VON DER SEELE Essays CARL LUDWIG SCHLEICH 1922 INHALT Der Rhythmus Humor Schlaf und Traum Unterbewu�tsein Seelische Hemmungen und Schmerzen Der Sitz der Seele Instinkt und Spiel Temperament Tierseele und Menschenseele Glaube und Wissenschaft Rausch Die Musik als Erzieherin Mutter Erde �ber Gr�bchen und Falten Das Wunder der Wundheilung Das Mysterium der Ern�hrung Die Haut als ein Organ der Seele DER RHYTHMUS Wenn ich es wage, nach einer Zeit langen Reifens die Frucht stiller Gedanken den Lesern dieser Abhandlungen darzubieten, so geschieht es gleich bei meinem ersten Thema mit einem besonderen Zagen. Es ist nicht die Furcht vor dem gewohnheitsm��igen �bersch�umen, eines wissenschaftlich vielleicht tadelnswerten Subjektivismus, die mich zweifelhaft macht, ob es mir gelingen wird, ein Interesse f�r das Gebotene zu wecken, als vielmehr eine gewisse, nicht zu �berwindende Ehrfurcht vor dem Thema selbst, die immer wieder die einsamen Versuche, mich seinem letzten Sinn zu n�hern, zur�ckgeworfen hat. Ist doch das Feld des Rhythmischen f�r jeden Denkenden ein heiliges Land, ein stiller Hort der letzten Geheimnisse. Ahnen wir doch alle, da� seinen dunklen Hainen die Quellen entrauschen m�ssen, die allen Erscheinens, allen Bewegens, allen Lebens unermessene Str�me speisen! Statt trocken aufzuz�hlen, was alles f�r unser letztes Streben und f�r unsere letzten aus dem Geschehen abstrahierten Gesetzm��igkeiten dem Rhythmus unterliegt, dem Rhythmus, diesem wogenden Wellen von Sein und Nichtsein, von Stirb und Werde der Bewegung, von Aufb�umen und Verl�schen tiefinnerlichster Triebe, statt diese endlose Kette der rhythmischen Beziehungen trocken aufzuz�hlen, kann man k�hn fragen: was ist denn eigentlich nicht rhythmisch?--und es gibt auf diese Frage nur eine Antwort: Es ist nichts ohne Rhythmus! Wo etwas Arhythmisches sich zeigt, da ist es schon in Gefahr, vom R�derwerk des Weltallgetriebes zentrifugal aus den Bahnen geschleudert zu werden, falls es nicht schleunigst wieder sich einf�gt in den Rhythmus der Gesamtheit. Je weiter unser Wissen oder sagen wir besser unser Glaube an unser Wissen sich vorwagt in die Labyrinthe geheimsten, nicht mehr am lichten Tage offenbarten Geschehens des kosmischen und irdischen Getriebes, um so mehr erkennen wir, da� wir vor dem Rhythmus wie vor einer letzten Schwelle anlangen, welche menschliches Verstehen von g�ttlichen Gesetzen trennt. In der Tat, das Rhythmische ist wohl der tiefste und grundumfassendste Gedanke, den wir der sch�pferischen Natur nachzudenken verm�gen; hier beim Rhythmischen, das wir in den Bewegungen der gigantischen Weltk�rper nicht weniger am Werke sehen, als in den wirbelnden Atomen der sich zu Kristallen formenden Schneefl�ckchen, d�rfen wir uns allerdings einem letzten Geheimnis, einem unsern Menschenhirnen beinahe greifbaren Ahnen von einem verst�ndlichen Sein des Weltganzen erschreckend nahe f�hlen. Wir atmen gerade hier im Rhythmischen gleichsam mit den Atemz�gen des Weltganzen; das Rhythmische ist die zuckende Scheinwerferbeleuchtung, in dessen Licht wir alles Erkennbare sich abspielen sehen, ja es ist vielleicht die einzige gemeinsame Kette, die uns, die Betrachter mit dem Betrachtbaren, an ein letztes unbekanntes Ewiges bindet. K�nnen wir uns doch das Chaos nur vorstellen als einen Gegensatz zum Rhythmus, also nur negativ, n�mlich durch das Fehlen alles Rhythmischen in dem Kosmos, und insofern ist Hans v. B�lows Paraphrase auf Faust �im Anfang war der Rhythmus� ein verbl�ffend moderner, tiefgreifender Gedanke. Hier ist eine M�glichkeit, wenigstens auf dem Umwege der Wahrscheinlichkeit sich der Gewi�heit zu n�hern. W�rde doch sicherlich der endliche Fortfall alles Rhythmischen aus dem All die Welt ins Chaotische zusammenst�rzen lassen. Der Rhythmus ist der Pulsschlag des Kosmos, der lebendige Atemzug des Alls, der alles mit Bewegung weckendem Odem durchstr�mt. Und, wie unser pers�nliches Leben in Staub sinkt, wenn Puls und Atmung aufh�ren, so m��te auch die Welt sterben, wenn ihr Rhythmus stillst�nde! Wie sollte nicht eine ehrfurchtsvolle Scheu jeden befallen, der es wagen will, auch nur einen Zipfel zu heben von dem tiefverschleierten Geheimnis? Und doch ist das Problem ein so recht modernes, immer wieder uns in jeder neuen Epoche unserer technischen Klassizit�t greifbar vor Augen ger�cktes, da� es an der Zeit erscheint, einmal auch die Stellung der menschlichen Seele zu dem Rhythmus des Weltganzen, ihr Eingespanntsein in die zuckenden, rollenden Rahmen, in die sich her- und hinschiebenden, unendlich gro�en oder unendlich kleinen Weberspulen des Weltalls zu untersuchen und die Rolle des geschwungenen Mikrokosmus in konzentrischer Anpassung an den schwingenden Makrokosmus einer zusammenfassenden Betrachtung zu unterziehen. Mein Thema, die Psychophysik des Rhythmus, soll also nicht so sehr sich mit dem Wesen des Rhythmus befassen, obwohl ich einer solchen Definition nicht auszuweichen gedenke, sondern es soll im wesentlichen feststellen, inwieweit auch unser seelisches Geschehen, unser F�hlen und Denken, unsere Ethik und �sthetik, unser Handeln und Schaffen, unsere Liebe und unser Ha�, Sympathie und Reaktion vom Grundgesetz des Rhythmischen beeinflu�t und beherrscht werden, um daran die psychophysischen M�glichkeiten zu erw�gen, welcher Mechanismen wohl die Natur sich bedient, um unsere menschliche Seele den kreisenden Ringen des Ganzen einzuf�gen. Da� bei der unendlichen Reihe der Beziehungen der Psyche zum Gesamtrhythmus diese Betrachtung nicht ersch�pfend, sondern ein Versuch, eine Skizze, vielleicht nur eine Anregung sein kann, bedarf wohl nicht einer besonderen Begr�ndung. Schon mehrfach habe ich versucht, eine Art philosophischen Glaubensbekenntnisses abzulegen, das in dem Satze wurzelt: _Die treibende Kraft des Weltganzen ist f�r den Menschengeist ewig unerkennbar, undefinierbar, unverst�ndlich, kann niemals der Gegenstand wissenschaftlicher Analyse sein. Was wir von ihr zu verstehen glauben, ist nur ihr Verh�ltnis zu den wechselnden, erforschbaren, variierbaren Hemmungen, die ihr eingeschaltet sind, bzw. die wir ihr selbst k�nstlich einschalten, um dann ihre von den Widerst�nden erzwungenen �u�erungen zu studieren_. Die Kraft, an sich einheitlich und unzertrennbar, �berall und unverg�nglich, allgegenw�rtig und allm�chtig, wird zu einem sich nur scheinbar selbstwandelnden, metamorphisierenden, irisierenden Proteus, nicht aus eigener spielerischer Variationslust, sondern die Hand der Hemmung zwingt sie, ihr Gewand von Fall zu Fall zu wechseln. _Die Art der Widerst�nde bestimmt die Art der �u�erung der an sich unver�nderlichen Urkraft_. Die gesamte Physik ist nichts als eine Lehre von den Widerst�nden. Die Chemie ist ebenso nichts als eine Lehre von der Variabilit�t der K�rpereigenschaften unter der Variabilit�t der Bedingungen, unter denen sie aufeinander wirken. Wir wissen z.B. nichts vom Wesen der Schwerkraft, wir studieren aber ihre Gesetze am Widerstand, welche den fallenden Kr�ften die verschiedenartig abge�nderte Luft entgegensetzt. Wir w��ten nichts von der Elektrizit�t, wenn wir nicht gelernt h�tten, der Gesamtkraft spezifische Widerst�nde einzuschalten, welche sie zwingen in einer Form sich zu �u�ern, welche wir elektrisch nennen. Die Art, in welcher die Kraft die Hemmung durchbricht, ihr ausweicht, um sie herumzukommen sucht, ist entscheidend f�r die neuen Eigenschaften, welche die unendlich variable Urkraft anzunehmen bef�higt ist. Die Faust der Hemmung und des Widerstandes ist es, welche dem Weltganzen Form und Richtung gibt und welche auch in dem Organischen als Gesetz der variablen Bedingungen, als Anpassung an die Widerst�nde des Milieus ihre universelle Macht t�glich mehr erkennbar entfaltet. Wir werden uns ewig umsonst bem�hen, das Wesen irgendeiner Kraft zu analysieren, es gibt keine Erforschung von dem eigentlichen Agens der Welt--sein f�hlbares Dasein verdichtet unser Denken zum Gedicht, zur Andacht, zum Glauben, die Kraft und ihr religi�ser Name "Gott" ist darum kein Gegenstand wissenschaftlicher Analysen. Was aber um so erfolgreicher der menschlichen Erkenntnis unterworfen ist, was in gewissem Sinne sogar unserer experimentellen, k�nstlichen Ab�nderung der Weltbedingungen unterliegt, das ist die Hemmung, die Lehre von den Widerst�nden: das ist eigentlich das Problem aller Wissenschaft. Die Lehre von der Macht der Hemmungen ist eins der Grundgesetze der Weltmechanik. Hier hat auch die Definition von dem Sinne des Rhythmus im Weltganzen einzusetzen, wenn sie bis zu den erkennbaren Grundanschauungen, gleichsam bis zu den M�ttern des Wissens vordringen will. _Der Rhythmus ist n�mlich eine Art Kompromi� zwischen Kraft und Widerstand_, ein wechselseitiges Gegeneinanderprallen, Sichausweichen, Sichfliehen und -finden, ein harmonisches Spiel von Energieentfaltung und Hemmungsbet�tigung, das Sichumkreisen und Sichumsprudeln zweier nie ganz vereinbarer Gegens�tze; der Rhythmus ist gleichsam eine Ehe zwischen Kraft und Hemmung, die in Harmonie nur durch ein st�ndiges wechselndes Nachgeben des einen und des andern zu erhalten ist. Der Rhythmus bekundet die immer hin- und herschwankende Bilanz zwischen dem Ja und Nein des Lebens und der Bewegung, er ist ein immer hin- und herpendelnder, wechselnder Wert zwischen Plus und Minus, eine an- und abschwellende Diagonale im Parallelogramm von Kraft und Widerstand. Und seine eigentliche Ursache? _Die Aktivit�t der Kraft auf der einen Seite und die Elastizit�t der Materie auf der andern_. Die Kraft, nach allen Seiten gleichm��ig aktiv, geht gegen den Stoff gleichsam an, um ihn aus dem Wege zu schleudern, er weicht aus, verdichtet sich, diese Verdichtung komprimiert sein innerstes Gef�ge, wodurch wiederum der Widerstand erh�ht wird, den er der Kraft bietet, so da� diese nicht wie eine Welle den Schlamm langsam durchrinnt, sondern wie eine Woge vom starren Felsen sch�umend zur�ckgeworfen wird. Aus diesem Anprall, dieser Verdichtung der Materie und dem Wachsen ihres r�cksto�gebenden Widerstandes setzt sich der Rhythmus, dieser Tanz zwischen Aktion und Hemmung, zusammen. Das Herz der Welt, die Kraft, treibt seinen Strom in alle Adern, die ihm die Widerst�nde lassen, und alle Str�me rinnen, abprallend und abgeschleudert vom Widerstande des Alls, zur�ck in ihre anf�ngliche, urewige Quelle. Das ist der Kreislauf der Kraft, das ist der Puls der Welt, der Rhythmus! War das Gesetz des Rhythmischen, der "ewigen Wiederkehr" aller Dinge vom Sternenhimmel her, von Tag und Nacht, von Schlaf und Wachen, von Ebbe und Flut, von Jahreszeiten, von Krankheiten und St�rungen des Wohlbefindens, von Geburt und Tod, von Saat und Ernte, von Wind und Wetter, von Ha� und Liebe--kurz von jeder Form der Polarit�t her bekannt, die einzig auf unsere Sinne zu wirken imstande ist, und hat man zu allen Zeiten in dem Bewegten leicht und schon in den Kinderschuhen der Wissenschaft dies Gesetz des metrischen Bewegungswiederholens, dieses Pendelns der Erscheinungen sinnf�llig beobachtet, so ist doch erst den neuesten Forschungen �ber Elektrizit�t, n�mlich der Lehre von den Ionen und Elektronen, die Anschauung zu danken, da� auch die festesten K�rper der Erde nur scheinbar fest sind, da� wir annehmen m�ssen, im inneren Gef�ge des starren Steins eines Felsens kreisen Milliarden kleinster Teilchen mit einer so unendlichen Schnelligkeit und einer so vollkommen harmonischen Gleichm��igkeit, da� unseren Sinnen so ein innerlich von rasender Bewegung durchstr�mter K�rper eben fest nur _erscheint_, �hnlich wie ja auch das scheinbar festeste Ding der Welt, die Erde, in Wirklichkeit in sausendem Rhythmus der Selbstdrehung und der Drehung um die Sonne dahinrast. Es gibt schlechterdings vom heutigen Standpunkte aus nichts Festes mehr, sondern alles ist rhythmisch bis in die mikroskopischen Skelettgef�ge hinein, mehr oder weniger in schwingender Bewegung, so da� der Unterschied der Aggregatzust�nde der K�rper, fest, fl�ssig, luftf�rmig, sich als ein ganz �rmlicher Schulmeisterkniff herausgestellt hat, um den braven Faustlehrlingen statt des Brotes der Wahrheit den Stein gr�bster Sinnent�uschung hinzureichen. Es m��te f�r einen phantasiebegabten Mathematiker eine seltsam lockende Aufgabe, wie ein letzter Triumph des mathematischen Gedankens sein, f�r jeden sogenannten festen K�rper die Idealformel finden zu wollen, gewisserma�en die unendlich schnell rotierende lineare Kurve darzustellen, die, um ihre Achse sich drehend, dem Auge nicht minder wie der tastenden Hand den Eindruck des K�rperlichen hervorruft. Nach _Gra�mann_ hat jede auch noch so komplizierte Form, jeder Kristall, aber auch jede amorphe Gestalt eines K�rpers gewisserma�en ihr ideelles Rotationsskelett, ebenso wie etwa eine Kugel entstanden gedacht werden kann durch einen Komplex unz�hliger konzentrischer Kreise, welche alle in den verschiedensten Achsen sich um- und durcheinander drehen. H�tte Gra�mann doch die Zeit der elektrischen Analyse der Atombewegung erlebt, die uns zwingend gelehrt hat, da� tats�chlich alle Eigenschaften der Stoffe, auch ihre Form, Folgen unendlich variabler, rhythmischer Atomschwingungen, kleinster symmetrisch bewegter Stoffteilchen, der aktiven Elektronen, sind! Wir wissen jetzt mit aller Bestimmtheit, da� durch diese gleichm��ige, bis in das feinste K�rpernetz ausgedehnte, symmetrische Atombewegung Farbe, Gef�ge, Aussehen und das ganze Heer der physischen und chemischen Eigenschaften der K�rper bedingt ist. Wir Modernen wissen also auch, da� der Rhythmus somit auch im Unsichtbaren oder auch nur Erschlie�baren, selbst in der Idee der Dinge seine Macht entfaltet. Die Wellen, die das Meer aufwirft und am Widerstand der D�ne verrinnen l��t, nur um im mikroskopischen Gef�ge des Sandes, der Luft, der Pflanzen, der Tiere ihren Rhythmus weiter zu spinnen, sie durchrauschen auch das Meer der Luft, als Licht und Ton, als Elektrizit�t und W�rme in unendlich variabler Gestalt, und alles dies Bewegte, Wogende, Wellende ist nichts als die Urkraft "�ther", von dem Urwiderstand, in unausdenkbaren Variationen zu kleinsten K�rperchen zusammengeballt oder zerrissen, die wiederum in unbeschreibbar zahlreichen Bewegungskurven sich untereinander umkreisen und tats�chlich nicht den Gegenstand stofflich ausmachen, sondern ihn immer kreisend, rollend, kurven- und wellenbildend jeden Augenblick von neuem bilden. Es sind Weberschiffchen, goldene Eimer, Tautr�pfchen des Alls, die nach ewigen Gesetzen ihres Daseins Kreise mit Bewegung vollenden, und zugleich ist hier das Webende das Gewebte, der sch�pfende Eimer ist der Trank, der Tropfen die neue Quelle! Die ganze moderne Elektrizit�tslehre ist nichts als ein Hymnus auf den schwingenden �ther, aus dessen unendlich variabler Bewegungsschnelle um den Widerstand des K�rperlichen alle Form und alle Bewegung geboren wird. Es k�nnte dem Denker schwindeln bei der Vorstellung, da� das Sandkorn mit seinen Milliarden schwingender �therkl�mpchen nichts mehr und nichts weniger ist als ein Weltall f�r sich, ein Weltall mit einem geschlossenen System sich umrasender Sterne, wenn nicht dieser Gedanke zugleich etwas unendlich Befreiendes h�tte. Es gibt eben kein Gro� und Klein in der Welt, die Sorgfalt des Gesetzm��igen war nicht um ein Titelchen weniger intensiv beim Aufbau des Eiskristalles als bei der Komposition des Planetendiadems um den Edelstein Sonne. Weder im Gr��ten noch im Kleinsten kennt die Natur eine Begrenzung, und jedes neue Untersuchungsmittel erweitert nur den Kreis der Probleme nach oben ins Gigantische, nach unten ins Winzigste! Also sind auch wir, die Menschen, denen die Sonne Augen schuf, um sie zu bewundern und in ihren Strahlen Leid und Gl�ck dieser Erde zu beweinen oder zu bejauchzen, also sind auch wir genau soviel wert und wichtig wie die Sonne selbst, aber auch das Sandkorn ist ihr und uns gleich wert. Lehrt diese Lehre nicht eine grandiose Piet�t nicht nur gegen das Mitlebende, sondern auch gegen das Mitunbelebte? Da es nun also feststeht, da� aus allem Sichtbaren und Unsichtbaren (alles als physikalisch bewegte Materie gedacht) ein unendlich komplizierter Bewegungsrhythmus sich gleichsam herauskristallisieren l��t, da es nun auf der Welt nichts Unbewegtes und nichts Arhythmisches geben kann, so mu� auch das Organische dem Gesetze des Rhythmus in gleicher Weise unterstellt sein. Und in der Tat ist ja die Lehre von der Determination nur eine Variation von der rhythmischen Abh�ngigkeit auch alles organischen Geschehens vom Rhythmus des Weltganzen. Was wir Geschick oder Zufall nennen, ist immer nur der Schnittpunkt, wo der Rhythmus des inneren Lebens mit dem Rhythmus des �u�eren zusammentrifft. Wenn man sagt mit Darwin, das Organische hat sich den wechselnden Bedingungen angepa�t, so kann man das bis in die gleichsam mikroskopische Denkweise auch so ausdr�cken, da� der Rhythmus der organischen Substanz in Bewegung sich, um lebensf�hig zu sein, stets dem Rhythmus der Gesamtheit einf�gen mu�te. Leben konnte also nur bestehen in gleichsam konzentrischer Einf�gung des Einzelrhythmus in den kosmisch-tellurischen Gesamtrhythmus. Wenn dieser Allrhythmus variierte, so mu�te also auch der Sonderrhythmus folgen, und so l�st sich f�r uns die Entwicklungslehre auf in eine Lehre von der variablen Hemmung als eigentlicher Gestalterin der Variationen der Lebenserscheinungen, welche stets dem Hemmungsfortfall der Weltbewegungen als Ganzes gedacht unweigerlich folgen mu�ten und noch m�ssen. Solche Hemmungsfortf�lle und rhythmischen Variationen sind nun im All und auf Erden durch Versinken und Erl�schen zahlloser Welten direkt erweislich, und ich bekenne mich in diesem Sinne ohne Z�gern zu einer Art moderner Astrologie, wonach das Organische sehr wohl seine Bildungsvariationen dem kosmischen Geschehen verdanken kann und wonach die Form der Lebewesen, die Entwicklung neuer Arten vielmehr buchst�blich im Himmel beschlossen wird als auf unserem winzigen Planeten. Der mechanische Weg dieser Abweichungen wird uns einzig und allein verst�ndlich mit dem Bilde der rhythmischen Einbeziehung alles Mitbewegten in den Strudel des Weltganzen, der in den Nebeln des Orion nicht weniger am Werke ist als bei der Bildung einer Emulsion aus Fett und Wasser oder dem Zusammenr�hren einer Mayonaise. Der Weltallsrhythmus weist auch dem Organischen Pole und �quator zu und gibt ihm, seinem eigenen gewaltigen Takte eingef�gt, das stabil-harmonische Gleichgewicht. Zu diesem Gleichgewicht geh�rt, was meines Wissens noch nie betont ist, auch die Form, die, wie wir nun gezeigt haben, ja sich mit Hilfe der Elektronenlehre sehr wohl auffassen l��t als in direkter Abh�ngigkeit von der Rhythmik der Atome. Die gesamte Morphologie wird sich einst aufl�sen lassen in eine ideelle Rhythmologie! Wie aber sollen wir uns �berhaupt die Rhythmik des Organischen vorstellen? Wie konnte sich vom anorganischen Kreisen der Materie, gleichsam gegen den Gesamttakt, die Synkope des Lebens losl�sen? Nun, die Wissenschaft der Kristallisationen und der Kolloidalsubstanz, die Chemie der Eiwei�vorstufen der Peptone und Albumosen erkennt einen prinzipiellen Gegensatz zwischen belebter und unbelebter Substanz schon lange nicht mehr an. Mit Fug und Recht kann man jetzt schon von einem Kristalleben sprechen, wie von Ha� und Lieben der Elemente. Die Wahlverwandtschaft im _Goethe_schen Sinne ist l�ngst ein chemischer Begriff, und schon lange hat man das L�cheln verlernt �ber den alten _Fechner_, welcher k�hn den Sternen und auch der Erde alle Kriterien lebendiger Wesen zusprach. Aber trotz allem bleibt dem organischen Leben deutlich ein Sonderrhythmus �brig, der mit der vielleicht nur scheinbaren Freiheit der Bewegungen der belebten Materie eine Ausnahmsstellung vom starren und konstanten Rhythmus des Anorganischen sichert. M�glich, da� keine anderen Gesetze im Organischen walten als im Unorganischen, eine durchgreifende, prinzipielle Variation des Kr�ftekreises mu� doch stattgefunden haben, damit die Materie zum Stoffwechsel, zur Eigenbewegung, zur Fortpflanzung, schlie�lich zum Denken gelangte. Ich will hier der Versuchung widerstehen, ein neues M�rchen der Sch�pfungslehre auszuspinnen und es den wundervollen Dichtungen der Bibel und dem Traum _Goethes_ und _Darwins_, dieser beiden Patriarchen des Entwicklungsgedankens, anma�lich anzureihen--um ein M�rchen mit dem Beginn "es war einmal!" kommen wir ja bei den Sch�pfungsphantasien nie herum, denn kein Mensch wird je wie Mephisto ausrufen k�nnen: "wir waren selbst dabei"--: ich will nur auf die M�glichkeit hinweisen, da� ein Fortfall kosmischer Hemmungen bestimmend gewesen sein kann f�r eine bis dahin neue, aber doch im Wesen der allm�chtigen Kr�fte liegende Variante kompliziertester Rhythmen, die wir eben Leben nennen. Unter der Faust der Hemmungen mag sehr wohl das rhythmische Gef�ge des Anorganischen unendlich konzentriert und zu besonders dichter, latenter Energie in den Stickstoffverbindungen zusammengepre�t, gleichsam zu einer unendlich komplizierten Kraftspirale aufgezogen und verankert worden sein, bis dann wieder durch himmlisches Geschehen die letzte Hemmung der aufgespeicherten latenten Kr�fte fortfiel: gleichsam wie lebendiges Gew�rm hervorquillt unter einem erhobenen Stein, wo es zuvor dem Auge unerreichbar in Fesseln lag, oder wie ein Schl�ssel, ein Funke, ein Schlag, ein Sprung eines Kessels Dinge sind, die aufgespeicherten Energien Gelegenheit zum Hervorbrausen gewaltiger Spannungen Veranlassung gibt. Schlie�t nicht die befruchtende Samenzelle, das Spermatozoon, am Ei mit goldnem Schl�ssel die Hemmungen auf, so da� sich die verborgenen Wunderwerke des Leibes auftun und emporbl�hen zu k�niglichen Thronen des Lebens und der Gedanken? Schl�ft nicht alles Leben im Mutterscho� wie Dornr�schen in den Hecken, bis ein einziger Ritterku� den hemmenden, bannenden Zauberschlaf hinwegscheucht? In sich geschlossen, in immer gleichem Rhythmus um sich selber kreisend, liegen die anorganischen Bausteine wie in einer undurchdringlichen Zauberkapsel, bis der Keim der Befruchtung eindringt, die Hemmung aufschlie�t und sich das Werk vollendet. Was ist denn Zeugung und Ern�hrung anderes, als ein ewiger Austausch verschiedenartigster rhythmischer Spannkr�fte auf kleinstem Raum der Zellsubstanzen zusammengepre�t, ein dauerndes Kartenmischen tierischer und pflanzlicher Rhythmentr�ger durcheinander? Was ist Arzenei- und Giftwirkung anders, als das Eingreifen aufgesammelter, von der Sonne akkumulierter Spannkr�fte in die Rhythmen des organischen Geschehens? Wie kann eine Au�enkraft dem inneren Gef�ge anders n�tzen, als indem sie Schwungkraft den ermattenden Rhythmen hinzuf�gt? Das Leben wird nur vom Leben gepeitscht, getrieben, emporgehoben wie der brodelnde Schaum der Fl�ssigkeiten, in die ein Tr�pfchen S�ure f�llt. Auch in chemischen Verbindungen werden Hemmungsketten fortgerissen, damit latente Kr�fte zu neuen Formenkreisen sich stabilisieren. Ich will das berauschende Bild, wo Rhythmus sich zum Rhythmus gesellt, um neue Formen hervorzubringen, nicht weiter ausspinnen, es gen�gt mir, die M�glichkeit betont zu haben, da� das Leben nichts ist als eine neue, durch Hemmungsfortfall erm�glichte rhythmische Wellenform der sogenannten unbelebten Kr�fte. In diesem Sinne kann in der Tat das Leben rhythmisch als eine Synkope des Weltallrhythmus, als eine Sondertaktbewegung, nur scheinbar losgetrennt von der Symphonie des Ganzen, definiert werden. Es mag einen langen Schlaf gehabt haben im ewigen Barbarossagrab: der Felsen brach, die Hemmung fiel, und die junge Majest�t des Organischen stieg auf den Thron der Erde. Wenn wir diese Anschauungen in uns lebendig werden f�hlen, so mu� nat�rlich zwingend das Motiv des Rhythmischen in allen Phasen des menschlichen Betriebes, k�rperlich und geistig, nachweisbar sein. Es ist l�ngst bekannt, welche Rolle die Periodizit�t im K�rperlichen und Geistigen spielt, wie die ganze Summe physischen und psychischen Geschehens in unserem Leibe und unserer Seele in dauernder Abh�ngigkeit vom Rhythmus ist, von dem wiederum gar nicht anders zu denken ist, als da� er in Harmonie mit dem Welttakte sein mu�, um nicht einfach hinweggefegt zu werden vom Schwungrad des Kosmos, wie ein Sonnenst�ubchen vom wehenden Atem. Ich will niemand behelligen mit der Aufz�hlung aller physiologischen und pathologischen Periodizit�ten, den Bedingungen des Pulsschlags und der Atmungszahl, den periodischen Sekretionen, Schlaf und Wachsein, Pubert�t und Adynamie, Ein- und Ausgabe der Nahrungsmittel, nicht mit der Rhythmik der Schmerzanf�lle, der Kr�mpfe, der Zuckungen, Wallungen und Blutungen, ich will nur verweilen bei dem psycho-physischen Grundgesetz des Rhythmischen auch im menschlichen Leben und will den Mechanismus zu ergr�nden suchen, auf dem sich auch dieses psycho-physische Geschehen auf einem Widerspiel zwischen Aktion und Hemmung, als dem eigentlichen Grunde der Rhythmik, aufbauen l��t. Ich mu� hier bemerken, da� ich alles seelische Geschehen in Abh�ngigkeit setze von einer Aktion der Nervenstr�me und einem Hemmungsmechanismus, einer Art periodischer Isolation durch die Neuroglia, bzw. von dem sie durchstr�menden Blutsafte, welcher ja nach _Ritters_ Untersuchungen aus _Biers_ Schule in der Tat stromhemmende, Nervenerregungen einbettende Kraft hat. Danach ist es leicht, sich vorzustellen, da� das mit dem Herzpulse einstr�mende Blut periodisch die Ganglien au�er Kontakt setzt und da� die Pause der Herzbewegung diejenige Zeit ist, innerhalb welcher die Ganglien Anschlu�freiheit besitzen. Die �rzte wissen, welche Rolle Blutmischungsanomalien f�r die Art der Anschl�sse im Gehirn spielen, wie ein verd�nntes, hemmungsarmes Blut naturgem�� zu Erregungen und Unruhen, �ngsten und Wahnvorstellungen und Schmerzempfindungen disponiert; wie Hunger und Krankheit, ver�nderte innere Sekretion ein ganzes Heer abnormer Nervenst�rungen hervorrufen kann. Sie wissen alle, wie die Herausnahme der Schilddr�se unter �berladung des Blutes mit Hemmungss�ften, wie bekannt, auch den geistreichsten Menschen zu einem Idioten machen kann. Wir wissen, da� die Nebennieren einen Stoff produzieren, welcher selbst auf peripheren Nerven die allerenergischste Stromausschaltung zuwege bringt, und den Irren�rzten ist bekannt, wie wichtig ein normaler Hemmungsmechanismus f�r den Bestand der Seele ist. Es kann keine Frage sein, da�, wenn der Blutsaft die ihm von mir vindizierte Kraft der Ein- und Ausschaltung besitzt, das eigentliche Wesen der Pers�nlichkeit, das Temperament eine Frage der rhythmischen gr��eren oder geringeren Reaktionsf�higkeit der Nervenzentren sein mu�, da� die Zahl der aufgenommenen Eindr�cke and ihre Verarbeitung zu Vorstellungs- und Willensimpulsen in direkter Abh�ngigkeit von rhythmischen Individualit�ten sein mu�, die wiederum in Abh�ngigkeit von der rhythmisch ein- und ausschaltenden Saftf�llung des Gehirns steht. Der alte Volksglaube von dem leichten und schweren Blute findet hier also seine durchaus plausible wissenschaftliche Begr�ndung; das Menschenherz ist nicht nur die grobmechanische Druckpumpe f�r Blutbewegungen, es spielt in seinen rhythmischen Zuckungen auch f�r das Nerven- und Gem�tsleben eine wichtige, wenn auch bisher noch wenig gew�rdigte Rolle. Aber noch in einem ganz anderen Sinne ist die Herzbewegung der eigentliche Manometer der harmonischen Einstellung des Nervenlebens in den Gesamtrhythmus aller Erscheinungen. Schon _Ernst v. Baer_ hat die geistreiche Frage gewagt, wie wohl unsere Wahrnehmungen sich anders gestalten w�rden, wenn wir nicht, wie jetzt, in einer Sekunde etwa zehn Einzelwahrnehmungen zu apperzipieren f�hig w�ren, in einem Zeitraum, der durchschnittlich genau �bereinstimmt mit dem Ablauf eines Herzpulses, und er hat plausibel gemacht, da� schon die F�higkeit, innerhalb einer Sekunde etwa 30 Beobachtungen machen zu k�nnen, uns zwingen w�rde, das ganze Weltbild anders zu sehen. Wir w�rden die Flintenkugel als einen Strich, alle Himmelsk�rper als leuchtende Kreise wahrnehmen k�nnen, und w�rden von jedem Sinne her der Welt als total anders erkennende Wesen gegen�berstehen. Wir k�nnen jetzt hinzuf�gen, da� wir schon mit blo�em Auge die festen Gegenst�nde nicht mehr als fest bezeichnen k�nnten, sondern da� wir etwas von ihrer innerlichen, rasenden Bewegung wahrzunehmen verm�chten. Wir sind also mit unserm rhythmischen Spiel von Puls- und Nervenaktion einerseits und Sinneseindr�cken andererseits so in den Rhythmus des Ganzen eingestellt, da� unser Harmoniegef�hl direkt abh�ngig ist von diesem rhythmischen Ma� unserer Wahrnehmung in Sekunden. Nat�rlich erkl�rt sich auf diese Weise am einfachsten das "Zeitliche" im Begriff alles Rhythmischen. _Zeit ist eben die mit dem Ma� unseres eigenen rhythmischen Wahrnehmens gemessene und empfundene Bewegung des Alls._ Das f�hrt uns direkt zu einem Verst�ndnis des _�sthetischen_. Wir haben nur von denjenigen Rhythmen der Au�enwelt den Eindruck des Lebenf�rdernden, Erhebenden, Daseinsteigernden, welche sich dem Rhythmus unserer inneren Aktionen harmonisch einf�gen, richtiger, sofern wir sie in uns harmonisch zu verschmelzen imstande sind. Daseinsteigernd im �sthetischen Sinne sind eben nur diejenigen Rhythmen, welche unserm pers�nlichen Sinnesrhythmus synchron zu verbinden sind bzw. ihn ohne Widerstand und Disharmonie zu erh�hen imstande sind. Das schlie�t nicht aus, da� auch der Konflikt der Rhythmen au�er uns mit denen in uns als Kontrastempfindung nach vollzogenem Ausgleich lusterh�hend, doch nur indirekt wirken kann, aber im allgemeinen ist zu einer �sthetischen Freude die Einf�gung der lusterweckenden Rhythmen in den Rhythmus unserer Nervenstr�me unerl��lich. Insofern hat alles deutlich erkennbar Rhythmische einen erheiternden, erhebenden, freudewirkenden Einflu�, �berall besteht ein geheimes Verh�ltnis seiner Schwingungszahl zur Schwingungszahl unserer Nervensubstanz, mag das nun an einer sch�ngeschwungenen Linie, an einem Akkord, an einer Farbengebung, an einem Wohlgeruch oder an einem Hautgef�hl sich bet�tigen. Die Rhythmen der sch�nen Dinge m�ssen einf�gbar sein in die Rhythmen unserer Sinnesschwingungen, um �sthetisch zu wirken, das ist das Grundgesetz der Kunst, so variabel f�r den einzelnen, weil eben diese innenwirkende Schwingungszahl eine durchaus pers�nliche Gleichung ist. Ist in diesem Verh�ltnis doch auch der eminente Einflu� alles Rhythmischen, seine suggestive �bertragbarkeit begr�ndet. Der Redner, der Dichter, der Schauspieler rei�t mich darum in seinen Bann, weil dem Schwungrad seiner Begeisterung alle meine Seelenr�der sich im geheimen Gleichtakt einstellen, und ich bin im Bann eines jeden Menschen, dessen seelische Schwingungen mich gleichsinnig zu bewegen imstande sind. Die ganze Macht der Imitation, ja der �hnlichkeiten, beruht auf diesem Einstellungsverh�ltnis zwischen Au�enwirkung und Innenbewegung. Und fragen wir, auf welchem Wege diese Rhythmusakkomodation sich abspielt, so gibt es nur einen erkennbaren Weg des Ausgleiches zwischen Wahrnehmung und innerer Anpassung, der ist die Marconiplatte des Nervus Sympathicus, dessen enormen und oft blitzartigen Einflu� auf Herzbewegungen und Gef��spannungen die �rzte lange kennen. Hat aber die Herzbewegung Einflu� auf unsere Ein- und Ausschaltungen im zentralen Nervengebiet, so ist der Kontaktkreis geschlossen: der sympathische Au�enweltrhythmus erh�lt seine rhythmische Konsonanz im Innern. Die Vorg�nge sind also viel mechanischer, als man gemeinhin anzunehmen geneigt ist. Ein z�ndendes Wort, eine schlagende Formel, eine leuchtende Wahrheit hat oft die Kraft, unser ganzes Innere blitzartig zu erhellen, weil sie Spannkraft genug hat, die schlummernden Wellen unserer Seele mit rhythmischem Lichte zu durchbrausen. Dem metrischen, sch�n gef�gten Wortreiz liegt oft eine verborgene Harmonie zu unserem Atmungsrhythmus zugrunde, und es w�re eine dankbare Untersuchung, festzustellen, wie aus den m�glichen Atmungsvarianten sich die Versma�e herleiten lassen. Ist doch nicht, wie _B�cher_ meint, die Arbeit der Vater des Rhythmus und der Musik, sondern ist doch vielmehr der Rhythmus der Arbeit mit dem typischen Niederschlag des Hammers in der Exspirationspause, also beim Ausatmen, und das Ausholen beim Einatmen eben die direkte Folge des Atmungsrhythmus, so da� dieser selbst f�r Melodie und Rhythmus des Gesanges den Ursprung bedeutet. Rhythmus und Arbeit sind beides nur Funktion�re unserer Atmungsmechanik, die C�suren einer Melodie sind urspr�nglich die naturgem��en Pausen zum Atemholen. Wir wissen, da� es Schwingungen der Luftwellen gibt, welche von einer solchen rhythmischen Schnelligkeit sind, da� wir sie mit dem Ohre allein nicht wahrnehmen k�nnen. Wir h�ren nicht mehr das Geigenspiel gewisser Zikadenarten, trotzdem es mit Kunsthilfe wahrnehmbar und berechenbar ist, �hnliches mag bei vielen anderen Sinneswahrnehmungen der Fall sein, so da� schon aus diesen Tatsachen der Satz sich herleiten l��t, der Rhythmus unserer Nervenschwingungen �bermittelt uns nur einen Teil der Weltallsrhythmen, und dieses Verh�ltnis l��t uns die M�glichkeit nicht von der Hand weisen, da� es Menschen mit einer Feinheit der Sinnesrhythmen geben mag, welche mehr Dinge wahrnehmen, als der Durchschnitt.--Haben wir bisher im wesentlichen die rhythmischen Wogen betrachtet, welche von den brausenden, chaotischen Kraftwellen stammen, die die Au�enwelt gegen die seelischen Gestade wirft in nimmer ruhendem, vom Weltallsodem gepeitschtem Wogenspiel, so bleibt uns noch �brig, dem rhythmischen Hin- und Hergleiten der inneren, scheinbar aus eigenem Herd geborenen, summenden und kreisenden Nervenspindeln zu lauschen. War schon der Mensch als organisches Wesen in seiner Gesamtheit aufzufassen als ein System rhythmischer Durchflutungen f�r sich, abgetrennt vom Kraftspiel der anorganischen Masse, so ist noch viel mehr seine Seele eine f�r sich und vielleicht einzig dastehende, still verschlossene Kammer wunderbaren rhythmischen Spiels, die ihn in eigener Weise bef�higt, mit den Eindr�cken der Au�enwelt innen frei zu schalten und zu walten. Haben nicht auch diese seine der Phantasie zugeborenen T�tigkeiten ihre offenbare, zwingende Beziehung zur Rhythmik? Ist nicht eigentlich die Phantasie die Gabe, sich mit allen seinen Gedanken in den Rhythmus des Andern au�er uns, sei es Mensch, Tier, Pflanze oder ein Unbelebtes, selbst ein Gedachtes, hineinzuversetzen? Wo w�re der K�nstler, der einen Gegenstand voll und �berzeugend darzustellen verm�chte, wenn er nicht zuvor v�llig eins geworden w�re mit dem Rhythmus und der Wesensart des Darzustellenden, der nicht aufjauchzte, wenn er sein eigenes inneres Empfinden, die Schwingungen des pers�nlichen Ichs verschmelzen f�hlt mit dem erschauten Objekt? Das ist aber nur m�glich, wenn er gleichschwingend den Einklang f�hlt, in dem der Rhythmus des Gegenstandes mit der eigenen inneren Rhythmik verschmilzt. Sich "hineinversetzen" hei�t doch nichts anderes, als sich das Gef�hl des Anderen und sei es eines Gegenstandes einzuverleiben mit Hilfe der Phantasie und so selbst Lebloses mit dem Strom des eigenen Lebens betrachtend zu erf�llen. Wehe dem K�nstler, der nicht rhythmisch verschmilzt mit dem Objekt, das er darstellen will: er mu� ein Stein sein k�nnen, wenn er ihn malt, eine Blume, wenn er ihres Kelches Sch�nheit herbeizaubern will, ein Kind, wenn er sprechen will, wie Kinder sprechen, und eine Wolke, wenn er mit ihr seine Lieder wandern lassen will. Der echte K�nstler steckt in Woge und Wald, die er malt, ist K�nig und Bettler, wenn er sie darstellt, hat ihren Stolz und ihren Hunger, tr�gt ihren Szepter und ihren Bettelstab. Wie reich macht doch die Phantasie, indem sie den Verwandlungsmantel �ber unsere Seele legt, so da� schlechterdings nichts unerreichbar wird! Aber auch der Wissenschaftler, der Entdecker und der Erfinder wird niemals zu neuen Offenbarungen gelangen, wenn nicht die Intensit�t seines Einf�hlens in die Materie ihn bef�higt, den Rhythmus des zu Schauenden bis zu dem geheimen Motor der kreisenden Atome zu erfassen und das Geschaute auch anderen, weniger Einf�hlungsf�higen zu �bermitteln. Wo w�re der Redner, der Erzieher, der Prophet, der wirken k�nnte ohne diese rhythmische Durchdringung seiner Lauscher, ohne die F�higkeit Strudel der innersten Bewegung zu erzeugen, in welchen Zweifel, Furcht, Eigenliebe versinken, wie Holzst�ckchen in den gurgelnden Schlund! Wie w�re eine Ethik denkbar, die sich nicht den Rhythmus des h�herstehenden, anbetungsw�rdigen Ideals zu eigen machte, das uns die Phantasie als lockendes Ziel eines k�niglichen Gef�hls der inneren Harmonie vorh�lt? Wie k�nnte man Liebe erwecken, wenn nicht ein Gleichstrom siegenden Wollens die Geliebte mit berauschendem Wort in den Feuerstrom entfesselter Leidenschaften hineinrisse? Ich bin am Ende meiner Ausf�hrungen. Wollte ich alle Beziehungen des Rhythmischen zur Seele auch nur aufz�hlen, so w�rde wohl kaum ein Gebiet seelischer Aktionen unerw�hnt bleiben. Ich mu� mich mit diesen kurzen Andeutungen begn�gen. Der Rhythmus ist der Allbeherrscher alles physischen und psychischen Geschehens. Der Puls des Universums schl�gt in allem, was ist und lebt. Das Gehirn der Menschen ist ein Gestade nur, das er mit ewigem Wellenliede umrauscht, eine Harfe nur, auf der er seine Sonnenlieder und Schattenklagen singt, ein Prisma nur, durch das seine hellen und dunklen Lichtwellen zitternd jagen und das, vielgestaltig und zu buntem Strahlenb�schel zerstreut, den umgeformten Rhythmus wieder in das All zur�cksendet. War Rhythmus der Pendelschlag von Kraft und Hemmung, so ist die Seele ein diesem Pendelspiel spezifisch eingeschalteter, organischer Widerstand. Nicht die Lebenskraft ist das Besondere, der Kraft kann noch unendlich viel Wunderbareres vorbehalten sein als der Menschengeist,--sondern die eigent�mliche Hemmung, die die Weltkraft zwingt, sich in uns so r�tselhaft zu spalten, ist der Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung. Wo sich die Weltkraft entz�ndet an der atomistischen Reibefl�che des Organischen, da blitzt das Leben auf und erlischt wie der Meteorstein, der aufgl�ht, wenn sein Sturz ins Chaos hineinger�t in die sausenden Rhythmen der irdischen Atmosph�re. HUMOR Die Menschheit hat stets um so mehr Worte �ber eine Angelegenheit gemacht, je weniger sie von ihr begriff. Und die Wissenschaft, diese bed�chtige Frau Registratorin, die alles Menschliche, fein s�uberlich zu Millionen Aktenb�ndeln geordnet, in den Schubf�chern der �ffentlichen Bureaus einer k�niglichen Logik aufbewahren l��t, um nur hier und da die Aktenst��e anders zu gruppieren und dabei viel Staub aufzuwirbeln, bezeugt, was jeder Katasterbeamte schon lange wei�: je dunkler ein Proze� ist, desto h�her t�rmen sich die ihn behandelnden Dokumente. So kann ich denn auch nur die Manuskriptensammlung derer, die sich den Kopf �ber die drolligste Sache der Welt, �ber das Lachen, zerbrochen haben, um ein Exemplar vermehren, nat�rlich ohne jeden Anspruch, damit den Zauber von dem neckischen Spiel der Seele zu nehmen oder gar das heilige Lachen als einen ganz profanen Vorgang zu entlarven. Ich will nur versuchen, einige Gesichtswinkel zu zeichnen, unter denen man den Humor und die humoristischen Zust�nde von einer Seite beleuchten kann, die vielleicht neu und reizvoll genug ist, um die Aufmerksamkeit derer, die schon �ber diese Dinge nachgedacht haben, vor�bergehend festzuhalten. Dabei mu� ich verzichten, nach wissenschaftlicher Autoren Art die lange Reihe der geistigen V�ter von vor und nach Christi Geburt, die einmal �ber dasselbe Thema gestolpert sind, herzuz�hlen, um endlich zu einem eigenen K�rnchen Wahrheit zu kommen, das ich in den literarischen Riesenscheffel hineinzuwerfen entschlossen bin. Die meisten bisherigen Arbeiten �ber den Humor, diese "lachende Tr�ne", �ber das "umgekehrt Erhabene" (Jean Paul), �ber die "real�sthetische Gestalt des Metaphysischen" (Bahnsen), �ber die "Kontrastempfindung" (Kant) usw. scheinen mir an dem kardinalen Fehler zu leiden, das Psychische bei dieser Form der Gem�tsverfassung vor dem rein physischen Akt der Humors�u�erung, in Summa dem Lachen in allen Formen, unberechtigt weit und vorschnell in den Vordergrund geschoben zu haben. Was uns zun�chst nottut, ist eine gen�gende, rein physiologisch-funktionelle Definition der Vorg�nge im Gehirn und im Muskelapparat, die eine humoristische Stimmung hervorrufen und begleiten. Eine rein mechanische Betrachtungsweise der materiellen Vorg�nge im Seelenorgan gibt erst eine einigerma�en sichere Basis, von der aus auch das rein Seelische im Humor �berschaut werden kann. Ich will daher mit einer Analyse der allgemein �blichen Ausdrucksform humoristischer Zust�nde beginnen, dem Gel�chter. Erst nach einer Darstellung vom Wesen des Lachens in allen seinen offenen und versteckten Arten kann es m�glich sein, auf das in der Seele einen R�ckschlu� zu machen, was diese besondere Form unserer bebenden Atmungs- und Zwerchfellst�tigkeit veranla�t. Nach der trockenen und kategorischen Ausdrucksweise der Physiologie ist das Lachen eine automatische, direkt nicht dem Willen unterliegende, rhythmische Muskelaktion im Gebiet der Atmungst�tigkeit, begleitet von gewissen mimischen Funktionen der Gesichtsmuskeln und besonderen Gem�tszust�nden. In der Tat: das herzhafte, reine, typische Gel�chter ist durchaus unwillk�rlich und nur schwer durch Willenst�tigkeit zu hemmen, wie unsere Erfahrungen noch von der Schulbank her beweisen: "Zu lachen ist am sch�nsten, wenn man es nicht darf." Da kommt es zu ganz explosiven, gewaltsamen Ausbr�chen des Vulkanes �ber unserm Zwerchfell, deren Unwillk�rlichkeit etwas Verbl�ffendes, Elementares, Unhemmbares an sich tr�gt. Es ist also eine affektive, von dem Willen unabh�ngige, von dem jeweiligen Gem�tszustande erzwungene, rhythmisch-muskul�re Handlung, wie sie �hnliche unter weniger erfreulichen Umst�nden die Ohrfeige, der Dolchsto�, der Faustschlag, oder aber das G�hnen, das Niesen, das Husten sind. Das Zentralorgan erleidet etwas, das, wie wir sehen werden, in einer besonderen Spannung von Vorstellungen besteht, deren Umsatz in unhemmbare Muskelt�tigkeit ebenso vor sich geht, wie die Tabaksprise in der Nasenschleimhaut zu einer allm�hlich zentral ausgel�sten Reizh�he f�hrt, d.h. die Nase kitzelt, bis ein Orkansto� der Ausatmung unwillk�rlich sich erhebt, mit dem Zweck, die l�stigen Naseneindringlinge an die Luft zu setzen. So gibt uns der Humorist gleichsam eine geistige Prise, die durch eine Lachsalve ausgeniest werden mu�. Gute Erziehung und gro�e Energie verm�gen zwar hier und da diesen psychischen Nieseffekt zu unterdr�cken, aber die Seele ist verschnupft, wenn sie von ihrem angestammten Naturrecht, sich herzlich auszulachen, keinen Gebrauch machen kann. Ist so die gew�hnlichste Form des Lachens eine passive, so werden wir auch gleich Modifikationen kennen lernen, bei denen das Lachen einen direkt aktiven, aufreizenden, provozierenden Charakter, wie im h�hnischen Angriff, gewinnt. Betrachten wir zun�chst eine Person, die _unwillk�rlich_ lachen mu�. Was tut sie? Unter Nackenstellung des Kopfes, bei ge�ffneten N�stern, breiter Mundstellung, zugekniffenen Augen und unter Inanspruchnahme s�mtlicher Atmungsmuskeln, auch der auxill�ren, der sogenannten Reservemuskeln f�r besonders ausgiebige Atmung, vollzieht sich an ihr schnell hintereinander: erst eine tiefe Einatmung, eine unwillk�rliche sogenannte Inspiration, dann verharrt sie einen kurzen Augenblick auf der H�he dieser Funktion, d.h. gleichsam erwartungsvoll h�lt der Betreffende mit der Atmung inne; diese setzt f�r eine Sekunde aus (wobei weder aus- noch eingeatmet wird), etwa wie der S�nger, der vor dem Einsatz seine Lungen voll Luft gepumpt hat, wartet, bis er den Strom durch den Kehlkopf passieren l��t. Hat dieser Zustand der Vollbereitschaft der Lungen zur Entladung eine kurze Zeit gew�hrt, so schlie�en sich die Stimmb�nder krampfhaft zu, und nun folgen unter rhythmischen Zwerchfellszuckungen periodische Sprengungen der Stimmritze, wobei die beiden festgeschlossenen Stimmb�nder durch die Blasebalgst��e, die das Zwerchfell auf die gef�llten Lungen aus�bt, Zug um Zug gezwungen werden, nachzugeben. Die Glottis, der Stimmbandverschlu�, wird gesprengt; und, immer von neuem sich krampfhaft schlie�end, bringen wiederholte Zwerchfellersch�tterungen sie zu immer neuer Explosion. Dabei steht der Schalltrichter oberhalb des Kehlkopfes, also der Rachen, die Mundh�hle, der Zungengrund, in sogenannter gr��ter Resonanzstellung, d. h. in maximaler Weite; um mit den Gesangslehrern zu sprechen, in A-Stellung. Darum ist die Grundvokalisation des Lachens == a vorhanden, und der Hauch der ausgepre�ten Luftst��e macht daraus ha, ha, ha! Diese Lachresonanzist individuell verschieden durch pers�nliche Rachen- und Gaumenbildung, ist abh�ngig von der Resonanz eines kleinen oder gro�en Kehlkopfes, von dessen Tief- oder Hochstand. So nuanciert ein heller Tenortimbre das ha, ha zu hae, hae; und das Schneider-meck-meck-meck ist durchaus der Ausdruck der fadenscheinigen, zart gebauten Konstitution dieses Ritters von der Nadel, wie das tiefe Bariton-Ao der Wucht des Schmiedes und dem Ernst des Priesters eigen ist. Die helle Kopfstimme der Kinder und der Frauen schafft das Silberlachen der Soprane, das s�� wie Zaubergl�ckchen klingen kann, und die tiefe Resonanz der Altistinnen ergibt, ebenfalls aus dem Bau der individuellen Klangbildner, den weihevollen sonoren Timbre, in dem sich Stolz mit schluchzender Wehmut paart. Dieses Spiel der Einatmung, Verharren auf der Atmungsh�he, sto�weise Ausatmen unter Glottissprengung und Vokalklang bei gleichzeitiger Beteiligung mimischer Aktion: Mund�ffnung, A-Stellung der Lippen, Winkel- und Gr�bchenbildung der Wangen, N�sternspiel, Augenschlu� und T�tigkeit aller auch bei der Atemnot mobilen Hilfsmuskeln, wiederholt sich in schneller Folge mehrmals hintereinander, bis oft nur der physische Schmerz der maltr�tierten Leibespresse Einhalt gebietet: "H�ren Sie auf, ich kann nicht mehr, ich platze." Dabei ist zu bemerken, da� Tr�nenstrom nicht allzu selten diesen die h�chste Lebenslust bet�tigenden Akt begleitet. Wie merkw�rdig: h�chste Lust und das Symptom des Schmerzes verbunden in einer Funktion! Wir werden sehen, wie diese Br�derschaft von Freud und Leid beim Lachen ein Wegweiser zum Verst�ndnis des ganzen Vorganges werden kann. Es ist nicht Zufall, da� man weint, w�hrend man lacht. Hier steckt einer der Schl�ssel zum Verst�ndnis des Humors. Halten wir zun�chst fest: das Lachen ist ein automatischer Vorgang, eine affektive Handlung rhythmisch-muskul�rer Atmungst�tigkeit. Welche Stellung hat dieser Vorgang im Haushalt physischer Arbeit? Um diese Frage zu beantworten, mu� ich erstens Analogien herbeiziehen und zweitens mich auf den Weg entwicklungsgeschichtlicher Analyse begeben. Da� auch andere affektive Spannungen im Gehirn mehr oder weniger rhythmische Muskelaktionen in Szene setzen, beweist, da� auch bei anderen als den humoristischen Motiven im Gehirn die explosiv-elektrische Ladung, gleichsam die Seelenz�ndung, den Muskelapparat in Bewegung bringen kann. Was ist die Affekthandlung �berhaupt anderes als die Entladung von ungehemmten Seelenspannungen auf das Muskelgebiet? Viele energische Reize treffen vor der Affekthandlung, im Spiel der Motive, das Gehirn; es vermag nicht gleich im logischen Gebiet Herr der Problemstimmungen zu werden und die entstandene Qual in Logik, Phantasie oder Willensaktion aufzul�sen; eine ungem�tliche Spannung entsteht, bei gleichzeitigem Kampf verschiedener, unhemmbarer Vorstellungen: "Was soll ich tun, was lassen?" Unorientiertheit, Verbl�fftheit, Abwehr und Duldung, Stachelung, Trieb und Gegentrieb prallen in der Seele aufeinander: nach dem Gesetz der Erhaltung der Kraft mu� auch jeder psychische Reiz seinen logischen oder muskul�ren Ausgleich finden, denn es _gibt gewi� ebenso ein psychisches �quivalent, wie es ein physisches gibt_. Wie benimmt sich da ein also um Rat Verlegener: er pellt an den Lippen, dreht den Schnurrbart, durchw�hlt die Haare, trommelt an den Fensterscheiben, stampft mit den F��en, l�uft unruhig auf und ab, hin und her, d.h. er versucht seine Affektspannung im Gem�t durch Umsetzung in Muskelaktion loszuwerden. Oder aber: eine schallende Ohrfeige, oft auch in rhythmischer Wiederholung nach rechts und links, ein j�hes Wort, eine rasche Tat l�st pl�tzlich ohne Kontrolle der mahnenden und hemmenden Mutter Vernunft die mehr als ungem�tliche, meist gef�hrliche Seelenbeklemmung. Dann erst wird die Denkbahn frei: "Herr Gott, was hast du getan!" und nur der Konfliktsschmerz, die Reue, das Gef�hl, der Situation unterlegen zu sein, und der Mut, die Folgen dulden zu wollen, verm�gen die Wirkungen des seelischen Sturmwindes zu beschwichtigen und das k�stliche �l friedlichen Verzichtes �ber die hohen Wogen der psychischen Ekstase zu breiten. Was geschieht beim G�hnen? Auch hier wird ein Konflikt zwischen Hirnhemmung und Hirnaktion, der �berschu� geistiger Spannung, der unter der aufgest�lpten Tarnkappe der M�digkeit (Hirnhemmung) keinen Ausgleich mehr im Denkorgan finden kann, durch Muskelkr�mpfe (G�hnkrampf) nach au�en abgeleitet, gleichsam wie man mit der Leydener Flasche die Konduktoren einer Elektrisiermaschine in einzelnen Phasen entl�dt. Beim G�hnen ist also ein oft wiederkehrender Vorgang physischer Spannungen im Gehirn gewohnheitsm��ig auf eine bestimmte Bahn der automatischen Muskelt�tigkeit abgelenkt, wozu auch das Recken und Strecken vor M�digkeit abends und morgens geh�rt. Wir haben hier also eine Analogie mit dem Lachen, die so weit geht, da� auch beim G�hnen die Gehirnspannung auf einer besonderen Bahn, gerade der Atmungsfunktionen, ihre Entladung findet. Da auch das G�hnen, wie jede Affekthandlung, unwillk�rlich ist, d.h. gar nicht oder nur mit Anstrengung vom Willen gehemmt werden kann, und da beide, G�hnen und Affekthandlungen, auf einen unvollzogenen Spannungsausgleich im Gehirn gedeutet werden m�ssen, so k�nnen wir einen zwingenden R�ckschlu� auf das Lachen wagen, d.h. wir sind gen�tigt, anzunehmen, da� auch das Lachen einen muskul�ren Ausgleich besonderer Spannungen im Gehirn darstellt. Welcher Art sind diese? Mit der Beantwortung dieser Frage werden wir zu einer Definition des Humors, d.h. der humoristischen Reizungen des Seelenorgans, gelangen. Dazu bed�rfen wir aber noch eines Ausblickes auf die Entwickelungsgeschichte. Nehmen wir den Menschen nicht als ein Gebild aus Gottes Hand, fertig mit all seinen erhabenen Eigenschaften, Fehlern und Tugenden, mit einem Schlage erschaffen, sondern nehmen wir in _Darwins_--�brigens gottgl�ubigem--Sinne an, da� der Sch�pfer eine allm�hliche Entwicklung zugelassen und gewollt hat, so w�re es denkbar, da� das Lachen eine Funktion war, die jetzt im Stadium schon weit vorgeschrittener Entwicklung unter ganz anderen Bedingungen, aber doch vielleicht unter Festhaltung der urspr�nglichen, rohen und primitiven Grundbedeutung zustande kommt. Mir will es scheinen, da�, wie es rudiment�re Organe gibt, Organe, die in fr�heren Daseinsperioden einen vollen Funktionswert im Haushalt des Organismus gehabt haben, jetzt aber durch eine diese T�tigkeit �berfl�ssig machende Entwicklung entbehrlich geworden sind, es so auch _rudiment�re Funktionen_ geben k�nnte. Es ist denkbar und sogar beweisbar, da� gewisse Funktionen, die fr�her einen sehr zweckgem��en Sinn im Daseinskampf gehabt haben, in weiteren Stadien zwar noch vorhanden sind, aber doch eine ganz andere Stellung gewonnen haben. Daf�r einige Beispiele. Die Bewegung unserer N�stern im Liebes- oder Lebenskampf hatte augenscheinlich urspr�nglich den ganz ausgesprochenen Sinn der Witterung von Freund und Feind, den Sinn der passenden Auswahl, wie es noch heute bei Tieren beobachtbar ist. Und jetzt, da niemand mehr seiner Nase die Entscheidung �berl��t, ob sich ein Herz zum Herzen findet oder ob ein Gegner Eigenschaften besitzt, die ihm gef�hrlich werden k�nnen, noch heute sehen wir trotzdem auf der Mensur die Paukanten mit zuckenden N�stern ihre Hiebe austeilen, wir sehen bei dem Aussto�en einer t�dlichen Beleidigung, bei geistigem Hieb, dem Angreifer die Nasenfl�gel zittern,--und auch einem liebestrunkenen Freier fliegen im Feuer seiner �berredungskunst die bebenden N�stern. Das ist rudiment�r! Es hat eigentlich keinen Sinn mehr; und doch: es hatte einst einen tiefen Sinn, den Zweck der Orientierung im Daseinskampfe und f�r die passende Auswahl: Orientierung und Auswahl durch Witterung. Von _Gildemeister_, dem geistvollen Essayisten, ist in einem Aufsatze �ber die H�flichkeit sehr zutreffend das Hutabnehmen und der milit�rische Gru� zur�ckgef�hrt auf das Visierhochheben bei der Begegnung zweier Ritter, die nichts miteinander auszufechten haben, und der Handschlag war nach _Gildemeister_ gewi� fr�her, wie noch jetzt etwa bei den Logenbr�dern, eine kompliziertere Form der Bekundung aller Abwesenheit feindlicher Bestrebungen. Auch hier urspr�nglicher Sinn im Daseinskampf und jetzt eine rudiment�re H�flichkeitsform. Wer ist sich heute noch beim Adieusagen v�llig bewu�t, den Scheidenden Gott zu befehlen? Sagen sich doch auch Atheisten � dieu. Die h�chsten Liebeszeichen selbst, der Ku�, die Umarmung, m�gen im Bed�rfnis einer vorsichtig tastenden Diagnose entstanden sein: drum pr�fe, wer sich ewig bindet! Liebkosen sich doch manche asiatischen V�lker noch heute, indem sie direkt Riechorgan an Riechorgan reiben. Es gibt also rudiment�re Funktionen. Kann nicht auch das Lachen zum Teil in einer solchen rudiment�ren Funktion seinen Ursprung haben? Hatte es vielleicht urspr�nglich einen ganz anderen Sinn als den, den wir bei oberfl�chlicher Betrachtung heute in ihm zu sehen gewohnt sind? Stellen wir uns einmal vor, es sei ein H�hlenmensch, ein Urwaldbewohner, in stetem Kampf mit Unget�men, Schiebeger�ll und erratischen Bl�cken pl�tzlich auf einer einsamen Wanderung vor eine gro�e Gefahr gestellt: ein Unget�m, wie er solches noch nie gesehen, streckt pl�tzlich, einen fauchenden Rachen aufsperrend, sein schreckliches Haupt aus dem Geb�sch. Was wird unser Urmensch tun? In j�hem Schreck rei�t auch er den Mund auf, so weit es gehen will, tut einen tiefen Atemzug und verharrt starr erwartend eine Weile in Inspiration. Das kann man noch heute bei jedem sehen, dem ein furchtbarer Schreck in die Glieder f�hrt. Das ist auch ganz verst�ndlich. Denn wenn sich ein Mensch �berhaupt wehren will, braucht er Muskelkraft, dazu aber vor allem Sauerstoff; denn bei jeder Muskelaktion ist Sauerstoffverbrauch en masse n�tig. Er l�dt also mit dieser tiefen Inspiration gleichsam seine Muskelzentren zu noch nicht n�her erkennbarer Aktion. Nun trete aber bei unserem Urahnen blitzschnell ein Wechsel in der bedrohlichen Situation ein: das launische Unget�m hat vielleicht keinen Hunger, es besinnt sich; ein L�we, ein Riesenb�r trollt lustig um die Ecke. Nun ist die Gefahr vorbei. Ein j�her Wechsel von Lebensbedrohung in der Idee und pl�tzlicher Lebensbejahung, d.h. Abzug der Gefahr, prallen ihm fast gleichzeitig in seinem Gehirn aufeinander, und zwei Assoziationen entgegengesetzter Art treffen sich in seiner Seele: idealer drohender Tod, reelles wahrhaftiges Lebensgef�hl. Unter freudigster Gem�tsverfassung entl�dt er, gleichsam spottend der Gefahr, sto�weise seinen nun �berfl�ssig aufgespeicherten Sauerstoff. Unter Jubelempfindungen entweicht sto�weise die �bersch�ssige Lebenskraft. Noch heute wird jeder bemerken, da� nach pl�tzlich �berstandener Lebensgefahr oder Gem�tsbedr�ckung eine Neigung zu fast hysterischen Heiterkeitsausbr�chen eintritt. Das Gef�hl, einem Ungl�ck entronnen zu sein, sein Leben bejaht zu f�hlen, wo es eben noch auf das Dringlichste verneint erschien, erzeugt eine halb automatische Heiterkeit, die sehr verwandt ist dem, was wir humoristische Stimmung nennen. Dabei beachte man die Tatsache, da� Tr�nen leicht flie�en k�nnen, wo eben noch im Moment der Gefahr die stockende Zirkulation bei tiefster Einatmung die Tr�nendr�se unabweislich strotzend f�llen mu�te, und da� ihr Gebrauch sicher in Aussicht stand, wenn das Messer dem Lebensfaden so ganz nahe kam, falls man Zeit genug gehabt h�tte, noch �ber den j�hen Scherenschnitt der Parzen zu klagen. Man holt in der Freude nach, was der Kummer vorbereitet hat. Auch die Tr�ne, dieser tauende Reif aus Edens Bl�tenkelchen, hat trotz ihrer Poesie ihre ganz materielle und physische Entstehungsursache. Freude und Leid sind wechselnd die Schleusenw�chter am Strom der Tr�nen, und in der Begleiterscheinung des Tr�nenflusses bei Humorstimmung sehen wir einen zwingenden Beweis f�r den Ursprung des Lachens in einem pl�tzlichen Kontrast von Lebensbejahung und Lebensverneinung. Wir werden gleich sehen, in welcher Weise diese beiden Salpetermischungen f�r die Explosionswirkungen des Humors in jeder Form des Lachens noch heute auffindbar sind. Zun�chst soll noch auf eine Beziehung hingewiesen werden, die au�er dem pl�tzlichen Abzug einer Gefahr noch andere rein physische Vorg�nge zur Erregung von Heiterkeitausbr�chen haben. Bei der pl�tzlichen Bedrohung und fast gleichzeitigen Errettung des Lebens liegt es ja erfahrungsgem�� auf der Hand, da� dieser Vorgang eine Disposition zu freudigen, muskul�r-rhythmischen Lebensbet�tigungen im Gefolge hat. Munter, wie ein spielendes Reh, h�pft ein Knabe davon, den schon das Rad des Wagens streifte; man kann ihn kurz nachher erst recht pfeifend, tr�llernd, t�nzelnd finden. Wenn beim �bergie�en mit kaltem Wasser, bei kalten Duschen, eine pl�tzliche tiefe Inspiration erzwungen ist, so habe ich bei mir stets unmittelbar danach eine fast un�berwindliche Neigung zum Lachen bemerken k�nnen und habe dem Triebe nie gewehrt,--gewi� ein trefflicher Beweis f�r die Verwandtschaft von physischem Schreck, seelischem Wohlgef�hl und Lachen, f�r die Verwandtschaft tiefer, lebenf�rdernder Inspiration und Entladung der Atmung durch das Zwerchfell. Wer die �ngstlichen B�rsenleute im Anprall brandender Wogen im Seebade beobachtet hat, sah auch gewi�, wie ich, ihre Ausbr�che zappelnder, h�pfender und kullernder Heiterkeit. Auch beim Kitzeln ist ein unwillk�rlicher Zusammenhang von peripherischem Reiz, tiefer Inspiration und exspiratorischen Atemst��en zu bemerken. Ganz junge Kinder kann man nicht kitzeln, dazu geh�rt schon eine gewisse Ausbildung des Bewu�tseins, das erkennen l��t, da� die lebensfreundliche, mehr z�rtliche, neckende Ber�hrung im Kontrast zu der starken, das Atmungszentrum reizenden Wirkung steht. Man beachte auch, da� man das Kitzeln leichter aushalten kann, wenn man die Atmung gewaltsam unterdr�ckt. Daraus geht hervor, da� das Atmungszentrum, also das eigentliche Lebenszentrum, als eine Art von Lachzentrum funktionieren kann, da� es also _sowohl peripher von der Haut aus, wie beim Duschen und Kitzeln, als auch zentral vom Gehirn aus, wie beim Witz, erregt werden kann_. F�r unsere Auffassung von dem Ursprung des Lachens aus einem Kontrast von Lebensbedrohung und Lebensbejahung ist es interessant, zu erfahren, da� der scharf umschriebene Punkt am Zentralorgan, der, von einem Nadelstich getroffen, das Leben aufhebt, von der Wissenschaft noeud vital, Lebensknotenpunkt, genannt wird und da� wir hier auch die F�den finden, die zur Erregung des muskul�ren Ausgleiches f�r die Zwerchfellersch�tterung die elektrischen Str�me senden. Hier finden wir eine anatomische Best�tigung der Beziehung des Lachens zur Lebensbejahung und -verneinung. Nun gibt es noch Lachformen, die an sich mit dem Humorgef�hl ganz und gar nichts zu tun haben. Es sind jene Lachst��e, die im Bellen und Br�llen der Tiere ihr physiologisches Vorbild haben; sie bedeuten eine _willk�rliche_ T�tigkeit, welche die Feindschaft herausfordert: das h�hnische, kr�nkende, verletzende Lachen oder die Andeutung davon: das L�cheln. Das ironische, kritisierende, erhabene Lachen werde ich bei den besonderen Formen des Humors definieren: _denn Satire, Witz, Ironie, Spott, Hohn sind nur vom Temperamente gebrochene Formen des Humors_. Bei vielen dieser Lacharten ist ein �berlegenheitsgef�hl ma�gebend, d.h. die Lebensverneinung oder -minderung gilt f�r andere, f�r den Lacher nur das Gef�hl eines h�heren, �berlegenen Standpunktes. Das Grinsen und Greinen ist eine Kombination von Ohnmachtsgef�hl und Feindseligkeit und das schadenfrohe Lachen die Wirkung der �berzeugung eigener Unversehrtheit bei fremdem Ungl�ck, von dem wir aber die unbestimmte sympathische Empfindung haben, wir konnten ebensogut in die Falle gehen. Wir identifizieren uns in der Idee mit dem Leidenden, nehmen aber den Kontrast von unserem realen Unber�hrtheitsgef�hl her. Ich gehe einen Schritt weiter und will die Beziehungen der Zwerchfellsentladungen zur Mimik und Rhythmik einer kurzen Betrachtung unterziehen. Da� das Atmungszentrum an sich mit dem Gesichtsausdruck verwandtschaftliche, koordinierte Ber�hrungen hat, ist eine allbekannte Tatsache. Bei der Dyspnoe, dem Atmungshunger, ist der Ausdruck des Gesichtes ein so typischer, da� man diesen Krankheitszustand erkennen kann, ohne die Atmungst�tigkeit direkt zu beobachten. Wichtig f�r die Theorie des Lachens ist auch, _da� bei der Atemnot, also wieder einer Lebensbedrohung, ganz dieselben mimischen und Atmungsmuskeln in Aktion sind wie beim Lachen._ Aus dieser Beteiligung der mimischen Muskeln beim Lachen ist die Ansteckungstendenz des Lachens erkl�rlich. Alle rhythmisch muskul�ren, d.h. gleichm��ig und oft wiederholten Muskelt�tigkeiten haben etwas stark die Nachahmung Herausforderndes: das G�hnen, das Lachen, das Tanzen, Marschieren, Singen, die Kampfbewegungen,--sie alle sind ansteckend, d.h. sie reizen zur Entfaltung gleicher Bewegungen, und zugleich sind wir geneigt, daraus eine heitere, humoristische Lebensstimmung zu entnehmen. Der Mensch ist brutal genug, sich selbst der Komik krankhaft rhythmischer Zuckungen nicht zu entziehen. Der Veitstanz, der Gang der R�ckenm�rker, die Epilepsie k�nnen Formen annehmen, die manche unwillk�rlich zu schuldlosem Lachen zwingen, ebenso wie einige solcher Krankheiten direkt ansteckend wirken k�nnen. Die rhythmische Muskelaktion ist am zwingendsten Heiterkeit und Nachahmung erregend bei den Rhythmen der Musik. Der Rhythmus an sich hat also eine suggestive Kraft, gleichartige Spannungen im Gehirn auch des andern zu erregen. Wir Menschen nehmen an, da� der springende Fisch, die h�pfende Bachstelze, der t�nzelnde Araberhengst in heiterer Gem�tsverfassung sich befinden, obwohl wir es nicht beweisen k�nnen; es stimmt uns aber gleichm��ige Rhythmik auf starke Lebensbejahung. Das ist das Heitere in der Kunst; denn alle Kunst ist Rhythmus: Rhythmus die sch�nen Linien, Rhythmus die Schwingungszahl der T�ne und Farben, Rhythmus jegliche Harmonie und arhythmisch jede bleibende Disharmonie, weil ohne Ma� und Regelm��igkeit. Darum ist auch in der Musik vor allem etwas der Lebensbet�tigung, der Lust, dem Humor Verwandtes, und zwar ist nur bei sch�rfster Auspr�gung schnellerer Rhythmen eine humoristische Musik denkbar, also Tanz, Marsch, Scherzo, Capriccio, Sarabande, Gigue. Ein humoristisches Adagio ist schwer denkbar. Darum ist bei den gr��ten musikalischen Rhythmikern, Haydn, Mozart, Mendelssohn, Schubert, Loewe, auch die Heiterkeit und die Freude zu Hause, w�hrend bei den gro�en Reflektierern, den Gr�blern in der Musik, bei Beethoven, Brahms, Schumann, Wagner und Strau�, das affektive Problem seine Heimat fand. Diese Ausweichung auf das Gebiet des Rhythmus bezweckt den Nachweis, da� auch die rhythmischen Zwerchfellst��e innig anderen rhythmischen Heiterkeitsbet�tigungen verwandt sind und da� die Heiterkeit sich typisch des Ausdruckes rhythmischer Muskelaktionen bedient. Ich wage, in diesem Sinne das Lachen als die wahrscheinliche _Quelle der Musik_, als der Seele ersten Jodler, zu bezeichnen. Nun sind wir so weit gelangt, etwas n�her zu betrachten, was in einem Gehirn, in dem ein humoristischer Zustand, ein Scherz, ein Witz, eine komische Bewegung zur Wirkung kommt, f�r materielle Alterationen vorgehen m�gen, dergestalt, da� ohne Zutun des Willens jener rudiment�re Atmungsrhythmus ausgel�st wird, den wir "Gel�chter" nennen. Wir haben gesehen, da� die urspr�ngliche Bedeutung der rhythmischen Atmungsaktion, die wir Lachen nennen, auf einea fast gleichzeitigen Anprall zweier direkt _entgegengesetzter Formen der Vorstellungen_ vom Leben zur�ckzuf�hren sein d�rfte: auf einen Strom der Lebensangst und auf einen bald folgenden der Lebensfreude. Das "Nein" und "Ja" des Lebens prallen so schnell aufeinander, sind zwei Motive so direkt entgegengesetzter Art, da� sie, f�r den Augenblick unvereinbar, eine Hemmung im Gebiet der Logik und Phantasie erfahren, diesen beiden Formen geistiger Reflexion. Das ist ein elementares Ereignis, bei dem die Seele keine Zeit hat, ihre registrierende Katasterarbeit zu vollziehen; sie wird �berrumpelt, verbl�fft, Begriff und Wille gehen zum Teufel, und gewohnheitsm��ig ist der Strom abgelenkt auf ein indifferentes Muskelgebiet, das der Ausatmung. Das ist nun gewi� nicht mehr der Fall, wenn wir heutzutage einen Kitzel versp�ren, zu lachen. Unser Leben erscheint weder bedroht noch besonders unterst�tzt, wenn ein Schulmeister bei der Visite im Frack sich auf eine Sahnentorte setzt, die die unvorsichtige Hausfrau auf einem Sessel stehen lie�, oder wenn einem protzig gekleideten Gigerl, das beim Aufzug der Majest�ten durchaus sich in die erste Reihe dr�ngen mu�te, gerade im entscheidenden Moment der Zylinder �ber Augen, Ohren und Nase aufgetrieben wird, oder wenn der kleine, ganz preu�ische Hauptmannssohn die heikle Frage aufwirft, "ob der liebe Gott bei der Kavallerie oder bei der Infanterie" stehe oder ob er nur ein "einfacher" Mann (d.h. Zivilist) sei; auch f�hlen wir unser Leben weder in Gefahr noch in besonderer Sicherheit, wenn wir bei Fritz Reuter lesen, da� ein unruhiger Schl�fer die gro�e Zehe seines Mitschl�fers f�r eine feine Havannazigarre h�lt,--und doch liegt allen diesen unaufz�hlbaren Formen komischer Wirkungen eine Spannung im Gehirn zugrunde, die wenigstens andeutungsweise einen solchen Konflikt mit verbl�ffender Unlogik enth�lt, wie er in deutlichster Form beim Kontrast von Lebensbejahung und Lebensverneinung auftritt. Schon Kant hatte gefunden, da� der Humor im Kontrast wurzelt. Aber mit Recht ist ihm eingewandt worden, da� schwarz und wei�, klein und gro�, trocken und na� an sich keineswegs zum Lachen reizen. Und doch: unter Umst�nden kann der einfache Kontrast schon humorvoll wirken. _Aber zum Kontrast mu� noch etwas hinzukommen_. Vor zehn Jahren hat in der Revue des deux mondes _M�linand_ in einem Artikel "Pourquoi rit-on?" hier f�r das Psychologische im Humor den treffendsten Ausdruck gefunden, der, soweit ich sehen kann, alle Formen des Humors und des Komischen umfa�t. Er sagt: Lachen erzeuge das, was, von der einen Seite betrachtet, wunderbar, phantastisch, ungewohnt, illusionistisch, und von der anderen Seite lange gewohnt, ganz nat�rlich, "famili�r", allt�glich sich pr�sentiere. Man kann diesen gl�cklichen Gedanken dahin vervollst�ndigen und ins Psychophysikalische �bersetzen, da� erst dann Kontraste Lachen erzeugen, wenn eine Idee mit einer Realit�t so in pl�tzlichen Widerspruch ger�t, da� sich beide an Reizst�rke ihrer psychischen Spannung ungef�hr das Gleichgewicht halten. Ich meine, der Beschauer einer komischen Situation und der H�rer einer komischen Schilderung mu� beide Wirkungen fast gleichzeitig empfinden, einmal, was er sich bei einer Sache denkt, d.h. seine Idee oder die Idee, die ein zweites Wesen repr�sentiert oder zu repr�sentieren sich bem�ht, zweitens mu� er diese Idee pl�tzlich in ihr reales Gegenteil umschlagen f�hlen. Die Wirklichkeit oder die Vorstellung von der Wirklichkeit greift brutal in eine eben erst empfundene, aufgedrungene oder selbstangesponnene Illusion ein. Der ideell, illusionistisch erhobene, erhabene oder �berhebende Gedankengang, au�er uns oder in uns erzeugt, schl�gt in verbl�ffender Gegenlogik in seine direkt verneinende und zwar ebenso pl�tzlich �berzeugende Kehrseite um. Dabei werden zwei Spannungen ziemlich gleichzeitig im Gehirn mit gleich starker assoziativer Kraft erregt: die eine ist eine scheinbar ideale, illusionistische, aber unhemmbar aufsuggerierte im Reiche der Phantasiet�tigkeit des Gehirns, die zweite, gleichsam elektrische Gegenladung erfolgt aus den Quellen unmittelbarer Wahrnehmung, blitzschneller erfahrungsgem��er Reflexion. Beides trifft zusammen: es findet _eine Knickung, eine Kreuzung der Assoziation statt_, beide Spannungen kontrastieren so elementar unlogisch, da� die pl�tzliche Dupiertheit unserer Logik, das ruhig und vorsichtig arbeitende Gehirn es schnell abweist, die beiden Motive etwa logisch zu vereinen oder eine konsequente Handlung resultieren zu lassen; die Doppelspannung erzeugt ein Gef�hl hilfloser Erregung, die gewohnheitsm��ig und instinktiv auf den entwicklungsgeschichtlich eingeschleiften Bahnen periodischer Zwerchfellst��e entladen wird. Diese Bahnen sind eben die dem Atmungszentrum assoziierten und koordinierten, und zwar deshalb, weil urspr�nglich das Zusammenprallen von Nein und Ja des Lebens instinktiv auf den Atmungsbahnen, in dem schnellen Herbeischaffen und Auslassen wehrkr�ftiger Atmungsluft Hilfe sucht. Das tiefe Inspirieren bei der Gefahr ist zweckgem�� und das sto�weise Entladen der Lungen eine nat�rliche Konsequenz, wenn die Gefahr pl�tzlich entwich. Bei der �berrumpelnden Logiklosigkeit und bei der pl�tzlichen Kontrastierung der Humor erzeugenden Motive kommt die Gehirnfunktion in dynamisch �hnliche, wenn auch f�r die Erhaltung des Individuums gleichg�ltige Zickzackvibrationen wie im Momente der Gefahr. Uns kann also nicht wundernehmen, wenn der Ausweg, den der Hirnmechanismus f�r seine Stellungnahme gegen�ber einer Bedrohung fand, auch f�r die funktionell verwandten Zust�nde, Sch�tteln beim Frost und Duschen und Kitzeln, beim G�hnen und Lachen beibehalten ist. Der Kontrastierung einer ideell-illusionistischen und einer entgegengesetzt realen Vorstellung, die das Gehirn unm�glich zugleich verarbeiten kann, diesem Schnippchen, das ihm beide extrem-m�glichen Seiten des Lebens gleichzeitig schlagen, kann es nur ausweichend begegnen; es befreit sich von der harten Nu�, von dem logischen Vexierpulver, das es nicht verdauen kann, indem es den ganzen Krempel auf den Lasttr�ger Zwerchfell abl�dt: mag er sehen, wie er damit fertig wird. W�hrend dieser geduldige Entlader das Gehirn befreit, erzeugt sich in der Seele ein unbeschreiblich wohliges Gef�hl der erleichterten Klarheit und Heiterkeit: das ein herzhaftes Lachen begleitende kannibalische Dickh�utergef�hl. So kann schwarz und wei� als Kontrast komisch wirken, wenn zwischen eine Schar die Idee der W�rde aufn�tigender schwarzer Priester pl�tzlich ein feister, wei�er Kuchenb�cker in gleichem Tritt sich mengt; so kann der Kontrast von feucht und trocken, klein und gro� humoristisch sein, wenn unter dem Ausruf "Gott sei Dank, da� wir im Trocknen sind!" jemand in einen Waschk�bel stolpert oder wenn mit einer Riesenbulldogge ein winziges Scho�h�ndchen trippelnd Schritt zu halten sich vergeblich bem�ht. So erscheint uns also der Humor im allgemeinen Sinne als eine besondere Disposition zu gleichzeitiger Betrachtung der Welt und ihrer Erscheinungen von zwei Seiten. Der humorvolle Mensch hat die F�higkeit, �berraschend schnell und �berraschend suggestiv die zwei Seiten jedes Dinges aufzusp�ren und die Janusk�pfigkeit alles Irdischen vor aller Blicken zu offenbaren. Damit suggeriert er ihnen einen eigenen Zustand elementar frappierender und glaubhafter Logiklosigkeit, den auch der Zuschauer oder Zuh�rer nur auf dem Wege des ja so ansteckenden Gel�chters loswerden kann. So ist denn der Humor auch gleichzeitig eine Weltanschauung, die unbesiegbar erscheint. Sie ist voraussetzungslos, durch nichts kaptivierbar, unbestechlich und erbarmungslos und fast ohne Irrtum, denn es gibt schlechterdings keine noch so ideale Erscheinung, die nicht durch die Blitzphotographie ihrer kontrastierenden Realit�t zugedeckt werden k�nnte, und es gibt keinen noch so realen Vorgang, den nicht der Zauberstab der Phantasie des letzten Erdenrestes entkleiden und in reinlichen Asbest h�llen k�nnte. Darum ist vom Erhabenen zum L�cherlichen der Schritt so klein, weil, je h�her der Kothurn steigt, um so leichter ihm ein Bein zu stellen ist. Aber umgekehrt vermag auch im L�cherlichsten noch sich das Erhabene zu bekunden. Darum geh�rt zum Humor solche ungemessene Dosis Phantasie, weil diese Himmelsg�ttin ja auf dem schmalen Pfade der Ideen ebenso sicher wandelt wie auf der Heerstra�e der Trivialit�ten. An einer absolut realen Sache, an einer allgemein g�ltigen Wahrheit schnell ihre Unzul�nglichkeit in k�hner Verallgemeinerung nachzuweisen, dazu geh�rt ebenso Phantasie wie dazu, eine gespreizte Idealit�t im Handumdrehen vor den verzerrenden Spiegel der Realit�t zu stellen. Der Humor wirft der Idealit�t einen Kn�ppel von realem Holz zwischen die Beine, sie mu� stolpern und damit die Menschlichkeit ihres Beinwerkes selbst widerwillig erweisen. Das Ideal steht auf einem Fa� mit d�nnem Deckel: ein leiser Fu�tritt der Realit�t, und der G�tze liegt im Waschfa�. Die Idee ist eine Seifenblase: ein Sandkorn Wahrheit l��t sie platzen. Warum tat sie auch so sch�n und erhaben, dies blutleere, zimperliche Ding! Aber auch das noch so Reale, Handgreifliche steht auf schwachen F��en gegen�ber der K�hnheit von Philosophen wie Kant oder Nietzsche, die unsere Wahrnehmungen schon als eine Halluzination und unsere Diesseitsg�ltigkeit in Jenseitsnebel aufzul�sen verm�gen. Der echte Humorist ist immer interessant, weil immer unberechenbar. Nur der kann Humor empfinden oder erregen, der imstande ist, dies doppelte Gesicht gleichzeitig zu haben oder zu verleihen; der Humorist verborgt Brillen mit einem ideellen und einem realen Glase. Die einseitige, durch Vorurteil und Sonderinteresse kaptivierte, stets logische und nur vern�nftige Betrachtungsweise der Welt ist die des Philisters; sie ist langweilig und automatenhaft. Humor ist eine Gabe, die angeboren sein mu�, weil eine Doppelfunktion der Seele ihm zugeh�rt. Die phantasievolle Anschauungsweise der Vollmenschen ist vielseitig und mit Humor getr�nkt. Die Vernunft an sich und die Weisheit ist aus Stein oder Erz, Blut und Leben pulst der Humor erst in ihre starren Z�ge. Der geistvolle Narr und der lachende, weinselige Weise haben mehr Erkenntnis in die Welt gebracht als alle Schulphilosophen zusammen genommen. Sie sind ja doch nie wirklich zu vereinigen, diese beiden Wagschalen des Lebens, das Reale und das Ideale, nur an den schwanken Hebelarmen der Phantasie lassen sie das Leben w�gen und seinen wahren Wert bestimmen. Und welche Quelle rein physischen Gesundheitsgef�hles liegt in der Freude aus Herzensgrund! Ich halte die Kom�die direkt f�r hygienischer als die Trag�die. Jene entl�dt mein Gehirn von Sorgenwust und Tagesplage, diese f�gt zum Problem meines eigenen Lebens noch das des fremden Geschickes. Gerade in diesem herrlichen Gef�hl erh�hter Lebenslust beim Lachen liegt �brigens ein Hinweis auf die atavistische, fr�her um Lebensbejahung und -verneinung rotierende Bedeutung des Lachens. Von jeher sind die Bahnen, auf denen sich das Gel�chter ausl�st, assoziiert mit dem positiven Gef�hl gesteigerter und vermehrter Lebensfreude. F�r das Verst�ndnis der einzelnen Formen des Humors ist zu bemerken, da� der Strom von Licht, der sich aus der Doppellaterne humoristischer Lebensbeleuchtung ergie�t, in gar verschiedenen Medien seelischer Grundstimmung gebrochen werden kann, so sehr auch im einzelnen die Tatsache der Kontrastierung von zwei Phantasie- und Wirklichkeitsstr�men, dieser _Assoziationsknick im Gehirn_, dieser knorrige Ast, gegen den die S�ge der Logik aufkreischt, sich �berall nachweisen lassen mu�, wenn anders unsere Definition von dem gleichzeitigen Anprall kontrastierender Doppelvorstellungen �berzeugungskraft haben soll. Allerdings mu� dabei festgehalten werden, da� jede humoristische Spannung der Seele entwicklungsgeschichtlich im Gef�hl der eigenen Lebensbejahung wurzelt. So sind denn in der Tat manche Formen humoristischer Stimmung nichts als die �u�erungen des Gef�hles einer �berlegenheit �ber andere. Die Schadenfreude ist deshalb die reinste Freude, weil mein eigenes Unversehrtheitsgef�hl im st�rksten Kontrast zu der unbestimmt sympathischen Ahnung steht, da� auch ich unter gleichen Bedingungen h�tte meinen Rock mir zerrei�en, meinen Hut aufbeulen lassen, meinen Heller verlieren m�ssen. Allerdings wirkt auch hier der Kontrast um so sicherer auch auf andere suggestiv Heiterkeit erregend, wenn die besondere vom Gesch�digten pr�tendierte Form seiner k�nstlich aufgebauschten Erscheinung etwas wie eine feindliche Gegenstimmung von vornherein aufkommen l��t. Dann g�nnt man dem Pr�tendenten eines angema�ten Thrones so recht von Herzen den Zusammenbruch seines Pappsessels. Hier liegt der Schadenfreude oft ein Gef�hl f�r humane Gerechtigkeit und Gleichheit zugrunde; sehr oft ist eben Schadenfreude direkt durch pr�tenti�se, egoistische Aufgeblasenheit und Breitmacherei herausgefordert. Auch hier f�hrt der Humorist zur Zertr�mmerung einer gespreizten Illusion einen Hammerschlag gegen die Idee: der Stahl der Realit�t trifft die helle Glasglocke, da� die Splitter fliegen. Bei anderen Formen des Humors wieder ist von den urspr�nglichen Empfindungen von Ja und Nein des Lebens nichts als nur noch das _�berraschend Unlogische_ �brig geblieben: so sehr hat sich die Funktion des Lachens von ihrem urspr�nglichen Vollwert entfernt. So losgel�st, gibt es nat�rlich tausend Varianten desselben Themas. Ich will versuchen, diese Variationen des �berraschend Unlogischen zu formulieren. Zun�chst kann der _Assoziationsknick_ einzig und allein _durch ein Wort_ erregt werden. Die roheste Form dieses vorz�glich auf �berraschende Logiklosigkeit, springende Doppelbeziehungen angewiesenen Humors ist die Sucht, zu kalauern. In feinerem Sinne ferner das Wortspiel, das Bonmot. Immer wird hier ein Wort, ein Begriff unter falscher Maske eingef�hrt und pl�tzlich die Maske r�ckw�rtsgedreht, dann ist die Doppelphysiognomie bemerkbar. Hier sind nat�rlich Synonyma und erzwungener Gleichlaut, wie "Heils- und Heulsarmee", die Tr�ger besonders frappierender Unlogik oder die raffinierten Verh�ller scheu�licher Trivialit�ten. Der Schmerz heuchelnde Wehruf bei solchen Kalauern beweist, da� bei dieser Form von Logik eine kleine Verrenkung, eine Knickung im Denkapparat vollzogen wird, was man den Kennern Berliner Gepflogenheiten, glaube ich, nicht n�her auseinanderzusetzen n�tig hat. �brigens ist es geradezu verh�ngnisvoll, wenn jemand sein Gehirn auf diese Wortantithese dressiert und sich zu einer Art geistigen Jongleurs oder Schlangenmenschen ausbildet. Das kann f�rmlich zu einer Kalauermanie, einer leider verbreiteten Form von Geisteskrankheit, ausarten. Wird der _Kontrast durch ganze S�tze_ ausgedr�ckt, so erhalten wir die Antithese, das Paradox, die Aphorismen, das Aper�u. Auch hier werden logisch unvereinbare Dinge mit verbl�ffender Sicherheit in gegenseitigen Kontrast gestellt. Die Fliegenden Bl�tter enthalten eine Fundgrube solcher Weisheitsspr�che in Form kontrastierender Antithesen. Wer sie sammelte, k�nnte ein Weisheitsbuch herausgeben. Besondere Kontraste entstehen, wenn rein syntaktisch ein Satz anders konstruiert wird, als er in unser aller Bewu�tsein urspr�nglich lautete: "Lerne zu! Leyden!" (Lerne zu leiden!) Hierher geh�ren auch die f�rchterlichen Imperative: "Kaiser Wilhelm! Denk' mal!" "Platz! Vor dem Opernhause!" Es ist aber doch ein Beweis f�r die Aufsuggerierbarkeit rhythmischer Antithesen, da� man solches Zeug nicht h�ren kann, ohne wenigstens zu l�cheln. Der Kontrast ist erzwungen im Gehirn,--man kann ihn nicht abwehren, gerade so wenig, wie man den Lichtstrahl hemmen kann, wenn er einmal die Netzhaut getroffen hat. Wird die _Kontraststimmung_ erzwungen durch _raffiniertere und behutsamere Irref�hrung der Logik_, so wird, wie in der Anekdote, der humoristischen Erz�hlung, k�nstlich die Phantasie in eine Sackgasse gelockt, ein historisches Kolorit aufsuggeriert,--und pl�tzlich gelangt der Zuh�rer an den Assoziationsknick, an die Gedankengabelung, weil der Erz�hler mit pl�tzlichem Ruck der elektrischen Bahn den Gegenstrom gibt. Dabei kann dann die Anekdote sowohl im Wortwitz wie im Satzwitz enden, d.h. der Kontrast kann durch einen Doppelsinn eines Begriffes oder durch doppelte Satzauffassung bedingt sein. Es ist nur nat�rlich, da� die obsz�nen Witze hier eine hervorragende Stellung haben. Ich gebe gern zu, da� diese Witze manchmal von besonderer Trefflichkeit sind. Das kommt aber daher, da� die pr�de Verh�llung aller, auch der nat�rlichen und an sich nicht obsz�nen Realit�ten es dem Sp�tter so leicht macht, die _Idee der guten Sitte_ und das _Bed�rfnis der Natur_ in eine Art sensationeller, rasch �berrumpelnder Konflikte zu bringen. Die schlimmste Art ist nat�rlich die Zote, bei der es nur auf obsz�ne Kontrastierung von Einzelvorstellungen ankommt, w�hrend ein fein sexualistischer Kontrast auch den sensitivsten Geistern durch zierlichste Sinnverschlingung Heiterkeit zu erregen vermag. Wir schmunzeln mit Sympathie: die da gezeigten Menschlichkeiten sind ja auch die unseren. Aber diese Dinge m�ssen, um wahrhaft humoristisch wirken zu k�nnen, doch einen dezenten und fein umschleierten, intimen Charakter tragen. �brigens gibt es durchaus sentimentale und cholerische Formen dieser Kontrastierung von Pr�derie und Naturbestimmung, wie der franz�sische Sexualismus (Zola, Maupassant) und der Satanismus beweisen, aus denen oft ein gerechter Zorn gegen die kulturelle Verk�mmerung und Verschn�rung menschlicher Nat�rlichkeiten und gegen die gesellschaftliche Fesselung des Naturrechtes aufflammt. Wird nun der _Kontrast zweier Weltanschauungen_ dauernd von dem Humoristen festgehalten und dauernd dem H�rer oder Leser aufsuggeriert, so gelangen wir zur humoristischen Novelle, zum humoristischen Roman, zum Lustspiel. Unbedingt geh�rt auch hier zur Humorwirkung immer das �berraschende, Pl�tzliche, Unerwartete, um eine Lachstimmung zu erzeugen; denn der Konflikt der Ideen allein kann ebensogut zu Tragik oder zum Problem wie zur Humoreske verwandt werden, erst die Art der Behandlung ergibt die Variante: die Tragik er�rtert langsam und unerbittlich logisch auf beiden Seiten konsequent die widerstreitenden Ideen, sie erweist sie beide als berechtigt und l��t die eine oder die andere Weltanschauung scheitern; das Problemst�ck kommt �berhaupt zu keiner definitiven Entscheidung, sondern zu einem Fragezeichen; die Humoreske l��t pl�tzlich in �berraschender Weise das Ideale am Felsen allt�glicher Vern�nftigkeit zerschellen. Man erinnere sich nur, wie im Don Quixote die kranke ritterherrliche Illusion stets an der Mehlsack-Feistigkeit des kerngesunden Sancho zergehen mu� wie die Butter an der Sonne und wie bei Goethe die sentimentale, weichliche Wolkenlangerei des Dr. Faust von der zynisch-grandiosen Sicherheit des Teufels zerzaust wird. F�r den k�nstlerischen Humor, d.h. f�r die aktive Erzeugung humoristischer Stimmung, ist der Besitz des Musenkusses unerl��lich. Jeder gro�e Humorist ist auch ein gro�er Dichter. Die dichterische Erzeugung des Humors ist eins mit einer gro�en, frei schaltenden und waltenden Phantasie, die im Reich des Realen ebensogut zu Hause ist wie auf den Gletscherh�hen des Idealen. "Wurzelnd mit festen, markigen Knochen auf der wohlgegr�ndeten, dauernden Erde", darf nur eine solche Phantasie es sich erlauben, neugierig ihr Lockenhaupt in die Wolken zu strecken, um es zum Totlachen komisch zu finden, da� auch jenseits von Gut und B�se nur mit Wasser gekocht wird. Der die humoristischen Gestalten produzierende Mimiker bedarf neben einer dem Dichter kongenialen Phantasie einer stark physisch wirkenden Suggestionsf�higkeit: er mu� sein k�nnen, was er scheint. Versagt dem Dichter oder dem Mimen die F�higkeit, ihre innere Anschaung zu suggerieren, so verfallen sie dem _passiven Humor_, der tragische Seiten hat. Ihm verf�llt auch jedes ernste Wollen, wenn dem pr�tenti�sen Anlauf die Unzul�nglichkeit des Menschlichen unvermutet und pl�tzlich ein Bein stellt ... Ich mu� leider darauf verzichten, an dieser Stelle n�her auseinanderzusetzen, in welcher Weise das Humoristische allein in dem Medium der Situationen vielstrahlig gebrochen werden kann. Die _Situationskomik_ nimmt ja den breitesten Raum auf den Brettern der B�hne ein, und es ist jedem Theaterbesucher nun gewi� leicht, in jedem Falle nachzuweisen, warum diese oder jene Situation humoristische Stimmungen erzeugt, warum ein L�cheln mit prasselnden Lachsalven von oft lawinen�hnlicher, elementarer Gewalt wechselt. Je sch�rfer und pl�tzlicher kontrastiert von Dichtung und Regie die Situationen herausgearbeitet, je weiter die Funkenkonduktoren durch gespaltene Phantasiet�tigkeit voneinander gesperrt sind, um so sicherer wird die Katastrophe im Schachte der unterminierten Logik herbeigef�hrt und um so energischer wird der induzierte Energiestrom auf die Telegraphendr�hte zum Ministerium der Heiterkeit abgelenkt. Irrtum, Verwechselung, T�uschung, Vermummung, Verstellung sind hier die fast schon farbenblassen Requisiten, die aber an einer gewissen Unsterblichkeit zu leiden scheinen. Die Operette und komische Oper mit ihrem Liebeshumor, dem grazi�sen Sch�ferspiel, die Posse und der Schwank, die sich die gewagtesten Situationen erlauben d�rfen, bis hinauf zum echten _Lustspiel, das die reale Wahrheit einer sozialen oder individuellen Idee in Kontrast mit den schiefen, egoistischen Gesellschaftstrieben zu stellen versucht_: sie alle fristen ihr Leben nur, wenn sie im Einzelnen wie im Ganzen Bewu�tsein, Wahrnehmung, Phantasie, Reflexion zu fortw�hrenden gegenseitigen Bockspr�ngen zu zwingen verm�gen. Eine richtige Burleske mutet uns geradezu eine geistige Zickzackepilepsie der wechselndsten, pl�tzlichen Ein- und Ausschaltungen unserer Phantasie zu, so da� uns die kontrastierenden Ideen im Sch�del herumfliegen wie die Erbsen in einem gesch�ttelten Topf. �brigens will ich nicht vergessen, zu erw�hnen, da� im gew�hnlichen Leben gerade bei der sentimentalsten Gem�tsverfassung, bei feierlichen, ja der Trauer geweihten Situationen der Humor, dieser Dieb aller W�rde, einen wahren Einbruch in das Allerheiligste unserer Vorstellungen wagen darf. Es war unbegreiflich komisch, als meine Gro�tante am Sarge einer Verwandten bei einem R�hrungskollaps aller Anwesenden statt des Taschentuches eine in der Eile eingesteckte Nachtm�tze aus ihrem weitfaltigen Kleide zog, um sich damit die Tr�nen zu trocknen. Es war von r�hrender Komik, als ein treuer, greiser Ehegatte, dem seine gute Alte gestorben war, ans Bett der Leiche eine Riesenkaffeetasse brachte und diese leider zwecklose Handlung also motivierte: "Ich hab'n ihr nun zwanzig Jahre jeden Morgen so ans Bett getragen, nun kanns schon noch drei Tage so bleiben!" Das ist eine Form von Humor, die an melancholischen oder _Galgenhumor_ streift. Sicher ist, da� Feierlichkeiten der prunkvollen Trauer leicht umspringende, humoristische, sp�ttische, komische Gegenstr�me freimachen, die oft einen besonders explosiven Charakter aus gespannter Kontrastierung erhalten k�nnen. Es ist nicht sch�n, aber wahr, da� die Menschen niemals so ausgelassen zu werden geneigt sind wie nach einer gro�en Beerdigung, und die rohe Sitte der Schmausereien nach solchen Akten beweist nur diesen realistischen Lebensbet�tigungstrieb selbst angesichts des Todes, der mit zu Tische sitzt. Diesen objektiven Schattierungen der humoristischen Kontraste durch Sprache, Personen und Situationen reiht sich nun die Nuancierung an, die der Humor erf�hrt durch die vielstrahlige _Brechung an der psychischen Disposition des Individuums oder einer ganzen Rasse_, durch das Prisma des Temperamentes. Ich kann hier nur skizzieren, da� vom Wesen des Temperamentes dessen, auf den unsere Kontraste von Idee und Realit�t wirken, eine jede der besonderen Formen des Humors: Komik, Possierlichkeit, Hohn, Gei�elung, Ironie, Satire, Spott, Witz, Schalkhaftigkeit, Grazie, Galgenhumor, Drolligkeit, komische Exzentrizit�t, direkt abh�ngig sind. Je nachdem ein Individuum von sanguinischem, cholerischem, phlegmatischem, melancholischem, resigniertem, pedantischem, nerv�sem, phantastischem Grundtemperament ist, je nachdem in einem Volke dieses oder jenes Temperament vorherrscht: in zwingend paralleler Weise �u�ert sich auch sein Humor in besonders wohlcharakterisierten Formen, wobei nat�rlich, wie bei den Temperamenten, die �berg�nge und verwandte Dispositionen eine Kombinationen-und Variationenreihe v�llig unbegrenzter Buntscheckigkeit zul��t. Auch mu� bemerkt werden, da� auch bei derselben Person die Grundbestimmungen variieren; wir haben nicht immer ein gleichwinkliges Prisma, nicht immer eine gleichm��ige Grunddisposition in unserem Gem�t; wir k�nnen eben noch phlegmatisch sein: im n�chsten Augenblick macht uns ein Reiz sanguinisch oder cholerisch; oder unsere Morgenmelancholie und unsern Aufstehpessimismus stimmt ein T��chen Kaffe, ein Gl�schen Kognak zu beweglicherem Optimismus; und wieder ein anderes Mal treffen die Komplement�rfarben der beiden Weltbilder auf ein Eisprisma von Indolenz, Phlegma und Resignation. Unstreitig ist auch das Komische nur eine besondere Form des Humoristischen: sie sind Zwillingsgeschwister der Bastardehe zwischen Ideal und Real. Im Humor sehe ich eine subjektive oder objektive _Gem�tsverfassung_, die Komik ist ein subjektives oder objektives _Mittel_, diese Gem�tsspannung herbeizuf�hren. Mir will scheinen, da� zur komischen Wirkung ein gewisser phlegmatisch-pedantischer Rhythmus der Aktionen geh�rt, der diese dem Drolligen verwandte Wirkung aus�bt. Der gewisserma�en verhaltene, scheinbar unbek�mmerte, unengagierte, trockene Humor ist um so komischer, je gleichm��iger und verhaltener seine rhythmische Aktion nebst der ihn begleitenden Mimik gestaltet ist. Er verzieht keine Miene, der Tr�ger des trockenen Humors; eine beinahe apathische Typizit�t seines Gesichtsausdruckes tr�gt dazu bei, den Kontrast seiner realen Opposition gegen die Illusion auf rhythmischem, Imitation erzwingendem, d.h. ansteckendem Wege zu verst�rken. Man betrachte daraufhin einmal aufmerksam unsere Komiker, Engels, Guthery, Thomas, Alexander, Vollmer, Bendix. Bei allen ein ganz bestimmter typischer Rhythmus ihrer Bewegungen, eine gewisse scheinbar unbeteiligte Gleichf�rmigkeit und schalkhafte, absichtliche L�ssigkeit ihres Gesichtsausdruckes: h�ngende Mundwinkel, pedantische, schl�frige oder n�rrisch verkniffene Augen, Mundspitzen, schl�rfender, ziehender Gang, schleppende oder besonders singende, meist monotone, typische Sprache im Indifferenzton, dazu wom�glich refrainartige, immer wiederkehrende Gesten und sprichwort�hnliche und scharf pointierte Satzbildung. Es ist der besonders kontrastierende, gleichm��ige, scheinbar tr�ge, _pedantische Rhythmus, der die Komik macht_, auch beim Tappen des B�ren, bei den Bewegungen der Dickh�uter, bei denen wir eben wie beim passiv oder aktiv komischen Menschen ein besonderes Phlegma, eine besondere n�rrische Indolenz und langsame Leitung gegen die schnellen Reizwechsel des Lebens vermuten. Sanguinische Tiere, die Katzen, die Hunde, die M�use, nennen wir eher drollig, ihr schnellerer Rhythmus gibt ihrer Komik etwas dem Schnippischen, dem Schalkhaften, dem Possierlichen Verwandtes. Es kann also unstreitig der Rhythmus, in dem der Kontrast sich kundgibt, die Formen des Humors modeln und f�rben. Entscheidender aber ist f�r die �u�erungsweise der empfundenen oder dargestellten Kontraststimmung dennoch das Temperament, weil ja auch der Rhythmus geistiger Bewegung wesentlich vom Temperamente bestimmt ist. So wird der Sanguiniker sich meist des schnell kontrastierbaren Wortwitzes bedienen, wie auch der geistreiche Witz, das Aper�u, fast das ausschlie�liche Mittel des Humors des sanguinischsten Volkes, der Franzosen, ist. Dem Choleriker ist der Hohn, die Gei�elung, die Ironie, die Satire das Mittel der Kontrastierung; und die besondere Grazie der Spanier hat den wundervollen Ritterhumor des Cervantes im Don Quixote gezeitigt, diesem unverw�stlich ehernen Monument humoristisch-wehm�tiger Weltanschauung. Die sanfte Melancholie der Germanen �u�ert sich in dem einzigen, herzenstiefen, gem�tvoll sentimentalen Humor, dem wir die �berquellenden Labetr�nke aus den Meisterwerken eines Dickens, Reuter, Gottfried Keller, Raabe und anderer verdanken. Heines gemischt cholerisch-sentimentales Temperament zeitigte die poetischen Bl�tenstr�u�e, in denen Rosen um Dornenkronen geflochten sind, darin wechselnd Tau- und Blutstropfen aufleuchten. Der Amerikaner, dessen Seele nach gro�en Dimensionen hastet, erzeugte auch einen phantastischen, gro�dimensionalen, exzentrischen Humor, der in Edgar Po�, Mark Twain, Bret Harte die sch�pferischen Organe erhalten hat. Endlich f�hrt der Lebensverzicht, die tiefe Resignation, zu einer Form der _Kontrastierung des eigenen, reell verlorenen Daseins mit einer bewu�t ideellen, aber unlogischen Lebensbejahung_, zum _Galgenhumor_, dessen Typus jener Verbrecher verk�rpert, der, auf dem Karren zum Schaffot gef�hrt, der herbeistr�menden Menge zurief: "Kinder, lauft nicht so: ehe ich nicht komme, geht es ja doch nicht los!" Hier ist der Kontrast geradezu umgekehrt. W�hrend sonst der Humorist tief innerlich sein Leben bejaht und es doch in der Idee gleichsam spielend entwertet, f�hlt der arme Schacher sein Leben verloren und bejaht es spielend nur in der Idee. Das ist typisch f�r jede Form von Galgenhumor. In jedem Falle ist also der Humor eine angeborene Gabe der vielseitigen Betrachtungsf�higkeit der Welt und ihrer Erscheinungen, so verwandt der Kunst, weil er, wie sie, des Rhythmus so dringend bedarf, Kunst aber Rhythmus ist, verwandt der Philosophie, weil er, wie sie, die Wahrheit �ber alles liebt, verwandt endlich und entsprungen aus dem tiefsten Schachte des Gem�tes, wo die Edelsteine Gerechtigkeit und Menschlichkeit ihre ewigen Kristalle wahren. Der Humor ist ein unbestechlicher Richter, er ist eine Majest�t, die mit einem Worte dekretiert: es soll dem Rechte freier Lauf gelassen werden; ein Henker, der den Betr�gern den L�genflitter und die Maske vom Antlitz rei�t, ein Evangelist, der es versteht, die starren Formeln der sozialen Fragen selbst mit einem Himmelsl�cheln zu l�sen, und ein Tr�ster, der �ber alle Not Goldk�rner des reinen Gewissens und des unvernichtbaren Mutes der Pers�nlichkeit streut. "Blankes Schwert erstarrt im Hiebe", wenn der Witz die Klinge kreuzt; und f�r manches drohende Gewitter ward ein einziges Scherzwort zu rechter Zeit schon oft ein Blitzableiter, der den blauen Himmel heiterer Einigkeit herbeizauberte. Der Humor ist ein Erzieher des Volkes, ein Dokument seines Gem�tslebens, eine Schatzkammer des Reichtumes seiner Seele. SCHLAF UND TRAUM I. Wer auf ein Leben von siebenzig Jahren zur�ckzublicken das Gl�ck hat--das ist bekanntlich die stark optimistische Auffassung der Bibel von der durchschnittlichen Dauer des menschlichen Daseins--, der macht es sich wohl mit einiger Verwunderung klar, da� es mindestens f�nfundzwanzig Jahre waren, die er buchst�blich verschlafen hat,--selbst wenn er die kummervollen N�chte, in denen die Sorge oder der Schmerz neben ihm am Bettrand sa�, oder auch die N�chte abrechnet, die er weniger kummervoll als deutscher Student verlebte. Man kann es den Studenten also eigentlich ebensowenig verargen wie weiland Friedrich dem Gro�en, da� sie auf die freilich unhygienische Idee gekommen sind, sich das Schlafen abzugew�hnen; scheinen doch auch unsere Ministerien der Meinung zu sein, da� f�r festangestellte Beamte der Schlaf eine Luxusfunktion bedeutet. Ja, der Staat verlangt von Sicherheitsbeamten, Nachtw�chtern, Telegraphisten, Lokomotivf�hrern usw. sogar, da� sie gef�lligst ihren eigenen Kalender umstellen, die N�chte z�hlen und die Tage aus ihrem Bewu�tsein streichen, sich also gleichsam zum Eulen- und Fledermausnaturell im Interesse des Ganzen umzubilden versuchen. Das w�re eine grandiose Grausamkeit vom Staat und von der Gesellschaft und ein str�flicher Leichtsinn der Jugend, die die Lust, zu leben, durch Abz�ge am Schlaf zu verl�ngern sinnt, wenn es nicht tats�chlich sogar recht wohlgen�hrte Individuen in der Natur g�be, die, wie Raubv�gel und Falter, aus Neigung und Naturbestimmung mit heraufziehender Nacht erst zu leben beginnen. Freilich: f�r die erdr�ckende Mehrzahl der Lebewesen ist die Sonne und das Licht und der Mutterboden Erde, in Helligkeit und Farbe getaucht, der Tummelplatz f�r den Kampf, Sieg und Untergang des Daseins, und der Schlaf ist im allgemeinen die Anpassung des Organismus an den Untergang der Sonne; er w�hrt, so lange sie hinter den Bergen verweilt, und er schwindet mit ihrem ersten �stlichen Gru�, der schon vor unserem Erwachen die H�hne veranla�t, Trompetenstudien zu machen. Freilich: schon lange hat die Kultur, die Jean Jacques Rousseau eine M�rderin der Elfen und Waldg�tter schelten durfte, erst durch Holzscheite und Pechfackeln, dann durch Tranfunzel, Docht, Stein�l und Gas und jetzt durch das starre, geisterhafte Licht der Gl�hbirnen und leuchtenden Str�mpfe, deren Strahl auf die Netzhaut wirkt wie ein Dolch (woran leider die Augen�rzte sp�terer Generationen noch einmal ihre Freude haben werden), dahin gestrebt, die Sonne zu ersetzen und gleichsam zu verl�ngern,--wie man eine kr�ftige Bowle oder eine Suppe zieht. Ja, selbst die Nat�rlichen, die heute versuchen wollten, mit Sonnenuntergang sich niederzulegen, w�rden von dem L�rm der auf k�nstliches Licht eingestellten Mitwelt unsanft aufger�ttelt werden und, wenn sie sich bei Tagesanbruch erh�ben, in ihrem Hause wie des Begr�bnisses unw�rdige Bewohner von Vineta oder Pompeji umherwandeln. Die Menschennatur hat einen Rhythmus von Ebbe und Flut, wie das Meer, der Himmel, die Sterne und alles, was ist. M�glich, da� dieser Rhythmus sich �ndern l��t, da� wir uns allm�hlich anzupassen verm�gen an die k�nstlichen Quellen von Licht, aber man darf sich nicht verwundern, wenn diese Anpassung nur auf dem Umwege von Hypersensibilit�t und Neurasthenie erreichbar ist. Nervosit�t ist vielleicht nur die �bergangsform--im Sinne Darwins--zu einer k�nftigen Norm von bleichs�chtig-�therischer, hypersensitiver Wei�e-Lilien-Menschheit, die ihren Daseinskampf in elektrisch erleuchtete H�hlen verlegt hat; vielleicht sogar l��t sie sich vor lauter Produktion �berfeinerten und distinkten Nervenlebens noch einmal am eigenen Lichte gen�gen, wie die entz�ckenden Gl�hw�rmchen im Moose oder die gro�en Laternentr�ger der Tropen. Man sollte meinen, da� die Menschheit keinen Grund h�tte, sich jenen Lebewesen anzureihen, deren schwache Konstitution und federleichte Skelettformierung sie einst abschob von der Chaussee des Lebens auf dunkle Waldwege, in Gr�ben und S�mpfe, weil hier das Dunkel der Nacht sie ihren Feinden besser entzog, wie Nachtinsekten, K�fer und Schmetterlinge; man sollte sich auch scheuen, es jenen Dieben und Einbrechern in Wald und Flur nachzumachen, den Eulen und Raubv�geln, die auf den Gedanken kamen, da� die Finsternis ein trefflicher Mantel f�r lichtscheue Taten sei. Vorl�ufig aber bleibt es hoffentlich dabei: f�r unser Planetensystem ist es die Sonne, die als die Urheberin und Erhalterin alles Daseins, gleichsam als die letzte Ursache und der Grund aller Dinge zu gelten hat, und sie bleibt die Wirkerin des Lebens selbst in der periodischen Abkehrung der Erdzonen von ihrem Antlitz. Die Nacht und ihr Weben ist nur das Nachwirken oder der R�ckprall der Sonnenmacht. Tats�chlich ist der Schlaf an ihr Verschwinden gebunden, denn unsere Antipoden schlafen, wenn wir wachen, und wachen, wenn wir schlafen. Periodisch also, wie die Sonne erscheint und verscheint, so periodisch und rhythmisch pendelt das gesamte organische Leben bei Pflanze und Tier zwischen Leben und Schlaf hin und her. Denn da� auch Pflanzen eine Art Schlaf haben, kann als ausgemacht gelten, obgleich es auch hier Lichttrotzer gibt, die ihr eigentliches Leben erst nachts beginnen. Die �rmsten! Sie begreifen nicht, wie sehr sie doch im Banne der Strahlen sind, wenn sie erst erwachen k�nnen, sobald das Licht verschwindet. Nun kann man sagen--und die Wissenschaft wiederholt es zuweilen noch heute--: dasjenige, was uns Schlaf bringt, hat mit der Sonne gar nichts zu tun. Der Schlaf sei ein Symptom der Erm�dung, des periodischen Absinkens der Lebensenergie, ein passives Zur�ckfluten der Lebenswelle; wie das Herz sich aktiv systolisch zusammenzieht, die Atmung durch Rippenaktion eingeleitet wird, Diastole und Ausatmung aber die passiven Phasen der vorangegangenen positiven Aktionen darstellen, ebenso sei der Schlaf gleichsam die Diastole der Nervenflut, eine Art Ausatmung des Seelenodems; er sei ein nat�rlicher, rein passiver Vorgang der Ermattung, des Nachlassens der Nervenspannungen. Ja, noch k�hner ist die Wissenschaft (Preyer) gewesen; man hat behauptet, es sei ein Gift, wie das Narkotikum des Mohns, ein physiologisches, von der Natur gewolltes Opium, das in der K�che des Muskelhaushaltes gerade infolge der Erm�dung jeder sich selbst bereite, das sich allm�hlich ins Blut mische und schlie�lich uns einschl�fre. Welche sonderbare Anschauung: Selbstvergiftung, Muskelgift, periodische Narkose! Dann h�tte also das Sonnenlicht nur ganz zuf�llig mit Schlaf und Wachen zu tun; und nur, weil wir am Tage unsere Muskeln gebrauchen und damit das Fleischmilchs�uregift w�hrend des Sonnenlichtes produzieren, hat scheinbar die Sonne direkten Einflu� auf den Rhythmus von Schlaf und Wachen. Nun, abgesehen von der zweifelhaften Natur dieses Muskelopiums--die Preyerschen Experimente brachten erstens keinen Schlaf, sondern nur Vergiftungssymptome, und zweitens kann man diese dem Schlaf ganz un�hnlichen Zust�nde fast mit dem Extrakte jedes anderen Organes, ja, sogar aus dem ganz unt�tigen Muskel des neugeborenen Tieres herauspressen; sie beweisen eben nur, da� auch Muskels�fte fremde Beimengungen zum Blut sind,--abgesehen also von der hypothetischen Natur dieses Schlafstoffes gibt es sehr schlagende Gegengr�nde gegen die M�glichkeit einer solchen periodischen Erm�dungsvergiftung. Wie sollte ein Tier mit Winterschlaf so sonderbare Giftkammern besitzen, um von ihnen aus Monate lang sich selbst in Narkose zu erhalten, ohne da� f�r diese Funktionen auch nur der Schatten eines Organes in seinem Leibe zu finden ist? Wie sollte zum Beispiel die merkw�rdige Narkose des Hamster-Chloroforms zu deuten sein, die ohne jede Analogie in unserem Wissen vom k�nstlichen Schlaf w�re und nur in der periodischen Wiederkehr gewisser Wahnsinnsformen einen schwachen Analogiest�tzpunkt gewinnen k�nnte? Wie aber sollte erst diese Narkose durch Selbstgift zu verstehen sein bei der pathologischen Schlafsucht des Menschen, bei der eine--dann doch notwendige--besondere Muskelaktion vor dem Anfall oder w�hrend der Dauer des Schlafes noch niemand aufgefallen ist und bei der ein besonderer Gehalt des Blutes an dieser Fleischmilchs�ure in keinem Falle bisher sich hat beobachten lassen? Wo produzieren Neugeborene, die doch noch herzlich wenig mit Muskelk�nsten zu paradieren pflegen, das Muskelmorphium ihres lieblichen Dauerschlafes, der sich f�r unbefangene Betrachter wahrlich eher wie ein Nachdauern s��en Himmelsfriedens, aus dem die Seele niederstieg, ausnimmt als wie ein tiefer und z�her Kater, der auf einen Sturm durchwachter Pr�geln�chte folgte, worauf allerdings das Antlitz des eben einpassierten Mitb�rgers mitunter hinzudeuten scheint? Ist denn im Gegensatz zum Hind�mmern des werdenden Menschleins das unruhige Leben des Neurasthenikers oder des Greises, der hin und her hastet in Lebensangst und Sorge, ein besonders mit Schlaf gesegnetes? L��t sich ernstlich behaupten, da� man, je mehr Muskelaktion man aus�bt, desto besser schlafe? Ist nicht gerade �beranstrengung das beste Mittel, um gar nicht mehr zu schlafen? Erfreuen sich nicht umgekehrt gesunde geistige Arbeiter eines ungest�rten, tiefen Schlummers? Will man behaupten, da� auch sie alle Gift produzieren? Die ganze Erm�dungstheorie, die das Leben auffa�t wie ein Kautschukband, das man hier und da abspannen mu�, um es funktionst�chtig zu erhalten (wobei noch nicht bewiesen ist, da� es dadurch dauernd elastischer bleibt), ist meiner Meinung nach unhaltbar. Gerade die lebenswichtigsten und festgegr�ndetesten und wahrlich "besch�ftigten" Organe, das Herz, die Lungen, der Magen--diese eigentlichen Motoren unseres k�rperlichen und seelischen Betriebes--entbehren des Schlafes g�nzlich. Sie h�mmern, blasen und w�hlen unbek�mmert um Nacht und Tag und erm�den erst, wenn das Schifflein strandet. Aber auch die Nervensubstanz selbst, die sich vor allem erholen soll, ruht nicht aus. Allein schon die Existenz eines Traumes, die M�glichkeit eines Bewu�tseins im Traum spricht gegen die absolute Ruhe des Nervensystems. Das, was wir Erm�dungsgef�hl nennen, kann sehr wohl das Gef�hl gest�rten Gleichgewichtes der wechselnden Lebensbet�tigung verschiedener Organsysteme sein, indem zum Beispiel nach langen M�rschen die so lange unt�tigen, den Muskelzentren nahe benachbarten Intelligenzzentren nach Lebensbesch�ftigung verlangen. Sie wollen auch mittun, denn sie sind doch auch berechtigt, zu schwingen und in Aktion zu treten. Wir sehen im Haushalt des Gehirnes immer nur ein System ausgeschaltet und das andere eingeschaltet werden. Es k�nnte also ebensogut das Gef�hl der Erm�dung eine Vorstufe des Schmerzes sein, der uns warnt, die Maschine nicht immer auf einem Rade laufen zu lassen, wie ja so oft Schmerz und Unlustgef�hle die Rolle der Signalw�chter f�r St�rung und Gefahr �bernehmen. Wo diese W�chter schweigen, wie bei eigentlichen Geisteskrankheiten oder bei sportlichen Tollheiten (Tagestouren der Radfahrer), da sehen wir die Erm�dung als etwas Illusorisches ausbleiben. Geisteskranke leisten k�rperlich oft physiologisch Unfa�bares an Muskelaktion, und vor der �ra der vier Tage lang radelnden Dauerfahrer h�tte man die Sache nach den Gesetzen der Erm�dung f�r Hirngespinst gehalten. Freilich hat man auch noch nichts von besonders produktiven K�pfen, die auf solchen Athletenschultern s��en, geh�rt. Ganz und gar keine Anwendung l��t aber die Hypothese von der Erm�dung oder der Selbstvergiftung auf die Formen k�nstlichen Schlafes zu, die uns die junge Kunst des Hypnotisierens gelehrt hat. Es m��te schon eine sonderbare Erm�dung oder ein sonderbares Gift sein, die durch Streicheln oder Anglotzen, mit mehr oder weniger "freundlichem" Zureden, die Hirnganglien �berfielen und ertr�nkten. Einer Mutter, der sorgsamsten Beobachterin des Schlafes, wird sicher nicht beizubringen sein, da� ihr summendes Singen und ihr Auf- und Abwiegen dem Kinde ein erm�dendes Gift hinter die geschlossenen Lider sch�ttet. Wie nun, wenn man diese ganze Theorie des Schlafes als eines passiven Vorganges, wie ihn die Wissenschaft noch heute definiert, �ber Bord w�rfe? Sehen wir zun�chst zu, was die Physiologie �ber den Schlaf aussagt. Landois, wohl der geistvollste und universellste Physiologe, spricht sich �ber den Schlaf in den folgenden S�tzen aus: "Der Schlaf ist eine Phase der Periodizit�t des t�tigen und ruhenden Zustandes des Seelenorganes." "Es ist im Schlaf eine verminderte Erregbarkeit des gesamten Nervensystems vorhanden." "Der Schlafende gleicht einem Wesen mit herausgeschnittenen Hirnkugeln." Auffallend ist, da� man bei diesen Grunds�tzen �ber die Physiologie des Schlafes so v�llig vergessen hat, den Traum, als eine Funktion des Schlafes, in die Definition miteinzubeziehen. Denn allein die psychologische Tatsache des Traumes und seiner gew�hnlichsten Erscheinungsformen hebt diese Anschauungen s�mtlich auf. Der Schlaf kann nicht die Periode des ruhigen Zustandes des Seelenorganes genannt werden, denn es gibt Tr�ume; Tr�ume sind aber "T�tigkeiten" des Seelenorganes. Im Schlaf ist ferner oft gerade eine erh�hte Erregbarkeit des Nervensystems vorhanden, wie das Zittern und Beben des Organismus unter unruhigen Tr�umen beweist. Au�erdem ist die vorhandene Erregbarkeit s�mtlicher Nervenfunktionen im Schlafe leicht erweisbar. Tue Salz auf die Zungenspitze eines Schlafenden, kitzle seine Nase, bringe ein Licht in sein Zimmer: er wird mit der Zunge schmecken, die Nase reiben, eventuell sogar niesen, sich in den Schatten drehen und braucht dabei gar nicht zu erwachen. Aber selbst wenn er erwachte, so w�re damit bewiesen, da� sein Nervensystem erregbar war, auch w�hrend er schlief,--und es w�re doch schwer festzustellen, ob st�rker oder schw�cher als vor- und nachher. Der Schlafende gleicht aber auch keineswegs einem Wesen mit herausgeschnittenen Hirnkugeln, obwohl wir leider keinem solchen Opfer der Wissenschaft mit einiger Aussicht auf Erfolg diese Frage vorlegen k�nnten. Aber wir entnehmen gleichfalls aus der Funktion des Traumes, die Ichbewu�tsein, Seh-, H�rwahrnehmungen usw. nicht ausschlie�t, da� die wesentlichen Teile des Hirnorganes, die Ganglien der Hirnkugeln, in voller T�tigkeit sind. Ja, im Schlafwandeln, einer Abart des Traumes, finden wir sogar bewu�te und durch die Erinnerung und Beobachtung rekonstruierbare Zweckm��igkeitshandlungen, die nur durch die T�tigkeit der "gleichsam herausgeschnittenen" Hirnkugeln vermittelt sein k�nnen. Im Widerspruch mit diesen Definitionen ist also im Schlaf etwas vorhanden, das ihn als etwas durchaus Aktives aufzufassen gestattet. Jene Analogie mit der Ebbe, mit der Diastole, mit der Ausatmung, mit dem periodischen Nachlassen elastischer Spannung k�nnte durch eine Auffassung ersetzt werden, wonach der Schlaf eintr�te, weil irgend etwas da ist, das eine Tarnkappe �ber die Gangliensysteme zieht, das den Nervenmechanismus angreift wie der Konterstrom einer elektrischen oder Dampfbremse, das sich �ber die �olsharfensaiten der Seele und ihre Milliarden schwingender Membranen hin�berzieht wie ein vielgestaltiger D�mpfer, der die T�ne erstickt, die Flammen verglimmen macht, die Bewegung stillstehen hei�t und die Welt und ihre Umgebung zeitweise versinken l��t. _In Wirklichkeit ist der Schlaf eine Form der aktiven Bewu�tseinshemmung_. Wir wissen aber--und das ist das Fruchtbare an dieser Betrachtungsweise--, da� Hemmungen, Isolation, Ausschaltungen im Bewu�tsein durchaus aktive Vorg�nge, den Nervent�tigkeiten v�llig gleichwertige Seelenfunktionen sind. Ja, wir k�nnen sogar mit einigem Recht behaupten, da� ganz allgemein, biologisch gesprochen, die Hemmung, der Widerstand die Bedeutung eines aktiven Weltgesetzes hat, indem gerade sie das eigentlich Entscheidende f�r die Formierung des �berall vorhandenen und zur Bet�tigung dr�ngenden Lebens sein d�rfte. Die unendlich wandelbaren Gestaltungen, die das Leben hat, gewinnt es nur durch Nachlassen oder Verst�rkung der ihm gegen�bergestellten Formen der Hemmung. Das Leben ist gleich einem gegebenen Strom r�tselhafter, jeder Anschmiegung f�higer Materie, es quillt durch jede Fuge, jede Ritze in der Form dieser L�cke, und die Hemmung gleicht einer krallenden, bildenden, vielfingrigen Faust: sie erzwingt die Form. Das Leben hat nur Platz in dem Hohlraum, den ihm die Widerst�nde lassen. Das ist ein Weltgesetz; und auch das komplizierte System der seelischen Nervent�tigkeit l��t es erkennen. Jeder hat schon an sich die aktive Macht dieses Gesetzes erfahren: die Abh�ngigkeit seines Willens von etwas anderem in ihm, seinem Wollen Entgegengesetztem, die zwei Seelen in seiner Brust, die Stimme, die vom Meere ruft, und das Gl�cklein, das vom Kirchturm t�nt und "Bleib daheim!" l�utet. Gott und Teufel, Wei� und Schwarz, Ich und Du, der andere in mir, Lust und Abscheu--immer um so n�her beieinander, je h�her die Wogen des Empfindens gehen--sie sind nicht auseinanderzurei�en. Wie ein Pendel seine Schwingungsweite inneh�lt und um so h�heren Ausschlag gibt, je h�her der Anhub war, so lauert die Hemmung, die Wellen der Erregung ins Tal zu rei�en. Kein Wunder, da� es so ist! Denn, rein mechanisch gesprochen: die Aktion einer Mehrheit der Nervenganglien des Gehirnes mu� in dauernder Hemmung sein, und zu einer Zeit k�nnen nur wenige Systeme in Aktion anklingen, gleichsam wie ja zu einer Zeit nur eine Leitung meinem Telephon angeschlossen sein kann, die �brigen aber abgesperrt sind. Ohne diese ewig wechselnde Ein- und Ausschaltung m��ten ja jeden Augenblick alle Ganglien in chaotischen Wellen durcheinander schwingen. Wir finden also, da� wir in zeitlich nacheinander geordneten Systemen nur deshalb denken k�nnen, weil uns im Augenblick immer nur eine Bahn zum Denken von der Hemmung freigegeben ist. Was "die Aufmerksamkeit konzentrieren" hei�t, ist nichts als das Gef�hl und Bewu�tsein davon, da� von der ewig schwankenden, Anschl�sse bald hier erzwingenden, bald dort abd�mpfenden Hemmung nur eine--die Augenblicksempfindung vermittelnde--Bahn freigelassen ist. So ist also der eigentliche Spiritus rector, _die Seele �ber der Seele_, nicht in den Ganglien, die nur die Erregungselemente abgeben, zu suchen; und in dem Mechanismus dieser Hemmung w�re das Prinzip zu erforschen, das gleich immer wechselnden Registerz�gen in der gro�en Hirnorgel bald diesem, bald jenem System die Ventile �ffnet, so da� der einstr�mende Hauch des Lebens die f�nfzehnhundert Millionen feiner Membranstimmen in unfa�bar reicher Kombinationsm�glichkeit zu seelischen Akkorden erklingen l��t. An einem Hause seien Millionen kleiner Gl�hl�mpchen angebracht, deren Dr�hte alle in eine stille Klause unter dem Dache auslaufen. Hier sitzt ein Jemand, der das System der Hemmung in den H�nden h�lt. Er l��t Millionen Fl�mmchen erl�schen, und ein kleiner Rest leuchtet: ein Namenszug strahlt in das Dunkel der Welt. Andere Systeme werden geschlossen, andere freigelegt: ein Gru�, ein Willkommen, ein ganzer Satz erstrahlt,--und so k�nnte der Ingenieur der Hemmungen unter dem Dach gewi� jede Weisheit in farbigem Spiel aufleuchten lassen, falls er den Strom seiner Batterien, der in alle L�mpchen zu flie�en strebt, zeitweise immer nur in einige eingelernte Bahnen zwingt und ihm die anderen verschlie�t. So ist auch hinter unserer Stirn ein unendlich kompliziertes System kleiner erregbarer Leuchtk�rper ausgespannt, viel zahlreicher als die Sterne am Himmel, die f�r uns auch nur aufflammen, wenn das Licht des Tages sie nicht abblendet; die nur dann in ihren spezifischen Energieformen erzittern, wenn die Hirnhemmung gerade ihre Leitungen dem Strahl des Lebens freigibt. Diese Hirnhemmung hat nun keineswegs gleiche, scheinbar willk�rliche Macht �ber alle Formen zentraler Hirn- und Seelent�tigkeit; ihr wechselnder Einflu� nimmt mit dem Entwicklungsalter der einzelnen Hirnpartie ab. In den instinktiven, dem Bewu�tsein ganz entzogenen Seelent�tigkeiten, namentlich in denen der Regulation von Herz- und Atmungst�tigkeit, schwankt die Hemmung nicht mehr; sie ist immer gegenw�rtig, sie hat sich selbsterhaltungsgem��[1] herausgepr�ft, welche koordinierten Bahnen das Beste, Unab�nderlichste f�r den Haushalt des Ganzen darstellen. So werden auch unsere, heute nicht mehr bewu�ten Seelenhandlungen in festen, definitiv und stets gleichm��ig gehemmten Bahnen reguliert, und nur in den j�ngsten Phasen des Bewu�tseins tastet die Hemmung, gleichsam nach Auswahl suchend, was wohl die beste, erhaltungsgem��e L�sung sei. Die j�ngste Entwicklungsphase eines seelischen Organismus ist gleichsam stets sich selbst noch ein Problem, das nach definitiver, d.h. instinktiver L�sung ringt. Fu�note 1: Von Hauptmann treffend statt "instinktiv" eingef�hrter Begriff. In uns geht sehr vieles unbewu�t seinen nicht mehr abzu�ndernden psychischen Mechanismus. Wir haben in uns psychisches Geschehen, das unserer Kontrolle ganz entzogen ist. Unsere Sympathien und Antipathien z.B. k�nnen wir nicht mehr ohne Rest im Bewu�tsein begr�nden; wir tun vieles, oft das Entscheidendste, ohne jeden plausiblen Grund,--mit einem Wort: es gibt in uns Verst�ndigeres als den Verstand, Bewu�teres als das Bewu�tsein, Besseres als das Beste![1] Das sind jene unterbewu�ten, schon definitiv vom schwankenden Bewu�tsein des Ichs und der Situation abgel�sten (definitiv gehemmten) Gebiete, die nicht mehr oder noch nicht mit der tastenden Orientierung der h�chsten Ganglienschichten assoziiert werden k�nnen. Die j�ngsten Phasen geistiger Entwicklung senden ihre Polypenarme (Sinne) wie Gehirnausst�lpungen nach au�en, sie horchen, f�hlen, wittern umher in der Welt und suchen nach Orientierung im Weltganzen. Das Gef�hl der allseitigen Hemmung, die Summe aller Reize, die die Widerst�nde auf meine Sinne aus�ben, wirkt das, was mein Empfinden von mir selbst und mein Bewu�tsein von meiner Stellung in der Welt ausmacht. Aber in der Tiefe meines geistigen Seins ist immer noch ein dunkel in mein Jetztsein hineinreichender Unterstrom von einstigem Wissen und Erkennen derer, die vor mir waren, gleichsam das Testament der Psyche meiner Vorfahren, das ich nicht mehr entziffern kann, dessen Gesetzen ich aber gehorche, auch ohne seine Sprache zu verstehen. Manchmal f�hlen wir ein dunkles Aufleuchten aus diesen Tiefen der mit uns geborenen Stammesgeschichte, man sinnt ihm nach, wird sich seiner Macht inne und f�hlt doch nur einen Widerschein von seinem Wetterleuchten. In diese Tiefe reicht nun keineswegs die Hemmung, die der Schlaf dem Bewu�tsein bringt, seine Abblendung des geistigen Lichtes bezieht sich nur auf jene kr�nenden Funktionen geistigen Geschehens, die im wesentlichen, wie wir sehen werden, der noch gegenw�rtigen Phase der Hirnentwicklung zugeh�ren. Fu�note 1: Das geht zum Beispiel deutlich aus der Tatsache hervor, da� wir von einer Erkrankung tr�umen k�nnen, deren Herannahen im Wachen noch nicht empfunden wird: ein hohler Zahn, ein Geschw�r kann im Entstehen schon Traummotive erregen, ohne gleichzeitig Wachsensationen zu veranlassen. (Moll.) Was ist es nun, das diese Hirnhemmung[1], die das Dunkel des Schlafes erzwingt, vermittelt? Fu�note 1: �ber das mutma�liche Wesen dieser selbst siehe Ausf�hrlicheres in des Verf. "Psychophysik des Schlafes und der schlaf�hnlichen Zust�nde". Zweiter Teil seiner "Schmerzlosen Operationen". 5. Aufl. bei Springer, Berlin. Wir stellen uns vor, da� um die Ganglienzellen des Gehirnes ein Mechanismus ausgespannt ist, dessen Aktion eben die Hemmung bedeutet, und da� dieser Mechanismus vielleicht ganz grob gebunden ist an die Zwischensubstanz zwischen den Gangliensystemen, die Neuroglia, die bisher als eine einfache St�tzsubstanz aufgefa�t wurde. Wir denken uns diese Substanz aktiv durch Blutstrom und Saftzirkulation rhythmisch erf�llbar und entleerbar, so da� je ihre F�llung oder Entleerung imstande ist, Anschl�sse (Assoziationen) unter den Zellen zu unterbrechen oder zu bewerkstelligen. Sie bildet gleichsam zwischen den Ganglienk�rpern feuchte oder trockene Isolationsschichten, die den �berspringenden Funken oder induzierten Str�men gr��eren und geringeren Widerstand entgegensetzt. So gesch�he auch das Denken in der Richtung des geringsten Widerstandes im Seelenorgan, wie jede andere Bewegungsform. _Die T�tigkeit der Ganglien ist die der spezifischen Transformation (Umbildung) der Au�enweltreize, ihre prismatische Strahlenzersplitterung, und die T�tigkeit der Hemmung ist die der Widerstandserzeugung f�r die Assoziation dieser transformierten Reize._ Sicherlich gibt es auch ein psychisches �quivalent, d.h. jeder Reiz, der das Zentralorgan trifft, verlangt seinen v�lligen Umsatz in Spannkr�fte der Vorstellung und des Willens; die Handlung und der Gedanke sind gleichsam die Sammlung der zerstreuten Strahlenb�ndel zu wei�em Licht, die R�ckgabe der unver�u�erten Pfunde an die Au�enwelt. Die Hemmung gibt die Bahnen an, in denen dieser Ausgleich sich vollzieht. Diese, wie ich gern gestehe, f�r eine Plauderei schwerf�lligen Deduktionen waren n�tig, um den Mechanismus des Schlafes v�llig verst�ndlich zu machen. Sie erm�glichen eine hypothetische Einheit des Gesichtspunktes, von dem aus es leicht wird, alle Formen des Schlafes zu betrachten. Da� die Strahlenfinger der Sonne imstande sind, die Hemmung, die �ber den Ganglien im Schlafe ausgespannt ist, zur�ckzuziehen, verm�ge einer Reizung der sympathischen Nervengeflechte, wird uns ebenso begreiflich, wie da� ihr Loslassen von der Gef��spannung dieser am Abend gestattet, die Tarnkappe �ber das Bewu�tsein zu ziehen. Man beobachte nur einen M�den. Indem die heranrollenden Flutwellen des Hirnblutes gegen seine Bewu�tseinszentren anbranden, f�hlt er eine Neigung, nicht mehr mitzudenken, es wird ihm schwerer, die Umgebung teilnehmend festzuhalten, er vergi�t sich und sie, seine Muskelaktionen werden schlaffer, die Lider sinken herab, und ein krampfhaftes G�hnen gibt kund, da� der Reiz�berschu�, den das Leben in seiner Hirnrinde zur�ckgelassen hat, eine gewohnheitsm��ige Ablenkung auf ein gewisses Gebiet der Atmungst�tigkeit erf�hrt. G�hnen hei�t, das Gehirn von Spannkraft des Denkens entladen, um so der Hemmung leichteres Spiel zu gestatten. Recken und Strecken sind nicht minder Formen der �berf�hrung geistiger Spannkr�fte auf das Muskelgebiet. Die Flutwelle der Hemmung sp�lt immer weiter �ber den lichten Strand des Bewu�tseins, in dessen Glanz sich eben noch die Umgebung widerspiegelte. Diese Bildfl�che wird immer tr�ber, und schlie�lich versinkt wie mit einem Schlage die Au�enwelt vor seinen inneren und �u�eren Blicken: er ist in ihr und hat doch kein Gef�hl davon. Dieser Vorgang gleicht so unmittelbar der Ein- und Ausschaltung elektroider Spannungen, dem langsamen Verglimmen eines eben noch strahlenden Gl�hk�rpers, da� der Begriff des "Erl�schens" des Bewu�tseins zu dem Treffendsten geh�rt, was unsere Sprache besitzt. Man kann ihn ruhig buchst�blich nehmen. _Die Schlafhemmung ist also ein durch Nervenspannung (Sympathicus) vermittelter Reflex_, den die Periodizit�t des t�glichen Lichtwechsels durch Anpassung erzwungen hat, der aber--und das spricht deutlich f�r die hier vorgetragene Auffassung--ebenso gut durch andere Einfl�sse nerv�ser Natur erzeugbar ist. Ganz gleich, ob die vermutete Zwischenwirkung der Neuroglia vorhanden ist oder nicht--und sie ist ja eine Hypothese, wie andere auch--: Niemand kann leugnen, da� Schlaf durch Reizung der Hemmungsvorg�nge im Gehirn aktiv zu erzeugen ist. Man hat die Wichtigkeit dieser Vorstellung bisher nicht erkannt. Diese Reflexhemmung ist nun z.B. ebenso, wie physiologisch durch den Rhythmus des Sonnenunter- und Sonnenaufganges, ausl�sbar durch die Ma�nahmen der Hypnose: Streicheln �ber die Stirn und Augenlider, starres Fixieren, K�mmen, Wiegen, das gleichm��ige Einerlei des Tickens der Uhr, Vorlesen, die Monotonie des Schlafliedes,--das alles sind Reizformen der sanften, suggestiven Abblendung des Bewu�tseins auf einen einzigen Punkt, wodurch es nat�rlich der immer bereiten Hemmung um so leichter gemacht wird, rings um diese letzte Stelle des Bewu�tseins ihr Zeltdach des Schlummers zusammenzuziehen. Eind�mmung des Bewu�tseins auf einen Punkt und Einschlafen sind Dinge, die nahe beieinanderliegen. So kommt es, da� zum Einschlafen auch der feste Wille dazu geh�rt und da� Gewohnheit und Erziehung einen so erheblichen Einflu� haben. Man zwinge sich bei erschwertem Einschlafen, fest bei einem Punkte zu verharren, man stelle den geistigen Blick auf eine Stelle der Erinnerung, der �berlegung, der Vorstellung und halte ihn ja fest--der Gedanke ist ein Springinsfeld, er will rechts und links �ber die Z�une setzen--: dann wird es der Hemmung schon gelingen, auch diesen Punkt mit weicher Hand auszuwischen und das s��e Allvergessen hervorzuzaubern. Unsere Schlafmittel--einschlie�lich der Mittel der Narkose--bet�uben in gleicher Weise, sie l�hmen die Gef��nerven aktiv; und die Folge ist die F�llung der hemmenden Gespinste um die Ganglien und die Erzwingung der Unm�glichkeit ihrer gegenseitigen Erregung. Ganz deutlich ist der Mechanismus beim Alkoholgenu�. Der anfangs die Gef��e treffende Giftreiz verengt zun�chst das Stromgebiet der hemmenden Zwischenschicht; der Anschlu� der geistigen Verkn�pfung der Ideen erfolgt zun�chst mit deutlicher, gern gef�hlter, die Lebenslust erhebender Leichtigkeit; �ber alle H�hen und Tiefen der Probleme schwebt frei und selig die erleichterte Kombination der Gedanken; der D�mmste d�nkt sich ungeheuer geistreich und traut sich F�higkeiten zu, von denen er nie geglaubt, da� er sie sein eigen nennt, wobei er oft sogar Kundige zu t�uschen vermag. Die Hemmung gewinnt aber um so mehr Gewalt, je h�her die Dosis steigt, sie engt wie beim Hypnotisierten das eben noch irrlichtelnde Bewu�tsein immer mehr ein, der Berauschte bleibt geistig an einer Stelle kleben, er erz�hlt dieselbe Geschichte f�nfmal, zehnmal, murmelt schlie�lich immerfort dieselben dumpfen Fragmente: und endlich sinkt des dionysischen Schw�rmers blutgef�lltes Haupt schwer auf den Tisch, und die vollt�nende Harfe l��t dem S�geger�usch des Schnarchens das Feld. W�hrend aber bei diesen k�nstlich erzwungenen Formen des Schlafes die Hirnhemmung nicht nur die obersten Schichten des Bewu�tseins umfa�t, sondern auch ihre eiserne Klammer tiefer um die Zentren der Muskelaktion sowohl wie um die anderer Formen von Bewu�tsein schl�gt, scheint uns f�r den physiologischen Schlaf charakteristisch, _da� eigentlich nur das Bewu�tsein f�r Zeit und Ort, f�r Orientierung in der Umgebung und der betreffenden zeitlichen und �rtlichen Situation fehlt_. Da der Schlafende im Traum sein Bewu�tsein von sich selbst, den Begriff der Pers�nlichkeit, durchaus nidht verliert, sondern nur orientierungsunf�hig f�r das ist, was ihn in Wirklichkeit umgibt, so kann man sagen: _Schlaf ist nichts als die periodische Hemmung des Situationsbewu�tseins; er ist die periodische Ausschaltung der Orientierung f�r die Umgebung, die Zur�ck- und Einziehung aller Empfindungsfasern, mit denen der Mensch direkt in seiner Umgebung wurzelt_. Alles �brige, sein Ich-Bewu�tsein, seine Bewegungsf�higkeit, seine Phantasiet�tigkeit, seine Vorstellungssph�re, unterbewu�tes Instinktleben ist an sich ganz wach und nur insofern vermindert, als diese Funktionen ihren verst�rkten Ansto� eben aus jenem Situationsbewu�tsein zu ziehen gew�hnt sind. Wir verlassen f�r gew�hnlich im Schlafe nicht unser Bett, weil wir von diesem Bette gar nichts wissen, wir greifen nach nichts �ber und um uns, weil wir nichts von dem "�ber und um uns" wahrnehmen, und wir lassen alle Muskelt�tigkeit ruhen, weil wir aus der Umgebung keine Veranlassung beziehen, irgend etwas auf diese Bez�gliches zu unternehmen. So weit aber die tiefer gelegenen zentralen Funktionen vom restierenden Bewu�tsein des Traumes erregt werden k�nnen, bleibt ihre Beeinflu�barkeit bestehen, wie wir noch sehen werden. Bei der Betrachtung des Traumes werde ich auch noch genauer zu definieren haben, in welcher Weise sich diese Tatsachen der Hirnhemmung bei den verschiedenen Formen des gest�rten, pathologischen Schlafes erkennen lassen. Da nichts so individuell ist wie die Intelligenz, und da gerade die Schichten, in denen Logik und Intelligenz ihre Werkst�tten besitzen, in mehr oder weniger gro�er Tiefe im Schlaf ausfallen, so ist auch die feinere Art der Bewu�tseinshemmung im Schlaf und noch mehr im Traum etwas stark Individuelles. Jeder hat seinen normalen Schlaftypus, der nat�rlich sehr erheblich durch Au�enwelteinfl�sse zu ver�ndern ist. Der Schlaftypus wechselt auch deutlich mit dem Lebensalter des Individuums, und seine gr��te Intensit�t f�llt zusammen mit der Vollreife, was wiederum stark f�r meine Auffassung von der Aktivit�t des Schlafmechanismus sprechen d�rfte. Der Schlaf des Neugeborenen ist deshalb so intensiv, weil die mitgeborene Hirnhemmung an Ausdehnung so ungeheuer die Ans�tze von Ganglienzellen �berwiegt; denken lernen, hei�t eben: Ganglienzellen in die erhaltungsgem��e Hemmung hineinwachsen und ihre Anschl�sse durch sie regeln lassen. Das ist ja der einfache Grund, warum Wahrheiten oft eine Generation an Hirnwachstum gebrauchen, bis sie in die K�pfe der Nachlebenden hineinpassen und nun wie etwas Selbstverst�ndliches erfa�t werden; deshalb ist es auch f�r originelle Geister ein so sicherer Weg, im lieben Vaterland zu etwas zu kommen, wenn sie die Einsicht haben, sich still, geduldig zun�chst drei�ig Jahre ins Grab zu legen. Es ist �berall das Verh�ltnis von Ganglienaktion zur Aktivit�t der Hemmung, das Originalit�t, Intelligenz, Charakter, Genie, Talent, Temperament ausmacht und das auch den wechselnden Typus des Schlafes bestimmt. Anwuchs neuer Zellassoziationen, geistige Geburtswehen machen unruhigen Schlaf, ebenso wie �beranstrengung, Sorge, �berlastung vorhandener Denksysteme (Rechnen, Geiz, Gewinnsucht, Hoffnung, Erwartung, Freude), weil in allen solchen F�llen die Gangliensysteme der zur Nachtzeit anr�ckenden Hemmung widerstehen. Im wohlregulierten Hirnmechanismus geht abends alles nach der Schablone der Ein- und Ausschaltung: sie brauchen noch gar nicht m�de zu sein, die gl�cklichen Philister, sie legen sich um Punkt neun Uhr zu Bett: eine Drehung auf die Seite, eine Umschaltung am wohlge�bten Kabel der Bewu�tseinsleitungen,--und der Schlaf beginnt. Diese Regelm��igkeit des Ein-und Ausschaltens von Bewu�tsein und Schlaf selbst ohne jedes Erm�dungssymptom, die man bei wohlerzogenen Kindern und den Menschen, die Sinn f�r Ordnung und Gesundheit haben, beobachten, die man dagegen freilich bei den Kindern Berliner Sonntagsausfl�gler nicht einmal andeutungsweise mehr erkennen kann, spricht offenbar beredt genug gegen die Erm�dungs-und Vergiftungstheorie des Schlafmechanismus. Es ist eine alte Weisheit, da� der Vormitternachtsschlaf der st�rkendste ist. Weil wir es eben im Schlafe mit aktiven Nervenspannungen zu tun haben, ist der Kontrast von Tag und Nacht um so deutlicher wirksam, je n�her der Wechsel zum Eintritt der Schlafhemmung liegt. Die Zeit vor Mitternacht liegt dem Scheiden der Sonne am n�chsten, d.h. dem Hemmungseinsatz, und jede Stunde nach Mitternacht f�hrt uns dem Sonnenaufgang und dem Einsatz des Bewu�tseins n�her. Welche Erquickung bringt ein tiefer, gesunder Schlaf; wieviel Heilung und Abwehr von Gefahr und Krankheit unter dem Zeltdach seines Friedens in einer Nacht; welche sanfte Gl�ttung der erregten Flut des Tages unter dem Banne seines schwebenden Dunkels! Er vermag R�tsel der L�sung nahe zu f�hren in wenigen Stunden, und oft steht die befreiende Idee am Morgen beim Aufwachen vor unserem Bette, wie ein Kind mit einem Geburtstagsstrau�. Weinend legt der Knabe sich nieder, weil er die Lektion nicht bew�ltigen konnte, und morgens sagt er sie her, erstaunt und verbl�fft ob der Heinzelm�nnchenarbeit, die �ber Nacht in seinem eigenen Kopf geleistet ward. Der Dichter, der Komponist, der den Tag verbracht hat in gigantischem Ringen mit dem Chaos seiner inneren Gestaltungskraft--vergeblich, denn es wollte keine Sch�nheit dem hei�en Nebel entsteigen--: eine stille Nacht tiefen, erquickenden Schlafes, und im Hafen seiner Sehnsucht liegt bewimpelt und beflaggt ein wei�es, stolzes Schiff aus dem fernen Lande der Phantasie. Da es eben die j�ngsten Entwicklungsphasen des Bewu�tseins sind, in denen das Gehirn des Kindes oder des frei bildenden Produzenten von Gedanken--der Grund, warum das Genie stets mit Kinderaugen sieht--immer neue Systeme an alte Bahnen anschlie�t, so sind hier auch gleichsam die leicht verletzlichen, zartesten Bl�ten des Seelenlebens ausgebreitet. Das stille Zellenwerden und Gedankenspinnen bedarf mehr als andere, festere Gewebe des Gehirnes des zeitweiligen Schutzdaches gegen Reif und Hagel. Sehr wohl kann eine Nacht gleichsam die neue Drahtlegung und Kabelstation fertigbauen, den Schlu�stein setzen, einen sammelnden Kontakt einschalten, die ganze Monate im Anreiz des Lebenskampfes m�hsam vorgebildet hatten. Welche Qual aber, wenn diese dem geistigen Leben so n�tige Bewu�tseinsverh�llung versagt! Was gibt es F�rchterlicheres als die Schlaflosigkeit, in der das geistige und k�rperliche Auge in die Finsternis der Nacht starrt, die das Wesen eines D�mons annimmt? Dabei die Gedankenflucht hinter dem Sch�del, diese springenden, jagenden und nicht fixierbaren Bilder, die doch so gleichg�ltig sind und uns so gar nichts angehen, die sich aber unaufh�rlich durcheinanderschieben,--diese grauenvolle Ahnung dessen, was Wahnsinn sei! In der Tat: Hemmungsfortfall ist ja auch der Inhalt vieler Wahnsinnsformen, da die gereizten und zur �berfunktion gepeitschten Ganglienzellen schlie�lich alle Widerst�nde durchbrechen, die blinden Affekte und die Bockspr�nge im Geist, die geistigen Veitst�nze beginnen. In der schonenden H�lle, die die Hemmung um wachsende, junge Reiser der sprossenden Hirnzellen zu legen vermag, in der heilsamen Fesselung, die der �berwiegende Widerstand unreifen Kapriolen junger Hirnkeime entgegensetzt, wurzelt vielleicht der Trieb der Berauschungssucht bei Tier und Mensch. Die Alkoholisten, die Morphinisten, die Opium- und Haschischvertilger verschaffen sich k�nstlich diese Verschleierung des Bewu�tseins, den der gesunde Schlaf freiwillig gew�hrt, nicht nur, weil es angenehm ist, die qu�lende Unruhe erregter Ganglienarbeit zu hemmen, sondern auch, weil sie instinktiv f�hlen, da� eine erhaltungsgem��e Ausgleichstendenz in diesem erzwungenen Widerstand liegt. Diese Anschauung von der auf Nervenspannung beruhenden, aktiven Ein- und Ausschaltung der Hirnhemmung als Ursache des Schlafes macht uns auch die atypischen Schlafformen viel begreiflicher, als sie es unter der Erm�dungs- und Vergiftungstheorie sein konnten. Der Winterschlaf gewisser Nager, der Tagschlaf gewisser Insekten und V�gel, die pathologische Schlafsucht beim Menschen und die in einigen Grenzen m�gliche Verschiebung des nat�rlichen Schlaftypus (alle Sorten Nachtw�chter einbegriffen), sie alle werden verst�ndlich, wenn wir sie betrachten als verschobene Rhythmen einer aktiven Hemmung. Die Intervalle des Wechsels von Hemmung und Aktion sind auf nerv�ser Bahn nur zeitlich verstellt, soweit �berhaupt noch ein Rhythmus erkennbar ist; wo dieser aber ganz fehlt, wo entweder Aktion oder Hemmung allein herrschen, da beginnt das Reich des Abnormen im Geiste, das ganz nat�rlich in Krankheiten der Hemmungs- oder Aktionsorgane zu trennen w�re, wie an jeder elektrischen Einrichtung Strom oder Hemmung defekt sein k�nnen. So ist der Schlaf also die T�tigkeit eines besonderen Organsystemes, der Hemmung, die sich aus Blutumlauf, Isolationsmechanismen und Nervenerregung zusammensetzt. Den verschiedensten Ursachen, der Schaukelbewegung der Wiege, dem Reflex der Hypnose, der Wirkung der Narkotika, gehorcht diese r�tselhafte Funktion so lange, bis schlie�lich die Hand des Todes zum letztenmal und dauernd die ewige Hemmung gleich einem eisernen Vorhang vor unserer Existenz herabzieht. Darum scheint der Schlaf als des Todes Bruder, weil er uns ahnen l��t, wie unsere definitive Lebenshemmung sein wird. Was das Dunkel, das nur mit dem Tage wechselt, an der Peripherie unserer Seele mit seinem Zauberschleier wirkt, das vollendet einst die Nacht des Nirwana f�r immer. Heute versenkt der Schlummer das Ich nur auf ein kleines St�ckchen unter die Oberfl�che; es taucht ein wenig hinab in ein Meer, in dem noch die kristallenen Gestaltungen des Traumlebens schweben; aber einst erstarrt auch diese schwebende Flut das kalte Nichts zu Eis. Solange aber Wachen und Schlaf mit Auf- und Niedergang der Sonne wechseln, haben wir Gelegenheit, den vollen Frieden zu ahnen. Wir werden im Schlaf in eine Sph�re gleichsam fr�herer Daseinsepochen zur�ckgezogen, sowohl unseres pers�nlichen Seins wie des Seins der Menschheit. Schlaf ist Seelenleben minus Situationsbewu�tsein und ohne die F�higkeit, die Umgebung logisch mit unserem Geiste zu verkn�pfen. Das gibt unserer Phantasie die M�glichkeit, uns einen Teil des nur halb bewu�ten Tierlebens vorzustellen, dessen Fesseln die immer sprossenden Zellen der Fortentwicklung gesprengt haben und dereinst in sp�teren Geschlechtern vielleicht zu noch h�heren, wundervollen Bewu�tseinsformen weiter sprengen werden. II. Wenn es richtig ist, da� im Schlaf alle diejenigen Saiten unseres Seelenorganes, deren Sinneswurzeln wie Polypenarme in die Au�enwelt greifen, im Pianissimo e con sordino der Hemmung, also fast tonlos, schwingen, wenn es also vorwiegend das Bewu�tsein der Stellung des Ichs in der umgebenden Welt der Realit�ten ist, das aus der Reihe psychischer Bewegungen im Schlafe entf�llt, so ist es begreiflich, da� alle noch in der �brigen Sph�re der Seele schwebenden Gestalten im luftigen Reich der Phantasie ihren Reigen f�hren m�ssen. Schon wenn im Wachen jemand die Neigung hat, ein deutscher Professor zu werden, d.h. sein Auge nach innen kehrt und sich nicht entschlie�en kann, Rinnsteine, Laternenpf�hle und Mitmenschen f�r Realit�ten zu halten, wenn Dichter und Denker uns begegnen, das Auge f�r den Glanz der Ferne eingestellt und die ganze Energie gleichsam zum Wachedienst f�r das ewige Feuer der Vestalin nach innen gepre�t, so sagen wir ja wie Josephs Br�der: "Seht, da kommt der Tr�umer!" Die Seele hat eben zwei gro�e Orgelregisterz�ge: "Real" und "Ideal", die, gleichzeitig gezogen, leider nie recht miteinander Harmonien geben, so sch�n sie, jedes einzeln gespielt, die Symphonie des Daseins f�rben. Wenn die mehr oder minder ausgepr�gte Schnelligkeit der Leitungsanschl�sse im Gehirn die Temperamente ausmacht, wenn die unwillk�rliche Z�higkeit der Willensimpulse, die Unhemmbarkeit von Vorstellen und Willen den Charakter bestimmt, so scheidet das Register "Gem�t und Phantasie" unser Innenleben noch viel deutlicher von jener andern F�higkeit, durch die Welt zu kommen, jener festen Orientierungs-und Anpassungskraft f�r die Umgebung. Hat doch unstreitig die halb unbewu�te T�tigkeit des K�nstlers, das Versinken der Welt um ihn her, durchaus etwas dem Traumleben Verwandtes, trotzdem gerade auf den echten K�nstler die Realit�ten des Lebens erst recht intensiv wirken, weil er eben sie alle in tief innerlichem, ideellem Zusammenhang sieht, gleichsam durchgl�ht von dem Lichte seiner inneren Wahrhaftigkeit. Alles, auch das Kleinste, das er erblickt, d�nkt ihn ein Beweisst�ck f�r die Idee einer Sch�nheit, die durch ihn Gestalt gewann. Die Welt und ihre Erscheinungen bieten ihm immer neue und mit verwundert lebhaften Kinderaugen betrachtete Best�tigungen seines inneren Traumes. Wenn aber auch die von Musen nie gek��te Stirn eines Bankiers im Wachen keine anderen Best�tigungen seiner Idee sucht, als da� gerade seine Aktien steigen, seine Gruben prosperieren: der Schlaf und Traum macht ihn dennoch zum Dichter, er l�st ihn sanft von seinen begehrlichen Sinnen, und wenn er nun dennoch tr�umt von Dividenden, Giro und Diskont, so verlegt er immerhin den Schauplatz seiner Sehnsucht und seines Bangens auf eine B�hne, die die Welt bedeutet, sie aber doch nicht ist. Wie aber ist es �berhaupt m�glich, da� vor unserem Traumesblick ein Tausendmarkschein, ein Himmel, ein Haus, ein Pferd erscheint, wenn doch die Sinne, die diese Realit�ten �bermitteln, in Hemmung sind? Nun, die Halluzination, die Vorstellung, die Erinnerung, der Traum w�ren nicht denkbar, wenn nicht die Nervenbahnen s�mtlich auch in umgekehrter Richtung schwingen k�nnten, wie das die Physiologie unwiderleglich festgestellt hat. Wenn mein Auge mir Licht und Schatten in einer Schwingungsfigur �bermittelt hat, deren Reiz im Gehirn in unserem Sprachzentrum den konventionellen Begriff "Pferd" ausl�st, so kann umgekehrt das Sprachzentrum in allen beteiligten Gruppenganglien bis r�ckw�rts zum Auge erzitternd ein sehr lebhaftes Bild dessen, was wir "Pferd" zu nennen �bereingekommen sind, unserer Phantasie in voller Treue zutragen. Ja, wie bei den Halluzinationen im Traume kann selbst bei offenen Augen, beim Halbwachen, die Realit�t der Umgebung ungest�rt zum Gehirne geleitet werden, so da� wir schw�ren k�nnen, wir sind im Bett; wir wachen,--und dennoch erregt die gest�rte und verwirkte Traummechanik von r�ckw�rts her erzitternd den Alp, "den Mann da vor meinem Bette", mit grauenerregender Deutlichkeit. So ist es mit allen halluzinatorischen Wahrnehmungen, die die Logik nur tr�ben und erschrecken, wenn sie in blitzschnellem Wechsel mit realeren Wahrnehmungen f�r wenige Sekunden hin- und herschwanken, die aber nat�rlich die Logik des Wahnsinns bilden, wenn sie dauernd sind oder immer wiederkehren. Dann verliert die Kritik ihre einzige sichere St�tze, die Intaktheit der Sinneswahrnehmungen, und das Reich der kranken Phantasie beginnt. Wenn ich nicht mehr die F�higkeit habe, die r�ckw�rts schwingenden Bilder meiner Phantasie und ihren Abstand von der Wirklichkeit am Ma�stab meiner gesunden Sinne zu messen, so weht meine Logik in den L�ften, wie ein Sommerfaden, der sich hoch in den Pappeln gefangen hat. Da nun im Schlafe die Sinneszentren gehemmt sind, die Sinnesbahnen aber leiten, wie wir gesehen haben, so prallt der Reiz der uns umgebenden Welt in allen Formen, vom Knarren der T�r und vom Bellen des Hundes bis zum Donner des Gewitters, an die Pforte der geschlossenen Sinneswelt, und wenn er nicht stark genug war, sie zu �ffnen, die Hemmung zu �berwinden, wodurch wir wach w�rden, so springt er nach dem Gesetze von der Erhaltung der Kraft in der Richtung des geringsten Widerstandes von der Schwelle unseres realen Bewu�tseins ab, wie eine Billardkugel von der Bande. Da diese Reize aber in jeder spezifischen Ganglienschicht in andere Empfindungskr�fte umgesetzt (transformiert) werden, so klettert mit ihnen gleichsam eine Schar von Wichtelm�nnchen �ber die Hecken der benachbarten Sinneswohnung in den Palast der Phantasie. So wird ein Ger�usch, der Druck der Bettdecke, ein Luftzug, ja ein �berf�llter Magen, ein Schnupfen, ein Katarrh, ein Blutandrang in irgendwelcher Richtung zum Motiv eines Traumes, gleichsam zum Thema von allerhand Variationen und Spinnerliedchen im nicht gehemmten Seelengebiet,--oft unter phantastischer Vergr��erung der wahrgenommenen Reize. Das Klappen des Fensters wird zum Schu�, das R�cken eines Stuhles zum Donner. Da das Gef�hl meiner Pers�nlichkeit, mein "Ich"-Bewu�tsein gar nicht mehr direkt abh�ngt von meinen Sinneswahrnehmungen (cogito, ergo sum), sondern bis tief in die unterbewu�ten Schichten hinabreicht, bis zu jenen Wurzeln, die schon im Daseinskampfe meiner Ahnen auch f�r mein individuelles Leben generell festgelegt und mitgeboren wurden, so ist verst�ndlich, da� der Pers�nlichkeitsbegriff mit allen m�glichen halluzinatorischen Traumbildern verkn�pft werden kann: man f�hlt sich und sieht sich doch in anderer Form, sogar als Tier in anderer Gestalt, als Leiche aufgebahrt, als K�nig oder Bettler, als Engel oder Teufel. Das doppelte Bewu�tsein erkl�rt sich leicht aus dieser wechselnden Hemmung im Gebiet realer oder phantasiegem��er Seelenerregungen. Man hat im Traum durch phantasiegem��e Assoziationen vom Ich mit Muskelgef�hlen und dunklen Sehnsuchtsrichtungen F�higkeiten, die uns fliegen lassen, schwebend durch den �ther und die Luft, die uns Probleme spielend l�sen lassen, an denen wir uns wach fast den Kopf zerbrachen. Aber es ist ein Gaukelspiel; denn sobald wir wach sind, l�st sich die neue Kunst, die Probleml�sung, die nur vorhanden war, weil unsere Logik ohne Sinne, ohne die Elle der Kritik arbeitete, in Dunst auf, wenn die geschlossene Barriere der Schlafhemmung in die H�he steigt. Man kann aber doch die M�glichkeit nicht ganz bestreiten, da� manche Menschen Verse, L�sungen von R�tseln, Pl�ne usw. unmittelbar so niedergeschrieben haben, wie sie es im Traume geschaut zu haben glaubten; denn es ist ja keine Frage, da� der Traum Erinnerungen hinterl��t, wenn auch die Dichter, die also beginnen: "Mir tr�umte einst, ich sei ein gro�er K�nig", gelegentlich wohl ein wenig flunkern. �brigens ist es wegen der Abschlie�ung der Gegenwart, die uns zeitlich und r�umlich umflutet, charakteristisch, da� wir den Schauplatz unserer Tr�ume so oft in die Vergangenheit verlegen m�ssen, wenn wir �berhaupt Spuren eines Gef�hles f�r Zeit und Raum im (ruhelosen!) Schlaf behalten; wir sehen uns daher fast stets j�nger, als wir sind, oft direkt als Kinder, Angeh�rige, die gestorben sind, meist lebend, bisweilen als Tote und doch unter uns wandelnd. Wenn wir auch Tages-, Jahreszeiten und R�umlichkeiten im Traume wiedererkennen, so zweifle ich doch, ob jemand sagen k�nnte, in welchem Kalenderjahr, in welcher geographischen Zone sein Traum sich abspielte, weil eben zur logischen Raum- und Zeitempfindung das im Schlafe abgesperrte Gebiet der Gegenwartsempfindung untrennbar geh�rt. Sich zeitlich oder �rtlich orientieren, hei�t eben, r�ckw�rts tasten aus der kontrollierbaren Umgebung und der Augenblickssituation in vorgestellte Vergangenheit oder Ferne. Die Phantasie hat es nicht n�tig, mit Zeit und Raum sich abzuqu�len; darum hat sie auch etwas G�ttliches an sich. Unstreitig haben wir im Traume deutliche Lichtempfindungen, obgleich kaum jemand genau die Beleuchtung seiner Innenszenerie unmittelbar nach dem Erwachen anzugeben imstande sein wird; bei Wiedergabe der Traumesbilder schl�gt uns meistens die erg�nzende Phantasie des Wachseins ein Schnippchen, denn Traum und Phantasie des Wachenden sind einander stets neckende Geschwister. Auch steckt ein Dichterling in jedes Menschen Brust, und namentlich bei Traumerz�hlungen korrigiert ganz naiv dieser wache kleine K�nstler die immer nur schwache Erinnerung aus dem Traume. Tr�ume werden oft gelogen, es besteht eine instinktive Freude beim Dichter Mensch, seine Gaukeleien anderen auf den Tisch zu setzen, wie das Burgfr�ulein von Niedeck es mit Ackersmann und Pflug und Pferd tat. �brigens hat man beim Traumerz�hlen auch ein Gef�hl der heiligen Scheu; man sieht Traumreferenten gern in die Ferne schauen oder in sich versunken bei mit der Hand verschlossenen Augen das fadenscheinige Gewebe des Traumes mit etwas irdischem Zwirn ausflicken. Meist geht es, was die anderen Sinne au�er dem inneren Sehverm�gen betrifft, im Traume ziemlich ger�uschlos zu; die Leute schweben ohne Tritt, wie wir selbst gleichfalls �ber Wiesenplan, Fluten und Parkett. Wir sehen jedenfalls im Traume deutlicher, als wir h�ren, riechen, schmecken, f�hlen. Ja "die Stimme, die da ruft", ist in lyrischen Gedichtsammlungen h�ufiger als im wirklichen Traum; geheimnisvolle Gesten, Winken, Drohen, Nahen phantastischer Gebilde sind h�ufiger. Sehr bezeichnend ist das Abbrechen vieler Tr�ume in dem Augenblick, in dem logischerweise eine Geh�rs- oder Gef�hlswahrnehmung stattfinden m��te. Sehr viele Tr�ume schlie�en wie das wundervolle Goethesche Balladenfragment "Der untreue Knabe" mit einem einfachen "die wend't sich" der verlassenen Geliebten. Sehr oft sehen wir den Dolch, die mordende Faust sich auf uns niedersenken: jetzt gerade m��te der Schmerz eintreten,--da sind wir schon wach, bebend und transpirierend. Das zeigt so recht deutlich, da� im Schlafe tats�chlich eine Hemmung materiell besteht; denn im Moment, wo die Flamme der Phantasie an dem Schleier der Sinneswahrnehmungen hinaufz�ngelt, zerrei�t er, und Flamme und Schleier verschwinden. Wir haben eben das Gef�hl davon, da� auch der Phantasie eine Fesselung nach r�ckw�rts geboten ist durch den Ausfall der realen Vorstellungen; es geht sehr oft etwas im Traume nicht weiter, auch wenn wir nicht bei dieser Kollision von Vorstellung und Wahrnehmung aufwachen. Wir wollen einen Ballsaal betreten: wehe! wir sind splitternackt; wir wollen eine Rede halten, wom�glich vor der Franz�sischen Akademie, einer feierlichen Versammlung, und wir stehen schon mitten auf dem Podium,--was ist das? Wir k�nnen ja nicht sprechen, der Kiefer will nicht auf! In solchem direkten Innewerden der Hemmung im Traume, festgehalten durch die Erinnerung, die man von der Sache beh�lt, erblicke ich den st�rksten psychologischen Beweis f�r die reale Existenz der Schlafhemmung in der Sph�re des Situationsbewu�tseins. Auf diese Weise ist es auch begreiflich, da� im erneuten Traume das Bewu�tsein fr�herer Traumphantasien, ja schlafwandlerischer Handlungen wieder auftritt. Die Phantasie ohne logische Assoziation hat eben ihr Bewu�tsein f�r sich. So erkl�rt es sich, da� Vergessenes im Traumschlaf wieder ins Ged�chtnis gerufen werden kann: es hat sich im Strudel der Tageswellen verloren, wird aber emporgehoben, sobald im Schlafe das Bewu�tsein des Gegenw�rtigen, des sinnlich Wahrgenommenen versinkt. Alle Formen gespaltenen Bewu�tseins sind Formen periodischer Hirnhemmung. Auch unsere F�higkeit, morgens zu einer bestimmten Zeit zu erwachen, geh�rt zu den verbreitetsten Formen eines doppelten Bewu�tseins. Der autosuggestive Willensimpuls aus den Sph�ren unseres Zeitbewu�tseins langt p�nktlich zur Sekunde an die Einschaltung des Bewu�tseins: so weit geht die Automatie, der Selbstwille unserer Ganglien, da� sie ohne Zutun des Gesamtbewu�tseins Zeitbegriffe �bermitteln. Beim Suchen der n�heren Ursache des Tr�umens finden wir, da� durchaus nicht gerade die Dinge, die den Tag �ber den st�rksten Eindruck auf uns gemacht haben, im Weben des Traumes zu Motiven verwandt werden, so verbreitet auch diese Ansicht sein d�rfte. Denn das, was uns tiefsten Schmerz oder h�chstes Gl�ck f�r die Seele gebracht hat, wird nicht direkt Gegenstand der Traumesphantasie. Seelische Hochfluten dulden ebensowenig wie Worte oder Lieder Tr�ume. Es kann im Gegenteil ein jeder, der sein Traumleben beobachtet, als eine Tatsache feststellen, da� dasjenige, was unseren Geist nebenher am Tage fl�chtig gestreift hat, eine Person, ein Name, eine Szene, gesehen oder geh�rt im Augenblick, wo gerade andere Dinge unsere volle Aufmerksamkeit fesselten, mit Vorliebe zum Thema des Traumes wird. Daf�r gibt es eine sehr plausible Erkl�rung. Die tiefgreifenden, ersch�tternden Sensationen, die uns das Schicksal sendet, w�hrend wir wachen, verlangen mit starkem psychischem �quivalent fast augenblicklich einen seelischen Ausgleich: ein Schrei, ein Jauchzen ist nur der Beginn eines lange nachwirkenden Aufruhrs im Innern, denn das volle Werk der Orgel braust im Sturm und r�ttelt an den S�ulen und Gew�lben unseres ganzen Wesens. Eine Handlung, vielleicht lange im Sinnen und Gr�beln vorbereitet, oft ungest�m, wie mit explosiver Gewalt ausgel�st, gibt den psychischem Insult an die Au�enwelt zur�ck, oder, wo mit l�hmender Gewalt das schreckliche Faktum bleischwer auf unserer Brust lastet, da ist die Hemmung als Aktion selbst mit in den Strudel aufgew�hlter Wellen gezogen, und unseren schreckhaften Schlummer unterbrechen kurze, abgerissene Tr�ume mit einem Schauplatz fernab vom Raume, der unser Leid sah. Es ist keine M�glichkeit, gerade das Motiv des Schmerzes oder der Wonne in den Traum aufzunehmen, weil schon im Wachen tausend Gedanken und Willensimpulse den Ausgleich seiner seelischen Spannkraft �bernehmen: das Gewaltige, das uns lebhaft Interessierende, steht zu sehr mitten in der Welt der Realit�t, als da� die Seele unter Hemmung der Realit�t im Schlafe sich mit ihm befassen k�nnte. Mich fragte einst ein Kind in den Tagen erster, schwerer Trauer weinend: "Warum erscheint mir Mutter nie im Traum?" Und V�ter, die ihre ganze Hoffnung begruben, sinnen wohl nach, warum das erbarmungslose Geschick die liebe Gestalt des Sohnes nicht einmal im Traume wiedergibt. Der immer w�hlende Schmerz verzehrt alle Spannkraft der Seele und hat kein Echo mehr. Und doch, wie mild von der Natur, da� nicht des Tages Weh auch noch hineinlangt in den kurzen Waffenstillstand, den der Schlaf uns g�nnt, bis der Tag zum Kampfe mit den Leiden ruft! Der M�rder tr�umt nicht von seiner Tat; und das liegt nicht nur an seiner Gem�tsroheit, sondern hat allgemein psychomechanische Gr�nde. Was im Brausen des Tages aber an fl�chtigen Eindr�cken vor�berschwebt, wie ein Falter an einem offenen Fenster, das verf�ngt sich im Netz der Seele doch und hebt, vom hellen Licht des Tages verscheucht, in der Nacht die Schwingen und l��t uns erkennen, wie bunt sie gezeichnet sind. Denn in Wirklichkeit gibt es in der Natur weder Klein noch Gro�, alles hat sein spezifisches Bedeuten, auch f�r unsere Seele, und was das Bewu�tsein nicht registriert, das ist deshalb doch da und wirkt zu seiner Zeit seinen Ausgleich. So gleicht der Traum einer Welle, die sich zur Zeit des Wogenganges in einer Vertiefung des Sandes verliert, die unsichtbar ist unter den wallenden Schleiern der Flut. Wenn aber nachts die Brandung schweigt, steigt sie als Nebeldunst empor und beginnt mit dem Wind n�chtlichen Reigen. Das Traummotiv ist wie eine vergessene Goldm�nze im Portemonnaie des Studenten; so lange es gef�llt war, versteckte sie sich leicht und unbeachtet in einer Falte, nun aber die Nacht der Schulden da ist, ist eine hohe Freude �ber ihren ungeahnten Wert. Wenn also empfindsame Menschen mit Pathos bekr�ftigen, dies oder jenes habe einen so tiefen Eindruck auf sie gemacht, da� sie "immer", die "ganze" Nacht, davon tr�umen m��ten, so ist das meist eine sentimentale L�ge: man tr�umt nicht vom Geliebtesten,--auch nicht davon, was uns so "furchtbar nahe" geht. Die Erinnerung als Bild, neben der Stra�e der Gedanken einherziehend, hat, genau wie der Traum, etwas Zusammenhangloses, Unlogisches und Unerzwingbares an sich. Erinnerungsbilder setzen, im Gegensatz zum Ged�chtnis, pl�tzlich, unvermutet, verbl�ffend ein. So taucht pl�tzlich beim Kartenspiel unsere liebe Gro�mutter im Dorfe vor den Blicken auf, wie sie ihren "roten Dendron" begie�t, oder mitten im Spiel einer ungarischen Rhapsodie stehen wir am Sarg einer Tante, die an der Cholera gestorben ist. Die gleichen willk�rlichen, unvermuteten und unvorbereiteten Paradoxien zaubert das Kinematoskop des Traumes vor unsere geistige Netzhaut, und in beiden F�llen sind es Nebenstr�me, induzierte elektrische Str�me, wie die Technik sagt, die sie veranlassen. Die mosaikartige Bildchen gruppierenden Funken springen da �ber, wo sie den geringsten Widerstand finden, der von Puls und Blutwelle, Organreflexen und unbewu�t gebliebenen Reizungen der Welt um uns, die nicht schl�ft, abh�ngig ist. Ich war einst in einer Versammlung von �rzten, und wir sprachen vom Traum: das stets bereite Thema vom Traum des noch nicht erledigten Abiturientenexamens kam aufs Tapet. Ich sagte voraus, da� alle schon davon getr�umt haben w�rden, nur die nicht, die einmal durchgefallen seien, und zur gro�en Verbl�ffung aller waren zwei, die nie jenen Traum gehabt hatten: sie waren wirklich durchgefallen. Die Erkl�rung ist einfach. Das vielgequ�lte Primanergehirn erh�lt eine Examensfurche von Qual und Schrecken, die das bestandene Examen, der kurze Moment der Freude, nicht ausgleicht. Diese verrauscht schneller als die Jahre lange Spannung. Ist man aber regul�r durchgefallen, nun, so ist kein Rest mehr da; die L�sung war betr�bend zwar, aber logisch, den psychischen Ausgleich hat das Leben selbst �bernommen. Daraus k�nnen wir entnehmen, da� erstens psychische Erwartungsspannungen l�nger haften als gehabte Freude oder Schmerz und da� zweitens sorgende Qualen mehr Erinnerung hinterlassen als frohe Stunden. Unser Gehirn ist also von Natur zur Undankbarkeit geneigt. Jedenfalls aber erscheinen solche Gem�tserregungen, wenn �berhaupt, oft erst viele Jahre nach ihrem Eintritt als Traummotive wieder: sie m�ssen erst abklingen, erst untersinken auf den Grund des Bewu�tseins und gleichen dann eben den �bert�nten Motiven, �ber die das t�gliche Leben r�cksichtslos dahinflutet. Mit dem Traum ist es wie mit den mitschwingenden Obert�nen in der Musik, man h�rt sie �ber dem Pianoton deutlicher als im Forte. Auch der erw�hnte Examenstraum taucht erst lange nach �berstandenem Examen auf. Sonderbar ist, da� manche Menschen periodische Wiederholungen bestimmter Arten von Tr�umen erleben; sie tr�umen eine Zeitlang immer dasselbe. Das h�ngt wohl mit periodischen St�rungen der K�rperorgane, die n�chtlich gleiche oder �hnliche Stromschwankungen in der Seele ausl�sen, zusammen. Wir haben bisher nur Traumformen betrachtet, bei denen die Region, in der die Luftgebilde schweben, sich innerhalb der Zone rein psychischen Geschehens h�lt. Es vermag aber namentlich bei unruhigem, gest�rtem Schlafe leicht auch die unterbewu�te Spannung im Bestreben, restlose �quivalente zu schaffen, auf das muskul�re Gebiet �berzuzucken, eventuell wie beim Nachtwandeln ganz in die Zone der unbewu�ten Muskelt�tigkeit auszustrahlen. Das sind schon gewisserma�en Schlafkrankheiten, denn je tiefer an sich und je energischer die Hemmung der Sinne im Schlafe ist, desto weniger vermag die Sph�re der Phantasie Anregung aus jenem Gebiet der Wirklichkeit zu beziehen, desto traumloser ist der Schlaf. Je labiler aber die Wage zwischen Hemmung und Erregbarkeit des Au�enweltsinnes eingestellt ist, desto leichter verm�gen auch Funken auf Muskeldr�hte �berzuspringen. So sehen wir Tr�umende l�cheln, ja, wir h�ren sie lachen; sie weinen, sie st�hnen, sie schreien. Abwehrbewegungen, flehende Gesten, ja selbst Spazierbewegungen auf flachem Bette sind zu beobachten; also nicht nur die Hunde, die im Traum bellen, traben im Schlaf �ber eine ideelle Wand, die senkrecht zur Erdoberfl�che zu stehen scheint. Ganz allgemein aber erlischt der Traum mit Vorliebe in einem deutlich f�hlbaren Ruck aller, namentlich der R�ckenmuskeln,--dem Schlu� irgendeines getr�umten Absturzes aus gro�er H�he. Ist es nicht sonderbar, da� dieses Muskelzucken, das doch der Anfang des Erwachens ist, zeitlich genau und logisch konsequent der nat�rliche Schlu� eines bestimmten Traumes ist? Die schlagartige Muskelzuckung pa�t ganz genau in das Traumesereignis. Ahnt die Phantasie den Zitterschlag der Muskeln? Hier liegt meiner Meinung nach eine interessante psychische T�uschung vor, die f�r viele Tr�ume charakteristisch sein d�rfte. In Wirklichkeit liegen n�mlich die Dinge zeitlich umgekehrt: das erste ist der Muskelreiz, und in der Zeit zwischen seiner Einschaltung und deutlichen Bewu�tseinswahrnehmung liegt die blitzschnell verlaufende Traumperzeption; die Zuckung, die sich vorbereitet, ist schon das Motiv des in einer Sekunde abblitzenden Traumes. Die Sinneswahrnehmung des Kanonenblitzes geht auch der Wahrnehmung ihres Knalles voran, und doch ist es derselbe physische Vorgang, der beide ausl�st. In dem Augenblick, in dem die �berladung der psychischen Zentren gleichsam den Damm gegen das Muskelgebiet einrei�t, wird mit einem Schlage die Hemmung aus dem ganzen breiten Felde der Seele zur�ckgezogen, einen Augenblick ist das ganze Gebiet frei von jedem elektrischen Engagement, das einfallende Strahlenb�schel kann �ber den ganzen Horizont in einer Sekunde dahinrasen, genau wie das Wetterleuchten �ber den Abendhimmel. Wie viel Bilder k�nnen da entstehen in einer Sekunde! Das ist genau dasselbe, wie wenn wirklich Abst�rzende in den wenigen Sekunden des Falles, w�hrend dessen in einer Art hypnotischer L�hmung des Hemmungsapparates alle Dr�hte unbesetzt sind, ganze Jahre der Erinnerung zu durchleben glauben, Beobachtungen, zu denen die Bergkraxelei, diese bewu�ten Selbstexperimente �ber Absturz und Tod, reichlich Gelegenheit gegeben haben, denn einige Bergsteiger bleiben ja wirklich am Leben, so sehr sie sich um Beisetzung in Gletscherspalten bem�hen. Man kann als sicher annehmen, da� auf diesem Mechanismus des "Traumblitzes" w�hrend der Sekunde des halbbewu�ten Erwachens gut die H�lfte aller Tr�ume beruhe. Ich erinnere mich eines langen Sch�lertraumes, in dem ein Rabe und ein Ring, wei�gekleidete Jungfrauen und wei�e Thronhimmel eine gro�e Rolle spielten; und als ich, von irgendeiner Macht ins Nichts gejagt, irgendwohin abst�rzte und aufwachte, sah ich am Fenster eine Kr�he den dichten Schnee verst�uben. Damals hielt ich das f�r ein merkw�rdiges Problem--den Raben, das Wei� im Traum und in der Wirklichkeit--; jetzt glaube ich zu wissen, da� die Dinge zeitlich umgekehrt lagen: ich sah im Erwachen den frischgefallenen Schnee und die Kr�he, und beide wurden das Motiv eines Traumm�rchens. Wird der Au�enweltreiz, der die zentral verbarrikadierten Sinnesleitungen trifft, durch pathologische Anlage direkt auf die Willensimpulse und ihre Muskelanschl�sse unter �berspringen der Bewu�tsein vermittelnden Zonen �bergeleitet, so entsteht jene eigent�mliche Form des Traumes, die man Nachtwandeln nennt. Das der Sonne ja entliehene Licht des Mondes scheint tageshell ins Fenster und lockt und tr�gt die besonders empf�ngliche Seele des Schl�fers. Der Mond suggeriert ihm gewisserma�en den Sonnenimpuls des Aufstehens, aber die Hemmung der Sinneszentren, der Vermittler der Orientierung in der Umgebung, ist v�llig �bersprungen von den betr�gerischen Mondstrahlen und fest genug, um trotz der instinktiven Bewegungsf�higkeit das Bewu�tsein f�r Ort und Zeit ausgeschaltet bleiben zu lassen w�hrend des Umhertastens des wandelnden Leibes, der gleichsam nur mit den Muskeln f�hlt, das hei�t: die Orientierung allein dem Muskelgef�hl �berl��t. In gewissem Sinne gehen in der Tat Somnambulen sicherer �ber gef�hrdete Stellen; aber sie k�nnen nicht mehr als andere, weder an W�nden hinaufklettern noch auf Fahnenstangen Ballett tanzen. Allerdings ist bei ihnen mit der Orientierung f�r den Moment auch das Bewu�tsein der Gefahr ausgeschaltet, und es mag schon sein, da� ein Somnambuler, der im Fenster sitzt, angerufen und pl�tzlich die Situation wahrnehmend, im ersten l�hmenden Schreck herabst�rzt; meist aber kriechen sie mit einem charakteristischen, scheuen Wesen, gleichsam als sch�mten sie sich, so monddumm gewesen zu sein, zur�ck in ihr Bett. Meiner Beobachtung nach kommt Somnambulismus auch beim Hunde vor. Die gr��ere Sicherheit der unhemmbaren koordinierten Muskelbewegung ist bekannt von der Zielsicherheit des Trunkenen und von der automatischen Virtuosit�t der K�nstler, die leicht durch ein voreiliges Einmischen reeller Wahrnehmung verwirrt werden. Der produzierende K�nstler gleicht in etwas den Somnambulen: Saal und Publikum als Umgebung verschwinden, nur die Muskeln jagen und greifen in schwindelerregender Ordnung durcheinander. Interessant ist die Notiz Karl Loewes, des Balladenkomponisten, in seiner Selbstbiographie �ber sein Erwachen aus somnambulischen Promenaden, zu denen ihn zeitweilige �berarbeitung disponierte, in dem Augenblick, wo er sich selbst bemerkte, die geliebte Tabakspfeife in den Mund nehmend. Er pflegte zu diesem Zweck absichtlich die Tabakspfeife neben sich auf den Nachttisch zu legen: ein h�bsches Beispiel daf�r, da� im unruhigen Schlaf Sinneseindr�cke geleitet werden k�nnen, ohne dem Bewu�tsein assoziiert zu werden. Da� geistige Arbeit aber den Schlaf unruhiger macht, ist leicht begreiflich: sie �berreizt die Ganglienaktion gegen�ber der Hemmung, daher ist bei Nerv�sen oft kurz vor dem Einschlafen Zucken der Muskeln zu bemerken,--der Ausdruck der Entladung des Gehirnes von �bersch�ssiger Spannkraft, die die sich zusammenziehende Hemmung auspre�t: ein Analogon zum G�hnen und Strecken vor dem Einschlafen. Halten wir die F�higkeit, uns an Tr�ume zu erinnern, zusammen mit der Tatsache, da� im Traum so leicht etwas vor dem ungest�rten Ablauf der Walze innerer Ereignisse sitzt, so begreifen wir leicht, wie der Traum zu dem Problem der Bedeutung f�r die Zukunft kam. Wir haben ein Gef�hl daf�r, mit welcher Leichtigkeit Assoziationen der Phantasiet�tigkeit mit den durch die Erfahrung eingeschleiften Sinnenbahnen vor sich gehen; diese gleichsam rhythmisierten Themen des Erlebten �bermitteln das Gef�hl des schon Vergangenen. Wie ja perspektivisch unser Auge sich auch gew�hnt hat, das Kleine fern, das Gro�e nah zu deuten, so verkn�pfen wir mit dem Gef�hl leichten, ungehinderten Anschlu�rhythmus das Vergangene, Erlebte, schon Erfahrene; mit der Empfindung des Anschlu�widerstandes aber das Problematische, Kommende, Werdende. Nebenbei gesagt, ist das der wahrscheinliche Grund, warum uns eben vorhandene Situationen "schon einmal dagewesen" erscheinen: der durchlebte Moment schlie�t fr�here Traumesbilder in leichtem, fl�ssigem Rhythmus an das eben Wahrgenommene automatisch an, und nun erscheint uns auch das reale Bild des Augenblickes mit im Wirbel vergangener Spiegelungen. Dann kehrt sich die Kontrolle des Zeitlichen um, und die Gegenwart scheint der Vergangenheit anzugeh�ren. Die Erinnerung an das zeitlich zusammenhanglos gef�hlte Traumbild legt uns aber das Gef�hl einer L�sung in der Zukunft nahe. So sind wir alle mehr oder weniger geneigt, Traumesbedeutungen und Traumhellseherei f�r m�glich zu halten. Der Traumzustand der Seele hat mediumistischen Charakter an sich, und wenn die �hnlichkeit, die der Vergleich eines Somnambulen mit einem Hypnotisierten ergibt, vielleicht nur �u�erlich ist, so ist das Unterbewu�tsein, d.h. die Form des Bewu�tseins unterhalb der sinnlichen Wahrnehmung, ein viel zu unerforschtes, eben erst entdecktes Gebiet, als da� sich hier gewisse wunderbare psychische Tatsachen so ganz von der Hand weisen lie�en. Der Spiritismus und Okkultismus gleicht vielleicht der Alchimie, in beiden war viel Humbug, Selbstbetrug und Konfusion. Aber man vergesse nie, da� aus dem Chaos der Alchimie sich eine so stolze, reale Wissenschaft wie die Chemie herauskristallisiert hat; m�glich doch, da� aus dem Nebel des Spiritismus sich einst noch helle Lichtpunkte der Erkenntnis losringen. Man sollte keine weit verbreitete psychische Neigung f�r wunderbare Dinge der ernsten Untersuchung und des objektiven Abwartens f�r unwert halten; alle aprioristische Weisheit kommt in Sackgassen, und der Kathederdogmatismus w�re doch in arge Verwirrung geraten, wenn die X-Strahlenwahrheit _R�ntgens_ zuerst in spiritistischen H�nden gewesen w�re. Unsere Seele mag auch Y- und Z-Strahlen wahrnehmen auf jeder Sinnesbahn, deren Existenz doch, wie die der X-Strahlen auch, wirksam gewesen sein k�nnte, ehe es der Wissenschaft gelang, sie in das Licht der Beobachtung zu r�cken. In dieser Welt der Wunder, in der zu jeder Zeit die Unbegreiflichkeiten gr��er sein werden als die Summe dessen, was wir zu verstehen glauben, soll man recht vorsichtig sein mit dem Bannfluch der Verachtung und L�cherlichkeit. Man braucht nicht an das Traumb�chlein f�r zwanzig Pfennige oder an Wahrsagerinnen zu glauben und kann doch meinen, da� in der Seele Mechanismen t�tig sind, von denen wir vorl�ufig gar nichts aussagen k�nnen, weil hier vielleicht ganz unentdeckte Transformationen von Kraft vor sich gehen. Deshalb braucht der Traum noch kein prophetisches Element zu enthalten. K�nnte man die Zahl der nicht erf�llten Tr�ume mit in Anschlag bringen, so w�rde vielleicht die Zahl der "Erf�llungen" in ein mit den Wahrscheinlichkeitsformeln ganz in Einklang zu bringendes Verh�ltnis zusammenschrumpfen. Beim "Traumeintreffen" wird aber, wie bei allen Vorbedeutungen, von der leisesten �hnlichkeit ein gro�es Geschrei gemacht, w�hrend von den Millionen Tr�umen ohne jede Erf�llung in der Zukunft keine Silbe verlautet. Auf Ungebildete macht deshalb ein scheinbares Wunder einen so tiefen Eindruck, weil sie keine Empfindung haben f�r das Problematische und Wunderbare selbst des Allt�glichen; f�r die meisten Menschen ersetzt die Gewohnheit vollst�ndig die Erkl�rung. So gibt es in der Welt der Phantasie, nicht minder als in der durch die Sinne gespiegelten Zone der Wirklichkeiten, ebenfalls erkennbare Gesetzm��igkeiten, wenn sie auch vorl�ufig nur der logischen Hypothese und Analogie erreichbar sind. Ich bin mir wohl bewu�t, da� die von mir versuchte Methode mechanistischer Betrachtung immer nur eine Seite der Probleme aufzul�sen vermag, aber unstreitig hat jeder Vorgang auf Erden und am Himmel einen vielleicht erkennbaren Mechanismus. M�glich sogar, da� dasjenige, was wir Erkennen nennen, nichts ist als die Zur�ckf�hrung auf einfachere, erfahrungsgem��e Mechanismen durch Analogieschl�sse, es ist sogar denkbar, da� der Menschengeist erkenntnistheoretisch nie �ber rein mechanische Vorstellungen hinausreichen wird. Der Mechanismus als Weltanschauung, wie ich ihn damit fasse, ist aber durchaus idealistisch: er wei�, da� mit der Durchforschung der Gehirnkraft diese selbst nicht erkl�rt ist. Und wenn die Seele einige erkennbare mechanische Seiten hat, so ist das Wunder darum nicht geringer, das diese Innenwelt umschwebt und durchflutet. Seiner Erhabenheit kann aber auch diese Feststellung einfachster Gesetzm��igkeiten keinen Abbruch tun. Die Sch�nheit einer Beethovenschen Symphonie verliert wahrhaftig nicht durch Kenntnis ihrer harmonischen Gesetzm��igkeiten. Wir bestreiten niemand das Recht, von ganz anderen Voraussetzungen und mit ganz anderen Methoden denselben Stoff zu beleuchten. Er ist ergiebig genug, um jede Behandlungsweise zu vertragen. Was aber alle Forschungsrichtungen einigen sollte, das ist die Anerkennung der menschlichen Unzul�nglichkeit gegen�ber den letzten, entscheidenden R�tseln. Wahre Bildung des einzelnen richtet sich nach dem Ma� der Ehrfurcht, deren er f�hig ist, im Angesicht der Erhabenheit und der rings vorhandenen Wunder der Welt. UNTERBEWUSSTSEIN Ein dunkles Wort mit einem tiefen Sinn, eine d�mmernde Ahnung von Dingen in uns, f�r die wir noch keinen Namen haben, ein Gef�hl f�r geheimnisvoll schwebende Schatten, f�r etwas d�monisch in uns Herrschendes, dem wir nicht ins Auge schauen k�nnen! Ein Sammelwort f�r alles triebhaft Mystische, Unerhellte, der Wissenschaft noch nicht Zug�ngliche, f�r etwas der Erkenntnis vielleicht kaum Erkennbares! Denn wie sollte mit bewu�ten Sinnen der suchende Geist etwas erfassen und deuten k�nnen, das eben unterhalb der Schwelle seines Bewu�tseins liegt? Woher n�hme er das Licht, um in die Tiefe des Seelengrundes hineinzublicken wie der Schiffer auf den hellen Grund einer kristallenen Flut im Sonnenglanz?--Und doch ist es das Wunderbare aller seelischen Vorg�nge, etwas, was den Mechanismus des Lebendigen so ganz unterscheidet von jedem anderen unbelebten Ding auf Erden: da� unser seelischer Apparat, w�hrend seine Millionen kleinster Spulen, R�der und Kurbeln rollen, schnurren und drehen, sich selbst beobachten, sein Getriebe ein- und ausschalten und daneben etwas von sich empfinden und �ber sich aussagen kann! K�nnte nicht ein Bezirk der Seele ausgesperrt werden, w�hrend den umstellten die anderen Teile betrachten, wie einen vor uns ausgespannten Schmetterling, so w�re jeder Versuch zur Beschreibung und Deutung irgend welcher seelischen Vorg�nge, auch der einfachsten, ein vergebliches Bem�hen, denn ich kann meinem Nachbarn nicht hineinsehen durch sein dunkles Auge in das feine Getriebe seines seelischen Geschehens, und k�nnte ich's auch, ohne zugleich mit seinen Nervenstr�ngen zu empfinden, so verm�chte ich nicht das wirre Bild der Blitze auf und nieder, das Hin und Her wetterleuchtender Schattenspiele, das Durcheinander zitternder, zuckender, vielleicht phosphoreszierender Zellenkugeln zu einem einheitlichen Sinne zusammenzufassen. Denn nur in mich selbst hineinblickend, vermag ich dem fl�chtigen Spiel der Sinne etwas Regelhaftes, stets Wiederkehrendes, Gesetzm��iges, Rhythmisches abzulauschen. Und da kennen wir sie alle aus eigenem innerem Bewu�tsein: diese dunkle, schlummernde, nur hier und da sich in uns aufb�umende Macht, die uns schwanken l��t auf dem geraden Pfad unseres gewollten Wegs, die pl�tzlich hineinlangt mit unwiderstehlicher Faust in unserer Seele stillen Frieden, die uns wie mit einem Schwertstreich zerspaltet in zwei Seelen, die, wenn auch oft und oft unterdr�ckt, wieder und wieder sich anzeigt, treibt und hetzt und, kaum erstickt unter den aufgerafften Kissen unseres guten Gewissens, schon wieder versuchend, lauernd, bedr�ngend uns hineinzerrt in ein dunkel lockendes Chaos r�tselhafter Ziele, unerh�rter Torheiten, nie gef�hlter Versuchungen! Das ist der sinnlose Drang, hinabzust�rzen von den hohen Zinnen eines Kirchturms, einer steilen Burg, der Trieb, kopf�ber zu versinken in den gr�nen Wogen des Waldes oder der See da zu unseren F��en, dieser Zwiespalt zwischen Wohligsein und schnellem Vergehen, zwischen Erhaltung und Vernichtung, den Goethe zu einer seiner sch�nsten Balladen, "Der Fischer", verdichtete. Das ist das dunkel Offenbare im ehrlichen Bekenntnis des Verbrechers aus Trieb, mit den bleichen Lippen gestammelt, abzulesen aus verwirrten Augen: "Was habe ich getan!" Die Darwinsche Lehre hat genug gepredigt vom Erhaltungstrieb, als beinahe dogmatischem Motiv der Fortentwicklung der Lebewesen. Es ist an der Zeit, nicht zu �bersehen, da� es auch einen Selbstvernichtungstrieb gibt, der vielleicht ebenso deutlich zutage liegt, wie jener der steten instinktiven Bejahung des Lebens. Was treibt die M�cke ins Licht, was den M�rder gegen die Stelle seiner Tat, was die V�gel an die Leuchtt�rme, an deren Kuppel die zarten Sch�del zerschellen? Was sind die Trunksucht, der Morphinismus, die dionysischen Berauschungsgel�ste anders, als Triebe, die mit einer dunklen Wollust der Selbstvernichtung mehr zu tun haben, als mit dem Erhaltungsdrange des Philisteriums! Wer h�tte nicht schon in sich selbst diesen Zwiespalt zwischen stetem Wollen und Nicht-D�rfen, zwischen Vornahme, und Nichtvollbringen gesp�rt und sich deshalb schon nicht selbst geha�t und sich gef�rchtet vor dem Anderen, dem feindlich t�ckischen, zum Untergang lockenden Gesellen in uns? Woher stammt dieses Zweiheitsgef�hl in unserem einheitlichen Organismus? _Ich meine, es ist der psychische Gef�hlsausdruck f�r eine ganz offenbare anatomische und physiologische Tatsache._ Wir haben zwei verschiedenartig arbeitende Nervensysteme in uns, deren im Prinzip gegens�tzliche Arbeitsleistung nicht verstanden werden kann ohne Zuhilfenahme der Anschauung von den Vorg�ngen der Ein- und Ausschaltung psychischer Aktionen durch die sogenannte Hemmung. Best�nde nicht ein stetiger Wechsel in dem Freilassen und Besetztsein der die Assoziationen (Ideenverkn�pfungen) vermittelnden Ganglienapparate, so m��te in jedem Augenblick wahlloses Wetterleuchten von Milliarden kleinster Ganglienblitzchen am Horizonte unseres Bewu�tseins hin- und herrasen--ein Zustand, der bei kompletter Hirnblutleere als Gedankenflucht, Delirium, Verwirrtheit, auch wohl als Vorstadium ohnm�chtiger Bewu�tlosigkeit den �rzten sehr wohl bekannt ist. Nur durch das r�umlich und zeitlich stetig schwankende Abblenden (Hemmen) bald dieser, bald jener Bahnen des Denkens, jedesmal bis auf _eine_ freigelassene, bewirkt durch die Pulsschwankungen und den wechselnden Saftdruck der Blutfl�ssigkeit an den einzelnen Teilen des Gehirns und R�ckenmarks, k�nnen wir zu einem Gef�hl der intensiven Einstellung der Objekte kommen, einem Gef�hl, welches wir Konzentration unserer Gedanken auf einen Punkt, bewu�te Aufmerksamkeit, nennen. Scheinbar nur freilich schalten wir selbst die Ideenkette ein, wenn wir sinnen, denken, wollen und handeln, in Wirklichkeit schaffen Au�enwelt und Innenreize die Hemmungsdifferenzen, nach welchen die psychischen Aktionen ausgel�st werden. Der freie Wille ist nur ein psychologisches Gef�hl, er ist nichts als eine Gef�hlstatsache, nur eine durchaus subjektive Wahrheit, objektiv ist das "Au�er uns" stets bestimmend f�r das "In uns", denn selbst der seelische Widerstand, die Abwehr, die kontr�re Reaktion auf eine Einwirkung ist doch immer von au�en erzwungen. Der Gedanke gehorcht also, wie das Physische, dem Gesetz des geringsten Widerstandes, indem durch Spannungsdifferenzen der gegeneinander treffenden Reizmomente solche Hemmungsl�cken, welche den elektroiden Anschlu� erst erm�glichen, entstehen. Je schw�cher n�mlich an einer Stelle die Hemmung ist, desto leichter findet ein Schlu� im Sinne der Elektrizit�t statt. Diese Hemmung besorgt die den Nervenstrom eind�mmende (isolierende) Blutfl�ssigkeit (Plasma) vermittels eines besonders f�r diese Funktion eingestellten Apparates, der seinerseits von dem entwicklungsgeschichtlichen Urvater aller Nervent�tigkeit, dem sogenannten Sympathicus, beherrscht wird. Als die Materie reizbar wurde, d.h. bef�higt, auf Reize variierend (das macht ihren Unterschied vom Automaten) zu antworten verm�ge innerer Molekularbewegung, da empfing sie den Odem des Lebens, den Einhauch der Seele, den uns ewig r�tselhaften Antrieb zu allen schon erreichten und erreichbaren H�hen organischen Gestaltens. Die erste Gleitbahn nerv�ser Differenzierung in der Entwicklung der Lebewesen, die eben die Geburt des Lebens erheischt hat, von Anbeginn bis in alle Ewigkeit fortgestaltend und verfeinernd, war das Geflecht des Nervus sympathicus, welcher sp�ter mit seinen Ranken alle Blutgef��e, alle Organzellen, alle Kan�le umspinnt und durchdringt, des Herzens Pulsschlag ausl�send, die Welle des Blutes durch ringf�rmige Zusammenziehung der �derchen fortschiebend in rhythmischer Schnelle, und damit auch die Ganglienh�llen mit Hemmungss�ften umsp�lt, das Durchlassen von elektroiden Funken gestattend oder den Kontaktstrom durch Verst�rkung des Hemmungssaftes vom Blutadersystem aus absperrend. Alle Au�enweltsreize wirken zun�chst auf diesen Herrn des Lebens, von dessen blitzschnellem Eingreifen in das psychische Geschehen jeder Tag uns den Beweis bringt. Nach der bisherigen Lehre von der Nervent�tigkeit sind es allein Ern�hrungs-, bzw. Stoffwechselvorg�nge, welche dem Problem der Seelent�tigkeiten durch chemisch-physikalische Alteration zugrunde liegen. Wo, frage ich, ist der Stoffwechsel, wenn der Verbrecher vor dem Anblick eines an sich harmlosen St�ckchens Papier, das ihn �berf�hrt, ohnm�chtig zusammenbricht? Wo ist der Stoffwechsel, wenn jemand auf ein Wort mit sechs Buchstaben (Schuft!) einen Menschen, den er vielleicht liebte, im Affekt erw�rgt oder erschl�gt? Wo ist der Stoffwechsel, wenn eine Kugel, bevor sie das Auge trifft, erst das blitzartig vorgeschnellte Lid durchbohren mu� (ein r�hrender Versuch des Lebens, das zarteste Wunderorgan zu sch�tzen)? Das alles sind Reaktionen, wie sie nur im Bilde elektrischer Vorg�nge Analogien finden, und deren �bermittler, urspr�nglich der Ahne allen Gef�hls, von den Monaden bis zu uns, nur der Nervus sympathicus sein konnte. Da derselbe aber nicht direkt Nervenstr�me ein- und ausschalten kann, weil er anatomisch keine Beziehungen zu den funktionierenden Ganglien hat, so ist im Blutgef��system des Gehirns und R�ckenmarks ein �u�erst labiler, saftf�rmiger Hemmungsapparat eingeschaltet, die Neuroglia, welche im Anschlu� an das Blutsaftsystem, jedem Winke des Sympathicus gehorchend, wechselnd Bahnen der Ideen, der Vorstellung, der Willenst�tigkeiten frei macht oder hemmt. Liegt vor uns ein menschliches Gehirn, dieses grau-wei�liche Gebilde mit der ausdruckslosen, tief und vielfach gefurchten Physiognomie, dieser zweigeteilte, rohgeformte Brei von der Konsistenz schwappender Gelatine, in welchem noch vor kurzem das zarteste Fl�gelwesen, Psyche, ihren Wohnsitz gehabt haben soll, so �berkommt uns ein ehrfurchtsvoller Schauer, denn dies Forschungsgebiet ist heilig: hier wohnt des Menschen letztes Geheimnis, die Pers�nlichkeit. Und doch k�ndet seine tr�ge, kalte Ruhe nichts Seelisches mehr. Da dr�ngt sich der unabweisbare Gedanke auf: nur, als ein Strom es durchflo�, war es Seele, tot ist es Masse, nur belebt war es Wunder, gestorben ist es Asche. Nur in dem Spiel gespenstiger, huschender Fl�stergeister in seinen Gew�lben, H�hlen und Nischen bestand sein himmlischer Anteil am Sinn des Lebens; Seele war sein Mieter. Diese ist vielleicht gar kein Fa�bares, Zust�ndliches, Immergleiches, Dauerndes, sondern sie ist wie der Ton der Geige, kommend und unwiederbringlich aufsteigend in die L�fte, ein Spiel der Kr�fte, ein Akkord auf der Harfe des Lebens. Sie selbst legt niemand vor sich hin, man kann sie nicht drehen und wenden, nicht zerst�cken oder zerfasern, nicht unter dem Mikroskop belauschen oder fixieren. Was uns in der Hand bleibt, ist ein Instrument, das keinen Ton mehr gibt, dem wir keine Antwort entrei�en. Das geistige Band f�r ihre tausend Teile ist unsere Phantasie; denn nur, indem wir unsere innen gef�hlten Regungen hinein projizieren in dieses graue Labyrinth, kommen wir zu Vermutungen, Theorien, Erfahrungen. Dennoch glauben wir nicht an das Dogma vom alleinigen Sitz der Seele im Gehirn oder R�ckenmark. Wir bezweifeln auch, da� es auf die Dauer gelingen wird, die Theorie der Herdfunktionen einzelner Seelent�tigkeiten an ganz bestimmten Stellen des Gehirns aufrecht zu erhalten. Wenn auf Verletzung bestimmter Teile bestimmte Funktionen ausfallen (Sprach-, Seh-, Muskel-Zentrum usw.), so beweist das noch nicht, da� an den getroffenen Stellen allein die spezifische F�higkeit entstand. Das, was wir Seele nennen, ist �berall in uns, wo Leben ist, nicht allein im Gehirn se�haft. Beispielsweise kann die Entfernung der Schilddr�se mit konstanter Sicherheit den Getroffenen seelenlos machen. Andererseits k�nnen betr�chtliche Mengen von Gehirnsubstanz entfernt werden, ohne da� der Pers�nlichkeit, dem Temperament, dem Charakter auch nur ein Tittelchen seiner psychischen Einheit genommen wird. Hier waltet durchaus noch Unklarheit; wir tun gut, lieber den ganzen Leib als nur ein Organ f�r den Sitz der gesamten seelischen Funktion zu halten. Wo mein Leib ist, ist auch meine Seele, und die Pflanzen beweisen, da� es nerv�se Funktionen gibt, bei denen es seine Schwierigkeiten hat, Nervenelemente aufzusp�ren. Eins aber ist das Gehirn ganz gewi�: es ist der Tr�ger alles dessen, was wir Bewu�tsein nennen, in seiner W�lbung hat die ganze Au�en- und Innenwelt ihre symbolische Spiegelung, in ihm wird alles gemeldet, was in uns und au�er uns geschieht, in ihm bildet sich jeder Reiz um; gleichsam wie bei besonderen Vorrichtungen aus mechanischer Arbeit W�rme wird, so bildet es den gro�en Apparat der Umbildung (Transformation) aller physischen Reize in psychische. Hier entspricht jedem k�rperlichen Dinge sein psychisches Korrelat, jedes physische �quivalent hat auch ein psychisches! So ist von der Welt au�er uns gleichsam in uns ein hin- und herwallendes Kinematogramm. In diesem Sinne ist die Welt in uns nur eine Vorstellung, eine Halluzination von uns, da wir nur ihr Symbol, nicht ihr wahres Wesen in uns spiegeln. Die Lehre von der Entwicklung nimmt an, da� sich diese F�higkeit, die Welt in uns in einem Symbole aufleuchten zu lassen, erst allm�hlich entwickelt hat und immer noch in Entwicklung begriffen ist. Die Lebewesen haben aus der einfachen Reizbarkeit, sich wie die Monade vor einem Sandk�rnchen zusammenzuziehen, lernen m�ssen, sich zu bewegen, in besonders dazu entwickelten Apparaten zu atmen, zu verdauen, sich mit den erworbenen neuen Eigenschaften fortzupflanzen, zu sehen, zu h�ren, sich zu orientieren in der Umgebung usw. Was fr�her den alleinigen Inhalt des Bewu�tseins ausmachte, wird dann sp�ter immer automatisch, unbewu�t, und die h�chsten Staffeln des Bewu�tseins sind danach jedesmal auf dem Wege zur harmonischen Automatie, zum Instinkte. Die urspr�nglich tastenden, gleichsam versuchsweise vorgeschobenen Funktionen der jedesmal j�ngsten Keime des Gehirns sind allm�hlich als fixierte, unverr�ckbare, nur von den Reflexen beherrschte, nicht mehr labile F�higkeiten dem Bestand des Ganzen einverleibt worden, sie sind gleichsam tiefer ger�ckt, unbewu�t, instinktiv, erhaltungsgem��, unab�nderlich eingestellt, und der Kreis des Bewu�tseins ist jedesmal diejenige Sph�re unseres Orientierungsverm�gens gewesen, welche zugleich auch die entwicklungsgeschichtlich j�ngste Phase des wachsenden Lebensbaumes war. So kommen wir nach diesen Vorbegriffen leicht zur Analyse des Gef�hls des Doppelten, des Zweigeteilten, Zerkl�fteten, Zusammengesetzten in unserer Seele. Die Hemmung, dieser eigentliche Regulator unserer seelischen Vorg�nge, hat eben zwei Funktionsformen: eine labile, noch entwicklungsf�hige, ein- und ausschaltbare, in Wahrnehmung, Beobachtung, Orientierung wechselnde T�tigkeit, die eng verkn�pft ist mit der sogenannten bewu�ten Willenssph�re, und zweitens eine festgef�gte, nicht mehr wechselnd in willk�rlichen Bahnen verlaufende, normalerweise stets gleich gerichtete, definitive Stromlenkung: das ist das Gebiet der angeborenen, also �berkommenen Reflexe, Automatien, Instinkte. Nun ist unser gesamtes peripheres Nervensystem, der nach au�en gest�lpte Teil des Gehirns, f�hig uns zu orientieren, uns zur Abwehr, zur Anpassung, zur Ortsver�nderung stetig in Atem erhaltend, und es erhellt jetzt, da� wir vollberechtigt sind, das ganze Gebiet der nerv�sen Ausbreitungen im Organismus (und diese reichen wohl an jede der Milliarden Einzelzellen)--als Sitz der Seele anzusprechen und nicht nur einen Teil bzw. die Sammelstelle aller Einzelwahrnehmungen: das Gehirn. _Bewu�tsein nenne ich somit den Gef�hlskomplex, welchen die Summe aller Au�en- und Innenreize auf die Gesamtheit unserer nerv�sen Registrier- und Orientierungsapparate aus�bt._ Wie es kommt, da� ein Au�en- oder Innenreiz, also ein mechanischer Vorgang, ein Gef�hl ausl�st, bzw. sich in Gef�hl transformiert--diese Frage enth�lt freilich das letzte, vielleicht unl�sbare Mysterium der Seele. Wir m�ssen uns damit begn�gen, es als Tatsache hinzunehmen, da� bei der Ber�hrung das Eis kalt und das Feuer hei� ist. Gef�hl ist eben die F�higkeit, zu differenzieren, Unterschiede von der allergr��ten Feinheit zu registrieren. Unsere gegenseitige Verst�ndigung wird nur durch die Konvention der Sprache, durch immer gleiche Symbolverwendung f�r gleiche Empfindungen gewohnheits- und nachahmungsgem�� erm�glicht. Wir setzen also das Lautsymbol f�r ein Empfindungssymbol und komplizieren die Sache noch mehr, indem wir wieder die Lautsymbole zu Schriftsymbolen umgestalten. So nennen wir nun jede Einwirkung, die wir gewohnheitsgem�� mit einem Symbol registrieren k�nnen: _bewu�t_. Das Bewu�tsein ist darum in demjenigen Teile unserer Nervent�tigkeit enthalten, der sich in dauerndem Kontrollzustand gegen�ber allen das Nervensystem treffenden Reizen befindet. Die Gesamtheit aller auf uns wirkenden Reize, m�gen sie von au�en oder innen stammen, l�st in uns ein Allgemeingef�hl der Presence d'esprit, einer gewissen Fangbereitschaft unserer nerv�sen Polypenarme aus, und diesen labilen Zustand der Aufnahmef�higkeit gegen�ber allen Strahlungen, in welche unser Ich ger�t, nennen wir gewohnheitsgem�� _Bewu�tsein_, nicht anders als wie wir den blauen Lichtreflex �ber uns Himmelsgew�lbe, den Rand unseres Sehkreises Horizont nennen. Soweit nun eben unser Zentralapparat labil ein- und ausschalten kann, so weit unterliegt er dem Spiel der wechselnden Hemmungen, die stets im Wirrsal aller auf uns wirkenden Kr�fte den Strom der Seele um die Widerst�nde dahingleiten lassen, wie sich ein Bach um seine Felsenwiderst�nde windet, dabei zu Schaum- und Regenbogenglitzern aufspr�hend. Doch hat dieser Strom der Seele immer zwei Quellen neben sich: Reize, die von au�erhalb, und Reize, die von innerhalb des Organismus stammen. Es stehen sich also in unserer Seele zwei gro�e Gebiete verschiedener Nervenaktionen gegen�ber: die eine, welche in v�lliger Automatie ohne unsern bewu�ten Willen hin und herwogt, das Herz schlagen, die Lungen atmen, die D�rme sich bewegen, die Dr�sen arbeiten, die Saftstr�me flie�en und den intimen Stoffwechsel an ungez�hlten Arbeitsstellen sich vollziehen hei�t, und eine zweite, welche lauernd, beobachtend, wartend, orientierend alle Geschehnisse um uns und in uns direkt registriert. Die eine in definitiv gehemmten, ein f�r allemal regulierten Bahnen ohne Irrtum, die andere ganz labil, schnell hier und da reagierend, oft sich vergreifend, irrend, tastend, das Gef�hl des Gewollten und Bewu�ten ausl�send. _Wahrnehmungen nun aus jenem der Beobachtung und Orientierung entwicklungsgeschichtlich schon entzogenen Gebiet nennen wir ihres dunkeln, unkontrollierbaren Ursprungs wegen: unterbewu�t._ Was wohl f�r Tr�ume kommen m�gen--aus diesen dunklen W�ldern, Schluchten und H�hlen der tiefsten Seele, die ihre geheimnisvolle Entwicklung, die Bildung ihrer typischen Formation unz�hligen Geschlechtern, einer endlosen Ahnenreihe von Vorfahren, Stammv�tern und Keimgebilden verdankt? Denn geworden aus einer Saat des Lebens ist alles! Die Wissenschaft kann nicht den Entwicklungsgedanken entbehren, wenn sie auch zugeben sollte, da� durch dieses Jahrmillionen alte Weben und Werden des Lebens ihm nichts von seiner �bersinnlichkeit und Unbegreifbarkeit im Ursprung genommen wird. Wenn Millionen von Wesen, die meine direkten Vorfahren waren, dahinleben, ringen, sich wandeln und sterben mu�ten, damit ich atmen, gehen und sprechen kann, wenn meine instinktiven F�higkeiten das Produkt unendlicher in gerader Linie auf mich und mein Keimplasma ausm�ndender Vor�bungen und Vorbildungen waren, so tragen wir alle ja in uns gleichsam eine seelische Erbschaft alles dessen, was vor uns geschah, das sich auf uns erhalten hat, mit uns geboren wird. Was Wunder! wenn in uns, den jedesmal j�ngsten Sprossen an einem unendlich tief in die Vorzeit hinab reichenden Korallenbaum, aus der Tiefe unserer eigenen Wunderwelt magische Nebel emporsteigen am Horizonte unserer ephemeren Sonderexistenz, wenn alte Neigungen aus fernen, anders, ganz anders gearteten Kulturen, wenn alte Bilder ferner, fremder Heimatgauen, dunkle Willensregungen mit andrem Zweck, als es grade unser S�kulum zu Sitte und Recht erheischt, emportauchen mit r�tselhaftem Gef�hl eines vorbestimmten und mitgeborenen Verh�ngnisses! Das sollte unwahrscheinlich sein? Ist doch die Form meines Sch�dels, meiner Nase, die Farbe meiner Haare und die meiner Augen und Haut in meiner Sippe, in meiner Rasse fixiert und immer wiederkehrend, und ein so feines Spiel, wie es die Nerven treiben, eine Funktion sollte nicht bemerkbar bleiben von Geschlecht zu Geschlecht? Im Gegenteil! vielleicht sind alle Erblichkeiten viel mehr funktionell als formal, und selbst die �hnlichkeit der Kinder mit uns mag einen ebenso gro�en Gehalt an funktioneller Nachahmung wie an formaler Gleichrichtung der Zellbildung in sich verbergen. Werden doch Menschen �hnlich im Gesichtsausdruck, die lange aneinander gekettet sind! Kann doch jede Form von Mimikri nur funktionell entstanden sein! So etwas also wie ein Testament unserer Vorfahren mag schlummern in den festen Knollen, Str�ngen und H�geln auf der Tiefe des Gehirns, in der Tiefe unseres Seelenlebens! Drehen wir es um, das vor uns liegende Gehirn, das wir bis jetzt vorhin nur von oben, von seinen beiden h�llenden Kuppeln aus sahen, wie anders ist das Bild! Fester, wohlgeformter, charakteristischer ist hier die Physiognomie, und w�hrend der Griffel des Anatomen sich vergeblich m�ht, die Rinde mit ihrem, einem System aneinandergepre�ter Schl�uche mit Furchen und Windungen vergleichbaren Formbilde genau wiederzugeben, so vermag hier die Zeichnung an der Basis an festen Linien eine wohlgef�gte Architektur zu finden. Das entspricht dem Gewordenen, unab�nderlichen �berkommenen der hier gelegenen Funktionen; hier walten die Instinkte, die regul�ren Automatien, die Reflexe, alle unsere irrtumlosen F�higkeiten. Und nun ein Schnitt in diese weiche Masse da vor uns! Wie anders die geheimnisvolle Zeichnung der Hemisph�ren des Gehirns gegen�ber den geformten W�lsten der Basis! Dort ein weichlicher, wei�lich-grauer Brei ohne Linie und scharfe Form, und hier an der Basis Zeichnungen und Gebilde, die bestimmte, bisweilen obsz�ne Vergleichungen mit allen m�glichen, pr�zisen Lebensformen geradezu herausfordern! Dort in der W�lbung der Kuppe waltet Willk�r, Irrtum, Wahn, Streben, Wille nach Umwandlung, Neugestaltung, und hier in der Tiefe fest gef�gt das Unab�nderliche, das fest Erworbene, das Irrtumlose! Da haben wir den anatomischen Ausdruck f�r das Doppelbild, den Januskopf unserer Seele! Ein Teil, der des bewu�ten Seins, strebt vorw�rts, k�hn bis zur Selbstvernichtung, dem Neuen, dem Unerh�rten, der genialen Assoziation entgegen, und ein anderer konservativer Teil rei�t uns stets zur�ck in die Beharrung, die Resignation, in das Philisterium. In jedem von uns steckt ein Neuerer und ein Reaktion�r, beide miteinander oft in w�tendem Kampf. Hier rei�t das Genie sich los von seiner Neugeburt nie dagewesener Assoziationen, denen ganz gewi� neue Hirnsprossen in der typischen Richtung und Entwicklungslinie des aufsteigenden Menschheitsgedankens durchaus organisch zugrunde liegen, und st�rmt dahin ohne R�cksicht auf den Bestand des �berlieferten; ihn k�mmert nicht das Fundament, mit F��en tritt er seine vitalsten Eigeninteressen danieder. Oft genug verbrennt an der Flammenfackel des Genius die letzte Kraft seines wohlgegr�ndeten vegetativen Lebens. Da meldet sich wohl oft gerade bei den Begabtesten ein dunkler Trieb nach Rausch und Bet�ubung. Der Bauer in ihnen lockt mit der M�glichkeit, auch einmal k�nstlich ein Idiot zu sein, auch hier und da den Geburtswehen seiner Ideenf�lle zu entrinnen, wenn auch nur f�r kurze Zeit. Das Behagen, mit s��em Gift die vorw�rts dr�ngenden neuen Gehirnsprossen zur Ruhe zu zwingen, ist nur zu oft der Grund zum Alkoholismus und zur Morphiumsucht bedeutender Menschen geworden. Zwei Seelen! Und wie, wenn im Zerrbild des Genies, in seiner Karikatur, im Irrsinn, wenige, winzige Zellgruppen auf eigene Faust, losgel�st aus der Harmonie des Ganzen, nicht mehr als ein Triumph des aufw�rts gehobenen Menschheitsgedankens, sondern als eine krankhafte, wilde Anarchie weniger revolutionierender Ganglienlebewesen die Herrschaft �ber den Bestand des geistigen Erbes von Generationen erzwingt? Dann ist es ganz dahin mit Harmonie und Einheit: dann ist wirklich die Pers�nlichkeit gespalten, dann arbeiten Entartung und Beharren wild gegeneinander. Darum, was man einem Genie w�nschen mu�--das ist der kr�ftig entwickelte Herr des Lebens, ein gesunder, meinethalb direkt b�uerischer Nervengrundstock (Sympathicus), der seine lebenerhaltende Faust d�mpfend und m��igend auf die zarten, jungen Triebe neuer, nie geahnter Gedanken�bermittler legt, damit sie ruhig gedeihen und bl�hen und eine ganze Menschheit begl�cken! Wie konnte man je daran denken, Genie und Wahnsinn Br�der zu nennen! wie jemals das erste Aufleuchten einer neuen Phase der Menschheitsentwicklung, durch die alle Nachkommenden hindurch m�ssen, wie durch ein neues Kanaan, das ihm allein zuerst erschien, verwechseln mit einer Gehirnentartung, welche, unrettbar dem Untergang geweiht, den Stempel der Lebensunf�higkeit in sich tr�gt! Nur, weil das unterbewu�te System auch im Genie so oft in Gefahr geriet, wie beim Wahnsinn und beim Verbrechertypus, konnte der bedauerliche Irrtum entstehen. Auf der andern Seite der hochkonservative Philister: wie wichtig f�r den Bestand des Erworbenen, ein wie festes Hindernis f�r alle Scheinneuerungen und genialen Irrt�mer. Nicht umsonst war der Philister einem _Nietzsche_ so interessant: hier zeigt sich in der Tat am besten das einfache Verh�ltnis bewu�ter und unterbewu�ter Seelenfunktionen. Am dauerhaftesten geistig ist der Mensch, bei dem am wenigsten beide Systeme einander zu beeinflussen verm�gen. In ihren Funktionen gegenseitig streng voneinander geschieden, haben sie keine M�glichkeit einer unvorhergesehenen, pl�tzlichen Entladung von einem Gebiet in das andere, k�nnen beide Systeme getrennt ungest�rt ihren Dienst tun, bis die Uhr still steht. Es darf mit Sicherheit angenommen werden, da� gerade St�rungen in der festen, definitiv geregelten Hemmung des unterbewu�ten Gangliensystems Beziehungen haben zu pl�tzlichen, reflex�hnlichen Affekthandlungen. Ich stelle mir vor, da� erbliche Belastung im Psychischen sehr wohl ihre Ursache in einer Schw�che der eigentlich undurchbrechbar gedachten Hemmung der automatischen Ganglienapparate haben kann, dergestalt, da� Kurzschl�sse elektroider Spannungen hier pl�tzliches �berf�llen von fern liegenden Aktionsgebieten veranlassen. Sicherlich erreicht ja nicht alles, was an Reizen dem Gehirn �bermittelt wird, direkt das System der bew��ten Denksph�re. Unsere Willenshandlung und unsere Gedankenrichtung nehmen nicht immer von bewu�ten Wahrnehmungen ihren Ursprung. Es ist, als ob manche Sinneseinwirkungen, manche vielleicht noch gar nicht analysierten Strahlungen und Materienwirkungen zwar vor der Bewu�tseinsschwelle abgefangen werden, aber dennoch die Veranlassung zu einer besonderen Gedankenrichtung, zu einer besonderen, dann erst sp�ter bewu�ten Handlung werden. Daf�r einige Beispiele. Ich stand an der Ausgangst�r einer elektrischen Bahn, die n�chste Haltestelle erwartend. Leise zogen mir Bilder aus meiner Jugendzeit auf dem Gute bei einem alten Onkel durch den Sinn. Ponyreiten, Kirschb�ume, W�lder und Jugendliebe! Und der gute, alte Onkel--wie lebhaft ich ihn vor mir sah. Da drehe ich mich von ungef�hr in das Wageninnere, das ich soeben passiert habe, zur�ck. Wahrhaftig, welche �hnlichkeit--der gute, alte Onkel--da sitzt sein leibhaftes Ebenbild in einer Ecke. Es ist gewi�, da� seine Z�ge, im Unterbewu�tsein, als ich durch den Wagen ging, abgefangen, das Motiv meiner Gedanken wurden. Ich gehe eine ziemlich lange Stra�e hinauf. Mir kommt ein befreundeter Herr mit seinen Absonderlichkeiten in den Sinn. Nach einer Minute steht er vor mir. Ich hatte ihn ganz gewi� vorher schon unterbewu�t gesehen. (Ich glaube, bei �hnlichen Gelegenheiten wird oft ein "um die Ecke kommen" hinzugesetzt, die Sache wird dadurch romantischer.) Solche Vorkommnisse beweisen direkt, da� es ein Filtriersystem f�r Wahrnehmungen, vielleicht in den gro�en Hirnknollen, gibt, welches verhindert, da� alle Beobachtungen bewu�t werden. Wenn man sich genau kontrolliert, k�nnen Farben, Formen, Ger�che usw. ganze Gedankenketten ausl�sen, ohne da� man immer den Ursprung findet; die gesamte Kunst macht Gebrauch von diesen Stimmung gebenden Suggestionen! Wie viel mag ferner tats�chlich pl�tzliche Sympathie oder Antipathie auf solchen unterbewu�ten Assoziationen beruhen, wie oft m�gen schnelle Entschl�sse solchen unterbewu�ten Einfl�ssen ihren Ansto� verdanken! Auffallend ist, wie selten unsere entscheidenden Entschl�sse direkt logischer Analyse entsprechen: "es war mir so", "es lag mir so", "ein gewisses etwas gab den Ausschlag" usw. Wenn alles auf alles wirkt--und nach dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft mu� es ja wohl so sein--so kann sehr wohl das meiste unserer Willensaktion unterbewu�t ausgel�st werden. Wie viel mehr nun aber bei pathologischen, gewisserma�en schadhaften Einbettungen und Isolierungen der sonst streng abgeschlossenen, automatischen Systeme. Der triebhafte Verbrecher mag bei allen m�glichen Innenreizen stets dem Zwange eines pl�tzlich ihn �berrumpelnden Affektes erliegen (Kleptomanie). Str�me, welche normalerweise sonst im Sinne der koordinierenden Automatie Verwendung finden, schlagen blitzartig in die Aktionszentren und l�sen Handlungen aus, die eben deshalb antisozial sind, weil sie durch das die Ethik der Zeit tragende und kontrollierende Bewu�tsein nicht zur�ckged�mmt werden. Da auch bei den Epileptikern die Hemmungsfortf�lle die Ursachen der Kr�mpfe sind, kann es nicht wunder nehmen, wenn Epilepsie und Verbrechen so oft Ber�hrungspunkte haben. Hier erscheint es fast so, als wenn der Verbrecher im epileptoiden Anfall durch Abblendung seines Bewu�tseins geradezu in eine entwicklungsgeschichtlich fr�here Daseinsperiode zur�ckgeworfen wird, in welcher in der Tat noch allein die brutalen Instinkte, wie beim Raubtier, herrschten, so da� die schauerliche Bestialit�t mancher Verbrechen allein durch diesen R�ckschlag in seelische Gebiete, die einem Rohzustand des Lebens entsprechen, erkl�rbar wird. Der Somnambule und der antisoziale Verbrecher gleichen sich in bezug auf die Abblendung des Bewu�tseins, welche nur bis zu verschiedenen Tiefen der Automatie herabreicht: beim Somnambulen liegt nur ein D�mpfer �ber dem Bewu�tsein, so da� Raum und Zeit und ihre kausale Verkn�pfung doch wie aus Nebelschleiern durchscheinen, wobei die automatisch-motorische Sph�re wohlgeordneter Bewegungen ganz intakt ist (Schlafhemmung des Gehirns), so da� ein Tr�umender daherwandelt, friedlich im schl�rfenden Gange seine stillen Gedanken weiterspinnend. Beim epileptoiden Verbrecher tritt aber die Abblendung des Bewu�tseins pl�tzlich ihn selbst �berrumpelnd mit der ganzen Heftigkeit einer tiefgreifenden Bewu�tseinsst�rung auf, und zwar bis in die Region der zur�ckgelegensten Instinkte, so da� jene sinnlos vernichtenden Raubtierhandlungen resultieren. Dem widerspricht nicht, da� solche Verbrechen lange vorbereitet, oft versucht sind, ehe es zur eigentlichen Ausf�hrung kam. Der in seinen Hemmungen eben defekte, unterbewu�te Apparat lockt durch aufleuchtenden Kurzschlu� in die bewu�te Sph�re �bergreifender Entladungen den Willensapparat immer von neuem in den Bereich seiner dunkelen Gel�ste. Es sind ja haupts�chlich die beiden Systeme der Ern�hrung und der Fortpflanzung, auch im gesunden Menschen den Hauptinhalt unserer unterbewu�ten Mechanismen beherrschend, die auch beim Verbrecher in krankhaftem Anschlu� regellos einbrechen in die Willenssph�re. W�hrend der Gesunde diesen beiden Hauptinstinkten durch st�ndige Bewu�tseinskontrolle ihren d�mmenden Wall sichert, bricht die ganze Summe aufgespeicherter und vielleicht mehrfach unterdr�ckter Gel�ste pl�tzlich wie eine rei�ende Flutwelle in die Seele ein, und gerade wie beim Epileptischen die motorische Krampfentladung im Muskelgebiet begleitet ist von der Bewu�tlosigkeit, d.h. von der Unf�higkeit, sich in Zeit und Raum zu orientieren, so ist der Verbrecher "im Anfall" auch nicht f�hig, seine Handlung logisch und kausal zu begreifen, er steht ihr oft ebenso hilflos gegen�ber, wie der nach Motiven suchende Kriminalist. Daher begreift man wohl die Neigung der Verbrecher, um den Ort der Tat zu kreisen: sie suchen sich selbst und ihre Tat n�her zu begreifen, sie sinnen selbst nach Aufkl�rung und hoffen vom Orte, an dem das F�rchterliche geschah, irgend ein erl�sendes Verst�ndnis. Das ist der Magnetismus des Entsetzlichen, den �brigens auch geistig Gesunde andeutungsweise sehr wohl versp�ren. Das Grauen vor einer entsetzlichen Tat und die Anziehungskraft, die sie auf unsere Neugier aus�bt, lassen sich wohl nur erkl�ren durch eine T�tigkeit der Phantasie, welche im geheimen sich selbst als den Ver�ber der Tat unwillk�rlich setzt und damit jene Sph�ren des Unterbewu�tseins in leises Erzittern bringt, welches Disponierten schon so oft gef�hrlich geworden ist. Das ist die Gefahr der Berichte �ber Straftaten und der oft gewi� verderbliche Einflu� schlechter Kriminallekt�re auf nicht v�llig taktfeste Instinkte, da� sie oft das labile Gleichgewicht gest�rter und nicht ganz schlu�f�higer Hemmungen des unterbewu�ten Systems ins Wanken und Erzittern bringen. Pathologische, durch Hemmungsdefekte �bermittelte Anschl�sse aus dem Gebiet der automatischen Instinkte in die Sph�re bewu�ter Aktionen scheinen die einzige befriedigende Erkl�rungsformel f�r das dunkle Wirken verbrecherischer Triebe zu sein. Dabei braucht nicht immer der Trieb auf die Vernichtung oder Besch�digung des anderen zu gehen, diese Triebe richten sich auch auf die Vernichtung oder Besch�digung der eigenen Person: es gibt Verbrechen am Ich, wie am Anderen. Auch hier zeigt sich das Abnorme wesentlich in zwei Richtungen: in Perversit�ten der Nahrungsaufnahme und der Erf�llung sexueller Funktionen. Aber auch alles Bannende, Blendende, Gewaltige, weite Fl�che, schauerliche Tiefe, der dunkle Abgrund und das endlose Meer, hat eine hypnotische, bewu�tseintr�bende Macht, und es erfordert einen Ruck im Willen, ihre d�monische Anlockung abzuwehren, um nicht, wie das Kaninchen vorm Blick der Schlange, wie das Weib vorm berauschenden Nimbus des Don Juan, der Gefahr gegen�ber der Paralyse des Willens zu erliegen. Licht und Glanz hypnotisieren ja nicht nur Motten und M�cken, sondern auch den Homo sapiens. Aber auch Innenreizen ist bestimmende Macht �ber die Seele gegeben. Ganz allgemeingiltig ist die Beziehung der sogenannten inneren Sekretion zu unseren Trieben, Neigungen und direkt bewu�ten Handlungen. Unter der inneren Sekretion versteht man wesentlich die von der Organumschlingung des Nervus sympathicus geleistete S�ftebildung in verschiedenen Organsystemen, welchen s�mtlich spezifische Funktionen zufallen: so dienen Galle und Magens�fte, Speichelbildung usw. der Verdauung, sind also auf die Erhaltung des Einzelnen gerichtete Funktionen, noch andere zielen auf die Vorg�nge der Neubildung eines Individuums ab, und drittens gibt es Absonderungen, welche unzweifelhaft f�r die Saftmischung des Blutes und damit auch der Seelenfunktion von allergr��ter Wichtigkeit sind. Die Schilddr�se und ihr Sekret haben bekanntlich einen gro�en Einflu� auf den Zustand des Gem�tes. Ein erh�hter Zuschu� ihrer Produkte ins Blut--und eine gro�e Erregbarkeit, Unruhe, Angst, extreme Neurasthenie ist die Folge (bekannt unter dem Bilde der Basedowschen Krankheit), w�hrend andererseits ein Zuwenig der Beimischung eines f�r die Hirnfunktion unbedingt n�tigen Saftes der Dr�se, wie wir schon bemerkten, Atrophie und Idiotie des Gehirns nach sich zieht. Diese Tatsachen, namentlich mit Beziehung auf die Rolle des Sympathicus bei diesen Funktionen, sind �brigens nur zu erkl�ren mit Hilfe unserer Annahme von der Funktion der Neuroglia als Hemmungsregulator. �hnlich wie bei der Schilddr�se, m�ssen wir auch f�r alle anderen inneren Sekretionen annehmen, da� ihre Produkte zum Teil f�r die Konstitution der Gesamtk�rpers�fte von allergr��ter Wichtigkeit sind. Fehlt die Beimengung vitaler Ingredienzen zum allgemeinen Blutsaft, so sind sogenannte Ausfallserscheinungen die nur allzuh�ufige Folge. S�ftemischung und seelische Funktion stehen eben vermittels des Hemmungs- und Einschaltungsapparates der Neuroglia in innigstem Zusammenhang. Es ist keine Frage, da� ein gro�er Teil zun�chst dunkler und unklarer Impulse, welche wir im Bewu�tsein erhalten, Meldungen aus diesen unterbewu�ten Fabrikationsstellen unseres Organismus darstellen, wobei wieder Hunger und Liebe als die beiden gro�en Richtungen der Erhaltung des Individuums und der Art wirken. Wie ein Verbrecher hypnotisiert werden kann, d.h. wie ihm seine Bewu�tseinssph�re umdunkelt, verh�llt, abgeblendet werden kann durch den Anblick eines Edelsteins, eines Goldst�ckes, wie �berhaupt die Hypnose die reflexartige Abblendung des Bewu�tseins darstellt, und zwar von der Umgebung her, so k�nnen auch die Innenreize zur hypnotischen Abblendung des Bewu�tseins f�hren. Ebenso wie etwas von au�en suggeriert werden kann, gibt es bekanntlich auch eine Autosuggestion, ebenso eine Autohypnose. Die innere Sekretion, die einseitige �berspannung eines �berladenen Systemes, z.B. desjenigen der Sexualapparate, kann von dem Unterbewu�tsein her die ganze geistige Sph�re sexuell f�rben, so da� der Betreffende gleichsam willenlos in Liebeshypnose einherwandelt und jegliches Wesen durch eine Sexualbrille sieht. Wehe! wenn hier labile, nicht fest einged�mmte Hemmungsverh�ltnisse im Unterbewu�ten bestehen: es ist nur ein Schritt von der Gier zum Verbrechen. �hnlich kann auch bei der Hysterie eine Unsumme abnormer Kurzschl�sse und Reflexe ausgel�st werden, die ihren letzten Grad in einer Saftbildungsanomalie haben, wodurch eben die Hemmungsmechanismen nach unserer Theorie besch�digt werden und damit die Beziehungen zwischen Bewu�t und Unterbewu�t sich verschieben. Auch in diesen F�llen neurasthenisch-hysterischer Bewu�tseinsbeeinflussungen spielt eine Blendung des realen Erkennens, der Gegenw�rtigkeit der Seele und ihrer Anpassung an die Umgebung und die Daseinsepoche mit hinein. Diesen Menschen ist ein Gef�hl der Andersartung, des Deplacements eigen, gleichsam als geh�rten sie einer vergangenen Daseinsperiode an und k�nnten sich nie hineinfinden in die Bed�rfnisse ihrer Zeit. Es ist gar nicht so selten, da� schwere Hysterie zur v�lligen Teilung des Pers�nlichkeitsgef�hls f�hrt und da� dieser unertr�gliche Zustand, dem ewigen Trieb zur Selbstvernichtung nachgebend, mit Selbstmord endet. Mir erscheint der so h�ufige Selbstmord bei gedoppelter Pers�nlichkeit stets wie die Erf�llung einer Sehnsucht in eine fr�here Gemeinschaft Gleichgearteter, wie in einen Zustand auf fr�here Entwicklungsstufen zur�ck. Viele Menschen mit nicht vorw�rts strebendem Intellekt haben oft das Gef�hl, nicht hineinzupassen in ihre Zeit, gleichsam r�ckw�rts tiefer in der Vergangenheit zu wurzeln, als es ihr individuelles Leben in der Gegenwart gestatten will. Auf ihnen lasten allzu schwer die Testamente der Vergangenheit, sie sind Repr�sentanten funktioneller R�ckschl�ge (Atavismen) in fr�here Entwicklungsstufen. Bei dieser Sachlage ist es nur ein Gl�ck, da� nicht nur die S�nden, sondern auch die Tugenden unserer V�ter in unser drittes und viertes Glied hineinfluten. Es ist verlockend, an dieser Stelle die Frage des Gewissens in uns aufzurollen und an der Hand der psychophysischen Gesetze der Hemmungslehre auch diesen gewi� gleichfalls unterbewu�ten Vorgang einer inneren durchaus regulatorisch wirksamen Macht den d�monischen Gewalten mit unheimlichem, zerst�rendem Charakter entgegen zu stellen. Ich mu� mich hier mit Andeutungen begn�gen, weil eine eingehendere Behandlung der unterbewu�ten sittlichen Regulation in uns als Vorbedingung die vollst�ndige Analyse der Ethik �berhaupt erforderte. Obwohl nun gerade aus der Hemmungstheorie sich eine vollkommen neu fundierte Ethik auf physiologischer Basis unschwer entwickeln l��t, so mu� ich doch hier darauf verzichten und kann f�r die Frage nach unserem Gewissen, nach der Stimme der Sittlichkeit in uns, welche wohl bei jedem Individuum sich schon bemerkbar gemacht hat, hier nur andeutungsweise darauf aufmerksam machen, da� das, was wir mit diesem Namen belegen, gleichfalls etwas Triebhaftes an sich hat. Aber es ist ein komplizierter Trieb. Einmal funktioniert er deutlich zur Erhaltung unseres instinktiven Artcharakters, hat also etwas Generelles, sich auf die Menschheit vorbildlich Beziehendes und besonders lebensf�hig sich Erweisendes an sich, und zweitens ist ihm ein rein individuell, mehr auf den egoistischen Vorteil, auf das gute Fortkommen der Pers�nlichkeit Gerichtetes eigen. Es ist im allgemeinen klar, da� unsere arterhaltenden, der Menschheit und ihrem erworbenen Bestande f�rderlichen Triebe in Konflikt geraten k�nnen mit den egoistischen Selbsterhaltungsmotiven. In diesem Konflikt wird durch einseitig exzessive Inanspruchnahme bewu�ter Willenshandlungen aus egoistischem Zwecke die unterbewu�te Automatie der arterhaltenden, vorgebildeten, schon �berkommenen, durch Tausende von Jahren als lebensf�hig erwiesenen Funktionen durch Reizmangel in Gefahr gebracht. Denn nur das ist wirklich auf die Dauer imstande, einen funktionellen Artcharakter zu repr�sentieren, was eben mit der neuen Funktion sich in der Richtungslinie der naturgem��en Fortentwicklung befand. Von Milliarden Versuchen, ein Lebensproblem funktionell zu l�sen, wird nur das Beste eingestellt zur Automatie, kann nur die vollkommenste L�sung vorbildlich und dauernd jedem neuen Spro� des Keimplasmas erhalten bleiben. Was uns jetzt als Problem besch�ftigt, z.B. die Ehe, der Staat, wird einst nach vielen Millionen von unzul�nglichen Versuchen zur definitiven L�sung gef�hrt werden: dann wird es eine Frage eines irrtumlosen Instinktes sein, ob Polygamie oder Monogamie, ob Ehe oder freie Liebe herrscht, ob der Staat monarchisch oder republikanisch oder sonstwie geleitet werden mu�, Probleme, die wie z.B. bei den Termiten und Bienen lange auf dem Wege der Instinkte gel�st sind. So ist unser Bewu�tsein stets auf dem Wege der Neubildung und Umbildung von willk�rlichen Handlungen zu Automatie, und zu jeder Zeit der Entwicklung unserer verschiedenen Hirnschichten war die jedesmal j�ngste willk�rlich und lie� hinter sich den durch die Vorperioden gesicherten Bestand. Dieser letztere kann nicht mehr abge�ndert werden, ohne den ganzen Bau zu gef�hrden. Darum, wo der bewu�t wirkende Wille im Anpassungsversuch an neue ethische Forderungen (und jeder Tag kann im Wirbel der wechselnden Erscheinungen des Lebens solche heraufbeschw�ren) eindringt mit Umbildungstendenzen in die Automatie der unterbewu�ten Funktionen, da entsteht eine Ersch�tterung hinab bis zur Wurzel des Lebens, ein Beben bis ins Fundament der organischen Harmonie, und dieses Beben, gleichsam das Pochen der Gefahr am Tor der Ruhe, hinter dem die Schatten alles Gewesenen verschwunden sind, f�hlen wir �hnlich dem physischen Schmerz bei St�rung des organischen Gef�ges der Nervenenden als eine Mahnung, als ein Warnen vor Gefahr, als die Stimme des Gewissens. Dann d�rften wohl die brennenden Empfindungen der Reue den tiefinnerlichen Versuchen entsprechen, die der Hemmung im Unterbewu�ten geschlagene L�cke durch neue heilende Gewebssprossen zu verschlie�en, und je mehr ein fester, freier, ehrlicher Entschlu� im Bewu�tsein die Str�me und Zuckungen von defekter Stelle ablenkt, um so ruhiger und gleichm��iger kann der Organismus die Harmonie der Funktionen wiederfinden. Es ist begreiflich, da� hier diese Segnung tief innerlicher Genugtuung, der L�uterung nicht ausbleibt, selbst wenn es dem Bewu�tsein klar ist, da� die Reue, etwa ein mannhaftes Gest�ndnis, vielleicht die Vernichtung, den Tod nach sich zieht. Denn: das ist das Gigantische am ewig rauschenden Lebensbaum, da� es ihm nicht ankommt auf die einzelnen, zahllosen Bl�ten, sondern da� �ber der einen Pers�nlichkeit die rein erhaltene Art siegend hinwegleuchtet in alle Fernen. Es ist eben das Unterbewu�te, der fertig erworbene Besitz, an dem die Natur nicht r�tteln l��t, und dessen Erhaltung ihr �ber den Wert auch der erhabensten Pers�nlichkeit geht. Erbarmungslos erscheint sie, aber sie ist gerecht, denn bei ihr handelt es sich stets um die Idee der Menschheit, welche schlackenlos und durchaus lebensf�hig durchgef�hrt werden soll zu H�hen, die, unausdenkbar, dennoch dem Leben von Anbeginn als M�glichkeit beigegeben wurden. In diesem Gesetz einer sorgsamen Auslese, einer steten Sonderung der Spreu vom Weizen wurzelt Ethik und Gewissen, und ewig wird der Einzelne im Konflikt mit der Idee des Ganzen erliegen m�ssen. Daher die schier unbegreiflich d�nkende Qual der Auslese schaffenden Krankheit und die der seelischen Schmerzen. Wo aber zeigt sich dieser Konflikt zwischen dem Individuum und der Idee der Menschheit deutlicher als in der Liebe und dem Ha�, den beiden tyrannischen Herren des Lebens? Wenn irgendwo, so ist in der Liebe offenbar, da� der Intellekt mit seinem absichtlichen Wahlverm�gen ganz und gar gegen�ber der Masse der gefestigten und instinktiven Wahrnehmungen eine sekund�re Rolle spielt, wie er �berhaupt zu einem feilen Diener und Sklaven unserer unterbewu�ten Konstitution herabsinkt �berall da, wo es sich um Grundstimmungen der Seele, Lust und Unlust, Zuneigung oder Abneigung, vorgefa�te Meinungen und immanente Tendenzen handelt: lauter Vorg�nge, die vor dem Urteil liegen: _Vor_urteile! Der absolut gescheiteste und gebildetste Mensch m��te genau genommen f�r jede logische Angelegenheit genau so viel Gr�nde wie dagegen beibringen k�nnen, und ehrliche Leute gestehen f�r die meisten Veranlassungen zu, da� es durchaus nicht immer Verstandesaktionen sind, auf Grund deren sie sich f�r oder gegen eine Ma�nahme entscheiden. Gegen�ber den sicheren, verl��lichen Funktionen des Unterbewu�ten ist eben der Verstand ein St�mper, tastend, immer im Versuchsstadium, nachgiebig und immer �bert�lpelbar. Selbst der Bedeutendste hat seine dumme Ecke, und Hypnotisierbarkeit des Bewu�tseins ist durchaus nicht immer ein Zeichen von Kritiklosigkeit und Intelligenzmangel. Ist so bei gew�hnlichen Emotionen schon der Intellekt fesselbar durch die Jongleurkunstst�cke des Wortschwalles und der �berrumpelnden Sophismen, so wird er ganz und gar geblendet, wenn die vitalsten Spannungen von innen her ihn �berrennen und verwirren. Begreift man ja doch, namentlich im Erotischen, oft absolut nicht, warum Dieser Jene oder umgekehrt auszeichnet. Ist in jedem echten Liebesverh�ltnis nicht stets etwas f�r die Unbeteiligten Unbegreifbares, warum gerade diese zwei Menschen der verh�ngnisgleichen Fesselung der Seele unterliegen, die beide wie ein Mandat der Natur, ein unabweisbares M�ssen empfinden? Wahllos f�hlen gerade diese beiden die verschmelzende Glut aufsteigen in der Seele, oft beim ersten Anblick, oft l�nger gesch�rt. Da sehen sie sich an wie Sendboten aus einer nur gemeinsam erreichbaren, h�heren Welt. Sie sind wie Gesegnete vor dem Altar der Natur, zur Erf�llung des Mysteriums der Niederkunft einer himmlischen Seele, zur Hingabe eines neuen Bl�tensprossen vom eigenen Stamm. Wer Kinder ganz gedeihen lassen will, gibt sich ja eigentlich selbst auf. Hier vor allem, beim Durchgl�htwerden der Seele in wahllosem Verlangen, zeigt sich also die ganze dominierende Macht des Unterbewu�tseins in vollkommener Deutlichkeit. Wer begreift, was es an innerer, zielsicherer Anschauung f�r Mechanismen waren, die gerade immer dieses Paar mit unwiderstehlicher Gewalt zueinander hintreiben, so da� geheiligte Wesen aus den Erk�rten werden, da� sich unscheinbare, leblose Gegenst�nde der Erinnerung, wie Taschent�cher, Blumen, Locken oder Ringelein mit dem Glanz geheiligter Reliquien umgeben, zu Fetischismen erheben? Und das alles ohne jedes Zutun des Bewu�ten, ja oft direkt gegen jede Vernunft, Satzung, Sitte und Vorteil. Es ist fraglos, da� die Wahl der Entflammten rein nach dunkel gef�hlten, der Bewu�tseinskontrolle ganz entzogenen, innerlichen Erg�nzungsgesetzen sich vollzieht, und da� die Unbegreifbarkeit des Bundes, der man so h�ufig begegnet, oft erst durch den Anblick schier vollendeter Sprossen der Vereinigung nachtr�glich sanktioniert wird. Die Instinkte, d.h. die unterbewu�ten Kalkulatoren unserer vitalsten Notwendigkeit, wissen eben besser als der sich stets �berhebende und sich oft irrende Chef der Seele, der Verstand, was f�r Ingredienzien, belebte Bausteine und Materialien n�tig sind, um einen m�glichst leistungsf�higen Repr�sentanten der Art aufkeimen zu lassen in dem m�tterlichen Wundergarten. Hier wird am deutlichsten die geheimnisvolle Hellsichtigkeit unserer im Fundament der Seele Schicht auf Schicht abgelagerten Erfahrungen, welche �berall andeutungsweise zutage tritt, wo eine Abblendung des Bewu�ten diese Schichten als den Alleingehalt und als Prinzip der restierenden seelischen Funktionen zutage treten l��t: im Nachtwandeln, in der Hypnose, in der Ekstase, in den dunkelen Ahnungen des Traumes und im Mediumismus. Gestehen wir es ruhig ein, da wir das r�tselhafte Getriebe unbekannter Kr�fte im Labyrinth des Unterbewu�tseins nicht kontrollieren k�nnen, da� wir die Existenz von Kr�ften, die mit den physikalisch und chemisch analysierten gar nichts gemein haben, nicht ableugnen k�nnen; da� es durchaus m�glich ist, da� solche von der Wissenschaft noch nicht eingefangenen, unbekannten Strahlungen doch in unseren Seelen wirksam sind, ohne bisher je ein Abbild oder einen parallelen Erregungsvorgang in dem Sitz unseres Bewu�tseins erzeugt zu haben. Man denke bei allen Versuchen, diesem unerforschten Gebiet oft auf l�cherlichen Umwegen nahe zu kommen (Spiritismus, Okkultismus), nur immer an die Alchimie, in deren Brutst�tten in der Hand betrogener Betr�ger zwar nicht direkt das gesuchte Gold, aber doch die Beherrscherin unserer Kultur, die Chemie, ihre Geburtsst�tte und Wiege fand, jetzt eine reine Wissenschaft, bei der die sogenannte reale Exaktheit ihre h�chsten Triumphe schlie�lich nicht zuletzt in der Umgestaltung in preu�isch Kurant gefeiert hat. So hat schon jetzt von dem Spiritismus, Hypnotismus, Mediumismus die Psychologie die allerwertvollsten Anst��e erfahren; lassen wir also das V�lkchen der verwirrten Dogmatiker ruhig schalten und walten, und klopfen wir nur den �berbewu�ten Schwindlern ernstlich auf die Finger, welche raffiniert den v�llig berechtigten inneren Glauben der Mitmenschen an die oft zitierten "Mehr Dinge zwischen Erd' und Himmel" teils aus Ulk und Fastnachtsgel�st, teils aus Gewinnsucht und Eitelkeit geh�rig auszunutzen stets am Werke sind. Man kann nicht anders, als der Liebe und dem Ha� Mysterien zugestehen, denn sie sind ja die Funktion�re der Aushebung zum gro�en Marsch der Menschheitsarmee auf dunkle unbekannte Ziele zu, sie stellen ja die Methoden der Auslese dar, welche der Auswahl des Dienlichsten vorangeht. Mit welchen Mitteln die Seele in andern die zwingenden Relationen, die Erg�nzung des Ichs erkennt, das ist eben das vollkommene Mysterium, welches die Erforschung dieser Strahlungen und Bahnungen umgibt, eine Unkenntnis der Pfade und Wegrichtungen, die uns aber doch nicht berechtigt, die Existenz eines solchen inneren Erkennens zu leugnen. Die eiserne Notwendigkeit, im Leben zur Erhaltung der Art die der Beimischung notwendigsten, bef�higtsten Elemente herauszuwittern, sie macht uns zu Gef�hrten und Geschobenen trotz dem Gef�hl subjektivsten Willens; vielleicht aber ist das Gef�hl des freien Willens nichts als eine gn�dige Illusion, eine fromme L�ge der Natur. Die Natur mischt immer wieder aufs neue fast spielerisch die Karten, zerschmilzt, zerstampft, l�st auf und harrt geduldig der neuen Kristallisationen, die sich absetzen in dieser Riesenretorte Welt. Da in den Anf�ngen der Lebenssprossung die eingeschlechtliche Fortpflanzung die alleinige Methode der Abtrennung neuer Individuen vom Stammboden war, und erst sp�ter die zweigeschlechtliche Vereinigung in Form einer Infektion des Mutterbodens durch das m�nnliche Saatkorn auftritt, kann es nicht wundernehmen, da� dieser Trennung des keimf�higen Lebensplasmas in zwei Anteile auch eine grundverschiedene Formation der Seele der Geschlechtsrepr�sentanten entspricht. Kein Emanzipationsgel�st der Frau kann die offenkundige, differente Anlage der Geschlechtsnatur der Lebewesen zu ihrem Hauptzwecke, dem der Erhaltung der Art, verwischen und damit die ganz anders gegen einander gestellten Funktionen des Bewu�ten und Unbewu�ten in der Seele von Frau und Mann gleichmachen oder gleichsetzen wollen. Die unterbewu�ten Funktionen der Frau, ausm�ndend alle in der Hervorbringung des Wunders aller Wunder, des Menschensprossen, des neuen Repr�sentanten der Unsterblichkeit, der Menschheitsidee,--denn was ist ein Kindlein anders, als ein liebliches Glied der Kette, welche uns hin�berbindet in die Ewigkeit--haben ganz sicher einen �berragenden Anteil am Seelenleben gegen�ber dem Manne. Die �berraschende Urspr�nglichkeit der Frau wurzelt eben in der F�higkeit unterbewu�ter, schneller und zwingender Kurzschl�sse. W�hrend des Mannes Anteil am Aufbau des neuen Sprossen sich mehr der Ausbildung des Intellektuellen, des Bewu�ten, des zur Automatie erst sich Entwickelnden, die Probleme des Lebens bewu�t L�senden zuneigt, hat die Frau weit mehr den Bestand des schon Erworbenen, Instinktiven, Automatischen dem Nachgeborenen einzupr�gen (zu vererben). So ist es naturgewollt, da� die Frau somatischer, der Mann intellektueller ist, wenigstens ganz gewi� vom Standpunkte der Fortpflanzung aus, den wir--es hilft nun einmal nichts, so traurig das beim notorischen Geburten�berschu� weiblicher Wesen klingt--nun einmal in der Natur als das durchgreifendste Leitmotiv �berall f�hrend und lebendig finden. Wenn jetzt eine Bewegung durch die Frauenwelt geht, entstanden nicht aus den unterbewu�t dominierenden Forderungen der Generation, sondern aus den bewu�ten und zwar �konomischen N�ten der Erhaltung und Ern�hrung des Individuums, so glaube ich, mu� man die Frage aufwerfen, ob diese Emanzipation, diese Verschiebung der vitalsten Notwendigkeiten nicht doch etwas r�ttelt an den Grundbedingungen der nat�rlichen Ordnung, und ob sie nicht zerschellen wird an der brutalen Tatsache, da� eben es der Natur �berall weniger auf das Individuum, als auf die Art, weniger auf das Wohlbefinden des Einzelnen, als auf die ungest�rte Fortentwicklung des Ganzen ankommt, zwei Gesichtspunkte, von denen der eine menschlich, verg�nglich, der andere zeitlos und ewig ist. Ist es so gewi�, da� von dem Gew�hl der Grundtriebe in uns nur ein winziger Teil, n�mlich nur der ausl�sende Ansto� zur Willenshandlung, in unser Bewu�tsein ausstrahlt, so kann von den Sinneswahrnehmungen mit Sicherheit behauptet werden, da� sie doppelt angeschlossen sind: teils m�nden sie in automatische Sph�ren, und zum anderen Teil im Bewu�tsein, wo sie gleicherweise Kontakte d.h. Anst��e zur Regulation der bewu�ten und unbewu�ten Mechanismen ausl�sen, wie das auch vollst�ndig nachweisbaren anatomischen Strukturbildern entspricht. So z.B. wird nicht alles, was als Licht oder Schall oder Gef�hl auf unsere Sinnestasten wirkt, als Lichtempfindung �bertragen, sondern es m�gen ultraviolette Strahlen ebenso wie T�ne �ber und unter der als Ton wahrnehmbaren Skala unserem unterbewu�ten Getriebe zugef�hrt werden zur dynamischen Ausl�sung verschiedener Automatien, ohne da� auch nur ein leise wehender Hauch von den Tiefen der Unterseele �ber die Tasten unserer Bewu�tseinsklaviatur dahinf�hrt. Was hier von Licht und Ton gilt, trifft nat�rlich auf alle Arten von Empfindungswahrnehmungen zu, seien es �u�ere oder innere, vom vegetativen Organsystem gegebene. So l�sen St�rungen der Bauchorgane zum Teil Gef�hlsinhalte, Seelenstimmungen ganz typischer Art aus, wie das von den Hypochondrien sattsam bekannt ist, und es ist fraglos, da� ein Mensch sich schon leidend f�hlen kann, d.h. einen dumpfen Druck auf dem Ablauf seiner seelischen Registrierung versp�rt, lange ehe sein Bewu�tsein oder der Arzt von dem Herd der St�rung etwas aussagen kann. So erkl�ren sich die allgemeinen Unlustgef�hle der Neurastheniker, Hypochonder, Hysteriker, bei denen allein der tr�ge, adynamische, schleichende Ablauf der ern�hrenden Funktionen ohne jede organische Ver�nderung gen�gt, um mit dem der Lust des Lebens aufgezwungenen dumpfen Widerstand allein jede Lebensfreude zu verg�llen. Wie im Traume bei der Abblendung des Bewu�tseins von Raum und Zeit durch die rhythmische Schlafhemmung Organreize die Motive ausl�sen zu Ideenverkn�pfungen ganz bez�glichen Inhaltes, so kann bei Reizaufspeicherungen aus der Tiefe der Minenarbeit unserer somatischen Apparate die Vorstellung trotz aller ablenkenden Au�enreize immer wieder hineingezogen werden in die dumpfe Ahnung eines Unheils, einer Gefahr, einer sich vorbereitenden Katastrophe. Es ist das Ungl�ck der Hypochondrischen, da� sie recht haben, wenn sie behaupten, da� doch auch alle schweren Zust�nde von Krankheiten ganz ebenso beginnen: das hei�t mit dem dunklen Gef�hl einer herannahenden Gefahr. Es ist eine schwierige Aufgabe, sich an diese scheinbar die Wurzel des Lebens annagenden Sensationen zu gew�hnen und sie im Bewu�tsein ganz auszuschalten: immer wieder k�ndet die gr�mliche Miene, da� die gequ�lte Seele stutzt und nach innen sinnt, als wenn sie lauscht auf das Bohren und Nagen des b�sen Wurmes tief in geheimen Gew�lben. Umgekehrt wirken die frischen, kraftvoll dahinflutenden Wellen gesunder rhythmischer Ausl�sungen im Organsystem befruchtend und lebensgef�hlerh�hend auf unsere Seele, ein Bad, ein Marsch, eine heitere Gesellschaft enth�lt eine Unzahl solcher uns unbewu�t einverleibten Impulse, die wie kleine Peitschenhiebe auf die Zugkr�fte unserer inneren Bewegungen wirken, wahrscheinlich weil die dadurch im organischen Getriebe erzwungenen Entladungen alle aufgespeicherte Reservereizung ausgleichen, die Atmosph�re reinigen. Alle diese Reize wirken aber um so unmittelbarer auf unser Unterbewu�tsein, je mehr der st�rende Einflu� der Kontrolle durch das Bewu�tsein abgeblendet ist: im Rausch, im Schlaf, in der hypnotischen Fesselung der Seele, im Bann einer zentrierenden Idee, im Rausche der Kunst, in der rhythmischen Ekstase des Tanzes und der symbolischen Handlungen treten Wirkungen hervor, die eben ihrer unkontrollierbaren Unmittelbarkeit wegen stets etwas Mystisches an sich haben, so oft schon als Beweisvorg�nge �bernat�rlicher Gewalten, als das Wirken d�monischer Kr�fte angesprochen sind. Sie sind aber vielmehr Dinge, die nat�rlicher sind als viele andere Erscheinungen des Seelenlebens, �ber die wir uns, durch Erfahrung verblendet, nicht mehr wundern, denn sie offenbaren nichts als alteingewurzelte F�higkeiten der Seele, die uns nur deshalb so fremdartig erscheinen, weil sie in ihrem immer vorhandenen Mechanismus der Kontrolle durch das Bewu�tsein f�r gew�hnlich entzogen sind. In seltenen Momenten nur wirkt eben das Leben direkt nach Ausschaltung des Bewu�tseins, �ber dem solange ein h�llender Schleier des Versunkenseins liegt, auf die automatischen, alt�berkommenen Zentren, und staunend sieht der Beobachter Sicherheit, Zweckm��igkeit, Unmittelbarkeit, Zielgef�hl und Innenklarheit bei deutlichen Anzeichen von psychischer Bewu�tlosigkeit auftreten oft in einer besonders vollkommenen Reinheit, vollkommener, als er selbst diese Aktionen unter Beihilfe des oft nur st�renden Bewu�tseins zu vollbringen imstande w�re. "Ja, wie ist das m�glich, er ging doch ganz sicher", "er schwankte nicht einen Augenblick" "und war doch augenscheinlich ohne klares Denken!"--Das sind die gew�hnlichen, staunenden Fragen, auf die es nur die eine, nur scheinbar paradoxe Antwort gibt: er war so sicher, eben weil er nicht bewu�t war. Wir wissen jetzt, da� die Automatie eben dem Problematischen des Bewu�tseins in vielen Punkten �berlegen ist. Das Unterbewu�tsein hat also ganz sicher Ortssinn, Muskelsinn und Zeitsinn. F�r die beiden ersten F�higkeiten, denen durch Abblendung des Bewu�tseins unter Umst�nden gar nichts genommen werden kann, sind Rauschzust�nde aller Art beweiskr�ftig, und f�r den Zeitsinn des Unterbewu�tseins sei bemerkt, da� f�r mich das oft zitierte Aufwachen zu bestimmter Stunde kein Problem mehr ist, seit ich wei�, da� Helligkeit und Morgengrauen, Pendelschlag und Glockenton ebensowohl direkt wie �ber den Umweg durch mein Bewu�tsein hineinreichen in die tiefen Willenslager meines Wesens und da� man daher nicht zu glauben braucht, da� die in uns stetig pochende Uhr, das Herz, mit ihrem Sekundenzeiger, dem Pulse, auch imstande ist, Stunden und Minuten zu registrieren wie ein Chronometer aus Menschenhand. Wir sind am Ende unserer Untersuchung. Ich hoffe gezeigt zu haben, da� es nicht aussichtslos ist, den Blick nach innen zu richten und auf die scheinbar dunklen Nebel zu achten, welche aus der Tiefe der Brust aufsteigen in die Helle unseres beobachtenden Geistes. Hier und da erhascht man, sich selbst streng kontrollierend, doch einen fl�chtigen Zipfel des Gespenstertuches, und der herabgefallene Mantel zeigt kein so unbekanntes Gebild, da� man sich erschaudernd davon abwenden oder erzittern m��te vor dem Ding da, welches, ein Wesen f�r sich, nirgends in der Erfahrung eine Analogie hat. F�r viele Menschen hat das Unterbewu�te �hnlichkeit mit den Tiefenungeheuern der See, den Fabelschlangen, die nur hier und da ihren Leib an das Licht des Tages erheben. Manche glauben gar nicht daran, andere erschaudern vor der Mystizit�t seiner Natur, und noch andere, die genau hinsehen, k�nnen hier und da nachweisen, da� das gef�rchtete Ungeheuer weder eine Schlange noch ein Unget�m ist, sondern eine auf realen Vorg�ngen nat�rliche Spiegelung von Gesetzm��igkeiten, die sich im Grunde der See ebenso lebendig erweisen, wie im Gewoge der menschlichen Seele. SEELISCHE HEMMUNGEN UND SCHMERZEN Nicht ohne Verwunderung werden einige, welche vielleicht schon hier und da meinen Namen in irgendeiner Beziehung zu chirurgischen Dingen nennen h�rten, die Ank�ndigung dieser Essays �ber Kapitel aus der Seelenlehre vernommen haben. Aber es scheint bei n�herer Betrachtung doch auch gerade der Chirurg unter den �rzten alle Veranlassung zu haben, sich mit dem Wunder aller Wunder, der Menschenseele, recht eingehend zu befassen. Welch ernste Beziehung von Seele zu Seele, wenn ein leidender Mensch ohne Bangen und Zagen dem Wundarzt seiner Wahl Leib und Leben vertrauensvoll f�r Augenblicke h�chster Gefahr in die H�nde legt, in H�nde, an deren K�nnen und Vollbringen sich oft genug das Schicksal h�ngt! Wer m��te wohl mehr lernen, das leise und laute Bangen der Seele zu beschwichtigen und von irgendeiner geheimnisvollen, vielleicht oft gef�hrlichen Macht der Pers�nlichkeit Gebrauch zu machen, als der menschlich f�hlende Operateur? Wer s�he �fter die Menschenseele in ihrer echten Heldengr��e und in ihrer zitternden Unzul�nglichkeit frei von aller konventionellen Maskerade, als ein Chirurg mit offenen Augen und lebhaftem Anempfinden! Eins aber qualifiziert meiner Ansicht nach uns Chirurgen mehr als fast alle anderen Mediziner zur Psychologie, sofern wir nur wollen, _das ist das psychologische Experiment im gro�en Stil_, welches wir t�glich anzustellen von Berufs wegen gezwungen sind: die Narkose, die gewaltsame Bet�ubung der Seele. Ja, ein psychologisches Experiment allergr��ten Stiles nenne ich es, wenn wir durch Verabfolgung von fl�chtigen Gasen die Seele zwingen, alle ihre f�hlenden Polypenarme Schritt f�r Schritt zur�ckzuziehen, damit sie bis in die Tiefe eines selbst traumlosen Schlafes sich selber unbewu�t verharre im schwankenden Gleichgewicht zwischen Sein und Nichtsein so tief und so lange, wie es dem Operateur gef�llt. Wer Tausende von Malen aufmerksam den zu Bet�ubenden in die Fensterchen der Seele, in die Pupillen geblickt hat, der sollte doch wohl auch etwas wissen und sagen k�nnen vom Labyrinth der Brust und von den Tr�umen, die der Seele auf dem Wege in die Ewigkeit kommen m�gen. Eine Narkose ist ja wie eine Ouvert�re zur Trag�die des Todes, wenn Gott sei Dank auch nur selten das St�ck bis zu Ende gespielt wird! Was Wunder aber, wenn bei diesem, ich m�chte sagen, brutalen Eingriff in ein Getriebe der Seele, gegen welches das Zauberwerk eines Pr�zisionsinstrumentes aus Menschenhand ein j�mmerliches St�mperding ist, so leicht der filigranene Schleier nerv�ser Spinngewebe, um welche die Seele schwebt, zerrei�t und zerflattert! Was Wunder aber auch, wenn gerade dem Chirurgen immer wieder der Gedanke sich aufdr�ngt, da� hier ein _Mechanismus_ vorliegt in dem Vorgange des k�nstlichen Einschl�ferns in wenigen Minuten, oft in Sekunden, welcher dem Einschnappen einer Bremse, eines Kontrestromes, einer Hemmung in sehr wesentlichen Z�gen gleicht. Es ist mir nat�rlich nicht fremd, da� es unter den Psychologen eine m�chtige Gruppe gibt, welche die mechanische Analyse jeglicher Gehirnt�tigkeit im Prinzip ablehnt, und ich will im Verlauf dieser Auseinandersetzungen einmal das Gest�ndnis ablegen, da� ich nicht der Meinung bin, da� jemals die Physiologie uns den letzten Aufschlu� �ber das Wesen der Seele und des menschlichen Bewu�tseins geben k�nne. Das vermag sie ebensowenig, wie etwa die Physik das Wesen der Schwerkraft zu entr�tseln imstande ist; aber sie kann auf dem Wege des Experimentes und der Beobachtung immer eindringlicher die Bedingungen _beschreiben_, unter welchen dieses oder jenes psychische Ereignis eintreten kann oder mu�. Durch diese Einschr�nkung will ich mich ein f�r alle Male gegen den Vorwurf eines anma�lichen Materialismus verwahren. Ich m�chte um keinen Preis diejenigen, welche erkenntnis-theoretisch tiefer in diese Materie eingedrungen sind, als ich, verstimmen; mit der Aufdeckung eines Mechanismus ist ja aber nicht zwingend eine materielle Deutung verbunden. F�r mich ist der Mechanismus der Seele, wie der Mechanismus �berhaupt, als Weltanschauung gedacht, eine _ideale_ Betrachtungsweise. Durch Kenntnis des Kontrapunktes und der Harmonielehre ist der Genius eines Beethoven nicht beleidigt. Gott und seine Werke sind nicht weniger erhaben, wenn man nach Gesetzen sp�rt, unter denen sie sich offenbaren. Bei dem Wunderwerk der Seele kann unm�glich eine Betrachtungsweise ersch�pfend sein, und wie ein tiefer Bergsee gleichsam in jedem Lichte neue Zauber kundgibt, so vertr�gt es wahrlich das Geheimnis der "f�nfzehnhundert Millionen Ganglien" geduldig, ob man von dieser oder jener Ecke des Gelehrtenschreibtisches aus die Brille darauf einstellt. Frei �ber die Seele reden kann ja schlie�lich doch nur der K�nstler, der in der gl�cklichen Lage ist, dazu keiner Worte zu bed�rfen oder doch nur von Begeisterung und Ehrfurcht durchrauschter! Vielleicht gelingt es dem Thema auf eine kurze Spanne Zeit die verschiedenen philosophischen Richtungen zu vereinigen, und ich will mich jedenfalls bem�hen, den Leser m�glichst ohne Fachlupe gleichsam mit blo�em Auge heranzuf�hren an das Tats�chliche meiner Feststellungen, die ich mir erlaubt habe unter einem einheitlichen Gesichtswinkel zu gruppieren. Welche ungeheure Rolle spielt in der gesamten Erscheinungswelt, in dem Spiel der Kr�fte die Hemmung, der Widerstand! Ein Weltgesetz k�nnte man daraus formulieren; zu einem philosophischen System k�nnte man ihr Walten, die Idee von ihr ausgestalten! Ist nicht jede Form ein Resultat der Bewegung der Materie gegen einen Widerstand? Was ist die Anpassung anders, als Wirkung von Hemmung und Widerstand auf das vorw�rtstreibende Leben? Was ist der Rhythmus anders, als die periodisch gehemmte Bewegung! Was ist Bewegung anders, als die durch einen Widerstand in bestimmte Bahnung gezwungene Kraft! Und wie anders w�re Kraft zu erforschen und wirksam zu machen, als durch k�nstliche und bewu�te Einschaltung von spezifischen Widerst�nden! Vielleicht k�nnen wir �berhaupt niemals etwas wissen von dem Wesen der Kraft, sondern lernen und studieren nur immer feiner die Widerst�nde und die Hemmungen, welche die Urkraft zwingen, in so verschiedener Form in Erscheinung zu treten. Wer rief die Elektrizit�t in die Erscheinung, wenn nicht die Einschaltung geeigneter Widerst�nde (Isolation)? W�rde das Licht ohne Existenz eines �thers �bertragbar, ohne das brechende Medium analysierbar sein? Wird es nicht sichtbar am Widerstand unserer Nervenmaterie? Was sagt das Newtonsche Weltgesetz anderes, als da� die r�tselhafte Eigenbewegung der Gestirne durch Anziehung und Absto�ung in bestimmten Bahnen dauernd gehemmt ist? Vollenden nicht auch Sonnen ihre "_vorgeschriebene_ Reise"? Wohin wir sehen: Kr�fte, Eigenschaften, Bewegungen, die wir noch nicht, ja niemals verstehen k�nnen, und Hemmungen, Widerst�nde, die wir erforschen, ja willk�rlich ver�ndern k�nnen. Nur das Studium der Hemmungen enth�llt die Gesetzm��igkeiten. Erst die Herrschaft �ber die Widerst�nde gibt dem Menschen die scheinbare Gewalt �ber die Kr�fte oder �bermittelt die Ahnung von ihrer Gesetzm��igkeit. So hat sich denn auch bei der r�tselhaften Natur der seelischen Kraft f�r die Psychiatrie und die Psychologie der Gedanke an das Walten der Hemmung in der Seele als �beraus dankbar erwiesen; liegt doch in dieser Betrachtungsweise eine kluge und fruchtbare Beschr�nkung. Ich m�chte sagen, da� erst mit der weiteren Ausbildung der Hemmungslehre ein neutraler Boden geschaffen werden wird, auf dem Philosophen jeder Richtung miteinander verhandeln k�nnen, ohne sofort bei der Frage nach der Natur der Seele in einige Dutzend feindlicher Heere gespalten zu werden. Wer die Hemmungen, unter denen sich die seelische Kraft �u�ert, studiert, pr�judiziert ja nichts �ber das Wesen, �ber G�ttlichkeit und Unsterblichkeit der Seele, nichts �ber Geisterwesen und Transzendenz, sondern, da er das Bild nicht zu entbl��en vermag, begn�gt er sich an dem Studium der Schleier, welche die Himmlische umwallen, und hofft vielleicht durch leises Betasten der dunklen H�llen ihre Formensch�nheit zu ahnen. Freilich w�rde die bisherige Annahme der Physiologie, wonach die Hemmungen im Nervensystem eingeschaltet w�rden gleichsam durch Kontrestr�me wiederum nerv�ser Natur, nicht viel Terrain gewinnen lassen, weil wir ja dann wieder angewiesen sind auf das Studium nerv�ser Kraft, die wir eben nicht entr�tseln k�nnen. Wenn wir uns das Gehirn des Menschen oder besser sein gesamtes Nervensystem vorstellen als einen Sternenkomplex von Milliarden kleinster schwingender Sonnenst�ubchen, die durch ein unnennbar feines Maschennetz von leitenden F�dchen, den Ganglien und ihren Forts�tzen, miteinander verbunden sind (wobei wir denken m�ssen, da� dieses Milliardensystem im kleinen Raume des Sch�dels wunderbar zusammengef�gt ist), und wenn wir annehmen, da� es Str�me und Erzitterungen elektroider Bewegung sind, welche Empfindungen, Begriffe, Handlungen ausl�sen--so ist es klar, da� niemals alle diese kleinen Sinnesspulen, Begriffstaster, Telephone und Markoniapparate s�mtlich zu gleicher Zeit auf- und niedergehen und sich die goldenen Eimer reichen, sondern wir m�ssen annehmen, da� immer nur eine oder sehr wenige Bahnen frei sein k�nnen; alle anderen m�ssen im Augenblicke des Erklingens einer einzelnen Gruppe ausgeschaltet, gehemmt sein. Das ist genau so, als wenn ich an meinem Telephon nur dann mit einem andern Teilnehmer sprechen kann, wenn alle �brigen tausend Nummern des Anschlusses f�r mich beraubt sind. Nur immer ein Gedanke ist zeitlich frei, die Milliarden anderen gleichzeitig gehemmt. Alle unsere Wahrnehmungen, Gedanken, Bewegungen, Willensimpulse sind aus zeitlich aufeinanderfolgenden Aktionen zusammengesetzt, und in dem schnellen Wirbel des Ablaufens der Gedankenspule folgt doch immer die T�tigkeit eines Systems der eines anderen, wenn auch mit Blitzesschnelle. Was wir die Konzentration des Gedankens nennen, ist in die Sprache der Hemmungslehre �bersetzt Ausschaltung aller Systeme bis auf eine Gruppe. Es leuchtet ein, da� also der Ingenieur, welcher unter dem Dache der Intelligenz sitzt und welcher die Systeme ein- und ausschaltet, der eigentliche Herr unserer Seele ist. Nimmt man nun mit der allgemein g�ltigen Lehre an, da� auch dieser Maschinenmeister nerv�ser Natur ist, so kommen wir mit unserer Assoziationslehre, mit der Lehre, da� Seelenleben eine Kette von Ganglienzellenbewegungen bedeutet, meiner Ansicht nach in die Br�che. Dann ist nicht das Gangliensystem, nicht das Gehirn der eigentliche Sitz der Seele, sondern dann ist der eigentliche Spiritus rector animae nur der Teil der Nervensubstanz, welcher der Hemmung vorsteht, dann sitzt der eigentliche Pr�sident unserer Seele in den �brigens hypothetischen Hemmungszentren, und es wird noch r�tselhafter, woher denn eigentlich gerade diese kleinen Bezirkskommandos ihre die ganze Armee beherrschende �berlegenheit beziehen. Solche Seelenquartiere �ber der Seele, solche Oberseelen vermehren also meiner Meinung nach nur die R�tsel, statt sie zu vereinfachen. Das w�re ein Spiel von Seelent�tigkeiten, bei welchem man niemals klar wird, wer nun eigentlich die Tr�mpfe in der Hand h�lt, wer einschaltet und wer ausschaltet, dann g�be es nur eine g�nzlich verborgene mystische Einheit, und jegliche mechanische Analyse der Seelent�tigkeit w�rde zu einem zwecklosen Spiel mit Worten. Ich mu� es mir leider versagen, an dieser Stelle des weiteren die Unhaltbarkeit der Lehre vom Strom und Gegenstrom in unserem Gehirnapparat darzutun, und mu� mich neben diesen kurzen Andeutungen damit begn�gen, auch auf den Mangel aller Analogie aus der Elektrizit�tslehre hinzuweisen: erkl�rt man die Gruppenerzitterungen der Ganglienzellen f�r das Wesen der seelischen Vorg�nge, so kann man nicht ihre Hemmung als einen analogen Vorgang auffassen, ohne gleich noch eine Seele �ber der Seele zu fordern, und ohne zu behaupten, da� der in das Gehirn eindringende Reiz gleichzeitig zur Erregung und Ert�tung der Nervenstr�me dient. Dann m��te also dieselbe Ursache auch den Grund ihres Nichtseins darstellen. Das ist meiner Ansicht nach nur die Maskierung eines metaphysischen Prinzipes mitten in einer mechanistischen Analyse. So unbefriedigt mich nun die bisherige Form der Hemmungslehre, wonach also ein Nervenstrom den anderen aufhebt, gelassen hat, so fruchtbar erwies sich mir eine andere Betrachtungsweise, welche die hemmende T�tigkeit einem ganz anderen System _nicht_ nerv�ser Natur �berweist, n�mlich dem an den Ganglien vor�berkreisenden Blute. Da� das Blutwasser tats�chlich stromhemmende Kraft hat, kann man, wie wir noch sehen werden, direkt beweisen, und es mu� nur aufgezeigt werden, in welcher Weise es an die Gangliensysteme herangelangt. Dazu bedarf es des Nachweises eines besonderen Apparates, der, an das Blutsystem angeschlossen, den Blutsaft gegen die Hirnzelle bewegt. Dieser wichtige Apparat, welcher nach meiner Auffassung die Rolle isolierender, zwischen die Ganglienzellen eingeschobener feuchter Platten spielt, ist der Lymphapparat des Gehirns und R�ckenmarks, die _Neuroglia_. Bisher war man der Meinung, da� dieses feine Maschennetz bindegewebiger Fasern, in welchem die nerv�sen Apparate im Gehirn und R�ckenmark aufgeh�ngt sind, eben ein St�tzapparat sei, um welchen sich die Ganglienketten wie Schlinggew�chse, wie etwa Winden um Drahtschlingen, st�tzend ranken, ein Gitterwerk, das gleichzeitig die Bahnen der ern�hrenden Blutgef��chen tr�gt. Die Neuroglia sei, wie die Wissenschaft sich ausdr�ckt: St�tz- und N�hrgewebe. Dagegen spricht mancherlei: vor allem die h�chst komplizierte und differenzierte Form dieses Abk�mmlings des Bindegewebes. St�tz- und N�hrgewebe finden wir �berall im K�rper: es gibt ebenso, wie es ein kn�chernes Skelett gibt, ein bindegewebiges. Der Leib ist, wenn man alle spezifische Organmaterie hinwegdenkt, ein geformter Bindegewebsschwamm, d.h. alle Organe, Muskeln und Weichteile sind aufgeh�ngt gleichsam in fasergewebigen, z�hstr�hnigen Maschen und Netzen, gleichwie das Fleisch einer Orange h�ngt in einem harmonischen Gitterwerk der Fasern. �berall in jedem Organ ist die feine Struktur dieses Gewebes dieselbe: _nur_ im Gehirn und R�ckenmark ist dieses St�tzgewebe von unerh�rt kompliziertem Bau. Die Hirngef��e, und nur sie, umspinnt eine feine geschlossene Drainage und R�hrenmasse von Geweben, in welchen Blutwasser von den Gef��en durchsickernd und gleitend gelagert ist; von diesen muffartigen Gef��r�umen gehen unz�hlige Kan�lchen an alle Gangliensysteme und liegen in sternf�rmigen Umh�llungen, genau den Formen der vielgestaltigen Ganglienzellen angepa�t, um die kleinen elektrischen Zentralk�rper, etwa wie ein allseitig geschlossener Handschuh um die Finger. Diese Strahlen und Sterne begleiten Fasern und Kugeln der Nervensubstanz und sind f�llbar und entleerbar von dem plasmatischen Blutsaft, wie Milliarden kleiner Schw�mme und rispenartiger Futterale. Meine Annahme gipfelt nun darin, da� diese Neuroglia das ist, was in der Elektrizit�t das umh�llende Seidengespinst um einen elektrischen Draht, was die Isolierung der Kabel und Akkumulatoren darstellt, da� ihr funktioneller F�llungsgrad mit Blutwasser den Kontakt der Ganglien verhindert, und da� ihr wechselndes Leersein das �berspringen der Seelenfunken beg�nstigt, Mittels des Blutgef��systemes also vollzieht sich das, was wir vorher Ein- und Ausschalten des Seelenstromes genannt haben. Es sei mir gestattet, hier auf den feineren anatomischen Nachweis der M�glichkeit einer solchen Funktion der Neuroglia, welche ein absolutes Novum in der Medizin ist, zu verzichten; ich habe in meinem Buche "Schmerzlose Operationen" diesem Nachweise gen�gend Raum gegeben, hier will ich mich an die Probe auf das Exempel machen, n�mlich die Anwendbarkeit dieser Anschauung auf einige besondere Bewu�tseinsformen pr�fen. W�re also der gewisserma�en gefilterte Blutsaft von einer solchen Beschaffenheit, da� seine Anwesenheit zwischen den Ganglien ihre Kontakte aufhebt, so m��ten, wenn meine Anschauung richtig w�re, die Vorg�nge, welche Blutwasser im Gehirn pl�tzlich und ohne Ausgleichsm�glichkeit anstauten, unweigerlich Bewu�tlosigkeit zur Folge haben. Denn denken wir uns �berall um die Ganglien eine Fl�ssigkeitsschicht, welche stromhemmend wirkt, aussickern, so m�ssen ja die Assoziationen unm�glich werden, weil nirgends Erregungsstr�me kommunizieren k�nnen. In der Tat: das ist der Fall. Dr. _Jordan_ hat in einer Arbeit �ber ein auf der Insel Java von den Eingeborenen ge�btes Narkoseverfahren berichtet, welches darin besteht, da� von r�ckw�rts her dem Kranken am Halse beide gro�en Drosseladern fest zugedr�ckt werden. Dann ist der Abflu� des gesamten Blutes vom Gehirn gehemmt und es entsteht das, was am Finger nach einer festen Umschn�rung mit einem Gummiring sich bildet: ein �bertritt von Blutwasser in die Gewebsmaschen. Der Finger wird taub, und nicht anders ist es im Gehirn, es wird auch taub unter dieser gewaltsamen Vollpressung mit Blutwasser, es verliert die F�higkeit, seine Apparate spielen zu lassen, bewu�t zu sein: der Betroffene liegt f�hllos und bewu�tlos, wie narkotisiert. Aber es gibt noch andere M�glichkeiten zur �berstauung des Gehirns. St�rzt jemand so ungl�cklich, da� ein erheblicher Blutergu� sich zwischen Sch�delkapsel und Gehirn ansammelt, so verhindert das sich bildende feste Gerinnsel in �hnlicher Weise den Abflu� des Gehirnblutes aus der Ader des Galenus und aus den Drosselvenen; die Folge ist wieder �berschwemmtwerden des Gehirns mit Hemmungssaft, Aufhebung des Ganglienkontaktes, Bewu�tlosigkeit! Nicht anders, wenn ein Gehirngef��, verkalkt und br�chig, unter einer pl�tzlichen Wallung beim sogenannten Schlaganfall birst, und nun das pressende Blutgerinnsel in ganz gleicher Weise von innen her den Abflu� hemmt; es entsteht wiederum die tiefe und langdauernde Bewu�tlosigkeit, die so lange w�hrt, bis der Abflu� reguliert ist und die Ganglien durch Fortfall der umklammernden Hemmung anschlu�f�hig geworden sind, wobei die entstehenden L�hmungen auf Rechnung der direkten Aufw�hlung von Hirnsubstanz kommen. Die Mediziner werden mir gleich zurufen: Halt! es gibt doch Bewu�tlosigkeiten ohne gehemmten Blutabflu�! Sehr richtig! Es gibt aber auch zwei Formen von Bewu�tlosigkeit, welche theoretisch und praktisch gerade auf Grund dieser Anschauungen ganz scharf voneinander zu trennen sind. Wenn in den erw�hnten F�llen das Bewu�tsein schwindet, weil eine komplette �berschwemmung mit hemmender Blutfl�ssigkeit die Ganglien festbannt und ruhigstellt, so ist es klar, da� auch noch auf eine andere Weise gerade unter Fortfall der Hemmungsfunktion eine Bewu�tlosigkeit denkbar ist, n�mlich die, bei der s�mtliche Ganglien mit einem Male gleichzeitig miteinander in Kontakt stehen. Das w�re so, als wenn pl�tzlich in einer Telephonzentrale alle Meldeglocken gleichzeitig erkl�ngen; auch dann w�rde die Seele der Station, das Meldefr�ulein, wahrscheinlich jegliche Fassung verlieren. Im Krankenhausdienst konnte ich nicht genug auf diese Form der Bewu�tlosigkeit, welche sich also unter einer vollst�ndigen Entleerung aller Hemmungsmaschen vollzieht, aufmerksam machen. Unter dem Anprall des Sch�dels gegen eine harte Unterlage entsteht bei der Gehirnersch�tterung, ohne direkte Verletzung der Substanz des Gehirns, ein nerv�ser Chok der Blutgef��e, sie erblassen, werden krampfartig ausgepre�t, und die Folge ist eine reflektorische Starre der Gef��e, v�llige Leere, Volumenverminderung des Gehirns und Massenkontakt aller sich nahe ber�hrenden Ganglien. Bewu�tsein ist nicht m�glich, weil alle Walzen gleichzeitig schnurren und die ganze Hirnorgel in allen Registern und Pfeifen gleichzeitig erbraust ohne Rhythmus und ohne Melodie. Diese Harmonielosigkeit ist eben Bewu�tlossein unter Neurogliakrampf und v�lliger Blutleere des Gehirns. Wie mit einem Schlage erhellt sich uns nun das ganze Gebiet der Bewu�tlosigkeiten, vom Schwindel bis zur Ohnmacht, die bei Hirnersch�tterung, beim Chok und bei allen erheblicheren funktionellen Blutdruckschwankungen auftreten, und bei denen die ganze Symptomengruppe direkt entgegengesetzt ist jenen Formen der Bewu�tlosigkeit durch Behinderung des Abflusses. W�hrend bei den Formen der Bewu�tlosigkeit durch Blutleere (beim Verbluten, bei Ohnmacht durch Schreck und Schmerz) Kr�mpfe und Herzflattern, flache Atmung und Gesichtsbl�sse, weite Pupille und Muskelzittern das Bild vervollst�ndigen, sehen wir bei der Bewu�tlosigkeit durch Hemmungseinschaltung Regungslosigkeit und Herzstrotzen, tiefe, schnarchende Atmung, blaues Gesicht und Pupillenenge in Erscheinung treten. Mangelndes Bewu�tsein aber in beiden F�llen: einmal, weil alle Ganglien gehemmt, das andere Mal, weil alle zugleich ungehemmt sind. Wie wunderbar stimmen zu dieser Anschauung die Ergebnisse des Experimentes! _Albert_, einer der bedeutendsten �sterreichischen Chirurgen, hat in seinen ber�hmten H�mmerungsversuchen am Sch�del trepanierter Tiere nicht eher Bewu�tlosigkeit auftreten sehen, als bis die Blutgef��e in Krampf und Entleerung durch Reflex gerieten. Und _Deutsch_ in Wien sah bei einem Kinde mit traumatischem Sch�deldefekt und freiliegendem Gehirn bei jedesmaligem Eintritt von Schlaf die Hirnrinde tiefblau werden. Viele Chirurgen behaupten auf Grund direkter Beobachtung w�hrend der Operation, da� das Gehirn in der Narkose blut�berf�llt sei, andere behaupten noch heute das strikte Gegenteil. Mit einem Schlage wird durch meine Annahme der Widerspruch guter Beobachtungen aufgehellt: es gibt eben zwei Formen der Bewu�tlosigkeit: eine hyper�mische mit komplettem Blut�berschu� und eine an�mische mit komplettem Blutmangel. So konnte auch in meinem Sinne mit Leichtigkeit eine Theorie des Schlafes und der schlaf�hnlichen Zust�nde gegeben werden, welche befriedigen d�rfte. Der Schlaf ist ein aktiver Vorgang der Neurogliat�tigkeit, eine rhythmisch-periodische Funktion der Neuroglia, urspr�nglich ausgel�st durch Sonnenuntergang und normal unterbrochen durch Sonnenaufgang. Er besteht in einer Abblendung des Bewu�tseins f�r Raum und Zeit, in einer Aufhebung des Orientierungsverm�gens f�r unsere Umgebung, und vollzieht sich durch eine Blutf�llung der Hirngef��e und der Neuroglia auf reflektorischem Wege, gleichsam durch eine Dehnung des Gef��herzens, durch einen Akt der Gef��muskeln, welche sich erweitern und damit buchst�blich die hemmende Tarnkappe �ber die Gangliensysteme st�lpen. Es leuchtet ein, warum, wenn diese Grundanschauungen richtig sind, der Schlaf keine v�llige Aufhebung des Bewu�tseins erzwingen kann. Da nur die j�ngsten Sprossen des Gehirnstammes, die Zonen des assoziativen Denkens, nachweislich anatomisch von solchen komplett f�llbaren Neurogliamaschen umh�llt sind, kann sich die Schlafhemmung nicht bis auf die tiefen, unterbewu�ten und automatischen Gebiete unseres Gehirnlebens, welche durch starres Bindegewebe definitiv isoliert sind, erstrecken. Mein Ichbewu�tsein ist im Traum v�llig wach, meine Erinnerung ist lebendig, meine Phantasie steht in v�llig von der Logik ungefesseltem Spiel und ist im Traum deshalb um so beweglicher, als alle Arten von Au�enweltreizen, ein bellender Hund, eine schlagende T�r, ein Schu�, ein Ruf, ein Lichtschein, durch meine Lider einfallend zeitweise und ruckartig imstande sind, die Hemmung zu durchbrechen und unter dem Spiel zwischen Aktion und Ausschaltung das Kaleidoskop des Traumes immer von neuem zu sch�tteln. Ein ewiger Strom von Lebensreizen flutet auch unter dem Zeltdach des Schlummers durch die Gem�cher unserer Seele. Str�me, die mit aller Gewalt, wie starke Affekte, unsere Harfe in der Seele durchtoben, Erregungen, die im Laufe des Tages ihren Ausgleich erzwingen in entschlossenem Willen und Handlungen, sind gemeinhin nicht Gegenst�nde unseres Traumlebens. Die feinen, schnell verrauschten Motive, welche der brausende Strom des Lebens leicht f�r den Augenblick �bert�nen kann, sind es, welche sich im Netz der sinnenden Seele bei Tage fangen wie schillernde Fliegen im Gespinst der Spinne und nun des Nachts ihre luftigen Schwingen wieder heben. Ein tiefer Schmerz, ein Ereignis, das uns laut aufschluchzen oder jauchzen l��t, ist gew�hnlich kein Traummotiv, aber wenn wir uns belauschen, die kleinen, die verlorenen, die nur gestreiften Dingelchen sind es, die bei Nacht der Bildnerin Phantasie die bunten F�dchen in die H�nde spielen. Sie webt nun im Gegensatz zur registrierenden Logik des wachen Bewu�tseins in einer unter dem Teppich der Hirnhemmung w�hlenden, umgekehrten Richtung die Ganglienbildchen aneinander, flickt dieses Glied an jenes, aus allen Tierreichen Torso an Torso, bis Wunderwesen mit Fl�geln und Flossen, Schuppen und H�ckern entstehen, bis gespiegelte Taten und Ereignisse sich reihen zur sinnigsten Unsinnigkeit. Nur wer ganz tief schl�ft, tr�umt nicht, nat�rlich: weil die Hemmung zu fest die Tasten niederdr�ckt, als da� ein Nachtelfchen der Idee �ber die Klaviatur dahinhuschen k�nnte. W�hrend also im Wachzustande die Registerz�ge und Stimmentaster unserer Hirnorgel in ewigem Wechsel bald tausend Gruppen dieser, bald jener Gangliensysteme vom Strom seelischer Erregungen erklingen machen, wobei der Rhythmus des pulsenden Herzens zugleich mit dem so empfindlichen Spiel der Gef��verengerer und -erweiterer das eigentliche Schwungrad des Betriebes abgibt, flackert in der Stille des Schlafes nur hier und da ein leiser Akkord unter dem D�mpfer der Hemmung auf. W�hrend dem wachen Gehirn die Reize von au�en in tausend Gruppenmeldungen und Erzitterungen der Ganglien zugef�hrt werden und sich in elektroiden Anh�ufungen zu Vorstellungen und Willensaktionen verdichten, wobei jedem eindringenden Reiz sein seelisches �quivalent entspricht, entstehen im Schlafe die Gedanken als Bewegungen gleichsam verschluckter Spannungen und kreisen ohne Ausgleich, wie gefangene wei�e M�uschen, im Gehege und Gitterwerk der feinen Nervenlabyrinthe. Wo eine L�cke, ein Spalt von der Hemmung freigelassen ist, dahinein geht der Strom der Tr�ume immer vor und zur�ck stets in der Richtung des geringsten Widerstandes. Denn wie jede Bewegung gehorcht auch der Gedanke dem Gesetz der Richtung gebenden Macht des Widerstandes. Nehmen wir an, da� der Hemmungsfortfall in der zuckenden Neuroglia diese Richtung bestimmt, so sind wir in einem psychologischen Irrtum befangen, wenn wir davon sprechen, da� wir unsere Aufmerksamkeit auf irgend etwas konzentrieren; in Wahrheit konzentriert dieses Etwas uns. Das was wir "bewu�t aufmerken" nennen, ist das Gef�hl von dem Zug und Z�gel, welches die Dinge an unseren Nervenf�dchen aus�ben. Auf den feinsten Nervensaiten Pr�ft ein Spielmann sein Gedicht, Wohl f�hlst du die Finger gleiten, Doch den Spielmann siehst du nicht! Dieser gro�e Spielmann kann ebensowohl ein transzendentes Wesen sein, wie die unfa�bare und unentwirrbare Summe der Wirkung aller Weltendinge auf uns. Denn alles wirkt auf alles und in jeder Entfernung, ob mit, ob ohne Draht und Nervenf�dchen. Die Seele des Menschen gleicht einem Prisma, einer frei im Raume getragenen Markonitafel, in denen sich die Weltenstrahlen brechen; dieses Medium, in welchem sich Sonnenlicht, �therwelle und jeder Reiz transformiert, ist einzig Objekt wissenschaftlicher Analyse. Wir studieren auch hier nur die Hemmungen, welche sicherlich den Schwingungen einer Weltseele in unserem Leibe wie in den Saiten einer �olsharfe entgegengespannt sind, und k�nnen nur in uns hineinlauschend den Anprall des Odems der Natur zu einem ahnungsvollen Liede vereinen. Die Reizbarkeit, welche schon die Fr�hgeborenen des Lebens besitzen, gilt es nachzuweisen auch in den h�chsten seelischen Funktionen, die Widerst�nde aufzufinden, unter welchen die Seele dieses tut und jenes l��t: das ist einzig, ohne vermessen auf den Grund des Lebens zu langen, Gegenstand naturwissenschaftlicher Forschung. Warum und wodurch diese Reizbarkeit zu Geist wird, kann nur der beantworten, welcher der Erfinder und Sch�pfer dieses Weltsystemes ist. F�r mich ist also der Schlaf die Folge eines periodischen Au�erbetriebsetzens unserer gesamten Orientierungsapparate, welche wir Ganglien nennen. Ein D�mpfer wird eingeschoben, eine Hemmungskurbel gedreht, und der wesentliche Lenker dieses Hemmungsmechanismus ist der Fortfall des Reizes des Sonnenlichtes und seine periodische Wiederkehr. Die diesen Reiz �bermittelnden Nervenfasern geh�ren nicht zum Zentralnervensystem, sondern sie geh�ren zu dem Sonnengeflecht des Sympathikus und zu seinen Abk�mmlingen, welche �berall die Gef��e vom Herzen bis in die feinen �stchen des Lebens umranken. In den Ausl�ufern des Hirngef��systemes kreist aber der hemmende Saft, der besonders dazu gebildetes Gewebe durchtr�nkend die Ganglien an gegenseitigem Kontakt verhindert. So wird endlich einmal klar, warum der, entwicklungsgeschichtlich gedacht, fr�heste Nerv, die erste in der Tierreihe auftauchende Andeutung eines nerv�sen Apparates, der Sympathikus, der Seele Erstgeborener, an Weichtieren zum ersten Male zu einer Zentrale der Reaktionen ausgestaltet, auch im Gottmenschen des Genies noch der Herr des Lebens bleibt! Auch die feinsten und erhabensten Gedanken eines sch�pferischen Gehirns werden in Schranken gehalten von der gleichsam das gesunde Wachstum der Ideen garantierenden und sch�tzenden Faust des eigentlichen Lebensnerven, des Sympathikus! Hier liegt die einzige, anatomisch begr�ndete Grenzscheide zwischen Genie und Wahnsinn. Denn wehe! wenn seine Wurzeln erkranken und damit die Hemmungen fortfallen, welche der lebenf�rdernden Harmonie der seelischen Erregungen �bergeordnet sind. Die Psychiatrie wei� genug zu berichten von der Entg�tterung der menschlichen Seele, die Platz greift, wenn der Hemmungsmechanismus fehlerhaft funktioniert. So hat mir diese Anschauung auch Aufschlu� gegeben �ber die Natur des Temperamentes, indem danach sehr wohl eine geringere oder st�rkere Hemmungsf�higkeit des Blutsaftes des Individuums und ganzer Nationen die Ursache f�r die gr��ere oder geringere Schnelligkeit der Ausl�sungen seelischer Kontakte sein kann. Ja diese Anschauung vers�hnt einigerma�en die Wissenschaft mit der tief in allen V�lkern lebenden Vorstellung vom "guten und schlechten Herzen" als einem Teil seelischer T�tigkeit. _Das Herz ist danach nicht so unbeteiligt am Gem�ts- und Seelenleben, als man gemeinhin denkt._ Nicht nur, da� seelische Erregungen sich nachweislich dem Herzen mitteilen, sondern auch die T�tigkeit des Herzens und die Beschaffenheit des Blutes hat danach verst�ndlichen Einflu� auf unsere Allgemeingef�hle. Die sprachliche Wendung: "das liegt ihm im Blute" ist also nicht so sinnlos, wie sie scheint, wie �berhaupt die Sprache ja oft f�r den Hellh�rigen die alleinige Verr�terin tiefster, geheimnisvoller Vorg�nge im Getriebe des Gehirns ist, was nicht wundernehmen kann, da sie ja eine Art Projektion zentraler Mechanismen ist. Wie ungeheuer gro� ist das Kapitel vom Zusammenhang seelischer Zust�nde mit der krankhaften Ver�nderung der Bluts�fte! Schritt f�r Schritt k�nnen wir in der Pathologie verfolgen, wie der Gem�tszustand direkt in Abh�ngigkeit steht von der Beschaffenheit der _Blutmischung_. Wie fein reagiert das Nervensystem auf die geringste Abweichung des Mischungsverh�ltnisses der einzelnen Komponenten! Die Vorg�nge dabei sind viel zu pl�tzlich und reflex�hnlich, als da� sie allein durch eine chemische Alteration erkl�rt werden k�nnten. Eine leise Verstimmung des Magens, eine Obstipation kann uns tief melancholisch machen, und eine gro�e Freude rei�t mit der Erh�hung des Blutdruckes im Gef��system und der Beschleunigung des Blutstromes ohne weiteres die Trauerschleier vom Antlitz unseres vergr�mten Gem�tes. Der Gef��nerv (Sympathikus) und die durch ihn erzwungene wechselnde F�lle der Neurogliazotten l��t eben die Assoziationen in allen Graden erleichterter oder erschwerter Kombination vor sich gehen. Die Beteiligung des Herzens, des Blutdrucks und der Neurogliaf�llung in Form eines ein- und ausschaltenden Isolationsmechanismus gibt auch einen Schl�ssel, warum unsere Seele gleichsam auf eine rhythmische Natur gestimmt ist. Der Urgrund, warum der Mensch ein tiefinnerliches Grundgef�hl f�r Rhythmus und Gegens�tzlichkeit, f�r Dualismus, f�r die Zweiseitigkeit aller Dinge auf Erden hat, ist eben in dem rhythmischen Ein- und Ausschalten unserer Wahrnehmungsapparate, der Ganglien, gegeben, da sie urspr�nglich vom Pulse diktiert werden. Das Gehirn pulsiert ja sogar sichtbar, wenn man es freilegt, selbst an kleinster Stelle. Flutet die Blutwelle mit der Zusammenziehung des Herzens hemmend zwischen die kleinen Seelentelephone, so werden sie abgestellt, um beim Nachla� und Abstr�men des hemmenden Mediums schnell nacheinander wieder bahnfrei zu werden. Die Aufeinanderfolge der einzelnen Systeme wird dabei reguliert vom Spiel der Gef��nerven, welche, das mu� immer wieder direkt betont werden, einem ganz eigenen Nervenkomplex, dem Sympathikus angeh�ren, der einen gleichsam zwischen Hirn- und R�ckenmark eingeschalteten automatischen Stromregulator darstellt. Auf allen den Millionen Pfaden der Sinnesstra�en str�men unaufhaltsam und ununterbrochen Reizwellen zum Gehirn. Sie alle werden gestaut in den unz�hligen Reizakkumulatoren und Transformatoren des Gehirns, den Ganglien, und erst wenn die feuchte Platte der Neuroglia stromdurchl�ssig wird, springt die Blitzkette der Entladungen von System zu System, immer die L�cken erhaschend, welche die geschw�chte Hemmung offen l��t. Das ist die Bahnung, die �bung, die Einschleifung in meiner Auffassung. Darin, da� die �ffnung und Schlie�ung dieser Bahnen rhythmisch erfolgt, liegt der Grund f�r die Rhythmik unseres Tuns und Denkens, der Grund zur Rhythmik der Arbeit, zur Hebung und Senkung unserer Sprache, zum Verse, zum Liede, zur sch�nen Linie, zur Architektur, genug zur Gesamt�sthetik. Denn im Grunde ist alles das meinen Sinnen wohlgef�llig, was ihrem nat�rlichen Rhythmus von seelischer Ein- und Ausschaltung sich einf�gt, und unlustgebend dasjenige, welches ihm widerhaarig ist. Daraus folgt auch, da� der �sthetische Geschmack darum so verschieden ist, weil der Rhythmus etwas durchaus Pers�nliches, an mein Temperament, an meine Apperzeptionsf�higkeit in einer gewissen Zeiteinheit, n�mlich der zwischen Systole und Diastole des Herzens, Gebundenes darstellt. Ich kann hier nat�rlich nur andeuten, wie aus der durchschnittlichen Einheit von 60 Schl�gen in der Minute der Mensch sein Zeitbewu�tsein hergeleitet hat, indem ja in ihm eine wirkliche Uhr, das Herz, von Anfang an ihr Ticktack schlug, genau so, wie er den Fu� und das Fingerglied zum Raumma� und die f�nffache Strahlung der Hand zum Dekadenzahlsystem ausbaute. Da nun, wie experimentell nachweisbar, unser Herzrhythmus unter den allerverschiedensten Einfl�ssen schwankt, wie die Wirkung von Mensch auf Mensch direkt am Pulse me�bar wird, so versteht man besser als sonst, warum in der Kunst ein so starkes Moment der Aufsuggerierung eines pers�nlichen Rhythmus zur Geltung kommt, welches den Zuh�rer oder Beschauer v�llig in den Bann des Sch�pfers sch�ner Rhythmen zwingt. Das Hingegebensein des eigenen Seelengetriebes an ein m�chtiges fremdes, die Seele neu erf�llendes Durchwogen und Durchgl�hen ist eben die Quelle jedes echten �sthetischen Genusses, nach dem sich ein bewegliches Herz dauernd sehnt. Habe ich damit die mechanische Seite der Suggestion gestreift, so ist von hier bis zur Analyse der Hypnose auf mechanischem Wege nur ein Schritt. Wenn nach unserer Anschauung die Sonne in ihrer rhythmischen Beleuchtung und Verdunkelung der Erde, resp. die Erde selbst in ihrer rhythmischen Abkehr und Neigung zum Licht einen periodischen, naturgegebenen Hebel zum Ein- und Ausschalten des Bewu�tseins abgibt, so mu� es ja auch auf andere Weise durch Reflexhyper�mie im Gehirn m�glich sein, Schlaf und schlaf�hnliche Zust�nde zu erzeugen. Nun, das Streicheln, das Wiegen, das K�mmen, das Fixieren, das Z�hlen, das Ticken der Uhr--das alles sind deshalb schlaff�rdernde Mittel, weil verm�ge der gleichm��ig das Gehirn treffenden Reize die Neuroglia um so leichter �bergewicht �ber die Zellaktion erh�lt, je mehr durch Konzentration auf einen Punkt die Hemmung an Macht gewinnt. Gerade wie im Alkoholrausch der n�chtliche Schw�rmer schlie�lich immer dieselbe Geschichte erz�hlt, ehe sein m�des Haupt sich zum Tisch oder unter den Tisch neigt, so l��t der Hypnotiseur auf dem Wege reflektorischer Hemmungsverst�rkung das Bewu�tsein seitlich ringsumstellen und von den H�schern fl�chtiger Gedanken umgeben. Alle Vorg�nge eben, welche geeignet sind, dauernd die Neurogliazotten in Erweiterung und F�llung zu halten, bringen Kontakthemmung und bei l�ngerer Dauer den Schlafzustand, also auch die _reflektorische_ Gef��weite. Alle schlaf�hnlichen Zust�nde k�nnen auf _mechanische_ Weise einheitlich erkl�rt werden, selbst Morphium und Chloroform wirken zun�chst nur als Entfalter einer durchaus physiologischen Funktion des Gehirns, indem sie ebenso wie der Alkohol im Beginn Gef��verengerung, damit Erregungen, Exzitationen, leichte Anschl�sse, spielende Gedankenflucht �ber alle Problemh�hen und -tiefen, und mit der Leichtigkeit der Ausl�sung von Ganglienfunktionen eine hohe Steigerung des Ichgef�hls hervorbringen, erst dann mit der allm�hlichen l�hmenden Erschlaffung der Gef��e, in welchen das Gift kreist, die Einengung und Abblendung des Bewu�tseins zuwege bringen, so da� der k�nstliche Schlaf so auf ein Haar dem nat�rlichen gleicht. Man hat eine allzu �bertriebene Hochachtung vor der Dauerhaftigkeit der feinsten Hirnstruktur, wenn man meint, da� z.B. eine Auslaugung des Fettes aus den Hirnzellen durch das str�mende Chloroform der eigentliche Grund der Narkose sei, wonach also das Bewu�tsein ausgewischt w�rde, etwa wie ein Fettfleck durch Benzin. Tr�te wirklich das Gift ohne diesen segensvollen Maschenfilter der Neuroglia jemals an die Zellen direkt als chemisch aktive Substanz heran, so w�re stets eine direkte Verleimung des Gehirns, die Zertr�mmerung der Apparate die Folge. Nur deshalb ist die Narkose in Wirklichkeit kein so brutaler Eingriff, weil man niemals mehr Gift im K�rper kreisen zu lassen braucht, als gerade gen�gt, damit das Spiel des auch im nat�rlichen Schlaf t�tigen Mechanismus ausgel�st werde. _Eine_ schlafbringende Ursache will ich noch erw�hnen, welche allen Schlaftheoretikern gro�e M�he gemacht hat, das ist die Schlafsucht beim Erfrieren. Soll hier, w�hrend ein vor Frost erstarrender Organismus langsam in Schlaf versinkt, sich gerade aus dem daniederliegenden Stoffwechsel ein Schlafgift produzieren? oder soll die sonst doch so frisch und wach machende Abk�hlung der Haut hier ausnahmsweise h�chste M�digkeit erzeugen? oder ist es nicht vielmehr im sch�nsten Einklang mit unseren Vorstellungen, da� durch allseitige extremste Verengerung der Blutgef��e in Haut und Gliedern die inneren Organe blut�berf�llt und damit die Neuroglia zur totalen Hemmungseinschaltung gezwungen sein mu�? So nur verstehen wir die frisch machende Wirkung kurzdauernder Abk�hlungen, die Erleichterung der Assoziationen im Nervensystem durch Kaltwasserkuren usw., wenn wir annehmen, da� die der Abk�hlung schnell nachfolgende Blutf�lle in der Haut die Hemmungsfilter im Gehirn entleert und so die Ganglien erregungslustiger macht. So auch begreifen wir, warum man im dauernd k�hlen Zimmer besser schl�ft als im �berhitzten, ja sogar, warum wir beim Umw�lzen der Bettdecke von der K�hlung der Haut die Wiederaufnahme eines unterbrochenen Schlafes erhoffen. So auch erkl�rt es sich, da� die Inanspruchnahme gro�er Blutmengen zur Verdauung bei �berf�lltem Magen das Gehirn blut�rmer und darum aufgeregter und ruheloser macht und da� irgend eine dauernde Ablenkung von Blutmengen aus dem Gehirn unruhiges Tr�umen zur Folge hat. So lernen wir aber auch verstehen, warum die ganze Skala der Giftwirkungen immer zwischen Erregung und L�hmung hin und her schwankt, weil diese beiden Funktionen vornehmlich gebunden sind an die T�tigkeit der Neuroglia, welche wie ein sch�tzendes Filter vor den feinsten Teilen des eigentlichen R�derwerkes ausgespannt ist. W�re die pathologische Anatomie nicht allzusehr im Banne von der St�tznatur der Neuroglia, sie h�tte schon l�ngst vielleicht n�heren Aufschlu� �ber die Funktionsst�rungen als Folge prim�rer Neurogliaerkrankungen geben k�nnen. Wenn F�llung, Ausschwitzung, Gerinnung, Verfettung, Verkalkung usw. in ihr erst auf ihre eventuellen funktionellen Folgen gepr�ft sein werden, d�rfte auch f�r die Heilung von Geisteskrankheiten mit ihrer vielfachen Beziehung zur Blutmischung diese Anschauung fruchtbar werden k�nnen. Ich will nach dieser Richtung nur ganz entfernt die M�glichkeit der direkten Durchsp�lung der Neuroglia vom Blutgef��system, die Wirkung des Aderlasses, die eventuelle chirurgische Entlastung des Hirn�dems, der apoplektischen Blutungen usw. andeuten. Die M�glichkeit, da� man durch Einverleibung von verschieden prozentigen Kochsalzl�sungen in das Venensystem, mit der Schaffung einer k�nstlichen Plethora zusammen mit dem nachfolgenden energischen Aderla� �berall im K�rper, also auch im Gehirn, sehr wirksame Resorptionsvorg�nge anregen kann, steht f�r mich schon heute au�er allem Zweifel. Dieser langen, zum Teil sich leider wiederholenden Auseinandersetzungen bedurfte es, um einigerma�en im Rahmen dieser locker gesammelten Abhandlungen meine Anschauung zu entwickeln, unter R�cksichtnahme auf diejenigen Leser, welche nicht gen�gend Physiologen sind, wodurch meine Definitionen leider schwerf�llig und unbeholfen werden mu�ten. Ich kann mich daf�r aber mit den folgenden Betrachtungen um so rascher abfinden. Bei der Frage nach der Natur des Schmerzes mu� meiner Meinung nach jede Beantwortung _beide_ Formen schmerzhafter Empfindung, die seelischen wie die k�rperlichen, in Betracht ziehen, weil nur auf diese Weise eine Definition wirklich ersch�pfend sein d�rfte, und weil beide Formen der schmerzhaften Bewegungen in unserem K�rper eine gro�e F�lle von rein physischen Ber�hrungsfl�chen darbieten; ich erinnere nur an die mimischen und sekretorischen Begleiterscheinungen des seelischen und k�rperlichen Schmerzes, an das Weinen und Gesichtverzerren, ferner an die Beteiligung der Atmung, an Schluchzen und Schrei, an Pupillenvergr��erung in seelischer _und_ k�rperlicher Angst und an andere gemeinsame unerfreuliche Wirkungen der Unlustzust�nde, um die Notwendigkeit einer gemeinsamen mechanischen Begr�ndung zu betonen. Was n�tzt es zum Beispiel in dieser Richtung, wenn wir, wie jetzt viele Neurologen, mit der Ansicht uns begn�gen wollten, da� der Schmerz eine ganz spezifische Sinnesenergie vorstelle, da� also in unseren seelischen Orientierungsapparaten ganz bestimmte Einrichtungen gleichsam W�chterdienste gegen die herannahende Gefahr bei Verletzungen aller Art �bernehmen? Abgesehen davon, da� man auf diese Weise notwendig zu dem tief pessimistischen Prinzip einer Sch�pfungstheorie kommt, die den Schmerz als ein von Anbeginn dem Menschen aufgeladenes Kreuz darstellt, wozu die Legende aus der Bibel vom verlorenen Paradiese und dem Fluch des Erzengels einige Berechtigung g�be, abgesehen von dieser k�hnen und gef�hrlichen Meinung, als sei jedes Lebewesen eigens dem Schmerz ausgeliefert und vorbestimmt, l��t die Lehre von der Spezifit�t der Schmerznerven eben den psychischen Schmerz v�llig in der Luft schweben. Aber auch sonst l��t sich vieles gegen eine solche Anschauung vorbringen. Als schlagendstes Argument gegen den Bestand bestimmter, nur Schmerz leitender Nerven--spezifisch schmerzleitend in dem Sinne, wie z. B. der Sehnerv nur Licht leiten kann--will ich eine Beobachtung anf�hren, welche ich als erster bei Operationen unter meiner �rtlichen Schmerzlosigkeit gemacht habe, und welche sp�ter h�ufig, so namentlich von _Lenander_ in Stockholm, best�tigt ist. Als ich am Bauchfell operierte ohne Narkose bei vollem Bewu�tsein des Patienten unter Anwendung nur �rtlicher Bet�ubung, bemerkte ich, da� das normale, blasse, nichtentz�ndliche Bauchfell auch ohne Einspritzungen ohne Empfindung gegen Stich, Schnitt und Hitze ist, da� aber nach wenigen Minuten an den der Manipulation ausgesetzten Stellen nach vorheriger R�tung Schmerz auch gegen leiseste Ber�hrung auftritt. Ist der Schmerz ein nur auf spezifischen Bahnen geleitetes Spezialgef�hl, wie ihn die moderne Neurologie zu definieren geneigt ist, so m�ssen in einer Spanne Zeit von wenigen Minuten Schmerznerven wachsen k�nnen, denn K�rperzonen, die eben noch nicht empfindlich waren, werden es gleichsam unter den H�nden. Hier ist mit der Annahme, da� der Schmerz nur auf vorgebildeten Bahnen geleitet werden kann, nichts anzufangen; denn es fehlen im Bauchfell g�nzlich solche vorgebildeten sensiblen Bahnen, und doch gewinnt es bald die F�higkeit, zu schmerzen. Wer besondere Schmerzbahnen annimmt, mu� sich vorstellen, da� diese Leitungsdr�hte des Wehgef�hls innerhalb der B�ndel der hinteren R�ckenmarksnerven zusammen mit den anderen Str�ngen f�r das Tast-, W�rme- und Muskelgef�hl verlaufen, und m��te unbedingt die zentralen Ausstrahlungen dieser besonderen B�ndel auch als eigentliche _Schmerzzentren_ im Gehirn nachweisen. Hier aber gerade hat diese Theorie ein arges Loch: nicht nur fehlt jede Spur eines Nachweises von Schmerzzentren im Gehirn, welches doch gerade die Neurologen so ausschlie�lich als den Sitz der allgemeinen seelischen Apperzeption hinstellen, sondern es ergibt sich aus vielfachen, auch eigenen Beobachtungen, da� das Gehirn selbst absolut ohne Schmerzempfindung ist. Der ber�hmte Kopfschmerz ist entweder Schmerz der Hirnh�ute oder Schmerz des weitverzweigten Nervus Trigeminus, der nicht mehr dem eigentlichen Gehirn angeh�rt. Es w�rde also bei diesen gewichtigen Einw�nden gegen die Theorie von der Spezifit�t der Schmerznerven eine andere, welche dieser Spezifit�t nicht bed�rfte und doch alle bekannten Ph�nomene des Schmerzes verst�ndlich zu machen verm�chte, entschieden den Vorzug verdienen. Eine solche Theorie glaube ich auf Grund meiner Anschauung von dem Hemmungsmechanismus geben zu k�nnen. Der Schmerz ist ein Allgemeingef�hl der Unlust. Ist der gleichm��ige und harmonische Ablauf der gesamten K�rperfunktionen die Quelle vom Gef�hl der Gesundheit und der Lust, so mu� bei den Unlustempfindungen dieser im naturgegebenen Rhythmus schwingende Gleichklang aller Kraftstr�mungen im Organismus gest�rt sein. Schon das besondere rein funktionelle Bemerkbarwerden eines einzelnen Organsystems, etwa der gef�hlte Pulsschlag des Herzens oder der Arterien, kann dadurch, da� er die seelische Orientierungsspannung von der Au�enwelt weg auf eine Lokalit�t des K�rpers zur�ckzulenken zwingt, St�rungen des Allgemeingef�hls im Sinne der Witterung einer Gefahr veranlassen. Das Gef�hl der F�lle im Leibe, die Spannung in einem Muskelsystem, Steifigkeit in den Gelenken, kann schon ohne jede Schmerzempfindung starke psychische Beunruhigung hervorrufen. Auch jedes Flimmern vor den Augen, jedes Summen im Ohr, Kribbeln in der Haut, kann bei l�ngerer Dauer mit dem Gef�hl der Unbehaglichkeit bis zur Qual verbunden sein, d.h. _jeder Funktionsst�rung ist der Gedanke an eine nahende oder doch m�gliche Gefahr assoziiert_. Wenn ein Sehnerv, welcher eben nur f�r Licht empf�nglich ist, exzessiv gereizt wird, etwa bei Verletzung oder Durchschneidung, so wird zwar dadurch kein Schmerz erzeugt, aber die auftretende Flammengarbe von Lichtempfindungen verursacht einen tiefen seelischen Sto�, auch ohne direkten Schmerz. Also auch die spezifischen Sinnesorgane k�nnen wie jedes Organsystem alarmierende Meldungen im Gehirn und R�ckenmark ausl�sen. _Schmerz aber verm�gen nur die Nervenbahnen zu leiten, deren Ber�hrung an sich normaler_weise _Tast_gef�hle ausl�st. Das sind die sensiblen Nerven und der Sympathikus, deren Ausbreitung zu Endkolben und Endgeflechten in allen nerv�sen H�uten und der K�rperh�lle Platz gefunden hat. Wann entsteht nun z.B. von der Haut her Schmerz? Immer nur dann, wenn das Gehirn durch die abnorme, geh�ufte Art der Reizung nicht mehr in der Lage ist, Einzelmeldungen und Sonderkontakte zu differenzieren, wenn die Meldungen nicht mehr streng innerhalb der gegenseitig durch die Nervenisolation gegebenen Bahnen bleiben, sondern wenn durch gewaltsame Ann�herungen und Sprengungen, durch seitliches �berspringen und Defektwerden der Nervenscheiden transversale Massenkontakte ausgel�st werden. _Der Schmerz ist ein Kurzschlu� elektroider Spannungen im Nervensystem._ Dr�cke ich gewaltsam eine Hautfalte zusammen, so presse ich unz�hlige Tastk�rperchen seitlich aneinander. Die Folge ist zun�chst Kribbeln und Jucken, das auch schon beim Streichen und Kitzeln durch Vibration der Hautzottenleisten entsteht; dann folgt bei gewaltsamem seitlichen Druck und in ganz gleicher Weise bei �tzung und Brand ein Defektwerden der Bindegewebsh�llen der Nervenapparate, welche hier genau der Funktion der Neuroglia im Gehirn entsprechen, d.h. ich st�re den Isolationsmechanismus, so da� seitlich elektroide Funken �berspringen. Die Folge sind massenhafte reflektorische Alarmsignale, d.h. gleichzeitige und aus den Bahnen geworfene Gruppenmeldung in einer Form und Intensit�t, auf welche normalerweise die Seele nicht eingestellt ist. Diese Alarmsignale mit dem Charakter der Bedrohung und Gefahr, dieses Anzeichen der beginnenden L�sion der peripheren Nervenstrombahnen, dieses Verwirrungsgef�hl durch irre geleitete Reize im Getriebe des Nervenmechanismus nennen wir "Schmerz". Dieser Kurzschlu� der seitlichen Entladung bei verletzter Nervenisolation ist um so intensiver, je mehr Apparate gleichzeitig l�diert sind oder je dicker der Sammelstrang ist, an welchem die Nervenh�lle defekt wird ganz gleich auf welche Weise. Hierdurch, wenn also pl�tzlich in der Zentrale turbulente Feuermeldungen gleichzeitig ert�nen, entsteht eine Unf�higkeit des Gehirns sich schnell zu orientieren, und die Unlust, welche jeden exzessiven Reiz begleitet, steigert sich zusammen mit den Wirbeln von Oberstrahlungen, welche in g�nzlich ungew�hnlicher Richtung ausbrechen, zu Angst und Raserei, zu planlosen Abwehrbewegungen, zu Affekthandlungen, oder wenn diese selbst �bert�nt werden, zur Ohnmacht und zum Kollaps. Jeder Schmerz trifft also zum erstenmal v�llig jungfr�ulichen Boden, und es spricht gewi� f�r meine Auffassung, wenn seine Wiederkehr nicht mehr so erschreckend wirkt, weil das Gehirn zum zweiten Male nicht mehr so ganz unorientiert �ber das, was nun kommen wird, ist. Denn die Furcht vor dem, was folgen k�nnte, ist oft gr��er, als die Klage �ber den Augenblicksschmerz allein ausfallen w�rde. W�re der Schmerz eine spezifische Nervenenergie, so w�re nicht abzusehen, warum schon selbst ein heftiger Anfall eines sich wiederholenden Schmerzes relative Gew�hnung bei Wiederkehr auch nach l�ngerer Zeitpause beobachten l��t, was man weder vom Ton noch vom Licht noch von anderen spezifischen Sinnesenergien behaupten kann. Auch, da� man von zwei Schmerzen stets nur den st�rkeren wahrnimmt, spricht gegen die Theorie der spezifischen Schmerzleitung, denn ich kann z.B. von einer Farbe alle N�ancen gleichzeitig wahrnehmen. Die gro�e Summe der entwicklungsgeschichtlich einge�bten und koordinierten Reflexe einer schnellen und unvermuteten Reizung zur Atmung, zur Herzbeschleunigung, zur Pupillenerweiterung, zur Darmbewegung, zur Lockerung der Schlie�muskeln aller Art beweist, da� die pl�tzliche �berladung gewisser Zentralen des Gehirns nach einem schnellen und ebenso pl�tzlichen Ausgleich der psychischen Spannungen mit rasanter Flugbahn dr�ngt: ein Schrei, ein Sto�, ein starrer Blick, die fahle Bl�sse des Gesichts, sie alle sind der Beweis f�r das Bestehen einer blitzschnellen, kurzschlu�artigen Entladung von Spannungen, auf welche der Betrieb der Seele physiologisch nicht eingestellt ist. Jede Bedrohung hat Beziehung zum Atmungszentrum, schon pl�tzliche Abk�hlung, durch die Dusche etwa, bringt tiefe Atemz�ge und Neigung zu Stimmbandschlu� und sto�artiger Respiration, d.h. die Inanspruchnahme auch aller Hilfsmuskeln der Atmung, einschlie�lich der Mund- und Nasen�ffner, womit der mimische Anteil an der Schmerzwirkung erkl�rt wird. Jede Gefahr, jede Angst, ja jede Erregung l��t die Pupille weit werden, um dem vielleicht hilfreichen Licht die ganze Fl�che frei zu geben, und ein schnell pulsendes Herz jagt das Blut wahllos in alle Systeme, um jede Funktion gleichsam sprungbereit durch Heranw�lzen der Ionen des Sauerstoffes auszur�sten. Ich w�rde nicht wagen, mit solcher Sicherheit auch hier den gest�rten Hemmungsmechanismus f�r die Natur des Schmerzes in Anspruch zu nehmen, wenn ich nicht einen Trumpf in der Hand hielte, der die absolute Stichhaltigkeit dieser Anschauungen mir t�glich aufs neue zu beweisen geeignet ist. Meine Form der Schmerzlosigkeit zu operativen Zwecken, welche man die Infiltrationsan�sthesie nennt, ist direkt eine Frucht dieser Anschauungen. Eine Hypothese aber, welche ein so stolzes, nunmehr �berall anerkanntes Resultat gezeitigt hat, darf immerhin einige Ber�cksichtigung auch seitens der Theoretiker beanspruchen. Die L�sung, mit welcher ich �rtliche Schmerzlosigkeit erziele, ist eine Fl�ssigkeitskomposition mit der ausgesprochenen Absicht, die Isolation, die Hemmungen zwischen den seitlichen Nervenkontakten im Gewebe zu verst�rken, ohne die Nerven selbst etwa durch Gifte leitungsunf�hig zu machen. Ein an�sthetischer M�ckenstich, wie ich ihn mit meinen ungiftigen L�sungen in der Haut anlege, l��t die einzelnen Nerven durchaus tastleitungsf�hig, hebt aber den Schmerz absolut sicher auf in jeder Schicht, weil er dazu bestimmt und erfunden wurde, um das, was den Schmerz macht, den seitlichen Kurzschlu� der Nerven, durch Hemmungsverst�rkung unm�glich zu machen. Ich schiebe zwischen die Nerven einen D�mpfer, ein Sordino ein, was Professor Bier in gleicher Weise am R�ckenmark direkt mit bewunderungsw�rdiger K�hnheit wiederholt hat, ohne da� wir die Nervensaiten selbst irgendwie l�dieren oder gef�hrden. Es wird f�r mich stets ein Triumph folgerichtigen Schlusses sein, da� ich diese Form der schmerzlosen Operationsmethode fand einzig auf Grund der Deduktion, auf Grund der lebendigen Anschauung von dem Bestehen eines Isolations- und Hemmungsmechanismus im Betriebe des Nervenlebens. Professor Bier hat auch den Nachweis gef�hrt, da� in der Tat das Blut den von mir behaupteten schmerzisolierenden Einflu� auf die peripheren Nerven hat, und ich selbst habe schon fr�her angegeben, da� �bertritt von Blutwasser in die Gewebe (beim sog. �dem) unter Umst�nden gen�gt, um die Nerven s�mtlich f�r Schmerz leitungsunf�hig zu machen. Alle diese gewichtigen Tatsachen lassen kaum eine andere als die von mir gegebene Deutung zu, und wir haben nur n�tig, diese an der Peripherie des K�rpers gewonnenen Erfahrungen auf das Gef�ge der Zentrale im Nervensystem zu �bertragen, um gleicherweise eine Einsicht in das Geschehen beim psychischen Schmerze zu gewinnen. _Auch in der Seele gibt es einen Kurzschlu� elektroider Spannungen._ Auch hier enth�lt die unsere Seele brutal �berfallende maximale Anspannung, die nach dem �quivalenzgesetz der Kr�fte ebenso materiell wirksam sein kann wie eine �u�ere Gewalt am Leibe, �bergro�e Ladungen im Gebiet der Vorstellungen, d.h. die in umgekehrter Richtung zu den Apperzeptionen schwingenden Gangliengruppen durchsprengen explosionsartig die einbettenden Hemmungen. Das typische Beispiel f�r solche Explosionswirkungen im motorischen Zentrum ist f�r mich diejenige Form der Epilepsie, welche durch eine materielle Bindegewebsnarbe im Gehirn gegeben ist. Vor dieser Narbe finden periodische Akkumulationen von nicht aufl�sbaren Spannungen statt, nicht aufl�sbar, weil die narbig verdickte Neuroglia auch gewaltigen Ansammlungen nerv�ser Kraft die Hemmung entgegenh�lt. Steigt aber diese aufgespeicherte Spannkraft zu einer H�he, da� sie den Wall durchbricht, so brausen in die unvorbereiteten Systemgebiete hinter der Narbe die Fluten der elektroiden Wellen verheerend ein, und der Krampfanfall l�st sich aus, verst�rkt durch den Chok der Gef��e, der seinerseits allein, wie wir sahen, das Bewu�tsein schwer zu alterieren vermag. Das ist das Bild auch der seelischen Schmerzausl�sung, wenn wir eine Kette von deprimierenden Ereignissen oder ein einziges tief an unsere Lebenshoffnung, an den Glauben an unser Gl�ck greifendes Moment erleben. Die Spannungen in der Phantasie, welche schlie�lich st�rker sind als jedes vorangegangene seelische Erlebnis werfen uns unter der Analogie einer geistigen Epilepsie in einen Strudel von Unorientiertheit und brennender Hilflosigkeit, durchfluten uns mit dem Gef�hl des Vernichtetseins, und in gleicher Weise wie bei der physischen Obstruktion des k�rperlichen Schmerzes findet die Entladung in Schluchzen und Tr�nenstrom, in Affekthandlung, in Herzangst und Pupillenklaffen ihren Ausgleich, wenn nicht die mit dem Willen aufgebrachte gewaltsame Hemmung den Affektstr�men einen Damm entgegenw�lbt. Aber die Faust der die flammenden Blitze erstickenden Neuroglia kann endlich auch erlahmen und dann eine Affekthandlung resultieren. Beim seelischen Schmerz mag so das Gehirn wechselnd buchst�blich err�ten und erblassen. Ich bin am Ende meiner Ausf�hrungen und schlie�e mit Zagen, da� ich es gewagt habe, ein so gewaltiges Thema, wie es das Gebiet der seelischen Hemmungen umfa�t, in einem geschlossenen Aufsatze zu erledigen. Vielleicht aber ist es mir doch gelungen, wenigstens die Hauptz�ge dieser, wie ich zugebe, k�hnen und gewagten, aber ergiebigen Hypothese zu entwickeln, und ihre Anwendbarkeit auf fast das gesamte Gebiet des Seelenlebens wenigstens andeutungsweise vor Augen zu f�hren. DER SITZ DER SEELE Als der Zeitgenosse Friedrichs des Gro�en _La Mettrie_ seinen ber�hmten Aufsatz: L'homme machine schrieb, konnte er nicht ahnen, da� dieser kleine und wenig umfangreiche Essay die Quelle einer unendlich verbreiteten, aber ganz uns�glich �den Weltanschauung werden sollte: des jetzt auf ganzer Linie geschlagenen Materialismus. Das hei�t: der Lehre von der chemisch-physikalischen Begreifbarkeit der Welt und ihrer Probleme. �hnlich wie einst die Rationalisten die Wunder der Pers�nlichkeit Christi aufzul�sen meinten in platt-allt�gliche, nur durch die Phantasie der Gl�ubigen verzerrte Begebenheiten, so war f�r die Ritter von "Kraft und Stoff" es eine ausgemachte Sache: Geist, Seele, Gem�t, was sollen sie anders sein als eine Art Absonderung der nerv�sen Organe, Exkremente der Ganglien, eine Art Gehirngalle? Wie Niere, Leber und andere Dr�sen die Abfallstoffe des Heizmaterials unserer menschlichen Maschine absto�en (sezernieren), so sezerniert der Wunderball in unserer Sch�delkapsel einfach ein luftiges Etwas und dampft aus dem Gehirnbrei die Nebel des Gedankens! Nicht drastischer l��t sich die K�mmerlichkeit dieser Weltanschauung, die man besser eine _Weltblindheit_ nennen k�nnte, darstellen, als mit dem echt materialistischem Problem: wie wird aus der Kartoffel, die ein Genie verzehrt, ein Gedicht, ein Bildwerk, eine Symphonie? Viele Materialisten umgingen auch wohl den Kern der Sache, indem sie n�mlich rundweg diese Fragen f�r der Wissenschaft nicht zug�nglich und f�r keinen Gegenstand der "exakten" Forschung erkl�rten, womit dann die Exaktheit gerade da aufh�ren m��te, wo das Interesse f�r jeden Nichtwissenschaftler beginnt. Denn es ist unsere ungestillte Sehnsucht nach dem Wissen vom Sitz der Seele ja nur ein Teil der alten Frage: "woher? wohin?" Und nicht nur Narren warten auf Antwort. Ich will versuchen nachzuweisen, da� es auf diese Frage eine leidlich befriedigende Antwort gibt. N�mlich aus der unumst��lichen Wahrheit heraus, da� die Natur uns ein Delphi ist, das zwar stets sinnreich antwortet, aber nur, wenn man weise fragt. Der falschen und aus vorangegangenen Irrt�mern entsprungenen Frage gegen�ber ist sie, die G�tige, einzig Wahrhaftige, in der Rolle des verbl�fften und verstummenden Vaters, den ein Kindlein fragt, ob die Sterne nie zu Bett gehen, ob der liebe Gott auch einen Regenschirm hat, und wie die sinnigen Unsinnigkeiten aus holdem Irrtum sonst noch lauten m�gen. Fragt man erst nach einem Sitz der Seele, als nach einem Dinge, das kein Ding ist, das aber trotzdem vielleicht �berall und ewig ist, so mu� die Antwort eine kindliche, n�rrische und t�richte sein. Und doch ist es ein Axiom der Wissenschaft, eine ausgemachte Sache f�r Unz�hlige: die Seele sitze im Gehirn! Pr�fen wir einmal, ob sich diese Antwort ernstlich halten l��t. Es ist Tatsache, da� viele unserer seelischen F�higkeiten, z.B. die Sprache, gebunden sind an die Unverletztheit eines ganz bestimmten Bezirkes des Gehirns; da� Geruch, Geschmack, Gesichtssinn, Temperatursinn, Bewegung der Glieder, Atmungsbewegungen aufzuheben sind durch Verletzung oder organische Zerst�rung ganz umschriebener, oft nur pfenniggro�er Teile unseres Gehirns. Es kann nimmermehr bestritten werden, da� diese Teile den Mechanismus bestimmter seelischer Funktionen ganz und gar beherrschen. Durch unz�hlige, untr�gliche Erfahrungen, durch Experiment und Beobachtung am Krankenbett, ist festgestellt, da� ohne Nervensubstanz, ohne Gehirn eine Seele einfach nicht vorhanden ist. Im Banne dieser Tatsachen hat die sogenannte Lokalisationslehre geschlossen, da� Gehirn- und R�ckenmark der Sitz aller seelischen Funktionen sein m�sse, und hofft von dem weiteren Fortschreiten der Beobachtung st�ndige Nachweise von immer neuen Herden spezifischer Funktionen. Es w�re eine Torheit, an diesen Tatsachen zu r�tteln, aber die Frage ist berechtigt: liegt hier nicht doch eine schiefe Deutung vor? Wenn die Verletzung eines bestimmten Hirnteiles den Verlust einer zugeh�rigen Funktion bedingt, so ist damit keineswegs bewiesen, da� diese Stelle des Gehirns allein diese F�higkeit produziert. Es kann vergleichsweise die Durchschneidung eines B�ndels von Telephondr�hten einen bestimmten Stadtteil des Telephonanschlusses berauben, und doch bleibt die Zentrale unber�hrt. So k�nnte auch das Sehen, das Sprechen, das H�ren und Riechen im Gesamtgehirn entstehen, und die die Funktion scheinbar verletzenden L�sionen der sogenannten Zentren k�nnten nur zusammengekettete Sammelstellen von Leitbahnen nerv�ser T�tigkeiten treffen, welche ihre unz�hligen letzten Ursprungsquellen weit �ber das Gehirn verstreut haben k�nnten. Diese �berlegung ist von gro�er Wichtigkeit, weil nur durch ihre Annahme erkl�rt wird, warum solch Verlust des Sehens, H�rens usw. von einer Stelle aus durchaus nicht immer ein dauernder ist. Denn es ist unumst��lich wahr, da� Hunde, denen man das "Sehzentrum" herausschnitt, in gar nicht langer Zeit doch wieder sehen "lernten", und es mu� ein schlechter Beobachter sein, dem nicht auffiele, da� Menschen mit Verlust des Sprachzentrums deutliche Anzeichen zu einem Versuch zu sprechen aufweisen. Sie bilden innen doch die Sprache, es geht aber nicht heraus, sie zucken die Achseln, verziehen das Gesicht zu schmerzlicher Resignation--die Leitungen (wohl gemerkt nicht die Sprache bildenden Seelenherde) sind verletzt! Aus diesen und zahlreichen anderen Gr�nden hat man die Theorie der Herdfunktionen immer wieder angegriffen und ihr die Anschauung von der Universalit�t der ganzen Gehirnmasse entgegengestellt, wonach jede Ganglienzelle durch �bung schlie�lich zu jeder Funktion wesentlich und stellvertretend herangebildet werden kann, so da� also nach dieser Ansicht wenigstens das Gesamtgehirn dann als Sitz der seelischen Funktionen anzusprechen w�re. Mir scheint es, als wenn in der Lokalisationslehre nur die Zettelchen von _Lavater_ und _Gall_, die diese auf das Sch�deldach klebten, allzu k�hn nunmehr auf das Gehirn selbst aufgedr�ckt w�rden, da� also keineswegs der Nachweis lokalisierter Seelent�tigkeiten irgend etwas �ber den Sitz dessen, was wir Seele nennen, aussagen k�nnte. Sagt man aber nun: so ist eben das Gehirn und R�ckenmark im ganzen als Sitz der Seele anzusprechen, dann geh�rt zum Gehirn auch das gesamte Nervensystem mit allen Fasern und nerv�sen Organen, und dann sitzt wieder die Seele ebenso gut in meinem kleinen Finger, wie in der Nase. Nun sind aber die einzelnen Sinnesfunktionen, f�r welche man Herde im Gehirn fand, ja eigentlich gar nicht der Hauptbestandteil dessen, was wir gemeinhin "Seele" nennen. Dazu geh�rt vor allem die ganze Skala der Allgemeingef�hle, Lust, Schmerz, Gem�t, Phantasie, Logik, Willenskraft usw. usw. Wo in aller Welt ist auch nur der Schatten eines Beweises daf�r erbracht, da� auch diese, wesentlich seelischen Funktionen irgendwo einen Herd, ein Zentrum, eine Lokalisation im Gehirn oder R�ckenmark oder sonst wo besitzen? Hier sehen wir im Gegenteil das Gehirn, das doch der Herr der Gef�hle sein soll, in sklavischer Abh�ngigkeit von jeder Verdauungsst�rung, vom Stoffwechsel des �brigen Leibes, von St�rungen und rein vitalen Ver�nderungen aller Art. Wenn man nun aber ferner die Tatsache recht fest ins Auge fa�t, da� z.B. das Herausschneiden der gesamten Schilddr�se, welche um die Luftr�hre gelagert ist, den betreffenden Kranken, und wenn er ein Genie gewesen w�re, unweigerlich zum Idioten macht, weil dann durch Fortfall sogenannter innerer Sekrete (Beimischungen zum Blute) allm�hlich die Hirnfunktion erlischt, so erf�hrt hiermit die Lehre vom Sitz der Seele im Nervensystem allein einen nicht zu verwindenden Sto�. Ebenso wie also irgendein Zentrum n�tig ist zum Vollbestand einer Seele, ist also auch dringend der Schilddr�sensaft vonn�ten. Also auch hier, in einer Dr�se, sitzt ein Zentrum der seelischen Funktionen.--Ferner: Wenn wirklich alle Eindr�cke, die man empf�ngt, zu den Gehirnganglien geleitet werden, so taucht die Frage auf, warum im Gehirn alle Ein- und Ausschaltungen einen so geregelten Gang nehmen, warum nicht die f�nfzehn Millionen Ganglienzellen bei der nie schweigenden Anreizung durch Tausende von Au�enweltswirkungen, stets in chaotischem Wirrwarr durcheinander brausen, als w�rden die Tasten einer Orgel alle gleichzeitig niedergedr�ckt? Das ist nur m�glich durch Hemmungsvorg�nge, welche bald diese, bald jene Bahn dem Strom freigeben, so da�, wenn eine Gedankengruppe schwingt, alle anderen gehemmt, abgestellt sind. Das ist im Innern des Sch�dels nicht anders als an meinem Telephon, an dem ich auch nur sprechen kann, wenn alle anderen Nebennummern isoliert sind. Die Hirnhemmung, waltend und schaltend wie ein Ingenieur, ist also unbedingt der Herr der Situation in meiner Seele, und wenn sie, wie die Schulmeinung ist, gleichfalls Hirnzellent�tigkeit ist, so w�re das Zentrum der Seele dieses ganz in der Luft schwebende nerv�se Hemmungsorgan, von dem bisher auch nicht ein Zipfelchen eines Gewandes oder einer anatomischen Grundlage gefunden ist und nie gefunden werden wird. Ich selbst bin der Begr�nder einer Lehre, nach welcher dieses Ein- und Ausschalten gar nicht von Nervenelementen besorgt wird, sondern von dem Blutsaft und dem Herzen, so da� ich hier zum Bekenner eines alten Volksbewu�tseins geworden bin, wonach das Herz, das herrliche menschliche Herz, nicht nur als Druckpumpe, sondern auch als wirklicher Faktor unseres Seelenlebens eine bisher von den Naturforschern nur h�hnisch belachte Rolle spielt. Ich habe die vollg�ltigsten Beweise daf�r erbracht, da� das Blut im Gehirn mit dem Herzpulse eingeschleudert und abgesogen das im steten Wechsel des Pulses bedeutet, was f�r den elektrischen Strom die Isolierung, jedem Laien als gr�ne Seidenh�lle um den Kupferdraht bekannt, darstellt. Es w�rde Wiederholung sein, wollte ich hier nochmals den Nachweis erbringen, da� ein solches Zwischengespinst zwischen den Nervenf�den und Gangliensternen, Neuroglia genannt, mehr ist als ein St�tzger�st, an dem die Nervenzellen ranken. Es ist f�r mich unumst��lich, da� die mit Blutsaft gef�llte Neuroglia den aktiven vom Herzdruck abh�ngigen Isolationsapparat, welcher ein- und ausschaltet, ausmacht. Hier erw�hne ich diese Anschauung nur noch einmal, um darzutun, da� unm�glich das Gehirn und R�ckenmark allein so schlankweg als der Sitz der Seele bezeichnet werden darf. Erst mit meiner Auffassung wird der Schlaf, der Traum, die Narkose als aktive T�tigkeit der Seele verst�ndlich, wie ich das in zahlreichen Arbeiten zu erweisen mich bem�ht habe, erst mit ihr wird die Phantasie, das Unterbewu�tsein, die Lehre von den Affekten und Geistesanomalien eine neue Beleuchtung erfahren. Ist sie richtig, dann wird es ganz und gar hinf�llig, der Seele einen bestimmten Wohnort im Leibe zuzusprechen, dann ist sie �berall bei uns zu Haus, in den Nerven, in dem Blute, in den Dr�sen, in dem Sonnengeflecht, und wird von unendlich vielen Dingen mehr beherrscht als allein von der Intaktheit des Gehirns. Denn jede Zelle des Leibes hat ihre Seele f�r sich; in der Republik, dem Zellstaate, den die letzten erkennbaren Lebenseinheiten in unserm Leibe bilden, hat jeder winzige, mikroskopische B�rger einen Hauch der belebten Allseele in sich, und die Zeit ist nicht mehr fern, wo die Zelle auch ihr eigenes Gehirn und ihren Nervenapparat f�r sich zugesprochen erhalten wird. Die Hirnzellen, die in ihrer Gesamtheit nur ein grandioses Regulationsorgan darstellen, werden dann nicht mehr als Thronsessel der K�nigin Seele gelten, sondern die Millionen seelischer Wunder, welche insgesamt die unbeschreibbar herrliche Harmonie eines Lebewesens hervorbringen, werden jeder Magenzelle, jeder Hautfaser ebenso zugeteilt werden m�ssen, wie diesen Pr�tendenten einer angema�ten Macht, den sogenannten Zentralorganen. Die menschliche Seele ist der Mensch als Ganzes. Mit der Antwort auf seine Herkunft, die die Philosophen anders als die Theologen, die Naturforscher anders als die K�nstler formulieren, f�llt die Frage nach seiner Seele von selbst zusammen. Die Seele der Monade, des kleinsten Lebewesens, birgt alle Probleme, und hier m�ndet eben die Frage nach der Seele ein in das gro�e R�tsel des Lebens �berhaupt. Wir werden von der Seele stets nur soviel wissen, als wir vom Leben verstehen. Der Gedanke �ber die Seele ist eins mit dem Gedanken �ber das Leben. INSTINKT UND SPIEL Des Lebens letztes Merkmal ist die Reizbarkeit. Hier steht des Menschen Sp�rsinn still, denn nicht tiefer hinab vermag der Geist der sch�pferischen Natur den Gedanken des Lebendigen nachzudenken. Ein armselig Symptom, ein Symbol halten wir in der Hand, statt seines dahinter liegenden Wesenskernes. Und doch ist dieses Merkzeichen des Lebendigen, die Reizbarkeit, die einzige kardinale Eigenschaft sowohl der letzten im Winde verlorenen Pflanzenspore, wie auch der Kr�nung des Lebendigen, der menschlichen Seele. Ein Automat, eine Maschine beantwortet den Reiz, den ausl�senden Ansto� stets in derselben Weise, zu dem einen von ihrem Erbauer gewollten Zweck; die Zelle aber, der lebendige Automat, hat eine Wahl, eine Willk�r, eine Freiheit. Aus einfachen reizbaren Zellen ist jedes belebte Wesen geschaffen, und an solche Zellen ist das h�chste, wie das niedrigste Leben gekn�pft; denn geistiges Leben ist Zellfunktion im Laternchen des Leuchtk�fers nicht minder, wie der Funke hinter der Prometheus-Stirn des Genies! Aufsteigend von der einfachen Reizbarkeit des einzelligen Lebewesens bis zur Feinf�hligkeit des sublimsten Gedankens, der den Harfensaiten der menschlichen Seele entgleitet, wurde der Nerven Stammherr, der _Nervus Sympathicus_, der den Rhythmus der kriechenden Raupe, wie den Flug der Libelle beherrscht, geschaffen als der erste Schritt zur Organisation chaotischer Bewegungsm�glichkeiten. Nach ihm kam R�ckenmark und Nervengeflecht und endlich die Krone des Nervenbaums, das Gehirn. Kein Geringerer als Goethe sah, da� das Sch�deldach ein entwickelter Wirbel sei, und die H�lle mu�te sich wohl entwickeln, weil an der Spitze der R�ckenmarks�ule die sich fortbildende Nervenmasse das Gehirn erzeugte. Dessen j�ngste Sprossen, die Hirnrindenzellen, sind der Sitz unseres Bewu�tseins. Ein jeder von uns tr�gt also in sich die organischen Niederschl�ge dessen, was vor uns war. Einst war Stufe f�r Stufe aufsteigend alles das bewu�t, was jetzt unbewu�t, automatisch gleichsam "von selbst" sich reguliert: Das Atmen, der Herzschlag, die harmonische Bewegung, die Verdauung, genug das Leben an allen geheimen Laboratorien unseres Leibes. Unter unseren, nunmehr uns selbstbewu�ten Gehirnteilen mu� also ein sich selbst �berlassenes Labyrinth des Gewordenen in fester Bahn geordnet liegen, aus dem wohl die dunkelen Gef�hle stammen, die wie dunkel empfundene Donner rollen durch die Niederungen unserer Seele. Diese fernen, unterbewu�ten Triebkr�fte, das Resultat der Daseinsk�mpfe aller derer, die vor uns waren, sind der Inbegriff dessen, was wir mit dem Namen "Instinkt" belegen. Wahl also, das bewu�te Gef�hl, so oder so zu handeln, steht dem "Mu�" gegen�ber, der Wahllosigkeit unseres Tuns aus den unserem Bewu�tsein entzogenen Trieben heraus. Der kategorische Imperativ _Kants_, das Gewissen, was kann es anders sein, als die Hand der vorw�rts gestaltenden Innenmacht, die uns alle am Ende zwingt, so zu leben, da� wir entwicklungsf�hig ("vorbildlich" Kant) werden k�nnen, andernfalls wir als lebens- und entwicklungsunf�hig abzutreten haben vom Schauplatz des immer spielenden Dramas: Leben. Wir verm�gen einen Blick zu tun in den Mechanismus dieses grandiosen Getriebes gerade in unserer menschlichen Seele. Denn es ist ein organischer Unterschied zwischen den Gebieten, in welchen wir bewu�t denken, Probleme schmieden und uns den neuen Anforderungen des Lebens anpassen, und jenen, wo uns jede Wahl abgeschnitten ist. Um ein Bild aus der Elektrizit�t zu geben,--wir denken und sinnen mit willk�rlich ein- und ausschaltbaren Gedankenelementen, unsere Instinkte aber, unsere Regulationen des Stoffwechsels, unsere Automatien und Reflexe sind definitiv in ihren Bahnen eingestellt, die dazu n�tigen Anschl�sse sind ein f�r allemal bestimmt und aneinander angereiht, sie sind in den H�nden einer abgeschlossenen Hemmung. Wenn wir dem ebengeborenen S�ugling, bevor sein Mund je die Mutterbrust erreichte, einen Finger an die Lippen haken, so beginnt er zu saugen; wenn der erste Strahl des Lichtes sein Auge trifft, so verengt sich seine Pupille: das Getriebe der nerv�sen Reize hat keine andere Wahl, es mu� die Bahnen gehen, welche die Reflexbewegung stets in gleicher Weise ausl�sen, weil diese entwicklungsgeschichtlich angew�hnten Reize stets dieselben Bahnen entlang durchlaufen m�ssen, weil alle anderen M�glichkeiten durch festgelegte Hemmung ausgeschaltet sind. So sind die Reflexbewegungen also deshalb angeboren, weil Millionen unserer Vorfahren diese Art der Beantwortung von Lebensreizen als die zweckm��igste und immer wiederkehrende f�r uns erlernt haben. Die automatischen Reaktionen haben sich also im Laufe der Jahrtausende als die zweckdienlichsten, als die erhaltungsgem��esten herausgestellt, und sie geh�ren zu dem definitiven Bestande unseres nerv�sen Gesamtmechanismus. Die Methode der Natur dabei war die Schaffung einer dauernd fixierten Hemmung, welche Ausweichungen in nerv�se Nebenleitungen unm�glich machte. Da� wir niesen, erbrechen, lachen m�ssen, wenn man uns die Nase, den Rachen, die Sohlen kitzelt, sind zwingende Beweise f�r die Unausweichbarkeit der bestimmten Reize aus definitiven Leitungsbahnen; das tiefe Atemholen beim kalten Wasserstrahl, das Verschluckenm�ssen selbst gef�hrlicher Gegenst�nde (M�nzen, Gebisse, Gr�ten usw.), wenn sie den Gaumenring passiert haben, der Lidschlu� bei grellstem Licht sind Dinge, die wir mit h�chster Willenskraft nicht hemmen k�nnen, weil das Spiel der Kr�fte eben f�r diese Aktionen unab�nderlich reguliert ist. Es ist ein weitverbreiteter, aber irrt�mlicher Glaube, da� man unser ganzes Seelenleben in dieser Weise meint aufl�sen zu k�nnen in die eine Frage nach den Reflexbewegungen. F�r weniger elementare und kompliziertere Handlungen, f�r unser Gedankenspiel und f�r unsere Empfindungen kommt eben noch ein anderes, uns die Freiheit des Willens aufn�tigendes Etwas hinzu. Liegt vor mir ein Buch, so kann ich es aufschlagen oder ich kann es unterlassen; sehe ich einen Apfel, so kann ich ihn fassen oder liegen lassen und habe dabei stets das Gef�hl ganz freier Wahl, zu tun, was mir beliebt. Gegen�ber einem ethischen Problem habe ich nicht minder das Gef�hl der Freiheit, mich f�r dies oder jenes Tun oder Unterlassen zu entscheiden. Hier empfinde ich die Summe aller auf mich wirkenden Reize nur als einen Richtung gebenden, aber nicht zwingenden Antrieb. Dieser mehr oder weniger entscheidende Antrieb stammt nun aus zwei Quellen: Aus einer bewu�ten, kontrollierbaren und aus einer nicht kontrollierbaren, unter- oder unbewu�ten Ausl�sung von Reizen. Antriebe, deren Quellen uns verborgen liegen, aber um so lebhafter uns beherrschen, nennen wir "Instinkte". In zwei gro�e Gruppen, denke ich, sollte man die Instinkte, die unterbewu�ten Antriebe zur Handlung einteilen: In solche, welche uns �berkommen sind, aus fr�heren Stufen der Entwicklung, welche also gewisserma�en R�ckschlagtriebe aus einer fr�heren Daseinsperiode der Menschheit sind; und in solche, welche der unaufhaltsamen Vorw�rtsentwicklung unserer Seelenmechanismen entstammen. Jene sind Instinkte des Gewesenen (deszendente), diese des Werdenden (aszendente). Beide stehen in Verbindung mit unserm Willensmechanismus, d.h. sie k�nnen die Ein- oder Ausschaltung dieser oder jener Handlungsrichtung mehr oder weniger zwingend hervorrufen. Diese ausgel�sten Willensaktionen k�nnen uns pers�nlich n�tzlich oder sch�dlich sein, sie k�nnen aber auch f�r die Entwicklung der Menschheit als Ganzes f�rdernd oder hindernd, also erhaltungsgem�� oder entwicklungshemmend sein. Wo k�nnte der Seelenforscher f�r das �berkommene und Eingeborene tiefere Z�ge der Erkenntnis tun, als bei der Beobachtung des werdenden Menschen, dem jungen Erben des gesamten Menschheitsbesitzes, dem Kinde? Was aber ist des Kindes tiefste Bet�tigung? Das Spiel, dieses f�r die Wissenschaft ernsteste aller Dinge. Ist der Entwicklungsgedanke richtig, so mu� ja in den erwachenden Trieben jedes jungen Infanten alles das oder wenigstens das Wichtigste dessen zu erkennen sein, was einst auch Bestand der Kindheit des ganzen Menschengeschlechtes war. Mit anderen Worten: Die Geschichte der Menschheit mu� sich gedr�ngt, konzentriert, im Wesensabdruck wiederholen in den Lebens�u�erungen des jungen B�rgen f�r die Unsterblichkeit des menschlichen Typus. Es mu� also am Geborenen funktionell das fr�here Geschehen in gro�en Z�gen bemerkbar sein! Und ist es das etwa nicht? Wer je ein Kind in seinem hei�en Triebe Erdarbeiten hat machen sehen; wer es beobachtet hat, wie es mit Wasser umgeht, mit diesem heiligen Ernst einer schweren, selbstverst�ndlichen Lebensarbeit, wer seine Lust am Tier, an Pferd, K�hen, Schafen und Ziegen gesehen und wen das Leuchten seiner hocherregten Augen beim Anblick dieser Urahnen-Genossen erfreut hat, dem mu� sich der Gedanke aufdr�ngen: hier ist wirklich das Wissen und Kennenlernen nur ein sokratisches Erinnern, ein Wiedergewinnen l�ngst in ihm schlummernder Gef�hle! Nimmt man hinzu seine Lust zum Kampf, ja seine Grausamkeit, ja selbst den Hang zu L�ge und Betrug, so f�llt es uns wie Schuppen von den Augen: das sind ja alles, alles Dinge, die Begleiter, Zwecke, Mittel von unausweichbarer Notwendigkeit im Kampfe des Daseins unserer Menschheits-Ahnen waren. Ja, gewi�: hier pr�gte die formende Hand der Entwicklung F�higkeiten und Gel�ste vor, die nun wie eine Zwangsvorstellung, wie ein stetes M�ssen die Willensaktion wie zugeboren zu den Dingen der Umgebung erscheinen lassen. Z�hlt man nun die dokumentarisch festgelegten Kettenfolgen dazu, unter denen ein Genie, ein Talent der letzte markante Ausl�ufer in Generationen vorge�bter F�higkeiten war, so mu� man zugestehen: Nichts beweist deutlicher, als das Kind und seine Seele, da� es Triebe und Instinkte gibt, welche wie Reproduktionen, R�ckschl�ge, Wiederholungen ganzer Abschnitte der Stammesvorfahren sich geradezu aufdr�ngen. Der daseink�mpfende Urmensch _mu�te_ Erdarbeiter, Wasserbeherrscher, Tierpfleger, K�mpfer sein, er mu�te List, L�ge, Verstellung, Grausamkeit als Mittel seiner Erhaltung gebrauchen, er war dem Getreide, den Blumen, den Farben der Natur wahrlich n�her, als ein Gro�stadtkind, das, trotzdem es am Asphalt und zwischen Steinmauern gedieh, doch seine unendliche Sehnsucht nach Feld, Wald, Wiese eingeboren beibehalten hat. Seht es spielen mit eiferger�teten Wangen am Sandhaufen, am Bach und seht es Bl�mlein pfl�cken, nach einem Pferdchen strampeln, nach einem Soldaten zittern, seht es nach dem hellen Sternhimmel langen und zum Mond die H�ndchen heben--man mu� es zugeben: hier waltet ein Erinnern: ein aus den Tiefen des Gewordenen jauchzend aufbrausendes Wiedererkennen! Dieses Wiedererkennen, dieses Zugeh�rigkeitsgef�hl zu der umgebenden Natur und zu Erstlingsfunktionen vergangener Epochen verl��t nun auch den aufmerksam sich beobachtenden Erwachsenen nie, wenn auch das umgebende Leben neue, erst zu bew�ltigende Aufgaben an uns stellt und ganz allm�hlich damit die meisten unserer eingeborenen Instinkte hinabsinken l��t in den tieferen Schacht unseres Innern. Sie sind und bleiben aber doch die W�rme, Licht und Glanz strahlenden Quaderz�ge im abgelagerten Gestein der Seelentiefe und des Charakters, Wollen und Wesen eines Menschen ist fest verankert mit der Summe dieser unserer Beobachtung l�ngst entzogenen Urgef�hle. Wie viel von unseren Sympathien, von unserm Ha� und Lieben, von Neigung und Gewohnheiten, b�sen und guten L�sten mag ferner in der Tiefe des Unterbewu�ten seine unversch�ttbaren Quellen haben? Was kann des Gewissens Stimme anders sein als das Gef�hl der Disharmonie gegen allen Bestand des �berlieferten, in welche uns eine Handlung oder Unterlassung bringt? Denn ein tiefer Zwiespalt in uns mahnt uns, da� wir mit einer einzigen Tat an den Grundfesten dessen r�tteln k�nnen, was alle V�ter vor uns aufgebaut! Aber diese Entwicklung steht niemals still, sie dr�ngt unaufhaltsam an gegen die hemmenden M�chte der uns Grenze weisenden Natur. Und dieser Vorw�rtstrieb der Entwicklung, diese Sehnsucht unsererseits, wieder vorbildlich zu werden, Merksteine des Erworbenen zu schaffen f�r die nach uns Kommenden, ist die Quelle dessen, was wir kommende Instinkte nannten. Bietet gerade unsere Zeit nicht ein klassisches Beispiel daf�r, wie m�chtig diese Triebe eingreifen in das Gestalten der Welt in uns und um uns? Es ist, als schaffte der Menschengeist Gesch�pfe, Maschinen, Werkzeuge, Kr�fte nach einem in sich selbst gef�hlten Ebenbilde! Er spinnt ein Netz gleichsam nerv�ser, elektrischer Verbindung von Menschengehirn zu Menschengehirn �ber die ganze Erde, er durchfliegt Erdteile und Meere, er schuf im Leib des Planeten Organe, die ihm Licht und W�rme und neue Kr�fte liefern, und h�lt im bewegten Bilde (Kinematoskop) die Zeit fest und zeigt sp�teren Generationen die Geschehnisse geschwundener Sekunden! Wahrlich wir sind in einem klassischen Zeitalter, Zeugen unerh�rten Gestaltens, und unser Trieb ist: technische Vollkommenheit. Was Wunder! wenn bei diesem rasenden Ansturm der aufsteigenden, aufw�rtsf�hrenden Instinkte die Probleme des Herzens, der Sittlichkeit, der Religiosit�t, der Ehrfurcht, der Behaglichkeit, des sich Gen�geseins zu kurz kommen? Das ist die Gefahr schnell vorw�rts brausender Kultur. Die Neurasthenie, das allgemeine Nervenzittern ist die Kehrseite der Medaille: die eingeborenen Instinkte sind im Kampf mit den erworbenen. M�glich, da� an diesem Konflikt die moderne Kultur zerschellt, aber die Hoffnung bleibt bestehen, da� auch diese Triebe eben einr�cken k�nnen in den definitiven Bestand des zu �berliefernden. W�re das nicht der Fall, so w�re der Weg der Kultur ein einziger gro�er Ozean des Irrtums. Denn nur, wenn unsere zeitlichen Probleme f�hig sind, zu dauernden Instinkten sich einzuf�gen in den Zukunftsbestand der Menschheit, ist die Fortentwicklung des Menschen als eines auf der Erde dauernd lebensf�higen Organismus garantiert. TEMPERAMENT Nicht nur Gesetz und Recht, auch Namen schleppen sich wie eine ewige Krankheit durch die Zeiten. Wie es aber gerade die Irrt�mer sind, welche leichter und ausgedehnter Verbreitung finden, als die Wahrheiten, so gibt es auch �berkommene Namen, welche um so fester im Sprachgebrauch haften, je irrt�mlicher die Anschauung war, der sie ihren Ursprung verdanken. Ja f�r viele werden namentlich Fremdwortbezeichnungen mit schwerer logischer Begriffsbestimmung zu leeren Lautformeln, mit denen sie stets nur dunkel empfundenen, aber nicht aussprechbaren Sinn verbinden. Und doch mu� man erstaunen, wie oft bei weiterer Fortentwickelung unserer Kenntnisse schlie�lich solchen alten Wortreliquien ein packender Sinn innewohnt. Solche Begriffe sind oft von derselben unaussprechlichen Tiefe, wie Volkslieder, deren Sch�nheit man oft auch erst dann inne wird, wenn uns recht viele Jahrhunderte von ihrem Ursprung aus des Volkes Herzen trennen. Solche Worte z.B. sind die "Elemente", der "�ther" der Alten, welche Grundbegriffe im Zeitalter der physikalischen Chemie und der Theorien von der Elektrizit�t geworden sind. Man sieht daraus, da� die Wissenschaft die �berlebten Worte gebrauchen kann wie alte H�user, die man nur modern einzurichten braucht, um dem Geist der Zeiten zu entsprechen. Das Wort "Temperament" verdankt seinen Ursprung folgendem Irrtum: In der Zeit der Saftmischungslehre war man der Ansicht, da� die Temperatur des K�rpers abh�ngig sei von dem �bertritt gewisser S�fte ins Blut. Rotes Arterienblut, Schleim, gelbe und schwarze Galle, das waren die vier Stoffe, mit denen die alte Saftlehre als Fundamenten der Blutmischung ihre Systeme zusammenschusterte. Zahlreiche Sprachgebr�uche erinnern noch heute an die einstige Sieghaftigkeit dieser humoralpathologischen Lehre, d.h. der Lehre von der Erkl�rbarkeit aller Krankheitszust�nde aus Blutver�nderungen. Das "gallige Blut", die "versetzten H�morrhoiden", der "zur�ckgetretene Salzflu�", der "nach innen geschlagene Ausschlag", die "nicht herausgekommenen Masern" usw. sind solche noch lange nicht ausgestorbenen, ein bi�chen Wahrheit bergenden Schlagworte. So haben des alten _Galen_ vier Kardinals�fte (Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle) auch als Ursachen der vier Temperamente (d.h. Erzeuger spezifischer Blutw�rme), des sanguinischen, des phlegmatischen, des melancholischen, cholerischen, noch heute ihren d�nnen, wissenschaftlichen Schimmer von tats�chlichem Verhalten, nicht weil sie einen Tatbestand ausdr�cken, sondern weil dem Kenner der menschlichen Seele der zeitweilige Zustand der wissenschaftlichen Lehrmeinung den offenen Blick f�rs Wesen des Menschenherzens nicht zu tr�ben vermochte. Nicht allzu selten ist derjenige ja der st�rkste Wissenschaftler, dem der Formelkram seiner Zeit den sogenannten gesunden Menschenverstand nicht unterzukriegen vermag. Die Lehre von der z�ndenden Suggestivkraft eines Schlagworts, einer Formel verdient wahrlich ein eigenes Kapitel in der Psychologie. Ist es also ganz sicher falsch, da� das �berwiegen des roten Blutes, des Schleimes, der Galle im Blutsaft Ursachen der Temperamente sind, so ist es doch unstreitig richtig, da� die Zust�nde der wechselnden Erregbarkeit unseres "Blutes" ganz gut sich in diese vier kardinalen Begriffe einreihen lassen. Ja, Kants weise Modifikation der Kardinaltemperamente in Leicht- und Schwerbl�tigkeit, seine Einteilung der Menschen in Warm- und Kaltbl�tige, kommt der Wahrheit schon recht nahe. Nur klafft noch der eine Widerspruch: was hat das Blut mit der gr��eren oder geringeren Schnelligkeit der Ausl�sung unserer Grund- und Stimmungsgef�hle zu tun? Temperament ist ja Nervensache und nicht Sache des Blutes und seiner Mischung. Da tauchen die Worte auf "leichtsinnig" und "schwerf�llig", "gutm�tig", "schwerm�tig", "hitzk�pfig", "Feuergeist" und verschieben den Vorgang richtiger auf Zust�nde der Gesamtstimmung einer Seele. Dieser Widerspruch w�rde schwer zu �berbr�cken sein, wenn nicht die in diesen Bl�ttern schon mehrfach angedeutete Theorie von der Natur des Blutumlaufes zwischen den einzelnen Gehirnelementen (Ganglien), als eines Stromregulators, hier kl�rend eingriffe. Wir wollen sie an dieser Stelle noch einmal kurz zusammenfassen. Das Gehirn ist ein Orientierungsorgan f�r die Au�en- und Innenwelt. Diese Orientierung geschieht durch Registrierung und Verbindung von Reizen, welche bewu�te oder unterbewu�te Vorstellungen, Empfindungen, Impulse ausl�sen. Dem Ablauf dieser einwirkenden Empfindung ist ein zeitliches Ma� gesetzt, vermittels dessen die Wahrnehmungen nicht alle gleichzeitig den Ganglienapparat best�rmen, sondern hintereinander ausgel�st werden. Wahrnehmungen geschehen also gleichsam wie die telegraphischen Meldungen vermittels eines st�ndig arbeitenden Unterbrechers, vermittels einer dem Seelenstrom rhythmisch eingeschalteten Hemmung. W�re in unseren wahrnehmenden Organen nicht eine solche intermittierende Hemmung am Werke, so m��ten in jeder Sekunde Millionen Wahrnehmungen von allen Organen der Sensibilit�t auftreten, und statt einer tastenden Orientierung w�rde eine verwirrende, durcheinander brausende Disharmonie entstehen. Man stelle sich einmal vor, wie qu�lend es sein m��te, zwei Gedanken von gleicher St�rke zu gleicher Zeit zu empfinden, wieviel mehr w�rde das ungehemmte Durcheinanderfluten aller nur m�glichen Vorstellungen nebeneinander in demselben Zeitma� unser Bewu�tsein v�llig aufheben! Nun sehen wir Gedankenflucht, Verwirrtheit, Ohnmacht, Orientierungsunf�higkeit mit absoluter Sicherheit �berall da auftreten, wo Blutleere eintritt, oder wo das Herz und die Blutgef��e ihre rhythmische �berflutung �ber das Nervensystem aussetzen. Wir wissen, da� eine fahle Bl�sse des Gesichts solche Zust�nde anzeigt, weil die Gef��nerven alle solche Betriebsst�rungen mit Krampf und folgender Blutentleerung beantworten. Da� das Gehirn an diesen Blutleerezust�nden tats�chlich teilnimmt, kann man bei Operationen an er�ffnetem Sch�del direkt beobachten. Da sieht man auch, da� im Schlafe das Gehirn ganz entgegengesetzt der bisher landl�ufigen Meinung blutvoll ist und da� diese Blutf�lle umschl�gt in Bl�sse, sowie der Betreffende erwacht. Das konnte man bei einem Kinde mit entbl��tem Gehirn viele Male beobachten, d.h. Blutf�lle beim Einschlafen, schnelle Blutarmut beim Aufwachen. H�lt man dazu die Tatsache, da� alle Zust�nde des erh�hten Blutgehaltes des Gehirns namentlich bei Blutstauungen mit Bewu�tseinsst�rungen im Sinne der Schlafhemmung begleitet sind, so dr�ngt sich ein Gedanke auf, der f�r die Beurteilung dessen, was wir Temperament nennen, von allergr��ter Bedeutung ist, und der dem uralten Begriff der Leicht- und Schwerbl�tigkeit eine ganz neue und moderne Fassung zu geben imstande ist. N�mlich: das Blut hat in der Tat direkten und wesentlichen Einflu� auf den Ablauf der Geschehnisse in unserem Nervensystem. Ist n�mlich die Nervent�tigkeit bedingt durch die elektrischen Bewegungen �hnliche Molekularerzitterung, so ist sie auch ein- und ausschaltbar, hemmbar, ableitungs- und zuleitungsf�hig, d.h. beeinflu�bar im h�chsten Ma�e durch die Natur der eingeschalteten Widerst�nde. Nun wissen wir, da� um die Nervenzellen herum dauernd mit dem Herzpulse bewegt ein Fl�ssigkeitsstrom kreist, der dem Blutstrome direkt entstammt, und zwar in dazu vorgebildeten R�umen. Wir wissen ferner aus direkten Beobachtungen am Widerstandsmesser f�r elektrische Str�me, da� das Blut und die Bluts�fte hemmende Kraft besitzen. Darum mu� das mit dem Blute in Verbindung stehende H�llgewebe der Nervenzellen ein Nervenstromeind�mmer, ein Isolator sein. Ist dies richtig, so werden also unsere Nervenbewegungen rhythmisch durch die isolierende Blutwelle ein- und ausgeschaltet, und Anschl�sse sind nur da m�glich, wo im Spiel der Gef��muskeln zeitweilig Entleerungen des Blutsaftes zwischen den Gangliensystemen statthaben; umgekehrt sind Anschl�sse dann unm�glich, wenn die L�cken zwischen den Systemen mit Hemmungssaft gef�llt sind. Das dieses Entleerungs- und F�llungssystem beherrschende Organ ist die Neuroglia, und diese ihr zugeschriebene Funktion ist der Inhalt meiner Neurogliatheorie. An der Hand dieser �berlegungen wird es nunmehr leicht, sich den Einflu� des Blutes auf die Grundstimmungen unserer Seele klar zu machen. Ist der Blutsaft von einer Zusammensetzung, welche den Bewegungswellen der Nervenelemente von Natur starke Widerst�nde einschaltet, weil eben ein solcher Saft eine Fl�ssigkeitss�ule darstellt, durch welche nur schwerf�llig elektrische Entladungen stattfinden k�nnen, so hat der Tr�ger eines solchen Blutsaftes eben ein phlegmatisches, langsam aufnehmendes, schwerbl�tiges, erst nach vielfachem Anprall z�ndendes Temperament; sein Gehirn hat, wie man sagt, buchst�blich eine ein bi�chen langsame Leitung. Ist umgekehrt ein Blut von leichter Durchschlagbarkeit f�r die elektroiden Spannungszust�nde im Nervensystem, so w�rde sein Tr�ger leicht empf�nglich, schnell ausl�send, schnell kombinierend, leichtbl�tig, sanguinisch sein. Da h�tten wir also eine grundlegende Definition dessen, was wir Temperament nennen: Temperament ist ein Ma� f�r die gr��ere oder geringere Schnelligkeit der Ausl�sbarkeit und der Anschlu�f�higkeit der Nervenspannungen, oder, weniger gelehrt ausgedr�ckt: Temperament ist Sache der Widerstandsf�higkeit gegen Eindr�cke. Man kann also als gewi� annehmen, da� jeder Mensch einen Grundrhythmus besitzt, vermittels dessen er bei normaler Beschaffenheit seines Blutes mehr oder weniger schnell Reize, Impressionen, Eindr�cke, seelische Attacken aller Art verarbeitet, und da� dieser Rhythmus bei jedem Menschen ein anderer, in gewissen Grenzen abweichender ist, wie das Rot, das ich sehe, eine andere N�ance darstellt, als das Rot, welches ein anderer sieht. Dieses Widerspiel zwischen Erregung von Nervenstr�men und dem Widerstand, welchen sie im Seelenorgan mittels der Saftwelle finden, ist es also, was das Temperament ausmacht, und man begreift sofort, da� dieser Zustand nur ein im gro�en und ganzen konstanter sein kann, weil ja der Zustand unserer Blutmischung nur summa summarum ein konstanter ist. Man begreift sofort, da� es ein absolutes Gleichma� des Temperamentes nicht zu geben vermag, da� wir heute morgen melancholisch und nachmittags sanguinisch sein k�nnen, einfach deshalb, weil die Zusammensetzung unseres hemmenden Blutsaftes wechselnd sein mu�, und da� hier der Salzgehalt, die molekulare Zusammensetzung des Blutes, sein Reichtum an Sauerstoff oder Kohlens�ure, die Beimengung fremder Substanzen, alles Dinge, die von Stunde zu Stunde wechseln k�nnen, auch von Einflu� auf das Dynamometer unseres Temperamentes sein m�ssen. Wir begreifen nun auch leicht, warum ein bi�chen Alkohol, von dem Blutsaft eingesogen, schon so schnell unser Temperament erhebt, aus einem Melancholiker einen Lebensbejaher machen kann, weil eben der Ausgleich zwischen den erregten Str�men eminent erleichtert ist, und es ist verst�ndlich, da� man die Gifte alle einteilen k�nnte nach dem psychologischen Prinzip der gr��eren Erleichterung oder Erschwerung elektrischer Stromleitung im Nervensystem. Denn es ist immer der Blutsaft, der auch diese abnormen Bestandteile zum Gehirn tr�gt und hier die �nderungen der Nervenanschl�sse vollzieht, mag nun diese Zufuhr durch Au�engifte (Alkohol, Morphium, Chloroform, Atropin) oder durch Innengifte (Harns�ure, Galle, Eitergift, resorbiertes Bakteriengift, wie im Fieber) geliefert sein. Man sieht gerade durch gesch�rften Blick f�r das Psychologische am Krankenbett, wie sehr Blutsaft und Temperament im Abh�ngigkeitsverh�ltnis zueinander stehen. Nur mu� man sich die Angelegenheit nicht allzu mechanisch vorstellen. Kompliziert wird die Sache dadurch, da� das Spiel der gr��eren oder geringeren Zufuhr von hemmungsf�higen S�ften au�er von dem Pulse auch vom Nervus sympathicus, diesem Urahnen der Nervensubstanz, beherrscht wird, indem seine Steuerung der Stromenge und Stromweite beherrscht wird von all dem dunklen Triebleben, mit dem eben die ganze Welt, ihre Sonnen und ihre Finsternisse auf unserer menschlichen Seele spielen. Man hat eben die Erregbarkeit dieses Wurzelgebietes unserer seelischen Kraft als den notwendigen Vermittler zwischen Gehirn und Blutsafthemmung aufzufassen. In ihm, in seinen �berall ausgedehnten Geflechten, welche den ganzen K�rper durchsetzen, wie ein Urgehirn f�r sich, das schon alles in sich tr�gt, was die Entwickelung Millionen unserer Vorfahren erworben hat, haben wir den eigentlichen Herrn unseres Lebens, auch unserer Allgemeingef�hle zu respektieren, und ob in uns Harmonie oder Disharmonie, Lust oder Unlust herrscht, das wird wesentlich entschieden durch die Strahlenaktivit�t der Milliarden Ganglien des Sonnengeflechtes in unserem Leibe, das am Feuer der Blutbildung ebenso besch�ftigt ist, wie an der Schmiede der Eisen- und Phosphormolek�le oder an der Geburtsst�tte der Saatk�rner f�r die unz�hligen, vielleicht nie geborenen neuen Menschen in uns. Wie diese Nervengrundstimmung ist, ob lebensfroh zur Entwicklung und zur Sch�nheit dr�ngend, oder d�ster auf Vernichtung, Ha� oder Verneinung gr�belnd, das ist nat�rlich daf�r entscheidend, welche Mischung aus dem Zusammenbrausen aller dieser Kr�fte entsteht: warum eben zeitweise ein Cholerischer phlegmatisch und ein Melancholiker in dionysischer Ekstase erscheinen kann und umgekehrt. Das ist auch die Erkl�rung, warum man schlie�lich ganzen Familien, Sippen und V�lkern bestimmte Grundfarben der Temperamente zuschreiben kann, weil eben das rhythmische Spiel des Sympathikus, dieser Stammeswurzel der Menschheit, welche eingesenkt ist in Boden, Klima und Heimatluft, welche gebunden ist an die Scholle mehr als mancher ahnt, bestimmend ist f�r die gr��ere oder geringere F�lle, mit der eben der eind�mmende Blutsaft die Hirnzellen umsp�lt. TIERSEELE UND MENSCHENSEELE F�r die Naturwissenschaft, welche heute noch in den etwas wackelig gewordenen Geleisen des Darwinismus wandelt, ist es eine ausgemachte Sache, da� der Mensch ein h�her organisiertes Tier, da� er gewisserma�en nur die letzte, erhabene Kr�nung des Lebens sei, hervorgegangen aus den unendlich mannigfaltigen Formungen und Ab�nderungen, welche die Widerst�nde des Daseins auf die vorw�rtstreibende, dem Leben nun einmal anhaftende Gestaltungskraft ausge�bt haben. Die hohen Geistesgaben, so meint man, welche dem Menschen gestattet haben, eben Geist und Vernunft in allen Dingen walten zu lassen, sind Steigerungen �berall auch im Tierleben t�tiger Seelenkr�fte; die Seele des Menschen sei also nur dem Ma� nach, nicht dem Wesen nach von der Tierseele verschieden (nur quantitativ, nicht qualitativ). Da� die Naturforscher dieser Entthronung des bisher souver�nen, v�llig unbestritten als Zentrum der Welt aufgefa�ten Menschengeistes die Feindschaft aller M�nner des Glaubens an Gott und den g�ttlichen Ursprung des Menschen verdanken, kann nicht wundernehmen. Mit der Beweisbarkeit dieser Anschauung fiele ja nicht nur die Sch�pfungslegende, welche ja immerhin ihren tiefen symbolischen Sinn behalten k�nnte, sondern es st�rzte auch rettungslos die jedem Einzelnen instinktiv innewohnende, �brigens uralte und noch lange nicht ausgestorbene �berzeugung, da� der Mensch doch das Ma� aller Dinge sei. _Copernikus_ gab mit seiner Einreihung der Erde als eines K�rnchen Sandes in das brausende Meer der Gestirne diesem zentrierenden Menschheitsgedanken (Anthropomorphismus) den ersten, _Darwin_ den zweiten Sto�: mit der Idee einer sukzessiven Entwicklung. Also ein Aufsteigen des Menschen langsam aus dem Staub der Erde oder dem Urschlamme des Meeres! (Letzterer ist l�ngst ins Land der naturwissenschaftlichen M�rchen gewandert: denn auch die Naturbibeln haben ihre Legenden, nur soll man sie noch fester glauben als die der Religionsb�cher.) Eine Sch�pfung aus dem Erdenklo� zwar auch, aber nicht mit einem Schlage aus der Hand und mit dem Odem Gottes, sondern durch die langsam durch Jahrmillionen gestaltende Faust der Anpassung und Vererbung, wobei der Trieb zur Vermehrung, das "Seid fruchtbar!" immer als etwas Selbstverst�ndliches ohne Erkl�rung gelassen wird. Es ist schlechterdings unm�glich, den Entwicklungsgedanken in den Naturerscheinungen zu leugnen, ohne tausendf�ltigen Gesetzm��igkeiten, Erfahrungen, Experimenten Gewalt anzutun, wenngleich zugegeben werden mu�, da� der Darwinismus noch keineswegs mit demselben den Sch�pfungsbegriff umst��t. Bekanntlich war Darwin gottesgl�ubig und mu� wohl angenommen haben, da� der schaffende Gott eben die langsame Entwicklung dem beseelten ersten Lebenskeime eingehaucht hat, wodurch das Sch�pfungswunder wahrlich nicht weniger staunenswert und herrlich erschiene. Was dem gl�ubigen Naturforscher Demut abzwingt, ist eben das Wunder der unendlichen Entwicklungs_m�glichkeit_ des Lebens, der Milliarden Variationen am gleichen Typus, der Unersch�pflichkeit der Mittel zum Anpassen an unz�hlige Widerst�nde und geheime Schwierigkeiten, endlich das unverkennbare Zweck_bewu�tsein_ der sich vorw�rts entwickelnden lebendigen Masse. Die Sch�pfung, die der Gottesmann im Herzen tr�gt als _einmalige_ f�r ihn denkbare M�glichkeit der Entstehung von Welt und Mensch, ist eben f�r den Naturforscher st�ndig f�r einst, jetzt und alle Zeiten stumm am Werke; das ist eigentlich der ganze Unterschied. Eine Frage trennte die beiden Weltanschauungen, aber viel tiefer und scheinbar un�berbr�ckbar, uferlos: das ist eben jene schon angedeutete: kann wirklich der Menschengeist als eine h�here Stufe Tiergeist definiert werden? Es m�ge mir erlaubt sein, einige Gr�nde beizubringen, welche gegen eine solche Auffassung von der einfachen Steigerung der Tierseele in die Menschenseele sprechen. Unstreitig sind in den nerv�sen Apparaten, welche das Leben im Tiere und im Menschen regulieren, eine gro�e Anzahl Einrichtungen und Funktionen anzutreffen, welche v�llig identisch arbeiten und nur gradweise Unterschiede erkennen lassen, alle Sinnesorgane, alle Reflexe und automatischen Bewegungen, alle bewu�ten oder unbewu�ten Mechanismen des Stoffwechsels und der Fortpflanzung, die Mechanismen der Liebe und des Hungers--alle diese anatomischen und funktionellen Dinge sind gleicherweise im Nervenapparat von Tier und Mensch vorhanden: manchmal dies oder jenes beim Menschen vollkommen und h�her entwickelt, manchmal--und das ist sehr bemerkenswert--auch in entschieden h�herer Entwicklung beim Tier als beim Menschen, z.B. der Gesichtssinn beim Raubvogel, die Witterung bei Hund und Reh, die Automatien der Bewegungen bei der fallenden Katze, beim Hund und Pferd[1]. Wo aber liegen denn die eigentlichen Unterschiede zwischen Tier- und Menschenseele, dergestaltige Abweichungen, da� von einem Gradunterschied gar nicht die Rede sein kann? Wir meinen, da� es offenkundig genug ist, da� solche essentiellen (wesentlichen) Unterschiede in H�lle und F�lle bestehen, welche alle auf ein einheitliches Prinzip zur�ckzuf�hren sind. Der Unterschied wird bemerkbar zun�chst in rein historischem Sinne: alle Daten der Geschichte beweisen, da� der Mensch sich zum mindesten in bezug auf seine Lebensgewohnheiten im Lauf relativ sehr kurzer Zeitl�ufe gr�ndlich ver�ndert, da� er sozusagen seine Lebensweise in breitesten Grenzen aktiv vorr�ckt, w�hrend das Tier von Anbeginn seines Auftretens auf der Erde, vom Moment, an wo der Hirsch Hirsch, der Vogel Vogel war, aktiv an seiner Lebensart nicht das geringste ge�ndert hat. Nicht einmal Ortsver�nderungen, geschweige Nahrung, Liebesleben, Wohnungsverh�ltnisse, Bewegungsmittel usw. haben die geringsten, aktiven Variationen erfahren. Fu�note 1: Ein Beispiel daf�r war im Zirkus Schumann vor einiger Zeit zu sehen. Auf einer von langsamer Drehung zu immer rasenderer Eile getriebenen Drehscheibe wurden erst Menschen und dann Tiere postiert. W�hrend die Herren der Sch�pfung sehr bald abgeschleudert wurden, vermochten die Tiere sich durch schnellste Anpassung an die Bewegung "auf dem Platz" m�helos auf der sausend rotiereuden Drehscheibe galloppierend zu halten. Man kann also sagen: Die Lebensbedingungen der Tiere waren in historischen Zeiten konstant, w�hrend ein �berirdischer Historiograph den Pfahlbauer und den kommandierenden General zu Pferde wahrscheinlich f�r zwei ganz verschiedene Lebewesen mit Recht verzeichnen w�rde. Ebenso stabil ist das Tier geblieben von Anbeginn seines Auftretens in bezug auf die Erkenntnis seiner Stellung zum Weltganzen, w�hrend der Mensch sein Verh�ltnis zur Natur um ihn und in ihm einer dauernden Betrachtung unterzogen hat, was ihn neben anderem auch dazu gef�hrt hat, Herr von Tieren und von Naturkr�ften zu werden, wovon bei Tieren in beiden Hinsichten auch nicht das geringste zu bemerken ist. F�gen wir hinzu, da� bei Tieren nichts zu sehen ist von einer bewu�ten Kunst und bewu�ten Ethik (alle darauf bez�glichen Beispiele geh�ren in das Gebiet automatischer, reflektorischer Nervent�tigkeiten, sind also Handlungen aus _Mechanismen_, nicht aus _Motiven_ heraus), so meinen wir die hervorstehenden differenzierenden Merkmale zwischen Tier- und Menschenseele wenigstens symptomatisch angegeben zu haben. Worauf beruhen nun diese erkennbaren Unterschiede? Folgen wir dem Entwicklungsgedanken, so mu� mit dem Menschen eine durchaus neue seelische Kraft aufgetreten sein, es mu� mit ihm ein Prinzip zur Erscheinung und Wirkung gekommen sein, von dem vor seiner Erschaffung nichts auf der Erde beobachtbar gewesen sein kann, weil alles, was mit dem Menschen entstand, erst durch dieses neue Prinzip m�glich wurde. Wenn wir nicht annehmen wollen, da� wirklich das, was wir Menschenseele nennen, ein Ding f�r sich ist, ein metaphysisches, unerh�rtes Wunder, mit dem uns der Geist der Natur begabt hat--eine Anschauung, welche wohl unwiderlegbar sein d�rfte als die eine denkbare M�glichkeit--so m�ssen wir zum Erfassen einer anderen M�glichkeit eine Hypothese einf�hren, welche vielleicht wahrscheinlicher und einf�gbarer in den Entwicklungsgedanken ist, als jene des unvermittelten Eingreifens einer �bernat�rlichen Macht in den Ablauf der Dinge. Machen wir uns zuv�rderst einmal die seelische Stellung des Menschen zum Weltganzen ganz klar. Das Wunderbarste und Verbl�ffendste an dem Verh�ltnis einer sch�pferischen Natur zum Menschen ist die Tatsache: da� sich das fortentwickelnde Leben Organe (Nervensubstanz, Gehirn, Seele) geschaffen hat, die f�hig sind, dieses Leben zu begreifen, die durch Entwicklungen seelischer Kraft dazu gef�hrt haben, _da� die entwickelte Materie sich selbst begreift_. Nehmen wir einmal an, um ein Bild zu gebrauchen: Die Sonne w�re der Quell aller Dinge, so best�nde das Wunder darin, da� die Sonne sich das Menschenauge zu einem Spiegel ihrer eigenen Sch�nheit und aller ihrer Eigenschaften erschaffen habe. So schuf die gesamte Natur den Menschengeist, um sich in ihm ihrer selbst und ihrer Gesetze allm�hlich ganz bewu�t zu werden. Es k�nnte fraglich sein, ob dieses Wunder nicht _nur_ auf der Erde und keinem anderen Gestirn geschehen ist, so da� die kleine Erde doch der geistige Mittelpunkt des Universums sein k�nnte, sein _einziger_ Spiegel. Denn unstreitig ist der Mensch f�hig, sich von der Gesamtnatur, von den letzten Dingen eine Vorstellung zu machen, in sich ein Bild der Welt aus seinen Gedanken zu erzeugen. Wenn man nun bedenkt, da� jeder unserer Gedanken in seiner Entstehung genau so materiell sein mu� wie eine vorbeifliegende Bleikugel, da� er sekund�re Wirkungen haben kann, welche die gr��esten materiellen Katastrophen (Explosionen, Felssprengungen usw.) hervorrufen, so erhellt erst recht der kolossale Schritt, welchen die Natur in der Hinzuf�gung der seelischen Kraft zur Entwicklung gemacht hat. Wenn wir nun nicht zugeben wollen, da� eben diese Kraft der sich selbst bewu�te Geist des Sch�pfers ist, womit alle Forschung aufh�ren w�rde, so ist man gezwungen aus einem anderen, weniger �bernat�rlichen Prinzip heraus das Auftreten der menschlichen F�higkeiten in der Kette der Entwicklungen wenigstens hypothetisch zu erkl�ren. Da die bei Tieren beobachtbaren psychischen T�tigkeiten nicht ausreichen, um die Seele des Menschen als eine Steigerung dieser Aus�bungen zu definieren, da wir andererseits von einem Eingreifen einer metaphysischen Macht absehen wollen, so bleibt nichts �brig, _als der Nervensubstanz der menschlichen Seelenorgane eine im Tier nicht beobachtbare neue Funktion zuzuschreiben_. Diese neue Funktion ist die F�higkeit der menschlichen Nervenmasse, nicht nur in der einen Richtung von der Reizstelle zum Wahrnehmungszentrum zu schwingen, sondern auch in umgekehrter Richtung vom Wahrnehmungszentrum zur Reizstelle bewegt zu werden. Auf dieser Funktion beruht unsere F�higkeit, z.B. ein Pferd mit Farbe, Form, Schatten und Licht und allen anderen Eigenschaften nicht nur zu sehen, sondern es auch von nunmehr neu zu erzeugen. Gerade wie im Kinematoskop durch Abrollen von tausend Einzelbildern eine wirkliche Form und Bewegung eines tats�chlichen Bildes entsteht, so ist der Mensch, und nur er allein, imstande, von innen heraus, aus dem funktionellen Betrieb seiner Ganglienzellen heraus die Welt mit allem, was wahrgenommen und gedacht werden kann, neu entstehen zu lassen. Mit einem Worte: die _Phantasie_, als eine besondere Funktion der menschlichen Nervensubstanz erfa�t, ist es was den Menschen aus dem Tierreich so hoch und herrlich heraushebt, da� man wohl sagen darf: gewi� ist der Mensch tierisch in seiner physischen Natur, aber er ist Gottes Ebenbild in seiner psychischen Natur. Wohl ist er das h�chste Tier, aber zugleich auch eine Vorstufe zu h�heren Wesen. Das letzte Tier der Erde, der erste Gott dieser Welt, das ist der Mensch! GLAUBE UND WISSENSCHAFT Die Stellung des Menschen und des seiner Beobachtung Zug�nglichen im Weltganzen zu begreifen--diese uralte Sehnsucht ist der gemeinsame Quell alles Wissens und jeden Glaubens. Wie zwei sich ewig befehdende K�niginnen im Geisterreiche stehen sie sich gegen�ber und sind doch Geschwister von derselben Mutter aller Erkenntnis--der Kausalit�t--geboren, Glaube und Wissenschaft. Da� bisher nie ein ehrlicher Friede zwischen diesen beiden Denkungsarten und ihren Vertretern m�glich war, ist im Grunde um so verwunderlicher, als es ja bei gleichem Ursprung und bei gleichem Ziel eigentlich nur ein Streit um die Methode ist, der sie trennt. Was bei dem Glauben die innere, selige �berzeugung, die Ahnung, die Offenbarung ist, das ist beim Wissen die widerspruchslose Hypothese, die alle Erscheinungen deckende gedachte Gesetzm��igkeit. Sind das nicht im Grunde vielleicht dieselben Funktionen unseres Seelenapparates, die in dem einen wie dem anderen Falle zu einer unverr�ckbaren Einstellung unserer logischen T�tigkeiten auf einen bestimmten Zentralpunkt f�hren, der in der Art zwingender Selbstsuggestion die Ausgangsstelle aller Schlu�folgerungen darstellt? Nichts ist machtvoller als die Formel. Sie rei�t den einzelnen in unwiderstehlicher Suggestivkraft in den Bann ihrer Kreise, sie hat infekti�se Kraft und vermag die Massen in geradezu epidemischer Weise unter ihr Banner zu zwingen, wie eine Armee unter das Symbol einer Fahne. Was mag das Wesen der Formel, des Schlagwortes, des erl�senden Gedankens, der Suggestion eines sich aufzwingenden, epocheschaffenden Begriffes sein? Wenn der Entwicklungsgedanke richtig ist, so ist Denken ein Wachstum, so geh�rt ein Heranreifen der einzelnen Elemente unseres Denk- und Empfindungsorganes dazu, um einen Gedanken, d. h. dem Zusammenklang so und so vieler Akkorde erzitternder Ganglienelemente die immer n�tige Resonanzfl�che zu schaffen. Das geschieht, "wenn die Zeit gekommen" ist, wenn das Ackerfeld des augenblicklichen Entwicklungsstandes des organischen Saatfeldes vorbereitet ist f�r den neuen Keim. Das Aufd�mmern neuer Kombinationen von Ganglient�tigkeiten in einem Gehirn (dem genialen), das erstmalige Aufleuchten anschlu�bereiter, bisher nicht durchleuchteter Gebiete w�rde verl�schen wie eine Sternschnuppe an dem Horizonte des Bewu�tseins der Mitlebenden, wenn nicht im Stillen gleichm��ig eine Z�ndfl�che in mitgeborenen Gehirnen geschaffen w�re; wie es ja oft genug geschehen ist, da� entwicklungsgem��e Gedanken erst Jahrhunderte sp�ter ein tragf�higes Ackerland in den Seelen der Nachgeborenen erhalten haben. Diese Z�ndkraft wohnt genialen Gedanken eben deshalb inne, weil die Entwicklung der meisten Gehirne einer Epoche ziemlich gleichm��ig herangediehen ist an die letzte, entscheidende Ausl�sung, die nur Einem, manchmal auch Mehreren (nur Unkundigen �berraschend durch ihre Gleichzeitigkeit) gelingt. Jahrhunderte lang kann eine Idee vorbereitet sein, bis in einem Geiste der Prometheusfunke durchbricht, und wie einst Goethe gesagt hat: das Auge mu� sonnen�hnlich sein, wenn es die Sonne zu sehen vermag, so f�llt dieser Funke auch in nerv�se Systeme, welche spezifisch empf�nglich sind f�r das ihnen gebrachte Licht. Das ist dann in der Tat ein Vorgang, der mit der Infektion durchaus vergleichbar ist, weil auch bei ihr eine Disposition unbedingt dem Haften des Ansteckungsstoffes vorangehen mu�. Formeln also, welche in der Entwicklungsrichtung der menschlichen Geistesapparate gelegen sind, sind deshalb so suggestiv, weil ja die Mitgehirne schon warten auf einen Anschlu�reiz, dem sie entgegengewachsen sind. Ist diese Anschauung von dem buchst�blichen Heranwachsen der Geisteselemente zu neuen Aufgaben richtig, und alle Forschung und Erfahrung scheinen sie zu st�tzen, so kann man sagen, da� alles Objektive, alles sogenannte Allgemeing�ltige naturgem�� einem Wandel unterworfen ist und da� das Objektive bei seinem erstmaligen Auftreten zun�chst erst die Wahrheit eines Einzelnen, d.h. etwas durchaus Subjektives gewesen ist. Die eine Wahrheit anerkennende Mitwelt steht also unter der Suggestivkraft eines Genies, solange bis eine noch zwingendere subjektive Kombination diese "Wahrheit auf Zeit" abl�st. Dieser Tatbestand trifft nun den Glauben ebenso wie die Wissenschaft. In gro�en Perioden wechselt der Glaube ebenso wie die Wissenschaft ihr Gewand. Da die Sehnsucht, das R�tsel der Welt zu l�sen, in jedem Gl�ubigen nicht minder wie in dem Wissenschaftler die Ursache der Annahme dieser oder jener ihn ganz erf�llenden �berzeugungen ist, so kann es nicht wundernehmen, da� eine gro�e Reihe von Parallelen sich aufstellen lassen zwischen der Entwicklungsgeschichte der Religion und der Wissenschaft. Da es sich aber um dieselbe Funktion der Seele in beiden F�llen handelt, so kann die Berufsf�rbung, welche unab�nderliche Vorg�nge unseres Geistesapparates erfahren, nicht weit genug gehen, um diese Gleichrichtung des inneren funktioneilen Betriebes zu verwischen. Ich kann an dieser Stelle nicht diese funktionelle Parallele zwischen Wissenschaftlern und Glaubensm�nnern bis ins Einzelne durchf�hren, es m�ge gen�gen, auf einige naheliegende �hnlichkeiten hinzuweisen, um wieder einmal daran zu erinnern, wie m��ig es eigentlich im Grunde ist, wenn, wie das so oft geschieht, zwischen Theologen und Naturforschern gespannte und sich gegenseitig exkludierende Feindseligkeiten er�ffnet werden. Ich w�rde nicht wagen, den lieben Gott vom Standpunkte der Wissenschaft eine zwar wahrscheinliche, aber unbewiesene Hypothese zu nennen, wenn nicht ein Mann, dem es um den Namen Gottes heiliger Ernst ist, den Spie� mit vollem Recht sofort umkehren und der Wendung ihre blasphemische Sch�rfe nehmen k�nnte, indem er einem solchen Naturforscher antwortete: "Umgekehrt, lieber Freund, mit jeder deiner Hypothesen umschreibst du nur den Gottesgedanken." Da in der Tat eine Wissenschaft ohne Hypothese niemals zu grundlegenden Gesetzen kommen w�rde, es bisher auch nicht m�glich war, Wissenschaft ohne Hypothese zu treiben, so mu� man zugeben: auf beiden Seiten ist ein gro�er Unbekannter, und je nach Temperament und Erziehung wird auf der einen Seite mit Ehrfurcht personifiziert und symbolisiert und auf der anderen Seite mit k�hler Logik analysiert, was �brigens die Ehrfurcht nicht ausschlie�t. In beiden F�llen aber ist eine gedachte, substituierte, der �u�eren Erfahrung nicht zug�ngliche, nicht beschreibbare, fa�bare und erkennbare Grundmacht der Urgrund aller Dinge. Ist die hypothetische Durchdringung aller Materie mit dem �ther, seine Erf�llung des Weltraumes an jeder Stelle etwas anderes als die Allgegenwart Gottes, nur in naturwissenschaftlicher Formel? Ist das Gesetz von der Erhaltung der Kraft nicht der uralte Unsterblichkeitsgedanke nur in physikalischer Fassung? Gibt es eine besondere Lebenskraft, und die moderne Naturwissenschaft n�hert sich mit dem Neovitalismus bedenklich dieser M�glichkeit, so ist die Unsterblichkeit auch geistiger Funktionen nicht mehr au�er dem Bereiche naturwissenschaftlicher Denkweise. Der Glaube an die Einheit der Kraft (Monismus), hat er nicht verzweifelte �hnlichkeit mit dem Monotheismus der Juden, dem ebenso ein Polytheismus voranging, wie dem Monismus eine auf viele Einzelkr�fte aufgebaute Kraftlehre? Und weiter--der nie verschwindende Dualismus der Philosophie, die Gegen�berstellung von Kraft und Stoff, von Gott und Teufel, von Energie und Widerstand, sind es nicht alles Bezeichnungen f�r funktionelle Vorg�nge in unserer Seele, welche jedem Menschengehirn eingewurzelt bleiben, mag Zufall und Wahl seine Tr�ger nun zur Gemeinschaft von Priestern oder von Naturwissenschaftlern gef�hrt haben? Es ist eine nicht mehr zu bestreitende Tatsache, da� die Naturwissenschaft ebenso dogmatisch sein kann wie die Kirche. Das eigensinnige Festhalten an Voreingenommenheiten, �berlieferungen und bequemen Gewohnheiten ist eben ein allgemein menschliches Hindernis f�r den Fortschritt, ganz gleich, ob es sich in Kirche, Staat oder Laboratorium bekundet. Wir haben Unfehlbarkeitsanwandlungen hier wie dort, und die P�pste der Wissenschaft sind nicht weniger intolerant gewesen als die der Kirche und sind es noch. Es gibt Wissensmonopole ebenso, wie es Erkenntnismonopole gibt. Die konsequenten Negierer in der Wissenschaft sind die Zwillingsbr�der der Atheisten. Der Wille zur Macht ist auf den Akademien nicht weniger am Werke als in den Konsistorien. Die Intoleranz, die Proselytenmacherei, die Verketzerung anders Gl�ubiger und tausend andere Menschlichkeiten hier wie dort. Alle diese Beispiele beweisen schlagend, da� die allgemein menschlichen Funktionen einer Seele, die Art des mechanischen Ablaufes geistiger Bestrebungen nicht durch den Beruf oder das Amt wesentlich modifiziert werden k�nnen, da� die menschliche Seele als Funktion eine Einheit bedeutet, da� alle Menschlichkeiten in jedem Beruf sich ereignen m�ssen und da� im speziellen der Priester mit dem Vertriebe und der Propaganda seiner Lehren nicht anders verf�hrt als der Wissenschaftler. Nirgends wird die Parallele dieser Funktionen deutlicher als in einem Vergleich zwischen Priestern und �rzten, die beide als die praktischen Verwirklicher religi�ser oder wissenschaftlicher Ideen zu gelten haben. Es m�ge ein kurzer Vergleich dieser beiden Berufsarten hier gestattet sein. Weniger die Priester als die �rzte d�rften erstaunt sein, wenn man den Nachweis versucht, da� diese beiden T�tigkeiten tief im Wesen verwandt und verkettet sind, nicht nur durch die gemeinsame F�rsorge um den Einzelnen, dort in seelischer, hier in k�rperlicher Beziehung; ein Vergleich, der sich geradezu aufdr�ngt und nicht nur in der Forderung wurzelt, da� in jedem Arzt etwas Priesterliches sein m�sse, sondern viel mehr noch in der Methode der Einwirkung auf den seelisch und k�rperlich Notleidenden bei n�herem Zuschauen offenbar wird. Die Gleichheit liegt in dem Angriffspunkt des menschlichen Elends, des Leids, des Kummers, der Not, des Schmerzes bei beiden. Der Priester tr�stet die Seele und hypnotisiert sie, rei�t sie hinweg mit den befreienden Ideen des Hinweises auf ein Jenseits, auf eine ausgleichende Gerechtigkeit im Reiche h�herer als irdischer M�chte, psychologisch gesprochen, er erhebt die Seele �ber die Gegenwart mit der Suggestion einer gro�en Hoffnung, gegen welche das Irdische in ein Nichts versinkt, und der Arzt erreicht mit dem Schlaf, direkten chemischen Alterationen des Gehirns, mit Morphium, Narkose und An�stheticis eine funktionell der Hypnose ganz nahe stehende Bewu�tseinst�uschung �ber den Zustand der Gegenwart. In dem einen Falle Hypnose auf dem reflektorischen Wege durch Gedanken�bertragung, in dem andern auf dem Wege der chemischen Alteration der Hirnfunktion. Dinge, die in ihrem Mechanismus vielleicht verwandter sind, als man heute noch allgemein zugeben m�chte. Verfasser hat den Versuch unternommen, f�r die Narkose, f�r die Schmerzlosigkeit Prinzipien aufzustellen, welche auch f�r die Giftwirkungen die Ausl�sung physikalischer Vorg�nge bedeuten, und glaubt damit alle Formen der Bewu�tseinseinschl�ferung auf einen einheitlichen Mechanismus, den der physikalischen Hirnhemmung zur�ckgef�hrt zu haben, so da� einem Menschen auf dem Wege der Verbalsuggestion Trost zu bringen, f�r den Seelenmechanismus nichts anderes bedeutet als die Einverleibung gewisser beruhigender Medikamente: in beiden F�llen geschieht ein Appell an denselben Mechanismus: Eind�mmung, Einengung, Blendung, Hemmung des Bewu�tseins. Was Priester und Arzt gro� und m�chtig macht, ist dasselbe: die starke, suggestive Kraft ihrer Pers�nlichkeit, welche in beiden F�llen trotz aller zwingenden Gewalt der Heilmittel im letzten Grunde nicht entbehrt werden kann. Der eine hat sein Trostmittel, die Religion, der andere sein Heilmittel in der Hand; wie sie aber wirken, ist nicht allein im religi�sen Gedanken an sich, nicht allein im Heilstoff an sich begr�ndet, sondern bedarf in beiden F�llen der Zutat tiefgreifender Glaubensstimmung, welche erst recht die Pforten der Seele �ffnet f�r den Eingang der Heilswahrheiten und -Wirkungen. Die Sonne der Hoffnung mu� von beiden gleicherma�en belebend in das Dunkel der verzagten Seele ausstrahlen. Wie oft ist die fromme L�ge, die Heiligung der Mittel durch den idealen Zweck den Priestern gerade von den freidenkerischen �rzten vorgeworfen worden, und welchen Arzt g�be es, der um ein St�ck "frommer" L�ge, um eine gute Dosis bestgemeinten Jesuitismus herumk�me? Nein, ganz gewi� ist der Arzt berufen, das Erbe des Priesterstandes auf sich zu nehmen, und wird dieser Funktion nicht eher gerecht, als bis er bewu�t und ohne Verschleierung den Methoden der Glaubensm�nner in gerechter W�rdigung mehr Ehrfurcht als bisher zu zollen bereit ist. Ist wirklich die Wirkung aller der herrlichen Heilquellen so wesensverschieden von dem "Lourdes" der Gl�ubigen? Ist nicht mancher Kurort wie ein Wallfahrtsort, ja spielt nicht das Rezept bisweilen die Rolle eines Abla�zettels f�r S�nden des Genu�es, hat nicht die Medizin immer noch den alten, psychologisch auch tief begr�ndeten Brauch, hier und da Rezepte zu verschreiben, ut aliquid fieri videatur? Wie viele Gl�ubige pilgern im Sommer nach Karlsbad oder Marienbad mit der stillen Hoffnung, die hier vergebene S�nde im folgenden Winter reichlich nachholen zu k�nnen! Die Medizin kennt P�pste und Episkopate; der Glaube an die Chemie ist so stark und dogmatisch, wie nur irgend eine Heilswahrheit, und die Zeiten sind dagewesen, wo wissenschaftliche �berzeugungen die Herrschergewalt von Staatsreligionen besessen haben, in denen Ketzern und Andersgl�ubigen der wissenschaftliche und materielle Ruin sicher war. An die Stelle des Totmachens durch die Inquisition und des Ketzergerichts ist oft genug das noch wirksamere Totschweigen getreten, der Boykott, das Abr�cken, das Verfehmen, das in modernen Zeitl�ufen, nur scheinbar schonender, dem "Protestanten" den Strick oft genug gedreht hat. Die Geschichte aller Wissenschaften kennt Beispiele von krassester Dogmatik, Ketzerhinrichtung und Bannbullen, und die Szene des zum Widerruf gezwungenen Galilei wiederholt sich alle Jahrhundert mehrmals.-- Ist hier an einem Beispiel gezeigt, wie nahe sich in praktischer Anwendung Wissenschaft und Glaube ber�hren, so ist ihre Verkettung in ideeller Hinsicht eine noch viel weiter und tiefer gehende. Die Vertreter echter Wissenschaft sind von jeher dem Felde ihrer Probleme genaht mit einer tiefen und heiligen Ehrfurcht, die sich in psychologischer Hinsicht nur wenig unterscheiden d�rfte von dem Gef�hl der Demut, mit welchem der echte Priester vor den Altar tritt. Ja noch mehr, dem ehrlichen Forscher wird mit dem Zuwachs seines Wissens stets ein Staunen �ber den unbegreiflichen Reichtum der Natur Hand in Hand gehen, und eine Kette von Offenbarung und Wundern wird ihm die durchforschte Au�enwelt aufweisen, genau wie dem Religionsmann die tiefdurchsonnene Innenwelt. So weit der sp�rende Spaten auch reicht, �berall wird er auf Granit des Unergr�ndlichen im letzten Sinne sto�en und wird, falls er gerecht ist und f�hig, die Probleme psychologisch zu begreifen, in h�chster Toleranz Jedem sein Recht lassen, sich �ber undefinierbare Dinge eine Meinung nach seiner Fasson zu machen. Denn er wei�, da� Dinge des Gem�tes und der Phantasie weder zu st�tzen noch zu widerlegen sind mit den Waffen des Intellektes. Es gibt eine Einheit des wissenschaftlichen und des religi�sen Denkens, die sie beide der Kunst n�hert: die Phantasie. Ohne sie g�be es keinen neuen, fruchtbaren Gedanken, ohne sie w�re aber auch kein Glaube m�glich. Dieser sch�pft aus den Tiefen des Gem�tes, jener aus denen des Verstandes. Nie wird eine Wissenschaft das religi�se Empfinden ausl�schen k�nnen, nie aber auch kann ein Glaube den Resultaten der Wissenschaft sich entgegenstellen. Ein Mann des Gottesglaubens, wie Goethe, konnte ein fruchtbarer Forscher sein, und ein Mann der k�hnsten Gedanken der Wissenschaft, ein Newton, konnte ein strenggl�ubiger Kircheng�nger sein. RAUSCH Rausch--welch ein wunderbares, eine F�lle tonmalerischer Ankl�nge in sich bergendes und weckendes Wort! Ein Lautsymbol merkw�rdigster und tiefgreifendster Art. Tauchen aus ihm doch Laute empor und klingen ans Ohr, die an ein sch�umendes Wehr, an ein gurgelndes Wellenspiel, an ein im Sturme zitterndes Bl�ttermeer gemahnen, �hnlich wie ein diskretes Parf�m von Veilchen die dazu geh�rige Wiese und den Wald, Himmelsblau und Freiheitsgef�hl der Seele aufzun�tigen vermag. Wie treffend, ja ersch�pfend wird in diesem Sprachgebrauch der eigentliche Seelenzustand, der den "Rausch" bedingt, und den wir gleich kennen lernen werden, direkt beschrieben, einfach und fast sicherer, als es die kompliziertesten Hilfsbegriffe der Wissenschaft zu tun verm�chten. Woher stammt der ahnenden Seele der Volkssprache diese tiefgr�ndige Weisheit, da� sie oft schon alle Geheimnisse vorgeahnt zu haben scheint, welche die gr�belnde Wissenschaft auf m�hsamen Umwegen oft auch nicht tiefer zu entschleiern vermag? Eine Frage, die uns zwingt, anzunehmen, da� unsere Sprachbegriffe vielfach nichts anderes sind als eine symbolische Projektion psychologischer Vorg�nge im inneren R�derwerk der Seele nach au�en. F�rwahr, die Sprache ist eine der reichsten Fundgruben unserer Seelenkunde, wenn auch bisher noch eines Bergmannes harrend, all ihre Sch�tze zu heben. Das mag einmal beleuchtet werden an diesem Beispiel der Beziehungen der berauschten Seele zum Rauschen und Brausen bewegter kleinster Teilchen, m�gen es nun Tropfen der Regenflut, Halme des Grases, schwingende Saiten der �olsharfe oder die zitternden Phosphorsternchen im Filigran unserer Seele, die Ganglien des Gehirns, sein. Wer doch einen Blick hinein tun k�nnte in den feinmaschinellen Pr�zisionsbetrieb der f�nfzehn Millionen schwingender, webender, gleitender, aufzuckender und aufleuchtender kleinster Ganglienkugeln da hinter dem steilen Altar unserer Gedanken; etwa hinter die Stirn eines vollendet arbeitenden Gehirnes, das dem eines _Goethe_, eines _Helmholtz_, eines _Beethoven_ ebenb�rtig w�re! Wer nur, wie der denkendste aller Dichter, Hebbel, zum schlafenden Kinde sagt, einmal in seine Tr�ume sehen k�nnte--dem w�re alles, alles klar! Denn, was nutzt es uns, das Gehirn der Abgeschiedenen hin und her zu wenden, es in feinste Scheibchen zu zerschneiden--im lebendigen Spiel, in jauchzender Arbeit, im Rausch des Lebens m��ten wir es schauen, wollten wir den ganzen Gespensterreigen in dem geheimnisvollen Gef�� erhabenster Gedanken �berblicken! Und doch: die Technik unserer Tage, emporgereift zu einer Werkstatt gar f�r Menschenfl�gel durch das Reich der Luft, an ihrer Spitze die Elektrizit�t, gibt uns vielleicht doch Bildermaterial und Zeichenstifte genug, um freilich in den Kinderschuhen der naivsten Erkenntnis einmal den Versuch zu wagen, so etwas wie einen Rundgang durch den Bildersaal des seelischen Betriebes zu unternehmen.--Da h�ngen die Millionen feinster kleiner Sternchen (Ganglienkugeln) in einem Maschennetz, so zart, da� Spinngewebe dagegen Schiffstaue oder Ankerketten sind; wie feinste Tr�ubchen im Spalier, wie Windenbl�ten am Drahtgitter sind sie ausges�t und senden aufleuchtend ihre Feuerstr�hlchen aufeinander zu. Denn wenn der millionenfach gespaltene Fingerstrahl der Sonne, umgeformt in Millionen Arten von Au�enweltreizen oder Innenweltgeschehnissen, an ihre Aufh�ngeschn�rchen r�hrt, dann blitzen sie vielleicht auf mit hellen oder dunklen Lichtwellen (die gibt's jetzt n�mlich auch), zittern und machen es wie die Sender und Empf�nger der Marconi-Platten: sie haben sich etwas mitzuteilen, irgendeine Form der Milliarden M�glichkeiten von Bewegungswellen, von Rhythmen, von Interferenzen und harmonischen oder disharmonischen Vorg�ngen au�erhalb dieser mikroskopisch kleinen Telephonzentrale der Seele. Da klingen an oder leuchten auf vielleicht allein 4000 solcher Sandk�rnchen der Weisheit gleichzeitig, und dann wei� es die Seele: der Menschenfinger hat eben etwas gl�hend Hei�es gefa�t, 5000 Muskelumschalter kurbeln schnell die Scheinwerfer der Erkenntnis, die Augen, auf den Fingerpunkt, und indem andere Tausend f�r blitzschnelles R�ckw�rtssteuern der Handbewegung sich zitternd ins Zeug legen, meldet der reflektierte Strahl an die Netzhaut im Auge und an die dahinter liegenden anderen 10 Tausend, 100 Tausend, 1000 Tausend Sternchen, alle in verschiedenen Kombinationssystemen aufgescheucht, die Antwort: hei�e Ofent�r, Blutzufuhr einleiten, Blasen bilden, �l aufstreichen, zum Doktor gehen! Nicht wahr? das ist zum Lachen komisch, und doch ist es ganz ernst: so und nicht anders vollzieht sich jeder Vorgang der Wahrnehmung, des Erkennens, des Willens, der Tat; und selbst, wenn die K�nigin der Seele, die Phantasie, aus den Himmelsr�umen herniedersteigt, denn nur vom Geist der Welten kann sie kommen, und einen Funken ihres Zauberf�llhorns in die Menschenseele tr�ufelt, dann geht ein wunderbarer Tanz von Gruppenganglienglut und -leuchten, von Zucken und Erzittern, von Flammen und Verl�schen los in der kleinen menschlichen Zauberzentrale, ganz �hnlich wie eben geschildert, nur da� hier das Spiel innerlich vom Zauberstab gleichsam verdichteter, kristallischer und sich wieder l�sender Erinnerungen erregt wird. Werfen wir nur noch einen Blick in unser Bilderbuch. Was ist hier geschehen? Mit einem Male flutet alles regellos, ungeordnet, strudelnd durcheinander. Die Meldungen sind ganz sinnlos, w�hrend 1000 Zellen "Stiefel" leuchten, k�nden andere "Mondkalb", "Schweinebraten", "Fis dur"; die Finger- und Armkr�ne zucken, die Beinregister wirbeln durcheinander, alle Begriffe rasen wie ein Karussell, und die Irr-Lichtsucher zucken ringsumher an den Fenstern des Seelenarsenals, ohne die fliehenden Dinge fassen zu k�nnen--das Struwwelpeterbild eines berauschten Gehirnes! Da ist etwas entzwei gegangen, �hnlich wie an einer pl�tzlich versagenden elektrischen Lampe, wie an einem br�llenden, zischenden, zitternden, stampfenden Automobil. In der Tat: die Hemmungen, die in der Elektrizit�tszentrale wie im Gehirn die Ordnung garantieren, sind kaput. So w�rde der Bescheid eines kundigen Seeleningenieurs lauten. Jedes solche Denksternchen (Ganglion) hat n�mlich um sich ein Gespinst von isolierendem Material (Hemmungsgeflecht), wie jeder Kupferdraht sein Seidentrikot, welches Stromgebung und -empfang reguliert, und zwar von der gro�en Pumpstation aller S�fte und Kr�fte, dem Herzen, her. Je nach F�llung und Entleerung dieser Berieselungsh�llen der Nervenkn�tchen in Gehirn und R�ckenmark sind die Strahlungsbahnen geschlossen oder jedem Einfall, jeder Vorstellung, jeder Handlungsvornahme offen. Schade, da� man immer so weit ausholen mu�, wenn man Fachgelehrsamkeit popul�r machen will; die dicke, dicke Schale, die zu durchdringen ist, lohnt selten den kleinen, bescheidenen Wissenskern. Jetzt aber sind wir wirklich am Kern der Sache. Jetzt wissen wir, was eigentlich physisch geschieht in unserer Seele, wenn wir berauscht sind. Es ist ein wirkliches Ganglienstrudeln, -pl�tschern und Aneinanderpoltern hin- und hergeschleuderter Bl�ttchen im Orkan der allerverschiedenartigsten Erregungen, welche unsere Hirnzentrale gepackt haben. Da kommt beispielsweise die langsam anschwellende Welle vom Saftstrom des Blutes, sagen wir einmal vom Magen her mit dem Alkohol. Die kleinen, anf�nglich vom Willen des ganz vern�nftigen Trinkers, der sich gerade heute vorgenommen hat, ausnehmend solid zu sein, noch gut beschr�nkbaren Dosen des mehr Leiden- als Freudenbringers Alkohol treffen kreisend in den labyrinthischen Gezweigen des Blutgef��systemes auch die letzten, kleinen, feinen Seidengespinste um die Gangliensternchen. Die abnorme Beimengung l��t die Gef��nerven ihre F�hler einziehen, die Gef��r�hrchen werden enger und damit die Ganglien austauschbereiter, anschlu�(assoziations-)l�sterner. Da haben wir den ersten Effekt: unser eben noch ganz in seiner W�rde eingekapselter Tischgeno� wird merkw�rdig lebhaft, spricht fl�ssiger als sonst, ihm f�llt auch wohl gar eine h�bsche, neue Wendung, eine geistreiche Nuance ein, �ber die er beinahe selbst erstaunt und selbst geschmeichelt vor Freude r�ter wird als sonst; das gibt ihm ein Gef�hl von Huttenscher Lust, zu leben, obwohl ihm vielleicht sonst ziemlich alles schief geht; dieser Lebensfreuden�berschu� gibt ihm den Kupplerrat, heute einmal nicht so zimperlich zu sein, dem sch�nen Stoff mal kraftvoll auf den Leib zu r�cken, zumal er ja augenscheinlich immer geistreicher wird, sein "ungehemmter" Geist schwebend leicht �ber H�h'n und Tiefen aller Probleme dahinsteuert mit einer Art selbstanbetender Sch�nheitsinnigkeit; das alles macht die mit den "Einzeldosen" steigende Anschlu�f�higkeit der Ganglien; die Hemmungsgespinste sind durchl�ssiger geworden, sie spr�hen sich Welle um Welle zu, in lustig h�pfendem Tanz, indem der beschleunigte Puls, gleich dem schnellenden Schwanz der munteren Forelle, immer mehr rhythmische Strudel von Kontaktm�glichkeiten (Assoziationen, wie das schreckliche Wort hei�t) gibt. Die Leichtigkeit der geistigen Ein- und Ausgabe macht unseren Lebemann zum geistigen und materiellen Verschwender; Selbst�bersch�tzung, Renommiersucht, Gr��enwahn verderben die geistige Atmosph�re. Nun aber gibt es eine physische Grenze der Erregbarkeit der Gef��nerven, welche diese Hemmungserleichterung bedingen, sie schlagen ins Gegenteil, in L�hmung und damit in Erweiterung der kleinen Hirndrainager�hrchen um, und nun wird oftmals ganz unvermittelt unser l�chelnder, jauchzender Lebensbejaher zu einem Tiefmelancholischen, zum t�ppischen M�llersknecht mit tr�gster, langsamster, bl�dester Telephonleitung. Die �uglein blinzeln nur noch verschmitzt, die Zunge lallt und k�ndet nur noch die bekannte, immer wiederholte, eingleisige Geschichte, das Haupt sinkt und endlich--ein Kurbelruck an der Hemmung: Falstaff schnarcht mit jenem unpoetischen Echo, mit dem die ausgleichende Natur die Bacchantenjauchzer zu beantworten pflegt. Die langsam vordringende Hemmung hat Lichtlein um Lichtlein am Seelenhimmel ausgel�scht, Nebelschleier und Tarnkappe um die Funkenstationen gezogen und mit fester Hand die schrankendurchbrechende Feuerseele auf die sanfte Glut des unter der Intellektasche glimmernden Unterbewu�tseins verwiesen. Das ist immer dasselbe Spiel, oft nur durch manche phantastischen Exzentrizit�ten mit dem Beigeschmack des Wahnsinns nuanciert, ob das Gift nun Alkohol, Morphium, Haschisch usw. usw. hei�t. Ja, die Herkunft des Alkohols schon f�rbt den Rausch spezifisch, wie denn, trotz chemisch gleicher Formel, Fuselalkohol und veilchenduftender Kognak ganz anderen Anschlag auf der Klaviatur unseres Seeleninstrumentes bekunden. Es ist �brigens bei allen Rauschgiften so, als ob dem chemischen Skelett doch etwas von dem Himmel und Erdreich, unter dem es in der Sonne reifte, anhaften bleibt, so da� in der berauschten Seele des Menschen sich etwas von der Heimat der Tr�nke kund zu geben scheint, aus der sie stammen. So haben Haschisch und Morphiumtr�ume immer etwas Orientalisches in ihren Motiven, und der Kartoffelspiritus verr�t pommersche Derbheit und Kraft nicht weniger deutlich als des Rheines Traube Heiterkeit und Frankreichs Schaumwein seinen perlenden Geist. Aber auch, was die Kunst an Berauschtheit, an Lebenserh�hung, Anschlu�leichtigkeit und dionysischem Wahn in uns erzeugt, spielt sich ganz �hnlich im Kaleidoskop der Seele ab. Was ist Begeisterung anderes, als das Hineingerissenwerden unseres seelischen Rhythmus in die brausenden, rauschenden Wellen einer vollaust�nenden, �bermenschlich sch�nen Sprache, in das glei�ende Spiel einer geistspr�henden Gedankenkunst, in das s��e Wogen und Wiegen einer hinrei�enden Melodik und Harmonie? Im Mittelma� schwingt meine Seele, aber die extremen Rhythmen rei�en sie zum Einklang mit jauchzendem Lustempfinden, denn jedes Kunstempfinden, das Fesseln des Allt�glichen von meiner Seele rei�t, entfesselt auch den Prometheus in mir und macht mein Herz zur Feuerseele; darum berauscht die Kunst. Die goldenen Bl�tter meiner sch�nen M�glichkeiten fliegen rauschend empor, wenn ihr Feuerodem mich durchbraust; nie empfundene, nie selbst zu erzeugende Akkorde greift sie auf meiner Sinnenorgel. Sie zeigt mir gl�hende Nebel von Sonnen der Kleopatra, die ohne des K�nstlers Weltallsodem niemals vielleicht in mir ihren mystischen Spiegel erhalten h�tten, sie gibt mir Farbensymphonien, die mit mir vielleicht h�tten sterben m�ssen, wenn nicht eines Gottbegnadeten Lichterspiel meine Seele zum reflektierenden Kristall gemacht h�tte!--Und das alles durch diese Wunderwelt von seltenen, exotischen, niemals selbst erzeugten Rhythmen auf allen Klaviaturen meiner Sinnesinstrumente. Vom Rausch der Hautnerven bei den sch�nen, von weicher Hand gespendeten Ber�hrungen und Streichelungen bis zu dem des Auges, das sch�ne Linien, Farben und Formen gierig trinkt, bis zu denen des Ohres, das Geist und Wohllaut in sich saugt--immer dasselbe daseinf�rdernde Lustgef�hl sinkender Fesseln, fallender Hemmungen, schmelzender Erstarrung. Da t�nt der Himmel vor lauter Geigen, die Luft schneit Rosen, und der Odem wird paradiesisch leicht. Die Kunst gibt Lebenssteigerungen, herrlicher und berauschender, als sie je aus goldenen Schalen als Trank, und sei er aus den Trauben Edens gekeltert, der sonnenw�rts gerichteten Seele gereicht werden k�nnen. Seid von der Sch�nheit dieser Welt berauscht--das ist wohl die beste Lehre eines K�mpfers gegen den Teufel Alkohol! Treibt mein Blut ein Himmelswirbel? Zukunft steigt aus V�lkerschmerz, Ewiges aus Lebensglut, Menschheit, dir geh�rt mein Herz! (Franz Evers) DIE MUSIK ALS ERZIEHERIN Die industrielle Technik, die es fertig gebracht hat, da� der ganze gro�e Erdball zu einer gemeinsamen Heimat des Menschen geworden ist, die alle noch so abgetrennten Glieder des Erdreiches mittels elektrischer Nervenf�den und Verkehrsadern zu einem einzigen gewaltigen, kontinuierlichen Organismus vereint hat, diese industrielle Technik ist zweifellos der Tr�ger der Kultur des Abendlandes und wird es noch lange bleiben. Ist doch die ganze gro�e, geistig-humane Idee der sozialen F�rsorge, die vielen wohl als der eigentliche Brennpunkt unseres Kulturfortschrittes erscheinen mag, nichts als die direkte Konsequenz des unendlichen Aufschwungs und des allseitig eindringenden, uns alle umspannenden Einflusses der Technik. Wie in dem gl�cklich �berwundenen Zeitalter des Materialismus die Naturwissenschaft die Religion aus dem Mittelpunkt des geistigen Interesses der Kulturnationen dr�ngte, sie, welche die Zentralleuchte des gesamten Mittelalters gewesen ist, so scheint die objektive, Ursachen suchende Wissenschaft in unserer Zeit l�ngst �berstrahlt von den blendenden Erfolgen der Technik, die jene, die Wissenschaft, aus der Ruhe ihres Selbstzwecks hob und l�ngst in ihren Frondienst zwang. Hat doch auch die Philosophie, diese K�nigin des Wissens, ein nur noch leise hallendes Echo in den Hainen der gro�en Sehnsucht der Volksseele. Und wie steht es da mit der Kunst, diesem einst so m�chtigen W�rmfeuer menschlicher Gem�ter und Lebensgestaltungen? Kann es ein Zweifel sein, da� ihre sch�n gewirkten Fahnen schlaff am Maste h�ngen, w�hrend ein frischer Wind dem stolzen Schiff der Technik alle Segel f�llt? Wohl ist es eine Zeit der fast g�ttlichen Verehrung gro�er K�nstler, die nicht einmal immer den Vergleich mit ihren gr��eren Ahnen aushalten, nicht aber eine Zeit der Kunst! Wir haben noch keine Kunst, die in der Seele aller unbestritten als Geliebte lebendig wirkte, unser Tun beeinflu�te, unserem Willen und Denken Richtung wiese. Die Technik hat gesiegt und �berstrahlt alles. Ja, so sieghaft ist die ihr innewohnende Werbekraft, da� auch in der modernen Kunst das technische "Wie?" fast alles ist. Das ist nirgends offenkundiger als in der Musik und gerade hier dem Freund der Volksseele am allerschmerzlichsten. Es kann wohl von niemandem ernstlich bestritten werden, da� wir Deutschen mit dem Charakteristikum unserer vertr�umten, gef�hlsinnigen und gr�belnden Seele--vielleicht gerade deshalb--das musikalischste Volk der Erde sind. Kann doch eigentlich nur Italien mit uns bisher konkurrieren um den Preis der gr��ten Leistungen, der ewigsten Werke der t�nenden Kunst, dieser F�higkeit, von Seele zu Seele zu wirken mit einer Sprache der Gestirne, mit einer Harmonie, die wortlos von den ewigen, ehernen Gesetzen des Weltalls, von seinem geheimen, himmlischen Sinn und von der ahnbaren Sch�nheit des wirkenden G�tterwillens beredter spricht, als tausend Bibeln sprechen k�nnten. Die Musik ist die unmittelbare Offenbarung der harmonischen Idee des Weltganzen! In ihr ist alles Leid und alle Freude der Kreatur enthalten. In ihr ist das Meer, der Fels, das Tal, der brausende Flu�, der Friede der Heide. Die Flammenringe schwingender Gestirne spiegelt das Meer ihrer schwebenden Akkorde. Sie kann Sonnen leuchten, Sterne verblassen lassen. Alles Naturerscheinen ist ihr ausdr�ckbar. Jedem Menschenschicksal, jedem Ereignis, jeder Stimmung findet sie die entsprechende Symbolik. Sie ist wie ein allen F�hlenden gemeinsamer, dem H�chsten und dem Geringsten offener Tempel, in dem ein Glaube verk�ndet wird, vor dem ohne Widerspruch sich Herzen und Geister beugen. Sie ist die Sprache unserer himmlischen Heimat, der Laut des ewigen Vaterlandes ist in ihr. Sie ist wie eine unbewu�te, stille friedliche Einigung �ber alles Zwiesp�ltige von Menschenbrust zu Menschenbrust. Ist so Musik wie ein in jedes empfindsame Herz gesenkter heimlicher Besitz von etwas �berirdischem, wie ein verstecktes St�ckchen Himmelsblau, wie eine echte Reliquie eines g�ttlichen Wanderers �ber irdische Gefilde, die jeder irgendwo im Schrein der Seele als sein K�stlichstes bewahrt--wie sollte man nicht bedauern, da� die Art, wie man heutzutage die Musik zu etwas unerh�rt K�hnem, k�nstlich Hochgeschraubtem, exzentrisch Dionysischem, schreiend Krassem emporpeitscht, ganz und gar dazu angetan ist, sie der Volksseele zu entfremden! Und doch ist nichts so geschaffen, das Herz der Menge tief zu ergreifen, so sanft zu leiten, so innerlich zu bilden, wie diese abstrakte Sprache des Gef�hls. Es kann nicht zu oft gesagt werden: mag jede andere Kunst schlie�lich ein Bildungsvorrecht der Beg�terten, einer kleineren Gemeinde von Kennern und Gelehrten bilden, die Musik darf niemals der Seele der gro�en Mehrzahl des naiven Volkes geraubt werden. Aus dem Volkslied und dem Choral emporgetaucht, wie ein Eiland aus dem Meere urspr�nglichsten, innigsten Empfindens, mu� sie auch Eigentum des Volkes bleiben. Beispiellos in der Entwicklungsgeschichte der K�nste und Wissenschaften ist die Siegeslaufbahn der Musik. W�hrend alle anderen Zweige geistiger Kultur, alle anderen K�nste Jahrtausende gebrauchten, um bis zum Gipfel der Klassicit�t aufzusteigen, durchma� sie, diese empfindsame Interpretin einer Logik des sch�nen Gef�hls, den Zeitraum ihres Erwachens aus dem naiven Volksempfinden und ihres Emporklimmens auf die erhabensten Menschheitsh�hen in wenigen Jahrhunderten. Welch eine Entwicklung von Palestrina bis Bach und Beethoven, welche Sturmflut von Bach bis Wagner und welches �bersch�umen in unseren Tagen! Und das alles im schnellsten Tempo �berreichen Wachstums, so da� gleichsam im Umsehen die einfachen Zelte ihrer nomadischen Existenz sich zu prachtvollen Domen und Pal�sten emporw�lbten. Bei allzu hitziger Treibhauskultur pflegt auch den edelsten Gew�chsen die Entartung zu drohen! War die Musik der alten Meister eine unpers�nliche Anbetung eines selbstgeschaffenen, nackten, sch�nen Weibes, so scheint man in der Zeit der siegenden Technik darangegangen zu sein, den Leib dieser G�ttin mit eitel Schmuck und bunten Gew�ndern zu �bersch�tten. Den Kultus des Leibes l�ste ein Kultus der Trachten ab. Statt des sch�nen Gem�ldes ein Chaos bunter, glei�ender Farben. Nicht mehr der musikalische Gedanke in vierstimmiger Reinheit ist die Hauptsache, sondern mit allen Mitteln ingeni�ser Instrumentation sucht man das Neue in der Auffindung frappanter, orchestraler Klangeffekte. Nicht der klare Grundri� ist der Tr�ger des Stils, sondern eine staunenswerte Phantastik der Arabesken verdeckt die reinen Linien des innersten Gef�ges. Dieses �berwuchern des Technischen in der Musik hat, so verbl�ffend die Resultate in bezug auf die Freiheit aller selbst�ndig gef�hrten Stimmen (Polyphonie und Kontrapunktik) sein m�gen, eine gro�e Gefahr: die des Ausweichens der Musik auf das Gebiet tonmalerischer Ger�usche! Das Exzentrische der verbl�ffenden orchestralen Technik entfremdet damit mit Sicherheit die Musik dem Boden des Volksempfindens. Zum wenigsten ist sie dem stets langsam nachr�ckenden Verst�ndnis der breiten Massen vorl�ufig viele Epochen hindurch vorangeeilt. Aber es kann mit Fug und Recht die Frage aufgeworfen werden, ob die moderne Musik �berhaupt Anwartschaft hat, bis zur Seele des gemeinen Volkes vorzudringen. Sie mag verbl�ffen und hypnotisieren, fanatische Anh�nger und unerbittliche Gegnerschaft erwecken--erw�rmen, vertiefen, r�hren, ersch�ttern und das Heiligste in uns bewegen wird sie kaum. Dazu appelliert sie zu sehr an den Verstand, zu wenig an das schlichte Herz. Dieser unmittelbare Appell an das Gem�t des H�rers, diese K�nige und Bauern gleich packende Unmittelbarkeit unserer klassischen Musik ist es, die allein erziehliche, bildende, erhebende Kraft f�r das Volk hat. Nur so geartete Musik ist im Geisteskampfe der Kulturstr�mungen unserer Tage mit aller ihrer Tageshast und Existenzangst ein unentbehrliches Gegengewicht, gleichsam ein heiliger Hain, in den die m�den Verfolgten jederzeit fliehen k�nnen und wo ihnen keine Macht der Erde kraft himmlischen Gesetzes etwas anhaben kann. So weit ich sehe, haben wir keine M�glichkeit, den St�rmen des Lebens einen so Ruhe spendenden Hafen entgegenzusetzen, als die, dem nerv�sen Impuls unserer Zeit durch gesunde musikalische Gen�sse Ruhe und Zuversicht wiederzugeben. Nicht nur, da� die Irren�rzte wissen, da� einfache Musik beruhigt und sanft stimmt, Illusionen zerst�rt und Wahnvorstellungen verscheucht, jeder hat an sich schon dies innerliche Aufatmen der ge�ngstigten Seele, dies Stillewerden der D�monen vor den heiligen Kl�ngen versp�rt. Wahrlich, gerade in unserer Zeit ist es von Wert, den bildenden, heilsamen, beruhigenden und vertiefenden Wert der guten musikalischen Darbietungen auf das Gem�t des Volkes laut und vernehmlich zu betonen. Man schaue einmal die Andacht gerade unserer einfachen Leute bei den Gratisspenden, die unsere Musikkapellen dem Publikum um die Mittagszeit darbieten. Es ist, als g�be es in unserer Riesenstadt pl�tzlich Tausende, die der Daseinskampf gar nichts angeht. Man sehe den Hunderten nach, die die Milit�rmusik mit sich zieht, die sie ans offene Fenster bannt, und man wird erkennen, mit welcher elementaren Macht ein Marsch wie ein Rattenf�ngerlied an den Herzen rei�t und lockt zur willenlosen Nachfolge ins Blumenland der Phantasie! Tiefer gefa�t, ist die Musik eine Kulturmacht ersten Ranges, sie ist f�hig, dem Gem�tsleben unserer Zeit eine Religion ohne Dogmen, ein Hort tiefster Seeleneinkehr zu sein! Sie ist die gef�hlvolle, s�nftigende Schwester der vorw�rtsst�rmenden Technik. Darum kann unseres Erachtens kein Unternehmen dankbarer begr��t werden, als die Absicht, den breitesten Volksmassen die M�glichkeit zu geben, gute Musikauff�hrungen zu genie�en. Man mag dar�ber streiten, ob die Oper z.B. an sich eine ideale Kunstform ist oder nicht, das eine kann nicht zweifelhaft sein, da� der Erziehungswert gerade der Oper f�r das Volk ungemein hoch einzusch�tzen ist. Gewi�, es mag dem scharfen Denker unnat�rlich erscheinen, da� die dramatische Handlung durch Gesang, Ch�re und Zwischenspiele widersinnig gehemmt und verz�gert wird, aber liegt nicht in der breiten Schilderung seelischer Motive, in ihrer eindringlichen Interpretation durch die Musik, wie in dem griechischen Chor, eine ausgezeichnete Methode, tief innerlichst jedem Zuh�rer die Seelenspannungen der Handelnden einzupr�gen? Ist es nicht die beste Art, auf das tiefste Mitleid und Furcht, Verst�ndnis f�r alle Menschlichkeiten, f�r jede Tragik und Lust in der Seele zu wecken? Und dann bedenke man vor allem, wie sehr die Volksseele gerade in der Oper sich eine von keinem anderen Zweig der Dichtung �bertroffene Ausdrucksform geschaffen hat. Sie ist ein naiver, ehrlicher Reflektor des nationalen Empfindens und der nationalen Eigenart. Welche F�lle von Volkst�mlichkeit sprie�t uns allein aus unsern deutschen Opern entgegen! Wie unmittelbar verst�ndlich aber auch repr�sentiert sich der fremde Volkscharakter in der italienischen und franz�sischen Oper! F�r die breite Masse bietet so gerade die Oper eine kulturell �beraus wichtige M�glichkeit, auf die angenehmste Art ein St�ck V�lkerpsychologie und Kulturgeschichte zu treiben, da man aus historischen, nationalen, phantastischen oder romantischen Opernwerken eine unersch�pfliche F�lle von fruchtbaren Bildungsanst��en erh�lt. Mit der ganzen Zauberlockung, die Dichtung, Gesang, Orchester, Malerei und Ausstattung gemeinsam vor dem Genie�enden auszubreiten vermag, stellt in der Tat die Oper das universellste Kunstwerk dar. War es doch dies hohe Ziel, welches dem Genius Richard Wagners vorschwebte, indem er die Oper zu einer Arena aller K�nste emporheben wollte. Wo hat dies Wagner am herrlichsten erreicht, wenn nicht da, wo er echt volkst�mlich blieb: im Lohengrin, Tannh�user, Fliegenden Holl�nder und dem deutsch-nationalsten Werke neben dem Faust: den Meistersingern? Gerade die Volksoper hat Meisterwerke in F�lle, um ihr Amt als Erzieherin des Volkes auf das herrlichste zu erf�llen. Gerade unsere deutsche Musik ist reich genug, um sich den Ehrenplatz neben allen Kulturfaktoren unserer gro�en Zeit zu erringen. Aber gerade hier bei der Oper sehen wir den das Ziel verr�ckenden Einflu� der Technik am allerdeutlichsten. Wie in dem Schauspiel die Ausstattung mit allen Mitteln einer raffiniertesten, maschinellen Verbl�ffungs- und Blendungsmethode sich vor der geistigen Idee eines Dichterwerkes breit zu machen beginnt, so ist die gro�e Oper noch viel mehr darauf angewiesen, der Maschinen- und Dekorationstechnik die Rolle eines unendlich kostspieligen Rivalen gegen den Geist der T�ne zuzuschieben. Auch hier wieder ist die Folge Entfernung des Besitzstandes der Musik von ihrer Heimst�tte, der Volksseele. Wo sind die guten alten Zeiten geblieben, wo jede neue Oper im Sturm volkst�mlich wurde und ihre Arien, ihre Themen in Werkstatt und Salon mit gleicher Selbstverst�ndlichkeit gesungen, gepfiffen, gespielt wurden? Die Technik hat es zuwege gebracht, da� die schwerste Problemmusik geschmackverwirrend und Halbgebildete in Massen z�chtend, von Phonographen und Pianolas an allen Ecken heruntergeleiert, Markt und Gassen beherrscht. Hier ist ein Gleichgewicht dringend n�tig, eine heilsame R�ckkehr zur erprobten, altv�terlichen Klassizit�t dringend geboten. Wieviel Heil k�nnte da dem Volksempfinden aus einer wirklich trefflichen Volksoper erwachsen! Aber freilich, Vollendetes m��te sie bieten k�nnen, wenn sie den zirzensischen Vergn�gungen der Menge, den Vari�t�s, den Ausstattungsst�cken, den Ringk�mpfen und anderen sportlichen Extravaganzen Paroli bieten wollte. Man m��te ein schlechter Menschenkenner sein, um nicht zu wissen, da� die Volksseele zwar leicht auf Irrwege zu f�hren, aber doch niemals auf die Dauer und im letzten Sinne vom geraden Wege der Aufw�rtsentwicklung abzubringen ist. So kann sie sich lange von verbl�ffenden �u�erlichkeiten blenden lassen, aber schon jetzt scheint sie nach Vertiefung und Verinnerlichung zu hungern. Der Verstand des Menschen hat seine Vorratskammern fast �berf�llt, die Seele, das Gem�t in unserer Zeit ist leer ausgegangen und sucht in Spiritismus und Okkultismus einen unverdaulichen Ersatz. Wo aber k�nnte die Seele des Volkes tiefer und nachhaltiger ergriffen, gel�utert, ger�hrt und auf menschliche G�te gestimmt werden, als vor dem Altar der Musik, von dem so viele deutsche Genien das hohe Lied der Sch�nheit verk�ndet haben! MUTTER ERDE Wie oft, wenn wir als junge Studenten Handwerksburschen gleich hinauszogen vor die Tore, �ber die junggr�nende Heide hinweg, am Wiesenrand entlang, hinein in die schlanken Birken mit dem Schleierlaub, haben wir es vorausgesagt: es ist eine verflixt materielle Sache um das Fr�hlingsgr�n! Da ist irgend ein Stoff dahinter, der einem in die Poren oder die Nase, nicht blo� durch die Augen dringt, und so das Mark mit jauchzendem Optimismus f�llt! Etwas "Betrinkliches" mu� dahinterstecken!--Das war eine Anschauungsweise, die man freilich dem Bruder Studio als naheliegend nicht allzu hoch anzurechnen braucht, sie entsprang ja auch weniger tiefen Einblicken in den Zusammenhang der Natur, als dem t�glichen Umgang mit "stofflichen" Dingen. Dennoch war sie weise. Die Physik, diese Frau Oberkalkulatorin der Natur, hat's mit ihrer bebrillten Detektivnase herausget�ftelt: es gibt im Chlorophyll (gr�nes Pigment) der Pflanzen Bewegungen, die auf uns �bergehen und sonderbar schwellende, prickelnde, s��e Unruh schaffende Wellenkreise an unserem Nervensystem veranlassen: das sind die aufgespeicherten ultravioletten Sonnenstrahlen. Welch ein sonderbares Paradox! Jenseits vom Violett und diesseits vom Rot, unsichtbare Strahlen! Und doch! Auf diesem Paradox ist fast unsere ganze moderne Physik und Chemie aufgebaut, so da� man von nun an vorsichtig sein mu� mit Leutchen, die es lieben, mit Paradoxen und Aphorismen um sich zu werfen wie die Automaten mit Schokolade oder Pfefferminzpl�tzchen. Leuchtendes Dunkel, dunkler Strahl, Nachleuchten, Fluoreszenz, Lumineszenz, Reibungsleuchten, R�ntgenstrahlen, Radiumlicht, Becquerelstrahlen, und wie die gleichsam unter der Sehschwelle verborgenen geheimen Leuchtk�ferchen der Natur alle benamst sein m�gen. Sie alle kann das arme menschliche Auge, dieses Sonneninstrument, das der gro�e _Helmholtz_ einen unvollkommenen Apparat genannt hat, nicht wahrnehmen, und sie sind nur auf raffiniertem Umwege einzufangen; so in ausgepumpten Glasr�hren, in welchen elektrische Flammengarben spr�hen, von denen sich das unsichtbare Licht abst��t wie Ru� von der Kohlenflamme (im R�ntgenlicht), oder eingefangen durch Silbersalznetze, dessen Maschen weniger durchl�ssig sind als die menschliche Netzhaut, und r�ckw�rts sichtbar gemacht durch die Photographie. Diese Experimente und tausend andere haben nun gelehrt, da� eigentlich alles, was ist, auf Wellenbewegung und Strahlung herauskommt, und da� die Reihe der Strahlen mit den sichtbaren Str�men von Glanz, welche die Sonne �ber unsern finstern Planeten ausgie�t, lange nicht abgetan ist, sondern da� eben auch ein Ozean von unsichtbaren, strahlenden Bewegungen im Sonnenlicht mit auf uns herabprasselt, in dessen millionenfach variierte Wellenbewegungen des �thers alles, was ist, auch das Leben, mit hineingerissen ist. Ja, Leben ist vielleicht nichts anderes als dieser Weltenrhythmus, zu welchem Sonne und Ultrasonne mit unz�hligen Strahlensystemen die um sich selbst kreisenden Atomkomplexe der Masse anpeitscht, wie ein Wasserfall des M�llers Rad. Das Leben des Kosmos, der leuchtende Odem der Welt, �bertr�gt sich auf die Materie in Gestalt rollender Strahlenwellen. In besonders feinen Krafttransformatoren, in kleinen Speichermaschinen hat die organische Materie es gelernt, das Betriebskapital solcher Lichtwellen aufzuh�ufen, um auch nachts und im Dunkel des Wintertags die Maschine nicht stille stehen zu lassen: im Gr�n der Pflanzen, im Rot des Blutes. Der gr��te medizinisch-biologische Denker der Jetztzeit, _Ottomar Rosenbach_, hat diese Betriebsmechanik durch feinste Molekularstr�me bis ins kleinste ausgedeutet, ja den ganzen Entwicklungskreis, welchen die Physik und unsere modernen Anschauungen gezeitigt haben, klipp und klar vorausgesagt. "Die reichlich flie�enden, unsichtbaren, feinsten Str�me der Au�enwelt allein sind die Grundlagen der Bildung der spezifisch somatischen Energieformen!" Da haben wir des R�tsels L�sung: Das Gr�n des Fr�hlings, der Glanz der Bl�tter und Bl�ten, das Himmelsblau, das Spiel des Lichtes, sie alle haben �berall gleichsam hinter sich unsichtbare Schattengeister, die auf goldenen Leitern hineinklettern in die geheimen Werkst�tten der Zellen, Zellstaaten, Pflanze, Tier und Mensch und hier ihre stille Arbeit verrichten. Es ist eben auch auf der Erde nicht anders wie beim Beginn des Lebens im Wasser. Als die Triebkraft die im Meere gel�sten Atome von Kohlenstoff, Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff zu Betriebskomplexen in rhythmischem Anprall all ihrer Kr�fte zusammengeschwei�t hatte, da gab die in erster Organisation gebildete einfachste Zelle die aufgespeicherte Sonnenkraft in der gleichen Form zur�ck. Noch heute sieht der Meerfahrer mit Staunen die Kiellinie seines Schiffes aufgl�hen im Fluoreszenzlicht des leuchtenden Meeres. Hier schafft in Myriaden von leuchtenden Zellen die Sonne transformiertes Licht. Die Quelle der Kraft die Sonne, die Zelle der Transformator, die Arbeit das widergestrahlte, gewandelte Licht! So gl�ht auch aus den Furchen der von den Naturgewalten oder von bestellender Hand aufgelockerten Erde im Fr�hling das Licht der Welt zur�ck. Lebensglut in allerverschiedenster Form leuchtet auf aus Keim und Halm, aus Busch und Wald, aus Mensch und Tier. Heines sentimentales Gedicht feiert Luna als die trauernde Gattin des grollend einsamen Sonnengatten. Das erfordert eine kleine biologische Korrektur: nicht Luna, die kalte, kraterstrotzende Sch�nheit ist die Gattin der Sonne, nein, unsere Mutter Erde ist es, die dem gewaltigen (�brigens schwerlich in Einehe lebenden) K�nigsgestirn Myriaden Kinder gebiert. Sie, unsere nach _Fechner_ durchaus lebende, atmende, sich bewegende, Pulse und Kreislauf der Gew�sser zeigende Allmutter ist es, welche in jeder ihrer Ackerkrumen, auf felsigem und auf sandigem Boden, ja sogar in ihren atmosph�rischen Nebelschleiern �berall Wiegen und Brutst�tten f�r ungez�hlte Gesch�pfe tr�gt, von denen die kleinsten nicht weniger Wundertr�ger sind als die gr��ten. Mutter Erde! Im Bann des feurigen Gemahls gehst du ewig schaffend, ein ewiges Brautbett und ein ewiges Grab deiner Gesch�pfe, die vorgeschriebenen Kreise, h�llst dich ins hochzeitliche Gr�n und schl�fst unter dem Linnen des h�llenden Schnees. Du reckst die Kuppen deiner Berge und die sch�umenden Arme der See empor zu den Feuerstr�men deines Gebieters, und in deinen Tiefen und H�hen, in deinen Schl�nden, deinen H�llen gl�ht es all�berall von den Lebensgluten, mit denen dich der Sonnengott t�glich aufs neue �berstrahlt. Uns aber, armen Kindern, Erdgeborenen deiner unentrinnbaren Liebe, die wir dich niemals ganz in voller Sch�nheit sehen--denn eine Weltreise selbst zieht nur eine winzig schmale Spur um deinen Riesenleib--bist du an jeder Stelle die h�llende, liebende, pr�gende Mutter! Denn unsere Heimat ist immer nur ein armselig Fleckchen deines nur der Phantasie erreichbaren gewaltigen Umfanges. Welche Kraft in der Heimatliebe! Uns pr�gt die Scholle, uns fesselt die Scholle und l��t uns nie mehr los mit tausend und abertausend F�den, die aus dem Boden stammen. Welch eine geheimnisvolle Mimikry in der Bildung unseres Gesichts und unseres Leibes nicht nur, sondern auch in den feinsten Regungen unseres Gem�tes. Hat nicht das Auge des Seemanns den Farbenton der See, wie die Qualle den farblos durchsichtigen Charakter des Wassers? Ist es ein Unterschied, wenn das langbeinige Insekt Form und Farbe von Zweig und Blatt annimmt, und wenn des Menschen innerstes geistiges Bewegen, seine Lieder, seine Sehnsuchten abh�ngig sind von dem Boden, der ihn geboren? Das eben sind jene rhythmisch gestaltenden Bewegungswellen, die Land und Pflanze, Tier und Mensch eines bestimmten Bezirkes schlie�lich abstimmt auf eine biologische oder �sthetische Einheit, die so klar hervortritt an den autochthonen Poeten der Heimat. �BER GR�BCHEN UND FALTEN Wer aufmerksam einem Portr�tmaler bei der ersten Skizzierung eines menschlichen Antlitzes zuschaut, dem wird es nicht entgehen, wie wenig Linien eine "schauende Hand" n�tig hat, um den ganzen lebendigen Gehalt einer Physiognomie in des Betrachters Seele neu zu erwecken, wie wenig armselige Kohlenstrichelchen gen�gen, um die Wunder der Pers�nlichkeit auf das sch�rfste und zwingendste zu umschreiben. Welcher staunenswerten Vielseitigkeit der Natur an Variationen �ber dieses einzige Thema, Gesichtstypus, vermag der K�nstler tastend nachzugehen, und wie schnell kann die geringste, oft nur mit Millimetern rechnende Ausweichung, Verl�ngerung oder Verk�rzung eine schon vollendete �hnlichkeit g�nzlich �ber den Haufen werfen. Sonderbar: es sind viel mehr die weichen Teile des Gesichts mit ihren Falten, Linien, Gruben, Schatten, Einsenkungen und Abrundungen �ber den starren W�lbungen des Kopfskeletts, die die Pers�nlichkeit f�r das Auge blitzartig erkennbar machen, als die festen, typischen, schwer individualisierbaren Linien der kn�chernen Grundlage des Kopfes. Es ist ein eigent�mlicher, aber doch richtiger Gedanke: man w�rde ein geliebtes Haupt eher an einem Ohrzipfelchen wiedererkennen, als man je aus einer Schar von Totenk�pfen den eines verstorbenen Bruders, einer Freundin herauszufinden imstande w�re. Auch wird zur Rekognoszierung der Verbrecher immer die bildliche Darstellung mehr leisten als die feinsten Sch�delma�e eines die kn�chernen Verh�ltnisse ber�cksichtigenden Systems. Der Grund ist ein sehr einfacher. Die Seele, diese letzte, mystische Tr�gerin der Pers�nlichkeit, hat keine Gewalt �ber ihr aus Kalkkristallen gebautes Knochenhaus, sie formt aber um so emsiger mit feinsten Nervenfingern am plastischen, sich windenden, Wellen bildenden Material der Muskeln. Denn auch die Haut, dieser wunderbare, stumpfleuchtende, h�llende Mantel des K�rpers, dies schmiegsamste nat�rliche Trikot des Leibes, ist ja durchsetzt mit Millionen kleiner Muskelstr�hnen, die auf das feinste und vielf�ltigste die zarte Decke der Gesichtsteile zu verschieben imstande sind. So gleicht das Antlitz des Menschen immer bewegt und den Ausdruck wechselnd der Physiognomie eines nur scheinbar starren und unbeweglichen Berges, auf dem das Licht unaufh�rlich spielt, oder der Spiegelfl�che eines Sees, �ber den Wind, Himmel und Wolken dahinziehen. Und doch hat jede Physiognomie bleibende, nie ganz verstrichene Linien und Vertiefungen, die die seelischen Affekte zwar steigern oder mildern, aber nicht ganz verwischen k�nnen, die sogar der Tod, der alle Bewegung mit einem Ruck hemmt, nicht ganz ausgleichen kann. Denn das Friedenvolle, das dann ein eben noch in Qualen verzerrtes Antlitz erh�lt, ist wohl nicht der Abglanz einer zum ersten Mal geschauten besseren Welt des Jenseits--ach! wenn es doch so w�re!--sondern es ist der Effekt des Nachlassens heftiger Muskelspannungen, das sanfte Zur�ckgleiten aufgew�hlter Muskelwellen in die Ruhelage, in das Gleichgewicht der Ewigkeit. Im Leben aber sind es gerade diese in nimmer ruhendem Muskelspiel hin- und herbewegten Schatten, diese zueinander strebenden oder ausweichenden, oft parallel laufenden B�gen, diese Falten, die die darunterliegenden Muskeln aufwerfen wie kleine Kobolde, die unter Teppichen ihr Spiel treiben,--die wie lebende Runenzeichen dem Antlitz die Sprache, das Charakteristische, das Verr�terische, das S�nftigende oder das Aufreizende, das Beherrschende und das Ergebene, das teuflisch Absto�ende oder den �berirdischen Liebreiz, das D�monische oder das G�ttliche geben. Vor die starrenden H�hlen des grinsenden Sch�dels breitete uns Natur eine weiche, zart get�nte Maske aus Haut und Muskeln, Fett und Fasergewebe, die bald straff gespannt, bald faltig und h�ngend ihr Kolorit aus dem Rot des Blutes, dem Gelb des Fettes, dem Wei� des sehnigen Gewebes erh�lt. Wohl gibt das feste Stativ der Knochen auch dieser Maske die entscheidende grobe Modellierung, aber der eigentliche Modelleur ist das Fett, die F�llsubstanz, die Abrundung gebende Masse, die erst die weichen, schwellenden, welligen Linien schafft. Dieses aus feinen, gelben Tr�ubchen gebildete Gewebe ist die eigentlich plastische Substanz in der Hand der gr��ten Bildnerin Natur. Die unendlich wandlungsf�hige Struktur dieser in der Anatomie etwas grob als Fettpolster bezeichneten Substanz bringt es mit sich, da� das Gesicht oft momentane Ausdrucksvarianten durchmacht, ganz ohne Muskelaktion, allein nach dem Gehalt an Blut und Zellsaft in diesem aufsaugungs- und entleerungsf�higsten Gewebe. Welch ein Zusammenfallen der gespannten Z�ge der Wangen und der Gesamthaut beim pl�tzlichen Absinken der Kr�fte im Schreck, in der Ohnmacht, im Chok, im h�chsten Schmerz! Ohne da� ein Muskel zuckt, f�llt der Tonus der Haut, das mittlere Ma� gesunder Spannkr�fte zusammen wie die Segel bei sterbendem Winde. Der im psychischen Affekt der Hilflosigkeit absinkende Blutdruck entleert die strotzende F�llung der Fett-Tr�ubchen, und das hohle Polster entzieht der gespannten Haut die rundende Unterlage. Nirgends ist das so deutlich sichtbar wie am Auge. Man hat sich vielfach den Kopf zerbrochen �ber die physiologische Bedeutung der Schatten unter den Augen, dieser "blauen Ringe der Venus". Die Lagerung der Aug�pfel ist vom Gehalt der Augenh�hlen an Fett abh�ngig, weshalb bei Leidenden, Hungernden, bei Gram und Gr�beln die hohlen Augen entstehen, d.h. bei mangelndem Fett die beiden Aug�pfel abw�rts und nach hinten sinken. Dadurch bilden sich Falten zwischen Haut und unterem Knochenrand der Augenh�hle, die das dunkle Venenblut hindurchschimmern lassen. Dieser Mechanismus des Zur�cksinkens der Aug�pfel kann so momentan vor sich gehen, da� eine schwere Anstrengung, ein vor�bergehendes Ermatten des Herzens, ein Sinken des Blutdrucks, ein Schreck, eine Depression, die h�chste Wonne der Liebe und das tiefste Weh mit dunklen Schatten das Auge oft ganz pl�tzlich umkreisen. In diesem Sinne ist das Auge ganz sicher ein Spiegel der Seele, wie auch das Aufleuchten der Freude, das Blitzen der Lust im entgegengesetzten Fall den Anstieg des Blutdrucks am Auge erkennbar machen. Wir verstehen also, da� ein Schwinden des Fettes z.B. im Alter die Haut runzlig und faltig, wegen Nachlassens der feinen Unterpolsterung der elastischen Gesichtsmuskeln machen kann. Der nutzlose Kampf gegen Runzeln und Kr�henf��e w�rde nicht so verbreitet sein, wenn eben nicht dieses Nachlassen einer gewissen Spannung des Fettgewebes unter der Haut, seine Schwellbarkeit und Erektilit�t, nicht so verr�terisch f�r die Zahl der Jahre w�re, die �ber ein Antlitz ihre Ringe und Furchen gezogen haben nicht viel anders wie am Durchschnitt des Baumes. Auch Menschenstirnen tragen Jahresringe mit ihren Sorgenfalten, Kummerlinien und Schmerzensrunen! Da� hier ein feinerer seelischer Mechanismus im Gesicht im ganzen wie am Auge im Spezialfall besteht, beweist, da� es nicht allein die Anwesenheit von Fettgewebe ist, die Faltung und Runzelung verh�tet, weil das Alter ja im allgemeinen fett macht, sondern da� es eine gewisse Schwellbarkeit des Fettgewebes ist, die mit psychischen Affekten Hand in Hand geht, die jung erh�lt, und deren mit dem Herzdruck und der Atmungsenergie sinkende Intensit�t den alternden Gesichtern die strotzende Kraft, die psychische Potenz nimmt. Und nun zu den Gr�bchen: diesen launigen kleinen Schaukelwiegen der Grazien, der Kobolde und Neckerpeter, diesen kleinen Nischen der kichernden Heiterkeit, die so zart und liebreizend sein k�nnen, so weich wie die von dem Flaum einer M�wen- oder Schwalbenbrust im Seesand eingebuddelten Mulden. Auch sie haben mit den Fett-Tr�ubchen zu tun; sie sind nicht, wie ein Poet sagt, "die frohen Tippstellen einer mit ihrem Werk zufriedenen Gotteshand", sondern sie sind an sich prosaisch genug Hauteinziehungen �ber Schmelzl�cken des inneren Fettgusses. Wo Muskelgruppen gegenseitig L�cken lassen, die nicht wie sonst durch die plastische F�llmasse von innen her verdeckt werden, entstehen diese kleinen Zentren der lachenden Lebensfreude, deren Beziehung zum seelischen Innenleben eine so feine und schnell reagierende ist, weil diese Polsterl�cken rings von Muskelkulissen umgeben sind, deren unaufh�rliches seelisches Spiel wir schon mehrfach betont haben. Gestehen wir es nur ruhig ein, die Wissenschaft kann nichts Erhebliches mehr dagegen einwenden: das Gesicht mit seinen komplizierten Einrichtungen symmetrischer Faltungen, Linien- und Furchenbildungen ist ein Apparat der Seele, der von den groben und typischen Rhythmen des mimischen Ausdrucks der Affekte bis zu den leise widergespiegelten, huschenden Beschattungen des Gem�ts dem Seelenforscher verr�terische Kunde gibt. Der allein durch Faltung, Verziehung, Schwellung und Abschwellung, Runzelung, Zuckung des Fettes und der Muskelb�ndel erzeugte Wellentanz der enorm elastischen Gesichtshaut hat so komplizierte Mechanismen, da� es denkbar ist, da� zwei Menschen der Sprache entraten k�nnten, um sich �ber alles Wesentliche zu verst�ndigen, und da� die M�glichkeit besteht, da� viele Tiere nur durch eine komplizierte Mimik gegenseitigen, die Sprache ersetzenden Meinungsaustausch und Verst�ndigung erzielen. Man denke an die mimische Nachahmbarkeit der Gesichtsz�ge bei Schauspielern, um sich ein Bild von der Feinheit des Muskelspiels im Kommando der Phantasie zu machen. Wird es doch immer wahrscheinlicher, da� die oft zu beobachtende �hnlichkeit miteinander alt gewordener Ehepaare auf einer Nachahmung der Bewegungen des Gesichts beim Essen, Sprechen, Trinken, Lachen und Weinen beruht. Und auch die �hnlichkeit der Kinder mit ihren Eltern mag h�ufig mehr funktioneil als formal sein, d.h., die nachgeahmten mimischen Eigenarten der Eltern lassen die Kinder �hnlicher erscheinen, als sie es in me�baren Formverh�ltnissen, etwa der Nase, der Augen usw., wirklich sind. Da alle Faltungen der Gesichtshaut also Muskelbewegungen ihren Ursprung verdanken, so sind sie, wie alles Rhythmische, in gewissem Sinne �bertragbar. Nicht nur Kinder ahmen exzentrische Gesichtsausdr�cke nach, auch Erwachsene eignen sich posenartige Grimassen anderer an. So schreibt die Seele mit fl�chtigem Griffel ihre Neigungen, W�nsche und geheimsten Sehnsuchten ins Tagebuch unseres Antlitzes, adelt unsch�ne Z�ge durch hei�en Trieb zum Edlen und verzerrt die edelsten Linien aus der Hand des G�ttlichen bis zur Abscheulichkeit. Wir alle sollten mehr in Gesichtern als in B�chern lesen lernen! DAS WUNDER DER WUNDHEILUNG Eine der gewandtesten, nur selten entlarvten Gauklerinnen ist die Gewohnheit. Sie versteht es, R�tsel, Merkw�rdigkeiten und Probleme des Lebens langsam und ganz unkontrollierbar hinwegzueskamotieren, so da� nur wenige von uns hinter ihren Kunstst�ckchen die M�glichkeit eines noch anderen Sachverhalts wittern. Dem Realisten ersetzt die Erfahrung vollkommen die Erkl�rung. Was man recht oft erlebt, das glaubt man zu begreifen, und Ph�nomene, die wir angestaunt haben, werden, wie Telephon und Biograph, den Enkeln als die selbstverst�ndlichsten Dinge von der Welt erscheinen. Dem gro�en Kind, dem Erwachsenen, ergeht es nicht anders: Gewohnheit und Routine n�tigen uns eine Brille auf, die in dem Walten der Natur an allen Fragezeichen, an allen noch unbekannten M�chten, allen M�rchengestalten, Symbolen und Mystizismen uns vorbeisehen l��t. Es war immer so, ist nun einmal so und wird gewi� so sein: das ist die Suggestionsformel der Erfahrungsweisheit, mit der das tr�umerisch betrachtende, nachdenkliche, nach Ergr�ndung sehns�chtige Gem�t in den Bann der "Bed�rfnisse des praktischen Lebens" zur�ckbeschworen wird. Und doch hat jeder in seinem Beruf Kenntnisse von merkw�rdigen Dingen, �ber die er anders zu denken, als es die Tyrannei "allgemeine Ansicht" mit den Fesseln der Gewohnheit erheischt, wohl einen tief verborgenen Trieb versp�rt. So ist f�r die meisten die Tatsache, da� Wunden heilen, eine naturgegebene und selbstverst�ndliche Eigenschaft des Lebendigen, �ber die es f�r die Praxis nur so weit Betrachtungen anzustellen lohnt, als die Forschung Mittel und Wege verhei�t, den Ausgleich einer Gewebsdurchtrennung sich m�glichst schnell und gr�ndlich vollziehen zu lassen. Die Wundbehandlung interessiert naturgem�� viel mehr, als das Problem der dabei ausgel�sten Kr�fte: die geheime Spinnstube des Zellstaates. Und doch: jeder, der eine Wunde behandelt, der ihren Zustand pr�fend abw�gt, sieht unmittelbar dem Wunder aller Wunder ins Auge: dem Entstehen und Vergehen des Lebendigen, der Neugeburt, dem Ersatz des Verlorenen, _einem Versuch zur Unsterblichkeit_. Wenn er ein bi�chen K�nstler ist in seinem Anschaun der Natur, wird ihn etwas von der Ehrfurcht ber�hren, die jeden umweht, der sich den verschlossenen T�ren naht, hinter denen ein Geheimnis schlummert. Die Wundheilung ist doch der Vorgang einer ausgleichenden Neugeburt an der Stelle vernichteten Zellebens. Regeneration, Wiedererzeugung lautet das allgemeine Gesetz, von dem die Wundheilung nur eine Teilerscheinung, einen Spezialfall darstellt. Vieles ersetzt sich an unserm Leib immer aufs neue, auch ohne da� es �u�erer Gewalt zum Opfer f�llt: unsere Fingern�gel sind in 4-5, jene der Zehen in 12 Monaten vollst�ndig neu erzeugt, unsere Augenwimpern wechseln in 100-150 Tagen, und nach 4 Wochen wird keine Hautschuppe mehr an meiner K�rperoberfl�che sein, die heute hier geboren und ans Licht gehoben wurde. Unsere Hornhaut, dieses klare Fensterchen, durch das alles Licht und jeder Schatten in unsere Seele f�llt, wird immer neu gef�gt vom Rand her und immer neu geputzt vom sanften Schlag der Lider. Den ganzen K�rper durchstreifen Millionen wandernder S�em�nner, die die weiten Felder und die tiefen Schachte aller organischen Gebilde mit neuen Keimen �bersch�tten. So ist das Wunder des S�ens und des Erntens, der Akt des Fruchtens und des Neubildens, des Sterbens und der Wiedergeburt in uns allen immer am Werk. Die winzigen Handlanger dieser st�ndigen Arbeit bei Tag und bei Nacht am Webstuhl des Organischen sind direkte Abk�mmlinge jener Wunderzellen, die eine r�tselhafte Kugel formten, aus deren Kapsel das Dasein eines jeden von uns sprang: die Tr�ger der erhabenen Idee der Menschheit. Denn was ist ein befruchteter Keim anders, als die sichtbare Form der Unsterblichkeit, eine Hoffnung, ein Beweis f�r die Unvernichtbarkeit des Lebendigen, f�r die kontinuierliche Erhaltung auch der kompliziertesten Kr�fte! Diese Keimlinge, die kein Geringerer als der Nestor der Anatomen, der greise _K�lliker_ in W�rzburg, als direkte �berbleibsel des befruchteten Eies auffa�te, die sich zu Millionen Individuen, zu wei�en Urtierchen, Leukozyten genannt, in unserm K�rper vermehrt haben, springen nun �berall ein, wo es eine Neuarbeit, eine Reparatur, ja auch nur einen Widerstand, eine Gefahr gibt. Sie k�mpfen mit Bakterien, produzieren Heilk�rper, sie stillen die Blutungen durch Abscheidung von Gerinnungssaft, sie tragen die Nahrung den fernsten Geweben aus den gro�en Dr�senarsenalen der Verdauungsh�fen zu, sie sind die Lasttr�ger und Transporteure abgeschiedener, unbrauchbarer und fremdartiger Gewebsbestandteile, Arbeiter, die Ger�ste aufbauen und Ruinen abtragen, �berall gegenw�rtig und immer bereit, aus den tausend Millionen Spalten, die das Blutadersystem ihnen offen l��t, hinauszuschl�pfen und nach dem Rechten zu sehen: eine Armee kleiner Hygieniker, Krieger und Friedensf�rderer zugleich. Wo organisches Leben sich erh�lt und ersetzt, besteht es und formt es sich neu durch diese direkt von der Zeugung dem neuen Individuum erhaltenen Kraft der Erg�nzung des Verbrauchten. Diese F�higkeit ist merkw�rdigerweise f�r die verschiedenen Pflanzen- und Tierarten eine h�chst wechselnde, d.h. der Grad, bis zu dem ein verlorener Teil wieder ersetzt werden kann, scheint in umgekehrtem Verh�ltnis zur Auspr�gung eines erh�hten, individuellen Lebens zu stehen, und je weniger ein Tier- oder Pflanzenexemplar in jedem einzelnen seiner Teile individuelle Variationen und Differenzierungen aufweist, je mehr es nur Artrepr�sentant ist, desto weiter geht die Ersatzf�higkeit des Verlorengegangenen. Spinnen und Krebse ersetzen sich mit allen zugeh�rigen Teilen abgeschnittene F�hler, Beine und Scheren; Schnecken erhalten ganze Teile des Kopfes mit F�hlern und Augen wieder; Fische verm�gen die verlorene Schwanzflosse v�llig wieder auszubilden. Bei Salamandern und Eidechsen zeigt sich ein Wiederwachsen des ganzen verlorenen Endleibes mit Knochen, Muskeln und selbst einem Teil des R�ckenmarks, ja bei jungen Eidechsen f�hrt seitliches Einkerben des Schwanzes zum Hervorwachsen eines zweiten aus der Wunde. Von solchen Vollkommenheiten des Wiederersatzes und einer luxuriierenden Wundheilung �ber den Bedarf hinaus ist freilich der Mensch leider weit entfernt. Es ist beinahe, als h�tte die Natur es seiner Launenhaftigkeit und Eitelkeit, niemals sich mit dem Gegebenen zu bescheiden, versagt, mehr als einmal die Nase zu wechseln und sich mehrfach sch�nere Augen einsetzen zu lassen. Das Tier freilich, frei von Eitelkeit und selbstqu�lerischem Gr�beln �ber die eigene unzul�ngliche Sch�nheit, kann mit diesen hohen Gaben der Wiederbildung abgeschnittener Glieder keinen Mi�brauch treiben. Ist es aber nicht geradezu das Ideal einer Regenerationskraft, wenn wir erfahren, da� man den Schirm der gelatin�sen Meerqualle (Meduse) in beliebig viele St�ckchen zerschneiden kann und aus jedem ein ganzes, neues Quallenindividuum hervorw�chst, sofern nur an dem Torso ein St�ck des Randes erhalten blieb; wenn Plenarien, Infusorien, S��wasserpolypen, Ringelw�rmer die F�higkeit zeigen, aus zerst�ckelten Tr�mmern eines Individuums ebenso viele S�hne und T�chter zu bilden? Man denke an das in diesem Fall gl�ckliche Opfer des ber�hmten Schwert- und Schwabenstreichs--die zur rechten und zur linken herabgesunkene T�rkenh�lfte h�tte sich nach einiger Zeit als ein Bruderpaar erhoben--wenn auch der menschlichen Neuerzeugung ohne das Zwischenglied einer neuen Mutter so weite Grenzen gesteckt w�ren! F�r uns Warmbl�ter ist es nun einmal anders angeordnet, jene Kaltbl�ter k�nnen sich also im Notfall auch ohne Liebe fortpflanzen, jeder ihrer Teile enth�lt in sich alle Keime zum Neuersatz des Ganzen. Da ist der hochorganisierte Mensch so arm: die Narbe, diese r�tliche, sp�ter grauwei�e Marke, dieses Kainszeichen eines Ungl�cks, einer von au�en wirkenden Gewalt, bei Studenten das stolz getragene Merkmal besonderer Heldenhaftigkeit--dieses indifferente Gewebsmaterial ist das einzige, womit im g�nstigsten Falle die Krone der Sch�pfung zum Ausgleich besch�digter oder entfernter Teile dienen kann. Und doch: in dieser Narbe, dieser bindegewebigen Substitution des Zerst�rten, in diesem scheinbar so unvollkommenen Surrogat h�her organisierten Gewebes stecken so viele merkw�rdige, abgelaufene Prozesse, eine solche F�lle bildnerischer und zum Teil problematischer Vorg�nge, da� es sich wohl auch f�r den Nichtfachmann lohnt, einmal einige Blicke auf ihre Entstehung zu werfen. Wohl jeder tr�gt irgendeine Narbe an sich, deren Geschichte auf einiges Interesse rechnen darf. Was geschieht, wenn ein scharfer, spitzer, schneidender oder rei�ender Gegenstand in unsere K�rpergewebe dringt? Ob die Stelle der Verletzung oder Durchtrennung die Oberfl�che oder die Tiefe betrifft, ob sogenannte edle oder unedle Teile getroffen werden, sofern das Organ kein direkt lebenbeherrschendes ist, wie z.B. einige Teile des oberen R�ckenmarks, durch deren L�sion das Leben wie an einem ge�ffneten Ventil ausstr�mt, stets werden dabei neben den spezifischen Gebilden des betreffenden Organs diejenigen Netze mitzerrissen, die �berall sind: Lymph-, Blutgef��e und das st�tzende Ger�st, die Bindesubstanz, in die s�mtliche h�heren Organe, Dr�sen, Muskeln, Nerven, Knochen, eingelassen sind. Denn neben dem kn�chernen Skelett durchsetzt, h�lt und st�tzt unsern K�rper ein bindegewebiges Gespinst, in dessen Maschen die eigentlich funktionierenden Substanzen aufgeh�ngt sind. Dieses Maschennetz stellt zugleich die Bahnen dar, auf denen Blutgef��e und Nerven ihre Str�me zu den Zentralorganen hin- und zur�ckleiten. Diese drei Faktoren werden also �berall getroffen, wo die Kontinuit�t des Gewebes gewaltsam durchbrochen wird, d.h. wo eine Wunde entsteht. Daher blutet sie, daher schmerzt sie, daher klafft sie. Meldet der Schmerz, dieser bissige und sprungbereite W�chter der Gefahr, den Vorgang zum Gehirn, so sucht seinerseits das herausstr�mende Blut die eingedrungenen Sch�dlichkeiten abzuschwemmen: Staub, Bakterien, Gifte, zerrissene und gel�ste Gewebsfetzen, die der Zersetzung anheimfallen und Kadavergifte produzieren w�rden, werden so fortgerieselt, und beim Kontakt des Blutes mit der Luft, beim Aufh�ren der gewohnten Ber�hrung mit der inneren Glasur der Gef��r�hren (dem Endothelium), gerinnt ein Teil und liefert den organischen Kittleim, dessen weiche Masse die Grundlage f�r die Organisation der sp�teren Narbe abgibt. Zugleich wandern aus den vielfachen Spalten des Bindegewebes, durch dessen Entspannung die Wunde klafft, jene Keimlinge der Regeneration, die wei�en Blutk�rperchen aus, die dem zerrissenen und aufgew�hlten Mutterboden die neuen Saatk�rnchen zutragen. Nun zeugt und keimt es unaufh�rlich, Zelle um Zelle des Mutterbodens, die Gef��h�utchen, die Saftl�ckenauskleidungen, die Nerven, die Bindegewebszellen, sie produzieren von beiden Seiten des Wundspaltes her ein Chaos sich umschlingender, durchwachsender, mit den F�hlern verschmelzender, junger Brut, die scheinbar regel- und ziellos vorw�rtsstrebt gegen das jenseitige Ufer. Die Vorposten beider Seiten ber�hren sich im Innern des trennenden Gerinnsels. Nirgendwo aber gilt trotz des Durcheinanders aller dieser Zellarten so sehr der Satz omnis cellula e cellula, auf deutsch: Art schl�gt sich zu Art, wie hier bei der Wundheilung. Allm�hlich entwirrt sich das Chaos; was zu Gef��en geh�rt, bildet mit Geschwisterzellen einen Hohlraum, der schon angeschlossen an das alte Kanalsystem und schon gef�llt ist mit den roten und wei�en Ern�hrungszwischenh�ndlern, den Blutk�rperchen; das Bindegewebsnetz beider Seiten findet sich zu einem spannkr�ftigen Spinngewebe zusammen, dessen Elastizit�t gleichsam wie mit eingelassenen Stricken die Wundr�nder st�ndig zur Mitte zusammenzieht, d.h. sie einander n�hert; die Nerven senden ihre F�hler kontinuierlich aus und finden sich sicher in dem Wirrwarr �bereinandergeh�ufter Mauersteine zurecht. Dann reichen sich die Werkmeister beider Seiten endlich die H�nde und bilden die Strebepfeiler des neugef�gten Lebens. Es legt sich Gef��kolben an Gef��kolben, Nervenb�ndel gegen Nervenb�ndel, und das immer enger sich maschende Bindegewebsnetz bildet offene L�cken und Kan�le, so da� schon in weniger als zehn Tagen, bei ungest�rter Heilung, Blut-, Saftstrom und Nervenleitung und mit ihm Leben und Nahrung ungehindert von einer Seite zur andern durch die Mauerwand des provisorischen Gerinnsels her�ber und hin�ber rollen. Dar�ber deckt sich schlie�lich der Teppich der Hautschuppen, der von seinem Muttergewebe aus im Moment der Vollendung dieses Kabel- und Kanalisierungssystems--wunderbar genug--nicht fr�her und nicht sp�ter, wie auf ein bewu�tes Kommando, neugeborene Deckzellen abschiebt und �ber die noch etwas erhaben r�tliche Narbe ausbreitet. Was gibt den Ansto� zu all diesen mit dem Mikroskop m�hsam durch die Arbeiten eines _Virchow_, eines _Thiersch_, eines _Billroth_ erforschten Keimungs-, Sprossungs- und Reparaturvorg�ngen? Ist es nicht merkw�rdig, zu denken, da� der pl�tzliche seitliche Hemmungsfortfall, den der Schnitt oder der Ri� bedingt, gleichsam ungez�hlte Spaltl�cken hervorquellenden Lebens �ffnet und da� von den reich ausstr�menden Saatk�rnern auch dem winzigsten etwas anhaftet, das wie ein Bewu�tsein einer Pflicht, einer Berufstreue, einer bestimmten Rolle im ganzen Staat anmutet? Woher kommt dieser unmittelbar sich �u�ernde, regulierende, ma�haltende, sich in Reih und Glied stellende, einem idealen Typus, einem vorangegangenen Plan nachbildende Gesamtwille, der aus dem Chaos des Formlosen, aus dem Nebel des scheinbar Wahllosen und Zuf�lligen h�chste Organisationen, wundersamste Funktionen herausbildet? Da dr�ngt sich dem dazu disponierten, sinnenden Betrachter jene Ehrfurcht auf, die im Kleinen wie im Gro�en Unbegreifbares als einen Teil des Erhabenen nie ohne innere Bewegung anschaut und die dem Naturforscher so leicht verloren geht, obwohl gerade er so vielen Anl�ssen zu ihr begegnet. So ist auch dem Praktiker der Wundpflege ein immer reges, naives Sichwundern dienlicher, als ein gleichg�ltiges "Das mu� so sein!" Beim allzu k�hnen Eindringen in das Allerheiligste menschlicher Gewebe und bei den gewohnten Erfolgen der Chirurgie erstirbt zu leicht das so nat�rliche Dankgef�hl gegen die wunderbaren Hilfsmittel, die uns das ewig um Erhaltung ringende Leben in die Hand gibt; nicht wir sind die Meister, es sind alles Seine hohen Werke! Da� unsere Kunst es verstanden hat, gerade gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts sich zum Diener dieser Naturkr�fte zu machen, ist der Schl�ssel zum Verst�ndnis ihrer staunenswerten Erfolge; nicht allein hat sie es gelernt, die Hemmungen eines ungest�rten, nat�rlichen Wundverlaufs (prima intentio naturae) auszuschalten (Antisepsis, Asepsis), indem sie die �berall drohende Wundsaftzersetzung verh�ten lehrte, die Gesamtheit namentlich der deutschen Chirurgen, allen voran ein _v. Langenbeck_, _Billroth_, _Thiersch_, _Mikulicz_, _Czerny_, _v. Bergmann_, haben die Technik der Benutzung der nat�rlichen Hilfsquellen wahrhaft erstaunlich gef�rdert. Hier hat sich der Flei� und das Genie des Menschen wetteifernd den Wundern der Natur an die Seite gestellt. Gleichsam als h�tte eine bewu�te Arbeitsteilung Talent und Energie je nach der Individualit�t vor eine besondere Aufgabe gestellt, so hat jeder der Genannten und viele neben ihnen bestimmte Gebiete der Kunst mit besonderem Gl�ck auszubauen verstanden, v. Bergmann lehrte zahlreiche Vorbedingungen zu erfolgreichen Eingriffen am edelsten Organ, am Gehirn, v. Langenbeck war ein Reformator der plastischen Chirurgie, Mikulicz und Czerny haben mit Billroth gewetteifert, die Chirurgie des Unterleibs technisch zu erschlie�en, Thiersch, Reverdin und Gluck waren Begr�nder der k�nstlichen Gewebs�berpflanzung, und noch neuerdings haben Rehn in Frankfurt und K�mmel in Hamburg gelehrt, da� man selbst Wunden des Herzens und der gr��ten Gef��e zur Heilung zu bringen vermag. So ist denn der plastische Ersatz und die Vereinigung getrennter Gebiete durch die Naht und durch die verklebende und substituierende Narbe fast f�r jedes Organsystem fruchtbar gewesen, und die gl�ckliche operative Entfernung verlorengegangener Gehirnteile, die Ausschneidung auch gr��erer Teile von Darm- und Magenst�cken, die zweckm��ige Wiedervereinigung und Umschaltung der r�hren- und sackf�rmigen Gebilde des Verdauungskanals sind dem oft rettenden Walten geschulter Chirurgen ebenso zug�nglich, wie das Herz, die Lunge, die gr��ten Gef��e, in denen das Leben an seiner Wurzel str�mt und atmet. Das alles w�re nicht m�glich gewesen ohne ein immer eingehenderes Betrachten der Wunder der Wundheilung, zu denen das blo�e Auge nicht ausreichte, sondern sich mit den sch�rferen Linsen des Mikroskops bewaffnen mu�te. So wurden denn von den Meistern der reinen Naturbetrachtung in stillen Werkst�tten die Geheimnisse enth�llt, die der Chirurgie in ihrer praktischen Anwendung so ungeheure Erfolge brachten. DAS MYSTERIUM DER ERN�HRUNG Einer die Weisheit, Allmacht und Harmonie des Weltgeistes preisenden Weltanschauung mu� es ein unbequemer Gedanke sein, sich ganz n�chtern klar zu machen, da� das Leben nur bestehen kann, indem es Leben vernichtet. Erhaltung und Erzeugung auf dem Umwege von Tier- und Pflanzenvernichtung! Dieses m�rderische Gesetz vom Werden durch Sterben ist vom Standpunkte menschlichen Erkennens ebenso grausam und f�hllos von Mutter Natur gedacht, wie es un�sthetisch ist. Eine Art Lebewesen scheint immer nur geschaffen, um von der anderen vernichtet und gefressen zu werden: das w�re so eigentlich die Quintessenz des Kampfes ums Dasein, bei welchem dem zeitweisen Sieger am Ende dieselbe Vernichtung durch Verwesung droht, wie den Wesen, auf deren Kosten es sein mehr oder weniger kurzes Dasein gefristet hat. Sollte diesem unableugbaren, schrecklichen Grundgesetze des Lebens nicht doch eine vers�hnlichere, dem menschlichen F�hlen weniger schmerzliche und peinliche Betrachtungsweise abgewonnen werden k�nnen? Ja, hat nicht vielleicht die Chemie, die Beherrscherin der Kultur, aufgestiegen aus dem Schlamm der Alchymie wie eine sch�nheitleuchtende, sch�pferische G�ttin, die M�glichkeit, uns Menschen von diesem Bannfluche alles Lebendigen--der �brigens schon im Paradiese am Werke gewesen sein mu�--zu befreien durch k�nstlich hergestellte Nahrungsmittel? durch Laboratoriumsbrot und Fabrikeiwei�? durch Synthese von Stickstoff, Kohlenstoff, Wasser, Kalk, Phosphor usw., kurz alles dessen, was in der Nahrung chemisch und theoretisch vorhanden sein mu�, um den Stoffwechselbetrieb zu erhalten? Das ist durchaus keine Utopie vom Standpunkte der Eiwei�chemie aus. Ist es doch gelungen, eine dem Eiwei� sehr �hnliche Verbindungsreihe von K�rpern, n�mlich die Peptonoide, eigentlich Eiwei�e, wie sie im Magen zur Verdauung umgearbeitet werden, tats�chlich herzustellen und damit Tiere zu f�ttern. Mit welchem Effekt? _Mit dem des langsamen Verhungerns!_ Ich habe mich vor dieser Tatsache ersch�ttert gef�hlt wie vor einem gedanklichen Elementarereignis! Es m��te etwas wie eine Weltanschauungskatastrophe, wie ein Erdbeben der Erkenntnis durch die wissenschaftliche Welt gehen, wenn diese Tatsachen wirklich best�tigt w�rden. Die Mehrzahl der Naturwissenschaftler steht selbstverst�ndlich auf dem Standpunkte, da�, wenn es gel�nge, das Eiwei� chemisch rein aus seinen Elementen aufzubauen, das Problem der Nahrungsmittelsynthese gel�st w�re. Dann rei�t man Schlachth�user nieder und baut den k�chen-chemischen Gro�betrieb! Hier hat nun die Rechnung ein Loch! Man wird mit k�nstlichem Eiwei� nach meiner Ansicht weder Tier noch Mensch erhalten k�nnen, was schon die scheinbar g�nzlich mi�lungenen Versuche der Hundef�tterung mit pepton�hnlichen K�rpern beweisen d�rften; was aber erst w�rde f�r eine Verbl�ffung entstehen, wenn wirklich chemisch reines Eiwei� k�nstlich durch Aufbau im Laboratorium gewonnen--kein Nahrungsmittel w�re? Hier ist ein Rhodus f�r unser naturwissenschaftliches Denken, das wir �berspringen oder �berwinden m�ssen. Hier ist eine Probe auf die Stichhaltigkeit unserer gesamten naturwissenschaftlichen �berzeugung! Man hat eben, befangen in der Lehre von Kraft und Stoff, _das Mysterium in der Ern�hrung_ vergessen! So mu� eines Tages die Lehre von den W�rmeeinheiten (Kalorien), die der K�rper zu seinem Betriebe aus der Nahrung nimmt, erstaunlichen Schiffbruch leiden, weil der Ern�hrungsvorgang keine Maschinenheizung allein ist, sondern weil �ber seinem chemischen Mechanismus noch ein R�tsel, ein Wunder, ein Sonderbares schwebt, das erst erkl�rt, warum Leben nur durch Leben sich erhalten kann. Ich stehe nicht an, hier meine eigenen Gedanken dar�ber auszusprechen, nicht allein weil ich sie f�r interessant genug auch f�r ein breites Publikum erachte, sondern weil ich die hier angeregte Fragestellung f�r durchaus neu und wichtig halte. Meine Ansicht ist, da� die Ern�hrung eigentlich eine stetige Neuerzeugung ist, nicht nur eine Erhaltung des Bestandes. Wir erzeugen uns st�ndig in uns selbst von neuem, alle unsere Zellen erzeugen sich neu, nachdem sie abgesto�en und verbraucht sind. Wir werden immer von neuem geboren, t�glich, st�ndlich. Wir sind nach Jahren nicht mehr dieselben, welche wir waren. (Welch Trost f�r veredlungs- und besserungsbed�rftige Seelen!) Wir wechseln in dieser ununterbrochenen Selbsterzeugungskette nicht nur Haare und Haut, wie die Schlangen, sondern den ganzen Zellstaat, der uns in seinem Betriebsschwirren und Sch�pfungsweben das Bewu�tsein unseres Ichs zufl�stert, dieser ganze Zellstaat des Individuums stirbt fortw�hrend ein bi�chen und wird fortw�hrend ein wenig geboren. Das ist bekannt und wird von niemand geleugnet. Was aber bisher nicht beantwortet ist, das ist die Frage nach der Herkunft aller der Saatk�rner, die nun einmal f�r eine Zeugung unerl��lich sind. Sind sie gleich mit der Geburt uns schon mitgegeben, so da� der Zeugungsakt das ganze Leben hindurch abliefe wie eine Spule vom himmlischen Webstuhl der Liebe, oder erhalten wir von au�en irgendwie neue in uns hineingetragene, an jeder Stelle unseres Leibes wirksame Saat? Das letztere ist der Fall! Zu allem Leben ist die Zelle n�tig. Aber sie selbst ist schon eine hochkomplizierte Maschine. Der Kern der Zelle scheint ihr Wesentlichstes. Der hat eine sonderbare Struktur und eine merkw�rdige chemisch-physiologische Z�higkeit. Er besteht aus Nukleinsubstanz. Dieses Nuklein ist chemisch oder physikalisch schier unzerst�rbar. Keine S�ure, keine Lauge, keine Verdauung kann es vernichten. Nur dem Feuer widersteht es nicht. _Hier im Nuklein der Kerne steckt das Mysterium der Ern�hrung._ Dieses ist in jeder Pflanze--in jeder Tierzelle, die wir zu uns nehmen, enthalten. Ohne Nuklein ist keine Nahrung denkbar, es kommt aber nur im Zellkern vor. Es ist aber auch der Tr�ger aller Befruchtungsvorg�nge. Durch einen Zufall sah ich einst ein St�ckchen Schleimhaut von einem Menschenmagen unter dem Mikroskop, von einem Magen, der eben im Begriff war, zu verdauen. Ich war aufs h�chste erstaunt. Die ganze Schleimhaut nicht nur, auch die gesamte Magenwand war durchsetzt mit wei�en Blutk�rperchen, dieser Armee von Heinzelm�nnchen und Liliputanerpolizei in unserem Leibe, in so auffallender Weise, da� ich das f�r eine Entz�ndung oder Eiterung hielt. Aber eine Eiterung der Magenwand bei einem v�llig gesunden Menschen! Damals lebte noch mein alter Lehrer Virchow, dieser Meister der Deutungskunst des Kleinen. Er sch�ttelte den Kopf und meinte, das m��te ein Leukom (eine Geschwulst) sein. Ich wei� jetzt, belehrt durch weitere Erfahrungen, da� jede Magenwand im Zustand der Verdauung prall gef�llt mit diesen wei�en Ameisen des Lebens ist und da� sie dort lauern auf die freigewordenen chemisch unverdaulichen Nukleinkerne der Nahrung. Diese nehmen sie in sich auf, tragen sie �berall mit dem Blutstrom und treten durch die Gef��l�cken ins Gewebe und streuen, die echten S�em�nner des Geheimen, die Samen aus, die sie aus der Nahrung nahmen, �berall wo es nottut, wo der wallende, wogende, rollende Teppich des kleinsten Lebens eine L�cke, einen Defekt erhalten hat. Mag Darm und Magen seinen Chemismus treiben nach dem Gesetz der Maschinenheizung und nach dem �quivalent von W�rme und Arbeit, die Millionen Nukleink�rnchen, kleine Wundersterne ewiger Erzeugung und ewigen Gebarens, w�rden ganz verloren sein und nur die �cker d�ngen, wenn diese kleinen W�chter des Zellbestandes sie, die sonst Unverdaulichen, nicht abfangen w�rden, als die eigentlichen Tr�ger des Wunders der Ern�hrung, und sie verteilten auf alle die mikroskopischen Wiesen und Zellrasenfl�chen, denen im kleinen Ma�stabe das menschliche und tierische Gewebe gleicht. Das eigentliche Charakteristikum des Lebens sind die Nukleinsterne der Zelle, sie sind die Himmelsschl�sselein, die, eindringend in das Herz anderer Zellen, das ganze Wunderwerk der Zeugung aufschlie�en, die die Wunderfedern und Zaubermotoren anspringen lassen zum Ablauf alles kleinen und riesengro�en Lebens. Nuklein ist sogar der Tr�ger der Pers�nlichkeit, der Artcharaktere, der Stammeseigenschaften, es ist schlechthin das Individuellste, was es auf Erden gibt, denn es gibt jedem Wesen sein ureigenes Gepr�ge, von einer beispiellosen, durch alle Generationen, alle Wandlungen fortwirkenden Konstanz. Es ist meine aus dieser Betrachtung gewonnene �berzeugung, da� die Ern�hrung nicht ersch�pft ist durch die Bilanz von Aufnahme von W�rme und Umsatz in Arbeit, sondern da� neben diesen betriebstechnischen Vorg�ngen noch ein Proze� einherl�uft, welcher das R�tsel des Lebens in sich schlie�t und darum mysteri�s und wundervoll ist. So aufgefa�t ist die Wandlung, die die Nukleinsubstanzen des Lebendigen im Kreislauf aller Lebewesen durchmachen, gleich dem ewigen Kartenmischen eines allm�chtigen Wesens, dessen gigantische Phantasie niemals Gen�ge finden konnte an dem schon Erreichten, sondern das unabl�ssig am Werke ist zu variieren, zu kombinieren, zu hemmen und zu treiben und geruhig sich des bunten Spieles zu freuen an den wandelnden Erscheinungen des Alls; ein Wesen, f�r das Sonnen- und Kometenbahnen nicht wichtiger sind als die Staubfl�ge des Sonnenst�ubchens und das Lieben und Zeugen der allerkleinsten Lebenseinheiten, der Nukleinsternchen in den Zellen von Mensch, Tier und Pflanze. DIE HAUT ALS EIN ORGAN DER SEELE Um alle ihre Lebewesen hat Mutter Natur einen Mantel geschlagen. Sie l��t nichts h�llenlos und wahrhaft nackt. Pflanze und Tier, vom niedrigsten einzelligen belebten Organismus bis zu den kompliziertesten Prachtexemplaren: an K�rperlichkeit dem Mammuttier, an Geistigkeit dem Herrn dieses Planeten, dem Menschen, sie alle tragen ein nat�rliches Kleid, gewebt aus elastischen Fasern, �ber die schillernde Schuppen, leuchtende Farbenglut, Bl�tenschmelz und schm�ckende Zier verschwenderisch und in staunenswerter Vielgestaltigkeit nicht minder ausgebreitet sind, als ein rauher und den Feinden aller Art trotzender Abwehrpanzer, ein sch�tzender Wall von H�ckern, Stacheln, Borken und Hornger�sten. Diese Enveloppe ist eng angeschmiegt an die Struktur des eigentlichen Leibes in wunderbarer Anpassung an das Milieu der Milliarden von Variationen zulassenden Lebensformen und schlie�t die Organe ein enger und dichter, als es je ein Kleiderstoff tun k�nnte. Wir sprechen von einem Federkleid, vom Pelz, vom Mantel, von Hautdecken und K�rperh�llen bei allen Tieren; und nur der Mensch, dieser einzige Vollstrecker und Vervollkommner der Naturidee, hat sein Corriger la nature der eingeborenen H�lle hinzugef�gt, wiederum in analoger Verquickung von Schutz und Schmuck--n�mlich unsere Kleidung, bei welcher die Variationslust unter dem Direktorium der Mode nicht weniger lebhaft am Werke ist, als bei der Meisterin der Vielgestaltigkeit, Mutter Natur selber. Welches Wunderwerk aber ist diese unsere Haut, ein feinmaschiges Trikot, in dem wir immer herum gehen m�ssen und das wir niemals ablegen k�nnen! Es ist ein Zaubergewebe von eigenartiger Pracht, Leuchtkraft und reichem Glanz, das hinrei�end sch�n sein kann, solange der Jugend Bl�tenschmuck �ber ihm gebreitet liegt, und das im Alter die Runenschrift alles Menschenleides aufweist. Welch eine Rolle spielt die Haut im Haushalt unseres Leibes! Sie atmet, sie reguliert die K�rperw�rme, sie sondert Verbrauchtes ab, sie nimmt Luft, Licht, Feuchtigkeit ein und gibt sie aus, sie resorbiert Heilstoffe und Gifte und sondert sch�tzende �le ab, sie zieht sich zusammen und dehnt sich aus, sie hat einen eigenen Duft, der nicht nur die Rassen voneinander unterscheiden l��t, sondern auch viel mehr, als man gemeinhin wei�, der Tr�ger eines gut Teils unserer Pers�nlichkeit ist, sie hat eine Farbenskala von gro�em Reichtum und tr�gt ein mikroskopisches, Wiesendecken gleiches Feld feinster H�rchen, das sich zu Busch und Wald verdichtet, in denen Mysterien wohnen und Lebensr�tsel sich verbergen, das unser G�ttlichstes, Auge, Mund und Stirn, umrahmt und unser Menschlichstes versteckt! Sie ist aber ferner unser nerv�sestes Organ! Nicht allein, da� sie ein Teppich ist, in den die Wundersternchen des Gef�hls und des Empfindens eingewebt sind, zahllos wie die Sterne am Himmel, sie hat ein hochkompliziertes seelisches Leben, auf das sich einmal ernstlich hinzuweisen durchaus der M�he lohnen d�rfte. Die Haut erschrickt, schaudert, ist durchrieselt von Gef�hlen der Lust und des Abscheus, es kann ihr weh und wohlig sein, sie kann ergl�hen vor Erregung, Zorn oder Scham und kann erblassen im Affekt des Schreckens, der Ohnmacht, der Wut. Sie ist der feinste Barometer unseres Krankseins, und der R�ckschl�sse, welche der Kundige allein aus ihrem Bef�hlen auf unsern Gesundheitszustand, auf Gefahr oder kommende Genesung machen kann, sind unz�hlige. Und nun dies Bef�hlen selbst. Welche F�lle seelischen Geschehens birgt es in sich! Welche Wonnen, welche Beruhigung einerseits, welche Beleidigung und welchen Abscheu auf der andern Seite �bermitteln diese Milliarden kleiner Empfindungskn�uel, die als sogenannte Nervensprossen in der Haut und als Tastk�rperchen ausges�t sind und von Mensch zu Mensch ihre Str�me senden! Welche Wunder der Seele im Streicheln, im Liebkosen, im einfachen Handauflegen! Alles das wirkt von Seele zu Seele durch das Medium der Haut, die ja buchst�blich nichts anders ist als ein Schilfwald von Polypenarmen, den das Nervensystem nach au�en in die Welt ausgest�lpt hat. In der Haut schuf sich Natur die Wunderharfe, auf der des Lebens Zauberfinger spielen, hier wogen und wallen die feinsten Nervenstr�me hin und her, die uns orientieren, uns mit sichtbaren und unsichtbaren Strahlen laden, von hier aus spielt die Sonne und das Licht, das Dunkel und die Finsternis ihre Funken- und Schattenlieder. Hier sind der Seele durstige, saugende Kelche, mit welchen sie, lechzend nach Erregung, Kraft und Bewegung, den ganzen Funkenkranz der Sonnenwellen jenseits und diesseits vom Spektrum einschl�rft. Ein Sonnenbad, ein Meeresbad, ein Freiluftbad, eine Dusche,--welche Quellen von Schwungrad treibender Lebensenergie �bermitteln sie allein und direkt durch diesen Zaubermantel �bers�t mit Nervenflitter und Gl�hl�mpchen von ebenso geheimnisvoller wie sch�nheitdurchleuchteter Zweckm��igkeit. Es ist meines Wissens noch niemals gen�gend betont, da� die Haut, diese H�lle und diese Offenbarung unserer Pers�nlichkeit, nachweisbar anatomisch und entwicklungsgeschichtlich ein echtes _Seelenorgan_ ist. Wenn das Wunder aller Wunder geschehen ist, wenn die m�tterliche Eizelle befruchtet ist, wenn mit goldenem Schl�ssel des werdenden Menschen erste Bl�te aufgeschlossen wird, lagert sich die wachsende Keimsubstanz in drei mikroskopisch deutlich erkennbaren Teppichen �bereinander: den sogenannten Keimschichten. Aus einer wird das Bauger�st des Leibes, das Skelett mit seinen S�ulen, R�hren und Kapseln, Sch�del und R�ckgrat, aus dem anderen Herz, Gef��e, gro�e Dr�sen und der Ern�hrungsweg, und aus dem dritten, dem Horn-Sinnesblatt: Gehirn, Nervensubstanz und--Haut! Da haben wir des R�tsels L�sung: Gehirn und Haut sind als ein einheitliches Organ angelegt und gedacht. Sie entstammen denselben Adern aus dem tiefsten Schacht des Lebens, sie sind eine anatomische und physiologische Einheit. Da dem so ist, wage ich k�hn den Satz: unsere Haut ist ein Teil unserer Seele! Jetzt wird es uns klar, warum sie von unserer Seele ebensoviel zu k�nden, wie von der des anderen zu empfangen vermag; sie ist ja ein Teil, ein Substrat des Seelenorgans selbst, sie ist nach au�en gest�lptes Gehirn, sie enth�lt, entladet und empf�ngt einen betr�chtlichen Teil des seelischen Geschehens �berhaupt. Jetzt erkennen wir deutlich--und das ist das Wichtigste dieser ganzen Betrachtung--warum von hier aus, von der Haut her, so gewaltige Eingriffe in den Gesundheitsbestand unseres gesamten Organismus m�glich sind. Die ganze Hygiene der Haut ist oder sollte es wenigstens sein--eine psychologische Angelegenheit. Jetzt erhellt, warum die Reinlichkeit ein Teil, eine Funktion seelischer Sch�nheit ist, warum Sauberkeit eine kardinale Tugend, ein soziales Erfordernis, eine sittliche Pflicht ist. Die Kultur eines Volkes wie des einzelnen kann gemessen werden an dem Ma� von Sorgfalt, das beide auf die Kultur der Haut verwenden. Zur Kultur der Seele geh�rt untrennbar die Kultur der Haut. Die Zeiten sind f�r immer vor�ber, in denen struppiger Bart, ungepflegte H�nde, Wasserscheu und Nonchalance der Tracht f�r das Erkennungszeichen genialischer Kraftnaturen galten: "er gibt nichts aufs �u�ere", pflegte man fr�her von einem solchen teutonischen Kraftmeyer entschuldigend im Hinblick auf die Gewalt seines Innenlebens zu sagen, wobei man eben verga�, da� das "�u�ere" unseres Leibes, die Haut, durchaus ein Teil des Innerlichsten ist. Gewi� k�nnen wir es durch keine Kultur erzwingen, unserer Haut wieder jenen weichsamtenen Bl�tenschmelz zu geben oder zu erhalten, wie ihn beispielsweise die Halspartie oder der Nacken eines Kindes aufweist, man kann die Haut nicht sch�ner gestalten, als sie von Natur angelegt ist, aber jeder kann ihr den H�hepunkt ihrer Elastizit�t, Leuchtkraft, Frische und dynamischen Strahlenwirkung--denn an diese glaube ich in irgendeiner Form von X-, Y-oder Z-Strahlen--abzwingen. Ein Blick auf eines Menschen Haut--�brigens instinktiv zur Absch�tzung der Pers�nlichkeit ebensooft ge�bt wie der forschende Blick in die viel weniger durchschaubaren Augen--kann uns von der Seele mehr verraten, als viele, viele Worte und andere Lockmittel zum Fallenlassen der seelischen Maske, die den meisten nun doch einmal das Leben, die Gesellschaft, der Kampf ums Dasein aufn�tigt. Das Gehirn kann sich mit Hilfe seiner Sklaven, der Muskeln des Gesichts, leicht "verstellen", die Haut verstellt sich nicht, sie kann nicht posieren, die sagt wie eine schlecht gepflegte Pflanze: man kultiviert mich nicht, meines Tr�gers Seele ist matt, wie meine welken Fasern, oder sie blitzt uns entgegen: seht! wie mein Herr mich h�lt, so ist sein ganzes Wesen! Welch armseliger Versuch, dieses Seelenorgan zur L�ge zu zwingen, durch Puder, Schminke, Tinten und Creme! Wahrlich, die Frauenwelt mu� uns M�nner f�r lauter kurzsichtige Troddel halten, wenn sie immer wieder glauben kann, es g�be jemand, der diese Maskerade der Haut nicht durchschaute. Hier kann die Kunst nichts tun, aber desto mehr hat die Natur uns Mittel gegeben, diesem unserem Seelenorgan auf das wirksamste beizukommen. Wer nicht t�glich eine halbe Stunde Zeit hat, mit Seifung, Dusche, Luftbad, Abreibung usw. seiner Haut und seiner Seele zu dienen, vers�umt ja nicht nur, den nat�rlichsten Schmuck, den wir haben, zu putzen und sauber zu halten, sondern er verzichtet auch darauf, seiner Energie die unerl��lichsten Kraftquellen zu erschlie�en. Es ist wissenschaftlich noch nicht v�llig gekl�rt, warum die t�glichen kalten und wechselnden Vollduschen die Nervenspannkraft so offensichtlich steigern--ich glaube an eine Art Turn�bung der kleinsten Gef��muskeln der Haut und sekund�r des Gehirns, welche unsere Willenskr�fte zu beeinflussen imstande sind--aber die Tatsache ist unbestreitbar, das kalte Wasser hat M�hlenwind f�r die Fl�gel unserer Seele, es hat die F�higkeit, Spannungen in uns zu akkumulieren, wie die Sammler der elektrischen Ladung. Denn abgesehen von dem Segen der Disziplinierung, morgens zun�chst durch eine Dusche den Gesamtbetrieb anzudrehen, wie eine Kurbel am Automobil, es sind direkte physische Kr�ftespannungen, welche von der Frottierung der Haut, der rhythmischen Zusammenziehung aller ihrer Millionen mikroskopischer Muskeln beim Duschen, Luftbad und beim Abreiben ausgel�st werden und die direkt von der Haut in die Seele einstr�men wie unz�hlige B�che in den brausenden Strom, der unsere Pers�nlichkeit in den Ozean des Lebens tr�gt. Wie h�bsch symbolisiert alles das, was wir von der seelischen Natur der Haut gesagt haben, die durch alle Natur- und Kulturv�lker hindurchgehende Sitte, die Haut zu schm�cken mit Farben, Perlen, Edelgestein und Flimmerwerk. Es ist, als wenn dieser Ziertrieb des Menschen uns all die herrlichen Eigenschaften der Haut in konzentriertestem Ma�e zum Bewu�tsein bringen wollte: da ist die Perle obenan ein Symbol f�r den matten Glanz ihrer schmiegenden, schimmernden Weichheit, da ist der Diamant ein Symbol f�r die funkelnde schillernde Pracht ihrer seitlichen Durchleuchtung, da ist der Rubin als Symbol ihrer Durchstr�mung mit der fl�ssigen Glut des Lebenssaftes. Das ist vielleicht auch der geheime Sinn, warum die Menschen und namentlich die Frauen, die ja durchschnittlich eine so unendlich viel sch�nere Haut besitzen als der Mann, sich so gern mit Naturgebilden schm�cken, die, was Sch�nheit der H�lle betrifft, im ganzen Reich der Erde beispiellos dastehen, mit den Pflanzen und Bl�ten! Auch hier symbolisiert die Weichheit des Flaums im Bl�tenkelch und Bl�tenblatt einen Reiz, der der menschlichen Haut keineswegs versagt ist! Bl�tenschmuck ist ja eine Art Huldigung, die der Mensch dem Naturgedanken sch�ner Umh�llung darbringt; denn, wenn Gro�vater Goethe und Vater Darwin recht haben, diese Tr�ger aller unserer modernen Naturgedanken, so ist die Bl�tenhaut in ihrem Farbensamt und ihrer schneeigen Decke die Stammutter und das Urgebild auch der menschlichen Haut! Was wir auch mit unserer Haut anfangen, denken wir daran, da� sie von Bl�ten stammt und ihr Ebenbild ist, da� sie Zartheit und Innigkeit verlangt in ihrer Pflege, wie ihre duftenden, das ganze Leben versch�nenden Ahnen aus dem Reich der Blumen.