirn
und R�ckenmark ist dieses St�tzgewebe von unerh�rt kompliziertem Bau.
Die Hirngef��e, und nur sie, umspinnt eine feine geschlossene Drainage
und R�hrenmasse von Geweben, in welchen Blutwasser von den Gef��en
durchsickernd und gleitend gelagert ist; von diesen muffartigen
Gef��r�umen gehen unz�hlige Kan�lchen an alle Gangliensysteme und liegen
in sternf�rmigen Umh�llungen, genau den Formen der vielgestaltigen
Ganglienzellen angepa�t, um die kleinen elektrischen Zentralk�rper, etwa
wie ein allseitig geschlossener Handschuh um die Finger. Diese Strahlen
und Sterne begleiten Fasern und Kugeln der Nervensubstanz und sind
f�llbar und entleerbar von dem plasmatischen Blutsaft, wie Milliarden
kleiner Schw�mme und rispenartiger Futterale. Meine Annahme gipfelt nun
darin, da� diese Neuroglia das ist, was in der Elektrizit�t das
umh�llende Seidengespinst um einen elektrischen Draht, was die
Isolierung der Kabel und Akkumulatoren darstellt, da� ihr funktioneller
F�llungsgrad mit Blutwasser den Kontakt der Ganglien verhindert, und da�
ihr wechselndes Leersein das �berspringen der Seelenfunken beg�nstigt,
Mittels des Blutgef��systemes also vollzieht sich das, was wir vorher
Ein- und Ausschalten des Seelenstromes genannt haben.
Es sei mir gestattet, hier auf den feineren anatomischen Nachweis der
M�glichkeit einer solchen Funktion der Neuroglia, welche ein absolutes
Novum in der Medizin ist, zu verzichten; ich habe in meinem Buche
"Schmerzlose Operationen" diesem Nachweise gen�gend Raum gegeben, hier
will ich mich an die Probe auf das Exempel machen, n�mlich die
Anwendbarkeit dieser Anschauung auf einige besondere Bewu�tseinsformen
pr�fen.
W�re also der gewisserma�en gefilterte Blutsaft von einer solchen
Beschaffenheit, da� seine Anwesenheit zwischen den Ganglien ihre
Kontakte aufhebt, so m��ten, wenn meine Anschauung richtig w�re, die
Vorg�nge, welche Blutwasser im Gehirn pl�tzlich und ohne
Ausgleichsm�glichkeit anstauten, unweigerlich Bewu�tlosigkeit zur Folge
haben. Denn denken wir uns �berall um die Ganglien eine
Fl�ssigkeitsschicht, welche stromhemmend wirkt, aussickern, so m�ssen ja
die Assoziationen unm�glich werden, weil nirgends Erregungsstr�me
kommunizieren k�nnen. In der Tat: das ist der Fall. Dr. _Jordan_ hat in
einer Arbeit �ber ein auf der Insel Java von den Eingeborenen ge�btes
Narkoseverfahren berichtet, welches darin besteht, da� von r�ckw�rts her
dem Kranken am Halse beide gro�en Drosseladern fest zugedr�ckt werden.
Dann ist der Abflu� des gesamten Blutes vom Gehirn gehemmt und es
entsteht das, was am Finger nach einer festen Umschn�rung mit einem
Gummiring sich bildet: ein �bertritt von Blutwasser in die
Gewebsmaschen. Der Finger wird taub, und nicht anders ist es im Gehirn,
es wird auch taub unter dieser gewaltsamen Vollpressung mit Blutwasser,
es verliert die F�higkeit, seine Apparate spielen zu lassen, bewu�t zu
sein: der Betroffene liegt f�hllos und bewu�tlos, wie narkotisiert. Aber
es gibt noch andere M�glichkeiten zur �berstauung des Gehirns.
St�rzt jemand so ungl�cklich, da� ein erheblicher Blutergu� sich
zwischen Sch�delkapsel und Gehirn ansammelt, so verhindert das sich
bildende feste Gerinnsel in �hnlicher Weise den Abflu� des Gehirnblutes
aus der Ader des Galenus und aus den Drosselvenen; die Folge ist wieder
�berschwemmtwerden des Gehirns mit Hemmungssaft, Aufhebung des
Ganglienkontaktes, Bewu�tlosigkeit! Nicht anders, wenn ein Gehirngef��,
verkalkt und br�chig, unter einer pl�tzlichen Wallung beim sogenannten
Schlaganfall birst, und nun das pressende Blutgerinnsel in ganz gleicher
Weise von innen her den Abflu� hemmt; es entsteht wiederum die tiefe und
langdauernde Bewu�tlosigkeit, die so lange w�hrt, bis der Abflu�
reguliert ist und die Ganglien durch Fortfall der umklammernden Hemmung
anschlu�f�hig geworden sind, wobei die entstehenden L�hmungen auf
Rechnung der direkten Aufw�hlung von Hirnsubstanz kommen. Die Mediziner
werden mir gleich zurufen: Halt! es gibt doch Bewu�tlosigkeiten ohne
gehemmten Blutabflu�! Sehr richtig! Es gibt aber auch zwei Formen von
Bewu�tlosigkeit, welche theoretisch und praktisch gerade auf Grund
dieser Anschauungen ganz scharf voneinander zu trennen sind. Wenn in den
erw�hnten F�llen das Bewu�tsein schwindet, weil eine komplette
�berschwemmung mit hemmender Blutfl�ssigkeit die Ganglien festbannt und
ruhigstellt, so ist es klar, da� auch noch auf eine andere Weise gerade
unter Fortfall der Hemmungsfunktion eine Bewu�tlosigkeit denkbar ist,
n�mlich die, bei der s�mtliche Ganglien mit einem Male gleichzeitig
miteinander in Kontakt stehen. Das w�re so, als wenn pl�tzlich in einer
Telephonzentrale alle Meldeglocken gleichzeitig erkl�ngen; auch dann
w�rde die Seele der Station, das Meldefr�ulein, wahrscheinlich jegliche
Fassung verlieren. Im Krankenhausdienst konnte ich nicht genug auf diese
Form der Bewu�tlosigkeit, welche sich also unter einer vollst�ndigen
Entleerung aller Hemmungsmaschen vollzieht, aufmerksam machen. Unter dem
Anprall des Sch�dels gegen eine harte Unterlage entsteht bei der
Gehirnersch�tterung, ohne direkte Verletzung der Substanz des Gehirns,
ein nerv�ser Chok der Blutgef��e, sie erblassen, werden krampfartig
ausgepre�t, und die Folge ist eine reflektorische Starre der Gef��e,
v�llige Leere, Volumenverminderung des Gehirns und Massenkontakt aller
sich nahe ber�hrenden Ganglien. Bewu�tsein ist nicht m�glich, weil alle
Walzen gleichzeitig schnurren und die ganze Hirnorgel in allen Registern
und Pfeifen gleichzeitig erbraust ohne Rhythmus und ohne Melodie. Diese
Harmonielosigkeit ist eben Bewu�tlossein unter Neurogliakrampf und
v�lliger Blutleere des Gehirns. Wie mit einem Schlage erhellt sich uns
nun das ganze Gebiet der Bewu�tlosigkeiten, vom Schwindel bis zur
Ohnmacht, die bei Hirnersch�tterung, beim Chok und bei allen
erheblicheren funktionellen Blutdruckschwankungen auftreten, und bei
denen die ganze Symptomengruppe direkt entgegengesetzt ist jenen Formen
der Bewu�tlosigkeit durch Behinderung des Abflusses. W�hrend bei den
Formen der Bewu�tlosigkeit durch Blutleere (beim Verbluten, bei Ohnmacht
durch Schreck und Schmerz) Kr�mpfe und Herzflattern, flache Atmung und
Gesichtsbl�sse, weite Pupille und Muskelzittern das Bild
vervollst�ndigen, sehen wir bei der Bewu�tlosigkeit durch
Hemmungseinschaltung Regungslosigkeit und Herzstrotzen, tiefe,
schnarchende Atmung, blaues Gesicht und Pupillenenge in Erscheinung
treten. Mangelndes Bewu�tsein aber in beiden F�llen: einmal, weil alle
Ganglien gehemmt, das andere Mal, weil alle zugleich ungehemmt sind. Wie
wunderbar stimmen zu dieser Anschauung die Ergebnisse des Experimentes!
_Albert_, einer der bedeutendsten �sterreichischen Chirurgen, hat in
seinen ber�hmten H�mmerungsversuchen am Sch�del trepanierter Tiere nicht
eher Bewu�tlosigkeit auftreten sehen, als bis die Blutgef��e in Krampf
und Entleerung durch Reflex gerieten. Und _Deutsch_ in Wien sah bei
einem Kinde mit traumatischem Sch�deldefekt und freiliegendem Gehirn bei
jedesmaligem Eintritt von Schlaf die Hirnrinde tiefblau werden. Viele
Chirurgen behaupten auf Grund direkter Beobachtung w�hrend der
Operation, da� das Gehirn in der Narkose blut�berf�llt sei, andere
behaupten noch heute das strikte Gegenteil. Mit einem Schlage wird durch
meine Annahme der Widerspruch guter Beobachtungen aufgehellt: es gibt
eben zwei Formen der Bewu�tlosigkeit: eine hyper�mische mit komplettem
Blut�berschu� und eine an�mische mit komplettem Blutmangel.
So konnte auch in meinem Sinne mit Leichtigkeit eine Theorie des
Schlafes und der schlaf�hnlichen Zust�nde gegeben werden, welche
befriedigen d�rfte. Der Schlaf ist ein aktiver Vorgang der
Neurogliat�tigkeit, eine rhythmisch-periodische Funktion der Neuroglia,
urspr�nglich ausgel�st durch Sonnenuntergang und normal unterbrochen
durch Sonnenaufgang. Er besteht in einer Abblendung des Bewu�tseins f�r
Raum und Zeit, in einer Aufhebung des Orientierungsverm�gens f�r unsere
Umgebung, und vollzieht sich durch eine Blutf�llung der Hirngef��e und
der Neuroglia auf reflektorischem Wege, gleichsam durch eine Dehnung des
Gef��herzens, durch einen Akt der Gef��muskeln, welche sich erweitern
und damit buchst�blich die hemmende Tarnkappe �ber die Gangliensysteme
st�lpen.
Es leuchtet ein, warum, wenn diese Grundanschauungen richtig sind, der
Schlaf keine v�llige Aufhebung des Bewu�tseins erzwingen kann. Da nur
die j�ngsten Sprossen des Gehirnstammes, die Zonen des assoziativen
Denkens, nachweislich anatomisch von solchen komplett f�llbaren
Neurogliamaschen umh�llt sind, kann sich die Schlafhemmung nicht bis auf
die tiefen, unterbewu�ten und automatischen Gebiete unseres
Gehirnlebens, welche durch starres Bindegewebe definitiv isoliert sind,
erstrecken. Mein Ichbewu�tsein ist im Traum v�llig wach, meine
Erinnerung ist lebendig, meine Phantasie steht in v�llig von der Logik
ungefesseltem Spiel und ist im Traum deshalb um so beweglicher, als alle
Arten von Au�enweltreizen, ein bellender Hund, eine schlagende T�r, ein
Schu�, ein Ruf, ein Lichtschein, durch meine Lider einfallend zeitweise
und ruckartig imstande sind, die Hemmung zu durchbrechen und unter dem
Spiel zwischen Aktion und Ausschaltung das Kaleidoskop des Traumes immer
von neuem zu sch�tteln. Ein ewiger Strom von Lebensreizen flutet auch
unter dem Zeltdach des Schlummers durch die Gem�cher unserer Seele.
Str�me, die mit aller Gewalt, wie starke Affekte, unsere Harfe in der
Seele durchtoben, Erregungen, die im Laufe des Tages ihren Ausgleich
erzwingen in entschlossenem Willen und Handlungen, sind gemeinhin nicht
Gegenst�nde unseres Traumlebens. Die feinen, schnell verrauschten
Motive, welche der brausende Strom des Lebens leicht f�r den Augenblick
�bert�nen kann, sind es, welche sich im Netz der sinnenden Seele bei
Tage fangen wie schillernde Fliegen im Gespinst der Spinne und nun des
Nachts ihre luftigen Schwingen wieder heben. Ein tiefer Schmerz, ein
Ereignis, das uns laut aufschluchzen oder jauchzen l��t, ist gew�hnlich
kein Traummotiv, aber wenn wir uns belauschen, die kleinen, die
verlorenen, die nur gestreiften Dingelchen sind es, die bei Nacht der
Bildnerin Phantasie die bunten F�dchen in die H�nde spielen.
Sie webt nun im Gegensatz zur registrierenden Logik des wachen
Bewu�tseins in einer unter dem Teppich der Hirnhemmung w�hlenden,
umgekehrten Richtung die Ganglienbildchen aneinander, flickt dieses
Glied an jenes, aus allen Tierreichen Torso an Torso, bis Wunderwesen
mit Fl�geln und Flossen, Schuppen und H�ckern entstehen, bis gespiegelte
Taten und Ereignisse sich reihen zur sinnigsten Unsinnigkeit. Nur wer
ganz tief schl�ft, tr�umt nicht, nat�rlich: weil die Hemmung zu fest die
Tasten niederdr�ckt, als da� ein Nachtelfchen der Idee �ber die
Klaviatur dahinhuschen k�nnte.
W�hrend also im Wachzustande die Registerz�ge und Stimmentaster unserer
Hirnorgel in ewigem Wechsel bald tausend Gruppen dieser, bald jener
Gangliensysteme vom Strom seelischer Erregungen erklingen machen, wobei
der Rhythmus des pulsenden Herzens zugleich mit dem so empfindlichen
Spiel der Gef��verengerer und -erweiterer das eigentliche Schwungrad des
Betriebes abgibt, flackert in der Stille des Schlafes nur hier und da
ein leiser Akkord unter dem D�mpfer der Hemmung auf. W�hrend dem wachen
Gehirn die Reize von au�en in tausend Gruppenmeldungen und Erzitterungen
der Ganglien zugef�hrt werden und sich in elektroiden Anh�ufungen zu
Vorstellungen und Willensaktionen verdichten, wobei jedem eindringenden
Reiz sein seelisches �quivalent entspricht, entstehen im Schlafe die
Gedanken als Bewegungen gleichsam verschluckter Spannungen und kreisen
ohne Ausgleich, wie gefangene wei�e M�uschen, im Gehege und Gitterwerk
der feinen Nervenlabyrinthe. Wo eine L�cke, ein Spalt von der Hemmung
freigelassen ist, dahinein geht der Strom der Tr�ume immer vor und
zur�ck stets in der Richtung des geringsten Widerstandes. Denn wie jede
Bewegung gehorcht auch der Gedanke dem Gesetz der Richtung gebenden
Macht des Widerstandes. Nehmen wir an, da� der Hemmungsfortfall in der
zuckenden Neuroglia diese Richtung bestimmt, so sind wir in einem
psychologischen Irrtum befangen, wenn wir davon sprechen, da� wir unsere
Aufmerksamkeit auf irgend etwas konzentrieren; in Wahrheit konzentriert
dieses Etwas uns. Das was wir "bewu�t aufmerken" nennen, ist das Gef�hl
von dem Zug und Z�gel, welches die Dinge an unseren Nervenf�dchen
aus�ben.
Auf den feinsten Nervensaiten
Pr�ft ein Spielmann sein Gedicht,
Wohl f�hlst du die Finger gleiten,
Doch den Spielmann siehst du nicht!
Dieser gro�e Spielmann kann ebensowohl ein transzendentes Wesen sein,
wie die unfa�bare und unentwirrbare Summe der Wirkung aller Weltendinge
auf uns. Denn alles wirkt auf alles und in jeder Entfernung, ob mit, ob
ohne Draht und Nervenf�dchen. Die Seele des Menschen gleicht einem
Prisma, einer frei im Raume getragenen Markonitafel, in denen sich die
Weltenstrahlen brechen; dieses Medium, in welchem sich Sonnenlicht,
�therwelle und jeder Reiz transformiert, ist einzig Objekt
wissenschaftlicher Analyse. Wir studieren auch hier nur die Hemmungen,
welche sicherlich den Schwingungen einer Weltseele in unserem Leibe wie
in den Saiten einer �olsharfe entgegengespannt sind, und k�nnen nur in
uns hineinlauschend den Anprall des Odems der Natur zu einem
ahnungsvollen Liede vereinen. Die Reizbarkeit, welche schon die
Fr�hgeborenen des Lebens besitzen, gilt es nachzuweisen auch in den
h�chsten seelischen Funktionen, die Widerst�nde aufzufinden, unter
welchen die Seele dieses tut und jenes l��t: das ist einzig, ohne
vermessen auf den Grund des Lebens zu langen, Gegenstand
naturwissenschaftlicher Forschung. Warum und wodurch diese Reizbarkeit
zu Geist wird, kann nur der beantworten, welcher der Erfinder und
Sch�pfer dieses Weltsystemes ist.
F�r mich ist also der Schlaf die Folge eines periodischen
Au�erbetriebsetzens unserer gesamten Orientierungsapparate, welche wir
Ganglien nennen. Ein D�mpfer wird eingeschoben, eine Hemmungskurbel
gedreht, und der wesentliche Lenker dieses Hemmungsmechanismus ist der
Fortfall des Reizes des Sonnenlichtes und seine periodische Wiederkehr.
Die diesen Reiz �bermittelnden Nervenfasern geh�ren nicht zum
Zentralnervensystem, sondern sie geh�ren zu dem Sonnengeflecht des
Sympathikus und zu seinen Abk�mmlingen, welche �berall die Gef��e vom
Herzen bis in die feinen �stchen des Lebens umranken. In den Ausl�ufern
des Hirngef��systemes kreist aber der hemmende Saft, der besonders
dazu gebildetes Gewebe durchtr�nkend die Ganglien an gegenseitigem
Kontakt verhindert. So wird endlich einmal klar, warum der,
entwicklungsgeschichtlich gedacht, fr�heste Nerv, die erste in der
Tierreihe auftauchende Andeutung eines nerv�sen Apparates, der
Sympathikus, der Seele Erstgeborener, an Weichtieren zum ersten Male zu
einer Zentrale der Reaktionen ausgestaltet, auch im Gottmenschen des
Genies noch der Herr des Lebens bleibt! Auch die feinsten und
erhabensten Gedanken eines sch�pferischen Gehirns werden in Schranken
gehalten von der gleichsam das gesunde Wachstum der Ideen garantierenden
und sch�tzenden Faust des eigentlichen Lebensnerven, des Sympathikus!
Hier liegt die einzige, anatomisch begr�ndete Grenzscheide zwischen
Genie und Wahnsinn. Denn wehe! wenn seine Wurzeln erkranken und damit
die Hemmungen fortfallen, welche der lebenf�rdernden Harmonie der
seelischen Erregungen �bergeordnet sind. Die Psychiatrie wei� genug zu
berichten von der Entg�tterung der menschlichen Seele, die Platz greift,
wenn der Hemmungsmechanismus fehlerhaft funktioniert. So hat mir diese
Anschauung auch Aufschlu� gegeben �ber die Natur des Temperamentes,
indem danach sehr wohl eine geringere oder st�rkere Hemmungsf�higkeit
des Blutsaftes des Individuums und ganzer Nationen die Ursache f�r die
gr��ere oder geringere Schnelligkeit der Ausl�sungen seelischer Kontakte
sein kann. Ja diese Anschauung vers�hnt einigerma�en die Wissenschaft
mit der tief in allen V�lkern lebenden Vorstellung vom "guten und
schlechten Herzen" als einem Teil seelischer T�tigkeit. _Das Herz ist
danach nicht so unbeteiligt am Gem�ts- und Seelenleben, als man
gemeinhin denkt._ Nicht nur, da� seelische Erregungen sich nachweislich
dem Herzen mitteilen, sondern auch die T�tigkeit des Herzens und die
Beschaffenheit des Blutes hat danach verst�ndlichen Einflu� auf unsere
Allgemeingef�hle. Die sprachliche Wendung: "das liegt ihm im Blute" ist
also nicht so sinnlos, wie sie scheint, wie �berhaupt die Sprache ja oft
f�r den Hellh�rigen die alleinige Verr�terin tiefster, geheimnisvoller
Vorg�nge im Getriebe des Gehirns ist, was nicht wundernehmen kann, da
sie ja eine Art Projektion zentraler Mechanismen ist. Wie ungeheuer gro�
ist das Kapitel vom Zusammenhang seelischer Zust�nde mit der krankhaften
Ver�nderung der Bluts�fte! Schritt f�r Schritt k�nnen wir in der
Pathologie verfolgen, wie der Gem�tszustand direkt in Abh�ngigkeit steht
von der Beschaffenheit der _Blutmischung_. Wie fein reagiert das
Nervensystem auf die geringste Abweichung des Mischungsverh�ltnisses der
einzelnen Komponenten! Die Vorg�nge dabei sind viel zu pl�tzlich und
reflex�hnlich, als da� sie allein durch eine chemische Alteration
erkl�rt werden k�nnten. Eine leise Verstimmung des Magens, eine
Obstipation kann uns tief melancholisch machen, und eine gro�e Freude
rei�t mit der Erh�hung des Blutdruckes im Gef��system und der
Beschleunigung des Blutstromes ohne weiteres die Trauerschleier vom
Antlitz unseres vergr�mten Gem�tes. Der Gef��nerv (Sympathikus) und die
durch ihn erzwungene wechselnde F�lle der Neurogliazotten l��t eben die
Assoziationen in allen Graden erleichterter oder erschwerter Kombination
vor sich gehen.
Die Beteiligung des Herzens, des Blutdrucks und der Neurogliaf�llung in
Form eines ein- und ausschaltenden Isolationsmechanismus gibt auch einen
Schl�ssel, warum unsere Seele gleichsam auf eine rhythmische Natur
gestimmt ist. Der Urgrund, warum der Mensch ein tiefinnerliches
Grundgef�hl f�r Rhythmus und Gegens�tzlichkeit, f�r Dualismus, f�r die
Zweiseitigkeit aller Dinge auf Erden hat, ist eben in dem rhythmischen
Ein- und Ausschalten unserer Wahrnehmungsapparate, der Ganglien,
gegeben, da sie urspr�nglich vom Pulse diktiert werden. Das Gehirn
pulsiert ja sogar sichtbar, wenn man es freilegt, selbst an kleinster
Stelle. Flutet die Blutwelle mit der Zusammenziehung des Herzens hemmend
zwischen die kleinen Seelentelephone, so werden sie abgestellt, um beim
Nachla� und Abstr�men des hemmenden Mediums schnell nacheinander wieder
bahnfrei zu werden. Die Aufeinanderfolge der einzelnen Systeme wird
dabei reguliert vom Spiel der Gef��nerven, welche, das mu� immer wieder
direkt betont werden, einem ganz eigenen Nervenkomplex, dem Sympathikus
angeh�ren, der einen gleichsam zwischen Hirn- und R�ckenmark
eingeschalteten automatischen Stromregulator darstellt. Auf allen den
Millionen Pfaden der Sinnesstra�en str�men unaufhaltsam und
ununterbrochen Reizwellen zum Gehirn. Sie alle werden gestaut in den
unz�hligen Reizakkumulatoren und Transformatoren des Gehirns, den
Ganglien, und erst wenn die feuchte Platte der Neuroglia
stromdurchl�ssig wird, springt die Blitzkette der Entladungen von System
zu System, immer die L�cken erhaschend, welche die geschw�chte Hemmung
offen l��t. Das ist die Bahnung, die �bung, die Einschleifung in meiner
Auffassung. Darin, da� die �ffnung und Schlie�ung dieser Bahnen
rhythmisch erfolgt, liegt der Grund f�r die Rhythmik unseres Tuns und
Denkens, der Grund zur Rhythmik der Arbeit, zur Hebung und Senkung
unserer Sprache, zum Verse, zum Liede, zur sch�nen Linie, zur
Architektur, genug zur Gesamt�sthetik. Denn im Grunde ist alles das
meinen Sinnen wohlgef�llig, was ihrem nat�rlichen Rhythmus von
seelischer Ein- und Ausschaltung sich einf�gt, und unlustgebend
dasjenige, welches ihm widerhaarig ist. Daraus folgt auch, da� der
�sthetische Geschmack darum so verschieden ist, weil der Rhythmus
etwas durchaus Pers�nliches, an mein Temperament, an meine
Apperzeptionsf�higkeit in einer gewissen Zeiteinheit, n�mlich der
zwischen Systole und Diastole des Herzens, Gebundenes darstellt. Ich
kann hier nat�rlich nur andeuten, wie aus der durchschnittlichen Einheit
von 60 Schl�gen in der Minute der Mensch sein Zeitbewu�tsein hergeleitet
hat, indem ja in ihm eine wirkliche Uhr, das Herz, von Anfang an ihr
Ticktack schlug, genau so, wie er den Fu� und das Fingerglied zum
Raumma� und die f�nffache Strahlung der Hand zum Dekadenzahlsystem
ausbaute. Da nun, wie experimentell nachweisbar, unser Herzrhythmus
unter den allerverschiedensten Einfl�ssen schwankt, wie die Wirkung von
Mensch auf Mensch direkt am Pulse me�bar wird, so versteht man besser
als sonst, warum in der Kunst ein so starkes Moment der Aufsuggerierung
eines pers�nlichen Rhythmus zur Geltung kommt, welches den Zuh�rer oder
Beschauer v�llig in den Bann des Sch�pfers sch�ner Rhythmen zwingt. Das
Hingegebensein des eigenen Seelengetriebes an ein m�chtiges fremdes, die
Seele neu erf�llendes Durchwogen und Durchgl�hen ist eben die Quelle
jedes echten �sthetischen Genusses, nach dem sich ein bewegliches Herz
dauernd sehnt.
Habe ich damit die mechanische Seite der Suggestion gestreift, so ist
von hier bis zur Analyse der Hypnose auf mechanischem Wege nur ein
Schritt. Wenn nach unserer Anschauung die Sonne in ihrer rhythmischen
Beleuchtung und Verdunkelung der Erde, resp. die Erde selbst in ihrer
rhythmischen Abkehr und Neigung zum Licht einen periodischen,
naturgegebenen Hebel zum Ein- und Ausschalten des Bewu�tseins abgibt, so
mu� es ja auch auf andere Weise durch Reflexhyper�mie im Gehirn m�glich
sein, Schlaf und schlaf�hnliche Zust�nde zu erzeugen. Nun, das
Streicheln, das Wiegen, das K�mmen, das Fixieren, das Z�hlen, das Ticken
der Uhr--das alles sind deshalb schlaff�rdernde Mittel, weil verm�ge der
gleichm��ig das Gehirn treffenden Reize die Neuroglia um so leichter
�bergewicht �ber die Zellaktion erh�lt, je mehr durch Konzentration auf
einen Punkt die Hemmung an Macht gewinnt. Gerade wie im Alkoholrausch
der n�chtliche Schw�rmer schlie�lich immer dieselbe Geschichte erz�hlt,
ehe sein m�des Haupt sich zum Tisch oder unter den Tisch neigt, so l��t
der Hypnotiseur auf dem Wege reflektorischer Hemmungsverst�rkung das
Bewu�tsein seitlich ringsumstellen und von den H�schern fl�chtiger
Gedanken umgeben. Alle Vorg�nge eben, welche geeignet sind, dauernd die
Neurogliazotten in Erweiterung und F�llung zu halten, bringen
Kontakthemmung und bei l�ngerer Dauer den Schlafzustand, also auch die
_reflektorische_ Gef��weite. Alle schlaf�hnlichen Zust�nde k�nnen auf
_mechanische_ Weise einheitlich erkl�rt werden, selbst Morphium und
Chloroform wirken zun�chst nur als Entfalter einer durchaus
physiologischen Funktion des Gehirns, indem sie ebenso wie der Alkohol
im Beginn Gef��verengerung, damit Erregungen, Exzitationen, leichte
Anschl�sse, spielende Gedankenflucht �ber alle Problemh�hen und -tiefen,
und mit der Leichtigkeit der Ausl�sung von Ganglienfunktionen eine hohe
Steigerung des Ichgef�hls hervorbringen, erst dann mit der allm�hlichen
l�hmenden Erschlaffung der Gef��e, in welchen das Gift kreist, die
Einengung und Abblendung des Bewu�tseins zuwege bringen, so da� der
k�nstliche Schlaf so auf ein Haar dem nat�rlichen gleicht. Man hat eine
allzu �bertriebene Hochachtung vor der Dauerhaftigkeit der feinsten
Hirnstruktur, wenn man meint, da� z.B. eine Auslaugung des Fettes aus
den Hirnzellen durch das str�mende Chloroform der eigentliche Grund der
Narkose sei, wonach also das Bewu�tsein ausgewischt w�rde, etwa wie ein
Fettfleck durch Benzin. Tr�te wirklich das Gift ohne diesen segensvollen
Maschenfilter der Neuroglia jemals an die Zellen direkt als chemisch
aktive Substanz heran, so w�re stets eine direkte Verleimung des
Gehirns, die Zertr�mmerung der Apparate die Folge. Nur deshalb ist die
Narkose in Wirklichkeit kein so brutaler Eingriff, weil man niemals mehr
Gift im K�rper kreisen zu lassen braucht, als gerade gen�gt, damit das
Spiel des auch im nat�rlichen Schlaf t�tigen Mechanismus ausgel�st
werde.
_Eine_ schlafbringende Ursache will ich noch erw�hnen, welche allen
Schlaftheoretikern gro�e M�he gemacht hat, das ist die Schlafsucht beim
Erfrieren. Soll hier, w�hrend ein vor Frost erstarrender Organismus
langsam in Schlaf versinkt, sich gerade aus dem daniederliegenden
Stoffwechsel ein Schlafgift produzieren? oder soll die sonst doch so
frisch und wach machende Abk�hlung der Haut hier ausnahmsweise h�chste
M�digkeit erzeugen? oder ist es nicht vielmehr im sch�nsten Einklang mit
unseren Vorstellungen, da� durch allseitige extremste Verengerung der
Blutgef��e in Haut und Gliedern die inneren Organe blut�berf�llt und
damit die Neuroglia zur totalen Hemmungseinschaltung gezwungen sein mu�?
So nur verstehen wir die frisch machende Wirkung kurzdauernder
Abk�hlungen, die Erleichterung der Assoziationen im Nervensystem durch
Kaltwasserkuren usw., wenn wir annehmen, da� die der Abk�hlung schnell
nachfolgende Blutf�lle in der Haut die Hemmungsfilter im Gehirn entleert
und so die Ganglien erregungslustiger macht. So auch begreifen wir,
warum man im dauernd k�hlen Zimmer besser schl�ft als im �berhitzten, ja
sogar, warum wir beim Umw�lzen der Bettdecke von der K�hlung der Haut
die Wiederaufnahme eines unterbrochenen Schlafes erhoffen. So auch
erkl�rt es sich, da� die Inanspruchnahme gro�er Blutmengen zur Verdauung
bei �berf�lltem Magen das Gehirn blut�rmer und darum aufgeregter und
ruheloser macht und da� irgend eine dauernde Ablenkung von Blutmengen
aus dem Gehirn unruhiges Tr�umen zur Folge hat.
So lernen wir aber auch verstehen, warum die ganze Skala der
Giftwirkungen immer zwischen Erregung und L�hmung hin und her schwankt,
weil diese beiden Funktionen vornehmlich gebunden sind an die T�tigkeit
der Neuroglia, welche wie ein sch�tzendes Filter vor den feinsten Teilen
des eigentlichen R�derwerkes ausgespannt ist. W�re die pathologische
Anatomie nicht allzusehr im Banne von der St�tznatur der Neuroglia, sie
h�tte schon l�ngst vielleicht n�heren Aufschlu� �ber die
Funktionsst�rungen als Folge prim�rer Neurogliaerkrankungen geben
k�nnen. Wenn F�llung, Ausschwitzung, Gerinnung, Verfettung, Verkalkung
usw. in ihr erst auf ihre eventuellen funktionellen Folgen gepr�ft sein
werden, d�rfte auch f�r die Heilung von Geisteskrankheiten mit ihrer
vielfachen Beziehung zur Blutmischung diese Anschauung fruchtbar werden
k�nnen. Ich will nach dieser Richtung nur ganz entfernt die M�glichkeit
der direkten Durchsp�lung der Neuroglia vom Blutgef��system, die Wirkung
des Aderlasses, die eventuelle chirurgische Entlastung des Hirn�dems,
der apoplektischen Blutungen usw. andeuten. Die M�glichkeit, da� man
durch Einverleibung von verschieden prozentigen Kochsalzl�sungen in das
Venensystem, mit der Schaffung einer k�nstlichen Plethora zusammen mit
dem nachfolgenden energischen Aderla� �berall im K�rper, also auch im
Gehirn, sehr wirksame Resorptionsvorg�nge anregen kann, steht f�r mich
schon heute au�er allem Zweifel.
Dieser langen, zum Teil sich leider wiederholenden Auseinandersetzungen
bedurfte es, um einigerma�en im Rahmen dieser locker gesammelten
Abhandlungen meine Anschauung zu entwickeln, unter R�cksichtnahme auf
diejenigen Leser, welche nicht gen�gend Physiologen sind, wodurch meine
Definitionen leider schwerf�llig und unbeholfen werden mu�ten. Ich kann
mich daf�r aber mit den folgenden Betrachtungen um so rascher abfinden.
Bei der Frage nach der Natur des Schmerzes mu� meiner Meinung nach jede
Beantwortung _beide_ Formen schmerzhafter Empfindung, die seelischen wie
die k�rperlichen, in Betracht ziehen, weil nur auf diese Weise eine
Definition wirklich ersch�pfend sein d�rfte, und weil beide Formen der
schmerzhaften Bewegungen in unserem K�rper eine gro�e F�lle von rein
physischen Ber�hrungsfl�chen darbieten; ich erinnere nur an die
mimischen und sekretorischen Begleiterscheinungen des seelischen und
k�rperlichen Schmerzes, an das Weinen und Gesichtverzerren, ferner an
die Beteiligung der Atmung, an Schluchzen und Schrei, an
Pupillenvergr��erung in seelischer _und_ k�rperlicher Angst und an
andere gemeinsame unerfreuliche Wirkungen der Unlustzust�nde, um die
Notwendigkeit einer gemeinsamen mechanischen Begr�ndung zu betonen. Was
n�tzt es zum Beispiel in dieser Richtung, wenn wir, wie jetzt viele
Neurologen, mit der Ansicht uns begn�gen wollten, da� der Schmerz eine
ganz spezifische Sinnesenergie vorstelle, da� also in unseren seelischen
Orientierungsapparaten ganz bestimmte Einrichtungen gleichsam
W�chterdienste gegen die herannahende Gefahr bei Verletzungen aller Art
�bernehmen? Abgesehen davon, da� man auf diese Weise notwendig zu dem
tief pessimistischen Prinzip einer Sch�pfungstheorie kommt, die den
Schmerz als ein von Anbeginn dem Menschen aufgeladenes Kreuz darstellt,
wozu die Legende aus der Bibel vom verlorenen Paradiese und dem Fluch
des Erzengels einige Berechtigung g�be, abgesehen von dieser k�hnen und
gef�hrlichen Meinung, als sei jedes Lebewesen eigens dem Schmerz
ausgeliefert und vorbestimmt, l��t die Lehre von der Spezifit�t der
Schmerznerven eben den psychischen Schmerz v�llig in der Luft schweben.
Aber auch sonst l��t sich vieles gegen eine solche Anschauung
vorbringen. Als schlagendstes Argument gegen den Bestand bestimmter, nur
Schmerz leitender Nerven--spezifisch schmerzleitend in dem Sinne, wie z.
B. der Sehnerv nur Licht leiten kann--will ich eine Beobachtung
anf�hren, welche ich als erster bei Operationen unter meiner �rtlichen
Schmerzlosigkeit gemacht habe, und welche sp�ter h�ufig, so namentlich
von _Lenander_ in Stockholm, best�tigt ist. Als ich am Bauchfell
operierte ohne Narkose bei vollem Bewu�tsein des Patienten unter
Anwendung nur �rtlicher Bet�ubung, bemerkte ich, da� das normale,
blasse, nichtentz�ndliche Bauchfell auch ohne Einspritzungen ohne
Empfindung gegen Stich, Schnitt und Hitze ist, da� aber nach wenigen
Minuten an den der Manipulation ausgesetzten Stellen nach vorheriger
R�tung Schmerz auch gegen leiseste Ber�hrung auftritt. Ist der Schmerz
ein nur auf spezifischen Bahnen geleitetes Spezialgef�hl, wie ihn die
moderne Neurologie zu definieren geneigt ist, so m�ssen in einer Spanne
Zeit von wenigen Minuten Schmerznerven wachsen k�nnen, denn K�rperzonen,
die eben noch nicht empfindlich waren, werden es gleichsam unter den
H�nden. Hier ist mit der Annahme, da� der Schmerz nur auf vorgebildeten
Bahnen geleitet werden kann, nichts anzufangen; denn es fehlen im
Bauchfell g�nzlich solche vorgebildeten sensiblen Bahnen, und doch
gewinnt es bald die F�higkeit, zu schmerzen. Wer besondere Schmerzbahnen
annimmt, mu� sich vorstellen, da� diese Leitungsdr�hte des Wehgef�hls
innerhalb der B�ndel der hinteren R�ckenmarksnerven zusammen mit den
anderen Str�ngen f�r das Tast-, W�rme- und Muskelgef�hl verlaufen, und
m��te unbedingt die zentralen Ausstrahlungen dieser besonderen B�ndel
auch als eigentliche _Schmerzzentren_ im Gehirn nachweisen. Hier aber
gerade hat diese Theorie ein arges Loch: nicht nur fehlt jede Spur eines
Nachweises von Schmerzzentren im Gehirn, welches doch gerade die
Neurologen so ausschlie�lich als den Sitz der allgemeinen seelischen
Apperzeption hinstellen, sondern es ergibt sich aus vielfachen, auch
eigenen Beobachtungen, da� das Gehirn selbst absolut ohne
Schmerzempfindung ist. Der ber�hmte Kopfschmerz ist entweder Schmerz der
Hirnh�ute oder Schmerz des weitverzweigten Nervus Trigeminus, der nicht
mehr dem eigentlichen Gehirn angeh�rt. Es w�rde also bei diesen
gewichtigen Einw�nden gegen die Theorie von der Spezifit�t der
Schmerznerven eine andere, welche dieser Spezifit�t nicht bed�rfte und
doch alle bekannten Ph�nomene des Schmerzes verst�ndlich zu machen
verm�chte, entschieden den Vorzug verdienen.
Eine solche Theorie glaube ich auf Grund meiner Anschauung von dem
Hemmungsmechanismus geben zu k�nnen.
Der Schmerz ist ein Allgemeingef�hl der Unlust. Ist der gleichm��ige und
harmonische Ablauf der gesamten K�rperfunktionen die Quelle vom Gef�hl
der Gesundheit und der Lust, so mu� bei den Unlustempfindungen dieser im
naturgegebenen Rhythmus schwingende Gleichklang aller Kraftstr�mungen im
Organismus gest�rt sein. Schon das besondere rein funktionelle
Bemerkbarwerden eines einzelnen Organsystems, etwa der gef�hlte
Pulsschlag des Herzens oder der Arterien, kann dadurch, da� er die
seelische Orientierungsspannung von der Au�enwelt weg auf eine Lokalit�t
des K�rpers zur�ckzulenken zwingt, St�rungen des Allgemeingef�hls im
Sinne der Witterung einer Gefahr veranlassen. Das Gef�hl der F�lle im
Leibe, die Spannung in einem Muskelsystem, Steifigkeit in den Gelenken,
kann schon ohne jede Schmerzempfindung starke psychische Beunruhigung
hervorrufen. Auch jedes Flimmern vor den Augen, jedes Summen im Ohr,
Kribbeln in der Haut, kann bei l�ngerer Dauer mit dem Gef�hl der
Unbehaglichkeit bis zur Qual verbunden sein, d.h. _jeder
Funktionsst�rung ist der Gedanke an eine nahende oder doch m�gliche
Gefahr assoziiert_. Wenn ein Sehnerv, welcher eben nur f�r Licht
empf�nglich ist, exzessiv gereizt wird, etwa bei Verletzung oder
Durchschneidung, so wird zwar dadurch kein Schmerz erzeugt, aber die
auftretende Flammengarbe von Lichtempfindungen verursacht einen tiefen
seelischen Sto�, auch ohne direkten Schmerz. Also auch die spezifischen
Sinnesorgane k�nnen wie jedes Organsystem alarmierende Meldungen im
Gehirn und R�ckenmark ausl�sen. _Schmerz aber verm�gen nur die
Nervenbahnen zu leiten, deren Ber�hrung an sich normaler_weise
_Tast_gef�hle ausl�st. Das sind die sensiblen Nerven und der
Sympathikus, deren Ausbreitung zu Endkolben und Endgeflechten in allen
nerv�sen H�uten und der K�rperh�lle Platz gefunden hat. Wann entsteht
nun z.B. von der Haut her Schmerz? Immer nur dann, wenn das Gehirn durch
die abnorme, geh�ufte Art der Reizung nicht mehr in der Lage ist,
Einzelmeldungen und Sonderkontakte zu differenzieren, wenn die Meldungen
nicht mehr streng innerhalb der gegenseitig durch die Nervenisolation
gegebenen Bahnen bleiben, sondern wenn durch gewaltsame Ann�herungen und
Sprengungen, durch seitliches �berspringen und Defektwerden der
Nervenscheiden transversale Massenkontakte ausgel�st werden. _Der
Schmerz ist ein Kurzschlu� elektroider Spannungen im Nervensystem._
Dr�cke ich gewaltsam eine Hautfalte zusammen, so presse ich unz�hlige
Tastk�rperchen seitlich aneinander. Die Folge ist zun�chst Kribbeln und
Jucken, das auch schon beim Streichen und Kitzeln durch Vibration der
Hautzottenleisten entsteht; dann folgt bei gewaltsamem seitlichen Druck
und in ganz gleicher Weise bei �tzung und Brand ein Defektwerden
der Bindegewebsh�llen der Nervenapparate, welche hier genau der
Funktion der Neuroglia im Gehirn entsprechen, d.h. ich st�re den
Isolationsmechanismus, so da� seitlich elektroide Funken �berspringen.
Die Folge sind massenhafte reflektorische Alarmsignale, d.h.
gleichzeitige und aus den Bahnen geworfene Gruppenmeldung in einer Form
und Intensit�t, auf welche normalerweise die Seele nicht eingestellt
ist. Diese Alarmsignale mit dem Charakter der Bedrohung und
Gefahr, dieses Anzeichen der beginnenden L�sion der peripheren
Nervenstrombahnen, dieses Verwirrungsgef�hl durch irre geleitete
Reize im Getriebe des Nervenmechanismus nennen wir "Schmerz". Dieser
Kurzschlu� der seitlichen Entladung bei verletzter Nervenisolation ist
um so intensiver, je mehr Apparate gleichzeitig l�diert sind oder je
dicker der Sammelstrang ist, an welchem die Nervenh�lle defekt wird ganz
gleich auf welche Weise. Hierdurch, wenn also pl�tzlich in der Zentrale
turbulente Feuermeldungen gleichzeitig ert�nen, entsteht eine
Unf�higkeit des Gehirns sich schnell zu orientieren, und die Unlust,
welche jeden exzessiven Reiz begleitet, steigert sich zusammen mit den
Wirbeln von Oberstrahlungen, welche in g�nzlich ungew�hnlicher Richtung
ausbrechen, zu Angst und Raserei, zu planlosen Abwehrbewegungen, zu
Affekthandlungen, oder wenn diese selbst �bert�nt werden, zur Ohnmacht
und zum Kollaps. Jeder Schmerz trifft also zum erstenmal v�llig
jungfr�ulichen Boden, und es spricht gewi� f�r meine Auffassung, wenn
seine Wiederkehr nicht mehr so erschreckend wirkt, weil das Gehirn zum
zweiten Male nicht mehr so ganz unorientiert �ber das, was nun kommen
wird, ist. Denn die Furcht vor dem, was folgen k�nnte, ist oft gr��er,
als die Klage �ber den Augenblicksschmerz allein ausfallen w�rde. W�re
der Schmerz eine spezifische Nervenenergie, so w�re nicht abzusehen,
warum schon selbst ein heftiger Anfall eines sich wiederholenden
Schmerzes relative Gew�hnung bei Wiederkehr auch nach l�ngerer Zeitpause
beobachten l��t, was man weder vom Ton noch vom Licht noch von anderen
spezifischen Sinnesenergien behaupten kann. Auch, da� man von zwei
Schmerzen stets nur den st�rkeren wahrnimmt, spricht gegen die
Theorie der spezifischen Schmerzleitung, denn ich kann z.B. von einer
Farbe alle N�ancen gleichzeitig wahrnehmen. Die gro�e Summe der
entwicklungsgeschichtlich einge�bten und koordinierten Reflexe einer
schnellen und unvermuteten Reizung zur Atmung, zur Herzbeschleunigung,
zur Pupillenerweiterung, zur Darmbewegung, zur Lockerung der
Schlie�muskeln aller Art beweist, da� die pl�tzliche �berladung gewisser
Zentralen des Gehirns nach einem schnellen und ebenso pl�tzlichen
Ausgleich der psychischen Spannungen mit rasanter Flugbahn dr�ngt: ein
Schrei, ein Sto�, ein starrer Blick, die fahle Bl�sse des Gesichts, sie
alle sind der Beweis f�r das Bestehen einer blitzschnellen,
kurzschlu�artigen Entladung von Spannungen, auf welche der Betrieb der
Seele physiologisch nicht eingestellt ist. Jede Bedrohung hat Beziehung
zum Atmungszentrum, schon pl�tzliche Abk�hlung, durch die Dusche etwa,
bringt tiefe Atemz�ge und Neigung zu Stimmbandschlu� und sto�artiger
Respiration, d.h. die Inanspruchnahme auch aller Hilfsmuskeln der
Atmung, einschlie�lich der Mund- und Nasen�ffner, womit der mimische
Anteil an der Schmerzwirkung erkl�rt wird. Jede Gefahr, jede Angst, ja
jede Erregung l��t die Pupille weit werden, um dem vielleicht
hilfreichen Licht die ganze Fl�che frei zu geben, und ein schnell
pulsendes Herz jagt das Blut wahllos in alle Systeme, um jede Funktion
gleichsam sprungbereit durch Heranw�lzen der Ionen des Sauerstoffes
auszur�sten.
Ich w�rde nicht wagen, mit solcher Sicherheit auch hier den gest�rten
Hemmungsmechanismus f�r die Natur des Schmerzes in Anspruch zu nehmen,
wenn ich nicht einen Trumpf in der Hand hielte, der die absolute
Stichhaltigkeit dieser Anschauungen mir t�glich aufs neue zu beweisen
geeignet ist.
Meine Form der Schmerzlosigkeit zu operativen Zwecken, welche man die
Infiltrationsan�sthesie nennt, ist direkt eine Frucht dieser
Anschauungen. Eine Hypothese aber, welche ein so stolzes, nunmehr
�berall anerkanntes Resultat gezeitigt hat, darf immerhin einige
Ber�cksichtigung auch seitens der Theoretiker beanspruchen. Die L�sung,
mit welcher ich �rtliche Schmerzlosigkeit erziele, ist eine
Fl�ssigkeitskomposition mit der ausgesprochenen Absicht, die Isolation,
die Hemmungen zwischen den seitlichen Nervenkontakten im Gewebe zu
verst�rken, ohne die Nerven selbst etwa durch Gifte leitungsunf�hig zu
machen. Ein an�sthetischer M�ckenstich, wie ich ihn mit meinen
ungiftigen L�sungen in der Haut anlege, l��t die einzelnen Nerven
durchaus tastleitungsf�hig, hebt aber den Schmerz absolut sicher auf in
jeder Schicht, weil er dazu bestimmt und erfunden wurde, um das, was den
Schmerz macht, den seitlichen Kurzschlu� der Nerven, durch
Hemmungsverst�rkung unm�glich zu machen. Ich schiebe zwischen die Nerven
einen D�mpfer, ein Sordino ein, was Professor Bier in gleicher Weise am
R�ckenmark direkt mit bewunderungsw�rdiger K�hnheit wiederholt hat, ohne
da� wir die Nervensaiten selbst irgendwie l�dieren oder gef�hrden. Es
wird f�r mich stets ein Triumph folgerichtigen Schlusses sein, da� ich
diese Form der schmerzlosen Operationsmethode fand einzig auf Grund der
Deduktion, auf Grund der lebendigen Anschauung von dem Bestehen eines
Isolations- und Hemmungsmechanismus im Betriebe des Nervenlebens.
Professor Bier hat auch den Nachweis gef�hrt, da� in der Tat das Blut
den von mir behaupteten schmerzisolierenden Einflu� auf die peripheren
Nerven hat, und ich selbst habe schon fr�her angegeben, da� �bertritt
von Blutwasser in die Gewebe (beim sog. �dem) unter Umst�nden gen�gt, um
die Nerven s�mtlich f�r Schmerz leitungsunf�hig zu machen. Alle diese
gewichtigen Tatsachen lassen kaum eine andere als die von mir gegebene
Deutung zu, und wir haben nur n�tig, diese an der Peripherie des K�rpers
gewonnenen Erfahrungen auf das Gef�ge der Zentrale im Nervensystem zu
�bertragen, um gleicherweise eine Einsicht in das Geschehen beim
psychischen Schmerze zu gewinnen.
_Auch in der Seele gibt es einen Kurzschlu� elektroider Spannungen._
Auch hier enth�lt die unsere Seele brutal �berfallende maximale
Anspannung, die nach dem �quivalenzgesetz der Kr�fte ebenso materiell
wirksam sein kann wie eine �u�ere Gewalt am Leibe, �bergro�e Ladungen im
Gebiet der Vorstellungen, d.h. die in umgekehrter Richtung zu den
Apperzeptionen schwingenden Gangliengruppen durchsprengen
explosionsartig die einbettenden Hemmungen. Das typische Beispiel f�r
solche Explosionswirkungen im motorischen Zentrum ist f�r mich diejenige
Form der Epilepsie, welche durch eine materielle Bindegewebsnarbe im
Gehirn gegeben ist. Vor dieser Narbe finden periodische Akkumulationen
von nicht aufl�sbaren Spannungen statt, nicht aufl�sbar, weil die narbig
verdickte Neuroglia auch gewaltigen Ansammlungen nerv�ser Kraft die
Hemmung entgegenh�lt. Steigt aber diese aufgespeicherte Spannkraft zu
einer H�he, da� sie den Wall durchbricht, so brausen in die
unvorbereiteten Systemgebiete hinter der Narbe die Fluten der
elektroiden Wellen verheerend ein, und der Krampfanfall l�st sich aus,
verst�rkt durch den Chok der Gef��e, der seinerseits allein, wie wir
sahen, das Bewu�tsein schwer zu alterieren vermag.
Das ist das Bild auch der seelischen Schmerzausl�sung, wenn wir eine
Kette von deprimierenden Ereignissen oder ein einziges tief an unsere
Lebenshoffnung, an den Glauben an unser Gl�ck greifendes Moment erleben.
Die Spannungen in der Phantasie, welche schlie�lich st�rker sind als
jedes vorangegangene seelische Erlebnis werfen uns unter der Analogie
einer geistigen Epilepsie in einen Strudel von Unorientiertheit und
brennender Hilflosigkeit, durchfluten uns mit dem Gef�hl des
Vernichtetseins, und in gleicher Weise wie bei der physischen
Obstruktion des k�rperlichen Schmerzes findet die Entladung in
Schluchzen und Tr�nenstrom, in Affekthandlung, in Herzangst und
Pupillenklaffen ihren Ausgleich, wenn nicht die mit dem Willen
aufgebrachte gewaltsame Hemmung den Affektstr�men einen Damm
entgegenw�lbt. Aber die Faust der die flammenden Blitze erstickenden
Neuroglia kann endlich auch erlahmen und dann eine Affekthandlung
resultieren.
Beim seelischen Schmerz mag so das Gehirn wechselnd buchst�blich err�ten
und erblassen.
Ich bin am Ende meiner Ausf�hrungen und schlie�e mit Zagen, da� ich es
gewagt habe, ein so gewaltiges Thema, wie es das Gebiet der seelischen
Hemmungen umfa�t, in einem geschlossenen Aufsatze zu erledigen.
Vielleicht aber ist es mir doch gelungen, wenigstens die Hauptz�ge
dieser, wie ich zugebe, k�hnen und gewagten, aber ergiebigen Hypothese
zu entwickeln, und ihre Anwendbarkeit auf fast das gesamte Gebiet des
Seelenlebens wenigstens andeutungsweise vor Augen zu f�hren.
DER SITZ DER SEELE
Als der Zeitgenosse Friedrichs des Gro�en _La Mettrie_ seinen ber�hmten
Aufsatz: L'homme machine schrieb, konnte er nicht ahnen, da� dieser
kleine und wenig umfangreiche Essay die Quelle einer unendlich
verbreiteten, aber ganz uns�glich �den Weltanschauung werden sollte: des
jetzt auf ganzer Linie geschlagenen Materialismus. Das hei�t: der Lehre
von der chemisch-physikalischen Begreifbarkeit der Welt und ihrer
Probleme. �hnlich wie einst die Rationalisten die Wunder der
Pers�nlichkeit Christi aufzul�sen meinten in platt-allt�gliche, nur
durch die Phantasie der Gl�ubigen verzerrte Begebenheiten, so war f�r
die Ritter von "Kraft und Stoff" es eine ausgemachte Sache: Geist,
Seele, Gem�t, was sollen sie anders sein als eine Art Absonderung der
nerv�sen Organe, Exkremente der Ganglien, eine Art Gehirngalle? Wie
Niere, Leber und andere Dr�sen die Abfallstoffe des Heizmaterials
unserer menschlichen Maschine absto�en (sezernieren), so sezerniert der
Wunderball in unserer Sch�delkapsel einfach ein luftiges Etwas und
dampft aus dem Gehirnbrei die Nebel des Gedankens!
Nicht drastischer l��t sich die K�mmerlichkeit dieser Weltanschauung,
die man besser eine _Weltblindheit_ nennen k�nnte, darstellen, als mit
dem echt materialistischem Problem: wie wird aus der Kartoffel, die ein
Genie verzehrt, ein Gedicht, ein Bildwerk, eine Symphonie? Viele
Materialisten umgingen auch wohl den Kern der Sache, indem sie n�mlich
rundweg diese Fragen f�r der Wissenschaft nicht zug�nglich und f�r
keinen Gegenstand der "exakten" Forschung erkl�rten, womit dann die
Exaktheit gerade da aufh�ren m��te, wo das Interesse f�r jeden
Nichtwissenschaftler beginnt. Denn es ist unsere ungestillte Sehnsucht
nach dem Wissen vom Sitz der Seele ja nur ein Teil der alten Frage:
"woher? wohin?" Und nicht nur Narren warten auf Antwort.
Ich will versuchen nachzuweisen, da� es auf diese Frage eine leidlich
befriedigende Antwort gibt. N�mlich aus der unumst��lichen Wahrheit
heraus, da� die Natur uns ein Delphi ist, das zwar stets sinnreich
antwortet, aber nur, wenn man weise fragt. Der falschen und aus
vorangegangenen Irrt�mern entsprungenen Frage gegen�ber ist sie, die
G�tige, einzig Wahrhaftige, in der Rolle des verbl�fften und
verstummenden Vaters, den ein Kindlein fragt, ob die Sterne nie zu Bett
gehen, ob der liebe Gott auch einen Regenschirm hat, und wie die
sinnigen Unsinnigkeiten aus holdem Irrtum sonst noch lauten m�gen. Fragt
man erst nach einem Sitz der Seele, als nach einem Dinge, das kein Ding
ist, das aber trotzdem vielleicht �berall und ewig ist, so mu� die
Antwort eine kindliche, n�rrische und t�richte sein. Und doch ist es ein
Axiom der Wissenschaft, eine ausgemachte Sache f�r Unz�hlige: die Seele
sitze im Gehirn! Pr�fen wir einmal, ob sich diese Antwort ernstlich
halten l��t.
Es ist Tatsache, da� viele unserer seelischen F�higkeiten, z.B. die
Sprache, gebunden sind an die Unverletztheit eines ganz bestimmten
Bezirkes des Gehirns; da� Geruch, Geschmack, Gesichtssinn,
Temperatursinn, Bewegung der Glieder, Atmungsbewegungen aufzuheben sind
durch Verletzung oder organische Zerst�rung ganz umschriebener, oft nur
pfenniggro�er Teile unseres Gehirns.
Es kann nimmermehr bestritten werden, da� diese Teile den Mechanismus
bestimmter seelischer Funktionen ganz und gar beherrschen. Durch
unz�hlige, untr�gliche Erfahrungen, durch Experiment und Beobachtung am
Krankenbett, ist festgestellt, da� ohne Nervensubstanz, ohne Gehirn eine
Seele einfach nicht vorhanden ist.
Im Banne dieser Tatsachen hat die sogenannte Lokalisationslehre
geschlossen, da� Gehirn- und R�ckenmark der Sitz aller seelischen
Funktionen sein m�sse, und hofft von dem weiteren Fortschreiten der
Beobachtung st�ndige Nachweise von immer neuen Herden spezifischer
Funktionen. Es w�re eine Torheit, an diesen Tatsachen zu r�tteln, aber
die Frage ist berechtigt: liegt hier nicht doch eine schiefe Deutung
vor? Wenn die Verletzung eines bestimmten Hirnteiles den Verlust einer
zugeh�rigen Funktion bedingt, so ist damit keineswegs bewiesen, da�
diese Stelle des Gehirns allein diese F�higkeit produziert. Es kann
vergleichsweise die Durchschneidung eines B�ndels von Telephondr�hten
einen bestimmten Stadtteil des Telephonanschlusses berauben, und doch
bleibt die Zentrale unber�hrt. So k�nnte auch das Sehen, das Sprechen,
das H�ren und Riechen im Gesamtgehirn entstehen, und die die Funktion
scheinbar verletzenden L�sionen der sogenannten Zentren k�nnten nur
zusammengekettete Sammelstellen von Leitbahnen nerv�ser T�tigkeiten
treffen, welche ihre unz�hligen letzten Ursprungsquellen weit �ber das
Gehirn verstreut haben k�nnten. Diese �berlegung ist von gro�er
Wichtigkeit, weil nur durch ihre Annahme erkl�rt wird, warum solch
Verlust des Sehens, H�rens usw. von einer Stelle aus durchaus nicht
immer ein dauernder ist. Denn es ist unumst��lich wahr, da� Hunde, denen
man das "Sehzentrum" herausschnitt, in gar nicht langer Zeit doch wieder
sehen "lernten", und es mu� ein schlechter Beobachter sein, dem nicht
auffiele, da� Menschen mit Verlust des Sprachzentrums deutliche
Anzeichen zu einem Versuch zu sprechen aufweisen. Sie bilden innen doch
die Sprache, es geht aber nicht heraus, sie zucken die Achseln,
verziehen das Gesicht zu schmerzlicher Resignation--die Leitungen (wohl
gemerkt nicht die Sprache bildenden Seelenherde) sind verletzt! Aus
diesen und zahlreichen anderen Gr�nden hat man die Theorie der
Herdfunktionen immer wieder angegriffen und ihr die Anschauung von der
Universalit�t der ganzen Gehirnmasse entgegengestellt, wonach jede
Ganglienzelle durch �bung schlie�lich zu jeder Funktion wesentlich und
stellvertretend herangebildet werden kann, so da� also nach dieser
Ansicht wenigstens das Gesamtgehirn dann als Sitz der seelischen
Funktionen anzusprechen w�re. Mir scheint es, als wenn in der
Lokalisationslehre nur die Zettelchen von _Lavater_ und _Gall_, die
diese auf das Sch�deldach klebten, allzu k�hn nunmehr auf das Gehirn
selbst aufgedr�ckt w�rden, da� also keineswegs der Nachweis
lokalisierter Seelent�tigkeiten irgend etwas �ber den Sitz dessen, was
wir Seele nennen, aussagen k�nnte. Sagt man aber nun: so ist eben das
Gehirn und R�ckenmark im ganzen als Sitz der Seele anzusprechen, dann
geh�rt zum Gehirn auch das gesamte Nervensystem mit allen Fasern und
nerv�sen Organen, und dann sitzt wieder die Seele ebenso gut in meinem
kleinen Finger, wie in der Nase.
Nun sind aber die einzelnen Sinnesfunktionen, f�r welche man Herde im
Gehirn fand, ja eigentlich gar nicht der Hauptbestandteil dessen, was
wir gemeinhin "Seele" nennen. Dazu geh�rt vor allem die ganze Skala der
Allgemeingef�hle, Lust, Schmerz, Gem�t, Phantasie, Logik, Willenskraft
usw. usw. Wo in aller Welt ist auch nur der Schatten eines Beweises
daf�r erbracht, da� auch diese, wesentlich seelischen Funktionen
irgendwo einen Herd, ein Zentrum, eine Lokalisation im Gehirn oder
R�ckenmark oder sonst wo besitzen? Hier sehen wir im Gegenteil das
Gehirn, das doch der Herr der Gef�hle sein soll, in sklavischer
Abh�ngigkeit von jeder Verdauungsst�rung, vom Stoffwechsel des �brigen
Leibes, von St�rungen und rein vitalen Ver�nderungen aller Art. Wenn man
nun aber ferner die Tatsache recht fest ins Auge fa�t, da� z.B. das
Herausschneiden der gesamten Schilddr�se, welche um die Luftr�hre
gelagert ist, den betreffenden Kranken, und wenn er ein Genie gewesen
w�re, unweigerlich zum Idioten macht, weil dann durch Fortfall
sogenannter innerer Sekrete (Beimischungen zum Blute) allm�hlich die
Hirnfunktion erlischt, so erf�hrt hiermit die Lehre vom Sitz der Seele
im Nervensystem allein einen nicht zu verwindenden Sto�. Ebenso wie also
irgendein Zentrum n�tig ist zum Vollbestand einer Seele, ist also auch
dringend der Schilddr�sensaft vonn�ten. Also auch hier, in einer Dr�se,
sitzt ein Zentrum der seelischen Funktionen.--Ferner:
Wenn wirklich alle Eindr�cke, die man empf�ngt, zu den Gehirnganglien
geleitet werden, so taucht die Frage auf, warum im Gehirn alle Ein- und
Ausschaltungen einen so geregelten Gang nehmen, warum nicht die f�nfzehn
Millionen Ganglienzellen bei der nie schweigenden Anreizung durch
Tausende von Au�enweltswirkungen, stets in chaotischem Wirrwarr
durcheinander brausen, als w�rden die Tasten einer Orgel alle
gleichzeitig niedergedr�ckt? Das ist nur m�glich durch Hemmungsvorg�nge,
welche bald diese, bald jene Bahn dem Strom freigeben, so da�, wenn eine
Gedankengruppe schwingt, alle anderen gehemmt, abgestellt sind. Das ist
im Innern des Sch�dels nicht anders als an meinem Telephon, an dem ich
auch nur sprechen kann, wenn alle anderen Nebennummern isoliert sind.
Die Hirnhemmung, waltend und schaltend wie ein Ingenieur, ist also
unbedingt der Herr der Situation in meiner Seele, und wenn sie, wie die
Schulmeinung ist, gleichfalls Hirnzellent�tigkeit ist, so w�re das
Zentrum der Seele dieses ganz in der Luft schwebende nerv�se
Hemmungsorgan, von dem bisher auch nicht ein Zipfelchen eines Gewandes
oder einer anatomischen Grundlage gefunden ist und nie gefunden werden
wird.
Ich selbst bin der Begr�nder einer Lehre, nach welcher dieses Ein- und
Ausschalten gar nicht von Nervenelementen besorgt wird, sondern von dem
Blutsaft und dem Herzen, so da� ich hier zum Bekenner eines alten
Volksbewu�tseins geworden bin, wonach das Herz, das herrliche
menschliche Herz, nicht nur als Druckpumpe, sondern auch als wirklicher
Faktor unseres Seelenlebens eine bisher von den Naturforschern nur
h�hnisch belachte Rolle spielt. Ich habe die vollg�ltigsten Beweise
daf�r erbracht, da� das Blut im Gehirn mit dem Herzpulse eingeschleudert
und abgesogen das im steten Wechsel des Pulses bedeutet, was f�r den
elektrischen Strom die Isolierung, jedem Laien als gr�ne Seidenh�lle um
den Kupferdraht bekannt, darstellt.
Es w�rde Wiederholung sein, wollte ich hier nochmals den Nachweis
erbringen, da� ein solches Zwischengespinst zwischen den Nervenf�den und
Gangliensternen, Neuroglia genannt, mehr ist als ein St�tzger�st, an dem
die Nervenzellen ranken. Es ist f�r mich unumst��lich, da� die mit
Blutsaft gef�llte Neuroglia den aktiven vom Herzdruck abh�ngigen
Isolationsapparat, welcher ein- und ausschaltet, ausmacht. Hier erw�hne
ich diese Anschauung nur noch einmal, um darzutun, da� unm�glich das
Gehirn und R�ckenmark allein so schlankweg als der Sitz der Seele
bezeichnet werden darf. Erst mit meiner Auffassung wird der Schlaf, der
Traum, die Narkose als aktive T�tigkeit der Seele verst�ndlich, wie ich
das in zahlreichen Arbeiten zu erweisen mich bem�ht habe, erst mit ihr
wird die Phantasie, das Unterbewu�tsein, die Lehre von den Affekten und
Geistesanomalien eine neue Beleuchtung erfahren. Ist sie richtig, dann
wird es ganz und gar hinf�llig, der Seele einen bestimmten Wohnort im
Leibe zuzusprechen, dann ist sie �berall bei uns zu Haus, in den Nerven,
in dem Blute, in den Dr�sen, in dem Sonnengeflecht, und wird von
unendlich vielen Dingen mehr beherrscht als allein von der Intaktheit
des Gehirns.
Denn jede Zelle des Leibes hat ihre Seele f�r sich; in der Republik, dem
Zellstaate, den die letzten erkennbaren Lebenseinheiten in unserm Leibe
bilden, hat jeder winzige, mikroskopische B�rger einen Hauch der
belebten Allseele in sich, und die Zeit ist nicht mehr fern, wo die
Zelle auch ihr eigenes Gehirn und ihren Nervenapparat f�r sich
zugesprochen erhalten wird. Die Hirnzellen, die in ihrer Gesamtheit nur
ein grandioses Regulationsorgan darstellen, werden dann nicht mehr als
Thronsessel der K�nigin Seele gelten, sondern die Millionen seelischer
Wunder, welche insgesamt die unbeschreibbar herrliche Harmonie eines
Lebewesens hervorbringen, werden jeder Magenzelle, jeder Hautfaser
ebenso zugeteilt werden m�ssen, wie diesen Pr�tendenten einer angema�ten
Macht, den sogenannten Zentralorganen. Die menschliche Seele ist der
Mensch als Ganzes. Mit der Antwort auf seine Herkunft, die die
Philosophen anders als die Theologen, die Naturforscher anders als die
K�nstler formulieren, f�llt die Frage nach seiner Seele von selbst
zusammen. Die Seele der Monade, des kleinsten Lebewesens, birgt alle
Probleme, und hier m�ndet eben die Frage nach der Seele ein in das gro�e
R�tsel des Lebens �berhaupt. Wir werden von der Seele stets nur soviel
wissen, als wir vom Leben verstehen. Der Gedanke �ber die Seele ist eins
mit dem Gedanken �ber das Leben.
INSTINKT UND SPIEL
Des Lebens letztes Merkmal ist die Reizbarkeit. Hier steht des Menschen
Sp�rsinn still, denn nicht tiefer hinab vermag der Geist der
sch�pferischen Natur den Gedanken des Lebendigen nachzudenken. Ein
armselig Symptom, ein Symbol halten wir in der Hand, statt seines
dahinter liegenden Wesenskernes. Und doch ist dieses Merkzeichen des
Lebendigen, die Reizbarkeit, die einzige kardinale Eigenschaft sowohl
der letzten im Winde verlorenen Pflanzenspore, wie auch der Kr�nung des
Lebendigen, der menschlichen Seele. Ein Automat, eine Maschine
beantwortet den Reiz, den ausl�senden Ansto� stets in derselben Weise,
zu dem einen von ihrem Erbauer gewollten Zweck; die Zelle aber, der
lebendige Automat, hat eine Wahl, eine Willk�r, eine Freiheit. Aus
einfachen reizbaren Zellen ist jedes belebte Wesen geschaffen, und an
solche Zellen ist das h�chste, wie das niedrigste Leben gekn�pft; denn
geistiges Leben ist Zellfunktion im Laternchen des Leuchtk�fers nicht
minder, wie der Funke hinter der Prometheus-Stirn des Genies!
Aufsteigend von der einfachen Reizbarkeit des einzelligen Lebewesens bis
zur Feinf�hligkeit des sublimsten Gedankens, der den Harfensaiten der
menschlichen Seele entgleitet, wurde der Nerven Stammherr, der _Nervus
Sympathicus_, der den Rhythmus der kriechenden Raupe, wie den Flug der
Libelle beherrscht, geschaffen als der erste Schritt zur Organisation
chaotischer Bewegungsm�glichkeiten. Nach ihm kam R�ckenmark und
Nervengeflecht und endlich die Krone des Nervenbaums, das Gehirn. Kein
Geringerer als Goethe sah, da� das Sch�deldach ein entwickelter Wirbel
sei, und die H�lle mu�te sich wohl entwickeln, weil an der Spitze der
R�ckenmarks�ule die sich fortbildende Nervenmasse das Gehirn erzeugte.
Dessen j�ngste Sprossen, die Hirnrindenzellen, sind der Sitz unseres
Bewu�tseins. Ein jeder von uns tr�gt also in sich die organischen
Niederschl�ge dessen, was vor uns war. Einst war Stufe f�r Stufe
aufsteigend alles das bewu�t, was jetzt unbewu�t, automatisch gleichsam
"von selbst" sich reguliert: Das Atmen, der Herzschlag, die harmonische
Bewegung, die Verdauung, genug das Leben an allen geheimen Laboratorien
unseres Leibes. Unter unseren, nunmehr uns selbstbewu�ten Gehirnteilen
mu� also ein sich selbst �berlassenes Labyrinth des Gewordenen in fester
Bahn geordnet liegen, aus dem wohl die dunkelen Gef�hle stammen, die wie
dunkel empfundene Donner rollen durch die Niederungen unserer Seele.
Diese fernen, unterbewu�ten Triebkr�fte, das Resultat der Daseinsk�mpfe
aller derer, die vor uns waren, sind der Inbegriff dessen, was wir mit
dem Namen "Instinkt" belegen.
Wahl also, das bewu�te Gef�hl, so oder so zu handeln, steht dem "Mu�"
gegen�ber, der Wahllosigkeit unseres Tuns aus den unserem Bewu�tsein
entzogenen Trieben heraus. Der kategorische Imperativ _Kants_, das
Gewissen, was kann es anders sein, als die Hand der vorw�rts
gestaltenden Innenmacht, die uns alle am Ende zwingt, so zu leben, da�
wir entwicklungsf�hig ("vorbildlich" Kant) werden k�nnen, andernfalls
wir als lebens- und entwicklungsunf�hig abzutreten haben vom Schauplatz
des immer spielenden Dramas: Leben.
Wir verm�gen einen Blick zu tun in den Mechanismus dieses grandiosen
Getriebes gerade in unserer menschlichen Seele. Denn es ist ein
organischer Unterschied zwischen den Gebieten, in welchen wir bewu�t
denken, Probleme schmieden und uns den neuen Anforderungen des Lebens
anpassen, und jenen, wo uns jede Wahl abgeschnitten ist.
Um ein Bild aus der Elektrizit�t zu geben,--wir denken und sinnen mit
willk�rlich ein- und ausschaltbaren Gedankenelementen, unsere Instinkte
aber, unsere Regulationen des Stoffwechsels, unsere Automatien und
Reflexe sind definitiv in ihren Bahnen eingestellt, die dazu n�tigen
Anschl�sse sind ein f�r allemal bestimmt und aneinander angereiht, sie
sind in den H�nden einer abgeschlossenen Hemmung.
Wenn wir dem ebengeborenen S�ugling, bevor sein Mund je die Mutterbrust
erreichte, einen Finger an die Lippen haken, so beginnt er zu saugen;
wenn der erste Strahl des Lichtes sein Auge trifft, so verengt sich
seine Pupille: das Getriebe der nerv�sen Reize hat keine andere Wahl, es
mu� die Bahnen gehen, welche die Reflexbewegung stets in gleicher Weise
ausl�sen, weil diese entwicklungsgeschichtlich angew�hnten Reize stets
dieselben Bahnen entlang durchlaufen m�ssen, weil alle anderen
M�glichkeiten durch festgelegte Hemmung ausgeschaltet sind. So sind die
Reflexbewegungen also deshalb angeboren, weil Millionen unserer
Vorfahren diese Art der Beantwortung von Lebensreizen als die
zweckm��igste und immer wiederkehrende f�r uns erlernt haben. Die
automatischen Reaktionen haben sich also im Laufe der Jahrtausende als
die zweckdienlichsten, als die erhaltungsgem��esten herausgestellt, und
sie geh�ren zu dem definitiven Bestande unseres nerv�sen
Gesamtmechanismus. Die Methode der Natur dabei war die Schaffung einer
dauernd fixierten Hemmung, welche Ausweichungen in nerv�se
Nebenleitungen unm�glich machte. Da� wir niesen, erbrechen, lachen
m�ssen, wenn man uns die Nase, den Rachen, die Sohlen kitzelt, sind
zwingende Beweise f�r die Unausweichbarkeit der bestimmten Reize aus
definitiven Leitungsbahnen; das tiefe Atemholen beim kalten
Wasserstrahl, das Verschluckenm�ssen selbst gef�hrlicher Gegenst�nde
(M�nzen, Gebisse, Gr�ten usw.), wenn sie den Gaumenring passiert haben,
der Lidschlu� bei grellstem Licht sind Dinge, die wir mit h�chster
Willenskraft nicht hemmen k�nnen, weil das Spiel der Kr�fte eben f�r
diese Aktionen unab�nderlich reguliert ist. Es ist ein weitverbreiteter,
aber irrt�mlicher Glaube, da� man unser ganzes Seelenleben in dieser
Weise meint aufl�sen zu k�nnen in die eine Frage nach den
Reflexbewegungen. F�r weniger elementare und kompliziertere Handlungen,
f�r unser Gedankenspiel und f�r unsere Empfindungen kommt eben noch ein
anderes, uns die Freiheit des Willens aufn�tigendes Etwas hinzu. Liegt
vor mir ein Buch, so kann ich es aufschlagen oder ich kann es
unterlassen; sehe ich einen Apfel, so kann ich ihn fassen oder liegen
lassen und habe dabei stets das Gef�hl ganz freier Wahl, zu tun, was mir
beliebt. Gegen�ber einem ethischen Problem habe ich nicht minder das
Gef�hl der Freiheit, mich f�r dies oder jenes Tun oder Unterlassen zu
entscheiden. Hier empfinde ich die Summe aller auf mich wirkenden Reize
nur als einen Richtung gebenden, aber nicht zwingenden Antrieb.
Dieser mehr oder weniger entscheidende Antrieb stammt nun aus zwei
Quellen: Aus einer bewu�ten, kontrollierbaren und aus einer nicht
kontrollierbaren, unter- oder unbewu�ten Ausl�sung von Reizen. Antriebe,
deren Quellen uns verborgen liegen, aber um so lebhafter uns
beherrschen, nennen wir "Instinkte". In zwei gro�e Gruppen, denke ich,
sollte man die Instinkte, die unterbewu�ten Antriebe zur Handlung
einteilen: In solche, welche uns �berkommen sind, aus fr�heren Stufen
der Entwicklung, welche also gewisserma�en R�ckschlagtriebe aus einer
fr�heren Daseinsperiode der Menschheit sind; und in solche, welche der
unaufhaltsamen Vorw�rtsentwicklung unserer Seelenmechanismen entstammen.
Jene sind Instinkte des Gewesenen (deszendente), diese des Werdenden
(aszendente). Beide stehen in Verbindung mit unserm Willensmechanismus,
d.h. sie k�nnen die Ein- oder Ausschaltung dieser oder jener
Handlungsrichtung mehr oder weniger zwingend hervorrufen. Diese
ausgel�sten Willensaktionen k�nnen uns pers�nlich n�tzlich oder
sch�dlich sein, sie k�nnen aber auch f�r die Entwicklung der Menschheit
als Ganzes f�rdernd oder hindernd, also erhaltungsgem�� oder
entwicklungshemmend sein.
Wo k�nnte der Seelenforscher f�r das �berkommene und Eingeborene tiefere
Z�ge der Erkenntnis tun, als bei der Beobachtung des werdenden Menschen,
dem jungen Erben des gesamten Menschheitsbesitzes, dem Kinde? Was aber
ist des Kindes tiefste Bet�tigung? Das Spiel, dieses f�r die
Wissenschaft ernsteste aller Dinge. Ist der Entwicklungsgedanke richtig,
so mu� ja in den erwachenden Trieben jedes jungen Infanten alles das
oder wenigstens das Wichtigste dessen zu erkennen sein, was einst auch
Bestand der Kindheit des ganzen Menschengeschlechtes war. Mit anderen
Worten: Die Geschichte der Menschheit mu� sich gedr�ngt, konzentriert,
im Wesensabdruck wiederholen in den Lebens�u�erungen des jungen B�rgen
f�r die Unsterblichkeit des menschlichen Typus. Es mu� also am Geborenen
funktionell das fr�here Geschehen in gro�en Z�gen bemerkbar sein! Und
ist es das etwa nicht? Wer je ein Kind in seinem hei�en Triebe
Erdarbeiten hat machen sehen; wer es beobachtet hat, wie es mit Wasser
umgeht, mit diesem heiligen Ernst einer schweren, selbstverst�ndlichen
Lebensarbeit, wer seine Lust am Tier, an Pferd, K�hen, Schafen und
Ziegen gesehen und wen das Leuchten seiner hocherregten Augen beim
Anblick dieser Urahnen-Genossen erfreut hat, dem mu� sich der Gedanke
aufdr�ngen: hier ist wirklich das Wissen und Kennenlernen nur ein
sokratisches Erinnern, ein Wiedergewinnen l�ngst in ihm schlummernder
Gef�hle! Nimmt man hinzu seine Lust zum Kampf, ja seine Grausamkeit, ja
selbst den Hang zu L�ge und Betrug, so f�llt es uns wie Schuppen von den
Augen: das sind ja alles, alles Dinge, die Begleiter, Zwecke, Mittel von
unausweichbarer Notwendigkeit im Kampfe des Daseins unserer
Menschheits-Ahnen waren. Ja, gewi�: hier pr�gte die formende Hand der
Entwicklung F�higkeiten und Gel�ste vor, die nun wie eine
Zwangsvorstellung, wie ein stetes M�ssen die Willensaktion wie zugeboren
zu den Dingen der Umgebung erscheinen lassen. Z�hlt man nun die
dokumentarisch festgelegten Kettenfolgen dazu, unter denen ein Genie,
ein Talent der letzte markante Ausl�ufer in Generationen vorge�bter
F�higkeiten war, so mu� man zugestehen: Nichts beweist deutlicher, als
das Kind und seine Seele, da� es Triebe und Instinkte gibt, welche wie
Reproduktionen, R�ckschl�ge, Wiederholungen ganzer Abschnitte der
Stammesvorfahren sich geradezu aufdr�ngen. Der daseink�mpfende Urmensch
_mu�te_ Erdarbeiter, Wasserbeherrscher, Tierpfleger, K�mpfer sein, er
mu�te List, L�ge, Verstellung, Grausamkeit als Mittel seiner Erhaltung
gebrauchen, er war dem Getreide, den Blumen, den Farben der Natur
wahrlich n�her, als ein Gro�stadtkind, das, trotzdem es am Asphalt und
zwischen Steinmauern gedieh, doch seine unendliche Sehnsucht nach Feld,
Wald, Wiese eingeboren beibehalten hat. Seht es spielen mit
eiferger�teten Wangen am Sandhaufen, am Bach und seht es Bl�mlein
pfl�cken, nach einem Pferdchen strampeln, nach einem Soldaten zittern,
seht es nach dem hellen Sternhimmel langen und zum Mond die H�ndchen
heben--man mu� es zugeben: hier waltet ein Erinnern: ein aus den Tiefen
des Gewordenen jauchzend aufbrausendes Wiedererkennen! Dieses
Wiedererkennen, dieses Zugeh�rigkeitsgef�hl zu der umgebenden Natur und
zu Erstlingsfunktionen vergangener Epochen verl��t nun auch den
aufmerksam sich beobachtenden Erwachsenen nie, wenn auch das umgebende
Leben neue, erst zu bew�ltigende Aufgaben an uns stellt und ganz
allm�hlich damit die meisten unserer eingeborenen Instinkte hinabsinken
l��t in den tieferen Schacht unseres Innern. Sie sind und bleiben aber
doch die W�rme, Licht und Glanz strahlenden Quaderz�ge im abgelagerten
Gestein der Seelentiefe und des Charakters, Wollen und Wesen eines
Menschen ist fest verankert mit der Summe dieser unserer Beobachtung
l�ngst entzogenen Urgef�hle. Wie viel von unseren Sympathien, von unserm
Ha� und Lieben, von Neigung und Gewohnheiten, b�sen und guten L�sten mag
ferner in der Tiefe des Unterbewu�ten seine unversch�ttbaren Quellen
haben? Was kann des Gewissens Stimme anders sein als das Gef�hl der
Disharmonie gegen allen Bestand des �berlieferten, in welche uns eine
Handlung oder Unterlassung bringt? Denn ein tiefer Zwiespalt in uns
mahnt uns, da� wir mit einer einzigen Tat an den Grundfesten dessen
r�tteln k�nnen, was alle V�ter vor uns aufgebaut!
Aber diese Entwicklung steht niemals still, sie dr�ngt unaufhaltsam an
gegen die hemmenden M�chte der uns Grenze weisenden Natur. Und dieser
Vorw�rtstrieb der Entwicklung, diese Sehnsucht unsererseits, wieder
vorbildlich zu werden, Merksteine des Erworbenen zu schaffen f�r die
nach uns Kommenden, ist die Quelle dessen, was wir kommende Instinkte
nannten. Bietet gerade unsere Zeit nicht ein klassisches Beispiel daf�r,
wie m�chtig diese Triebe eingreifen in das Gestalten der Welt in uns und
um uns? Es ist, als schaffte der Menschengeist Gesch�pfe, Maschinen,
Werkzeuge, Kr�fte nach einem in sich selbst gef�hlten Ebenbilde! Er
spinnt ein Netz gleichsam nerv�ser, elektrischer Verbindung von
Menschengehirn zu Menschengehirn �ber die ganze Erde, er durchfliegt
Erdteile und Meere, er schuf im Leib des Planeten Organe, die ihm Licht
und W�rme und neue Kr�fte liefern, und h�lt im bewegten Bilde
(Kinematoskop) die Zeit fest und zeigt sp�teren Generationen die
Geschehnisse geschwundener Sekunden! Wahrlich wir sind in einem
klassischen Zeitalter, Zeugen unerh�rten Gestaltens, und unser Trieb
ist: technische Vollkommenheit. Was Wunder! wenn bei diesem rasenden
Ansturm der aufsteigenden, aufw�rtsf�hrenden Instinkte die Probleme des
Herzens, der Sittlichkeit, der Religiosit�t, der Ehrfurcht, der
Behaglichkeit, des sich Gen�geseins zu kurz kommen? Das ist die Gefahr
schnell vorw�rts brausender Kultur. Die Neurasthenie, das allgemeine
Nervenzittern ist die Kehrseite der Medaille: die eingeborenen Instinkte
sind im Kampf mit den erworbenen. M�glich, da� an diesem Konflikt die
moderne Kultur zerschellt, aber die Hoffnung bleibt bestehen, da� auch
diese Triebe eben einr�cken k�nnen in den definitiven Bestand des zu
�berliefernden. W�re das nicht der Fall, so w�re der Weg der Kultur ein
einziger gro�er Ozean des Irrtums. Denn nur, wenn unsere zeitlichen
Probleme f�hig sind, zu dauernden Instinkten sich einzuf�gen in den
Zukunftsbestand der Menschheit, ist die Fortentwicklung des Menschen als
eines auf der Erde dauernd lebensf�higen Organismus garantiert.
TEMPERAMENT
Nicht nur Gesetz und Recht, auch Namen schleppen sich wie eine ewige
Krankheit durch die Zeiten. Wie es aber gerade die Irrt�mer sind, welche
leichter und ausgedehnter Verbreitung finden, als die Wahrheiten, so
gibt es auch �berkommene Namen, welche um so fester im Sprachgebrauch
haften, je irrt�mlicher die Anschauung war, der sie ihren Ursprung
verdanken. Ja f�r viele werden namentlich Fremdwortbezeichnungen mit
schwerer logischer Begriffsbestimmung zu leeren Lautformeln, mit denen
sie stets nur dunkel empfundenen, aber nicht aussprechbaren Sinn
verbinden. Und doch mu� man erstaunen, wie oft bei weiterer
Fortentwickelung unserer Kenntnisse schlie�lich solchen alten
Wortreliquien ein packender Sinn innewohnt. Solche Begriffe sind oft von
derselben unaussprechlichen Tiefe, wie Volkslieder, deren Sch�nheit man
oft auch erst dann inne wird, wenn uns recht viele Jahrhunderte von
ihrem Ursprung aus des Volkes Herzen trennen. Solche Worte z.B. sind die
"Elemente", der "�ther" der Alten, welche Grundbegriffe im Zeitalter der
physikalischen Chemie und der Theorien von der Elektrizit�t geworden
sind. Man sieht daraus, da� die Wissenschaft die �berlebten Worte
gebrauchen kann wie alte H�user, die man nur modern einzurichten
braucht, um dem Geist der Zeiten zu entsprechen. Das Wort "Temperament"
verdankt seinen Ursprung folgendem Irrtum: In der Zeit der
Saftmischungslehre war man der Ansicht, da� die Temperatur des K�rpers
abh�ngig sei von dem �bertritt gewisser S�fte ins Blut. Rotes
Arterienblut, Schleim, gelbe und schwarze Galle, das waren die vier
Stoffe, mit denen die alte Saftlehre als Fundamenten der Blutmischung
ihre Systeme zusammenschusterte. Zahlreiche Sprachgebr�uche erinnern
noch heute an die einstige Sieghaftigkeit dieser humoralpathologischen
Lehre, d.h. der Lehre von der Erkl�rbarkeit aller Krankheitszust�nde aus
Blutver�nderungen. Das "gallige Blut", die "versetzten H�morrhoiden",
der "zur�ckgetretene Salzflu�", der "nach innen geschlagene Ausschlag",
die "nicht herausgekommenen Masern" usw. sind solche noch lange nicht
ausgestorbenen, ein bi�chen Wahrheit bergenden Schlagworte.
So haben des alten _Galen_ vier Kardinals�fte (Blut, Schleim, schwarze
und gelbe Galle) auch als Ursachen der vier Temperamente (d.h. Erzeuger
spezifischer Blutw�rme), des sanguinischen, des phlegmatischen, des
melancholischen, cholerischen, noch heute ihren d�nnen,
wissenschaftlichen Schimmer von tats�chlichem Verhalten, nicht weil sie
einen Tatbestand ausdr�cken, sondern weil dem Kenner der menschlichen
Seele der zeitweilige Zustand der wissenschaftlichen Lehrmeinung den
offenen Blick f�rs Wesen des Menschenherzens nicht zu tr�ben vermochte.
Nicht allzu selten ist derjenige ja der st�rkste Wissenschaftler, dem
der Formelkram seiner Zeit den sogenannten gesunden Menschenverstand
nicht unterzukriegen vermag. Die Lehre von der z�ndenden Suggestivkraft
eines Schlagworts, einer Formel verdient wahrlich ein eigenes Kapitel in
der Psychologie.
Ist es also ganz sicher falsch, da� das �berwiegen des roten Blutes, des
Schleimes, der Galle im Blutsaft Ursachen der Temperamente sind, so ist
es doch unstreitig richtig, da� die Zust�nde der wechselnden
Erregbarkeit unseres "Blutes" ganz gut sich in diese vier kardinalen
Begriffe einreihen lassen. Ja, Kants weise Modifikation der
Kardinaltemperamente in Leicht- und Schwerbl�tigkeit, seine Einteilung
der Menschen in Warm- und Kaltbl�tige, kommt der Wahrheit schon recht
nahe. Nur klafft noch der eine Widerspruch: was hat das Blut mit der
gr��eren oder geringeren Schnelligkeit der Ausl�sung unserer Grund- und
Stimmungsgef�hle zu tun? Temperament ist ja Nervensache und nicht Sache
des Blutes und seiner Mischung. Da tauchen die Worte auf "leichtsinnig"
und "schwerf�llig", "gutm�tig", "schwerm�tig", "hitzk�pfig",
"Feuergeist" und verschieben den Vorgang richtiger auf Zust�nde der
Gesamtstimmung einer Seele.
Dieser Widerspruch w�rde schwer zu �berbr�cken sein, wenn nicht die in
diesen Bl�ttern schon mehrfach angedeutete Theorie von der Natur des
Blutumlaufes zwischen den einzelnen Gehirnelementen (Ganglien), als
eines Stromregulators, hier kl�rend eingriffe. Wir wollen sie an dieser
Stelle noch einmal kurz zusammenfassen. Das Gehirn ist ein
Orientierungsorgan f�r die Au�en- und Innenwelt. Diese Orientierung
geschieht durch Registrierung und Verbindung von Reizen, welche bewu�te
oder unterbewu�te Vorstellungen, Empfindungen, Impulse ausl�sen. Dem
Ablauf dieser einwirkenden Empfindung ist ein zeitliches Ma� gesetzt,
vermittels dessen die Wahrnehmungen nicht alle gleichzeitig den
Ganglienapparat best�rmen, sondern hintereinander ausgel�st werden.
Wahrnehmungen geschehen also gleichsam wie die telegraphischen Meldungen
vermittels eines st�ndig arbeitenden Unterbrechers, vermittels einer dem
Seelenstrom rhythmisch eingeschalteten Hemmung. W�re in unseren
wahrnehmenden Organen nicht eine solche intermittierende Hemmung am
Werke, so m��ten in jeder Sekunde Millionen Wahrnehmungen von allen
Organen der Sensibilit�t auftreten, und statt einer tastenden
Orientierung w�rde eine verwirrende, durcheinander brausende Disharmonie
entstehen. Man stelle sich einmal vor, wie qu�lend es sein m��te, zwei
Gedanken von gleicher St�rke zu gleicher Zeit zu empfinden, wieviel mehr
w�rde das ungehemmte Durcheinanderfluten aller nur m�glichen
Vorstellungen nebeneinander in demselben Zeitma� unser Bewu�tsein v�llig
aufheben! Nun sehen wir Gedankenflucht, Verwirrtheit, Ohnmacht,
Orientierungsunf�higkeit mit absoluter Sicherheit �berall da auftreten,
wo Blutleere eintritt, oder wo das Herz und die Blutgef��e ihre
rhythmische �berflutung �ber das Nervensystem aussetzen. Wir wissen, da�
eine fahle Bl�sse des Gesichts solche Zust�nde anzeigt, weil die
Gef��nerven alle solche Betriebsst�rungen mit Krampf und folgender
Blutentleerung beantworten. Da� das Gehirn an diesen Blutleerezust�nden
tats�chlich teilnimmt, kann man bei Operationen an er�ffnetem Sch�del
direkt beobachten. Da sieht man auch, da� im Schlafe das Gehirn ganz
entgegengesetzt der bisher landl�ufigen Meinung blutvoll ist und da�
diese Blutf�lle umschl�gt in Bl�sse, sowie der Betreffende erwacht. Das
konnte man bei einem Kinde mit entbl��tem Gehirn viele Male beobachten,
d.h. Blutf�lle beim Einschlafen, schnelle Blutarmut beim Aufwachen. H�lt
man dazu die Tatsache, da� alle Zust�nde des erh�hten Blutgehaltes des
Gehirns namentlich bei Blutstauungen mit Bewu�tseinsst�rungen im Sinne
der Schlafhemmung begleitet sind, so dr�ngt sich ein Gedanke auf, der
f�r die Beurteilung dessen, was wir Temperament nennen, von allergr��ter
Bedeutung ist, und der dem uralten Begriff der Leicht- und
Schwerbl�tigkeit eine ganz neue und moderne Fassung zu geben imstande
ist. N�mlich: das Blut hat in der Tat direkten und wesentlichen Einflu�
auf den Ablauf der Geschehnisse in unserem Nervensystem. Ist n�mlich die
Nervent�tigkeit bedingt durch die elektrischen Bewegungen �hnliche
Molekularerzitterung, so ist sie auch ein- und ausschaltbar, hemmbar,
ableitungs- und zuleitungsf�hig, d.h. beeinflu�bar im h�chsten Ma�e
durch die Natur der eingeschalteten Widerst�nde. Nun wissen wir,
da� um die Nervenzellen herum dauernd mit dem Herzpulse bewegt ein
Fl�ssigkeitsstrom kreist, der dem Blutstrome direkt entstammt, und
zwar in dazu vorgebildeten R�umen. Wir wissen ferner aus direkten
Beobachtungen am Widerstandsmesser f�r elektrische Str�me, da� das
Blut und die Bluts�fte hemmende Kraft besitzen. Darum mu� das mit
dem Blute in Verbindung stehende H�llgewebe der Nervenzellen ein
Nervenstromeind�mmer, ein Isolator sein. Ist dies richtig, so werden
also unsere Nervenbewegungen rhythmisch durch die isolierende Blutwelle
ein- und ausgeschaltet, und Anschl�sse sind nur da m�glich, wo im Spiel
der Gef��muskeln zeitweilig Entleerungen des Blutsaftes zwischen den
Gangliensystemen statthaben; umgekehrt sind Anschl�sse dann unm�glich,
wenn die L�cken zwischen den Systemen mit Hemmungssaft gef�llt sind. Das
dieses Entleerungs- und F�llungssystem beherrschende Organ ist die
Neuroglia, und diese ihr zugeschriebene Funktion ist der Inhalt meiner
Neurogliatheorie.
An der Hand dieser �berlegungen wird es nunmehr leicht, sich den Einflu�
des Blutes auf die Grundstimmungen unserer Seele klar zu machen. Ist der
Blutsaft von einer Zusammensetzung, welche den Bewegungswellen der
Nervenelemente von Natur starke Widerst�nde einschaltet, weil eben ein
solcher Saft eine Fl�ssigkeitss�ule darstellt, durch welche nur
schwerf�llig elektrische Entladungen stattfinden k�nnen, so hat der
Tr�ger eines solchen Blutsaftes eben ein phlegmatisches, langsam
aufnehmendes, schwerbl�tiges, erst nach vielfachem Anprall z�ndendes
Temperament; sein Gehirn hat, wie man sagt, buchst�blich eine ein
bi�chen langsame Leitung. Ist umgekehrt ein Blut von leichter
Durchschlagbarkeit f�r die elektroiden Spannungszust�nde im
Nervensystem, so w�rde sein Tr�ger leicht empf�nglich, schnell
ausl�send, schnell kombinierend, leichtbl�tig, sanguinisch sein.
Da h�tten wir also eine grundlegende Definition dessen, was wir
Temperament nennen: Temperament ist ein Ma� f�r die gr��ere oder
geringere Schnelligkeit der Ausl�sbarkeit und der Anschlu�f�higkeit der
Nervenspannungen, oder, weniger gelehrt ausgedr�ckt: Temperament ist
Sache der Widerstandsf�higkeit gegen Eindr�cke. Man kann also als gewi�
annehmen, da� jeder Mensch einen Grundrhythmus besitzt, vermittels
dessen er bei normaler Beschaffenheit seines Blutes mehr oder weniger
schnell Reize, Impressionen, Eindr�cke, seelische Attacken aller Art
verarbeitet, und da� dieser Rhythmus bei jedem Menschen ein anderer, in
gewissen Grenzen abweichender ist, wie das Rot, das ich sehe, eine
andere N�ance darstellt, als das Rot, welches ein anderer sieht. Dieses
Widerspiel zwischen Erregung von Nervenstr�men und dem Widerstand,
welchen sie im Seelenorgan mittels der Saftwelle finden, ist es also,
was das Temperament ausmacht, und man begreift sofort, da� dieser
Zustand nur ein im gro�en und ganzen konstanter sein kann, weil ja der
Zustand unserer Blutmischung nur summa summarum ein konstanter ist. Man
begreift sofort, da� es ein absolutes Gleichma� des Temperamentes nicht
zu geben vermag, da� wir heute morgen melancholisch und nachmittags
sanguinisch sein k�nnen, einfach deshalb, weil die Zusammensetzung
unseres hemmenden Blutsaftes wechselnd sein mu�, und da� hier der
Salzgehalt, die molekulare Zusammensetzung des Blutes, sein Reichtum an
Sauerstoff oder Kohlens�ure, die Beimengung fremder Substanzen, alles
Dinge, die von Stunde zu Stunde wechseln k�nnen, auch von Einflu� auf
das Dynamometer unseres Temperamentes sein m�ssen. Wir begreifen nun
auch leicht, warum ein bi�chen Alkohol, von dem Blutsaft eingesogen,
schon so schnell unser Temperament erhebt, aus einem Melancholiker einen
Lebensbejaher machen kann, weil eben der Ausgleich zwischen den erregten
Str�men eminent erleichtert ist, und es ist verst�ndlich, da� man die
Gifte alle einteilen k�nnte nach dem psychologischen Prinzip der
gr��eren Erleichterung oder Erschwerung elektrischer Stromleitung im
Nervensystem. Denn es ist immer der Blutsaft, der auch diese abnormen
Bestandteile zum Gehirn tr�gt und hier die �nderungen der
Nervenanschl�sse vollzieht, mag nun diese Zufuhr durch Au�engifte
(Alkohol, Morphium, Chloroform, Atropin) oder durch Innengifte
(Harns�ure, Galle, Eitergift, resorbiertes Bakteriengift, wie im Fieber)
geliefert sein. Man sieht gerade durch gesch�rften Blick f�r das
Psychologische am Krankenbett, wie sehr Blutsaft und Temperament im
Abh�ngigkeitsverh�ltnis zueinander stehen.
Nur mu� man sich die Angelegenheit nicht allzu mechanisch vorstellen.
Kompliziert wird die Sache dadurch, da� das Spiel der gr��eren oder
geringeren Zufuhr von hemmungsf�higen S�ften au�er von dem Pulse auch
vom Nervus sympathicus, diesem Urahnen der Nervensubstanz, beherrscht
wird, indem seine Steuerung der Stromenge und Stromweite beherrscht wird
von all dem dunklen Triebleben, mit dem eben die ganze Welt, ihre Sonnen
und ihre Finsternisse auf unserer menschlichen Seele spielen. Man hat
eben die Erregbarkeit dieses Wurzelgebietes unserer seelischen Kraft als
den notwendigen Vermittler zwischen Gehirn und Blutsafthemmung
aufzufassen. In ihm, in seinen �berall ausgedehnten Geflechten, welche
den ganzen K�rper durchsetzen, wie ein Urgehirn f�r sich, das schon
alles in sich tr�gt, was die Entwickelung Millionen unserer Vorfahren
erworben hat, haben wir den eigentlichen Herrn unseres Lebens, auch
unserer Allgemeingef�hle zu respektieren, und ob in uns Harmonie oder
Disharmonie, Lust oder Unlust herrscht, das wird wesentlich entschieden
durch die Strahlenaktivit�t der Milliarden Ganglien des Sonnengeflechtes
in unserem Leibe, das am Feuer der Blutbildung ebenso besch�ftigt ist,
wie an der Schmiede der Eisen- und Phosphormolek�le oder an der
Geburtsst�tte der Saatk�rner f�r die unz�hligen, vielleicht nie
geborenen neuen Menschen in uns. Wie diese Nervengrundstimmung ist, ob
lebensfroh zur Entwicklung und zur Sch�nheit dr�ngend, oder d�ster auf
Vernichtung, Ha� oder Verneinung gr�belnd, das ist nat�rlich daf�r
entscheidend, welche Mischung aus dem Zusammenbrausen aller dieser
Kr�fte entsteht: warum eben zeitweise ein Cholerischer phlegmatisch und
ein Melancholiker in dionysischer Ekstase erscheinen kann und umgekehrt.
Das ist auch die Erkl�rung, warum man schlie�lich ganzen Familien,
Sippen und V�lkern bestimmte Grundfarben der Temperamente zuschreiben
kann, weil eben das rhythmische Spiel des Sympathikus, dieser
Stammeswurzel der Menschheit, welche eingesenkt ist in Boden, Klima und
Heimatluft, welche gebunden ist an die Scholle mehr als mancher ahnt,
bestimmend ist f�r die gr��ere oder geringere F�lle, mit der eben der
eind�mmende Blutsaft die Hirnzellen umsp�lt.
TIERSEELE UND MENSCHENSEELE
F�r die Naturwissenschaft, welche heute noch in den etwas wackelig
gewordenen Geleisen des Darwinismus wandelt, ist es eine ausgemachte
Sache, da� der Mensch ein h�her organisiertes Tier, da� er gewisserma�en
nur die letzte, erhabene Kr�nung des Lebens sei, hervorgegangen aus den
unendlich mannigfaltigen Formungen und Ab�nderungen, welche die
Widerst�nde des Daseins auf die vorw�rtstreibende, dem Leben nun einmal
anhaftende Gestaltungskraft ausge�bt haben. Die hohen Geistesgaben, so
meint man, welche dem Menschen gestattet haben, eben Geist und Vernunft
in allen Dingen walten zu lassen, sind Steigerungen �berall auch im
Tierleben t�tiger Seelenkr�fte; die Seele des Menschen sei also nur dem
Ma� nach, nicht dem Wesen nach von der Tierseele verschieden (nur
quantitativ, nicht qualitativ). Da� die Naturforscher dieser Entthronung
des bisher souver�nen, v�llig unbestritten als Zentrum der Welt
aufgefa�ten Menschengeistes die Feindschaft aller M�nner des Glaubens an
Gott und den g�ttlichen Ursprung des Menschen verdanken, kann nicht
wundernehmen. Mit der Beweisbarkeit dieser Anschauung fiele ja nicht nur
die Sch�pfungslegende, welche ja immerhin ihren tiefen symbolischen Sinn
behalten k�nnte, sondern es st�rzte auch rettungslos die jedem Einzelnen
instinktiv innewohnende, �brigens uralte und noch lange nicht
ausgestorbene �berzeugung, da� der Mensch doch das Ma� aller Dinge sei.
_Copernikus_ gab mit seiner Einreihung der Erde als eines K�rnchen
Sandes in das brausende Meer der Gestirne diesem zentrierenden
Menschheitsgedanken (Anthropomorphismus) den ersten, _Darwin_ den
zweiten Sto�: mit der Idee einer sukzessiven Entwicklung.
Also ein Aufsteigen des Menschen langsam aus dem Staub der Erde oder dem
Urschlamme des Meeres! (Letzterer ist l�ngst ins Land der
naturwissenschaftlichen M�rchen gewandert: denn auch die Naturbibeln
haben ihre Legenden, nur soll man sie noch fester glauben als die der
Religionsb�cher.)
Eine Sch�pfung aus dem Erdenklo� zwar auch, aber nicht mit einem Schlage
aus der Hand und mit dem Odem Gottes, sondern durch die langsam durch
Jahrmillionen gestaltende Faust der Anpassung und Vererbung, wobei der
Trieb zur Vermehrung, das "Seid fruchtbar!" immer als etwas
Selbstverst�ndliches ohne Erkl�rung gelassen wird.
Es ist schlechterdings unm�glich, den Entwicklungsgedanken in den
Naturerscheinungen zu leugnen, ohne tausendf�ltigen Gesetzm��igkeiten,
Erfahrungen, Experimenten Gewalt anzutun, wenngleich zugegeben werden
mu�, da� der Darwinismus noch keineswegs mit demselben den
Sch�pfungsbegriff umst��t. Bekanntlich war Darwin gottesgl�ubig und mu�
wohl angenommen haben, da� der schaffende Gott eben die langsame
Entwicklung dem beseelten ersten Lebenskeime eingehaucht hat, wodurch
das Sch�pfungswunder wahrlich nicht weniger staunenswert und herrlich
erschiene. Was dem gl�ubigen Naturforscher Demut abzwingt, ist eben das
Wunder der unendlichen Entwicklungs_m�glichkeit_ des Lebens, der
Milliarden Variationen am gleichen Typus, der Unersch�pflichkeit der
Mittel zum Anpassen an unz�hlige Widerst�nde und geheime
Schwierigkeiten, endlich das unverkennbare Zweck_bewu�tsein_ der sich
vorw�rts entwickelnden lebendigen Masse. Die Sch�pfung, die der
Gottesmann im Herzen tr�gt als _einmalige_ f�r ihn denkbare M�glichkeit
der Entstehung von Welt und Mensch, ist eben f�r den Naturforscher
st�ndig f�r einst, jetzt und alle Zeiten stumm am Werke; das ist
eigentlich der ganze Unterschied. Eine Frage trennte die beiden
Weltanschauungen, aber viel tiefer und scheinbar un�berbr�ckbar,
uferlos: das ist eben jene schon angedeutete: kann wirklich der
Menschengeist als eine h�here Stufe Tiergeist definiert werden? Es m�ge
mir erlaubt sein, einige Gr�nde beizubringen, welche gegen eine solche
Auffassung von der einfachen Steigerung der Tierseele in die
Menschenseele sprechen. Unstreitig sind in den nerv�sen Apparaten,
welche das Leben im Tiere und im Menschen regulieren, eine gro�e Anzahl
Einrichtungen und Funktionen anzutreffen, welche v�llig identisch
arbeiten und nur gradweise Unterschiede erkennen lassen, alle
Sinnesorgane, alle Reflexe und automatischen Bewegungen, alle bewu�ten
oder unbewu�ten Mechanismen des Stoffwechsels und der Fortpflanzung, die
Mechanismen der Liebe und des Hungers--alle diese anatomischen und
funktionellen Dinge sind gleicherweise im Nervenapparat von Tier und
Mensch vorhanden: manchmal dies oder jenes beim Menschen vollkommen und
h�her entwickelt, manchmal--und das ist sehr bemerkenswert--auch in
entschieden h�herer Entwicklung beim Tier als beim Menschen, z.B. der
Gesichtssinn beim Raubvogel, die Witterung bei Hund und Reh, die
Automatien der Bewegungen bei der fallenden Katze, beim Hund und
Pferd[1]. Wo aber liegen denn die eigentlichen Unterschiede zwischen
Tier- und Menschenseele, dergestaltige Abweichungen, da� von einem
Gradunterschied gar nicht die Rede sein kann? Wir meinen, da� es
offenkundig genug ist, da� solche essentiellen (wesentlichen)
Unterschiede in H�lle und F�lle bestehen, welche alle auf ein
einheitliches Prinzip zur�ckzuf�hren sind. Der Unterschied wird
bemerkbar zun�chst in rein historischem Sinne: alle Daten der Geschichte
beweisen, da� der Mensch sich zum mindesten in bezug auf seine
Lebensgewohnheiten im Lauf relativ sehr kurzer Zeitl�ufe gr�ndlich
ver�ndert, da� er sozusagen seine Lebensweise in breitesten Grenzen
aktiv vorr�ckt, w�hrend das Tier von Anbeginn seines Auftretens
auf der Erde, vom Moment, an wo der Hirsch Hirsch, der Vogel Vogel
war, aktiv an seiner Lebensart nicht das geringste ge�ndert hat.
Nicht einmal Ortsver�nderungen, geschweige Nahrung, Liebesleben,
Wohnungsverh�ltnisse, Bewegungsmittel usw. haben die geringsten,
aktiven Variationen erfahren.
Fu�note 1: Ein Beispiel daf�r war im Zirkus Schumann vor einiger Zeit
zu sehen. Auf einer von langsamer Drehung zu immer rasenderer Eile
getriebenen Drehscheibe wurden erst Menschen und dann Tiere postiert.
W�hrend die Herren der Sch�pfung sehr bald abgeschleudert wurden,
vermochten die Tiere sich durch schnellste Anpassung an die Bewegung
"auf dem Platz" m�helos auf der sausend rotiereuden Drehscheibe
galloppierend zu halten.
Man kann also sagen: Die Lebensbedingungen der Tiere waren in
historischen Zeiten konstant, w�hrend ein �berirdischer Historiograph
den Pfahlbauer und den kommandierenden General zu Pferde wahrscheinlich
f�r zwei ganz verschiedene Lebewesen mit Recht verzeichnen w�rde. Ebenso
stabil ist das Tier geblieben von Anbeginn seines Auftretens in bezug
auf die Erkenntnis seiner Stellung zum Weltganzen, w�hrend der Mensch
sein Verh�ltnis zur Natur um ihn und in ihm einer dauernden Betrachtung
unterzogen hat, was ihn neben anderem auch dazu gef�hrt hat, Herr von
Tieren und von Naturkr�ften zu werden, wovon bei Tieren in beiden
Hinsichten auch nicht das geringste zu bemerken ist. F�gen wir hinzu,
da� bei Tieren nichts zu sehen ist von einer bewu�ten Kunst und bewu�ten
Ethik (alle darauf bez�glichen Beispiele geh�ren in das Gebiet
automatischer, reflektorischer Nervent�tigkeiten, sind also Handlungen
aus _Mechanismen_, nicht aus _Motiven_ heraus), so meinen wir die
hervorstehenden differenzierenden Merkmale zwischen Tier- und
Menschenseele wenigstens symptomatisch angegeben zu haben. Worauf
beruhen nun diese erkennbaren Unterschiede?
Folgen wir dem Entwicklungsgedanken, so mu� mit dem Menschen eine
durchaus neue seelische Kraft aufgetreten sein, es mu� mit ihm ein
Prinzip zur Erscheinung und Wirkung gekommen sein, von dem vor seiner
Erschaffung nichts auf der Erde beobachtbar gewesen sein kann, weil
alles, was mit dem Menschen entstand, erst durch dieses neue Prinzip
m�glich wurde. Wenn wir nicht annehmen wollen, da� wirklich das, was wir
Menschenseele nennen, ein Ding f�r sich ist, ein metaphysisches,
unerh�rtes Wunder, mit dem uns der Geist der Natur begabt hat--eine
Anschauung, welche wohl unwiderlegbar sein d�rfte als die eine denkbare
M�glichkeit--so m�ssen wir zum Erfassen einer anderen M�glichkeit eine
Hypothese einf�hren, welche vielleicht wahrscheinlicher und einf�gbarer
in den Entwicklungsgedanken ist, als jene des unvermittelten Eingreifens
einer �bernat�rlichen Macht in den Ablauf der Dinge.
Machen wir uns zuv�rderst einmal die seelische Stellung des Menschen zum
Weltganzen ganz klar. Das Wunderbarste und Verbl�ffendste an dem
Verh�ltnis einer sch�pferischen Natur zum Menschen ist die Tatsache: da�
sich das fortentwickelnde Leben Organe (Nervensubstanz, Gehirn, Seele)
geschaffen hat, die f�hig sind, dieses Leben zu begreifen, die durch
Entwicklungen seelischer Kraft dazu gef�hrt haben, _da� die entwickelte
Materie sich selbst begreift_. Nehmen wir einmal an, um ein Bild zu
gebrauchen: Die Sonne w�re der Quell aller Dinge, so best�nde das Wunder
darin, da� die Sonne sich das Menschenauge zu einem Spiegel ihrer
eigenen Sch�nheit und aller ihrer Eigenschaften erschaffen habe. So
schuf die gesamte Natur den Menschengeist, um sich in ihm ihrer selbst
und ihrer Gesetze allm�hlich ganz bewu�t zu werden. Es k�nnte fraglich
sein, ob dieses Wunder nicht _nur_ auf der Erde und keinem anderen
Gestirn geschehen ist, so da� die kleine Erde doch der geistige
Mittelpunkt des Universums sein k�nnte, sein _einziger_ Spiegel. Denn
unstreitig ist der Mensch f�hig, sich von der Gesamtnatur, von den
letzten Dingen eine Vorstellung zu machen, in sich ein Bild der Welt aus
seinen Gedanken zu erzeugen. Wenn man nun bedenkt, da� jeder unserer
Gedanken in seiner Entstehung genau so materiell sein mu� wie eine
vorbeifliegende Bleikugel, da� er sekund�re Wirkungen haben kann, welche
die gr��esten materiellen Katastrophen (Explosionen, Felssprengungen
usw.) hervorrufen, so erhellt erst recht der kolossale Schritt, welchen
die Natur in der Hinzuf�gung der seelischen Kraft zur Entwicklung
gemacht hat. Wenn wir nun nicht zugeben wollen, da� eben diese Kraft der
sich selbst bewu�te Geist des Sch�pfers ist, womit alle Forschung
aufh�ren w�rde, so ist man gezwungen aus einem anderen, weniger
�bernat�rlichen Prinzip heraus das Auftreten der menschlichen
F�higkeiten in der Kette der Entwicklungen wenigstens hypothetisch zu
erkl�ren.
Da die bei Tieren beobachtbaren psychischen T�tigkeiten nicht
ausreichen, um die Seele des Menschen als eine Steigerung dieser
Aus�bungen zu definieren, da wir andererseits von einem Eingreifen einer
metaphysischen Macht absehen wollen, so bleibt nichts �brig, _als der
Nervensubstanz der menschlichen Seelenorgane eine im Tier nicht
beobachtbare neue Funktion zuzuschreiben_. Diese neue Funktion ist die
F�higkeit der menschlichen Nervenmasse, nicht nur in der einen Richtung
von der Reizstelle zum Wahrnehmungszentrum zu schwingen, sondern auch in
umgekehrter Richtung vom Wahrnehmungszentrum zur Reizstelle bewegt zu
werden. Auf dieser Funktion beruht unsere F�higkeit, z.B. ein Pferd mit
Farbe, Form, Schatten und Licht und allen anderen Eigenschaften nicht
nur zu sehen, sondern es auch von nunmehr neu zu erzeugen. Gerade wie im
Kinematoskop durch Abrollen von tausend Einzelbildern eine wirkliche
Form und Bewegung eines tats�chlichen Bildes entsteht, so ist der
Mensch, und nur er allein, imstande, von innen heraus, aus dem
funktionellen Betrieb seiner Ganglienzellen heraus die Welt mit allem,
was wahrgenommen und gedacht werden kann, neu entstehen zu lassen.
Mit einem Worte: die _Phantasie_, als eine besondere Funktion der
menschlichen Nervensubstanz erfa�t, ist es was den Menschen aus dem
Tierreich so hoch und herrlich heraushebt, da� man wohl sagen darf:
gewi� ist der Mensch tierisch in seiner physischen Natur, aber er ist
Gottes Ebenbild in seiner psychischen Natur. Wohl ist er das h�chste
Tier, aber zugleich auch eine Vorstufe zu h�heren Wesen. Das letzte Tier
der Erde, der erste Gott dieser Welt, das ist der Mensch!
GLAUBE UND WISSENSCHAFT
Die Stellung des Menschen und des seiner Beobachtung Zug�nglichen im
Weltganzen zu begreifen--diese uralte Sehnsucht ist der gemeinsame
Quell alles Wissens und jeden Glaubens. Wie zwei sich ewig befehdende
K�niginnen im Geisterreiche stehen sie sich gegen�ber und sind
doch Geschwister von derselben Mutter aller Erkenntnis--der
Kausalit�t--geboren, Glaube und Wissenschaft. Da� bisher nie ein
ehrlicher Friede zwischen diesen beiden Denkungsarten und ihren
Vertretern m�glich war, ist im Grunde um so verwunderlicher, als es ja
bei gleichem Ursprung und bei gleichem Ziel eigentlich nur ein Streit um
die Methode ist, der sie trennt. Was bei dem Glauben die innere, selige
�berzeugung, die Ahnung, die Offenbarung ist, das ist beim Wissen die
widerspruchslose Hypothese, die alle Erscheinungen deckende gedachte
Gesetzm��igkeit. Sind das nicht im Grunde vielleicht dieselben
Funktionen unseres Seelenapparates, die in dem einen wie dem anderen
Falle zu einer unverr�ckbaren Einstellung unserer logischen T�tigkeiten
auf einen bestimmten Zentralpunkt f�hren, der in der Art zwingender
Selbstsuggestion die Ausgangsstelle aller Schlu�folgerungen darstellt?
Nichts ist machtvoller als die Formel. Sie rei�t den einzelnen in
unwiderstehlicher Suggestivkraft in den Bann ihrer Kreise, sie hat
infekti�se Kraft und vermag die Massen in geradezu epidemischer Weise
unter ihr Banner zu zwingen, wie eine Armee unter das Symbol einer
Fahne. Was mag das Wesen der Formel, des Schlagwortes, des erl�senden
Gedankens, der Suggestion eines sich aufzwingenden, epocheschaffenden
Begriffes sein?
Wenn der Entwicklungsgedanke richtig ist, so ist Denken ein Wachstum, so
geh�rt ein Heranreifen der einzelnen Elemente unseres Denk- und
Empfindungsorganes dazu, um einen Gedanken, d. h. dem Zusammenklang so
und so vieler Akkorde erzitternder Ganglienelemente die immer n�tige
Resonanzfl�che zu schaffen. Das geschieht, "wenn die Zeit gekommen" ist,
wenn das Ackerfeld des augenblicklichen Entwicklungsstandes des
organischen Saatfeldes vorbereitet ist f�r den neuen Keim.
Das Aufd�mmern neuer Kombinationen von Ganglient�tigkeiten in einem
Gehirn (dem genialen), das erstmalige Aufleuchten anschlu�bereiter,
bisher nicht durchleuchteter Gebiete w�rde verl�schen wie eine
Sternschnuppe an dem Horizonte des Bewu�tseins der Mitlebenden, wenn
nicht im Stillen gleichm��ig eine Z�ndfl�che in mitgeborenen Gehirnen
geschaffen w�re; wie es ja oft genug geschehen ist, da�
entwicklungsgem��e Gedanken erst Jahrhunderte sp�ter ein tragf�higes
Ackerland in den Seelen der Nachgeborenen erhalten haben. Diese
Z�ndkraft wohnt genialen Gedanken eben deshalb inne, weil die
Entwicklung der meisten Gehirne einer Epoche ziemlich gleichm��ig
herangediehen ist an die letzte, entscheidende Ausl�sung, die nur Einem,
manchmal auch Mehreren (nur Unkundigen �berraschend durch ihre
Gleichzeitigkeit) gelingt. Jahrhunderte lang kann eine Idee vorbereitet
sein, bis in einem Geiste der Prometheusfunke durchbricht, und wie einst
Goethe gesagt hat: das Auge mu� sonnen�hnlich sein, wenn es die Sonne zu
sehen vermag, so f�llt dieser Funke auch in nerv�se Systeme, welche
spezifisch empf�nglich sind f�r das ihnen gebrachte Licht. Das ist dann
in der Tat ein Vorgang, der mit der Infektion durchaus vergleichbar ist,
weil auch bei ihr eine Disposition unbedingt dem Haften des
Ansteckungsstoffes vorangehen mu�. Formeln also, welche in der
Entwicklungsrichtung der menschlichen Geistesapparate gelegen sind, sind
deshalb so suggestiv, weil ja die Mitgehirne schon warten auf einen
Anschlu�reiz, dem sie entgegengewachsen sind. Ist diese Anschauung von
dem buchst�blichen Heranwachsen der Geisteselemente zu neuen Aufgaben
richtig, und alle Forschung und Erfahrung scheinen sie zu st�tzen, so
kann man sagen, da� alles Objektive, alles sogenannte Allgemeing�ltige
naturgem�� einem Wandel unterworfen ist und da� das Objektive bei seinem
erstmaligen Auftreten zun�chst erst die Wahrheit eines Einzelnen, d.h.
etwas durchaus Subjektives gewesen ist. Die eine Wahrheit anerkennende
Mitwelt steht also unter der Suggestivkraft eines Genies, solange bis
eine noch zwingendere subjektive Kombination diese "Wahrheit auf Zeit"
abl�st. Dieser Tatbestand trifft nun den Glauben ebenso wie die
Wissenschaft. In gro�en Perioden wechselt der Glaube ebenso wie die
Wissenschaft ihr Gewand. Da die Sehnsucht, das R�tsel der Welt zu l�sen,
in jedem Gl�ubigen nicht minder wie in dem Wissenschaftler die Ursache
der Annahme dieser oder jener ihn ganz erf�llenden �berzeugungen ist, so
kann es nicht wundernehmen, da� eine gro�e Reihe von Parallelen sich
aufstellen lassen zwischen der Entwicklungsgeschichte der Religion und
der Wissenschaft. Da es sich aber um dieselbe Funktion der Seele in
beiden F�llen handelt, so kann die Berufsf�rbung, welche unab�nderliche
Vorg�nge unseres Geistesapparates erfahren, nicht weit genug gehen, um
diese Gleichrichtung des inneren funktioneilen Betriebes zu verwischen.
Ich kann an dieser Stelle nicht diese funktionelle Parallele zwischen
Wissenschaftlern und Glaubensm�nnern bis ins Einzelne durchf�hren, es
m�ge gen�gen, auf einige naheliegende �hnlichkeiten hinzuweisen, um
wieder einmal daran zu erinnern, wie m��ig es eigentlich im Grunde ist,
wenn, wie das so oft geschieht, zwischen Theologen und Naturforschern
gespannte und sich gegenseitig exkludierende Feindseligkeiten er�ffnet
werden.
Ich w�rde nicht wagen, den lieben Gott vom Standpunkte der Wissenschaft
eine zwar wahrscheinliche, aber unbewiesene Hypothese zu nennen, wenn
nicht ein Mann, dem es um den Namen Gottes heiliger Ernst ist, den Spie�
mit vollem Recht sofort umkehren und der Wendung ihre blasphemische
Sch�rfe nehmen k�nnte, indem er einem solchen Naturforscher antwortete:
"Umgekehrt, lieber Freund, mit jeder deiner Hypothesen umschreibst du
nur den Gottesgedanken." Da in der Tat eine Wissenschaft ohne Hypothese
niemals zu grundlegenden Gesetzen kommen w�rde, es bisher auch nicht
m�glich war, Wissenschaft ohne Hypothese zu treiben, so mu� man zugeben:
auf beiden Seiten ist ein gro�er Unbekannter, und je nach Temperament
und Erziehung wird auf der einen Seite mit Ehrfurcht personifiziert und
symbolisiert und auf der anderen Seite mit k�hler Logik analysiert, was
�brigens die Ehrfurcht nicht ausschlie�t. In beiden F�llen aber ist
eine gedachte, substituierte, der �u�eren Erfahrung nicht zug�ngliche,
nicht beschreibbare, fa�bare und erkennbare Grundmacht der Urgrund
aller Dinge. Ist die hypothetische Durchdringung aller Materie mit
dem �ther, seine Erf�llung des Weltraumes an jeder Stelle etwas
anderes als die Allgegenwart Gottes, nur in naturwissenschaftlicher
Formel? Ist das Gesetz von der Erhaltung der Kraft nicht der uralte
Unsterblichkeitsgedanke nur in physikalischer Fassung?
Gibt es eine besondere Lebenskraft, und die moderne Naturwissenschaft
n�hert sich mit dem Neovitalismus bedenklich dieser M�glichkeit, so ist
die Unsterblichkeit auch geistiger Funktionen nicht mehr au�er dem
Bereiche naturwissenschaftlicher Denkweise. Der Glaube an die Einheit
der Kraft (Monismus), hat er nicht verzweifelte �hnlichkeit mit dem
Monotheismus der Juden, dem ebenso ein Polytheismus voranging, wie dem
Monismus eine auf viele Einzelkr�fte aufgebaute Kraftlehre? Und
weiter--der nie verschwindende Dualismus der Philosophie, die
Gegen�berstellung von Kraft und Stoff, von Gott und Teufel, von Energie
und Widerstand, sind es nicht alles Bezeichnungen f�r funktionelle
Vorg�nge in unserer Seele, welche jedem Menschengehirn eingewurzelt
bleiben, mag Zufall und Wahl seine Tr�ger nun zur Gemeinschaft von
Priestern oder von Naturwissenschaftlern gef�hrt haben? Es ist eine
nicht mehr zu bestreitende Tatsache, da� die Naturwissenschaft ebenso
dogmatisch sein kann wie die Kirche. Das eigensinnige Festhalten an
Voreingenommenheiten, �berlieferungen und bequemen Gewohnheiten ist eben
ein allgemein menschliches Hindernis f�r den Fortschritt, ganz gleich,
ob es sich in Kirche, Staat oder Laboratorium bekundet. Wir haben
Unfehlbarkeitsanwandlungen hier wie dort, und die P�pste der
Wissenschaft sind nicht weniger intolerant gewesen als die der Kirche
und sind es noch.
Es gibt Wissensmonopole ebenso, wie es Erkenntnismonopole gibt. Die
konsequenten Negierer in der Wissenschaft sind die Zwillingsbr�der der
Atheisten. Der Wille zur Macht ist auf den Akademien nicht weniger am
Werke als in den Konsistorien. Die Intoleranz, die Proselytenmacherei,
die Verketzerung anders Gl�ubiger und tausend andere Menschlichkeiten
hier wie dort.
Alle diese Beispiele beweisen schlagend, da� die allgemein menschlichen
Funktionen einer Seele, die Art des mechanischen Ablaufes geistiger
Bestrebungen nicht durch den Beruf oder das Amt wesentlich modifiziert
werden k�nnen, da� die menschliche Seele als Funktion eine Einheit
bedeutet, da� alle Menschlichkeiten in jedem Beruf sich ereignen m�ssen
und da� im speziellen der Priester mit dem Vertriebe und der Propaganda
seiner Lehren nicht anders verf�hrt als der Wissenschaftler. Nirgends
wird die Parallele dieser Funktionen deutlicher als in einem Vergleich
zwischen Priestern und �rzten, die beide als die praktischen
Verwirklicher religi�ser oder wissenschaftlicher Ideen zu gelten haben.
Es m�ge ein kurzer Vergleich dieser beiden Berufsarten hier gestattet
sein.
Weniger die Priester als die �rzte d�rften erstaunt sein, wenn man den
Nachweis versucht, da� diese beiden T�tigkeiten tief im Wesen verwandt
und verkettet sind, nicht nur durch die gemeinsame F�rsorge um den
Einzelnen, dort in seelischer, hier in k�rperlicher Beziehung; ein
Vergleich, der sich geradezu aufdr�ngt und nicht nur in der Forderung
wurzelt, da� in jedem Arzt etwas Priesterliches sein m�sse, sondern viel
mehr noch in der Methode der Einwirkung auf den seelisch und k�rperlich
Notleidenden bei n�herem Zuschauen offenbar wird. Die Gleichheit liegt
in dem Angriffspunkt des menschlichen Elends, des Leids, des Kummers,
der Not, des Schmerzes bei beiden. Der Priester tr�stet die Seele und
hypnotisiert sie, rei�t sie hinweg mit den befreienden Ideen des
Hinweises auf ein Jenseits, auf eine ausgleichende Gerechtigkeit im
Reiche h�herer als irdischer M�chte, psychologisch gesprochen, er erhebt
die Seele �ber die Gegenwart mit der Suggestion einer gro�en Hoffnung,
gegen welche das Irdische in ein Nichts versinkt, und der Arzt erreicht
mit dem Schlaf, direkten chemischen Alterationen des Gehirns, mit
Morphium, Narkose und An�stheticis eine funktionell der Hypnose ganz
nahe stehende Bewu�tseinst�uschung �ber den Zustand der Gegenwart. In
dem einen Falle Hypnose auf dem reflektorischen Wege durch
Gedanken�bertragung, in dem andern auf dem Wege der chemischen
Alteration der Hirnfunktion. Dinge, die in ihrem Mechanismus vielleicht
verwandter sind, als man heute noch allgemein zugeben m�chte. Verfasser
hat den Versuch unternommen, f�r die Narkose, f�r die Schmerzlosigkeit
Prinzipien aufzustellen, welche auch f�r die Giftwirkungen die Ausl�sung
physikalischer Vorg�nge bedeuten, und glaubt damit alle Formen der
Bewu�tseinseinschl�ferung auf einen einheitlichen Mechanismus, den der
physikalischen Hirnhemmung zur�ckgef�hrt zu haben, so da� einem Menschen
auf dem Wege der Verbalsuggestion Trost zu bringen, f�r den
Seelenmechanismus nichts anderes bedeutet als die Einverleibung gewisser
beruhigender Medikamente: in beiden F�llen geschieht ein Appell an
denselben Mechanismus: Eind�mmung, Einengung, Blendung, Hemmung des
Bewu�tseins. Was Priester und Arzt gro� und m�chtig macht, ist dasselbe:
die starke, suggestive Kraft ihrer Pers�nlichkeit, welche in beiden
F�llen trotz aller zwingenden Gewalt der Heilmittel im letzten Grunde
nicht entbehrt werden kann. Der eine hat sein Trostmittel, die Religion,
der andere sein Heilmittel in der Hand; wie sie aber wirken, ist nicht
allein im religi�sen Gedanken an sich, nicht allein im Heilstoff an sich
begr�ndet, sondern bedarf in beiden F�llen der Zutat tiefgreifender
Glaubensstimmung, welche erst recht die Pforten der Seele �ffnet f�r den
Eingang der Heilswahrheiten und -Wirkungen. Die Sonne der Hoffnung mu�
von beiden gleicherma�en belebend in das Dunkel der verzagten Seele
ausstrahlen. Wie oft ist die fromme L�ge, die Heiligung der Mittel durch
den idealen Zweck den Priestern gerade von den freidenkerischen �rzten
vorgeworfen worden, und welchen Arzt g�be es, der um ein St�ck "frommer"
L�ge, um eine gute Dosis bestgemeinten Jesuitismus herumk�me? Nein, ganz
gewi� ist der Arzt berufen, das Erbe des Priesterstandes auf sich zu
nehmen, und wird dieser Funktion nicht eher gerecht, als bis er bewu�t
und ohne Verschleierung den Methoden der Glaubensm�nner in gerechter
W�rdigung mehr Ehrfurcht als bisher zu zollen bereit ist. Ist wirklich
die Wirkung aller der herrlichen Heilquellen so wesensverschieden von
dem "Lourdes" der Gl�ubigen? Ist nicht mancher Kurort wie ein
Wallfahrtsort, ja spielt nicht das Rezept bisweilen die Rolle eines
Abla�zettels f�r S�nden des Genu�es, hat nicht die Medizin immer noch
den alten, psychologisch auch tief begr�ndeten Brauch, hier und da
Rezepte zu verschreiben, ut aliquid fieri videatur? Wie viele Gl�ubige
pilgern im Sommer nach Karlsbad oder Marienbad mit der stillen Hoffnung,
die hier vergebene S�nde im folgenden Winter reichlich nachholen zu
k�nnen!
Die Medizin kennt P�pste und Episkopate; der Glaube an die Chemie ist so
stark und dogmatisch, wie nur irgend eine Heilswahrheit, und die Zeiten
sind dagewesen, wo wissenschaftliche �berzeugungen die Herrschergewalt
von Staatsreligionen besessen haben, in denen Ketzern und
Andersgl�ubigen der wissenschaftliche und materielle Ruin sicher war. An
die Stelle des Totmachens durch die Inquisition und des Ketzergerichts
ist oft genug das noch wirksamere Totschweigen getreten, der Boykott,
das Abr�cken, das Verfehmen, das in modernen Zeitl�ufen, nur scheinbar
schonender, dem "Protestanten" den Strick oft genug gedreht hat. Die
Geschichte aller Wissenschaften kennt Beispiele von krassester Dogmatik,
Ketzerhinrichtung und Bannbullen, und die Szene des zum Widerruf
gezwungenen Galilei wiederholt sich alle Jahrhundert mehrmals.--
Ist hier an einem Beispiel gezeigt, wie nahe sich in praktischer
Anwendung Wissenschaft und Glaube ber�hren, so ist ihre Verkettung in
ideeller Hinsicht eine noch viel weiter und tiefer gehende. Die
Vertreter echter Wissenschaft sind von jeher dem Felde ihrer Probleme
genaht mit einer tiefen und heiligen Ehrfurcht, die sich in
psychologischer Hinsicht nur wenig unterscheiden d�rfte von dem Gef�hl
der Demut, mit welchem der echte Priester vor den Altar tritt. Ja noch
mehr, dem ehrlichen Forscher wird mit dem Zuwachs seines Wissens stets
ein Staunen �ber den unbegreiflichen Reichtum der Natur Hand in Hand
gehen, und eine Kette von Offenbarung und Wundern wird ihm die
durchforschte Au�enwelt aufweisen, genau wie dem Religionsmann die
tiefdurchsonnene Innenwelt. So weit der sp�rende Spaten auch reicht,
�berall wird er auf Granit des Unergr�ndlichen im letzten Sinne sto�en
und wird, falls er gerecht ist und f�hig, die Probleme psychologisch zu
begreifen, in h�chster Toleranz Jedem sein Recht lassen, sich �ber
undefinierbare Dinge eine Meinung nach seiner Fasson zu machen. Denn er
wei�, da� Dinge des Gem�tes und der Phantasie weder zu st�tzen noch zu
widerlegen sind mit den Waffen des Intellektes. Es gibt eine Einheit des
wissenschaftlichen und des religi�sen Denkens, die sie beide der Kunst
n�hert: die Phantasie. Ohne sie g�be es keinen neuen, fruchtbaren
Gedanken, ohne sie w�re aber auch kein Glaube m�glich. Dieser sch�pft
aus den Tiefen des Gem�tes, jener aus denen des Verstandes. Nie wird
eine Wissenschaft das religi�se Empfinden ausl�schen k�nnen, nie aber
auch kann ein Glaube den Resultaten der Wissenschaft sich
entgegenstellen. Ein Mann des Gottesglaubens, wie Goethe, konnte ein
fruchtbarer Forscher sein, und ein Mann der k�hnsten Gedanken der
Wissenschaft, ein Newton, konnte ein strenggl�ubiger Kircheng�nger sein.
RAUSCH
Rausch--welch ein wunderbares, eine F�lle tonmalerischer Ankl�nge in
sich bergendes und weckendes Wort! Ein Lautsymbol merkw�rdigster und
tiefgreifendster Art. Tauchen aus ihm doch Laute empor und klingen ans
Ohr, die an ein sch�umendes Wehr, an ein gurgelndes Wellenspiel, an ein
im Sturme zitterndes Bl�ttermeer gemahnen, �hnlich wie ein diskretes
Parf�m von Veilchen die dazu geh�rige Wiese und den Wald, Himmelsblau
und Freiheitsgef�hl der Seele aufzun�tigen vermag. Wie treffend, ja
ersch�pfend wird in diesem Sprachgebrauch der eigentliche Seelenzustand,
der den "Rausch" bedingt, und den wir gleich kennen lernen werden,
direkt beschrieben, einfach und fast sicherer, als es die
kompliziertesten Hilfsbegriffe der Wissenschaft zu tun verm�chten. Woher
stammt der ahnenden Seele der Volkssprache diese tiefgr�ndige Weisheit,
da� sie oft schon alle Geheimnisse vorgeahnt zu haben scheint, welche
die gr�belnde Wissenschaft auf m�hsamen Umwegen oft auch nicht tiefer zu
entschleiern vermag? Eine Frage, die uns zwingt, anzunehmen, da� unsere
Sprachbegriffe vielfach nichts anderes sind als eine symbolische
Projektion psychologischer Vorg�nge im inneren R�derwerk der Seele nach
au�en. F�rwahr, die Sprache ist eine der reichsten Fundgruben unserer
Seelenkunde, wenn auch bisher noch eines Bergmannes harrend, all ihre
Sch�tze zu heben. Das mag einmal beleuchtet werden an diesem Beispiel
der Beziehungen der berauschten Seele zum Rauschen und Brausen bewegter
kleinster Teilchen, m�gen es nun Tropfen der Regenflut, Halme des
Grases, schwingende Saiten der �olsharfe oder die zitternden
Phosphorsternchen im Filigran unserer Seele, die Ganglien des Gehirns,
sein.
Wer doch einen Blick hinein tun k�nnte in den feinmaschinellen
Pr�zisionsbetrieb der f�nfzehn Millionen schwingender, webender,
gleitender, aufzuckender und aufleuchtender kleinster Ganglienkugeln da
hinter dem steilen Altar unserer Gedanken; etwa hinter die Stirn eines
vollendet arbeitenden Gehirnes, das dem eines _Goethe_, eines
_Helmholtz_, eines _Beethoven_ ebenb�rtig w�re! Wer nur, wie der
denkendste aller Dichter, Hebbel, zum schlafenden Kinde sagt, einmal in
seine Tr�ume sehen k�nnte--dem w�re alles, alles klar! Denn, was nutzt
es uns, das Gehirn der Abgeschiedenen hin und her zu wenden, es in
feinste Scheibchen zu zerschneiden--im lebendigen Spiel, in jauchzender
Arbeit, im Rausch des Lebens m��ten wir es schauen, wollten wir den
ganzen Gespensterreigen in dem geheimnisvollen Gef�� erhabenster
Gedanken �berblicken! Und doch: die Technik unserer Tage, emporgereift
zu einer Werkstatt gar f�r Menschenfl�gel durch das Reich der Luft, an
ihrer Spitze die Elektrizit�t, gibt uns vielleicht doch Bildermaterial
und Zeichenstifte genug, um freilich in den Kinderschuhen der naivsten
Erkenntnis einmal den Versuch zu wagen, so etwas wie einen Rundgang
durch den Bildersaal des seelischen Betriebes zu unternehmen.--Da h�ngen
die Millionen feinster kleiner Sternchen (Ganglienkugeln) in einem
Maschennetz, so zart, da� Spinngewebe dagegen Schiffstaue oder
Ankerketten sind; wie feinste Tr�ubchen im Spalier, wie Windenbl�ten am
Drahtgitter sind sie ausges�t und senden aufleuchtend ihre
Feuerstr�hlchen aufeinander zu. Denn wenn der millionenfach gespaltene
Fingerstrahl der Sonne, umgeformt in Millionen Arten von Au�enweltreizen
oder Innenweltgeschehnissen, an ihre Aufh�ngeschn�rchen r�hrt, dann
blitzen sie vielleicht auf mit hellen oder dunklen Lichtwellen (die
gibt's jetzt n�mlich auch), zittern und machen es wie die Sender und
Empf�nger der Marconi-Platten: sie haben sich etwas mitzuteilen,
irgendeine Form der Milliarden M�glichkeiten von Bewegungswellen, von
Rhythmen, von Interferenzen und harmonischen oder disharmonischen
Vorg�ngen au�erhalb dieser mikroskopisch kleinen Telephonzentrale der
Seele. Da klingen an oder leuchten auf vielleicht allein 4000 solcher
Sandk�rnchen der Weisheit gleichzeitig, und dann wei� es die Seele: der
Menschenfinger hat eben etwas gl�hend Hei�es gefa�t, 5000
Muskelumschalter kurbeln schnell die Scheinwerfer der Erkenntnis, die
Augen, auf den Fingerpunkt, und indem andere Tausend f�r blitzschnelles
R�ckw�rtssteuern der Handbewegung sich zitternd ins Zeug legen, meldet
der reflektierte Strahl an die Netzhaut im Auge und an die dahinter
liegenden anderen 10 Tausend, 100 Tausend, 1000 Tausend Sternchen, alle
in verschiedenen Kombinationssystemen aufgescheucht, die Antwort: hei�e
Ofent�r, Blutzufuhr einleiten, Blasen bilden, �l aufstreichen, zum
Doktor gehen!
Nicht wahr? das ist zum Lachen komisch, und doch ist es ganz ernst: so
und nicht anders vollzieht sich jeder Vorgang der Wahrnehmung, des
Erkennens, des Willens, der Tat; und selbst, wenn die K�nigin der Seele,
die Phantasie, aus den Himmelsr�umen herniedersteigt, denn nur vom Geist
der Welten kann sie kommen, und einen Funken ihres Zauberf�llhorns in
die Menschenseele tr�ufelt, dann geht ein wunderbarer Tanz von
Gruppenganglienglut und -leuchten, von Zucken und Erzittern, von Flammen
und Verl�schen los in der kleinen menschlichen Zauberzentrale, ganz
�hnlich wie eben geschildert, nur da� hier das Spiel innerlich vom
Zauberstab gleichsam verdichteter, kristallischer und sich wieder
l�sender Erinnerungen erregt wird.
Werfen wir nur noch einen Blick in unser Bilderbuch. Was ist hier
geschehen? Mit einem Male flutet alles regellos, ungeordnet, strudelnd
durcheinander. Die Meldungen sind ganz sinnlos, w�hrend 1000 Zellen
"Stiefel" leuchten, k�nden andere "Mondkalb", "Schweinebraten", "Fis
dur"; die Finger- und Armkr�ne zucken, die Beinregister wirbeln
durcheinander, alle Begriffe rasen wie ein Karussell, und die
Irr-Lichtsucher zucken ringsumher an den Fenstern des Seelenarsenals,
ohne die fliehenden Dinge fassen zu k�nnen--das Struwwelpeterbild eines
berauschten Gehirnes! Da ist etwas entzwei gegangen, �hnlich wie an
einer pl�tzlich versagenden elektrischen Lampe, wie an einem br�llenden,
zischenden, zitternden, stampfenden Automobil. In der Tat: die
Hemmungen, die in der Elektrizit�tszentrale wie im Gehirn die Ordnung
garantieren, sind kaput. So w�rde der Bescheid eines kundigen
Seeleningenieurs lauten. Jedes solche Denksternchen (Ganglion)
hat n�mlich um sich ein Gespinst von isolierendem Material
(Hemmungsgeflecht), wie jeder Kupferdraht sein Seidentrikot, welches
Stromgebung und -empfang reguliert, und zwar von der gro�en Pumpstation
aller S�fte und Kr�fte, dem Herzen, her. Je nach F�llung und Entleerung
dieser Berieselungsh�llen der Nervenkn�tchen in Gehirn und R�ckenmark
sind die Strahlungsbahnen geschlossen oder jedem Einfall, jeder
Vorstellung, jeder Handlungsvornahme offen. Schade, da� man immer so
weit ausholen mu�, wenn man Fachgelehrsamkeit popul�r machen will; die
dicke, dicke Schale, die zu durchdringen ist, lohnt selten den kleinen,
bescheidenen Wissenskern. Jetzt aber sind wir wirklich am Kern der
Sache. Jetzt wissen wir, was eigentlich physisch geschieht in unserer
Seele, wenn wir berauscht sind. Es ist ein wirkliches Ganglienstrudeln,
-pl�tschern und Aneinanderpoltern hin- und hergeschleuderter Bl�ttchen
im Orkan der allerverschiedenartigsten Erregungen, welche unsere
Hirnzentrale gepackt haben. Da kommt beispielsweise die langsam
anschwellende Welle vom Saftstrom des Blutes, sagen wir einmal vom Magen
her mit dem Alkohol. Die kleinen, anf�nglich vom Willen des ganz
vern�nftigen Trinkers, der sich gerade heute vorgenommen hat, ausnehmend
solid zu sein, noch gut beschr�nkbaren Dosen des mehr Leiden- als
Freudenbringers Alkohol treffen kreisend in den labyrinthischen
Gezweigen des Blutgef��systemes auch die letzten, kleinen,
feinen Seidengespinste um die Gangliensternchen. Die abnorme
Beimengung l��t die Gef��nerven ihre F�hler einziehen, die
Gef��r�hrchen werden enger und damit die Ganglien austauschbereiter,
anschlu�(assoziations-)l�sterner. Da haben wir den ersten Effekt: unser
eben noch ganz in seiner W�rde eingekapselter Tischgeno� wird merkw�rdig
lebhaft, spricht fl�ssiger als sonst, ihm f�llt auch wohl gar eine
h�bsche, neue Wendung, eine geistreiche Nuance ein, �ber die er beinahe
selbst erstaunt und selbst geschmeichelt vor Freude r�ter wird als
sonst; das gibt ihm ein Gef�hl von Huttenscher Lust, zu leben,
obwohl ihm vielleicht sonst ziemlich alles schief geht; dieser
Lebensfreuden�berschu� gibt ihm den Kupplerrat, heute einmal nicht
so zimperlich zu sein, dem sch�nen Stoff mal kraftvoll auf den
Leib zu r�cken, zumal er ja augenscheinlich immer geistreicher
wird, sein "ungehemmter" Geist schwebend leicht �ber H�h'n und
Tiefen aller Probleme dahinsteuert mit einer Art selbstanbetender
Sch�nheitsinnigkeit; das alles macht die mit den "Einzeldosen"
steigende Anschlu�f�higkeit der Ganglien; die Hemmungsgespinste sind
durchl�ssiger geworden, sie spr�hen sich Welle um Welle zu, in lustig
h�pfendem Tanz, indem der beschleunigte Puls, gleich dem schnellenden
Schwanz der munteren Forelle, immer mehr rhythmische Strudel von
Kontaktm�glichkeiten (Assoziationen, wie das schreckliche Wort
hei�t) gibt. Die Leichtigkeit der geistigen Ein- und Ausgabe macht
unseren Lebemann zum geistigen und materiellen Verschwender;
Selbst�bersch�tzung, Renommiersucht, Gr��enwahn verderben die geistige
Atmosph�re.
Nun aber gibt es eine physische Grenze der Erregbarkeit der Gef��nerven,
welche diese Hemmungserleichterung bedingen, sie schlagen ins Gegenteil,
in L�hmung und damit in Erweiterung der kleinen Hirndrainager�hrchen um,
und nun wird oftmals ganz unvermittelt unser l�chelnder, jauchzender
Lebensbejaher zu einem Tiefmelancholischen, zum t�ppischen M�llersknecht
mit tr�gster, langsamster, bl�dester Telephonleitung. Die �uglein
blinzeln nur noch verschmitzt, die Zunge lallt und k�ndet nur noch
die bekannte, immer wiederholte, eingleisige Geschichte, das Haupt
sinkt und endlich--ein Kurbelruck an der Hemmung: Falstaff schnarcht
mit jenem unpoetischen Echo, mit dem die ausgleichende Natur die
Bacchantenjauchzer zu beantworten pflegt. Die langsam vordringende
Hemmung hat Lichtlein um Lichtlein am Seelenhimmel ausgel�scht,
Nebelschleier und Tarnkappe um die Funkenstationen gezogen und mit
fester Hand die schrankendurchbrechende Feuerseele auf die sanfte Glut
des unter der Intellektasche glimmernden Unterbewu�tseins verwiesen.
Das ist immer dasselbe Spiel, oft nur durch manche phantastischen
Exzentrizit�ten mit dem Beigeschmack des Wahnsinns nuanciert, ob das
Gift nun Alkohol, Morphium, Haschisch usw. usw. hei�t. Ja, die Herkunft
des Alkohols schon f�rbt den Rausch spezifisch, wie denn, trotz chemisch
gleicher Formel, Fuselalkohol und veilchenduftender Kognak ganz anderen
Anschlag auf der Klaviatur unseres Seeleninstrumentes bekunden. Es ist
�brigens bei allen Rauschgiften so, als ob dem chemischen Skelett doch
etwas von dem Himmel und Erdreich, unter dem es in der Sonne reifte,
anhaften bleibt, so da� in der berauschten Seele des Menschen sich etwas
von der Heimat der Tr�nke kund zu geben scheint, aus der sie stammen. So
haben Haschisch und Morphiumtr�ume immer etwas Orientalisches in ihren
Motiven, und der Kartoffelspiritus verr�t pommersche Derbheit und Kraft
nicht weniger deutlich als des Rheines Traube Heiterkeit und Frankreichs
Schaumwein seinen perlenden Geist.
Aber auch, was die Kunst an Berauschtheit, an Lebenserh�hung,
Anschlu�leichtigkeit und dionysischem Wahn in uns erzeugt, spielt sich
ganz �hnlich im Kaleidoskop der Seele ab. Was ist Begeisterung anderes,
als das Hineingerissenwerden unseres seelischen Rhythmus in die
brausenden, rauschenden Wellen einer vollaust�nenden, �bermenschlich
sch�nen Sprache, in das glei�ende Spiel einer geistspr�henden
Gedankenkunst, in das s��e Wogen und Wiegen einer hinrei�enden Melodik
und Harmonie? Im Mittelma� schwingt meine Seele, aber die extremen
Rhythmen rei�en sie zum Einklang mit jauchzendem Lustempfinden, denn
jedes Kunstempfinden, das Fesseln des Allt�glichen von meiner Seele
rei�t, entfesselt auch den Prometheus in mir und macht mein Herz zur
Feuerseele; darum berauscht die Kunst. Die goldenen Bl�tter meiner
sch�nen M�glichkeiten fliegen rauschend empor, wenn ihr Feuerodem mich
durchbraust; nie empfundene, nie selbst zu erzeugende Akkorde greift sie
auf meiner Sinnenorgel. Sie zeigt mir gl�hende Nebel von Sonnen der
Kleopatra, die ohne des K�nstlers Weltallsodem niemals vielleicht in mir
ihren mystischen Spiegel erhalten h�tten, sie gibt mir Farbensymphonien,
die mit mir vielleicht h�tten sterben m�ssen, wenn nicht eines
Gottbegnadeten Lichterspiel meine Seele zum reflektierenden Kristall
gemacht h�tte!--Und das alles durch diese Wunderwelt von seltenen,
exotischen, niemals selbst erzeugten Rhythmen auf allen Klaviaturen
meiner Sinnesinstrumente. Vom Rausch der Hautnerven bei den sch�nen, von
weicher Hand gespendeten Ber�hrungen und Streichelungen bis zu dem des
Auges, das sch�ne Linien, Farben und Formen gierig trinkt, bis zu denen
des Ohres, das Geist und Wohllaut in sich saugt--immer dasselbe
daseinf�rdernde Lustgef�hl sinkender Fesseln, fallender Hemmungen,
schmelzender Erstarrung. Da t�nt der Himmel vor lauter Geigen, die Luft
schneit Rosen, und der Odem wird paradiesisch leicht. Die Kunst gibt
Lebenssteigerungen, herrlicher und berauschender, als sie je aus
goldenen Schalen als Trank, und sei er aus den Trauben Edens gekeltert,
der sonnenw�rts gerichteten Seele gereicht werden k�nnen.
Seid von der Sch�nheit dieser Welt berauscht--das ist wohl die beste
Lehre eines K�mpfers gegen den Teufel Alkohol!
Treibt mein Blut ein Himmelswirbel?
Zukunft steigt aus V�lkerschmerz,
Ewiges aus Lebensglut,
Menschheit, dir geh�rt mein Herz!
(Franz Evers)
DIE MUSIK ALS ERZIEHERIN
Die industrielle Technik, die es fertig gebracht hat, da� der ganze
gro�e Erdball zu einer gemeinsamen Heimat des Menschen geworden ist, die
alle noch so abgetrennten Glieder des Erdreiches mittels elektrischer
Nervenf�den und Verkehrsadern zu einem einzigen gewaltigen,
kontinuierlichen Organismus vereint hat, diese industrielle Technik ist
zweifellos der Tr�ger der Kultur des Abendlandes und wird es noch lange
bleiben. Ist doch die ganze gro�e, geistig-humane Idee der sozialen
F�rsorge, die vielen wohl als der eigentliche Brennpunkt unseres
Kulturfortschrittes erscheinen mag, nichts als die direkte Konsequenz
des unendlichen Aufschwungs und des allseitig eindringenden, uns alle
umspannenden Einflusses der Technik. Wie in dem gl�cklich �berwundenen
Zeitalter des Materialismus die Naturwissenschaft die Religion aus dem
Mittelpunkt des geistigen Interesses der Kulturnationen dr�ngte, sie,
welche die Zentralleuchte des gesamten Mittelalters gewesen ist, so
scheint die objektive, Ursachen suchende Wissenschaft in unserer Zeit
l�ngst �berstrahlt von den blendenden Erfolgen der Technik, die jene,
die Wissenschaft, aus der Ruhe ihres Selbstzwecks hob und l�ngst in
ihren Frondienst zwang. Hat doch auch die Philosophie, diese K�nigin des
Wissens, ein nur noch leise hallendes Echo in den Hainen der gro�en
Sehnsucht der Volksseele. Und wie steht es da mit der Kunst,
diesem einst so m�chtigen W�rmfeuer menschlicher Gem�ter und
Lebensgestaltungen? Kann es ein Zweifel sein, da� ihre sch�n gewirkten
Fahnen schlaff am Maste h�ngen, w�hrend ein frischer Wind dem stolzen
Schiff der Technik alle Segel f�llt? Wohl ist es eine Zeit der fast
g�ttlichen Verehrung gro�er K�nstler, die nicht einmal immer den
Vergleich mit ihren gr��eren Ahnen aushalten, nicht aber eine Zeit der
Kunst! Wir haben noch keine Kunst, die in der Seele aller unbestritten
als Geliebte lebendig wirkte, unser Tun beeinflu�te, unserem Willen und
Denken Richtung wiese. Die Technik hat gesiegt und �berstrahlt alles.
Ja, so sieghaft ist die ihr innewohnende Werbekraft, da� auch in der
modernen Kunst das technische "Wie?" fast alles ist. Das ist nirgends
offenkundiger als in der Musik und gerade hier dem Freund der Volksseele
am allerschmerzlichsten. Es kann wohl von niemandem ernstlich bestritten
werden, da� wir Deutschen mit dem Charakteristikum unserer vertr�umten,
gef�hlsinnigen und gr�belnden Seele--vielleicht gerade deshalb--das
musikalischste Volk der Erde sind. Kann doch eigentlich nur Italien mit
uns bisher konkurrieren um den Preis der gr��ten Leistungen, der
ewigsten Werke der t�nenden Kunst, dieser F�higkeit, von Seele zu Seele
zu wirken mit einer Sprache der Gestirne, mit einer Harmonie, die
wortlos von den ewigen, ehernen Gesetzen des Weltalls, von seinem
geheimen, himmlischen Sinn und von der ahnbaren Sch�nheit des wirkenden
G�tterwillens beredter spricht, als tausend Bibeln sprechen k�nnten. Die
Musik ist die unmittelbare Offenbarung der harmonischen Idee des
Weltganzen! In ihr ist alles Leid und alle Freude der Kreatur enthalten.
In ihr ist das Meer, der Fels, das Tal, der brausende Flu�, der Friede
der Heide. Die Flammenringe schwingender Gestirne spiegelt das Meer
ihrer schwebenden Akkorde.
Sie kann Sonnen leuchten, Sterne verblassen lassen. Alles
Naturerscheinen ist ihr ausdr�ckbar. Jedem Menschenschicksal, jedem
Ereignis, jeder Stimmung findet sie die entsprechende Symbolik. Sie ist
wie ein allen F�hlenden gemeinsamer, dem H�chsten und dem Geringsten
offener Tempel, in dem ein Glaube verk�ndet wird, vor dem ohne
Widerspruch sich Herzen und Geister beugen. Sie ist die Sprache unserer
himmlischen Heimat, der Laut des ewigen Vaterlandes ist in ihr. Sie ist
wie eine unbewu�te, stille friedliche Einigung �ber alles Zwiesp�ltige
von Menschenbrust zu Menschenbrust.
Ist so Musik wie ein in jedes empfindsame Herz gesenkter heimlicher
Besitz von etwas �berirdischem, wie ein verstecktes St�ckchen
Himmelsblau, wie eine echte Reliquie eines g�ttlichen Wanderers �ber
irdische Gefilde, die jeder irgendwo im Schrein der Seele als sein
K�stlichstes bewahrt--wie sollte man nicht bedauern, da� die Art, wie
man heutzutage die Musik zu etwas unerh�rt K�hnem, k�nstlich
Hochgeschraubtem, exzentrisch Dionysischem, schreiend Krassem
emporpeitscht, ganz und gar dazu angetan ist, sie der Volksseele zu
entfremden!
Und doch ist nichts so geschaffen, das Herz der Menge tief zu ergreifen,
so sanft zu leiten, so innerlich zu bilden, wie diese abstrakte Sprache
des Gef�hls. Es kann nicht zu oft gesagt werden: mag jede andere Kunst
schlie�lich ein Bildungsvorrecht der Beg�terten, einer kleineren
Gemeinde von Kennern und Gelehrten bilden, die Musik darf niemals der
Seele der gro�en Mehrzahl des naiven Volkes geraubt werden. Aus dem
Volkslied und dem Choral emporgetaucht, wie ein Eiland aus dem Meere
urspr�nglichsten, innigsten Empfindens, mu� sie auch Eigentum des Volkes
bleiben.
Beispiellos in der Entwicklungsgeschichte der K�nste und Wissenschaften
ist die Siegeslaufbahn der Musik. W�hrend alle anderen Zweige geistiger
Kultur, alle anderen K�nste Jahrtausende gebrauchten, um bis zum Gipfel
der Klassicit�t aufzusteigen, durchma� sie, diese empfindsame
Interpretin einer Logik des sch�nen Gef�hls, den Zeitraum ihres
Erwachens aus dem naiven Volksempfinden und ihres Emporklimmens auf die
erhabensten Menschheitsh�hen in wenigen Jahrhunderten. Welch eine
Entwicklung von Palestrina bis Bach und Beethoven, welche Sturmflut von
Bach bis Wagner und welches �bersch�umen in unseren Tagen! Und das alles
im schnellsten Tempo �berreichen Wachstums, so da� gleichsam im Umsehen
die einfachen Zelte ihrer nomadischen Existenz sich zu prachtvollen
Domen und Pal�sten emporw�lbten. Bei allzu hitziger Treibhauskultur
pflegt auch den edelsten Gew�chsen die Entartung zu drohen! War die
Musik der alten Meister eine unpers�nliche Anbetung eines
selbstgeschaffenen, nackten, sch�nen Weibes, so scheint man in der Zeit
der siegenden Technik darangegangen zu sein, den Leib dieser G�ttin mit
eitel Schmuck und bunten Gew�ndern zu �bersch�tten. Den Kultus des
Leibes l�ste ein Kultus der Trachten ab. Statt des sch�nen Gem�ldes ein
Chaos bunter, glei�ender Farben. Nicht mehr der musikalische Gedanke in
vierstimmiger Reinheit ist die Hauptsache, sondern mit allen Mitteln
ingeni�ser Instrumentation sucht man das Neue in der Auffindung
frappanter, orchestraler Klangeffekte. Nicht der klare Grundri� ist der
Tr�ger des Stils, sondern eine staunenswerte Phantastik der Arabesken
verdeckt die reinen Linien des innersten Gef�ges. Dieses �berwuchern des
Technischen in der Musik hat, so verbl�ffend die Resultate in bezug auf
die Freiheit aller selbst�ndig gef�hrten Stimmen (Polyphonie und
Kontrapunktik) sein m�gen, eine gro�e Gefahr: die des Ausweichens der
Musik auf das Gebiet tonmalerischer Ger�usche! Das Exzentrische der
verbl�ffenden orchestralen Technik entfremdet damit mit Sicherheit die
Musik dem Boden des Volksempfindens. Zum wenigsten ist sie dem stets
langsam nachr�ckenden Verst�ndnis der breiten Massen vorl�ufig viele
Epochen hindurch vorangeeilt. Aber es kann mit Fug und Recht die Frage
aufgeworfen werden, ob die moderne Musik �berhaupt Anwartschaft hat, bis
zur Seele des gemeinen Volkes vorzudringen. Sie mag verbl�ffen und
hypnotisieren, fanatische Anh�nger und unerbittliche Gegnerschaft
erwecken--erw�rmen, vertiefen, r�hren, ersch�ttern und das Heiligste in
uns bewegen wird sie kaum. Dazu appelliert sie zu sehr an den Verstand,
zu wenig an das schlichte Herz. Dieser unmittelbare Appell an das Gem�t
des H�rers, diese K�nige und Bauern gleich packende Unmittelbarkeit
unserer klassischen Musik ist es, die allein erziehliche, bildende,
erhebende Kraft f�r das Volk hat.
Nur so geartete Musik ist im Geisteskampfe der Kulturstr�mungen unserer
Tage mit aller ihrer Tageshast und Existenzangst ein unentbehrliches
Gegengewicht, gleichsam ein heiliger Hain, in den die m�den Verfolgten
jederzeit fliehen k�nnen und wo ihnen keine Macht der Erde kraft
himmlischen Gesetzes etwas anhaben kann. So weit ich sehe, haben wir
keine M�glichkeit, den St�rmen des Lebens einen so Ruhe spendenden Hafen
entgegenzusetzen, als die, dem nerv�sen Impuls unserer Zeit durch
gesunde musikalische Gen�sse Ruhe und Zuversicht wiederzugeben. Nicht
nur, da� die Irren�rzte wissen, da� einfache Musik beruhigt und sanft
stimmt, Illusionen zerst�rt und Wahnvorstellungen verscheucht, jeder hat
an sich schon dies innerliche Aufatmen der ge�ngstigten Seele, dies
Stillewerden der D�monen vor den heiligen Kl�ngen versp�rt. Wahrlich,
gerade in unserer Zeit ist es von Wert, den bildenden, heilsamen,
beruhigenden und vertiefenden Wert der guten musikalischen Darbietungen
auf das Gem�t des Volkes laut und vernehmlich zu betonen. Man schaue
einmal die Andacht gerade unserer einfachen Leute bei den Gratisspenden,
die unsere Musikkapellen dem Publikum um die Mittagszeit darbieten. Es
ist, als g�be es in unserer Riesenstadt pl�tzlich Tausende, die der
Daseinskampf gar nichts angeht. Man sehe den Hunderten nach, die die
Milit�rmusik mit sich zieht, die sie ans offene Fenster bannt, und man
wird erkennen, mit welcher elementaren Macht ein Marsch wie ein
Rattenf�ngerlied an den Herzen rei�t und lockt zur willenlosen Nachfolge
ins Blumenland der Phantasie! Tiefer gefa�t, ist die Musik eine
Kulturmacht ersten Ranges, sie ist f�hig, dem Gem�tsleben unserer Zeit
eine Religion ohne Dogmen, ein Hort tiefster Seeleneinkehr zu sein! Sie
ist die gef�hlvolle, s�nftigende Schwester der vorw�rtsst�rmenden
Technik.
Darum kann unseres Erachtens kein Unternehmen dankbarer begr��t werden,
als die Absicht, den breitesten Volksmassen die M�glichkeit zu geben,
gute Musikauff�hrungen zu genie�en. Man mag dar�ber streiten, ob die
Oper z.B. an sich eine ideale Kunstform ist oder nicht, das eine kann
nicht zweifelhaft sein, da� der Erziehungswert gerade der Oper f�r das
Volk ungemein hoch einzusch�tzen ist. Gewi�, es mag dem scharfen Denker
unnat�rlich erscheinen, da� die dramatische Handlung durch Gesang, Ch�re
und Zwischenspiele widersinnig gehemmt und verz�gert wird, aber liegt
nicht in der breiten Schilderung seelischer Motive, in ihrer
eindringlichen Interpretation durch die Musik, wie in dem griechischen
Chor, eine ausgezeichnete Methode, tief innerlichst jedem Zuh�rer die
Seelenspannungen der Handelnden einzupr�gen? Ist es nicht die beste Art,
auf das tiefste Mitleid und Furcht, Verst�ndnis f�r alle
Menschlichkeiten, f�r jede Tragik und Lust in der Seele zu wecken? Und
dann bedenke man vor allem, wie sehr die Volksseele gerade in der Oper
sich eine von keinem anderen Zweig der Dichtung �bertroffene
Ausdrucksform geschaffen hat. Sie ist ein naiver, ehrlicher Reflektor
des nationalen Empfindens und der nationalen Eigenart. Welche F�lle von
Volkst�mlichkeit sprie�t uns allein aus unsern deutschen Opern entgegen!
Wie unmittelbar verst�ndlich aber auch repr�sentiert sich der fremde
Volkscharakter in der italienischen und franz�sischen Oper! F�r die
breite Masse bietet so gerade die Oper eine kulturell �beraus wichtige
M�glichkeit, auf die angenehmste Art ein St�ck V�lkerpsychologie und
Kulturgeschichte zu treiben, da man aus historischen, nationalen,
phantastischen oder romantischen Opernwerken eine unersch�pfliche F�lle
von fruchtbaren Bildungsanst��en erh�lt. Mit der ganzen Zauberlockung,
die Dichtung, Gesang, Orchester, Malerei und Ausstattung gemeinsam vor
dem Genie�enden auszubreiten vermag, stellt in der Tat die Oper das
universellste Kunstwerk dar. War es doch dies hohe Ziel, welches dem
Genius Richard Wagners vorschwebte, indem er die Oper zu einer Arena
aller K�nste emporheben wollte. Wo hat dies Wagner am herrlichsten
erreicht, wenn nicht da, wo er echt volkst�mlich blieb: im Lohengrin,
Tannh�user, Fliegenden Holl�nder und dem deutsch-nationalsten Werke
neben dem Faust: den Meistersingern?
Gerade die Volksoper hat Meisterwerke in F�lle, um ihr Amt als
Erzieherin des Volkes auf das herrlichste zu erf�llen. Gerade unsere
deutsche Musik ist reich genug, um sich den Ehrenplatz neben allen
Kulturfaktoren unserer gro�en Zeit zu erringen.
Aber gerade hier bei der Oper sehen wir den das Ziel verr�ckenden
Einflu� der Technik am allerdeutlichsten. Wie in dem Schauspiel die
Ausstattung mit allen Mitteln einer raffiniertesten, maschinellen
Verbl�ffungs- und Blendungsmethode sich vor der geistigen Idee eines
Dichterwerkes breit zu machen beginnt, so ist die gro�e Oper noch viel
mehr darauf angewiesen, der Maschinen- und Dekorationstechnik die Rolle
eines unendlich kostspieligen Rivalen gegen den Geist der T�ne
zuzuschieben. Auch hier wieder ist die Folge Entfernung des
Besitzstandes der Musik von ihrer Heimst�tte, der Volksseele. Wo sind
die guten alten Zeiten geblieben, wo jede neue Oper im Sturm
volkst�mlich wurde und ihre Arien, ihre Themen in Werkstatt und Salon
mit gleicher Selbstverst�ndlichkeit gesungen, gepfiffen, gespielt
wurden? Die Technik hat es zuwege gebracht, da� die schwerste
Problemmusik geschmackverwirrend und Halbgebildete in Massen z�chtend,
von Phonographen und Pianolas an allen Ecken heruntergeleiert, Markt und
Gassen beherrscht. Hier ist ein Gleichgewicht dringend n�tig, eine
heilsame R�ckkehr zur erprobten, altv�terlichen Klassizit�t dringend
geboten. Wieviel Heil k�nnte da dem Volksempfinden aus einer wirklich
trefflichen Volksoper erwachsen! Aber freilich, Vollendetes m��te sie
bieten k�nnen, wenn sie den zirzensischen Vergn�gungen der Menge, den
Vari�t�s, den Ausstattungsst�cken, den Ringk�mpfen und anderen
sportlichen Extravaganzen Paroli bieten wollte. Man m��te ein schlechter
Menschenkenner sein, um nicht zu wissen, da� die Volksseele zwar leicht
auf Irrwege zu f�hren, aber doch niemals auf die Dauer und im letzten
Sinne vom geraden Wege der Aufw�rtsentwicklung abzubringen ist. So kann
sie sich lange von verbl�ffenden �u�erlichkeiten blenden lassen, aber
schon jetzt scheint sie nach Vertiefung und Verinnerlichung zu hungern.
Der Verstand des Menschen hat seine Vorratskammern fast �berf�llt, die
Seele, das Gem�t in unserer Zeit ist leer ausgegangen und sucht in
Spiritismus und Okkultismus einen unverdaulichen Ersatz. Wo aber k�nnte
die Seele des Volkes tiefer und nachhaltiger ergriffen, gel�utert,
ger�hrt und auf menschliche G�te gestimmt werden, als vor dem Altar der
Musik, von dem so viele deutsche Genien das hohe Lied der Sch�nheit
verk�ndet haben!
MUTTER ERDE
Wie oft, wenn wir als junge Studenten Handwerksburschen gleich
hinauszogen vor die Tore, �ber die junggr�nende Heide hinweg, am
Wiesenrand entlang, hinein in die schlanken Birken mit dem Schleierlaub,
haben wir es vorausgesagt: es ist eine verflixt materielle Sache um das
Fr�hlingsgr�n! Da ist irgend ein Stoff dahinter, der einem in die Poren
oder die Nase, nicht blo� durch die Augen dringt, und so das Mark mit
jauchzendem Optimismus f�llt! Etwas "Betrinkliches" mu�
dahinterstecken!--Das war eine Anschauungsweise, die man freilich dem
Bruder Studio als naheliegend nicht allzu hoch anzurechnen braucht, sie
entsprang ja auch weniger tiefen Einblicken in den Zusammenhang der
Natur, als dem t�glichen Umgang mit "stofflichen" Dingen. Dennoch war
sie weise. Die Physik, diese Frau Oberkalkulatorin der Natur, hat's mit
ihrer bebrillten Detektivnase herausget�ftelt: es gibt im Chlorophyll
(gr�nes Pigment) der Pflanzen Bewegungen, die auf uns �bergehen und
sonderbar schwellende, prickelnde, s��e Unruh schaffende Wellenkreise an
unserem Nervensystem veranlassen: das sind die aufgespeicherten
ultravioletten Sonnenstrahlen. Welch ein sonderbares Paradox! Jenseits
vom Violett und diesseits vom Rot, unsichtbare Strahlen! Und doch! Auf
diesem Paradox ist fast unsere ganze moderne Physik und Chemie
aufgebaut, so da� man von nun an vorsichtig sein mu� mit Leutchen, die
es lieben, mit Paradoxen und Aphorismen um sich zu werfen wie die
Automaten mit Schokolade oder Pfefferminzpl�tzchen. Leuchtendes Dunkel,
dunkler Strahl, Nachleuchten, Fluoreszenz, Lumineszenz,
Reibungsleuchten, R�ntgenstrahlen, Radiumlicht, Becquerelstrahlen, und
wie die gleichsam unter der Sehschwelle verborgenen geheimen
Leuchtk�ferchen der Natur alle benamst sein m�gen. Sie alle kann das
arme menschliche Auge, dieses Sonneninstrument, das der gro�e
_Helmholtz_ einen unvollkommenen Apparat genannt hat, nicht wahrnehmen,
und sie sind nur auf raffiniertem Umwege einzufangen; so in ausgepumpten
Glasr�hren, in welchen elektrische Flammengarben spr�hen, von denen sich
das unsichtbare Licht abst��t wie Ru� von der Kohlenflamme (im
R�ntgenlicht), oder eingefangen durch Silbersalznetze, dessen Maschen
weniger durchl�ssig sind als die menschliche Netzhaut, und r�ckw�rts
sichtbar gemacht durch die Photographie. Diese Experimente und tausend
andere haben nun gelehrt, da� eigentlich alles, was ist, auf
Wellenbewegung und Strahlung herauskommt, und da� die Reihe der Strahlen
mit den sichtbaren Str�men von Glanz, welche die Sonne �ber unsern
finstern Planeten ausgie�t, lange nicht abgetan ist, sondern da� eben
auch ein Ozean von unsichtbaren, strahlenden Bewegungen im Sonnenlicht
mit auf uns herabprasselt, in dessen millionenfach variierte
Wellenbewegungen des �thers alles, was ist, auch das Leben, mit
hineingerissen ist. Ja, Leben ist vielleicht nichts anderes als dieser
Weltenrhythmus, zu welchem Sonne und Ultrasonne mit unz�hligen
Strahlensystemen die um sich selbst kreisenden Atomkomplexe der Masse
anpeitscht, wie ein Wasserfall des M�llers Rad. Das Leben des Kosmos,
der leuchtende Odem der Welt, �bertr�gt sich auf die Materie in Gestalt
rollender Strahlenwellen. In besonders feinen Krafttransformatoren, in
kleinen Speichermaschinen hat die organische Materie es gelernt, das
Betriebskapital solcher Lichtwellen aufzuh�ufen, um auch nachts und im
Dunkel des Wintertags die Maschine nicht stille stehen zu lassen: im
Gr�n der Pflanzen, im Rot des Blutes.
Der gr��te medizinisch-biologische Denker der Jetztzeit, _Ottomar
Rosenbach_, hat diese Betriebsmechanik durch feinste Molekularstr�me bis
ins kleinste ausgedeutet, ja den ganzen Entwicklungskreis, welchen die
Physik und unsere modernen Anschauungen gezeitigt haben, klipp und klar
vorausgesagt. "Die reichlich flie�enden, unsichtbaren, feinsten Str�me
der Au�enwelt allein sind die Grundlagen der Bildung der spezifisch
somatischen Energieformen!" Da haben wir des R�tsels L�sung: Das Gr�n
des Fr�hlings, der Glanz der Bl�tter und Bl�ten, das Himmelsblau, das
Spiel des Lichtes, sie alle haben �berall gleichsam hinter sich
unsichtbare Schattengeister, die auf goldenen Leitern hineinklettern in
die geheimen Werkst�tten der Zellen, Zellstaaten, Pflanze, Tier und
Mensch und hier ihre stille Arbeit verrichten. Es ist eben auch auf der
Erde nicht anders wie beim Beginn des Lebens im Wasser. Als die
Triebkraft die im Meere gel�sten Atome von Kohlenstoff, Stickstoff,
Wasserstoff und Sauerstoff zu Betriebskomplexen in rhythmischem Anprall
all ihrer Kr�fte zusammengeschwei�t hatte, da gab die in erster
Organisation gebildete einfachste Zelle die aufgespeicherte Sonnenkraft
in der gleichen Form zur�ck. Noch heute sieht der Meerfahrer mit Staunen
die Kiellinie seines Schiffes aufgl�hen im Fluoreszenzlicht des
leuchtenden Meeres. Hier schafft in Myriaden von leuchtenden Zellen die
Sonne transformiertes Licht. Die Quelle der Kraft die Sonne, die Zelle
der Transformator, die Arbeit das widergestrahlte, gewandelte Licht! So
gl�ht auch aus den Furchen der von den Naturgewalten oder von
bestellender Hand aufgelockerten Erde im Fr�hling das Licht der Welt
zur�ck. Lebensglut in allerverschiedenster Form leuchtet auf aus Keim
und Halm, aus Busch und Wald, aus Mensch und Tier. Heines sentimentales
Gedicht feiert Luna als die trauernde Gattin des grollend einsamen
Sonnengatten. Das erfordert eine kleine biologische Korrektur: nicht
Luna, die kalte, kraterstrotzende Sch�nheit ist die Gattin der Sonne,
nein, unsere Mutter Erde ist es, die dem gewaltigen (�brigens schwerlich
in Einehe lebenden) K�nigsgestirn Myriaden Kinder gebiert. Sie, unsere
nach _Fechner_ durchaus lebende, atmende, sich bewegende, Pulse und
Kreislauf der Gew�sser zeigende Allmutter ist es, welche in jeder ihrer
Ackerkrumen, auf felsigem und auf sandigem Boden, ja sogar in ihren
atmosph�rischen Nebelschleiern �berall Wiegen und Brutst�tten f�r
ungez�hlte Gesch�pfe tr�gt, von denen die kleinsten nicht weniger
Wundertr�ger sind als die gr��ten. Mutter Erde! Im Bann des feurigen
Gemahls gehst du ewig schaffend, ein ewiges Brautbett und ein ewiges
Grab deiner Gesch�pfe, die vorgeschriebenen Kreise, h�llst dich ins
hochzeitliche Gr�n und schl�fst unter dem Linnen des h�llenden Schnees.
Du reckst die Kuppen deiner Berge und die sch�umenden Arme der See empor
zu den Feuerstr�men deines Gebieters, und in deinen Tiefen und H�hen, in
deinen Schl�nden, deinen H�llen gl�ht es all�berall von den
Lebensgluten, mit denen dich der Sonnengott t�glich aufs neue
�berstrahlt.
Uns aber, armen Kindern, Erdgeborenen deiner unentrinnbaren Liebe, die
wir dich niemals ganz in voller Sch�nheit sehen--denn eine Weltreise
selbst zieht nur eine winzig schmale Spur um deinen Riesenleib--bist du
an jeder Stelle die h�llende, liebende, pr�gende Mutter! Denn unsere
Heimat ist immer nur ein armselig Fleckchen deines nur der Phantasie
erreichbaren gewaltigen Umfanges. Welche Kraft in der Heimatliebe! Uns
pr�gt die Scholle, uns fesselt die Scholle und l��t uns nie mehr los mit
tausend und abertausend F�den, die aus dem Boden stammen. Welch eine
geheimnisvolle Mimikry in der Bildung unseres Gesichts und unseres
Leibes nicht nur, sondern auch in den feinsten Regungen unseres Gem�tes.
Hat nicht das Auge des Seemanns den Farbenton der See, wie die Qualle
den farblos durchsichtigen Charakter des Wassers? Ist es ein
Unterschied, wenn das langbeinige Insekt Form und Farbe von Zweig und
Blatt annimmt, und wenn des Menschen innerstes geistiges Bewegen, seine
Lieder, seine Sehnsuchten abh�ngig sind von dem Boden, der ihn geboren?
Das eben sind jene rhythmisch gestaltenden Bewegungswellen, die Land und
Pflanze, Tier und Mensch eines bestimmten Bezirkes schlie�lich abstimmt
auf eine biologische oder �sthetische Einheit, die so klar hervortritt
an den autochthonen Poeten der Heimat.
�BER GR�BCHEN UND FALTEN
Wer aufmerksam einem Portr�tmaler bei der ersten Skizzierung eines
menschlichen Antlitzes zuschaut, dem wird es nicht entgehen, wie wenig
Linien eine "schauende Hand" n�tig hat, um den ganzen lebendigen Gehalt
einer Physiognomie in des Betrachters Seele neu zu erwecken, wie wenig
armselige Kohlenstrichelchen gen�gen, um die Wunder der Pers�nlichkeit
auf das sch�rfste und zwingendste zu umschreiben.
Welcher staunenswerten Vielseitigkeit der Natur an Variationen �ber
dieses einzige Thema, Gesichtstypus, vermag der K�nstler tastend
nachzugehen, und wie schnell kann die geringste, oft nur mit Millimetern
rechnende Ausweichung, Verl�ngerung oder Verk�rzung eine schon
vollendete �hnlichkeit g�nzlich �ber den Haufen werfen. Sonderbar: es
sind viel mehr die weichen Teile des Gesichts mit ihren Falten, Linien,
Gruben, Schatten, Einsenkungen und Abrundungen �ber den starren
W�lbungen des Kopfskeletts, die die Pers�nlichkeit f�r das Auge
blitzartig erkennbar machen, als die festen, typischen, schwer
individualisierbaren Linien der kn�chernen Grundlage des Kopfes. Es ist
ein eigent�mlicher, aber doch richtiger Gedanke: man w�rde ein geliebtes
Haupt eher an einem Ohrzipfelchen wiedererkennen, als man je aus einer
Schar von Totenk�pfen den eines verstorbenen Bruders, einer Freundin
herauszufinden imstande w�re. Auch wird zur Rekognoszierung der
Verbrecher immer die bildliche Darstellung mehr leisten als die feinsten
Sch�delma�e eines die kn�chernen Verh�ltnisse ber�cksichtigenden
Systems. Der Grund ist ein sehr einfacher. Die Seele, diese letzte,
mystische Tr�gerin der Pers�nlichkeit, hat keine Gewalt �ber ihr aus
Kalkkristallen gebautes Knochenhaus, sie formt aber um so emsiger mit
feinsten Nervenfingern am plastischen, sich windenden, Wellen bildenden
Material der Muskeln. Denn auch die Haut, dieser wunderbare,
stumpfleuchtende, h�llende Mantel des K�rpers, dies schmiegsamste
nat�rliche Trikot des Leibes, ist ja durchsetzt mit Millionen kleiner
Muskelstr�hnen, die auf das feinste und vielf�ltigste die zarte Decke
der Gesichtsteile zu verschieben imstande sind. So gleicht das Antlitz
des Menschen immer bewegt und den Ausdruck wechselnd der Physiognomie
eines nur scheinbar starren und unbeweglichen Berges, auf dem das Licht
unaufh�rlich spielt, oder der Spiegelfl�che eines Sees, �ber den Wind,
Himmel und Wolken dahinziehen. Und doch hat jede Physiognomie bleibende,
nie ganz verstrichene Linien und Vertiefungen, die die seelischen
Affekte zwar steigern oder mildern, aber nicht ganz verwischen k�nnen,
die sogar der Tod, der alle Bewegung mit einem Ruck hemmt, nicht ganz
ausgleichen kann. Denn das Friedenvolle, das dann ein eben noch in
Qualen verzerrtes Antlitz erh�lt, ist wohl nicht der Abglanz einer zum
ersten Mal geschauten besseren Welt des Jenseits--ach! wenn es doch so
w�re!--sondern es ist der Effekt des Nachlassens heftiger
Muskelspannungen, das sanfte Zur�ckgleiten aufgew�hlter Muskelwellen in
die Ruhelage, in das Gleichgewicht der Ewigkeit. Im Leben aber sind es
gerade diese in nimmer ruhendem Muskelspiel hin- und herbewegten
Schatten, diese zueinander strebenden oder ausweichenden, oft parallel
laufenden B�gen, diese Falten, die die darunterliegenden Muskeln
aufwerfen wie kleine Kobolde, die unter Teppichen ihr Spiel
treiben,--die wie lebende Runenzeichen dem Antlitz die Sprache, das
Charakteristische, das Verr�terische, das S�nftigende oder das
Aufreizende, das Beherrschende und das Ergebene, das teuflisch
Absto�ende oder den �berirdischen Liebreiz, das D�monische oder das
G�ttliche geben.
Vor die starrenden H�hlen des grinsenden Sch�dels breitete uns Natur
eine weiche, zart get�nte Maske aus Haut und Muskeln, Fett und
Fasergewebe, die bald straff gespannt, bald faltig und h�ngend ihr
Kolorit aus dem Rot des Blutes, dem Gelb des Fettes, dem Wei� des
sehnigen Gewebes erh�lt. Wohl gibt das feste Stativ der Knochen auch
dieser Maske die entscheidende grobe Modellierung, aber der eigentliche
Modelleur ist das Fett, die F�llsubstanz, die Abrundung gebende Masse,
die erst die weichen, schwellenden, welligen Linien schafft. Dieses aus
feinen, gelben Tr�ubchen gebildete Gewebe ist die eigentlich plastische
Substanz in der Hand der gr��ten Bildnerin Natur. Die unendlich
wandlungsf�hige Struktur dieser in der Anatomie etwas grob als
Fettpolster bezeichneten Substanz bringt es mit sich, da� das Gesicht
oft momentane Ausdrucksvarianten durchmacht, ganz ohne Muskelaktion,
allein nach dem Gehalt an Blut und Zellsaft in diesem aufsaugungs- und
entleerungsf�higsten Gewebe. Welch ein Zusammenfallen der gespannten
Z�ge der Wangen und der Gesamthaut beim pl�tzlichen Absinken der Kr�fte
im Schreck, in der Ohnmacht, im Chok, im h�chsten Schmerz! Ohne da� ein
Muskel zuckt, f�llt der Tonus der Haut, das mittlere Ma� gesunder
Spannkr�fte zusammen wie die Segel bei sterbendem Winde. Der im
psychischen Affekt der Hilflosigkeit absinkende Blutdruck entleert die
strotzende F�llung der Fett-Tr�ubchen, und das hohle Polster entzieht
der gespannten Haut die rundende Unterlage. Nirgends ist das so deutlich
sichtbar wie am Auge. Man hat sich vielfach den Kopf zerbrochen �ber die
physiologische Bedeutung der Schatten unter den Augen, dieser "blauen
Ringe der Venus". Die Lagerung der Aug�pfel ist vom Gehalt der
Augenh�hlen an Fett abh�ngig, weshalb bei Leidenden, Hungernden, bei
Gram und Gr�beln die hohlen Augen entstehen, d.h. bei mangelndem Fett
die beiden Aug�pfel abw�rts und nach hinten sinken. Dadurch bilden sich
Falten zwischen Haut und unterem Knochenrand der Augenh�hle, die das
dunkle Venenblut hindurchschimmern lassen. Dieser Mechanismus des
Zur�cksinkens der Aug�pfel kann so momentan vor sich gehen, da� eine
schwere Anstrengung, ein vor�bergehendes Ermatten des Herzens, ein
Sinken des Blutdrucks, ein Schreck, eine Depression, die h�chste Wonne
der Liebe und das tiefste Weh mit dunklen Schatten das Auge oft ganz
pl�tzlich umkreisen. In diesem Sinne ist das Auge ganz sicher ein
Spiegel der Seele, wie auch das Aufleuchten der Freude, das Blitzen der
Lust im entgegengesetzten Fall den Anstieg des Blutdrucks am Auge
erkennbar machen. Wir verstehen also, da� ein Schwinden des Fettes z.B.
im Alter die Haut runzlig und faltig, wegen Nachlassens der feinen
Unterpolsterung der elastischen Gesichtsmuskeln machen kann. Der
nutzlose Kampf gegen Runzeln und Kr�henf��e w�rde nicht so verbreitet
sein, wenn eben nicht dieses Nachlassen einer gewissen Spannung des
Fettgewebes unter der Haut, seine Schwellbarkeit und Erektilit�t, nicht
so verr�terisch f�r die Zahl der Jahre w�re, die �ber ein Antlitz ihre
Ringe und Furchen gezogen haben nicht viel anders wie am Durchschnitt
des Baumes. Auch Menschenstirnen tragen Jahresringe mit ihren
Sorgenfalten, Kummerlinien und Schmerzensrunen! Da� hier ein feinerer
seelischer Mechanismus im Gesicht im ganzen wie am Auge im Spezialfall
besteht, beweist, da� es nicht allein die Anwesenheit von Fettgewebe
ist, die Faltung und Runzelung verh�tet, weil das Alter ja im
allgemeinen fett macht, sondern da� es eine gewisse Schwellbarkeit des
Fettgewebes ist, die mit psychischen Affekten Hand in Hand geht, die
jung erh�lt, und deren mit dem Herzdruck und der Atmungsenergie sinkende
Intensit�t den alternden Gesichtern die strotzende Kraft, die psychische
Potenz nimmt.
Und nun zu den Gr�bchen: diesen launigen kleinen Schaukelwiegen der
Grazien, der Kobolde und Neckerpeter, diesen kleinen Nischen der
kichernden Heiterkeit, die so zart und liebreizend sein k�nnen, so weich
wie die von dem Flaum einer M�wen- oder Schwalbenbrust im Seesand
eingebuddelten Mulden. Auch sie haben mit den Fett-Tr�ubchen zu tun; sie
sind nicht, wie ein Poet sagt, "die frohen Tippstellen einer mit ihrem
Werk zufriedenen Gotteshand", sondern sie sind an sich prosaisch genug
Hauteinziehungen �ber Schmelzl�cken des inneren Fettgusses. Wo
Muskelgruppen gegenseitig L�cken lassen, die nicht wie sonst durch die
plastische F�llmasse von innen her verdeckt werden, entstehen diese
kleinen Zentren der lachenden Lebensfreude, deren Beziehung zum
seelischen Innenleben eine so feine und schnell reagierende ist, weil
diese Polsterl�cken rings von Muskelkulissen umgeben sind, deren
unaufh�rliches seelisches Spiel wir schon mehrfach betont haben.
Gestehen wir es nur ruhig ein, die Wissenschaft kann nichts Erhebliches
mehr dagegen einwenden: das Gesicht mit seinen komplizierten
Einrichtungen symmetrischer Faltungen, Linien- und Furchenbildungen ist
ein Apparat der Seele, der von den groben und typischen Rhythmen des
mimischen Ausdrucks der Affekte bis zu den leise widergespiegelten,
huschenden Beschattungen des Gem�ts dem Seelenforscher verr�terische
Kunde gibt. Der allein durch Faltung, Verziehung, Schwellung und
Abschwellung, Runzelung, Zuckung des Fettes und der Muskelb�ndel
erzeugte Wellentanz der enorm elastischen Gesichtshaut hat so
komplizierte Mechanismen, da� es denkbar ist, da� zwei Menschen der
Sprache entraten k�nnten, um sich �ber alles Wesentliche zu
verst�ndigen, und da� die M�glichkeit besteht, da� viele Tiere nur durch
eine komplizierte Mimik gegenseitigen, die Sprache ersetzenden
Meinungsaustausch und Verst�ndigung erzielen. Man denke an die mimische
Nachahmbarkeit der Gesichtsz�ge bei Schauspielern, um sich ein Bild von
der Feinheit des Muskelspiels im Kommando der Phantasie zu machen. Wird
es doch immer wahrscheinlicher, da� die oft zu beobachtende �hnlichkeit
miteinander alt gewordener Ehepaare auf einer Nachahmung der Bewegungen
des Gesichts beim Essen, Sprechen, Trinken, Lachen und Weinen beruht.
Und auch die �hnlichkeit der Kinder mit ihren Eltern mag h�ufig mehr
funktioneil als formal sein, d.h., die nachgeahmten mimischen Eigenarten
der Eltern lassen die Kinder �hnlicher erscheinen, als sie es in
me�baren Formverh�ltnissen, etwa der Nase, der Augen usw., wirklich
sind.
Da alle Faltungen der Gesichtshaut also Muskelbewegungen ihren Ursprung
verdanken, so sind sie, wie alles Rhythmische, in gewissem Sinne
�bertragbar. Nicht nur Kinder ahmen exzentrische Gesichtsausdr�cke nach,
auch Erwachsene eignen sich posenartige Grimassen anderer an. So
schreibt die Seele mit fl�chtigem Griffel ihre Neigungen, W�nsche und
geheimsten Sehnsuchten ins Tagebuch unseres Antlitzes, adelt unsch�ne
Z�ge durch hei�en Trieb zum Edlen und verzerrt die edelsten Linien aus
der Hand des G�ttlichen bis zur Abscheulichkeit. Wir alle sollten mehr
in Gesichtern als in B�chern lesen lernen!
DAS WUNDER DER WUNDHEILUNG
Eine der gewandtesten, nur selten entlarvten Gauklerinnen ist die
Gewohnheit. Sie versteht es, R�tsel, Merkw�rdigkeiten und Probleme des
Lebens langsam und ganz unkontrollierbar hinwegzueskamotieren, so da�
nur wenige von uns hinter ihren Kunstst�ckchen die M�glichkeit eines
noch anderen Sachverhalts wittern. Dem Realisten ersetzt die Erfahrung
vollkommen die Erkl�rung. Was man recht oft erlebt, das glaubt man zu
begreifen, und Ph�nomene, die wir angestaunt haben, werden, wie Telephon
und Biograph, den Enkeln als die selbstverst�ndlichsten Dinge von der
Welt erscheinen. Dem gro�en Kind, dem Erwachsenen, ergeht es nicht
anders: Gewohnheit und Routine n�tigen uns eine Brille auf, die in dem
Walten der Natur an allen Fragezeichen, an allen noch unbekannten
M�chten, allen M�rchengestalten, Symbolen und Mystizismen uns
vorbeisehen l��t. Es war immer so, ist nun einmal so und wird gewi� so
sein: das ist die Suggestionsformel der Erfahrungsweisheit, mit der das
tr�umerisch betrachtende, nachdenkliche, nach Ergr�ndung sehns�chtige
Gem�t in den Bann der "Bed�rfnisse des praktischen Lebens"
zur�ckbeschworen wird. Und doch hat jeder in seinem Beruf Kenntnisse von
merkw�rdigen Dingen, �ber die er anders zu denken, als es die Tyrannei
"allgemeine Ansicht" mit den Fesseln der Gewohnheit erheischt, wohl
einen tief verborgenen Trieb versp�rt.
So ist f�r die meisten die Tatsache, da� Wunden heilen, eine
naturgegebene und selbstverst�ndliche Eigenschaft des Lebendigen, �ber
die es f�r die Praxis nur so weit Betrachtungen anzustellen lohnt, als
die Forschung Mittel und Wege verhei�t, den Ausgleich einer
Gewebsdurchtrennung sich m�glichst schnell und gr�ndlich vollziehen zu
lassen. Die Wundbehandlung interessiert naturgem�� viel mehr, als das
Problem der dabei ausgel�sten Kr�fte: die geheime Spinnstube des
Zellstaates. Und doch: jeder, der eine Wunde behandelt, der ihren
Zustand pr�fend abw�gt, sieht unmittelbar dem Wunder aller Wunder ins
Auge: dem Entstehen und Vergehen des Lebendigen, der Neugeburt, dem
Ersatz des Verlorenen, _einem Versuch zur Unsterblichkeit_. Wenn er ein
bi�chen K�nstler ist in seinem Anschaun der Natur, wird ihn etwas von
der Ehrfurcht ber�hren, die jeden umweht, der sich den verschlossenen
T�ren naht, hinter denen ein Geheimnis schlummert. Die Wundheilung ist
doch der Vorgang einer ausgleichenden Neugeburt an der Stelle
vernichteten Zellebens. Regeneration, Wiedererzeugung lautet das
allgemeine Gesetz, von dem die Wundheilung nur eine Teilerscheinung,
einen Spezialfall darstellt. Vieles ersetzt sich an unserm Leib immer
aufs neue, auch ohne da� es �u�erer Gewalt zum Opfer f�llt: unsere
Fingern�gel sind in 4-5, jene der Zehen in 12 Monaten vollst�ndig neu
erzeugt, unsere Augenwimpern wechseln in 100-150 Tagen, und nach 4
Wochen wird keine Hautschuppe mehr an meiner K�rperoberfl�che sein, die
heute hier geboren und ans Licht gehoben wurde. Unsere Hornhaut, dieses
klare Fensterchen, durch das alles Licht und jeder Schatten in unsere
Seele f�llt, wird immer neu gef�gt vom Rand her und immer neu geputzt
vom sanften Schlag der Lider. Den ganzen K�rper durchstreifen Millionen
wandernder S�em�nner, die die weiten Felder und die tiefen Schachte
aller organischen Gebilde mit neuen Keimen �bersch�tten. So ist das
Wunder des S�ens und des Erntens, der Akt des Fruchtens und des
Neubildens, des Sterbens und der Wiedergeburt in uns allen immer am
Werk. Die winzigen Handlanger dieser st�ndigen Arbeit bei Tag und bei
Nacht am Webstuhl des Organischen sind direkte Abk�mmlinge jener
Wunderzellen, die eine r�tselhafte Kugel formten, aus deren Kapsel das
Dasein eines jeden von uns sprang: die Tr�ger der erhabenen Idee der
Menschheit. Denn was ist ein befruchteter Keim anders, als die sichtbare
Form der Unsterblichkeit, eine Hoffnung, ein Beweis f�r die
Unvernichtbarkeit des Lebendigen, f�r die kontinuierliche Erhaltung auch
der kompliziertesten Kr�fte! Diese Keimlinge, die kein Geringerer als
der Nestor der Anatomen, der greise _K�lliker_ in W�rzburg, als direkte
�berbleibsel des befruchteten Eies auffa�te, die sich zu Millionen
Individuen, zu wei�en Urtierchen, Leukozyten genannt, in unserm K�rper
vermehrt haben, springen nun �berall ein, wo es eine Neuarbeit, eine
Reparatur, ja auch nur einen Widerstand, eine Gefahr gibt. Sie k�mpfen
mit Bakterien, produzieren Heilk�rper, sie stillen die Blutungen durch
Abscheidung von Gerinnungssaft, sie tragen die Nahrung den fernsten
Geweben aus den gro�en Dr�senarsenalen der Verdauungsh�fen zu, sie sind
die Lasttr�ger und Transporteure abgeschiedener, unbrauchbarer und
fremdartiger Gewebsbestandteile, Arbeiter, die Ger�ste aufbauen und
Ruinen abtragen, �berall gegenw�rtig und immer bereit, aus den tausend
Millionen Spalten, die das Blutadersystem ihnen offen l��t,
hinauszuschl�pfen und nach dem Rechten zu sehen: eine Armee kleiner
Hygieniker, Krieger und Friedensf�rderer zugleich. Wo organisches Leben
sich erh�lt und ersetzt, besteht es und formt es sich neu durch diese
direkt von der Zeugung dem neuen Individuum erhaltenen Kraft der
Erg�nzung des Verbrauchten. Diese F�higkeit ist merkw�rdigerweise f�r
die verschiedenen Pflanzen- und Tierarten eine h�chst wechselnde, d.h.
der Grad, bis zu dem ein verlorener Teil wieder ersetzt werden kann,
scheint in umgekehrtem Verh�ltnis zur Auspr�gung eines erh�hten,
individuellen Lebens zu stehen, und je weniger ein Tier- oder
Pflanzenexemplar in jedem einzelnen seiner Teile individuelle
Variationen und Differenzierungen aufweist, je mehr es nur
Artrepr�sentant ist, desto weiter geht die Ersatzf�higkeit des
Verlorengegangenen. Spinnen und Krebse ersetzen sich mit allen
zugeh�rigen Teilen abgeschnittene F�hler, Beine und Scheren; Schnecken
erhalten ganze Teile des Kopfes mit F�hlern und Augen wieder; Fische
verm�gen die verlorene Schwanzflosse v�llig wieder auszubilden. Bei
Salamandern und Eidechsen zeigt sich ein Wiederwachsen des ganzen
verlorenen Endleibes mit Knochen, Muskeln und selbst einem Teil des
R�ckenmarks, ja bei jungen Eidechsen f�hrt seitliches Einkerben des
Schwanzes zum Hervorwachsen eines zweiten aus der Wunde. Von solchen
Vollkommenheiten des Wiederersatzes und einer luxuriierenden Wundheilung
�ber den Bedarf hinaus ist freilich der Mensch leider weit entfernt.
Es ist beinahe, als h�tte die Natur es seiner Launenhaftigkeit und
Eitelkeit, niemals sich mit dem Gegebenen zu bescheiden, versagt, mehr
als einmal die Nase zu wechseln und sich mehrfach sch�nere Augen
einsetzen zu lassen.
Das Tier freilich, frei von Eitelkeit und selbstqu�lerischem Gr�beln
�ber die eigene unzul�ngliche Sch�nheit, kann mit diesen hohen Gaben der
Wiederbildung abgeschnittener Glieder keinen Mi�brauch treiben.
Ist es aber nicht geradezu das Ideal einer Regenerationskraft, wenn wir
erfahren, da� man den Schirm der gelatin�sen Meerqualle (Meduse) in
beliebig viele St�ckchen zerschneiden kann und aus jedem ein ganzes,
neues Quallenindividuum hervorw�chst, sofern nur an dem Torso ein St�ck
des Randes erhalten blieb; wenn Plenarien, Infusorien, S��wasserpolypen,
Ringelw�rmer die F�higkeit zeigen, aus zerst�ckelten Tr�mmern eines
Individuums ebenso viele S�hne und T�chter zu bilden? Man denke an das
in diesem Fall gl�ckliche Opfer des ber�hmten Schwert- und
Schwabenstreichs--die zur rechten und zur linken herabgesunkene
T�rkenh�lfte h�tte sich nach einiger Zeit als ein Bruderpaar
erhoben--wenn auch der menschlichen Neuerzeugung ohne das Zwischenglied
einer neuen Mutter so weite Grenzen gesteckt w�ren! F�r uns Warmbl�ter
ist es nun einmal anders angeordnet, jene Kaltbl�ter k�nnen sich also im
Notfall auch ohne Liebe fortpflanzen, jeder ihrer Teile enth�lt in
sich alle Keime zum Neuersatz des Ganzen. Da ist der hochorganisierte
Mensch so arm: die Narbe, diese r�tliche, sp�ter grauwei�e Marke,
dieses Kainszeichen eines Ungl�cks, einer von au�en wirkenden
Gewalt, bei Studenten das stolz getragene Merkmal besonderer
Heldenhaftigkeit--dieses indifferente Gewebsmaterial ist das einzige,
womit im g�nstigsten Falle die Krone der Sch�pfung zum Ausgleich
besch�digter oder entfernter Teile dienen kann. Und doch: in dieser
Narbe, dieser bindegewebigen Substitution des Zerst�rten, in diesem
scheinbar so unvollkommenen Surrogat h�her organisierten Gewebes stecken
so viele merkw�rdige, abgelaufene Prozesse, eine solche F�lle
bildnerischer und zum Teil problematischer Vorg�nge, da� es sich wohl
auch f�r den Nichtfachmann lohnt, einmal einige Blicke auf ihre
Entstehung zu werfen. Wohl jeder tr�gt irgendeine Narbe an sich, deren
Geschichte auf einiges Interesse rechnen darf.
Was geschieht, wenn ein scharfer, spitzer, schneidender oder rei�ender
Gegenstand in unsere K�rpergewebe dringt? Ob die Stelle der Verletzung
oder Durchtrennung die Oberfl�che oder die Tiefe betrifft, ob sogenannte
edle oder unedle Teile getroffen werden, sofern das Organ kein direkt
lebenbeherrschendes ist, wie z.B. einige Teile des oberen R�ckenmarks,
durch deren L�sion das Leben wie an einem ge�ffneten Ventil ausstr�mt,
stets werden dabei neben den spezifischen Gebilden des betreffenden
Organs diejenigen Netze mitzerrissen, die �berall sind: Lymph-,
Blutgef��e und das st�tzende Ger�st, die Bindesubstanz, in die s�mtliche
h�heren Organe, Dr�sen, Muskeln, Nerven, Knochen, eingelassen sind. Denn
neben dem kn�chernen Skelett durchsetzt, h�lt und st�tzt unsern K�rper
ein bindegewebiges Gespinst, in dessen Maschen die eigentlich
funktionierenden Substanzen aufgeh�ngt sind. Dieses Maschennetz stellt
zugleich die Bahnen dar, auf denen Blutgef��e und Nerven ihre Str�me zu
den Zentralorganen hin- und zur�ckleiten. Diese drei Faktoren werden
also �berall getroffen, wo die Kontinuit�t des Gewebes gewaltsam
durchbrochen wird, d.h. wo eine Wunde entsteht. Daher blutet sie, daher
schmerzt sie, daher klafft sie. Meldet der Schmerz, dieser bissige und
sprungbereite W�chter der Gefahr, den Vorgang zum Gehirn, so sucht
seinerseits das herausstr�mende Blut die eingedrungenen Sch�dlichkeiten
abzuschwemmen: Staub, Bakterien, Gifte, zerrissene und gel�ste
Gewebsfetzen, die der Zersetzung anheimfallen und Kadavergifte
produzieren w�rden, werden so fortgerieselt, und beim Kontakt des Blutes
mit der Luft, beim Aufh�ren der gewohnten Ber�hrung mit der inneren
Glasur der Gef��r�hren (dem Endothelium), gerinnt ein Teil und liefert
den organischen Kittleim, dessen weiche Masse die Grundlage f�r die
Organisation der sp�teren Narbe abgibt. Zugleich wandern aus den
vielfachen Spalten des Bindegewebes, durch dessen Entspannung die Wunde
klafft, jene Keimlinge der Regeneration, die wei�en Blutk�rperchen aus,
die dem zerrissenen und aufgew�hlten Mutterboden die neuen Saatk�rnchen
zutragen. Nun zeugt und keimt es unaufh�rlich, Zelle um Zelle des
Mutterbodens, die Gef��h�utchen, die Saftl�ckenauskleidungen, die
Nerven, die Bindegewebszellen, sie produzieren von beiden Seiten des
Wundspaltes her ein Chaos sich umschlingender, durchwachsender, mit den
F�hlern verschmelzender, junger Brut, die scheinbar regel- und ziellos
vorw�rtsstrebt gegen das jenseitige Ufer. Die Vorposten beider Seiten
ber�hren sich im Innern des trennenden Gerinnsels. Nirgendwo aber gilt
trotz des Durcheinanders aller dieser Zellarten so sehr der Satz omnis
cellula e cellula, auf deutsch: Art schl�gt sich zu Art, wie hier bei
der Wundheilung. Allm�hlich entwirrt sich das Chaos; was zu Gef��en
geh�rt, bildet mit Geschwisterzellen einen Hohlraum, der schon
angeschlossen an das alte Kanalsystem und schon gef�llt ist mit den
roten und wei�en Ern�hrungszwischenh�ndlern, den Blutk�rperchen; das
Bindegewebsnetz beider Seiten findet sich zu einem spannkr�ftigen
Spinngewebe zusammen, dessen Elastizit�t gleichsam wie mit eingelassenen
Stricken die Wundr�nder st�ndig zur Mitte zusammenzieht, d.h. sie
einander n�hert; die Nerven senden ihre F�hler kontinuierlich aus und
finden sich sicher in dem Wirrwarr �bereinandergeh�ufter Mauersteine
zurecht.
Dann reichen sich die Werkmeister beider Seiten endlich die H�nde und
bilden die Strebepfeiler des neugef�gten Lebens. Es legt sich
Gef��kolben an Gef��kolben, Nervenb�ndel gegen Nervenb�ndel, und das
immer enger sich maschende Bindegewebsnetz bildet offene L�cken und
Kan�le, so da� schon in weniger als zehn Tagen, bei ungest�rter Heilung,
Blut-, Saftstrom und Nervenleitung und mit ihm Leben und Nahrung
ungehindert von einer Seite zur andern durch die Mauerwand des
provisorischen Gerinnsels her�ber und hin�ber rollen. Dar�ber deckt
sich schlie�lich der Teppich der Hautschuppen, der von seinem
Muttergewebe aus im Moment der Vollendung dieses Kabel- und
Kanalisierungssystems--wunderbar genug--nicht fr�her und nicht sp�ter,
wie auf ein bewu�tes Kommando, neugeborene Deckzellen abschiebt und �ber
die noch etwas erhaben r�tliche Narbe ausbreitet. Was gibt den Ansto� zu
all diesen mit dem Mikroskop m�hsam durch die Arbeiten eines _Virchow_,
eines _Thiersch_, eines _Billroth_ erforschten Keimungs-, Sprossungs- und
Reparaturvorg�ngen? Ist es nicht merkw�rdig, zu denken, da� der
pl�tzliche seitliche Hemmungsfortfall, den der Schnitt oder der Ri�
bedingt, gleichsam ungez�hlte Spaltl�cken hervorquellenden Lebens �ffnet
und da� von den reich ausstr�menden Saatk�rnern auch dem winzigsten
etwas anhaftet, das wie ein Bewu�tsein einer Pflicht, einer Berufstreue,
einer bestimmten Rolle im ganzen Staat anmutet? Woher kommt dieser
unmittelbar sich �u�ernde, regulierende, ma�haltende, sich in Reih und
Glied stellende, einem idealen Typus, einem vorangegangenen Plan
nachbildende Gesamtwille, der aus dem Chaos des Formlosen, aus dem Nebel
des scheinbar Wahllosen und Zuf�lligen h�chste Organisationen,
wundersamste Funktionen herausbildet? Da dr�ngt sich dem dazu
disponierten, sinnenden Betrachter jene Ehrfurcht auf, die im Kleinen
wie im Gro�en Unbegreifbares als einen Teil des Erhabenen nie ohne
innere Bewegung anschaut und die dem Naturforscher so leicht verloren
geht, obwohl gerade er so vielen Anl�ssen zu ihr begegnet. So ist auch
dem Praktiker der Wundpflege ein immer reges, naives Sichwundern
dienlicher, als ein gleichg�ltiges "Das mu� so sein!" Beim allzu k�hnen
Eindringen in das Allerheiligste menschlicher Gewebe und bei den
gewohnten Erfolgen der Chirurgie erstirbt zu leicht das so nat�rliche
Dankgef�hl gegen die wunderbaren Hilfsmittel, die uns das ewig um
Erhaltung ringende Leben in die Hand gibt; nicht wir sind die Meister,
es sind alles Seine hohen Werke!
Da� unsere Kunst es verstanden hat, gerade gegen Ende des vergangenen
Jahrhunderts sich zum Diener dieser Naturkr�fte zu machen, ist der
Schl�ssel zum Verst�ndnis ihrer staunenswerten Erfolge; nicht allein hat
sie es gelernt, die Hemmungen eines ungest�rten, nat�rlichen
Wundverlaufs (prima intentio naturae) auszuschalten (Antisepsis,
Asepsis), indem sie die �berall drohende Wundsaftzersetzung verh�ten
lehrte, die Gesamtheit namentlich der deutschen Chirurgen, allen voran
ein _v. Langenbeck_, _Billroth_, _Thiersch_, _Mikulicz_, _Czerny_, _v.
Bergmann_, haben die Technik der Benutzung der nat�rlichen Hilfsquellen
wahrhaft erstaunlich gef�rdert. Hier hat sich der Flei� und das Genie
des Menschen wetteifernd den Wundern der Natur an die Seite gestellt.
Gleichsam als h�tte eine bewu�te Arbeitsteilung Talent und Energie je
nach der Individualit�t vor eine besondere Aufgabe gestellt, so hat
jeder der Genannten und viele neben ihnen bestimmte Gebiete der Kunst
mit besonderem Gl�ck auszubauen verstanden, v. Bergmann lehrte
zahlreiche Vorbedingungen zu erfolgreichen Eingriffen am edelsten Organ,
am Gehirn, v. Langenbeck war ein Reformator der plastischen Chirurgie,
Mikulicz und Czerny haben mit Billroth gewetteifert, die Chirurgie des
Unterleibs technisch zu erschlie�en, Thiersch, Reverdin und Gluck waren
Begr�nder der k�nstlichen Gewebs�berpflanzung, und noch neuerdings haben
Rehn in Frankfurt und K�mmel in Hamburg gelehrt, da� man selbst Wunden
des Herzens und der gr��ten Gef��e zur Heilung zu bringen vermag. So ist
denn der plastische Ersatz und die Vereinigung getrennter Gebiete durch
die Naht und durch die verklebende und substituierende Narbe fast f�r
jedes Organsystem fruchtbar gewesen, und die gl�ckliche operative
Entfernung verlorengegangener Gehirnteile, die Ausschneidung auch
gr��erer Teile von Darm- und Magenst�cken, die zweckm��ige
Wiedervereinigung und Umschaltung der r�hren- und sackf�rmigen Gebilde
des Verdauungskanals sind dem oft rettenden Walten geschulter Chirurgen
ebenso zug�nglich, wie das Herz, die Lunge, die gr��ten Gef��e, in denen
das Leben an seiner Wurzel str�mt und atmet. Das alles w�re nicht
m�glich gewesen ohne ein immer eingehenderes Betrachten der Wunder der
Wundheilung, zu denen das blo�e Auge nicht ausreichte, sondern sich mit
den sch�rferen Linsen des Mikroskops bewaffnen mu�te. So wurden denn von
den Meistern der reinen Naturbetrachtung in stillen Werkst�tten die
Geheimnisse enth�llt, die der Chirurgie in ihrer praktischen Anwendung
so ungeheure Erfolge brachten.
DAS MYSTERIUM DER ERN�HRUNG
Einer die Weisheit, Allmacht und Harmonie des Weltgeistes preisenden
Weltanschauung mu� es ein unbequemer Gedanke sein, sich ganz n�chtern
klar zu machen, da� das Leben nur bestehen kann, indem es Leben
vernichtet. Erhaltung und Erzeugung auf dem Umwege von Tier- und
Pflanzenvernichtung! Dieses m�rderische Gesetz vom Werden durch Sterben
ist vom Standpunkte menschlichen Erkennens ebenso grausam und f�hllos
von Mutter Natur gedacht, wie es un�sthetisch ist. Eine Art Lebewesen
scheint immer nur geschaffen, um von der anderen vernichtet und
gefressen zu werden: das w�re so eigentlich die Quintessenz des Kampfes
ums Dasein, bei welchem dem zeitweisen Sieger am Ende dieselbe
Vernichtung durch Verwesung droht, wie den Wesen, auf deren Kosten es
sein mehr oder weniger kurzes Dasein gefristet hat. Sollte diesem
unableugbaren, schrecklichen Grundgesetze des Lebens nicht doch eine
vers�hnlichere, dem menschlichen F�hlen weniger schmerzliche und
peinliche Betrachtungsweise abgewonnen werden k�nnen?
Ja, hat nicht vielleicht die Chemie, die Beherrscherin der Kultur,
aufgestiegen aus dem Schlamm der Alchymie wie eine sch�nheitleuchtende,
sch�pferische G�ttin, die M�glichkeit, uns Menschen von diesem
Bannfluche alles Lebendigen--der �brigens schon im Paradiese am Werke
gewesen sein mu�--zu befreien durch k�nstlich hergestellte
Nahrungsmittel? durch Laboratoriumsbrot und Fabrikeiwei�? durch Synthese
von Stickstoff, Kohlenstoff, Wasser, Kalk, Phosphor usw., kurz alles
dessen, was in der Nahrung chemisch und theoretisch vorhanden sein mu�,
um den Stoffwechselbetrieb zu erhalten? Das ist durchaus keine Utopie
vom Standpunkte der Eiwei�chemie aus. Ist es doch gelungen, eine dem
Eiwei� sehr �hnliche Verbindungsreihe von K�rpern, n�mlich die
Peptonoide, eigentlich Eiwei�e, wie sie im Magen zur Verdauung
umgearbeitet werden, tats�chlich herzustellen und damit Tiere zu
f�ttern.
Mit welchem Effekt? _Mit dem des langsamen Verhungerns!_ Ich habe mich
vor dieser Tatsache ersch�ttert gef�hlt wie vor einem gedanklichen
Elementarereignis! Es m��te etwas wie eine Weltanschauungskatastrophe,
wie ein Erdbeben der Erkenntnis durch die wissenschaftliche Welt gehen,
wenn diese Tatsachen wirklich best�tigt w�rden. Die Mehrzahl der
Naturwissenschaftler steht selbstverst�ndlich auf dem Standpunkte, da�,
wenn es gel�nge, das Eiwei� chemisch rein aus seinen Elementen
aufzubauen, das Problem der Nahrungsmittelsynthese gel�st w�re. Dann
rei�t man Schlachth�user nieder und baut den k�chen-chemischen
Gro�betrieb!
Hier hat nun die Rechnung ein Loch! Man wird mit k�nstlichem Eiwei� nach
meiner Ansicht weder Tier noch Mensch erhalten k�nnen, was schon die
scheinbar g�nzlich mi�lungenen Versuche der Hundef�tterung mit
pepton�hnlichen K�rpern beweisen d�rften; was aber erst w�rde f�r eine
Verbl�ffung entstehen, wenn wirklich chemisch reines Eiwei� k�nstlich
durch Aufbau im Laboratorium gewonnen--kein Nahrungsmittel w�re? Hier
ist ein Rhodus f�r unser naturwissenschaftliches Denken, das wir
�berspringen oder �berwinden m�ssen. Hier ist eine Probe auf die
Stichhaltigkeit unserer gesamten naturwissenschaftlichen �berzeugung!
Man hat eben, befangen in der Lehre von Kraft und Stoff, _das Mysterium
in der Ern�hrung_ vergessen! So mu� eines Tages die Lehre von den
W�rmeeinheiten (Kalorien), die der K�rper zu seinem Betriebe aus der
Nahrung nimmt, erstaunlichen Schiffbruch leiden, weil der
Ern�hrungsvorgang keine Maschinenheizung allein ist, sondern weil �ber
seinem chemischen Mechanismus noch ein R�tsel, ein Wunder, ein
Sonderbares schwebt, das erst erkl�rt, warum Leben nur durch Leben sich
erhalten kann.
Ich stehe nicht an, hier meine eigenen Gedanken dar�ber auszusprechen,
nicht allein weil ich sie f�r interessant genug auch f�r ein breites
Publikum erachte, sondern weil ich die hier angeregte Fragestellung f�r
durchaus neu und wichtig halte.
Meine Ansicht ist, da� die Ern�hrung eigentlich eine stetige
Neuerzeugung ist, nicht nur eine Erhaltung des Bestandes. Wir erzeugen
uns st�ndig in uns selbst von neuem, alle unsere Zellen erzeugen sich
neu, nachdem sie abgesto�en und verbraucht sind. Wir werden immer von
neuem geboren, t�glich, st�ndlich. Wir sind nach Jahren nicht mehr
dieselben, welche wir waren. (Welch Trost f�r veredlungs- und
besserungsbed�rftige Seelen!) Wir wechseln in dieser ununterbrochenen
Selbsterzeugungskette nicht nur Haare und Haut, wie die Schlangen,
sondern den ganzen Zellstaat, der uns in seinem Betriebsschwirren und
Sch�pfungsweben das Bewu�tsein unseres Ichs zufl�stert, dieser ganze
Zellstaat des Individuums stirbt fortw�hrend ein bi�chen und wird
fortw�hrend ein wenig geboren. Das ist bekannt und wird von niemand
geleugnet. Was aber bisher nicht beantwortet ist, das ist die Frage nach
der Herkunft aller der Saatk�rner, die nun einmal f�r eine Zeugung
unerl��lich sind. Sind sie gleich mit der Geburt uns schon mitgegeben,
so da� der Zeugungsakt das ganze Leben hindurch abliefe wie eine Spule
vom himmlischen Webstuhl der Liebe, oder erhalten wir von au�en
irgendwie neue in uns hineingetragene, an jeder Stelle unseres Leibes
wirksame Saat?
Das letztere ist der Fall! Zu allem Leben ist die Zelle n�tig. Aber sie
selbst ist schon eine hochkomplizierte Maschine. Der Kern der Zelle
scheint ihr Wesentlichstes. Der hat eine sonderbare Struktur und eine
merkw�rdige chemisch-physiologische Z�higkeit. Er besteht aus
Nukleinsubstanz. Dieses Nuklein ist chemisch oder physikalisch schier
unzerst�rbar. Keine S�ure, keine Lauge, keine Verdauung kann es
vernichten. Nur dem Feuer widersteht es nicht. _Hier im Nuklein der
Kerne steckt das Mysterium der Ern�hrung._ Dieses ist in jeder
Pflanze--in jeder Tierzelle, die wir zu uns nehmen, enthalten. Ohne
Nuklein ist keine Nahrung denkbar, es kommt aber nur im Zellkern vor. Es
ist aber auch der Tr�ger aller Befruchtungsvorg�nge.
Durch einen Zufall sah ich einst ein St�ckchen Schleimhaut von einem
Menschenmagen unter dem Mikroskop, von einem Magen, der eben im Begriff
war, zu verdauen. Ich war aufs h�chste erstaunt. Die ganze Schleimhaut
nicht nur, auch die gesamte Magenwand war durchsetzt mit wei�en
Blutk�rperchen, dieser Armee von Heinzelm�nnchen und Liliputanerpolizei
in unserem Leibe, in so auffallender Weise, da� ich das f�r eine
Entz�ndung oder Eiterung hielt. Aber eine Eiterung der Magenwand bei
einem v�llig gesunden Menschen! Damals lebte noch mein alter Lehrer
Virchow, dieser Meister der Deutungskunst des Kleinen. Er sch�ttelte den
Kopf und meinte, das m��te ein Leukom (eine Geschwulst) sein. Ich wei�
jetzt, belehrt durch weitere Erfahrungen, da� jede Magenwand im Zustand
der Verdauung prall gef�llt mit diesen wei�en Ameisen des Lebens ist und
da� sie dort lauern auf die freigewordenen chemisch unverdaulichen
Nukleinkerne der Nahrung. Diese nehmen sie in sich auf, tragen sie
�berall mit dem Blutstrom und treten durch die Gef��l�cken ins Gewebe
und streuen, die echten S�em�nner des Geheimen, die Samen aus, die sie
aus der Nahrung nahmen, �berall wo es nottut, wo der wallende, wogende,
rollende Teppich des kleinsten Lebens eine L�cke, einen Defekt erhalten
hat. Mag Darm und Magen seinen Chemismus treiben nach dem Gesetz der
Maschinenheizung und nach dem �quivalent von W�rme und Arbeit, die
Millionen Nukleink�rnchen, kleine Wundersterne ewiger Erzeugung
und ewigen Gebarens, w�rden ganz verloren sein und nur die �cker
d�ngen, wenn diese kleinen W�chter des Zellbestandes sie, die sonst
Unverdaulichen, nicht abfangen w�rden, als die eigentlichen Tr�ger des
Wunders der Ern�hrung, und sie verteilten auf alle die mikroskopischen
Wiesen und Zellrasenfl�chen, denen im kleinen Ma�stabe das menschliche
und tierische Gewebe gleicht. Das eigentliche Charakteristikum des Lebens
sind die Nukleinsterne der Zelle, sie sind die Himmelsschl�sselein,
die, eindringend in das Herz anderer Zellen, das ganze Wunderwerk der
Zeugung aufschlie�en, die die Wunderfedern und Zaubermotoren anspringen
lassen zum Ablauf alles kleinen und riesengro�en Lebens. Nuklein
ist sogar der Tr�ger der Pers�nlichkeit, der Artcharaktere, der
Stammeseigenschaften, es ist schlechthin das Individuellste, was es
auf Erden gibt, denn es gibt jedem Wesen sein ureigenes Gepr�ge,
von einer beispiellosen, durch alle Generationen, alle Wandlungen
fortwirkenden Konstanz.
Es ist meine aus dieser Betrachtung gewonnene �berzeugung, da� die
Ern�hrung nicht ersch�pft ist durch die Bilanz von Aufnahme von W�rme
und Umsatz in Arbeit, sondern da� neben diesen betriebstechnischen
Vorg�ngen noch ein Proze� einherl�uft, welcher das R�tsel des Lebens in
sich schlie�t und darum mysteri�s und wundervoll ist. So aufgefa�t ist
die Wandlung, die die Nukleinsubstanzen des Lebendigen im Kreislauf
aller Lebewesen durchmachen, gleich dem ewigen Kartenmischen eines
allm�chtigen Wesens, dessen gigantische Phantasie niemals Gen�ge finden
konnte an dem schon Erreichten, sondern das unabl�ssig am Werke ist zu
variieren, zu kombinieren, zu hemmen und zu treiben und geruhig sich des
bunten Spieles zu freuen an den wandelnden Erscheinungen des Alls; ein
Wesen, f�r das Sonnen- und Kometenbahnen nicht wichtiger sind als die
Staubfl�ge des Sonnenst�ubchens und das Lieben und Zeugen der
allerkleinsten Lebenseinheiten, der Nukleinsternchen in den Zellen von
Mensch, Tier und Pflanze.
DIE HAUT ALS EIN ORGAN DER SEELE
Um alle ihre Lebewesen hat Mutter Natur einen Mantel geschlagen. Sie
l��t nichts h�llenlos und wahrhaft nackt. Pflanze und Tier, vom
niedrigsten einzelligen belebten Organismus bis zu den kompliziertesten
Prachtexemplaren: an K�rperlichkeit dem Mammuttier, an Geistigkeit dem
Herrn dieses Planeten, dem Menschen, sie alle tragen ein nat�rliches
Kleid, gewebt aus elastischen Fasern, �ber die schillernde Schuppen,
leuchtende Farbenglut, Bl�tenschmelz und schm�ckende Zier
verschwenderisch und in staunenswerter Vielgestaltigkeit nicht minder
ausgebreitet sind, als ein rauher und den Feinden aller Art trotzender
Abwehrpanzer, ein sch�tzender Wall von H�ckern, Stacheln, Borken und
Hornger�sten. Diese Enveloppe ist eng angeschmiegt an die Struktur des
eigentlichen Leibes in wunderbarer Anpassung an das Milieu der
Milliarden von Variationen zulassenden Lebensformen und schlie�t die
Organe ein enger und dichter, als es je ein Kleiderstoff tun k�nnte. Wir
sprechen von einem Federkleid, vom Pelz, vom Mantel, von Hautdecken und
K�rperh�llen bei allen Tieren; und nur der Mensch, dieser einzige
Vollstrecker und Vervollkommner der Naturidee, hat sein Corriger la
nature der eingeborenen H�lle hinzugef�gt, wiederum in analoger
Verquickung von Schutz und Schmuck--n�mlich unsere Kleidung, bei welcher
die Variationslust unter dem Direktorium der Mode nicht weniger lebhaft
am Werke ist, als bei der Meisterin der Vielgestaltigkeit, Mutter Natur
selber. Welches Wunderwerk aber ist diese unsere Haut, ein feinmaschiges
Trikot, in dem wir immer herum gehen m�ssen und das wir niemals ablegen
k�nnen! Es ist ein Zaubergewebe von eigenartiger Pracht, Leuchtkraft und
reichem Glanz, das hinrei�end sch�n sein kann, solange der Jugend
Bl�tenschmuck �ber ihm gebreitet liegt, und das im Alter die
Runenschrift alles Menschenleides aufweist. Welch eine Rolle spielt die
Haut im Haushalt unseres Leibes! Sie atmet, sie reguliert die
K�rperw�rme, sie sondert Verbrauchtes ab, sie nimmt Luft, Licht,
Feuchtigkeit ein und gibt sie aus, sie resorbiert Heilstoffe und Gifte
und sondert sch�tzende �le ab, sie zieht sich zusammen und dehnt sich
aus, sie hat einen eigenen Duft, der nicht nur die Rassen voneinander
unterscheiden l��t, sondern auch viel mehr, als man gemeinhin wei�, der
Tr�ger eines gut Teils unserer Pers�nlichkeit ist, sie hat eine
Farbenskala von gro�em Reichtum und tr�gt ein mikroskopisches,
Wiesendecken gleiches Feld feinster H�rchen, das sich zu Busch und Wald
verdichtet, in denen Mysterien wohnen und Lebensr�tsel sich verbergen,
das unser G�ttlichstes, Auge, Mund und Stirn, umrahmt und unser
Menschlichstes versteckt! Sie ist aber ferner unser nerv�sestes Organ!
Nicht allein, da� sie ein Teppich ist, in den die Wundersternchen des
Gef�hls und des Empfindens eingewebt sind, zahllos wie die Sterne am
Himmel, sie hat ein hochkompliziertes seelisches Leben, auf das sich
einmal ernstlich hinzuweisen durchaus der M�he lohnen d�rfte. Die Haut
erschrickt, schaudert, ist durchrieselt von Gef�hlen der Lust und des
Abscheus, es kann ihr weh und wohlig sein, sie kann ergl�hen vor
Erregung, Zorn oder Scham und kann erblassen im Affekt des Schreckens,
der Ohnmacht, der Wut. Sie ist der feinste Barometer unseres Krankseins,
und der R�ckschl�sse, welche der Kundige allein aus ihrem Bef�hlen auf
unsern Gesundheitszustand, auf Gefahr oder kommende Genesung machen
kann, sind unz�hlige. Und nun dies Bef�hlen selbst. Welche F�lle
seelischen Geschehens birgt es in sich! Welche Wonnen, welche Beruhigung
einerseits, welche Beleidigung und welchen Abscheu auf der andern Seite
�bermitteln diese Milliarden kleiner Empfindungskn�uel, die als
sogenannte Nervensprossen in der Haut und als Tastk�rperchen ausges�t
sind und von Mensch zu Mensch ihre Str�me senden! Welche Wunder der
Seele im Streicheln, im Liebkosen, im einfachen Handauflegen! Alles das
wirkt von Seele zu Seele durch das Medium der Haut, die ja buchst�blich
nichts anders ist als ein Schilfwald von Polypenarmen, den das
Nervensystem nach au�en in die Welt ausgest�lpt hat. In der Haut schuf
sich Natur die Wunderharfe, auf der des Lebens Zauberfinger spielen,
hier wogen und wallen die feinsten Nervenstr�me hin und her, die uns
orientieren, uns mit sichtbaren und unsichtbaren Strahlen laden, von
hier aus spielt die Sonne und das Licht, das Dunkel und die Finsternis
ihre Funken- und Schattenlieder. Hier sind der Seele durstige, saugende
Kelche, mit welchen sie, lechzend nach Erregung, Kraft und Bewegung, den
ganzen Funkenkranz der Sonnenwellen jenseits und diesseits vom Spektrum
einschl�rft. Ein Sonnenbad, ein Meeresbad, ein Freiluftbad, eine
Dusche,--welche Quellen von Schwungrad treibender Lebensenergie
�bermitteln sie allein und direkt durch diesen Zaubermantel �bers�t
mit Nervenflitter und Gl�hl�mpchen von ebenso geheimnisvoller wie
sch�nheitdurchleuchteter Zweckm��igkeit. Es ist meines Wissens
noch niemals gen�gend betont, da� die Haut, diese H�lle und diese
Offenbarung unserer Pers�nlichkeit, nachweisbar anatomisch und
entwicklungsgeschichtlich ein echtes _Seelenorgan_ ist.
Wenn das Wunder aller Wunder geschehen ist, wenn die m�tterliche Eizelle
befruchtet ist, wenn mit goldenem Schl�ssel des werdenden Menschen erste
Bl�te aufgeschlossen wird, lagert sich die wachsende Keimsubstanz in
drei mikroskopisch deutlich erkennbaren Teppichen �bereinander: den
sogenannten Keimschichten. Aus einer wird das Bauger�st des Leibes, das
Skelett mit seinen S�ulen, R�hren und Kapseln, Sch�del und R�ckgrat, aus
dem anderen Herz, Gef��e, gro�e Dr�sen und der Ern�hrungsweg, und aus
dem dritten, dem Horn-Sinnesblatt: Gehirn, Nervensubstanz und--Haut! Da
haben wir des R�tsels L�sung: Gehirn und Haut sind als ein einheitliches
Organ angelegt und gedacht. Sie entstammen denselben Adern aus dem
tiefsten Schacht des Lebens, sie sind eine anatomische und
physiologische Einheit. Da dem so ist, wage ich k�hn den Satz: unsere
Haut ist ein Teil unserer Seele! Jetzt wird es uns klar, warum sie von
unserer Seele ebensoviel zu k�nden, wie von der des anderen zu empfangen
vermag; sie ist ja ein Teil, ein Substrat des Seelenorgans selbst, sie
ist nach au�en gest�lptes Gehirn, sie enth�lt, entladet und empf�ngt
einen betr�chtlichen Teil des seelischen Geschehens �berhaupt. Jetzt
erkennen wir deutlich--und das ist das Wichtigste dieser ganzen
Betrachtung--warum von hier aus, von der Haut her, so gewaltige
Eingriffe in den Gesundheitsbestand unseres gesamten Organismus m�glich
sind. Die ganze Hygiene der Haut ist oder sollte es wenigstens
sein--eine psychologische Angelegenheit. Jetzt erhellt, warum die
Reinlichkeit ein Teil, eine Funktion seelischer Sch�nheit ist, warum
Sauberkeit eine kardinale Tugend, ein soziales Erfordernis, eine
sittliche Pflicht ist. Die Kultur eines Volkes wie des einzelnen kann
gemessen werden an dem Ma� von Sorgfalt, das beide auf die Kultur der
Haut verwenden. Zur Kultur der Seele geh�rt untrennbar die Kultur der
Haut. Die Zeiten sind f�r immer vor�ber, in denen struppiger Bart,
ungepflegte H�nde, Wasserscheu und Nonchalance der Tracht f�r das
Erkennungszeichen genialischer Kraftnaturen galten: "er gibt nichts aufs
�u�ere", pflegte man fr�her von einem solchen teutonischen Kraftmeyer
entschuldigend im Hinblick auf die Gewalt seines Innenlebens zu sagen,
wobei man eben verga�, da� das "�u�ere" unseres Leibes, die Haut,
durchaus ein Teil des Innerlichsten ist. Gewi� k�nnen wir es durch keine
Kultur erzwingen, unserer Haut wieder jenen weichsamtenen Bl�tenschmelz
zu geben oder zu erhalten, wie ihn beispielsweise die Halspartie oder
der Nacken eines Kindes aufweist, man kann die Haut nicht sch�ner
gestalten, als sie von Natur angelegt ist, aber jeder kann ihr den
H�hepunkt ihrer Elastizit�t, Leuchtkraft, Frische und dynamischen
Strahlenwirkung--denn an diese glaube ich in irgendeiner Form von X-,
Y-oder Z-Strahlen--abzwingen.
Ein Blick auf eines Menschen Haut--�brigens instinktiv zur Absch�tzung
der Pers�nlichkeit ebensooft ge�bt wie der forschende Blick in die viel
weniger durchschaubaren Augen--kann uns von der Seele mehr verraten, als
viele, viele Worte und andere Lockmittel zum Fallenlassen der seelischen
Maske, die den meisten nun doch einmal das Leben, die Gesellschaft, der
Kampf ums Dasein aufn�tigt. Das Gehirn kann sich mit Hilfe seiner
Sklaven, der Muskeln des Gesichts, leicht "verstellen", die Haut
verstellt sich nicht, sie kann nicht posieren, die sagt wie eine
schlecht gepflegte Pflanze: man kultiviert mich nicht, meines Tr�gers
Seele ist matt, wie meine welken Fasern, oder sie blitzt uns entgegen:
seht! wie mein Herr mich h�lt, so ist sein ganzes Wesen! Welch
armseliger Versuch, dieses Seelenorgan zur L�ge zu zwingen, durch Puder,
Schminke, Tinten und Creme! Wahrlich, die Frauenwelt mu� uns M�nner f�r
lauter kurzsichtige Troddel halten, wenn sie immer wieder glauben kann,
es g�be jemand, der diese Maskerade der Haut nicht durchschaute. Hier
kann die Kunst nichts tun, aber desto mehr hat die Natur uns Mittel
gegeben, diesem unserem Seelenorgan auf das wirksamste beizukommen. Wer
nicht t�glich eine halbe Stunde Zeit hat, mit Seifung, Dusche, Luftbad,
Abreibung usw. seiner Haut und seiner Seele zu dienen, vers�umt ja nicht
nur, den nat�rlichsten Schmuck, den wir haben, zu putzen und sauber zu
halten, sondern er verzichtet auch darauf, seiner Energie die
unerl��lichsten Kraftquellen zu erschlie�en. Es ist wissenschaftlich
noch nicht v�llig gekl�rt, warum die t�glichen kalten und wechselnden
Vollduschen die Nervenspannkraft so offensichtlich steigern--ich glaube
an eine Art Turn�bung der kleinsten Gef��muskeln der Haut und sekund�r
des Gehirns, welche unsere Willenskr�fte zu beeinflussen imstande
sind--aber die Tatsache ist unbestreitbar, das kalte Wasser hat
M�hlenwind f�r die Fl�gel unserer Seele, es hat die F�higkeit,
Spannungen in uns zu akkumulieren, wie die Sammler der elektrischen
Ladung. Denn abgesehen von dem Segen der Disziplinierung, morgens
zun�chst durch eine Dusche den Gesamtbetrieb anzudrehen, wie eine Kurbel
am Automobil, es sind direkte physische Kr�ftespannungen, welche von der
Frottierung der Haut, der rhythmischen Zusammenziehung aller ihrer
Millionen mikroskopischer Muskeln beim Duschen, Luftbad und beim
Abreiben ausgel�st werden und die direkt von der Haut in die Seele
einstr�men wie unz�hlige B�che in den brausenden Strom, der unsere
Pers�nlichkeit in den Ozean des Lebens tr�gt.
Wie h�bsch symbolisiert alles das, was wir von der seelischen Natur der
Haut gesagt haben, die durch alle Natur- und Kulturv�lker
hindurchgehende Sitte, die Haut zu schm�cken mit Farben, Perlen,
Edelgestein und Flimmerwerk. Es ist, als wenn dieser Ziertrieb des
Menschen uns all die herrlichen Eigenschaften der Haut in
konzentriertestem Ma�e zum Bewu�tsein bringen wollte: da ist die Perle
obenan ein Symbol f�r den matten Glanz ihrer schmiegenden, schimmernden
Weichheit, da ist der Diamant ein Symbol f�r die funkelnde schillernde
Pracht ihrer seitlichen Durchleuchtung, da ist der Rubin als Symbol
ihrer Durchstr�mung mit der fl�ssigen Glut des Lebenssaftes. Das ist
vielleicht auch der geheime Sinn, warum die Menschen und namentlich die
Frauen, die ja durchschnittlich eine so unendlich viel sch�nere Haut
besitzen als der Mann, sich so gern mit Naturgebilden schm�cken, die,
was Sch�nheit der H�lle betrifft, im ganzen Reich der Erde beispiellos
dastehen, mit den Pflanzen und Bl�ten! Auch hier symbolisiert die
Weichheit des Flaums im Bl�tenkelch und Bl�tenblatt einen Reiz, der der
menschlichen Haut keineswegs versagt ist! Bl�tenschmuck ist ja eine Art
Huldigung, die der Mensch dem Naturgedanken sch�ner Umh�llung darbringt;
denn, wenn Gro�vater Goethe und Vater Darwin recht haben, diese Tr�ger
aller unserer modernen Naturgedanken, so ist die Bl�tenhaut in ihrem
Farbensamt und ihrer schneeigen Decke die Stammutter und das Urgebild
auch der menschlichen Haut! Was wir auch mit unserer Haut anfangen,
denken wir daran, da� sie von Bl�ten stammt und ihr Ebenbild ist, da�
sie Zartheit und Innigkeit verlangt in ihrer Pflege, wie ihre duftenden,
das ganze Leben versch�nenden Ahnen aus dem Reich der Blumen.