Library / Philosophy / Das Problem des platonischen Symposion.
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Das Problem
des
platonischen Symposion.
Von
Dr. A. v. Kleemann.
Sonderabdruck aus dem Jahresberichte des k. k. Sophien-Gymnasiums
im II. Bezirke in Wien.
WIEN.
Im Selbstverlage des Verfassers.
1906.
K. u. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme, Wien.
Das Problem des platonischen Symposion.
I.
Unter all den herrlichen Werken, die Platons Genius geschaffen hat,
gebührt dem Symposion die Krone. Seine echt attische Grazie und Anmut
erinnert an die Schöpfungen des Praxiteles. Keine andere Schrift zeigt
Platons universales Können in gleichem Maße. Der Dichter wie der
Philosoph hat hier die höchste Staffel erklommen.
Den Forscher aber stellt dieses Wunderwerk vor eine schwierige Aufgabe.
Seine Lehren stehen zu dem Inhalt anderer platonischer Schriften aus
früherer und späterer Zeit in so schroffem Widerspruche, daß man
versucht wäre, die Echtheit des Symposion in Zweifel zu ziehen, wäre
sie nicht über jeden Zweifel erhaben.
Eine gegensätzliche Auffassung zeigt das Symposion z. B. gegenüber dem
'Gorgias' in der Beurteilung der Dichter: im 'Gorgias' ausnahmslos als
Diener des Pöbels gebrandmarkt (p. 502 b ff.), erfahren sie im Symposion
die entgegengesetzte Behandlung; ihre Ersten, Homer und Hesiod, werden
mit den großen Gesetzgebern Lykurgos und Solon in eine Linie gestellt
und um des unvergänglichen Ruhmes ihrer Schöpfungen willen den Heroen
gleichgesetzt (p. 209 a-e).
Wie das Schaffen des Dichters, so betrachtet das Symposion auch die
Äußerungen des Ehrgeizes (~philotimia~) als Betätigung des geistigen
Zeugungstriebes, mithin des höchsten Preises wert. Ja, das Streben nach
unvergänglichem Nachruhm, im Grunde eine ~philotimia~ höheren Grades,
wird geradezu als das eigentliche Motiv der geistigen Zeugung
bezeichnet.
Damit harmoniert nun keineswegs die Verurteilung der ~philotimia~ im
Staat (I, 347 b).
Indes ließe sich in diesen beiden Fällen ebenso wie bei der Differenz in
der Beurteilung des ~paidosporein~, welche das Symposion gegenüber dem
'Phaidros' aufweist (der Phaidros tut p. 250 e ff. das ~paidosporein~
verächtlich ab und betrachtet es als Abirren vom wahren Ziel, während
das Symposion darin das Ewigkeitsstreben des Menschen -- wenn auch in
niederem Grade -- erfüllt sieht), mit der Annahme eines Wandels der
Anschauung durchkommen.
Aber die Stellung, die Platon im Symposion gegenüber der
Unsterblichkeitsfrage einnimmt, läßt sich so einfach nicht erklären.
Streben nach Unsterblichkeit und Ewigkeit bezeichnet das Symposion als
das Wesen des Eros. Ein Streben setzt, wie Platon nicht verborgen ist,
ein Entbehren voraus. P. 200 a ff. legt er dies ausführlich dar und
begegnet im vorhinein dem Einwand, daß doch z. B. der Reiche nach
Reichtum strebe, sein Besitz ihn also nicht am Streben hindere, mit der
Bemerkung, dieses Streben richte sich nur darauf, den Besitz des
Reichtums für die Zukunft zu erhalten, da der Reiche in der Gegenwart
reich sei, ob er wolle oder nicht. Es kann hiernach gar kein Zweifel
sein, daß Platon im Symposion die Seele nicht als unsterblich betrachtet
hat. Natorps Versuch,[1] die Differenz zwischen der Auffassung des
Symposion und der des 'Phaidon' aufzulösen, ist unbedingt zurückzuweisen,
als dem klaren Wortlaut des Symposion widersprechend. Da Platon Symp.
p. 207 a ff. ausdrücklich sagt, wer bloß die körperliche Zeugung
betätigt habe, lebe, dem Tiere gleich, einzig und allein in seinen
Kindern fort, so geht es nicht an, den Glauben an die Unsterblichkeit
der Seele, d. h. jeder Seele in das Symposion hineinzuinterpretieren.
[1] P. Natorp, Platos Ideenlehre, p. 168.
Der Umstand, daß im Symposion die Seele nicht als unsterblich gilt,
würde dieses Werk einer frühen Schaffensperiode Platons zuweisen, einer
Zeit, da er, der Auffassung des Sokrates getreu, die Unsterblichkeit
der Seele durchaus nicht als einen Hauptlehrsatz seiner Philosophie
betrachtete. Nun enthält aber das Symposion die Ideenlehre, jene
ureigenste Schöpfung platonischen Geistes, was seine Zugehörigkeit
zu 'Phaidon', 'Phaidros' etc. beweist und allen jenen Dialogen die
Priorität sichert, welche von der Ideenlehre noch nichts wissen oder
nur deren erste Keime aufweisen: also (von der Apologie abgesehen)
Protagoras, Hippias minor, Laches, Charmides und -- Gorgias. Über dem
Gorgias schwebt der Geist der Ideenlehre, hat Th. Gomperz[2] treffend
gesagt; er geht dieser also voraus. Derselbe Gorgias aber verficht
bereits mit höchster Energie die Lehre von der Unsterblichkeit der
Seele, in Übereinstimmung mit allen späteren Werken Platons. Wie haben
wir uns danach das Verhältnis des Symposion zum Gorgias zu denken?
Jeder der beiden Dialoge scheint Anspruch auf die Priorität zu erheben.
Bei reiflicher Überlegung werden wir dieselbe aber doch dem Gorgias
zuerkennen müssen. Denn es erscheint undenkbar, daß eine Schrift, welche
eine bestimmte Lehre bloß in ihren keimenden Anfängen enthält, jener
Schrift nachgefolgt ist, die diese Lehre bereits voll ausgebildet zeigt.
Wir müssen also das Symposion dem Gorgias nachfolgen lassen und damit
ein Schwanken Platons gegenüber dem Unsterblichkeitsglauben annehmen.
Es steht ja auch die Lehre des Symposion, die Seele sei zwar nicht
von vornherein unsterblich, könne es aber (durch die geistige Zeugung)
_werden_, zwischen dem Glauben an die Vergänglichkeit der Seele und der
Überzeugung von ihrer Unsterblichkeit in der Mitte und gleicht mehr
einer Modifikation des Unsterblichkeitsglaubens. Wodurch aber kann
Platon veranlaßt worden sein, an der Lehre von der Unsterblichkeit der
Seele eine Modifikation vorzunehmen, die er später doch wieder beseitigt
hat?
[2] Griech. Denker, II, p. 285.
Diese Frage zu beantworten, sei gleich in medias res, d. h. zur Analyse
der Eroslehren des Symposion übergegangen.
II.
Das Symposion gipfelt in Sokrates' Rede, welche für die philosophische
Würdigung des Dialoges fast allein in Betracht kommt; nicht zwar, als ob
die Reden der übrigen Teilnehmer philosophisch gänzlich bedeutungslos
wären, vielmehr enthält jede einen Gedanken, den Sokrates in seiner Rede
verwertet oder doch, wenn auch nur polemisch, berücksichtigt: so berührt
bereits Phaidros (p. 178 d ff.) den hohen sittlichen Wert des Eros und
stellt (p. 180 b) die später von Sokrates begründete Behauptung auf, um
Tugend und Glückseligkeit zu erwerben, sei des Eros Hilfe besser als
die jedes anderen Gottes. Pausanias unterscheidet zwei Arten des Eros,
eine gute und eine schlechte: die schlechte gelte bloß den Reizen des
Körpers, die gute der Tugend und Vollkommenheit (p. 180 d ff.). Diesen
Gegensatz, den dann Eryximachos in seiner Rede auf die ganze organische
und anorganische Natur ausdehnt (p. 186 a ff.), akzeptiert Sokrates mit
seiner Unterscheidung zwischen körperlichem und geistigem Eros. Die
Reden des Eryximachos und Aristophanes enthalten die damals gangbaren
Theorien über das Wesen der Liebe, die des ersteren empedokleische und
heraklitische Ansichten, die des letzteren jene bereits im 'Lysis'
behandelte Definition der Liebe als des Strebens nach dem Eigenen, dem
~oikeion~.[3] Auch mit diesen Theorien setzt sich Sokrates in seiner
Rede auseinander; er legt dar, wie weit sie berechtigt sind. Des Gorgias
Schüler Agathon endlich betont zu Sokrates' lebhafter Befriedigung, erst
müsse das Wesen des zu preisenden Gottes festgestellt sein, bevor man
über sein Wirken sprechen könne (p. 195 a beziehungsweise 199 c).[4]
[3] Vgl. Th. Gomperz, a. a. O. II, p. 312.
[4] Platons alte Gegnerschaft gegen die Rhetorik zeigt
sich auch hierin: das einzige, was er an ihr zu billigen
findet, ist ihre klare Einteilung und Disposition.
Eben darum aber, weil Sokrates den Reden seiner Vorgänger alles
Brauchbare entnimmt, kommt diesen Reden kein besonderes philosophisches
Interesse zu: sie dienen künstlerischen, wohl auch didaktischen Zwecken.
So genügt es für unser Vorhaben, die Rede des Sokrates zu analysieren.
In seinem Vorgespräch mit Agathon (p. 199 c-201 d) stellt Sokrates fest,
daß der Eros ein Objekt haben müsse; da man aber nur begehre, was man
nicht hat, der Eros aber auf das Schöne und das davon unzertrennliche
Gute ausgehe, so könne Eros selbst weder schön noch gut sein. Weit
gefehlt aber wäre es, ihn darum für häßlich und schlecht zu halten. An
dieser Stelle entwickelt Sokrates den Begriff des Mittleren (~metaxy~).
An dem Beispiel des ~ortha doxazein~ wird dies deutlich gemacht. Als
bloßes ~doxazein~ kann es nicht ~sophia~ sein, als ~_ortha_ doxazein~
aber auch nicht ~amathia~. Ein solches ~metaxy~ ist auch der Eros, der
kein Gott sein kann als ~tôn kalôn kai agathôn amoiros~ (p. 202 d),
sondern nur ein Mittelding zwischen ~thnêtos~ und ~athanatos~.
Anknüpfend hieran erzählt nun Sokrates den bekannten Mythus von der
Entstehung des Eros. Am Geburtstagsfeste der Aphrodite wurde er gezeugt
von einem göttlichen Vater, Poros, dem Reichtum, und einer nicht
göttlichen Mutter, Penia, der Armut.
Seine Natur zeigt seine Herkunft: nach der Mutter ist er ~penês~,
~sklêros~, ~auchmêros~, ~endeia xynoikos~ (p. 203 d), nach dem Vater
~tois kalois kai tois agathois epiboulos~, ~phronêseôs epithymêtês~,
~philosophôn dia pantos tou biou~.
Diese Schilderung des Eros ist selbstverständlich Allegorie. Was ist
Eros in Wirklichkeit? Ein Streben des Menschen. Es wohnt diesem also ein
Streben inne, das weder schön und gut noch schlecht und häßlich ist,
ein Streben, das zwischen göttlich und sterblich in der Mitte steht.
Demgemäß ist unter Eros' Elternpaar die menschliche Natur zu verstehen,
aus der jenes Streben hervorgeht. Zwei Prinzipe enthält diese Natur: ein
göttliches, das ist Poros, der Sohn der Metis; ein irdisches, das ist
Penia, die Armut und der Mangel. Das Streben, welches aus der Verbindung
dieser Prinzipe entspringt, ist der Eros, dessen Begriff sonach
gewöhnlich zu eng gefaßt ist. Er ist eigentlich das jedem Menschen
infolge der Zusammensetzung seines Wesens beständig innewohnende Streben
nach dem Guten, genauer nach dem immerwährenden Besitz des Guten. Das
Objekt des Eros ist somit im Grunde die Athanasie, ohne welche ja ein
immerwährender Besitz nicht möglich ist.
Wenn dies die wahre Natur des Eros ist, so muß ein Ewigkeitsstreben
auch jener Gattung desselben zugrunde liegen, die -- ohne eigentlich
erkennbaren Grund -- gewöhnlich allein den Namen 'Eros' führt. Dies
ist auch tatsächlich der Fall. Der Zeugungstrieb, der jenen Eros
charakterisiert, ist in Wahrheit Unsterblichkeitstrieb: er geht nicht
eigentlich auf das Schöne, sondern auf Erzeugung im Schönen aus.
Erzeugung und Geburt aber sind das Göttliche und Ewige im menschlichen
Dasein, was auch dadurch bestätigt wird, daß das Schöne zur Zeugung
lockt, das Häßliche davon abstößt. Auch der Zeugungstrieb ist also
Ewigkeitstrieb (p. 206 b-207 a).
Wie Sokrates weiter ausführt, ist dieser Zeugungstrieb ein zwiefacher:
ein niederer, den auch die Tiere kennen, der Drang nach körperlicher
Fortpflanzung, und ein höherer, geistiger, zu dem nur der Mensch sich
erheben kann. Dies gibt einen deutlichen Wink, wie jener Mythus von
Poros und Penia und der Entstehung des Eros zu verstehen ist. _Seele_
und _Leib_ sind die beiden Prinzipe der menschlichen Natur, die Seele
das göttliche, der Leib das irdische. In dem Mythus steckt so die
orphische Lehre vom Sündenfall der Seele -- Poros betrinkt sich und ahnt
in seiner Trunkenheit nicht, _wen_ er zur Mutter seines Sohnes macht --,
desgleichen die orphisch-pythagoreische Anschauung von dem Gegensatz
zwischen der Natur des Leibes und der der Seele. Man wird an Philolaos'
Wortspiel '~sôma~-~sêma~',[5] an die Auffassung des Leibes als des Grabes
der Seele erinnert, wenn diese als das göttliche Prinzip im Menschen
geschildert ist, das befleckt wird durch die Vermengung mit dem
irdischen, dem Leib.
[5] Diels, frg. 14.
Der tiefste Sinn des Eros also ist: der Mensch will göttlich,
unsterblich, ewig werden, weil ein göttliches Element in seiner Natur
enthalten ist. An dieser Stelle wird es gut sein, sich zu erinnern, daß
~athanatos, athanasia~ nicht einfach 'unsterblich', 'Unsterblichkeit',
sondern mindestens ebensosehr 'göttlich', 'Göttlichkeit' bedeutet. Für
den Griechen ist eben Göttlichkeit von Unsterblichkeit nicht zu trennen:
denn Unsterblichkeit ist die vornehmste Eigenschaft der Götter. Darum
bedeutet ~athanatos~, ~athanasia~ unzählige Male schlechthin 'göttlich',
'Göttlichkeit'. Im Symposion selbst finden wir diese Bedeutung: Eros,
heißt es p. 202 d/e, ist ein Wesen ~metaxy thnêtou kai athanatou~; nach
den elementarsten Regeln der Logik ist es klar, daß ~athanatos~ hier nur
'göttlich' bedeuten kann. Gleich darauf lesen wir auch tatsächlich die
Worte ~pan to daimonion metaxy esti theou te kai thnêtou~.
Das Ewigkeitsstreben des Menschen äußert sich nun zunächst als Streben
nach körperlicher Fortpflanzung. Es wäre verfehlt, führt Sokrates
p. 207 d ff. aus, in der Fortpflanzung nicht eine gewisse Befriedigung
des Ewigkeitstriebes zu sehen. Wohl bleibt das Alte nicht ewig, sondern
wird durch ein Neues ersetzt. Aber dies gilt im Grunde von allem, was
dem Flusse des Werdens unterworfen ist; nicht nur der physische Mensch
erneut sich beständig, ohne doch darum ein anderer genannt zu werden,
auch alles Psychische und Geistige -- besonders deutlich ist dies am
Gedächtnis und der Erinnerung zu sehen -- ist in immerwährendem Vergehn
und Neuwerden begriffen. In dieser Weise hat eben das Vergängliche an
der Ewigkeit teil und insofern bedeutet die Fortpflanzung eine
Befriedigung des Ewigkeitstriebes.
Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß es heraklitischer Geist ist,
der aus diesen Gedanken spricht. Im Symposion beugt sich Platon demnach
vor der großartigen Weltanschauung des Ephesiers und erkennt ihre
Berechtigung an.
Die höhere Art des Zeugungstriebes äußert sich in der geistigen Zeugung,
deren eigentlich treibendes Motiv die ~philotimia~, der Ehrgeiz,
speziell das Streben nach unvergänglichem Nachruhm ist. Geistige Zeugung
ist das Schaffen der Dichter und überhaupt aller Künstler, vor allem
aber der Gesetzgeber (Lykurgos und Solon). Hier zeigt es sich nun
deutlich, wie notwendig es ist, bei '~athanasia~' nicht der Bedeutung
'Göttlichkeit' zu vergessen. Die geistige Zeugung als Zeugung höherer
Art sollte auch eine höhere Athanasie gewähren denn die bloß körperliche
Zeugung; der Nachruhm allein scheint aber nur eine schattenhafte,
sozusagen magere Unsterblichkeit zu verleihen: fortzuleben im Gedächtnis
der anderen Menschen statt in seiner Nachkommen Fleisch und Blut --
verdient solche Unsterblichkeit wirklich höheren Preis? Sollen sich die
Menschen mit solcher bloß 'platonischen' Unsterblichkeit zufrieden
geben? Ein homerischer Zeuge verneint uns diese Frage. Ich denke der
berühmten Worte des Achill ~l~ 488-491:
~Mê dê moi thanaton ge parauda, phaidim' Odysseu.
bouloimên k' eparouros eôn thêteuemen allô
andri par' aklêrô, hô mê biotos polys eiê,
ê pasin nekyessi kataphthimenoisin anassein.~
Hier kommt uns nun die andere Bedeutung von ~athanasia~ zu Hilfe. Wer
den wahren und echten Nachruhm erlangt, wird damit zum Heros: ~hôn kai
_hiera polla_~, heißt es Symp. p. 209 e, ~êdê gegone dia tous toioutous
paidas, dia de tous anthrôpinous oudenos pô~.[6]
[6] Gedenkt diese Stelle des Heroenkultes, so erinnert
eine frühere, die ~paidogonia~ betreffende, an den
Ahnenkult: ~hoi men oun enkymones kata sômata ontes pros
tas gynaikas mallon trepontai kai tautê erôtikoi eisi,
dia paidogonias athanasian kai mnêmên kai eudaimonian,
hôs oiontai, hautois eis ton epeita chronon panta
porizomenoi~ p. 208 e.
Die höchste Form der geistigen Zeugung ist aber die, welcher die
Erkenntnis der Idee des Schönen und Guten[7] zugrunde liegt, und diese
Art des Eros erzielt auch die reinste Athanasie: denn das wahre Wissen
hat die wahre Tugend zur Folge; wer nun die Idee des Schönen und Guten,
d. i. das wahrhaft Seiende, kennt, der erzeugt nicht mehr bloße
Abbilder der Tugend (~eidôla aretês~ p. 212 a), sondern die wahre und
wirkliche Tugend. Und wie das ~ontôs on~ _über_ der sichtbaren Welt
liegt, so ist auch die auf der Erkenntnis des wahrhaft Seienden
beruhende Tugend eine überirdische und setzt den Menschen den Göttern
gleich. Ganz offenbar ist dies der Sinn der Stelle 212 a ~.... tekonti
de aretên alêthê kai threpsamenô hyparchei theophilei genesthai, kai
eiper tô allô anthrôpôn athanatô kai ekeinô~. Von einer Erhöhung der
Philosophen unter die Götter weiß ja auch der dem Symposion nahestehende
Phaidon zu erzählen (p. 82 c).[8] Auch ist es klar, daß die auf Grund
der Ideenerkenntnis erworbene Athanasie höherer Art sein muß als das
Heroentum; mit dem Nachruhm aber ist es hier nicht getan: gerade die
wahre Tugend kann vergessen und verschollen bleiben, ja selbst verfolgt
und mißhandelt werden. Ihr Lohn darf nicht von der Mißgunst und dem
Unverstand der Mit- und Nachwelt abhängen; sagt doch Platon auch
ausdrücklich ~hyparchei _theophilei_ genesthai~. Wir haben hier also
zwischen den Zeilen zu lesen, daß der wahre Philosoph -- dabei ist
natürlich in erster Linie an Sokrates zu denken -- nach seinem Tode den
Göttern sich gesellt. Es ist dies die seiner allein würdige Athanasie.
[7] Platon erklärt im Symposion wiederholt ausdrücklich,
daß sich das Schöne vom Guten nicht trennen lasse:
p. 201 c, 204 e ff., indirekt auch p. 212 a.
[8] Ich erinnere auch an die stolzen Worte des Empedokles
(Diels frg. 112).
~..... egô d' hymin theos ambrotos, ouketi thnêtos
pôleumai meta pasi tetimenos ktl.~
Überhaupt haben ja die Alten in der Gottwerdung eines
Sterblichen zwar etwas Außergewöhnliches, aber durchaus
nichts Unmögliches gesehen.
Wie oben erörtert, liegt in der Unsterblichkeitsfrage das Problem des
Symposion beschlossen. Die Auffassung des 'Gorgias', der zufolge der
Mensch eine unsterbliche Seele hat, ist aufgegeben. Bloß ein Streben
nach der Ewigkeit wohnt ihm inne, ein Streben, das auf verschiedene
Weise Befriedigung finden kann. Zugleich ist die Erklärung für dieses
Streben gegeben: der Mensch ist eine Mischung aus einem göttlichen
Prinzip -- der Seele -- und einem irdischen -- dem Leib. Und zwar ist
diese Zusammensetzung so innig, daß der Tod keineswegs, wie dies Platons
Annahme im Gorgias und später wieder im Phaidon war, die Trennung von
Körper und Seele bedeutet. Vielmehr geht die Seele mit dem Körper im
Tode unter, oder genauer gesagt, da ja Seele wie Körper jeden Augenblick
vergehn, um neu zu werden, im Tode erlischt die Fähigkeit, sich aufs
neue zu schaffen, wenn der Mensch nicht für seine Unsterblichkeit, sei
es körperlich oder geistig, gesorgt hat. Das göttliche Prinzip veranlaßt
nun den Menschen, nach der Athanasie, nach Göttlichkeit und Ewigkeit
zu streben. Aber nicht dieses Streben allein wird durch die Mischung
jener beiden Prinzipe erklärt, sondern überhaupt jedes Streben.[9]
Dem Göttlichen wie dem Irdischen ist an sich das Streben fremd;
dem Göttlichen, weil es sich absoluter Vollkommenheit erfreut,
dem Irdischen, weil es die eigene Unvollkommenheit gar nicht fühlt
(p. 204 a ff.). Erst die Mischung ruft das Streben, das Begehren hervor:
das göttliche Prinzip weckt im Menschen das Streben nach immerwährender
Glückseligkeit. Hierdurch ist das Werden verursacht, dessen göttliche
Kraft eben darin besteht, daß es an die Stelle des Alten aus dem Alten
heraus stets ein Neues treten läßt. Ganz dasselbe findet bei der
körperlichen Fortpflanzung statt, so daß also auch der Liebe zu den
Nachkommen jenes Ewigkeitsstreben zugrunde liegt.
[9] Im Grunde ist für Platon jedes Streben wenigstens
subjektiv ein Streben nach dem immerwährenden Besitz des
Guten.
In dieser Theorie des Werdens kann man das erste Stadium der Lehre von
der Weltseele erblicken; tatsächlich läßt ja Platon den Eryximachos eine
kosmische Liebestheorie aufstellen.
Ein Werden hat zunächst auch die geistige Zeugung zur Folge: aber sie
ist der Weg, zur wahren Ewigkeit zu gelangen. Sie vermag aus dem Werden,
das nur ein scheinbares Sein ist -- es ist und es ist nicht --, ein
wirkliches Sein zu schaffen, insbesondere wenn sie aus der Erkenntnis
der Idee des Schönen und Guten hervorgeht.
Die Weltanschauung des Symposion ist sonach eine allumfassende; dem
Werden wie dem Sein wird in gleicher Weise Rechnung getragen. Das
erstere ist ganz in heraklitischem Geiste gewürdigt, zwar, wie nicht
anders möglich, zum Sein in Gegensatz gestellt, aber keineswegs in den
völlig unüberbrückbaren der Eleaten. Platon hat erkannt, daß Werden und
Vergehn zwar in der Wirklichkeit unzertrennlich sind, darum aber noch
nicht gleich bewertet werden müssen: das Vergehn ist irdisch, ungöttlich,
die Kraft des steten Neuwerdens aber ist göttlich. Das Ziel des Werdens
ist Vollkommenheit, aus dem Werden kann sich ein Sein gestalten. So
schließt das Symposion einen kosmischen Ring um Sinnliches und
Übersinnliches. Es ist ein Evangelium des Optimismus.
Das Symposion zeugt demnach von dem Versuch des Philosophen, die Lehren
Heraklits und der Pythagoreer von einem höheren Standpunkt zu vereinen.
Diese Tendenz, zwischen scheinbar konträren Weltanschauungen zu
vermitteln, erklärt die Modifikation, die Platon im Symposion am
Unsterblichkeitsglauben des 'Gorgias' vorgenommen hat. Noch einmal läßt
er seinen Blick voll Liebe auf _dieser_ Welt ruhen, bevor er sich
endgiltig dem weltverachtenden Mystizismus der Pythagoreer
überantwortet.
Aber nicht bloß Heraklit und die Pythagoreer finden im Symposion
gebührende Beachtung; auch für den Eleatismus in megarischem Gewand hat
Platons System einen Platz frei: das ~auto kalon kagathon~ wird zum
~ontôs on~ hypostasiert. Freilich sind die Konsequenzen gerade dieser
Lehre im Symposion nicht zu voller Klarheit gebracht; namentlich die
Stellung der Götter zum ~auto kalon kagathon~ bleibt unaufgeklärt. Es
kann allerdings nur eine Möglichkeit geben: das ~auto kalon kagathon~
muß als das allein wahrhaft Seiende auch für die Götter das Leben- und
Sein-spendende Element bedeuten, wie es ja späterhin von der Idee des
Guten tatsächlich ausgesagt wird. Damit stimmt auch überein, daß die
Erkenntnis der Idee des Guten und Schönen den Menschen den Göttern
gleichstellen soll. Aber dieses Abhängigkeitsverhältnis der Götter
zum ~auto kalon kagathon~ ist im Symposion noch keineswegs klar
ausgesprochen. Wenn nun Platon diese Entthronung der alten Götter in
aller Stille vornimmt, so ist dies zweifellos ein Zeichen dafür, daß die
Ideenlehre im Symposion noch jungen Datums ist. Noch lehrreicher in
dieser Hinsicht aber ist der Umstand, daß das Symposion nur die Idee des
~kalon kagathon~ kennt. Ich halte es durchaus nicht für richtig, Platon
hier im Symposion etwa von den übrigen Ideen absehen zu lassen. Mir
scheint vielmehr die Hypostasierung bloß des ~auto kalon kagathon~ als
~ontôs on~ die erste Form der Ideenlehre zu bedeuten. Hierbei lasse ich
mich von folgenden Erwägungen leiten.
Der sokratischen Tugendwissenslehre fehlte die Bezugnahme auf einen
letzten und höchsten Begriff. Ich erinnere an die Definition der
Tapferkeit in Platons Protagoras (p. 360 d) als des Wissens vom ~deinon~
und ~mê deinon~, eine Auffassung, gegen die Platon später im Laches
polemisiert. Jede Tugend war für Sokrates eine andre ~phronêsis~, wie
uns Aristoteles berichtet: ~Sôkratês .... phronêseis ôeto einai pasas
tas aretas .... S. men oun logous tas aretas ôeto einai, epistêmas gar
einai pasas~.[10] Besonders charakteristisch ist auch folgende Stelle
des platonischen Laches (p. 194 d): ~pollakis akêkoa sou~, sagt dort
Nikias zu Sokrates, ~legontos, hoti tauta agathos hekastos hêmôn haper
sophos, ha de amathês tauta de kakos~. _Die_ Tugend zu definieren, hatte
Sokrates nicht unternommen.
[10] Eth. N. VI, 13, 1144 b 17; zu vergleichen sind auch
die Stellen ibid. III, 11, 1116 b 4 und Eth. Eud. I, 5,
1216 b 6.
Offenbar unter dem Einfluß der Megariker, in deren Mitte er ja nach dem
Tode des Sokrates weilte, hatte Platon diese Lücke in der sokratischen
Philosophie empfunden. Die Megariker hatten das Gute in den Mittelpunkt
des Seins gestellt und kannten nur eine Tugend, wie uns Diogenes
Laertius VII, 161 berichtet, nämlich die Kenntnis des Guten: ~aretas t'
oute pollas eisêgen (Aristôn), hôs ho Zênôn, oute mian pollois onomasi
kaloumenên, hôs _hoi Megarikoi_~. Der Berechtigung dieser Auffassung
konnte sich Platon nicht verschließen,[11] zumal ja die sokratische
Basis damit nicht verlassen wurde. So einfach aber auch diese Definition
der Tugend als der Erkenntnis des Guten (und seines Gegenteils)
erscheint, so groß waren die Schwierigkeiten, nun die Definitionen der
Einzeltugenden mit jener Definition der Gesamttugend in Einklang zu
bringen. Jeder Tugend mußte die Erkenntnis des Guten zugrunde liegen;
worin aber hatte man die charakterisierenden Merkmale der Einzeltugenden
zu sehen? Mit diesen Schwierigkeiten hat Platon ernstlich gerungen, wie
die Dialoge Laches und Charmides zeigen. In diesen beiden Dialogen
bemüht sich Platon vergeblich, die richtige Definition der ~andreia~
(Laches), beziehungsweise der ~sôphrosynê~ (Charmides) zu finden. Er muß
sich begnügen, die diesbezüglichen sokratischen Definitionen als
ungenügend zu erweisen.
[11] Wie der kleinere Hippias beweist.
Erst im Gorgias ist das Problem mit Hilfe der pythagoreischen
Psychologie, mit der Anerkennung der Begierden als eines selbständigen
Faktors im Innenleben des Menschen gelöst. Die unterscheidenden Merkmale
der Einzeltugenden sind gefunden: ~aretê~ = ~sophia~ ist die Erkenntnis
des Guten, beziehungsweise der Diversität des Guten und Angenehmen;
~hosiotês~ ist die Erkenntnis des Guten, sofern es die Götter berührt;
~dikaiosynê~, die Erkenntnis des Guten, welches die Menschen betrifft;
das Feld der ~andreia~ ist das Gute, wo es im Gegensatz zum Angenehmen
steht; ~sôphrôn~ aber ist der ~sophos~, weil er die Gefahr kennt, die
von den Begierden droht, und diese darum im Zaume hält (Gorg.
p. 507 ff.).
Gleichzeitig enthält der Gorgias wichtige Begriffsbestimmungen des Guten.
Nach Gorg. 503 e ff. beruht auf den (pythagoreischen)[12] Begriffen
~kosmos~ und ~taxis~ die Güte einer Sache, sie machen das ~eidos~ zum
~eidos~ (~eidos~ hier noch nicht im Sinne von ~idea~ = ~ontôs on~
gebraucht). Das Gute also macht wahrhaft seiend, verleiht erhöhte Essenz
und damit in den Augen eines Denkers jener Zeit notwendig auch erhöhte
Existenz, muß daher selbst in erster Linie als wahrhaft seiend
bezeichnet werden. Damit harmonierte nun vollkommen die Lehre der
Megariker, daß in Wahrheit nichts existiere als das Gute, daß das Gute
und das Sein identisch wären. So kommt es zunächst zur Hypostasierung
nur der Idee des ~kalon kagathon~; damit findet jene Gedankenrichtung,
welche vom kl. Hippias über Laches und Charmides zum Gorgias geführt
hatte, ihren vorläufigen Abschluß. Den endgiltigen bedeutet erst der
teleologische Idealismus: erkenntnis-theoretische Rücksichten bestimmten
Platon neben der Idee des Guten noch andere Ideen anzuerkennen; aber
nach wie vor bleibt ihm die Idee des Guten der Angelpunkt des Seins,
alle übrigen Ideen, sogar die des Seins, verdanken dieser Idee ihr
Dasein (Rep. VI, p. 508 e).
[12] Aristoxenos bei Stobaios, fl. t. 43, 49 (Diels,
Frgm. p. 294).
Der Anschauung der Eleaten, nur dem Gegenstande des Wissens -- also
den Begriffen -- komme wahres Sein zu im Gegensatz zu den Gegenständen
der Sinne, und dem sprachlichen Moment (z. B. Gorg. p. 520 d ~adikia
adikousin hoi anthrôpoi~ -- der Begriff erscheint als wirkende Ursache
--) kann ich demnach für die _Konzeption_ der Ideenlehre nur sekundäre
Bedeutung zuerkennen.
Die Psychologie des Symposion ist noch ziemlich primitiv: es bleibt in
der Hauptsache bei der Gegenüberstellung von Leib und Seele. Aus diesem
Gegensatz hat sich schließlich die Lehre von den drei Seelenteilen
herauskristallisiert. Im Symposion sind, wie früher im Gorgias
(p. 465 c) und später im Phaidon, die Lüste und Begierden, das spätere
~epithymêtikon~, noch durch den Leib bedingt. Desgleichen fehlt eine
klare Unterscheidung zwischen ~logistikon~ und ~thymoeides~ (ich
antizipiere die späteren termini). Bloß Ansätze dazu lassen sich
erkennen, wie unten ausgeführt werden soll.
Von großer Bedeutung ist ferner die Stellung des Symposion zum Begriff
des ~ortha doxazein~. Gewöhnlich betrachtet man den 'Menon' als
denjenigen Dialog Platons, in dem dieser Begriff zuerst aufgestellt
wird. Auch Th. Gomperz[13] ist dieser Ansicht; er sieht in der Art und
Weise, wie 'die im Menon erarbeitete Einsicht in die Stellung der
richtigen Meinung als eines Mittleren zwischen Wissen und Unwissenheit
im Symposion wie etwas Selbstverständliches aufgegriffen und verwertet
wird', ein Zeichen für die Priorität des Menon vor dem Symposion.
Aber dieser Ansicht kann ich mich nicht anschließen. Man darf nicht
übersehen, daß es im Symposion Sokrates ist, der belehrt wird, während
im Menon ein unerfahrener Jüngling -- der Unterricht des Gorgias, den
Menon genossen hat, wiegt in Platons Augen nicht schwer -- von Sokrates
belehrt wird. Und Sokrates ist doch an jener Stelle des Symposion
(p. 201 e ff.) verblüfft genug: ~Ouk euphêmêseis~, muß ihm Diotima
zurufen, als er sich anschickt, despektierliche Folgerungen aus dem
Mangel der Schönheit und Güte bei Eros zu ziehen. Noch schwerer aber
wiegt, daß im Menon auf die ~doxa orthê~ die hoch bedeutsame Lehre von
der Anamnesis gegründet wird, während im Symposion dieselbe nur als
Beispiel für die Erläuterung des Begriffs des Mittleren erwähnt wird.
Dies würde die Ausführlichkeit des Menon in diesem Punkt zur Genüge
erklären. Vor allem aber sehe ich in der Auffassung der ~doxa orthê~
durch den Menon einen Fortschritt gegenüber dem Symposion: im Menon
erscheint sie als ein Fragment der ~phronêsis~ aus dem Vorleben der
Seele (p. 85 c ff.) und demgemäß wird sie im Phaidros ausdrücklich dem
_guten_ (weißen) Roß, dem ~thymoeides~, zugeschrieben;[14] im Symposion
aber erscheint das ~ortha doxazein~ als eine Mischung von 'Gut' und
'Schlecht', aus ~amathia~ und ~sophia~: von der ~amathia~ hat es das ~mê
echein logon dounai~, von der ~epistêmê~ das ~tou ontos tynchanein~
(p. 202 a).
[13] a. a. O. II, 317.
[14] ~Alêthinês doxês hetairos~ heißt es p. 253 d vom
weißen Roß.
Gegenüber dem Gorgias aber zeigt das Symposion mit seiner (übrigens
schon im Lysis erfolgten) ausdrücklichen Anerkennung des Mittleren einen
entschiedenen Fortschritt. Die spätere Rehabilitierung der im Gorgias
in Bausch und Bogen (Aristeides allein ausgenommen) verurteilten
Staatsmänner wird damit vorbereitet; sie ist bekanntlich im Menon
vollzogen. Die Rehabilitierung der im Gorgias gleichfalls verworfenen
Dichter hat bereits das Symposion besorgt, nachdem der 'Jon' das
Verdammungsurteil des Gorgias gemildert hatte. Dichter_feindlich_ ist
auch der Jon noch; prinzipiell steht er mit dem Gorgias auf gleichem
Standpunkt: er erkennt den Dichtern den Besitz der ~technê~, des
bewußten, vernunftgemäßen Schaffens, ab. Aber er räumt ihnen ein, daß
sie ~theia moira~ wirken. Diese Betonung einer ~theia mania~ der Dichter
scheint mir mehr zu bedeuten als die bloße Illustration der in der
Apologie (p. 22 b/c) hingeworfenen Bemerkung, die Dichter wirkten nur
~physei tini kai enthousiazontes~.[15] Sie scheint mir vielmehr der
Unterscheidung verschiedener ~maniai~ im Phaidros näher zu stehen als
der Auffassung der Apologie. Darum betrachte ich den Jon als eine
Einschränkung des Gorgias, so daß sich mir die Reihenfolge Gorgias, Jon,
Lysis, Symposion ergibt.
[15] So erklärt H. Raeder, Platons philosoph. Entwicklung
p. 92, den Jon.
Ein weiterer Fortschritt des Symposion gegenüber dem Gorgias zeigt sich
in folgendem: Platon unterscheidet neben jener Art der geistigen
Zeugung, welche sich in den Werken der Künstler und Staatsmänner äußert,
noch ein Schaffen auf Grund der Erkenntnis der Idee des Guten und
Schönen. Hier bereitet sich offenbar die Trennung des guten Seelenteiles
in ~logistikon~ und ~thymoeides~ vor. Das letzte Wort über all diese
Dinge aber spricht erst der Phaidros: der Grad der Ideenschau im
Vorleben bewirkt die verschiedenen Talente (Philosophie, Dichtkunst,
Politik etc.).
Werfen wir nun einen kurzen Rückblick auf den Inhalt des Symposion.
Sein tiefinnerstes Wesen ist die Versöhnung heraklitischer und
pythagoreischer Gedanken, worauf auch sein Ton des sieghaften Optimismus
zurückzuführen ist. Im Zusammenhang damit steht auch die noch ziemlich
primitive Psychologie sowie das völlige Fehlen jener so überaus
wichtigen Lehre von der Wiedererinnerung. Ein weiteres bedeutsames
Charakteristikon des Symposion ist, daß _es_ die Ideenlehre in ihrer
ursprünglichen Form enthält: einzig das ~auto kalon kagathon~ ist als
~ontôs on~ hypostasiert, womit Platon mehr dem Vorbild der Megariker
denn der Eleaten folgte. Die Auffassung der Tugend als der Kenntnis des
Guten war im Grunde schon die Ethik des 'Gorgias'. In dem Augenblick
aber, da Platon im ~auto kalon kagathon~ das ~ontôs on~ zu erblicken
glaubte, wurde seine Tugendlehre zugleich Ontologie.
Ich sehe also im Symposion das erste größere Werk nach dem Gorgias,
setze seine Abfassung daher einige Jahre nach diesem Dialoge an. Da ich
nun mit Gomperz den Gorgias in die Zeit der Akademiegründung verlege,
so müßte das Symposion etwa 385/4 v. Chr. verfaßt sein. In diese Zeit
führt auch die bekannte Anspielung des Aristophanes auf den ~dioikismos~
der Arkader (Symp. p. 193 a). In dieselbe Zeit fällt aber auch der Tod
des Aristophanes. Es kann kaum ein Zweifel sein, daß Platon dem eben
dahingegangenen großen Komödiendichter im Symposion eine Gedenktafel
geweiht hat; tatsächlich ist ja die Gestalt des Aristophanes mit
besonderer Liebe und Sympathie gezeichnet.
An dieser Stelle möchte ich noch einige Worte über die Auslegung jener
merkwürdigen Stelle am Schlusse des Symposion (p. 223 d) sprechen,
wo Sokrates dem Tragödiendichter Agathon und dem Komödiendichter
Aristophanes auseinandersetzt, der echte Dichter müsse in gleicher Weise
Tragödien und Komödien schreiben können. Diese Worte hat man auf Platon
selbst bezogen: der Phaidon sei die Tragödie, das Symposion die Komödie
(Teichmüller, Lutoslawski, W. Christ, Natorp). Es wäre um unsere
Kenntnis der platonischen Philosophie wahrlich übel bestellt, wenn die
chronologische Forschung solchen -- mehr oder minder geistreichen --
Einfällen entscheidendes Gewicht beimessen wollte. Mit Recht hat man
dawider eingewendet, daß der Phaidon gar nicht als Tragödie bezeichnet
werden könne.[16] Vor allem aber ist eine solche Äußerung Platons: »ich
kann auch Komödien schreiben, nicht bloß Tragödien« (wenn anders sie
überhaupt so gemeint ist), nur als Erwiderung auf einen Angriff denkbar;
man muß ihn als 'Tragiker' _verspottet_ haben, wenn er sich wirklich im
Symposion so äußert. Dazu bot aber der weihevolle Ernst des Phaidon
keinen Anlaß, ganz abgesehen davon, daß dieser Dialog aus zwingenden
Gründen dem Symposion nachgesetzt werden muß. Mit der Datierung
Gorgias-Symposion läßt sich indes jene Auffassung der Stelle p. 223 d
sehr wohl vereinen. Der Verfasser des schwarzgalligen Gorgias kann
leicht als ~tragikôtatos~ verspottet worden sein; und darauf bezöge sich
dann jene Stelle des Symposion. Große Bedeutung kommt aber meines
Erachtens solchen Beobachtungen, die ja nie zuverlässig sind, überhaupt
nicht zu. Der Versuch, aus ihnen die chronologische Reihenfolge der
platonischen Dialoge zu erschließen, käme einem Opfer des Intellektes
gleich.
[16] R. Hirzel, der Dialog I, 225.
Wenn ich das Symposion in die unmittelbare Nachbarschaft des Gorgias
stelle, so dürfte es wohl am Platze sein, einigen Mutmaßungen Raum zu
geben darüber, wie Platon dazugekommen sein könnte, dem Gorgias das
Symposion folgen zu lassen, vor allem, was ihn wohl veranlaßt hat, seine
Aufmerksamkeit der Erotik zuzuwenden, ja die Eroslehre geradezu zum
Angelpunkt seines ganzen Systemes zu machen.
III.
Wie bei einem Werke von solcher Leidenschaftlichkeit und solcher Schärfe
der Polemik nicht anders denkbar ist, hat Platons Gorgias jedenfalls auf
vielen Seiten lebhaften Widerspruch erregt. Sein schonungsloser Kampf
gegen den Hedonismus mußte unter Philosophen und Laien Widersacher
finden. Aber auch daß Platon im Gorgias seinen Meister Sokrates der
~hêdonê~ gegenüber eine Stellung einnehmen ließ, die der historischen
Wahrheit nicht entsprach, konnte nicht unwidersprochen bleiben. In der
kurzen Zeit, die seit Sokrates' Tode verstrichen war, hatte man noch
nicht vergessen, daß Sokrates durchaus kein Asket gewesen, daß er die
Freuden des Lebens ohne Not niemals verschmäht hatte, daß er an den
Blumen des Daseins nicht achtlos vorübergegangen war. Kronzeuge hierfür
war die sokratische Erotik. Wie immer, so hatte auch hier die Fama
maßlos übertrieben und namentlich Sokrates' Verhältnis zu Alkibiades
pikant ausgeschmückt. Sicherlich hat man es nicht unterlassen, in der
Polemik gegen den platonischen Gorgias darauf hinzuweisen. So wurde
Platon nahegelegt, des historischen Sokrates Verhältnis zum Hedonismus
im allgemeinen und zur Erotik im besonderen einmal wahrheitstreu
darzulegen und jenen Übertreibungen energisch entgegenzutreten.
Der Gorgias aber war wohl nicht nur ob des Mangels historischer Treue in
der Schilderung des Sokrates angegriffen worden: man hat gewiß auch die
Erotik überhaupt, die Tatsache des Liebeslebens gegen diesen Dialog
ausgespielt. Die Erotik, die ja der Gorgias ganz unberücksichtigt
gelassen hatte, schien für die hedonistische Weltanschauung ein
gewichtiges Wort in die Wagschale zu legen; und man wird kaum mit der
Annahme fehlgehen, daß gerade aus der Mitte der Sokratiker,[17] bei
denen doch die Erotik eine so bedeutende Rolle spielte, auf dieselbe
hingewiesen wurde. Die kyrenaische Schule huldigte ja dem Hedonismus.
[17] Freilich nicht von Seite des Antisthenes.
Dies war nun bereits eine philosophische Frage. Platon mußte sich
dadurch veranlaßt fühlen, nach Zweck, Sinn und Ziel des Eros überhaupt
zu fragen. Der Gorgias hatte sich über die Liebe gar nicht geäußert, sie
offenbar als eine ~epithymia~ unter vielen betrachtet und sich nicht
einmal darüber ausgesprochen, ob sie als eine nützliche oder schädliche
anzusehen sei. Sehen wir nun, wie sich Platon zu dieser Frage stellen
mußte.
Die selbständige Untersuchung eines Problems beginnt man gewöhnlich mit
der Kritik der bereits bestehenden Theorien. So verfuhr auch Platon
mit den geltenden Liebestheorien im 'Lysis'; der Verschiedenheit der
Ausdrücke ~philia~ (Lysis) und ~erôs~ (Symposion und Phaidros) kommt
natürlich keine Bedeutung zu, da eben in der ~philia~ der Hellenen das
erotische Moment enthalten war, wie gerade der 'Lysis' zeigt.
Das Ergebnis der platonischen Kritik im Lysis ist scheinbar ein rein
negatives. Weder die alte Deutung der Liebe und Freundschaft als des
Strebens nach dem Gleichen -- eine Deutung, die auch Empedokles
übernommen hatte (Lys. p. 214 b), -- noch die heraklitische als der
Anziehung des Ungleichen (p. 215 c ff.) trifft, so führt der Lysis aus,
das Richtige. Freundschaft zwischen Gleichen sei unfruchtbar und
nutzlos, eben infolge der Gleichheit: der eine hat dem anderen nichts zu
geben. Zwischen Ungleichen aber ist Freundschaft erst recht unmöglich,
z. B. zwischen ~adikos~ und ~dikaios~. So bleibt nur der Mittelweg:
das ~mête agathon mête kakon~ ist dem ~agathon philon~ des ~kakon~
wegen, das ihm innewohnt (p. 217 b ff.). Aber dadurch werden neue
Schwierigkeiten geweckt: das Gute soll nur durch das Schlechte ~philon~
sein, müßte also aufhören, ~philon~ zu sein, wenn das Schlechte
verschwände. Der Mensch, der ein Mittelding zwischen 'Gut' und 'Schlecht'
ist (p. 220 d), würde nicht mehr nach dem Guten streben, wenn das
Schlechte wegfiele. Dies kann nicht richtig sein. So wird das Problem
von einer neuen Seite in Angriff genommen: jedes ~philein~ ist auch ein
~epithymein kai eran~, dieses wiederum geht aus einem Mangel hervor
(p. 221 a ff.). Damit ist die obige Schwierigkeit umgangen, das ~philon~
nicht durch das ~kakon~ bedingt, nur durch den Mangel des ~agathon~.
Dieses aber ist das Objekt der ~philia~.
Die Untersuchung wird fortgesetzt und endet scheinbar ergebnislos. Da
der Mangel aus einer Beraubung hervorgeht (p. 221 e), scheinen ~erôs~
und ~philia~ das ~oikeion~ zum Objekt zu haben. Aber bedeutet dies
nicht die Widerlegung des bisher Gewonnenen? Mit dem ~homoion~ darf das
~oikeion~ nicht identisch sein aus dem bereits angeführten Grunde. Soll
nun unter dem ~oikeion~ das ~agathon~, unter dem ~allotrion~ das ~kakon~
verstanden werden? Kann denn aber z. B. dem ~kakos~ das ~agathon
oikeion~ sein? Ist nicht vielmehr das ~kakon~ dem ~kakos~, das ~agathon~
dem ~agathos oikeion~? Aber der Gleiche kann dem Gleichen nicht ~philos~
sein! Sokrates schließt die Unterredung mit der Aufforderung, all das
Gesagte noch einmal zu überdenken (~ta eirêmena hapanta anapempasasthai~
p. 222 e).
Diese Wendung allein bewiese, daß der Lysis nicht resultatlos schließt.
Platon hat es aber an einem deutlichen Wink nicht fehlen lassen, was er
als Endergebnis des Dialogs betrachtet wissen wollte: das ~oikeion~ wird,
wenn auch ohne Angabe von Gründen, ausdrücklich als nicht identisch mit
dem ~homoion~ bezeichnet (p. 222 c). Um ein positives Resultat zu
erlangen, ist nur nötig, jene beiden Angaben zusammenzustellen, nach
welchen einerseits das Gute, andrerseits das Eigene das Objekt der
~philia~ sein soll. Das heißt natürlich, ~agathon~ und ~oikeion~ (nicht
~homoion~!) sind identisch: der Mensch, der weder gut noch schlecht ist,
strebt nach dem Guten als dem Eigenen. Damit sind alle Bedenken
hinfällig geworden.
Nur eine Frage bleibt noch offen: wieso kann dem Menschen das Gute
~oikeion~ sein, wenn er weder gut noch schlecht ist? Die Antwort darauf
gibt erst das Symposion.
Aber schon aus den Erörterungen des Lysis sehen wir, daß Platon die Frage
nach dem Wesen des Eros alsbald mit der Frage nach der Beschaffenheit
der menschlichen Natur verquickt hat, daß er erkannt hat, die erste
Frage ließe sich erst nach Beantwortung der zweiten einer völlig
befriedigenden Lösung zuführen.
Wie aber kam Platon dazu, im ~agathon~ das Objekt des ~erôs~ zu sehen?
Jedenfalls war ihm, der die Reinheit der sokratischen Erotik kannte,
klar, daß der Begriff des Eros ein umfassenderer sein mußte als der der
sinnlichen Liebe. Ein Gemeinsames mußte indessen den höchsten Eros mit
dem niedersten verbinden. Das aber konnte nur das Streben nach dem
Schönen sein, ob man nun darunter wohlgeformte Körper oder so erhabene
Dinge wie Weisheit und Tugend verstand. Denn auch das zählte für den
Griechen, der das ~agathon~ vom ~kalon~ nicht trennte, zum Schönen.
Diese gemeingriechische Auffassung wurde Platon auch durch die
Pythagoreer bestätigt: auf ~kosmos~ und ~taxis~ beruht nach der
pythagoreischen Quelle des Gorgias die Trefflichkeit eines Dinges, nicht
minder aber die Schönheit; denn Ebenmaß und Gesetzmäßigkeit erwecken ein
ästhetisches Lustgefühl. So ist für Platon das ~kalon kagathon~ das
eigentliche Objekt des Eros; und da er -- schon im Gorgias -- den
Menschen aus einem guten und einem nicht guten Element bestehen ließ,
erklärte sich ihm der Eros aus der menschlichen Natur: auf das Gute (und
Schöne) richtet sich das Streben des Menschen, weil es zwar seiner Natur
innewohnt, aber nicht rein und ungetrübt.
So weit war sich Platon bereits im Lysis über das Erosproblem klar
geworden; es war ihm aber in diesem Dialog nicht darum zu tun, die
Lösung der Frage zu geben, sondern die bestehenden Theorien zu
kritisieren und den Boden für seine Auffassung zu bereiten. Denn bei der
Erklärung des Eros als des Strebens nach dem Guten und Schönen blieb
Platon nicht stehen. Das gute Element im Menschen hielt er, wie das
Symposion uns lehrt, für göttlichen Ursprungs. So ist das Streben nach
dem Guten und Schönen, der Eros, im Grunde ein Streben nach Göttlichkeit;
tatsächlich strebt ja auch der Mensch nach dem _immerwährenden_ Besitz
des Guten; ohne Unsterblichkeit, das Vorrecht der Götter, ist ein
solcher aber nicht möglich: so mußte Platon als Ziel des Eros im
tiefsten Grunde Unsterblichkeit und Göttlichkeit erscheinen. Dadurch
war ihm die Möglichkeit gegeben, die Unsterblichkeitstheorie des
'Gorgias' zu modifizieren und der heraklitischen Weltanschauung
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Aus diesen Anschauungen über das Wesen des Eros ergab sich nun weiters,
daß, da jeder Mensch nach dem Guten strebt, alle Menschen ohne Ausnahme
Erotiker genannt werden müßten; zugleich sah sich Platon vor die
Aufgabe gestellt, den Eros im engeren Sinn auf den Ewigkeitstrieb
zurückzuführen. Er erledigte sich derselben, indem er jenen Eros als
Zeugungstrieb erklärte; denn die Zeugung ist göttlich, ihre Produkte
überdauern den Urheber: die leiblichen Kinder ihre Eltern, die geistigen
Schöpfungen ihren Schöpfer. So zielt also auch jener spezielle Eros
auf Unsterblichkeit und Göttlichkeit, ja durch ihn betätigt sich
hauptsächlich jener allgemeine Eros, der allen Menschen infolge der
Zusammensetzung ihrer Natur innewohnt.
Diese Lehren hat Platon im Symposion verkündet. Er hat in diesem Werk
aber zugleich die Gelegenheit wahrgenommen, die Stellung des historischen
Sokrates zur Erotik wie zur Lust überhaupt wahrheitsgemäß zu schildern.
Diesem Zwecke dient vornehmlich die Rede des Alkibiades, welche alle
jene Märchen zerstreut, die von einer sinnlichen Liebe des Sokrates zu
jener glänzendsten Erscheinung Allgriechenlands zu erzählen wußten.
Zugleich gibt Platon durch seine ganze Schilderung des Sokrates zu, daß
dieser die Annehmlichkeiten des Lebens durchaus nicht verschmäht hat. Er
will offenbar der verkehrten Auslegung seines Gorgias entgegentreten,
als habe er der Vernichtung der Begierden, der Ächtung des ~hêdy~ das
Wort geredet. Im Gorgias hatte er alle die verurteilt, die das ~hêdy~
höher stellten als das ~agathon~; damit war aber keineswegs verlangt,
daß dem ~hêdy~ auch derjenige ausweiche, der gewohnt ist, dem ~agathon~
zu folgen. Dieses Moment hebt das Symposion ausdrücklich hervor: es
enthält geradezu den Beweis, daß das ~hêdy~ wahrhaft zu genießen nur
vermöge, wer das ~agathon~ höher stellt. Nie hätte Sokrates jene
geradezu phänomenale ~enkrateia tôn hêdonôn~ erreicht, wäre sein
Leitstern nicht das ~agathon~ gewesen. Und erst als ~enkratês tôn
hêdonôn~ konnte er das ~hêdy~ voll und ganz genießen.
Von diesem Gesichtspunkt aus ist die Rede des Alkibiades zu verstehen;
sie hat den doppelten Zweck, einerseits die Stellung des historischen
Sokrates zur ~hêdonê~ klar zu legen, anderseits zu zeigen, wie weit die
~hêdonê~ überhaupt berechtigt ist.
IV.
Hiermit wäre eigentlich unsere Untersuchung zu Ende. Ich will es mir
aber nicht versagen, noch das Verhältnis des Symposion zum Phaidros zu
besprechen, zu jenem Dialog, der gleichfalls das Thema der Erotik
behandelt. Ob dem Symposion oder dem Phaidros die Priorität zuzusprechen
ist, darüber gehen die Ansichten noch immer auseinander. Die sprachlichen
Indizien sprechen entschieden für die spätere Abfassung des Phaidros;
aus inhaltlichen Gründen weist neuerdings auch Raeder den Phaidros einer
recht späten Epoche der schriftstellerischen Tätigkeit Platons zu: nicht
nur Symposion und Phaidon, auch den Staat läßt er ihm vorausgehen.[18]
Ivo Bruns[19] dagegen glaubt, gleichfalls aus inhaltlichen Gründen, die
Priorität des Phaidros erweisen zu können. Bevor ich auf die Frage
eingehe, sei mir eine Bemerkung allgemeiner Natur gestattet. Größere
Genialität und Tiefe lassen sich nicht als chronologische Indizien
verwerten bei Werken, die der Vollkraft ihres Schöpfers entstammen. Und
gerade dies ist der Fall der platonischen Dichtungen Symposion und
Phaidros. Wer im Symposion den höchsten Ausdruck platonischen Genies und
Tiefsinnes findet, wird schwerlich zu widerlegen sein. Die Gedanken über
das innerste Wesen der Liebe, welche das Symposion in unvergleichlicher
Form bietet, sind auch heute noch nicht veraltet. An einen Denker der
jüngsten Vergangenheit, an Friedrich Nietzsche gemahnt es, wenn Platon
alles Schaffen für göttlich erklärt. Es wäre indes verfehlt, aus diesen
Qualitäten des Symposion die Priorität des Phaidros erweisen zu wollen.
Denn die Schrift, welcher der _relativ_ geringere Wert zukommt, kann
sehr wohl die später entstandene sein. Ihr Schöpfer hatte eben den
Gipfelpunkt seines Könnens bereits überschritten. Ein solches Verhältnis
scheint mir zwischen Symposion und Phaidros zu bestehen. Platons Können
hat meines Erachtens den Höhepunkt in _dem_ Augenblick überschritten, da
seine Mystik anhebt. Mystische Anklänge sind nun im Phaidros bereits in
großer Zahl vorhanden, während sie im Symposion noch völlig fehlen. Man
kann wohl sagen, mit der Lehre von der Wiedererinnerung beginnt die
Mystik Platons. Hier hebt der Nebel an und das Dämmerdunkel; Platon
sucht in Tiefen hineinzuleuchten, die keines menschlichen Geistes Flamme
zu erhellen vermag. Das einzig Gegebene, das irdische Leben, als Wirkung
einer Präexistenz aufgefaßt -- da entzieht sich das Denken selber den
Boden unter den Füßen. Auf dem Symposion hingegen liegt noch volle
Sonne: sokratische, vielleicht überhaupt ionisch-attische Sonne und
Klarheit.
[18] a. a. O. p. 245 ff.
[19] 'Attische Liebestheorien', Neue Jahrb. f. d. klass.
Altert. III (1900) p. 17 ff.
Wenden wir uns von diesen allgemeinen Erwägungen dem Vergleich der
Lehren des Symposion und des Phaidros zu.
Im Phaidros ist die Idee des Schönen eine Idee unter Ideen, nicht _die_
Idee, die Ideenlehre ist durch die Lehre von der Anamnesis gegen
erkenntnistheoretische Bedenken gestützt, die aus drei Teilen
zusammengesetzte[20] Seele gilt als unsterblich: dies sind meines
Erachtens entscheidende Indizien für die Priorität des Symposion vor
dem Phaidros. Aber auch die Eroslehre selbst ist im Phaidros bedeutend
reifer und entwickelter. Die so überaus einfache Auffassung des
Symposion -- Eros das Streben des Menschen, das Göttliche seiner Natur
zur Geltung zu bringen -- ist erweitert in wichtigen Punkten. In einer
Präexistenz, führt Platon im Phaidros c. 22 f. (244 a ff.) aus, hat die
Seele im Gefolge desjenigen Gottes, dessen Wesen dem ihrigen gleicht,
wenn auch nur auf kurze Augenblicke und mit vieler Mühe, die Ideen
leibhaft zu schauen vermocht. Ins irdische Dasein geraten, erwacht in
ihr beim Anblick des Schönen, weil die Idee der Schönheit sozusagen die
sinnenfälligste ist, die Erinnerung an jene wahre Welt und damit der
Eros. Wie ganz anders hört sich diese Erklärung[21] des Erwachens der
Liebe an als jene Symposionstelle p. 205 b ff., wo Platon zur Erklärung
des befremdlichen Umstandes, daß nur die sinnliche Liebe Eros genannt
wird, nicht, wie es sein sollte, der allen Menschen innewohnende Drang
nach dem Guten, bloß den Analogiefall der ~poiêsis~ anführt! Es ist doch
ganz undenkbar, daß die Auffassung des Symposion die spätere ist.
[20] Das Gleichnis vom Wagenlenker und den beiden Rossen
würde meiner Überzeugung nach genügen, die Priorität
des Symposion zu erweisen; entsprechend der bereits
ausgebildeten Lehre von den drei Seelenteilen ist auch
jene Unterscheidung zwischen den zwei Arten des geistigen
Zeugungstriebes, die das Symposion bloß andeutet, im
Phaidros viel schärfer: vgl. c. 37 (p. 256 a ff.).
[21] Daß diese Erklärung schon im Symposion im Mythos
von Poros und Penia enthalten sei -- Eros wird am
Geburtstagsfest der Aphrodite gezeugt -- (Zeller, II^4
612 Anm.), vermag ich nicht zuzugeben: Aphrodite ist ja
in erster Linie Göttin der Liebe.
Einmal erwacht, richtet sich nun der Eros zunächst darauf, die Seele
ihrem göttlichen Führer wieder ähnlich zu machen. Der Liebende, im
dunklen Drange nach der Rückkehr in die Gefolgschaft seines Gottes,
erkennt im Gegenstand seiner Liebe eine ihm wesensverwandte Seele und
schöpft aus dieser Erkenntnis die Kraft, sich der Rückkehr in die
Göttergefolgschaft würdig zu machen. Durch diese Auffassung eint der
Phaidros zwei scheinbar widerstreitende Ansichten des Lysis und des
Symposion. Lys. p. 221 e ff. sagt Sokrates, da das Objekt des Eros wie
jeglicher ~epithymia~ das ~oikeion~ sei, müßten zwei Freunde ~physei
oikeioi~ sein; Übereinstimmung der Natur sei die Vorbedingung für alle
Liebe. Im Symposion hingegen wird Aristophanes, der diese Auffassung
verficht, von Sokrates mit dem Bemerken widerlegt, daß das ~oikeion~
nur, sofern es gut sei, Objekt des Eros sei. Der Phaidros weiß beide
Ansichten zu vereinen: er bestätigt, daß die Übereinstimmung der Naturen
die Grundlage des Liebesbundes sei, daß die Freunde tatsächlich ~physei
oikeioi~ seien. Weil aber die Menschen den verschiedenen Göttern
nachgebildet sind, so ist das ~oikeion~ zugleich ein ~agathon~.
Mit Unrecht sieht daher Bruns[22] in der Aristophanesrede des Symposion
die Erotik des Phaidros; ebenso unzutreffend ist, was er in der
Anmerkung auf Seite 24 sagt, daß der geistige Verkehr im Phaidros in der
Hauptsache auf den Knaben gerichtet sei, der im Symposion nur noch die
Rolle des Anregers spiele. Dieses Argument ließe sich zunächst einfach
umkehren. Vor allem aber besagt jene Phaidrosstelle 253 a, die Bruns
selbst zitiert, gerade das Gegenteil: ~ichneuontes de par' heautôn
aneuriskein tên tou spheterou theou physin euporousi dia to syntonôs
ênankasthai pros ton theon blepein, kai ephaptomenoi autou tê mnêmê
enthousiôntes ex ekeinou lambanousi ta ethê kai ta epitêdeumata, kath'
hoson dynaton theou anthrôpô metaschein; kai toutôn dê ton erômenon
aitiômenoi eti te mallon agapôsi ktl.~ Auch hiernach ist der Geliebte
doch im Grunde nur das Medium, wenn er dabei auch mehr gewinnt als der
~erômenos~ im Symposion. Der Phaidros stellt eben die Frage nach dem
Nutzen, den die Liebe dem Geliebten bringt, und bedeutet so die
Ergänzung des Symposion. Die Vermutung liegt nahe, daß man gegen die
Erotik des Symposion eingewendet hat, sie berücksichtige nur den
Liebenden und vernachlässige die Interessen des Geliebten; sie sei
geradezu eine Warnung, sich lieben zu lassen. Wir verstehen dann, warum
in der Eroslehre des Phaidros der Geliebte so in den Vordergrund gerückt
ist, daß ein Forscher vom Range Bruns' übersehen konnte, daß auch in
diesem Dialog der Geliebte im Grunde nur das Medium für den Liebenden
ist. Platon sucht eben jenem Vorwurf zu begegnen. Vielleicht dient auch
die Wiedergabe der Lysiasrede dem gleichen Zweck: sie zeigt den wahren
Egoismus im Gegensatz zur platonischen Auffassung.
[22] a. a. O. p. 24/5.
Aber noch in einem anderen Punkt knüpft der Phaidros an das Symposion
an, bezw. bildet er dessen Lehren aus. Wie oben erwähnt, muß bereits
nach dem Symposion das ~auto kalon kagathon~ als das alleinige ~ontôs
on~ den Urquell und die Bedingung alles Seienden bedeuten. Aber dies
ist keineswegs klar ausgesprochen, ja daß Platon in der leiblichen
Fortpflanzung eine Befriedigung des Ewigkeitsstrebens sieht, steht dazu
im Widerspruch. Auch die Götter müssen, wenn das ~auto kalon kagathon~
allein wahrhaft ist, demselben ihr Dasein danken; wohnt nun dem
Menschen, wie das Symposion lehrt, ein göttliches Prinzip inne, das sich
zur Geltung bringen will, so ist auch das auf die Idee des Schönen und
Guten zurückzuführen und eine Befriedigung dieses Ewigkeitsstrebens ohne
jede Bezugnahme auf das ~ontôs on~ ausgeschlossen. Diesen logischen
Irrtum des Symposion korrigiert nun der Phaidros. Er sagt es deutlich
heraus, daß die Ideen auch die Urheber der Göttlichkeit sind: ~pros
hoisper (tois eidesi) theos ôn theios estin~, lesen wir p. 249 c. Darum
strebt der Mensch nicht nur, wenn ihm die Erinnerung an jene wahre Welt
kommt, dahin zurück, nein, auch dort angelangt, gilt sein Streben wie
das aller übrigen, die Götter mit eingeschlossen, der Erkenntnis der
Ideen. Sie eben sind der Quell alles Seins. Jetzt erst ist der Eros
gleich Erkenntnistrieb, was er im Symposion _nicht_ war. Ebendadurch ist
auch Platons geänderte Stellung zur sinnlichen Liebe bedingt: bei der
strengen Durchführung des Dualismus konnte er im ~paidosporein~ keine
Erfüllung des Ewigkeitsdranges mehr, nur ein Abirren vom wahren Ziel
erblicken. Erst im Phaidros ist die Liebe 'platonisch'.
Ich glaube nicht, daß die Gründe, welche für die Priorität des Symposion
sprechen, hiermit erschöpft sind; doch sei eine eingehendere Behandlung
dieses Punktes, insonderheit der Nachweis, daß nicht nur der 'Phaidon'
und der 'Phaidros', sondern auch der 'Menon' dem Symposion nachgefolgt
ist, einer späteren Gelegenheit aufgespart.
K. u. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.
[ Liste aller vorgenommenen Änderungen. Die jeweils erste Zeile gibt
den unkorrigierten Text wieder, die zweite Zeile die Korrektur.
Schüler Agathon endlich betont zu Sokrates lebhafter Befriedigung, erst
Schüler Agathon endlich betont zu Sokrates' lebhafter Befriedigung, erst
bloßes ~doxazein~ kann es nicht ~sophiia~ sein, als ~_ortha_ doxazein~
bloßes ~doxazein~ kann es nicht ~sophia~ sein, als ~_ortha_ doxazein~
~..... egô d'hymin theos ambrotos, ouketi thnêtos
~..... egô d' hymin theos ambrotos, ouketi thnêtos
bringen. Jeder Tugend mußte die Erkenntuis des Guten zugrunde liegen;
bringen. Jeder Tugend mußte die Erkenntnis des Guten zugrunde liegen;
führt auch die bekannte Anspielung des Aristophanes auf den ~doikismos~
führt auch die bekannte Anspielung des Aristophanes auf den ~dioikismos~
Altert. III (1900) p. 17 ff.).
Altert. III (1900) p. 17 ff.
]